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Licht in dunklen Todesschatten

Ursula Hesseler

Andrea-Maria Baronin von Wrangel

Licht in dunklen Todesschatten

Ein Elternpaar verliert nacheinander drei Kinder, jedoch nicht den Lebensmut

Christografie

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Vorwort von Andrea-Maria Baronin von Wrangel

„Mein Mann und ich haben nacheinander drei Kinder verloren“, sagte die Anruferin mit leiser Stimme. „Jedes Mal starb das jeweils jüngste von insgesamt fünf Kindern. Aber aufgrund unseres christlichen Glaubens sind wir nicht daran zerbrochen! Meinen Sie nicht auch, dass unsere Geschichte für eine größere Leserschaft geeignet wäre?“

Als Ursula Hesseler mich eines Tages anrief, um mich darum zu bitten, ihr beim Aufschreiben ihrer Geschichte behilflich zu sein, und sie mir von ihren dramatischen Schicksalsschlägen berichtete, war ich einen Moment lang sprachlos. Denn trotz dieser unglaublichen Familiendramen schien diese leidgeprüfte Frau nicht den Lebensmut verloren zu haben.

Ihre Anfrage war die letzte von insgesamt sechs auf meine Veröffentlichung in der Zeitschrift „LebensLauf – Das christliche Magazin für die zweite Lebenshälfte“. Im Frühjahr 2008 hatte mich die im Bundesverlag in Witten erscheinende Zeitschrift um einen Beitrag „Gedrucktes Vermächtnis – Wie schreibe ich meine Lebenserinnerungen auf“ gebeten.

Den bisherigen Interessenten, die mich daraufhin anfragten, hatte ich für die Herausgabe ihrer eher „sehr privaten“ Autobiografie stets einen Eigenbuch-Verlag empfohlen. Aber in Ursulas Fall war ich sofort davon überzeugt, dass ein regulärer christlicher Verlag diese außergewöhnliche Geschichte bestimmt verlegen würde. Doch es sollte anders kommen. Ich lernte die Programmleiterin des säkularen Hamburger ACABUS Verlag kennen. Sie erzählte, dass dieser junge Verlag stets auf der Suche nach außergewöhnlichen Lebensgeschichten sei, und bald darauf erhielten wir eine Zusage, Ursulas Manuskript dort zu veröffentlichen.

Ich bin Ursula sehr dankbar, dass ich diese beeindruckende Christografie (christliche Biografie) gemeinsam mit ihr realisieren durfte. Gerade in der heutigen Zeit, in der Scheidungswaisen, Alleinerziehende und Patchwork-Familien unsere Gesellschaft prägen und es an werteorientierten Vorbildern mangelt, sind sie und ihr Mann ein wunderbares authentisches Beispiel für Treue, Beständigkeit, Toleranz, Fürsorglichkeit und einen liebevollen familiären Zusammenhalt.

Das Ehepaar Hesseler hat sich mit großer Liebe und unermüdlichem Einsatz um seine Kinder und Kindeskinder sowie die eigene Gemeinde gekümmert. Besonders beeindruckend ist aber die Tatsache, wie unerschütterlich Kurt und Ursula selbst im Tal des Todes an ihrem Glauben festgehalten haben, dort Mut und Kraft fanden und nicht verzweifelten.

Ich wünschte mir, es gäbe mehr solch geistliche Mütter und Väter, die die kommenden Generationen konstruktiv auf das Leben vorbereiten!

Vorwort von Ursula Hesseler

Ich hatte schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken gespielt, meine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Aber wie macht ein Laie das? Eben zu der Zeit wurde dies in der Zeitschrift „LebensLauf“ von Andrea-Maria Baronin von Wrangel, einer versierten Hamburger Journalistin und Christografin, thematisiert. Sie ermutigte uns Leser, die eigene Lebensgeschichte/Memoiren aufzuschreiben. Ihre Argumentation war unter anderem, dass jeder von uns einzigartig sei, ein Individuum unter Milliarden von Menschen mit einer einmaligen Persönlichkeitsstruktur und ganz individuellen Erfahrungen, die es nie wieder in der gleichen Weise geben werde. Diese Aussage beeindruckte mich. Besonders der Satz: „Heutzutage müssen Sie kein Prominenter sein, um Ihre Biografie zu veröffentlichen“, machte mir Mut!

Also wandte ich mich an die Redaktion, die umgehend den Kontakt mit der Verfasserin herstellte. Wir waren schnell per „Du“ und Andrea sagte zu, dass sie mir helfen würde.

So begann ich mit meinen Aufzeichnungen. Hilfreich dabei waren für mich auch meine jahrzehntelangen Tagebucheintragungen. Immer wenn ich ein Kapitel fertig geschrieben hatte, mailte ich es meiner Co-Autorin zu. Darüber hinaus gab es zwischen uns eine Reihe von Telefonaten, die für die Stoffverarbeitung von großem Nutzen für mich waren.

Oft saßen wir eifrig miteinander telefonierend vor unseren heimischen PCs, um die Gipfel- und Leiderfahrungen aus über sieben Jahrzehnten so realistisch wie möglich wiederzugeben. Besonders erfreulich waren für uns jedoch die vielen positiven Durchbrüche, die Gottes wunderbares Wirken beschreiben.

Auf diese Weise nahm „Licht in dunklen Todesschatten“ allmählich immer mehr Gestalt an. Mit meiner Autobiografie wollte ich mir nicht nur das Erlebte von der Seele schreiben und meinen Nachkommen ein schriftliches Vermächtnis hinterlassen, sondern vor allem darauf hinweisen, dass es einen liebenden lebendigen Gott gibt, der auch heutzutage sehr erfahrbar und gegenwärtig ist. Gerade in den schweren Zeiten ist er mir ein großer Trost gewesen und hat mir Halt gegeben. Diese wunderbare Erfahrung möchte ich gerne an andere Menschen weitergeben.

Dankbar bin ich meinem Sohn Falk und meinem Schwiegersohn Markus, die mir mit ihren profunden Computerkenntnissen bei der Fertigstellung dieses Manuskriptes geholfen haben!

Ursula Hesseler

Prolog

Als ich mich im April 2009 entschlossen hatte, meine Biographie niederzuschreiben, hatten wir in unserer Kirchengemeinde einen Lobpreisgottesdienst. Wir sangen ein Lied mit Worten, die zu meinem Motto wurden:

„Dir gehört mein Lob, wenn der Segen in Strömen fließt und du mehr als genügend gibst.

Dir gehört mein Lob, wenn die Sonne scheint und das Leben es gut mit mir meint.

Dir gehört mein Lob, wenn der Weg auch nicht einfach ist und mein Lob sich mit Leiden mischt.

Dir gehört mein Lob!“

Ich wollte immer einmal heiraten und eine Familie haben. Wenn ich mich heute daran erinnere, muss ich schmunzeln, dass ich schon als Kind genaue Vorstellungen davon hatte und mir Aufzeichnungen darüber gemacht habe. Ich hatte mir nämlich ganz konkret gewünscht, einen Christen als Ehemann zu bekommen und fünf Kinder – drei Jungen und zwei Mädchen. Unglaublich, aber wahr ist: Mein Wunsch ging in Erfüllung!

Dennoch habe ich drei meiner Kinder wieder hergeben müssen – dreimal musste ich erleben, dass das jeweils jüngste Kind starb.

1. Kapitel

Im Frühling meines Lebens

„Mein Gott, dir vertraue ich.

Bei dir finde ich Zuflucht,

du schützt mich wie eine Burg.“

(Psalm 91,2)

Kindheit unter der Nazi-Diktatur und im Nachkriegsdeutschland

Trotz des Krieges verlebte ich eine unbeschwerte Kindheit, bis 1945 ein Telegramm kam, in dem uns mitgeteilt wurde, dass mein Vater in Belgien vermisst sei. Es beeindruckte mich, wie souverän meine Mutter auf diese Hiobsbotschaft reagierte: Sie rief meinen Bruder und mich ins Wohnzimmer, um uns die schlechte Nachricht mitzuteilen. Danach ergriff sie die Bibel und las uns daraus den 91. Psalm vor, wo es in Vers 7 heißt: „Ein wunderbarer Fels ist unser Gott … und ob auch tausend fallen zu deiner Rechten und zehntausend zu deiner Linken, so soll es dich nicht treffen.“ Anstatt zusammenzubrechen oder einen Weinkrampf zu bekommen, stärkte sie sich mit Gottes Wort. Dadurch reifte in ihr die innere Gewissheit, dass mein Vater noch lebte. Ihre Reaktion hat mich sehr positiv beeinflusst und hinterließ in mir einen tiefen Eindruck von großem Gottvertrauen.

Meine Eltern hatten sich in Wuppertal in einer Evangelischen Freikirche kennengelernt und bald darauf geheiratet. Am 1. Mai 1935 wurde mein Bruder Hans geboren. Mein Vater hatte Buchhändler gelernt und fand eine Anstellung in einem christlichen Verlag in der Nähe von Hamburg. So zog er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn nach Elmshorn in den Kreis Pinneberg. Am 3. Dezember 1936 kam ich dort als Ursula Gensing zur Welt und wurde in der ELIM-Gemeinde in Hamburg eingesegnet. Ich bin dankbar, dass ich in einem gläubigen, familiären Umfeld aufgewachsen bin und schon früh die Bibel kennenlernte.

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Familie Gensing

v.l. Mutter Emmi, Vater Erich mit Ursula und Hans

Als ich drei Jahre alt war, kehrten wir wieder ins Ruhrgebiet zurück, weil mein Vater die Aussicht hatte, in Kamen bei Dortmund eine Buchhandlung zu übernehmen. Doch dann brach 1939 der Zweite Weltkrieg aus. Vati wurde eingezogen und nach Polen geschickt.

In der Hoffnung, dass die Kriegswirren bald vorüber seien, übernahm meine Mutter erst einmal seine Stelle. Mein Bruder wurde eingeschult und ich kam in den Kindergarten. Nachmittags waren wir häufig mit Mutti im Laden, wo ich gerne bei den Kinderbüchern herumstöberte. Mein Lieblingsbuch war „Die Hasenschule“. Aber noch etwas anderes beschäftigte mich: Ich suchte mir unter den Kunden Männer aus, die ich nett fand und die für mich eine Vaterfigur verkörperten. Meiner Mutter war es sehr peinlich, als ich einmal lautstark zum Ausdruck brachte, dass ich schon sieben „Vatis“ hätte!

Über dem Geschäft befand sich unsere Wohnung, in der wir Kinder uns die Zeit mit Spielen vertrieben und dabei manche Dummheit machten. Zum Beispiel hatte Hans eine Baskenmütze. Rasch nahm ich eine Schere und schnitt oben das „Stummelchen“ ab. Als Mutti mich deshalb später zur Rechenschaft zog, antwortete ich: „Ach Mutti, das wächst doch wieder.“ Oder wir spielten Hund und Katze. Unser Futter bestand aus einfachen Haferflocken mit etwas Zucker.

Aus jenen Tagen fällt mir noch eine weitere erheiternde Begebenheit ein. Vati schickte uns aus Frankreich eine Dose Bohnerwachs. Das war damals eine Rarität, mit der Mutti ganz sparsam hantieren wollte. Doch ich holte mir voller Tatendrang die kostbare Dose und verteilte den Inhalt auf dem Küchenboden. Hans schaute mir interessiert zu und hielt schon den Bohnerbesen bereit, auf den ich mich nun setzte, während er damit wienerte. Das war harte Arbeit für ihn, weil ich die Wachsschicht ziemlich dick aufgetragen hatte. Anschließend warteten wir stolz auf Mutti und erhofften uns ein dickes Lob von ihr für unseren Fleiß. Stattdessen regte sie sich über diese Putzmittel-Verschwendung auf. Aber bestrafen wollte sie uns auch nicht bei all unserem Eifer.

Als sich die Heimkehr meines Vaters in die Länge zog, wurde die Buchhandlung anderweitig vergeben. Darum zog meine Mutter 1943 mit uns Kindern zu Verwandten nach Sondershausen in Thüringen, wo die Schwester meines Vaters wohnte. Dort besuchten wir eine Baptistengemeinde, die sich gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand. Meine musikalische Mutter musste im Chor den Part der Männerstimme übernehmen, weil ja die meisten von ihnen im Krieg waren.

Die Lebensmittel waren knapp, aber Mutti legte immer etwas zurück, damit sie, wenn Vati Heimaturlaub hatte, eine Buttercremetorte für ihn backen konnte. Als er 1944 schließlich zu uns kam, war die Freude groß. Wir gingen oft mit ihm spazieren und hatten uns viel zu erzählen. Doch schon bald nahte der Abschied und er musste nach Russland an die Front.

Unsere Mutter war sehr kreativ und entwickelte viel Geschick, um uns nett einzukleiden. Ihr Motto lautete: „Man kann ruhig arm sein, aber es braucht keiner zu merken!“

Eifrig strickte sie für uns, und weil ihr diese Stricksachen so hervorragend gelungen waren, wollte die Inhaberin eines Wollgeschäftes auch für ihre Kinder solche kunstvollen Kleidungsstücke haben. Als es später keine Wolle mehr zu kaufen gab, wurden Zuckersäcke aufgeribbelt, aus deren Fäden Mutti Pullover für uns anfertigte, in die sie mit Wollresten feine Muster einfügte. Aber das harte, kratzige Garn fühlte sich sehr unangenehm auf der Haut an.

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Hans, Mutter Emmi und Ursula 1943 in Sondershausen/Thüringen

Ich wurde eingeschult und hatte viele Spielgefährten. Als wir einmal im strömenden Sommerregen barfuß durch die Pfützen liefen, was mir Riesenspaß machte, trat ich in eine dicke Glasscherbe. Das Wasser färbte sich rot und ich humpelte tagelang.

Im städtischen Konservatorium war ich die jüngste „Pianistin“. Auch Hans bekam Klavierunterricht, und wir mussten täglich eine ganze Stunde üben. Das war manchmal bitter für uns.

Im Winter ging Mutti mit uns in die umliegenden Wälder zum Rodeln. Im Sommer unternahmen wir unvergesslich schöne Ausflüge: Zum Beispiel zum Kyffhäuser, wo Kaiser Barbarossa gelebt hat, dessen endlos langer Bart laut Legende durch einen Tisch gewachsen sein soll.

Bald fing auch für uns eine unruhige Zeit an. Die Russen waren schon bis Berlin vorgedrungen. Das Heulen der Sirenen bei den Bombenangriffen sollte mich noch Jahre danach verfolgen. Wenn wir in den Bunker flüchteten, musste jeder von uns ganz bestimmte Gepäckstücke mitnehmen. Ich trug zum Beispiel einen Stoffballen, den meine Mutter unbedingt retten wollte, um daraus einen Anzug für Vati nähen zu lassen. Oft wurden wir nachts aus dem Schlaf gerissen. Einmal war Hans so schlaftrunken, dass er beim Anziehen seine Beine in den Pullover steckte und sich ärgerte, dass es nicht klappte.

Gemeinsam mit etwa zweitausend anderen Zivilisten mussten wir tagelang Schutz im Weinkeller eines nahe gelegenen Schlosses suchen. Säuglinge erstickten qualvoll, weil durch den schmalen Luftschacht kaum frische Luft hereinkam. Nicht einmal eine Kerze konnte man anzünden. Hans und ich wurden allmählich ganz verdrießlich, weil wir keinerlei Tageslicht sahen. Missmutig hockten wir in einer Nische. Manchmal nahm Mutti ihre Gitarre und sang christliche Lieder. Das flößte mir ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit ein und hat mich geprägt. Nach und nach gesellten sich andere Leute hinzu und lauschten ihrem Gesang, während auf unsere schöne Stadt die Bomben fielen. Eine Frage bewegte uns alle: Wer von uns ist diesmal heimatlos geworden oder sogar ums Leben gekommen?

Einmal hatte ein holländischer Student, während solch eines Luftangriffes, Mutti seine Brieftasche und seinen Mantel anvertraut, weil er als Fremdarbeiter in der Stadt Erste Hilfe leisten musste. Nach einiger Zeit kehrte er in den Bunker zurück und sagte traurig: „Sie können nicht mehr heim, Ihr Haus steht in Flammen!“

Jetzt waren wir auf die Gnade unserer Mitmenschen angewiesen. Als die Angriffe vorbei waren, gab es Massenverpflegung. Wir schauten uns die Trümmer von unserer Wohnung an. Im Keller entdeckten wir noch einige Würste der Hauseigentümerin, aus denen – verursacht durch die Gluthitze des Feuers – das Fett nur so triefte. Noch lange danach hatte ich diesen ekelhaften Brandgeruch in der Nase. Natürlich war sämtliches Mobiliar, so auch unser Klavier, verbrannt, wodurch meine musikalische Laufbahn ein jähes Ende fand.

Nun lief meine Mutter mit uns beiden von Haus zu Haus und suchte vergeblich eine Unterkunft. Hier und da erhielten wir ein notdürftiges Nachtquartier. Ich weiß noch, wie die Besitzerin eines großen Einfamilienhauses uns mit den barschen Worten abwies: „Ich lebe unten und mein Mann oben, da ist kein Platz mehr!“ Enttäuscht trotteten wir weiter und kamen schließlich bei einer Bekannten unter. Wir besaßen nur noch das, was wir am Leibe hatten, und mussten wieder bei Null anfangen. Das war schwer für meine Mutter, aber sie verzweifelte nicht.

Bei einem unserer Spaziergänge fuhren überraschend amerikanische Militär-Jeeps vorüber und warfen uns Kindern Süßigkeiten und Orangen zu, die ich noch nie im Leben gesehen hatte. Ein unvergessliches Erlebnis. Seitdem liebe ich die Amerikaner!

Dann hieß es plötzlich: Die Russen kommen! Mutti hatte große Angst vor ihnen, denn man hörte ständig von ihren Vergewaltigungen und Plünderungen.

Der Krieg war verloren und Deutschland wurde von den Siegermächten in vier Zonen eingeteilt. In der russischen Zone wollte unsere Mutter auf gar keinen Fall bleiben. Deswegen fasste sie den Entschluss, mit uns und ihren wenigen Habseligkeiten nach Westdeutschland zu fliehen, um in Hattingen an der Ruhr bei ihrer Schwester im elterlichen Haus unterzukommen.

Als wir dann eines Nachts über „die grüne Grenze“ flüchteten, stand Mutti Todesängste aus. Wir mussten über einen tief ausgehobenen Bach springen, der die Grenzlinie markierte. Gott sei Dank hatten die englischen Soldaten uns Flüchtlinge rechtzeitig bemerkt und halfen uns herüber, ehe die Russen schießen konnten.

Sie waren sehr nett und versorgten uns großzügig mit gutem Essen, worüber wir nur staunen konnten. Schließlich ließen sie uns sogar in ihren Zelten übernachten und begleiteten uns am nächsten Tag nach Herzberg im Harz zur Bahnstation.

In Hattingen angekommen brachte uns meine Tante im Dachgeschoss unter. Das Zusammenleben mit ihr war jedoch sehr problematisch, weil sie meine Mutter ständig herumkommandierte und nicht an Kinder gewöhnt war. Durch die permanenten Sorgen und den Kummer erkrankte Mutti schließlich an Gelbsucht.

1946 kehrte zu unserer großen Freude mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zu uns zurück. Aber bei meiner Tante konnten wir natürlich nur vorübergehend bleiben. Ich habe noch das Bild vor Augen, wie meine Eltern auf einem alten Sofa saßen und weinten, weil ihnen ihre Lage so aussichtslos erschien. Die Nachkriegszeit war sehr hart.

Schließlich fanden wir Unterschlupf in einer Baracke, wo die Flöhe hausten. Um sie bewohnbar zu machen, musste erst noch eine Mauer gezogen werden. Also schleppten Mutti und Vati von einer nahe gelegenen Müllkippe haufenweise Ziegelsteine herbei und tauschten ihre Zigaretten-Ration gegen einen Sack Zement ein. Mein Vater war immer noch stark unterernährt und handwerklich völlig unbegabt. Als die frisch gemauerte Wand dann auf einmal in sich zusammenfiel, lagen unsere Nerven blank.

Außerdem hatten wir Hunger, aber kein Geld, um etwas zu kaufen. Meine Mutter durchsuchte die Müllkippe nach Essensresten und kehrte im Kohlewagen den Kohlenstaub zusammen, um damit zu heizen und zu kochen. Eines Tages erfuhren wir, dass es in einer entfernten Mühle noch Maisbrot gab. Sofort machten Hans und ich uns auf den Weg. Wir brauchten eine Stunde dorthin und mussten uns in die lange Warteschlange einreihen, um eines dieser begehrten Brote zu ergattern. Es schmeckte ganz und gar nicht, aber wir wurden wenigstens satt davon. Ein anderes Mal waren wir bei Bekannten in Wuppertal zum Essen eingeladen. Es gab Spinat mit einer Fettschicht, die weiß wie Kerzentalg war und sich erhärtete, sobald das Essen abkühlte. Ein ekelhafter Fraß, den wir rasch herunterwürgten, um etwas im Magen zu haben.

Meine Eltern schlossen sich einer Baptistengemeinde in Bochum-Linden an, die uns liebevoll aufnahm. Dort begegneten wir zwei Schwestern, die ins Altenheim ziehen wollten und uns ihr Mobiliar überließen. Was für ein Gottesgeschenk! Erfinderisch wie Mutti nun mal war, gelang es ihr, trotz der altmodischen Möbelstücke, für uns ein nettes Heim herzurichten.

Vati aber hatte es sehr schwer, sich wieder eine neue Existenz aufzubauen. Denn wer wollte in solch schlechten Zeiten schon Bücher kaufen? 1947 fand er in der Altstadt von Hattingen eine ehemalige Metzgerei, in deren Räumlichkeiten er eine Buchhandlung eröffnete. Mutti unterstützte ihn beim Verkauf. Außerdem gründete er einen Lesezirkel. Einmal pro Woche wurden diverse Illustriertenmappen ausgeliefert, und wir Kinder mussten beim Sortieren und Verteilen mithelfen.

Im Nebenhaus durften wir einen Wohnraum von 14 qm beziehen. Für Hans und mich stellte man zwei Bettgestelle aus Metall aufeinander. Dieses provisorische Hochbett wurde mit ein paar dicken Seilen zusammengebunden. Weil diese wackelige Konstruktion jedoch einsturzgefährdet war, schlief ich lieber in einem alten Kleiderschrank. Nahm man die Schubladen heraus, hatte ich darin ungefähr soviel Platz wie in einem Sarg. Wenn wir aus dem Fenster schauten, blickten wir nur auf die ein Meter entfernte Nachbarhauswand.

Aus Platzmangel konstruierte Mutti einen Klapptisch, den sie mit Klavierband an der Wand befestigte und hinter einem Vorhang versteckte. Doch sobald er ganz ausgeklappt war, ließ sich die Wohnungstür nicht mehr öffnen.

Dann kam die Währungsreform und setzte dem Schwarzmarkthandel ein Ende. Die Reichsmark wurde nun abgeschafft, und jeder Bürger in der Bundesrepublik erhielt 40 Deutsche Mark „Kopfgeld“ als Startkapital. Wer Geld hatte, konnte jetzt wieder alles kaufen.

Mit meinen zwölf oder dreizehn Jahren beschäftigte ich mich jedoch mit ganz anderen Dingen. In unserer Gemeinde hatte ich Hannelore kennengelernt, ein nettes, gleichaltriges Mädchen, das glücklicherweise gleich bei mir um die Ecke wohnte. Gemeinsam sangen wir in dem Chor, den mein Vater leitete. Wir waren täglich zusammen und teilten Freud und Leid. Zwischen uns entstand eine langjährige, innige Freundschaft. Wir träumten davon, eines Tages Missionarinnen in Afrika zu werden. Hanne war mir eine große Stütze, sehr liebenswürdig und vernünftig. Schlau war sie auch. Wenn sie beispielsweise sonntags im Gottesdienst ein Gedicht aufsagen sollte, gelang ihr das fehlerfrei, obwohl sie sich den Text vorher nur zweimal durchgelesen hatte. Von meiner Mutter erlernten wir das Gitarrenspiel, das ich auch meinen Klassenkameradinnen beibrachte.

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Ursula mit ihren Freundinnen Rita und Hanne

Werner gehörte ebenfalls zu unserer Clique. Er war ein hübscher, gut gekleideter Junge und hatte dunkle, wellige Haare. Wir beide mochten uns und sahen uns häufig, denn er war mit meinem Bruder Hans befreundet und ich mit seiner Schwester Rita. Aber es blieb nur eine jugendliche Schwärmerei. Einmal gab es eine Tafel Schokolade als Geschenk und mehrmals einen extra festen Händedruck, ansonsten lief da nichts.

Zu der Zeit begann ich Tagebuch zu führen, was mir half, meine Sehnsüchte und Gefühle zu verarbeiten.

2. Kapitel

„Lass mich weder arm noch reich sein!

Gib mir nur soviel, wie ich zum Leben brauche.

Denn wenn ich zuviel besitze,

bestreite ich vielleicht, dass ich dich brauche.

Wenn ich aber zu arm bin,

werde ich vielleicht zum Dieb und bereite dir, meinem Gott,

damit Schande.“

(Sprüche 30,8+9)

Wenig Wohnraum und permanenter Geldmangel

Eines Tages kam eine Zigeunerin an die Haustür und prophezeite uns ein besonderes Ereignis. Ehe sie jedoch weiterreden konnte, wies meine Mutter sie ab, weil sie mit Wahrsagerei nichts zu tun haben wollte. Noch im Hinausgehen zeigte die Frau auf mich und sagte: „Die wird mal einen vermögenden Mann heiraten.“ Dann verschwand sie.

Nun, von dem besonderen Ereignis wusste Mutti ohnehin schon, denn sie war wieder schwanger. Trotz unserer beengten Räumlichkeiten freute sie sich darüber noch einmal etwas Kleines zu bekommen, denn Hans und ich waren inzwischen 14 und 15 Jahre alt.

1951 wurde Rüdiger geboren. Als die Hebamme erschien, mussten Hans und ich nachts zu Verwandten gehen, denn bei dieser Hausgeburt gab es Komplikationen. Deshalb waren wir froh, dass alles glimpflich verlief und wir am nächsten Tag unseren neuen Bruder bewundern konnten, auch wenn er noch etwas bläulich aussah. Mutti legte ihn in einen Wäschekorb, der tagsüber auf dem Ehebett und nachts auf dem Herd abgestellt wurde. Denn durch unseren Neuankömmling hatten wir alle noch weniger Platz als bisher.

Vati machte sich schon ernstlich Gedanken darüber, auszuwandern. Er beschaffte sich die dafür notwendigen Formulare und organisierte sogar das obligatorische Familienfoto für den Antrag. Aber diese Idee verlief wieder im Sande.

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Hans, Mutti mit dem neugeborenen Brüderchen Rüdiger, Vati und Ursula auf nur 14 qm Wohnraum in Hattingen an der Ruhr

Ich bekam ein gebrauchtes Fahrrad geschenkt, worüber ich mich riesig freute. Hans brachte es in Ordnung. In den Ferien unternahmen wir schöne Touren durch das bergige Sauerland und radelten von einer Jugendherberge zur anderen. Jedes Mal wenn ich einen Hügel sah, machte ich schlapp. Aber Hans war so lieb und schob mich freiwillig den Berg hinauf.

Leider blieb mir dieser Drahtesel nicht lange erhalten. Einmal hatte ich mein Rad beim Austragen der Lesemappen an einer Hauswand abgestellt. Bei meiner Rückkehr stellte ich entsetzt fest, dass es die vorbeifahrende Straßenbahn leider zu Schrott gefahren hatte, und war untröstlich ...

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