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Land in Sicht

Impressum

ISBN 978-3-8412-0721-0

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 1999 bei

Rütten & Loening Berlin GmbH

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Anika Wien, Berlin

unter Verwendung eines Motivs von © steffenwurzel/iStockphoto

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

EINS

Ein weißer Blitz spaltete das Schiff vom Mast bis zum Kiel. Lili wurde von der Explosion in den brennenden Himmel geschleudert, trudelte durch die Luft und stürzte kopfüber in die See. Neben ihr klatschten Balken auf das Wasser, Bleche schossen sirrend vom Boot weg und stachen wie Lanzen in die Fluten – keinen Meter entfernt. Feuriger Regen verwandelte sich zischend in Dampf, gierig schluckten lodernde Wellen den Kahn, und Lili sank dem Meeresgrund entgegen.

Die Welt unter Wasser war kalt und silbriggrauschwarz, aber sie war nicht stumm. Lili hörte eine Stimme: Weit draußen im Meer ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas. Ein Echo vervielfachte den Klang. Aber es ist sehr tief, tiefer, als irgendein Ankertau reicht, viele Kirchtürme müßten aufeinander, gestellt werden, um vom Boden bis über das Wasser zu reichen. Dort unten wohnt das Meervolk. War es jetzt ein für allemal mit dem Tanzen vorbei? Meerjungfrauen besitzen keine Füße, aber auch sie, Wunder der See, können tanzen. Das Meerballett. Seeanemonen im Haar, acht Austern am schuppigen Schweif, schwebten sie sachte durch ihr Element. Sie hatten alle Zeit der Welt, aber Lili war eine schlechte Zuschauerin, sie verlangte nach einem anderen Element, Lungen und Hirn schrien nach Luft, sie wollte atmen, wollte leben. Leben war die Bedingung für so vieles.

Neben ihr sanken Reste des Schiffs in die Tiefe, wirkten, als wüßten sie, wohin die Reise geht. Luftblasen befreiten sich aus trudelnden Stücken und strebten kollernd nach oben. Wolken schwarzen Öls verdunkelten die Sicht. Wachen Auges sank Lili der Ewigkeit entgegen, abwärts ins immer dunkler werdende Grau. Woher kam die Stimme, die ihren Namen rief? Wo blieb der Kuß des Prinzen, um sie aus dem hundertjährigen Schlaf zu erwecken? Dies war kein Tanz, kein Drama, kein Spiel. Dies war Leben. Oder Tod. Lili wollte atmen, aber sie wußte, daß Atmen, so wie die Umstände waren, Sterben bedeuten würde. Sie mußte auf kürzestem Weg nach oben. Nur nicht den Mund öffnen jetzt, es war nicht der Moment für Experimente, einmal den Mund geöffnet, einmal kaltes salziges Wasser geschmeckt und dann geschluckt, Wasser im Mund, in Luft- und Speiseröhre, Wasser in den Lungen, alles, was Hohlraum war, von Wasser gefüllt. Würgen würde sie, weinen, strampeln, toben, den Tod schmecken, alles würde sie rückgängig machen wollen, es war ja nur eine Probe, man durfte irren und alles besser machen wollen. Aber der Mensch ertrinkt nur einmal, im vollen Bewußtsein, daß der Körper, was er tut, zum Tode hin tut. Der Tod ist eine Möglichkeit, und irgendwann würde sie ihn wählen, wenn sie Glück hatte, nach einem erfüllten Leben. Aber nicht jetzt, nicht mit 23 Jahren, nicht nicht nicht. Nicht sich dabei zusehen, wie man stirbt, Panik bis zur vorletzten Sekunde, Staunen in der letzten. Dann nur noch Frieden. Sie wollte das nicht, wollte nicht sterben. Sie wollte tanzen. Tanzen war ihre Welt, jenseits des Tanzbodens lauerte das Verderben. Auf das Schiff war sie nur gelangt, weil sie die Tanzbühne verlassen hatte. 25 mal 40 Meter, ihre Welt, vor und hinter dem Eisernen Vorhang. Auf dem Boden Markierungen, Standpunkte, Startpunkte. Unter Wasser war sie nicht zu Hause, hier hatte sie nie geübt, sie stellte sich plump an, linkisch. Kein Naturtalent beim Sterben.

Plötzlich war Musik da. Kein Echo, kein Dämpfer. Kristallklare Musik, brillant in den Höhen. Das Thema, ihr Thema. Das Orchester spielte, der Prinz sprang und schwebte über die Bühne. Neben ihr trudelte der abgerissene Mast in die Tiefe. Immer dramatischer, immer schneller, drängender die Töne aus dem Orchestergraben, höher die Sprünge. Gleich würde er bei ihr sein, den Vorhang zerreißen, die Dornenhecke mit seinem Degen teilen. Der Prinz würde sie küssen, Lili würde atmen, und alles wäre gut. Zart wie ein Hauch berührten seine Lippen Lilis Stirn, sie öffnete die Augen, hob suchend und bittend den Arm. Sie strebte, sie schwamm, kämpfte sich zum Himmel vor. Der Prinz half ihr vom Rosenlager auf die Beine. Mit mächtig-triumphierendem Druck stiegen Klangwolken wie Sauerstoffblasen aus dem Orchestergraben. Die Dornenmauer war gefallen, das zeitenlose Gefängnis öffnete sich, im Handumdrehen erblühte die Hecke zu unglaublicher Pracht. Wenige tastende Schritte, dann tanzten Prinz und Prinzessin zu den heiteren Fanfaren federleicht in etwas Neues hinein. Über ihr tanzte die Sonne auf den Wellen. Wild und glücklich strebte sie ihr entgegen, gleißendes Licht um sie und über ihr. In ihren Ohren klang das magische Tremolo von fünfundneunzig Takten schimmernder Harmonie, während sich der Prinz durch die Dornenhecke kämpfte. Dann war plötzlich Stille, es wurde dunkel, und der Vorhang schloß sich.

In der Pause standen die Mitglieder des Corps de ballet in fürstlichen Roben in der Opernkantine vor dem kleinen Fernsehgerät und verfolgten die Wiederholung der Rede des Parteifunktionärs aus dem östlichen Teil der Stadt. Lili war auch dabei, aber sie befand sich auf dem Höhepunkt der Konzentration, in ihrem Kopf war Platz für »Dornröschen«, für das, was noch kommen sollte nach zwei Akten, in denen sie vor Anspannung mehr als einmal leise gestöhnt hatte. Sie fühlte sich nicht überfordert, kein Gedanke daran, aber sie wollte es besonders gut machen. Heute war der Abend, hic Rhodus, hic salta, der wichtigste Abend im Leben einer Tänzerin von 21 Jahren. Deshalb sah sie zwar die Bewegung auf dem Bildschirm, hörte das Raunen, spürte die Überraschung der Kollegen auf der Haut. Sie hörte ungläubige und aufgeregte Fragen, es ging nicht länger nur um das Lampenfieber, dessen Herrschaft sie sich bei Premieren willig unterwarfen, weil sie nur gut sein konnten, wenn in ihnen das Feuer brannte. Hier die Premiere von »Dornröschen«, dort die Bilder auf dem Schirm des altersschwachen Geräts. Hier das getanzte Märchen, dort das … aber Lili war Aurora, auch in der Pause. Für die Aufregungen der Welt würde sie erst in zwei Stunden wieder empfänglich sein – wenn überhaupt. Denn heute war ihr Abend. Und auf den Abend sollte ihre Nacht folgen. Lili liebte Premierenfeiern, auch wenn sie nur eine aus der dritten Reihe war und kein einziges Solo hatte. Vergangenheit, schon nicht mehr wahr, heute bat Aurora zum Umtrunk, die Kühlschränke faßten die Flaschen kaum. Lilis Konto sah aus wie nach einem Überfall. Aber wofür ihr Geld ausgeben, wenn nicht hierfür? Die Pause ging zu Ende, der Inspizient bat darum, die Plätze einzunehmen. Aber da war der Fernsehapparat. Als Lili sich umdrehte, sah sie, daß niemand ihr folgte. Sie war begierig zu tanzen, weil Tanzen ihr Leben war. Was war das auf dem Bildschirm?

Beiläufig gab ein Mann mit einer Stimme, der alles Offizielle abging, neue Reiseregelungen für die Bürger seines Staates bekannt. Vor dem Bildschirm Konfusion: Rufe, Skepsis, sogar Lachen, unsichere Blicke nach rechts und links.

Lili: »Los, Leute, die Arbeit ruft.«

Der Koch: »Aber begreifst du denn nicht …?«

Natürlich begriff sie, Lili Martin tanzte »Dornröschen«. Was für ein Ereignis. Geträumt in tausend Nächten. Sie kannte die Schlagzeilen der Zeitungen vom nächsten Tag, hatte sie oft genug getextet, allein für sich oder im Kreis der Freundinnen. »Dornröschen verzaubert die Stadt«. – »Nach diesem Ballettabend ist nichts mehr, wie es war.« Der lähmende Zauber der bösen Fee war gebrochen. Das verwunschene Schloß erwachte zu neuem Leben, seine Bewohner weinten vor Freude.

Während der wochenlangen Proben waren Meldungen bis in den Ballettsaal und an Lilis Ohr gedrungen, daß sich etwas tat in dem nur wenige Schritte entfernten fernen Land. Angeblich war viel Nervosität in der Luft jenseits der langen Mauer. Aber die Geschichte mußte warten, denn Lili war im Begriff zu tanzen, die Aurora in »Dornröschen« war ihre erste große Rolle. Zu früh, wie Skeptiker meinten, aber unausweichlich. Die Primaballerina hatte sich das Knie verdreht, und Lili bekam ihre Chance. In der dritten Reihe tanzt man nicht, dort tritt man auf der Stelle.

»Es geht weiter«, sagte Lili in der Tür der Kantine, aber sie sprach nur zu Hinterköpfen. Sie blickte noch einmal auf den Bildschirm, vielleicht war dort etwas, was sie bisher übersehen hatte. Doch sie sah nichts als eine langweilige Männerriege, öde gekleidet hingen die Funktionäre in schlechter Körperhaltung auf bedrückend schlichtem Konferenzgestühl und lauschten dem Sprecher, der mit müder Stimme die Grenze öffnete.

Als sie am Bühnenrand stand, um sich zu verneigen, rauschte der Beifall auf. Sie dachte: Mehr! Mehr! Mehr! Ihr habt zwei Stunden faul auf euern Hintern gesessen, ihr habt Kraft genug. Sie zählte die Vorhänge mit, es gab eine Zahl, die unbedingt erreicht werden mußte. Sie hatte die Zahl niemandem verraten. Nach dem letzten Vorhang leerte sich das Theater so schnell wie selten jemals. Plötzlich stand Lili allein in ihrer Garderobe, allein mit ihren aufgewühlten Gefühlen, allein mit den obligatorischen Sträußen, vorgedruckt das Toi-toi-toi. Auf diesen Abend hatte sie sich gefreut, ach was, für diesen Abend hatte sie diesen Beruf gewählt und keinen der 500 anderen, für diesen Augenblick hatte sie ein Tänzerinnenleben lang geübt, Tausende Stunden. Für diesen Abend hatte sie sich mehr als einmal die Füße blutig getanzt. Sie war in den letzten Jahren häufiger beim Orthopäden gewesen als beim Zahnarzt. Nun waren die Küsse der Kollegen verweht, viele waren in der Luft zerplatzt, andere glühten auf den Wangen nach. Das Tablett mit den Sektgläsern war noch halb voll, im Kühlschrank in der Stehküche lagen Flaschen auf Eis – und nicht die schlechteste Sorte. Der Kühlschrank in der Kantine enthielt die eiserne Reserve. Kein Risiko am historischen Abend, die Vorstellung von 50 jauchzenden Premierengästen, die plötzlich auf dem trockenen saßen, war Lili unerträglich erschienen.

Plötzlich war der Sekt Altlast, Requisite für die Aufführung nach der Aufführung, die heute nicht mehr stattfinden würde. Mit einiger Verzögerung begriff Lili, daß in dieser Nacht etwas wichtiger war als ein Dornröschen, das so noch niemals aufgetreten war. Lange blickte sie in den Spiegel, betrachtete brennende Wangen und in Auflösung begriffene Schminke, als habe sie so etwas nie gesehen. In Wirklichkeit speicherte sie in diesen Minuten den Abend für immer in ihrem Gedächtnis. Sie löste den Knoten, das braune Haar ergoß sich auf die Schultern. Abschminken? Wozu? Sie war enttäuscht, was sonst. Aber sie wußte nicht, worüber eigentlich, denn an der Herzlichkeit der Freunde und Kollegen war doch kein Zweifel möglich. Beim Gratulieren, Umarmen und Abküssen hatte Lili in viele warme Augen geblickt. Doch schon da war manch ein Kopf zur Tür gewandt gewesen, alle waren aufgebrochen, am Ende hatte es ausgesehen wie Flucht.

Langsam schminkte Lili sich dann doch ab, sie wollte alles machen, wie es sich gehörte, wollte sich später nicht daran erinnern müssen, daß sie es an Sorgfalt hatte fehlen lassen. Sie packte den kleinen Rosenstrauß, ihr liebstes Präsent, in ihren Rucksack und machte sich auf den Weg. Raimond hatte ein Händchen für Sträuße.

Lili liebte es, nach der Vorstellung mit dem Fahrrad durch die große Stadt zu fahren. In diesen Minuten, die nur ihr gehörten, konnte sie allem nachspüren: den Schritten, der Musik, dem Gefühl der Schwerelosigkeit, Wind und Regen im Gesicht und in der letzten Zeit kaum jemals Tränen. Im regelmäßigen Treten der Pedale fand sie ihre Ruhe wieder, die sie für die Dauer der Aufführung eingetauscht hatte gegen einen Strudel an Erregung, Ehrgeiz und den Willen, es gut zu machen. Jeder Abend war eine Premiere, denn wenn sie gestern exzellent gewesen war, mußte sie heute wieder arbeiten wie eine Wilde, um nicht abzustürzen. Mit den Jahren war Routine gekommen, aber tanzen mußte sie immer noch selbst.

Sie hatte den viel zu großen Pullover und ihre dicke Lieblingsjacke über die festlichste Nachvorstellungsgarderobe ihres Lebens gezogen. Keine Stadt, die sie kannte, war abends um 23 Uhr lebendiger, aber so etwas wie heute war ihr noch nie vorgekommen: Auf den Straßen steckten die Autos fest. Menschen, Hunderte, Tausende Menschen füllten Bürgersteige und Fahrbahnen, sie lachten und johlten, skandierten und jubilierten, und alle kannten nur eine Richtung: die Grenze. Sinnlos blinkten die Ampeln rot und grün. Lili hatte Respekt vor Menschenmassen. Was in der Oper Maß und Mitte besaß, konnte auf der Straße jederzeit über die Ufer treten und gewalttätig werden. Lili wollte kein zweites Mal mitansehen, wie ein Sanitäter das Messer herauszog, das ein Fußballfan dem Träger eines Schals der gegnerischen Mannschaft in die Seite gerammt hatte. Masse machte hemmungslos, das war für Lili seitdem nicht nur trockene Theorie.

Aber diesmal war es anders: Niemand torkelte, keine geballte Faust, kein Hitler-Gruß, die Menschen hatten Haare auf dem Kopf, keine Helme oder Glatzen. Lili radelte gegen die Wellen eines friedlichen Menschenmeeres, das Meer summte vor Erwartung, und die Erwartung war gut. Sie spürte, daß sie sich nicht entziehen konnte, und dann wollte sie es auch nicht mehr. Einige hilflose Minuten lang wollte sie noch den Weg in Begleitung ihres treuen Drahtesels absolvieren, dann lachte sie über sich selbst und kettete das Zweirad an.

Lili ließ sich von dem Strom der Menschen mitziehen und erreichte die Stelle, wo die Mauer stand. Aber zu einer Mauer gehören nicht nur Steine, sondern Menschen, die die Mauer Mauer nennen und ihre Zwecke respektieren, egal, ob zähneknirschend oder resigniert. Heute stand die Menschenmenge vor der Mauer, zentimeterdicht davor, kein Respektsabstand mehr, Autorität, wo war dein Stachel? Die, die in großer Zahl durch den sonst verschlossenen und bewachten Übergang drängten, jubelten, als sie durch das Tor traten. Lili wurde geschubst und untergehakt, ein fremder Mann fiel ihr um den Hals, schmatzte sie bierselig auf die Wange. Er war nicht der letzte, der Lili umarmte. Gratulationscour, zweiter Akt. Schlechtere Gerüche, bessere Stimmung. Und hier war Herz im Spiel.

Die Menge rauschte vor Erregung, eine Zeitlang hoffte Lili, ein vertrautes Gesicht zu entdecken. Sie suchte so lange, bis ihr die ersten fremden Gesichter vertraut vorkamen. Kleine stinkende Autos tuckerten durch das Loch in der Mauer, jedes wurde mit einem Beifallsorkan begrüßt. In den Autos meistens junge Menschen, immer winkend, eine Hand auf der Hupe. Sie kamen auch zu Fuß, massenhaft. Je näher der Strich rückte, um so zögernder wurden ihre Schritte. Es folgten die wenigen Meter, die selbst dem Unempfindlichsten ein für allemal den Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit einbleuten. Dann liefen sie, riefen, lachten, und die, die sie empfingen, hatten beide Hände vorm Gesicht, und die Tränen liefen.

Lili weinte nicht. Was sie sah, gefiel ihr, gleichzeitig fühlte sie sich merkwürdig entfernt von den Gefühlen der Menschen. Sie war immer noch aufgewühlt von ihrem Stück, dem Beginn ihrer Karriere als Ballerina.

Wie schön wäre es gewesen, wenn ihre Mutter das erlebt hätte. Aber die lebte in Paris, seit Jahren schon. Sie war krank und konnte nicht reisen, behauptete sie jedenfalls, aber Lili glaubte ihr nicht so ganz. Egal, irgendwann würde sie in der Pariser Oper tanzen, dann würde ihre Mutter zuschauen müssen. Lili liebte ihre Mutter, aber noch mehr liebte sie ihre Freiheit und den Tanz. Die Entscheidung, die die Frauen voneinander weggerückt hatte, war vor langer Zeit gefallen. Als die Mutter dann begonnen hatte, das Reisen für sich zu entdecken, und am Ende ganz auf die Rückkehr verzichtet hatte, waren die Würfel längst gefallen. Lili akzeptierte, daß sie diese Mutter nur um den Preis exorbitanter Telefonrechnungen für sich haben konnte. Ihr Vater war noch weiter entfernt, aber ihm fühlte sie sich näher, auch wenn er hundertmal mit der Nähe nichts anzufangen wußte, der liebenswerte brummige alte Mann, der besser schweigen konnte als sprechen.

In der Bewegung, in der Musik war alles enthalten, was Lili zum Leben brauchte. Sie konnte den ganzen Tag tanzen und fühlte sich niemals erschöpft. Manchmal war sie unkonzentriert, und oft strengte das Training sie an. Aber schmerzende Füße waren kein Grund, auf das Training zu verzichten. Sie fühlte sich wohl, wenn sie auf dem Tanzboden ihre Übungen absolvieren konnte. Dann zählte die Zeit nicht, und auch im sechsten Jahr fühlte sie sich noch als Lernende. Andere hatten irgendwann resigniert, waren geflüchtet in Ehen, Umschulungen und Musicals für Kapitalanleger, die nach Verlustzuweisungen gierten. Lili, die drei, vier Jahre lang auf die große Krise gewartet hatte, fürchtete sich nun nicht mehr. Ihr stand nichts mehr bevor außer Lust und Spaß und Zukunft, und an diesem Abend, der groß zu werden versprach, hatte sie in einem anmutigen Spagat die Verbindung zwischen Zukunft und Gegenwart hergestellt. Sie mußte nicht länger warten und auf der Stelle tanzen, ihre Bewegung hatte eine Richtung eingeschlagen. Morgen würde sie nicht mehr am gleichen Fleck stehen. Sie hatte auf sich aufmerksam gemacht. Zwei Figuren waren nicht optimal gewesen, aber es hatte 85 andere Minuten gegeben.

Einmal, Lili war ein Mädchen von elf Jahren, hatte sie wegen eines verstauchten Knöchels einige Wochen mit dem Training aussetzen müssen. Der Tiefpunkt einer Kindheit. Sie hatte geweint, niemand hatte sie trösten können. Selbst dem gutmütigsten der Gutmütigen, ihrem Vater, hatte sie vorgeworfen, ein Attentat auf sie verübt zu haben. »Ihr wollt gar nicht, daß ich tanze.« Ein absurder Vorwurf, denn es war die Mutter gewesen, die mit der Fünfjährigen zum ersten Mal eine Ballettaufführung besucht hatte. Der Vater allerdings hatte die Tanzerei auf eine Stufe mit Feuerschlucken, Clownerien und anderen Gauklerkünsten gestellt, aber derartige Respektlosigkeiten hatten Lili schon damals längst nicht mehr aus der Fassung gebracht.

Die Mutter hatte die Ballettschule ausgesucht, die Mutter hatte Lili begleitet und mit verzücktem Gesicht zugeschaut, wenn ihre kleine Prinzessin tanzte. Die Mutter war es auch, die die Schule bezahlte. Heimlich, denn ihr Vater hätte niemals erlaubt, daß für solche unernsten Beschäftigungen Geld ausgegeben wurde. Der Vater verdiente damals nicht viel und dies wenige mit harter Arbeit auf den Schiffen, aber sie hätten zufrieden leben können – ohne exotische Wünsche. Eine Zeitlang tröstete er sich mit der Zuversicht, daß seine Tochter bald die Lust an der Hopserei verlieren würde. Sie verlor die Lust an der Schule, an Schularbeiten, Arztbesuchen und dem Sportverein. Sie verlor die Lust auf sonntägliche Spaziergänge mit den Eltern und auf Umgang mit Freundinnen, die sich nicht für Ballett interessierten. Alles im Leben der kleinen Lili durchlief krisenhafte Zustände – nur das Tanzen war eine Welt über den Wolken, allen Debatten über Nützlichkeit, Preis, Sinn, Zukunft und Zeitaufwand entrückt.

Lilis Maman sparte sich die Gebühren vom Munde ab. Ein gutes Essen gab es nur am Wochenende, wenn der Vater zu Hause war. In der Woche aßen Lili und ihre Mutter Milchsuppe, Kartoffeln mit Quark und Nudeln mit Tomatensoße. Lili war das recht, sie wollte tanzen und bloß nicht dick werden. Von ihrem Vater wußte Lili als Kind nicht viel. Er war, wenn sie zur Schule mußte, meist schon zur Arbeit gegangen, abends reichte es gerade einmal zu einem Gute-Nacht-Kuß zwischen Zeitung, Tagesschau und Streitereien. Und als er dann zur See fuhr, wurden die Abstände zwischen Abschied und Wiedersehen quälend lang. »Es ist jedesmal ein bißchen wie Beerdigung«, sagte Lili zu ihrer Mutter, wenn das Schiff mit dem Vater ausgelaufen war, aber die nutzte ihre »Witwenzeit«, um genüßlich Kette zu rauchen und die Wohnung in einen Zustand geraten zu lassen, den die kleine Ordnungsfanatikerin Lili geradezu als Verwahrlosung empfand.

Immerhin gab es wochenlang keinen Streit, das genoß Lili sehr. Solange sie denken konnte, ärgerten sich ihre Eltern übereinander. Das Streiten war so selbstverständlich, daß Lili immer wieder von Außenstehenden darauf aufmerksam gemacht werden mußte, wie unschön und gefährlich es war, unablässig gegeneinander Krieg zu führen. Lili nickte dann bloß ein bißchen verstört. Sie fand es nicht schön, wenn ihre Mutter weinte und der Vater tagelang nicht zu Hause war. Aber es kam die Zeit, da weinte die Mutter nicht mehr, und die Laune des Vaters verbesserte sich trotzdem nicht.

Da war Lili neun Jahre alt, und die Mutter befand, es sei an der Zeit, etwas gegen das unüberhörbare Vergnügen ihrer Tochter an populärer Musik zu unternehmen. Sie überspielte klassische Konzerte aus dem Radio. Die wurden abends ausgestrahlt, wenn das Kind schon im Bett lag. Die Mutter stellte das Tonband an und spielte Lili die Orchester und die Sänger später vor. Sie versagte sich dabei jede Schulmeisterei, verteilte keine Zensuren und machte Lilis Hitparadenmusik auch nicht madig. Sie sorgte einfach dafür, daß die andere Musik im Haushalt gegenwärtig war, weiter nichts. Keine Musik für besondere Anlässe, sondern ein Teil des Alltags. So verlor die Musik ihre einschüchternde Bedeutsamkeit, und Lili lernte quasi nebenbei, was sonst noch existierte im musikalischen Spektrum. Vor allem lernte sie, daß sich Ballett und diese Musik wunderbar miteinander vertrugen. Natürlich tanzte Lili zu jeder Musik, Lili hatte nun mal Bewegungstalent und fand die fußlahme Engtanzerei erst dann nicht mehr so langweilig, als Marek ihr gezeigt hatte, was so alles beim Auf-der-Stelle-Treten passieren kann. Marek war schuld daran, daß Lili zweimal die Tanzstunden schwänzte. Dann hatte sie diese Phase überwunden und sagte zu ihrer Mutter: »Kein Mann der Welt wird mich jemals dazu bringen, mit dem Tanzen aufzuhören.« Und sie hob die Finger wie bei einem Schwur.

Das einschneidendste Erlebnis ihres jungen Lebens hatte Lili mit dreizehn, als sie die Aufnahmeprüfung an einer berühmten Ballettschule bestand. Als ihr Vater davon erfuhr, warf er seiner Frau vor, dem Kind hinter seinem Rücken Flausen in den Kopf zu setzen, und verlangte, daß Lili sofort mit dem Quatsch aufhöre. Über diesem Streit kam es zum endgültigen Bruch zwischen ihren Eltern. Die Mutter unternahm mit dem Mädchen einen langen Spaziergang auf dem Deich, redete über Belanglosigkeiten und fragte sie dann plötzlich, ob sie bereit wäre, für das Tanzen alles aufzugeben. Lili verstand nicht, was ihre Maman mit dieser Frage meinte. Aber sie spürte genau, daß dies ein wichtiger Moment ihres Lebens war. »Was ist ›alles‹?« fragte Lili. »Deine Familie«, antwortete Maman, aber Lili verstand das nicht. Wie sollte etwas aufhören können, was schon immer dagewesen war? »Lili«, sagte die Mutter eindringlich, »wie wichtig ist dir das Tanzen?« »Das Wichtigste«, antwortete Lili, weil sie spürte, wie ernst es der Mutter war.

Die Mutter brachte sie in das Internat der Ballettschule, verließ ihren Mann und ging nach Paris zurück, wo sie das ehemalige Geschäft ihrer Eltern übernahm, einen kleinen Laden für Posamenten, Bänder, Borten, Quasten, Schnüre im 15. Arrondissement. Sie kam gerade noch rechtzeitig, bevor der neue Besitzer das traditionsreiche Geschäft zugrunde richten konnte. Sie bezahlte das Internat für Lili, und in den Ferien fuhr Lili zur Mutter nach Frankreich. Dann besuchten sie gemeinsam das Ballett in der Oper. Diesen Termin ließen sie nie ausfallen – selbst dann nicht, als Lili nach ihrer Abtreibung Blutungen bekam. Und auch nicht, als sich die Mutter zwei Tage vorher den Fuß gebrochen hatte und der Platzanweiser ihr einen Hocker für den Fuß besorgen mußte. In der Pause sah sogar der Theaterarzt nach der maladen Besucherin. »Einmal«, sagte Maman jedesmal, »wirst du dort oben tanzen.« Lili nickte stumm und jedesmal ergriffen. Einmal würde sie dort oben tanzen. Von ihrem Vater hatte sie lange nichts gehört.

Diese Nacht an der Mauer hätte ihm nicht gefallen, dachte Lili. Er mochte keine Menschenansammlungen, aber sie erinnerte sich, daß er gern gelacht hatte – nicht oft, doch gern. In dieser Nacht lachten alle. Noch nie hatte Lili so viele aufgeregte Menschen gesehen. Ständig mußten sie sich gegenseitig erzählen, was im Begriff war zu geschehen. »Die Mauer ist offen. Sie dürfen alle raus.« Lili lachte und freute sich, aber sie spürte, daß sie nicht richtig begriff. Solange sie sich erinnern konnte, hatte es die Mauer gegeben. Eine Mauer, zwei Staaten, na und? Die drüben verboten das Tanzen nicht. Sie wußte, daß es dort sogar Ballettaufführungen von höchstem Niveau gab. Das gefiel Lili. Aber die größeren Zusammenhänge interessierten sie nicht. Politik war für die Politiker da. Heute nacht sah sie keinen von ihnen. Vor der Mauer standen nur Menschen, die ihre Nachbarn hätten sein können. Sie tanzten, tranken Sekt aus Flaschen. Lili imponierte diese riesige Inszenierung. Aber sie war, vor der Mauer stehend und endlich aus der Flasche trinkend, nachdem sie diskret den Flaschenhals am Ärmel abgewischt hatte, traurig, daß die Ereignisse nicht noch einen Tag gewartet hatten. Sie hatte sich so sehr auf den 9. November 1989 gefreut – auf ihren Tag. Jetzt hatte sie starke Konkurrenz bekommen. Hier draußen waren mehr Besucher als vorhin in der Oper. Lili stellte sich vor, dort oben auf der Mauer zu tanzen …

»Wo gibt es hier den Sekt?« fragte jemand. Und als das Paar neben ihr nicht gleich verstand: »Den Sekt? Seid ihr nicht von hier?«

Da lachten die beiden, blickten sich an und lachten Tränen. »Die Wessis«, prustete die Frau heraus. »Wie im Fernsehen. Nur live.«

Einen mobilen Sektstand fand Lili an diesem Abend noch, aber der Mann saß fassungslos auf dem nackten Boden, um sich herum leere Kartons, beide Hände voller Geldscheine. Er schüttelte den Kopf und murmelte »Wahnsinn«, immer wieder »Wahnsinn«.

Kneipen, die gab es natürlich auch in dieser Stadt ohne Sperrstunde, auf die in dieser Nacht ohnehin kein Polizist der Welt beharrt hätte. Nicht in dieser Nacht, in der Lili zum ersten Mal tanzende Polizisten sah, tapsig wie Tanzbären, den Gummiknüppel zwischen den Zähnen, angefeuert von Lederjackenträgern, die nicht aussahen, als würden Polizisten zu ihrem engsten Freundeskreis zählen. Dies geschah vor der Kneipe, denn drinnen war es rappelvoll. Lili brauchte 20 Minuten, um die Theke zu erreichen. »Sekt«, rief sie dem Barmann zu. »Selber Sekt«, rief der zurück. »Ich habe etwas zu feiern«, rief Lili. Und der andere: »Ach nee, Sie auch?« Gelächter überall. »Falscher Tag«, rief der Barmann. »Tut mir leid! – Nee, tut mir nicht leid. Reich mal einer weiter an die Dame mit dem Wunsch nach Sekt!«

So trank sie einen Cocktail aus Cognac, Curaçao und Zitronensaft. Sie fragte nach dem Namen des Getränks, und der Barmann rief: »Alles, was noch da ist!« Lili schmeckte auch Bier heraus. »Heute ist alles möglich«, sagte jemand.

Das Gedränge wurde immer unerträglicher.

»Jetzt gehörst du zu uns«, sagte ein frecher Junge und kämmte sich mit vier Fingern die Tolle aus der Stirn. Er schien den fünfziger Jahren entsprungen und sparte auf den Porsche, mit dem er tödlich verunglücken würde. Er hatte Freunde, Kumpel, Mitbewohner, Kollegen dabei. Alles redete wild durcheinander. Lili kannte niemanden im Lokal. Na toll, Raimond, dachte sie. Du bist nicht nur unfähig, zur Premiere zu kommen. Du kriegst nicht einmal mit, wenn sie die Tore aufmachen. Natürlich hatte Raimond am Telefon bedauert, zerknirscht und süß. Aber nebenbei redete er mit Herrn Wichtig oder der Unaufschiebbar GmbH & Co KG. Meistens war es ein Referent vom Bausenator oder der Stadtbaurat aus einem der Bezirke. Raimond baute für die Stadt, die Stadt baute mit ihm. In einem Jahr die Belegschaft vervierfacht und den Umsatz um 600 Prozent gesteigert. Lili war die einzige aus seinem Umfeld, mit der er keine Geschäfte betrieb. Lili mußte warten. »Aber Raimond, die Premiere. Es gibt nur diese eine!«

»Ich hasse meinen Job«, sagte Raimond. »Wenn du darauf bestehst, schmeiß ich den Griffel hin. Vielleicht brauche ich den Schmerz, nicht mehr zeichnen zu dürfen. Ich muß mich entscheiden, ich darf nicht davon ausgehen, daß du ständig Verständnis aufbringst.«

Mit der Aussicht auf 14 Tage Kitzbühel Anfang Februar verabschiedeten sie sich voneinander. »Leck mich doch«, sagte sie, als der Hörer auf der Gabel lag. Sie brauchte ihn nicht. Nicht, wenn er unfähig war zu kapieren, was heute auf dem Spiel stand. Die Premiere einer Primaballerina. Die Erfüllung all ihrer Wünsche. Der Abend, nach dem nichts mehr so sein würde wie vorher.

»Stoß an«, sagte der freche Kerl. »So jung kommen wir nie wieder und so weiter.«

Glas auf Glas, Bier auf Bier, und ständig dachte sie: Schade, daß es nur Bier ist.

Zwischendurch rannten alle raus, weil es Trabis im Gänsemarsch zu bestaunen gab. Autotüren wurden aufgerissen, die Brüder und Schwestern am Schlafittchen in die Kneipe gezerrt, wo sie feierlich in die Gemeinde der Zecher aufgenommen wurden. Eine Frau fiel Lili um den Hals und rief: »Ich glaub es nicht, ich glaub es nicht.« Die Schwester weinte und sprach vom schönsten Tag in ihrem Leben. Man sang die Internationale, Gläser flogen gegen die Wand. Alle waren glücklich, und die Schwester ließ einfach nicht von Lili ab. »Sag doch mal«, schluchzte sie. »Das hättest du nicht gedacht. Daran hat doch keiner geglaubt. Aber ich habe es gewußt. Mein Mann ist feige. Wäre am liebsten zu Hause geblieben. ›Die Stasi schießt‹, das ist mein Mann. Was ist dein Mann?«

»Ein Arschloch.«

»Wo steckt er denn?«

»Muß arbeiten.«

»Heute abend arbeiten?«

»Sag ich doch. Arschloch.«

Sie tranken auf die Arschlöcher dieser Stadt. Lili meinte nur einen. Das zahle ich dir heim, dachte sie. Die Schwester zeigte ihren Mann vor, jung, total überdreht und immer wieder: »Hat einer ein neunziger Waschbecken? Ich brauche ein neunziger Waschbecken.«

Dann stand er vor Lili und röhrte: »He, dein Alter ist Architekt. Hat er neunziger Waschbecken?«

Lili floh zu dem frechen Bengel. Der legte den Arm um ihre Schulter und rief: »Als wenn der Zoo Betriebsausflug macht!«

Lili sagte: »Du hast doch keine Ahnung. Ihr könnt alle nur an eure Mauer denken.«

Er tippte auf prämenstruelles Syndrom.

»Ballett?« fragte er dann irgendwann ungläubig. »Wo die Kerle Strumpfhosen tragen?«

Sie packte den Ignoranten an den Aufschlägen seiner Lederjacke und schüttete ihn zu mit Ausführungen über Rhythmus, Phantasie, Raumgefühl, Gleiten, Schweben, Leidenschaft, Intensität, Steigerungen, Stürmen, Rasen, Stürzen. Das fand er toll, in seinen Lieblingsfilmen fielen die Helden auch ständig hin.

In der Kneipe waren die Tanzbären los. Einer griff dem anderen um die Hüfte, eine Polonaise begann, zog johlend ins Freie und umkurvte die Trabis, Lili mittendrin. Der Bengel rangelte mit Rivalen um das Vorrecht, ihre Hüften zu packen. Er rief: »Hey, die hier kann richtig tanzen! Immer auf Zehenspitzen, und dazu die Kerle in Strumpfhosen.«

Lili verschaffte sich Luft und Raum und tanzte. Erster Akt, zweites Bild. Variation Auroras. 3/4 Pizzicato für Violinen, Violoncelli und Harfen. Coda. 2/4 lebhaft. Plötzlich bemerkt Aurora eine Alte, die mit ihrer Spindel den Takt schlägt. Dem Bengel wurde ganz anders, als Lili ihn an den Händen und in die Pflicht nahm. Aber er hielt sich wacker, und Lili dachte: Guck es dir an, Raimond. Das würdest du nie schaffen. 3/4-Bewegung, fröhlich und sehr gesanglich. Wenn der 3/4-Takt beginnt, ergreift Aurora die Spindel, die sie wie ein Zepter schwingt. Doch plötzlich Schmerz! Ihr Blut fließt 8 Takte 4/4, Largo. In ihrem Schrecken – 2/4, lebhaft – wie tot fällt sie nieder. Überraschungsschreie aller Zuschauer mit Ausnahme derjenigen, die auf die Straße laufen, um Neuankömmlinge zu kobern. »Komm rein, du Arsch, hier ist der freie Westen!«

Lili stand auf, der Bengel blickte sie bewundernd an. Sie redete wie aufgezogen. Ihr Abend, ihre Premiere, ihre Chance. Der Bengel hätte sich alles auch zweimal angehört, dreimal, immer wieder, wenn sie zwischendurch nur mit ihm geschlafen hätte. Er küßte sie neben der Theke. Lili hielt still. Sie sah Raimonds Strauß, ohne Glas, ohne Wasser, kopfüber hing er von der Neonröhre. Eben noch frisch, jetzt schon Trockenblume. »Nein«, sagte Lili, »nein, mit dir gehe ich nicht nach Hause. Du willst nur meinen Körper.«

Und der Bengel lachte schrecklich.

ZWEI

Ein Auto nahm sie mit, da war es schon nach sechs. Lili wollte dem Fahrer erzählen, warum sie so spät noch auf den Beinen war. Aber der lachte nur und spottete: »Sag bloß. Sag bloß.« Lili hätte nicht sagen können, ob er betrunken war oder nur euphorisch. Das Telefon klingelte, als sie noch 14 Stufen von der Wohnungstür entfernt war. Raimonds Rosenstrauß flog auf das Sofa.

»Ja, bitte?«

»Spreche ich mit Lili Martin?«

»Ja, was ist denn?«

»Ist Ulf Martin, wohnhaft in Hamburg, Altstädter Straße 17, Ihr Vater?«

»Was? Ja, ja natürlich. Und wer sind Sie?«

»Dr. Felbert. Universitätsklinik Eppendorf in Hamburg.« Räuspern. »Ich muß Ihnen eine traurige Mitteilung machen. Ihr Vater ist heute nacht verstorben.«

Die Nachricht erreichte ihr Ohr, aber nicht den Verstand. In ihrem Kopf formte sich langsam das Bild ihres Vaters, wie er hinter der Zeitung versteckt auf dem Sofa saß, Lili vor ihm auf den Knien, er durch ein Loch in seiner Zeitung einen Finger steckend. »Wo ist meine Lili?« fragte er mit linkisch verstellter Stimme. Er war immer ein lausiger Schauspieler gewesen.

»Hallo? Hören Sie mich? Ich weiß, das ist eine etwas ungewöhnliche Form der Mitteilung, aber Ihr Vater hat uns gebeten, Sie sofort zu informieren, wenn es soweit ist.«

Er schimpfte oft und regte sich auf. Aber er spielte auch viel mit Lili, und sie mußte ihm immer wieder sagen, daß sie es toll fand, mit ihm zu spielen. Denn er war so unsicher.

»Wir versuchen es schon seit gestern abend. Aber bei Ihnen in Berlin ist ja der Teufel los. Und heute nacht ist er eingeschlafen. Es war eine Erlösung.«

Einmal hatte er ihr Pralinen mitgebracht, und sein Kuß hatte nach Bier gerochen. Sie hatte die Schokolade nicht gegessen.

»Woran … woran ist er denn gestorben?«

»Krebs. Bauchspeicheldrüse. Wußten Sie das nicht? Er ist seit einem Jahr bei uns in Behandlung. Die letzten drei Monate stationär.«

Drei Monate, das war fast so lange, wie sie Raimond kannte. Eine Ewigkeit. Ihr Vater hatte drei Monate im Krankenhaus gelegen, und sie hatte nichts davon gewußt. Und jetzt war er tot.

Die Stimme in Hamburg sagte: »Sie müßten dann so bald wie möglich kommen. Es gibt einige Formalitäten zu erledigen.«

DREI

Training von 10 bis 11.30 im Übungssaal der Oper. Probe von 11.45 bis 13.30 und nachmittags von 17.30 bis 20.30, wenn es keine Aufführung gab. Lili nahm die Glückwünsche für den Vorabend abwesend, als würde es sie gar nichts angehen, entgegen. Die Zeitungen würden mit einer Ausnahme erst morgen über die Premiere berichten. Die eine Ausnahme druckte halbfett kursiv: »Sicherlich finden wir die Zustimmung unserer Leser, wenn wir den Kultur- und Sportteil heute sehr kurz halten. In unserer Stadt ereignet sich in diesen Stunden Geschichte. Wir wollen, daß alle unsere Leser sagen können: Wir sind dabeigewesen.« Lili wurde knapp erwähnt, aber der Artikel war erkennbar in größter Eile geschrieben worden.

Zum erstenmal waren die Gedanken des Konzentrationswunders Lili Martin nicht bei der Sache. Als der Ballettmeister zum wiederholten Male korrigierte, schossen ihr Tränen in die Augen. Sie verausgabte sich an der Stange, am Boden, im Raum. Um sie herum ließen sie die letzte Nacht Revue passieren. Viele waren an der Mauer gewesen. Der Ballettmeister bat um mehr Konzentration. »Entschuldigung«, sagte die Kollegin, die bis vor zwei Jahren Primaballerina gewesen war, spitz. »Wir unterhalten uns nur ein bißchen über Geschichte.«

Und der Ballettmeister sagte: »Konzentration. Dann tanzen Sie Ballettgeschichte. Vielleicht doch noch einmal. Sie sehen ja: Manchmal wird das Unmögliche möglich.«

Natürlich hatte sie sofort ihre Mutter angerufen. Maman wollte, bevor Lili zu Wort und zum Thema kam, wissen, wie der Abend verlaufen war, sie fragte nach allem ganz genau. Als Lili vom Tod des Vaters erzählte, reagierte Maman einsilbig. Nur noch »oui« und »non«, wie es ihre Art war, wenn sie sich in sich zurückzog, kein Wort des Mitleids, kein Wort der Trauer. »Aber Maman, er ist tot.«

»Für mich ist er vor über einem Jahrzehnt gestorben.«

»Das Krankenhaus sagt, es müssen noch einige bürokratische Dinge erledigt werden. Maman, bist du noch da?«

»Ich höre dich, mein Kind.«

»Möchtest du denn nicht herkommen?«

»Offensichtlich hat dein Vater die Ärzte gebeten, dich zu informieren. So war es doch, nicht wahr? Dann, entschuldige, verstehe ich deine Frage nicht.«

»Aber Maman … er ist dein Mann.«

»Er war mein Mann. Vor langer Zeit. Meine Erinnerung reicht nicht soweit zurück.«

Am kommenden Abend tanzte Lili das Dornröschen und fuhr dann überstürzt nach Hamburg, in jene Stadt, die sie liebte und kaum kannte. Sie würde ihren Vater beerdigen müssen. Aber wie machte man so etwas? Sie war 21 Jahre und besaß mit derartigen Dingen keine Erfahrung. Hatte der Vater eine neue Familie, hatte er allein gelebt? Und wo? Die ganze Zeit in Hamburg, keine 300 Kilometer entfernt? Lili wußte nichts über das Leben ihres Vaters in den letzten Jahren. Einem Gerücht zufolge war er von der Nordsee ins Landesinnere gezogen. Aber Lili hatte keinen Kontakt mehr zur Verwandtschaft, die Sippe war in alle Winde zerstreut. Lili kannte längst nicht alle Cousinen und Cousins mit Namen. Mit Maman hatte sie nicht über den Vater geredet. Die Mutter hatte das Thema nicht für tabu erklärt, nicht mit Worten, nicht mit Zorn. Aber ihr Gesicht, wenn das Gespräch nur in die Nähe des Ungeliebten zu geraten drohte … Lili hatte verstanden und geschwiegen. Es war ihr nicht schwergefallen, sie wollte keinen Vater haben, der leichten Herzens seine Tochter weggab. Er hatte nicht nur eine Ehefrau verlassen. Es gab zwei Frauen, die ihm nicht verzeihen wollten. Aber eine der Frauen dachte ständig an ihn.

Auf der Fahrt über die Autobahn drehte sie die Musik im Auto so laut, daß die Lautsprecher knarrten. Die Grenzbeamten standen an ihren riesigen, mit Scheinwerfern gespenstisch erhellten und nun funktionslos gewordenen Abfertigungsrampen. Sie winkten müde und wirkten desorientiert, blätterten in Lilis Paß wie in einem abgelaufenen Kalender. Wie gescholtene Hüter, denen ihr Land abhanden gekommen war, standen sie da. Ganz anders die Reisenden, die forsch fuhren, unwillig und zum Widerspruch bereit ihre Papiere zeigten und dabei Scherze auf Kosten der Grenzer machten. Jetzt brach sich folgenlos Bahn, was jahrzehntelang das sofortige Ende der Fahrt bedeutet hätte.

Der Krankenhausarzt drückte ihr die Hand. »Herr Martin hatte ja wohl weiter keine Verwandten, außer seiner geschiedenen Frau und einer Schwester im Osten. Und natürlich Ihnen.« Lili nickte, wußte aber schon gar nicht mehr, was er eben gesagt hatte. Sie bebte bereits in Erwartung des Unvermeidlichen.

»Ihr Vater war ein tapferer Mann«, sagte der Arzt. »Er hat seine Krankheit würdig erlitten, nicht geklagt, niemandem Vorwürfe gemacht. Und dabei hatte er ein schweres Los, Bauchspeicheldrüsenkrebs ist keine angenehme Sache. Er hat sehr nett von Ihnen gesprochen. Sie sind Tänzerin? Er hat mir ein Programmheft gezeigt. Er war sehr stolz auf Sie.«

Er lächelte Lili an, aber sie hätte dieses Lächeln am liebsten einfach abgestellt. Er sah aus, als würde er trotz des Lächelns leiden. Verkrampft lächelte sie zurück.

»Kommen Sie«, sagte der Arzt, »ich zeige Ihnen Ihren Vater.« Er half ihr vom Stuhl auf, denn plötzlich konnte Lili nicht mehr gehen. Panisch schüttelte sie den Kopf.

»Es geht nicht anders, wir machen es auch ganz kurz.« Der Arzt begleitete sie durch endlose Gänge. Irgendwann ging es mit dem Fahrstuhl abwärts. Der Arzt ließ Lili keine Sekunde aus den Augen. Es ging durch weitere Gänge, kilometerlange, enge Gänge, kalt beleuchtet oder stockfinster. Hier und da standen Betten an der Wand, Gänge, in denen gnädig Zeit verstrich, bis sie einen Raum mit vielen Fächern erreichten. Lilis Beine waren steif, ließen sich in den Knien nicht mehr beugen. Der Körper wehrte sich gegen die letzten zwei Meter des langen Weges.

Ein Pfleger mit Mundschutz nickte, als würde er verstehen. Aber er verstand nichts, er war täglich hier, für ihn war dies alles normal. Ein Schrankfach glitt unhörbar aus der Wand, der Pfleger hob eine Decke an.

Er war so blaß, weiß, wie Wachs, so sah kein Mensch aus. Sie hatten sein Kinn mit einem Verband hochgebunden, die Augen waren eingefallen, Lilis erster Gedanke war, daß Vögel die Augen aus den Höhlen gepickt hatten. Sie wußte, daß dies unmöglich war, und war trotzdem besessen von der Vorstellung. Die Nase war ganz spitz und fremd, aber es war seine Nase, mit der er so furchterregend laut schneuzen konnte, daß eine kleine Tochter sich lachend am Boden gekugelt hatte. Lili am Kopfende nickte, weil sie dachte, daß sich dies so gehörte. Sie wandte sich ab, wollte hinaus, fürchtete sich aber auch davor, nicht allein zurückzufinden.

Im letzten Moment, sie stand fast schon an der Tür, wollte sie seine Hände sehen. Darauf waren sie nicht gefaßt. Lili vermutete plötzlich, daß sie ihr etwas anderes anbieten würden, einen Handel, weil sie sie dabei erwischt hatte, wie sie etwas Unrechtmäßiges taten. Denn warum trug der fremde Mann den Gesichtsschutz? Was hatte er zu verbergen? Wer sollte ihn nicht erkennen, hier unten in einem Raum mit Fächern, in denen niemand lag, der ihn verraten konnte?

»Die Hände«, sagte der Mund hinter dem Mundschutz und trat so viele Schritte zurück, wie Lili nach vorn trat. So blieb das Gleichgewicht erhalten. Der Anblick der vertrauten Hände war zuviel für sie. Lili sackte zusammen, weinte an der Schulter des Arztes und versuchte, während er ihr den Rücken tätschelte, vergeblich, sich an seinen Namen zu erinnern.

Sie konzentrierte sich aufs Atmen, löste sich von der Schulter. Sie blickte wieder auf die Hände ihres Vaters, und ihr Gesicht wurde weich. Sie fühlte Dankbarkeit in sich aufsteigen und einen Strom von Erinnerungen. Sie legte ihre rechte Hand auf die alten Hände. Sie waren wärmer als Lilis Hand. Sie drückte die Hände, und der Mann schlug nicht die Augen auf. Aber er lächelte, Lili sah es genau. Jetzt hatten sie ein Geheimnis miteinander.

Der Rückweg erschien ihr viel kürzer als der Hinweg.

Der Arzt sagte: »Wenn Sie es wünschen, können wir eine kleine Feier arrangieren. Wir haben auf dem Gelände eine Kapelle.«

Lili sagte: »Ich werde ein Bestattungsunternehmen beauftragen müssen. Wenn Sie mir vielleicht helfen könnten. Ich kenne hier niemand. Ich werde ja auch die Wohnung auflösen müssen.«

»Darüber würde ich gern noch einmal mit Ihnen sprechen. Sie müssen wissen … Ihr Vater hat seinen Körper der Wissenschaft vermacht«, sagte der Arzt und schob ein Schriftstück über seinen Schreibtisch.

»Was heißt das?«

»Das heißt, daß Sie Ihren Vater nicht mitnehmen können. Nicht beerdigen können. Noch nicht.«

»Wollte er das?« fragte Lili.

»Es war sein ausdrücklicher Wunsch«, sagte der Arzt. »Ihr Vater litt an einem Karzinom, bei dem unsere Erfolgsrate immer noch sehr gering ist. Er wird uns helfen, die Krankheit zu ergründen. Wir sind dringend auf diese Art von Hilfe angewiesen. Man kann nicht alles im Labor simulieren. Oder an Tieren.«

»Was haben Sie mit ihm vor?«

Der Arzt lächelte sein Medizinerlächeln. »Das wollen Sie doch nicht im Ernst wissen? Ich könnte es Ihnen jetzt auch gar nicht sagen.« Er räusperte sich. »Aber nach Abschluß unserer Arbeiten übergeben wir Ihnen gern die Reste … pardon, die sterblichen Überreste zur Bestattung. Ihr Vater wünschte eine Feuerbestattung. Der Antrag ist bei den Papieren. Es wird aber noch etwas dauern.« Der Arzt atmete tief durch. »Wie gesagt, der Krankenhaus-Geistliche wird sehr gern eine kleine Feier für Ihren Vater ausrichten.«

Lili nickte. Acht Jahre lang hatte sie keinen Vater gehabt. Wenige Stunden zuvor hatte sie sich mit dem Gedanken angefreundet, ihm wenigstens jetzt nahe zu sein. Und nun wurde ihr sein Körper verwehrt.

»Ihr Vater hat seinen Tod mit großer Gelassenheit vorausgesehen und alle weltlichen Dinge beizeiten geregelt. Er hat seine Wohnung aufgelöst und alles verkauft, was er nicht mehr brauchte. Er kam mit einem Koffer zu uns, es war August, ein schwüler Tag, ich erinnere mich noch gut. An manche Patienten erinnert man sich einfach besser. Ein einziger Koffer, er sagte, es sei erstaunlich, wie wenig man für die letzte Reise braucht.«

Lili fürchtete sich vor der Antwort, aber sie mußte es wissen: »Hat er Besuch bekommen?«

Der Arzt musterte aufmerksam ihr Gesicht und entschied dann wohl, daß sie die Wahrheit verkraften würde: »Soweit ich weiß, nicht, nein. Niemand. Aber das werden Ihnen die Schwestern genauer sagen.«

Lili konnte sich immer noch nicht vorstellen, daß dieser fremde, übermüdete Mann mit dem schütteren Haar ihren Vater besser kannte als sie.

»Der Koffer steht in der Verwaltung. Ich möchte Sie bitten, ihn mitzunehmen.«

Lili hatte genug von diesem Ort. Aber sie wußte, daß die Sachlichkeit, die sie in den ersten Minuten empört hatte, auch ihre guten Seiten besaß. Man konnte sich auf die organisatorischen Dinge konzentrieren. Erneut mußte Lili Gänge, Fahrstuhlfahrten und viele Meter Fußmarsch absolvieren. Sie bekam eine Ahnung davon, wie gigantisch der Komplex dieses Krankenhauses war. Wenn sie aus dem Fenster blickte, sah sie immer nur Autos und keine Menschen. Im Büro röchelte eine Kaffeemaschine, das Geräusch verfolgte Lili noch tagelang. Ihre Papiere lagen bereit, Lili unterschrieb alles gehorsam, las nichts durch und stellte keine einzige Frage. Als sie der Bürokratie ihren Tribut gezollt hatte, begannen plötzlich alle Bürokräfte, ihr die Hand zu schütteln. Sie sprachen nicht zum ersten Mal ihr Beileid aus, aber Lili, die auf ein verräterisches Zeichen der beleidigenden Routine lauerte, mußte zugeben, daß alle in den wenigen Sekunden, auf die es ankam, überzeugend wirkten. Dann wurde der Arzt, dessen Namen sie immer noch nicht wußte, per Piepser abberufen, und Lili bekam von einer Sekretärin, deren Becken von hinten doppelt so massig wirkte wie von vorn, einen grünen Kunststoffkoffer ausgehändigt. Er war nicht so schwer, wie sie angenommen hatte.

VIER

Lili öffnete den Koffer nicht. Beinahe hätte sie es in einer Aufwallung sofort nach ihrer Rückkehr getan. Aber dann stand das grüne Ding einfach verschlossen in ihrer Wohnung. Lili sah ihn mehrmals am Tag an, berührte ihn auch. Es war schön, sich auszumalen, was er alles enthalten könnte. »Ich sehe was, was du nicht siehst« – eines der liebsten Spiele, die der Vater mit seiner Tochter gespielt hatte. »Du rätst nie, an was ich gerade denke« – der Satz, mit dem sie ihn herausgefordert hatte. Und als er einmal ins Schwarze traf, log sie ihn an: »Kalt, ganz kalt.«

Ab und zu nahm Lili den Koffer in die Hand. Er war nicht leicht und nicht schwer.

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