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Leons Erbe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. 36
  43. 37
  44. 38
  45. 39
  46. 40
  47. 41
  48. Epilog

Über dieses Buch

Für Katja bricht eine Welt zusammen, als ihr Sohn Leon bei einem Autounfall ums Leben kommt. Es ist der zweite schwere Schicksalsschlag in kurzer Zeit. Erst vor sechs Monaten ist ihre Schwester spurlos verschwunden. Als Katja nach Leons Trauerfeier einen Anruf erhält, überschlagen sich die Ereignisse: Der Notar ist im Besitz einer Kiste, die Leon seiner Mutter vererbt hat. Als Katja die Kiste öffnet, entdeckt sie darin ein Armband, das ihrer Schwester gehörte. Wie ist ihr Sohn in den Besitz dieses Armbandes gekommen? Und warum hat er es bei einem Notar hinterlegt? Was will Leon seiner Mutter aus dem Tod heraus damit sagen? Für Katja beginnt eine Suche nach der Wahrheit – nichtsahnend, dass sie damit die Tür zu einem dunklen Familiengeheimnis öffnet …

Über den Autor

Michael Theißen, Jahrgang 1986, lebt in Korschenbroich und studiert Sozialwissenschaften an der Universität Köln. In seiner Freizeit ist er als Handball-Schiedsrichter aktiv. Doch seine Leidenschaft ist das Lesen und Schreiben von Psychothrillern – seine Lieblingsautoren sind Charlotte Link und Linwood Barclay. »Leons Erbe« ist sein erster Roman.

Prolog

Als mein Sohn starb, ahnte ich nicht, dass mir das Schlimmste erst noch bevorstehen würde.

Seitdem verfolgt mich jede Nacht ein Albtraum, und es ist fast immer der gleiche.

Ich sitze im Auto und fahre. Ich weiß nicht, wohin ich fahre – ich fahre einfach nur. Es regnet. Ich höre keine Motorengeräusche, sondern nur den prasselnden Regen. Durch die Scheiben sehe ich nichts. Nichts außer Regen. Mehrfach versuche ich, den Scheibenwischer einzuschalten, aber aus irgendeinem Grund funktioniert er nicht.

Ich werde nervös, aber ich weiß nicht genau, warum. Wahrscheinlich, weil ich wegen des Regens die Straße nicht sehe. Aus der Nervosität wird Angst, und aus der Angst wird Panik. Dennoch fahre ich immer weiter.

Ich zittere und schwitze. Ich fahre geradeaus. Immer nur geradeaus.

Plötzlich hört der Regen auf, und es ist ganz still. Die Frontscheibe ist frei – kein Tropfen Wasser ist mehr zu sehen.

Jetzt entdecke ich sie. Ein Stück weit vor mir stehen zwei Menschen. Aber ich kann nicht erkennen, wer die beiden sind. Doch mir fällt auf, dass sie gleich groß sind. Sie stehen eng beieinander: Knie an Knie. Schulter an Schulter. Kopf an Kopf.

Ich schaue genauer hin – es sind mein Sohn und meine Schwester. Sie stehen sich gegenüber. Regungslos. Ich sehe sie nur von der Seite und kann daher nicht direkt in ihre Gesichter gucken. Erst jetzt bemerke ich, dass ich ihnen gar nicht näher komme, obwohl ich immer noch auf sie zufahre. Ich fahre und fahre, aber wir kommen uns nicht näher.

Sie sind grau. Völlig grau. Ich sehe keine Kleidung. Abgesehen von den Gesichtern erkenne ich nur ihre Umrisse und das Grau der beiden Gestalten.

Plötzlich drehen sie sich zu mir herum. Ich kann jetzt ihre Gesichter deutlich erkennen, aber da ist keinerlei Mimik. Da ist nichts. Sie gucken zu mir, aber sie scheinen durch mich hindurchzugucken. Ihre Gesichter sehen anders aus als sonst.

So tot. Tote Gesichter.

Ich muss mich entscheiden. Das wird mir in dem Moment klar, als ich schneller werde. Denn auf einmal nähere ich mich ihnen. Langsam, aber unaufhaltsam. Fahre ich weiterhin geradeaus, werde ich mit dem Wagen gegen beide prallen. Weiche ich nach links aus, überfahre ich meinen Sohn. Steuere ich ein Stück weit nach rechts, wird meine Schwester vom Auto erfasst.

Ich spüre keine Panik mehr. Nicht einmal mehr Angst. Ich fühle überhaupt nichts mehr. Ich werde schneller. Immer schneller – und sie kommen näher und näher. Ich muss mich entscheiden. Wer soll weiterleben? Wer sterben? Sohn oder Schwester? Schwester oder Sohn?

Entscheide dich, Katja! Jetzt!

Ich erwache immer in diesem Moment, und mir wird dann augenblicklich klar, wie viel härter die Realität doch sein kann als jeder Traum.

Denn ich durfte mich nicht entscheiden – und als mein Sohn starb, wusste ich nicht einmal, ob meine Schwester überhaupt noch lebte.

1

Nach einer Stunde gab ich auf.

Ich schob den Notizblock zur Seite und legte meinen Kugelschreiber darauf. Obwohl ich die ganze Zeit darüber nachgedacht hatte, fiel mir einfach nichts ein – zumindest keine Worte, die passend gewesen wären. Ich hätte nur wenige Minuten im Internet suchen müssen und sicherlich hunderte schöne Texte gefunden, aber nichts davon wäre persönlich gewesen.

Mehr als einhundertzwanzig Menschen waren am Tag zuvor bei Leons Trauerfeier gewesen, darunter seine Lehrer, Mitschüler und Freunde. Ich wollte mich bei ihnen mit den richtigen Worten bedanken, aber genau diese zu finden fiel mir entsetzlich schwer. Darum beschloss ich, erst einmal eine Pause zu machen, und lehnte mich auf der Couch zurück.

Stille. Würde ich mich jemals an diese Stille gewöhnen?

Keine morgendliche schlechte Laune eines Teenagers, der alles wollte, nur nicht aufstehen. Keine vorwurfsvolle Frage, durch mindestens eine verschlossene Tür hindurch, wann denn endlich seine Lieblingshose gewaschen sei. Und keine Jubelschreie von Leon oder seinen Freunden, wenn einer den anderen bei irgendeinem Fußballspiel auf der Spielkonsole besiegt hatte. Es war einfach nur still im Haus, und ich hätte alles dafür gegeben, noch einmal die Stimme meines Sohnes zu hören – und sei es die nörgelnde Frage nach seiner Jeans.

Überall wurde ich an ihn erinnert, und jedes Mal versetzte es mir einen furchtbaren Stich ins Herz. Immer wenn ich in den Garten ging, musste ich an seine Party zu seinem letzten Geburtstag denken, zu dem er seine gesamte Jahrgangsstufe vom Schiller-Gymnasium eingeladen hatte. Im Auto hatte ich ständig das Gefühl, dass er jeden Moment von außen die Beifahrertür aufreißen, nach einem kurzen »Hi, Mum« die Sporttasche auf die Rückbank schmeißen und dann während der Fahrt nach Hause sich mit seinem Smartphone beschäftigen würde.

Und auf der Couch im Wohnzimmer, wo ich gerade saß, hatte ich vor meinem geistigen Auge immer wieder das Bild, wie er als kleines Kind völlig begeistert Pokémon guckte und Pfirsich-Eistee schlürfte. Kaum zu fassen, dass das schon mehrere Jahre zurücklag, denn es kam mir so vor, als wäre diese Phase seines Lebens erst vor wenigen Monaten vergangen.

Was aber noch viel weniger zu begreifen war: Es würden keine neuen Erinnerungen mehr hinzukommen.

Niemals mehr.

Von heute auf morgen war ein sechzehnjähriges Teenagerleben ausgelöscht worden, und mein Mann und ich konnten nur hilflos mit ansehen, wie alles um uns herum so weiterlief wie zuvor – aber ohne Leon.

Eine Träne lief mir die Wange hinunter. Kaum zu glauben, dass ich überhaupt noch welche hatte. Mein Sohn war erst eine Woche zuvor gestorben, aber ich hatte das Gefühl, in den letzten Tagen so viel geweint zu haben, wie zuvor in meinem ganzen Leben nicht.

Und Gründe dafür hatte es zuvor auch schon genug gegeben …

Schnell schob ich diese Gedanken beiseite, wischte mir meine Träne weg und wollte gerade noch einen Versuch wagen, den Text für die Dankeskarten zu schreiben, als ich das Schloss der Haustür hörte.

»Bin wieder da. Katja?«

»Im Wohnzimmer«, antwortete ich und versuchte, die Traurigkeit aus meiner Stimme herauszunehmen, was mir sicher nicht gelang. Und bei Markus war dies sowieso überflüssig, denn er wusste am besten, wie ich mich fühlte. Genauso wie er selbst.

Er kam zu mir, gab mir einen Kuss und drückte mir dabei eine kleine weiße Karte in die Hand.

»Was ist das?«, fragte ich, obwohl mir die Antwort eigentlich schon klar war.

»Ein Privatdetektiv – soll einer der besten hier in Düsseldorf sein. Den hat mir vor ein paar Tagen ein Kunde im Laden empfohlen. Ich wollte erst einmal abwarten, was für einen persönlichen Eindruck der Detektiv auf mich macht, bevor ich dir von ihm erzähle. Ich bin inzwischen bei ihm gewesen und habe das Gefühl, dass er wirklich sehr gut in seinem Job ist. Der wird das Schwein sicher finden.«

Das Schwein.

Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass mein Mann so über einen Menschen sprach, den er gar nicht kannte, auch wenn ich seinen Hass gut nachvollziehen konnte.

Er schien mir meine Zweifel anzusehen. »Was, Katja?«, sagte er schneidend und war scheinbar selbst sofort über seinen Tonfall erschrocken. Er setzte sich neben mich auf die Couch.

»Möchtest du nicht auch, dass dieser verdammte Fahrer endlich geschnappt wird?«, setzte er erneut an. »Der hat Leon angefahren und ihn einfach auf der Straße liegen lassen. Ist auch noch viel zu schnell gefahren und war vielleicht betrunken und …«

»Schatz …«, versuchte ich ihn zu unterbrechen, hatte aber keine Chance.

»Wer auch immer das war – er soll für den Tod unseres Sohnes bezahlen!« Seine Stimme zitterte vor Wut, und der Hass in seinen Augen machte mir Angst.

Diese wunderbaren, leuchtend blauen Augen – sie waren das Erste an ihm gewesen, was mir damals besonders aufgefallen war. Ich hatte vorher nie an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt, aber bei Markus hatte ich genau die gefunden. Noch jetzt erinnerte ich mich daran, wie wir uns zum ersten Mal begegneten. Ich war neunzehn und hatte gerade meine Ausbildung zur Bankkauffrau abgeschlossen; er war zwei Jahre älter und arbeitete in dem Sportgeschäft seines Vaters. An meinem ersten Tag am Bankschalter in der neuen Filiale zahlte er in der Mittagspause die Einnahmen bei mir ein, und als er mich anlächelte, war ich sofort hin und weg. Und er sagte mir später, dass es ihm genauso ergangen sei. In den nächsten Wochen kam er jeden Tag zu mir zum Schalter, bis er mich schließlich zu einem Date einlud. Zwei Jahre später heirateten wir, weitere zwei Jahre danach wurde Leon geboren. Jahrelang war alles perfekt. Markus übernahm das Geschäft seines Vaters, konnte sich sogar einige Angestellte leisten und war deshalb oft zu Hause. Ich arbeitete nur halbtags und teilte mir mit ihm Leons Erziehung. Wir waren eine glückliche Familie gewesen – eine sehr glückliche sogar.

Bis das Schicksal zuschlug und unserem Glück ein abruptes Ende setzte.

Jetzt waren wir Eltern, die ihr einziges Kind verloren hatten und überhaupt nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Wir würden zusammenhalten und füreinander da sein müssen – doch noch war jeder von uns viel zu sehr mit seiner eigenen Trauer beschäftigt. Und dass wir so unterschiedlich mit der Situation umgingen, half uns sicherlich nicht dabei, besser mit ihr fertigzuwerden.

Markus stand entschlossen wieder von der Couch auf. Er war mit seinem vollen braunen Haar und seiner sportlichen Figur immer noch so attraktiv wie vor zwanzig Jahren. Aber die Augen meines Mannes hatten sich seit dem Tod unseres Sohnes radikal verändert: Ihre Farbe war zwar noch dieselbe wie früher, doch ihr Ausdruck vollkommen anders.

»Ich ziehe mich noch eben um«, sagte er. »Habe um 18:00 Uhr wieder einen Termin beim Detektiv. Ist nicht ganz billig, aber es geht nicht anders.«

Doch, es ginge anders. Aber wenn du schon jemanden beauftragst, dann lass den auch herausfinden, was unser Sohn spätabends alleine und zu Fuß auf einer einsamen Landstraße gemacht hat – das interessiert mich fast noch mehr als die Identität des Unglücksfahrers. Denn egal, ob der Schuldige gefunden und bestraft wird oder nicht – Leon wird dadurch nicht wieder lebendig. Warum verstehst du das denn nicht?

Ich behielt diese Gedanken für mich und sah Markus hinterher, der gerade durch die Tür in den Flur ging.

»Markus?«

Er kam noch einmal zurück. »Ja?«, fragte er ungeduldig.

Ich hatte gehofft, dass mir ein paar Sekunden reichen würden, um mir einen passenden Satz für ihn zu überlegen. Aber alles, was mir in den Sinn kam, hätte wohl zum Streit geführt; und das konnten wir beide am allerwenigsten gebrauchen.

Schnell schüttelte ich den Kopf. »Ist schon gut.«

Er reagierte nicht darauf, sondern machte sich rasch auf den Weg ins Badezimmer.

Kurze Zeit später hörte ich Duschgeräusche von oben.

Ich überlegte mir gerade, mal zu versuchen, mich ein bisschen vom Fernsehen ablenken zu lassen, als das Telefon klingelte. Eine Düsseldorfer Nummer erschien auf dem Display. Kurz dachte ich darüber nach, einfach nicht dranzugehen, drückte aber nach wenigen Sekunden doch auf das grüne Hörersymbol. Sich nur zu verstecken brachte ja auch nichts.

»Ja?«

»Kruse hier! Spreche ich mit Katja Helmke?« Eine Männerstimme. Mal wieder.

»Ja, aber wenn Sie von der Presse sind, nicht mehr lange. Ich weiß nicht, wer meinen Sohn überfahren hat, und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen mit Sicherheit nicht sagen.«

Sekundenlange Stille in der Leitung.

Ich wusste selbst nicht, woher meine Energie plötzlich kam; und der unbekannte Anrufer hatte wohl auch mit einer anderen Reaktion gerechnet.

»Ähm, nein. Ich bin nicht von der Presse, keine Sorge.«

Ein ehrliches Lächeln in der Stimme verriet mir, dass er nicht log, weshalb ich weiter zuhörte.

»Mein Name ist Bernd Kruse, und ich bin Notar. Entschuldigen Sie bitte, dass ich so einfach mit der Tür ins Haus falle, aber ich müsste mich mal mit Ihnen unterhalten. Könnten Sie vielleicht in den nächsten Tagen in meine Notarkanzlei …«

»Hören Sie, das ist zurzeit schlecht. Wir haben gerade einen Trauerfall in der Familie.«

»Ja, sicher. Mein herzliches Beileid. Aber genau um diesen Trauerfall geht es.«

Jetzt war mein Interesse geweckt.

»Wie meinen Sie das?«

»Es geht um Ihren Sohn. Ich habe hier etwas, das ich Ihnen von Leon geben soll.«

2

Da Markus unterwegs zum Detektiv war, saß ich wieder alleine zu Hause. Wie schon so oft in der letzten Zeit. Markus war seit Tagen nur noch mit der Tätersuche beschäftigt und darum auch zu den Zeiten weg, zu denen er für gewöhnlich hier war – bei mir. Wieder einmal war es nicht nur still um mich herum, sondern vor allem auch einsam. Inzwischen hasste ich dieses leere Haus und diese fürchterliche Einsamkeit. Nur meine Gedanken und meine Grübeleien ließen mich nicht alleine.

»Ich weiß auch nicht, was es ist – und das muss auch so bleiben.«

Auch eine Stunde nach dem Telefonat gingen mir Kruses Worte nicht aus dem Kopf.

Irgendwann merkte ich, dass mich das Nachdenken verrückt machte und ich mit jemandem reden musste. Ich nahm das Telefon zur Hand, rief das Verzeichnis auf und drückte die Nummer, die ich erst seit einiger Zeit wieder regelmäßig wählte und vorher einige Jahre lang gemieden hatte.

»Scholz?«

»Mama, ich bin’s.«

»Katja, schön, dass du anrufst. Wie geht es dir?«

Ihre Stimme war leiser geworden. Natürlich wusste sie, wie es mir ging, und wahrscheinlich merkte sie in diesem Moment selbst, dass die Frage nicht sehr geschickt war. Ich wollte gar nicht darauf eingehen, sondern ihr eigentlich sofort von dem Anruf erzählen und ihre Meinung dazu hören, aber irgendetwas hielt mich davon ab. Zwar kannte ich nicht genau den Grund dafür, aber mein Gefühl riet mir, mit diesem Thema noch ein wenig zu warten.

»Katja?«

»Wie fandest du meine Rede gestern? Es tut mir so leid, dass ich nicht weiterreden konnte, aber ich …«

»Mach dir doch bitte darum keinen Kopf!«, fiel sie mir ins Wort. »Das, was du gesagt hast, war wunderschön. Du hast genau die richtigen Worte gefunden; wir hatten alle Gänsehaut.«

»Wirklich?«

»Ja. Leon hätte sich gefreut – ganz bestimmt.«

Einige Sekunden lang herrschte wieder Stille.

»Deine Idee mit dem Schal war richtig schön, Mama«, unterbrach ich das Schweigen. »Ich wäre niemals darauf gekommen. Aber für deinen Enkel war es genau richtig.«

Sie hatte vorgeschlagen, den rot-weißen Schal seines Lieblingsfußballvereines Fortuna Düsseldorf mit in das Grab zu legen. Er hatte sich vor jeder Saison eine Dauerkarte für die Heimspiele zum Geburtstag gewünscht – und sie natürlich auch bekommen – und war mit zwei Freunden zu jedem Ligaspiel ins Stadion gegangen. Dass er jetzt ein Stück seines Clubs bei sich hatte, war meiner Mutter zu verdanken.

Ich spürte, wie mir ein leichtes trauriges Lächeln übers Gesicht huschte.

Sie war zwar seit einigen Jahren pensioniert, aber ihre Arbeit als Realschullehrerin war für sie nie nur ein Beruf gewesen, sondern immer auch eine Berufung. Sie liebte die Kinder, und die Kinder liebten sie. Ihr Arbeitstag hörte nie nach den Unterrichtsstunden auf, sondern sie gab danach schlechteren Schülern kostenlose Nachhilfe. Darüber hinaus hatte sie immer ein offenes Ohr für deren Probleme zu Hause – oder wenn es den ersten Liebeskummer oder Streitigkeiten mit anderen Lehrern gab. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, war ich sogar einige Male persönlich dabei, als sie ältere Schüler zu sich nach Hause einlud, um mit ihnen ein Schulfest oder einen Ausflug zu planen.

Ich hatte immer ihre Fröhlichkeit bewundert. Eine Fröhlichkeit, die sie scheinbar nie verlieren konnte – und doch war genau das vor etwa einem halben Jahr passiert.

»Hast du gesehen«, holte sie mich aus meinen Gedanken, »wie viele Jugendliche da waren? Die haben ihn alle so gemocht und wollten sich von ihm verabschieden.«

»Ja, das war schön. Wir sind nicht die Einzigen, die ihn vermissen werden.« Ich bekam wieder einen Kloß im Hals, und ihr ging es wohl nicht anders.

Ich hatte noch nie so viele Leute weinen sehen wie bei Leons Beerdigung und war einfach nur froh darüber, dass meine Mutter am wohl traurigsten Tag in meinem Leben an meiner Seite gewesen war. Seit Monaten brauchten wir uns gegenseitig – so sehr wie niemals zuvor. Und seit Leons Tod sogar noch mehr.

»Gibt es Neuigkeiten?«

Sie wusste natürlich, was ich meinte, und schien kurz über ihre Wortwahl nachzudenken.

»Leider nein. Es wäre auch merkwürdig, wenn unsere Familie endlich einmal gute Nachrichten erhalten würde.«

Ihre Bitterkeit überraschte mich, da ich sie bisher nicht von ihr gekannt hatte. Aber verstehen konnte ich sie nur zu gut.

»Obwohl …«, sprach sie weiter, »… in diesem Fall wäre irgendeine Nachricht immerhin etwas.«

»Was macht Papa?«, erkundigte ich mich, um von ihrem letzten Satz abzulenken.

»Der war heute Morgen wieder bei der Polizei und hat Ärger gemacht. Die Tatsache, dass sie auch Leons Unfallfahrer nicht finden, hat seine Wut gegen die Beamten noch verstärkt. Er will einfach nicht begreifen, wieso eine Frau plötzlich verschwinden kann und sie keine Spur finden. Und warum sie es nicht schaffen, einen Menschen ausfindig zu machen, der einfach einen Sechzehnjährigen überfährt, versteht er noch weniger. Ich verstehe es irgendwie auch nicht, Katja, und ich kann seine Wut sehr gut nachvollziehen. Aber die Polizisten zu beschimpfen bringt doch nichts, zumal er einfach zur nächsten Dienststelle fährt und die dort mit den beiden Fällen eigentlich gar nichts zu tun haben.«

»Nein, das bringt sicher nichts, da hast du recht.«

»Ein Wunder, dass sie ihn noch nicht festgenommen haben«, meinte sie.

»Ich bin davon überzeugt, dass alles Mögliche unternommen wird, um Nicci zu finden, und bei der Suche nach diesem Fahrer glaube ich das genauso. Aber wie du bei Papa, stoße ich bei Markus auf taube Ohren. Er ist gerade wieder bei einem Detektiv.«

Wieder entstand eine kurze Pause.

»Der Unfall war aber erst letzte Woche«, erwiderte meine Mutter, »da kann ich deinen Mann verstehen, wenn er jetzt jeden Tag nutzen möchte, um mögliche Zeugen zu finden, solange die sich noch an etwas erinnern können. Aber deine Schwester ist jetzt seit einem halben Jahr verschwunden, und wenn dein Vater jede Woche mehrmals auf dem Revier auftaucht und dort den Beamten auf die Nerven geht, ändert er daran sicher nichts.«

In ihrer Stimme lag nun Zorn, und ich fragte mich kurz, wem dieser galt. Meinem Vater, der sich natürlich nicht damit abfinden konnte, dass seine jüngste Tochter verschwunden war, und der Menschen dafür verantwortlich machte, die nichts dafür konnten? Der Polizei, die zwar alles versuchte, aber bisher erfolglos geblieben war? Oder vielleicht sogar Nicole selbst? Oder dem Umstand, der schuld daran war, dass meine Eltern seit Monaten nicht wussten, wie es ihrer Tochter erging, und dass sie von einem auf den anderen Tag einfach nicht mehr im Kreise ihrer Familie war? Es war wohl eine Mischung aus allem. Ich dachte kurz über meine nächsten Worte nach und sagte dann etwas, das mir selbst zwar fast das Herz zerbrach, aber meiner Mutter Mut machen sollte.

»Der Unterschied zwischen meinem Mann und Papa ist der, dass es Markus vor allem um seine Wut geht. Er will einen Schuldigen finden und möchte, dass der bestraft wird. Aber Leon lebt nicht mehr. Bei Nicci hingegen haben wir noch Hoffnung, dass sie irgendwann zurückkommt!«

Ich wartete darauf, eine Antwort zu erhalten, doch es blieb lange still. Ich war mir sicher, dass am anderen Ende der Leitung leise Tränen flossen.

»Bist du noch dran?«, fragte ich schließlich vorsichtig nach und war überrascht, einen Moment später ihre Stimme ganz klar und gar nicht tränenerfüllt zu hören.

»Deine Schwester wird nicht mehr zurückkommen, Katja.«

3

Nach einer schlaflosen Nacht fuhr ich am nächsten Morgen bereits um halb acht zu Bernd Kruses Notarkanzlei.

»Kommen Sie morgen irgendwann vorbei, dann erkläre ich Ihnen alles Weitere«, waren seine letzten Worte gewesen, bevor er ohne weitere Erklärungen aufgelegt hatte. Mit lauter offenen Fragen fuhr ich nun also todmüde zu ihm und wollte endlich wissen, was das alles sollte. Ich verstand nicht, warum ich keinen genauen Termin bekam, und ich verstand auch nicht, warum er mir nicht mehr am Telefon hatte sagen wollen. Aber vor allem konnte ich mir einfach nicht vorstellen, was Leon mir hätte zukommen lassen wollen. Und wieso hätte ein Sechzehnjähriger Kontakt zu einem Notar aufnehmen sollen? Und wann sollte das überhaupt gewesen sein?

Um endlich Antworten zu bekommen, drückte ich aufs Gas. Ich überquerte die Oberkasseler Brücke, unter der das Wasser bleigrau schimmerte. Kruse hatte sein Büro in einem Villenviertel, und eine halbe Stunde später bog ich in die Straße seiner Anschrift ein, die er mir genannt hatte.

Ich stellte meinen Peugeot ab, stieg aus und bemerkte erst jetzt das Halteverbotsschild vor mir. Zunächst wollte ich noch einmal einsteigen und den Wagen irgendwo parken, wo es erlaubt war, entschied mich aber dann dagegen. Ich war viel zu gespannt auf die Enthüllungen des Notars.

Da ich diese Straße nicht kannte, musste ich mich kurz suchend umschauen. Ein Haus war schmucker als das andere, und auch die wenigen Autos, die am Straßenrand standen, deuteten darauf hin, dass ich mich in einer exklusiven Gegend befand. Ich ging ein paar Schritte und sah riesige Garagen sowie weitläufige, mit viel Sorgfalt gepflegte Vorgärten – aber keinen einzigen Menschen. Es war kurz nach acht, und ich fragte mich, ob die Villenbewohner schon alle bei der Arbeit waren oder sie es sich erlauben konnten, lange zu schlafen. Irgendwo in der Nähe klopfte ein Specht, aber ansonsten war kaum etwas zu hören. Die Sonne schien bereits, und ich schwitzte ein wenig, weil ich mich viel zu warm angezogen hatte. Und doch spürte ich ein Frösteln – ein leichtes zwar, aber es machte sich unangenehm bemerkbar. Ich fror innerlich, und dagegen konnte auch die Sonne nichts ausrichten.

Ich versuchte, mich zusammenzureißen, konzentrierte mich wieder auf die Suche nach der Kanzlei und entdeckte wenige Sekunden später an einer Auffahrt ein großes weißes Schild. Hier war ich richtig. Notar Dr. Bernd Kruse stand dort in schwarzer Schrift.

Ich atmete tief durch und schritt zum Hauseingang. Beherzt zog ich die Glastür auf, die nicht abgeschlossen war, und stand im nächsten Moment in einer gewaltigen Empfangshalle.

Als Erstes bemerkte ich einige geschlossene Türen, die offenkundig zu angrenzenden Räumen führten. Es gab nur wenig Mobiliar, das ein funktionalistisches Design hatte und in Verbindung mit dem riesigen Foyer eine kalte Atmosphäre entstehen ließ. Auch war es hier drinnen ziemlich dunkel, und meine Augen brauchten einige Sekunden, um sich daran zu gewöhnen.

Schräg links gab es eine Rezeption, an der eine junge Frau stand, die höchstens Mitte zwanzig war. Sie bemerkte mich offenkundig nicht und richtete ihren Blick weiterhin auf ihren Computerbildschirm. Als ich näher kam und mich räusperte, zuckte sie in einer Weise zusammen, die mich einen Moment lang an Leon erinnerte: Er hatte sich früher ähnlich verhalten, wenn ich ihn bei irgendetwas Verbotenem erwischt hatte.

Sie schaute mich mit großen Augen an. »Oh, guten Morgen. Entschuldigen Sie, ich habe Sie gar nicht gesehen. Haben Sie einen Termin bei Dr. Kruse?«

»Nicht direkt. Ich bin mit ihm verabredet, aber ohne feste Uhrzeit.«

Sie sah mich fragend an, schaute auf ihren Bildschirm, dann wieder zu mir und wollte gerade etwas sagen, als ich hinter mir eine Tür aufgehen und dann eine Männerstimme hörte.

»Ist schon gut, Kim; ich übernehme das.«

Ein Mann – es musste wohl der Notar sein – kam mit einem Lächeln auf mich zu, bei dem ich mir nicht sicher war, ob es echt oder künstlich war. Er war groß und kräftig, hatte einen Schnurrbart und trug eine Brille. Ich war ein wenig überrascht, weil ich ihn am Telefon auf Mitte vierzig geschätzt hatte. Der Mann, der jetzt vor mir stand, war aber mindestens sechzig.

»Frau Helmke?« Er streckte mir seine Hand entgegen.

Kurz stutzte ich, weil er sofort wusste, wer ich war, fing mich aber schnell, bejahte und gab ihm die Hand.

»Kruse«, sagte er. »Kommen Sie doch bitte mit.«

Er führte mich ans andere Ende der Halle und ging mit mir in einen großen Raum, in dem ein Marmortisch in der Mitte stand. An einer Wand standen Regale, in denen Aktenordner akkurat aufgereiht waren. Auf der anderen Seite befanden sich ein paar Schränke, die alle geschlossen waren. Auffällig war, dass nichts unaufgeräumt herumlag und keine Bilder an den Wänden hingen; auch sonst gab es keinerlei Dekoration. Der Marmortisch, die Größe des Raumes und der Blick durch das riesige Fenster – man sah andere Gebäudeteile der Villa, einen weitläufigen Garten und einen Sportwagen – vermittelten ein Gefühl von Luxus. In dieser Gegend eine solche Kanzlei zu haben – das schafften sicherlich nur die wenigsten Notare.

Kruse wies mir einen Platz vor seinem Schreibtisch zu und schloss zunächst die Tür, durch die wir gekommen waren, und dann eine weitere, die in ein Nebenzimmer führte. Anschließend nahm er auf seinem Bürosessel Platz.

»Schön, dass Sie Zeit gefunden haben. Haben Sie sich extra Urlaub genommen?«

Ich wusste nicht, was ihn das anging, und wollte auch endlich zur Sache kommen.

»Nein, ich habe längere Zeit frei, weil mein Sohn gestorben ist, wie Sie wissen«, erwiderte ich eine Spur zu scharf, und sofort tat mir mein Ton ihm gegenüber leid. »Bitte entschuldigen Sie, aber ich bin zurzeit etwas angespannt – können wir möglichst schnell zu der Sache mit Leon kommen?«

Seine Miene wurde ernster, und er nickte. »Ja, Frau Helmke, das können wir.« Er legte eine kurze Pause ein und richtete sich die Krawatte.

»Also …«, setzte er an und schien noch einmal darüber nachzudenken, was genau er sagen wollte. »Zunächst einmal ist es mir wichtig, klarzustellen, dass es sich hier nicht um einen offiziellen Termin handelt, sondern eher um ein inoffizielles Treffen.«

Er sah, dass ich ihn verständnislos anblickte, und sprach einen Moment später weiter.

»Ich habe Ihnen ja bereits am Telefon mitgeteilt, dass ich Ihnen etwas von Ihrem Sohn Leon überreichen soll. Das Problem ist, dass ich das gar nicht darf. Selbst wenn es sich dabei zum Beispiel um ein Testament handeln sollte, hätte ich es eigentlich nur annehmen dürfen, wenn er mir das offen überreicht hätte. Er war ja noch minderjährig.«

Selbst wenn es ein Testament wäre? Wieso wusste der Notar nicht, was er mir geben sollte? Das hatte ich schon bei unserem Telefonat nicht verstanden.

Kruse ließ sich von meinen fragenden Blicken nicht ablenken. »Leon hat es mir aber nicht gegeben, sondern zugeschickt, und ich hatte ansonsten keinen Kontakt zu ihm. Ich kannte ihn noch nicht einmal persönlich.«

»Versteh ich nicht«, sagte ich fassungslos; es war das Einzige, was ich im Augenblick herausbekam.

»Ich habe vor sechs Tagen per Post ein Paket von Ihrem Sohn erhalten. Als ich es zu öffnen begann, entdeckte ich obenauf eine kurze Nachricht: Darin hieß es, dass ich Ihnen unbedingt den Inhalt zukommen lassen müsste, wenn ihm etwas zustoßen sollte.«

Ich war wie in Trance und hörte seine Worte nur noch so, als würden sie aus der Ferne zu mir gelangen.

»Zunächst habe ich das für einen schlechten Scherz gehalten. Dann aber habe ich herausgefunden, dass er wirklich, kurz nachdem er das Paket losgeschickt hatte, bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Als es bei mir eintraf, war er jedenfalls bereits verstorben. Ich habe einige Tage lang überlegt, ob ich seiner Aufforderung nachkommen sollte, habe mich dann aber doch dazu entschlossen, seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Wie gesagt, ich darf das eigentlich nicht – zumindest nicht in meiner offiziellen Funktion als Notar –, und ich habe weder Geld von ihm bekommen noch sonstigen Kontakt …«

»Geht es etwa darum?«, fiel ich ihm ins Wort und fühlte mich wie aus einem Traum gerissen. »Wollen Sie Geld von mir haben? In meiner Situation?«

Entschlossen stand ich auf und ging zur Tür. Kruse hingegen blieb einfach sitzen.

»Schauen Sie sich bitte in dieser Kanzlei einmal um, Frau Helmke. Sieht es hier so aus, als ob ich Geld von Ihnen bräuchte?«

Ich hatte schon die Türklinke in der Hand, als mir klar wurde, dass er recht hatte. Ich seufzte, drehte mich um und setzte mich wieder auf meinen Platz.

»In Ordnung. Aber lassen Sie uns nun bitte zur Sache kommen – wenn Sie wirklich etwas von Leon für mich haben sollten, geben Sie es mir sofort.«

»Das werde ich; doch erst, wenn Sie mir zusichern, dass das unter uns bleibt.«

»Ja, es ist alles inoffiziell. Ich habe es verstanden.«

Er guckte mich kurz mit durchdringendem Blick an – so, als ob er prüfen wollte, ob ich ihn auch wirklich verstanden hatte. Nach einigen Sekunden war er offensichtlich zu einem positiven Ergebnis gekommen und zog den Stuhl neben sich zurück. Er nahm von dort eine kleine Holzkiste herunter, die ich vorher nicht gesehen hatte, weil sie vom großen Schreibtisch verdeckt worden war. Sie wirkte wie eine Mini-Schatztruhe, die zwar auf den ersten Blick recht teuer aussah, aber wahrscheinlich für ein paar Euro in jedem gut sortierten Spielzeugladen zu bekommen war. Skeptisch schaute ich den Notar an. Seit ich hier war, hatte ich mich unwohl gefühlt, doch nun packte mich eine innere Unruhe, die innerhalb kürzester Zeit so stark wurde, dass ich am liebsten davongerannt wäre. Aber irgendein Gefühl sagte mir, dass ich unbedingt noch bleiben musste.

»Diese Kiste war in dem Paket. Sie ist von Ihrem Sohn.« Kruse stellte sie vor mich auf den Tisch, hielt aber noch eine Hand darauf. »Ich weiß nicht, was darin ist, und es geht mich auch nichts an. Ich habe sie Ihnen jetzt gegeben, und damit ist die Sache für mich erledigt. Ich hoffe, Sie halten sich an unsere Vereinbarung und vergessen unser Treffen hier wieder.« Mit diesen Worten nahm er seine Hand weg.

Jetzt musste ich einfach wissen, was sich unter dem Deckel der Kiste befand, und klappte ihn entschlossen auf.

Ich schaute auf den Inhalt der Schatulle und war augenblicklich zutiefst bestürzt. Ich starrte etliche Sekunden lang hinein – bis mir schwarz vor Augen wurde.

4

Nach einer halben Stunde hatte ich mich zumindest wieder so weit beruhigt, dass ich einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte. Ich wollte auf die Uhr sehen und merkte dabei, dass ich noch immer am ganzen Körper zitterte.

Nach dem Öffnen der Kiste war ich zusammengebrochen. Kruse hatte mich gestützt und sanft schüttelnd wieder halbwegs zu Bewusstsein gebracht. Dann hatte er mir ein Glas Wasser gegeben und mich schließlich nach draußen zu einer Holzbank geführt, auf der ich immer noch saß.

»Hier können Sie ungestört ein bisschen frische Luft tanken«, war mir vom Notar beschieden worden, der mich wahrscheinlich nach dem Zusammenbruch so schnell wie möglich wieder loswerden wollte. Danach war er fortgegangen.

Jetzt merkte ich, dass ich auch ein wenig erleichtert darüber war, ihn nicht mehr in meiner Nähe zu haben. Ich konnte ihn nicht wirklich einschätzen, aber irgendetwas störte mich an ihm.

Ich blickte mich um und bemerkte erst jetzt, dass ich nicht genau wusste, wo ich mich befand. Das war nicht die Straße, in der Kruse seine Kanzlei hatte, und demnach stand auch mein Auto nicht hier in der Nähe. Es musste eine Seitenstraße sein. Ich sah niemanden um mich herum, sondern nur riesige Kastanienbäume, die den Blick auf die meisten Villen versperrten. Weder Licht noch Wärme drangen zu mir durch, weshalb ich jetzt nicht nur innerlich fror, sondern am ganzen Körper. Es war, als ob alles um mich herum untergehen würde und ich mit meinem Kummer alleine wäre.

Kummer.

Das war untertrieben. Kummer hatte ich schon seit Monaten, und vielleicht wäre er einfach nur noch ein bisschen größer geworden, wenn in der Kiste irgendeine Nachricht oder ein Gegenstand von Leon gelegen hätte. Vielleicht die Beichte eines Jungenstreiches oder einer Klausur mit schlechter Benotung – vergleichsweise normale Sachen, die Teenager manchmal ihren Eltern aus Angst vor Strafe verschweigen. Mir wäre dann zwar immer noch nicht klar gewesen, warum er so etwas ausgerechnet kurz vor seinem Tode einem Notar geschickt hatte, den er gar nicht kannte, aber wahrscheinlich hätte ich weiterhin nur das gefühlt, was ich sowieso schon seit einer halben Ewigkeit fühlte: Trauer.

Das, was ich aber tatsächlich in der Kiste gesehen hatte, hinterließ ein entsetzliches Gefühl, das ich nicht beschreiben konnte, aber meinem schlimmsten Feind nicht wünschte. Bei dem Gedanken an das Aufklappen des Deckels überkam mich ein Schauer.

Der 19. Oktober 2015 – das war der Tag, an dem mein Leben zum ersten Mal stehen geblieben war. Es war der Tag, an dem Nicole verschwand. Jetzt, ein halbes Jahr später, erinnerte ich mich nicht mehr an vieles, was in den Wochen nach ihrem Verschwinden passierte, aber ich erinnerte mich noch sehr gut an die Befragungen durch die Polizei. Immer wieder sollten wir uns ganz genau an die Kleidung erinnern, die Nicole trug, als wir sie zum letzten Mal gesehen hatten. Obwohl wir alle mit ihr an jenem schicksalshaften Tag noch kurz zusammen gewesen waren, machten wir später unterschiedliche Aussagen. Einer von uns – wahrscheinlich war es mein Vater gewesen – vergaß, die Jacke anzugeben. Und ich war mir nicht mehr sicher, was für eine Handtasche sie bei sich gehabt hatte, und musste erst bei ihr zu Hause nachschauen, welche nicht mehr da war; und ausgerechnet ihr Mann Steffen verwechselte zunächst ihre Schuhe.

Nur bei einem waren wir uns alle einig gewesen – ihrem Armband! Es bestand aus roten und silbernen Glaskugeln mit einem Herzen dazwischen, auf dem Für Nicci eingraviert war. Ich hatte es ihr zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt, und sie trug es immer – zumindest, wenn sie aus dem Haus ging. Und da wir alle der Polizei erzählten, dass sie es auch bei ihrem Verschwinden getragen haben musste, wurde bei allen Suchanzeigen – auf Flyern ebenso wie im Internet – immer auch ein Foto von diesem Armband gezeigt.

Ich hatte mir diese Anzeigen nie anschauen können und hatte das Armband daher seitdem nicht mehr gesehen – bis heute.

Das Band war immer ein Symbol gewesen: ein Symbol für die enge Bindung zwischen meiner Schwester und mir. Wir mussten nicht jeden Tag miteinander sprechen und uns nicht jeden Tag sehen, um zu wissen, dass die eine für die andere immer da wäre, wenn sie gebraucht würde. Die ganze Zeit über war ich davon ausgegangen, dass Nicci – wo auch immer sie sich momentan befand – das Armband dabei hatte. So könnte sie sich stets daran erinnern, dass sie eine Familie hatte, die auf sie wartete und niemals die Hoffnung aufgab, dass sie wieder zurückkommen würde. Zumindest ich hatte sie niemals aufgegeben.

Als ich die Kiste geöffnet hatte, war das Rot das Erste gewesen, was ich darin gesehen hatte. Dann die Kreisform des Bandes, die Glaskugeln und schließlich das Herz. Für Nicci. Wenige Sekunden hatten ausgereicht, bis ich mir ganz sicher gewesen war: Vor mir lag Nicoles Armband.

Mir war zwar klar, was ich gesehen hatte, aber überhaupt nicht, wie ich es einordnen sollte. Die Geschichte, die mir der Notar über Leon und diese Kiste erzählt hatte, war mir sehr merkwürdig erschienen. Aber warum hätte der Mann sich das alles ausdenken sollen? Um davon abzulenken, wie er wirklich an das Armband gekommen war?

Unwillkürlich schüttelte ich den Kopf. Es ergab einfach keinen Sinn. Schon seit Monaten ergab nichts mehr einen Sinn, was unserer Familie passierte. Meine Schwester war weg, mein Sohn tot, und jetzt dieses merkwürdige Treffen, von dem ich keinem anderen erzählen sollte. Es konnte alles eigentlich nur ein Albtraum oder ein Horrorfilm sein. Ich wusste nicht mehr, was wirklich geschah – ich wusste gar nichts mehr.

Ich wünschte mir so sehr, nach Hause zu fahren, morgen aufzuwachen und einen Tag mit meiner Familie verbringen zu können. Mit meiner ganzen Familie. Für nur noch einen einzigen Tag – gemeinsam mit Leon, Nicci, meinem Mann und meinen Eltern – hätte ich alles getan oder hergegeben. Dieser Wunsch konnte so nicht mehr in Erfüllung gehen – aber ein Wiedersehen mit Nicci war schon noch möglich.

Wo kann sie nur sein? Verdammt noch mal, wo kann sie nur sein?

Langsam stand ich auf und fing an, die Straße entlangzugehen, ohne recht zu wissen, wohin ich mich wenden sollte. Ich schritt einfach immer weiter und hoffte, an einer Stelle vorbeizukommen, die ich auf der Hinfahrt gesehen hatte. Von irgendwoher war eine Tür zu hören, die ins Schloss fiel. Ein Eichhörnchen tauchte auf, rannte über die Straße und war ebenso schnell wieder verschwunden, wie es erschienen war.

Wo war eigentlich …

Suchend sah ich mich um, ging noch einmal ein paar Schritte in Richtung der Bank zurück, auf der ich gesessen hatte. Nichts. Scheinbar hatte ich in meinem Schock die Kiste mit dem Armband in der Kanzlei gelassen und auch der Notar hatte nicht mehr daran gedacht. Ich würde noch einmal zu Kruse gehen und die Kiste samt Inhalt abholen müssen. Mein Wagen stand ja sowieso dort. Allerdings musste ich mir eingestehen, Angst davor zu haben, das Band noch einmal zu sehen.

Ein Klingeln.

Ich brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass das Geräusch aus meiner Handtasche kam. Ich holte mein Smartphone heraus und hoffte, dass der Anrufer es aufgeben würde, bevor ich den Anruf entgegennehmen konnte. Ich wollte mit niemandem reden. Aber es klingelte immer noch, als mein Blick auf das Display fiel und ich den Namen sah.

Markus.

»Hallo«, meldete ich mich.

»Katja, du musst sofort nach Hause kommen.«

»Ist etwas passiert?«, fragte ich ihn und dachte kurz, dass eine weitere Hiobsbotschaft ja nichts Neues wäre. Was auch sonst? Mir gefielen meine eigenen Gedanken nicht, aber es gelang mir nicht, sie zu unterdrücken.

»Ja, bitte komm nach Hause! Es gibt eine Spur, was den Unfallfahrer betrifft. Oder besser gesagt: die Fahrerin.«

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