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Kurzweiliges

Der Star

„I`m the star!“ pfiff es aus einem Kirschbaum im Kirchgarten.

„Hast du gehört?“ sagte Frau Sperling verzückt „ein Ausländer, ein berühmter Sänger!“

 „Woher willst du wissen, dass er ein berühmter Sänger ist?“ fragte der Sperling seine Gattin, die im Nest auf den Eiern saß.

 „Er hat ausländisch gesungen. Seine Stimme klingt so melodisch.“

 Sie guckte melancholisch.

 „Nun werde nicht sentimental“, rügte der Spatz die Spätzin.

 „Ihr Weiber verliert jedes Mal den Verstand, wenn so ein aufgeplusterter Nichtsnutz wie Papuso piepst und dabei die Dachziegel vollscheißt.“

 „Du bist ungerecht.“

 „Wieso?“

 „Du piepst auch und scheißt auf die Dachziegel.“

 „Bei mir ist das etwas anderes. Ich gebe nicht vor, ein Sänger zu sein.“

„Gott sei Dank, du hast auch gar nicht die Stimme zu einem Sänger.“

„Sänger sind nutzlose Gesellen. Sie sind faul.“

„Und du bist nicht faul?“

„Was soll die Frage? Natürlich Nein!““

 „Dann setze du dich auf die Eier. Ich will meine Flügel ein wenig recken und ums Haus fliegen.“

 Sprach`s und flog davon.

 Herr Spatz, nun auf den Eiern sitzend, rief der Gemahlin nach: „Hüte dich vor dem Sänger! Sänger verführen Weiber und machen sie treulos!“

 „I`m the star!“ tönte es wieder aus dem Kirschbaum im Kirchgarten.

„Nun höre dir dieses dumme Gekrächze an!“ schimpfte Herr Schwalberich, weil er sah, dass Frau Schwalbe Anstalten machte, den fremd klingenden Gesang nachzuahmen.

 „Was heißt Gekrächze, lieber Mann, das ist Gesang. Eine Stimme wie Edi Pieps. Ich könnte gleich in Ohnmacht fallen.“

„Dann falle, wenn es dir Spaß macht, aber bitte nicht vom Telephondraht. Um die Erziehung unserer Kinder zur Flugtauglichkeit will ich mich nicht allein kümmern müssen.“

„Das musst du auch nicht. Außerdem ist Flugtauglichkeit nach den Maßstäben heutiger Erziehung nicht mehr das allein Seligmachende. Schwalben müssen mehr können als nur ein Nest bauen und nach Insekten jagen.“

„Du redest sehr klug. Was sollten Schwälbchen denn noch können?“

„Singen, richtig schön singen!“

Frau Schwalbe ahmte den Gesang aus dem Kirschbaum im Kirchgarten erneut nach.

„Was heißt schön singen“, erboste sich Herr Schwalberich, „Schwalben zwitschern von Natur aus lieblich und schön.“

 „Findest du, mein lieber Mann. Zwitschern kann auf die Dauer langweilig werden. Es ist an der Zeit, der Schwalbensprache neue Nuancen zu verleihen.“

 „Welche wären das?“ fragte Herr Schwalberich ironisch.

 Die Antwort gab ihm das erneute Pfeifen aus dem Kirschbaum im Kirchgarten.

 „Das zum Beispiel wäre eine neue Nuance in unserem Zwitscher-Einerlei.“

 „Na prima, dann werden alle Schwalben künftig krächzen wie Krähen. Was plärrt der schräge Vogel eigentlich?“

 „Ei ist stark!“ trällerte Frau Schwalbe.

 „Blödsinniger Text. Typische Schlagerschnulze. Typisch Edi …“ –

 „Untersteh dich!“ warnte Frau Schwalbe, „Edi Pieps ist einmalig in seinem Gesang.“

 „Ja, ja, Ei ist stark. Was soll der Quatsch? Ich habe auch starke Eier.“

 „Angeber!“

 „Wieso?“

 „Starke Eier habe ich. Und vielleicht wird aus einem dieser Eier ein so wunderbarer Sänger wie der, den wir singen hören.“

 „I`m the star!“ schallte es aus dem Kirchgarten.

 „Ich werde mal nachschauen, wer der Sänger mit der charmanten Stimme ist.“

 „Vielleicht ist es Edi Pieps“, höhnte Herr Schwalberich.

 Frau Schwalbe zeigte sich beleidigt und flog davon.

„Ich möchte nur wissen, wo dieser Schreihals steckt!“ wetterte Herr Amsel, dem der monotone Sprechgesang auf die Nerven ging.

 „Ich finde seine Stimme bezaubernd“, schwelgte Frau Amsel.  „Auch mich würde interessieren, woher diese einfühlsame Melodie kommt.“

 „Weit kann der Plagegeist ja nicht sein. Sitzt hier irgendwo in der Nähe und verdirbt einem mit seinem Singsang die gute Laune.“

 „Gute Laune scheinst du nicht zu haben“, bemerkte Frau Amsel kritisch.

 „Sag ich ja, der Kerl vermiest sie einem gründlich. Wenn ich ihn erwische, hacke ich ihm die Zunge ab.“

„Nun bleib mal friedlich, Mann. Ich erinnere mich, dass du im vorigen Jahr auch ununterbrochen geträllert hast, bis ich deinem Werben schließlich nachgab.“

 „Mein Trällern, wie du es abfällig nennst, bestand aber aus angenehmen Tönen.“

 „Ja, so angenehm, dass dich Meier-Schulze mit dem Luftgewehr vom Baum pusten wollte.“

 „Meier-Schulze, wenn ich den Namen schon höre. Der hat von Vögeln doch keine Ahnung. Ein brutaler Fiesling, dieser Mensch.“

 „Nicht jeder Zweibeiner kann ein Vogelfreund sein.“

 „Wenn ich der Menschensprache mächtig wäre, würde ich Meier-Schulze bitten, dem Krakeeler eine Ladung zu verpassen.“

 „Pfui, Mann, du bist nicht nur ein Kunstbanause, sondern auch brutal.“

 „Lieber Kunstbanause als ein Vogel, der nur herumpfeift, statt täglich Würmer zu finden.“

 „Ich merke, dass mit dir heute nicht gut reden ist. Ich werde ein bisschen herum- fliegen und erst zurückkommen, wenn du besserer Laune bist.“

 Sprach`s und entflog.

 „Ich pfeife mir den Schnabel wund und kein Vogel nimmt von mir Notiz. Eine Schande! Kein Sinn mehr für hohe Sangeskunst. Dabei trällere ich unentwegt in Englisch, einer Sprache, die modern ist und den Sound erst zum Sound macht. – Ich versuch`s noch mal, ein letztes Mal. – I`m the star! I´m wonderbar!“

Frau Sperling flog herzu und setzte sich in die Linde, die dem Kirschbaum im Kirchgarten gegenüberstand. Entzückt lauschte sie dem Gesang des Stars, den es freute, doch noch eine Zuhörerin herbeigelockt zu haben.

„Welch wunderbares Lied!“ lobte Frau Sperling und klatschte mit den Flügeln.

Dem Star tat dieser Beifall wohl, und er setzte seinen Gesang fort.

 Frau Schwalbe kam geflogen und ließ sich auf gleichem Ast der Linde nieder. Sie bekundete ebensolche Begeisterung wie Frau Sperling.

 „Nicht wahr, er singt doch herrlich!“ schwärmte die Schwalbe.

 „Unvergleichlich schön!“

 „Ach, könnten unsere Männer so tirilieren.“

 Frau Amsel kam geflogen und setzte sich zu den Beiden.

 „Dieser Sänger verzaubert mir die Sinne.“

 „Ich vergleiche ihn mit Edi Pieps“, schwärmte Frau Schwalbe.

 „Und ich mit Canico Papuso“, tschilpte Frau Sperling.

 „Wie er wohl aussieht? Ob seine Statur der Stimme gleicht?“

 Frau Amsel hatte berührt, was auch die beiden anderen Damen wissen wollten.

 „Sicherlich ein gut aussehender und elegant fliegender Wundervogel.“

 Frau Amsel erhielt Bestätigung durch das Urteil der anderen Beiden.

 „Schön wie Edi Pieps!“

 „Mit schmachtendem Schnabel wie Canico Papuso!“

 Die Verzückung in der Linde beflügelte den Sänger im Kirschbaum.

 „I`m the star!“ pfiff der nun in höheren Tönen, so, als wollte er die Vogelfrauen des gesamten Dorfes becircen.

 Die Kirschbaumserenade wurde urplötzlich durch lautes Gezeter unterbrochen.

 „Hier steckst du Tunichtgut also! Zu Hause hungern die Kinder, und du verträllerst hier deine Vaterpflichten!“

 Ein Starenweibchen war mit straffem Flügelschlag in den Kirschbaum geflogen und hielt dem Edi Pieps – Canico Papuso – Imitator eine Standpauke.

 Die war so heftig, dass dem Sänger das „I`m the star!“ im Halse stecken blieb.

 „Seit einer Stunde warte ich darauf, dass du unseren Kleinen Kirschen bringst. Die sind schon ganz matt vor Hunger. Aber das stört den Herrn Papa nicht. Er pfeift sich eins. Was ist das eigentlich für ein hässliches Gedudel, das du von dir gibst? Da fallen einem ja die Federn aus!“

Dem Sänger fehlte die Antwort, und den drei Damen in der Linde verschlug es ebenfalls die Sprache.

„Marsch, nach Hause, aber ein bisschen flugs! Und komme ja nicht ohne Kirschen!“

Das Starenweibchen verließ mit straffem Flügelschlag den Kirschbaum im Kirchgarten.

Bevor sich Frau Sperling, Frau Schwalbe und Frau Amsel voneinander verabschiedeten, gaben sie ihrer Überzeugung Ausdruck, dass ein fleißiger Ehemann besser sei als ein singender Luftikus.

Leidenschaft, die Leiden schafft

Ich fahre leidenschaftlich gern Fahrstuhl. Dieser aber blieb ausgerechnet zwischen der fünften und sechsten Etage stecken. Wenn er es zwischen anderen Etagen getan hätte, wäre mir weniger Verdruss geworden. So aber brachte mich sein Stillstand in arge Gewissensnöte.

Die beiden jungen Damen, die mit mir den engen Raum teilten, zeigten solche seelische Belastung nicht. Im Gegenteil, sie plapperten munter fort, so, als wäre ein zum Stillstand gekommener Fahrstuhl das Normalste von der Welt. Von der Redseligkeit des weiblichen Geschlechts wusste ich, dass sich deren Unterhaltung nun aber auf die sechste Etage konzentrierte, verwunderte mich denn doch. Zunächst vermutete ich, sie sei das angestrebte Ziel ihrer Fahrstuhlfahrt.

Meine Annahme zerschlug sich jedoch, als beide die Ziffer Sechs zum Begriff Sex umfunktionierten. Hierzu wussten sie kleine amouröse Geschichtchen – sicherlich aus eigenem Erleben – zu erzählen. Sie taten das sehr offen, denn die heutige Jugend kennt kaum noch sittliche Grenzen. Außerdem war nur ich zugegen. Von mir erwarteten sie sicherlich keinen Protest gegen ihre Freizügigkeit, die sie mit Kichern garnierte.

Weil sich in mir die Vernunft zu regen begann, drückte ich auf den Knopf des Notrufs. Nach geraumer Zeit meldete sich eine männliche Stimme und fragte, was mein Begehr sei.

„Ich stecke fest!“ meldete ich.

„Wo?“

„Im Fahrstuhl!“

„Wer noch?“

„Zwei …“ – ich zögerte, weil mir die passende Beschreibung der beiden Mitfahrerinnen nicht leicht fiel, „… zwei junge Frauen.“

„Sind sie hübsch?“

Die beiden Mitzwanzigerinnen, jünger waren sie auf keinen Fall, schauten mich erwartungsvoll an. Da ich wusste, dass falsch beurteilte Frauen sehr heftig reagieren können, sagte ich galant genug: „Sie sind es.“

„Und in denen stecken Sie fest?“

„Nicht in denen, sondern im Fahrstuhl, Sie Rindv …“ – Den Rest der Diffamierung unterdrückte ich aus Gründen des Anstands.

„Deshalb betätigen Sie den Notruf? Seien Sie froh, dass Sie mit zwei Hübschen einige Zeit allein sein dürfen. Ich wollte, ich hätte so ein Glück.“

„Wie lange währt in etwa der Stillstand des Fahrstuhls?“ fragte ich ungehalten.

„Wie lange möchten Sie’s denn haben?“

Erbost ließ ich den Finger vom Notrufknopf und schüttelte verständnislos mein Haupt.

„Danke!“ wisperte die eine Schöne.

„Wofür?“ fragte ich ergrimmt, noch im Schwange meines Unmuts.

„Dass Sie uns hübsch finden.“

„Was finden Sie an uns hübsch?“ wollte die andere wissen.

Ich geriet in Bedrängnis. Erneut bedachte ich, dass ein Fehlurteil zu unangenehmen Konsequenzen für mich führen könnte. Deshalb ließ ich einen raschen, scheuen Blick über ihre Gesamtstatur – bei der einen von oben nach unten und bei der anderen von unten nach oben – gleiten.

„Alles!“ erwiderte ich präzise. Neben den ausgesprochen hübschen Gesichtszügen beider gefiel mir auch deren Bekleidung. Jede trug einen Minirock. Kein Kleidungsstück regt die Vorstellungskraft eines Mannes mehr an als ein so knapp bemessenes Röckchen. In solcher Fummelkürze hatte ich meine ehemalige Verlobte und jetzige Ehefrau im Stadium ihrer ehemaligen Jungfräulichkeit kennen gelernt.

Jawohl, ich war verheiratet und hatte deshalb hier im engen Fahrstuhlraum die verdammte Pflicht, Distanz zu wahren. Meine Verehelichung verschwieg ich den Beiden jedoch, weil ich fürchtete, sie würden indiskret werden und mich über den Zustand meiner Ehe, den Charakter meiner Gattin und die Anzahl meiner Kinder befragen.

Um aus der Not eine Tugend zu machen, sagte ich, dass die Piercings, die Beide an Ohren, Lippen und Nase befestigt hatten, von Geschmack zeugen. In Wahrheit hasse ich diese Schönheitsbremser.

„Wir tragen auch an anderen Körperstellen Piercings“, griff die eine meine Moral schamlos an. „Wollen Sie mal sehen?“

Selbstverständlich würde ich mal sehen wollen, erwiderte jedoch: „Der Fahrstuhl könnte sich überraschend in Bewegung setzen und ließe auch andere sehen, was ich zu sehen gebeten bin. Das könnte einen falschen Eindruck erwecken.“

„Da seien Sie unbesorgt, der Fahrstuhl wird sich in der nächsten halben Stunde nicht von der Stelle bewegen.“

Erstaunt fragte ich: „Woher wissen Sie das?“

„Wir fahren mit diesem maroden Ding nicht zum ersten Mal. Heute haben wir Glück, dass er zwischen der fünften und sechsten Etage hängen geblieben ist. Neulich war das zwischen der Vierzehnten und Fünfzehnten der Fall. Das Unangenehme ist, dass er abstürzen kann. Von ganz oben fällt man nämlich tiefer als von dieser Stelle aus.“

„Das stellen Sie ohne Anzeichen von Furcht fest?“ fragte ich, von aufkommender Angst bedrängt.

„Das Leben steckt voller Tücken“, meinte die andere gelassen. „Auch das Überqueren einer Straße kann zum Tode führen.“

„Oder der Sturz von einem Stuhl, wie das meiner Oma passiert war und wir sie deshalb zu Grabe tragen mussten“, setzte die andere fort.

„Oder …“ –

„Halten Sie ein!“ sagte ich entschlossen. „Hier ist nicht der Ort für solche schaurigen Geschichten.“

„Da haben Sie Recht. Deshalb sollte man vor dem überraschenden Tod noch einmal so richtig die Sau raus lassen.“

Weil mir schwante, dass beiden Dämchen ihren apokalyptischen Schlussakkord in die Tat umsetzen würden, nahm ich Zuflucht zum Hinweis, mal nachzusehen, wie weit die Reparaturarbeiten am Fahrstuhl gediehen seien. Ich wies zum Notausstieg an der Kabinendecke.

„Prima!“ befanden Beide wie aus einem Munde.

Sodann die eine: „Sie machen die Räuberleiter, ich besteige sie und gucke oben durch die Luke.“

Diese Absicht entsprach nicht der meinen, weshalb ich den Vorschlag machte, mich nach oben steigen zu lassen.

Wie ich mir das vorstelle, fragte die andere. Zarte Frauenhände seien für harte Männerfüße nicht geeignet. Ob ich etwa zu geringen Respekt vor dem anderen Geschlecht besitze.

Diese Frage brachte mich etwas aus dem Gleichgewicht. Um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, ich sei ein Emanzipationsgegner, erklärte ich mit einem gewissen Pathos, dass es mir ein Vergnügen sein werde, zarten Frauenfüßen festen Halt zu geben.

„Na bitte, weshalb nicht gleich so“, meinte die, die mich besteigen wollte.

Ich formte beide Hände zur Räuberleiter, schloss züchtig die Augen und fühlte den Aufstieg der leichten Person. Es hätte mich auch schlimmer treffen können, dachte ich froh. Eine Unmenge deutscher Mädchen und Frauen leidet nämlich an Übergewicht.

„Weshalb halten Sie ihre Augen geschlossen?“ fragte mich die neben mir Stehende. „Haben Sie etwa Angst, Susi fallen zu lassen?“

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