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Landluft für Anfänger - 12

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist »Landluft für Anfänger«?
  3. Die Autorinnen
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Dienstag, 2. September
  7. Mittwoch, 3. September
  8. Donnerstag, 4. September
  9. Freitag, 5. September
  10. Samstag, 6. September
  11. Das zwölfte Rezept aus Marthas Küche

Was ist »Landluft für Anfänger«?

»Landluft für Anfänger« ist ein zwölfteiliger Serienroman, der ein Jahr lang jeden Monat über zwei unterschiedliche Schwestern und ihr Leben auf einem geerbten Hof im Spreewald berichtet. Die Serie gibt es sowohl als E-Book als auch als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Die Autorinnen

Simone Höft, geboren 1968, und Nora Lämmermann, geboren 1978, trennen – wie die Protagonistinnen ihrer Romanreihe – zehn Jahre Lebenserfahrung, ein Kind und 475 Kilometer Luftlinie zwischen Köln und München. Gemeinsam sind ihnen ein abgeschlossenes Germanistikstudium, die langjährige Arbeit für Film und Fernsehen sowie eine mal mehr mal weniger gut funktionierende WLAN-Verbindung.

»Landluft für Anfänger« ist ihre erste, gemeinsame Romanreihe.

»Feulenitz für immer?«
Letzte Geheimnisse werden gelüftet, ein Kind erblickt das Licht der Welt, und es stellt sich die Frage, ob zusammenkommt, was zusammengehört.

Dienstag, 2. September

Abbildung

17:00. Bahnsteig in Vetschau

»Jetzt hör doch mal auf zu hibbeln!« Neben mir auf dem Bahnsteig steht Fabienne und tritt von einem Bein aufs andere. – »Ich muss schon wieder pinkeln. Außerdem guck dich mal an.« Fabienne muss plötzlich grinsen. »So stelle ich mir Mama vor, wenn sie vor dem Kreißsaal rumtigert, wenn ich … also bei meiner … du weißt schon.« Niederkunft. Geburt. Wörter, die Fabienne seit Tagen nicht mehr über die Lippen bringt, als fürchte sie, etwas heraufzubeschwören, das mindestens so Furcht erregend ist wie ein Lord Voldemort. Fabienne ist jetzt bereits gut acht Tage überfällig. Vor Iris, die jeden Tag nervöser wird, gibt Fabienne die coole Tochter. Doch ich hab sie erst gestern wieder dabei ertappt, wie sie mit ihrem Baby Deals abgeschlossen hat. Und so ausladend wie Fabiennes Bauch ist, mache selbst ich mir ein wenig Sorgen, wie das Baby durch das schmale Becken meiner Nichte passen soll.

Der Grund, der mich dazu bringt, auf dem Vetschauer Bahnhof herumzuturnen, als wäre ich ein untherapiertes ADHS-Kind, ist jedoch ein anderer: Wir erwarten Elias, unseren potenziellen Großvater, und zwar in … »Ich halte keine Minute mehr aus!« Fabienne wetzt – so schnell es ihr Zustand zulässt – vom Bahnsteig und biegt hinter dem Bahnhofsgebäude nach links ab, schätzungsweise auf das kleine von Bäumen bewachsene Wiesenstück zu. Die ältere Frau, die auf der Bank des Wartehäuschens sitzt und unsere Teenie-Schwangere seit Minuten fassungslos bestaunt, blickt ihr halb irritiert, halb missbilligend nach. »Du hast noch zwei Minuten!«, brülle ich Fabienne hinterher und ernte jetzt ebenfalls einen pikierten Blick der alten Frau. »Die Bahnhofshalle ist aber verschlossen«, sagt sie, und ihr säuerliches Gesicht fügt hinzu: »Das Mädchen wird doch nicht etwa im Freien pinkeln. Noch dazu in ihrem Zustand.« – »Keine Sorge, es ist ihr drittes«, lächle ich die verkniffene Dame honigsüß an, der daraufhin ein »Tsss« entfährt, gefolgt von einem ungläubigen Kopfschütteln über unsere moralisch verdorbene Welt. Eben als ich mich frage, ob Fabienne mit ihrer Kugel überhaupt noch im Hocken pinkeln kann oder ob ich sie gleich mit unserem unbekannten Großvater wie einen auf dem Rücken liegenden Käfer aus einer misslichen Lage befreien muss, bringt ein feines Sirren mich auf den Grund unseres Hierseins zurück.

Der Zug aus Berlin kommt! Überpünktlich! Sofort wird mir flau im Magen. Bei unseren beiden Telefonaten hat Elias Ringelblum zwar freundlich geklungen – aber was ist, wenn er sich als ältere Variante von Bernd entpuppt? Es heißt doch immer, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – was also, wenn Iris und ich mit Elias’ Auftauchen vom Regen in die Traufe kommen? Was, wenn ich in ein paar Sekunden bereue, die Briefe gefunden und Elias aufgespürt zu haben? Das hättest du dir früher überlegen müssen, Mia Mann. Denn jetzt weht der Fahrtwind mit ersten Herbstblättern die Begegnung heran. Hektisch drehe ich mich noch einmal um, aber von Fabienne keine Spur. Ich zupfe mir Pferdeschwanz und Kleid zurecht und stelle mich mit artig gefalteten Händen neben die Zugtür, die eben vor mir hält. Bereit, einem tattrigen alten Herrn über die Stufen zu helfen. Mit einem satten PFFFT öffnet sich die Tür – doch niemand steigt aus. »Darf ich mal vorbei?«, schnarrt jetzt hinter mir die Wartende. Ich trete beiseite und lasse meinen Blick den Bahnsteig hinaufwandern. Und da sehe ich ihn. Zwei Türen weiter klettert ein groß gewachsener alter Herr mit vorsichtigen, aber bestimmten Schritten die paar Stufen des Regionalexpresses hinunter.

Die stattliche Statur erinnert schon mal an Bernd. Ich schlucke trocken. Hebe die Hand und krächze ein »Hallo! Elias Ringelblum?«. Oder hätte ich Guten Tag sagen sollen? Jetzt sieht mich der alte Herr. Er lächelt, hebt ebenfalls die Hand und kommt etwas staksig und auf einen Stock gestützt, aber für sein Alter mit einer ehrfurchtgebietenden Präsenz, auf mich zu. Unter zwei buschigen Brauen blitzen mich zwei wache Augen an. Jetzt, wo Elias vor mir steht, bin ich erleichtert und verwirrt zugleich. Verwirrt, weil der Mann mir bekannt vorkommt. Als hätte ich ihn schon einmal gesehen. Erleichtert, weil er bis auf die Köpergröße auf den ersten Blick überhaupt keine Ähnlichkeit mit meinem Erzeuger hat! Mit seinem schwarzen Sakko und dem Rollkragenpullover, seinen dichten, sauber gescheitelten schlohweißen Haaren, die sich über der Stirn zu einer widerspenstigen Tolle kringeln, seiner markanten, geraden Nase und den vollen Lippen sieht er aus wie ein vornehmer Mann von Welt. Ein Philosoph, Dirigent, Schauspieler. Aber sicher nicht der Vater eines Tierarztes aus Feulenitz! »Mia Mann. Schön, dass du … Sie … also … freut mich«, stammle ich. – »Schön, dass Sie mich … wie sagt man … gerufen haben, Mia.« Ich erkenne die sonore Stimme, die Art, wie sie vorsichtig tastend Wörter formt, vom Telefon wieder. Seine Emigration nach Amerika und spätere Übersiedlung nach Paris sind wohl auch sprachlich nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Ich strecke ihm meine Hand hin. Er ignoriert sie, beugt sich stattdessen vor. Ach so, ich kapiere. Dann landen drei angedeutete Küsse – ganz französisch – links, rechts, links auf meinen Wangen. Die Stoppeln einer frisch rasierten Männerwange kitzeln meine Haut, ich rieche männliches Aftershave. Er lässt seinen Blick prüfend über den Bahnhof schweifen. »Hatten Sie eine gute Reise?«, versuche ich mich in unverfänglicher Konversation. »Es ist ja nicht ganz leicht, vom Berliner Flughafen hierherzufinden.« Auch wenn er am Telefon sagte, er kenne den Weg. »Es hat sich ja doch einiges geändert … seit Sie … nach dem Krieg …« Mia, nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen! – »Nun ja, ich war ja vor ein paar Monaten schon mal hier …« Mein Blick muss ziemlich dämlich sein, denn der alte Herr hebt die Augenbrauen. »Wie Sie wissen, Martha ließ mich … rufen.« Ja, das weiß ich. Auch, weil er es am Telefon erwähnt hat. Nicht erwähnt hat er in unseren knappen Telefonaten, dass er ihrem Ruf gefolgt ist. Plötzlich blickt der Alte an mir vorbei. Aus dem Augenwinkel sehe ich, was oder besser wer seinen Blick gefangen genommen hat: Fabienne. Im Bruchteil einer Sekunde durchzieht ein Reigen von Emotionen das Gesicht des alten Mannes. Erst entgleiten ihm die Züge, dann blickt er ungläubig, und schließlich umspielt ein Lächeln seinen Mund, das auch die zahlreichen Falten um seine Augen in Stellung bringt: »Hedwig.« Fast wie ein Blinder, der den Menschen vor ihm ertasten muss, streckt er, kaum dass Fabienne vor uns zum Stehen gekommen ist, beide Hände aus, als wolle er ihr von der Eile gerötetes Gesicht ertasten. Fabienne sieht mich irritiert an. Elias lässt seine Hände sinken. »Das ist … amazing«, sagt er – mehr zu sich selbst als zu uns. »Ähh … das ist … Fabienne. Iris’ Tochter. Bernds Enkeltochter. Deine … Ihre …« – »Natürlich. Du … gleichst sehr deiner Grandma … Incredible. Wie aus dem Gesicht gehauen.« Erst jetzt fällt sein Blick auf Fabiennes dicken Bauch. Fabienne grinst schief: »Gestatten: Ihr Urenkel. Wenn alles gut geht.« Elias quittiert diese Information mit Schweigen. Sein Blick bleibt noch einen Augenblick an Fabiennes Gesicht haften, dann lässt er ihn erneut über den Parkplatz schweifen. Ich drehe mich ebenfalls um. Bis auf ein Paar Ende fünfzig, das, zwei Koffer neben sich, etwas ratlos den Abfahrplan des Busses studiert, ist keine Menschenseele zu sehen. Elias’ Blick landet auf mir: »Ist … mein … mein Sohn hier?«

Etwas später in der Remise

»Dies ist die Mailbox von Bernd Rudolph …« Bla, bla, bla. Wieder geht mein Vater nicht an den Apparat. Na schön. Einmal noch. Dieses eine Mal komme ich der Aufforderung der mechanisch klingenden Stimme am anderen Ende der Leitung noch nach. Ich spreche aufs Band, obwohl ich weiß, dass mein Vater absichtlich nicht abhebt. Obwohl der erbetene Rückruf seit Wochen hartnäckig verweigert wird. Ich überwinde meinen Widerwillen und hole Luft: »Hallo Vati. Iris hier. Bitte ruf mich doch mal zurück! Es geht um … Wie gesagt, dieser Elias, ich hab deiner Mailbox schon von ihm erzählt, vielleicht hat sie dich darüber informiert, also, dieser Elias kommt heute an. Und vielleicht möchtest du deinen mutmaßlich leiblichen Vater ja doch treffen. Ich weiß nicht, wie lange er bleibt, also … na ja, du musst das natürlich selber wissen …« Ich fühle mich fast ein wenig schlecht, als ich die Aussicht auf seinen Urenkel als lockenden Bonus obendrauf setze: »Fabienne wird jeden Augenblick Mutter. Falls du deinen Urenkel begrüßen möchtest … Na ja, tschau dann.« Klick.

Ich rechne nicht mit einer Reaktion. Seit unserer kleinen Konfrontation im Juli ist mein Vater nicht gut auf seine ›undankbaren‹ Töchter zu sprechen. Er verdeutlicht das eindringlich, indem er gar nicht zu sprechen ist (einziges Lebenszeichen war sein nachträgliches Abschiedsgeschenk, der verflixte Hahn). Tief in mir schlummert wohl doch noch der kindliche Wunsch nach einem liebenden Vater. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mich von Mia habe weichklopfen lassen, unseren Erzeuger zum vierten Mal in dieser Sache zu kontaktieren. Im Überschwang hat sie diesem Elias erzählt, sein Sohn wolle ihn gerne kennenlernen, und jetzt glaubt sie irrtümlicherweise, mein Draht zu ihm sei immer noch heißer als ihrer. Ts! Wie man sieht, ist die Liebe meines Vaters zu seiner Erstgeborenen ungefähr so heiß wie Trockeneis. Aber wie auch immer – vielleicht ist es ein Segen, dass unser Vater so auf stur schaltet. Angenommen, dieser Elias ist ihm ähnlich oder vielmehr umgekehrt – zwei von der Sorte auf einmal wären wohl für das langmütigste Naturell zu viel …

Eben will ich auf meiner Geburtsvorbereitungsliste (also genau genommen auf Fabiennes, die jedoch so tut, als ginge sie diese Liste nichts an) ›Wöchnerinnenbinden‹ abstreichen, da lässt mich das Geräusch eines bremsenden Autos vor dem Anleger aufhorchen. Ich zügle meine Neugier und bleibe neben der Küchenanrichte stehen. Vielleicht will ich den Moment der Begegnung auch hinauszögern. Worüber – um Himmels willen – sollen wir mit einem Wildfremden (der er, Großvater hin, Großvater her, nun mal ist) die ganze Zeit reden?! Türen schlagen, ein Kofferraum klappt zu. Der Ziehkahn setzt sich in Bewegung. – »Iris!«, schallt es laut bis zu mir in die Remise. Mia ruft mich. »Iris!« Jetzt energischer. – »Mama!« Oh Gott! Das war Fabienne, und deren Ruf versetzt meinen Mutterkörper zurzeit augenblicklich in beängstigende Adrenalin-gesteuerte Zustände. Ich denke ›Presswehen! Fruchtblasen-Explosion! Sturzgeburt!‹ Ich stürme nach draußen.

Kurz darauf. In der Pension. Auf der Treppe

Fehlalarm. Vielmehr Fehlzündung. Meinerseits. Ich muss auf den alten Herrn einen ähnlichen ersten Eindruck gemacht haben, als wäre ihm eine unserer hysterischen Hühnerdamen entgegengerannt. Fabienne wand sich nicht vor Geburtsschmerzen, sondern vor Pein angesichts meines Auftritts. Die Wöchnerinnenbinden, die ich in der Panik vergessen hatte, auf dem Küchentisch abzulegen, und immer noch in der Hand hielt, machten es nicht unbedingt besser. »Ich hab dir doch gesagt, ich zieh keinen von diesen Rentnerschlüpfern an«, herrschte sie mich an und griff zornes- oder schamesrot nach ihrer Notfalltasche, die sie, wenngleich widerwillig, immer dabeihat. »Halt, das ist meine«, konnte die Dame neben ihr gerade noch rufen – die bessere Hälfte unseres Gästepaares Koschitz. Fabienne krallte sich die andere schwarze Ledertasche, die der von Frau Koschitz tatsächlich zum Verwechseln ähnlich war, nuschelte ein »Eh dämlich, das Ding überall mit hinzuschleppen« und dampfte in Richtung Remise ab. Entschuldigend lächelte ich erst Herrn und Frau Koschitz an und schüttelte dann Elias die Hand. »Legen Sie doch erst mal ab. Die Treppe rauf, das erste Zimmer rechts, der Schlüssel steckt«, flötete ich unseren Gästen zu, die Mia anscheinend am Bahnhof vom hoffnungslosen Warten auf den täglichen Bus erlöst hatte.

Dann wandte ich mich endlich unserem vermeintlichen Großvater zu, der mit undurchdringlicher Miene auf die Pension starrte. Das Haus, in dem er die Nazizeit überlebt hat. Ich wartete, um seine stumme Betrachtung nicht zu stören. Albernerweise blieb meine Aufmerksamkeit irritiert an ein paar exzentrischen Borsten hängen, die aus seinen buschigen Augenbrauen hervorragen wie störrische Äste. Sie verleihen seiner gepflegten Erscheinung etwas Mephistophelisches … –

»Teufelshaare«, sagte er unvermittelt, und ich errötete ertappt.

»So hat Hedwig sie …«, er hielt inne und schien in seiner Wörter-Erinnerungskiste zu kramen, »… ge-namt.«

Vermutlich hat er lange kein Deutsch mehr gesprochen. Vielleicht ist er auch deshalb so irritierend wortkarg, denke ich, während ich jetzt unseren Gast die Treppe nach oben in sein Zimmer geleite. – »Bis gleich!«, ruft Mia von unten. Sie steht – mit einem großen Styroporkasten beladen – im Türrahmen und lächelt besonders herzlich zu uns hoch, weil sie nicht winken kann.

Der Kasten enthält eine warme Mahlzeit für unsere Handwerker, die die Folgen von Mias Schnapsexperimenten im Schlangenkönig beseitigen. Unentgeltlich und nach Feierabend. Unser Handwerkertrupp besteht ausschließlich aus Freunden und Bekannten im Dorf. »Ich beeile mich!« Gut. Denn wenn unsere fleißigen Helferlein auf der Baustelle abgefüttert sind, wartet hier ab sieben Uhr eine hungrige Gästemeute auf ihr Abendmahl. Wir haben die Versorgung unserer Halbpensionsgäste notgedrungen hierher verlegen müssen.

»Ähm, und bitte nicht …« –

»Keine Sorge, ich nehme nicht das Auto«, zwinkert sie mir zu. Wenigstens eine, die für meine mütterliche – zugegebenermaßen etwas neurotische – Sorge um Fabiennes Zustand Verständnis hat. Als Elias sich umständlich zu Mia umgedreht hat, ist sie bereits verschwunden. Er nickt dem leeren Türrahmen zu und greift nach meiner hilfreich dargebotenen Hand, um sich wieder in die richtige Position für den weiteren Aufstieg zu begeben. – »Sie ist flüchtig. Eure Großmutter war genauso. Immer zu schnell eine Nasenlänge.« Ich möchte auch so schnell wie möglich entschwinden, als der alte Mann und sein Koffer glücklich in einem der beiden Einzelzimmer angekommen sind, das zuletzt noch Jan junior bewohnt hat, bevor er wieder nach London in sein Internat zurück musste. Elias’ dunkle Augen liegen in tiefen, umschatteten Höhlen wie unergründliche Kraterseen. Ich fühle mich unbehaglich. Er sieht mich an, als wolle er mich mit diesem einen Blick in Gänze erfassen, als tackere er das dabei entstehende Abbild meiner Person an seine innere Pinnwand mit der Überschrift »Meine Familie«. Oder was auch immer im Kopf dieses schweigsamen, vornehmen Mannes vorgeht. Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll. Ich sollte es mit einer leichten Überleitung über das schöne Septemberwetter versuchen. –

»Frau Neuberger?« Frau Mielke steht weiter vorne im Flur. Erleichterung. –

»Ja?« –

»Besuch für Sie! Unten.« Wunderbar. Ich nicke unserem Gast zu.

»Bitte, fühlen Sie sich wie zu Hause.« Damit rausche ich davon. Und falle fast die Treppe herunter, als ich sehe, wer unten auf mich wartet. Benno.

18:45. Schlangenkönig

»Alle Mann Essen fassen!«

Mit der Hüfte stoße ich, den schweren Styroporkasten unter den Arm geklemmt, die Tür zum Schlangenkönig auf. Mein Elan wird abgebremst, denn die Tür leistet Widerstand. »Aua!« Hinter der Tür, zu meinen Füßen, kniet, eine Flex in der Hand, Maik. Er war wohl gerade dabei, den Dielenboden abzuschleifen. Ich habe ihm die Tür mitten in den Rücken gestoßen. Aber was macht der auch hier? Mir ist zwar durchaus bekannt, dass er schon vor gut drei Wochen genauso überraschend, wie er verschwunden war, wieder in Feulenitz aufgetaucht ist. Laut Ernesto war Maik ›mit dem Rad durch Brandenburg gefahren, um den Kopf klarzukriegen‹. Im Schlangenkönig hat er sich aber, seit wir mit der Renovierung begonnen haben, nicht blicken lassen. Ernesto hat das damit entschuldigt, dass Maik seiner Ex half, ihre neue Wohnung in Burg zu renovieren. (Die Trennung schien also beschlossene Sache zu sein.) Und hat ergänzt: »Außerdem schätze ich, er möchte dein Liebesglück nicht unter die Nase gerieben bekommen.« Mein Liebesglück, das ist Jan, der gerade mit Lothar und Robin die Fensterflügel der Gaststätte aus den Angeln hebt. Im Aus-den-Angeln-Heben hat Jan inzwischen Übung, hat er doch in den letzten vier Wochen sein und mein Leben ordentlich auf den Kopf gestellt. Nachdem sich die Dorfgemeinschaft überraschend schnell bereiterklärte, beim Wiederaufbau und sogar bei der Renovierung des Schlangenkönigs mitzuhelfen (und jeder brachte dabei die eine oder andere Geschichte über Marthas Feuerwasser auf den Tisch, oder sogar eine Flasche davon), haben Iris und ich erneut Frieden geschlossen. Daraufhin habe ich drei Tage damit verbracht, innerlich vorzuformulieren, wie ich Jan am besten beibringe, dass ich nicht mit nach München kommen will, er das aber nicht als Affront verstehen soll.

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