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LEGENDEN 2

Dana Müller

LEGENDEN 2

Die verfluchte Puppe


Danksagung Ich muss mich in erster Linie bei meiner Familie bedanken, die mich in meiner Arbeit unterstützt. Ebenso beim Autorenkollektiv Buchstabenfresser, das mir wertvolles Feedback gab. Aber vor allem und mit größtem Respekt bei meiner lieben Lektorin Monika Schoppenhorst, ohne die ich ganz schön allein mit meinen Geistern und Dämonen wäre. Danke für deine wertvolle Zeit und dein geschultes Auge für die kleinen Dinge, die ich sonst so oft übersehen würde. Dana Müller


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die verfluchte Puppe

 

 

Dana Müller

 

 

Legenden, Band 2

  

Mitglied des Berliner Autorenzirkels - Wortschatz

Die Geschichte basiert auf der Fantasie der Autorin und ist frei erfunden.

Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Handlungen sind rein zufällig und nicht gewollt.

http://danamueller.jimdo.com/

https://www.facebook.com/pages/Dana-Müller/258472350978589

Twitter: @HotTintenfieber

Nur eine Puppe


Kims Herz drohte vor Aufregung zu zerspringen. Niemals hätte sie sich träumen lassen, in den Besitz einer verfluchten Puppe zu gelangen.

Mit beiden Händen hielt sie die Puppenfigur an den Beinen fest und betrachtete ihr zersprungenes Gesicht. Die leuchtend grünen Augen kontrastierten wunderbar zu den feuerroten Haaren. Ihr Blick wanderte zu dem Glaskasten, aus dem Kim sie herausgeholt hatte. Dahinter befand sich ein Spiegel, in dem Kim ihre eigenen dunkel geschminkten Augen erfasste. Sie waren ebenfalls grün und kontrastierten zu dem Kajalrahmen. Doch so wie die der Puppe leuchteten sie nicht. Ihr Blick glitt zurück zu Elsa. Auf einer Seite war das Haar angesengt. Ein langer Riss zog sich über das feine Porzellangesicht. War die Puppe verflucht, wie Leonie behauptet hatte? Jedenfalls hatte sie auf einer Bibel gesessen und einen Rosenkranz um den Hals getragen. Glaubte die alte Frau, der das Spielzeug gehörte, tatsächlich an so etwas wie Flüche?

»Schnell, sie hat aufgehört zu schnarchen«, sagte Nadine leise. »Raus, sie kommt!«

Sie eilte den langen Flur entlang zu den anderen in den vorderen Bereich. Tobi hielt eine Sporttasche auf. »Los, rein damit«, sagte er.

»Los, los, los, sie hat sich bewegt«, flüsterte Nadine mit panikbelegter Stimme.

Tobi schloss den Reißverschluss der Tasche, nahm Kims Hand und zog sie hastig hinter sich her. Sie warf die Kapuze ihres schwarzen Sweaters über den Beanie und zog diesen etwas tiefer ins Gesicht. Kim hatte keine Lust darauf, erkannt zu werden. Obwohl sie das Haus offenbar ungesehen verließen, fühlte sich Kim beobachtet. Es fühlte sich an, als bohrten sich Blicke in ihren Nacken. Sie drehte sich rasch um, doch niemand war in dem Laternenlicht der fortgeschrittenen Nacht zu erkennen.

Zuerst versuchten sie, unauffällig die Straße entlangzuschlendern. Das hielten sie nicht lange aus und beschleunigten ihre Schritte. Aus Angst vor ihrem eigenen Mut verfielen sie in den Laufschritt, als sie in die erste Querstraße einbogen. Nur weg, dachten sie wohl alle. Keiner von ihnen hatte erwartet, dass das Abenteuer ganz in ihrer Nähe wartete – in der Nachbarschaft, wenn man es genau nahm. Erst, nachdem sie ein paar Mal die Richtung gewechselt hatten, blieben sie endlich stehen.

In Kims Oberschenkeln zog es wie verrückt. Ihr beschleunigter Puls verursachte ein penetrantes Rauschen in ihren Ohren. Sie zog die Kapuze vom Kopf. Nach Atem ringend lehnte sie sich nach vorne und stemmte die Hände in die Knie.

»Scheiße Mann!«, rief Tobi mit sich überschlagender Stimme und klang freudig wie jemand, der mit einem geklauten Lottoschein den Gewinn eingesackt hatte. Dabei konnte sich Kim kaum vorstellen, was an dem ollen Ding so kostbar sein sollte.

»Wir haben nicht etwa einer alten Frau die Puppe weggenommen, oder?«, fragte Nadine mit sarkastischem Unterton in der Stimme.

»Alter, das ist so krass«, beteuerte Kim und zog die schwarze Mütze etwas tiefer. Im Schaufenster eines Tierpräparators spiegelte sich ihre Erscheinung. Sie scheitelte ihr langes dunkelbraunes Haar im Nacken und zog es über die Schultern nach vorne. Die Ereignisse hatten Kims Gesichtsfarbe auf das Mindeste reduziert.

»Vielleicht hätten wir lieber fragen sollen?«, meldete sich nun auch die schüchterne Leonie zu Wort. Sie strich sich mit den Fingern durch das blond gesträhnte Haar.

Nadine packte ihre Schulter. »Ey, spinnst du? Wehe, du bekommst kalte Füße und verpfeifst uns«, drohte sie und untermalte ihre Worte mit einer fest geballten Faust, die sie Leonie unter die Nase hielt. »Die ganze Aktion ist auf deinem Mist gewachsen, vergiss das nicht!«

»Schon gut. Ich bin doch keine Petze. Ich meinte ja nur, dass es schon echt scheiße ist, eine alte Frau zu bestehlen. Wir sind bei ihr eingebrochen«, sagte sie und wandte ihren Blick gleich wieder ab, als Nadine sie giftig ansah.

Sie hob mit dem angewinkelten Finger Leonies Kinn an. »Wenn du nicht dichthältst, schlag ich dir deine hübsche Zahnreihe aus der Fresse. Verstanden?«

Kim fragte sich, wieso Leonie sie und ihre Freunde überhaupt anstiften konnte, so was Schräges wie einen Einbruch durchzuziehen. Eigentlich passte sie gar nicht zu ihnen und gehörte nicht richtig in ihre Truppe.

Zwei Mal die Woche bekam die Blondine Besuch von ihrem Musiklehrer, der ihr Geigenunterricht gab. Wöchentlich ging Leonie reiten und gelegentlich begleitete sie ihre Mutter zu irgendwelchen Events, über die sie sich ausschwieg. Kim ging davon aus, dass es diese Veranstaltungen überhaupt nicht gab. Sie war sich sicher, dass Leonie sich das nur ausgedacht hatte. Warum sonst sollte sie nicht darüber sprechen. Immerhin erzählte sie ja auch von ihrem Musiklehrer und ihrem Pferd Snoopy.

»Und außerdem … Wenn die Puppe harmlos ist, bist du dran. Klar?«, mischte sich Tobi ein.

Er wirkte allein durch seine Größe ziemlich einschüchternd. Neuerdings trug er sein Haar hochgeföhnt, sodass er mindestens fünf Zentimeter dazugewann. So war er fast zwei Meter groß. Manchmal veränderte sich der Ausdruck von Tobis Augen. Wenn er sauer war, bekamen sie einen eigenartigen Glanz, so als gefiele ihm diese Emotion besonders. Aber das kam nur selten vor. »Wer nimmt sie jetzt?«, fragte Kim, um die Situation zu entspannen. Ihre Freunde sahen sie verwirrt an. Also legte sie nach: »Die Puppe?«

»Ich«, meldete sich Nadine sofort zu Wort. »Bin gespannt, ob da was dran ist«, sagte sie und griff nach der Tasche, die Tobi noch immer festhielt.

»Warum solltest du sie zuerst haben?«, beschwerte er sich, griff die Tasche fester und blickte Nadine an. »Vielleicht hat uns das Blondchen einfach nur verarscht und das Ding ist eine gewöhnliche Puppe.«

»Das habe ich nicht. Schon vergessen, dass wir gemeinsam recherchiert haben?«, verteidigte Leonie sich.

Und wie sie das hatten. Nächtelang waren sie im Internet auf Seiten vertieft gewesen, die Kim nie zuvor gesehen hatte. Okkulte Seiten, auf denen zuallererst vor Gefahren gewarnt wurde. Doch das scherte die Freunde nicht. Sie waren neugierig und wollten all den seltsamen Legenden auf den Grund gehen. In Amerika war es die Annabelle-Puppe, die die Leute erschreckte und sie um den Verstand brachte. Sie waren so besessen von der Puppe, dass sie ihr Bücher und Filme widmeten. Auf der anderen Seite des großen Teichs war die Mentalität ein wenig anders. Hier versteckten die Leute ihre Ängste hinter gepflegten Vorgärten und feinen Reihenhäusern. Obwohl Deutschland auch seine okkulten Legenden besaß. Hierzulande war beispielsweise die Puppe Elsa das eine oder andere Mal in Verbindung mit mysteriösen Geschehnissen gebracht worden.

»Ich nehm sie jetzt«, antwortete Tobi und warf Nadine einen raschen Blick zu. »Morgen bist du dran.«

Doch sie fand die Idee offenbar nicht so toll. »Wieso bestimmst du denn die Reihenfolge?«

»Weil ich’s kann«, erwiderte er. Schwungvoll warf er die Tasche über die Schulter und verließ die Mädchen.

Nadine rief ihm hinterher, aber er reagierte nur mit einem Stinkefinger, dabei drehte er sich nicht einmal zu ihnen um.

Kim hielt Nadine zurück, denn diese war gerade im Begriff, ihm zu folgen. »Lass ihn. Dann bekommst du sie eben morgen. Was ist so schlimm daran?«

»Er ist dein Freund. Wenn du lieb zu ihm bist, ändert er seine Meinung vielleicht«, schlug Nadine vor, aber Kim schüttelte nur den Kopf. »Was denn?«

»Eigentlich müsste Leonie die Puppe zuerst haben. Sie hat uns zu ihr geführt«, antwortete Kim und legte eine kurze Denkpause ein. »Außerdem, was ist, wenn das Ding gefährlich ist? Ich finde, es wäre nur fair, wenn Blondie die Puppe als Erste bekommt.«

»Blödsinn. Sie muss sich ganz hinten anstellen«, widersprach Nadine. »Ich geh nach Hause.« Mit diesen Worten ließ sie Kim und Leonie stehen und verschwand in der Dunkelheit zwischen den Laternen.

Kim ergriff die Gelegenheit, einiges von Leonie zu erfragen. »Bist du sicher, dass das die richtige Puppe ist? Die saß bei einer Omi im Regal und sah überhaupt nicht aus, als wäre sie verflucht.«

Leonie schmunzelte. »Wie sieht denn deiner Meinung nach ein Fluch aus?«

Kim suchte nach einer Antwort, aber sie kannte sich so wenig mit solchen Gruselthemen aus, dass ihr einfach nichts Gescheites einfallen wollte. Deshalb gab sie nach. »Punkt für dich.«

Sie gingen gemeinsam die Straße hinauf. Leonie lebte mit ihrer Familie in einem Reihenhaus, ganz so wie Kim. Beide Mädchen wohnten hinter der Hochhaussiedlung nicht weit voneinander entfernt. Daher kannten sie sich auch. Allerdings zogen es Leonies Eltern vor, ihre Tochter auf ein Berliner Elitegymnasium zu schicken, während Kims Mutter froh darüber war, dass ihre Tochter überhaupt zur Schule ging.

In der Vergangenheit war Kim irgendwie von der Spur abgekommen. Nur langsam hatte sie wieder die Gerade erreicht, was nicht bedeutete, dass es ihr leichtfiel, auf dieser auch zu bleiben. Sie gab sich Mühe, weil die elterliche Drohung im Raum stand, sie fortzuschicken.

Vor ihnen lag die Siedlung. Von hier aus konnte Kim bereits den Turm sehen, um den herum die Häuser angelegt worden waren. Ein Aussichtsturm, den Kim in dieser Art noch nirgendwo anders gesehen hatte. Ein Markenzeichen, das der Turmsiedlung ihren Namen gab.

»Warum hängst du eigentlich mit Nadine rum? Du bist ganz anders als sie«, sagte Leonie plötzlich.

Kim war überrascht, denn diese Frage hatten ihr bereits ihre Eltern gestellt. Vielleicht sollte sie wirklich einmal darüber nachdenken?

Sie war mit Nadine befreundet, was Kim ausreichte, miteinander abzuhängen. Ja, Nadine hielt nicht viel von der Schule und ging nur sporadisch hin. Immer dann, wenn der Lehrer ihr mit einer Schulversäumnisanzeige drohte. Aber was soll’s, dachte sie. Ich find es da auch nicht toll. Immerhin besser als Schwarzwald, ergänzte sie in Gedanken. Ihre Eltern hatten gedroht, sie zu ihrer Uroma dorthin zu schicken – zur Uroma! Wie krass war das denn. Davor hatte sie richtig Schiss. Und so ganz ohne ihre Eltern leben wollte sie auch nicht, schon gar nicht wollte sie das Gefühl erleben, abgeschoben zu werden.

Kims Vater war der Meinung, Nadine wäre an dem Abrutschen seiner Tochter schuld. Aber Kim sah das anders. Klar, sie hatten sich gemeinsam an Cannabis und Peppen herangewagt, waren zusammen das erste Mal richtig besoffen gewesen und hatten auch schon Zärtlichkeiten miteinander ausgetauscht. Nicht, weil Kim auf Mädchen stand, sondern aus reiner Neugier. Aber wussten ihre Eltern davon? Woher denn?

Das waren alles Dinge, die sie Nadine nicht in die Schuhe schieben konnte. Immerhin hatte sie Kim nicht gezwungen, mitzumachen. Das war alles irgendwie passiert. Doch das verstanden ihre Eltern nicht. Was Nadine anging, waren sie verbohrt. Und nun hatten sie eine Verbündete im Spiel gegen Kims beste Freundin. Das gefiel ihr nicht.

Sie blieb stehen. »Hör zu. Nur weil du wusstest, wo die Puppe zu finden ist, heißt das nicht, dass du jetzt dazugehörst. Klar?« Ihr Unterton hatte etwas Schnippisches an sich.

»Schon gut«, antwortete Leonie. »Wir sehen uns«, warf sie unerwartet schnell hinterher und bog in ihre Straße ein.

»Blöde Kuh«, murmelte Kim und dachte daran, wie sie und Nadine sich mal geschworen hatten, dass sich niemals jemand zwischen sie stellen könnte. Und nun fühlte sie sich abgeschoben. Das gefiel ihr gar nicht.


Kaum hatte sich Kim ins Bett begeben, ereilte sie die Müdigkeit und sie entglitt der Realität.

Eben hatte sie an der Sanftheit des Schlafes geschnuppert, da vernahm sie ein durchdringendes Klackern. Penetrant wurde es mit jedem Atemzug lauter und bohrte sich in Kims Kopf. Genervt schlug sie die Decke vom Leib und setzte sich auf. In der Dunkelheit der Nacht konnte sie nur vage Umrisse erkennen. Aber es war ihr Zimmer und es war ein Leichtes, die Schatten zuzuordnen. Dennoch spürte sie etwas, das ihr Gänsehaut über die Arme jagte. Etwas, dass sie empfand, als verfolgten Augen ihr Tun. Kim fühlte sich wie auf einem Silbertablett zur Schau gestellt, noch dazu konnte sie nicht sehen, ob sich tatsächlich jemand im Zimmer befand, der sie beobachtete.

Klack – klack.

Da war es wieder.

Das Geräusch drang unter Kims Haut. Mit rasendem Herzen stand sie auf und tastete sich zur Tür, zum Lichtschalter. Als sie diesen erreichte, beruhigte sich ihr Innerstes für einen winzigen Augenblick, gerade so lange, bis sie feststellte, dass er nicht funktionierte. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie japste nach Luft und betätigte den Schalter noch ein paar Mal ohne Erfolg. Es war hoffnungslos. Er war kaputt.

Klack – klack, klack.

Sie schluckte und presste den Rücken an die Wand. Was zum Teufel war los? Ihr Unterbewusstsein schien nur darauf gewartet zu haben, dass sich Kim diese Frage stellte. Es lieferte sofort eine Antwort. Das Gesicht der Puppe tanzte in ihrem Geist umher. Die giftgrünen Augen starrten sie an. Mühsam schob sie das innere Bild beiseite und schärfte ihre Sinne. Jedes unscheinbare Geräusch, jeder vorbeihuschende Schatten konnte Gefahr bedeuten.

Und dann fing ihr Gehör ein Flüstern ein: »Kimberley.«

Angsterstarrt drückte sie die Hände auf ihre Ohren, doch damit sperrte sie das Wispern nicht aus. Im Gegenteil, es wurde stärker: »Kim, komm spiel mit mir.«

Lautes Donnergrollen ließ Kim zusammenfahren, es kam wie aus dem Nichts. Blitze entluden sich und erhellten für einige Sekunden ihr Zimmer. Die Energie richtete Kims Körperhärchen auf. Sie waren nun so empfindlich wie abertausende hochsensible Antennen, die jede noch so kleine Bewegung auffingen. So spürte sie auch ein schnelles Vorbeihuschen, noch ehe sie den Schatten im Blitzlicht erkennen konnte.

Es war gewiss: Jemand befand sich in ihrem Zimmer. Und sie wusste, um wen es sich dabei handelte. Dafür brauchte sie ihre Augen nicht. »Elsa«, huschte es über ihre Lippen. Sie fragte sich, wie die Puppe ins Haus gekommen war.

Ein helles Kichern erfüllte den Raum. Kims Herz bummerte gegen ihren Brustkorb. Weitere Blitze entluden sich von lautem Donner untermalt. Sie erhellten für einige Augenblicke das Zimmer. Kims Seele erzitterte. In dem kurz aufflackernden Licht tauchten giftgrüne Augen auf. Sie fesselten Kim, drangen in ihren Kopf und bannten ihr Bewusstsein.

Regen setzte ein, er prasselte ans Fenster. Kim erschrak. Sie wischte den Angstschweiß von ihrer Stirn und sammelte sich einen Augenblick, um sich mit neu eingestellten Sinnen auf Elsa zu konzentrieren.

Das Gewitter grollte direkt über ihr. Es klang wie die Ankündigung des Armageddons. Kim atmete flach. Sie hatte Mühe, sich auf die Puppe einzustellen. Gewitter gehörte nicht zu ihren Lieblingserlebnissen. Ehrlich gesagt, sie fürchtete sich vor der Wucht, mit der die Natur über die Menschen hereinbrach. Dennoch traute sie sich nicht, wie gewohnt unter die Bettdecke zu kriechen und darauf zu warten, dass es vorbeizieht.

Unvermittelt spürte sie einen reißenden Schmerz an ihrer Wade.

»Kimberley«, ertönte eine helle Stimme im trällernden Singsang, der Kim die Angst wie Stecknadeln unter die Haut jagte. »Jetzt bist du dran.« Ein Kichern untermalte die
Worte.

Kims Seele erstarrte. Sie griff sich an die schmerzende Stelle und spürte eine klebrige Flüssigkeit an den Fingern. Blut, dessen war sie sich nahezu sicher, sie musste es nicht einmal sehen. Die Puppe hatte Kim tatsächlich angegriffen, sie sogar verletzt!

Blitzlicht flutete das Zimmer. Sie hob die Hand und erkannte das, klebrige Zeug daran. Es war ihr Blut, tatsächlich. Der Blitz verwandelte sich in ein hektisches Lichtspiel und verwandelte ihr Zimmer in eine surreale Welt, in der Schatten die Vorherrschaft besaßen. Zitternd schlich sie zur Tür. Tränen erfüllten ihre Augen. Sie wischte sie ab. Ihre Hand berührte gerade die Klinke, als das Zimmer gleißend hell erleuchtet wurde.

Die Deckenlampe brannte, als sei der Lichtschalter nie kaputt gewesen. Alles sah aus wie immer. Auf den ersten Blick erkannte sie nichts Ungewöhnliches, einen zweiten riskierte Kim lieber nicht. Sie wollte nur noch weg. Schnell und leise.

So öffnete sie mit bebendem Körper die Tür. Gewohnheitsmäßig wollte sie das Licht wieder ausschalten, ließ es aber bleiben. Helligkeit beschützte sie. Sollte sie sich das alles nur eingebildet haben, gut. Andernfalls wollte sie Elsa nicht herausfordern. Im Licht, das wusste sie wie jedes Kind, ruhen die Geister, sie tauchen immer nur des Nachts auf.

Aus dem Nichts spürte sie die lauernde Gefahr. Sie traute sich kaum zu atmen, so beklemmend war die Empfindung. Trotzdem trat sie hinaus, doch nicht auf das Laminat im Flur, sondern ins Leere.

Sie stürzte in die tiefste Schwärze, die man sich vorstellen kann. Kim ruderte mit den Armen, schrie, drehte sich im Fall und fiel tief. Elsa tauchte in dem Licht der offenen Tür auf. Sie wurde kleiner, bis nur noch das Rot ihrer Haare zu erkennen war. Die Puppe rief ihr hinterher: »Wach auf.«

Die Tür ging langsam zu und verbarg das letzte bisschen Licht.

»Wach auf, Kim.« Es waren dieselben Worte, doch diesmal klang die Stimme wie die ihrer Mama.

Schweißgebadet schreckte Kim unter lautem Schreien hoch. Sie riss die Augen auf und entdeckte ihre Mutter, die besorgt auf dem Bettrand saß.

»Pscht. Du hast nur schlecht geträumt«, redete sie mit beruhigender Stimme auf ihre Tochter ein. Dabei strich sie ihr das nassgeschwitzte Haar aus Stirn und Gesicht.

Das sollte wohl ein schlechter Scherz sein? Wie sollte sie denn so detailliert geträumt haben, das war real, ganz bestimmt. Sie schüttelte den Kopf, aber ihre Mutter blieb dabei und versuchte Kim mit sanfter Stimme zu überzeugen.

»Schatz, es ist okay. Du hast um dich geschlagen. Geweint und geschwitzt. Ich musste dich wecken. Was hat dich nur so erschrecken können?«

K

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