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Liebe, Lust und Sehnsucht

Miriam Malik

Liebe, Lust und Sehnsucht

Ein Gran Canaria Liebesroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Liebe, Lust und Sehnsucht

Der grüne Kleinwagen rutschte den Abhang hinunter und verschwand in einer Staubwolke. Wenig später hörte ich ein dumpfes Krachen und sah, wie Flammen wild emporzüngelten.

Verwirrt betrachtete ich erst meine blutenden Unterarme und dann den gewaltigen Talkessel vor mir, ohne wirklich zu begreifen, was geschehen war. Müdigkeit machte sich in mir breit und ich beschloss, mich an Ort und Stelle einfach hinzulegen und die Augen zu schließen.

Neben mir begann der Hang zu rutschen, kleine Gesteinsbrocken kullerten an mir vorbei in die Tiefe.

Das war es also. So endete mein Leben. Auf einem Abhang, der mich langsam, aber sicher mit sich forttragen und schließlich unter sich begraben würde. Ich ergab mich in mein Schicksal.

Hey. Don't worry, ich bringe dich hier weg.“ Eine fremde Männerstimme riss mich aus meinen Gedanken. Dunkle Augen blickten mich prüfend an, dann kramten zwei braungebrannte Hände eine Wasserflasche aus einem Wanderrucksack. Mir fiel ein Seil auf, das sich der Fremde um den Bauch gebunden hatte, ich konnte mir den Sinn dafür jedoch nicht erschließen.

”Hier. Trink.“ Der Fremde hockte neben mir und hielt mir die Flasche hin.

Ich starrte ihn an und versuchte, ihn irgendwie einzuordnen. Ich schätzte sein Alter auf Mitte vierzig. Mindestens. Braungebranntes Gesicht, wettergegerbt, mit tiefen Furchen. Ein markantes Kinn. Nein. Ich kannte ihn nicht.

Er schraubte den Deckel von der Flasche ab und hielt mir die Flasche hin. ”Trink.“

Als ich nicht reagierte, rutschte er ganz nah zu mir. Das wurde mir unheimlich, also nahm ich ihm zögernd die Flasche aus der Hand, trank ein paar Schlucke überraschend kaltes Wasser und hielt sie ihm wieder hin.

Er nahm sie an sich und steckte sie zurück in den Rucksack.

”War noch jemand in dem Auto?“ Seine dunklen Augen bohrten sich in meine.

Oh Gott. Was wollte er von mir? Welches Auto? Wer sollte noch dort drin gewesen sein? Meine Eltern etwa? Meine Schwester? Lukas?

”Okay“, meinte er hastig. ”Ich verstehe. Keine Panik. Alles gut. Komm.“ Er packte mich unter den Armen und zog mich auf die Füße. ”Ich bringe dich hoch zur Straße. Es ist nicht weit. Da oben. Siehst du?“

Ich folgte seinem ausgestreckten Arm. Dort oben standen mehrere Autos und zahlreiche Menschen, die zu uns herunter starrten.

”Komm.“ Der Fremde lächelte mir aufmunternd zu, legte einen Arm um mich und stützte mich, während er mich langsam und vorsichtig den steilen Abhang nach oben führte, an den Reifenspuren entlang, die mein abrutschender Mietwagen hinterlassen hatte.

Ich lehnte mich schwer auf ihn und starrte dabei die ganze Zeit auf das Seil, das unseren Weg nach oben markierte.

Irgendwann hatten wir die Straße erreicht. Die vielen Menschen schossen Fotos von mir und redeten in allen möglichen Sprachen durcheinander.

Ich fühlte mich elend, wollte mich einfach nur hinlegen und die Augen schließen.

Mein Retter warf den Menschen ein paar spanische Brocken an den Kopf, woraufhin sie etwas Platz machten, aber weitere Fotos schossen. Er führte mich in den Schatten eines Jeeps und half mir, mich auf den steinigen Boden zu setzen. Noch einmal drückte er mir die Wasserflasche in die Hand, knotete das Seil ab, zog einen Verbandskasten aus seinem Rucksack und begann, nachdem ich getrunken hatte, mir Verbände um alle möglichen Körperteile zu wickeln und mich zu verhören, während die fremden Menschen um uns herumstanden und uns dabei zusahen.

”Ich heiße Ian. Wie heißt du?“

”Leonie.“

”Und wo kommst du her, Leonie?“

”Neustadt.“

”Wo ist dieses Neustadt? In Deutschland?“

”Ja.“

Dann kam etwas in schnellem Spanisch – an einen Mann gerichtet, der keine zwei Schritte von uns entfernt stand. Ich blickte erschrocken zu ihm hoch.

”Alles okay“, beruhigte Ian mich. ”Ich habe ihn nur gebeten, zurückzutreten.“

”Sie muss viel trinken“, schaltete sich eine Männerstimme dazwischen.

”Mein Mann hat völlig Recht!“ Eine ältere Dame nickte energisch dazu.

Ian wandte sich zu ihr um. ”Bitte. Halten Sie Abstand.“

Dann machte er bei mir mit den Verbänden weiter. ”Wie alt bist du, Leonie?“

”Fünfundzwanzig.“ Oder? Konnte das sein? Diese Zahl kam mir komisch vor.

”Wie ist der Name des deutschen Bundeskanzlers?“

Hm. Wie hieß er noch gleich, dieser ältere Prediger? ”Steinmein“, erklärte ich. So ähnlich.

”Ach, die Arme“, stöhnte eine der Damen neben mir. ”Wann kommt denn nur der Krankenwagen?“

Ian blickte irritiert nach oben und wandte sich dann wieder an mich. ”Wo ist dein Hotel? Ich meine hier auf Gran Canaria?“

Ich überlegte. Las Palmas. Nein. Da hatte ich heute morgen ausgecheckt. Und war unterwegs nach … Oh Gott. Wie hieß es noch gleich. ”Maspalas.“

”Vielleicht sollte sie sich hinlegen.“ Das war wieder die ältere Dame. ”Sie hat bestimmt einen Schock.“

”Die Straßen hier sind wirklich gefährlich“, erklärte ein dazu passender älterer Herr, der direkt neben ihr stand. ”In Deutschland könnte so etwas nicht passieren.“

Ian rollte mit den Augen.

In dem Moment trat ein Polizist zu uns hin. ”Dar lugar! Bitte, Platz!“, rief er und scheuchte die Menschen zur Seite.

Dann hockte er sich neben Ian und mich. Oh Gott, dachte ich. Jetzt wird er mich verhaften.

Doch er sprach nicht mit mir, sondern mit Ian, und der erwähnte meinen Namen und Alemania.

Der Polizist wandte sich direkt mir zu. ”Leonie“, begann er und ließ einen Schwall schnelles Spanisch folgen.

Ich drückte mich hilfesuchend an meinen Retter.

Der Polizist schüttelte den Kopf und sprach weiter mit Ian.

Dieser wandte sich schließlich wieder an mich.

”Wie ist dein zweiter Name?“, fragte er.

Mein zweiter Name? Was sollte das heißen? In der Schule hatte ich mir oft einen gewünscht. Bei der Zeugnisvergabe, wenn der Lehrer alle bei ihren vollen Namen nannte. Christian Wilhelm. Oder Nathalie Martina. Oder Lukas Sebastian Meierschmidt … Bei dem Gedanken an Lukas schossen mir wie auf Kommando Tränen in die Augen ...

”Leonie?“, rief Ian mich sanft in die Gegenwart zurück. ”Dein zweiter Name?“

”Ich ... hab keinen“, schluchzte ich.

”Deinen Nachnamen!“ Der ältere Herr beugte sich zu mir herunter und plärrte mir ins Ohr. ”Er will deinen Nachnamen wissen!“

Der Polizist sprang auf wie von der Tarantel gestochen, drängte die Menschen wieder zur Seite und redete auf sie ein.

Dann wendete er sich wieder an mich. Ian übersetzte.

”War noch jemand in dem Fahrzeug?“

Wieder diese Frage. Nein. Oder? Da war doch niemand gewesen? Aber was machte ich allein in einem Auto?

”Bist du allein hier? Auf Gran Canaria?“, unterbrach Ian meine Gedanken.

Ich schüttelte nur den Kopf.

Er wechselte mit dem Polizisten einige Worte, deutete nach unten ins Tal, ließ mehrmals das Wort ”Schock“ fallen.

Der Polizist schüttelte den Kopf und fuchtelte mit den Armen und Ian stellte mir weitere Fragen.

”Mit welcher Art von Auto bist du gefahren?“

Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Mit einem braunen. Das wusste ich noch.

”Und wie lautet die Licence Plate von deinem Auto?“

”Was?“ Ich blickte ihn völlig verwirrt an.

”Okay, nicht schlimm.“ Ian tätschelte vorsichtig meinen Arm an einer Stelle, um die er keinen Verband gewickelt hatte. Das Fragetrommelfeuer ging weiter.

”Welche Autovermietung?“

Ähm. Irgend eine spanische … Oder?

”Und wie ist es zu dem Unfall gekommen?“

Ja … Wie eigentlich? Wo befanden wir uns überhaupt? Wo war mein Auto?

Ian legte behutsam einen Arm um mich und diskutierte wieder mit dem Polizisten, der unzufrieden die Augenbrauen zusammenzog und dann aufstand und wieder mit den Menschen um uns herum schimpfte.

”Alles ist okay“, versicherte Ian mir. ”Keine Fragen mehr. Er hat verstanden, dass es gerade keinen Sinn macht. Und der Krankenwagen ist jeden Moment da. Warte, ich mache es dir etwas bequemer.“ Er half mir, mich auf den Rücken zu legen. ”Ich bin bei dir“, hörte ich seine Stimme. Dabei drückte er meine Hand.

Ich blickte in den tiefblauen Himmel über Gran Canaria mit dem sicheren Gefühl, wieder einmal versagt zu haben und wünschte mir nichts anderes, als einzuschlafen und nie mehr aufzuwachen.

 

Irgendwann kam dann tatsächlich der Krankenwagen, ich wurde eingeladen und abtransportiert. Von der Fahrt weiß ich nicht mehr viel, vielleicht bin ich eingeschlafen.

An das Krankenhaus erinnere ich mich aber noch gut – viel zu viele Krankenschwestern, Ärzte und Patienten, die auf Spanisch wild durcheinander redeten, zum Teil mit mir, zum Teil über mich hinweg.

Erst kauerte ich ewig lange auf einem unbequemen Stuhl, dann wurde ich geröntgt, eine Ärztin hörte meine Brust ab und leuchtete mir in die Augen und eine Krankenschwester machte einen Haufen neue Verbände. Dann half sie mir dabei, aufzustehen und stützte mich auf dem Weg in den Flur, auf dem, wie ich fand, viel zu viele Menschen wild durcheinanderbrüllten. Sie drückte mich auf einen der grünen Hartschalenplastikstühle, die aussahen wie bei einer Bushaltestelle und erklärte mir etwas auf Spanisch. Dann verschwand sie und ließ mich allein unter all diesen Menschen.

Und jetzt?, dachte ich benommen. Am besten legte ich mich einfach irgendwo hin. Der Boden sah ziemlich einladend aus.

”Hey, Leonie.“

Ich blickte hoch. Ian stand vor mir.

”Komm!“ Er half mir auf die Beine. ”Ich habe ein Zimmer für dich gefunden. Da kannst du dich ausruhen. Es ist nicht weit.“

Ich ließ mich aus dem Krankenhaus zu seinem Jeep führen und mir hineinhelfen.

”Wir sind in Maspalomas“, erklärte er mir. ”Playa del Inglés, genauer gesagt. Ich bringe dich nach San Fernando. Da wohnt eine gute Freundin von mir. Doña Ana wird sich um dich kümmern. Ich denke, das ist besser als das Krankenhaus und auf jeden Fall ruhiger.“

 

Wenig später hielten wir vor einem orangenen, zweistöckigen Reihenhaus. Ian half mir aus dem Jeep und eine Treppe nach oben in eine schlicht, aber geschmackvoll eingerichtete Wohnung.

Doña Ana erwies sich als herzliche Frau Mitte fünfzig, die mich direkt in ein kleines, sauberes Badezimmer brachte.

Ian nickte mir zu und ließ mich mit ihr allein.

Sie überschüttete mich mit einem Schwall Spanisch, griff nach meinem Shirt und versuchte, es mir abzustreifen.

Ich presste die Arme erschrocken vor meine Brust. Das wollte ich nicht.

Ihr Wortschwall wurde lauter, bestimmter.

Ich blickte mich panisch nach einem Fluchtweg um.

Die Tür wurde aufgerissen, Ian steckte den Kopf herein. Ein Wortwechsel in schnellem Spanisch.

”Doña Ana möchte dir helfen, dich zu waschen “, erklärte er mir.

”Nein“, murmelte ich. ”Nein.“

Er nickte.

Es folgte ein ziemlich lautstarkes Wortgefecht in schnellem Spanisch, in dem mehrmals das Wort ”Alemania“ fiel.

Doña Ana nickte mir schließlich knapp zu und verschwand hocherhobenen Hauptes aus dem Zimmer.

”Wasch dich und komm dann nach draußen. Sie hat dir frische Handtücher hingelegt, damit du dich waschen kannst. Dort auf dem Stuhl liegt saubere Kleidung, die dir passen könnte. Nebenan ist dein Zimmer, sie richtet gerade das Bett für dich. Sie möchte dir helfen. Und das solltest du zulassen. Okay?“

Ich nickte.

Er nickte ebenfalls und verschwand.

Ich blickte müde in den Spiegel. Das dort sollte mein Spiegelbild sein? Ich konnte es kaum glauben. Eine große Welle der Müdigkeit überkam mich. Und so legte ich mich einfach dort hin, wo ich mich gerade befand, nämlich auf den flauschigen Badezimmerteppich und schloss die Augen.

Dann kniete plötzlich Doña Ana über mir und zerrte an meinem Shirt und Ian rief irgend etwas und meine spanische Peinigerin wischte mit einem kalten Lappen in meinem Gesicht herum und zog mir dann auch noch die Hose vom Körper. Und ich gab auf und ließ alles mit mir geschehen und dämmerte langsam in das Reich der Träume.

 

 

Als ich erwachte, schien mir die Sonne direkt ins Gesicht. Die Strahlen hatten ihren Weg durch einen Spalt zwischen fremden Vorhängen gefunden.

Ich schreckte hoch. Sofort machte sich mein Schädel mit dumpfem Pochen bemerkbar und auch mein Rücken ächzte unter der plötzlichen Bewegung. Hatte ich einen Kater? Wo war ich überhaupt?

Gran Canaria, fiel mir ein. Der weite Talkessel. Der Unfall. Der fremde Mann. Und die spanische Frau.

Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen. Kein Hotelzimmer, stellte ich fest. Zu bunt und fröhlich dafür. Und zu persönlich eingerichtet. Rosa Vorhänge, weiße Möbel, zahlreiche spanische Bücher und Fotos mit der spanischen Frau, zwei Mädchen und einem Mann auf einem vollgestopften Wandregal.

Acht Uhr dreißig, zeigte der Radiowecker auf dem weißen Nachttischchen neben mir. Morgens, vermutete ich.

Das Klopfen in meinem Schädel wollte nicht aufhören. Am liebsten wäre ich einfach liegengeblieben. Doch meine Blase war dagegen.

Also schwang ich die Beine aus dem Bett, was sofort pochende Schläfenstiche zur Folge hatte und ein erneutes Aufschreien von Rücken, Beinen und Armen. Dazu musste ich feststellen, dass ich ein weites, weißes T-Shirt trug. Und sonst nichts. Außer meiner Unterhose, was ich erleichtert bemerkte, und zahlreichen Verbänden, die um beide Arme und Beine geschlungen waren.

Das Drama im Badezimmer fiel mir ein. Offenbar hatte Doña Ana ihren Willen durchgesetzt und mich sauber geschrubbt, bevor sie mich ins Bett gesteckt hatte. Dieser Ian war auch dabei gewesen. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte.

Mühsam erhob ich mich und schwankte zur Tür. Von dort aus trat ich in einen kurzen Flur und fand zum Glück sofort das Badezimmer, da die Tür offen stand. Der darin befindliche Spiegel führte mir meine Blessuren mehr als deutlich vor Augen. Auf meiner Stirn klebte ein großes Pflaster, Lippe und Kinn waren angeschwollen. Sehr schön. Der Blau-Grün-Ton passte immerhin gut zu meinen roten Augen.

Auf einer Wäscheleine über der Badewanne hingen meine Klamotten zum Trocknen. Beziehungsweise die Fetzen, die davon noch übrig waren. Obwohl Doña Ana sie gewaschen hatte, zeichneten sich zahlreiche Flecken darauf ab, dazu waren sie an den Knien zerrissen.

Als ich fertig war und wieder in den Flur hinaustappte, wurde ich von Doña Ana bereits erwartet und mit einem spanischen Wortschwall überfallen.

Lento, por favor, bat ich, kratzte damit mein Schulspanisch zusammen und hoffte, das war höflich genug und bedeutete tatsächlich “Bitte sprechen Sie etwas langsamer.”

Die Augenbrauen von Doña Ana wanderten überrascht nach oben – und sie stieß einen weiteren spanischen Wortschwall aus, dem ich nicht folgen konnte.

Muy poco español. No entiendo”, stammelte ich hilflos.

Sie nickte enthusiastisch und stieß einen etwas langsameren Wortschwall aus, so dass ich immerhin glaubte, die Worte lavar und verstirse zu verstehen – waschen und anziehen.

Ich hätte mich lieber noch einmal ins Bett gelegt, doch die zuckenden Augenbrauen flößten mir Respekt ein und ich nickte ergeben. Wenn ich so an meine Klamotten dachte, war das sicher auch vernünftig.

Sie fasste mich am Arm und führte mich bestimmt in das Badezimmer.

Espera, chica”, befahl sie mir. Warte.

Ich setzte mich auf den Badewannenrand und gehorchte ergeben. Wenig später kam sie wieder mit Handtüchern und frischer Kleidung und machte mir mit einigen spanischen Worten klar, dass ich mich aufgrund der Verbände nicht duschen durfte. Dazu zeigte sie mir einen Waschlappen.

Ich nickte.

Dann fragte sie, ob sie mir helfen sollte.

Sólo me queda, muchas gracias”, stammelte ich, versuchte damit auszudrücken, dass ich das allein konnte und hoffte nach wie vor, dass das, was ich da von mir gab, nicht extrem unhöflich klang.

Sie runzelte die Stirn, sie hatte mich wohl nicht verstanden.

No necesito. Ayuda no necesario“, startete ich einen neuen Versuch.

Sie nickte zögerlich und ließ mich allein. Vielleicht hätte ich ihre Hilfe annehmen sollen. Es war nämlich nicht so einfach, sich mit einem Waschlappen zu waschen, wenn es schon weh tut, nur die Arme zu heben. Anziehen war fast noch schlimmer. Aber endlich hatte ich mich in Unterwäsche, Jogginghose und T-Shirt gekämpft, die nur einen Tick zu groß waren.

Gerne hätte ich mir auch die Haare gebürstet oder gekämmt, aber ich hatte ja nichts entsprechendes, wollte auch nichts von Doña Ana benutzen und konnte mir darüber hinaus nicht vorstellen, meine Arme so weit nach oben zu heben.

Als ich aus dem Bad trat, wartete sie bereits wieder auf mich und befahl mir, ihr zu folgen. Kurz darauf fand ich mich in einer kleinen, aber gemütlichen Küche mit Holzmöbeln und Ian wieder.

“Hallo!” Er lächelte, als er mich sah. “Setz dich doch.” Er wies auf einen Stuhl. “Wie geht es dir?” Dabei fiel mir auf, dass er Englisch mit deutlich britischer Färbung sprach.

“Ich fühle mich gut, danke”, erwiderte ich höflich.

“Ganz ehrlich?” Er schüttelte den Kopf. “Das glaube ich dir nicht. Du bist zwar zum Glück nicht schwer verletzt und hast auch keine Gehirnerschütterung, dafür aber ein paar Zerrungen, Schürfwunden, Kratzer und Blutergüsse. Nichts, was sich nicht mit etwas Ruhe auskurieren lässt, aber schmerzhaft mit Sicherheit. Hier.” Er schob mir ein Glas mit Wasser und eine Packung Ibuprofen zu.

Ich nahm sofort zwei und wollte sie herunterspülen, als ich sah, wie er die Stirn runzelte. “Versuch es doch erst einmal mit einer”, schlug er vor. ”Die sind ziemlich stark.“

Verwirrt blickte ich auf die Packung und stellte fest, dass es sich um 800er Pillen handelte. Also nahm ich tatsächlich nur eine.

“Kaffee?”, fragte er weiter, da stellte mir Doña Ana bereits eine Tasse hin.

Quiero comer, por favor”, wandte ich mich an sie und hoffte, dass ich um Frühstück bat. “Café después, por favor.” Den Kaffee später. Ibu mit Kaffee auf nüchternen Magen schien mir keine gute Idee zu sein.

Sie nickte grimmig und wenig später tischte sie mir auf – alles, was der Kühlschrank hergab. Wurst, Schinken, Käse, Oliven, Tomaten, Sardellen …

Gracias”, stammelte ich und merkte, wie mich Ian amüsiert beobachtete. Na toll.

Unter den aufmerksamen Blicken von Doña Ana nahm ich etwas Käse und Wurst sowie eine Scheibe Brot. Als ich den ersten Bissen zu mir nahm, stellte ich fest, dass ich keinen Hunger hatte und es mir schwer fiel, überhaupt irgend etwas herunterzubringen. Also kaute ich eine Weile angestrengt auf etwas Brot mit Käse herum, bis Doña Ana meinen Teller nahm und begann, Tomaten und Oliven daraufzuschaufeln.

Ich öffnete den Mund um zu protestieren, und schloss ihn gleich wieder, da ich nicht schon wieder etwas ablehnen wollte, was doch gut gemeint war und auf weitere spanische Redeschwälle, die mein Kopfweh noch verstärkten, gut verzichten konnte.

Zum Glück schaltete sich Ian ein. Ich verstand sein Spanisch fast noch schlechter als das von Doña Ana – vielleicht wegen seinem englischen Akzent. Doch es gelang ihm, sie zu überzeugen, denn sie blickte mich mitfühlend an, lächelte dann und stellte den Teller wieder vor mich hin.

Nachdem ich mit viel Mühen zwei Scheiben Brot mit Käse, Tomaten und Oliven heruntergewürgt hatte, schwappte die Müdigkeit wie eine Woge über mich hinweg.

“Ruh dich ruhig noch aus”, meinte Ian, dem das nicht entgangen war.

Er wandte sich wieder an Doña Ana, die mit dem üblichen Wortschwall antwortete.

“Komm.” Er brachte mich in ein kleines Wohnzimmer und wies auf das Sofa.

Ich konnte ein Ächzen nicht unterdrücken, als ich mich langsam darauf niederließ.

Ian setzte sich neben mich. “Du möchtest sicher jemanden anrufen? Deine Eltern?”

“Was? Nein”, murmelte ich schwach. “Nein. Danke.”

Er blickte mich überrascht an. “Nein? Niemanden? Bist du dir sicher?”

“Ja.”

“ Soll … ich vielleicht anrufen?”, fragte er etwas ratlos.

“Nein. Nicht nötig”, erwiderte ich müde. “Sie sind nicht in Sorge. Ich habe ihnen gesagt, dass es hier Probleme mit dem Internet geben kann.”

“Hier gibt es keine Probleme mit dem Internet.” Er runzelte die Stirn.

“Aber das wissen sie ja nicht.” Ich deutete ein Schulterzucken an, dass mit einem stechenden Schmerz quittiert wurde. Besser nicht bewegen.

Sein bohrender Blick wurde mir unheimlich. “Ich weiß nichts mehr”, informierte ich ihn deswegen, auch, um das Thema zu wechseln. “Was den Unfall betrifft, meine ich. Ich wollte nach Maspalomas. Von Las Palmas aus. Ich habe auch irgendwo eine Unterkunft reserviert, ich weiß aber nicht mehr, wo ... Ich erinnere mich noch daran, dass ich ins Auto eingestiegen bin. Und dass ich dann irgendwann auf dem Abhang saß und das Auto neben mir in die Tiefe gerutscht ist.”

Er nickte nachdenklich. “Vielleicht wird es dir wieder einfallen. Bei welcher Autovermietung warst du?”

Ich nannte ihm den Namen. Zum Glück erinnerte ich mich wieder daran.

“Und weißt du, was du für Konditionen hattest?”

“Auf jeden Fall Vollkasko.”

Er nickte und wirkte dabei fast schon erleichtert.

“Meine Eltern haben mir geraten, nicht am falschen Ende zu sparen”, fügte ich hinzu.

“Sehr weise. Wenn du möchtest, gib mir doch bitte deine Daten. Dann kann ich die Autovermietung anrufen und das für dich abklären.”

“Oh. Danke.” Oh Gott. Ich hatte mir noch gar keine Gedanken gemacht, was da alles an Papierkram auf mich zukommen würde.

In dem Moment wurde mir erst einmal richtig klar, in welcher Lage ich mich eigentlich befand. Allein in einem fremden Land, ohne Ausweis, Kreditkarte, EC-Karte, Krankenversicherungskarte …Und statt mich voller Elan darum zu kümmern, meine Papiere zusammenzusammeln, hatte ich einfach nur das Bedürfnis, mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Und vielleicht zu sterben.

“Hier, schreib mir doch bitte alles auf.” Er reichte mir einen Block und Stift.

Ich krakelte in Druckschrift Name, Adresse und Geburtsdatum darauf.

“Für wann hast du deine Rückreise geplant?”.

“Ich hab mir noch keine Gedanken gemacht”, murmelte ich.

“Hast du keinen Rückflug gebucht?”, fragte er überrascht.

“Nein.”

“Okay … Wie lange wolltest du hier bleiben?”

Wolltest. Er hatte ja Recht. Es stand außer Frage, dass ich so lange blieb wie ich ursprünglich bleiben wollte. Ohne Papiere …

“Ich wollte einige Monate hier bleiben”, gestand ich. “Einen Sprachkurs machen. Gran Canaria erforschen. Vielleicht ein bisschen Geld verdienen.”

Er nickte mitfühlend. “Wie lange bist du schon hier?”

“Zwei Tage. Oder drei? Oder vier?” Ich schüttelte verwirrt den Kopf. “Lange genug für Las Palmas. Ich habe Zeit, dachte ich.” Tja. Ich hatte es wieder einmal geschafft, alles zu versauen. Wie armselig. Die Kopfschmerzen meldeten sich pochend zurück. “Ich glaube, ich versuche, noch etwas zu schlafen”, murmelte ich.

Er nickte. “Ruh dich aus. Am Nachmittag müssen wir dann zur Polizei und vielleicht schaffen wir es auch zum Konsulat. Ich werde ein bisschen herumtelefonieren. Keine Sorge, das wird schon wieder. Okay?”

“Okay.” Ich erwiderte zaghaft sein Lächeln und blickte ihm nach, wie er aus dem Wohnzimmer verschwand. Wenig später hörte ich ihn leise auf Spanisch reden.

 

Mein Schläfchen erwies sich als deutlich weniger erholsam als erhofft - jedes Mal, wenn ich mich bewegte, beschwerte sich irgendwo ein Muskel oder ein Bluterguss.

Ian kam irgendwann wieder herein und erklärte mir, dass er bereits mit dem Konsulat in Las Palmas gesprochen hatte, das ich am nächsten Morgen aufsuchen müsste. ”Jetzt fahren wir zur Polizei“, fügte er hinzu er. ”Vielleicht gibt es etwas Neues von deinen Habseligkeiten. Und sie haben Fragen zum Unfall. Auch wegen der Versicherung.“

Auf der Polizeistation von Maspalomas gab ich wenig später meine lückenhaften Erinnerungen an den Unfall zu Protokoll.

Nein, ich konnte mich an nichts erinnern. Nein, ich hatte keine Drogen genommen. Nein, ich hatte keinen Alkohol getrunken. Nein, ich hatte keine psychischen Probleme. Nein, ganz sicher nicht. Nein, ich war sicher, nicht zu schnell gefahren zu sein.

“Ich fahre nicht so gut Auto”, murmelte ich lahm. “Da fahre ich sicher nicht zu schnell.”

Was natürlich ein falscher Fehler war. Die Augenbrauen des Beamten zogen sich zusammen und er begann, lange und lautstark auf Spanisch mit Ian zu diskutieren. Ich verstand keine Wort. Oh Gott. Was, wenn sie mich einsperren wollten, weil ich das Auto zu Schrott gefahren hatte? Was, wenn sie mich verhaften wollten? Was, wenn die Versicherung nicht zahlen wollte?

Der Beamte stand auf und stürmte aus dem Raum.

“Ist alles in Ordnung?”, fragte ich Ian beklommen.

Er lächelte aufmunternd. “Keine Sorge. Wir sind uns einig, dass es sich um einen Unfall gehandelt hat. Vielleicht bist du einem herabfallenden Stein ausgewichen? Auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass du nicht zu schnell gefahren bist. Denn dann hättest du es vermutlich nicht rechtzeitig aus dem Auto geschafft. Der Wagen ist leider komplett ausgebrannt. Die Polizei konnte nichts von deinen Sachen bergen.”

”Ausgebrannt?“, flüsterte ich.

Ich erinnerte mich daran, wie das Auto in die Tiefe gerutscht war. Und an die Flammen. Ich hätte tatsächlich sterben können. Gestern. In dem Auto.

“Alles okay.” Ian tätschelte beruhigend meine Schulter. “Ich denke, der Beamte ist gleich fertig. Er holt nur ein Formular für die Autovermietung. Dann kannst du gleich nach Hause und dich ausruhen. Ich meine, zu Doña Ana.” Er blickte mich mitfühlend an.

Der Beamte kam tatsächlich mit dem Formular und ich wurde nicht verhaftet, sondern durfte die Polizeistation als freie Frau verlassen.

Meine Gedanken liefen jedoch Amok. Langsam begann mir zu dämmern, was da eigentlich passiert war. Meine Sachen – verbrannt. Meine Kamera und meine Fotos – weg. Mein Smartphone – vernichtet. Mein Personalausweis – verloren. Meine Krankenkassenkarte ebenfalls.

“Wie ist das eigentlich mit den Krankenhauskosten?”, brach es erschrocken aus mir heraus.

“Ich habe alles für dich ausgelegt”, erwiderte Ian.

“Oh … Ich ...” Unglaublich, was er da alles für mich getan hatte! “Das bekommst du natürlich zurück. Ich werde gleich die Versicherung anrufen!”

“Mach dir keinen Stress deswegen”, versuchte er mich zu beruhigen.

Doch ich bestand darauf und so suchte ich die Telefonnummer heraus und rief in Deutschland an. Zum Glück musste ich nicht lange in der Hotline warten – und erhielt die Auskunft, dass ich die Krankenhausrechnung einfach bei der Versicherung einreichen konnte. Im Original, natürlich. Immerhin etwas.

Aber wie sollte ich das mit dem Pass machen? Sicher würden sie mir im Konsulat nur ein Dokument geben, mit dem ich sofort zurückreisen konnte. Tja. Das war es dann wohl. Meine Kanarenreise war genau so schnell vorbei, wie sie begonnen hatte. Also zurück nach Deutschland. Mich den besorgten Blicken und Fragen meiner Eltern stellen.

“Kind, was machst du für Sachen.”

“Wir haben dir gleich gesagt – allein zu reisen in deinem Zustand ist keine gute Idee.”

“Willst du nicht vielleicht doch lieber eine Therapie machen?”

“Was hast du dir nur gedacht, ein Mietauto zu nehmen? Du hast doch kaum Fahrpraxis.”

“Nun lass uns gemeinsam sehen, wie wir dein Leben wieder in den Griff bekommen.”

Das war alles zu viel. Ich brach auf dem Sofa zusammen und in Tränen aus.

“Es ist okay. Alles wird gut.” Plötzlich fand ich mich in einer halben Umarmung von Ian wieder. Was mich plötzlich extrem an meinen Ex-Freund Lukas erinnerte. Was zu weiteren Tränenausbrüchen führte.

Keine Ahnung, wie lange ich so schluchzte. Es musste wohl einfach raus. Ian blieb die ganze Zeit bei mir und tätschelte sanft meinen Rücken.

“Tut mir leid”, schluchzte ich, als ich endlich wieder in der Lage war, verständliche Wörter von mir zu geben.

“Das muss dir nicht leid tun”, beruhigte er mich. “Möchtest du mir erzählen, was los ist?”

“Nein.” Das kam härter heraus als ich es beabsichtigt hatte. “Entschuldige … Nur … Ich ...”

“Es ist okay.” Er lächelte. “Erzähl mir einfach, was du magst, wenn du kannst.”

Ich nickte – und sagte nichts.

Der Abend zog sich endlos. Zusammen mit Doña Ana saß ich im Wohnzimmer und sah mit ihr spanische TV-Serien, von denen ich kaum ein Wort verstand. Meine Gedanken kreisten um meine Rückkehr nach Deutschland. Und um mein aktuelles Versagen. Und um Lukas. Wieso hatte ich nur geglaubt, vor all dem weglaufen zu können?

Vor einem Jahr wusste ich noch genau, wie mein zukünftiges Leben aussehen würde. Lukas und ich hatten oft genug davon geredet. Wir würden zu Ende studieren und dann heiraten, damit ich als Lehrerin in der Region bleiben konnte. Er würde als Wirtschaftsinformatiker sicher schnell einen guten Job finden, wir würden Kinder bekommen und ein Haus bauen und glücklich sein.

Doch jetzt war nichts davon mehr möglich. Es gab keinen Lukas mehr und keinen Job als Lehrerin, nur das Gefühl, auf ganzer Linie versagt zu haben.

 

 

In der Nacht schlief ich trotz Schmerzmittel sehr schlecht, so dass ich mich am nächsten Morgen wie gerädert fühlte. Aber ich quälte mich aus dem Bett, frühstückte mit Doña Ana und ließ mich von Ian zum Konsulat nach Las Palmas fahren.

“Ich warte hier auf dich”, sagte er, als wir dort nach etwa einer Stunde Fahrzeit angekommen waren. “Du kommst doch alleine klar?”

“Natürlich.”

Ich musste zum Glück nicht lange warten. Die Angestellte hörte sich mitfühlend meine Geschichte an. “Wünschen Sie einen Reiseausweis oder einen vorläufigen Reisepass?”, fragte sie. Und erklärte, als sie meine Verwirrung bemerkte: “Der Reiseausweis ist für einen Monat gültig und dient zum Zweck der schnellen Rückreise nach Deutschland. Wenn Sie länger auf Gran Canaria bleiben wollen, brauchen Sie einen vorläufigen Reisepass. Dieser ist dann bis zu einem Jahr gültig.”

Das eröffnete ganz neue Möglichkeiten! Ich fragte der Dame noch ein paar Löcher in Bezug auf Krankenversicherung, EC-Karten, Führerschein und Ähnlichem in den Bauch, beantragte dann einen vorläufigen Reisepass, den ich sogar gleich mitnehmen durfte und verließ ziemlich zufrieden das Konsulat.

“Gut gelaufen?” Ian lächelte.

Ich erzählte ihm, was ich erfahren hatte. “Also kann ich theoretisch, wenn ich möchte, länger dableiben”, fasste ich zusammen. “Das größte Problem ist der Führerschein, da ich den persönlich in Deutschland beantragen muss. Aber alles andere wie EC- und Kreditkarten, Krankenversicherungskarten und Ähnliches kann ich mir theoretisch schicken lassen. Bleibt nur ein Problem.”

“Und das wäre?”

“Ich muss meine Eltern anrufen.”

 

Zwei Stunden später saß ich vor dem Telefon, atmete tief durch und wählte die Nummer in Neustadt.

“Hallo Mama!”

“Kind! Schön, dass du dich auch mal wieder meldest. Alles in Ordnung?”

“Ja”, rief ich so fröhlich ich konnte. “Mir ist da allerdings ein kleines Missgeschick passiert … Ich habe meine Handtasche verloren!”

“Ach du meine Güte!”

“Ist nicht weiter schlimm, allerdings könnte ich etwas Hilfe gebrauchen … Ich habe schon je eine neue EC-Karte, Visa-Card und Krankenversicherungskarte beantragt, es wäre super, wenn ihr sie hierher schicken könntet …”

“Moment.” Meine Mutter realisierte langsam, was ich da sagte. “Du hast deinen Geldbeutel verloren?”

“Hm, ja, der Geldbeutel war in der Handtasche ...”

“Aber wie ist das denn nur passiert?”

“Eigene Doofheit. Ja. Auf jeden Fall ...”

“Leonie … Ich bin mir nicht sicher ...”

Ich wusste genau, was sie meinte. Ich war mir ja auch alles andere als sicher.

“Leonie … Ich glaube, es ist das Beste, wenn du nach Hause kommst. Du warst jetzt fast eine Woche da. Reicht das nicht?”

“Nein.” Allein die Vorstellung, am Flughafen abgeholt zu werden. Die besorgten Blicke. Die Gewissheit, wieder versagt zu haben …

“Ich muss das mit deinem Vater besprechen.”

“Ja. Besprich das mit meinem Vater. Es wäre aber trotzdem gut, wenn ihr mir etwas Geld schicken könntet. Am besten über Western Union.”

“Aber … Oh Gott, Kind, wo wohnst du denn jetzt?”

“Im Haus von einer Bekannten, die ich hier kennengelernt habe.”

“Oh Gott.”

Ich war mir sicher, meine Mutter malte sich in dem Moment das Schlimmste aus. Dass ich irgendwo hilflos am Strand saß, oder in einer winzigen Unterkunft oder dass ich mich prostituierte oder was weiß ich. “Es geht mir gut”, bekräftigte ich noch einmal. Und wusste, dass ich gut daran tat, weder den Autounfall zu erwähnen noch die Tatsache, dass ich außer ein paar verdreckten und zerrissenen Kleidern nichts mehr besaß. “Ich rufe dich später noch einmal an.”

“Was ist das für eine Telefonnummer, von der aus du anrufst”, fragte meine Mutter. “Können wir uns da melden?”

“Ja, du kannst auch hier anrufen, Mama. Wenn du mit Papa gesprochen hast. Vielleicht geht Doña Ana dran. Sie spricht nur Spanisch, aber sie ist wirklich sehr reizend, stammt hier von den Kanaren und hat zwei Töchter in meinem Alter, die aber schon ausgeflogen sind. Sie hat mir angeboten, hier zu wohnen, bis ich etwas Anderes gefunden habe. Und ...”

“Wir werden sehen. Dein Handy ist also auch weg?”

“Ja, Mama. Die gesamte Handtasche.”

Ich hörte sie seufzen. “Gut, ich sehe, was ich tun kann. Bis später.”

“Bis später.” Gelogen hatte ich nicht. Nur eben nicht alles erzählt. Ob sie mir helfen würden? Nein, das war die falsche Frage. Sie würden mir auf jeden Fall helfen. Nur – wie?

 

Am Abend klingelte das Telefon, als ich neben Ian und Doña Ana im Wohnzimmer saß. Sie nahm ab. Meldete sich mit ihrem Namen. Lauschte angestrengt. Und begann dann zu meinem Entsetzen auf Spanisch zu erklären, dass ich ein nettes Mädchen wäre, das sie gerne bei sich aufgenommen hatte und dass das nach einem so schweren Autounfall doch eine Selbstverständlichkeit sei. Dann reichte sie mir das Telefon weiter.

“Hallo Leonie.”

“Hallo Anne.” Meine Schwester ist Lehrerin für Spanisch und Englisch am Gymnasium. Auf die Idee, sie könnte anrufen, bin ich leider nicht gekommen. Sonst hätte ich Doña Ana vorgewarnt.

“Autounfall?”, fragte sie sofort.

“Ja. Ein kleiner. Keine große Sache. Sag, sind Papa und Mama in der Nähe?”

“Ja, auf Lautsprecher.”

Gut. Dann war es das wohl.

“Was genau ist passiert?”, hörte ich meinen Vater im Hintergrund.

“Ich weiß es nicht genau.” Ich versuchte ihnen, zu erklären, dass alles nicht so schlimm war. Ja, ich hatte meine Habseligkeiten verloren. Nein, ich war nicht schwer verletzt. Nein, Doña Ana war wirklich gut zu mir und wollte mir nur helfen.

Doch trotz meiner Beteuerungen konnte ich nicht verhindern, dass ich wieder anfing zu weinen.

“Gut.” Mein Vater sprach ein Machtwort. “Der früheste Flug von Gran Canaria nach Neustadt, der noch verfügbar ist, geht nächsten Mittwoch. Ich werde ihn für dich buchen. Gib mir die Daten von deinem neuen Reisepass durch.”

“Ich weiß noch nicht, ob ich zurückfliege”, flüsterte ich.

Er lachte bitter auf. “Natürlich fliegst du zurück. Ich schicke dir über Western Union fünfhundert Euro. Das sollte bis dahin reichen. Nimm dir ein Zimmer in einem Hotel, wenn es geht. Keine Alleingänge mehr. Und dann holen wir dich am Flughafen in Nürnberg ab. Keine Widerrede.”

Er sagte noch vieles mehr, was ich aber nicht mehr genau hörte.

Irgendwann verabschiedete er sich und ich legte den Hörer auf und blickte in die besorgten Mienen von Doña Ana und Ian.

Ich wollte nicht, dass sie mich so enttäuscht und verheult sahen. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und aus dem Zimmer gerannt, aber ich war nicht sicher, ob mein malträtierter Körper da so einfach mitgemacht hatte. Ian stand auf, setzte sich neben mich und nahm mich in seine Arme. “Weine ruhig”, sagte er leise. Und das tat ich dann auch noch einmal ausgiebig.

Irgendwann hatte ich mich wieder etwas beruhigt.

Er ließ mich los und deutete auf eine Tasse dampfenden Kakao, die vor mir stand. “Trink”, bat er sanft. “Und vielleicht solltest du uns doch erzählen, was eigentlich los ist. Wir möchten dir helfen. Das verstehst du doch, oder? Vielleicht hilft es dir ja auch, über alles zu sprechen.”

Ich nickte nur, trank schweigend und hin und wieder schluchzend meinen Kakao und begann schließlich doch in abgehackten, dürren Worten zu erzählen.

“Ich habe Deutsch und Geschichte auf Lehramt studiert. Meine Eltern sind beide Lehrer und meine Schwester auch. Und ich bin durch das Staatsexamen geflogen. Das geht eigentlich nicht. Eigentlich kann man da gar nicht durchfallen. Aber ich habe es geschafft. Zwei Mal. Beim ersten Mal lief einfach alles schief. Ich war so nervös, habe die Aufgaben nicht richtig verstanden. Und beim zweiten Mal ...” Ich brauchte einen Moment, um mich zu fassen. “Zwei Wochen vor dem Staatsexamen habe ich meinen Freund Lukas mit einer Anderen erwischt. Er meinte, dass ich ihm zu langweilig bin und dass er die andere schon seit mehreren Wochen hat, er es mir aber erst nach dem Staatsexamen sagen wollte ... Und dann ist er gegangen. Und nicht mehr wiedergekommen.” Ich fing wieder an zu schluchzen. “Und ich bin auch zum zweiten Mal durchgefallen. Jetzt kann ich keine Lehrerin mehr werden. Meine Eltern meinen, ich soll weiter studieren. Vielleicht Grundschullehramt. Oder Hauptschule. Da kann man sicher einige Vorlesungen aus dem Studium anrechnen. Oder zumindest Germanistik oder Geschichte als Bachelor. Und vorher eine Therapie machen, damit man mich da wieder hinkriegt. Aber ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich weiß es einfach nicht ...”

Ian nahm mich erneut in seine Arme und wartete darauf, dass ich mich wieder etwas beruhigte.

“Was möchtest du tun?”, fragte er.

“Ich … wollte eine Auszeit machen. Das hatte ich mit meinen Eltern besprochen. Ein paar Monate im Ausland. Mein Spanisch verbessern. Mir klar werden, was ich mit meinem Leben machen möchte. Aber jetzt … Jetzt wollen sie mir einen Flug nach Hause buchen. Und ich weiß nicht … Ich kann das jetzt nicht. Und sie schicken einmalig fünfhundert Euro über Western Union, wollen mir aber sonst nicht helfen. Und ...” Wieder konnte ich vor lauter Schluchzen nicht weiterreden.

“Okay”, meinte Ian. “Aber was möchtest du jetzt tun? Hierbleiben?”

Ich zuckte nur die Schultern. Ich wusste es doch selbst nicht.

“Wir finden schon eine Lösung”, murmelte er. “Das verspreche ich dir.”

 

Ian kam am nächsten Morgen nach dem Frühstück zu uns. “Ich habe einen Job für dich. Wenn du magst.”

“Was?” Ich blickte ihn erstaunt an.

“Ein Freund von mir betreibt ein kleines Café hier ganz in der Nähe. Und er sucht schon ewig eine Bedienung.”

“Aber … ich habe noch nie als Bedienung gearbeitet”, murmelte ich. Mit Schrecken stellte ich mir vor, wie ich, Tollpatsch hoch fünf, einem Gast ein Tablett voller Biergläser in den Schoß kippte …

“Das ist nicht so schlimm, keine Sorge.” Er lächelte. “Probieren kannst du es doch mal. Wenn du magst, können wir es uns nachher ansehen.”

“Wenn ich hier arbeiten möchte, brauche ich diese NIE-Nummer, oder?” Ein bisschen hatte ich mich im Vorfeld bereits informiert.

“Genau. Dauert etwa eine Woche, bis du sie bekommst. Danach kannst du arbeiten und wärst darüber auch krankenversichert.”

Hm. Das klang eigentlich … durchaus verlockend.

 

 

“Er ist ein bisschen grummelig, aber er meint es nicht bös”, raunte Ian mir zu, bevor er mich dem Café-Besitzer vorstellte.

Das Café Miranda entpuppte sich als eine Ansammlung von fünf Tischen und zahlreichen Plastikstühlen mit zwei Sonnenschirmen an der Avenida de Tirajana, quasi der Hauptstraße von Playa del Inglés.

Alfonso musterte mich grimmig und erklärte mir die Konditionen. Sechs Stunden arbeiten, von siebzehn bis dreiundzwanzig Uhr, sechs Tage die Woche. Bei Bedarf auch mehr. Für fünfhundert Euro im Monat. Netto. Und Krankenversicherung. Sobald ich meine NIE-Nummer hatte.

Ich schielte hinüber zu Ian, der enthusiastisch nickte. Und so schlug ich ein und unterschrieb blind einen spanischen Arbeitsvertrag.

 

Am Abend telefonierte ich mit meinen Eltern.

”Ich werde gleich den Flug buchen und für dich einchecken“, erklärte mein Vater. ”Gib mir deine Reisepassnummer.“

”Nein.“ Ich bemühte mich um einen festen Tonfall. ”Ich habe einen Job gefunden und werde noch einige Zeit hier bleiben.“

”Einen Job?“ Seine Skepsis war deutlich durch das Telefon zu hören.

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