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Lokale Erschütterung

Unglaublich. Diese Schmerzen. Einfach unglaublich. Schlimmer als die Sportverletzung damals. Mit Karacho runter vom Schwebebalken. Auf dem Rücken gelandet nach einem kunstvollen Abgang. Die ganze Luft aus dem Körper entwichen. Keine Möglichkeit, Atem zu holen. Nicht die geringste. Blick an die Turnhallendecke. Die Farben verblassen. Ohnmacht.

Jetzt war es schlimmer. Viel schlimmer. Was jetzt passierte, konnte nichts mit ihr zu tun haben. Derartige Schmerzen. Das wäre ihr nie in den Sinn gekommen. So etwas soll auszuhalten sein? Sie hätte es wissen können. Aber das wäre jetzt auch nicht hilfreich. Hilfreich ist nur, die Schmerzen loszuwerden. Sofort.

Irgendjemand murmelt, die schafft das nicht, wir müssen etwas tun. Nimmt ihre Hand. Singt und summt ein Lied:

Ich wollt ein Bäumlein steigen, das nicht zu steigen war, da brachen alle Äste ab, da brachen alle Äste ab, und ich fiel in das Gras. Ach wenn das doch mein Schätzchen wüsst, dass ich gefallen wär, es tät so manchen weiten Schritt, bis dass es bei mir wär.

Irgendjemand legt ihr eine Maske auf Mund und Nase. Und macht, dass es aufhört. Vierundzwanzig Stunden später unterschreibt sie. Fünf Tage darauf wird sie entlassen. Vier Wochen vergehen, und sie fängt wieder mit dem Training an. Drei Monate später ihr sechzehnter Geburtstag.

Da kann sie sich noch immer nicht erinnern. So bleibt ihr für einige Zeit eine Menge erspart.

1. Kapitel

Hanns ist voller Tatendrang. Er hat den Ehrgeiz, sie jetzt sofort rumzukriegen. Vroni, bettelt er. Du hast noch eine halbe Stunde.

Ihr ist aber nicht danach. Nicht jetzt, kurz bevor sie fortmuss. Der bevorstehende Termin macht sie sowieso schon ganz nervös.

Nenn mich nicht Vroni. Ich heiße Veronika.

Sie schubst Hanns von sich runter und setzt sich kerzengerade auf die Bettkante. Nimmt den Büstenhalter vom Stuhl und freut sich, dass es einer ist, den man vorne schließen kann. Ihre Hände sind hin und wieder etwas steif. Manchmal fummelt sie ewig auf ihrem Rücken rum, um die kleinen Haken in die winzigen Ösen zu bekommen. Und das alles für Körbchengröße B. Da könnte sie auch ohne rumlaufen. Immer noch, trotz der vierundvierzig Jahre. Ich sollte Sport machen, denkt sie den häufigsten aller Gedanken. Irgendetwas, Gymnastik, Volleyball, Nordic Walking, Yoga. Weiß der Himmel. All das wäre besser als nichts.

Hanns sieht ihr beim Anziehen zu und versucht, sein Begehren in den Griff zu bekommen. Er weiß, dass mit Vroni, Veronika, nicht zu spaßen ist. Wenn sie nicht will, weil sie nervös ist, hilft gar nichts. Früher hat er dann hin und wieder noch zu ihr gesagt, wie schön doch der Schwanz sei, den er sich gerade gebaut habe. Dann hat sie manchmal gelacht und ihn gewähren lassen. Aber das ist schon lange her. Vroni. Veronika braucht Vorlauf und Nachbereitung beim Sex. Hanns seufzt und seufzt seinen Schwanz immer kleiner. Wenn sie fort ist, kann er ja. Aber dazu fehlt ihm dann wahrscheinlich auch die Lust.

Er steht auf und geht in die Küche. Kocht sich einen Kaffee und einen Tee für Veronika. Die kommt angezogen und geschminkt hinterher. Hanns, sagt sie und streichelt ihm über den Rücken. Tut mir leid. Wirklich.

Das weiß er. Sie steht unter Druck und er auch. Seit ihm die Ernährerrolle abhandengekommen ist, haben die Dinge sich verändert. Müßig, darüber zu spekulieren, ob das nun der Anfang vom Ende ihrer Ehe sein könnte. Sie werden es rechtzeitig merken. Glaubt er. So viel Sensibilität hat er schon, trotz des Kummers. Außerdem wendet sich ja vielleicht auch alles wieder zum Besseren.

Veronika nippt am Tee und denkt an ihren Termin. Wenn sie diesen Job bekommt, sind die nächsten drei Monate gerettet. Wenn nicht, wird man rechnen müssen. Und die Renovierung des Wohnzimmers verschieben. Hanns bekommt in der nächsten Woche seine Chance. Über die haben sie lange geredet. Schließlich müssten sie getrennt leben, wenn es klappt. Später, denkt sie, verschieben wir jetzt mal alles auf später. Ich muss los.

Hanns tut etwas, was er schon lange nicht mehr getan hat. Er greift ihr in die Bluse und tastet mit den Fingern. Sie schaut aus dem Fenster, über seine Schulter hinweg, und sieht, dass die Bauarbeiten unten kurz vor dem Abschluss stehen. Bald wird die Straßenbahn wieder fahren. Vielleicht schon morgen.

Hanns zieht seine Hand wieder aus der Bluse und steckt sie in die Hosentasche. Was er da wohl damit macht, denkt Veronika, und nun tut er ihr noch mehr leid. Sie wird Wein kaufen und ein paar Tapas für den Abend. Vielleicht lässt sich alles wieder einrenken.

Sie zieht die Jacke an und nimmt den Autoschlüssel. Hanns bekommt einen flüchtigen Kuss auf die Wange und eine gemurmelte Entschuldigung. Im Fahrstuhl geht Veronika noch einmal ihren Text durch. Sie hat das Konzept im Kopf. War auch nicht schwer, sich das auszudenken. Die Probleme in dem Laden liegen auf der Hand. Wenn die sie einkaufen, haben sie das in drei Monaten in den Griff gekriegt. Und sie kann ihr Wohnzimmer renovieren. Endlich.

Vor zwei Monaten waren wie aus dem Nichts, aber in Wahrheit aus einer verrotteten Puddingpulvertüte, Lebensmittelmotten aufgetaucht. Und danach widerliche kleine Würmer. Larven wahrscheinlich. Immer wenn sie so ein ekliges Stück Fleisch an der Wand kleben sah, hat sie draufgehauen. Die Tapete ist voller Fettflecke. Und staubiger Mottenreste. Renovieren wäre wirklich nötig. Ein bisschen Farbe sowieso. Sie hat dieses Klinikweiß satt bis obenhin.

Im Briefkasten liegen vier Werbeprospekte, eine kostenlose Wochenzeitung und ein Brief, der an sie gerichtet ist. Kein Absender. Sie schmeißt den Werbekram weg, steckt den Brief in die Umhängetasche und öffnet dem dicklichen Paketboten die Tür. Der schenkt ihr einen Dackelblick, und sie sagt: Mein Mann ist da, bei dem können Sie die Sendungen für die Nachbarn abgeben. Seit sie zu Hause arbeitet, landen alle Pakete bei ihr. Inzwischen weiß sie so manches über die Nachbarn und das behagt ihr nicht.

Hanns steht im Bad und denkt an Sex. Wuchtigen, feuchten, schmerzhaften Sex. Irgendeine Explosion müsste es geben. Hauptsache, der Körper hat etwas zu tun und im Kopf gehen endlich mal wieder die Lichter aus. Hanns hat eine Menge unausgesprochener Schweinereien auf Lager. Für Vroni, die nur noch Veronika genannt werden will, und für jede andere Frau, die ihm über den Weg läuft und gefällt. Das werden immer mehr. Je sparsamer Vroni mit ihm umgeht, desto mehr Frauen gefallen ihm. Wahrscheinlich ist er da schon am unteren Ende der Fahnenstange angelangt.

Er klappt den Toilettendeckel hoch und setzt sich auf die Schüssel. Es tut weh. Harter Schwanz und harter Stuhlgang, denkt Hanns. Ich sollte zu einer Hure und zum Proktologen gehen. In dieser Reihenfolge. In seinem Kopf entsteht eine blaue fette Wut. Für ihn ist Wut seit jeher blau. Dunkelblau. Er hat zu jedem Gefühl eine Farbe. Noch bevor das Gefühl von ihm Besitz ergreift, macht sich die Farbe in seinem Kopf breit. Er hat schon ein paar Mal versucht, das jemandem zu erklären. Ist aber immer gescheitert. Veronika meint, er sei vielleicht ein Synästhetiker. Sie hat ihm ein Buch geschenkt, aber darin kam er nicht vor. Jedenfalls nicht seine Variante von Wahrnehmung. Blaue Wut, silberne Verzweiflung, dunkelgrüner Hass.

Es klingelt. Hanns zieht die Hose hoch, spült und geht zur Tür. Der dickliche Postbote hat vier Pakete. Und einen Dackelblick. Hanns unterschreibt und stapelt die Pakete im Flur. Fragt sich zum hundertsten Mal, was der Mann aus der achten mit den vielen Rosen macht. Hat keinen Garten, nur einen Balkon und lässt sich andauernd Rosen schicken. Die Frau aus der zweiten Etage vertreibt Putzmittel, Heilsteine und esoterische Bücher. Sektentussi, murmelt Hanns und riecht an dem Karton. Die Putzmittel sind irgendwie ein hartes Zeug. Vor Jahren wollte ihn ein Freund überreden, bei dieser Firma mitzumachen. Der kam von irgendeiner Motivationsveranstaltung in den Schweizer Bergen zurück. Und war hin und weg. Die sind wie eine große Familie, Hanns, hatte der Freund gesagt, und er hatte versucht, sich vorzustellen, wie sein bärenstarker Kumpel Fliesenreiniger und Kalkentferner vertreibt. An einsame betuchte Hausfrauen.

Hanns zieht sich an, greift zum Parfüm seiner Frau, sprüht ein wenig auf seine unbehaarte Brust und überlegt, wie er diesen Tag in der Stadt herumbringt. Noch eine Woche bis zum Bewerbungsgespräch. Eigentlich müsste es klappen. Wer will schon Lokalreporter in der tiefsten Walachei werden? Niemand außer ihm. Hanns Grabowski wird, wenn alles so kommt, wie er es wünscht und befürchtet, künftig über Kirchenkonzerte, Schützenfeste, Unfälle auf Landstraßen, kommunale Abfallwirtschaft, Seidenmalereizirkel, Kegelbahneinweihungen und Richtfeste schreiben. Vielleicht wird er eine seidenmalende, unverheiratete, fahrradfahrende Stadtverordnete kennenlernen und mit ihr ein Verhältnis anfangen. Vielleicht erschlagen ihn ein paar Skinheads nach einem Bierabend in irgendeiner Eckkneipe. Vielleicht fängt er an zu saufen und zu rauchen.

Mit dem Rauchen schon heute, beschließt er und arbeitet sich in seinen Mantel. Er steigt vorsichtig siebenundvierzig Stufen hinab und geht hinaus. Komm, tobendes Leben, komm, murmelt er. Nimm mich und mach mich groß.

Mit den Bauarbeiten sind sie fast fertig, morgen wird die Straßenbahn wieder fahren. Hanns setzt einen Fuß vor den anderen und plant sich ein Leben zurecht. Eine kleine Wohnung in einer kleinen Stadt. Zehn Möbelstücke wird er sich kaufen. Mehr nicht. Küchenschrank, Kleiderschrank, Tisch, zwei Stühle, Bett, Sessel, Bücherregal, Schreibtisch, Flurschrank. So vielleicht. Oder anstatt des Flurschranks einen kleinen Tisch, der neben dem Sessel stehen kann. Haken an der Flurwand und eine Gummimatte für die schmutzigen Schuhe. Was macht er mit dem Bad? Einen Spiegel wird er kaufen müssen. Ein Spiegel ist kein Möbelstück, der geht durch als Utensil, Beiwerk, Läpperchen. Hanns lächelt. Zum ersten Mal seit vier Tagen. Vroni wird heute Glück haben, da ist er sich ganz sicher. Sie wird Glück haben, nach Hause kommen, ein paar Delikatessen in der Tasche und eine Flasche Sekt, sie wird sich seiner annehmen. Seiner und seiner Lust. So läuft es zwischen ihnen. Wenn etwas klappt, so wie sie es sich vorstellt, wenn es läuft, wie sie es haben will, hat einer wie er es gut mit ihr. Auch im Bett.

An der großen Kreuzung bleibt Hanns unschlüssig stehen. Straßenbahn oder einfach ziellos laufen? Beides hat beruhigende Wirkung. Eine lange Tour bis in irgendein Depot oder zur Endhaltestelle, die hier in dieser Stadt immer mit leisem Singsang angekündigt wird, damit auch kein Fahrgast das Aussteigen vergisst. Kann er machen. Ein Bier bekommt er überall.

An der Haltestelle gegenüber versucht ein Mann beim Laufen in den Boden zu kriechen. Ein junger Mann in sauberen Klamotten, tief gebeugt. Ein Artist, ein Schauspieler, ein Bettler, ein Rumäne. Hanns hat den Kerl schon oft beobachtet. Ihn und seine Kollegen. Alle sind sie jung, alle verkrüppelt. Zumindest beim Betteln. Vor zwei Tagen hat er den gleichen jungen Mann da, der wie ein Winkeleisen an der Haltestelle steht, zum Supermarkt laufen sehen. Immer noch ein Krüppel, aber deutlich weniger behindert als hier bei der Arbeit. Aufrechten Ganges ist er in den Kaiser’s gelaufen, das rechte Bein leicht nachziehend, die Hände in den Hosentaschen, fröhlich fast. So sah es aus von weitem. Von oben betrachtet, aus dem sechsten Stock. Ein Mann wie jeder andere, nicht gut oder schlecht gekleidet, frisiert halbwegs und ein wenig forsch.

Forsch ist er hier an der Kreuzung auch, aber auf andere Art.

Zeigt die Ampel Rot, humpelt der Mann zu den wartenden Autos, streckt eine Hand aus, klopft ans Fenster der Fahrerseite, hebt den Kopf ein wenig und verlangt mit unmissverständlicher Geste nach etwas Kleingeld. Lächelt. Nun, wenn man das lächeln nennen kann. Hanns findet die Grimasse des Bettlers zum Fürchten. Lieber sähe er ihn fröhlich zum Supermarkt laufen.

Willkommen, Europa, murmelt Hanns. Was haben wir uns da eingebrockt. Krüppel, die keine sind, und korrupte Reiseleiter. Verblödete Zwillinge, die Politik machen, Geheimdienstler, die sich zu Politikern umoperieren lassen, bald noch serbische Massenmörder und türkische Fundamentalisten.

Hin und wieder macht es ihm Spaß, solche Sachen vor sich hin zu murmeln. Gemeinheiten, Widerlichkeiten, Bosheiten, Wahrheiten, Schlagzeilen. Es bereitet ihm eine Freude, Kanake zu flüstern, wenn er einen dieser Burschen mit den dicken Goldketten und den gegelten Haaren an sich vorbeilaufen sieht. Er sendet Kopftuchfrauen verfluchende Gedanken hinterher, macht sich lustig über russische Prahlhänse. Und wenn er sich Luft gemacht hat, ausreichend, kann er allen wieder gut sein und glauben, dass er glaubt, sie seien ihm willkommen und er verstünde auch nur das Geringste von ihrem Leben.

Wieso der also hier steht, der Bettler? Noch nie hat Hanns gesehen, dass dem etwas gegeben wird. Die Autofenster bleiben geschlossen, oder schlimmer noch, humpelt die Gestalt langsam auf die Autos zu, werden sämtliche Fensterheber betätigt.

Irgendwann überfährt ihn jemand. Denkt Hanns. Ist er sich sicher. Irgendwann gehen mit irgendeinem die Pferde durch, und der fährt den Krüppel dann um. Dann haben wir es mit einem rassistischen Benzfahrer zu tun oder einem autoritären Audibesitzer. Dann ist hier die Kacke am Dampfen. Hanns formuliert passende Schlagzeilen der Empörung. Darin war er früher gut. Er war der Beste von allen in der Redaktion. Wenn es richtig zur Sache ging, wenn die Leser an den Haken geholt werden sollten, haben sie ihn gefragt. Ob er die Headlines machen kann. Die fetten Vierwortheadlines, bei denen einem das Blut in den Ohren rauscht.

Aber inzwischen sind andere besser als er. So fett, wie die Überschriften heute klingen, kann er nicht. Schmeckt’s, du Bestie?, darauf würde er nicht kommen. Nicht mal in seinen schlimmsten Alpträumen. Schmeckt’s, du Bestie?, wenn wir dich in die Finger kriegen, reißen wir dir die Gedärme aus dem Leib und spucken dir in die Visage und machen aus dir Kleinholz. Schmeckt’s, du Bestie? Das brächte er nicht. Nicht mal für einen Kinder-Ficker. Drei Worte und ein Satzzeichen, und schon ist die ganze Welt wieder in den Fugen, und ein noch nicht verurteilter Vergewaltiger hat bekommen, was er verdient. Dafür müsste er heute einen halben Tag am Bleistift kauen. Aber endlich, der Kreisverkehr rollt!, das wird er wohl bringen. Und vielleicht wird es der ehrlichste Journalismus sein, den er jemals betrieben hat. Bis jetzt war alles Propaganda und Lüge. Wenn das mal nicht eine Tautologie ist, murmelt Hanns und sieht, wie der Krüppel tatsächlich ein wenig Glück hat mit dem, was er tut. Ein Opelkadettfahrer öffnet das Seitenfenster und steckt dem Kerl ein Geldstück zu.

Aber als ich noch gelogen habe war ich glücklich, denkt Hanns. Und wahrlich, es hatte ihm nicht viel ausgemacht. Zuerst war es eine Sache des Glaubens an die gute Sache gewesen und dann ein Gefühl der Macht über andere Menschen.

Hanns steigt in die Tram und löst eine Tageskarte. Welche Linie ist das überhaupt? Er hat vergessen nachzusehen. Sie fährt durch eine Allee, in der schon lange keine Bäume mehr stehen. Dafür ist sie lang und endet vermutlich erst in Polen. Er ist letztens mit Vroni diese Allee bis zum Ende gefahren, und vom Ende aus war es nicht mehr weit bis in den Oderbruch, und da ist man ja schon fast drüben.

Sie haben das Auto kurz vor den Deichen stehenlassen und sind ans Flussufer spaziert. Auf der anderen Seite saß ein Angler und hat gewinkt. Mit seiner Angel, an der nichts hing, außer vielleicht ein Haken. Das konnte man nicht sehen. Zu der Zeit war Polen noch verloren und gehörte nicht zu Europa. Nicht wirklich jedenfalls. Aber angekündigt waren sie. Die Polen.

Es war ein schöner Moment da an der Flussgrenze. Vroni hat seine Hand genommen und sich an ihn gelehnt. Wir kaufen uns ein Haus im Oderbruch, hat sie gesagt. Eine alte zerfallene Hütte. Die lassen wir gegen Hochwasser versichern, und dann stauen wir die Oder. Gleich hinter der nächsten Biegung. Die Oder verschlingt unser Haus, wir bekommen Geld und müssen nie wieder arbeiten.

Nie wieder arbeiten müssen, das war so ein Satz. Den sie häufig sagt. Wenn ich nicht mehr arbeiten muss, Hanns, beginnt die arschlochlose Zeit. So drastisch redet sie sonst nicht. Arschloch ist für Veronika schon heftig. Sie denkt es normalerweise nicht mal. Das weiß er. Sie ist verklemmt. Ein bisschen jedenfalls. Undrastisch. Voller Angst, dass Dinge und Angelegenheiten, die ausgesprochen sind, wahr werden.

Hinter den ersten großen Wohnblocks wechselt in der Straßenbahn das Publikum. Man kann die Angst geradezu riechen. Und die Resignation. Glatzköpfige junge Männer. Einer setzt sich neben Hanns und duftet nach Hugo Boss. Das ist verwirrend. Diese Klamotten, die Tätowierung auf einem Unterarm, der wie aufgepumpt wirkt, die winzigen blauen Buchstaben auf den Fingerknöcheln und dieser Duft. Das hat Boss bestimmt nicht gewollt, denkt Hanns.

Obwohl Boss und Hass nun wirklich zwei zueinanderpassende Wörter sind. Wie zwei alte Latschen. Hassss, denkt Hanns und schaut sich den Glatzkopf noch einmal genauer an. Der wendet seinen haarlosen Schädel, und schon ist Augenkontakt hergestellt. Ist was, flüstert der Glatzkopf und lächelt. Das passt jetzt auch nicht. Boss und Hass und istwas und lächeln. Hanns versucht, harmlos auszusehen, überrascht. Mit mir nicht, sagt er und müht sich, den Blick zu halten. Der Glatzkopf pikst mit dem Zeigefinger auf Hanns’ Oberschenkel. Dann ist ja gut, wenn nichts ist.

Wirklich, denkt Hanns, wenn Veronika mit mir gevögelt hätte, säße ich jetzt nicht hier, neben Hass und Boss. Der Glatzkopf steigt aus. Boss bleibt drin, noch zwei Stationen lang. Hanns überlegt, ob er sich das Wässerchen kauft. Bei so einer Basisnote käme das sicher gut auf seinem Körper. Ich rieche ja nach Weiberkram, denkt Hanns. Nach Veronikas Weiberkram, blumig und orange.

Die Straßenbahn endet tatsächlich im Nirgendwo. Zwischen gewaltigen Plattenbauten, mitten im Grünen. Nicht mal einen Supermarkt gibt es hier, nur einen kleinen asiatischen Imbiss, direkt an der Endhaltestelle. Hanns schlendert unschlüssig auf die Blechbude zu. In der hantiert ein kleiner Vietnamese. Den nennen sie hier bestimmt alle nur den Fidschi, denkt Hanns. Ich geh mal schnell zum Fidschi, was zum Futtern kaufen. Oder so. Hanns kauft ein Bier und eine kleine Flasche Korn. Es ist halb elf am Vormittag. Der Vietnamese stellt Büchse und Flasche auf den winzigen Tresen, der ihn von der Plattenwelt trennt. Er hat kein blaues Auge und keine Narben im Gesicht. Die Glatzen arbeiten sich an dem hier offensichtlich nicht ab. Hanns gibt zwanzig Cent Trinkgeld und setzt sich mit dem Bier und dem Korn auf eine Bank, die mitten in der Pampa steht. Er sitzt mit dem Gesicht zur Straße, und hinter ihm türmt sich ein Elfgeschosser auf. Das Bier ist kalt, der Schnaps nicht. Beides schmeckt widerlich. Hanns geht noch einmal zurück zum Vietnamesen und kauft zwei Frühlingsröllchen. Er hätte jetzt gern gehört, ob der Fidschi Flühlingslöllchen sagt. Wie man das halt so denkt. Aber der sagt gar nichts. Schiebt einfach nur das Essen rüber und gibt Hanns zehn Cent zurück, obwohl er stimmtso gesagt hatte. Dann eben nicht, denkt Hanns und setzt sich wieder auf die Bank. Dann lass es doch stecken, blödes Schlitzauge, denkt er und freut sich, dass er das so denken kann. Ohne schlechtes Gewissen und einfach nur so. Prima, sagt Hanns und beißt vom Frühlingsröllchen ab. Plima. Plima Löllchen, schiebt er hinterher und lacht. Der Vietnamese verschwindet hinter der Luke, obwohl man in dieser Blechbüchse gar nicht verschwinden kann. So klein, wie die ist.

Hanns trinkt sein Bier aus und lässt den halben Korn in der Flasche. Er steht auf und geht auf den Elfgeschosser zu. Irgendeine Tür wird schon offen sein, dann schau ich mir die Welt mal von oben an.

Von oben ist die Welt dann wirklich so hässlich, wie er es sich vorgestellt hat. Die Imbissblechbude verschwindet fast zwischen den gewaltigen Blocks. Hinter den Straßenbahnschienen scheint die ganze Gegend gespiegelt zu sein. Eine Seite sieht aus wie die andere. Hanns kann die Symmetrie geradezu schmecken. Jetzt noch das, denkt er. Blaue Wut und Kümmelsymmetrie. Er steigt die elf Stockwerke zu Fuß hinunter. Die Flurwände sind weiß und unbemalt. Es scheint sich niemand hier verewigen zu wollen. Im dritten Stock gesellt sich ein Mann mit Hund zu Hanns.

Der Hund braucht Bewegung, murmelt der Mann. Als bedürfte es dieser Entschuldigung. Hanns lässt Mann und Hund vorbei und steigt hinter ihnen her. Die kurzen Beine des Köters verharren vor jeder Stufe, als müsse die Höhe erst geprüft werden. Es dauert. Drei Mal wendet sich der Mann um und bekundet Hanns, der möge an ihm und dem Hund vorbeigehen. Sie sind doch viel schneller, sagt er und schaut ein wenig ängstlich drein. Hanns tut, als verstünde er das nicht, und bleibt hinter den beiden. Bis sie ganz unten sind und sich erleichtert voneinander lösen. Der Hund macht im Hausflur eine Kehrtwende und bleibt vor der Treppe stehen. Du kommst mit raus, sagt der Mann mit festerer Stimme. Im Treppenhaus hatte er nur gepiepst.

Du brauchst Bewegung und musst dein Geschäft erledigen.

Hanns denkt an Veronika. An den Befehlston, den sie manchmal hat, wenn es nicht nach ihren Vorstellungen läuft. Er fragt sich, ob er dann auch brav wie ein alter Köter wirkt. Der einfach nur tut, was man ihm sagt.

Du kommst mit raus. Jetzt nicht, Hanns. Ich hab keine Lust.

Schöne Stakkatosätze sind das.

Beim Verlassen des Hochhauses übt er noch ein paar ein. Mach, dass du fortkommst. Lass mich in Ruhe. Der Rhythmus gefällt ihm. Lass, Schritt, mich, Schritt, in, Schritt, Ruhe, Schritt.

Auf dem Rückweg ist die Straßenbahn leer. Um diese Zeit will wahrscheinlich niemand sein Wohnsilo verlassen. Hanns macht sich breit auf dem Sitz und denkt an Veronika. Und dass er vergessen hat, sich Zigaretten zu kaufen.

2. Kapitel

Veronika schafft es, nur fünf Minuten vor dem Termin da zu sein. Meist ist sie eine halbe Stunde zu früh. Der Chef des Unternehmens ist schon im Besprechungsraum und fragt, ob sie Kaffee oder Tee trinke. Tee, sagt Veronika und löst eine kleine Befehlskette damit aus. Die Sekretärin hält ihr stumm drei verschiedene Teebeutel hin, und Veronika zeigt auf den grünen. Es dauert ein bisschen, bis alle ihr Wunschgetränk haben, drei Männer und sie, eine typische Runde also.

Veronika spricht zehn Minuten. Sie weiß inzwischen, dass alles, was länger als zehn Minuten dauert, kaum noch aufgenommen wird. Jedenfalls nicht in solchen Runden, wo alle schon an den nächsten Termin denken oder an irgendeine Rundmail, die sie vergessen haben wegzuschicken.

Ihr Vorschlag ist aber auch einfach. Portfolio entrümpeln, interne Kommunikation auf Vordermann bringen, neue Vertriebswege auftun, das ganze Corporate Design auf den Müll werfen und ein besseres zaubern. Für all diese Dinge hat sie Zahlen und Zeiten parat, nichts bleibt unklar. Zwei der drei Männer nicken hin und wieder beifällig, der dritte hört nicht zu. Auf den konzentriert sie sich dann nach fünf Minuten und schafft es immerhin, dass er einmal lächelt und einmal nickt.

Nachfragen gibt es nur zum Thema Vertrieb. Ob sie da schon Ideen hätte. Ja, sagt Veronika und schweigt. So lange, bis alle im Raum wissen, dass sie vorhat, mit diesen Ideen Geld zu verdienen, anstatt damit hausieren zu gehen. Ob sie entsprechende Kontakte hätte. Ja, sagt Veronika. Sie weiß, dass dieser Laden hier nur eine Überlebenschance hat, wenn der Vertrieb besser läuft. Alles andere ist hübsches Beiwerk, das geschäftige Klappern sozusagen. Es gibt nur ein Produkt, mit dem sich wirklich neue Kunden fischen ließen. Aber sie wird das hier alles für sich behalten. Auch das hat sie sehr mühevoll gelernt. Eine ausgesprochene Idee ist so gut wie auf den Müll geworfen. Erst über Geld reden und dann über Ideen.

Dann machen Sie uns doch mal einen KV sagt einer der drei Männer und steht auf. Niemand sagt mehr Kostenvoranschlag. Viel zu lang und zeitraubend das Wort. Machen Sie mal einen KV, können wir noch einmal über Ihren KV reden. Hanns spränge im Karree und stopfte den Männern hier die zwei Buchstaben in den Rachen.

Gut, sagt Veronika, Sie bekommen morgen mein Angebot.

Auf gute Zusammenarbeit, sagt ein anderer der drei Männer. Damit ist die Katze im Sack. Veronika lächelt und denkt an den Tapetenladen in der Schreinerstraße. Der mit den Retromustertapeten, die so viel Geld kosten, ihr aber gefallen. Alles wird jetzt schön, denkt sie. Hanns hat Glück.

Sie geht in ein Café, bestellt ein Glas Sekt und einen Milchkaffee. Am Nachbartisch sitzt ein Mann. Veronika sieht nur seine Hände. Die halten die Zeitung so hoch, dass er dahinter verschwindet. Die Hände sehen alt aus, und die Zeitung zittert ganz leicht. Veronika nimmt einen Spiegel aus ihrer Tasche und den Lippenstift. Der Spiegel macht sie klein und handlich, der Lippenstift groß und stark. Neben ihrem rechten Nasenflügel entdeckt sie einen Mitesser. Den muss ich später entfernen. Widerlich, denkt sie und steckt den Spiegel wieder in die Handtasche. Der alte Mann hat die Zeitung gefaltet und sieht ihr zu, wie sie mit einem Mitesser neben dem rechten Nasenflügel hadert. Er grinst und ist ungefähr zwanzig Jahre jünger, als sie geschätzt hat. Irgendwas muss mit seinen Händen passiert sein. Dass die so alt aussehen. Veronika lächelt unbestimmt zurück. So unbestimmt, dass es nicht als Einladung genommen werden kann. Sie erinnert sich an einen Urlaub mit einer Freundin, der drei Jahre zurückliegt. Sie waren in eines dieser grässlichen Allinclusivehotels geflogen. Nach Ägypten. Das Hotel verlassen konnte man nicht. Draußen waren Wüste und Meer. Aber es musste und wollte ja auch niemand raus. Allinclusivetouristen buchen ein oder zwei Wochen Luxusgefängnis. Nicht das Abenteuer. Vom Abenteuer wollen Allinclusivtouristen nichts wissen. Und von den fremden Menschen auch nichts. Man trug im Hotel ein Armband, das als Allinclusivenachweis galt. Im Hotel nebenan hatten die Armbänder eine andere Farbe. So konnte es nicht passieren, dass man bei der Konkurrenz umsonst aß oder trank. In dem Hotel arbeiteten nur Männer. Sie reinigten die Zimmer, standen an der Rezeption, verkauften im einzigen Laden der Anlage Tampons und Schmuck. Was die Frau halt so braucht. Einer brachte ihnen jeden Abend den Wein an den Tisch, wenn sie zum Abendessen ins Hotelrestaurant kamen. Ein kleiner hässlicher Ägypter mit traurigen Augen und Plattfüßen. Zumindest lief er so. Auf platten Sohlen. Veronika bildete sich ein, sie leise in den dünnen Lederschuhen schmatzen zu hören. Die platten Sohlen. Jeden Abend erzählte der kleine hässliche Ägypter ihnen, dass er auf der Suche nach einer Frau sei. Eine Deutsche wäre gut, erklärte er. Die meisten deutschen Frauen kämen nur hierher um. An dieser Stelle brach er die Rede stets ab und setzte ein bedeutungsvolles Gesicht auf. An den Nachbartischen saßen jene Frauen, die er meinte. Aufgehübscht, aufgedreht und mit einem gierigen Glanz in den Augen. Hoffentlich sehen wir nicht auch so aus, hatte Veronika gedacht. Hoffentlich glaubt der kleine hässliche Ägypter nicht, wir suchten hier einen Kerl. Aber genau das schien ihr Problem zu sein. Egal, wo sie hinkam, die ägyptischen Männer eröffneten die Jagd auf sie. Sie bliesen drei Mal ins Horn. Der Mann im Laden, wo sie Tampons kaufen wollte und es dann ließ, weil sie sich genierte, einem Kerl zu sagen, dass sie die größte Packung von allen brauchen würde. Dieser Mann ging ihr nach zehn Minuten an die Wäsche. Sie hatte nichts weiter gemacht, als zu grüßen und freundlich zu lächeln, wenn er ihr etwas zeigte. An der Rezeption zwinkerten ihr die Männer vertraulich zu, als hätte sie schon einmal unter ihnen gelegen. Der Putzmann, der täglich ihr Zimmer säuberte und die Nachthemden zu abenteuerlichen Figuren arrangierte, strich ihr im Vorbeigehen wie aus Versehen über den Hintern.

Am schlimmsten war der Ausflugstag gewesen, der zur Allinclusivewoche gehört. Ägypten an einem Tag, hatte Veronika es genannt. Morgens in den Bus. Mit sechs anderen Bussen und militärischem Begleitschutz zu den Gräbern der Könige. Alles so schön buntig hier, wie der hübsche Reiseführer erklärte, was die Touristen frenetisch bestätigten. Danach Alabasterwerkstatt, Papyrusladen, Schmuckwerkstatt, Keramikbude. Egal, wo sie haltmachten und ausstiegen, die Kerle klebten zuerst an Veronika. Ihre blonde, blauäugige, gutaussehende Freundin blieb unbehelligt. Um sie herum leerer Raum. Kein Kerl, der ihr an die Wäsche ging, ihr etwas Schmutziges ins Ohr flüsterte, einen Heiratsantrag machte. In der Alabasterwerkstatt stellte sich Veronika deshalb dicht neben ihre Freundin. Es half nicht. Einer der Verkäufer fasste ihr an den Hintern und zeigte mit der anderen Hand, was er ihr zu verkaufen gedachte. Veronika beobachtete, wie dann doch mal ein anderer Verkäufer Gleiches bei ihrer Freundin versuchte. Die griff mit der rechten Hand kurz dahin, wo man bei dem Kerl in dem weißen Wallegewand die Juwelen der Familie vermuten konnte. Veronika sah das ungläubige Staunen im Gesicht des Mannes, der sich sofort verdrückte.

Am Abend nach diesem Ausflugstag. Nie wieder in ihrem Leben würde Veronika so etwas über sich ergehen lassen. An dem Abend breitete der kleine hässliche Ägypter seine frisch erworbenen Deutschkenntnisse vor ihnen aus. Ich schließe meine Aug und meine Füße, rezitierte er. Wer diese schönen Zeilen geschrieben habe, fragten sie. Goethe, sagte der kleine hässliche Ägypter und entfernte sich würdevoll. Es mag ihm seltsam vorgekommen sein, dass die beiden deutschen Frauen das berühmte Gedicht von diesem berühmten Dichter nicht kannten. An diesem Abend fragte sie ihre Freundin. Woran es wohl läge, dass jeder Kerl hier sofort vermute, wenn er ihrer angesichtig werde, sie sei zu haben und willig obendrein. Es liegt an deinem Lächeln, hatte die Freundin gesagt. Dein Lächeln lädt alle Kerle ein, es bei dir zu versuchen. Du bist ein einziges großes Versprechen.

Du lächelst auch, hatte Veronika gesagt.

Ich lächle anders. Unverbindlich. Wenn ich mich abschotten will. Ich gucke durch die Leute durch. Das merken die Kerle. Du lächelst so, dass jeder sofort denkt, er ist gemeint. Du guckst nicht durch, du guckst an. Das ist hier fatal. Schau sie dir an, hatte die Freundin gesagt und war ein wenig lauter geworden. Die Weiber rechts und links an den Tischen. Die sind hergekommen auf der Suche nach einem guten Fick. Die denken, die Eingeborenen hier sind besser im Bett, haben den Größeren, halten länger durch. Die glauben, denen ist es egal, wenn eine alte Schachtel mit schlaffer weißer Haut unter ihnen liegt und stöhnt. Die wollen das so, die sind scharf drauf, die Ägypter. Denken die Frauen. Warum sollten die Typen bei dir was anderes vermuten, wenn du sie anlächelst, als meintest du wirklich sie persönlich?

Danach hatte Veronika das unverbindliche Lächeln trainiert. Und sie hat es gelernt. Der Mann mit der Zeitung und den alten Händen schaut sie nicht mehr an.

Sie nimmt den Brief aus der Tasche und öffnet ihn mit dem Kaffeelöffel. Ein Blatt Papier steckt in dem Umschlag. Eng beschrieben.

Ich hoffe, Veronika, du hast den Job bekommen, steht da. Das Geld kannst du ja gut gebrauchen. Und mir hülfe es auch. Aber mir wirst du dein Geld nicht geben. Obwohl ich es verdient hätte. Glaub mir, Veronika, ich könnte es sogar sehr gut gebrauchen. Wenn du heute Abend nach Hause kommst, wird Hanns auf dich warten. Sehnsüchtig. Ich warte auch manchmal. Sehnsüchtig. Auf dich. Veronika. Oder auf das, was ich von dir haben will. Jetzt wirst du dich fragen, was ich von dir haben möchte. Oder wahrscheinlich fragst du dich, wer ich überhaupt bin, dass ich etwas von dir haben möchte. Veronika. Es tut ganz und gar nichts zur Sache, wer ich bin. Wichtig ist nur, wer ich hätte sein können. Das wirst du mir eines Tages erklären müssen. Wer ich hätte sein können. Angst musst du nicht haben. Ich ängstige mich genug für uns beide. Mach’s gut, Veronika.

Ich.

Auf dem Briefumschlag ist keine Briefmarke. Also waren diese Zeilen nicht mit der Post gekommen. Veronika wendet das Blatt, schaut in den Umschlag, bemüht sich, irgendetwas zu ahnen, zu erkennen. Wer zeigt sich ihr da? Ich. Veronika winkt die Kellnerin heran und bestellt noch ein Glas Sekt. Der junge alte Mann am Nachbartisch zahlt und geht. Sie bleibt sitzen. Eine Dreiviertelstunde lang. Sitzt und summt leise vor sich hin. Ich denke dein, wenn durch den Hain der Nachtigallen Akkorde schallen! Wann denkst du mein? Ich denke dein im Dämmerschein der Abendhelle am Schattenquelle! Wo denkst du mein? Ich denke dein mit süßer Pein, mit bangem Sehnen und heißen Tränen.

Ihr Summen wird lauter und leiser, die Worte kommen über die Lippen und verrecken, noch bevor sie sich zur Melodie sortiert haben. So sitzt Veronika und spürt die Blicke nicht, die ihr die Kellnerin hin und wieder zuwirft, wenn sie vorbeikommt. Es hat schon immer geholfen, sich der alten Reime zu besinnen, der todtraurigen Worte, die schon Tausende vor ihr gesummt und gesungen haben. Veronika wird ruhig. Wo denkst du mein?, flüstert sie und fühlt eine kleine Übelkeit aufsteigen. Unmöglich, dass sich jemand ihrer alten Geschichte erinnert. Die kennt nur sie allein. Und wer sie noch kennt, hat sich an ihr Vergessen geklammert. Wer ich hätte sein können, sagt Veronika und dreht sich einmal um und um. Niemand, sagt sie. Dann geht sie Tapas besorgen und eine Flasche Rotwein.

Hanns hat sich Zigaretten gekauft. In der Küche steht der Rauch. Oder hängt. Das trifft es wohl eher. Hängt unter der Decke und kündet von neuen Zeiten. Denkt Hanns. Er zieht die fünfte Zigarette aus der Schachtel und zündet sie an. Ihm ist schon seit der dritten schlecht. Als Lokalredakteur muss man rauchen. Hanns ist sich sicher, dass es stimmt. Lokalredakteure rauchen ununterbrochen und haben immer etwas zu lange, leicht schmutzige Fingernägel. So stellt er sich seine Zukunft vor. In einer Kreisstadt mit schnurgeraden Straßen und einem Marktplatz, auf dem zwei Mal in der Woche das Leben tobt. Wenn er dann über den Markt geht, werden ihn alle kennen und grüßen. Und er bekommt Rabatt am Gemüsestand und beim fahrenden Bäcker. Er wird vor dem Imbissstand an einem Bistrotisch stehen, sich von irgendwelchen Lokalgrößen zulabern lassen und dabei ununterbrochen rauchen. Er wird immer ein kleines Notizheft mit sich herumtragen und seinen Senf zu allem dazugeben. Wird sich mit diesem und mit jenem gemein machen und allen recht geben, wenn sie ihn zutexten. So in etwa, denkt Hanns, wird es sein.

Veronika steigt im Flur zuerst aus den Schuhen. Die hat sie sich nur für Akquisegespräche gekauft. Und für Präsentationen. Dunkelrote hochhackige Schuhe, die vorn spitz zulaufen und so viel größer wirken, als sie sind. Veronika trägt Größe achtunddreißig, aber in den dunkelroten hochhackigen Dingern sehen ihre Füße nach vierzig oder einundvierzig aus. Das macht irgendwie Eindruck. Auf sie und auf die anderen. Veronika verdoppelt ihre Schrittlänge fast, wenn sie die Hochhackigen trägt. Sie läuft dann ein bisschen wie Julia Roberts in Pretty Woman. Ihr Hintern bewegt sich anders, ihre Schultern mühen sich nicht mehr, nach vorn zu fallen und einen Kokon um die kleinen Brüste zu bauen. Wahrscheinlich ist es bei allen anderen Frauen umgekehrt, denkt Veronika. Die fangen auf flachen Sohlen an, sich zu strecken und große Schritte zu machen. Muss einen Grund haben, dass ich dafür hochhackige rote brauche.

Der Zigarettenrauch in der Wohnung riecht ungewohnt. Wen hat Hanns da angeschleppt, denkt Veronika und stellt die Tüte mit Tapas und Wein erst mal in die Kammer. Auf Besuch ist sie nicht eingestellt. Sie will mit Hanns Tapas essen, Wein trinken und dann vögeln. So vielleicht. In der Reihenfolge. Nicht, dass sie jetzt mehr Lust hat als am Vormittag. Aber es gibt nun keinen Grund mehr, es nicht zu tun. Sie hat den Job fast in der Tasche, und Hanns wird seinen auch bekommen. Da ist Vögeln das mindeste, was sie tun kann zur Belohnung.

Hanns sitzt allein in der Küche und raucht. Auf einem kleinen Teller liegen sechs oder sieben Kippen, und unter der Küchendecke hängt der Rauch. Hallo, sagt Hanns und drückt die angerauchte Zigarette auf dem Teller aus. Du siehst aus, als hättest du den Job bekommen.

Hab ich. Fast. Wir können feiern.

Veronika hebt den Rock hoch, steckt beide Daumen in den Bund der Strumpfhose, zieht sie runter und streift sie sich über die Beine. Sie macht das Gleiche mit dem Slip, der zwei dunkelrote Striemen in den Leisten hinterlässt. Sie knöpft die Bluse auf, zieht sie aus und legt sie vorsichtig auf den Geschirrspüler. Danach den Rock und zum Schluss den BH. Hanns sieht ihr zu und rührt sich nicht. Was ist los, fragt Veronika und lehnt sich mit dem Hintern leicht gegen den Geschirrspüler. Sie blickt an sich herunter und sieht ein dunkles Haar neben der rechten Brustwarze. Warum habe ich das gestern nicht ausgerissen, denkt sie und zupft mit Daumen und Zeigefinger an dem Haar.

Hanns steht auf und dreht Veronika um. Er schiebt ihre Beine auseinander und stellt sich auf Zehenspitzen. Das ist die Höhe, denkt er. Die richtige Höhe. Seit wann hat Vroni einen höheren Schritt als ich?

Vor Jahren, als noch manches seine Leichtigkeit hatte, haben sie hin und wieder ihre Schritthöhe verglichen. Ich wachse noch, hatte Veronika immer gesagt und gelacht. Ich werde noch Modelbeine bekommen, und dann können wir nicht mehr im Stehen vögeln, weil dein Schwanz zwischen meinen Knien steht. Kein Stück höher als zwischen meinen Knien, hatte sie dann immer wiederholt und gelacht.

Jetzt war es wohl so weit. Hanns steckt seinen Schwanz zwischen Veronikas Beine, und stünde er jetzt nicht auf Zehenspitzen, käme er nicht ran. Sie ist gewachsen, denkt Hanns und spürt, wie sein Schwanz schrumpft. Gerade, dass er sich noch hält zwischen Vronis Beinen. Wie konnte sie das tun, denkt er und fängt an, sich zu bewegen. Veronika rührt sich nicht. Nur ihr flacher Bauch klatscht im Rhythmus leicht gegen die Spülmaschine. Mit den Händen hält sie sich am Gewürzregal über ihrem Kopf fest. Die Gläser mit den Pülverchen klingeln leise bei jeder Bewegung. Hanns macht, dass er schnell kommt. Kein Problem, schließlich hat ihn Vroni lange genug hängenlassen. Und nun ist es ihm egal, ob ihr das viel Freude bereitet, was er da tut. Ihm genügen ihre Arschbacken, ihre Hände am Regal und ihr Nacken mit dem tiefen Haaransatz. Zum Schluss entfährt ihm doch ein Laut, ein leises resigniertes Stöhnen, als hätte er es lieber gelassen, sich zu vergnügen. Hanns sieht seine rechte Hand auf Veronikas Schulter liegen. Es ist schon die Hand eines Lokalredakteurs mit etwas zu langen Fingernägeln, unter denen sich ein bisschen Schmutz gesammelt hat. Wir werden ein schreckliches Leben führen, denkt er. Ein einsames, schreckliches Leben.

Veronika dreht sich um, wird kleiner. Sie stellt sich wieder auf flache Sohlen. Hanns sieht, dass es ein Trick war. Sie ist nicht gewachsen, die Vroni. Sie hatte sich auf Zehenspitzen gestellt.

Hanns hebt die Hand, und Veronika zuckt ein wenig zurück. Dann trennen sie sich, und alles ist, wie es sein sollte.

Ich habe Tapas mitgebracht und Wein, sagt Veronika. Sie geht ins Bad und holt die Pinzette aus dem Schrank. Sie zupft das dunkle Haar aus und schaut nach, ob es noch andere Haare an Stellen gibt, wo sie nicht sein sollten.

Hanns macht das Küchenfenster auf und knöpft die Hose zu. Ein letzter Tropfen färbt den Stoff über dem untersten Knopf dunkel. Was wäre, denkt er, wenn ich mir Hass auf den Schwanz tätowieren lasse? Vielleicht gefiele ihr das ja. Er hört die Dusche und das quietschende Geräusch nasser Füße in der Duschwanne. Sie würde es nicht mal merken. Wann hat Vroni, Veronika das letzte Mal auf seinen Schwanz geschaut? Muss Jahre her sein. Oder Monate. Hanns wischt mit der flachen Hand über den feuchten Fleck. Und bekommt eine Erektion. Verdammt, denkt er und reibt hektisch mit den Fingern, bis es weh tut.

Im Bad ist es still geworden.

Wo steht der Wein, ruft er. Und bekommt keine Antwort.

Am nächsten Morgen kommt endlich der Brief. Die Redaktion bittet Hanns, wegen eines Vorstellungsgespräches anzurufen. Lassen Sie sich im Sekretariat einen Termin für kommende Woche geben. So steht es da. Im Sekretariat und für kommende Woche. Früher haben sie angerufen, denkt er. Wollten mich haben. Und dann bin ich Schlagzeilenkönig geworden.

Er greift zum Telefon und wählt die Nummer des Sekretariats. Es gibt einen Termin am kommenden Dienstag. In fünf Tagen also. Hanns überlegt, ob er so lange warten kann. Er will, dass es jetzt schnell geht. Aber Dienstag sei der frühestmögliche Termin, sagt die Sekretärin. Herr Bielecke befinde sich gerade auf einer Dienstreise, von der er erst am Montag zurückkehren werde. Gut, sagt Hanns, ich werde da sein, am Dienstag um vierzehn Uhr. Muss ich etwas mitbringen?

Die Sekretärin schweigt und raschelt mit Papieren. Nein, sagt sie, wir haben ja alles, was wir brauchen. Da seid ihr besser dran als ich, denkt Hanns. Fast wäre ihm der schale Witz über die Lippen gerutscht.

Dienstag also. Beginnt sein neues Leben. Er wird es nachher Veronika erzählen, wenn sie zurück ist von ihrem Termin. Wo wollte sie eigentlich hin? Er hat es vergessen. Nicht zugehört beim Frühstück. Das wird sich ändern, wenn er nur noch zu Besuch hier ist. Heute Morgen wollte er eigentlich noch einmal über die Kleinstadt reden. Ob man da nicht hinziehen könne, wenn er den Job bekommt. Veronika hat ihn mit diesem Blick angeschaut. Hakenkreuze in den Augen. Hitler in my heart, summt Hanns vor sich hin. Diesen Song kriegt er seit Tagen nicht aus dem Schädel. Gesungen von so einem nachgemachten Eunuchen. Aber nicht schlecht. Gar nicht schlecht. Hitler in my heart, wenn das mal nicht auf mich zutrifft. Hanns nimmt einen schwarzen Fineliner und schreibt Hass auf seine Fingerknöchel. Dann geht er ins Bad und schrubbt sich die schwarzen Buchstaben wieder ab.

Nächste Woche beginnt ein neues Leben. Die Wut wird verfliegen und Platz machen für anderes.

Vor zwei Jahren ist er einmal mit Veronika zu einer Paartherapeutin gegangen. Vroni wollte das so. Sie hatte darauf beharrt und seinen Widerstand gebrochen. Durch Verweigerung. Die uralte Masche der Frauen. Sie lassen ihren Hintern kalt werden, aber zeigen ihn her. Er war mitgegangen und hatte sich angehört, was die Therapeutin zu ihm und Vroni zu sagen wusste. Es hatte nicht geholfen. Ihm nicht und Veronika ebenso wenig. Das Schöne an der Geschichte war der Abend nach dem Therapeutinnengespräch. Wie sie beide am Tisch gesessen haben. Eine große Lauchtorte in der Mitte, Weißwein in den Gläsern. Und dann hatte Vroni beim Aufschneiden der Lauchtorte geflüstert: Sie müssen Platz machen für konstruktives Denken.

Sie müssen lernen, sich wieder gegenseitig zu überraschen, hatte er zurückgeflüstert. Sie müssen miteinander reden, hauchte Vroni. Sie müssen sich über ihre Gefühle klarwerden, stammelte er. Und dann konnten sie beide lachen. Es war eine Befreiung. Sie haben gelacht und sind lachend ins Bett gegangen, um zu vögeln. Es ging. Es ging wirklich. Die Lauchtorte haben sie dann später kalt gegessen und zwei Flaschen Wein getrunken. Das war der Abend aller Abende. Der schönste von allen. Unwiederholbar. Wenn die Paartherapeutin wüsste, was sie da für einen Erfolg erzielt hatte. An dem Abend waren sie beide, Vroni und er, davon überzeugt, dass alles wieder werden würde, wie es einmal gewesen war. Wie es war, als wir uns noch Höhlen gebaut haben, denkt Hanns. Höhlen bauen war der Anfang von allem.

Veronika hatte mit einer Freundin im Studentenwohnheim auf der Treppe gesessen. Die Mädels aus den Viererzimmern saßen immer auf der Treppe. Entweder weil eine im Zimmer gerade mit ihrem Typen zugange war, oder weil man einfach nicht mit vier Menschen, zwei Doppelstockbetten, vier Schreibtischen und vier Spinden in einem Zimmer sein wollte. Dagegen waren die Treppenhäuser des Wohnheims ein Ort der Ruhe. Veronika hatte also mit einer anderen Kommilitonin aus ihrer Seminargruppe auf der Treppe gesessen und Obstwein aus der Flasche getrunken. Hanns kannte beide nur flüchtig. Vom Sehen. Die unteren Studienjahre waren eher nicht von Interesse. Auch die Mädels nicht. Aber an dem Abend hatte Veronika gelächelt und mit der Obstweinflasche in seine Richtung gezeigt. Willst du, hatte sie gefragt und ihm die Buddel hingehalten. Zwei Stunden später war die Freundin dann endlich gegangen. Veronika hatte eine Wolldecke aus ihrem Zimmer geholt, und mit der bauten sie sich eine Höhle. Hatten die Decke über ihre Köpfe gelegt und sich darunter versteckt. Das ganze Begehren unter einer Decke. Sie hatten aneinander rumgefummelt, als seien sie vierzehn und wüssten nicht, wie es geht. Oder wüssten es doch. Veronika brachte ihm mit ihren kleinen scharfen Zähnen eine beachtliche Wunde an der Schulter bei. Nur, um nicht laut zu stöhnen, hatte sie ihn gebissen. Später hatte sich die Wunde entzündet. Menschenbisse seien die gefährlichsten von allen, hatte der Arzt Hanns erklärt und dabei gegrinst. Aber solange es nicht ans Eingemachte geht.

Hanns steht vor dem Kleiderschrank, denkt an den ersten Sex mit Veronika und zählt seine Hemden und Pullover. Er sollte sich für die Kleinstadt ein neues Outfit zulegen. Mehr Pullover, weniger Hemden und eine bequeme, etwas abgetragene Wildlederjacke vielleicht. Die wird er sich jetzt kaufen gehen. In einem Secondhandladen. Eine hellbraune, abgetragene Wildlederjacke mit losen Knöpfen und einem leicht speckigen Kragen. Genauso muss sie sein. Und sie wird ihn schützen in der Provinz. Vor allen Ambitionen, die man aus lauter Langeweile bekommen kann.

3. Kapitel

Veronika hat den zweiten Brief ohne Absender aus dem Kasten gezogen. Jetzt sitzt sie, anstatt Tapeten zu kaufen, in einem Café neben dem Tapetenladen und überlegt, ob sie den Umschlag aufreißen soll. Und flüstert. Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmermehr, wo ich ihn nicht hab, ist mir das Grab, die ganze Welt ist mir vergällt, mein armer Kopf ist mir verrückt, mein armer Sinn ist mir zerstückt.

Ihr fällt die Melodie nicht ein. Die hat sie einmal gekannt. Schubert oder Schumann. Sie hat es doch gesungen, früher. Als sie eine Diva werden wollte. Eine, die den Leuten Tränen der Rührung und Begeisterung in die Augen singt. Schubert. Es muss Schubert gewesen sein. Und sie hat es gut singen können. Wo ist jetzt, da sie so nötig gebraucht wird, die Melodie?

Veronika holt noch einmal den Brief von gestern aus der Handtasche.

Wahrscheinlich fragst du dich, wer ich überhaupt bin, dass ich etwas von dir haben möchte. Veronika. Es tut ganz und gar nichts zur Sache, wer ich bin. Wichtig ist nur, wer ich hätte sein können. Das wirst du mir eines Tages erklären müssen. Wer ich hätte sein können. Angst musst du nicht haben. Ich ängstige mich genug für uns beide.

Die Zeilen kommen ihr angesichts des zweiten Briefumschlages viel subtiler und bedrohlicher vor als gestern. Gestern waren sie vor allem seltsam. Und sie hatte sich anscheinend auf die beiden letzten Sätze verlassen. Angst musst du nicht haben. Ich ängstige mich genug für uns beide.

Veronika bestellt einen Sekt und einen Milchkaffee. Sie wartet, bis beides vor ihr auf dem kleinen Bistrotisch steht, dann reißt sie den Umschlag auf. Wieder liegt nur ein beschriebenes Blatt darin.

Veronika, ich bin sicher, du hast nicht auf diesen Brief gewartet. Aber ich werde dir nun öfter schreiben. Es ist so eine Art Katharsis für mich, das zu tun. Das musst du nicht verstehen. Es hat für dich weniger Bedeutung als für mich. Kannst du dich noch erinnern, wie du vor zwei Jahren versucht hast, deinen Mann zu verlassen? Du bist bis zum Hauptbahnhof gekommen. Und da hast du gestanden und ewig auf einen Zugfahrplan gestarrt. Zwei Züge fuhren in dieser Zeit ab, einer nach Hamburg und ein Regionalzug, der das ganze Elend auf die Dörfer bringen sollte. Du bist nicht gefahren. Hast deinen Koffer genommen und bist wieder heimgekehrt. Was für ein schönes Wort. Heimgekehrt.

Wie hat dich Hanns damals empfangen, an diesem Abend? Egal. Ich hätte es besser gemacht. Glaube mir. Ich hätte dich mit allem Pomp empfangen, und dann hättest du mir Rede und Antwort stehen müssen. Vielleicht werden wir das irgendwann einmal auch wirklich tun. Du kehrst bei mir ein, nicht zu mir heim. Und ich stelle dir Fragen. Aber bis dahin leben wir beide einfach unser Leben weiter.

Angstlos und folgenlos. Wie findest du das?

Veronika findet es nicht gut. Aber es gibt niemanden, dem sie das sagen könnte. Sie faltet das Blatt zusammen, bis es zu einem winzigen Rechteck geschrumpft ist. So lässt es sich besser ertragen, denkt sie. So ist es gut. Diesmal behält sie den Briefumschlag. Wegen der Fingerabdrücke, flüstert Veronika und fängt an zu kichern. Vielleicht sind ja Fingerabdrücke drauf, wiederholt sie. Dabei ist es Unsinn, das zu denken. Sie weiß ja, wer sich ihr nähert.

Vor ihr steht die Kellnerin, der sie offensichtlich signalisiert hat, dass sie bezahlen möchte. Die scheint schon Dümmeres gehört zu haben und verzieht keine Miene. Veronika bezahlt und gibt reichlich Trinkgeld. Dann geht sie in den Tapetenladen nebenan.

Der Laden ist riesig und leer. An den Wänden hängen an hübschen plastikbunten Halterungen Tapetenrollen. Man kann sie anfassen und ein Stück Tapete abrollen. Um das Muster zu sehen. Veronika arbeitet sich systematisch durch den Laden. Sie dreht eine ganze große Runde und zieht von jeder Rolle ein Stück Tapete nach unten. Die Tapeten, die ihr gefallen, lässt sie ausgerollt, die anderen rollt sie wieder ein. So behält sie den Überblick. Mitten im Verkaufsraum steht ein weißer Schreibtisch, darauf ein weißer Computer. Eine junge Frau sitzt davor. Ihre Jeans hängt so tief auf den Hüften, dass Veronika die Poritze sehen kann. Gerahmt von einem weißen Baumwollrand. Veronika meint, irgendwo gelesen zu haben, dass dies jetzt wieder angesagt ist. Weiße gerippte Baumwollunterwäsche, die sich sehen lassen soll.

Am Ende bleiben sieben Tapetenrollen übrig, die in die engere Wahl kommen. Veronika verlässt plötzlich der Mut. Sie fragt die Verkäuferin, ob die ihr raten kann. Die junge Frau steht auf und läuft mit ihr eine Runde durch den Raum. Sie zieht aus einer Hosentasche eine Schachtel Zigaretten. Geben Sie mir auch eine, bittet Veronika und denkt an Hanns, der nun plötzlich wieder angefangen hat zu rauchen.

Schweigend rauchen sie beide ihre Zigarette. Die junge Frau zeigt mit dem Glimmstengel auf eine Tapetenrolle und sagt: Die da finde ich am schönsten. Was haben Sie denn für Möbel?

Veronika überlegt und wird ein wenig hektisch, weil sie sich im Moment an nicht ein einziges Möbelstück in ihrer Wohnung erinnern kann. Aber dann. Die Couch im Wohnzimmer hat tatsächlich den gleichen Farbton wie das Tapetenmuster, dem die Verkäuferin die besten Chancen einräumt. Blasslila, orchideenlila, morgenmantellila. Veronika sieht sich in ihrem seidenen Morgenmantel, den sie tatsächlich passend zur Couch gekauft hatte, vor dieser Tapete sitzen. Und fängt an zu lachen. Die Verkäuferin setzt sich wieder an den weißen Schreibtisch und sieht von dort Veronika beim Lachen zu.

Das ist gut, sagt Veronika und holt ihre Geldbörse aus der Tasche. Ich nehme fünfzehn Rollen.

Die muss ich erst bestellen, sind aber übermorgen da. Die Verkäuferin grinst und nimmt einen Taschenrechner.

Können Sie mir ein Stück mitgeben? Zum Anschauen für meinen Mann. Damit der weiß, was ihn erwartet.

Die Verkäuferin holt eine lange Schere aus der Schreibtischschublade und geht zur auserwählten Rolle. Sie schneidet einen zwanzig Zentimeter breiten Streifen ab und rollt ihn für Veronika zusammen. Die Tapete kostet sechshundert Euro. Das geht ja noch, denkt Veronika. Sechshundert für eine Tapete, die aussieht wie mein Morgenmantel. Wenn Hanns Lokalredakteur in der Provinz geworden ist, kann ich mir einen fremden Mann einladen, dem das bestimmt gefallen wird.

Veronika läuft den weiten Weg nach Hause. Sie schmeckt die erste Zigarette ihres Lebens und stellt erst jetzt fest, dass sie nicht einmal gehustet hat beim Rauchen. Ich bin die geborene Raucherin, denkt sie. Noch so ein Brief, und ich fange an zu kiffen.

Im Hausflur kommt ihr die Sektentante entgegen, die aus der zweiten. Die sieht aus, als hätte sie ihre Wundersteine verschluckt. Denkt Veronika. Ihr kommen beim Anblick dieser Frau immer die schlechtesten Gedanken. Wie kann man nur dieses Zeug vertreiben. Veronika quengelt einen Gruß durch geschlossene Lippen. Irgendwann wird sie vielleicht mal aufhören, höflich zu sein, wenn ihr nach anderem ist.

Wenn ich morgen wieder so einen Brief bekomme, gehe ich zur Polizei. Veronika läuft nach Hause, ihrem Mann die frohe Tapetenbotschaft zu verkünden.

4. Kapitel

Hanns steht zum ersten Mal in seinem Leben in einem Secondhandladen. Es riecht nach einem alten scharfen Waschmittel. Der Geruch kommt ihm mehr als bekannt vor. Im Kleiderschrank seiner Großmutter hat es so gerochen. Und die Hände seiner Großmutter haben ausgesehen, wie es im Kleiderschrank gerochen hat. Schiefes Bild, murmelt Hanns. Kann man nicht so schreiben. Die Hände seiner Großmutter fühlten sich wie ein fein strukturiertes Reibeisen an. Eine Muskatreibe vielleicht. Er hatte es gemocht, sich von diesen Händen streicheln zu lassen. Vor allem auf dem Rücken, wenn er mit nacktem Oberkörper vom Spielen nach Hause kam. Hast du wieder die Welt gerettet, hatte die Großmutter dann jedes Mal gefragt und ihn mit ihren Reibeisenhänden gestreichelt. Hatte er. Bis vor fünfzehn Jahren hat er immer die Welt gerettet. Dann hat die Welt eine Wende gemacht und ist ihm in die Parade gefahren.

Zwischen den riesigen Kleiderständern im Secondhandladen, auf denen die Sachen nach Farben sortiert sind, bewegt sich eine Frau hin und her. Was für ein verhuschtes Wesen, denkt Hanns und bleibt hinter einem Drehständer stehen, um es zu beobachten.

Das Wesen befühlt und betatscht Röcke, Hosen und Pullover. Manchmal zieht es ein Kleidungsstück vom Bügel und hält es sich an den Bauch. Immer an den Bauch, egal, ob es ein Rock, eine Hose oder ein Pullover ist. Als diente ihm der Bauch zum Testen der Qualität. Dann schiebt es sich irgendetwas Mausgraues unter den Pullover.

Deshalb also an den Bauch, denkt Hanns. Das Wesen hat nur einen kleinen Diebstahl vorbereitet. Er bleibt stehen, wo er ist, und beobachtet die junge Frau. Die wirft ihm einen Blick zu und greift mit der rechten Hand unter ihren Pullover. Sie zieht das mausgraue Stück wieder hervor und hängt es auf einen Bügel. Hält die mich für einen Ladendetektiv, fragt sich Hanns und wird wütend. Hält die mich tatsächlich für so einen Wichser, der andere Leute am Klauen hindert? Hanns geht straffen Schrittes auf die Frau zu und baut sich vor ihr auf. Die guckt auf seinen Hals und meidet den Augenkontakt. Hier, sagt Hanns und nimmt das mausgraue Stück wieder vom Bügel, um es der Frau unter den Pulli zu schieben. Die fängt an zu schreien. Das macht ihn noch viel wütender. Er legt ihr eine Hand auf den Mund und sieht den Mann von der Ladentheke langsam auf sich zukommen. Hanns nimmt die Hand vom Mund der Frau, und die steht stumm und schaut auf seinen Hals. Der Mann bleibt unschlüssig stehen. Was könnte das wohl sein hier? Was hat er gelernt über solche Situationen? Hanns sieht, wie es arbeitet im Kopf des Thekenmannes. Er entfernt sich von der Diebin, um dem Typen eine Rückzugsmöglichkeit zu geben. Arme Diebin, denkt Hanns und geht nach hinten, wo die Wildlederjacken hängen. Die Frau huscht aus dem Laden. Mit oder ohne Pullover, das ist Hanns jetzt auch egal. Er will nur eine Wildlederjacke für sein neues Leben kaufen.

Drei riesige Kleiderständer hängen voller Wildlederjacken. Der Mann ist wieder hinter seiner Theke verschwunden. Hanns probiert eine Jacke nach der anderen an. Er schaut gar nicht erst nach den Größen, sondern zieht einfach Jacke für Jacke vom Ständer und kriecht hinein. Sie haben alle den gleichen Geruch nach Staub und diesem scharfen Reinigungsmittel. Hanns spürt ihn in der Nase. Wie er sich ins Hirn frisst und da fette Beute eintreibt. Wie er einen Teil seines Verstandes absorbiert und zunichtemacht. Hier, dicht an den getragenen Klamotten, hat das alles gar nichts mehr mit seiner Großmutter zu tun.

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