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Liana

Antoine de Saint-Exupéry

 

 

Meine Träume sind wirklicher

als der Mond,

als die Dünen,

als alles,

was um mich ist.

 

 

Antoine de Saint-Exupéry

 

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Prolog

Ich lief panisch vor dem Mann weg, der mich Nacht für Nacht in meinen Träumen jagte. Es war immer der gleiche Traum. Seit Wochen. Jede Nacht. Das Einzige, was ich tun konnte, war weglaufen. Doch jedes Mal erreichte er mich und tötete mich mit seinem langen, breiten Zweihandschwert. Er rammte mir die Klinge mitten in mein Herz. Doch ich sah nie sein Gesicht, wusste nicht, wer er war. Er wollte in jedem Traum meinen Tod und er bekam, was er wollte. Jede Nacht. An den unterschiedlichsten Orten verfolgte er mich. Durch eine leere Straße, durch den Wald, durch ein Gebäude. Es waren immer nur wir beide da. Kein anderer Mensch war in der Nähe. Nur wir beide. Ich wollte handeln. Jeden Abend, wenn ich zu Bett ging, nahm ich mir vor, ihn zu töten oder wenigstens zu verletzen. Es gelang mir jedoch nicht. Nie. Nicht ich hatte die Kontrolle über diesen Traum, sondern er.

Kapitel 1

Schlaftrunken stieg ich mit nackten Füßen aus dem Bett und taumelte zum Fenster, um es zu öffnen. Es war bewölkt. Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen und hatte, wie immer, nicht gut geschlafen. Durch das Fenster sah ich, dass meine Mutter gerade das Haus verließ, um zur Arbeit zu fahren. Sie arbeitete in einer kleinen Bäckerei in der Nähe und musste daher schon früh aus dem Haus. Mein Vater war Schreiner und hatte bisher noch keine neue Stelle gefunden. Vor zwei Wochen sind wir von München nach Frankfurt gezogen. Wo ich eigentlich herkomme weiß ich nicht, da ich adoptiert worden bin, als ich noch ein Baby war. Meine Eltern haben mir das nie gesagt. Erst als ich vor knapp drei Jahren ein Schreiben vom Jugendamt gefunden habe, in dem die Adoption bestätigt wurde, habe ich es herausgefunden. Ich erfuhr nie etwas über meine richtigen Eltern. Das Einzige, was ich wusste war, dass sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Manchmal frage ich mich, ob ich vielleicht noch leibliche Geschwister habe, die nach dem Unfall zu anderen Familien kamen oder vielleicht auch bei dem Unfall starben.

Ich ging zum Frühstücken in die Küche, wo mein Vater bereits am Küchentisch saß, seinen Kaffee trank und wie jeden Morgen die Zeitung las.

„Guten Morgen“, wünschte ich ihm.

„Guten Morgen Liana“, antwortete er mir und las weiter in seiner Zeitung. Ich nahm mir eine Schüssel und bereitete mir mein Müsli mit Obststücken zu. Danach schaute ich gedankenverloren aus dem Fenster, während ich langsam mein Frühstück aß. Mein Traum von letzter Nacht ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Er wirkte, wie schon oft, so real.

„Bist du aufgeregt?“, riss mein Vater mich aus meinen Gedanken.

„Hm?“, fragte ich.

„Heute ist doch dein erster Schultag“, half er mir auf die Sprünge. Na toll. Er musste mich natürlich an meinen ersten Schultag in der neuen Schule erinnern.

„Nein, eigentlich nicht.“ log ich meinen Vater an und vermied es ihm in die Augen zu sehen. In Wahrheit war ich ziemlich aufgeregt und hatte Angst vor diesem Tag. Ich hasste es, irgendwo die Neue zu sein.

Nachdem ich zu Ende gefrühstückt hatte, wusch ich mein Geschirr ab und ging wieder in mein Zimmer, um mir meine Klamotten auszusuchen. Aufgrund des Wetters entschied ich mich für eine schwarze, lange Hose, die an den Knien zerrissen war, ein dunkelblaues T-Shirt mit einem Totenkopf drauf und dazu dunkle Sneakers. Ich trug meistens dunkle Klamotten, da ich mich darin einfach wohler fühlte, als mit hellen und bunten Klamotten. Mit meinem ausgesuchten Outfit ging ich in das gegenüberliegende Badezimmer, wusch mir mein Gesicht und putze mir meine Zähne. Meine langen, blonden Haare band ich mir zu einem Pferdeschwanz zusammen und betrachtete mich lange im Spiegel. Viele Menschen betrachteten mein Aussehen als besonders. Ich hatte lange, blonde Haare, sehr helle, kühle Haut, die weiß und durchsichtig wirkte und dunkle Augen, die keine gewöhnliche braune Farbe hatten, sondern ein tiefes, dunkles schwarz. Seufzend wendete ich mich wieder von meinem Spiegelbild ab, schminkte ein wenig meine Augen und trug einen dunklen Lippenstift auf.

Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, saß ich nun im Auto meines Vaters, weil er angeboten hatte, mich die erste Woche in die Schule zu fahren und auch wieder abzuholen. Danach musste ich allerdings mit dem Bus fahren, doch die Haltestelle war zum Glück nicht weit von unserem Haus entfernt. Mein Vater startete das Auto und fuhr aus unserer Einfahrt raus.

Nach ungefähr zwanzig Minuten Autofahrt, in der wir alte Rockmusik hörten, kamen wir an der Schule an. Vom Auto aus beobachtete ich ein paar Schüler, die Richtung Schulgebäude liefen. Als mein Vater sah, dass sich die Türen zu dem Schulgebäude öffneten, wünschte er mir viel Erfolg und ließ mich aussteigen.

Ich ging mit einem unguten, mulmigen Gefühl in Richtung Schulgebäude. Nachdem ich mich überwunden und das Gebäude betreten hatte, sah ich mich auf dem Gang um. An der Wand hing ein Schild, welches anzeigte, wo sich welche Räume befanden. Zunächst ging ich in Richtung Schulsekretariat. Auf dem Weg dorthin kam mir eine kleinere Gruppe von Jungs in meinem Alter entgegen, die mich von oben bis unten musterten. Schnell sah ich in die andere Richtung, da mir solche Blicke ständig unangenehm waren. Ich spürte, wie mir die Jungs hinterher sahen und hörte einen lauten Pfiff. Genervt verdrehte ich die Augen. Endlich am Sekretariat angekommen, klopfte ich zaghaft an. Als keine Antwort kam, klopfte ich nochmals ein wenig lauter. Sofort ertönte eine piepsige Frauenstimme, die mich hereinbat. Als ich den Raum betrat, blickte mir eine freundlich lächelnde, alte Dame entgegen, die hinter einem Tresen saß.

„Hallo, kann ich dir helfen?“, fragte sie mich.

„Hallo, ja, mein Name ist Liana Stan. Ich bin die neue Schülerin. Ich bin vor zwei Wochen hergezogen und sollte mich laut dem Schreiben der Schule als erstes im Sekretariat melden.“, krächzte ich ihr entgegen.

„Ja genau. Ich habe hier auch deine Unterlagen, die du bitte mitnimmst und von deinen Eltern unterschreiben lässt.“, piepste sie freundlich und stand unbeholfen von ihrem viel zu hohen Stuhl auf. An ihrer Brust hing ein Namensschild, auf dem Hildegard Kohl stand.

„Danke.“, murmelte ich, als ich ihr die Unterlagen abnahm und sie in meiner Tasche verstaute.

„So, dann folge mir mal, Liana. Deine erste Stunde fällt heute aus, also hast du noch ein bisschen Zeit. Dann kann ich dir gleich mal den Vertrauenslehrer vorstellen.“ piepste sie. Na super, dann hätte ich eigentlich länger schlafen können.

Ich folgte der Sekretärin aus dem Büro. Nach ein paar Metern hielt sie an einer Tür und klopfte an. Eine Männerstimme ertönte, woraufhin die Frau die Tür öffnete und wir eintraten.

„Guten Morgen, Herr Radu. Das ist die neue Schülerin, Liana Stan. Ihre erste Stunde fällt aus und ich dachte mir, dass ich sie ihnen einfach jetzt schon vorstelle, anstatt heute Nachmittag. Haben Sie denn auch jetzt Zeit?“, fragte die Sekretärin vollkommen außer Atem. Ein Mann Ende  dreißig drehte sich auf seinem Drehstuhl um und schaute uns mit einem strahlenden Lächeln an.

„Ich wünsche Ihnen auch einen guten Morgen, Frau Kohl. Es freut mich, Sie zu sehen.“, begrüßte er die Sekretärin und lächelte sie an. Die Sekretärin sah so aus, als würde sie gleich einen Herzinfarkt erleiden. Der Mann auf dem Drehstuhl hatte wohl den gleichen Gedanken und stellte sein strahlendes Lächeln etwas ein. Frau Kohl beruhigte sich nun ein wenig, aber ihre Brust hob und senkte sich meiner Meinung nach immer noch viel zu schnell.

„Für meine Schüler habe ich doch stets Zeit. Liana, setz dich doch bitte mal auf einen der beiden Sessel.“, sagte er. Ich ging zu einem der Sessel und nahm auf der Wandseite Platz.

„Frau Kohl, ich habe da noch Unterlagen von der gestrigen Lehrerkonferenz, wenn Sie die bitte mitnehmen würden.“, bat er sie und durchsuchte die Unordnung auf seinem Schreibtisch.

„So, da ist es ja. Ich muss heute früher gehen und da schaffe ich es wahrscheinlich nicht, dies von allen Lehrern unterschreiben zu lassen. Würden Sie das bitte in allen Fächern verteilen. Das wäre super.“, sagte er und schenkte Frau Kohl sein strahlendes Lächeln.

„Aber natürlich, Herr Radu. Ich verteile es sofort.“, versprach sie ihm übereilig und stürmte ein wenig zu schnell aus dem Raum. Dabei knickte sie mit dem Fuß um, weswegen ich mir ein Lachen verkneifen musste.

„Möchtest du etwas zu trinken haben?“, fragte er mich, während er aufstand und zu einem kleinen Kühlschrank in der Ecke ging.

„Ja, gerne.“, antwortete ich ihm. Während er Cola in zwei Gläser füllte, musterte ich ihn unauffällig. Er hatte schwarze Haare, die er kurz geschnitten trug und hatte, wie ich, sehr blasse Haut und dunkle Augen. Er stellte mir mein Glas hin und setzte sich wieder mir gegenüber auf den anderen Sessel. Der Vertrauenslehrer lächelte mich an.

„Guten Morgen.“, sagte ich, als mir einfiel, dass ich ihn noch gar nicht begrüßt hatte. Er lächelte mich freundlich an.

„Hallo. Ich bin Razvan Radu, der Vertrauenslehrer hier an der Schule.“, stellte er sich mir vor und reichte mir die Hand. Ich nahm sie und lächelte ihn schüchtern an. Seine Körpertemperatur war sehr angenehm. Nicht so warm, wie viele andere Menschen.

„Du hast eine kalte Hand. Soll ich das Fenster schließen?“, fragte er mich erstaunt.

„Oh nein. Ich finde es gar nicht kalt. Ich habe eigentlich permanent kalte Hände.“, versicherte ich und lachte dabei schüchtern, während ich meine Hände schnell in meine Jackentaschen steckte. Er holte von seinem Schreibtisch meine Schülerakte und sah sich meine ehemalige Schule und die Daten an.

„Also Liana, freust du dich auf die neue Schule?“, fragte er mich mit einem freundlichen Lächeln.

„Nein, nicht wirklich. Ich wäre gerne dortgeblieben, wo ich aufgewachsen bin.“, murmelte ich.

„Du hattest sicher viele Freunde dort.“, sagte er verständnisvoll.

„Ich hatte dort zwei beste Freundinnen.“, antwortete ich leise.

„Mach dir keine Sorgen, du wirst hier bestimmt auch neue Freunde finden. Stehst du noch in Kontakt zu deinen Freunden an deinem ehemaligen Wohnort?“, fragte er mich. Ich nickte mit dem Kopf und sah aus dem Fenster.

„Du hast ja auch immer noch deine Eltern. Du hast doch ein gutes Verhältnis zu ihnen, oder?“, fragte er und studierte weiterhin die Daten meiner Eltern, während er angestrengt nachdachte.

„Es ist gut.“, antwortete ich zögerlich und sah ihn fragend an. Warum fragte er denn solche Dinge. Ob alle neuen Schüler zu ihm mussten und ob er immer so direkte Fragen stellt?

„Hast du noch Geschwister?“, fragte er weiter.

„Nein habe ich nicht. Zumindest denke ich das.“

„Wieso denkst du das?“, fragte er und schaute mich fragend an.

„Ich bin als Baby adoptiert worden. Ich kenne meine leiblichen Eltern nicht, deswegen weiß ich auch nicht, ob ich noch Geschwister habe.“ 

Er sah mich prüfend an, klappte die Akte zu und legte sie zur Seite.

„Was ist mit deinen leiblichen Eltern?“, fragte er und sah mich weiterhin prüfend an.

„Sie sind bei einem Unfall gestorben.“

„Oh, das tut mir Leid.“, sagte er bestürzt. Ich zuckte nur mit meinen Schultern. Wie ich es hasste darüber reden zu müssen. Der Vertrauenslehrer sah mir lange in die Augen und dachte über etwas nach.

„Na gut. Der Unterricht beginnt in 10 Minuten. Ich bringe dich dann mal hin.“, sagte er und stand langsam auf. Ich nahm meine Tasche und folgte ihm aus dem Raum.

Kapitel 2

 

Als wir oben an der Klasse ankamen waren alle Schüler und auch die Klassenleiterin bereits im Klassenzimmer. Sie sah uns hereinkommen und lächelte uns freundlich an.

„Hey. Das ist Liana, deine neue Schülerin aus München.“, begrüßte Herr Radu die Lehrerin. Sie wirkten freundschaftlich miteinander.

„Hallo, freut mich sehr. Ich bin deine Klassenleitung, Frau Vanier.“, wandte sie sich an mich.

„Hallo.“, erwiderte ich schüchtern und lächelte leicht.

„So liebe Schüler, hört mir bitte mal kurz zu. Das ist unsere neue Schülerin, Liana. Sie ist erst seit ein paar Tagen in der Stadt, deswegen hoffe ich, dass ihr sie gut in unsere Klassengemeinschaft aufnehmt.“, wandte sich die Lehrerin nun an die Klasse.

„Hallo.“, sagte ich zu allen Anderen und nahm ungefähr 20 Schüler wahr.

„So, ich bin dann mal wieder weg. Wenn du etwas brauchst, du weißt ja wo mein Büro ist. Es wäre schön, wenn du Freitag nach dem Unterricht nochmal bei mir vorbeisehen würdest und von deiner Woche berichten könntest.“, sagte der Vertrauenslehrer an mich gewandt und ging dann, ohne eine Antwort von mir abzuwarten.

„Wenn du möchtest, kannst du dich gerne erst mal vorstellen.“, ermutigte mich Frau Vanier.

Ich nickte ihr kurz zu und wandte mich dann der Klasse zu. Mir schoss sofort das Blut in die Wangen und ich wusste, dass ich knallrot angelaufen war. Vor einer größeren Menschenmenge zu sprechen war immer mein Albtraum gewesen. Doch da musste ich jetzt durch.

„Ähm, hi. Ich bin Liana Stan und ich komme aus München. Ich bin 16 Jahre alt und wohne jetzt seit zwei Wochen hier in Frankfurt.“, stotterte ich vor mich hin und sah die Lehrerin unsicher an.

„Sehr schön. Der einzige freie Platz ist hinten neben Samuel. Setz dich da doch bitte hin.“, forderte sie mich auf und ich ging in die Richtung, in die sie zeigte. Den Jungen, den sie meinte, fand ich sofort. An meinem neuen Platz angekommen, legte ich meine Tasche ab, hing meine Jacke über die Stuhllehne und setzte mich neben ihn. Unauffällig betrachtete ich ihn von der Seite.  Er war vollkommen schwarz gekleidet und hatte etwas längere, schwarze Haare, die über seine Augen fielen.

„Hallo.“, flüsterte ich ihm zu, doch sein Blick blieb weiter starr nach vorne gerichtet und er gab mir keine Antwort. Ich wandte mich etwas enttäuscht von ihm ab. Freundlich war er jedenfalls nicht, oder er war einfach nur schüchtern.

Gleich zu Beginn des Unterrichts, hatten wir Mathematik. Na toll, Montagmorgen und Mathematik. Ich hasste Mathematik, aber ich versuchte, so gut es ging, dem Unterricht zu folgen. Die Klasse war schon etwas weiter, als wir es in meiner alten Schule waren, weshalb ich Schwierigkeiten hatte, die Übungsaufgaben aus dem Buch zu lösen. Fragen zu den Aufgaben zu stellen, traute ich mich aber nicht. Samuel merkte wohl, dass ich nicht vorankam und schob mir sein Heft rüber.

„Schreib ab.“, flüsterte er mir zu.

„Danke.“, sagte ich und lächelte ihn an. Er nickte nur kurz.

Als ich auf das Blatt sah, bemerkte ich, dass er eine sehr schöne und leserliche Schrift hatte. Schnell begann ich abzuschreiben. Ich nahm mir vor, den Stoff so schnell wie möglich aufzuholen, damit ich dem Unterricht in Zukunft folgen konnte. Vielleicht konnte Samuel mir ein bisschen Nachhilfe geben.

 

Als es endlich zur Pause klingelte, suchte ich den Pausenverkauf auf und kaufte mir eine Flasche Cola, da ich mein Getränk zuhause im Kühlschrank stehen gelassen hatte. Der Pausenhof war groß mit sehr viel grün. Überall waren Bäume und Blumen. Die Schüler verstreuten sich auf dem Pausenhof und unterhielten sich in kleinen Grüppchen miteinander. Ich stellte mich etwas abseits an eine weiße Wand und trank meine Cola. Noch beachtete mich keiner, was ich gut fand, denn so konnte ich in Ruhe alle anderen Schüler beobachten. Ganz in meiner Nähe sah ich Samuel stehen, der energisch irgendwas auf seinem Handy tippte. Nach einigen Überlegungen ging ich schließlich zu ihm hinüber.

„Hey, warum so alleine?“, fragte ich ihn, worauf er mich nur ausdruckslos ansah.

„Was willst du?“, fragte er nach einiger Zeit.

„Mich nur unterhalten.“, sagte ich etwas perplex von seiner Unfreundlichkeit. Er seufzte leise, weswegen ich mich wieder von ihm entfernte. Nach der kurzen Pause war wieder Unterricht, dem ich zum Glück gut folgen konnte. Mit Samuel redete ich in der Zeit kein Wort. Er war ein sehr komischer Kauz, und so, wie er alleine in der Pause stand, hatte er wohl keine Freunde, was mich nicht wunderte, wenn man so unfreundlich zu jedem war.

 

In der Mittagspause folgte ich den Anderen in die Kantine. Heute war Nachmittagsunterricht. Alle holten sich ihr Essen und setzten sich an die Tische. Auch ich holte mir als letztes mein Essen, setzte mich zu den anderen Schülern und lauschte den Gesprächen, welche sich um den Schulausflug in drei Wochen drehten. Samuel war nicht mit zum Essen gekommen, sondern in das Büro des Vertrauenslehrers gegangen.

 

Als endlich um halb vier Uhr Schulschluss war, verließ ich eilig das Gebäude. Mein Vater stand schon auf dem Parkplatz und wartete auf mich. Meine Tasche schmiss ich schnell auf den Rücksitz und stieg dann vorne auf den Beifahrersitz ein. Erschöpft lehnte ich mich zurück und atmete tief ein.

„Hi Papa.“, begrüßte ich ihn mit einem müden Lächeln.

„Hallo meine Kleine, wie war der erste Schultag?“

„Es ging so.“, sagte ich kurz.

„Sind alle nett zu dir?“, fragte er mich, als er losfuhr.

„Joar, bis jetzt habe ich noch nicht so viel mit meinen Klassenkameraden geredet.“, antwortete ich.

„Das wird schon.“, versicherte er mir.

„Hmmm.“, machte ich nur, und schaute aus dem Fenster und dachte über den heutigen Tag nach. In Gedanken zählte ich den Schulstoff auf, welchen ich unbedingt nachholen musste. Samuel brauchte ich wohl nicht fragen, ob er Lust hätte mir zu helfen. Ich beschloss, einen anderen Schüler aus der Klasse zu fragen.

 

Als wir endlich zu Hause angekommen waren ließ ich mich, erleichtert und erschöpft zugleich auf mein Bett fallen, steckte mir meine Kopfhörer ins Ohr und schaltete Musik an. Ich hörte von der Band Our Last Night, welche meine absolute Lieblingsband war, den Song Sunrise. Immer wieder schweiften meine Gedanken zu meinen Freundinnen aus München, die ich unglaublich vermisste. Ich schrieb beide über WhatsApp an, bekam aber keine Antwort. Seufzend stand ich auf und ging nach unten in die Küche, um meiner Mutter beim Abendessen zu helfen. Als wir aßen, unterhielten wir uns über die Einladung der Nachbarn, die uns am Freitag zum Abendessen bei Ihnen eingeladen hatten und wir waren erfreut darüber.

Wieder in meinem Zimmer schaute ich auf mein Handy und sah, dass mir meine beste Freundin Caroline geantwortet hatte. Wir schrieben ungefähr eine Stunde hin und her, bis ich beschloss, duschen zu gehen.

 

Später am Abend setzte ich mich in meinem Zimmer auf dem Boden und begann die Kiste mit meinen Büchern und CDs auszupacken. Es waren viele CDs dabei, die ich schon länger nicht mehr gehört und langsam vergessen hatte. Alle nacheinander sah ich an und dachte darüber nach, wie ich früher immer mit meinen Freundinnen diese Musik angehört und wir laut mitgesungen hatten. Wir taten immer so, als wären wir Rockstars und das Bett oder die Tische waren unsere Bühnen. Ich seufzte leise. Ich vermisste meine Freunde und mein altes Zuhause. Ich beschloss, die CDs, die ich nicht mehr hörte, wieder in die Kiste zurückzulegen und bei Gelegenheit mal zu verschenken oder zu verkaufen. Vielleicht war ja irgendwann mal ein Flohmarkt. Das Gleiche tat ich mit meinen Büchern.

 

 

 

Ich rannte die Treppe runter so schnell ich konnte. Ich hatte verschlafen und dass schon am zweiten Tag. In Windeseile hatte ich mich angezogen und mich zurechtgemacht. Mein Vater saß bereits im Auto und wartete ungeduldig auf mich. Schnell zog ich meine Schuhe an und rannte nach draußen. Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen. Sobald ich saß, fuhr mein Vater los.

 

Endlich an der Schule angekommen, stürmte ich die Treppe in mein Klassenzimmer hoch. Die Lehrerin war glücklicherweise noch nicht da. Außer Atmen ließ ich mich auf meinem Platz neben Samuel fallen und packte langsam meine Sachen aus. Dabei merkte ich, dass ich meine Wasserflasche und auch mein Geld zuhause vergessen hatte. Na toll. Gott sei Dank war heute nur bis 13 Uhr Unterricht. Danach hatte ich eigentlich ein bisschen in die Stadt gehen wollen zum Einkaufen, was ich ja jetzt nicht mehr konnte, so ganz ohne Geld. Ich schrieb meinem Vater eine kurze Nachricht, dass er mich zum Schulschluss abholen solle.

 

Wenig später kam ein Lehrer mit eiligen Schritten in das Klassenzimmer gelaufen. Er hatte wirr abstehende, graue Haare und sah sehr durcheinander aus. Ich zog eine Augenbraue nach oben als ich ihn betrachtete und verkniff mir das Lachen.

„Guten Morgen, liebe Schüler.“, begrüßte er die Klasse mit einem breiten Grinsen und sah jeden einzelnen Schüler an.

„Morgen.“, murmelten viele Schüler. Sein Blick blieb an mir hängen.

Freudig klatsche er in die Hände.

„Oh wie toll, eine neue Schülerin!“, sagte er voller Freude und kam auf mich zu.

„Ich bin Herr Papnas, dein Geschichtslehrer. Wir sehen uns jetzt jeden Dienstag zu einer Doppelstunde am Morgen.“, erklärte er mir und wippte dabei immer etwas vor und zurück. Nachdem ich ihm ein leichtes Lächeln geschenkt hatte, ging er wieder zurück zu seinem Platz und fing an über irgendwas im Mittelalter zu reden. Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und spielte mit meinem Stift.

 

Als ich irgendwann mal aufschaute bemerkte ich, wie mich ein Junge aus der mittleren Reihe andauernd anstarrte. Ich erwiderte seinen Blick kurz und tat dann so, als würde ich dem Lehrer zuhören.

 

Als nach den zwei langweiligsten Stunden meines Lebens endlich die erste Vormittagspause anfing, erhob ich mich schnell, nahm meine Jacke und verließ den Raum.

„Liana?“, rief mir ein Junge, als ich schon fast die Treppe hinuntergelaufen war, hinterher. Ich drehte mich und sah, dass der Junge, der mich im Unterricht so angestarrt hatte, zu mir lief.

„Hey, ich bin Pascal.“, stellte er sich mir vor, als er bei mir ankam und reichte mir die Hand.

„Hi.“, sagte ich nur.

„Wie geht’s dir?“, fragte er mich.

„Es geht so. Es ist alles noch ziemlich neu und ungewohnt.&

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