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Liebe, Mord und Miezekatzen

Mark Hollberg, Theo Graufell

Liebe, Mord und Miezekatzen

Ein Bündel Geschichten für zwischendurch (Sammelband)





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Einleitung


Drei Bücher in einem Sammelband mit dem Titel "Liebe, Mord und Miezekatzen". Die Autoren Theo Graufell und Mark Hollberg servieren leichtverdauliche Lesekost für zwischendurch. Lisa, Isa und die anderen Mädels sind die A-Gang und immer auf der Suche nach Mister Perfect. Die Geschichten von der A-Gang bilden den ersten Teil des Sammelbands, gefolgt von hinterhältigen Minikrimis, wo ein Mord schon mal wie ein Unfall aussieht und im dritten und letzten Teil erzählt Theo Graufell selbstironisch und fast schon satirisch von dem anstrengenden Leben als Assistent der umtriebigen Katze Kümmel. Obwohl das vorliegende Buch eher für die weiblichen Leser gedacht ist, dürfen die Herren, die drüber stolpern, es natürlich auch lesen. Aber ganz ehrlich: Liebesgeschichten und kleine Krimis, in denen die Frau meistens als Sieger hervorgeht, werden dem männlichen Leser ganz sicher nicht so gut gefallen.



1. Buch: Jung, cool, unwiderstehlich

Wie und wo findet Frau den perfekten Mann? Lisa, Isa, Rosa, Tanja, Jana und Sandra sind die A-Gang. Die sechs jungen Frauen fühlen sich im Großstadtdschungel mit all seinen Annehmlichkeiten am wohlsten, halten zusammen wie Pech und Schwefel und sind stets auf der Suche nach Mister Perfect, was nicht einfach ist. Irgendetwas Unvorhergesehenes passiert immer, sobald der perfekte Mann am Horizont auftaucht. Der Traumprinz  stellt sich als völlig verschroben heraus oder hält eine Überraschung bereit, mit der keiner gerechnet hat. Aber die Freundinnen nehmen es mit Humor, sonst wären sie nicht die A-Gang.

Introducing: Die A-Gang

 Die A-Gang muss nicht erst vorgestellt werden; sie ist die schärfste Frauenclique in einem Umkreis von 1001 Kilometern, die Mädels der Gang lieben das Großstadtleben mit seinen Clubs, Bars, Restaurants und ihrer Lieblingswellness-Oase, stehen mit allen Beinen fest im Leben, sind aber Albernheiten und Dummheiten niemals abgeneigt, wenn es um das starke Geschlecht geht, das auf den zweiten Blick gar nicht so stark ist, wie es den Anschein hat.

Lisa Sterzenbach ist Studentin der Tiermedizin, 23 Jahre alt, hat ein freches Mundwerk, stets lackierte Zehennägel und ist natürlich blond, was aber nicht heißen muss, dass ihre aktuelle Haarfarbe auch wirklich blond ist. Ihr ist der Name A-Gang eingefallen, aber ihre Anführerin ist sie nicht. Den hat die Gang gar nicht.

Rosa Knesebeck, 24, eigentlich Rosa Knesebeck von Teutschenthal, aber auf diesen langen Familiennamen, der auch noch sehr vornehm klingt, legt Rosa keinen großen Wert. Rosa ist der brünette Typ, hat große braune Rehaugen, mag deutsche Sitten und Gebräuche, manchmal sogar Schlagermusik und träumt von einem harmonischen Familienleben. Mehrere Kandidaten hat sie schon eingehenden Tests unterzogen, aber ein Winner war noch nicht dabei. Rosa hat gerade ihre Ausbildung zur Journalistin abgeschlossen und ist bei einer großen Zeitschrift beschäftigt.

Tanja Naumann, eigentlich Tatjana, wurde vor 24 Jahren in Kasachstan geboren und kam als Kleinkind mit ihren deutschstämmigen Eltern nach Deutschland. Die Spätaussiedler haben allerlei lustige Ausdrücke und Gebräuche mitgebracht, sind aber deutscher als die Ureinwohner Deutschlands. Tanja ist frischgebackene Architektin, hat gerade ihre erste Stelle angetreten und ist auf ihre feuerroten Haare sehr stolz.

Jana Hecker, 23, ist eine typische Großstadtpflanze, glaubt Judo zu beherrschen, kennt eine Menge übler Kraftausdrücke, lebt seit ihrer Geburt in ihrer Heimatstadt und arbeitet in der Reparaturannahme eines großen Autohauses. Jana ist ausgesprochen tierlieb und kann treuen Hundeaugen nicht widerstehen.

Isa Yildirim-Schulz, eigentlich Isabelle Shirin Yildirim-Schulz ist 24 Jahre alt, ihr Vater ist türkischer Abstammung, ihre Mutter Ostfriesin. Bis zum Tage ihrer Hochzeit konnte sich das Ehepaar nicht auf einen gemeinsamen Familiennamen einigen, also entschied man sich für einen Doppelnamen und übertrug diese Regelung auch auf die Kinder Isabelle-Shirin, Tobias-Hassan und Sebastian-Tarek. Der Einfachheit halber erfanden die Eltern nur wenig später Kosenamen: Isa, Tobi und Basti. Isa sieht aus wie ein orientalisches Supermodel, bevorzugt aber Textilien aus der Altkleidersammlung. So sieht es jedenfalls aus. Und nein, Isa hat keinen Gemüseladen, sondern ist angehende Grundschullehrerin.

Sandra Schröter, 24, ist meistens vernünftig, denkt viel, liest viel und ist trotz ihrer jungen Jahre bereits Inhaberin eines Blumenladens, gräbt am liebsten in Blumenerde herum und hat ihre dunkelblonden Haare stets zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sandra hat eine Schwäche für schmalzige Liebesromane und Krimis und kann nächtelang durchlesen, sieht am nächsten Tag dann doch etwas verwelkt aus, was sich aber nach einem Kaffee schnell bessert.

 Alle 6 kennen sich seit der Grundschule, sind unzertrennlich und stets auf der Suche nach dem einzigen und wahren Mann, der sauber, gebildet, ordentlich, fügsam, kräftig, attraktiv, liebevoll, belesen, mutig, sportlich und humorvoll ist. Um nur das Minimum aufzuzählen. Komischerweise sind alle sechs Mädels meistens Single. Sie sind die A-Gang, weil alle Vornamen auf a enden.

Lisa und das rote Hemd

»Du willst da wirklich ganz alleine hin fliegen, Lisa?«

Sandra, Lisas beste Freundin, deren Name wie alle Namen der A-Gang auf a endete, schaute sich besorgt in der Abfertigungshalle des Flughafens um. Überall Gruppen von Touristen, Unmengen von Koffern, lange Schlangen an den Abfertigungsschaltern und über allem hing ein gleichmäßiger Geräuschpegel. Hin und wieder ertönte eine Ansage aus den Lautsprechern und manchmal setzte sich sogar eine der Warteschlangen in Bewegung und rückte eine Station weiter. Es herrschte Hochbetrieb an allen Schaltern. Lisas blaue Augen funkelten unternehmungslustig.

»Nur weil ich Tom wegen seiner endlosen Affären rausgeschmissen habe, lasse ich mir doch meinen Urlaub nicht verderben.«

Über zwei Jahre war Lisa mit Tom zusammen gewesen, bis sie ihm auf die Schliche kam. Gut, vielleicht schaut man nicht auf fremde Handys, aber man lässt sein Handy auch nicht einfach so auf dem Tisch liegen. Und schon gar nicht, wenn es ununterbrochen piept, summt und vibriert. Tom war nur eben in den Keller gegangen, um eine Flasche Rotwein zu holen und es war irgendwie auch verständlich, dass er für diese kurze Aktion sein Handy nicht mitnahm. Und hätte dieses alberne Handy nicht in diesem Augenblick verdächtige Geräusche gemacht, wäre Lisa nicht hinter das Geheimnis ihres sogenannten Lebenspartners gekommen. Geheimnis? Das Wort musste ja wohl in diesem Zusammenhang besser im Plural verwendet werden. Es war ja auch gar nicht geplant, dass sie zusammen eine Flasche Wein trinken wollten, ja, es war ja nicht einmal geplant, dass Lisa an diesem Tag in der gemeinsamen Wohnung sein würde. Schließlich war Dienstag und Dienstag war Mädelstag. Jedenfalls die anderen Dienstage. Jeden Dienstag zogen Lisa und ihre Gang los, um für ein paar Stunden unter sich zu sein. Ein paar Cocktails trinken, rauchen, Brad-Pitt-Verschnitten hinterher pfeifen und um wichtige Dinge wie Make-up, Kleidung und Diäten zu besprechen. Kurz gesagt: ihren Marktwert testen. Junge Frauen der A-Klasse, weil alle Vornamen auf a endeten, außer Isabelle, aber die wurde der guten Ordnung halber Isa gerufen.

Die heutige Marktforschung war ausgefallen, weil Rosa beim Kunstreiten vom Pferd gefallen war und sich den Knöchel verstaucht hatte, Isabelle heftige Regelschmerzen hatte, Tanja ihre Eltern besuchen und beruhigen musste, weil Tanjas Vater wieder eine unbekannte Krankheit an sich entdeckt hatte und Jana zur Nachprüfung in ihren Judoverein musste. Bei der regulären Prüfung war Jana durchgefallen, aber dieses Thema war absolut tabu, es sei denn, man legte Wert auf einen handfesten Streit. Also wurde die Prüfungswiederholung als Nachprüfung bezeichnet und nicht als Wiederholung. Das klang ja so, als wäre man in der 6. Klasse sitzengeblieben. »Jana wiederholt die 6. Klasse«. Wie klingt das denn. »Jana muss zur Nachprüfung« klingt gleich viel besser.

Erst zierte sich Lisa, als besagtes Handy klingelte, aber sie zierte sich nicht sehr lange. Wenigstens einen Blick auf das Display wollte sie werfen. Darin konnte sie keine Verletzung irgendeiner Privatsphäre erkennen. Lisa stand auf und guckte diskret von oben auf Toms Handy und fühlte auch sogleich, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Der Name Gerlinde prangte unübersehbar auf dem Display. Doch nicht etwa diese Gerlinde? Hatte Tom Lisa nicht hoch und heilig versprochen, jeden Kontakt zu dieser Männerdiebin abzubrechen und nie wieder herzustellen? Was hatte diese Gerlinde, was Lisa nicht hatte? Natürlich, Gerlinde hatte etliche Jahre mehr auf dem Buckel als Lisa und hätte die Mutter von Tom sein können. Damit konnte Lisa mit ihren 28 Jahren tatsächlich nicht dienen. Tom hatte seine Affäre mit der Greisin gestanden, echte Reue gezeigt und geschworen, dass so ein Ausrutscher nie wieder vorkäme. Mit vor Wut zitternden Händen nahm Lisa das verräterische Handy und wartete ab, bis diese Gerlinde aufgab. Natürlich stöbert man nicht in den Kontakten seines Wohn- und Lebenspartners, aber ein Lebenspartner empfängt auch keine Anrufe von aufgemotzten Lustgreisinnen, die ihn bestimmt nicht bitten wollen, schwere Einkaufstüten in den fünften Stock zu schleppen. War das überhaupt Toms Handy? Die Namen im Adressbuch klangen alle harmlos und waren Lisa durchaus bekannt. Lisa warf einen schnellen Blick zur Tür und vergewisserte sich, dass sie immer noch alleine war. Sie kam sich vor wie eine Spionin, die das erbeutete Telefon vom Staatsfeind Nummer Eins untersuchte und damit verhinderte, dass Doktor Morlock sich die Welt untertan machte. Mit offenem Mund kam Lisa an diesem schwarzen Dienstag hinter Toms Geheimnis. Der liebe Tom, der sie mit Blumen und Konfekt verwöhnte, benutzte eine zweite SIM-Karte! Ein Dual-Handy. Natürlich. Praktisch eine zweite Identität. Hier war auch diese Gerlinde gespeichert. Und Alicia. Und Romina. Sophie, Marie und Susanne. Lisa plumpste auf das Sofa zurück. Unbekannte Namen, die ganz sicher nicht zu ihrem gemeinsamen Bekanntenkreis gehörten, aber wenigstens moderner klangen als Gerlinde mit dem Charme der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Außer Susanne vielleicht, aber dieser Name war eher zeitlos, was aber völlig egal war. Auch dieser Name war ein Indiz gegen Tom, der soeben fröhlich grinsend mit einer Flasche Rotwein in der Hand ins Wohnzimmer trat.

Toms Grinsen verschwand genauso schnell aus seinem Gesicht wie seine Klamotten am nächsten Tag aus dem gemeinsamen Kleiderschrank. Er leugnete erst gar nicht, als Lisa ihm die Namen an den Kopf warf, dass es sich um intime Bekanntschaften handelte. Wenigstens wusste Tom, wann das Spiel aus war. Es verstand sich von selbst, dass Lisa und Tom die Flasche Wein nicht mehr gemeinsam austranken.

Und so kam es, dass Lisa ohne ihren ehemaligen Lebenspartner in der Abflughalle stand und zum hundertsten Mal ihr Ticket überprüfte. Natürlich war sie etwas aufgeregt, aber den Urlaub brauchte sie und Griechenland war ihr absolutes Lieblingsland. Es verstand sich von selbst, dass Sandra sie zum Flughafen begleitete und nun tränenreich Abschied nahm. Wer die beiden Frauen aus der Ferne beobachtete, musste annehmen, dass Lisa eine hochgefährliche Reise in unerforschtes Amazonasgebiet unternahm, von wo bisher keiner zurückkam.

»Ich habe mich das ganze Jahr auf Griechenland gefreut. Dann fliege ich eben alleine nach Rhodos.« Sandra tätschelte die Hand ihrer Freundin; ihr steckte ein großer Kloß in der Kehle.

Das Gedränge vor den Schaltern wurde immer dichter und Sandra wurde zum dritten Mal beiseite geschubst, als wäre sie aus Luft. Lisa konnte gerade noch einem Rollkoffer ausweichen, bevor sie zermalmt wurde. Jetzt reichte es ihr.

»Haben Sie keine Augen im Kopf, Sie Feuerwehrhauptmann?«, rief Lisa wutentbrannt einem Mann in knallrotem Hemd hinterher. »Sie hätten mich beinahe überrollt«, fügte sie laut und vorwurfsvoll zu.

Das knallrote Hemd blieb stehen und drehte sich um. Unrasiert war dieser Typ auch noch, aber das war ja heute hochmodern. Lisa bedauerte diese Modeerscheinung sehr, sahen doch die meisten Männer mit ihrem Bartwuchs wie die Neandertaler aus und benahmen sich auch so. Deshalb erwartete sie von dem Rüpel auch nicht mehr als ein dumpfes Grunzen.

»Sie stehen mitten im Weg«, sagte der Hemdträger ruhig.

»Wir stehen nicht im Weg, wir stehen an, mein Lieber«, schnauzte Lisa aufgebracht.

Die Warteschlange hatte sich in der Zwischenzeit weiter nach vorne bewegt, sodass Lisa und Sandra plötzlich tatsächlich mitten auf dem Gang standen. Der Hemdträger deutete mit hochgezogener Augenbraue auf die Lücke.

»Wenn Sie hier anstehen, werden Sie nicht weit kommen«, spottete der freche Kerl.

Sandra musste Lisa beruhigen. Sie wusste, dass Lisa hin und wieder etwas aufbrausend war.

»Lass den Idioten. Wir wollen beide hoffen, dass deine Zimmergenossin nicht genauso ein Trampel ist.«

Entgegen den Ratschlägen ihrer besten Freundin, ihrer Kollegen und sogar ihrer Eltern hatte Lisa eine kleines halbes Ferienappartement auf Rhodos in einer schönen Hotelanlage gebucht. Alle Kritik hatte sie abgewimmelt. Es wäre billiger, sie hätte ja ein eigenes Zimmer, ihre Zimmergenossin wäre im gleichen Alter und vielleicht könne man ja sogar gemeinsam etwas unternehmen. Sympathie vorausgesetzt. Die ganze Wahrheit behielt Lisa für sich. So ganz alleine war es ihr doch etwas unheimlich in einem fremden Land. Aber das ging keinen etwas an.

Die Abfertigung am Schalter kam endlich vorwärts, der Einstieg ins Flugzeug erfolgte fast unmittelbar danach. Sandra hatte tränenreich Abschied genommen, Lisa hatte ihr Grüße für die Mädels aufgetragen und nun war Lisa ganz auf sich alleine gestellt. Irgendwo ganz hinten blitzte noch ein knallrotes Hemd auf, aber der unverschämte Kerl konnte ihr egal sein.

»Wahrscheinlich ein Ballermann-Tourist, der 14 Tage lang Sangria aus Eimern trinkt«, dachte Lisa, lehnte sich behaglich in ihrem Sessel zurück und schlief ein. Als sie aufwachte und aus dem Fenster blickte, sah sie bereits das blaue Mittelmeer unter sich.

»Traumhaft, nicht wahr?«, sagte der ältere Herr mit der Glatze neben ihr und seine Frau stimmte ihm zu.

»Wir kommen jedes Jahr nach Rhodos«, ergänzte sie. »Sie haben ja wie ein Engel geschlafen, Kindchen.«

Lisa lächelte verlegen und strich über ihre zerzausten blonden Haare.

Die Hotelanlage auf Rhodos war traumhaft schön, der Empfang sehr herzlich und auf deutsch und zum Strand waren es nur ein paar Minuten.

»Ich bin Basilea«, erklärte die rundliche Dame hinter dem Empfang. »Kommen Sie zu mir, wenn Sie Hilfe brauchen.« Lächelnd überreichte sie Lisa den Schlüssel. »Die Appartements sind dort hinten. Gleich neben den Olivenbäumen.«

Es roch nach Meer und Gewürzen und Lisa war rundum zufrieden. Vor lauter Übermut machte sie ein paar Sirtaki Tanzschritte und schloss die Tür zu ihrem Appartement auf. Wenn nun auch noch ihre Zimmergenossin einigermaßen erträglich wäre, stünde einem Traumurlaub nichts im Wege. Vielleicht hatte sie ähnliche Interessen, war an Kultur interessiert und ging gerne spazieren. Lisas Appartement bestand aus einem schmalen dunklen Flur, einer Kochnische, einem Badezimmer und zwei Schlafzimmern. Sie begutachtete beide Schlafzimmer und entschied sich für das Zimmer mit Blick auf die Gartenanlage. Wer zuerst kommt, hat die freie Auswahl. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Das musste diese Paula, ihre Zimmergenossin für die nächsten 14 Tage sein. Lisa sah es als gutes Zeichen an, das der Name ihrer Zimmergenossin auch auf a endete. Fröhlich lief Lisa ihr entgegen und erstarrte mitten im Flur zur Salzsäule. Der unhöfliche Kerl im knallroten Hemd vom Flughafen stand im Türrahmen.

Lisa war völlig baff und brachte im ersten Moment kein einziges Wort heraus. Sie glotzte den Mann, der nicht viel älter als sie selbst sein konnte, wie einen Geist aus der Flasche an. Jetzt betrat er auch noch ihr Appartement, kramte in den Hosentaschen und reichte ihr zwei Euro.

»Alles gut sauber?«, fragte er betont langsam.

Er hielt sie wohl im ersten Moment im Halbdunkeln für das Zimmermädchen. Wie unter Hypnose streckte Lisa die Hand aus und nahm die Münze. Jetzt erst gewöhnten sich die Augen des Hemdträgers an das gedämpfte Licht im Flur und er schreckte zurück.

«Sie?«

Auch Lisas Lebensgeister kehrten zurück. Sie ließ die Münze fallen, als hätte ihr das Geldstück einen elektrischen Schlag verpasst.

»Verlassen Sie sofort mein Appartement, sonst...«, drohte sie.

»Was sonst?«

Der Eindringling kam doch tatsächlich näher.

»Das ist mein Appartement,« sagte er knapp.

»Unmöglich.« Lisa gab sich kampfbereit. Sie war im Recht.

»Ich habe ein halbes Appartement mit einer gewissen Paula Sowieso gebucht.« Zorn stieg in ihr hoch. »Weiblich versteht sich.«

Der Mann im roten Hemd machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Paula?«, fragte er.

»Ja, Paula. Schwerhörig sind Sie also auch noch«, blaffte Lisa ungehalten zurück.

»Das ist merkwürdig«, meinte der ungebetene Gast. »Ich heiße nämlich Paul. Und das ist mein Appartement.«

Kreidebleich rannte Lisa zurück zur Rezeption. Diesmal hatte sie überhaupt keinen Blick für die Schönheiten der Natur und hoffte nur, dass dieser Albtraum sofort ein Ende finden würde. Ruhig und würdevoll ging es in der kühlen Ankunftshalle zu; die neu angekommenen Urlauber waren alle auf ihren Zimmern verschwunden und die brave Basilea arbeitete konzentriert am Computer. Lisa stürzte auf die Rezeption zu.

»Basilea«, keuchte sie. »Sie müssen mich von diesem schrecklichen Menschen befreien.«

Ganz außer Atem erzählte sie der netten Empfangsdame, dass sie auf gar keinen Fall in ihr Appartement zurückginge, solange dieser unverschämte Lümmel im roten Hemd sich dort breitmachte.

»Alles der Reihe nach«, fiel ihr Basilea ins Wort, die zwar die Worte, nicht aber den Sinn verstand. Lisa redete zehn Minuten lang, dann nahm Basilea einen tiefen Schluck eisgekühltes Wasser und sagte: »Ich verstehe. Schauen wir doch erst mal im Computer nach.«

Ungeduldig schaute Lisa zu, wie Basilea in den Gästelisten nach einem Anhaltspunkt für Lisas Tragödie suchte.

»Ich glaube, ich habe etwas gefunden«, sagte Basilea nach einer Weile. »Moment noch.«

Basilea griff zum Telefon und führte ein kurzes Gespräch mit dem deutschen Reiseveranstalter. Dann gab sie der verzweifelten Lisa das Ergebnis kund. »Offensichtlich ein Übermittlungsfehler. Der Mann heißt Paul A. Lehmann. Der Computer hat das als Paula gedeutet und Ihnen diesen Mitbewohner als weiblich zugeteilt.«

Lisa starrte Basilea entgeistert an. »Ja, gut. Und jetzt?«

Basilea hob bedauernd die Schultern.

»Wir haben Hochsaison. Kein einziges Bett ist frei.«

Lisa musste sich festhalten.

»Versuchen Sie sich zu arrangieren. Sie haben doch zwei Schlafzimmer. Das nächste freie Bett gehört Ihnen.«

Deprimiert wankte Lisa zu ihrem Appartement zurück. Paul A. Lehmann packte pfeifend seinen Koffer aus.

»Wann ziehen Sie also aus?«, fragte er frech.

»Ich ziehe nicht aus«, antwortete Lisa tonlos und erklärte ihm die Situation. Paul nahm die Angelegenheit ziemlich gelassen.

»Ich bin pflegeleicht. Sie werden mich gar nicht wahrnehmen.«

Er lächelte, während er sprach. Kleine lustige Fältchen bildeten sich dabei unter seinen Augen.

»Wir brauchen Regeln«, sagte Lisa bestimmt. »Das Bad gehört mir von neun bis zehn abends und von acht bis neun morgens. Klar?«

»Klar.«

Lisa fügte sich vorerst in dieses schreckliche Schicksal und tat das, was alle Touristen am ersten Tag taten. Sie packte ihren Koffer aus, erkundete die herrliche nähere Umgebung, ließ sich die Füße mit Mittelmeerwasser umspülen und nahm einen Milchkaffee an der Hotelbar. Es wäre der perfekte Urlaub, wenn dieser Typ nicht da wäre. Die Regeln beachtete er wenigstens; sie hörte und sah nichts von ihm.

Am nächsten Tag stand Lisa früh auf; sie wollte die Stadt selbst erkunden. Aufstehen, duschen, los. Das war ihr Plan. Mit noch halb geschlossenen Augen schlurfte sie im Morgenmantel über den Flur, öffnete die Badezimmertür und prallte sofort zurück. Dort stand dieser Paul splitterfasernackt vor dem Spiegel und rasierte sich. Glücklicherweise sah sie ihn nur von hinten, aber das reichte ihr. Lisa war sofort hellwach.

»Jetzt ist meine Zeit! Ziehen Sie sich was über und verschwinden Sie.«

Der Rasurkünstler war ebenso erschrocken und drehte sich nackt wie er war reflexartig um. Eine gefühlte Ewigkeit starrten sich die unfreiwilligen Zimmergenossen entsetzt an, bevor Paul seine Stimme wiederfand.

»Entschuldigung. Soll nicht wieder vorkommen.«

Lisa wusste überhaupt nicht, was sie sagen sollte, und öffnete immer und immer wieder ihren Mund wie ein Karpfen, der nach Luft schnappte. Ganz automatisch glitt ihr Blick wie ein Scanner über den nackten Paul, bis er, der Blick, nur noch wie festgewurzelt auf seinem Gesicht verweilte. Lisa holte tief Luft, drehte sich um, verließ den Ort des Schreckens und wartete wutentbrannt auf dem Flur.

Die Badezimmertür öffnete sich und Paul kam heraus. Er hatte jetzt ein großes Badehandtuch um die Hüften gewickelt, einen Rest Rasierschaum im Gesicht und schaute ziemlich schuldbewusst aus der Wäsche, die er nicht anhatte.

»Tut mir aufrichtig leid«, stotterte er und machte Anstalten, sich in seine Gemächer zu verziehen. Lisa warf einen prüfenden Blick ins zwangsgemeinsame Badezimmer und was sie dort sah, überstieg ihre Vorstellungskraft. Der Toilettendeckel stand offen! Das ging ja gar nicht. Wenn Lisa etwas von ihrem Vater geerbt hatte, dann sein cholerisches Temperament.

»Sie ungezogener Lümmel, Sie Badbeschmutzer, Sie lästiger Eindringling! Sie können doch den Toilettendeckel nicht offen lassen!« Ihr kam ein fürchterlicher Verdacht. »Sie haben doch nicht etwa … also im Stehen ...«

Pauls Blick sprach Bände. Lisa kochte innerlich über und sah rot, auch wenn Paul sein aufreizendes Hemd noch gar nicht trug. Und so ganz langsam und unaufhaltsam stieg ihr Wutpegel, bis er ganz überschwappte. Voller Wut und Ärger schnappte sich Lisa den nächstbesten Gegenstand, eine schöne Vase mit antiken Motiven, und warf sie in Pauls Richtung. Paul sah aus dem Augenwinkel die Bewegung, streckte die Arme, machte einen kleinen Hechtsprung und fing die Vase noch im Flug auf, bevor sie irgendwo zerschellen konnte. Es muss der guten Ordnung halber gesagt werden, dass Lisa nicht direkt auf Paul gezielt hatte. Sie wollte ihm nur zeigen, dass mit ihr nicht zu spaßen war. Die Vase ging nicht zu Boden, dafür aber Pauls Hüfthandtuch, das durch die unerwartete Bewegung seinen Halt verlor und den Gesetzen der Schwerkraft folgte. Lisa sah nun ihren ungebetenen Mitbewohner das zweite Mal innerhalb weniger Minuten in seinem Werkzustand und wurde immer wütender.

»Wie wäre es, wenn Sie Ihr Handtuch ordentlich festzurren würden, damit es nicht ständig runterrutscht? Und stellen Sie endlich die blöde Vase an ihren Platz. Und vor allem, bedecken Sie sich«! Lisa tippte sich an die Stirn, während Paul die Vase auf die Kommode zurückstellte und sein Handtuch um seine knochigen Hüften schlang.

»Wenn Sie noch ein einziges Mal unsere Vereinbarung brechen, dann vergesse ich mich«, zischte Lisa und bemerkte überhaupt nicht, dass sich ihr Bademantel dank ihrer Wurftätigkeit gelockert und geöffnet hatte und nichts mehr verbarg, was er eigentlich verbergen sollte. Der höfliche Paul zeigte wortlos mit dem Zeigefinger auf die textile Unpässlichkeit seiner Mitbewohnerin.

»Was?«, fauchte Lisa.

»Ihr Morgenmantel steht offen. Aber vielleicht stört es Sie ja gar nicht«, erklärte Paul doch etwas schadenfroh. Lisa erbleichte, raffte die Enden ihres widerspenstigen Bademantels zusammen und machte einen drohenden Schritt auf Paul zu.

»Kommen Sie mir nicht näher, Sie Furie. Ich kann Judo«, meinte Paul nur.

Lisa guckte ihn spöttisch an. »Judo kann er«, äffte sie ihn nach und zog das u ganz lang. »Das werden Sie auch brauchen«, meinte sie knapp, verschwand im Badezimmer und knallte die Tür zu, dass die Wände wackelten. Aber nicht nur die Wände wackelten, sondern auch die gerettete griechische Vase, die erst auf der Kommode hin und her schwankte und dann langsam und gemächlich in die Tiefe fiel und unten in tausend Stücke zersprang.

»Haben Sie es doch noch geschafft, Sie Zerstörerin!«, hörte Lisa Paul rufen. »Das wird teuer. Das gute Stück war bestimmt antik«, ergänzte er sachkundig. Lisa öffnete kurz die Badezimmertür, besah sich wortlos den Schaden, schloss die die Badezimmertür sorgfältig von innen und widmete sich endlich ihrer Morgentoilette.

Lisa verbrachte trotz des unangenehmen Starts in den Tag einen wunderbaren Vormittag. Ohne Hast und Eile spazierte sie inmitten der anderen Urlauber durch die Altstadt von Rhodos, erfreute sich an den malerischen Gassen und den alten Stadtmauern von Rhodos, die man gut zu Fuß erforschen konnte. Hin und wieder betrat sie einen der vielen Läden. Natürlich wusste sie, dass die ganzen Vasen, Gläser und landestypischen Jacken nur für die Touristen produziert worden sind. Aber Spaß machte es trotzdem. Sämtliche Sprachen der Welt schwirrten durch die heiße Luft. Etwas traurig war Lisa schon, dass sie ihren Urlaub alleine verbringen musste. So langsam machte sie sich etwas erschöpft auf den Heimweg in ihre Hotelanlage und freute sich jetzt schon auf das kristallklare Wasser am Strand. Den bevölkerten Strand wollte sie meiden und fragte die fleißige Basilea nach einem Stückchen Natur, wo man in Ruhe entspannen konnte. Also möglichst wenig Touristen, himmlische Ruhe, Meer, Sand und Sonnenschein. Kurz: das Paradies. Zu Lisas größtem Erstaunen nickte Basilea nur und sagte: »Sicher. Das gibt es. Nur wenige gehen an diesen Strandabschnitt. Die Touristen bleiben lieber in der Nähe des Hotels und der Strandbar. Nehmen Sie ein Fahrrad. Das geht schneller.«

Basilea beschrieb der verdutzten Lisa genau den Weg und fügte noch hinzu: »Achten Sie aber auf die Schilder am Strand. Dort gibt es … » Basilea wurde durch eine laute und empörte Touristengruppe unterbrochen, die irgendeine Meinungsverschiedenheit über eine Strandliege hatte. Lisa nickte brav, winkte Basilea zu und ging auf ihr Zimmer, um ihre Badesachen zu packen. Leise öffnete sie die Tür, spähte in alle Richtungen und trat erleichtert ein. Kein Störenfried namens Paul zu sehen. Bikini, Handtuch, Sonnenöl und eine Flasche Wasser waren schnell in Lisas Rucksack verstaut und sie machte sich wohlgelaunt auf den Weg zum Fahrradstand. Sie suchte sich ein schönes bequemes Fahrrad aus und radelte pfeifend in die Richtung, die ihr Basilea erklärt hatte. Nach einer guten halben Stunde erreichte sie den von Basilea beschriebenen Strandabschnitt und musste anerkennend sagen, dass ihre freundliche Helferin vom Empfang nicht übertrieben hatte. Natur, Sonne, Meer und vor allem Ruhe und ganz selten eine menschliche Gestalt. Wahrscheinlich war den meisten Touristen der Weg in dieses kleine Paradies zu weit, was Lisa überhaupt nicht bedauerte.

Überall standen Schilder, die Lisa aber nicht entziffern konnte, da sie ausnahmsweise nur in griechischer Schrift geschrieben waren. In den Hochburgen der Touristen war alles mehrsprachig ausgeschildert, hier hatte man sich auf griechisch beschränkt. Ein gemütliches Plätzchen war schnell gefunden, Lisa schlüpfte in ihren Bikini und machte sich lang. Das Meer rauschte und lockte Lisa, die gar nicht widerstehen wollte, mit langen Schritten rannte Lisa zum Wasser und warf sich jubelnd in die Wellen. Das war Urlaub, wie sie ihn haben wollte, nur schade, dass niemand da war, der ihren Rücken mit Sonnenmilch einrieb. Tropfnass kam Lisa aus dem Wasser, trocknete sich sorgfältig ab und beschloss, ein paar Meter zu gehen und sich umzusehen; sie passierte die für sie unleserlichen Schilder, schaute neugierig nach links, dann nach rechts und erfreute sich an der Natur. Lag es an der Hitze oder warum wurde Lisa plötzlich etwas fußlahm? Ihre Schritte wurden schwerer und schwerer; Lisa blieb stehen, um sich kurz zu erholen und staunte über die imposante und nachhaltige Naturlandschaft, die ihr immer gewaltiger vorkam. Wie klein ist doch der Mensch, fuhr es Lisa durch den Kopf. Etwas reales hatte dieser Gedanke tatsächlich, denn alles um sie herum wurde irgendwie größer und höher und sie, Lisa, wurde immer kleiner. Es dauerte noch einen Wimpernschlag, bis Lisa realisierte, dass sie im Sand versank.

Erst lachte sie, aber als Lisa merkte, dass sie immer tiefer sank, verging ihr das Lachen. Bis zu den Knien steckte sie bereits im Sand und jede Sekunde verschwand ein weiterer Zentimeter ihres Körpers. Lisa stampfte mit den Füßen auf, was zur Folge hatte, dass sie schneller im Sand versank. Langsam geriet Lisa in Panik und schaute sich Hilfe suchend um. Aber wen oder was konnte sie hier außer Wasser, Sand und Sonnenschein schon erspähen? Nichts und niemand. Außer vielleicht diesen roten Fleck am Horizont, der langsam näher kam. Lisa steckte inzwischen bis zu den Hüften im Sand und schrie laut um Hilfe, dazu wedelte sie wild mit beiden Armen. Als Lisa bis zur Brust im Sand verschwunden war, entpuppte sich der rote Fleck als ein Herrenhemd und dieses Hemd gehörte Paul A. Lehmann, der dieses Kleidungsstück auch trug.

»Sie kommen gerade im richtigen Moment«, keuchte Lisa, von der nur noch der Kopf und ein Arm aus dem Sand ragte. »Retten Sie mich!«

»Haben Sie denn die Schilder nicht gesehen?«, fragte Paul vorwurfsvoll und zog sein rotes Hemd aus. »Hier ist überall Treibsand, Sie Unglücksvogel.«

»Ich kann kein griechisch!«, fauchte Lisa.

»Auf der Rückseite steht eine Warnung auf Deutsch«, belehrte Paul das Sandopfer sehr sachlich.

»Ziehen Sie mich endlich hier raus!«, herrschte Lisa ihren Retter an. »Was machen Sie überhaupt hier? Verfolgen Sie mich, Sie gewissenloser Desperado?«

»Ja und nein«, entgegnete Paul. »Es ist ein Zimmer frei geworden und diese freudige Botschaft wollte ich persönlich überbringen.« Paul warf Lisa das eine Ende vom Hemd zu, Lisa griff mit dem freien Arm zu und Paul zog vorsichtig. »Ihre Busenfreundin Basilea hat mir verraten, wo ich Sie finde.«

Stück für Stück zog der charmante Paul die sandige Lisa aus dem Loch des Verderbens, bis es ratsch! machte und jeder einen Teil des roten Hemdes in den Händen hielt, was für Lisa nicht mehr so tragisch war, da sie nun ganz außer Puste neben dem Sandloch stand. Vom Hals abwärts war sie mit einer Sandschicht bedeckt, aber das ließ sich korrigieren.

»Nun haben Sie mein Lieblingshemd zerrissen«, wehklagte Paul.

»Ich ersetze es Ihnen, Sie unmöglicher Mensch!«, schnauzte Lisa. »Jammert über sein Hemd und ich wäre hier beinahe elendig erstickt. Ich gehe mich erst mal abspülen.«

»Wir sollten die Gefahrenzone verlassen«, schlug Paul vor und Lisa willigte ein. Vom sicheren Boden aus Lisa stapfte zum Wasser, tauchte einmal ganz unter und ging wieder an Land. Paul betrachtete Lisa eingehend.

»Was?«, entfuhr es Lisa.

»Sie haben nichts an«, stellte Paul überrascht fest.

Ungläubig schaute Lisa von oben an sich herunter, sah Paul fragend an, bis ihr Blick zum Sandloch wanderte.

»Das gibt es doch gar nicht«, hauchte sie. »Der Treibsand hat meinen Bikini gefressen. Ich schwöre, ich hatte einen an.«

Lisa stand splitternackt am Strand und schaute Paul an; Paul schaute Lisa an und plötzlich brachen beide in ein Gelächter aus, dass ihnen die Tränen aus den Augen trieb. Die beiden Urlauber schüttelten sich vor Lachen, Lisa bog sich und hielt sich die Seiten, Paul lachte wie eine Mischung aus meckernder Bergziege und Blecheimer, sie lachten, bis sie keine Luft mehr kriegten. Lisa ging nackt wie sie war ein paar Schritte auf Paul zu und streckte ihm die Hand entgegen.

»Danke«, sagte sie. »Wollen wir nochmal von vorn anfangen?«

»Sehr gerne«, erwiderte Paul und reichte Lisa sein zerrissenes Hemd, damit sie sich bedecken konnte.

Gemeinsam legten Lisa und Paul den Weg zur Hotelanlage zurück und so langsam kehrten Lisas Lebensgeister zurück, was nicht zuletzt an Paul lag, der ganz zwanglos von seiner Arbeit als Schornsteinfeger plauderte.

»Die Vase kostet 30 Euro«, rief ihnen Basilea von der Rezeption zu. »Ich setze sie auf die Rechnung.«

Lisa und Paul guckten sich an und mussten schon wieder lachen. Uncharmant war er jedenfalls nicht, fand Lisa in diesem Augenblick.

Von nun an grüßten sie sich und benahmen sich wie normale Menschen, wenn sich Lisa und Paul in ihrem Appartement oder in der Hotelanlage trafen. Von einem Auszug in ein freies Einzelzimmer war plötzlich gar keine Rede mehr. Es ging ja auch so. Einmal ergab es sich zufällig, dass sie zusammen einen Kaffee an der Hotelbar tranken und sich angeregt dabei unterhielten. An einem anderen Tag lud Paul sie sogar auf ein Glas Wein ein und wie zwei gute Freunde schlenderten sie durch die romantischen Gassen der Altstadt. Mit wunden Füßen setzten sie sich in ein Straßencafé und schauten dem bunten Treiben zu. Ein älteres Ehepaar blieb vor ihnen stehen und Lisa erkannte sofort ihre Sitznachbarn aus dem Flugzeug.

»Manchmal haut es nicht hin mit den Sitzplätzen nebeneinander im Flugzeug«, meinte die nette Dame nach einem angenehmen Plauderstündchen. »Mein Mann und ich saßen glücklicherweise noch nie getrennt.«

Zuerst wollte Lisa protestieren, aber dann ließ sie das reizende Ehepaar in ihrem Irrtum. Sie wusste selbst nicht, warum sie dieses Missverständnis nicht gleich aufklärte, aber Paul sagte ja auch nichts.

Unterhaltsam erzählen konnte er ja, der schlaksige Judokämpfer mit den veilchenblauen Augen und der ewig zerrauften Mähne. Deshalb und aus anderen Gründen zögerte sie gar nicht lange und sagte zu, als Paul sie nach einigen Tagen zu einem Ausflug auf die nächstgelegene Insel Symi einlud. Es wurde der schönste Tag ihres Urlaubs. Symi ist so wunderschön und so malerisch, dass Lisa fast die Sinne schwanden vor Freude. Das Wetter war wie immer klar und in der Ferne sah sie deutlich die türkische Küste und als Paul ihr seine Hand reichte, um ihr bei einer etwas holprigen Wegstrecke behilflich zu sein, ließ sie seine Hand einfach nicht mehr los. Am frühen Abend erreichten sie mit dem Ausflugsboot den Hafen von Rhodos und beschlossen, den restlichen Urlaub in aller Freundschaft gemeinsam zu verbringen.

Lisas Urlaub neigte sich so langsam dem Ende zu. Am letzten Morgen wachte sie gut erholt auf und guckte zur Uhr. Es war halb acht. Pauls festgelegte Zeit für das Badezimmer. Lächelnd erhob sich Lisa, warf lässig ihren Morgenmantel über und ging wie am ersten Tag durch den dunklen Flur zum Badezimmer. Paul musste im Badezimmer sein, es war ja seine Zeit. Mit Schwung öffnete Lisa die Tür und starrte ins leere Badezimmer. Ja, sie war enttäuscht. Sie hatte sich schon auf sein überraschtes Gesicht gefreut. Aber egal. Nun war sie schon mal hier und stieg unter die Dusche. Klatschnass stand sie mitten im Badezimmer, als die Tür sich langsam öffnete. Offensichtlich zwei Seelen, ein Gedanke.

»Komm rein«, sagte Lisa nur.

Sandra schaute ungeduldig auf die großen Tafeln in der Ankunftshalle. Lisas Flug aus Rhodos war soeben gelandet und Sandra hatte Lisa fest versprochen, sie abzuholen.

»Lisa!«, rief Sandra. Aber dann blieb ihr Mund vor Erstaunen offen stehen. »Mach zu. Es zieht«, lachte Lisa.

Im Schlepptau von Lisa erkannte Sandra deutlich den Grobian im knallroten Hemd, der sie beide vor zwei Wochen angerempelt hatte, nur dass sein Hemd heute froschgrün war.

»Ich erkläre dir später alles!«, rief Lisa und stürzte ins nächste Super-Last-Minute Reisebüro. Sandra folgte ihr keuchend.

»Was hast du denn nur vor?« Lisa umarmte stürmisch Paul.

»Nochmal buchen und nix wie weg. Diesmal zu zweit.«

Tanja und der Straßenhai

 Die A-Gang war sprachlos, als Lisa am folgenden Dienstag nach ihrer zweiten Rückkehr die Mädels zu sich einlud und gewissenhaft Bericht erstattete und besonders Jana, die gutgebaute Männerkörper abgöttisch liebte, wollte alles ganz genau wissen.

»Du hast ihn wirklich gleich am ersten Tag nackt gesehen?«

Die Gang spitzte die Ohren, nahm einen Schluck Weißwein und lauschte gespannt, ob und was Lisa preisgeben würde. Betont langsam und gleichmütig nahm Lisa ihr Glas, nahm einen kleinen Schluck, setzte ihr zauberhaftes Lächeln auf und fragte in die Runde: »Was genau wollt ihr wissen, Kinder?«

Das Geschrei und Gekicher, das nun einsetzte, war ohrenbetäubend, die gesamte Gang sprang auf und quetschte sich auf Lisas Sofa, Tanja drehte noch schnell die Musik etwas leiser und setzte sich auf den Fußboden. Fragen, Rufen und Gelächter schwirrten durch den Raum, die Mädels überboten sich in völlig überzogenen Vermutungen, bis Lisa dem Treiben Einhalt gebot.

»Der Reihe nach, liebe A-Gang. Rosa zuerst.«

Rosa mit den kastanienbraunen Augen schaute verschämt die anderen Wissbegierigen an und stellte dann die Frage, die vermutlich allen auf den Lippen lag.

»Wie sah er denn aus, als das Badehandtuch wegrutschte?«

Die Gang kicherte und war plötzlich mucksmäuschenstill, als Lisa die Geschichte zum 1001. Mal erzählte und in der heutigen Version auch nicht an Einzelheiten sparte. Aus Paul A. Lehmann wurde der muskelbepackte König aller Männer, in Lisas aktueller Erzählung bestand er nur aus Kraft, Intelligenz und sonnengebräunter Haut. Supergutes Aussehen war selbstverständlich und als Lisa über das fallende Handtuch fabulierte, rutschte die Gang näher zusammen; Rosa seufzte, Tanja grunzte, Jana stöhnte leise auf und Isa krächzte nur: »Weiter, Lisa, weiter.«

Nach Lisas Schilderungen war neben ihrem Paul Arnold Schwarzenegger ein dünner Hering, Brad Pitt ähnelte dem Klöckner von Notre Dame und Justin Timberlake würde auf ewig ein ungeküsster Frosch bleiben. Paul war natürlich der Schönste und sowieso der Beste von allen.

»Du hast ein Glück«, wehklagte Tanja, die heute ihre feuerroten Haare zu einem gigantischen Nest geformt hatte, in dem problemlos eine gesamte Amselfamilie ein Heim gefunden hätte und die nicht Handarbeiten, sondern Handwerken zu ihrer Leidenschaft gemacht hatte.

»Nun wollen wir aber nicht so ungerecht sein, liebe Tanja«, schaltete sich Isa, die stets und ständig Hunger hatte und ohne mit der angeklebten Wimper zu zucken vier (4) Hamburger in zwanzig Minuten verdrücken konnte, ohne sich übergeben zu müssen. Rosa hatte damals die Herausforderung angenommen, scheiterte und erhielt lebenslanges Hausverbot in dem Burgerrestaurant, da sie sich weigerte, alles zu bezahlen, was sie verzehrt hatte. Es wäre ja nichts im Magen geblieben, war ihr Argument, was die Geschäftsführung des Lokals allerdings nicht gelten ließ. Wer bestellt, muss zahlen.

»Hast du nicht damals deinen Traummann gefunden, der handwerklich so ungeschickt war, dass er mit Hammer und Nagel beinahe die Bewohner eines Mietshaus ins Unglück gestürzt hatte?«, fuhr Isa fort. »Seine neue Wohnung muss doch für dich ein Paradies gewesen sein.«

Wehmütig schwelgte Tanja in Erinnerungen an elektrische Leitungen, Hohlraumschwerlastdübeln, Holzbearbeitung mit allen Schwierigkeitsgraden und an ihren 60-teiligen Werkzeugkoffer, der alles bot, was das Handwerkerherz begehrte. Hin und wieder dachte Tanja natürlich auch an ihren Scheintraummann, in dessen Wohnung sie sich handwerklich gesehen so richtig austoben konnte, der aber einen schrecklichen Frevel begangen hatte, was dazu führte, dass Tanja ihn letztendlich nicht mehr sehen wollte. Wie in einem Film sah Tanja zum 100. Mal, wie sie Andreas kennenlernte:

»Was drängelt der Idiot denn so?«

Tanja blickte erbost in den Rückspiegel. »Eine Straße ist doch keine Kampfarena! Schon mal was vom Sicherheitsabstand gehört?« Sie stellte diese Frage laut, obwohl der Drängler sie gar nicht hören konnte. Wahrscheinlich trägt der arme Mann neue Schuhe und hat damit noch nicht das richtige Fahrgefühl entwickelt, dachte sie. Um Ausreden sind diese Desperados ja nie verlegen. Wahrscheinlicher war jedoch, dass der Typ das Auto geklaut hatte und er mit der Technik noch nicht vertraut war.

Tanja setzte den Blinker und bog rechts ab. Hier in dieser ruhigen Seitenstraße war eine Wohnung frei und sie, Tanja Naumann, hatte einen Besichtigungstermin und die feste Absicht, diese Wohnung zu mieten. Der nervige Kerl war ihr immer noch auf den Fersen. Geschickt lenkte sie ihren sportlichen Kleinwagen in die einzige Parklücke weit und breit, was unverzüglich ein Hupkonzert auslöste. Ihr lästiger Verfolger sprang bei laufendem Motor aus seinem Wagen oder wessen Wagen auch immer und kam drohend auf Tanja zu.

»Erst behindern Sie mit Ihrem Schneckentempo den ganzen Verkehr und dann schnappen Sie mir auch noch den einzigen Parkplatz weit und breit weg«, schimpfte der Kerl.

Tanjas Meinung über den jungen Mann mit dem Sieben-Tage-Bart verfestigte sich: Ein Straßenhai, ein Wüterich am Lenkrad, ein Freibeuter der Fahrbahn, ein ungehobelter Klotz, ein kleinkarierter Sesselpupser aus dem Finanzamt, ein spießiger Gartenzwergsammler. Betont langsam und hoheitsvoll wie eine Königin aus ihrer Sänfte stieg Tanja aus, streifte den Schreihals mit einem verächtlichen Blick aus ihren blauen Augen, zielte mit ihrem Schlüssel auf ihr Auto und ließ die Verriegelung zuschnappen. Dann lächelte sie freundlich.

»Ach, Sie werden schon einen Parkplatz finden.« Tanja schulterte ihre Handtasche und reckte ihren Hals. »Ihr Auto jedenfalls sucht schon.«

Entsetzt drehte sich die Nervensäge um und hastete in langen Sätzen hinter seinem Auto her, das langsam und führerlos über die Straße rollte. Die Maklerin, eine elegant gekleidete Mittvierzigerin, begrüßte sie mit einer gewissen Heiterkeit. Sie stand auf der Treppe des gepflegten Mehrfamilien-Hauses und hatte den ganzen Vorfall beobachtet.

»Da hat wohl einer im Übereifer vergessen, die Handbremse anzuziehen«, bemerkte sie nicht ohne Schadenfreude. »Guten Tag, Frau Naumann.«

»Wenn dieser Fuhrknecht überhaupt eine Vorstellung hat, wo sich die Handbremse befindet«, ergänzte Tanja und schaute kopfschüttelnd der Verfolgungsjagd von Mann und Fahrzeug hinterher.

»Das kann ja nur schiefgehen«, seufzte sie.

Im weiblichen Einvernehmen über männliche Fahrkünste erklommen Tanja und die Maklerin die Treppen, die Maklerin schloss im dritten Stock die helle Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung auf, die neu zu vermieten war, als unten die Haustür knallte und jemand die Treppen hinauf polterte. Jemand, der derbes Schuhwerk trug, jemand, der keine Manieren hatte und jemand, der in diesem ruhigen Haus nichts verloren hatte. Im zweiten Stock öffnete sich eine Wohnungstür.

»Das geht doch bestimmt auch leiser, junger Mann!«, ertönte die resolute Stimme einer wohl nicht mehr ganz jungen Frau. Tanja schaute durch das Treppengeländer nach unten. Eine weißhaarige Dame versperrte dem Trampeltier den Weg.

»War ja klar. Schon wieder der!«, entfuhr es Tanja. Das karierte Hemd und die braunen Locken hatte sie sofort erkannt. Der Desperado von vorhin.

»Wir sind ein ruhiges Haus«, wies die alte Dame ihn zurecht. Der forsche junge Mann verlangsamte seine Gangart, machte einen kleinen Bogen um das Hindernis in Gestalt der Hausbewohnerin und erklomm die nächste Treppe. »Deshalb will ich ja auch hier wohnen«, erwiderte er.

Tanja erbleichte. »Frau Ludwig«, wandte sie sich an die Maklerin. »Erwarten Sie noch einen Interessenten für die Wohnung?«

Die Maklerin nickte. »Ja, aber nicht für das Objekt im dritten Stock, sondern für die Mansarden-Wohnung.« Sie deutete nach oben. »Direkt über uns. Aber der Interessent ist schon eine Viertelstunde überfällig.«

Im gleichen Moment erschien die hagere Gestalt im karierten Hemd auf der Treppe.

»Nein«, keuchte er. »Hier ist er. Andreas Neumann.«

Tanja glaubte sich verhört zu haben. «Wie heißen Sie?«, fragte sie sicherheitshalber nach.

»Andreas Neumann«, kam die Antwort. »Neu wie alt und Mann wie Frau. NEUMANN.« Wenigstens in einem Buchstaben waren ihre Nachnamen unterschiedlich, dachte Tanja erleichtert.

Sechs Wochen später zog Tanja in ihre helle Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im dritten Stock ein, eine Woche später vermeldeten laute Geräusche im Hausflur und über ihr sowie diverse Kartons im Hauseingang, dass auch der neue Mieter Andreas Neumann einzog. Einen Karton, der sich Tanja provozierend in den Weg stellte, hatte sie erbost mit einem heftigen Tritt die Kellertreppe abwärts befördert; Bücher jeder Größe ergossen sich in den Vorraum zum Trockenraum und blieben dort bewegungslos liegen.

»Ich hätte mir einen komplizierten Schienbeinbruch zuziehen können, Sie Vagabund«, herrschte Tanja Herrn Neumann an, der in diesem unglückseligen Moment schwer beladen zur Tür herein stolperte. »Sie können doch nicht den ganzen Flur mit Ihren Kartons versperren.«

»Haben Sie etwa meine unschuldigen Bücher in den Keller gestoßen?«, fragte Herr Neumann mit einem dezent drohenden Unterton in der Stimme.

»Nein, Ihre Micky Maus Hefte sind vor mir geflohen!«, konterte Tanja messerscharf. Sie musste tief Luft holen. Dieser Kerl hatte ihr hier gerade noch gefehlt, aber diese wunderschön geschnittene Wohnung hatte sie sich nicht entgehen lassen und für diesen Herrn Neumann war anscheinend die Mansarde seine Traumwohnung. Tanja hatte den Kopf voller Rachegedanken und Vergeltungsmaßnahmen, aber das musste warten. Um halb neun hatte sie einen Termin mit dem Bauleiter, gleich danach eine Besprechung mit dem Bauherrn selbst. Der Chef hatte sie, die jüngste Architektin im Team, zur Projektleiterin ernannt. Es war kein Riesenobjekt wie ein Einkaufszentrum, das sie betreute, sondern ein Vier-Familienhaus. Aber es war ihr erstes Projekt nach Beendigung ihres Studiums, das Tanja ganz alleine leitete. Vor der Eingangstüre stand schon wieder dieser Andreas Neumann (mit e!) und nestelte an den Briefkästen herum. Tanja bedachte den neuen Mieter nur mit einem kurzen Blick und einem noch kürzeren Gruß und eilte an ihm vorbei. Aber dann blieb sie abrupt stehen. Dieser Kerl machte sich ja an ihrem Briefkasten zu schaffen!

»Darf man fragen, was Sie da machen?«, fragte Tanja. Dieser Andreas Neumann hielt triumphierend ein Namensschildchen hoch.

»Diese Hausverwaltung. Nicht mal meinen Namen können die richtig schreiben.« Er schaute sich das Namensschildchen lange und intensiv an. »Ich heiße doch nicht NAUMANN. Steht doch glasklar in meinem Mietvertrag, wie ich heiße: NEUMANN.« Er ließ das scheinbar falsche Schildchen in der Hosentasche seiner ausgebeulten Jeans verschwinden.

»Wer heißt schon Naumann?« Er zog den Namen betont in die Länge und schüttelte dümmlich grinsend den Kopf.

Tanja fühlte eine mannshohe Welle des Ärgers in sich aufsteigen. »Ich heiße Naumann, wenn’s recht ist.«

Sie tippte mehrere Male sehr energisch auf den Briefkasten ohne Namensschild.

»Und das, lieber Herr Neumann, ist mein Briefkasten! Meiner. Nicht Ihrer. Sie wissen schon, was ein Briefkasten ist, gell? Ein Behälter, wo der Postzusteller Briefe einwirft, die für einen bestimmten Empfänger gedacht sind. Das kann er aber nicht, wenn an diesem Behälter kein Namensschild ist.« Tanja schraubte die Lautstärke ihrer Worte immer höher und kam dem einfältigen Gesicht von Herrn Neumann immer näher. »Und an meinem Briefkasten befindet sich jetzt kein Namensschild mehr, weil Sie es soeben entfernt haben, Sie Nichtsnutz!«, brüllte Tanja so laut, dass dem Herrn Neumann die Haare nach hinten wehten.

Andreas Neumann wühlte in seiner Hosentasche und förderte das Namensschildchen wieder zutage. »Upps« war alles, was er herausbrachte.

»Heute Abend ist mein Namensschild wieder an seinem Platz!«, fauchte Tanja. »Nämlich an meinem Briefkasten.« Ohne ein weiteres Wort rauschte sie davon und ließ ihren Widersacher einfach stehen.

Der Tag war ganz gut gelaufen, aber Tanja war geschafft. Sie parkte ihr Auto und schritt ganz gemächlich auf den Hauseingang zu. Sie warf einen prüfenden Blick auf die Briefkästen und ein Siegerlächeln huschte über ihr Gesicht. Alles wieder an Ort und Stelle. NAUMANN stand auf ihrem Briefkasten und darüber klebte provisorisch ein Pappschildchen mit dem handgeschriebenen Namen NEUMANN. Gerade hatte sich Tanja eine große Tasse grünen Tee aufgebrüht, als es klingelte. Es klingelte eher zaghaft, fand Tanja. Kurz den Klingelknopf berührt und schnell den Finger wieder zurückgezogen. Als ob sich jemand nicht richtig traut. Schwungvoll öffnete Tanja ihre Wohnungstür und war sofort unfroh, dass sie überhaupt geöffnet hatte, denn in voller Lebensgröße stand Andreas Neumann aus der Mansarde über ihr im Hausflur und machte ein sehr betretenes Gesicht.

»Was jetzt schon wieder?«, fragte sie nur.

»Unsere fast gleichen Nachnamen bergen allerlei Zündstoff«, fing Andreas an. Tanja fiel ihm ins Wort. »Meinen Briefkasten haben Sie doch in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt«, sagte Tanja und zuckte mit den Schultern. »Schwamm drüber.«

Andreas Neumann wand sich wie ein Wurm an der Angel. »Wenn es nur das wäre ...« Jetzt erst bemerkte Tanja das große Paket zu seinen Füßen. Sie verstand immer noch nicht und guckte ihren Nachbarn fragend an.

»Auch der Paketzusteller hat so seine Schwierigkeiten und hat mir heute ein Paket übergeben.« Andreas holte sehr weit aus, während bei Tanja ein leichtes Unbehagen gepaart mit Misstrauen aufkeimte.

»Neumann. Naumann. Und ich habe es mir auch nicht weiter angeschaut«, fuhr Andreas mit schuldbewusster Miene fort.

»Sie haben es geöffnet«, vermutete Tanja ohne den üblichen Schwung in der Stimme. Andreas nickte nur und grinste wie Stan Laurel.

»Und es war nicht für Sie?« Tanja kam der ganzen fatalen Angelegenheit immer näher. Andreas schüttelte den Kopf und wies mit dem Zeigefinger auf Tanja.

»Für Sie.«

Tanjas Herz setzte einen Schlag aus und ihr wurde schwindelig. Langsam dämmerte ihr etwas. Seitdem sie in dem Architekturbüro arbeitete, hatte Tanja so gut wie keine Zeit mehr, in Ruhe einkaufen zu gehen. Sie hatte sogar im Moment weniger Zeit für die Mädels aus der A-Gang, was sie zutiefst bedauerte. Aber die Arbeit ging vor und irgendwann würde sich ihr persönlicher Zeitplan eingependelt haben und die Gang würde wie früher die Boutiquen und Modefachgeschäfte unsicher machen. Der Einfachheit halber bestellte sie deshalb ihre gesamte Montur immer am Wochenende aus ihrem Lieblingskatalog und letzten Sonntag hatte sie eine größere und sehr private Bestellung aufgegeben.

»Her mit dem Paket!«, zischte Tanja und bückte sich.

»Vorsicht!«, rief Andreas. »Ich öffne Pakete immer von allen Seiten.«

Die Warnung kam zu spät. In dem Moment, als Tanja ihr Paket hochhob, öffneten sich die unteren nur zusammengelegten Seiten des Pakets und der gesamte Inhalt fiel heraus und verteilte sich malerisch vor Tanjas Wohnungstür. Tanja bestellte immer sehr systematisch und letzten Sonntag hatte sie sich einen ganzen Schwung Nacht- und Leibwäsche aller Art gegönnt. Mit hastigen Bewegungen klaubte sie Nachthemden, Shortys, Pyjamas, das raffinierte Negligé sowie diverse BHs und Slips zusammen und verstaute wieder alles im Paket. Ein winziger Slip blieb liegen, den der gut erzogene Herr Neumann mit spitzen Fingern aufhob und galant zu den anderen Wäschestücken legte. Tanjas Augen drückten Pest und Cholera gleichzeitig aus.

»Jetzt können Sie Ihren Freunden was erzählen!« Tanja war stocksauer und knallte mit Schwung die Türe zu, wobei ein Großteil ihrer nun entweihten Kleidungsstücke zu Boden fiel. Vom Hausflur her hörte Tanja noch die Stimme von Frau Kottenbrink, mit der Andreas Neumann gleich zu Anfang kollidiert war.

»Junger Mann«, rief Frau Kottenbrink von unten. »In diesem Hause herrscht Ruhe und Ordnung. Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Und deshalb werden hier auch keine Türen geschlagen!«

Tanja grinste und machte keinerlei Anstalten, den Irrtum aufzuklären. Geschieht ihm recht, dem Wortklauber. Werbetexter oder so war er doch von Beruf? Tanja nahm sich ganz fest vor, am nächsten Treffen der A-Gang mitzumachen und ihren Mädels von diesem Wüterich zu berichten.

Sie wunderte sich selbst, aber sie schaffte es und saß nun neben Lisa und den anderen Mitgliedern der Gang in einer schummrigen Sitzecke im »Springfield«, einer angesagten Bar im Stadtzentrum und schlürfte Martini on the rocks. Die Gang hatte sich vollzählig lange Zeit nicht gesehen und entsprechend laut war das Wiedersehen.

»Wir haben noch nicht mal deine neue Wohnung gesehen«, beklagte sich Isa bitter.

»Kommt noch«, beschwichtigte Tanja. »Ist noch total ungemütlich. Ich komme zu nichts. Und dann ist da dieser Teufel in Menschengestalt über mir«, fing sie an zu erzählen, während sich das »Springfield« so langsam mit Menschen füllte, die den Tag ausklingen lassen wollten. Dezentes Easy Listening im Hintergrund, Erdnüsse auf dem Tisch, ihre Gang um sich geschart und so langsam kam es Tanja in den Sinn, dass ihr doch etwas gefehlt hatte. Sie merkte richtig, wie sie sich entspannte und wieder lächeln konnte. Arbeit und doofe Nachbarn muss man auch mal ausblenden können.

»Ich habe ihn einfach im Hausflur stehenlassen«, beendete sie ihren wahren Bericht, der nur ein paar ganz kleine Abweichungen zur Realität hatte.

»Wie sieht er denn aus, dein Erzfeind?«, wollte Jana wissen.

»Braune Locken, braune Haare, unrasiert, ungefähr 1,90 groß, nicht dick, nicht dünn, modisch eher rückständig«, legte Tanja das Andreas-Neumann-Puzzle zusammen.

»Und dem schlägst du die Tür vor der Nase zu?«, fragte Rosa.

»Allerdings, Süße. Er ist ein hinterwäldlerischer Grobian!«, erklärte Tanja mit großer Überzeugung. »Ein Untier, ein Halbaffe und ein durch und durch peinlicher Mensch.«

Aber irgendwie blieb Rosas Bemerkung in Tanjas Gehirn stecken und fing an, sich zu entwickeln. Wieso konnte dieser Andreas Neumann nicht normal sein? Weil halbgare Störenfriede eben nicht normal sind! So schlecht sieht er eigentlich nicht aus. Doch, Liebes, er sieht aus wie Gollum! Als Werbetexter kann er doch nicht dumm sein, oder? Er ist ein Waldschrat, ein Monstrum, das sich von Ameisen ernährt. Er wohnt über dir und ist zum Greifen nahe. Es ist nicht zu überhören, dass er er über mir wohnt. Er ist ein Trampel und hat mindestens Schuhgröße 57! Diese und jene Gedanken gingen Tanja durch den Kopf, als sie nach dem wunderschönen Abend mit den Mädels gemächlich nach Hause fuhr. Geschickt parkte sie ihr Auto und stellte dabei fest, dass die Scheinwerfer des Auto vor ihr mit voller Kraft leuchteten, obwohl niemand in dem Fahrzeug saß. Au weia, das hält die Batterie nicht lange aus, dachte Tanja und erkannte auf dem zweiten Blick, dass es sich um die Rostlaube von Andreas Neumann handelte. Er wird es schon merken, beruhigte sich Tanja selbst und eilte durch die Nacht zu ihrer Haustür. Trotzdem blöd, wenn er starten will und es geht nicht. Tanjas gutes Herz siegte und sie stiefelte die Treppen hoch, bis sie vor der Wohnungstüre des Schwachmaten Andreas Neumann stand, der selbst zum Scheinwerfer ausmachen eine schriftliche Anleitung brauchte. Kurz vor elf, aber egal. Sie klingelte ausdauernd und hört alsbald schlurfende Schritte im Flur. Ein verschlafener Andreas Neumann im grüngestreiften Schlafanzug mit schiefgeknöpfter Pyjamajacke glotzte sie übellaunig an und sein Blick hellte sich auch nicht auf, als er erkannte, wer ihn da aus dem Schlaf gerissen hatte. Sein Haarschopf sah aus wie ein aufgeplatztes Sofakissen, er trug an den Füßen Hausschlappen, die schon im alten Rom unmodern waren und hielt mit einer Hand seinen Hosenbund fest und verhinderte so, dass seine ausgeleierte Nachthose ganz nach unten rutschte.

»Die Scheinwerfer Ihres Autos sind an. Keinen Dank. Gern geschehen«, sagte Tanja nur und machte umgehend kehrt. In ihrer Wohnung musste sie doch etwas kichern; sie hatte den armen Tropf gar nicht zu Worte kommen lassen. Sie blieb bewegungslos stehen und Sekunden später polterte der Herr Neumann die Treppen runter. Wieder eine gute Tat, ging es Tanja durch den Kopf mit den feuerroten Haaren, als sie ihre Pumps abstreifte und instinktiv abwartend im dunklen Flur ihrer Wohnung stehenblieb. Wie erwartet, hastete wenig später der Mansardenbewohner Neumann die Treppen wieder hoch und weckte dabei wahrscheinlich das ganze Haus auf. Eigentlich müsste er sich morgen in irgendeiner Form erkenntlich zeigen, dass sie seine Autobatterie vor der sicheren Entleerung bewahrt hatte. Ein bunter Blumenstrauß oder eine Tafel Schokolade wären nett. Gerne auch beides. Plötzlich ertönte ein wütender verhaltener Schrei, dem ein dumpfes Pumpern folgte. Tanja erschrak zu Tode, schnappte sich ihren Wohnungsschlüssel, trat in den Hausflur und erklomm vorsichtig Stufe für Stufe in Erwartung einer riesigen Blutlache, die ihr langsam entgegentropfte. Deshalb war sie schon einigermaßen froh, als sie Andreas Neumann lebend antraf, der anklagend auf seine Wohnungstür zeigte.

»Ich habe mich ausgesperrt«, beanstandete der arme Mann den Zustand der Tür. Sie war geschlossen.

»Und der Knall?«, fragte Tanja streng.

»Habe vor Wut gegen die Tür getreten«, erklärte Herr Neumann.

»Ach, man hat also einen Hang zu unkontrollierten Wutausbrüchen«, stellte Tanja sachlich fest.

»Nein, ich bin Pazifist. Aber für heute hat es mir gereicht«, jammerte der bekannte Werbetexter. »Erst platzt ein Auftrag, dann verliere ich meinen Lottoschein, ich trete in einen Hundehaufen und vergesse die Scheinwerfer auszumachen.« Er wandte sich direkt an Tanja. »Und nun stehe ich mitten in der Nacht im Bademantel in Hausflur, weil ich die Wohnungsschlüssel vergessen habe. In meiner Wohnung, versteht sich.«

Tanja machte eine ausholende Bewegung mit beiden Händen. »Ich mache mal eine Riesentüte Mitleid auf. Oooooh.«

»Jetzt geht es mir schon viel besser, Frau Naumann«, erwiderte Herr Neumann.

Wie ein begossener Pudel stand er da und machte ein Gesicht, als wäre der verlorene Lottoschein der geknackte Jackpot gewesen und Tanjas allgemeiner Zorn gegenüber Andreas Neumann wich einer kleinen Heiterkeit.

»Sie sind mir so einer. Sie lassen wohl kein Fettnäpfchen aus? Flüchtendes Auto, Damenwäsche, Namensschilder, Scheinwerfer, Haustüre. Habe ich was vergessen?«, fragte Tanja.

Andreas krümmte sich vor Verlegenheit. »Man tut, was man kann« war alles, was er hervorbrachte.

»Sie möchten also gerne wieder in Ihre Wohnung, Herr Nachbar?«, fragte Tanja spitz.

»Nichts lieber als das, Frau Nachbarin.«

»Warten Sie mal hier, Sie Unglückswurm.«

Tanja sauste zurück in ihre Wohnung, griff nach ihrem gutsortierten Werkzeugkoffer und wenig später drückte sie die Tür zur Wohnung des Herrn Neumann mit einem freundlichen »Bitteschön, der Herr« auf. Der Herr grummelte ein paar Worte des Dankes und verschwand in seiner Höhle; Tanja versuchte noch ein paar Einblicke seiner Wohnung zu erhaschen, aber es war zu dunkel.

Auch der nächste Tag sparte nicht an Arbeit und am Abend verlangte Tanjas Magen laut und hartnäckig nach Nahrung.  Schnell schob sie ihr Fertiggericht in die Mikrowelle; Kochrezepte waren für Tanja schon immer ein Buch mit sieben Siegeln gewesen. Wenn es ums Braten, Kochen und Dünsten ging, stand Tanja vor einer unüberwindlichen Mauer. Gut, dass es die Mikrowelle gab. Ohne dieses Wunderwerk der Technik müsste ich verhungern, dachte sie, als über ihr ein ohrenbetäubendes Gepolter losbrach. Nicht schon wieder. Tanja schaute empört zur Uhr. Es war immerhin schon nach 22 Uhr. Gibt denn dieser Elefant da oben niemals Ruhe. Der Krach hatte sehr wahrscheinlich die arme Oma Kottenbrink im zweiten Stock aufgeweckt. Gestern Lärm, heute Lärm. Was hatte dieser Tollpatsch über ihr jetzt wieder angerichtet? War das gestrige Abenteuer nicht genug für ihn? Besser, sie überzeugte sich selbst, dass der Krachmacher noch unter den Lebenden weilte. Nach energischem Klopfen öffnete Andreas Neumann seine Wohnungstür.

»Ich wollte nur mal ...«, begann Tanja, als ihr Blick auf sein zerrissenes Hosenbein fiel. »Was treiben Sie denn da? Was ist es heute?«

Andreas guckte mal wieder betreten; aber diesen dümmlichen Ausdruck kannte Tanja inzwischen.

»Ich schraube mein Bücherregal an die Wand«, kam die kurz angebundene Antwort. Tanja schaute an ihm vorbei in seinen dunklen Flur. Dieser Flur schien immer in Dunkelheit gehüllt zu sein. Einfach nichts zu sehen.

»Ohne Licht?«

Andreas räusperte sich. »Der Elektriker kommt erst morgen und schließt meine Deckenlampen an.«

Tanja glaubte sich verhört zu haben. Aber es ging noch weiter. »Ich dachte, ich könnte mein Regal ordentlich belasten, aber die Schrauben haben nicht gehalten.« Er blickte an sich herunter. »Ich wollte es noch stützen, aber Bücher haben schon ein ordentliches Gewicht.«

Nicht umsonst war Tanja durch die harte Schule bei ihrem Vater, der von Beruf Werkzeugmacher war, gegangen. Diese Lehrjahre hatten ihr später den beruflichen Einstieg sehr erleichtert; auf Augenhöhe konnte sie als Architektin mit den derben Typen vom Bau viel besser verhandeln.

»Welche Dübel haben Sie benutzt?«, war auch sogleich ihre erste Frage. Das völlig leere Gesicht ihres Nachbarn war ihr Antwort genug. Sie hätte ebenso gut einen Regenwurm über seine Ansichten zu Donald Trump befragen können.

»Sie rühren nichts mehr an«, kam ihre knappe Anweisung. »Morgen ist Samstag. Da schaue ich mir die Sache mal an.« Sie wandte sich zum Gehen. »Und bilden Sie sich nicht ein, dass ich das Ihretwegen mache. Ich will einfach nur meine Ruhe haben.« Sie standen plötzlich beide ganz im Dunklen, als die Treppenhausbeleuchtung ausging.

»Wahrscheinlich haben Sie Oma Kottenbrink aus dem tiefsten Schlummer gerissen, Sie ungeschickter Mensch.«

Sie ließ Andreas mit offenem Mund einfach stehen.

»Ach ja, den Elektriker können Sie abbestellen.«

Nach einem guten Frühstück, also vier Tassen Milchkaffee und drei Toast, schlüpfte Tanja am nächsten Morgen in ihren Blaumann, verließ ihre Wohnung und begab sich ein Stockwerk höher. Ihre langen roten Haare hatte sie einfach und praktisch hochgesteckt; so konnte sie besser und zügiger arbeiten. Andreas öffnete auch sofort die Tür. Er grinste.

»Das war aber nicht in Ihrem Paket«, scherzte er vielleicht eine Spur zu frech und deutete auf Tanjas Blaumann.

»Ganz recht. Aber das, was ich darunter trage, schon«, konterte Tanja noch frecher.

»So. Packen wir es an.« Tanja setzte ihren famosen Werkzeugkasten ab. Es war neun Uhr in der Früh und sie wollte diese Kleinigkeiten schnell hinter sich bringen.

»Sie reichen mir Schrauben, Dübel und Lüsterklemmen zu«, teilte sie dem völlig verdutzten Andreas mit. »Wo ist die Leiter?«

Um zehn Uhr waren alle Dübel in der Wand, die Schrauben saßen bombenfest. Tanja legte ihre Bohrmaschine beiseite. Während sie beide die Regalbretter einhängten, fragte sie beiläufig: »Und Sie wussten wirklich nicht, dass erst Dübel in die Wände kommen?«

Andreas schüttelte den Kopf. »Ich bin handwerklich die absolute Niete. Tut mir leid.« Um halb elf hatte Tanja sämtliche Lüsterklemmen und alle Deckenlampen befestigt.

»Jetzt wieder die Sicherung umklappen«, rief sie in den Flur. »Na bitte, alles schön hell.« Sie schaute sich um. »Was noch?«

Nach ein paar Stunden klappte Tanja ihren Werkzeugkasten zu. Eigentlich war der Werbetexter Andreas Neumann ganz nett und mit seinem Sieben-Tage–Bart sah er auch noch gut aus. Als Entschuldigung für sein handwerkliches Versagen ließ Tanja gelten, dass sein Vater früh verstorben war und Andreas grundsätzlich zwei linke Hände hatte. Und als Texter in einer Werbeagentur hatte er auch rein gar nichts mit Handwerk zu tun.

»Ich möchte mich erkenntlich zeigen«, ließ der Herr Werbetexter nun verlauten. »Darf ich Sie zum Essen einladen?«

»Aber ja!« Tanja freute sich aufrichtig. »Wo gehen wir hin?«

»Nirgends«, erwiderte der fesche Andreas. »Ich dachte, ich bekoche Sie. Kochen kann ich ganz gut, sagt man.«

Tanja fiel die Kinnlade eine Etage tiefer und ungläubig vergewisserte sie sich: »Sie kochen?«

»Ich koche«.

»Gut«, stimmte Tanja etwas unsicher zu. »Wann soll ich kommen?«

Pünktlich um acht am nächsten Abend saß Tanja mit knurrendem Magen am fein gedeckten Tisch ein Stockwerk höher und ließ sich bedienen. Stilgerecht hatte Andreas eine weiße Kochmütze aufgesetzt, eine Schürze umgebunden und tischte auf. Tanjas Augen wurden von Gang zu Gang größer. Ja, es gab mehrere Gänge, nicht nur einen Teller mit Hähnchen und Pommes. Die Fränkische Leberknödelsuppe war perfekt abgestimmt, die nachfolgenden Schweinelendchen mit Champignons in Rahmsoße zergingen auf der Zunge und das Mousse au Chocolat war leicht und locker. Tanja war sprachlos. Andreas hatte sich zudem als äußerst charmanter Mann erwiesen, er war unheimlich belesen, weitgereist und hatte im Grunde gute Manieren. Außerdem war er ein begnadeter Erzähler und seine Version von dem fehlgeleiteten Paket mit all ihrer Unterwäsche brachte sie schon wieder zum Lachen.

»Ich kann nicht mehr.« Tanja hielt sich die Seiten.  Als er ihr dann noch berichtete, unter welchen Umständen er damals sein flüchtendes Auto stoppte, flossen schon wieder die Lachtränen. Andreas gefiel Tanja immer mehr und längst schon waren sie beim DU angekommen. 

»Ein Gedicht«, stöhnte Tanja, holte mit dem Finger auch noch den letzten Rest der süßen Nachspeise aus ihrem Schälchen und lehnte sich satt zurück.

»Nicht der Rede wert«, erwiderte Andreas bescheiden.

»Wir ergänzen uns ja prima«, stellte Tanja lächelnd fest. Sie erhob sich, näherte sich von hinten ihrem Gastgeber und legte ihm die Hände auf die Schultern.

»Einen kleinen Happen könnte ich noch vertragen«, flüsterte sie und biss Andreas ganz sanft in den Nacken.

»Aber erst mal möchte ich zu gerne wissen, wie deine bestellten Artikel ohne Verpackung aussehen«, erwiderte der Gebissene.

»Darüber lässt sich reden«, antwortete Tanja.

So lernte Tanja ihren Werbetexter, Meisterkoch und ungeschickten Chaoten kennen, der sie ein halbes Jahr durch ihr Leben begleitete. Rosa und Sandra schnippten synchron mit den Fingern, um Tanja in die Gegenwart zurückzuholen.

»Tanja! Süße, hier sind wir. Wo warst du wieder mit deinen Gedanken?«, lachte Sandra.

Bestürzt schaute Tanja sich um. Die A-Gang, Lisas Wohnung, alles ok.

»Hatte einen kleinen Flashback«, sagte Tanja. »Ihr wisst doch, wie ich Andreas kennengelernt habe.«

Die jungen Frauen seufzten sehr theatralisch, Rosa suchte nach ihrem Tränentuch und Lisa klagte ziemlich laut: »Migräne, meine Migräne.«

»Ja, wir haben diese Geschichte schon mindestens drei Millionen Mal gehört«, lachte Jana und fummelte schon wieder an ihrem BH herum, der nie richtig saß.

»Warum hast du diesen Supermann denn nur in die Wüste geschickt, Kleines?«, wollte Sandra wissen.

»Dafür gibt es viele Gründe«, erklärte Tanja und ordnete die Gründe innerlich nach Wichtigkeit.

»Seine ewige Unbeholfenheit ging mir letztendlich doch auf die Nerven, er guckte anderen Weibern hinterher und er verstand sich nicht mit meinen Eltern«, informierte Tanja die Gang. Der letzte Grund machte besonders Rosa etwas nachdenklich, die großen Wert auf Familie legte.

»Andreas und meine Eltern fanden keinerlei Gemeinsamkeiten. Nada. Nix. Ständig sprachen sie aneinander vorbei und als er, der liebe Herr Werbetexter, dann auch noch meine Eltern veräppelte, war es vorbei mit meiner Geduld.«

Lisa bekam ganz große Augen. »Was hat er denn angestellt?«

Tanja zog Lisas Tablet an sich, das wie immer auf dem Wohnzimmertisch herumlag, suchte und fand was sie finden wollte.

»Das hat der gemeine Kerl in seinem Blog geschrieben. Seht es euch an, Kinder.« Tanja war schon wieder empört, obwohl sie die Schmähtexte ja schon kannte.

Weihnachten -  Überraschen Sie die Schwiegereltern

Jedes Jahr die gleiche Frage. Was schenke ich den lieben Schwiegereltern zu Weihnachten? Eigentlich haben die guten Leute ja schon alles. Es muss also ein Geschenk mit Pfiff sein. Etwas, das nützlich ist, perfekt zu ihnen passt und was auch Ihnen selbst Freude bereitet.

Ihr Schwiegervater ist begeisterter Handwerker, unterhält jede gesellige Runde mit minutiösen Details seiner letzten Schraubendrehung? Dann gewinnen Sie sein Herz mit der neuen Bohrmaschine "Eraser XL", die sofort mit unkontrollierter Turbo-Bohrgeschwindigkeit und hochverstärkter Zugkraft loslegt. Egal, was vorher eingestellt wurde. Sie werden sehen, die Berichte über handwerkliche Erfolge lassen spürbar nach.

Auch die geschmackvolle Wanduhr "timeEnough", die stets und ständig 13 Minuten nachgeht, ist ein beliebtes Geschenk. Man kann die Uhr stellen, wie man will; sie geht trotzdem nach. Hören Sie schon das Klappen der Theaterstühle? Die gemurmelten Entschuldigungen Ihrer Schwiegermutter? Die unwilligen Bemerkungen der anderen Zuschauer über die ewigen Zuspätkommer, die jede Vorstellung stören? Es muss aber ja nicht gleich ein Theaterbesuch sein, der Zufriedenheit auslöst. Laden Sie Ihre Schwiegereltern zum Mittagessen um Punkt zwölf ein und schimpfen dann los, wenn sie wie geplant zu spät kommen. Schließlich stehen Sie seit Stunden in der Küche. Da kann man doch wohl höfliche Pünktlichkeit erwarten.

Ein etwas teureres Geschenk ist das Navigationsgerät "PomPom 2.0", das automatisch links und rechts verwechselt. Abwechslung im Straßenverkehr ist garantiert. Besonders beliebt ist das Modell, das serienmäßig in die Mongolei führt, auch wenn der Benutzer Wattenscheid eingibt.

Schon ein Klassiker für Schwiegermama ist die hochwertige Gesichtscreme, die grüne Flecken hinterlässt. "DermaColor" wirkt jedoch nicht sofort, sondern erst nach zwei Stunden, mitten im Empfang beim Bürgermeister.

Dankbarkeit, Freude und vielleicht auch ungläubiges Staunen sowohl bei Schwiegermutti als auch bei Schwiegervati löst die neue Universalfernbedienung "Hot Stuff" für Senioren aus, die nach zwei Wochen nur noch Erotikkanäle einschaltet. Wenn die Konversation zwischen Ihren Schwiegereltern ein wenig frostig wirkt, weil jeder vom anderen denkt, er würde so etwas gucken, haben Sie ins Schwarze getroffen.

Mit wachsender Beliebtheit wird das Telefon "friends plus" auf den Gabentisch gelegt. Neben einer augenfreundlichen Tastatur verfügt es über einen eingebauten Zufallsgenerator in der Wählelektronik, der sich nach jeweils fünf Gesprächen von selbst aktiviert und auch wieder abschaltet. Gewählte Nummern werden neu gemischt. Telefonate mit neuen Freunden gehören dann zur Tagesordnung.

Es ist so einfach, mit ein wenig Phantasie ein langweiliges Weihnachtsgeschenk aufzuwerten.

»Was sagt ihr nun?«, fragte Tanja in die Runde.

Wortlos schauten sich die Mädels der A-Gang an und dann brach in Lisas Wohnzimmer die Hölle los. Ein vielstimmiges Gelächter erschütterte das ganze Haus, ein Glas Wein kippte um, Salzstangen verteilten sich auf dem Teppichboden, Isa musste ihre Jeans aufknöpfen und Lisa röchelte nur noch. Rosa strampelte mit beiden Beinen, Sandra verschluckte sich an einem Paprikachip und wurde ganz rot im Gesicht und Lisa lag auf dem Fußboden und japste nach Luft.

»Sehr witzig«, war alles, was Tanja dazu einfiel.

»Deswegen hast du deinen Andreas abserviert?«, fragte Sandra sicherheitshalber. "Deswegen??"

»Ja. Unter anderem«, kam Tanjas etwas spröde Antwort.

»Aber das ist doch lustig«, keuchte Lisa und die anderen stimmten zu.

»Finde ich nicht. Er hat meine Eltern damit gemeint, der Blödmann. Damit war das Ende der Fahnenstange erreicht. Mir hat es gereicht. Fertig. Aus«, erwiderte Tanja. Manchmal konnte Tanja schon etwas humorlos sein, aber der angebliche Schmähtext war sicherlich nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Der Mädelsabend neigte sich dem Ende zu, man erhob sich, man umarmte sich, Jana zog die falsche Jacke an, Sandra machte Jana auf den Irrtum aufmerksam, Isa suchte ihr Smartphone, Sandra zertrat ein paar Erdnüsse, Lisa meckerte, man umarmte sich ein zweites und drittes Mal und Lisas Wohnung war leer.

Wo ist Charlie?

 

Jana warf einen schnellen Blick auf die große Wanduhr. Nur noch wenige Minuten bis zum Feierabend. Ihr Charlie lief bestimmt schon ungeduldig auf und ab und freute sich auf seine Leckerbissen. Vor ihr saß der letzter Kunde.

»Seit gestern macht er so komische schleifende Geräusche«, sagte der Herr im grauen Anzug. »Das beunruhigt mich schon etwas. Brauche den Wagen schließlich täglich.«

Jana arbeitete seit vielen Jahren in der Reparaturannahme eines großen Autohauses und kannte sich bestens aus. In der Theorie wenigstens.

»Hört sich ganz nach abgefahrenen Bremsbelägen an«, meinte sie eher für sich und machte entsprechende Kreuze auf dem Arbeitsschein für die Werkstatt. Sie lächelte den geplagten Autofahrer freundlich an. »Morgen Nachmittag können Sie Ihr Auto abholen.«

Frohen Herzens räumte Jana ihren Schreibtisch auf und machte Schluss. Jetzt gab es nur noch eins: Charlie besuchen. Ihre fast täglichen Besuche im Tierheim waren zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden. So oft sie es einrichten konnte, besuchte sie den kleinen Hund nach Feierabend und am Wochenende sowieso. Die Gang machte sich darüber zwar etwas lustig, aber das war ihr egal. Der Hund war namenlos abgegeben worden und sie gab ihm kurzerhand den Namen Charlie. So hieß ein Trainingspartner, den sie beim Judo aus Versehen einmal den Arm gebrochen hatte. Möglicherweise hatte Jana nicht rechtzeitig losgelassen oder Charlie, der Judokämpfer, hatte sich fehlerhaft bewegt. Tatsache war, der Arm war hin und Jana hatte seitdem in ihrem Verein einen neuen Spitznamen: Knochenbrecher. Bitteschön, wenn es die Vereinskollegen glücklich macht.

Jana hastete an den vielen Käfigen vorbei, die mit Hunden und Katzen bevölkert waren, die ihr alle leid taten, aber sie hatte ihr Herz an den kleinen weißen Hund mit dem borstigen Fell verloren, den sie Charlie getauft hatte.

»Charlie!«, rief sie schon von weitem und kramte einen Hundekuchen hervor. Jana hatte in der Tat ein großes Herz, war im Grunde sanft und freundlich, auch wenn viele ihrer Freunde aus dem Judoverein das nach dem Armbruch anders sahen. Hund Charlie stellte sich immer auf die Hinterbeine und sie fütterte ihn direkt aus der Hand mit diesen leckeren Happen; das war ihr ganz persönliches Begrüßungsritual. Jana wunderte sich, warum alle Hunde so verrückt nach Hundekuchen waren und wollte es eines Tages genau wissen. Sie steckte sich ein Stück Hundekuchen in den Mund, verschluckte sich ganz fürchterlich, hustete, lief rot an und bekam kaum noch Luft, bis es ihr gelang, das Stück Hundekuchen auszuspucken. Die Dame neben ihr in der U-Bahn guckte schon ganz besorgt und fragte teilnahmsvoll: »Einen Bonbon verschluckt?«

»Nee«, antwortete Jana wahrheitsgemäß. »Hundekuchen.«

Die Dame war erbost und brachte nur »Frechheit!« heraus und verließ die U-Bahn.

 

»Charlie!«, rief Jana nochmal, aber heute blieb das freudige Bellen aus und Jana starrte fassungslos in den leeren Käfig.

»Wo ist Charlie? Ist er krank?«, fragte Jana voller dunkler Vorahnungen den Tierpfleger Jochen und deutete auf den Käfig.

»Ach, der kleine Hund. Er ist vermittelt worden. Er hat jetzt ein Zuhause«, rief der junge Mann und verschwand mit ein paar anderen Hunden im angrenzenden Garten. In diesem Moment ging für Jana eine Welt unter, was die A-Gang nie verstehen würde, denn dieser kleine quirlige Hund hatte ihr so viel Lebensfreude gegeben. Es war ein Bild für die Götter, wenn er beide Ohren aufstellte und vor Freude winselte, wenn sie ihn besuchen kam. Ja, sie fühlte sich manchmal einsam, auch wenn Lisa, Isa und die anderen immer für sie da waren. In solch einem tristen Moment keimte in Jana der Gedanke an ein treues Haustier auf, dem sie ein Heim geben konnte. Und wenn es nur ein kleines Hündchen war. Sie ging zum städtischen Tierheim und verliebte sich auf Anhieb in diesen kleinen herrenlosen Hund und wie gerne hätte Jana ihn sofort zu sich genommen, aber ihr böser Vermieter duldete keine Haustiere. Bellen, winseln, überall Hundehaare und an jeder Ecke Hinterlassenschaften. Fertig. Aus. Ende. Keine Haustiere in diesem Mietshaus, sagte der Hausverwalter. Da gab es auch für sie keine Ausnahme. Erst wollte Jana zornig werden und dem Unhold zeigen, warum man sie Knochenbrecher nannte, aber nach reiflicher Überlegung, die ungefähr 30 Sekunden dauerte, schob Jana alle gewalttätigen Gedanken beiseite und durchforstete Woche für Woche den Wohnungsmarkt nach einer neuen Wohnung für sich und Charlie, obwohl sie sehr an ihrer gemütlichen Altbauwohnung hing. Die Suche gestaltete sich schwieriger als sie dachte: Direkt an der Schnellstraße wollte sie nicht leben und ein Vermögen für Kaution und Abstand konnte sie auch nicht so einfach auf den Tisch des Hauses blättern. Aber jetzt war er fort, ihr kleiner Charlie. Vermittelt an irgendeine fremde Person, die vermutlich überhaupt keine Ahnung von Hundehaltung hatte.

»Hallo«, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr. »Ich habe vorhin meine Brille hier abgelegt und glatt vergessen. Haben Sie sie zufällig gefunden?«

»Da müssen Sie schon jemand vom Personal fragen. Ich wollte nur meinen kleinen Hund besuchen«, erwiderte Jana angenervt und den Tränen nahe, die sie jetzt nicht mehr aufhalten konnte.

»Das habe ich schon. Ich bin der Leiter des Tierheimes.« Der Mann war sichtlich gerührt. »Was ist denn passiert?«, fragte er und es sprudelte nur so aus Jana heraus. Sie erzählte dem Leiter, dass ihr Charlie jetzt nicht mehr hier sei und wie sehr sie sich gewünscht hatte, Charlie zu sich zu nehmen und dass es bisher mit einer neuen Wohnung nicht geklappt hatte. Ihr Vermieter wäre ein kaltschnäuziger Hundehasser, der im Winter sogar eine Mütze aus echtem Pelz trug, erfand Jana in ihrem gerechten Zorn hinzu.

»Pelz!«, wiederholte sie. »Von Tieren. Eine Million Hundeflöhe sollen ihn befallen, diesen ...« Jana hielt sich schnell die Hand vor den Mund; der geplante Ausdruck war nicht für die Ohren des Tierheimleiters gedacht.

»Aber jetzt ist alles egal«, sagte sie artig.

Der gute Mann hörte geduldig zu. »Wie sieht Charlie denn aus?«

»Etwas größer als eine Katze, weißes Fell, verschmust und pfiffig«, kam es wie aus der Pistole geschossen. »Hier ist sein Käfig.« Sie schaute hoffnungsvoll zu ihm auf. »Wissen Sie, wer ihn zu sich genommen hat?«

»Nicht auf Anhieb. Aber das lässt sich ja leicht feststellen.« Er legte seinen Arm um Janas Schultern. Diese gönnerhafte Geste konnte Jana auf den Tod nicht leiden und hätte jeden anderen Arm mit einer schmerzhaften Armschraube entfernt; aber heute blieb sie liebenswürdig.

»Kommen Sie mal mit in mein Büro. Eigentlich darf ich es ja nicht, aber ich schreibe Ihnen die Adresse auf«, sagte der Tierheimleiter.

»Vielen Dank, Sie herzensguter Mensch. Das ist megafreundlich.«

 

Am nächsten Tag konnte Jana den Feierabend kaum erwarten. Aber noch war es nicht so weit. Der junge Mann mit den langen Haaren versuchte ihr sein Problem zu erklären: »Der Motor springt nicht mehr an. Er röhrt und röhrt, aber will einfach nicht anspringen.«

»Benzin im Tank?«, fragte Jana.

»Ach, man braucht Benzin?«, fragte der Waldschrat spitz.

Jana schaute den Langhaarigen gelangweilt an. So ein Witzbold.

»Natürlich ist der Tank voll!«, röhrte nun der Kunde. »Halten Sie mich für einen Vollidioten?«

Ja, dachte Jana, blieb aber höflich und freundlich.

»Wahrscheinlich die Zündkerzen«, murmelte sie und machte ein entsprechendes Häkchen auf dem Arbeitsschein. »Morgen Nachmittag können Sie ihn wieder abholen.«

Der langhaarige junge Mann nickte und marschierte Richtung Ausgang.

»Und merken Sie sich Ihr Autokennzeichen!«, rief Jana ihm hinterher. »Ohne Kennzeichen keine Fahrzeugausgabe. Am besten aufschreiben.« Sie sagte diese Worte sehr zuvorkommend und sie klangen gar nicht böse, brachten den Kunden aber dazu, sich kurz umzudrehen und Jana wütend anzugucken, die dort freundlich lächelnd hinter ihrem Tresen saß. Aber über ihren kurzen dunklen Haaren leuchtete nicht gerade ein Heiligenschein.

Ihr letzter Kunde, der schon wartete, überreichte ihr wortlos seinen Wagenschlüssel.

»Inspektion komplett mit Ölwechsel, Herr Merten?«, fragte sie zur Sicherheit. Bernd Merten nickte. »Wie immer. Sonst läuft er ja wie geschmiert.«

Jana setzte routiniert die Häkchen auf das Auftragsformular. »Morgen Nachmittag können Sie Ihren Liebling abholen, Herr Merten.«

»Aber mein Liebling sind doch Sie, schöne Frau«, schleimte der Mittfünfziger wie immer.

»Nicht doch«, ging Jana auf die blöde Bemerkung ein. »Was soll denn Ihre Frau denken? Dann müssen Sie sich zukünftig Ihre Kartoffeln selber kochen, Herr Merten.«

»Sie können mir ja dabei helfen«, stichelte Herr Merten weiter.

Warum müssen alle Männer immer den Idioten spielen, wenn eine einigermaßen hübsche Frau vor ihnen stand oder saß? Seid doch einfach mal normal, liebe Männer, richtete Jana ihr stummes Stoßgebet nach oben, stieß aber dort vermutlich auf taube Ohren, da ja der Herrgott der Legende nach auch männlich sein sollte. Vielleicht auch nicht. Ihr jedenfalls wäre ein weiblicher Herrgott, also eine Herrgöttin, lieber.

So. Feierabend. Computer runterfahren und der A-Gang eine whatsApp schicken, dass sie jetzt ihren kleinen Hund besuchen geht. Seit Wochen schon lag Jana den Mädels mit ihrem Charlie in den Ohren und lobte die kleine Felltüte in den höchsten Tönen. Er bellt fast gar nicht. Er haart nicht. Er ist federleicht. Er ist sooo süß. Die Gegenseite, also die A-Gang, hatte Einwände. Hund Charlie ist sicherlich aus gutem Grund im Tierheim. Er ist bissig. Er pinkelt nur im Wohnzimmer. Er greift männliche Besucher ohne Warnung sofort an. Er bellt den ganzen Tag. Er überträgt in Nullkommanichts Flöhe. Jana war mit ihren Freundinnen meistens einer Meinung; beim Thema Hund klafften ganze Schluchten zwischen ihnen und eine Annäherung war nicht in Sicht.

»Ihr werdet mich anflehen, dass ihr auch mal mit ihm spazieren gehen dürft. Beim Gassi gehen lernt man andere Hundehalter kennen. Männliche Hundehalter«, belehrte Jana die Mädels. Diese rollten nur mit den Augen. Wir wollen keine Männer, die voller Hundehaare sind. Wir wollen Menschenhaare. Möglichst auf einer breiten Männerbrust. Die Gang prustete los und Jana wünschte die Gang in die Steinzeit. Dort gab es sicherlich die gewünschten haarigen Herren.

 

Jana warf einen Blick auf den Zettel, den ihr der Leiter des Tierheimes mit den Worten »Von mir haben Sie die Adresse nicht« übergeben hatte. Stefan Fröhlich hieß Charlies neues Herrchen und Jana machte sich sofort auf den Weg. Sie musste Charlie einfach wiedersehen; vielleicht konnte sie ihn wenigstens hin und wieder besuchen. Nach einer Fahrt durch die halbe Stadt in angemessener Geschwindigkeit, also gut 20 km/h als erlaubt, erreichte Jana die angegebene Adresse. Hier musste es sein. Sie stand vor einem großen schmiedeeisernen Tor und wenn sie nicht Halluzinationen im Ohr hatte, hörte sie schon fröhliches Gebell. Da kam Charlie auch schon angesaust und hinter ihm ein schnaufender Mann. Groß, kantige Gesichtszüge, Drei-Tage-Bart. Ungefähr ihr Alter, wahrscheinlich etwas älter. Das waren Janas positive Blitzeindrücke in der ersten Sekunde.

Charlie bellte und drehte sich wie verrückt im Kreise. Entweder plagte ihn ein Bienenstich oder er freute sich tatsächlich, Jana wiederzusehen. Er hatte Jana natürlich sofort erkannt! Jana hockte sich hin und hielt ihm, also dem Hund, ihren Finger vor die Nase, damit er sie einwandfrei identifizieren konnte. Der Mann mit den kantigen Gesichtszügen beobachtete die Szene skeptisch. Ob das Stefan Fröhlich war? Oder nur ein Bediensteter. Vielleicht der Gärtner oder der Chauffeur. Das Anwesen erschien Jana gigantisch, da braucht man doch Diener und Gärtner. Vielleicht war der Eigentümer ein Prinz. Charlies neuer Besitzer schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Ich bin Stefan Fröhlich. Wollen Sie zu mir?«

Aha. Er war es persönlich.

»Ja, äh, nein.«

»Also, damit wir uns richtig verstehen, ich kaufe weder handgefertigte Bürsten von Blinden, die in ihrer Freizeit Mangas lesen noch schließe ich ein Abo ab und ich möchte auch keine Einladung zum nächsten Clubabend von Jehovas Zeugen haben. Meine Teppiche sind alle vorbildlich gereinigt, meine Fenster putze ich selbst und ich möchte auch nicht regelmäßig mit Tiefkühlkost beliefert werden.«

Noch ein Wort und Jana würde der Kragen platzen und sie würde den aufgeblasenen Kerl durch das Gitter auf die Straße zerren, ihn zwischen ihre muskulösen Schenkel pressen und ihm jedes Nasenhaar einzeln ausreißen. Natürlich tat sie so was nicht und lächelte den unfröhlichen Herrn Fröhlich an.

»Eigentlich wollte ich zu Charlie.« Sie zeigte auf den kleinen Hund, der freudig am Gitter hoch sprang, als er den Namen hörte, den Jana ihm gegeben hatte.

»Sie kennen den kleinen Wildfang?«

Jana nickte und die Gesichtszüge und die Laune des Herrn Fröhlich glätteten sich.

»Na, dann kommen sie doch herein und erzählen mir, wo sie ihn kennen gelernt haben«, sagte Herr Fröhlich und öffnete einladend das große Tor.

Stefan Fröhlich servierte ein Erfrischungsgetränk. »... und Sie können sich gar nicht vorstellen, wie verzweifelt ich war, als mein kleiner Charlie nicht mehr da war«, beendete Jana ihren Bericht. Stefan Fröhlich guckte betreten. »Wenn ich das geahnt hätte...«

Er sprang auf. »Kommen Sie, Jana, wir knöpfen uns den kleinen Mann mal so richtig vor!«

Den ganzen restlichen Nachmittag tollten sie durch den Garten und Jana sah ein, dass Charlie es mit seinem neuen Zuhause wirklich gut getroffen hatte, die Zeit verging wie im Flug und wie gern würde sie Charlie wiedersehen. Und wenn sie ehrlich war, sein neues Herrchen war nicht unsympathisch und hatte einen ganz besonderen Charme. Dazu brachte er sie mit seiner unkomplizierten Art und Weise immer öfter zum Lachen. Aber jetzt hieß es erst mal Abschied nehmen. Stefan und Charlie begleiteten ihren Besucher zum Tor und schweren Herzens drehte sich Jana um.

»Danke, dass ich Charlie besuchen durfte, Stefan.«

Stefan wusste nicht wohin mit seinen Händen und steckte sie schließlich einfach in seine Hosentaschen.

»Es war ein wunderschöner Nachmittag, Jana«, erwiderte er. »Wann besuchst du deinen kleinen Freund wieder?« Er lächelte. Unwillkürlich hatte er Jana geduzt. Es hörte sich gut an, fand sie. Gut und schon vertraut. »Und sein Herrchen würde sich auch riesig freuen«, fügte er hinzu und guckte sie dabei treuherzig mit seinen braunen Augen an. Fast schon wie das Hündchen selbst.

 

Die nächsten Tage erwischte sich Jana immer wieder selbst dabei, wie sie scheinbar grundlos lächelte. Und manchmal hätte sie die ganze Welt umarmen können. Sollte es vielleicht doch mal geklappt haben? Jana überprüfte stündlich die whatsApp Nachrichten auf ihrem Smartphone, aber der Herr Fröhlich war wohl nicht so der Nachrichtenschreiber, obwohl sie natürlich ihre Handynummern getauscht hatten. Dafür machte Jana der A-Gang vage Andeutungen über ihre neue Bekanntschaft, ignorierte aber die vielen Fragen, die im Minutentakt eintrafen.

Jana zählte tatsächlich die Stunden bis zum nächsten Wochenende. Für Charlie hatte sie ein paar Leckerbissen eingepackt und für sich und Stefan ein paar selbstgebackene Plätzchen. Gut gelaunt parkte sie ihr kleines Auto neben dem großen Tor. Stefan hatte das alte Haus mit dem weitläufigen Grundstück von seinem Vater, einem bekannten Botaniker, geerbt und an diesem Tag verbrachte Jana den schönsten Nachmittag seit langer Zeit. Abgesehen von den Unternehmungen mit der Gang, versteht sich. Danach kam lange Zeit nichts, aber nun standen Charlie und Stefan Fröhlich gleich an zweiter Stelle. Charlie wollte gar nicht aufhören zu spielen, versteckte sich immerzu hinter Gebüschen und sprang sie an, wenn sie ihn suchten. Völlig außer Atem ließen sich Jana und Stefan auf den kurzgeschnittenen Rasen fallen. Ganz selbstverständlich kam Stefan und legte eine Hand auf ihre Schulter.

»Ihr beiden seid schon ein tolles Gespann«, sagte er im Brustton der Überzeugung. Jana drehte sich um und strich ihm kurz über die Wange. »Ich muss los, Stefan. Es ist schon spät.« Stefan half ihr beim Aufstehen. »Aber du kommst wieder?«, fragte er besorgt. »Ganz bestimmt«, antwortete Jana nur.

 

Die Tage vergingen endlos langsam. Unfallwagen, Inspektionen und neue Lackierungen forderten Janas ganze Aufmerksamkeit im Autohaus. Der eine Kunde wollte dieses, der andere jenes. Am Dienstag Abend traf sich Jana mit den Mädels auf einen Cocktail im »Springfield«, war aber nicht so richtig bei der Sache.

»Da bahnt sich doch nicht was an, Liebes?«, neckte Lisa ihre Freundin.

»Wer weiß das schon, Liebes«, erwiderte Jana und schaute mit einem geheimnisvollen Lächeln in die Runde. Während Lisa und die anderen unermüdlich Marktforschungen betrieben, jeden Mann mit gut, geht so oder ganz schlecht bewerteten, hatte Jana an dieser Form der Unterhaltung keine Freude und verließ auch schon ziemlich früh die Runde. Aber endlich war das Wochenende zum Greifen nahe. Jana freute sich unbändig auf Charlie und Stefan, als ihr Smartphone klingelte. Es war Sandra, die immer so vernünftig war.

»Du hast dich verliebt«, stellte Sandra fest. »Sei bloß vorsichtig. Das geht doch viel zu schnell. Und irgendeine Macke haben die Männer immer.«

Jana wechselte das Handy zum anderen Ohr.

»Ach was«, wich sie aus. »Ja, ich mag Stefan sehr gerne und er mich womöglich auch. Und vielleicht...« Sandra unterbrach sie einfach. »Du bist verliebt! Ich habe es ja gesagt.«

Jana wand sich hin und her. »Du, Sandra, ich muss jetzt los.«

Sandra ließ nicht locker. »Doch nicht etwa zu diesem Stefan?«

»Nein, zu Charlie!«

Während der ganzen Fahrt sang Jana zu der Musik aus ihrem Autoradio, so glücklich war sie. Dieses Mal gab es kein Empfangskomitee, aber schließlich war sie auch viel zu früh dran. Bestimmt sitzt er noch in seinem Büro und brütet über Bauzeichnungen für ein neues Projekt, dachte sie. Und Charlie war sicherlich auf Schatzsuche im hinteren Teil des Gartens oder döste in der warmen Nachmittagssonne. Schnell noch warf Jana einen prüfenden Blick in ihren kleinen Taschenspiegel und zwinkerte dem Spiegelbild mit den tiefblauen Augen schalkhaft zu. Sie konnte sich durchaus sehen lassen, befand sie ohne Eitelkeit. Manchmal jedenfalls. Also nicht unmittelbar nach dem Aufstehen am frühen Morgen, da brauchte sie erst einen starken Kaffee, der Geist und Körper glättete. Und schon gar nicht kurz vor Feierabend. Aber sonst war sie nicht gerade hässlich, fand Jana. Sie öffnete das große Eingangstor, betrat das Grundstück und marschierte Richtung Haus. Ganz aufgeregt stieg sie die Treppen empor und freute sich schon sehr auf Charlie und Stefan.  Gerade als sie die Klinke niederdrückte, hörte sie Stefan Fröhlichs Stimme: »Ich liebe dich, meine Große. Du und ich, wir bleiben für immer zusammen.«

Jana erstarrte zur Salzsäule. Seine zärtliche Stimme fuhr fort: »Auch wenn du manchmal etwas kratzbürstig bist, gebe ich dich nie wieder her.« Janas Herz pochte wie wild. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Wie durch Watte hörte sie seine Stimme. »Magst du das, geliebte Annabelle?«

Annabelle! Jana wollte gar nicht wissen, was die geliebte Annabelle wohl so gerne mochte, drehte sich auf dem Absatz um und rannte in Richtung Tor. Nur raus hier. Nie war sie so enttäuscht worden. Dieser gewissenlose Schürzenjäger wusste doch, dass heute ihr Tag war. Jana hatte sich die ganze Woche auf diesen Samstag gefreut, hatte sich die Haare gewaschen und sogar die Zehennägel lackiert. Natürlich hatte sie keinen Anspruch auf den umtriebigen Herrn Fröhlich, aber etwas rücksichtsvoller konnte dieser schmierige Casanova schon sein, der Herr Ingenieur, wenn er denn überhaupt Ingenieur war. Oder Architekt. Wahrscheinlich doch eher Hilfsklempner oder so. Jana kommt, Annabelle geht. Dieser Don Juan! Wieder eine Kerbe auf dem Gewehrlauf.

»Nicht mit mir, Herr Fröhlich!«, rief sie dem Haus zu.  Vielleicht hatte Jana ihre geheimen Hoffnungen doch etwas zu hoch geschraubt, schließlich war Stefan ohne Anhang, stand mit beiden Beinen voll im Leben und übte auf die Damenwelt ganz bestimmt eine große Anziehung aus. Charme hatte er ja und dazu sah er außerordentlich gut aus, auch wenn er manchmal in seinen Bewegungen etwas mädchenhaft wirkte. Er kann doch machen, was er will, dachte sie. Aber so dreist. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie an ihren kleinen Charlie dachte. Jana hastete zu ihrem Auto, startete in aller Hektik den Motor und verließ diesen unheiligen Ort in höchster Eile.

Sandra hatte den richtigen Riecher gehabt und Jana rief sie sofort an.

»Ich komme, Süße«, sagte Sandra nur.

 

»Ich bin gefahren wie der Teufel. Nur weg.«

Jana war wieder den Tränen nahe und beendete ihren Bericht des Schreckens. Sandra war sprachlos, aber nicht überrascht. Kopfschüttelnd lotste sie Jana zum nächsten Straßencafé.

»Wie kann er das denn nur machen? Annabelle. Stell dir nur vor, du wärst nicht zu früh gekommen. Ahnungslos wärst du in seine Frauenfalle getappt.« Sandra musste Luft holen. »Wahrscheinlich führt dieser gemeine Kerl eine Strichliste. Dieser Schmalspurcasanova.« Sandra war sichtlich empört. »Da denkt man nun, ab einem gewissen Alter werden die Herren der Schöpfung ruhiger und vernünftiger. Aber Pustekuchen! Ganz im Gegenteil.« Sandra wurde trotz ihrer ruhigen Art immer aufgebrachter und Jana studierte blicklos die Getränkekarte.

»Aber er war so nett, so freundlich. Ich hatte wirklich gedacht...« Jana wagte nicht, den Gedanken auszusprechen und lehnte sich resigniert zurück. »Ich kann es noch immer nicht glauben.« Sandra presste ihre Lippen zusammen. »Männer«, stieß sie voller Verachtung hervor. »Alle in einen Sack und mit dem Knüppel draufhauen. Man trifft immer den Richtigen. Da kann ich dir noch ganz andere Geschichten erzählen...«

 

Diese Erfahrung schmerzte sehr. Es sollte eben nicht sein. Eine von vielen werde ich auf gar keinen Fall, dachte Jana. Aber das Leben geht weiter. Montag konzentrierte Jana sich wieder voll auf die Macken und Leiden von Autos und ihren Fahrern. Diese Woche startete eine große Werbeaktion und sie hatte alle Hände voll mit Laufkundschaft zu tun. Eine komplette Inspektion zu einem sagenhaften Preis. Aber nur diese Woche und deshalb ging es hoch her in der Auftragsannahme.

Jana machte dem Juniorchef ein Handzeichen. »Könnten Sie kurz übernehmen, Herr Lessing? Ich muss mir mal dringend die Hände waschen.«

Der Juniorchef lächelte. »Kein Problem, Frau Hecker. Bei dem Andrang heute kommt man schon mal ins Schwitzen.«

In aller Ruhe machte sich Jana frisch und trank einen großen Schluck Mineralwasser in der kleinen Küche. Durch das kleine Fenster in der Küchentür warf sie einen schnellen Blick auf den Tresen der Auftragsannahme und traute ihren eigenen Augen nicht. Ihr Herzschlag setzte einen Moment aus, so heftig traf es sie. Dort stand dieser Mistkerl Stefan Fröhlich und übergab dem Juniorchef gerade seine Autoschlüssel. Jana wartete die paar Minuten, bis Stefan verschwunden war und kehrte schnellen Schrittes an ihren Schreibtisch zurück.

»Ich übernehme wieder.« 

Kaum war der Juniorchef verschwunden, griff Jana zu dem Auftragsformular des neuen Kunden namens Stefan Fröhlich. Aha, die Inspektion zum Supersonderpreis. Natürlich. Geizig ist er also auch noch oder kann sich die Inspektion zum regulären Preis nicht leisten. Der wird sich wundern, der Schuft. Ein paar Kreuze hier und da und Jana konnte schon wieder lächeln. Was manche Kunden so in Auftrag geben. Sofort legte sie den Auftrag in das Fach für die Werkstatt und wartete, denn da kam bestimmt eine Rückfrage. Wenige Minuten später lugte Klaus, einer der Automechaniker, um die Ecke und wedelte mit dem Auftragsschein Fröhlich. »Jana, hat das seine Richtigkeit hier mit diesem Auftrag?«

Jana nickte. »Ja, ja. So will er es haben.«

»Dann soll er es auch bekommen«, meinte Klaus nur und verschwand wieder in der Werkstatt.

 

Kurz vor Feierabend am nächsten Tag erschien wie erwartet Herr Stefan Fröhlich und staunte nicht schlecht.

»Jana? Hier arbeitest du also?« Stefan war irritiert. »Wo warst du denn am Samstag? Charlie und ich haben auf dich gewartet.«

Nie würde sich Jana die Blöße geben und zugeben, dass sie da war und aus Enttäuschung sofort wieder gegangen war, als sie Stefan und diese aufdringliche Annabelle belauscht hatte.

»Ich hatte zu tun«, erwiderte sie reserviert.

»Aber das verstehe ich nicht, wir...«

Jana unterbrach ihn. »Du wolltest doch bestimmt dein Auto abholen. Es steht hinten auf dem Hof.« Sie reichte ihm den Schlüssel. 

»Ach, ich zeige dir den Weg,«, sagte Jana beiläufig.

Wortlos ging sie voraus, Stefan im Schlepptau. Jana zeigte auf sein Auto. »So. Bitteschön, der Herr.«

Stefan war kreidebleich. »Aber das ist nicht mein Auto...«, stammelte er. »Niemals würde ich mich in so etwas hineinsetzen.«

»Doch, doch«, widersprach Jana. »Das Nummernschild stimmt.«

»Aber ich setze mich doch nicht in ein rosa Auto!« Stefan schäumte. »Rosa!«, wiederholte er und schüttelte sich als müsste er einen halben Liter Lebertran trinken.

»Unsere Werkstatt tut genau das, was auf dem Auftragsschein steht. Und wenn jemand rosa Lack bestellt, bekommt er den auch.« Sie zeigte Stefan kurz das Formular. »Das ist doch deine Unterschrift, oder?«

Stefan wurde bockig. »Ich setze meinen Fuß nicht in ein rosa Auto.«

Jetzt schlug Jana zu. »Aber vielleicht gefällt Annabelle die Farbe.«

Stefan stutzte. »Warum sollte meinem Papagei ein rosa Auto gefallen?«

Jana stockte der Atem. »Deinem Papagei? Annabelle ist ein Papagei?«

Stefans Gehirn arbeitete auf Hochtouren, seine Mundwinkel zuckten verdächtig und dann brach ein nicht endendes Gelächter aus ihm heraus. In ganzen Bächen strömten die Tränen aus seinen braunen Augen.

»Du warst da...« Er japste nach Luft. »Du warst doch da und hast mich belauscht!« Atemlos und immer noch lachend nahm er Janas Hand. »Jana, warum bist du nicht ins Haus gekommen? Annabelle ist mein Papagei.«

Jana bekam tellergroße Augen und schämte sich in Grund und Boden.

Sie musste nachfragen. »Wirklich dein Papagei?«

»Ja, meine gefiederte Freundin Annabelle. Wir sind unzertrennlich.«

»Ich konnte doch nicht wissen...«, begann Jana zaghaft. »Dein Auto. Es tut mir sehr leid. Ich habe das angerichtet.«

Stefan kam wieder zu Atem. »Ich habe dich vermisst, Jana. Und Charlie ist immer zwischen Haus und Tor hin und hergelaufen. Er hat dich gesucht. Wir sind doch schon ziemlich beste Freunde, Jana.«

Nun ergriff Jana die Gelegenheit. »Nur beste Freunde?« Jana spitzte die Lippen und wollte den armen Mann, der völlig unschuldig war, küssen. Aber Stefan wich aus.

»Bitte nicht. Du kennst mich doch gar nicht richtig. Vielleicht solltest du erst mal alle Seiten von mir kennenlernen.« Stefan überlegte. »Die neue Farbe von meinem Auto ist gar nicht mal verkehrt. Irgendwie eine vorausschauende Aktion.«

Jana verstand kein Wort.

»Männer fahren doch nicht in einem rosa Auto durch die Gegend! Ich werde es auf meine Kosten neu lackieren lassen«, bot Jana Stefan an.

»Nein, nein, brauchst du nicht«, erwiderte Stefan. »Ich deute es als ein Zeichen. Es wird schon zu mir passen. Bald jedenfalls. Ich muss los. Wir telefonieren.«

Jana verstand kein Wort und versuchte Stefans verschwommene Andeutungen zu entschlüsseln, was ihr nicht gelang. Eine Woche verging ohne ein Lebenszeichen von Stefan Fröhlich, bis eines abends ihr Smartphone klingelte. Es war der verschollene Stefan, der sie bat, ihn morgen vom Krankenhaus abzuholen.

Jana war entsetzt. »Bist du krank? Ist es ernst?«

»Nein«, beruhigte Stefan Jana. »Nur ein kleiner Eingriff, aber ich bin der glücklichste Mensch auf Erden.«

Zum vereinbarten Zeitpunkt stand Jana vor dem großen Haupteingang des Krankenhauses, beobachtete die Kranken und Gesunden, die alle irgendwie ein Ziel hatten und suchte ihren »ziemlich besten Freund« Stefan Fröhlich. So ein Gewusel von Menschen, wie soll man da jemand erkennen. Jana ging in die Haupthalle und hielt dort Ausschau nach Stefan, traf aber nur auf fremde Gesichter und unbekannte Gestalten. Kein Stefan Fröhlich zu sehen. Eine große Blondine winkte ihr zu, aber für neue Bekanntschaften hatte Jana heute keine Zeit, bis ihr die Blondine von hinten die Hand auf die Schulter legte.

»Hallo, Jana«, sagte Stefans Stimme.

Jana schaute die Frau, die mit Stefans Stimme sprach, entsetzt an. So als stünde der Leibhaftige in Menschengestalt bzw. in Stefan Fröhlichs Gestalt vor ihr.

»Stefan?«, gurgelte Jana.

Die Dame, die Stefan war, war dezent geschminkt und zeitlos elegant gekleidet.

»Bitte nenne mich jetzt Stefanie«, sagte der ehemalige Stefan. »Ich werde dir alles erklären.«

 

Abends im »Springfield« war Jana die Hauptperson und die Mädels der A-Gang hingen an ihren Lippen. Ihr Stammtisch war wie üblich mit Krümeln von Salzstangen und Erdnüssen übersät, die Gläser blieben halbvoll und an den aufgemotzten Schönlingen, die an ihrem Tisch vorbeizogen, hatten die Frauen heute mal kein ...

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