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Lehren kompakt II

  VORWORT

Die Schul- und Unterrichtsforschung hat in den letzten Jahren eine Vielzahl von Erkenntnissen zu Bedingungen und Merkmalen eines guten Unterrichts hervorgebracht. Unterdessen liegt eine kaum mehr überblickbare Fülle von empirisch gestützten Erkenntnissen vor, die aufzeigen, welche Unterrichtsmerkmale einen positiven Effekt auf die fachlichen und überfachlichen Leistungen von Schülerinnen und Schülern ausüben. Als unbestritten gilt dabei, dass sich ein guter, lernwirksamer Unterricht durch einen hohen Anteil von Lernaktivitäten der Schülerinnen und Schüler auszeichnet und dass die Lehrperson diese Prozesse fachkundig begleiten muss.

Was mitunter zuwenig bedacht wird: Wenn diese Erkenntnisse die Unterrichtsgestaltung positiv beeinflussen sollen, müssen sie zunächst Eingang in das individuelle Denken und Handeln von Lehrpersonen finden. Dabei müssen mindestens zwei Anforderungen beachtet werden:

  • Es braucht ein ganzheitliches und praktikables Unterrichtskonzept, das der Komplexität der Praxis gerecht wird. Dieses muss den aktuellen Stand des didaktischen und pädagogischen Wissens aufnehmen und verfügbar machen, gleichzeitig aber auch dort reflektierte Hilfestellungen anbieten, wo noch keine gesicherten Forschungsergebnisse vorliegen.

  • Das neue Wissen zum Lehren und Lernen muss in das Erfahrungswissen der Lehrpersonen integriert werden können – andernfalls wird es in aktuellen Handlungssituationen nicht verfügbar sein. Mit anderen Worten: Das neue Wissen muss «anschlussfähig» sein; vor allem muss es auf den speziellen beruflichen Kontext und auf praxisorientierte Fragestellungen ausgerichtet sein.

Das vorliegende Buch von Ruth Meyer erfüllt diese Ansprüche in einer vorbildlichen Art und Weise: Es basiert auf einem Unterrichtsverständnis, das die Lernaktivitäten der Lernenden und die Lernbegleitung durch die Lehrpersonen ins Zentrum rückt. Dabei liegt eine umfassende Sichtweise zugrunde, die auch pädagogische Aspekte (Erziehungsaufgaben des Unterrichts) sowie die Voraussetzungen des Lehrens und Lernens in die Reflexion einbezieht. Gleichzeitig ist das Bemühen um Anschlussfähigkeit des pädagogischen und didaktischen Wissens durchwegs spürbar: Dies zeigt sich einerseits in einer gut verständlichen Sprache, anderseits aber auch in den vielen praxisbezogenen Beispielen sowie in der starken Akzentuierung auf die Praxisfrage «Wie macht man das?» (Methodenwissen, praxisbezogenes Know-how). Und was das besondere Verdienst dieses Werks ist: Die Überlegungen sind ausgerichtet auf das anspruchsvolle Praxisfeld der Lehr- und Lernarbeit mit Jugendlichen.

Ein Buch, das Mut macht, die eigene Praxis zu überdenken, und das dazu anregen kann, neue Formen des Lehrens und Lernens in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen anzupacken und zu erproben.

Aarau, Januar 2011

Prof. Dr. Norbert Landwehr, Pädagogische Hochschule FHNW

I. Teil

Erziehungsaufgaben im Unterricht

1   WAS IST MIT DEN JUGENDLICHEN LOS?

Sagst du es mir, so vergesse ich es.

Zeigst du es mir, so merke ich es mir vielleicht.

Lässt du mich teilhaben, so verstehe ich es.

Chinesisches Sprichwort

Ausgangslage

Im Jahre 2003 haben in der Schweiz 85 390 16-Jährige die obligatorische Schulpflicht erfüllt. 62 290 (73 %) begannen eine Betriebslehre, gut 15 000 (18 %) besuchten weiter in Vollzeit eine Schule. Rund 7500 (9 %) Jugendliche hatten noch keine entsprechende Lösung gefunden (3). Lehrpersonen, die in Zwischenlösung, Brückenprojekt, Schule oder Berufslehre ausbilden, können nicht davon ausgehen, dass in ihren Klassenzimmern ausschliesslich Lernende sitzen, die hoch motiviert sind, genau wissen, was sie wollen, und zielgerichtet aus dem Bildungsangebot herausholen, was sie brauchen. Denn diese 16- bis 18-Jährigen sind zwar keine Kinder mehr, aber auch noch keine Erwachsene. Um erwachsen zu werden, müssen sie noch ihre Selbst- und Sozialkompetenzen erweitern und ihre eigene Identität entwickeln.

16-Jährigen begegnen wir als Ausbildende im Wesentlichen in drei Umfeldern: in Maturitätsschulen denjenigen, die sich auf die Universität vorbereiten; in Berufsfachschulen und innerbetrieblichen oder überbetrieblichen Ausbildungsstätten denjenigen, die eine Lehrstelle gefunden haben bzw. ein Fähigkeitszeugnis anstreben. In Brückenangeboten schliesslich begegnen wir denjenigen Jugendlichen, die weder eine Lehrstelle noch sonst einen Ausbildungsplatz gefunden haben.

Wie erleben nun Lehrpersonen diese Jugendlichen zwischen 16 und 18?

In meiner eigenen Lehrtätigkeit, in der ich Lehrpersonen in der Erwachsenenbildung methodisch-didaktisch weiterbilde, fallen mir immer wieder die Berufsbildungsverantwortlichen auf. Sie haben ganz andere Fragestellungen als Lehrpersonen von Erwachsenen, sie wirken jugendlicher und sind kreativer. Und bei meinen Beobachtungen in verschiedensten Unterrichtssituationen habe ich bei Jugendlichen den lebendigsten, aber auch den mit am meisten Störungen durchsetzten Unterricht erlebt und immer wieder gestaunt, mit wie viel Humor, Schlauheit und Empathie die Lehrpersonen agieren, um die Jugendlichen, die oft schwerer zu hüten sind als ein Sack Flöhe, zu Lernleistungen zu motivieren und bei der Stange zu halten. Oft handelt es sich um Lehrpersonen, die lange Erfahrung mit Jugendlichen mitbringen, selbst erwachsene Kinder haben oder dem Jugendalter noch nahe stehen und deshalb die Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Jugendlichen mehr oder weniger intuitiv begreifen.

Persönlich habe ich von meinen eigenen drei Kindern erfahren, dass sie die Ausbildung nicht immer positiv erlebt haben. Im schlechteren Falle wurden sie weiterhin wie Kinder behandelt, obwohl sie längst keine mehr waren. Im besseren Falle begegnete man ihnen wie «kleinen» Grossen, obwohl sie das erwachsene Lernverhalten noch nicht beherrschten. Im besten Falle fanden sie warme, begeisterte und empathische Lehrmeister und Ausbilder, die ganz genau unterschieden zwischen Schule und Erwachsenenbildung und die Jugendlichen sorgfältig durch das Niemandsland dazwischen führten.

Jugendliche machen Schlagzeilen

Jugendliche und Alkohol: Bis zu vier Vergiftungen pro Tag

Familienprobleme haben zugenommen

Verteidigungskurse für Lehrerinnen

Polizeischutz für Schule

Essstörungen vermehrt auch bei Männern

Bande von Jugendlichen aufgeflogen

Jugendgewalt nimmt zu

Gewaltszenen auf dem Handy gefilmt

Schuldenprävention als Schulfach an den pädagogischen Hochschulen?

Dies sind Schlagzeilen, die so oder ähnlich in den Tageszeitungen zu finden

waren. Lehrpersonen von Jugendlichen könnten die Liste beliebig ergänzen:

Schlägerei in Berufsfachschule: Ein Lehrer verletzt

Tumult bei der Rückgabe der Prüfungen

Selbstmord eines Schülers

Prüfungen aus Lehrerzimmer geklaut

Schon wieder ein Schulverweis

Was ist mit den Jugendlichen los?

Offenbar sind Jugendliche speziell. Lehrpersonen klagen über aggressive, schlagende oder hyperaktive Jugendliche, für die Regeln nur dazu da seien, gebrochen zu werden. Es ist gut möglich, dass die Jugendlichen früher in der Ausbildung weniger Probleme machten. Wahrscheinlich ist, dass Veränderungen in den Familien und in der Gesellschaft damit zu tun haben.

Jugendliche spielten früher in Gemeinschaften und Kulturen eine wichtige Rolle. Sie galten lange Zeit als unverbrauchte Kräfte, die als Arbeitskräfte die alternden Eltern und die verlorenen Soldaten ersetzten oder selbst als Kanonenfutter in den Krieg zogen. Wenn sie heutzutage in den Medien auftauchen, dann im Zusammenhang mit Gewalt, ungesetzlichem Verhalten, als Störer der öffentlichen Ordnung oder Kostenfaktor in der Berufswelt. Für die Werbung dagegen sind Jugendliche als Zielgruppe interessant. Als zahlende Konsumenten werden sie umworben und beworben in einer Art und Weise, die sich für die Jugendlichen selbst kaum durchschauen lässt. Dass Jugendliche exzessiv Computerspiele machen, über ihr Budget hinaus konsumieren und den Versuchungen der Massenmedien und Werbung erliegen, ist daher absolut kein Wunder.

Der Berufseinstieg gestaltet sich für viele Jugendliche schwieriger als früher, langfristige Perspektiven und Sicherheiten fehlen oft. Die Berufsfindung ist ein langer Weg, der über Umwege, Denkpausen, Abbrüche und Standortbestimmungen sehr individuell verläuft. Jugendliche zwischen 16 und 18 sind unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt, mit denen sie nicht immer umzugehen wissen. Getrieben von kurzfristigen Interessen und Neigungen, finden sie sich behindert oder gefördert von der sozialen und ökonomischen Stellung ihrer Eltern und den Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt.

Im Jahre 2001 befanden sich bis zu 25 % der Jugendlichen in einer Zwischenlösung, einem Brückenprojekt oder ohne Lösung nach der obligatorischen Schule (4). Dieser Anteil dürfte sich seither etwas verringert haben, da inzwischen auch in Berufen, in denen die Jugendlichen früher mindestens 18 Jahre alt sein mussten bei Beginn der Ausbildung, nun 16-Jährige mit der Ausbildung beginnen können (pflegende und soziale Berufe). Nichts geändert hat sich aber an der Tatsache, dass signifikant mehr Jugendliche in Brückenprojekten aus tieferen sozialen Schichten stammen. Auch ist der Anteil Jugendlicher mit einer eher geringen Lesekompetenz in Zwischenlösungen deutlich höher als in derselben Altersgruppe allgemein. Von diesen Jugendlichen wird erwartet, dass sie alles daran setzen, den beruflichen Anschluss zu finden.

Neuere Zahlen konnten keine gefunden werden, da die Schulabgänger nicht separat und systematisch erfasst werden. Immer noch mangelt es aber an Lehrstellen, und die Jugendlichen sollen diejenigen Berufe lernen, für die es Lehrstellen gibt, und nicht diejenigen, die sie herausfordern und reizen. Ständige Reformen und Veränderungen verunsichern Ausbildende und Auszubildende. Von den Auszubildenden wird verlangt, dass sie sich trotz allem mit ihrem Beruf identifizieren und sowohl theoretisch als auch praktisch Bestleistungen bringen. In der Berufswelt werden Jugendliche aktuell überwiegend als finanzielle Last empfunden. Einzig in den Bereichen moderne Technologien, Grafik und Medien bzw. Kunst oder Sport können Jugendliche eigenständig erfolgreich sein.

Aber auch abgesehen von Schule und Beruf finden nur wenige Jugendliche eine «sinn»-volle Stellung in der Gesellschaft. Über das Engagement in einer Jugendorganisation oder einem Verein, über Musik, Kultur oder Sport gelingt das noch am ehesten. Überhaupt nicht mehr gebraucht wird im Allgemeinen die Mithilfe im elterlichen Betrieb oder Haushalt, viele Jugendliche fühlen sich eher im Weg als nützlich. Dass Jugendliche kleine Arbeiten übernehmen (Ferienjobs, Zeitungenaustragen usw.), wird gesetzlich immer weiter eingeschränkt. Auch werden Jugendliche z. B. in Vereinen vermehrt ausgegrenzt. Eine Durchmischung ist hier nicht mehr gefragt, die Jugendgruppen werden von den Erwachsenengruppen getrennt. Dadurch entfallen viele Interaktionen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen in der Freizeit, und die Jugendlichen decken ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit ab, indem sie sich zufälligen Gruppen Gleichaltriger anschliessen. Hier erproben sie ihre Stärke und finden Möglichkeiten zur Einflussnahme in gefährlichen und/ oder herausfordernden Aktionen in der Nähe von Delinquenz oder Gewalt, um der Langeweile und der Sinn- bzw. Nutzlosigkeit zu entgehen.

Besonders akzentuiert stellen sich die geschilderten Probleme für ausländische Jugendliche. Ihnen wird jegliche Hoffnung auf Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme schon früh genommen, indem ihnen klar gemacht wird, dass sie nicht zu unserer Gemeinschaft gehören und auch nie an Abstimmungen teilnehmen können, auch wenn sie kein anderes Zuhause kennen als ihre Wohngemeinde. Rassistische, fundamentalistische und gegen die Gemeinschaft gerichtete Denkweisen fallen auf fruchtbaren Boden, wenn Jugendliche einen Ort suchen, wo sie gehört werden, dazugehören und etwas bewirken können. Entsprechende Gruppierungen ziehen heimatlose oder nicht integrierte Jugendliche magisch an. Auf den Umgang mit ausländischen Jugendlichen und ihre Integration ist deshalb besonders zu achten.

Ein paar Zahlen zur Situation der Jugendlichen in der Schweiz

  • Etwa 30 % der Jugendlichen kommen gut mit ihren Eltern aus (5).

  • Etwa ein Drittel der Eltern fühlt sich von ihren Kindern überfordert.

  • 72 % der 20-jährigen Männer haben Körperstrafen erlebt (6).

  • Ungefähr 5 % der weiblichen Jugendlichen sind übergewichtig, und etwa 15 % leiden an Untergewicht. Bei den männlichen Jugendlichen sind 8 % übergewichtig und 10 % untergewichtig. Viele der untergewichtigen Jugendlichen finden sich selbst immer noch zu dick (7).

  • 92 % der 12- bis 25-Jährigen haben schon einmal Alkohol getrunken, rund ein Viertel der 15-jährigen Deutschen raucht täglich (2a).

  • Mehr als ein Drittel der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren praktiziert regelmässiges Rauschtrinken, wobei mindestens fünf Gläser nacheinander getrunken werden (2a).

  • Das Einstiegsalter für Cannabiskonsum liegt im Durchschnitt bei 16,7 Jahren, rund ein Viertel der 12- bis 25-Jährigen hat Erfahrung mit Cannabis (2b).

Jugendgewalt (bei 16- bis 18-Jährigen) ist im Kanton Solothurn zwischen 2004 und 2006 stabil geblieben bei 111 bzw. 113 Verfahren. Verfahren wegen Eigentumsdelikten haben zugenommen von 300 auf 346. Es handelt sich bei den Tätern fast ausschliesslich um männliche Jugendliche (8).

Ungefähr 20 % der Jugendlichen überwinden die Pubertät nicht problemlos, sondern weisen grössere Störungen auf. Diese Störungen führten in Deutschland 2005 zu täglich mindestens drei Suiziden von Kindern und Jugendlichen, die Dunkelziffer ist unbekannt, denn oft wird ein Suizid als Unfall dargestellt (2b).

Es wird geschätzt, dass 2006 jeder vierte schweizerische Jugendliche verschuldet ist (die durchschnittliche Verschuldung Jugendlicher beträgt rund 500 Franken pro Kopf) (9).

5 % der Deutschschweizer Jugendlichen sind kaufsüchtig, und bis zu 48 % neigen zu unkontrollierten Käufen (10).

Bis zu 14 % der unter 18-Jährigen in der Stadt Basel sind auf Sozialhilfe angewiesen – in dieser Altersgruppe ist der Anteil von Sozialhilfeempfängern doppelt so hoch wie in der Basler Gesamtbevölkerung (11). Die Stadt liegt damit in der Schweiz an der Spitze, aber dasselbe Problem stellt sich überall: Die Wahrscheinlichkeit, als junge Menschen von Armut betroffen zu werden, wächst rasant.

Fazit

Die Situation der Jugendlichen ist komplex. Die hohen Leistungsansprüche seitens der Berufswelt und die Beeinflussung durch die Medien, zusammen mit sich stark verändernden Familienstrukturen, führen häufig zu persönlichen Krisen, die sich in auffälligem Verhalten in Schule und Öffentlichkeit äussern. Lehrpersonen von Jugendlichen sind besonders herausgefordert, weil sie den Jugendlichen in einer Altersphase begegnen, da diese sich in ihrer Abgrenzung von den Erwachsenen oft provokativ benehmen und trotzdem viel Unterstützung und Gesprächsbereitschaft brauchen. Statt Jugendliche an der Erwachsenenwelt teilhaben zu lassen, werden sie oft ausgegrenzt und ausgenutzt.

2   WOMIT JUGENDLICHE BESCHÄFTIGT SIND

Man kann einen Menschen nichts lehren,

man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.

Galileo Galilei

Jugendliche um 16 sind körperlich zwar erwachsen, aber nicht geistig-seelisch. Sie sind damit beschäftigt, die eigene Entwicklung in Richtung Identität und Persönlichkeit voranzutreiben und sich in der Gemeinschaft mit anderen zurechtzufinden. Die Entwicklungspsychologie spricht von Entwicklungsaufgaben, die die Jugendlichen zu leisten haben. Der erste Abschnitt des Kapitels beschäftigt sich mit diesen Entwicklungsaufgaben, die im Wesentlichen die Herausbildung einer Identität und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper beinhalten und ausserdem mit Abgrenzung und Kooperation zu tun haben. Im zweiten Abschnitt geht es um das jugendliche Lernen und im dritten schliesslich um die Kooperation der Jugendlichen mit der Schule/Ausbildung.

ENTWICKLUNGSAUFGABEN

Mit dem Eintritt in die (Vor-)Pubertät verlieren Kinder ihre Natürlichkeit und Unbeschwertheit. Sie werden sich ihrer selbst bewusst und stellen alles in Frage: den eigenen Körper, die eigene Intelligenz, die eigenen Gefühle, die eigenen Werte, die Vorlieben und Abneigungen. Bis dahin war das Kind das, was die Erwachsenen in ihm gesehen und von ihm erwartet haben. Nun wehrt es sich zunehmend gegen diese Definition von aussen.

Um ein neues, eigenes Selbst auszubilden, braucht es einen langen Prozess von Auflehnung, Reibung, Suchen und Finden. Auf dieser Suche werden die engsten Bezugspersonen harten Belastungen und Tests ausgesetzt: «Leben diese wirklich die Werte, die sie immer predigen? Sind sie echt? Lieben sie mich, weil ich brav bin, oder lieben sie mich auch, wenn ich so bin, wie ich bin? Wie weit lassen sie mich gehen? Wo ziehen sie Grenzen? Sind sie gerecht?» Ausbilder sind von diesen Tests nicht ausgenommen. In der stetigen Auseinandersetzung bilden die Jugendlichen ihre eigene Identität aus, entwickeln Selbstvertrauen und lernen, sich zu behaupten. Die Jugendlichen brauchen es dringend, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt und ihre sich formende Persönlichkeit ernst nimmt.

Die folgenden vier Entwicklungsaufgaben stehen bei Jugendlichen, die die Vorpubertät hinter sich haben und mindestens 16 Jahre alt sind, im Vordergrund:

  • die Bildung einer eigenen Identität,

  • den eigenen Körper bewohnen lernen,

  • einen individuellen Umgang mit der Sexualität entwickeln,

  • Selbst- und Sozialkompetenzen weiterentwickeln.

Die Bildung einer eigenen Identität

Identität bedeutet: Ich habe ein stimmiges und zusammenhängendes Bild von mir selbst. Ich kenne meine Stärken und Schwächen. Jugendliche stellen sich folgende Fragen oder Varianten davon oft: «Wer bin ich?» – «Was werde ich sein?» – «Wie will ich sein?» – «Warum bin ich so?» – «Was wäre, wenn es mich nicht gäbe?»

Zu diesen Fragen gehören natürlich die Selbstzweifel und auch die Frage, wie widersprüchlich jemand überhaupt sein kann und darf. Gefundene Bausteine einer eigenen Identität werden gerne zur Abgrenzung nach aussen demonstrativ gezeigt – in Kleidung, Frisur, Verhalten und Einstellungen. Es wird immer wieder erprobt, wie sicher diese Abgrenzung zwischen innen und aussen gelingt, welches Selbst man zur Schau tragen will und wie man auf die andern wirkt. In dieser Phase der Unklarheit über die eigene Person, ihre Stärken und Ausprägungen sind Jugendliche sehr empfindlich und verletzbar. Sie ziehen sich zurück und reagieren harsch auf Urteile von Personen, zu denen sie kein Vertrauen haben. Bei männlichen Jugendlichen kann dies zu einem aggressiven Gegenangriff führen.

Identität wird durch die Spiegelung in anderen geformt. Indem Jugendliche sich mit Gleichaltrigen vergleichen, Gespräche mit Vertrauten pflegen und ihre Wirkung auf andere testen, bauen sie ihr Selbstbild auf. Dadurch reifen die eigene Wahrnehmung und das Bewusstsein für die eigene Ausstrahlung, aber auch der Wunsch, das eigene Selbst nach aussen zusammenhängend zu vertreten und zu verteidigen. Wenn Jugendliche motzen: «Ich bin gar nicht so, wie du denkst», dann steckt dahinter eine grosse Arbeit an sich selbst, nämlich das Entdecken der eigenen Identität und deren Verteidigung.

Lob und Kritik wirken wesentlich stärker auf die Jugendlichen, als wir gemeinhin annehmen. Auch wenn sie gut gemeint sind, kommen sie nicht immer in diesem Sinne an. Da Jugendliche sehr empfindlich sind, können sie sehr gekränkt reagieren und erinnern sich oft Jahrzehnte später noch daran, wie sie verletzt worden sind. Mit Lob kann ein Jugendlicher in eine Richtung gelenkt werden, ohne dass die Lehrperson das selbst merkt. Als Lehrperson sollte man sich deshalb auch der prägenden Wirkung von Lob bewusst sein und ehrlich und angemessen loben. Falsches Lob, aber auch übersteigerte Kritik oder abwertendes Verurteilen erschweren es dem Jugendlichen massiv, zu einer realistischen Selbsteinschätzung zu kommen. Und eine realistische Selbsteinschätzung der eigenen Stärken und Schwächen macht eine starke Identität aus.

Identität wächst auch aus der Beschäftigung mit sich selbst, mit Biografien und Vorbildern. Jugendliche sollten ermuntert werden, Tagebuch zu führen, um sich selber besser kennen zu lernen.

Selbstvertrauen

Mit der eigenen Identität wächst das Selbstvertrauen. Selbstvertrauen heisst: Ich kann mich auf mich selbst verlassen. Ich traue mir zu, mit vielen Situationen umgehen zu können. Selbstvertrauen wächst an Erfolgserlebnissen, an der Wertschätzung, am Überwinden von Problemen und am Bestehen von Abenteuern. Da, wo der Jugendliche Erfolg erntet, traut er sich immer mehr zu, egal, ob das eine positive Leistung ist (ein Instrument spielen, etwas lernen) oder eine negative (andere einschüchtern, rauchen, grosse Risiken eingehen).

Selbstbehauptung

Selbstbehauptung heisst, sich selbst zu mögen und sich abgrenzen und durchsetzen zu können. In ihrem Bedürfnis nach Wertschätzung und Erfolg sind Jugendliche verführbar. Sie müssen lernen, Nein zu sagen zu dem, was nicht zu ihnen passt, und sich einzusetzen für das, was sie brauchen. Das erfordert Mut und Selbstvertrauen.

Der Druck auf die Jugendlichen ist enorm, jeder muss eine interessante Persönlichkeit sein. In einem Interview sagte eine Jugendliche: «Es ist schon ein Problem, weil man immer denkt: Die anderen sind viel schöner, gescheiter, beliebter …», und ein Jugendlicher: «Wegen dieses Leistungsstresses tauchen viele Jugendliche am Wochenende in eine andere Welt ab – weil sie die Realität nicht mehr ertragen.» Und: «Ich spüre den Perfektionsanspruch enorm», und: «Mich stresst ausserdem, dass man ständig glücklich sein muss.»

Jugendliche messen sich an den idealen Bildern der Werbung und an den Stars – und bekommen ständig gesagt, dass ihnen die Welt offen steht, wenn sie ...

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