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Lass die Sonne in dein Herz

Lucy Gordon

Lass die Sonne in dein Herz

1. KAPITEL

Das Foto auf dem Bildschirm zeigte einen ungemein gut aussehenden jungen Mann mit blondem Haar und strahlenden dunkelblauen Augen, der mit seinem unbekümmerten Lächeln im ganzen Raum gute Laune und Fröhlichkeit zu verbreiten schien.

„Oh“, seufzte Jackie, „den musst du dir ansehen!“

Della Hadley lächelte nachsichtig. Ihre Sekretärin war noch sehr jung und leicht zu beeindrucken. Sie selbst hingegen sah das alles etwas gelassener und distanzierter.

„Er sieht wirklich nicht schlecht aus“, gab sie zu.

„Nicht schlecht?“, wiederholte Jackie geradezu empört. „Er ist ein Traum von einem Mann!“

„Dazu gehört für mich mehr als nur ein attraktives Äußeres. Ich brauche einen Moderator, der die Materie kennt und sich nach Möglichkeit schon selbst einen Namen gemacht hat.“

„Della, du willst eine Fernsehserie produzieren, und deshalb ist es ungeheuer wichtig, wie er aussieht.“

„Er braucht kein schöner Jüngling zu sein, sondern sollte wie ein erfahrener und reifer Mann aussehen. Carlo Rinucci ist höchstens fünfundzwanzig.“

„Laut seinem Lebenslauf ist er dreißig“, entgegnete Jackie. „Er ist ein bekannter und bedeutender Archäologe.“

„Aber als Italiener taugt er nicht zum Moderator in einer englischen Dokumentarserie.“

„Die Serie spielt doch teilweise in Italien“, wandte Jackie ein. „Außerdem steht hier, dass er perfekt Englisch spricht. Du hast selbst gesagt, du müsstest die Serie weltweit verkaufen, wenn sie sich finanziell lohnen soll.“

Das stimmte. Als Produzentin von Dokumentarserien für das Fernsehen hatte Della sich mit ihrer eigenen Produktionsfirma einen ausgezeichneten Ruf erworben. Man riss sich geradezu um ihre Produktionen.

Sie betrachtete Carlo Rinuccis Gesicht genauer und gestand sich ein, dass viel dafür sprach, ihn zu engagieren. Er war nicht nur ungemein attraktiv, sondern wirkte auch durch sein Lächeln seltsam geheimnisvoll.

„Ich wette, wenn dieser Mann sein verführerisches Lächeln aufsetzt, kann ihm keine Frau widerstehen.“

Insgeheim gab Della ihrer Sekretärin recht, hütete sich jedoch, es laut auszusprechen. Sie war vorsichtig geworden und hielt sich bedeckt.

Aber auch sein Lebenslauf war beeindruckend. Ihr Assistent George Franklin hatte ihr die persönlichen Daten des jungen Mannes per E-Mail übermittelt und hinzugefügt:

„Lass Dich von seinem Alter nicht täuschen. Carlo Rinucci hat auf seinem Gebiet beachtliche Erfolge erzielt und zwei Bücher geschrieben, die in Fachkreisen Aufmerksamkeit erregt haben. Seine Meinungen klingen manchmal recht unorthodox, aber er leistet hervorragende Arbeit. Du solltest ihn kennenlernen und mit ihm reden, es lohnt sich.“

„Es lohnt sich, mit ihm zu reden“, sagte Della leise vor sich hin.

„Ich springe gern für dich ein, wenn du gerade keine Zeit hast“, schlug Jackie eifrig vor. „Ich könnte mit der nächsten Maschine nach Neapel fliegen und ein Vorgespräch mit ihm führen.“

„Wie nett von dir“, erwiderte Della belustigt.

„Heißt das, du hast ihn schon für dich reserviert?“

„Es heißt, dass ich die Sache ernsthaft prüfen werde“, erklärte Della ruhig und sachlich. „Erst dann entscheide ich, was meiner Meinung nach das Beste ist.“

„Ja, genau wie ich gesagt habe. Du hast ihn für dich reserviert.“

Della musste lachen. „Na ja, es muss ja auch Vorteile haben, die Chefin zu sein.“

„Im Ernst, wenn er die Serie moderiert, werden die Einschaltquoten in die Höhe schnellen. Alle ausländischen Fernsehsender werden sich um die Serie reißen. Du wirst noch bekannter und kannst dich vor Aufträgen dann nicht mehr retten.“

„Dann meinst du also, dass ich mit ihm zusammenarbeiten soll, um mein Ansehen zu erhöhen? Nein, vielen Dank, dazu brauche ich weder seine noch die Hilfe irgendeines anderen attraktiven Mannes, der die Frauen mit seinem Charme um den Verstand bringt, aber sonst nichts zu bieten hat.“

„Du weißt doch gar nicht, ob er …“

„Hast du vergessen, wie viel Uhr es ist?“, unterbrach Della sie. „Du solltest längst auf dem Nachhauseweg sein.“

Ehe Jackie das Büro verließ, warf sie noch einen sehnsüchtigen Blick auf den Bildschirm.

„Nimm dich zusammen“, forderte Della sie scherzhaft auf. „So wunderbar, wie du tust, ist er wirklich nicht.“

„Oh doch, das ist er.“ Jackie seufzte theatralisch, während sie hinausging und die Tür hinter sich zumachte.

Da Della ihre Firma von zu Hause aus leitete, sparte sie sich lange Wege. Sie genoss das Leben auf ihrem Hausboot, das auf der Themse in der Nähe von Chelsea lag. Es erinnerte sie daran, wie viel sie schon erreicht hatte, seit sie mit beinahe nichts angefangen hatte.

Obwohl es bereits sechs Uhr war, war ihr Arbeitstag noch lange nicht zu Ende. Wegen der Zeitverschiebung konnte sie erst jetzt ihre Geschäftsfreunde in Übersee erreichen. Sie streifte die Schuhe ab und machte es sich bequem.

Carlo Rinuccis Lächeln strahlte ihr immer noch vom Bildschirm entgegen, aber sie weigerte sich, sich davon ablenken zu lassen. Kurz entschlossen griff sie nach der Maus, um das Foto wegzuklicken, doch plötzlich zögerte sie.

Der Moderator, der die verschiedenen Schauplätze der Serie präsentieren und die geschichtlichen Hintergründe erläutern sollte, musste genau wissen, wovon er sprach. Von Vorteil wäre, wenn er sich bereits einen Namen auf seinem Gebiet gemacht hatte.

„Ich kann niemanden gebrauchen, der nur gut aussieht, sich aber als dumm und unwissend erweist, sobald er vom Manuskript abweichen muss“, hatte sie erklärt. „Ich erwarte von ihm sogar, dass er die Manuskripte selbst schreibt.“

An Bewerbern und Bewerberinnen für diese Aufgabe hatte es nicht gemangelt. Unter den Frauen und Männern, die Della zum Gespräch und zu Probeaufnahmen eingeladen hatte, waren viele mit beeindruckendem Lebenslauf. Doch bis jetzt hatte niemand sie restlos überzeugt.

„Ich wette, du bist nie um Worte verlegen“, sagte sie zu dem Foto auf dem Bildschirm. „Du kannst wahrscheinlich das Blaue vom Himmel herunterlügen, und alle glauben dir. Vielleicht hast du deshalb so beeindruckende Referenzen.“

Auf einmal verstummte sie. Sie hätte schwören können, dass er ihr zugeblinzelt hatte.

„Jetzt reicht es“, fuhr sie ihn mit finsterer Miene an. „Männer wie dich kenne ich zur Genüge. Mein Mann war auch so einer: Hinreißend charmant, aber es steckte nichts dahinter.“ Sie schenkte sich einen Kaffee ein und lehnte sich in dem Schreibtischsessel zurück, während sie Carlo Rinuccis Gesicht mit verhaltenem Wohlwollen betrachtete.

Bin ich unvernünftig?, überlegte sie. Lehnte sie diesen Mann ab, weil andere so begeistert von ihm waren? Man sagte ihr nach, ziemlich schwierig, unbequem und eigensinnig zu sein. War sie das wirklich? Sie hatte ein gutes Leben, ein Einkommen, das es ihr ermöglichte, sich alles zu erlauben, was sie sich wünschte, und sie fiel auf charmante Männer nicht mehr herein. Nein, Carlo Rinucci konnte sie nicht aus der Ruhe bringen.

Er schien jedoch anderer Meinung zu sein, wie sein Gesichtsausdruck verriet. Während sie das Foto aufmerksam betrachtete, fasste sie einen Entschluss. Weshalb sollte sie nicht nach Neapel fliegen und den Mann kennenlernen?

„Hier sieht es aus wie nach einem Orkan“, stellte Hope Rinucci fest.

Sie inspizierte den großen Wohnraum, das Esszimmer und schließlich die Terrasse mit Blick auf die Bucht von Neapel und den Vesuv in der Ferne.

„Oder noch schlimmer“, fügte sie hinzu, während sie das Chaos betrachtete.

Ihre Stimme klang jedoch nicht missbilligend, sondern eher zufrieden. Die Party am Abend zuvor war ein voller Erfolg gewesen.

Ruggiero, einer ihrer jüngeren Söhne, kam herein und ließ sich in einen Sessel sinken. „Ich habe mich köstlich amüsiert gestern Abend“, sagte er leise.

„Ja, es war eine gelungene Party“, stimmte Hope ihm zu. „Wir hatten ja auch viel zu feiern. Francesco hat einen neuen Job, Primo und Olympia und Luke und Minnie erwarten ein Baby, und …“

„Mom, weißt du denn, welche der drei jungen Frauen, die Carlo eingeladen hatte, seine Freundin ist?“, unterbrach er sie.

„Nein“, erwiderte seine Mutter und reichte ihm eine Tasse Espresso, die er dankbar entgegennahm. „Sie sind kurz hintereinander angekommen. Schade, dass Justin und Evie nicht dabei sein konnten. Die Geburt der Zwillinge steht jedoch kurz bevor, und deshalb sind sie lieber zu Hause in England geblieben. Evie hat versprochen, uns mit den Kindern so bald wie möglich zu besuchen.“

„Gut, dann kann die nächste Party starten“, meinte Ruggiero.

„Wen hat Carlo mit nach Hause genommen?“

„Vielleicht alle drei, aber ich habe es nicht mitbekommen“, antwortete Ruggiero und seufzte so, als beneidete er seinen Zwillingsbruder. „Meine Güte, er hat Mut.“

In dem Moment kam Francesco herein. „Wer hat Mut?“

Hope sah ihn lächelnd an und schenkte ihm auch einen Kaffee ein.

„Carlo“, erwiderte sie. „Ist dir nicht aufgefallen, dass er gleich drei Freundinnen eingeladen hatte?“

„Ihm ist überhaupt nichts aufgefallen, er hatte nur Augen für die exotische rothaarige Schönheit“, erklärte Ruggiero. „Wo hast du sie aufgegabelt?“

Francesco dachte kurz nach, ehe er antwortete: „Sie hat mich aufgegabelt, glaube ich.“

„Ah ja. Wir sprachen gerade darüber, welche seiner drei Freundinnen Carlo mit nach Hause genommen hat“, klärte Ruggiero ihn auf.

„Er war gar nicht zu Hause“, entgegnete Francesco.

„Woher willst du das wissen?“ Hope sah ihn an.

„Weil er hier ist.“ Francesco wies auf das breite Sofa, das am Fenster stand.

Alle drei beugten sich über die Rückenlehne und entdeckten Carlo, der tief und fest auf dem Sofa schlief. Er hatte noch den Anzug an, den er am Abend zuvor getragen hatte, und die obersten Knöpfe seines weißen Seidenhemds waren geöffnet.

„He!“ Ruggiero schüttelte ihn grob.

„Oh, hallo.“ Carlo öffnete die Augen und richtete sich auf.

Immer wieder verblüffte es seine Brüder, dass er nicht wie normale Menschen verschlafen und mit verquollenen Augen aufwachte. Sogar nach einer durchfeierten Nacht und nur wenigen Stunden Schlaf war er sogleich hellwach, hatte einen klaren Blick und einen klaren Verstand.

„Was machst du hier?“, fragte Ruggiero ungehalten.

„Was soll die Frage? Ich habe hier geschlafen. Ah, Kaffee. Das ist fein. Danke, Mom.“

„Am besten ignorierst du deine Brüder“, riet Hope ihm. „Sie sind nur eifersüchtig.“

„Drei Freundinnen hat er und schläft hier auf dem Sofa. Es ist nicht zu glauben“, stellte Ruggiero fest.

„Das ist das Problem, drei sind zu viel“, antwortete Carlo gelassen. „Eine Freundin ist ideal, zwei Freundinnen kann man gerade noch verkraften, wenn man unternehmungslustig ist. Alles, was darüber hinausgeht, bringt Probleme. Außerdem war ich gestern Abend nicht in bester Verfassung. Deshalb wollte ich auf Nummer sicher gehen, habe ein Taxi für die drei bestellt und mich schlafen gelegt.“

„Hoffentlich hast du die Fahrtkosten im Voraus bezahlt“, sagte Hope.

„Natürlich“, entgegnete Carlo gespielt empört. „Du hast mich doch gut erzogen. Ich weiß, was sich gehört.“

„Ausgerechnet du musst so große Töne spucken“, bemerkte Francesco trocken. „So ein rückgratloser, schwacher …“

„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach Carlo ihn und seufzte. „Ich schäme mich sehr.“

„Und du hältst dich immer noch für einen Rinucci?“, fragte Ruggiero.

„Schluss jetzt“, mischte Hope sich ein. „Carlo hat sich wie ein Gentleman verhalten.“

„Nein, wie ein Feigling“, murrte Francesco.

„Da hast du recht“, stimmte Carlo ihm zu. „Es hat Vorteile, ein Feigling zu sein. Die Frauen halten einen für einen Gentleman, und beim nächsten Mal …“ Er trank den Espresso, küsste seine Mutter auf die Wange und verschwand, ehe seine Brüder ihrem Unmut weiterhin Luft machen konnten.

Das Vallini war eins der besten Hotels in ganz Neapel. Es lag auf einer Anhöhe, von der aus man einen herrlichen Blick auf die Stadt und über die Bucht hatte.

Della stand reglos auf dem Balkon ihres Zimmers und betrachtete den Vesuv, der die Dunstglocke überragte, die bei der Hitze über der Stadt hing. Der Vulkan, bei dessen Ausbruch vor beinahe zweitausend Jahren Pompeji zerstört worden war, wirkte bedrohlich und geheimnisvoll. Er war so bekannt und legendär, dass Della sich entschlossen hatte, ihre Dokumentarserie damit zu eröffnen.

Nach dem dreistündigen Flug war sie ziemlich erschöpft gewesen. Doch nach der kalten Dusche fühlte sie sich erfrischt. Das Outfit, das sie gewählt hatte, wirkte unauffällig und beinahe etwas streng. Sie war sich jedoch bewusst, wie vorteilhaft die elegante schwarze Designerhose aus Leinen und die weiße Seidenbluse ihre große, schlanke Gestalt, ihre Brüste und die schmale Taille betonten.

Das volle hellbraune Haar, das sie normalerweise streng zurückbürstete und im Nacken zusammenband, umrahmte ihr schönes Gesicht in weichen Wellen. Mit den vollen Lippen und den ausdrucksvollen Augen wirkte sie sinnlich und verführerisch, was so gar nicht zu der dezenten Kleidung zu passen schien.

Da sie ihre Nachforschungen lieber im Verborgenen anstellte, ahnte niemand, dass sie nach Neapel geflogen war. Natürlich wusste sie nicht, ob Carlo Rinucci sich an diesem Tag überhaupt in Pompeji aufhielt. Ihr war nur bekannt, dass er an einem Projekt im Zusammenhang mit dieser historischen Stätte arbeitete.

Um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, ehe sie am nächsten Tag in Aktion trat, verließ sie schließlich das Hotel, fuhr mit dem Taxi zum Bahnhof und nahm dann den Nahverkehrszug nach Pompeji. Während der halbstündigen Fahrt blickte sie die meiste Zeit aus dem Fenster und betrachtete den Vesuv, der die ganze Umgebung zu dominieren schien und immer näher kam.

Vom Bahnhof erreichte sie in wenigen Minuten den Eingang zu der Ruinenstadt, kaufte eine Eintrittskarte und ging durch die Absperrung.

Langsam blickte Della sich um und ließ alles auf sich wirken. Wohltuende Stille umgab sie.

„Komm sofort zurück!“, durchbrach plötzlich eine schrille Stimme die Stille.

Und dann merkte Della, was los war: Ein etwa zwölfjähriger Junge lief zwischen den Ruinen umher und sprang geschickt über die Mauern. Ihm folgte eine Frau mittleren Alters, die keine Chance hatte, ihn einzuholen.

„Komm zurück!“, rief sie noch einmal.

In dem Moment machte der Junge den Fehler, sich umzudrehen. Das lenkte ihn ab, und Della hatte Zeit genug einzugreifen und ihn festzuhalten.

„Lassen Sie mich los!“, forderte er sie auf und versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien.

„Nein, ich denke gar nicht daran“, erwiderte sie freundlich, aber bestimmt.

„Vielen Dank.“ Die Frau kam keuchend näher und packte den Jungen am Arm. „Mickey, lass den Unsinn sein, bleib bei deinen Klassenkameraden.“

„Das ist mir viel zu langweilig“, beklagte sich der Junge. „Ich hasse Geschichte.“

„Vielleicht ist das deine einzige Chance, diese historische Stätte zu besichtigen“, versuchte die Lehrerin ihn zur Vernunft zu bringen. „Ich in deinem Alter wäre glücklich gewesen, eine Klassenfahrt nach Italien machen zu können. Aber ihr Kinder seid heutzutage alle gleich, ihr seid undankbar und uninteressiert.“

„Ich finde es langweilig“, wiederholte der Junge mürrisch.

Della und die Lehrerin tauschten einen vielsagenden Blick und lächelten sich verständnisvoll an. Das nutzte der Junge aus, blitzartig schoss er davon und verschwand um die nächste Ecke.

„Oh nein! Ich kann doch die anderen Schüler nicht so lange allein lassen.“

„Bleiben Sie hier, ich bringe Mickey zurück“, versprach Della ihr.

Das war leichter gesagt als getan. Der Junge war wie vom Erdboden verschluckt. Sie lief immer weiter, konnte ihn jedoch nirgends entdecken.

Auf einmal erblickte sie die beiden Männer, die am Rand einer Ausgrabung in ein Gespräch vertieft waren.

„Haben Sie einen Jungen in einem roten T-Shirt gesehen?“, wandte sie sich verzweifelt an die beiden. „Seine Lehrerin ist schon ganz außer sich.“

„Nein, ich habe niemanden bemerkt“, antwortete der Ältere der beiden. „Und du, Carlo?“

Lächelnd drehte sich der jüngere Mann zu Della um – und in dem Moment wusste sie, wen sie vor sich hatte. Dieses attraktive Gesicht und das strahlende Lächeln kannte sie.

„Nein, ich habe auch …“, begann er und rief dann aus: „Da drüben!“

Der Junge lief gerade durch einen Torbogen über die Straße, die durch die Ruinenstadt führte. Ohne zu zögern, folgte Carlo Rinucci ihm. Schon bald verschwand die finstere Miene des Jungen, und er warf Carlo über die Schulter Blicke der Belustigung zu. Die Sache machte ihm offenbar Spaß.

Wenig später erschienen auch die anderen Kinder, zwölf an der Zahl, und beteiligten sich begeistert an dem Spiel.

„Du meine Güte“, seufzte die Lehrerin resigniert.

„Ach, kein Grund zur Aufregung“, meinte Della. „Übrigens, ich bin Della Hadley.

„Hilda Preston. Ich bin für die Kinder verantwortlich. Was soll ich jetzt machen?“

„Gar nichts“, erwiderte Della belustigt. „Der junge Mann hat alles unter Kontrolle.“

Was auch stimmte, denn die Kinder standen jetzt im Kreis um Carlo Rinucci herum.

„Okay, ihr hattet euren Spaß, doch jetzt ist Schluss damit“, erklärte er und brachte sie zurück.

„Was habt ihr euch dabei gedacht?“, fragte Hilda Preston vorwurfsvoll. „Ihr wisst genau, dass ihr in meiner Nähe bleiben sollt.“

„Aber es war so schrecklich langweilig“, wiederholte der Junge, der als Erster weggelaufen war.

„Das interessiert mich nicht“, fuhr die Lehrerin ihn an. „Ihr sollt etwas über antike Kultur lernen, deshalb seid ihr hier.“

Della hörte, dass Carlo sich räusperte, und drehte sich zu ihm um. Sie wechselten einen verständnisvollen Blick und hatten Mühe, sich das Lachen zu verbeißen.

Antike Kultur, der Hinweis ließ die Kinder aufstöhnen, und einige verdrehten die Augen.

„Sie hat bei ihnen verspielt“, flüsterte Carlo Della zu. „Das eine Wort hätte sie nicht sagen dürfen.“

„Welches?“

Er sah sich nach allen Seiten um, ehe er leise antwortete: „Kultur.“

„Ah ja, ich verstehe.“ Sie nickte.

„So ungeschickt sollten Lehrer und Lehrerinnen nicht sein. Passiert ihr das oft?“

Offenbar hielt er sie für eine Kollegin dieser Frau. „Keine Ahnung, ich …“

„Ach, das ist ja auch egal“, unterbrach er Della. „Man sollte retten, was noch zu retten ist.“ Er wandte sich an die Kinder. „Ich kann euch etwas verraten: Ihr sollt sicher nichts über antike Kultur lernen, sondern vor allem etwas über die vielen Menschen erfahren, die hier vor beinahe zweitausend Jahren ums Leben gekommen sind. Es war eine furchtbare Tragödie“, erklärte er mit lauter Stimme.

„Wie kann er so etwas sagen? Das verkraften die Kinder doch gar nicht.“ Hilda Preston war entsetzt.

„Kinder lieben Schauergeschichten“, entgegnete Della.

„Es war eine der größten Katastrophen, die die Menschheit damals erlebt hat“, fuhr Carlo fort. „Tausende von Menschen wurden innerhalb weniger Minuten mitten aus ihrem ganz normalen Alltag herausgerissen. Ehe der Vesuv ausbrach und die Stadt unter der Asche begrub, war in der Ferne ein seltsames Dröhnen und Grollen zu hören. Doch niemand wusste es zu deuten, und so ergriffen sie nicht die Flucht. Die Menschen wurden vom Tod überrascht.“

Er hatte erreicht, was er wollte, die Kinder hörten ihm aufmerksam zu.

„Stimmt es, dass die Leichen im Museum ausgestellt sind?“, fragte eines der Kinder neugierig.

„Nein, die kann man dort nicht sehen“, antwortete Carlo zur allgemeinen Enttäuschung. „Die Menschen wurden von der Lava eingeschlossen und sind darin erstickt“, fuhr er fort. „Als man Jahrhunderte später mit den Ausgrabungen begann, hatten sich die Körper aufgelöst und in der Lava naturgetreue Abdrücke hinterlassen, sodass man die Körper nachbilden konnte.“

„Aber die Nachbildungen können wir uns ansehen, oder?“

„Ja, das könnt ihr.“

Das zufriedene Seufzen von allen Seiten bewies, dass er es verstand, seine Zuhörer zu fesseln. Er war ein guter Redner, sprach flüssig und beinahe akzentfrei Englisch, und er hatte ein gutes Gespür für eine gewisse Dramatik. Während seiner plastischen Schilderung der damaligen Ereignisse hatte Della plötzlich das Gefühl, die Menschen durch die Straßen wandern zu sehen, ehe sie um ihr Leben rannten.

Sie beobachtete Carlo aufmerksam und gestand sich widerwillig ein, dass er seine Sache gut machte. Er erfüllte ihre Erwartungen und war der richtige Moderator für ihre Dokumentarserie. Das etwas zu lange gelockte dunkelblonde Haar, das ihm in die Stirn fiel, machte ihn sogar noch attraktiver, als er auf dem Foto wirkte.

Er wirkte so jugendlich und unbekümmert, als interessiere ihn nur das nächste Bier und die nächste junge Frau, mit der er die Nacht verbringen konnte. Dass er mehrere akademische Grade erworben hatte, vermutete man nicht.

„Geschichtliche Tatsachen haben nichts mit Kultur zu tun“, versicherte er schließlich den Schülern, „sondern nur etwas mit den Menschen, die damals gelebt haben. So, geht jetzt wieder zu euren Lehrerinnen, und benehmt euch, sonst stecke ich euch in die Lava“, drohte er ihnen zur allgemeinen Erheiterung.

„Vielen Dank“, sagte Hilda Preston an ihn gewandt. „Sie können gut mit Kindern umgehen.“

Als er lächelte, blitzten seine weißen Zähne auf. „Ich bin der geborene Angeber“, scherzte er.

Ja, das ist er, und er ist der richtige Mann für meine Serie, überlegte Della.

Die Lehrerin bedankte sich noch einmal, ehe sie mit den Schülern weiterging.

„Gehören Sie nicht dazu?“, fragte Carlo überrascht, als Della neben ihm stehen blieb.

„Nein, ich war nur zufällig in der Nähe“, erwiderte sie.

„Ach so. Und plötzlich steckten Sie mitten in der Sache drin, oder?“, stellte er lachend fest.

Della lachte auch. „Die arme Frau“, sagte sie dann. „Wer auch immer sie auf diese Klassenfahrt in Sachen Kultur geschickt hat, hat einen Fehler gemacht.“

Er streckte die Hand aus. „Ich bin Carlo Rinucci.“

„Ja, ich …“ Sie verstummte. Beinahe hätte sie verraten, dass sie wusste, wer er war. „Ich bin Della Hadley.“

„Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Signorina. Oder sollte ich Signora sagen?“

„Eigentlich ja, aber ich bin geschieden.“

Er hielt ihre Hand fest. Sein unbekümmertes Lächeln hatte etwas Entwaffnendes. „Das freut mich sehr.“

Ich muss aufpassen, er beherrscht dieses Spiel perfekt, mahnte sie sich.

„Carlo, willst du der Signora nicht endlich die Hand zurückgeben, oder willst du sie als Ausstellungsstück ins Museum mitnehmen?“, rief ihm in dem Moment der andere Mann zu.

Verlegen und peinlich berührt, entzog Della ihm die Hand. Carlo hingegen schien die Sache überhaupt nicht peinlich zu sein. Er lächelte nur und war offenbar davon überzeugt, dass er damit alles erreichte.

„Dich hatte ich ganz vergessen, Antonio“, gab er zu.

„Das wundert mich nicht“, antwortete Antonio gutmütig. „Ich habe die Arbeit erledigt, während du den Charmeur gespielt hast.“

„Lass uns für heute Schluss machen“, schlug Carlo vor. „Es ist schon spät, und Signora Hadley möchte einen Kaffee trinken.“

„Ja, den könnte ich wirklich gebrauchen“, gab Della zu.

„Dann lassen Sie uns gehen.“ Er blickte ihr bedeutungsvoll in die Augen und sagte: „Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren.“

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