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Liebe auf vier Pfoten

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

„Durch die Fröhlichkeit eines Hundes wird unsere eigene verstärkt. Das ist ein großes Geschenk.“ Mary Oliver, Dog Songs

„Wenn Sie dieses Buch lesen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Ihr Herz gebrochen ist.“ John W. James und Russell Friedman, Trauer(n) heilt

1. KAPITEL

Eins.

Zwei.

Drei.

Drei tiefe Atemzüge, bevor ich die Tür öffne und sehe, dass Leanne Hadley, mein Vieruhrtermin, kaum wiederzuerkennen ist. Ihr zauberhaftes Haarnest ist zu einem glänzenden Bob gezähmt, ihr nicht zusammenpassender Jogginganzug durch einen Rollkragenpullover und schmal geschnittene Hosen ersetzt. Außerdem ist sie geschminkt. Mir wird das Herz schwer.

Ich bin nicht überrascht von Leannes Verwandlung oder von dem, wofür sie mit Sicherheit steht. Immerhin ist das der Sinn einer Therapie – von dem Moment an, wo wir einander zum ersten Mal begegnen, arbeiten wir hart auf den Abschied hin. Aber Leanne kommt, seitdem ich meine Praxis vor drei Monaten eröffnete habe, jede Woche zu mir, und auch wenn ihr sichtbarer Fortschritt mich natürlich freut, werde ich sie doch vermissen. Selbst in ihrer Trauer war sie eine hervorragende Gesellschaft gewesen. Ihre Gefühle sind stark; sie weint sehr schnell, lacht aber noch schneller, und ihre süße Art steckt voller ironischem Witz.

Vielleicht hatte ich mich auf ihre Besuche mehr gefreut, als ich es hätte tun sollen.

Nicht Besuche, ermahne ich mich stumm. Sitzungen.

Wie auch immer, das war jetzt vorbei, so viel ist klar, noch bevor sie das Haus betritt. Sie strahlt förmlich, als wäre sie zurück im Strom des Lebens und würde langsam von mir weggetragen.

„Sie sehen gut aus“, sage ich lächelnd. Ich muss die Worte um den Kloß herumzwängen, der sich in meiner Kehle gebildet hat. Hinter Leanne strömt der Nebel immer schneller herein und umhüllt den Sutro Tower, die riesige rot-weiße Antenne, die sich hoch über die Stadt erhebt. Im Osten ist der Himmel blau; im Westen fehlt ihm jede Farbe, er wirkt so appetitlich wie Spülwasser. Den Überblick über das Wetter von San Francisco zu behalten ist eine Schlacht, die ich anscheinend nicht gewinnen kann, und ich kann es kaum erwarten, die Tür zu schließen.

Wir folgen unserer üblichen Routine. Leanne nimmt ihren Platz auf der gepolsterten grauen Couch in meinem Wohnzimmer-Schrägstrich-Büro ein, während ich ihr eine Tasse English-Breakfast-Tee zubereite. Ich weiß genau, wie sie ihn mag – süß mit einem Tropfen Sahne, die ich mir wöchentlich mit meinen Lebensmitteln liefern lasse, seitdem sie in der ersten Sitzung danach gefragt hatte.

„Haben Sie sich die Haare schneiden lassen?“, erkundige ich mich auf dem Rückweg ins Wohnzimmer. Das Nachmittagslicht fällt durch die zarten weißen Vorhänge, die ich aufgehängt habe, als ich vor vier Monaten hier eingezogen bin. Der Effekt ist genauso, wie ich ihn mir vorgestellt hatte – gemütlich und intim, friedlich, ohne ernst zu wirken.

„Nein, ich habe sie mir nur geföhnt“, erwidert Leanne fröhlich. „Ich vergesse immer, wie viel besser ich mich fühle, wenn ich das tue. Es hebt meine Stimmung.“

„Es gibt irgendeinen Witz darüber“, sage ich. „Etwas über heiße Luft und Therapien.“

Leanne hat eine wundervolle Lache, kräftig und hell. Als sie ihren Kopf in den Nacken wirft, sehe ich, dass die dunklen Ringe, die normalerweise wie Schatten unter ihren blauen Augen liegen, weg sind, verblasst vom Schlaf und abgedeckt durch Make-up.

„Oh, Maggie“, sagt sie. „Sie haben mir so geholfen, während dieser Zeit meinen Humor nicht zu verlieren.“

Mein Magen zieht sich zusammen.

Patienten neigen immer zu Schmeicheleien, bevor sie Auf Wiedersehen sagen.

Ein paar Nächte, nachdem Sealy, ihr elf Jahre alter Russischer Toy Terrier, eingeschläfert werden musste, hatte Leanne Hadley im Internet nach „Hund“ und „Tod“ und „Schuldgefühle“ gesucht und sich irgendwie ihren Weg zu der neuen Website meiner Praxis durchgeklickt, in der ich Menschen, die ihr Haustier verloren haben, bei der Trauerbewältigung unterstütze. Während unserer ersten Sitzung hat sie mir ein Foto von Sealy gezeigt. Wie sich herausstellte, sind russische Terrier niedliche kleine Tiere mit kurzem Fell, abgesehen von den langen gekräuselten Haaren, die wie Wimpel von ihren aufgestellten Dreiecksohren abstehen. Sealy wirkte frech und hübsch mit seiner scharf geschnittenen Nase und Büscheln von fedrigem rotblondem Haar am Kopf.

Debbie Gibson, hatte ich gedacht. Die berühmten Doppelgänger von Hunden zu finden ist eines meiner besonderen Talente. Mein eigener Hund, Toby, ein Flat-Coated-Retriever-Mischling, könnte das uneheliche Kind von Elizabeth Taylor (schwarze altmodische Hollywoodlocken) und Bruce Willis (kräftiger Hals, Funkeln in den Augen) sein – obwohl in den letzten Jahren eine starke Ähnlichkeit mit Ian McKellan (grauer Bart) durchkommt.

Während unserer ersten Sitzung erfuhr ich, dass Sealy ein Trostgeschenk von Leannes Ehemann Darren gewesen war, nachdem ihr jüngstes Kind aufs College gegangen war. Wann immer Leanne fernsah, sprang Sealy auf die Lehne der Couch und rollte sich an ihrem Hinterkopf zusammen, so eng und leicht wie ein Lorbeerkranz. Ab und zu vergrub sie ihre kühle feuchte Nase in Leannes Haar und schnüffelte herzhaft. Im Auto bevorzugte Sealy die Rückbank („Ms. Sealy und ihr Chauffeur“, witzelte Leanne). Sie führte jedes Mal einen verrückten Freudentanz in der Küche auf, wenn jemand eine Dose öffnete, und verzog sich schmollend für eine Stunde unter den Esstisch, wenn die Dose etwas anderes als Hundefutter enthielt. Sie ertrug es, dass Leanne sie auf den Arm nahm, aber sonst durfte das keiner („sie hatte ihren Stolz“). Das Klackern von Sealys kleinen Krallen auf dem Holzfußboden hinter Leannes Füßen war elf Jahre lang die Hintergrundmusik zu Leannes Leben gewesen.

Nach Sealys Tod hatte Leanne ihr Schlafzimmer zwei Tage nicht verlassen. Ihre Wangen hatten vor Scham gebrannt, als sie mir das erzählte. Ich versicherte ihr, dass ihre Reaktion nicht ungewöhnlich war.

„Liebe ist Liebe“, sagte ich ihr, wie ich es all meinen Patienten sage, die sich dafür schämen, dass der Tod ihres Hundes sie dermaßen mitnimmt. „Und Verlust ist Verlust.“

Sie schenkte mir ein dankbares Lächeln, das ich erwiderte.

Jetzt öffne ich mein Notizbuch. „Wie war Ihre Woche?“

„Gut, danke“, erwidert Leanne. Es war dreißig Jahre her, dass sie aus South Carolina weggezogen war, aber sie hatte noch immer diesen bezaubernden Südstaatenakzent, der so weich war wie ihr rundes Gesicht. „Ich habe viel im Garten gearbeitet. Ich habe alle vertrockneten Geranien aus den Blumenkästen auf der Terrasse entsorgt und schicken Schachtelhalm gepflanzt.“

„Was hat Sie dazu inspiriert?“

Sie nippt an ihrem Tee und überlegt. „Die Jahreszeit, schätze ich. Der Frühling ist im Anmarsch, auch wenn man das vom Wetter her nicht denken würde.“ Sie schaut in ihre Tasse, und zwischen ihren Augenbrauen erscheint eine steile Falte. „Es ist kaum zu glauben, dass ich zu Ihnen gekommen bin … dass Sealy schon drei Monate fort ist. Es fühlt sich immer noch so …“ Ihre Stimme versandet.

„Drei Monate sind nur ein Wimpernschlag verglichen mit dreizehn …“ Ich schüttele kurz den Kopf und korrigiere mich: „… elf Jahren Kameradschaft.“

Leannes Blick flitzt zu der Reihe von gerahmten Diplomen an der Wand hinter mir – der Bachelor in Allgemeiner Psychologie und der Magistergrad in Klinischer Psychologie, beide von der University of Pennsylvania, die Urkunden und Lizenzen vom Dachverband der zertifizierten Berater, der amerikanischen Akademie für Trauerbewältigung und des Haustiertrauerprogramms. Mir ist schon öfter aufgefallen, dass diese Wand wie ein Ruhepol für meine Patienten ist, eine Erinnerung daran, warum wir jetzt ein Teil des Lebens des jeweils anderen sind. Sie ist auch mein Ruhepol, obwohl ich warte, bis ich alleine in der Wohnung bin, um sie mir anzuschauen. An guten Abenden versichern mir diese Diplome und Urkunden, dass ich – trotz aktueller Entwicklungen, die auf Gegenteiliges hindeuten – weiß, was ich tue. Ich bin eine talentierte Psychologin.

Leannes Blick gleitet wieder zu mir. „Die andere große Neuigkeit der Woche ist, dass ich endlich bereit war, mir Titanic anzusehen.“

Ich schaue auf meine Notizen.

„Mein Gott!“, sagt sie. „Habe ich Ihnen die Titanic-Geschichte nie erzählt?“

„Ich glaube nicht.“

Leanne strahlt. Sie ist eine lebhafte Geschichtenerzählerin, ein Charakterzug, der, wie sie sagt, von dem Hund bestärkt wurde, den sie als Kind hatte. Bert, eine Dänische Dogge, die ihre ausufernden Verkleidungsspiele und Selbstgespräche mit der stoischen Ruhe einer königlichen Palastwache ertragen hat, die von betrunkenen Touristen fotografiert wird.

„An dem Abend, an dem Darren Sealy mitgebracht hat“, sagt Leanne und lehnt sich auf der Couch zurück, „haben wir uns den Film Titanic angesehen. Genauer gesagt: Ich habe ihn mir angeschaut, während Darren sich durch einen ganzen Wald von Baumstämmen gesägt hat. Unsere neue Hündin hat den Film zusammengerollt auf meinem Schoß ebenfalls verschlafen. Ich erinnere mich, wie ich ihre weichen Ohren gestreichelt und gedacht habe, wie verrückt es war, dass ich mich bereits vollkommen in sie verliebt hatte, und wie glücklich ich war, dass es ein weiteres Lebewesen in unserem Haus gab.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Sie wissen doch, wie sehr mir die Kinder gefehlt haben.“

„Ja“, sage ich. „Und wer würde sich nicht in einen schlafenden Welpen verlieben?“

„Genau.“ Sie lächelt. „Also hat sie den ganzen Film über auf meinem Schoß geschlafen, bis schließlich der Abspann lief und Céline Dion anfing, My Heart Will Go On zu singen.“ Sie hält inne. „Das Lied kennen Sie, oder?“

Ich fange fürchterlich und dramatisch an zu singen. „Near … Faaar … Whereeeever you are …“

Leanne bittet mich lachend aufzuhören. „Okay, okay, ich glaube, Sie meinen den richtigen Song“, sagt sie. „Auch wenn er schwer zu erkennen ist.“

Ich grinse. „Was ist dann passiert?“

„Kurz, nachdem sie Célines Stimme hörte, sprang Sealy, die bis dahin tief geschlafen hatte, auf ihre winzigen Pfoten, reckte ihr Näschen zur Decke und stieß das süßeste summende, elfenhafte Welpenjaulen aus, das die Welt je gehört hat.“

„Also ist Sealy die Kurzform von Céline?“ Ich hatte immer gedacht, Sealys schwarzes seehundgleiches Rückenfell wäre für ihren Namen verantwortlich.

Leanne nickt. „In ihrem ganzen Leben, die ganzen elf Jahre, hat sie nie gejault. Außer für Céline Dion.“

„Glauben Sie, dass das ein Zeichen der Freude oder der Qual war?“

Leanne lacht. „Der Freude. Ganz bestimmt. Ich glaube, sie fand, dass Céline Dion die schönste Stimme hatte, die sie je gehört hatte. Sie hat sie tief bewegt.“

„Haben Sie ihr je Whitney Houston vorgespielt? Mariah Carey? Vielleicht hatte sie eine Vorliebe für Diven.“

„Nein, nein, nein“, sagt Leanne lachend. „Es war nur Céline.“

Ich nicke und lasse eine Pause entstehen. „Was für ein Geschenk.“

Sie sieht mich fragend an.

„Diese Erinnerungen“, sage ich. „Sie werden Sie immer begleiten. Sie sind der Teil von Sealy, der ein Teil von Ihnen geworden ist.“

Leannes Augen glänzen. Ich spüre, dass sie bereits an eine weitere Geschichte denkt, und so beuge ich mich vor, bereit, sie mir anzuhören.

Als Trauerbegleiterin für Menschen, die ein Haustier verloren haben, höre ich viele glückliche Geschichten. Das scheint die Menschen immer zu überraschen, die glauben, die Sitzungen seien verheulte herzzerreißende Stunden. Klar, es gibt auch Tränen, aber genauso Geschichten von Hunden, die Menschen das Gefühl der Einsamkeit genommen haben, Hunden, die ihnen beigebracht haben, was Liebe ist, die ihre Herzen geweitet und stärker gemacht haben. Und Hundemenschen – die Mehrzahl meiner Patienten sind Hundemenschen – haben einen wunderbaren Sinn für Humor. Einige der lustigsten, fröhlichsten Geschichten, die ich je gehört habe, stammen von meinen Patienten. Sie sind ein vielschichtiger Haufen, aber die Geschichten, die sie erzählen, haben im Kern alle die gleiche schlichte Wahrheit: Hunde machen uns zu besseren Menschen.

Der Großteil meiner Arbeit besteht darin, diese Geschichten zu würdigen – die glücklichen und die traurigen. Die Geschichten erzählen das Leben nach. Wir lachen, wir weinen, wir bringen alles ans Licht. Oft entdecken wir, dass es Themen gibt, die über den Verlust des geliebten Tieres hinausgehen. Gefühle können heimtückisch sein. Es können Jahre vergehen, bevor man den Schmerz entdeckt, der in einem wohnt, ein stacheliger alter Kerl, der sich an unserem Herzen festklammert.

Zum Ende unserer Sitzung bin ich entschlossen, Leanne den ganzen Weg von meiner Wohnungstür bis zu der Pforte am Bürgersteig zu begleiten, aber mit jedem Schritt baut sich das allzu vertraute Gefühl des Grauens in mir auf. Mein Herz klopft. Ich verberge das Zittern meiner Hände, indem ich sie in die Taschen meines Blazers stecke.

In meiner Brust flattert die Panik wie ein kleiner dunkler Vogel, der droht, seine Flügel auszubreiten.

Als ich die Pforte öffne, geht Leanne einfach hindurch und dreht sich dann um, um mich zu umarmen. Sie steht auf dem Bürgersteig und ich auf dem letzten Stein des gepflasterten Weges, sodass unsere Umarmung etwas groß und unbeholfen anfängt, aber dann kommt sie einen Schritt auf mich zu und schließt die Lücke zwischen uns.

„Danke für alles, Maggie“, sagt sie an meinem Ohr. „Wirklich, tausendfachen Dank.“

Ich habe Angst, dass sie spürt, wie schnell mein Herz schlägt. Ich versuche, mich auf die Palme auf der anderen Straßenseite zu konzentrieren, aber plötzlich frischt der Wind auf und der Baum stöhnt; seine dunklen unförmigen Schatten verwandeln sich in verwundete Tiere, die auf den Bürgersteig schlagen. Ich schließe meine Augen und unterdrücke einen unwillkürlichen Schauder. Oder vielleicht tue ich das auch nicht, denn als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich, dass Leanne sich mit gerunzelter Stirn zurückzieht.

„Geht es Ihnen gut?“, fragt sie, die Hände noch auf meinen Schultern.

„Natürlich!“ Ich klinge atemlos. Es kommt mir so vor, als verdunkle sich der Himmel, und ich bin nicht sicher, wie lange ich noch hier am Gartentor stehen kann. Ich nehme ihre Hände in meine und drücke sanft zu, spüre, wie ihre frisch manikürten Fingernägel sich in meine Handflächen drücken, und wünsche ihr einen schönen Tag.

Leanne lächelt, aber ich sehe, dass sie immer noch besorgt ist. Also zwinge ich mich stehen zu bleiben und zu-zuschauen, wie sie in ihrer Tasche nach dem Autoschlüssel sucht und dann ihren alten grünen Mercedes gefühlte hundert Mal vor- und zurücksetzt und mir damit ausreichend Munition für meine Theorie liefert, dass es eine umgekehrte Korrelation zwischen den Fahrkünsten eines Menschen und der Größe seines Autos gibt. Als sie endlich ausparkt, hupt sie noch einmal und winkt mir zu. Ich setze ein Grinsen auf und winke mit beiden zitternden Händen hoch über meinem Kopf. Erst als ich einen Blick auf Leannes Gesicht und ihre überraschte Miene erhasche, fällt mir auf, dass ich aussehen muss wie einer dieser Menschen, die am Flughafen die Flugzeuge dirigieren. Oder wie eine Bhangratänzerin.

Ich warte, bis ihr Wagen außer Sicht ist, bevor ich herumwirble und so schnell wie möglich den Weg zu meiner Wohnung hinunterhaste.

Sobald ich wieder drinnen bin, durchflutet mich die Erleichterung. Ich gehe sofort ins Badezimmer und schrubbe meine Hände im Waschbecken. Leanne sah aus wie das blühende Leben, aber die Wahrheit erfuhr man immer erst, wenn es zu spät ist. Das Wasser ist so heiß, dass meine Haut ganz rot wird. Ich halte durch und summe zwei Mal Happy Birthday – ein nützlicher kleiner Tipp, den ich kürzlich während eines Besuchs auf der Website der Seuchenkontrollbehörde aufgeschnappt habe. Als ich den Rat las, fragte ich mich sofort, ob meine Mutter ihn wohl kennt. Ich konnte mich gerade noch davon abhalten, sie in Philadelphia anzurufen und zu fragen, aber ich kann nicht aufhören, an sie zu denken, sobald ich meine Hände unter das kochend heiße Wasser halte und sehe, wie meine Hautfarbe sich verändert.

Ich drehe den Wasserhahn zu und lausche, wie mein flacher unregelmäßiger Atem sich langsam beruhigt.

Achtundneunzig, denke ich.

Ich betrachte mich im Spiegel über dem Waschbecken. Ich bin blasser als damals, als ich hergezogen bin, aber meine Augenbrauen haben sich nicht verändert: bernsteinfarben, schön gebogen und ausdrucksvoll. Meine beste Freundin Lourdes sagt immer, ich hätte vertrauenswürdige Augenbrauen. Sie nennt sie meine Geldverdiener. Und wer weiß? Sie könnte recht haben. Selbst der zugeknöpfteste Patient enthüllt mir irgendwann seine Geheimnisse, schwarze Kohlestücke, die er so festgehalten hat, dass sie sich in scharfe glitzernde Diamanten verwandelt haben.

„Achtundneunzig“, sage ich laut. Das ist eine interessante Zahl; der seidige Schimmer der Neunzig, die zuschlagende Tür der Acht. Ich sage sie noch einmal. Morgen wird eine neue Zahl ihren Platz einnehmen, und es scheint mir wichtig, den Überblick zu behalten.

Es ist achtundneunzig Tage her, seit ich das letzte Mal einen Fuß durch das Gartentor auf den Bürgersteig gesetzt habe.

2. KAPITEL

Ich gebe Google die Schuld.

Natürlich mach ich nur Witze. Ich bin Therapeutin; ich weiß, ich kann das nicht dem Internet in die Schuhe schieben. Aber es stimmt, dass die logistischen Schwierigkeiten, die damit einhergehen, wenn man sein Haus nicht verlassen kann, praktisch verschwinden, wenn man sich in die Arme des World Wide Web fallen lässt, das einen so herzlich willkommen heißt. Lebensmittel, Bücher, Vitamine, Nahrungsergänzungsmittel, selbst Alkohol … alles kann geliefert werden. Das Internet unterstützt mich mit der falsch-lässigen Finesse eines knopfäugigen Drogendealers. Kein Grund, das Haus zu verlassen, schnurrt Amazon, wenn mein Vorrat an antibakterieller Seife zur Neige geht. Ich liefere dir morgen eine Packung bis an die Türschwelle.

In der Version meines Lebens, die meine Freundin Lourdes erzählt, ist sie diejenige, die mich vor vier Monaten aus Philadelphia weggelockt hat. Sie hat mich aus irgendeiner in eine Sackgasse führende Beziehung herausgerissen, für die ich ein besonderes Talent zu haben scheine, und aus einem Job, der, auch wenn ich ihn als befriedigend empfand, niemals wirklich zu mir gepasst hatte. Ich lasse Lourdes glauben, dass sie für meinen Umzug verantwortlich ist, denn ein wenig stimmt es – immerhin bin ich jetzt die Mieterin der Erdgeschosswohnung ihres Hauses in San Francisco. Es gibt keinen Grund, ihre Seifenblase zum Platzen zu bringen, keinen Grund zu behaupten, dass der wahre Katalysator für diese Veränderung in meinem Leben mein Hund Toby war.

Nach Abschluss meiner Ausbildung hatte ich eine Position als Therapeutin in einer Trauerklinik in Philadelphia angenommen. Sieben Jahre war ich dort tätig, aber erst als ich anfing, nach der Arbeit ehrenamtlich als Trauerbegleiterin für Haustierbesitzer zu arbeiten, erlebte ich einen „Aha-Moment“, der Oprah Winfrey stolz gemacht hätte. Menschen zu helfen, die ihre geliebten Haustiere verloren hatten, fühlte sich an wie meine wahre Berufung. Eine Berufung, die meine Ausbildung und meine persönlichen Interessen miteinander verband.

Mit persönlichen Interessen meine ich Hunde. Ich habe Hunde schon immer geliebt. Kennen Sie Leute, die an keinem Baby vorbeigehen können, ohne sein pummeliges kleines Gesichtchen anzugurren? So bin ich mit Hunden. Ich bin überzeugt, einen Hund zu streicheln bringt Glück. Einige Menschen reiben den Bauch eines Buddhas; ich bin dafür bekannt, einen Welpen mehrere Straßenblocks lang zu verfolgen, nur um die Chance zu bekommen, seinen Bauch zu streicheln. Für mich ergibt es wesentlich mehr Sinn, daran zu glauben, dass Welpen Glück bringen, als zum Beispiel an eine Glückszahl. Kann eine Zahl einen an die Macht der reinen bedingungslosen Liebe erinnern? Kann eine Nummer Loyalität verkörpern oder Lebensfreude oder Güte oder Freundschaft oder … Nun, Sie verstehen, worauf ich hinauswill. Ich liebe Hunde.

Obwohl ich das starke Gefühl hatte, dass ich mit anderen Tierliebhabern zusammenarbeiten sollte, hielt ich an meinem Krankenhausjob fest, weil ich meinen Patienten gegenüber eine gewisse Verantwortung empfand und es außerdem eine sichere Stelle war, die gut bezahlt wurde und mir eine angenehme, wenn auch nicht sonderlich aufregende Routine bot. Mir fällt es schwer, Veränderungen anzunehmen (hierfür gebe ich, wie jeder gute Therapeut, meinen Eltern die Schuld). Außerdem ist tierische Trauerberatung nicht gerade die beste Nische, wenn es darum geht, Geld zu verdienen. Die Idee blieb also sehr lange ein Hirngespinst.

John, mein damaliger Freund, hat diesen Wechsel in meinen beruflichen Plänen auch nicht unterstützt. In den ersten Monaten unserer Beziehung war er sehr zurückhaltend, was seine Gefühle gegenüber Tieren anging. Aber manchmal glaubte ich zu sehen, wie sein ordentlich geschnittenes Haar sich einen Zentimeter aufrichtete, wenn ich über meinen Hund Toby sprach. Es war, als plustere er sich wortwörtlich auf – nicht unähnlich einem Hund, der sein Nackenfell aufstellt, wenn er Gefahr spürt. John war auf eine für viele gut frisierte attraktive Männer typische Art bedürftig; ich glaube nicht, dass ihm die Idee, das Scheinwerferlicht zu teilen, gefallen hat – genauso wenig wie die Vorstellung, dass er sich meine Zuneigung mit einem Hund teilen musste. Auf gewisse Weise wusste ich also beinahe von Anfang an, dass John und ich nicht wirklich zusammenpassten, aber sobald ich mal jemanden in meine Arme geschlossen habe, fällt es mir schwer, ihn wieder loszulassen. Ich fing an, Johns offensichtlichen Egoismus als liebenswürdige Macke zu betrachten, ein wenig wie damals, als mein Großvater väterlicherseits starb und ich auf der Beerdigung voller Zuneigung über seine unverfrorenen donnernden Rülpser sprach.

Trotzdem, alles war relativ gut bis zu dem Punkt, der sich als der große fürchterliche Stir-Fry-Vorfall von 2013 in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Vor fünf Monaten hatte John angefangen, an den Abenden, an denen ich länger arbeiten musste, in meine Wohnung zu gehen, um etwas für mich zu kochen. Man muss ihm zugutehalten, dass er ein ausgezeichneter Koch ist, und die ganze Dinner-Idee war sehr nett – zumindest in der Theorie. In Wahrheit kam ich nach Hause und fand eine verwüstete Küche vor und hörte Toby verzweifelt hinter der Tür zu meinem Schafzimmer bellen.

„Dein Hund hat mir einen haarigen Blick zugeworfen, als ich gekocht habe“, war Johns Erklärung dafür, warum er Toby ins Schlafzimmer gesperrt hatte. Er hatte gerade einen Topf Spaghetti in ein Sieb geschüttet und hinter ihm stieg der Dampf auf.

Mir hat es nie gefallen, dass John Toby immer als „deinen Hund“ bezeichnete. Ich war mir aber auch bewusst, dass nicht jeder Hunde auf die gleiche Weise liebte wie ich und dass es für andere Menschen gesünder war, mit jemandem zusammen zu sein, der nicht genauso war wie ich. Außerdem hatte ich angenommen, dass Johns Anmerkung zu dem „haarigen Blick“ nur ein Witz war. Ich meine, Toby hatte die für Hunde üblichen Haare um die Augen herum, aber sein Blick war selten anders als fröhlich oder gutmütig.

Als ich das zweite Mal nach Hause kam und Toby im Schlafzimmer bellen hörte, verstand ich, dass John keinen Scherz gemacht hatte. Zumindest fand ich ihn nicht länger lustig. John tat, als würde ihn mein Ärger verblüffen, aber ich sah etwas Gefühlloses und Hartes hinter seiner harmlosen Miene lauern. Er spielte ein Machtspiel, wie ich erkannte, er versuchte, mir ein Ultimatum zu stellen. John wollte, dass ich mich für ihn entschied, ihn Toby gegenüber bevorzugte, ihm bewies, dass ich ihn mehr liebte als meinen Hund. Seine mangelnde Selbstachtung war traurig, und als professionelle Therapeutin tat es mir in der Seele weh, das zu sehen, aber als seine Freundin wurde mir immer klarer, dass ich mit einem Arschloch zusammen war.

Trotzdem blieb ich cool. Ich versuchte, John zu erklären, wie es Toby ging. „Toby ist einsam und verwirrt“, sagte ich. Abgesehen von dem Highschoolmädchen, das nachmittags vorbeikam, um mit ihm spazieren zu gehen, war er den ganzen Tag allein. „Er ist vermutlich ganz aufgeregt, wenn du herkommst, weil er hofft, dass du mit ihm noch einen kurzen Spaziergang machst – oder ihm wenigstens ein wenig Aufmerksamkeit schenkst.“

Es brach mir das Herz, mir Tobys Enttäuschung und vielleicht sogar Verzweiflung vorzustellen, die er womöglich empfand, wenn am Abend die Haustür geöffnet wurde und er John und nicht mich hereinkommen sah. Toby war vierzehn Jahre alt – so eine Behandlung hatte er nicht verdient.

Vor Toby hatte ich zwei andere Hunde gehabt – einen wunderschönen, sehr energiegeladenen Cockerspaniel namens Bella, gefolgt von einem würdevollen weißen Schäferhund namens Star. Ich hatte diese Hunde geliebt, wirklich geliebt, aber mit Toby war es anders. Ich hatte ihn aus dem Tierheim geholt, als ich neunzehn war. Laut dem Informationsblatt an seinem Käfig war er ein Flat-Coated-Retriever-Mischling, wog neunundzwanzig Kilo und war ungefähr ein Jahr alt. Mir gefiel die Vorstellung, einen Hund zu mir zu nehmen, der aus dem Welpenalter raus war. Einen Hund mit einer ungekannten Lebensspanne auf dem Konto. Es kam mir nur fair vor; er wusste ja auch nicht, worauf er sich mit mir einließ. Toby sah stark und solide aus, sein schwarzes Fell fiel wie Schlaghosen über seine Pfoten, und das clevere spielerische Funkeln in seinen schokoladenbraunen Augen bemerkte ich sofort. Als ich die Tür zu seinem Zwinger öffnete, lief er auf mich zu, und mein Herz öffnete sich weit. Ich erinnere mich, laut aufgelacht zu haben; das Geräusch vermischte sich mit dem Bellen der Hunde um uns herum. Das Einzige, was in der Szene fehlte, war Orchestermusik, die zu einem großen herzzerreißenden Crescendo anschwoll. So groß fühlte sich dieser Moment für mich an, und das tut er immer noch, Jahre später, wenn ich mich daran erinnere: an den Augenblick, in dem ich Toby und er mich ausgewählt hat.

Und so wurde Toby mein treuer Begleiter auf meinem seltsamen Weg durch die Zwanziger, als ich versuchte, mich in der neuen Welt der Erwachsenen zurechtzufinden, nicht mehr zu Hause wohnte, die ersten Freunde und das College hinter mich brachte und dann meine lohnenswerte, aber auch anstrengende Arbeit als Trauertherapeutin begann. Toby war die ganze Zeit dabei, ein verspielter liebender Gefährte, der mich bei Laune hielt. Freunde waren gekommen und gegangen, aber Toby war geblieben.

Ich habe eine Theorie: Man bekommt immer den Hund, den man in einer bestimmten Phase seines Lebens braucht. Bella und Star waren die Hunde, die ich in meiner Kindheit gebraucht hatte – tröstend, anspruchslos und süß. Toby war der Hund, den ich brauchte, um aus meiner Schale zu schlüpfen, als ich erwachsen wurde. Er schenkte mir Humor und Herz und unerschütterliche Freundschaft. Er ließ nie zu, dass ich mich zu sehr in mich zurückzog. Wir verstanden einander, Toby und ich. Auf viele Arten dachte ich an ihn als meinen hündischen Seelenverwandten.

Ich hatte John nie genau erklärt, was Toby mir bedeutete, aber hätte ich das wirklich tun müssen? Es waren meine Wohnung, meine Regeln, mein Hund. Ich hatte John sehr deutlich klargemacht, dass er Toby nicht mehr einsperren durfte.

Als ich also das dritte Mal nach Hause kam und mir der Geruch von Stir-Fry aus der Küche entgegenwehte, während ich im Hintergrund Toby im Schlafzimmer bellen hörte, wurde mein Frust zu Wut. Ich rannte den Flur hinunter und funkelte John böse an, als ich an der Küche vorbeikam.

Toby hörte in dem Moment auf zu bellen, als ich die Schlafzimmertür öffnete. Es wirkt vielleicht merkwürdig, einen Hund als charismatisch zu beschreiben, aber das war Toby – ausgelassen, gesellig und vor gutmütigem Schalk nur so vibrierend. Wie konnte irgendjemand ihn nicht lieben? Er hatte einen breiten hübschen Kopf, helle intelligente Augen, die vom Alter noch nicht getrübt waren, und ein weiches schwarzes Fell, das in letzter Zeit einige graue Strähnen bekommen hatte. Jetzt hing seine Lefze an seinem Gaumen und gab den Blick auf seine Zähne frei, was ihm ein lustiges zerzaustes Aussehen verlieh, bei dem ich lachen musste, obwohl ich vor einer Minute noch geschäumt hatte. Toby schien von meinem Lachen ein wenig beleidigt zu sein – oder vielleicht auch davon, dass er im Schlafzimmer eingesperrt worden war –, denn er schüttelte sich. Ich schnappte mir seine Leine und ging mit ihm zur Tür, ohne ein Wort mit John zu sprechen. Kein noch so perfekt gebratener, mit Teriyaki-Soße glasierter Zuckermais war diesen Unsinn wert.

Wir waren einen Block von meiner Wohnung entfernt, als mein Handy klingelte.

„Wir sind fertig!“, sagte Lourdes statt einer Begrüßung. Sie und ihr Ehemann Leo hatten endlich die Renovierung der Wohnung im unteren Bereich ihres Hauses fertiggestellt und wollten sie auf Craigslist zur Vermietung einstellen. Sie hatte schon seit Monaten versucht, mich zu überzeugen, eine eigene Praxis zu eröffnen, aber nicht hier, sondern in San Francisco, wo laut ihrer Aussage „die Hippies aus der Bay Area für Trauerberatung nach dem Tod ihrer Haustiere genauso Schlange stehen wie Hipster vor den Coffeeshops, die handgebrühten Kaffee ausschenken“. Sie war noch nie ein großer Fan von John gewesen, und seitdem sie und Leo mit der Renovierung auf die Zielgerade eingebogen waren, hatten ihre Bemühungen, mich zum Umzug zu bewegen, ihren Höhepunkt erreicht.

Während ich meiner Freundin zuhörte, wie sie einen letzten Anlauf unternahm, mich davon zu überzeugen, in ihr Apartment einzuziehen, schaute ich Toby an. Seine Hüften schienen ein wenig steif zu sein, aber sein Gang, wenn auch langsamer, war so fröhlich wie immer. Als wir die Ecke erreichten, schaute er über seine Schulter zu mir auf. Wohin jetzt? schienen seine vor Enthusiasmus leuchtenden Augen zu fragen. Komm, gehen wir! Er hatte sein Eingesperrtsein im Schlafzimmer schon wieder vergessen und konnte es kaum erwarten weiterzulaufen. Das ist das Wunderbare an Hunden – sie schauen immer nach vorn.

Wieso bin ich mit John zusammen? fragte ich mich. Warum arbeite ich immer noch im Krankenhaus? Ich war zweiunddreißig Jahre alt und hatte noch nie woanders als in Philadelphia gewohnt. Seit zehn Jahren lebte ich in derselben Wohnung nur wenige Straßen von meinen Eltern entfernt. Ich trat schon so lange auf der Stelle, war so lange in meiner Routine gefangen – ich wartete, aber worauf genau?

Am Telefon hatte Lourdes ihr letztes und verzweifeltstes Verkaufsargument für ihre Wohnung erreicht – die energieeffiziente Toilette. „Es gibt zwei Spülarten“, sagte sie. „Die eine fürs kleine Geschäft und die andere …“

„Lourdes“, unterbrach ich sie lachend. „Ich nehme sie.“

„Was? Du willst gar nicht mehr über die zweite Spülart hören? Diese Information hat keinerlei Einfluss auf deine Entscheidung?“ Sie hielt inne. „Verarsch mich jetzt bloß nicht! Hast du gerade gesagt, dass du sie nimmst?“

Lourdes’ Freudenschrei war so laut, dass Toby erstarrte, ein seidiges grau meliertes Ohr in Richtung Himmel drehte und bellte.

Vier Monate später bin ich also hier und klopfe an Lourdes’ Tür. Wenn Sie sich unbedingt eine Agoraphobie einfangen müssen, empfehle ich Ihnen dafür eine Wohnung in einem Haus, wo im ersten Stock Ihre beste Freundin aus Collegetagen wohnt und wo das Grundstück sicher von einem Zaun geschützt wird, der es von dem Bürgersteig abtrennt.

In dem Moment, in dem Lourdes die Tür öffnet, kommt ihr Pudel Giselle angelaufen und drängt sich zwischen meine Beine. Ich halte mich lachend am Türrahmen fest.

„Tja, das kann passieren“, sagt Lourdes und schaut ihre Hündin an. „Die Mädchen haben sie endlich davon überzeugt, dass sie ein Pony ist.“

Ich knie mich hin und streiche das flauschige apricotfarbene Fell zwischen Giselles Ohren zurück. Es springt sofort wieder nach vorn. Giselle ist schlaksig und fröhlich und klug, und ich stelle mir immer vor, wenn sie sprechen könnte, würde sie wie Julia Child klingen, deren Fernsehsendung meine Mutter während meiner gesamten Kindheit geschaut hatte. Ihre Zunge schießt vor und ich drehe lachend meinen Kopf zur Seite, sodass sie auf meiner Wange landet.

Lourdes beobachtet unsere kleine Begegnung amüsiert. „Wein?“

„Ich dachte schon, du würdest nie fragen.“

Am Küchentisch sitzen Lourdes’ Töchter Portia und Gabby und malen auf einem langen Streifen Metzgerpapier, der von zwei Plastikdosen mit Wachsmalkreiden und zwei Glashäfen festgehalten wird, die mit Erde und Sukkulenten gefüllt sind. Die Sukkulenten sind Ableger aus den Hochbeeten, die Lourdes im Garten selbst gebaut hat.

Ich liebe meine Wohnung im Erdgeschoss wegen ihrer Sauberkeit und Ruhe. Ich liebe Lourdes’ und Leos Wohnung für ihre Energie, den Rhythmus eines Familienlebens. Es ist ein blasses schmales Gebäude, das den gesamten Winter über Gefahr zu laufen scheint, vom Nebel und Regen ausradiert zu werden. Im einen Moment noch da, im nächsten fort. Von vorn sieht es wie ein bescheidenes Haus im viktorianischen Stil aus, aber vor ein paar Jahren haben sie innen alles herausgerissen. Ich weiß nicht, wie es vorher ausgesehen hat, aber bestimmt nicht so wie jetzt mit den offenen Räumen, dem Betonfußboden und der Glaswand, die wie ein Akkordeon zusammengefaltet werden kann, wenn das Wetter es erlaubt. Jetzt ist die Glasfront geschlossen. In der Ferne klammert sich der Nebel an die steilen dunklen Hänge des Sutro Forest und nur ein Hauch von Sonnenuntergang lässt seine äußeren Enden glühen. Mir wird ein wenig schwindelig, und ich wende den Blick ab.

„Hey, Mädchen“, sage ich und gehe zum Tisch.

„Mags!“, ruft Gabby. Sie ist drei und hat vor Kurzem das erste Mal die Haare geschnitten bekommen. Ihr rundes engelsgleiches Gesicht wird von einem tiefschwarzen Pottschnitt umrahmt, der einem Serienmörder zur Ehre gereichen würde.

„Hi, Maggie!“, sagt die siebenjährige Portia.

Lourdes öffnet eine Flasche Wein und füllt zwei Gläser. In den zehn Jahren seit dem College – trotz Ehe und Kindern und Jahren, in denen sie ihre eigene Landschaftsgärtnerei führte – kommt es mir so vor, als hätte Lourdes sich kein bisschen verändert. Ihre Garderobe ist immer noch ein Musterbeispiel an Effizienz; ein Wechsel aus Button-down-Hemden in normalerweise bunten Karomustern und dunklen Jeans, deren Knie von der Gartenarbeit durchgescheuert sind. Sie trägt ihre glänzenden schwarzen Haare immer noch hinter die Ohren geklemmt und hat jeden Tag ihre Brille mit den dicken Gläsern auf, weil sie keine Lust hat, sich mit Kontaktlinsen abzumühen. An jemand anderem hätte die Brille vermutlich sehr seriös ausgesehen, aber Lourdes hat eines dieser Gesichter, die nie anders als freundlich aussehen können. Selbst wenn sie einen Strom an Sarkasmus über einen ergießt und flucht wie ein Hafenarbeiter, verlieren die dunklen Augen meiner Freundin nie ihre samtige Wärme.

Sie stellt die Weinflasche ab und reicht mir eines der Gläser. „Hattest du einen guten Tag bei der Arbeit?“

Ich nicke und trinke einen Schluck Wein. „Ich hatte gerade die letzte Sitzung mit einer meiner ersten Patientinnen, seitdem ich hier bin.“

„Therapie.“ Lourdes schüttelt den Kopf. Sie blättert durch eines der Rabattheftchen von einem Supermarkt, die sie so liebt, und hält ab und zu inne, um etwas herauszureißen oder mit einem grünen Wachsmalstift einzukreisen. „Das ist ein grauenhaftes Geschäftsmodell. Wenn du gut bist in dem, was du tust, verlierst du deine Kunden.“

„Patienten“, korrigiere ich sie. „Wie läuft es mit dem Gartenprojekt?“

Lourdes hatte ihre Firma nach Gabbys Geburt erst einmal auf Eis gelegt, aber vor Kurzem hatte sie sich für ein Projekt an Portias Grundschule einspannen lassen. In einer Ecke des Schulhofs soll ein Gemüsegarten angelegt werden. Da sie es gewohnt war, aufwendige Gärten nur in Absprache mit einem Besitzer zu designen, frustrierte sie der langsame Entscheidungsprozess des Elternausschusses, der mit dem Projekt beauftragt worden war.

Anstatt einer Antwort hebt sie nur die Augenbrauen und nimmt einen großen Schluck. Manchmal kommunizieren wir durch die Art, wie wir trinken – ein kleiner Trick, den wir auf dem College entwickelt haben.

Gabby rennt zu mir und klettert auf meinen Schoß. Sie ist kein sonderlich ruhiges Kind – einmal habe ich sie neben Giselles Futterschüssel knien sehen, wo sie sich mit einem manischen Funkeln in den Augen Hundefutter in die Backen gestopft hat –, aber sie scheint es zu genießen, auf meinem Schoß zu sitzen und mein Gesicht anzuschauen. Ihr Körper ist ganz ruhig, während sie mich mustert. Die Erfahrung ist gleichzeitig tröstend und nervenaufreibend. Sie ist so vertrauensvoll, so furchtlos, dass es mir die Kehle zuschnürt.

„Hallo, Gabby“, sage ich.

„Hi, Mags“, lispelt sie. Und dann, mit einer beiläufigen Bewegung, die mich an das Mal erinnert, als ein Typ in einem Bus in Philadelphia sein Jackett öffnete, um mir eine ganze Reihe gestohlener iPhones zu zeigen, hebt Gabby ihr T-Shirt und enthüllt ihren Bauch, der mit lauter Trader-Joe-Aufklebern bedeckt ist. Sie zieht einen ab und reicht ihn mir. Sie zuckt nicht einmal, als sie den Aufkleber von ihrer Haut zieht, so ein wunderbarer kleiner Rabauke ist sie.

„Oh, danke. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass mir genau hiiiier …“, ich klebe mir den Sticker auf die Nasenspitze, „irgendetwas fehlt.“

Gabby lacht. Lourdes sieht zu, wie ihre Tochter von meinem Schoß krabbelt und anfängt, um den Tisch herumzutanzen. Im Hintergrund spielt leise ruhige klassische Musik, die mir bisher gar nicht aufgefallen ist, aber Gabby zuckt mit den Schultern und wackelt mit den Hüften.

„Sie tanzt wie ihr Vater“, sagt Lourdes reuevoll, woraufhin ich meinen Wein beinahe durch die Nase auspruste. „Okay, Chiquitas, Zeit für den Schlafanzug.“ Portia und Gabby stöhnen, trollen sich aber. Wir hören, wie sie die Treppe hinaufstapfen, und dann das Aufziehen und Zuschieben von Schubladen.

Giselle trottet zu mir und legt ihren Kopf auf meinen Schoß. Sie ist ein anhänglicher Hund, den man einfach lieben muss. Als Toby und ich hier in Lourdes’ Haus ankamen, nachdem wir drei Tage in einem voll gepackten Mietwagen quer durchs Land gefahren waren, hatten Toby und Giselle sofort angefangen, gemeinsam durch den kleinen Garten zu rennen. Nun ja, „rennen“ ist vielleicht etwas zu viel gesagt – damals konnte Toby schon nicht mehr wirklich rennen. Aber die Hunde hatten sich abwechselnd in Spielstellung geworfen und mit den Schwänzen gewedelt und sich gegenseitig mit den Pfoten angestupst, wobei sie fröhlich ihre Zähne entblößten. Ich fand schon immer, dass miteinander spielende Hunde etwas Ansteckendes haben, und so hatte auch Tobys und Giselles fröhliche Energie sich über unsere Ankunft gebreitet. Als Lourdes mich den steilen Steinpfad zu der knallblauen Wohnungstür am Ende ihres zauberhaften Hauses geführt hatte, waren die Zweifel, die während meiner Fahrt hierher in mir gewachsen waren, wie weggeblasen.

Ich streichle Giselle immer noch, muss aber für einen Moment vergessen haben, wo ich bin, denn das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich in meine Tasche greife und eine Handvoll meiner Abendvitamine heraushole. Ich stecke sie mir in den Mund und spüle sie mit einem Schluck Wein herunter.

„Was war das?“, fragt Lourdes.

„Was?“

„Mir hat niemand erzählt, dass wir den Teil des Abends erreicht haben, in dem wir Pillen einwerfen.“

„Manchmal braucht ein Mädchen einen kleinen Stimmungsaufheller.“

„Maggie.“

Mein Lachen klingt ein wenig blechern. „Das ist nur Vitamin C.“

„Ganz schön viel Vitamin C.“

Oben schreit jemand. Ich beobachte Lourdes, die den Atem anhält, den Kopf neigt und abwägt, ob sie nach oben gehen und eingreifen muss. Als die Geräusche nicht eskalieren, seufzt sie hörbar und lässt sich tiefer in ihren Stuhl sinken. Wir stoßen miteinander an und ich denke, vielleicht hat sie die Vitamine vergessen, aber dann sagt sie: „Wenn Leo nach Hause kommt, sollten wir diese Party verlegen. Wie wäre es, wenn wir auf einen trockenen Martini ins Kezar’s gehen?“

Ich nippe an meinem Wein und hoffe, dass das als Antwort reicht. Sie hebt eine Augenbraue.

„Der Augenblick der Wahrheit“, sagt sie. „Wie ist der Stand?“

Ich atme tief ein. „In der heutigen Aufführung von ‚Die agoraphobe Therapeutin‘“, sage ich, „wird die Hauptrolle von Maggie Brennan gespielt.“ Dann fange ich zu der Melodie Seasons of Love aus dem Musical Rent an zu singen: „Wie misst du / drei Monate zu Hause? In Netflix – in Amazon /in Google – in Tassen Kaffee …“

Lourdes lacht. „Wirklich, Maggie. Wie viele Tage?“

„Achtundneunzig.“

Sie ist meine beste Freundin, und ich habe ihr alles erzählt. Nun ja, nicht wirklich alles. Ich habe ihr nicht erzählt, dass ich mir Sorgen um meine Praxis mache, dass ich, wenn ich nicht bald eine ernsthafte Steigerung in der Anzahl meiner Patienten sehe, meine Ersparnisse angreifen muss, um meine Miete zahlen zu können. Schlimmer noch, dass ich Angst habe, eine Hochstaplerin zu sein – denn eine Therapeutin, die sich nicht im Griff hat, ist vermutlich noch weniger vertrauenswürdig als eine Friseurin mit einer schlechten Dauerwelle. Oder dass ich Probleme zu haben scheine, mich von meinen Patienten zu verabschieden, selbst von denen, bei denen ich weiß, dass ich ihnen geholfen habe. Und das liegt nicht nur daran, dass ich mir Sorgen über das fehlende Einkommen mache. Manche Dinge kann ich nicht laut aussprechen, nicht einmal Lourdes gegenüber. Zu leicht könnte unsere doppelte Beziehung – als Vermieterin / Mieterin und als beste Freundinnen – zu klebrigem Terrain zwischen uns werden. Ich habe Angst, dass wir irgendwann Distanz zueinander wahren, um nicht daran haften zu bleiben.

Aber sie weiß, dass ich das Grundstück seit Monaten nicht verlassen habe, und sie kennt auch meine Familiengeschichte. Sie weiß, dass ich kürzlich von einer Ordnungs-fanatikerin zu einer Bakterienphobikerin geworden bin, dass ich mir Sorgen mache über die Krankheiten, die meine Patienten in meinen kleinen sicheren Hafen einschleppen könnten, dass ich mich ständig durch einen Berg an Vitaminen und medizinischen Tees und antibakterieller Seife arbeite. Mal ehrlich, welche andere Möglichkeit habe ich denn, außer wachsam zu sein? Was würde ich tun, wenn ich mir etwas einfinge? Selbst mein guter Freund Google hätte Schwierigkeiten, einen Arzt zu finden, der gewillt wäre, Hausbesuche zu machen, ohne dafür ein kleines Vermögen zu verlangen. Trotzdem, normalerweise denke ich daran, meine Vitaminzufuhr in Lourdes’ Gegenwart auf ein Minimum zu beschränken, und versuche, Zurückhaltung zu üben.

„Achtundneunzig Tage“, sagt Lourdes. Trotz ihres beiläufigen Tonfalls spüre ich, dass sie besorgt ist. „Das ist zu lang.“

Ich weiß, es ist nicht fair, dass Lourdes und Leo die Einzigen sind, die wissen, dass ich das Grundstück seit drei Monaten nicht verlassen habe. Ab und zu droht sie mir, meine Eltern anzurufen und es ihnen zu sagen, aber ich weiß, dass sie das nie tun würde. Sie fühlt sich verantwortlich – sie glaubt, sie ist diejenige, die mich überredet hat, ans andere Ende des Landes zu ziehen, meinen Job aufzugeben und mein altes Leben hinter mir zu lassen. Sie macht sich Sorgen, dass der Stress dieser vielen Veränderungen auf einmal mich zu hart getroffen hat, und damit liegt sie nicht falsch. Ihre Schuldgefühle arbeiten zu meinem Vorteil. Ich hasse es, dass sie sich verantwortlich fühlt, aber meine Eltern dürfen nicht wissen, was los ist. Diese Nachricht würde meinen Vater zerstören – und bei meiner Mutter vielleicht noch Schlimmeres anrichten.

Ich nehme die Weinflasche in die Hand und tue so, als läse ich die Beschreibung auf dem Etikett. „Ist dir je aufgefallen, dass sie nie schreiben, dass der Wein nach Trauben schmeckt? Leder … Muskat … aber Trauben? Nie.“ Ich drehe die Flasche in meiner Hand und schaue sie ernst an. „Was ist los, bist du etwa zu gut für die Früchte, aus denen du gemacht bist?“

Lourdes hebt abwehrend die Hände. „Okay, okay, ich verstehe schon. Wir wechseln das Thema gleich, nachdem du mir gesagt hast, dass du versuchen wirst rauszugehen. Ich komme mit dir. Bitte, lass mich dir helfen, Maggie.“

Selbst wenn wir darüber Witze machen, will ich nicht, dass Lourdes mich jemals in den Fängen einer Panikattacke sieht. Das ist zu peinlich. Als ausgebildete Therapeutin weiß ich, dass eine mentale Krankheit nichts ist, dessen man sich schämen muss. Aber als Frau habe ich auch meinen Stolz.

Vor achtundneunzig Tagen, nur eine Woche, bevor ich meine Praxis eröffnet habe, saß ich im Behandlungszimmer eines Tierarztes und habe zugesehen, wie mein Toby starb. Danach bin ich mit gebrochenem Herzen durch den Golden Gate Park nach Hause gegangen. Die Abenddämmerung war bereits hereingebrochen, der Park ein Netz aus unbekannten, dunkler werdenden Pfaden. Die Panik kam nicht langsam. Ich spürte den Moment, in dem sie mich ergriff, mich in einen eisigen schwarzen See riss, den ich aus Beschreibungen meiner Patienten kannte, aber in den ich bislang nicht mehr als einen Zeh hineingetaucht hatte.

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