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Liebe hoch 5

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

Vorwort 

Adriana Popescu – Polar-Express 

Katrin Koppold – Glühwürmchen im Bauch 

Ivonne Keller – Irinas Versprechen 

Katelyn Faith – Die Nacht der Ringe 

Nikola Hotel – Luzies Überredung 

Über die Autorinnen 

Buchempfehlungen 

1. Auflage 2013
Vollständigen E-Book-Ausgabe

ca. 156 Taschenbuchseiten

© der einzelnen Beiträge 2013 bei den Autoren
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit

Genehmigung der jeweiligen Autoren wiedergegeben werden.

Cover-Gestaltung: ad. Grafik Design
www.annadavis.de
Cover-Bild: © gubh83 (Fotolia)
Satz: Nikola Hotel 

Vorwort

 

 

 

Liebe hat viele Facetten. Sie kommt mit Humor oder Drama, mit dem gewissen Prickeln oder mit heiterer Hoffnung daher. So wie diese fünf sehr unterschiedlichen Liebesgeschichten, die wir für euch geschrieben haben.

 

Wir wünschen gute Unterhaltung!

Die Autorinnen

Adriana Popescu – Polar-Express

 

 

 

»Hannah, das kannst du nicht machen!« 

Erneut drücke ich auf die Klingel neben dem Namensschild Schwarzbeck/Polar und hoffe, dass sie diesmal nachgibt. Von mir aus darf sie sauer sein. Genervt. Ja sogar wütend – aber sie soll endlich diese verdammte Tür öffnen! 

»HANNAH!«

Dauerklingeln, wie früher, als man im Kindesalter die Nachbarn nerven wollte. Aber irgendwann erstirbt das Klingeln. Mist! Sie hat sie ausgeschaltet. Vor zwei Wochen hatte sie ganz unauffällig gefragt, wo man noch mal die Klingel ausschalten könnte … Und ich Idiot habe es ihr selbstverständlich gezeigt. Das Handy hat sie natürlich auch schon längst ausgeschaltet. Ach was, vermutlich hat sie sich letzte Woche eine neue Nummer zukommen lassen. Jetzt stehe ich vor unserer Haustür, zu der mein Schlüssel nicht mehr passt, und drücke auf die Klingel neben dem Schild mit unseren Namen – und es passiert nichts. Meine Freundin geht nicht an ihr Handy und hat mich auf eine sehr uncharmante Weise vor die Tür gesetzt.

Neben mir stehen drei Kartons, meine Sporttasche, mein Kulturbeutel, mein Plattenspieler, die Ski-Schuhe und mein Surfbrett. Mit anderen Worten: alles, was mir gehört. Nur unseren Kater – also meinen Kater – den sehe ich nicht. Natürlich nicht. Oscar will sie behalten. Oscar, der mich sowieso nicht gemocht und immer in meine Schuhe gepinkelt hat.

Es ist der 24. Dezember, ich trage ein Weihnachtsmannkostüm und meine Freundin hat sich nicht nur von mir getrennt, sondern sie hat mich regelrecht aus ihrem Leben geschnitten. Einfach so. Und ob ihr das jetzt glauben wollt oder nicht, das war noch nicht das Schlimmste, was mir heute schon passiert ist. Aber dazu später.

 

»Ja, hallo Hannah, ich bin es noch mal. Ben. Ich wollte nur sagen …«

Was genau will ich ihr noch mal sagen? Dass sie mich bitte zurück in die Wohnung lassen soll und mir eine zweite – okay, vierte! – Chance geben soll? Das könnte ich versuchen, aber es würde nicht ehrlich klingen. Nein, so richtig böse bin ich ihr nicht. Klar, ich hätte auch noch zwei Monate (oder so) mit ihr in der Wohnung leben können. Vermutlich sogar zwei Jahre. Aber eine kleine Warnung wäre eine nette Geste gewesen. Vor allem nach einer so langen Zeit. Drei Jahre war Hannah jetzt die Frau an meiner Seite. Da könnte man doch eine SMS erwarten. Sowas wie: »Ben, es geht nicht mehr.« Oder: »Ben, du hast 2 Tage, um auszuziehen.« Aber was will ich ihr nun sagen?

» … dass du ein herzloses Miststück bist! An Weihnachten! Das ist echt zum Kotzen!«

Damit beende ich etwas aufgebracht meinen Spruch auf ihrer Mailbox und hieve den nächsten Karton in den Kofferraum des Mitsubishi L300, meines geliebten Kleintransporters und Traumwagens. Ein Glück haben wir dieses Jahr keine weißen Weihnachten, das hätte mir nun wirklich noch gefehlt. Die fast schon frühlingshaften Temperaturen lassen mich unter dem Polyesterkostüm schwitzen. Außerdem kratzt der Rauschebart, den ich ebenfalls noch immer trage. Scheiß Weihnachten! Das steht auch jetzt schon fest. 

»Schau mal, Mama! Frag doch den Weihnachtsmann!«

Eine Kinderstimme ertönt irgendwo hinter mir auf der Straße und reflexartig ziehe ich den Bart wieder in eine ordentliche Position. Als ob das noch irgendwas retten würde. Ich bin kein guter Weihnachtsmann und die meisten Kinder haben das sofort entdeckt. Leider.

»Lara, das ist kein echter Weihnachtsmann.«

Okay, vielleicht erkennen es auch nur die Mütter. Ein bisschen fühle ich mich in meinem Stolz verletzt und drehe mich langsam um. Der dicke Stoffbauch lässt mich älter wirken als ich bin, und auch wenn ich mit meiner Interpretation von Santa keinen Oscar gewinnen werde, lege ich mich ins Zeug.

»Ho-ho-ho, wer wird denn gleich sowas sagen?«

Ich nenne es meine »Ho-ho-ho-Stimme« und zeige ein Lächeln, irgendwo unter diesem Ungetüm von einem Kunstbart, der den Großteil meines Gesichts verdeckt. Eine junge Frau steht mit ihrer kleinen Tochter an der Hand vor mir und sieht mich skeptisch an. Klar. Wir beide wissen, ich bin nicht Santa. Aber müssen wir der Tochter den Weihnachtsspaß ruinieren, nur weil wir einen miesen Tag hatten?

»Frag ihn, Mama!«

Das kleine Mädchen, vielleicht sechs Jahre, sieht ihre Mutter aus großen blauen Augen an und lächelt. Ihr fehlen zwei Zähne oben, so wie bei Felix auch.

»Lara, der Mann ist nicht …«

»Frag ihn!«

Wer kann Kinderaugen schon widerstehen? Und so dreht sich die junge Frau zu mir und sieht mich an. Alles in ihrem Blick verrät, was sie wirklich über mich denkt. Ein Kerl, der im Weihnachtsmannkostüm einen Mitsubishi-Bus einräumt und bemüht lässig an seinem Surfbrett lehnt. Zu viele Details untergraben die Authentizität meines Auftritts.

»Lieber Weihnachtsmann … könntest du … das ist doch bescheuert!«

Oha. Sie scheint wirklich keinen besonders guten Tag zu haben. Lange braune Haare, braune Augen und ein zierliches Gesicht, das etwas übermüdet aussieht. Die Kleine zupft an ihrem Ärmel, will sie offenbar motivieren. Diese Situation ist etwas schräg – um es untertrieben auszudrücken. Eigentlich könnte es mir auch egal sein, was diese Frau für ein Problem hat, und wieso sie mich so ansieht, wie sie mich ansieht. Aber das kleine Mädchen, Lara, sieht mich aus ihren Knopfaugen an. Dabei scheint sie von mir so etwas wie die allgemeingültige Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Universums zu erwarten.

»Kannst du machen, dass Papa da ist?«

Wenn Kinder solche Fragen stellen, dann weiß man sofort: Irgendwas ist da wohl im Familiengeflecht nicht so ganz okay. Mama hat braune Augen, Lara blaue. Ergo: Papa hat blaue Augen und Papa ist nicht da. Autounfall? Krankheit? Tod? Zu viele Daily-Soap-taugliche Schicksalsschläge zischen durch mein Gehirn, vermutlich verliere ich irgendwann an diesem Abend meinen Verstand. Es ist nicht die Frage an sich, es ist die Menge an Hoffnung, die Lara in die Frage steckt. Noch ein Kind, das ich heute enttäuschen werde. Langsam gehe ich vor ihr in die Hocke.

»Wo ist der Papa denn?«

»Der ist einfach nicht gekommen.«

Und dann kullert eine Träne über ihre Wange und ich hasse mein Kostüm. Würde ich es nicht noch immer tragen, wären diese beiden einfach an mir vorbeigegangen. Aber jetzt habe ich eine wütende Mutter und ein weinendes Kind hier. Dabei bin ich gerade vor die Tür gesetzt worden!

»Dabei hat er es versprochen.«

Ja. So ist das manchmal. Vatersein ist nicht immer leicht. Er hatte bestimmt seine Gründe, die ein kleines Mädchen nur noch nicht verstehen kann. So ist das doch immer. Aber ein Blick nach oben zu der Mutter, die ebenfalls mit den Tränen kämpft, scheint ein anderes Bild zu zeichnen. Ich stehe wieder auf und sehe sie an.

»Wo ist er denn?«

Als ob das etwas ändern würde. Oder mich auch nur im Geringsten etwas angehen würde.

»Er ist in Stuttgart. Hat den Zug wohl verpasst …«

Das ist die Version, die der Tochter erzählt werden soll, denn sie verdreht dabei die Augen. Offenbar scheint er nicht der zuverlässigste Vater zu sein. Ich nicke, als würde ich verstehen. Dabei verstehe ich gar nichts. Ich verstehe nicht, wieso Hannah die Notbremse gezogen hat, ich verstehe nicht, wieso ich noch immer dieses Kostüm trage – nach all dem Drama – und ich verstehe nicht, wieso mich die Geschichte dieser Frau interessiert.

– sie stürzt an mir vorbei ins Innere der Tankstelle,»Das tut mir sehr leid.«

Es ist ernst gemeint, klingt aber irgendwie wie eine Floskel, die man in so einer Situation eben so sagt.

»Klar. Komm, Lara, lass uns gehen.«

»Warte!«

Spätestens jetzt muss ich wie ein gestörter Triebtäter wirken. Aber wenn das Weihnachtsfest der kleinen Lara schon vermiest wurde, dann hat sie doch zumindest ein Trostpflaster verdient. Irgendwo in meinem Bus liegt noch der Sack mit den Geschenken für die Kinder: billige Stofftiere, die beim letzten Jahrmarkt keinen Abnehmer gefunden haben und Spielzeugautos, bei denen sich mindestens ein Rad nicht mehr bewegen lässt. Ich greife ins Innere und ziehe einen hellblauen Plüschhasen hervor. Ein Hase zu Weihnachten. Naja …

»Hier, für dich. Ist nicht der Papa, aber ein kleines Geschenk. Frohe Weihnachten!«

Etwas unsicher sehe ich zwischen Mutter und Tochter hin und her. Das ist eine mehr als alberne Geste. Und der Hase ist vermutlich in einer nicht angemeldeten pakistanischen Fabrik aus gesundheitsschädlichen Stoffen hergestellt worden.

Nachdem die junge Frau nickt, nimmt Lara den Hasen und schenkt mir ein schüchternes Lächeln. Mehr kann ich leider nicht für die beiden tun. Auch wenn ich es gerne würde.

»Danke.«

»Nicht dafür.«

Während sie die Straße entlang weitergehen, räume ich den nächsten Karton in den Bus und frage mich, was Felix sich wohl zu Weihnachten wünscht. Und ob ich in diesen Wünschen auch nur die geringste Rolle spiele.

 

»Hey Axel! Lange nicht mehr gehört … ja also … Nee, klar … Ach … Amsterdam, ja? Cool! … Aha. Aha. … Hm. … Ja. Nee, wollte nur frohe Weihnachten wünschen. … Ja. Ciao.«
 

»Hannes, alte Hütte! Na, was macht das Leben? … Ja … cool … Du sag mal, könnte ich vielleicht ein paar Tage bei dir pennen? … Jaja. Bin ausgezogen … Aha … Hm. Klar … Nein, kein Ding!«

 

»Servus Marcel, mein Bester! Hör mal, frohe Weihnachten und so. Kann ich bei dir pennen? … Ach so … Klar … Grüße an alle.«

 

»Hannah, es ist echt frisch und ich habe keinen, bei dem ich pennen kann. Kann ich vielleicht erst nach den Feiertagen ausziehen? Ich entschuldige mich auch für die letzte Nachricht auf deiner Mailbox. Also ich erwarte deinen Rückruf, ja?«

 

Soviel dazu. Ich habe also jetzt keinen Schlafplatz, keine Freundin, keinen Kater. Würde sagen: es läuft! Also mache ich das, was alle Menschen an Weihnachten tun: sich ein Festmahl gönnen. In meinem Fall ist das eine Currywurst an der Tankstelle, denn die meisten anderen Läden haben geschlossen. Nur der arme Tankwart und ich stehen zusammen an diesem Feiertag hier. Würde ja gerne behaupten, das schweißt uns zusammen oder es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft – aber als ich die Soße auf den Fußboden kleckere, bekomme ich dafür einen ordentlichen Anschiss. Somit ist das schon der zweite Mensch, der mich an Weihnachten nicht bei sich haben will. Trotzdem versuche ich das Beste aus der Situation zu machen.

»Sie wären jetzt auch sicher lieber woanders, oder?«

»Hm.«

Er antwortet knurrend und ich kaue erst mal ein weiteres Stück Wurst klein, bevor ich es noch mal versuche.

»Sie fragen sich bestimmt, wieso ich ein Weihnachtsmannkostüm trage, oder?«

»Nee.«

Okay. Sowas nennt man also Kurbelkommunikation. Ich kurbele wie verrückt und trotzdem kommt kein Gespräch zustande. Dabei hat man mir mal bescheinigt, dass Small Talk zu meinen absoluten Stärken zählen würde.

»Also, ich habe heute im Einkaufszentrum kleinen Menschen Weihnachtswünsche erfüllt.«

»Kleinen Menschen oder Kindern?«

Oh je, einer von der Sorte! Okay, vielleicht war meine Wortwahl nicht besonders gelungen, aber kann er sich denn nicht denken, was ich meine?

»Kindern.«

»Wieso sagen Sie dann nicht Kinder, sondern kleine Menschen? Das könnten nämlich auch Zwerge oder Liliputaner oder Kleinwüchsige sein. Sie wissen schon, diese Menschen, die man immer bei RTL in diesen Schicksalssendungen sieht.«

»Ich meine aber Kinder.«

»Sie haben aber nicht Kinder gesagt!«

»Ich wollte es bedeutungsschwanger klingen lassen.«

»Ist Ihnen aber nicht gelungen.«

»Das merke ich.«

»Wenn Sie als Weihnachtsmann genauso beschissen sind wie als Erzähler von langweiligen Geschichten, dann haben Sie keine Kinder glücklich gemacht. Oder?«

Nein, das habe ich vermutlich nicht. Zwei Kinder haben angefangen zu weinen, eines hat mich getreten – und das Kind, auf das es ankam, wollte gar nicht zu mir. Also zum Weihnachtsmann …

»Bin ja auch noch in der Ausbildung.«

»Quatsch. Sie stehen an einer Tankstelle an Heiligabend. Ich empfehle Ihnen eine Umschulung.«

»Ach ja?«

»Klar. Zum Weihnachtsmann taugen Sie nicht.«

Ehrlichkeit wird überbewertet. Alle sollen ehrlicher sein und sagen, was sie denken. Aber wenn sie es, wie dieser Tankwart, wirklich tun, dann wollen wir es nicht hören.

»Ich habe einem kleinen Mädchen einen Plüschhasen geschenkt.«

»Das ändert die Situation natürlich.«

Dabei lacht er. Er lacht so sehr, dass er sich schüttelt und sein dicker Bauch in der Latzhose tanzt. Obwohl er mich auslacht, muss ich fast mitlachen. Dabei würde ich am liebsten heulen. Und dann macht es irgendwie klick! Nein, wenn ich hier bleibe, dann werde ich kein guter Weihnachtsmann, und dieser Kerl wird recht behalten. Dann ist dieser Abend gelaufen. 

»Wissen Sie was? Ich werde jetzt da rausgehen und ein kleines Wunder vollbringen!«

Es klingt überzeugend, wie ich finde. Ein junger Mann, der seine Bestimmung gefunden und – überzeugt von diesem komplett bescheuerten Plan – eine Entscheidung getroffen hat. Ein Mann im Weihnachtsmannkostüm und ohne Wohnung: ich.

»Na, das will ich sehen!«

Der Kerl lacht noch immer, aber das stachelt mich an. Es ist Weihnachten. Das Fest der Liebe. Kinder sollten an den Weihnachtsmann glauben dürfen, ohne ihrer Traumvorstellung beraubt zu werden.

»Das werden Sie auch!«

Und während er mich weiter schallend auslacht, marschiere ich erhobenen Hauptes aus dieser Tür in Richtung meines Schicksals. Irgendwo da draußen liegt ein kleines Wunder, das auf seine Verwirklichung wartet. Dieses Wunder wird Kinderaugen zum Leuchten bringen, und sie werden mit offenen Mündern das eben Geschehene verarbeiten. Ja, ich werde … Was für einen Unsinn rede ich denn da? Ich kann doch nicht mal eine Beziehung retten. Ich kann keine Kinder zum Lachen oder Strahlen bringen. Ich bin, machen wir uns nichts vor, das Paradebeispiel einer Niete. Genau das bin ich und alles andere ist Quatsch. Wunder? Weihnachten? Bullshit! Es wird Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. In dem runden Spiegel über der Zapfsäule wird mein Anblick durch die Fischaugenoptik etwas verzerrt, aber ich bin, was ich bin. Kein Wunder, dass er nichts mit mir zu tun haben will. Peinlich genug, dass ich mich kostümieren muss, um ihn zu sehen. Und selbst als Weihnachtsmann mache ich eine erbärmliche Figur.

Ein kleiner VW Golf kommt ruckelnd auf die Tankstelle zu, doch bevor er die letzten Meter auf den Parkplatz schaffen kann, bleibt er genau in der Einfahrt stehen, gibt ein letztes Krächzen von sich und dann – passiert nichts mehr. Als hätte man einen antrabenden Elefanten mit einem gezielten Betäubungspfeil ausgeknockt. Naja, vielleicht auch eher einen Waschbären. Einen kurzen Moment bleibe ich stehen, um zu beobachten, was als nächstes passiert. Ein letztes heldenhaftes Aufbäumen? Nein. Nur die Fahrertür geht auf. Ich warte ab, wer aussteigt. Brauchen die Insassen Hilfe? Als ich einen Schritt auf den Wagen zu machen will, steigt eine Frau aus, die ich sofort erkenne. Sie kommt auf die beleuchtete Tankstelle zugerannt. Sie hingegen scheint mich nicht zu erkennen … oder sie will mich nicht erkennen. Wie oft trifft man einen busfahrenden Weihnachtsmann?

Ich winke, aber auch das hält sie nicht auf – sie stürzt an mir vorbei ins Innere der Tankstelle, wo sie wild gestikulierend mit dem Mann spricht, der mich vor einigen Minuten noch ausgelacht hat. Durch die Glasscheibe kann ich die beiden beobachten. Gelacht wird nicht, dafür gibt es Kopfschütteln, Gerede und Schulterzucken.

»Hallo.«

Man möchte meinen, als ausgewachsenen Mann sollte mich eine Mädchenstimme nicht so erschrecken. Aber zu meiner Verteidigung: Ich habe nicht damit gerechnet. Schon gar nicht abends auf einem Tankstellenparkplatz. Aber da steht sie, Lara, und lächelt mich an.

»Hallo, Kleines.«

Sie lächelt und zeigt wieder die unvollständige obere Zahnreihe. Süß. Kurz tut ihr Anblick irgendwo zwischen Rippenfell und Zwerchfell weh. Wie das Stechen nach einem Halbmarathon ohne Vorbereitung.

»Wir fahren zu Papa.«

Ich werfe einen Blick an ihr vorbei zum Golf, der noch immer wie abgeschossen dasteht, beide Türen geöffnet. Kein Licht. Keine Regung. Tot.

»Das ist doch super.«

Allerdings hoffe ich, der Plan war nicht, mit diesem Wagen zu fahren, denn das wird nichts mehr. Zumindest nicht mehr heute. Es sei denn, die Gelben Engel retten dieses erlegte Waschbären-Auto.

»Lara! Wieso bist du ausgestiegen?«

»Weil der Weihnachtsmann …«

»Das ist nicht der echte Weihnachts…«

Jetzt reicht es mir. Ja, ich bin nicht der echte, das hat sie ganz schnell und clever bemerkt. Aber muss das sein? 

»Hören Sie, ich mag für Sie vielleicht nicht der echte Weihnachtsmann sein, aber erleiden Sie körperliche Schmerzen, wenn Sie Ihre Tochter in dem Glauben lassen würden?« 

Okay, ganz so unhöflich wollte ich gar nicht klingen – aber es tut weh, das zu hören. Schon wieder. Nicht nur von ihr, sondern auch von …

»Wollen Sie mir erklären, wie ich mein Kind erziehen soll?«

Ihre Stimme hat einen zischenden und sehr gereizten Unterton angenommen. Obwohl wir nicht in einer Gewichtsklasse boxen würden, tippe ich darauf, dass sie mich im Ernstfall mit einem Stiefeltritt in die Weichteile außer Gefecht setzen könnte.

»Nein. Aber Kinder dürfen doch wohl noch etwas träumen!«

Damit nicke ich zu Lara, die zwischen ihrer Mutter und mir hin- und hersieht und ganz offenbar nicht versteht, worum sich diese Erwachsenen gerade streiten. Für sie ist die Sache offensichtlich: Ich bin der Weihnachtsmann und ihre Mama der Bad Cop, der mir Ärger machen will.

»Wenn Sie mal eigene Kinder haben, können Sie es ja besser machen.«

Damit nimmt sie Laras Hand und führt sie einige Schritte von mir weg. Sie ist wütend. Auf mich. Nicht, weil ich nicht der echte Weihnachtsmann bin, sondern weil ich ein Mann bin. Und vermutlich verflucht sie gerade alle Männer – und einen ganz besonders. So wie ich wütend bin auf sie, weil sie eine Frau ist, weil sie ihre Tochter bei sich hat – heute und auch sonst jeden Tag. Und weil sie nicht in einem Kleintransporter wohnen muss.

»Sie wollen nach Stuttgart, ja?«

»Ja.«

»Der Wagen macht wohl nicht mehr mit.«

»Gut erkannt, Sherlock.«

Während ich mit ihr rede, dreht sie sich nicht mal zu mir um, was mich noch wütender werden lässt. Meine Halsschlagader schwillt an und für gewöhnlich schreie ich dann. Aber ich schreie nicht vor Kindern. Das habe ich mir vor einer sehr langen Zeit abgewöhnt.

»Hören Sie …«

Es kostet mich viel Selbstkontrolle, meine Stimmlage normal klingen zu lassen und nicht zu brüllen.

»Wenn Sie eine Mitfahrgelegenheit brauchen, ich könnte Sie fahren.«

WAS ZUM TEUFEL SAGST DU DA? 

Das war nicht meine Stimme. Das waren auch nicht meine Gedanken. Das können sie gar nicht gewesen sein! Aber sie bleibt stehen und dreht sich zu mir um. Natürlich wird sie mich auslachen, mich vermutlich der Polizei melden. Oder verprügeln. Dieser Frau ist alles zuzutrauen. Ehrlich, dieser Blick gehört eigentlich in das Gesicht von Chuck Norris. 

»Wie bitte?«

Ja genau: »Wie bitte?« Was hast du dir dabei gedacht, Ben? Das ist doch totaler Unsinn und klingt nicht wie ein Weihnachtswunder, sondern wie eine billige Anmache eines Psychopathen auf einem Parkplatz. Wenn mir jetzt nicht die richtigen Worte einfallen, wird sie die Bullen rufen. Allerdings hätte ich dann zumindest ein Dach über den Kopf. 

»Ich weiß, wie es ist, wenn man an Weihnachten mit einem ganz bestimmten Menschen zusammensein will. Und ich weiß, wie weh es tut, wenn man das nicht sein kann.«

Mein Blick wandert zu Lara, die unbedingt bei ihrem Vater sein will. Das tut einerseits weh – und macht andererseits auch wieder Mut. Kinder können mit einer Wucht vermissen oder vergessen, aber genau das vergessen wir Erwachsenen nur manchmal.

»Sie wollten doch sowieso fahren. Rufen Sie jemanden an.«

»Was?«

Ich wühle meinen Geldbeutel aus meiner Hosentasche und suche nach meinem Personalausweis. Wie verzweifelt diese Aktion auch wirken mag, vielleicht kann ich doch etwas ändern. Wenn schon nicht in meinem, dann vielleicht in ihrem Leben.

»Hier. Mein Personalausweis. Lesen Sie meinen Namen. Mein Nummernschild. Egal. Ich bin kein Psycho. Aber Lara hat zumindest die Chance verdient, an Weihnachten bei ihrem Papa zu sein.«

Stille. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie (im nüchternen Zustand) so viel Blödsinn von mir gegeben, wie in den letzten drei Minuten. Der Stoffbauch, den ich noch immer unter dieser roten Kutte trage, liefert dabei die größte Zugabe in der großen Sich-lächerlich-machen-Vorstellung, die ich gerade gebe. Aber dann stiehlt sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht, als sie meinen Perso tatsächlich annimmt und einen Blick auf das relativ aktuelle Lichtbild wirft. Dort trage ich meine braunen Haare ein kleines bisschen länger als im Moment, bin unrasiert und durfte nicht lächeln. Aber vielleicht überzeugen sie meine klaren, blauen Augen. Frauen mögen so etwas ja.

»Also gut, Benjamin Polar, geboren 1980 in Schwieberdingen. Da will ich Ihrer Polarbären-Größe von einsachtundachtzig mal vertrauen.«

Ich lächele zufrieden.

»Einmal Polar-Express nach Stuttgart.«

Sie zückt ihr Handy und wählt eine Nummer, während sie zu Lara sieht und zum ersten Mal heute Abend lächelt.

»Lara, der Weihnachtsmann fährt uns zu Papa.«

 

Nele, so heißt Laras Mutter, nimmt neben mir auf dem Beifahrersitz Platz, während die Kleine in ihrem Kindersitz auf der Rückbank irgendwo zwischen meinen Habseligkeiten fröhlich aus dem Seitenfenster schaut. Meine ganzen Personalien hat Nele an ihre beste Freundin Sandra weitergegeben. Im Fall einer Entführung würde diese ihren großen und sehr kräftigen Freund – Tobi – anrufen. Der sei nämlich Polizist.

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