Logo weiterlesen.de
Lehrerliebling

Juli D Finn

Lehrerliebling

Do you really want me


Für Vivian Mein Regenbogenschaf und die wahre Besitzerin von Lucky Liebevoll gebe ich ihn wieder zurück in deine Hände. Danke, dass ich ihn mir ausborgen durfte. Für Sebastian, Daniel und Max Jungs, ihr habt Carter, David und mich inspiriert. Seite für Seite wart ihr meine Begleitung. Wir drei lieben euch! Mein Dank gilt all jenen, die mich mit ihrer positiven Lesefreude, ihren Feedbacks und ihren Zusprüchen bestärken. Ohne euch gäbe es all das hier nicht!


BookRix GmbH & Co. KG
81675 München

Das Buch

 

„Sie sind gefährlich.

Sie können uns vernichten, uns alles nehmen,

wofür wir so hart gearbeitet haben und doch …“

„Lieben wir sie mit allem, was wir zu geben haben.

Es fühlt sich an, als würde das Herz brennen …“

„Lichterloh. Aber wir dürfen nicht.“

„Nein. Niemals!“

Als der neue Englischlehrer Carter seinen Schüler David kennenlernt, bleibt für ihn die Welt stehen. Ihn will er. Ihn oder keinen. Doch er ist Lehrer, er hat moralische Verpflichtungen. Aber was interessieren Moral und Vernunft das verliebte Herz?

Inhaltsverzeichnis

Des Lehrers Liebling

Kleine Pläne zum Glück

Milch mit Bier

The first kiss

Kampfansagen

Kontrahenten

Klare Worte

Schock

Hemmungslose Leidenschaft

Sweet kisses

Alles ist so süß

Der Morgen danach

Die harte Wahrheit

Erste Berührungen

Endgültig

Merry Christmas

Idioten on Tour

Viel zu heftig

Einmal pusten bitte

Das Damoklesschwert

Chefgespräche

Weggesperrt

Aufmarsch der Freunde

Einsatz in vier Wänden

Zukunftsgedanken

Liebevolle Hilfe

Hinter Gittern

Aufstand der Schüler

Neue Wege

The life is beautiful

Des Lehrers Liebling

Wenn man sich des Klischees bedienen möchte, heißt es doch: Als ich in die Klasse kam und den neuen Lehrer sah, verliebte ich mich augenblicklich unsterblich und unwiderruflich in ihn.

Im Normalfall handelt es sich dabei um ein sechzehnjähriges Mädchen, welches sich in den Mathelehrer verknallt. Eine kleine Teenieschwärmerei, die oft keine Bedeutung hat. In den meisten Fällen ist sie nach vier bis fünf Wochen auch schon wieder vorbei. Das sagt zumindest das Klischee.

Bei Carter Kenneth war es anders.

Carter war Englischlehrer aus London und erst seit wenigen Wochen in Berlin. Er sprach fließend Deutsch. Seine Mutter war eine Berliner Göre, wie sie selbst immer sagte. Für ihn war es wahnsinnig spannend, in einem fremden Land seine Muttersprache zu unterrichten.

Als er die Idee das erste Mal zu Hause angebracht hatte, musste seine Mutter grinsen. Sie war sehr stolz auf ihn. Das teilte sie ihm beinahe täglich mit. Und dass er sich für Berlin entschieden hatte, freute sie umso mehr. Versprechen, ihn schnell zu besuchen, nahm er lieber nicht zu wörtlich. Seine Mutter brachte es fertig und nistete sich für mehrere Wochen ein.

Das Schuljahr war gerade erst eine Woche alt und in der 7. Klasse hatte er schon einige Mädchenherzen eingesammelt. Das Klischee eben. Sie schwärmten von seinen himmelblauen Augen und von den dunkelblonden Haaren, die einfach nicht zu bändigen waren. Sein bester Freund in London lachte immer und bezeichnete ihn als Frauenmagnet, was in Carters Fall blanker Hohn war.

Er hatte bisher nur die unteren Klassen gehabt. Doch er sollte nun sogar als Klassenlehrer fungieren. Und das von einer 12. Klasse.

Als die Rektorin es ihm mitgeteilt hatte, wollte er schon widersprechen, doch sie wusste, dass er in London Klassenlehrer einer 7. Klasse gewesen war. Mist, er kam also nicht aus der Nummer raus. Und nach einigen Überlegungen wollte er es auch nicht. Irgendwie war er immer für eine Herausforderung zu haben und das war ganz sicher eine. Trotzdem hatte er etwas Schiss, dass sie ihn gar nicht für voll nehmen würden.  Und an diesem Montag hatte er seine erste Stunde in der 12c. Noch einmal atmete er tief durch und trat um die Ecke.

Es war laut in der Klasse. Zwei Mädchen stritten sich, ein paar Jungs hingen über ein Handy gebeugt, wobei aber auch jeder andere der Gruppe eins in der Hand hatte. Ein anderes Mädchen zeichnete mit Kopfhörern auf den Ohren und bewegte den Kopf zur Musik.

Carter legte den Kopf schief. Es waren Kopfhörer in Schäfchen-Form. Dazu knallbunte Haare in Regenbogenoptik. Amüsiert lächelte er und setzte sich auf die Kante des Lehrertisches. Sein Blick glitt über die Klasse. Es waren mehr Mädchen als Jungs. Das war gut.

„He Rudolph, der neue Lehrer ist da! Wir haben Englisch und nicht Kunst”, rief Mike frech und bewarf das Mädchen mit einem Papierball.

Sie drehte sich lässig um, hob eine Augenbraue. „Mensch Balder, woran hast du das nur gemerkt? Wo du dich doch die ganze Zeit mit deinem Handy beschäftigst?” Vivian lächelte süß und drehte sich zurück. „Hi”, grinste sie Carter an.

Carter schüttelte nur den Kopf und klatschte laut in die Hände „Tut mir Leid, Sie zu unterbrechen, aber …”

„Dann lassen sie es doch”, rief Mike dazwischen.

Carter nahm die Klassenliste. „Und Ihr Name ist?”

„Mike Balder.” Er musterte ihn mit frechem Blick.

„Mr. Balder, meist dauert es wenigstens die halbe Unterrichtsstunde, bis ich herausgefunden habe, wer der Klassenkasper ist. Glückwunsch. Sie haben gerade einen neuen Rekord aufgestellt.”

„Ich tu mein Bestes.” Frech wackelte Mike mit den Augenbrauen und grinste breit.

„Fein, wo es gerade so herrlich still ist”, setzte er an, als das Gekicher nachgelassen hatte, „möchte ich mich gern vorstellen. Und da es ja Englischunterricht ist, machen wir es korrekt. My name is Carter Kenneth. I was born near London in May 1980. My mother was born in Berlin. You see I’m half German and half English. Now I‘ll call your names to see who’s there.”

Carter wechselte ins Deutsche zurück, denn die meisten schauten ihn an, als würde er hebräisch sprechen. Langsam rief er die Namen auf, bis er zu einem Schüler kam, der  scheinbar tief und fest schlief. „David Mason?” Er wartete einen Moment, doch der Schüler rührte sich nicht.

„David!” Vivian rüttelte an dessen Schulter.

„Hm?” Verschlafen schaute der Strubbelkopf auf.

Carter hob die Augenbrauen und musste sich augenblicklich daran erinnern, dass rumsabbern vor einer Klasse extrem uncool wäre. Er blinzelte und richtete sich etwas auf. Diese dunkelbraunen Schokoaugen ließen ihn fast aufkeuchen. „David?”, fragte er.

Der Schüler gähnte herzhaft und nickte. „Hi”, nuschelte er und hob kurz die Hand.

Da hatte sich das Klischee umgedreht. Da war der Lehrer vom Schüler vollkommen geplättet.

„David Mason. Bin anwesend.” David rubbelte sich kurz durch die Haare und setzte sich richtig hin.

„Mason. Where did your last name originally come from?”, fragte Carter lächelnd.

Eine Weile blinzelte David verwirrt, bis seine Banknachbarin ihm die Frage übersetzt hatte. „Mein Vater heißt so. Ich glaube mein Großvater war Amerikaner. Ich habe ihn nicht kennengelernt.”

Carter nickte und fuhr fort, die Liste abzuarbeiten. Bei der anschließenden Aufgabe, bei der es schlicht um den Klassenstand ging, musterte er David. Er sah so süß aus, wie er gähnend, mit leicht verwirrtem Gesichtsausdruck auf das Arbeitsblatt starrte.

Auch wenn er sich immer wieder ins Gedächtnis rief, dass es komplett falsch und verboten war, kam er nicht umhin, sich von Sekunde zu Sekunde mehr in den Schüler zu verlieben. Mit Sean, seinem besten Freund, hatte er oft Witze darüber gemacht. Liebe auf den ersten Blick. Sowas gab’s einfach nicht. Wie konnte man sich in einen Menschen verlieben, den man nicht kannte? Mit dem man nie ein Wort gewechselt hatte. Das gab es eigentlich nicht. Und doch war Carter komplett hin und weg. Nur ein kleiner Blick reichte aus, um sein Herz rasen zu lassen.

David war wirklich verzweifelt. Er verstand nichts. Sein Blick huschte zu Vivian. „Raffst du das?”

Sie schaute auf und zwischen ihren Arbeitsblättern hin und her.„Nö.” Amüsiert grinste sie und zeichnete weiter.

„Na, du bist ja eine tolle Hilfe.” David beugte sich über das Blatt, als sich Hände auf den Tisch legten.

„Kommen Sie klar?”

David sah auf und grinste. Frech bediente er sich dem Wort seiner besten Freundin: „Nö.”

Carter lachte leise und hockte sich vor den Tisch. Ihm plötzlich so nah, ließ einen  Duft in seine Nase steigen, der ihn ganz irre machte. „Es ist nicht schwer. Vivian, Sie können gleich zuhören”

„Ich hänge an ihren Lippen, Mister”, schnurrte sie und grinste frech.

„Äh … okay. Also im Grunde sollen sie den Text übersetzen und die geforderten Zeitformen unterstreichen. Ich zeige es Ihnen.” Carter übersetzte den ersten Satz und markierte die Zeitform der Vergangenheit. „Sehen Sie, ist nicht schwer.”

„Für Sie als Engländer ist das keine Kunst. Machen Sie das mal auf Deutsch!”, murrte David.

„Kein Problem. Geben sie mir einen Text.” Carter zwinkerte ihm zu und David streckte  ihm aus Reflex die Zunge raus.

Sofort schlug er sich die Hand auf den Mund und nuschelte: „Sorry.”

Nun konnte sich Carter nicht halten und lachte. David war in der Tat einfach süß. Und doch zwang er sich, den Jungen zu vergessen. Schließlich war er der Lehrer. Himmel, träumen konnte er nach der Schule und das würde er auch tun. Neu motiviert zog er seinen Unterricht durch und lächelte zum Schluss. “Thank you ladies and gentleman. It was a very interesting lesson. Please give me your worksheets so I can take a look at them. I want to see how much you know. I’ll see you on Friday?” Carter schaute auf den Stundenplan und nickte. „I wish you a good day. Bye!”

Die meisten sammelten schnell ihren Kram zusammen, gaben die Blätter ab und verschwanden. Andere murmelten ebenfalls ein „Bye“ und David lächelte ihn fröhlich an.

„Das habe ich sogar verstanden.”

„In English please, Mr. Mason.” Carter lächelte amüsiert.

„Öhm … I understand it? Irgendwie sowas. See you!”, grinste David und schwang seinen Rucksack über  den Rücken.

Kaum waren alle draußen sank Carters Kopf auf den Tisch. Heilige Scheiße! Er rührte sich eine ganze Weile nicht, hielt auch die Augen geschlossen.  Dann schoss sein Kopf hoch und hastig griff er nach dem Klassenbuch. David Mason, geboren am 23.7.1995. Lächelnd schaute er auf das Klassenfoto. Im selben Moment sagte er sich allerdings, dass David ein Schüler war und dazu viel zu jung.

Verdammt, komm wieder klar, schimpfte er im Stillen mit sich selbst. Er konnte sich nicht in einen Schüler vergucken. Ein größeres Tabu gab es in seinem Beruf nicht.

Langsam packte er alles ein und machte sich auf  den Weg ins Lehrerzimmer. Unterwegs schrieb er seinem besten Freund Sean eine SMS: Scheiße! Riesen Problem, Kleiner! Sexy Schüler in meiner Klasse. Er ist so süß und maaaan ... Hilfe!!!!

Die Antwort kam prompt: Wie sexy? Ich brauch Details, nur so kann ich dir helfen!

Carter setzte sich ans Fenster und schrieb zurück: Sein Name ist David und er ist einfach zuckersüß. Total verpennt und verwuschelt und irgendwie frech. Er ist ... süß. Carter seufzte leise als er die SMS abschickte.

„Mr. Kenneth, wie ist es Ihnen in Ihrer ersten Woche ergangen?”, fragte Beate Meisner, die in die Jahre gekommene Biolehrerin.

Das das nicht geht, ist dir klar? Außerdem, wer sagt dir, dass der Kleine auf Männer steht?

Seufzend schaute Carter auf die SMS. „Sehr gut. Der Unterricht macht viel Spaß. Ich durfte auch meine Klasse endlich kennenlernen.” An Sean schrieb er: Ob er auf Kerle steht, weiß ich nicht. Aber das er Tabu ist, ist mir durchaus klar. Aber Baby, du hast ihn nicht gesehen. Er war einfach ... Carter tippte ein Herz dahinter und schickte es ab.

Wie alt ist er? Welche Klasse? Baby, wenn es auf Gegenseitigkeit beruhen würde, würde es eventuell funktionieren. Aber vielleicht ist es bei dir auch bald wieder vorbei.

Obwohl Beate immer weiter redete, hatte er  bereits voll abgeschaltet. Er las die SMS und schrieb zurück: Er ist 18 und in der 12. Klasse, Scheiße Sean! Ich habe doch keine Ahnung. Aber der Kerl hat mich regelrecht geflasht. Ich meine, ich bin 32. Ich kann doch nicht ... Gott! Er schickte sie ab und steckte das Handy weg.

Seid wann hast du Hemmungen? Fühlst du dich zu alt? Süß ;)

Auf dem Weg zum Auto las er die SMS und lachte. Ganz sicher nicht, Kleiner!

Er stieg ein und als er hoch schaute, lief David gerade mit Vivian vorbei. Und genau die hatte sich bei ihm eingehakt. Leise knurrte er. Dieses Bild ließ seinen natürlichen Drang, das, was ihm etwas bedeutete, heftiger festzuhalten, voll hochfahren. Oder einfach ausgedrückt: Er wurde eifersüchtig.

David hob auf Vivians Zeichen den Kopf und schaute Carter durch die Windschutzscheibe an. Unwillkürlich lächelte der Lehrer sanft und biss sich auf die Unterlippe.

„Er ist süß”, grinste Vivian.

David schaute seinen neuen Klassenlehrer unbewusst intensiv an. Einzig um heraus zu finden, was seine beste Freundin an dem Typ süß fand. Dass er dabei Carter völlig aus der Bahn brachte, konnte er ja nicht ahnen.

Langsam liefen die Freunde weiter. „Auf einen Lehrer abfahren ist Hochverrat, Vivi. Das sollte dir klar sein.” Er lachte.

„Na und? Wenn ich damit meine Noten aufbessern kann. Scheiß drauf.”

„Wie abgebrüht du doch bist. Der Arme. Und wenn er sich in dich verguckt?“

„Wäh! Sorry, aber dafür ist er mir zu alt!”

Lachend gingen sie zur Bahn. Sie wohnten beinahe nebeneinander. Nur eine Straße trennte sie. Allerdings lebte David im noblen Mehrfamilienhaus mit seinen Eltern und Vivi im danebenstehenden, heruntergekommenen Altbau. Dennoch war es gut, wie es war. So hatte Vivi es nie weit, um David aufzubauen, wenn seine kleinen Geschwister wieder Terror machten. Davids Eltern hatten genug Kohle, um sich eine 180 qm Wohnung auf zwei Etagen, Garten und vier Kinder locker zu leisten. Aber für ein Kindermädchen war nichts da. Stattdessen spannten sie ihren achtzehnjährigen Sohn ein, auf die Plagen, wie er sie nannte, aufzupassen. So langsam gingen ihm die Nerven aus. Seine Geschwister, zwei, vier und fünf Jahre alt, waren meist zum an die Wand tackern. Was seine dummen Eltern sich dabei gedacht hatten, nochmal so dermaßen loszulegen, war ihm absolut schleierhaft.

„Soll ich mitkommen, die Kinder abholen?”, fragte sie schließlich, als sie vor dem Bahnhof standen.

Kurz hielt David sein Gesicht in die Sonne. „Nein. Machst du Bio? Dann kann ich es abschreiben.”

Grinsend nickte das Mädchen. „So wie immer.” Kurz küsste sie ihn auf die Wange. „Bis später.”

In unterschiedliche Richtungen gingen sie los. Vivian nach Hause und David in den Kindergarten, wo Mary, Jennifer und Randy auf ihn warteten. Die drei tobten durch den Garten, als er das Tor öffnete.

Lisa, eine der drei Erzieherinnen kam auf ihn zu.

„Hey.” Er lächelte leicht und nahm die Jacken der Mädchen, die er in seinen Rucksack stopfte.

„Jetzt ist die Jacke voll verknautscht!”

David drehte sich um und musterte Jenny, seine vierjährige Schwester. „Trägst du sie?”

„Nein.” Das Mädchen schaute ihn an, als wolle sie sagen: Was ist das nur für eine blöde Frage.

„Siehst du. Ich auch nicht. Also kommt sie in meine Tasche. Und nun sei so gut und hole Randy und Mary. Ich will nach Hause!”

Jenny fügte sich, wenn auch widerwillig und trottete los.

David wartete, sah zu, wie Randy sich weigerte, von der Schaukel zu steigen und  Mary den Buddeleimer quer durch den Sand warf.

Alle drei sahen ihren Bruder vorwurfsvoll an. „Hört mal, es ist mir egal, wie ihr guckt. Wir gehen jetzt nach Hause!” Und David ging in der Tat los.

Nach einem kurzen Zögern folgten die Geschwister murrend.

„Ich weiß gar nicht, warum ihr jammert. Ihr könnt doch gleich im Garten weiterspielen.” Genervt schloss er das Gartentor auf und scheuchte die Kleinen rein.

Während die Kinder zu ihrem eigenen kleinen Spielplatz gingen, holte David sein Schulzeug aus dem Rucksack. Doch kaum hatte er sein Buch aufgeschlagen, tauchte Randy auf.

„Was machst du?”

„Hausaufgaben.”

„Warum?”

„Weil ich muss.”

„Warum?”

„Weil mein Lehrer das gesagt hat.”

„Was ist ein Lehrer?”

„Der bringt mir alles bei.”

„Und was?”

David seufzte genervt. „Na was man in der Schule eben so lernt.“

„Und was lernt man da?”

„Kannst du nicht spielen gehen?”

„Nein.”

„Warum nicht?”

„Ich will nicht.”

„Du machst mich gerade gelinde gesagt wahnsinnig.”

Randy lächelte. „Mach ich doch gern.”

Für einen Moment wollte David ihn schubsen, doch dann erinnerte er sich daran, dass der kleine Braten erst fünf war. „Gehe einfach spielen.”

Das Kind trollte sich und David konzentrierte sich wieder auf seine Aufgaben.

„Dedit. Eindepullert.”

Langsam schaute er auf, in Marys dunkelgrüne Augen. Frech grinste sie ihn an. „Hast du eine Windel um?”

„Nein. Bin schon soooo troß”

„Und warum machst du dann in die Hosen, wenn du schon ach so groß bist?”

Das Mädchen schien einen Moment zu überlegen, doch dann zuckte sie die Schultern.

„Soll ich?”, fragte Vivi hinter ihm.

„Dich schickt der Himmel!” David schaute den beiden hinterher und griff sich dann den Rucksack seiner Freundin, wo er die Hausaufgaben herausholte.

Kleine Pläne zum Glück

Carter saß einige Wochen später im Klassenraum, wo er die Klausuren für die Klassenstufe neun korrigierte, als David in den Raum kam. Augenblicklich schlug sein Herz in einem harten Technobeat.

„Mr. Mason.” Er lächelte sanft.

„Mr. Kenneth. Good afternoon. Ähm … Ich mache es auf Deutsch, sonst stehen wir Morgen noch hier.”

„Also, ich sitze”, grinste  der Lehrer amüsiert.

„Was? Oh ja. Also, sie sitzen und ich stehe. Meine Freundin Vivi hatte eine vollkommen bekloppte Idee. Sie muss gegen die Wand gerannt sein”, nuschelte er.

„Lassen Sie erstmal hören, bevor ich Ihnen zustimme”, lachte er. David sah einfach süß aus, wie er da völlig verplant vor ihm stand.

„Ja, vertrauen Sie mir einfach. Also sie meinte, dass Sie mir vielleicht Nachhilfe geben könnten.”

Meinen Moment schwebte die Idee im Raum, bis Carter richtig checkte was David von ihm wollte.

„Oh …” Ja, das war wirklich geistreich. Carter räusperte sich und zögerte. „Also …”

„Ja, die Idee ist schrott. Habe ich ja gesagt. Sie haben dafür keine Zeit. Vivi ist doch bekloppt.” Schnell drehte David sich um und wollte den Raum verlassen.

„Just a second please, Mr. Mason.”

„Scheiß Idee. Jetzt redet er wieder so”, nuschelte David.

„Wie rede ich denn?”

„Englisch!”

Carter lachte. “I am an English men. I´m speaking English because its my native language. You understand?”

„Yes. But it is … nicht meine Sprache.”

Carter lachte leise. „Wie haben sie sich den Unterricht vorgestellt?”

Schweigend und nachdenklich stand David da. Das hatte Vivi ihm nicht gesagt.

„Keine Idee?”

David schüttelte den Kopf. „Nicht so richtig.”

Nickend stand der Lehrer auf und setzte sich vor David auf die Tischkante. „Wir könnten anfangen mit Arbeitsblättern. Und dann setzten wir uns für die Auswertung zusammen.”

Mit großen Augen starrte David ihn an „Fuck! Ich hasse die Rudolph!”, knurrte er frustriert.

Unwillkürlich musste Carter lachen. „Ich glaube, sie meint es nur gut, oder?

„Na, das bezweifle ich gerade. Ich habe so schon kaum Zeit. Keine Ahnung, wie ich das alles machen soll.”

Carter musterte ihn fragend. „Haben Sie so viel Stress zu Hause?”

Kurz zuckte David die Schultern. „Geht.”

Einen kleinen Moment schwiegen sie wieder, schauten sich hin und wieder an und innerlich war Carter extrem erregt. Er seufzte lautlos.

„Ich arbeite Ihnen erstmal was aus und dann schauen wir mal, wie wir uns zusammensetzen können, okay?”

David nickte langsam. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Was hatte sich Vivi nur dabei gedacht?

David verließ in Gedanken versunken den Raum und Carter sah ihm seufzend nach. Verdammt nochmal. Das war nicht gut. Gar nicht gut. Er konnte doch nicht ernsthaft daran denken, diesen Schüler zu verführen. Wobei das nicht mal möglich war. Immerhin war David hetero und er hatte eine Freundin. Scheiß Weiber! Er hatte genug Erfahrung mit dem angeblich so zarten Geschlecht gemacht. Er packte alles zusammen und verließ den Klassenraum. Er konnte kaum da sitzen bleiben und sich auf irgendwelche Klausuren konzentrieren, wenn er einen verfluchten Ständer in der Hose hatte.

David war verwirrt. Der Typ war sein Lehrer und trotzdem war das Gespräch mehr als seltsam verlaufen. Diese Blicke und das Rumgestammel. „Vivi? Unser neuer Lehrer ist nicht ganz normal!”

Das Mädchen hatte auf David gewartet und hob nun fragend die Augenbrauen.

„Why?”

David streckte ihr die Zunge raus. „Ich weiß nicht. Er hat mich so komisch angeschaut. Und … ach, ich weiß auch nicht. Aber irgendwie hat der sie nicht alle.”

Vivi lächelte verhalten. Sie hatte längst gesehen mit welchen Blicken der Englischlehrer ihren Freund bedachte. Kenneth war süß. Warum also nicht etwas nachhelfen? „Hm … und? Hilft er dir?”

„Ja. Ich bekomme Arbeitsblätter. Herzlichen Dank auch.”

„Mehr nicht?” Vivi war unzufrieden. Die beiden sollten doch zusammen arbeiten.

„Na ja, ich soll die ausfüllen und dann korrigieren wir sie gemeinsam. Unglaublich, dass ich mich von dir zu diesem Scheiß habe überreden lassen!”

„Ja? Dann wird es vielleicht nur eine fünf statt eine sechs auf dem Zeugnis!”, fauchte sie.

„Super! Und die zusätzlichen Aufgaben mache ich wann genau? Ich habe doch so schon keine Zeit.”

Vivi schnaubte. „Wie viel machst du denn? Darf ich dich daran erinnern, dass ich deine meisten Aufgaben mache? Du schreibst doch nur noch ab.”

Tief durchatmend musterte David sie. „Das weiß ich wohl und du weißt, wie dankbar ich dir bin. Trotzdem habe ich keinen Schimmer, wie ich das noch machen soll.”

„Erkläre mir mal, warum du Abi machst. Warum tust du dir das an?”

„Was ist das für eine blöde Frage? Du kennst doch meine Eltern. Die großen Superanwälte”, regte David sich auf.

„Aha! Die Staranwälte, die ihren Sohn kostenlos Babysitten lassen. Vielleicht bist du mal nicht so eine Weichflöte und haust mit der Faust auf den Tisch. Es sei denn, du bist kürzlich Vater geworden und ich weiß nichts davon!”

„Sehr witzig. Wohl kaum.” David wusste, dass Vivi recht hatte. „Warum eigentlich Englisch? Ist doch nicht das einzige Fach, in dem ich auf der Kippe stehe”, fragte er versöhnlicher.

Vivi zuckte die Schultern. „Der Typ sieht nett aus. So als würden ihm seine Schüler etwas bedeuten.”

David starrte sie eine Weile an, dann: „Ah! Ich weiß, was du vorhast!”

„So so, weißt du das, ja?”

„Oh ja. Du bist scharf auf ihn. Du willst dich an ihn ranmachen und brauchst mich als Kontakt. Clever.”

Vivis Mundwinkel zuckten. Nur schwer konnte sie ihr Lachen unterdrücken. „Du hast mich erwischt. Mist. Wie bist du darauf gekommen?”

„Das ist ja wohl offensichtlich, so wie du ihn fast ansabberst. Du bist echt scharf auf einen Lehrer?” Die Vorstellung, einen Lehrer heiß zu finden, war einfach urkomisch.

Vivi jedoch zuckte die Schultern. „Er ist doch sexy. Findest du nicht?”

„Woher soll ich das wissen?”

„Bist du blind? Hast du vielleicht Augen im Kopf?”

„Schon, aber das ist ein Kerl. Meinst du da schaue ich genauer hin?”

Vivi grinste fies. „Mein süßer David, wann hast du schon mal genauer hingeschaut? Das tust du doch nie. Auch bei den Mädchen nicht.”

„Natürlich!”, rief David entrüst. „Und wie ich da hinschaue. Ich mach dich nur nicht immer darauf aufmerksam. Ich gu-”

„Erspar dir die Erklärungen. Ich beobachte dich. Glaube mir, du guckst nie.”

„Von mir aus. Aber Lehrer gucke ich gleich schon mal gar nicht an.”

„Weißt du, ich bin noch unschlüssig ob du schlicht schüchtern bist oder schwul”, grübelte sie, „oder beides.”

Fassungslos starrte David sie an und sprang auf. „Hast du sie noch alle?”

„Warum? David, was wäre so schlimm daran? Zumal er dich ansieht und nicht mich, also ist es egal, was ich will”, murmelte sie zum Schluss.

Mit roten Wangen schüttelte der Schüler vehement den Kopf. „Ich bin nicht schwul! Ich stehe nicht auf Kerle! Wenn du den Lehrer anmachen willst, dann tu das, aber halte mich da raus und nimm mich nicht als Vorwand.” David war so außer sich, dass er unbewusst die Fäuste ballte und heftig zusammenzuckte, als sein Name gerufen wurde. „Mr. Mason? Ich hätte hier schon mal zwei Blätter.”

„Schieben Sie sich ihre Blätter sonst wohin!”

„David!”, rief Vivi schockiert, doch der sprach weiter.

„Sie steht auf Sie. Und nur weil sie zu feige ist, sie selbst anzumachen, muss ich dafür herhalten. Nicht mit mir. Werdet glücklich, aber haltet mich aus der scheiß Nummer raus!” Ungeachtet dessen, das sie noch Unterricht hatten, schnappte er sich seinen Rucksack und rauschte wütend ab.

Völlig verwirrt und geschockt starrten Vivi und Carter ihm hinterher.

„Gut, Miss Rudolph, bitte klären Sie mich auf.”

Obwohl der Moment denkbar ungünstig war, konnte sie es nicht lassen. „Haben Sie das tatsächlich nötig?”

„Haha!”

„Tut mir leid. Aber die Vorlage war einfach klassisch. Was soll ich sagen? Ich habe die Vermutung geäußert, er könnte schwul sein. Das fand er wohl weniger komisch.”

Und Carter platzte mit dem Ersten raus was ihm durch den Kopf schoss: „Sie beide sind kein Paar?”

„Ein was? Paar? Mit David? NEIN!” Sie schüttelte heftig den Kopf. „Nein, ich habe den Eindruck, er hat noch nicht festgestellt, dass ich ein Mädchen bin. Zumindest sieht er mich so nicht an. Deswegen denke ich ja, dass er schwul sein könnte und da kommen Sie ins Spiel.”

„Bitte?” Obwohl er bei diesem Spiel nur zu gern dabei wäre, stand er auf dem berühmtesten Schlauch der Welt.„Wie meinen Sie das?”

„Oh, nun stellen Sie sich nicht dumm.”

Carter hob die Augenbrauen mit tadelndem Blick.

„Na, ist doch wahr. Hören Sie”, Vivi ging den Weg zum Bahnhof entlang, damit sie niemand hören konnte, ebenfalls ignorierend, dass sie noch Unterricht hatten. „Ich habe Ihren Blick gesehen. In der ersten Stunde. David hat Sie voll umgehauen. Und das tut er seit dem in jeder Stunde. Das müssen Sie nicht abstreiten. Das ist okay. Und ich bin wirklich überzeugt, dass David schwul ist.”

„Miss Rudolph, wenn Sie seine Freundin sind, sollten Sie ihm das nicht wünschen.”

Vivi schaute ihn verwirrt an. „Was? Habe ich mich so getäuscht und Sie sind ein Homohasser?”

Doch Carter schüttelte den Kopf. „Nein. Ganz im Gegenteil. Ich habe Homosexuelle immer unterstützt. Von daher weiß ich, wie schwer das Leben ist. Es gibt viele junge Menschen, die damit nicht gut klar kommen. Eben weil sie einem ständigen Kampf gegen Intoleranz ausgesetzt sind.”

„Gut. In diesem Punkt haben Sie sicher recht. Nur bringt es auch nichts, sich selbst zu verleugnen, nur weil ein paar Mistschweine glauben, schwule Jungs sind eine Krankheit. Das sind doch alles Arschlöcher!”, rief sie inbrünstig.

Unwillkürlich musste Carter grinsen. „Es ist schön zu wissen, dass Sie voll hinter ihm stehen würden. Aber wie kommen sie darauf, dass er schwul sein könnte?”, fragte er und zündete sich entgegen aller pädagogischen Prinzipien eine Zigarette an.

„Ich weiß es einfach. Es ist sein ganzes Verhalten. Und er interessiert sich null für Mädchen. Er schaut sie nicht mal an. Verstehen Sie? Und jetzt sagen Sie mir nicht, er befände sich noch in der Alle-Mädchen-sind-Doof-Phase. Dafür ist er definitiv zu alt!”

Wieder musste Carter lachen. „Ja, da haben sie wohl recht. Aber Miss-”

„Vivi”

„Gut, Vivi. Ich bin sein Lehrer. Sie sollten mich wirklich da raushalten.”

„Aber das geht ja nicht. Nun geben Sie es schon zu. Ich habe es ja gesehen.”

Seufzend schüttelte Carter den Kopf. „Ich werde gar nichts zugeben.”

Einen Moment schweigen beide, dann lächelte Vivi leicht. „Ein Partner würde ihm gut tun. Jemand der sich wirklich um ihn kümmert. Ich gebe mein Bestes, aber ich ersetze natürlich nicht den Liebenden, verstehen Sie? Er braucht mehr, als ich ihm geben kann.”

„Das trifft aber auch auf mich zu und Sie wissen das. Ich würde mich strafbar machen.”

Vivi sah ihn prüfend an. Kein Wort darüber, dass er nicht schwul sei. Nichts, das er an David nicht interessiert wäre. „Ist es manchmal nicht das Risiko wert? Und David ist volljährig. Wir sind im letzten Jahr. Ich weiß, dass David jedes Risiko wert ist.” Sie schaute ihm fest in die Augen, spürte Carters Standhaftigkeit bröckeln.

Und das Mädchen lag da gar nicht so falsch. Er wand sich innerlich. „Ich weiß, dass er die Nachhilfe dringend braucht. Und ich werde sie ihm geben. Mehr kann ich nicht für ihn tun.”

Für einen Moment wollte Vivi protestieren, wollte ihm noch einmal klar machen, dass David an seine Seite gehörte, doch Carters Blick ließ sie schweigen. Irgendwas sagte ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war.

Milch mit Bier

Als Carter am Abend seine Wohnungstür öffnete, war er total ausgelaugt. Das Gespräch mit Vivi ging ihm nicht aus dem Kopf und zudem lagen zwei Stapel Klausuren vor ihm, die korrigiert werden mussten.

Ein leises Maunzen ließ alle Gedanken sofort verschwinden. Er stellte seine Tasche ab und legte sich mitten im Flur auf den Bauch. Auf leisen Pfoten kam Lucky auf ihn zu, sein schwarzes Katzenkind, welches gerade erst sieben Wochen alt war.

Schnurrend umschmeichelte der Kleine sein Gesicht. Diesen kleinen Moment liebten sie beide und Carter war für niemanden auf der Welt bereit, ihn aufzugeben. „Na, mein Süßer. Was hast du den ganzen Tag gemacht, hm?” Er richtete sich auf, pflückte Lucky vom Boden hoch und ging in die Küche, wo er etwas Katzenmilch in Luckys Napf gab und sich selbst ein Bier nahm. Während der Kater seine Schnauze in die Milch steckte, streichelte er ihn abwesend.

„Ich habe dir doch von David erzählt oder?”

Lucky maunzte leise, als würde er ihm antworten.

„Ich gebe ihm jetzt Nachhilfe. Und ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist. Ich meine, was mache ich, wenn er neben mir sitzt. Ich möchte ihn dann so gern anlecken. Aber das darf ich nicht. Oh Mann … er riecht so gut. Du hast ja keine Ahnung, mein Kleiner.” Innerlich zerrissen nippte er an seinem Bier.

Er wusste, dass er David niemals mit der gleichen Strenge und Objektivität beurteilen könnte, wie den Rest seiner Schüler. Und eigentlich müsste er es melden und um Versetzung bitten. Damit wäre sein guter Ruf als Lehrer gerettet. Und er würde es auch tun, wenn er wüsste, dass er in Berlin bleiben könnte. Aber die Chancen waren gleich null.

Sein Blick fiel zu Lucky, der ihn mit Milch verschmiertem Köpfchen anschaute. „Was soll ich machen, hm? Ich darf nicht, aber ich will so gern. Mal unabhängig davon, dass ich seit einer Ewigkeit keinen Sex mehr hatte.”

Nach zwei Bieren und einer langen Dusche, nahm er sich sein Telefon und bestellte eine riesige Pizza. Entgegen aller Vernunft legte er die Klausuren beiseite und erstellte David stattdessen einen Lernhefter, in den er verschiedene Arbeitsblätter zu allen wichtigen Themen einheftete.

Am liebsten würde er gleich zu ihm, aber nach allem, was passiert war, würde er ihm bestenfalls nur die Tür vor der Nase zuschlagen. Allerdings stand er auf und schaute in seinem Klassenordner nach dessen Adresse. Da er sich in Berlin noch nicht auskannte, googelte er, wo David wohnte. Erstaunt stellte er fest, dass sie nur wenige Straßen auseinander wohnten. Die Welt war echt ein Dorf. Sollte er noch einen kleinen Spaziergang machen?

Ohne darüber nachzudenken, zog er seine Schuhe an und nahm Lucky auf den Arm. „Ich geh noch ein wenig raus. Sei schön lieb.” Er küsste den Kleinen auf die Nase, setzte ihn ab und ging los. Er würde nicht klingeln. Wie sollte er das auch den Eltern erklären? Nein, er würde nur mal schauen.

 

David hatte auf den Rat seiner besten Freundin gehört und befand sich in einer handfesten Auseinandersetzung mit seinen Eltern. „Das sind eure Kinder! Nicht meine, verdammt!”

„Und deine Geschwister”, gab Ralph Mason laut zurück.

„Prima. Macht mich das automatisch zu ihrem Babysitter? Wohl kaum. Ich bin achtzehn. Ich will auch mal raus.”

Seine Eltern schauten ihn verwirrt an.

„Raus? Wohin denn raus?”, fragte Ralph.

„Was weiß denn ich?”, brüllte David. „Eben raus. Zu Vivi.” Er war sauer auf seine Freundin, ja. Aber seine Eltern kotzten ihn mehr an.

„Hast du gewusst, dass ihre liebe Mutter ziemlich gewöhnlich ist? Sie nimmt, wen sie kriegen kann. Das ist nun wirklich kein Umgang für dich”, schimpfte Maya Mason und schaute ihn in einem nachtschwarzen Kostüm angewidert an. Mit solchem Pack sollte ihr Sohn verkehren? Niemals, das wüsste sie zu verhindern.

David lachte trocken auf. „Kann schon sein, Mama. Aber sie weiß, im Gegensatz zu dir, wenigstens wie man verhütet. IMMERHIN IST VIVI EIN EINZELKIND!”, spukte er seinen Eltern brüllend vor die Füße.

Zornig stürmte er ohne Schlüssel und Jacke aus dem Haus, ohne darauf zu achten, dass er vielleicht nicht allein auf dem Gehweg sein könnte. Mit Anlauf rannte er Carter komplett über den Haufen, denn der hatte gar nicht so schnell reagieren können.

„Fuck pass doch auf, verdammt!” Er schaute auf in Carters blaue Augen. „Was wollen Sie denn hier?”, fauchte er ungehalten. Seinen Lehrer jetzt zu sehen, ließ ihn beinahe platzen.

Carter saß, so wie David mitten auf dem Bürgersteig auf seinem Hintern. Mit flammend rotem Gesicht starrte er David an. Er hatte schon bewusst vor dem Haus gestanden, aber nicht gewartet. Als er das Gebrüll gehört hatte, wollte er eigentlich weiter gehen, doch irgendwie waren seine Füße wie festgewachsen gewesen.

Schnell standen beide auf.

„Ich … ich wollte nur … also …”

„Was? Was wollten Sie? Lauschen? Ja, schön spannend was? Tolle Familie habe ich!”

„David, du kommst sofort wieder rein!”, brüllte sein Vater plötzlich von der Haustür aus.

„Super. Das hat jetzt die ganze Straße gehört, Papa. Bin stolz auf dich.” Wenn David entscheiden musste zwischen seinen bekloppten Eltern und seinem nervenden Lehrer, zog er letzteren definitiv vor. „Gehen wir was trinken?”

Carter kam im gar nicht erst auf die Idee, ihn darauf hinzuweisen, dass David sein Schüler war. Er nickte nur und ging los.

David folgte ihm und als sie außerhalb der Sicht seiner Eltern war, blieb er stehen. „Sorry. Ich wollte Sie nicht mit reinziehen. Schönen Abend noch“, sagte er und ging allein weiter.

Kurz zögerte Carter, doch dann folgte er ihm. „Mr. Mason, warten Sie kurz.”

„Warum? Der Tag war beschissen genug. Ich habe keine Lust mehr.”

„Hm okay, das versteh ich. Aber ich finde, Sie sollten jetzt nicht allein sein. Ich begleite Sie besser.”

„Und wenn ich das nicht möchte? Sie sind mein Lehrer. Und darauf habe ich gerade keinen Bock!”

„Sie werden lachen … David”, betonte er den Vornamen, „Ich bin auch ein Mensch. Ein Mann. Ich bin Carter. Hi.”

David schaute ihn einen Moment an. „Hi Carter. Gehts dir gut?”, fragte er frech.

Unwillkürlich musste Carter lachen. „Ja, im Moment schon. Und dir?”

Ein Lächeln huschte über Davids Gesicht. „Ich habe kein Geld bei. Du zahlst.”

„Ich hab’s geahnt.” Er grinste. „Aber nur eins!”

„Hey! Bist du gerade Carter oder mein nervender Lehrer?”

Carter zwickte ihm ohne zu überlegen in den Nacken. „Sei nicht so frech.”

„Gewöhne dich dran. So bin ich.”

„Abwarten. Das gewöhne ich dir noch ab.”

David lief einen Moment rückwärts. „Glaubst du, du kannst mich ändern?” Er schaute ihn herausfordernd an und Carter überlegte ob David sich bewusst war, dass sie flirteten.

David dachte gar nicht darüber nach. Irgendwie fühlte er sich gerade mal richtig wohl. In einer kleinen Kneipe suchte er einen Platz in einer Ecke und setzte sich.

Auf dem Weg zu David rief Carter dem Wirt zu: „Zwei Bier und eine Milch.”

Wenn der Wirt irritiert war, ließ er es sich nicht anmerken. Doch David lachte laut. „Du bist vielleicht blöde!”

Carter grinste und setzte sich. „Das ist mein wahres Ich. Du hast mich enttarnt. Jetzt muss ich dich leider in Gefangenschaft nehmen.”

Noch immer lachend nickte David. „Und wo findet die Gefangenschaft statt? In deinem Keller?”

„Wenn du dahin willst, haben wir ein Problem. Ich habe nur eine Abstellkammer.”

„Och nö. Das ist mir zu eng. Noch andere Vorschläge?”

„Einige. Aber die willst du nicht hören. Vertrau mir“, sagte Carter leise, ohne ihn anzuschauen.

Kurz runzelte David die Stirn. So ganz verstand er es nicht. Aber er schwieg, während der Wirt nur zwei Biere brachte.

Die plötzliche Stille war Carter fast unangenehm. Er trank einen Schluck und drehte dann sein Glas auf dem Tisch.

„Hatte Vivi recht?”, fragte David plötzlich.

Carter schaute auf. „Womit?”

„Dass du … na ja sie sagte, du hättest mich … Also … Bist du schwul?”

Carters Blick wurde stechender. „Ich habe dich was?”

„Angesehen. Anders anscheinend … keine Ahnung.”

„Hm.” Mehr wusste Carter nicht zu sagen.

„Hm was? Ja oder nein?”

„Du bist mein Schüler. Es tut also nichts zur Sache, was ich bin oder nicht bin, richtig?”

„Wenn Sie es sagen”, knurrte David.

Und schon war Carter wieder nur der Lehrer. „Oh, verstehe. Keine Antwort und schon gehen wir wieder auf Distanz. Toll, David.” Carter war enttäuscht und nicht in der Lage diesen Umstand zu  verbergen. Er schaute David nicht mal an.

„Ich gehe nicht auf Distanz. Aber was soll ich denn machen?”

„Was du machen sollst? Woher soll ich das wissen? Scheiße!”, fluchte Carter. Dann musterte er sein Gegenüber. „Ja bin ich.” Er schluckte. „Ich bin schwul. Du bist es nicht und zudem mein Schüler. Es tut wirklich -”

„Lass doch mal die Schülerscheiße stecken. Das wissen wir beide. Interessiert doch keinen.”

„Nicht? Gut. Und was ist mit dem anderen?”

„Was meinst du?”

„Na ja, dass du nicht schwul bist. Das waren doch deine Worte heute Mittag.”

Seufzend drehte David nun sein Glas auf dem Tisch. Er glaubte, nicht schwul zu sein. Andererseits war er so unberührt wie man nur sein konnte. Woher sollte er es also wissen? Er hatte ja nicht mal darüber nachgedacht. Bis Vivi es ausgesprochen hatte, war das Thema nie aufgekommen. „Woran hast du es gemerkt?”

Carter lächelte. „Als ich fünfzehn war, wollte mein bester Freund wissen, wie Küssen ging. Ich war im ersten Moment total geschockt. Immerhin war das ein Kerl. Er hat damals einen ganzen Abend auf mich eingeredet. Es war irgendwie unglaublich, aber das alles … die Gespräche, die Atmosphäre … alles ist immer intimer und ruhiger geworden. Irgendwann haben wir nebeneinander auf dem Bett gesessen und uns angeschaut. Sean war süß. Er hat mich dann einfach geküsst. Diese Nacht gehört noch heute zu meinen Schönsten überhaupt. Wir haben die ganze Nacht bis morgens um sechs nebeneinander gelegen und uns geküsst.“

Abwartend musterte ihn David, doch als Carter nicht weiter sprach, hakte er nach: „Was ist aus ihm geworden?”

Carter legte den Kopf schief und lächelte. „Er ist immer noch mein bester Freund. Er ist Sportlehrer in London.” „London. Das ist weit weg. Fehlt er dir?”

„Na klar! Was denkst du?”, grinste Carter „aber wir telefonieren viel. Und in den Ferien fliege ich nach Hause.”

„Also hat er dich schwul gemacht.”

Carter konnte nicht anders, als lachen. „Entgegen weitläufiger Meinung ist Homosexualität nicht ansteckend. Man kann nicht schwul gemacht werden. Man ist es oder man ist es nicht. Im Nachhinein war ich es schon immer, nur wusste ich es in der Nacht noch nicht. Sean und ich haben ein Jahr lang in halb London herumprobiert, dann traf ich Theo. Er war toll. Aber es hat nicht lange gehalten. Zwei Jahre glaube ich. Sollte nicht sein.” Er zuckte mit den Schultern.

„Hast du es nie mit einem Mädchen ausprobiert?”

„Nur küssen. War nicht so toll. Was ist mit dir?”

David wurde rot. „Was soll mit mir sein?”

„Na ja … hast du es denn schon mit einem Mädchen ausprobiert?”

David antwortete nicht, doch in dem Moment, als Carter nachhaken wollte, schüttelte er den Kopf. „Nein. Noch nie.”

Carter nickte langsam. „Also kannst du noch nicht wissen, ob du schwul bist.”

„Theoretisch nicht, das stimmt. Allerdings … na ja sollte man nicht trotzdem irgendwas fühlen? Keine Ahnung … Anziehung oder so etwas? Einen Mann schön finden, zum Beispiel?”

Carter konnte nicht verhindern, das er etwas in sich zusammensackte. „Vielleicht. Ich hatte damals auch nichts gefühlt. Sean hat mir im Grunde gezeigt, was ich eigentlich will. Manchmal weiß man das vorher nicht.”

David dachte nach. Ja vielleicht hatte Carter ja recht. Aber sollte er deswegen mit seinem Lehrer knutschen? Er warf einen Blick auf die Uhr. „Ich sollte nach Hause. Ich habe keinen Schlüssel. Sonst stehe ich vor der Tür.”

Obwohl Carter es besser wusste, reagierte er instinktiv. „Du kannst auch bei mir schlafen.” Erschrocken über sich selbst hob er die Augenbrauen.

Und anders als erwartet, reagierte David: „Wo wohnst du denn?”

Beide schauten sich verunsichert in die Augen und sprachen dann gleichzeitig.

„Ich sollte nach Hause.”

„Das geht nicht.”

„Ja.” David biss sich auf die Lippe.

„Ich wohne in deiner Nähe.” Während er sprach, schrieb er auf eine Serviette seine Adresse. „Wenn du wieder flüchtest und jemanden zum Reden brauchst …” Er schob das Papier über den Tisch.

„Danke.” David steckte es ein und musterte sein Gegenüber. „Also, ich werde dann mal los.” Er stand auf, genauso wie Carter.

Der bezahlte und gemeinsam gingen sie schweigend durch die dunklen Straßen. „Worüber hattet ihr denn Streit, wenn ich fragen darf?”, wollte Carter schließlich wissen.

D

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lehrerliebling" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen