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Leuchten müssen wir!

Leuchtturmschein

 

„Kind, was hast du denn? Du siehst ja ganz erschrocken aus.“

„Ach, Mutter! Rosmaries Brief.“

„Was ist’s damit? Es stehen doch nicht etwa schlimme Nachrichten darin?“

„Nun, wenigstens sehr merkwürdige, die mich fast ängstigen, obwohl sie auf der anderen Seite förmlich überströmen vor Glück.“

„Das klingt allerdings seltsam! Was schreibt sie denn eigentlich?“

„Da höre selber einmal und sage mir nur, wie sie das eigentlich meint, denn ich verstehe wirklich nicht recht, was sie dabei auch von mir will.“

Das junge Mädchen wandte das Briefblatt um und las die Stelle, die ihr so zu schaffen machte, laut vor:

„Und nun muss ich dir noch von meinem großen Glück erzählen, das ich erfahren habe. Liselotte, ich habe den Heiland gefunden! Er hat mir alle meine Sünden vergeben und mich zu Seinem bluterkauften Eigentum gemacht. Nun darf ich in einem neuen Leben wandeln – und das ist so wunderselig, dass ich dich nur innig bitten kann: Komm auch zu Jesus! Unter seinem Kreuze wirst du süßen Seelenfrieden finden – und dann auch ein solch glückseliges Gotteskind werden, wie ich es jetzt bin.“

Sie ließ den Brief wieder in den Schoß sinken und setzte seufzend hinzu:

„Nun bitt ich dich nur, Mama, wo bei einer so tugendhaften kleinen Frau, wie Rosmarie ist, die Sünden herkommen sollen. Sie kann doch mit ihrem guten Herzen und weichen Gemüt überhaupt keinem Menschen etwas zu leide tun. Wie sie sich nur solche Hirngespinste einbilden kann! Und mir mutet sie dieselben auch zu – als ob ich nicht mit jedermann in Frieden lebte.“

„Ja, liebes Kind! Das tust du, darin lässt du dir nichts zu schulden kommen. Das muss ich dir sogar als Stiefmutter zur Ehre nachsagen“, begütigte die ältere Dame freundlich. Dann meinte sie noch sehr bedenklich:

„Ich möchte nur wissen, wie Heinrich sich als Pastor dazu stellt. Man kann doch kaum annehmen, dass er seine Frau wie eine Heidin angepredigt hat.“

„Ach ja, mein armer Bruder! Ich fürchte, er muss Rosmarie noch in eine Nervenheilanstalt bringen, denn ihre religiösen Anwandlungen sind doch entschieden krankhafter Natur.“

„Das wolle Gott verhüten!“, rief die Mutter erschrocken. „Doch wir wollen hoffen, dass sich diese Überspanntheit bald wieder bei ihr legt. Sie ist ja sonst eine vernünftige und tapfere kleine Frau; da wird sie sich schon wieder zurechtfinden. Kommt Zeit, kommt Rat.“

In diesem Augenblick trat der Hausherr ins Zimmer und machte dem besorgten Gespräch für diesmal ein Ende.

„Nun, ihr Lieben! Was meint ihr, wenn wir nach dem Abendbrot noch ein Stündchen an den Strand spazieren gingen? Es ist ein herrlicher Abend heute! Das würde uns allen dreien gut tun nach dem heißen Tage.“

„Dir besonders, Väterchen! Du siehst wieder einmal recht angegriffen aus“, sagte seine Gattin, ihn prüfend betrachtend.

In der Tat trat der leidende Zug in den edel geschnittenen Gesichtslinien heute etwas stärker hervor – und die hohe, vornehme Gestalt des Landrats erschien wie leicht vornübergebeugt.

Liselotte hatte sich ebenfalls in ängstlicher Besorgnis ihrem Vater zugewandt, den sie über alles liebte und verehrte.

Doch er zerstreute beider Bedenken mit der freundlichen Versicherung, dass nur der ungewöhnlich heiße Tag sich wie ein Druck auf sein Nervensystem gelegt, das die kühle Seeluft schon wieder angenehm auffrischen würde.

Landrat Werner hatte sich durch starke Arbeitsüberbürdung in seinem ausgedehnten Wirkungskreis einen schweren Nervenzusammenbruch zugezogen, was dann auch die Ursache zu seiner frühzeitigen Pensionierung geworden war.

Nach derselben war er mit den Seinen in ein wunderbar schön gelegenes Ostseebad gezogen. Die Ärzte hatten ihm einen dauernden Wohnsitz in diesem, als deutsche Riviera gerühmten Kurort aufs Wärmste empfohlen.

Er fühlte sich auch recht wohl in der stärkenden Luft, ganz aber vermochte sie das alte Übel doch nicht zu heben. Er war damals zu sehr über die Kräfte seiner ohnehin nicht starken Gesundheit gegangen.

Liselotte hatte sich inzwischen von ihrem Fensterplätzchen erhoben und eilte hinaus, um rasch das Abendbrot zu bereiten, damit ihr geliebter Vater bald an die frische Luft käme.

Des Landrats Auge folgte ihr mit warmem Blick. Sein Herz hing sehr an diesem Kinde.

Doch auch seine zweite Gattin, die selber keine Kinder besaß, war dem jungen Mädchen in mütterlicher Liebe zugetan.

Liselotte hatte es verstanden, durch zarte Rücksicht und kindliches Vertrauen das rechte Verhältnis zu ihrer Stiefmutter zu finden, sodass die Harmonie des Familienlebens durch keinen Missklang gestört war.

Man konnte das Zusammenleben der drei sogar ein ideales nennen. Es war lieblich durchzogen von dem Geist herzlichen Einvernehmens und gegenseitiger Liebe und Achtung sowie eines feinen Taktgefühls, das einer dem andern gegenüber an den Tag legte.

Das kam auch jetzt wieder zum Ausdruck, während sie gemütlich ihr gemeinsames Abendbrot verzehrten. Liselotte bediente die Eltern aufmerksam, und diese verwöhnten ihr Kind in zarter Besorgnis.

Gleich nach dem Abendessen machten sie sich dann einmütig auf den Weg nach dem Meer.

„Wir wählen doch den Weg durch den Wald“, schlug Liselotte vor, während ein besorgter Blick des Vaters ungewöhnlich bleiches Antlitz streifte.

Die Mutter nickte ihr einverstanden zu. „Ja, über den Burgplatz ist es zu geräuschvoll und laut. Das fällt einem selbst auf die Nerven.“

Dort entfaltete sich in den Abendstunden der Höhepunkt des luxuriösen Gesellschaftslebens der Badegäste. Das Rauschen seidener Damengewänder und Aufblitzen kostbaren Schmuckes gab dem Ganzen das Gepräge von Reichtum und Pracht.

Doch auch die Herrenwelt stand in der Mode nicht zurück, und Eleganz und Luxus feierten ihre Triumphe.

Das durcheinander Schwatzen und Lachen der Menschengruppen übertönte fast die lockenden Klänge der Kurkapelle – und das geräuschvolle Treiben stand in grellem Gegensatz zu der stillen Erhabenheit der herrlichen Natur, deren wohltuende Ruhe sie alle eigentlich zur Besänftigung ihrer angegriffenen Nerven aufgesucht. So rissen sie meist am Abend das wieder ein, was sie tagsüber durch allerhand Kurverfahren aufgebaut – und das nannten die töricht verblendeten Menschenkinder dann Erholung und Glück.

Wie erquickend und still war es dagegen im Wald. Sanft klang das Rauschen der Wipfel im sommerlauen Abendwind. Der zarte Blätterduft breitastiger Laubkronen und der kräftige Harzgeruch knorriger Kiefern wirkte erfrischend auf die von der Tageshitze erschlafften Nerven.

Der Landrat blieb hin und wieder stehen und atmete die köstliche Luft in tiefen Zügen ein. Er sprach nur selten ein Wort, das lag an seinen angegriffenen Nerven. Überhaupt war er eine stille, verschlossene Natur, die nicht viel Worte machte und noch weniger gern andern zur Last fiel.

Seine Tochter hatte das Zarte, Zurückhaltende im Wesen von ihm geerbt. Sie verstand ihren Vater wunderbar, sie sah schon immer voraus, was ihm gut tat.

So fühlte sie auch heute, dass er Ruhe bedurfte, und vermied es deshalb, lebhaft auf ihn einzusprechen. Sie bückte sich hin und wieder nach einem Blümlein am Wegesrand und wand ein duftendes Sträußlein daraus.

Auch Frau Mathilde schritt scheinbar in eigene Gedanken versunken dahin, um den Gatten zu schonen. Dabei empfanden sie jedoch alle drei ihre enge Zusammengehörigkeit und fanden den Abendspaziergang genussreich und schön.

Jetzt traten sie aus den letzten Bäumen des Waldes, der sich an dieser Stelle fast bis zum Seeufer hinzog. Weit und majestätisch dehnte sich vor ihnen das Meer.

Seine wechselnde Gestalt entzückte sie immer wieder aufs Neue, sooft sie dieselbe auch schon bewundernd betrachtet hatten. Stets zeigte es andere fesselnde Reize, die förmlich ihre Sinne gefangen nahmen, sodass sie stundenlang hätten den rollenden Wogen zuschauen mögen, die, aus weiter Ferne kommend, brandend ans Ufer schlugen und sich wieder zurück in die unendlichen Wasser verloren.

Es störte sie auch niemand in ihrem Naturgenuss. Der Strand war ziemlich menschenleer, weil alles dem Kurpark zustrebte. Sie saßen allein auf einer stillen Bank, die einen prächtigen Blick über die See gewährte, die, heute nur leicht bewegt, ihr Wogenlied in sanften Tönen sang.

Schon lange hatten sie darauf gelauscht in ehrfurchtsvollem Schweigen. Die Sonne war am Horizont hinabgesunken. Der Mond stieg auf und schien mit seinem milden Glanze stillleuchtend über den weiten Wasserspiegel, auf den es sich wie ein Geheimnis legte. Auf den Wassern blitzte es wie Silberfunken. Es war ein wunderbarer Anblick.

Der Landrat schaute in stillen Gedanken über die weite Wasserflut. Die plätschernden Wellen erschienen ihm wie ein Bild seines Lebens. Wie manche schimmernde Welle des Glücks war durch Gottes Güte an sein Schifflein geschlagen und hatte es durchs Meer der Freude getragen. Aber auch dunkle Wogen des Leids waren darüber gerollt und hatten ihm einen lieben Insassen nach dem andern hinweggerissen und ins Meer der Ewigkeit gebettet.

Fünf teure Kinder hatte er schon durch den Tod verloren. Zuletzt war ihm ein blühender Sohn von 27 Jahren gestorben. Wie viel schöne Hoffnungen waren damit ins Grab gesunken!

Auch seine erste Gattin hatte er hergeben müssen. Nur Heinrich und Liselotte waren ihm aus dieser Ehe geblieben, und sein Vaterherz hing seitdem doppelt an diesen beiden Kindern.

Es waren schwere Wege, die er gegangen war. Doch er hatte sich dabei still unter Gottes heiligen Willen und unerforschlichen Ratschluss beugen gelernt. Er war ein tiefreligiöses Gemüt, das sich dadurch näher zu Gott hingezogen gefühlt – und das war wohl auch der Zweck dieser Trübsal gewesen.

Wenn er denselben auch noch nicht ganz verstanden, so hatte der Herr doch Gedanken des Friedens über ihm gehabt und nicht des Leides.

Ob Liselotte wohl von des Vaters ernsten Gedanken ganz angesteckt war? Auch sie schaute in stilles Sinnen versunken auf das weite Meer hinaus.

Rosmaries Brief machte ihr noch zu schaffen. Was diese nur mit dem ihr gewünschten Frieden vom Kreuz gemeint? Sie lebte doch mit niemandem im Streit. Und dieser wunderbare Naturfrieden um sie her! Sie war ja ganz zufrieden, was sollte sie mehr wünschen?

Ein leiser Seufzer hob ihre Brust.

„Ihr Lieben! Ich glaube, wir müssen ans Aufbrechen denken; es beginnt kühl zu werden“, weckte die Landrätin die beiden aus ihrer Versunkenheit auf. „Es könnte Väterchen sonst schaden.“

„Ja, wir wollen heimgehen“, gab ihr Gatte noch halb traumverloren zurück, während er sich mit der Hand über die Stirn strich, als müsse er erst die Bilder der Vergangenheit verscheuchen. Dann erhob er sich langsam – und die beiden Damen folgten seinem Beispiel.

Diesmal wählten sie den kürzeren Weg durch den Kurpark, denn es war schon etwas spät geworden. Doch vermieden sie, direkt über den Gesellschaftsplatz zu gehen, auf dem es noch immer nervenbetäubend durcheinander schwirrte und flirrte. Es schallte ohnehin noch genug in die stilleren Seitengänge hinein.

Wie standen doch dieses laute Wogen und Treiben im grellen Gegensatz zu der erhabenen Stille am Meer.

Jetzt bogen sie in die vornehmen Villenstraßen der Vorstadt ein, wo auch ihr eigenes, trautes Heim lag.

Der Mond schien hell auf die blühende Gartenpracht, die rings die Häuser umgab und dem Ganzen einen wunderbaren Reiz verlieh.

Sein klares Silberlicht fiel auch auf einige Gestalten, die aus der inneren Stadt ihnen entgegenkamen. Sie kehrten aus einem Gemeinschaftskreise der Kinder Gottes zurück, die dort ihre Versammlung gehalten. Es musste ihnen wohl sehr gut darin gefallen haben, denn sie sprachen noch miteinander davon, wie herrlich es heute Abend wieder gewesen sei.

D

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