Logo weiterlesen.de
Liebe verlernt man nicht

Über Lilli Beck

Lilli Beck kennt die Vor- und Nachteile des Alters nur zu gut. WG-Erfahrungen hat sie ebenfalls, auch wenn die schon einige Jahre zurückliegen. Vierzig, um genau zu sein. Doch die Erinnerung an die wilden Zeiten mit Putzplan und Gemeinschaftsbad sind durchweg positiv, und sobald sie geeignete Mitbewohner gefunden hat, wird sie selbst eine Oldie-WG gründen.

www.lilli-beck.de

Informationen zum Buch

Ü50 – und zu allem bereit!

Als ihr Sohn heiratet, will sich Paula vor ihrem Ex-Mann und seiner (deutlich jüngeren) Neuen keine Blöße geben und engagiert den Bruder einer Freundin als Begleiter. Der Abend wird ein Erfolg, Aushilfsmann Karl ist ein echter Volltreffer, und Paula kommt auf den Geschmack. Nie wieder sollen Frauen in ihrem Alter an Männermangel leiden! Gemeinsam mit ihren Freundinnen Biggi und Traudl beginnt sie nun, den Verabredungsmarkt zu sondieren und macht sich auf die Suche nach Männern ihrer Altersklasse. Obwohl es immer wieder zu altersbedingten Zwischenfällen kommt und auch mal ein Notarzt gebraucht wird, eröffnen die drei bald ihre Agentur »Herzflimmern«. Währenddessen knistert es gewaltig zwischen Paula und Karl, der sich ein Dauerengagement an ihrer Seite vorstellen könnte. Aber dann taucht Ex-Mann Herbert wieder auf.

Drei Freundinnen jenseits der 50 haben genug davon, dass Männer nie da sind, wenn man sie braucht.

Lilli Beck

Liebe verlernt man nicht

Roman

Liebe ist das charmanteste Unglück, das uns zustoßen kann!

Curt Goetz

1

»Lieber geh ich Blut spenden!«, grummle ich ungehalten.

Säßen wir bei mir zu Hause, würde ich laut werden, um hemmungslos Dampf abzulassen. Aber hier, in der Konditorei »Windbeutel«, einem angestaubten Tagescafé aus den späten sechziger Jahren, könnte undamenhaftem Benehmen ein Rauswurf folgen. Wo sollte ich mich dann mit meinen Freundinnen zum samstäglichen Cappuccino-Plausch treffen? Zurzeit der einzige Lichtblick meines öden Singlelebens. Der einzige Tag, an dem ich gutgelaunt aufstehe. Der einzige Tag, an dem ich mich aufbrezle, mir die Haare wasche, Make-up auflege und, wie heute, sogar die Zehennägel rot lackiere.

»Verstehe ich sehr gut.« Biggi gibt mir die silberbeschriftete Einladungskarte aus weißem Hochglanzkarton zurück. »Eine Feier mit den falschen Gästen kann einem den ganzen Abend versauen. Vielleicht sogar die Nacht.«

Traudl, die bisher noch nichts gesagt hat, außer um bei der Kellnerin einen Milchkaffee und ein Stück Mohnkuchen zu ordern, blickt mich mit großen Augen an. »Das ist hoffentlich nicht dein Ernst, Paula?« Es ist dieser geduldig-vorwurfsvolle Tonfall, der sanften Frauen wie Traudl zu eigen ist, die drei Kinder mit nichts als milden Worten großgezogen haben. »Das ist doch nicht irgendeine Veranstaltung. Es ist die Verlobung deines einzigen Sohnes!«, fügt sie noch an, als wäre ich komplett verkalkt.

»Daran musst du mich nicht er…« Ich breche ab, als ich die Bedienung mit unserer Bestellung kommen sehe.

Das blonde Mädchen setzt das Chromtablett auf dem Tisch ab. Wahllos verteilt sie Tassen und Kuchen. Wortlos beobachte ich ihr Tun. Auf junge blonde Frauen bin ich momentan nicht gut zu sprechen. Erst recht nicht, wenn sie so hübsch sind wie dieses Geschöpf. Bei denen steigt mir sofort die Galle hoch. Ja, ich bin ungerecht. Sie kann schließlich nichts dafür, dass mein Ex-Mann mit einer schönen jungen Blondine seinen zweiten Frühling genießt.

»Du wurdest unterbrochen«, sagt Traudl, als das Mädchen außer Hörweite ist und wir uns auf die Kuchenteller stürzen.

»Ich wollte bloß sagen, dass ich den Abend emotional nicht überleben würde«, erkläre ich zwischen zwei Bissen. »Nicht mal mit einer Überdosis Beruhigungspillen.« Biggi kramt in ihrer monströsen geblümten Tasche, in der sie wie immer tausend Unnötigkeiten mit sich herumschleppt. Sekunden später drückt sie mir einen glatten rosa Stein in die Hand. »Hier, das hilft.«

»Huch, das nenne ich mal eine Riesenpille. Aber im Ganzen bekomme ich die niemals runter.« Ich unterdrücke ein Grinsen.

Biggi ist Heilpraktikerin, sie hält Edelsteine für DAS Allheilmittel schlechthin. So weit ich es beurteilen kann, helfen sie gar nicht. Leider. Schaden tun sie aber auch nicht. Es sei denn, man schluckt tatsächlich einen hinunter, der so groß ist wie ein Radieschen.

»Das ist ein Rosenquarz«, erklärt sie, meinen Einwand ignorierend, und legt ihre Hände auf meine. »Trage ihn bei dir, dann verleiht er dir innere Harmonie. Damit bist du gegen alles gewappnet.«

»Danke, das ist wirklich lieb von dir«, antworte ich und gebe ihr das Präsent zurück. »Aber in diesem speziellen Fall würden, wenn überhaupt, nur K. o.-Tropfen helfen. Allein die Vorstellung, das neue Haus meines Ex-Mannes zu betreten, erzeugt bei mir heftigsten Brechreiz. Hab ich euch überhaupt schon erzählt, dass er ein Angeberhaus im Herzogpark gekauft hat? Münchens teuerste Gegend! Bäckermeister Wertheim unter den Millionären. Und wenn ich dieser … dieser … meiner Nachfolgerin nur die Hand schütteln muss, bekomme ich schon Ausschlag. Ich sehe sie genau vor mir, wie sie mich mitleidig ansehen und fragen wird, ob ich allein überhaupt zurechtkäme. Das Schlimme daran ist, dass es wirklich ehrlich gemeint ist. Fairerweise muss ich gestehen, dass sie einfach nur freundlich sein möchte. Trotzdem. Ich habe zwei Kinder groß gezogen, den Haushalt gewuppt, nebenbei den ganzen Schreibkram in der Firma erledigt und mich auch noch um das Personal gekümmert. Gnä’ Frau hat eine Haushaltshilfe, eine Putzfrau fürs Grobe und noch nicht mal ein Kind in die Welt gesetzt. Wer weiß, ob sie dazu überhaupt in der Lage wäre. Die jungen Dinger sind heutzutage schließlich lieber auf Facebook unterwegs und klicken dort Babyfotos an als eigenen Nachwuchs zu gebären.«

Wie immer, wenn ich über diese Frau spreche, deretwegen ich verlassen wurde, fühle ich ein unangenehmes Jucken im Hals. Eilig bekämpfe ich es mit einem großen Schluck Kaffee. Vielleicht sollte ich es doch mal mit Edelsteinen versuchen.

»Du bist also fest entschlossen?«, hakt Traudl nach. Diesmal in erstaunlich strengem Ton.

»Bin ich!« Trotzig rühre ich in meinem Cappuccino.

»Du wirst es bis zu deinem letzten Atemzug bereuen«, prophezeit Traudl kopfschüttelnd.

Biggi hat erneut in ihrer Tasche gekramt und lässt jetzt kleine Rosenquarzsteine in ihr Wasserglas plumpsen. »Also ich würde ja hingehen – mit einem tollen Mann.«

»Ha!«, lache ich spöttisch auf und schlage mir dabei mit der flachen Hand auf die Stirn. »Warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen. Ich rufe einfach einen meiner zweiundsiebzig Liebhaber an, und schon ist die Kuh vom Eis. Falls es dir entgangen sein sollte, Biggi: Ich! Bin! Geschieden! Und seitdem ist mir erst bewusst geworden, dass eine achtundfünfzig Jahre alte Frau für die Männerwelt unsichtbar ist. Nicht mal gleichaltrige Männer gucken mich noch an. Von Verabredungen kann ich nur träumen.«

»Denk positiv«, rät die harmonisierte Biggi. »Manchmal begegnet einem das Glück ganz unverhofft. Neulich erst ist mir einer mit dem Rad gefolgt, der mich zum Kaffee einladen wollte.«

Mir entschlüpft ein genervter Seufzer. »Und mir kam neulich ein Geisterradler auf dem Bürgersteig entgegen, der mich beinahe umgefahren hätte. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden, Biggi. Also, wo soll ich bitteschön einen Mann auftreiben?«, frage ich herausfordernd.

Traudl nickt verständnisvoll. »Ich werde auch ständig ignoriert. Sogar wenn ich den Männern das Wechselgeld direkt in die Hand drücke, gucken sie durch mich hindurch, als wäre ich Luft. Nur uralte Greise grinsen verschämt, weil ihnen die Kürbiskernpillen gegen Prostata peinlich sind.«

»Dabei bist du erst dreiundfünfzig«, erinnere ich sie, »hast kaum graue Haare und siehst überhaupt viel besser aus als ich.«

Das waren keine leeren Worte, um Traudl zu trösten. Vor zwei Jahren wurde sie nämlich Witwe. Noch dazu an ihrem Geburtstag. Versteht sich von selbst, dass ich es ihr nachfühlen kann. Aber solange sie ihre perfekte Figur in einen schwarzen Witwentalar hüllt und ihre rotblonden Traumhaare zu einem achtlosen Zopf bindet, wird sie unsichtbar bleiben. Dabei ist Traudl eine Naturschönheit mit klaren blauen Augen und zarter Sommersprossenhaut. Sie müsste nur etwas mehr Sorgfalt auf ihr Äußeres verwenden, und die Männer würden vor der Drogeriemarktkasse auf die Knie gehen.

»Graue Haare sind kein auswegloses Schicksal«, Biggi fährt sich demonstrativ durch die hennagefärbte rote Lockenmähne. »Und wenn schon grau auf dem Kopf, sollte man nicht auch noch wie eine graubraune Feldmaus rumlau…«

»Was willst du damit sagen?«, unterbreche ich sie angriffslustig, weil sie mich dabei angesehen hat. Seit ich weiß, dass die Verlobung meines Sohnes bei seinem Vater, respektive meinem Ex stattfindet, bin ich hochexplosiv wie eine Tretmine.

Biggis Harmoniesteinchen scheinen toll zu wirken, denn sie betrachtet mich weiter gleichmütig, als wäre sie ein Dalai Lama. Oder müsste es Dalai Lametta heißen, weil sie so gerne Glitzerschmuck trägt?

»Na ja, du trägst schließlich fast immer braune Klamotten, in Kombination mit den ergrauten Haaren wirkt das …« Sie bricht ab und spielt mit dem Stein, der verwaist auf dem Tisch liegt.

»Na, wie? Raus damit. Tu dir keinen Zwang an.«

»Vielleicht probierst du es einfach mal mit frischen Farben«, antwortet sie ausweichend.

»Würden mich die Radler dann nicht umfahren, sondern auch zum Käffchen einladen?«, frage ich spöttisch.

Sie nickt aufmunternd. »Deine Chancen steigen hundertprozentig. Mal davon abgesehen, dass Farben unsere Stimmung positiv beeinflussen, würdest du super aussehen.«

»Oder wie eine Tüte Smarties«, entgegne ich und widme mich wieder meiner Sachertorte. Braun ist auch bei Kuchen meine Lieblingsfarbe.

Traudl lacht verhalten. »Paula als Smarties.«

Wir stimmen laut lachend ein. Nicht wegen des gelungenen Smartie-Scherzes, sondern mit Traudl, die seit dem Unfalltod ihres geliebten Mannes kaum noch fröhlich ist.

»Von der Klamottenfrage mal abgesehen, Paula«, redet Biggi weiter. »An deiner Stelle würde ich mir für den Abend einen attraktiven Begleiter engagieren und mich so in Schale werfen, dass meinem Ex die Spucke wegbleibt. Vielleicht sogar einen jüngeren Mann.«

»Begleiter engagieren?«, wiederholt Traudl ungläubig und schnappt hörbar nach Luft. »Du meinst doch nicht etwa einen Callboy?«

Callboy oder nicht. Ich kann über so eine Schnapsidee nur schwach grinsen. »Nette Idee, wenn du mir noch den Laden verrätst, wo sogenannte Begleiter angeboten werden«, kontere ich dann. »Aber bitte zum Schnäppchenpreis, denn ich muss mich ja auch noch neu einkleiden, damit es meinem Ex auch wirklich die Sprache verschlägt.« Ich schiebe das halb aufgegessene Tortenstück weg. Seit der Scheidung habe ich zehn Kilo zugelegt. Mein Body-Mass-Index hat die Schallmauer längst durchbrochen. Meine Miederhose hat auch schlapp gemacht. Ich musste mir bereits die nächste Größe anschaffen. In bunt würde ich wie ein Knallbonbon kurz vor dem Platzen aussehen.

»Möchtest du eines meiner schwarzen Kleider ausleihen?«, meldet sich Traudl wieder. »Damit ist man auf solchen Feierlichkeiten doch immer gut angezogen. Etwas Schmuck dazu und fertig. Du hast doch diese wunderschöne goldene Gliederkette.«

»Ach ja, die Wurfprämie«, erinnere ich mich. »Ein Geschenk meines Ex-Mannes zu Bennys Geburt. Hmm  … die würde tatsächlich gut zu einem schwarzen Kleid passen  … Schwarz ließe mich vielleicht auch schlanker erscheinen  … Aber mein Geschiedener bildet sich dann garantiert irgendwelchen Schwachsinn ein.«

Biggi nimmt einen großen Schluck harmonisiertes Wasser. Ich vermute, es war Traudls Bemerkung über das schwarze Kleid, die sie versucht unkommentiert hinunterzuschlucken. Wir haben uns schon oft gewünscht, ein Mittel zu finden, damit unsere Freundin endlich die schwarze Kluft ablegt. Zwei Jahre trauern ist mehr als genug. Da fällt mir etwas ein.

»Würdet ihr mich zum Klamottenkaufen begleiten?« Ich gucke mit Unschuldsmiene in die Runde.

Wie erwartet, antwortet Traudl nicht sofort. Biggi dagegen liebt Shoppen über alles. Sie strahlt begeistert.

»Du willst also doch zur Verlobungsfeier gehen?«, schließt Traudl dann aus meiner Frage.

Ich überlege gerade, ob ich tatsächlich hingehen soll, als mein Handy schrillt. Auf dem Display sehe ich Benny ruft an.

»Grüß dich, mein Schatz«, melde ich mich. »Na, genießt du die letzten Tage als freier Mann?«

»Hallo, Mama«, antwortet er. »Du hast die Einladung also erhalten?«

»Natürlich, ich freue mich schon sehr auf den Abend. Wie geht’s Merle?«, erkundige ich mich nach meiner hübschen Schwiegertochter in spe, die ich längst ins Herz geschlossen habe.

»Warum hast du dann nicht geantwortet?«, fragt er vorwurfsvoll, ohne auf meine Frage nach seiner Verlobten einzugehen. »Die Einladung müsste seit mindestens einer Woche bei dir sein. Du bist doch hoffentlich nicht krank?«

»Ja … ähm … Ich meine, nein, ich bin nicht krank … Alles bestens«, stottere ich nach einer Ausrede suchend, die mir zum Glück auch gleich einfällt. »Ich dachte, wir hätten bereits alles ausführlich besprochen.«

»Hmm«, brummt mein Ältester einsilbig.

Er kennt mich gut genug, um meine Panik vor einem Zusammentreffen mit seinem Vater nebst neuer Schnepfe zu erahnen. Benny scheint zu befürchten, dass ich unter irgendeinem Vorwand nicht auftauche.

»Im Moment sitze ich mit Biggi und Traudl beim Cappuccino. Wir besprechen gerade, was ich anziehe«, plaudere ich fröhlich, um ihn zu beruhigen.

»Echt?«

»Ja, ganz in echt«, bestätige ich heiter. »Biggi meint, ich brauche Farbe. Sobald wir ausgetrunken haben, begeben wir uns auf die Jagd nach einem tollen Outfit für deine große Feier. Oder hast du umdisponiert, planst einen Gala-Abend in Frack und langen Roben? Bezüglich Kleiderordnung gab es keine Angaben auf der Karte.«

»Mama, du bist unmöglich«, brummelt er hörbar erleichtert. »Ich feiere doch nicht in einem Schloss. Es wird eine ganz normale Verlobung im engsten Familienkreis und mit ein paar Schulfreunden. Du musst dir also nicht unbedingt ein neues Outfit anschaffen.«

»Ah  … Gut  … Dann könnte ich also auch in Begleitung antanzen?«, frage ich so unverfänglich wie möglich.

Schweigen am anderen Ende, bevor ich ein erstauntes »Mama, hast du einen neuen Freund?« höre.

»Nein, nein. Woher auch?«

»Na, falls doch … klar, bring ihn einfach mit.« Benny verabschiedet sich lachend. »Bis nächsten Samstag, Muttchen.«

»Bis Samstag, Schatz«, sage ich und füge noch ein »Ich freu mich« hinzu, bevor ich auflege. »Zufrieden?«, wende ich mich wieder an meine Freundinnen. »Selbstverständlich lasse ich meinen Sohn nicht alleine Verlobung feiern. Aber ein Mann mit breiten Schultern, an die ich mich notfalls anlehnen könnte, wäre ein nettes Accessoire. Da würde meinem Ex garantiert die Luft weg bleiben, seiner Tusnelda sowieso.«

Traudl runzelt die Stirn. »Der Mietmann war doch nur ein Scherz von Biggi.«

»War es nicht!«, erwidert unsere farbenfrohe Freundin. »Ich an deiner Stelle, Paula, hätte da gar keine Hemmungen.«

»Habe ich auch nicht«, antworte ich zögerlich und überlege, ob ich mir tatsächlich einen Mann engagieren würde. Ja, warum eigentlich nicht? »Aber wo finde ich einen?«, frage ich Biggi. »Wäre ich jung und knackig, würde ich mir an einer Bar oder in einer Disco einen Aushilfsmann anlachen. Aber wo suchen Frauen unseres Alters? Mal abgesehen von der Tatsache, dass die meisten Männer in unserem Alter nicht gerade verrückt nach gleichaltrigen Frauen sind, wie wir vorhin festgestellt haben.«

»Im Internet findest du bestimmt seriöse Hostessagenturen«, sagt Biggi. »Mit Fotos, wo du eine Vorauswahl treffen kannst.«

Für einen Moment bleibt mir jetzt die Spucke weg. Logisch, dass ich auch schon von dieser Möglichkeit gehört habe. Aber mir tatsächlich einen Mann aus dem Netz zu fischen, ist eine absurde Vorstellung. Fehlt nur noch, dass frau einen bei eBay ersteigern kann wie Designer-Handtaschen. Drei, zwei, eins! Das »Schmuckstück« ist meins!

»Jetzt bist du komplett übergeschnappt«, kommentiert Traudl entrüstet. »Paula kann doch nicht mit einem … einem Online-Gigolo zur Verlobung ihres Sohnes erscheinen. Stell dir nur die peinliche Situation vor, wenn das rauskommt!«

Traudls schlimmster Albtraum ist üble Nachrede. Dass irgendjemand hinter ihrem Rücken über sie tuscheln oder sie schief ansehen könnte. Ziemlich spießig könnte man meinen, aber im Grunde denkt sie gar nicht so kleinbürgerlich. Es ist quasi der verstorbene Gatte, der da noch aus ihr spricht. Ihr Fritz war ein sehr liebevoller, aber auf den ersten Blick nicht besonders attraktiver Mann. Verständlich, dass er bei einer so schönen Frau extrem eifersüchtig war.

»Wie sollte es denn?«, fragt Biggi. »Willst du sie verpfeifen?«

Traudl verdreht empört die Augen. »Was denkst du denn von mir?«

»Na, also!«, trumpft Biggi auf. »Und von mir erfährt es auch niema«

»Moment, Moment«, gehe ich dazwischen. »So lustig ich die Idee auch finde, ich werde auf keinen Fall einen wildfremden Mann engagieren. Nicht mal, wenn es garantiert unser Geheimnis bliebe. Ich meine, spielen wir die Situation doch mal durch, spaßeshalber.«

»Dazu braucht man aber einen ganz speziellen Humor«, sagt Traudl. Prompt schießt ihr eine sanfte Röte ins Gesicht, als male sie sich die wildesten Schlüpfrigkeiten aus. Schnell schiebt sie sich das letzte Stück Mohnkuchen in den Mund und tupft sich dann die ungeschminkten Lippen mit der Serviette ab. Anschließend faltet sie das rosa Papier ordentlich zusammen, bevor sie es unter die Kuchengabel legt. »Also, ich finde die Idee absolut unmöglich. Das geht gar nicht, auf keinen Fall!«

Traudls Entrüstung bringt Biggi zum Kichern. »Nun sei doch nicht so engstirnig, wir sind emanzipierte, selbstbewusste Frauen des dritten Jahrtausends, wo vieles möglich ist. Und ich habe Paula schließlich keinen Swingerclub empfohlen. Es geht lediglich um männliche Begleitung. Ganz seriös.« Sie schaut mich gespannt an.

»Tja  …« Ich zögere. »Für diese besondere Gelegenheit wäre es mir dann doch zu … Ach, ich weiß nicht … Ich würde mich nicht wohlfühlen, meinen Kindern einen fremden Mann als Freund vorzustellen. Was ist, wenn ich nach Einzelheiten gefragt werde? Wie und wo ich ihn kennengelernt habe? Was er beruflich macht? Ob er verheiratet war? Oder Kinder hat?«

Biggi nimmt noch einen großen Schluck Harmoniewasser. »Dergleichen bespricht man natürlich vorher«, erklärt sie mit ruhiger Stimme.

»Alles kann man gar nicht besprechen und schon gar nicht vorhersehen«, seufzt die schicksalsgeprüfte Traudl. »Dazu müsste man vorher wissen, wer was fragt oder wie die Unterhaltung verläuft. Was vollkommen unmöglich ist. Das Leben ist schließlich kein Roman. Von einer Sekunde zur anderen kann etwas geschehen, dass alle Pläne über den Haufen wirft.«

»Was ist jetzt mit der Shoppingtour? Wenn ich schon ohne Mann dort antreten muss, dann wenigstens in einem scharfen Fummel«, wechsle ich eilig das Thema, bevor sie uns wieder vorjammert, wie ein Omnibus ihr Leben zerstört hat.

Biggi ist nach wie vor wild darauf, mich zu begleiten, Traudl zu müde.

»Ich nehme ein Taxi«, verkündet Trauertraudl dezent gähnend hinter vorgehaltener Hand. »Die Wäsche wartet seit einer Woche auf mich. Ich hab schon bald nichts mehr anzuziehen.«

Biggi und ich sehen uns an. Wir denken beide das gleiche. Von wegen Wäsche. Sie will auf den Friedhof. Jeden Tag besucht sie ihren toten Gatten. Was im Grunde nur von großer Liebe zeugt. Aber egal, wie oft sie dorthin pilgert, er wird nicht wieder von den Toten auferstehen, und es wird langsam Zeit, dass sie zu den Lebenden zurückkehrt. Aber das Thema ist tabu zwischen uns.

Ich drehe mich nach der hübschen Kellnerin um.

Als ich sie einige Tische weiter entdecke, hebe ich den Arm. Es dauert eine Weile, doch schließlich hat sie mich wahrgenommen.

»Darf ich noch etwas bringen?«, fragt sie freundlich lächelnd.

Nein, sie kann wirklich nichts für Herberts zweiten Frühling.

»Die Rechnung bitte, alles zusammen«, sage ich und wende mich an meine Freundinnen, die meine Einladung wie immer nicht annehmen möchten. »Keine Widerrede. Das ist mein einziges Vergnügen in der Woche, dafür lasse ich gerne etwas springen.« Die unschuldige Blondine bekommt einen Fünfer extra.

Vor dem Café verabschieden wir uns von Traudl, die Richtung Odeonsplatz zum Taxistand läuft. Seit dem Busdrama besteigt sie kein öffentliches Verkehrsmittel mehr. Schätzungsweise geht die Hälfte ihres Verdienstes für diese Angewohnheit drauf. Sie sollte ihr sauer verdientes Geld lieber in hübsche Klamotten oder einen Friseurbesuch investieren.

Biggi und ich schlendern in entgegengesetzter Richtung die Residenzstraße entlang.

»Im Grunde brauchen wir zwei Männer«, überlegt Biggi.

»Willst du dich wieder in die Beziehungsfluten stürzen?«, frage ich vorsichtig.

»Doch nicht für mich«, erklärt sie. »Für Traudl. Unsere trauernde Witwe bräuchte dringend eine richtig heiße Affäre. Damit sie endlich über ihren inzwischen fast heiligen Fritz hinwegkommt.«

»Was macht dich da so sicher, dass das helfen würde?«

»In der Homöopathie bekämpfen wir Gleiches mit Gleichem.«

»Haha, den Teufel mit dem Belzebub austreiben«, lache ich. »Das wird nur schwierig. Hast du nicht gehört, was Traudl erzählt hat? An einer Drogeriemarktkasse lernt man keine heißen Männer kennen.«

»Zugegeben, die Chancen sind gering«, bestätigt sie. »Aber es hat schon Fälle gegeben, wo Amor sich auch mal verlaufen hat.«

»Ich glaube kaum, dass Amor Seife im Drogeriemarkt ersteht und bei der Gelegenheit schnell mal ein paar Pfeile Richtung Kasse verschießt. Aber du bist einfach eine hoffnungslose Romantikerin, die unablässig von großer Liebe und heiler Welt träumt«, entgegne ich und verkneife mir, auf ihre letzte heiße Affäre näher einzugehen.

Biggi war nie verheiratet, knabbert aber noch an einer großen Enttäuschung. Carlos, ein junger rassiger Tauchlehrer, hat ihr zu einem leeren Bankkonto nichts als heiße Tränen beschert. Für ihn hat sie ihre gutgehende Heilpraktikerpraxis verkauft, um zusammen nach Jamaika auszuwandern. Sonne, Strand und Sex. Und weil man in unserem Alter sehr gut weiß, dass man eben nicht nur von Luft und Liebe leben kann, nicht mal auf Jamaika, wollten sie eine kleine Strandbar eröffnen. Carlos sollte zusätzlich seinen Teil mit Unterwasserführungen beitragen. Leider musste Biggi herausfinden, dass er entgegen seiner Behauptung keinen Cent besaß, dafür eine schwangere Freundin sitzen gelassen hatte, die ihm schließlich nachreiste. Letzten Monat kam Biggi dann mit leeren Händen nebst einem gebrochenen Herzen zurück. Momentan ist sie bei ihrem Bruder Karl untergeschlüpft und arbeitet vorübergehend als Hundesitterin, bis ihr das Universum ein Zeichen sendet, ob sie in ihren alten Beruf zurückkehren oder etwas Neues beginnen soll.

»Was hast du gegen eine heile Welt? Es ist die einzige Welt, in der es sich zu leben lohnt …« Sie starrt ins Leere, als hoffe sie, dass sich augenblicklich der Zugang zur Heilen Welt vor ihr auftäte. Doch es dauert nicht lange, schon sprüht sie wieder vor Energie. »Aber du könntest doch einen Mann für Traudl finden!« Sie blickt mich mit glitzernden Augen an. »Du langweilst dich doch seit der Scheidung nur.«

Ich bleibe abrupt stehen. »Wie kommst du denn auf diese Schnapsidee? Ich bin doch keine Partnervermittlung. Langweile hin oder her.«

Biggi schüttelt die rote Mähne. »Nein, aber wie du mir selbst erzählt hast, warst du in der Großbäckerei für alle Personalangelegenheiten zuständig, es gab sogar einige Eheschließungen, an denen du nicht unschuldig warst.«

»Hmm«, bestätige ich schmunzelnd. »Angeblich hatte außer mir niemand so ein feines Gespür für Menschen, wenn ich das mal in aller Bescheidenheit bemerken darf. Man nannte mich sogar Kuppelmama!«

»Na also«, setzt Biggi nach. »Damit bist du schon eher überqualifiziert für diese Aufgabe. Aber es wäre eine sinnvolle Beschäftigung. Außerdem ein gutes Werk«, fügt sie an, als wäre ein solcher Schritt längst überfällig.

»Angenommen, ich nehme den Auftrag an«, sage ich, während wir zur Theatinerstraße hinüberlaufen. »Wie wir vorhin schon festgestellt haben, sind altersgemäße Männer Mangelware. Wo sollte ich deiner Meinung nach suchen? Es wird keiner an meiner Tür klingeln.«

»Apropos klingeln«, entgegnet sie. »Wie schaut denn dein Briefträger aus? Wäre der vielleicht was für Traudl?«

Ich erinnere mich nicht, wie der Postbote aussieht, weil er mir schon ewig nicht mehr begegnet ist. Mich verfolgen keine Radfahrer, und Liebesbriefe schickt mir auch keiner.

»Hey, guck mal, wer uns da entgegenkommt!«, unterbricht sie meine Überlegungen.

»Wer?«

»Da vorne, der Typ auf dem ollen Fahrrad im weißen Maleroverall.«

Ein großer, kräftiger Mann etwa in unserem Alter radelt auf uns zu. Am Lenker baumelt ein blauer Eimer, aus dem einige Pinsel ragen.

»Oh, ein Prinz, als Maler verkleidet. Vielleicht sucht er eine leere Wand, um darauf ein Luftschloss für seine Prinzessin zu pinseln«, kommentiere ich. »Den rostigen Drahtesel denken wir uns einfach als edles weißes Pferd.«

Sie winkt ihm mit beiden Armen zu. »Quatsch, das ist doch Karl.«

Schon hält er vor uns an. »Zwei schöne Münchnerinnen, direkt aus der Galerie des Königs entlaufen. Wohin des Wegs, edle Frauen?« Umständlich steigt er vom Rad.

»Shoppen«, lacht Biggi ihn an. Und zu mir: »Erinnerst du dich an meinen Bruder?«

»Selbstverständlich«, antworte ich. »Auch wenn unser letztes Zusammentreffen ewig her sein muss.«

»Stimmt«, antwortet Karl, wischt sich die farbverklecksten Hände am genauso verschmierten Overall ab und reicht sie mir. »Ich erinnere mich an eine Begegnung im Kindergarten, als ich Biggis Sohn abgeholt habe. Aber du hast dich überhaupt nicht verändert, Paula. Wie geht’s dem reichen Zuckerbäcker?«

Mit Zuckerbäcker ist mein Ex-Mann Herbert Wertheim gemeint, Konditor, Bäckermeister und Inhaber jener Großbäckerei, die mir schnurzpiepegal ist. Jedenfalls so lange, bis mich jemand danach fragt. Herbert verdränge ich schnell aus meinen Gedanken, an die Begegnung mit Karl erinnere ich mich gern. Ihm dagegen scheint entfallen zu sein, dass er unser altes Ladengeschäft ausgeweißelt hat, als es mit seiner Kunst nicht so gut lief. »Alter Schmeichler …« Lächelnd ergreife ich seine Hand. »Ich bin seit einem Jahr geschieden. Aber du … derselbe Charmeur wie eh und je.«

Dass er mindestens zwanzig Kilo zugelegt hat, weshalb ich ihn nicht sofort erkannt habe, lasse ich unkommentiert. Sein ehemals dunkelblondes Haar ist fast weiß geworden und extrem kurz geschnitten. Auf seiner kräftigen Nase sitzt eine randlose Brille, die ihm einen seriösen Touch verleiht. Nur seine türkisblauen Augen sprühen im späten Sonnenlicht genauso vor Energie, wie ich sie in Erinnerung habe.

»So, so, geschieden!« Er blinzelt mir keck zu. »Dann stehen die Verehrer wohl Schlange vor deiner Tür?«

Ach, tut das gut, seufze ich still. Ganz egal, ob seine Komplimente ernst gemeint oder nur so dahin gesagt sind. Es muss Lichtjahre her sein, dass zuletzt ein Mann so freundlich zu mir war. Geschweige denn, mit mir geflirtet hätte. »Konnte noch keinen entdecken«, antworte ich fröhlich. »Vielleicht verstecken sie sich alle im Hinterhof.«

Karl hebt seinen Arm, um seine Muskel zu demonstrieren. »Wenn du einen Beschützer oder männlichen Beistand brauchst, jederzeit.«

»Paula, ich hab ’ne tolle Idee!« Biggi verpasst mir einen übermütigen Schubs in die Seite. »Karl könnte dich doch begleiten!«

2

Biggis Vorschlag lässt mich Karl stumm anstarren, als wäre er tatsächlich mein Traumprinz auf einem prächtigen Pferd.

Er wiederum blinzelt vergnügt. Anscheinend hält er meinen Blick für Flirtalarm. »Wohin auch immer, schönste Paula. Ich bin zu jeder Schandtat bereit. Hauptsache, es gibt etwas zu essen und zu trinken, dann begleite ich dich auch in die nächste Galaxie. Ich habe nämlich den ganzen Tag auf dem Bau geackert wie ein Muli und sterbe vor Hunger.«

Biggis großer Bruder ist Kunstmaler und von gewöhnlichen Baustellen so weit weg wie ich von der Gründung eines Puffs. Leider hat er trotz seines Talents nie den Durchbruch geschafft mit seinen Werken. Deshalb übernimmt er kleine Nebenjobs, wie unseren damaligen Bäckerladen auszuweißeln oder für Filmproduktionen Kulissen zu gestalten. Wegen seiner Schnelligkeit wurde er in der Branche scherzhaft Salvatore Dalli genannt. Scheinbar ist diese Geldquelle versiegt.

»Hast du der Filmbranche den Rücken gekehrt?«, frage ich neugierig.

Karl lässt sich auf der Querstange seines altersschwachen Fahrrads nieder und überkreuzt die Beine. »Zwangsweise«, antwortet er. »Niemand braucht heute noch reale Kulissen, das wird inzwischen alles per Computer, Blue Box oder was auch immer simuliert. Im Moment bessere ich eine desolate Stuckdecke aus, hier ganz in der Nähe. Saumäßig anstrengend dieses Überkopfarbeiten. Meine Arme fühlen sich an, als hätte ich den ganzen Tag Bierkisten in die fünfte Etage geschleppt. Ich spüre meine zweiundsechzig Lenze bei jeder Bewegung.« Demonstrativ lässt er seine Arme fallen und den Oberkörper einsinken wie eine Marionette, deren Spieler die Fäden loslässt.

»Sobald ich zu Hause bin, koche ich dir Nudeln alla puttanesca«, verkündet Biggi fürsorglich. »Damit du wieder zu Kräften kommst.«

Karl blickt irritiert zwischen seiner Schwester und mir hin und her. »Du weißt, ich liebe Hurennudeln, aber vor zwei Minuten sollte ich doch Paula begleiten. Wohin eigentlich?« Er mustert mich gespannt. »Und vor allem, was wird da Feines serviert?«

»Zur Verlobungsfeier meines Sohnes. Die Speisekarte kenne ich leider noch nicht«, antworte ich.

Je länger ich darüber nachdenke, umso besser gefällt mir Biggis Vorschlag. Karl ist ein attraktiver Mann, hat Charme und er bringt mich zum Lachen. Er ist kein Fremder, auch für Benny nicht. Mit Karl an meiner Seite könnte der Abend sogar richtig amüsant werden. Seine paar Kilo zu viel auf den Rippen stören mich überhaupt nicht, die habe ich selbst auch.

»Na so was!« Karl klopft sich lachend auf die Schenkel. »Der kleine Benny? Ich glaub’s ja nicht. Kaum die Pampers losgeworden, will er heiraten und selbst kleine Windelkacker in die Welt setzen. Mannomann, wie schnell die Zeit vergeht.« Nachdenklich kratzt er sich am Kopf. »Aber ich versteh nicht, wieso brauchst du Begleitung? Du hast doch wohl keine Angst vor deiner eigenen Familie?« Er lacht, als wäre das vollkommen absurd.

»Natürlich nicht«, versichere ich. »Aber mir passt …« Ich suche nach einer netten Bezeichnung für die Neue an Herberts Seite. »Der Familienzuwachs gefällt mir nicht.«

»Zuwachs?«, wiederholt Karl.

»Die neue Schnepfe vom Zuckerbäcker, für die er sich von Paula hat scheiden lassen«, erklärt Biggi. »Du kannst dir sicher vorstellen, dass es kein Vergnügen ist, mit einer wesentlich jüngeren Nachfolgerin an einem Tisch zu sitzen. Noch dazu bei solch einer Gelegenheit. Deshalb habe ich Paula vorgeschlagen, sich an eine Begleitagentur zu wenden und für den Abend einen Aushilfsmann zu engagieren.«

Auf Karls Gesicht erscheint ein verschmitztes Grinsen, als kapiere er langsam die Situation in vollem Umfang. »Such nicht weiter, schönste Paula, in mir hast du den perfekten Ersatzmann gefunden. Ich kann dir sogar Referenzen bieten: habe einige Sommer als Gentleman-Host auf Kreuzfahrtschiffen gejobt! Ich war ein beliebter Tänzer bei den alleinreisenden Ladys. Für heute Abend müsste ich mich allerdings noch umziehen. In diesen Klamotten kannst du keinen Staat mit mir machen. Könnte aber eine Weile dauern, alter Mann ist kein D-Zug.«

»Keine Eile, Karl«, entgegne ich. »Die Verlobung findet erst nächsten Samstag statt, also heute in einer Woche.«

»Oooch, also doch Puttanesca.« Karl zieht die Brauen zusammen, als wären die Gerichte seiner Schwester ungenießbar. Dabei kocht sie prima. Um Längen besser als ich, die ich wegen der Firma nie genug Zeit hatte. An leckeren Broten oder Sandwiches unserer Firma konnten sich die Kinder natürlich satt essen. Ansonsten waren hübsch garnierte Tiefkühlprodukte meine Spezialität. Aufgetaut und zubereitet, versteht sich.

»Ich bin nicht scharf darauf, mich an den Herd zu stellen«, kommentiert Biggi seine versteckte Kritik. »Warum kehrst du nicht ins nächste Wirtshaus ein, zu einem Seniorensparmenü, alter Mann? Dann kann ich in Ruhe mit Paula ein neues Outfit besorgen.«

»Mach dir keine Gedanken um mich, ich komme schon zurecht«, sagt Karl und blickt mich verunsichert an. »Die Feier soll wohl in gehobenem Rahmen stattfinden?«

»Wieso fragst du?«

»Na ja, wenn du dich neu ausstaffieren willst. In diesem Fall wirst du leider auf meine Begleitung verzichten müssen.«

»Aber warum denn?«, frage ich erstaunt.

»Äh … weil …«, stottert er.

Irre ich mich, oder ist es ihm peinlich, mir den Grund zu verraten?

»Da bin ich aber auch neugierig«, mischt sich Biggi ein.

Er holt tief Luft, bevor er antwortet. »Weil ich  … keinen passablen Anzug besitze … Der einzige, der mir noch passt, ist der Maleranzug.« Er klopft sich demonstrativ auf den Bauch. »Seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, Paula, pro Jahr ein Kilo mehr, macht zwanzig.«

»Ach was, du bist eben stattlich«, winke ich ab. »Ein richtiger Mann muss einen Schatten werfen«, füge ich noch als plausible Bestätigung hinzu.

»Hahaha«, lacht Karl erleichtert. »Sehr charmant, Paula, vielen Dank. Leider ist damit das Problem nicht aus der Welt. In meinem Schrank hängt zwar eine dunkelblaue Hose, die nicht am Bauch spannt und ganz ordentlich sitzt, aber kein anständiges Sakko, das ich dazu tragen könnte.«

Ich seufze unauffällig. Am liebsten würde ich losheulen. Da läuft mir der ideale Aushilfsmann über den Weg und dann hat er nichts anzuziehen. Das ist doch sonst immer nur ein Frauending. Muss ich doch alleine bei der Verlobung antanzen und mich abschätzigen Blondinenblicken stellen? Es sei denn, Karl schafft sich einen neuen Anzug an. Die Hoffnung streiche ich sofort wieder. Ich weiß, dass er Biggi mit durchfüttert, und an lukrativen Aufträgen scheint es im Moment zu mangeln. Warum würde er sonst auf einer Baustelle arbeiten? Beim nächsten Atemzug kommt mir der rettende Blitzgedanke.

»Kein Problem, Karl, ich spendiere dir einen neuen Anzug plus Schuhen und was du sonst noch benötigst!«

Er mustert mich, als sei ich übergeschnappt. »Auf gar keinen …«

»Warte, bevor du ablehnst«, unterbreche ich ihn. »Wurdest du auf dem Kreuzfahrtschiff bezahlt?«

»Nein, nicht direkt«, antwortet er. »Es gab Trinkgelder, Kabine und Verpflegung waren natürlich frei. Also kostenloser Urlaub auf einem Traumschiff.«

»Kostenloser Traumschiff-Urlaub ist Bezahlung«, trumpfe ich auf. »Und wenn du mich nächste Woche begleitest, bekommst du dafür eben eine Aushilfsmann-Uniform. Das läuft sozusagen unter Berufskleidung.«

Karl grinst mich an. »Hmm. Unter dieser Prämisse bin ich mit dem Deal einverstanden. Nur eine winzige Einschränkung.«

»Alles, was du willst, Karl, solange du nur mitkommst.«

»Ich hasse Krawatten. Mit so einem Kulturstrick um den Hals bekomme ich Platzangst«, erklärt er.

Ich atme erleichtert auf. »Wenn’s weiter nichts ist, dann lass uns Anfang nächster Woche treffen. Wann hast du mal ein paar Stunden Zeit?«

Karls Gesichtsausdruck verdüstert sich. »An keinem einzigen Tag, nicht eine Minute. Die Stuckdecke muss bis Freitagabend fertig werden, Samstag ist Eröffnung. Im Moment sieht es aber leider so aus, als bräuchte ich eher zwei Wochen.«

»Wie wär’s dann mit jetzt sofort?«, fragt Biggi. »Die Läden haben bis zwanzig Uhr geöffnet.«

»Hmm  …« Karl lässt den Kopf sinken und mustert sein verkleckertes Maleroutfit. »Verschwitzt wie ich bin, kann ich unmöglich neue Klamotten anprobieren. Ich muss erst unter die Dusche … und da wäre noch eine Winzigkeit …«

Biggi und ich sehen ihn gespannt an.

»Ach nichts«, winkt er dann ab. »Wo treffe ich euch?«

»Bei ›Lodenfrey‹«, antworte ich. »Kennst du, oder? Dort bekommen wir was Schickes für dich und für mich.«

Karl nickt. »Wenn der Laden nicht umgezogen ist, bei den Fünf Höfen, oder?«

»Ja«, bestätige ich. »Wie wär’s, wenn wir uns dort in einer Stunde treffen?«

Er überlegt einen Moment. »Ins Lehel zu meinem Atelier brauche ich mit dem Rad nur ein paar Minuten … duschen … umziehen, losradeln  … ja, wenn ich mich beeile, könnte es klappen.« Er steigt auf sein Stahlross, winkt uns im Davonfahren zu und ruft: »Biggi hat meine Handynummer.«

Auf dem Weg zu dem alteingesessenen Modehaus hake ich meine Freundin unter. »Dass wir ausgerechnet deinem Bruder begegnet sind, nenne ich mal einen glücklichen Zufall.«

»Nichts geschieht ohne einen Sinn«, doziert Biggi. »Wir alle stehen unter dem Schutz des Universums, das über uns wacht und uns aus jeder Not befreit.«

»Amen!«, entgegne ich lachend, wie immer, wenn sie die Esoterikerin heraushängen lässt. Dass sie nach der Jamaika-Pleite für mindestens drei Ewigkeiten stocksauer aufs Universum sein müsste, scheint sie nicht registriert oder verdrängt zu haben.

»Amen!«, wiederholt Biggi, die nie eingeschnappt ist, wenn man sie veralbert. »Aber ich glaube tatsächlich nicht an Zufälle. Das Universum hat uns Karl über den Weg geschickt.«

»Wer auch immer: Vielen Dank dafür«, entgegne ich und denke im Stillen, dass ein Münchner keines Universums bedarf. Hier trifft man ständig Bekannte oder Freunde, weil es eben doch nur ein großes Dorf ist.

Ein Shoppingausflug zu »Lodenfrey« ist leider kein billiges Vergnügen. Deshalb umgehe ich dieses exklusive Modehaus auf einer normalen Einkaufstour. Aber manchmal muss es eben etwas Besonderes sein. Zumal man hier am ehesten etwas Stilvolles in XL findet. Dafür investiere ich gerne ein paar Euro mehr. Obendrein wird der Kunde mit einem überaus kompetenten Service verwöhnt. In anderen Häusern kann man sich schon glücklich schätzen, wenn die Kassiererin sich zu einem gnädigen Dankeschön herablässt. Ich jedenfalls gerate regelmäßig an eine, die mit der Kollegin ganz dringend die Pausenzeiten besprechen muss. Die dumme Kundin kann warten. Oder ich gerate an ein Knochengestell, die mich mitleidig mustert, weil ich ganz offensichtlich immer noch Kalorien zu mir nehme. Nein, hier wird auch der Moppel von aufmerksamen, freundlichen Fachkräften bedient, die den Unterschied zwischen Seide und Synthetik noch kennen. Ganz zu schweigen von den geräumigen Umkleidekabinen, deren schmeichelnde Beleuchtung einen nicht um noch mal zehn Kilo fetter und mit mehr Orangenhaut als eine Kiste Apfelsinen erscheinen lässt.

Über den dunkelroten Teppich schreiten wir die Treppe hoch in die erste Etage zu den Damenmoden. Eine Weile schlendern wir unschlüssig an den Abend- und Partykleidern vorbei. Seit meiner Scheidung vor einem Jahr war ich nicht mehr shoppen –  als Speckrollenmonster macht es keinen Spaß –, weshalb ich auch keine Ahnung habe, was grade so en vogue ist. Biggi ist nach ihrem langen Inselaufenthalt auch nur bikinitechnisch modisch auf dem Laufenden.

Ich erspähe eine Verkäuferin in unserem Alter, die sofort auf meinen Augenkontakt reagiert und herbeieilt.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt sie lächelnd.

»Sehr gerne.« Bevor ich weitersprechen kann, ergreift Biggi das Wort.

»Meine Freundin braucht etwas richtig Aufregendes für eine wichtige Feier. Aber bitte kein kleines Schwarzes. Braun interessiert uns auch nicht.«

Auf dem Gesicht der freundlichen Verkäuferin erscheint ein feines Schmunzeln. »Ich denke, es wird sich etwas Passendes finden lassen.« Sie mustert kurz meine Figur, ohne sich anmerken zu lassen, ob ihr mein schlichtes braunes Kleid missfällt. »Größe achtunddreißig?«

Das ist »Lodenfrey«! Hier fühlt man sich sofort schlanker, schöner, jünger. Und überhaupt nicht grauhaarig.

»Sehr freundlich«, grinse ich geschmeichelt. »Leider nur noch die Schuhgröße. Sonst eher vierzig bis zweiundvierzig.«

»Bitte, hier entlang«, sagt sie, dirigiert uns zu den Umkleidekabinen. »Ich bin in wenigen Minuten zurück.«

Das erste Modell – zu eng. Trotz der Größe zweiundvierzig! Unwillkürlich fällt mir das Märchen mit dem sprechenden Spiegel ein. Wie gut, dass die Zeiten längst vorbei sind, sonst würde der mir sagen, dass ich aussehe wie eine aufgeplatzte Weißwurst.

Daran ist nur dieses verdammte Gen schuld, das zum Kühlschrank-Geh’n. Trotzdem beschließe ich in diesem traumatischen Moment, unbedingt etwas dagegen zu tun. Zum Beispiel auf Erdnüsse verzichten. Die machen ja so wahnsinnig dick. In Zukunft werden Walnüsse gegessen. Walken wäre auch eine Möglichkeit. Der Englische Garten liegt ja fast vor meiner Tür. Ein flotter Spaziergang an der frischen Luft verbraucht doch Millionen von Kalorien. Gute Idee, klopfe ich mir selbst auf die Schulter. Morgen ist Sonntag, da habe ich nichts weiter vor, dann werde ich beginnen. Sofort nach dem Aufstehen. Noch auf nüchternen Magen!

Motiviert und gleich viel weniger frustriert quetsche ich mich in das nächste Kleid: Größe vierundvierzig! Sieht ganz danach aus, als müsste ich die Walnüsse auch streichen. Eine gute Stunde später habe ich unzählige Kleider in diversen Farben anprobiert. Mein Traumkleid war nicht dabei.

»Wie wäre es, wenn wir den Stil wechseln?«, fragt die unermüdliche Verkäuferin kurz vor Ladenschluss. »Manchmal sollte man etwas wagen.«

»Ja, warum nicht«, antworte ich wild entschlossen, nicht ohne das absolute Hinguckerkleid nach Hause zu gehen.

Kurz darauf ist sie zurück und hält mir ein schmales Kleid entgegen. »Das Allerneueste. Damit würden Sie bestimmt Aufsehen erregen und es wäre wunderschön zu Ihrer Haarfarbe.«

»Das ist es!«, flüstert Biggi aufgeregt, als ich mich damit vor dem Spiegel drehe.

»Das ist es!«, wiederhole ich begeistert von dem leicht asiatischen Look. Leuchtend gelber Seidentaft, bestickt mit weißen Apfelblüten, kleine Ärmel, seitlicher Rockschlitz und statt des üblichen Stehkragens betont ein V-Ausschnitt das Dekolleté.

»Phantastisch!« Die Verkäuferin betrachtet mich zufrieden. »Es sitzt, wie für Sie gemacht. Der Sonnenscheintrend ist ultramodisch, lässt Ihre dunkelgrünen Augen strahlen. Als Schmuck würde ich dazu ein Paar schlichte Ohrringe empfehlen, und alle Gäste werden Sie bewundern.«

»Gekauft!«, hauche ich wunschlos glücklich. Ich kann kaum fassen, wie gut es mich kleidet, finde mich selbst schön und sogar um hundert Gramm schlanker. Dem Bäckermeister wird die Spucke wegbleiben. »Jetzt schnell in die zweite Etage zu den Anzügen. Hoffentlich taucht Karl bald auf, sonst wird’s knapp. Ein bisschen Zeit werden wir benötigen, um auch für ihn das Richtige zu finden.«

Während ich wieder in meine braune Pelle steige, versucht Biggi ihren Bruder auf dem Handy zu erreichen. Ohne Erfolg.

»Wo kann er denn sein?«, frage ich besorgt.

»Schätze, er ist bereits unterwegs und hat sein Telefon im Atelier vergessen«, beruhigt sie mich. »Das passiert ihm öfter. Typisch Künstler, mit den Gedanken ständig in weit entfernten Sphären.«

Die Verkäuferin nimmt mein Traumkleid entgegen. »Ich bringe es an die Hauptkasse«, sagt sie. »Und wenn ich einen Vorschlag machen darf: Falls Ihnen die Konfektionsgröße des Herren bekannt ist, könnten Sie eine Vorauswahl treffen und die Ware gegen Hinterlegung eines Schecks mitnehmen.«

»Biggi, welche Anzuggröße trägt dein Bruder?«, frage ich.

Sie zuckt mit den Schultern. »Keinen Schimmer. Ich weiß lediglich, wie groß Karl ist.«

»Kein Problem«, lächelt die Verkäuferin. »Ich rufe gerne einen Kollegen für Sie an, der Ihnen weiterhilft.«

Wie gesagt, Superservice!

Der Kollege entpuppt sich als extrem gutaussehender Mittdreißiger mit Sehnsuchtsblick, der mich an Jude Law erinnert. Ein Mann, der ohne Weiteres als Model arbeiten könnte und dem Frauen in unserem Alter jede Arroganz verzeihen würden. Aber er strahlt uns so herzlich an, als habe er den ganzen Tag auf zwei in seinen Augen bestimmt olle Schachteln wie uns gewartet.

»Guten Abend, die Damen. Freut mich, Sie beraten zu dürfen«, begrüßt er uns. »Was genau benötigt der Herr, Abend- oder Tagesanzug?«

»Eher einen saloppen Tagesanzug, in dem er aber auch auf einer Party eine gute Figur macht«, informiere ich ihn.

Biggi versucht mit großer Geste Karls Figur zu beschreiben. »Also, Körpergröße einsfünfundachtzig. Breite Schultern, etwas Bauch. In Kilo würde ich sagen …« Sie betrachtet den Verkäufer, als wolle sie vergleichen. »Er wiegt … Blöd, das kann ich gar nicht einschätzen.«

»Ist im Moment nicht so wichtig«, beruhigt uns der attraktive Berater. »Ich zeige Ihnen verschiedene Modelle, sollte eines davon gefallen, suchen wir nach der richtigen Größe, sobald der Herr eingetroffen ist. Falls Änderungen nötig sein sollten, unsere Schneiderei erledigt das in kürzester Zeit.«

Ich will noch anmerken, dass Karl fast weiße Haare hat, als mein Handy klingelt. Karl, denke ich erleichtert, doch dann fällt mir ein, dass er meine Telefonnummer gar nicht kennt. Auf dem Display sehe ich: Großbäckerei! Was will denn mein Ex-Mann von mir, knurre ich vor mich hin und bin versucht, den Anruf zu ignorieren. Was immer er für ein Problem hat, es ist nicht meines. Doch das anhaltende Klingeln nervt.

»Herbert, so eine Überraschung«, melde ich mich mit gespielter Freundlichkeit. »Ist der Mann an der Brezelmaschine ausgefallen?«

»Immer zu Scherzen aufgelegt, mein Scherzkeks!« Er lacht so übertrieben laut, dass ich mir einbilde, er stünde nur ein paar Meter weit entfernt.

Scherzkekse stellt die Großbäckerei »Wertheim« tatsächlich her. Hübsch verpackt in einer Geschenkbox, waren und sind sie der Renner des Trockengebäcksortiments. Die Idee dazu stammt von mir, weil Herbert mich so nannte. Solange wir verheiratet waren, fand ich das lustig. Inzwischen tut er es gelegentlich immer noch, und dann nervt es nur. Aber seine Marotte, Frauen wie Backwerk zu benennen, ist manchmal auch niedlich. Als unsere Tochter noch klein war, trug sie mit Vorliebe Rosa, und Herbert nannte sie mein kleines rosa Marzipantörtchen oder mein rosiges Zuckerkringelchen. Wie er seine Tusse nennt, interessiert mich allerdings nicht.

»Paula, wo bist du denn gerade?«, dröhnt Herberts Organ in mein Ohr.

Was soll das werden?, überlege ich genervt und antworte mit einer Gegenfrage: »Warum ist das wichtig?«

»Nicht wichtig, eher lustig«, lacht er polternd. »Dreh dich mal um.«

Natürlich ist mir piepegal, worüber sich mein Ex amüsiert, doch weil er immer noch so unrealistisch laut klingt, drehe ich mich um – und erstarre.

Herbert! Höchstpersönlich, am anderen Ende der Abteilung, bei den Lederjacken. Wie gesagt, im Millionendorf braucht man kein Universum. Da steht also mein Ex in voller Pracht seiner vierundsechzig Jahre – die man ihm nicht ansehen würde, wie er gerne behauptet. Ja, seit er zehn Kilo abgespeckt hat, sieht er tatsächlich um ein paar Stunden jünger aus, aber nur, solange er sich nicht in Begleitung meiner Nachfolgerin befindet. Eine siebenundzwanzig Jahre jüngere Freundin am Arm lässt nämlich jeden Mann alt wirken, egal, wie sehr die Wampe geschrumpft ist. Über derart große Altersunterschiede täuscht weder eine jugendlich modische Jeans noch ein rosa Polo-Shirt und auch keine verspiegelte Pilotenbrille hinweg.

»Wähle du schon mal ein paar Anzüge aus«, bitte ich Biggi und laufe meinem Ex entgegen, um ein Zusammentreffen mit Karl zu vermeiden.

Herbert schiebt die coole Brille ins schüttere Fronthaar und mustert mich eingehend, als hätten wir uns ewig nicht gesehen. Dabei ist es keine drei Wochen her, dass ich ihm bei einer personellen Neueinstellung behilflich war.

»Es stimmt also doch?« Er schenkt mir ein anzügliches Grinsen.

»Was?«

»Wenn du dich in der Herrenabteilung rumtreibst, muss es einen neuen Mann in deinem Leben geben. Benny hat mir berichtet, du würdest ihn am Samstag mitbringen. Wo ist er?« Neugierig blickt er sich nach allen Seiten um. »In der Kabine?«

Mist. Wenn Karl ausgerechnet jetzt daherkommt, wird es nichts mit meinem großen Überraschungsauftritt am Samstag. Da hilft nur ein Ablenkungsmanöver in Richtung junge Geliebte. Im Krieg und in der Liebe wird scharf geschossen, oder so ähnlich.

»Grüß dich, liebe Pääämela«, schieße ich deshalb eine honigsüße Salve auf sie ab und strecke ihr beide Arme entgegen, als wäre sie meine engste Busenfreundin. »Du schaust umwerfend aus. Rattenscharf dein … ähm … Look.«

Wobei rattenscharf nicht zutrifft. Sie sieht einfach nur verdammt hübsch aus, in dem weißen Shirt und den roten Turnschuhen, die sie zu einer hellblauen Jeans trägt. Eine von der Sorte, die auf der Hüfte sitzen und für die eine perfekte Figur ohne jegliches Speckröllchen vonnöten ist. Die einen kleinen Po und superlange Beine erfordern. Und die Frauen wie mich ins tiefe Tal der Tränen schicken, weil wir vorgeführt bekommen, dass wir nie! – nie! – nie! wieder so aussehen werden, selbst wenn wir für den Rest unserer Tage eine strikte Null-Diät einhalten.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Liebe verlernt man nicht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen