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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell

Kulturgeschichte des Altertums

Kulturgeschichte Ägyptens u. des alten Orients/Kulturgeschichte Griechenlands/Leben u. Legende der vorchristlichen Seele





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

ERSTES BUCH. Kulturgeschichte Ägyptens und des alten Orients: Leben und Legende der vorchristlichen Seele – Einleitung

Diese Kulturgeschichte des Altertums steht zu meiner dreibändigen Kulturgeschichte der Neuzeit in keiner unmittelbaren Beziehung: Sie setzt deren Lektüre nirgends voraus, auch nicht an den seltenen Stellen, wo sie sich auf sie beruft; sie will aber auch nicht umgekehrt eine Art nachträgliche Einleitung zu ihr bilden; und sie stellt nicht einmal ein »Parallelwerk« dar, denn sie ist nach einer anderen Methode angelegt und ausgeführt. Man kann daher ebenso gut dieses Werk vor jenem lesen wie jenes vor diesem, aber auch nur dieses oder nur jenes und sogar beide nebeneinander; und man kann auch keines von beiden lesen.

E. F.

»Es ist mein tiefster Glaube, dass eine jegliche Arbeit, die das Recht auf diesen Namen hat, eine Berufung vom Sichtbaren ist, eine Anrufung höherer Mächte.« (Carlyle)

Die Mär der Weltgeschichte:

»Versinke denn! Ich könnt’ auch sagen: steige!

's ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen

In der Gebilde losgebundne Reiche!

Ergetze dich am längst nicht mehr Vorhandnen!«

(Faust)

Die Dissonanz

Durch den donnernden Flutgang der Jahrtausende tönt eine Stimme, tröstend und warnend: des Menschen Reich ist nicht von dieser Welt. Aber daneben erklingt eine brausende Gegenstimme: Diese Erde voll Glanz und Finsternis gehört Dir, dem Menschen; sie ist Dein Werk und Du das ihrige: Ihr kannst Du nicht entfliehen. Und Du dürftest es auch gar nicht, selbst wenn Du es könntest! Wie sie geschaffen ist, furchtbar und wunderbar: Du musst ihr die Treue halten. Diese unaufgelöste Dissonanz bildet das Thema der Weltgeschichte.

Man sollte nun meinen, ja man müsste geradezu fordern, dass jeglicher Geschichtsbetrachtung die Deutung dieses rätselhaften Widerstreits vorauszugehen habe. Denn sonst ist alle Historie ein verschleierter Schlüsselroman. Ehe wir dies nicht erklärt haben, können wir ja gar nicht anfangen. Aber wir können es nicht erklären! Hier sich Klarheit oder gar ein Wissen eintäuschen zu wollen, wäre eine Art feinerer Atheismus. In diesem Dilemma besteht das Wesen der Geschichtsphilosophie.

Jeder Mensch, ob er sich dessen deutlich bewusst ist oder nicht, ringt unaufhörlich mit dieser dunkeln Frage. Sie ist die Wurzel und Krone aller Religion, ja: Sie zu stellen, ist bereits Religion. Sie verwandelt unsere farbenmächtigsten Künste und unsere fruchtbarsten Wissenschaften in grauen Dunst. Sie erfüllt unseren oberflächlichsten Alltag mit Tiefgang und nimmt unseren wuchtigsten Taten das Schwergewicht. Aber nur ein einziges Mal im Gange des uns bekannten Weltgeschehens ist der Versuch gemacht worden, sie ganz zu Ende zu denken und dadurch zu lösen; und dieser ist misslungen. Er ist misslungen; aber trotzdem verdient er unsere ernste und nachdenkliche Betrachtung.

Der unbekannte Gott

Der griechische Kunstschriftsteller Pausanias, der zur Zeit der antoninischen Kaiser seine »Rundreise«, eine Art Cicerone durch die hellenischen Sehenswürdigkeiten, verfasste, berichtet in Übereinstimmung mit anderen Autoren, dass es in Griechenland von alters her Altäre gegeben habe, die »dem sogenannten unbekannten Gotte« geweiht waren, darunter einen neben der Bildsäule des Zeus von Olympia, dem weltberühmten Goldelfenbeinwerk des Phidias.

Und der Kompilator Diogenes Laertius, der etwa ein halbes Jahrhundert später gelebt haben dürfte, erzählt in seinem Buch über »Leben, Lehren und Aussprüche der berühmten Denker«, einem mehr belletristischen als philosophischen, aber in den Angaben sehr zuverlässigen Werk, dass sogar »anonyme Altäre« vorhanden waren, die überhaupt keine Aufschrift trugen.

Man versichert uns zwar, dies seien bloße Äußerungen einer religio eventualis gewesen, einer Religion für alle Fälle, die besorgte, man möge vielleicht einen Gott übersehen haben, der in Vergessenheit geraten oder nur im Ausland bekannt geworden sei, auch habe es auf jenen Altaraufschriften nur ganz allgemein geheißen: »Den unbekannten Göttern«, und die Berichterstatter hätten sich bloß verlesen, aus den anonymen Opfersteinen aber spreche die Verehrung einer Art von namenlosen »Gattungsgöttern«; indes, alle diese späten Kalküle einer engbrüstigen Philologenspitzfindigkeit tragen, so »belegt« sie sein mögen, den Stempel superkluger Unglaubwürdigkeit.

Viel natürlicher und menschlicher, größer und einfacher wäre es, anzunehmen, schon in den Alten habe ein dunkles Gefühl dafür gelebt, dass der ganze Kreis der Olympischen und selbst der zur »reinen Vernunft« geläuterte Zeus nicht das Wesen der Gottheit umspanne, dass vielmehr einer noch fehle, der sich noch nicht geoffenbart habe und daher unbekannt sei; und zugleich namenlos, da er über allen Namen sei.

An ein solches Heiligtum, das in Athen dem unbekannten Gotte geweiht war, knüpft die Predigt an, die der heilige Paulus auf dem Areopag hielt. Er sagte: »Ihr Männer von Athen! Ich verkündige euch eben diesen Gott, den ihr bisher, ohne um ihn zu wissen, verehrt habt. Denn er ist ja nicht fern von einem jeglichen unter uns: In ihm leben, weben und sind wir.«

Das Licht der Gnosis

Jenes »Wissen um Gott« war auch das Ziel der gnostischen Bewegung, deren Blütezeit in die erste Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts fällt. Gnosis ist Eingeweihtsein in die Mysterien des Himmels und der Erde, der Natur und der Geschichte, aber nicht durch Spekulation oder Empirie, sondern durch Offenbarung; sie ist mathesis, höhere Erkenntnis, gnosis soterias, Wissen des heiligen Weges. Sie ist das »Licht«, ein erleuchtetes Schauen, eine innere Erfahrung, man könnte auch sagen: Erfassen durch Intuition, wenn dieser Begriff durch seine heutige Anwendung auf das Schaffen des Künstlers und Forschers nicht schon zu sehr rationalisiert wäre.

Diese höchst suggestive Geheimlehre, bilderwütig und orakelsüchtig, verwirrt durch mystifizierenden Formelspuk, barbarische Kultsymbole, abenteuerliche Allegorik, nebulose Weltentstehungslehren, schwankte zwischen Heidenchristentum und neuplatonischer Philosophie, sublimem Spiritualismus und massivem Zauberglauben, Ekstase und Begriffsspalterei unentschlossen hin und her und war auch in der Lebenspraxis halb Askese, halb Libertinismus, da beides sich als eine Konsequenz aus der grundsätzlichen Verachtung der Sinnenwelt rechtfertigen ließ. Denn das Herzstück aller Gnosis ist das Wissen des Geistes um seine Befreiung vom Erdenrest, die Erinnerung der Seele an ihren göttlichen Ursprung.

Die vier Grundkräfte, die im Kosmos walten, sind die Materie, die Seele, der Logos und der Geist. Nach ihnen ordnet sich die Hierarchie der Wesen: Zuunterst stehen die Gesteine, die bloß Materie sind; auf sie folgen die Pflanzen, die eine Ernährungsseele, und die Tiere, die eine Sinnenseele besitzen; über sie erhebt sich der Mensch, begabt mit der Kraft des Logos, der Vernunft, und befähigt zum Geist zu gelangen, dessen Stufen durch eine immer höher steigende Schar immaterieller Potenzen repräsentiert werden und vor dem Throne Gottes endigen.

Auf dieser Leiter entspricht die Seele etwa dem Nervenleben, der Logos den rationalen Fähigkeiten, der Geist aber, das Pneuma, einem Vermögen, das nicht von dieser Welt ist.

Dementsprechend gliedert sich auch die Rangordnung der Menschen in die Sarkiker, die bloß dem Fleisch leben, die Psychiker und die Pneumatiker. Reiner Geist und Gott sind dasselbe; aber, sagt der berühmte Basilides, der Hauptvertreter der sogenannten ägyptischen Gnosis, alles Positive und alles Negative, das man von Gott aussagen könne, habe nur den Wert eines Zeichens.

Dem über alles Denken erhabenen göttlichen Urwesen, dem »Unaussprechbaren, Unnennbaren, mit Schweigen Angerufenen« völlig entgegengesetzt ist die Materie, der Grund alles Bösen, aber zugleich das Nichtseiende. Sie ist das Werk des Bildners oder Demiurgen, eines von der Gottheit geduldeten untergeordneten Geistes, eines bösen, aber reuigen Wesens.

Die Welt ist also eine Art Gegenschöpfung und zugleich eine Scheinschöpfung. Dies erkannt zu haben, ist identisch mit der Rückkehr zu Gott. Dieses Wissen bereits erlöst; aber nur dieses Wissen. Ohne Gnosis ist der Mensch verdammt.

Die Gottheit, ungeworden, unsichtbar, unfassbar, wie sie ist, war auch dem Demiurgen unbekannt; aber sie hat sich Christus offenbart und durch ihn allen, die der Gnade der Gnosis teilhaftig geworden sind.

Nach der Auffassung des syrischen Gnostikers Saturnilus ist der Weltschöpfer einer der Engel Gottes; aber, fügt Valentinus hinzu, der Stifter einer der angesehensten gnostischen Sekten, der Mensch ist mehr als die Engel, die ihn schufen. Zwar herrscht auch im Reich der Seele der Demiurg: Sie ist, wie Valentinus es sehr anschaulich ausdrückt, eine schmutzige Kneipe, in der die Dämonen aus- und eingehen. Aber der Mensch trägt in sich einen Funken des göttlichen Lichts, er ist »groß und elend«.

Es ist dieselbe Formel, zu der anderthalb Jahrtausende später der größte Christ der gallischen Rasse, Blaise Pascal, gelangte: »Alles Elend des Menschen erweist seine Größe. Es ist das Elend eines großen Herrn, das Elend eines entthronten Königs.«

Der größte Ketzer

Indes hat es die ganze gnostische Bewegung nirgends zu mehr gebracht als zu verstreuten unterirdischen Gedankenkeimen, halben Ahnungen und widerstreitenden Aperçus. Zu Licht und Frucht sind sie erst im Geiste Marcions gelangt, eines religiösen Genies von großartiger Einfachheit, profunder Frömmigkeit und rasanter Denkschärfe, der aber seit vielen Jahrhunderten für die Nachwelt kaum einen Namen bedeutet. Marcion ist für das religiöse Bewusstsein der Gegenwart verschollen. Für die meisten Historiker der christlichen Kirche ist er »ein Gnostiker«.

Er war aber weder dieses, vielmehr ein abgesagter Gegner der gnostischen Sekten: ihres buntgewürfelten Synkretismus, ihrer geheimniskrämerischen Esoterik, ihrer gewalttätigen allegorischen Methoden, noch war er überhaupt einer unter anderen, sondern eine einmalige Erscheinung von unwiederholbarer Prägnanz, die hart bis an die Grenze der Bizarrerie und Monomanie streift.

Alle Mysterienweisheit, ja alle Philosophie gilt ihm als »leerer Betrug«, und er verhält sich zu den Gnostikern ähnlich wie Sokrates zu den Sophisten, dem ja auch das paradoxe Schicksal widerfuhr, dass er von seinen Zeitgenossen gerade jener Schule zugerechnet wurde, die er sein Leben lang aufs Heftigste bekämpfte.

Er war, um es mit einem Worte zu sagen, der größte Ketzer, der jemals aus dem Christentum hervorgegangen ist. Adolf von Harnack erklärt, keine zweite religiöse Persönlichkeit nach Paulus und vor Augustin könne an Bedeutung mit Marcion rivalisieren, und in der Tat bezeichnen diese drei die gewichtigsten Marksteine in der Entwicklung der katholischen Kirche: der größte Apostel, der größte Kirchenvater und der größte Häretiker.

Bei Polykarp heißt er der Erstgeborene des Satans, bei Tertullian »antichristus Marcion«, Origenes hingegen rühmt ihm feurigen Geist und göttliche Gaben nach, ohne die er eine solche Häresie nie hätte stiften können, und Clemens Alexandrinus nennt ihn einen Giganten und Theomachen.

Er wurde um das Jahr 85 in Sinope am Pontus geboren, als Sohn des dortigen Bischofs, der ihn wegen der Irrlehren, mit denen er schon früh hervortrat, selbst exkommunizierte: Ein Geist von diesem diamantenen Ernst und Diogenes, der Buffo der griechischen Philosophie, in dem diese wie in einem Satyrspiel sich selbst den Epilog spricht, waren Söhne derselben Stadt.

Marcion begab sich zunächst nach Kleinasien, wo seine Doktrin zurückgewiesen wurde; dasselbe widerfuhr ihm in Rom: Die dortige Gemeinde verdammte seine Thesen und schloss ihn aus. Damals war Marcion schon fast sechzig Jahre alt; der Tag seines Bruchs mit Rom wurde von der marcionitischen Kirche als Stiftungsfest gefeiert, ähnlich wie der Wittenberger Thesenanschlag von der lutherischen; er fiel in den Juli des Jahres 144. Ort und Zeit seines Todes sind unbekannt.

Die Marcioniten

Die Marcioniten waren nicht etwa eine Sekte wie die Montanisten, die Basilidianer, die Valentinianer und zahlreiche andere, sondern eine mächtige Gegenkirche, die im zweiten Jahrhundert mit der werdenden katholischen Kirche um die Vorherrschaft rang. Sie verehrten Marcion als ihren Stifter: sein Hauptwerk, die Antithesen, stand in ihrem Kanon, galt also als eine Art heilige Schrift; sie sahen im Himmel zur Rechten des thronenden Heilands Paulus sitzen, zur Linken Marcion.

Er selbst aber hat sich niemals für etwas anderes gehalten als für einen getreuen Verkünder des Evangeliums und den wahren oder vielleicht auch einzigen Schüler des Paulus. Sein Zeitgenosse Justinus bezeugt bereits: »Sein Evangelium erstreckt sich über das ganze Menschengeschlecht«, und etwa ein halbes Jahrhundert später versichert Tertullian: »Marcions häretische Tradition hat die ganze Welt erfüllt.«

Kompakte Marcionitengemeinden fanden sich um jene Zeit in ganz Kleinasien und Syrien, auf Kreta und Zypern, in den Weltstädten Rom und Alexandria; ihr Ausbreitungsradius reichte von Persien bis Lyon. Noch im vierten Jahrhundert hielt man es in einzelnen asiatischen Gemeinden für notwendig, in das Glaubensbekenntnis einen Passus einzufügen, der sich gegen den Marcionitismus richtete; letzte Reste seiner Anhänger gab es im Orient noch im zehnten Jahrhundert.

August Neander, einer der feinsten Kirchenhistoriker des Vormärz, hat Marcion den ersten Protestanten genannt. Wollte man diese Auffassung gelten lassen, so wäre der Protestantismus älter als der Katholizismus; jedenfalls aber hat es sich um ein gewaltiges Schisma gehandelt, das an Bedeutung hinter der Reformation nicht zurücksteht, nur hat es das umgekehrte Schicksal erlitten: Es ist von der katholischen Kirche aufgesogen worden und in dieser Form aufbewahrt geblieben.

Man kann daher sagen: der Marcionitismus hat sich behauptet, so gut wie der Protestantismus, nur in der Gegenreformation, etwa wie wenn eine Erneuerung der römischen Kirche seinerzeit das Luthertum, hegelianisch gesprochen, »aufgehoben«, nämlich zugleich negiert und konserviert hätte. Der Katholizismus hat vieles, das dadurch anonym weiterlebte, von Marcion übernommen, nur gerade den Wurzelgedanken seiner Lehre nicht, der auch in der Tat, wie wir bald sehen werden, für die Kirche unannehmbar war.

Die Verschwörung

Wir können uns den Gedankengang, durch den Marcion zu seiner Doktrin gelangte, noch heute ohne jede Mühe und Gewaltsamkeit nachkonstruieren. Die einzige heilige Schrift, die die Urchristen besaßen, war das Alte Testament.

Indem er nun dessen Bücher als frommer Christ las, kam ihm eines Tages die Erleuchtung: Christus ist gar nicht der dort verkündete Messias, Christus ist ein ganz anderer! Daher sind die Juden vollkommen im Recht, wenn sie den Messias noch erwarten; Jesus aber, dessen Name nirgends im Alten Testament erwähnt wird, hat das Gesetz nicht erfüllt, sondern aufgelöst. Sein ganzes Leben war ein Kampf gegen das Gesetz und seine Lehrer. Er hat mit dem Alten Testament völlig gebrochen, das Band zerrissen, sich von Mose in allem geschieden und deutlich davor gewarnt, einen neuen Lappen auf ein altes Kleid zu flicken, neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Nur durch die allegorische Erklärung gewisser Bibelstellen kann überhaupt das Weissagungsprinzip aufrechterhalten werden; im Alten Testament darf aber nichts allegorisch, muss alles wörtlich und buchstäblich ausgelegt werden. Demnach ist Christus nirgends geweissagt, er ist unerwartet und plötzlich erschienen: Der Sohn Gottes braucht keine Propheten, die ihn »bezeugen«; seine Zeugen sind seine Heilandsworte und seine Wundertaten.

Man wird bei dieser Deduktion Marcions an einen Ausspruch Lagardes erinnert, eines der wenigen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, in denen der echt protestantische Geist des Protestierens noch einmal Fleisch geworden ist: »Es gibt ja noch Leute genug, welche das Verhältnis des Alten und Neuen Testaments als das von Weissagung und Erfüllung ansehen, während in Wirklichkeit nie eine Weissagung erfüllt ist. Erfüllt in dem gemeinen Verstand des Worts werden nur Wahrsagungen, und auf Wahrsagungen lässt sich eine Religion niemals ein.«

Wie aber konnte diese einfache und fast selbstverständliche Wahrheit den Christgläubigen so lange verborgen bleiben? Dies vermochte sich Marcion nur dadurch zu erklären, dass sogleich nach der Entrückung des Heilands eine ungeheure Verschwörung einsetzte und ihr finsteres Werk verrichtete. Dieses bestand in einer systematischen Verfälschung der Botschaft, die der Heiland in die Welt gebracht hatte. Nur ein Christentum, das von allen judaistischen Elementen völlig rein ist, kann als wahres Christentum gelten. Die vier Evangelien enthalten aber solche Bestandteile, also sind sie alle vier falsch. Paulus spricht immer nur von einem Evangelium, welches das Evangelium ist: Also kann es nicht vier geben; eines aber muss es wiederum geben, folglich ist eines von den vieren bloß verfälscht.

Die Wahl Marcions fiel auf Lukas, der in der Tat von allen Evangelisten am meisten Heidenchrist ist. Alle zwölf Apostel haben den Heiland nicht verstanden; darum musste dieser sich in Paulus einen neuen Apostel erwecken, der die wahre Lehre verkündigte. Wie ein einziges Evangelium, so gibt es auch nur einen Apostel; aber auch dessen Briefe enthalten viel Judaistisches. Also sind auch sie falsch oder vielmehr, wie Lukas, verfälscht.

Von diesen Überzeugungen ausgehend, unternahm es Marcion, den Christen eine heilige Schrift zu schaffen, bestehend aus dem Evangelium des Lukas und zehn Paulusbriefen, wobei er aber in aller Naivität selbst eine gewaltige Fälschung beging, indem er durch Kürzungen, die zum Teil sehr beträchtlich, und Zusätze, die allerdings meist nur geringfügig waren, einen »gereinigten« Text herstellte. Andrerseits ist es aber höchst merkwürdig, dass er dem Alten Testament, das er völlig verwarf, kein derartiges Misstrauen entgegenbrachte; er erachtete es für ein durchaus zuverlässiges Geschichtswerk und hat keine Zeile darin redigiert.

Das Neue Testament

Indes durch dieses sonderbare Verfahren, das sich nur aus dem geringen Verantwortungsgefühl erklären lässt, das die Antike dem geschriebenen Wort entgegenbrachte, ist Marcion der Schöpfer des Neuen Testaments geworden.

Vor Marcion galten die Evangelien weder als heilige Schrift noch befanden sie sich im Besitz sämtlicher Gemeinden; und Paulus wurde den Uraposteln keineswegs im Range gleichgestellt, da er nicht den Umgang des Herrn genossen hatte. Noch um 160 verweigerten die »Aloger«, die so genannt wurden, weil sie die Gleichung Jesus = Logos nicht billigten, dem Johannesevangelium, das diese Lehre vertritt, ihre Anerkennung; und andrerseits stand das »Ägypterevangelium«, dem später die Kanonisierung versagt wurde, noch vielfach in Gebrauch. Auch war der Text noch keineswegs in dem Maße fixiert, wie dies beim Alten Testament der Fall war.

Hierin bestand die große theologische Tat Marcions: Er setzte Urkunde gegen Urkunde, Schrift gegen Schrift, Evangelium gegen Gesetz, Apostolat gegen Prophetie. Erst durch Marcion ist die werdende katholische Kirche dazu geführt worden, dasselbe zu tun und ihren eigenen neutestamentlichen Kanon dem marcionitischen gegenüberzustellen. Paulus zitiert immer nur aus dem Alten Testament; andere schriftliche Autoritäten kennt er nicht.

Erst um 200, als Marcion sicher schon tot war, besaßen die großen Kirchen des Westens ein »Neues Testament«: vier Evangelien und dreizehn Paulusbriefe, dazu die Apostelgeschichte, die als Bindeglied eingeschoben wurde, und die Apokalypse Johannis, die aber hundert Jahre später von den meisten Griechen wieder aufgegeben wurde. Die syrische Kirche hielt an einem einzigen Evangelium fest, dem »Diatessaron«, das Tatian, allerdings einer anderen Methode folgend als Marcion, aus den vier kanonischen Evangelien komponiert hatte.

Aber erst im Jahr 367 proklamierte Athanasius den Kanon von siebenundzwanzig Büchern, den wir heute besitzen, indem er die sieben »katholischen« Briefe (zwei von Petrus, drei von Johannes, je einen von Jakobus und Judas) hinzufügte und den lange umstrittenen Hebräerbrief dem Paulus zuerkannte.

Die Kirche hat, in der Weitherzigkeit ihrer Auswahl viel weniger dogmatisch als der Ketzer Marcion, einen bewunderungswürdigen Takt bekundet, indem sie, vor Widersprüchen der Überlieferung nicht zurückschreckend, das urchristliche Leben in seiner ganzen Gnade und Fülle durch die Zeiten gerettet hat.

Der gute Fremde

Wenn aber Christus nicht der Messias war, was war er? Der Sohn Gottes! Aber welches Gottes? Doch nicht des alttestamentlichen, dessen Gesetz er zerstört hat?

Hier erhebt sich das ungeheure Problem, dem Marcion mit der größten Kühnheit ins Auge geblickt hat. Er entschloss sich, nicht nur Altes und Neues Testament, sondern auch den Gott Mosis und den Gott Christi völlig voneinander zu trennen.

Dieser Scheidung und Gegenüberstellung diente eben sein Werk Antithesen, worin in streng zweigliedriger Anordnung die beiden Welten miteinander konfrontiert wurden. So sagt zum Beispiel der Judengott zu Mose beim Auszug aus Ägypten: Seid bereit, beschuht, die Stäbe in den Händen, die Säcke auf den Schultern, und traget alles Gold und Silber mit euch davon; der Herr aber sprach zu seinen Jüngern bei ihrer Aussendung in die Welt: Habt keine Schuhe an den Füßen, keinen Sack auf dem Rücken, kein Geld in den Gürteln! Josua hat mit Gewalt und Grausamkeit das Land erobert, Christus verbietet alle Gewalt und predigt Barmherzigkeit und Frieden. Im Gesetz heißt es: Aug' um Auge, Zahn um Zahn, im Evangelium: Wenn dich jemand auf die eine Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar. Der Gott des Alten Testaments verlangt Gehorsam und richtet die Ungehorsamen, der Gott Jesu verlangt nur Glauben und straft die Sünder nicht. Der alte Gott war schon Adam und allen folgenden Geschlechtern bekannt, der Vater Christi war unbekannt, wie Christus selbst bezeugt hat: Niemand hat den Vater erkannt außer der Sohn. Und als Petrus in Cäsarea das große Bekenntnis zur Gottessohnschaft seines Meisters ablegte, musste dieser ihm Schweigen auferlegen, denn Petrus hielt ihn fälschlich für den Sohn des anderen Gottes.

Wie verhält sich nun nach Marcions Konzept der bekannte wie der unbekannte Gott zur Welt und zum Menschen? Der Bekannte hat die Welt geschaffen: Er ist der Demiurg; der Unbekannte hat bloß seinen Sohn gesandt. Er ist außer der Welt, ein hyperkosmisches Wesen, die Welt geht ihn nichts an. Er ist der »Fremde«, der »gute Fremde«: In allen marcionitischen Gemeinden und allen Sprachen, deren sie sich bedienten, war dies die Bezeichnung für die Gottheit.

Das Evangelium ist die frohe Botschaft vom fremden Gott: Unser Raum ist die Welt, die grauenvolle Welt des Schöpfergottes, der gute Gott aber winkt uns in eine selige Ferne. Wir leben auf der Erde nicht etwa im Exil: Sie ist unsere Heimat, und wir können ihr nur entrinnen, wenn wir uns von ihrem und unserem Schöpfer lossagen. Dies ist die großartigste Leugnung der Materie, die vielleicht jemals durch eines Menschen Haupt gegangen.

Der fremde Gott ist reine Güte und nichts als Güte; keine anderen Eigenschaften können von ihm ausgesagt werden. Sein ganzes Wesen erschöpft sich in erbarmender Liebe, seine Wirksamkeit in Selbstoffenbarung, die identisch ist mit Erlösung.

Eben weil dieser Gott ganz Liebe ist, hat er sich aus purer Gnade eines Gebildes angenommen, das ihm völlig fremd ist: Er ist die unbegreifliche Liebe. Und eben weil er ganz und gar nicht von dieser Welt, nicht einmal als ihr Schöpfer mit ihr verbunden ist, vermag er die Menschen über die Welt zu erheben.

Dies ist das unfassliche Mirakel der christlichen Heilsbotschaft. »O Wunder über Wunder, Verzückung, Macht und Staunen, dass man gar nichts über das Evangelium sagen, nichts darüber denken, es mit nichts vergleichen kann«: So lauteten die ersten Worte der Antithesen.

Betrachten wir es recht, so ist jener geheimnisvolle Fremde niemand anders als der »liebe Gott«, zu dem noch heute jedes kleine Kind betet. Denn die Metaphysikerfrage, ob Gott die Welt »geschaffen« habe, bekümmert eine reine und ursprüngliche Frömmigkeit nicht; ihr genügt, dass er ist.

Der gerechte Demiurg

Welche Eigenschaften aber besitzt der Demiurg?

Er ist, sagt Marcion, weder gut noch böse, sondern gerecht und schlimm, nicht malus, aber conditor malorum, Urheber der Übel: Ein Gott, der seine Sache schlecht gemacht hat. Er sandte die Sintflut, den Brand Sodoms, die ägyptischen Plagen, er bestraft die Väter an den Kindern und begünstigt sündhafte Menschen: den ehebrecherischen David, den unzüchtigen Salomo, den betrügerischen Jakob.

Das vernichtendste Argument gegen ihn aber ist die Welt selbst, seine ganze Schöpfung. Und es reut ihn auch, dass er sie gemacht hat. Dass aber in einer solchen Welt für den Menschen die Askese das einzig mögliche Verhalten ist, ergibt sich von selbst.

Und auch hier ist Marcion bis ans Ende gegangen: Er gebot nicht nur größte Enthaltsamkeit in Speise und Trank (die Ernährung, sagt Tertullian, halten die Marcioniten gewissermaßen für etwas Entehrendes), sondern untersagte auch seinen Gläubigen jeglichen Geschlechtsverkehr und taufte nur Ehelose oder die Verehelichten, die Keuschheit gelobten; denn wer sich fortpflanzt, hilft die Welt des Demiurgen verewigen, und weil wir Söhne des Höchsten geworden sind, soll die leibliche Sohnschaft aufhören.

Der Demiurg ist nicht etwa der Widersacher des fremden Gottes: Dies kann er schon deshalb nicht sein, weil er ihn ja gar nicht kennt, und seine Welt ist auch keineswegs teuflisch, viel mehr so gut, wie sie eben, aus Materie gemacht, sein kann.

Er ist nicht das Prinzip des schlechthin Bösen wie Satan oder Ahriman oder wie »Mâra, der Versucher« in der buddhistischen Religion.

Aber was ist er? Hier gelangt Marcion zu einem der zartesten und erhabensten Gedanken, die je ein Mensch gedacht hat: der Schöpfer der Welt ist gerecht! Deshalb ist er nicht böse; aber deshalb ist er auch nicht gut. Deshalb konnte er nur die »schlimme Welt« schaffen, in der alles gerecht zugeht, aber nicht gut, in der gerichtet wird, aber nicht geheiligt, in der die Rache herrscht, aber nicht die Gnade.

Christus aber, der Sohn des fremden Gottes, hat die Liebe gebracht, die von der Welt erlöst, von allem in dieser Welt, auch von ihrer Gerechtigkeit. Sogar in die Unterwelt ist er hinabgestiegen und hat alle Verworfenen befreit: den bösen Pharao, die Sodomiter, alle Heiden, selbst Kain.

Nur Abel, Henoch, Mose, alle Patriarchen und Propheten konnten nicht gerettet werden. Denn sie glaubten an den Schöpfergott und seine Welt der Gerechtigkeit. Nur der Sünder kann erlöst werden, denn er vermag die grundlose Gnade und uferlose Liebe des fremden Gottes zu erkennen, der Gerechte aber nicht, denn er ist im Gesetz verhärtet, in Gesetzestreue und Gesetzesstolz blind für das Licht aus der Fremde.

Messias

Versuchen wir uns das theologische System Marcions in großen Zügen zu vergegenwärtigen, so springen als seine reformatorischen Hauptgedanken ins Auge: die Leugnung der Messianität Jesu, die Ausscheidung des Alten Testaments aus dem christlichen Kanon und der Dualismus des fremden Gottes und des Schöpfergottes.

Dass Christus nicht der jüdische Messias war, kann wohl von keiner vorurteilslosen Betrachtung geleugnet werden. Ursprünglich ist der Messias bekanntlich ein weltlicher Nationalheros, aber auch in der geläuterten Auffassung des späteren Judentums ist er niemals der leidende Messias, der die Schuld der ganzen Menschheit sühnt. In keinem einzigen der Zukunftsbilder, sosehr sie sich im Laufe der vielen Jahrhunderte gewandelt haben, ist von seinem Opfertode die Rede. Die berühmte Stelle aus Deuterojesaja, die einzige, die so gedeutet werden könnte, versteht unter dem »leidenden Gottesknecht« ein Kollektivum und ist überhaupt nicht Weissagung, sondern Rückblick.

Ist aber der Heiland nirgends im Alten Bunde verkündigt, welche Beziehung besteht dann zwischen den beiden Teilen der Bibel? Nach Marcion verhalten sie sich wie polare Gegensätze, nach der Auffassung der Kirche wie Stufen: Das Alte Testament ist legisdatio in servitutem, das Neue Testament legisdatio in libertatem.

Aber ist das Judentum wirklich eine Art Vorhalle des Christentums? Wenn man will, ist alles Vorhalle, und eine im vorigen Jahrhundert sehr beliebte, heute glücklicherweise schon im Verschwinden begriffene Geschichtsmethode pflegte jedes historische Phänomen mosaikartig aus »vorbereitenden Momenten« aufzubauen. Dann freilich sind nicht bloß Mose und Daniel, sondern auch Plato und Philo, Buddha und Zarathustra Vorläufer des Christentums.

Aber das Christentum hat keinen »Unterbau«! Eben weil Marcion das schlechthin Neue, Weltumwandelnde des Evangeliums so erschütternd empfand, wollte er von einem Alten Testament als Heiliger Schrift nichts wissen, ohne dass er geleugnet hätte, dass darin viel Nützliches und Schönes zu lesen sei. Deshalb erlaubte er auch seinen Jüngern dessen Lektüre; jedoch nur an der Hand der Antithesen.

Aber es ist schon so, wie Harnack sagt: »Was christlich ist, kann man aus dem Alten Testament nicht ersehen.«

Dasselbe hatte bereits Schleiermacher erkannt. Aber auch Nietzsche empfand mit voller Deutlichkeit, dass es sich hier um zwei ganz verschiedene Ebenen handelt, als er (natürlich von seinem Standpunkt des »Antichrist«) in Jenseits sagte:

Dieses »Neue Testament, eine Art Rokoko des Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem Alten Testament zu einem Buche zusammengeleimt zu haben, als ›Bibel‹, als ›das Buch an sich‹: das ist vielleicht die größte Verwegenheit und ›Sünde wider den Geist‹, welche das literarische Europa auf dem Gewissen hat«; und in der Morgenröte spricht er von dem »unerhörten philologischen Possenspiel«, das man um das Alte Testament herum aufgeführt habe: »Ich meine den Versuch, das Alte Testament den Juden unter dem Leib wegzuziehen, mit der Behauptung, es enthalte nichts als christliche Lehren und gehöre den Christen als dem wahren Volke Israels: während die Juden es sich nur angemaßt hätten ... überall sollte im Alten Testament von Christus und nur von Christus die Rede sein ... alles Anspielungen und gleichsam Vorspiele des Kreuzes!«

Das Buch der Rache

Gerade weil das Alte Testament in einzelnen Teilen ein Dokument der reinsten und erhabensten Ethik ist, die überhaupt vor dem Erscheinen des Heilands möglich war, darf man jene anderen Partien nicht geflissentlich übersehen, in denen der Gegengeist sich offenbart: die Predigt der Rachsucht und Rohheit, des Hasses und Hochmuts. Man denke zum Beispiel an die Eroberung des Gelobten Landes: nichts als Mord und Tücke, giftige Schadenfreude, teuflische Grausamkeit, ein einziger langer Jubelschrei des Blutrausches: »Keiner blieb übrig!«

Man darf freilich diese kranken Halluzinationen einer zügellosen Vernichtungswut nicht allzu wörtlich nehmen, denn die nachexilischen Juden (von denen diese späte Schilderung stammt) waren groß im Aufschneiden; aber es bleibt das barbarische Behagen an diesen in der Fantasie wollüstig nachgeschmeckten Animalitäten. Nirgends die geringste Anwandlung, die Seele des Feindes zu achten, ja auch nur zu beachten: Er ist nur Schlachtvieh. Dieser erschütternde Kampf zwischen zwei Welten, der sich durch das ganze Alte Testament zieht, macht dieses zu einem der dramatischsten Bücher der Weltliteratur.

Man sagt uns zwar, diese Dinge müssten »entwicklungsgeschichtlich« betrachtet werden: dieser Jahwe der Wüste sei nur eine Art »Vorjahwe«, es handle sich hier (und anderwärts im Alten Testament) um eine frühe Schicht der israelitischen Gottesvorstellungen, die sich nur gleichsam illegitim behauptet habe.

Aber ist der Gegenstand der Bibel die hebräische Geschichte oder der christliche Glaube? Was wir aus dem Buch der Bücher zu empfangen wünschen, ist Anleitung zum seligen Leben, nicht zur Religionswissenschaft. Wir wollen daraus erfahren, wie wir zu Gott gelangen können, nicht, wie die Juden allmählich zu ihrem Gott gelangten. Dieses gewiss höchst lehrreiche, ja sogar erbauliche Thema möge der Ethnolog, der Altertumsforscher, der Geschichtspsychologe, der Kulturphilosoph ergründen: ein christliches Problem ist es nicht.

Das Alte Testament ist, wie jedermann weiß, eine Sammlung von literarischen Produkten sehr ungleichen Alters und sehr ungleichen Werts. Eine Sichtung und Redaktion hat wohl im Lauf der Zeiten stattgefunden; aber sie geschah nie nach religiösen Gesichtspunkten: nämlich nicht nach den Gesichtspunkten der einzigen Religion, die diesen Namen verdient: der christlichen.

Als Christus erschien, war der Text des Alten Testaments bereits unwiderruflich fixiert, und wir haben bereits gehört, dass es bis auf Marcion die einzige heilige Schrift auch für die Christen bildete und dass selbst Marcion es nicht wagte, seinen Inhalt durch Streichungen oder Änderungen zu korrigieren.

Das Judentum, wie es sich nach dem Exil entwickelt hat, ist von allem Anfang an eine Buchreligion gewesen, im Gegensatz zum Urchristentum, das in erster Linie Botschaft, Predigt, Gemeindebewusstsein war. Es liegt in der Natur einer solchen Religion, dass sie einen übertriebenen Respekt vor dem »Es steht geschrieben« bekundet und dazu neigt, alles »Alte«, soweit es literarisch bezeugt ist, kritiklos für »heilig« hinzunehmen; und dazu kommt noch, dass die Juden immer eine besondere Vorliebe für Schriftliches hatten: Alles in Buchstaben Fixierte ist für sie eine Wahrheit höherer Ordnung und daher bis zu einem gewissen Grade sakrosankt; nur ein geschriebener Vertrag ist wirklich gültig, dieser aber unter allen Umständen: und das ganze Alte Testament ist ja eigentlich nichts anderes als ein immer wieder erneuerter Vertrag zwischen Jahwe und Israel, der fortlaufende Schriftsatz eines Prozesses zwischen Volk und Gott. So kam es, dass sie in der Auswahl wenig rigoros waren und vieles mitschleppten, was sie selbst nicht mehr glaubten.

Der Sündenfall

Aber es gibt ein Stück im Alten Testament, um deswillen man fast versucht wäre, alles Übrige in den Kauf zu nehmen, und es steht ganz am Anfang: Es ist die Geschichte vom Sündenfall.

Die Sünde der ersten Menschen besteht darin, dass sie vom Baum der Erkenntnis essen; der Verstand ist also das Böse, er ist nicht von Gott, sondern vom Teufel, »des Teufels Hure«, wie Luther sich drastisch ausdrückte, die Mitgift der Schlange, auf deren Rat es zum Genuss der verbotenen Frucht kommt. Er ist die große Versuchung des Menschen, die dieser nicht bestanden hat. Und seine Strafe dafür ist die Arbeit, zu der er verflucht wird. Erkenntnis und Arbeit sind fortan das Los des Menschen, seine Erbsünde und sein Erbfluch. Und seitdem muss er sterben.

Aber wo in der grauen Geschichte des Alten Bundes kehrt dieses machtvoll angeschlagene Leitmotiv wieder, obgleich es doch, so sollte man annehmen, wie ein eherner Glockenton durch das ganze fernere Menschheitsdrama schallen müsste? Als Adam und Eva vom Apfel gegessen hatten, sahen sie, dass sie nackt waren, das heißt: Sie erkannten, dass sie Mann und Weib waren: also auch Geschlechtlichkeit ist Sünde. Die höchsten Güter aber, die alle Frommen Israels preisen, Könige und Propheten, Priester und Patriarchen, sind unbegrenzte Fruchtbarkeit des Menschen, unerschöpflicher Segen der Erde, unfehlbares Wissen um das Gesetz: Brunst, Arbeit, Erkenntnis; der dreifache Adamsfluch.

Und in der Tat ist der Anfang der Genesis ein eingesprengter Fremdkörper. Schon eine sehr alte babylonische Abbildung zeigt einen Baum, zur Rechten einen Mann, zur Linken ein Weib und dahinter eine Schlange. Das Paradies entspricht den Inseln der Seligen in der epischen Dichtung der Babylonier. Dort findet sich auch die Verführungsgeschichte. Die Entstehung des ganzen Abschnittes fällt in die Zeit der Assyrerherrschaft, die in Palästina eine Periode des religiösen Synkretismus war.

Deshalb sagt auch Schopenhauer: »Die Verbindung des Neuen Testaments mit dem Alten ist im Grunde nur eine äußerliche, eine zufällige, ja erzwungene, und den einzigen Anknüpfungspunkt für die christliche Lehre bot dieses nur in der Geschichte vom Sündenfall dar ... der im Alten Testament wie ein hors d'œuvre dasteht.«

Zwischen der Gottheit des Alten und der Gottheit des Neuen Testaments kann es daher nicht Identität oder Harmonie, auch nicht das Verhältnis halber und voller Offenbarung geben, sondern nur schroffe Alternative.

»Ihr müsst«, sagt Kant, »zwischen Jahwe, dem deus ex machina, und Gott, dem deus ex anima, wählen, für beide ist nebeneinander nicht Platz.«

Der Fürst der Welt

Warum aber hat Marcion Adonai nicht einfach als falschen Gott verworfen?

Weil er überzeugt war, dass dieser die Welt wirklich regiert. Als sein Werk verkündet sie seinen Namen. Und der Mensch ist sein Ebenbild, ein kleiner Gott, freilich: ein Judengott.

Auch hierfür ließe sich manche Andeutung im Neuen Testament finden. Im ersten Brief Johannis heißt es: »So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters ... denn alles, was in der Welt ist ... ist nicht vom Vater, sondern von der Welt«, und in dem Evangelium desselben Johannes sagt der Heiland zu den Juden: »Ihr seid von Eurem Vater, dem Teufel.«

Von hier bedurfte es für Marcion offenbar nur eines Schritts, um dem Demiurgen, dem Vater des Bösen, dem Herrn der Erde oder wie man ihn sonst nennen will, Schöpferkräfte zuzuerkennen und ihm die Welt zuzuschreiben.

Auch Augustinus lehrt im Einklang mit fast allen Kirchenvätern, das Reich der Welt sei ein magnum latrocinium, eine große Räuberhöhle, von Dämonen regiert.

Das Böse, sagt Kant, ist der Fürst dieser Welt, das Gute ist nicht von dieser Welt, das Böse ist nur von dieser Welt.

Der gute Gott muss daher notwendig der fremde Gott sein. Er ist, wie Meister Eckhart sagt, von der Welt »abgeschieden«: »Wisst ihr, wovon Gott Gott ist? Davon, dass er ohne alle Kreaturen ist! Selbst als er Himmel und Erde schuf und alle Kreatur, das ging seine Abgeschiedenheit sowenig an, als ob er nie etwas geschaffen hätte.«

Und der fremde Gott kann nur der unbekannte sein; auch dies predigt Meister Eckhart: »Wollt ihr Gott aber in Wahrheit erkennen, so müsst ihr einsehen, dass er etwas Unbekanntes ist! Dionysius hat das gesagt«; und in der Tat lehrte dieser, Gott lasse sich nur durch Verneinungen, lautlos und im Dunkel erkennen.

Insofern kann man sagen, dass jeder wahre Christ zugleich Gnostiker und Agnostiker ist.

»Erhabener, lebendiger Wille«, ruft Fichte in der »Bestimmung des Menschen«, »den kein Name nennt und kein Begriff umfasst, wohl darf ich mein Gemüt zu Dir erheben, denn Du und ich sind nicht getrennt ... Wie Du für Dich selbst bist und Dir selbst erscheinst, kann ich nie einsehen. Nach tausendmal tausend durchlebten Geisterleben werde ich Dich noch ebenso wenig begreifen als jetzt, in dieser Hütte von Erde.«

Wir sehen, wie die tiefsten christlichen Denker um den Marcionitismus ihre Kreise ziehen, ohne dass sie ihn doch jemals zu berühren wagen. Denn in der Tat: hier herrscht in rätselhafter Durchdringung lauterstes Licht und dazwischen schrecklichste Finsternis: nämlich Zweigötterei! Wäre dies nicht, so wären wir vielleicht heute alle Marcioniten. Der Marcionitismus ist etwas Schauerliches, zweifellos: Und trotzdem kann man ihn nicht unchristlich nennen.

Die Weltschöpfung durch Luzifer

Aber vielleicht ist der Demiurg bloß ein Engel des guten Gottes? Wir haben schon gehört, dass der Gnostiker Saturnilus dies behauptete; auch Apelles, der bedeutendste Schüler Marcions, der aber dessen ebenso kühnes wie konsequentes System doch schon stark umgebogen und verwässert hat, lehrte die Monarchie Gottes und wies dem Schöpfer nur einen untergeordneten Rang an.

Wir könnten auch sagen: Der Demiurg ist Luzifer, der gefallene Engel; sein Fall besteht eben darin, dass er die Welt geschaffen hat. Eine Weltschöpfung durch Luzifer würde nicht der Allmacht Gottes widerstreiten, denn Gott, über allem Schaffen und Nichtschaffen thronend, vermag jeden Schöpfungsakt zuzulassen.

Ob man hierbei die kosmologischen Vorstellungen der Genesis oder der heutigen Astronomie im Auge hat, ist für den theologischen Aspekt belanglos: Es ist völlig gleichgültig, ob man sagt, Gott (oder Luzifer) habe die Welt geschaffen, oder ob man sagt, er habe die Erde geschaffen, denn dem Menschen ist von Gott, seinem Vater, die irdische Laufbahn aufgegeben und nur diese; Milchstraßen und Spiralnebel können daran nichts ändern und verschieben das Problem auf eine falsche Ebene, wodurch nur Konfusion entstehen kann.

Ferner könnte man versuchen, sich den Marcionitismus dadurch annehmbarer zu machen, dass man sich vorstellt, die Schöpfung Luzifers sei eine Scheinwelt. Das ist sie natürlich. Weshalb auch, im naiven, aber tief symbolischen Volksglauben so gut wie bei allen Theosophen und Mystikern, Satan immer als der Realist gekennzeichnet ist. Darin eben besteht seine Hinterlist.

Aber andrerseits muss er zwangsläufig diesen Standort einnehmen, denn wollte er diese Welt als Schein, Traum und Trug demaskieren, so müsste er ja sein eigenes Werk diskreditieren. Aus demselben Grunde ist er stets der hartnäckige und exklusive Rationalist (so erscheint er auch noch in seiner letzten, völlig verbürgerlichten Form bei Goethe), denn das Organ, womit diese Welt als die »wirkliche« erkannt wird, ist der Verstand. Dies meint ja auch der Name Luzifer, Lichtbringer (und nicht viel anders verhält es sich mit dem gestürzten Halbgott Prometheus, dem Feuerbringer oder Vater der Technik).

Und schließlich ist Satan auch Sensualist, Verteidiger und Förderer der Sinnenlust, denn die Sinne bestätigen ebenfalls seine Welt. Für das gesunde Empfinden aber ist er der Winkeladvokat, Taschenspieler und Oberintrigant, seine »Realität« Schwindel, seine Ratio Sophistik, seine Sinnenbejahung Versuchung.

Das Satansspektakel

Denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass es öfter als hie und da einen Menschen gegeben hat, der an die Realität wirklich und wahrhaftig, mit voller Überzeugung und Inbrunst, ohne jeden Abstrich und Vorbehalt geglaubt hätte.

Alle unsere Erlebnisse und Erkenntnisse, Taten und Theoreme umgibt ein trüber Hof von Ungewissheit. Zwischen uns und die Dinge ist ein Flor gespannt, wie im Theater, wenn »Vision« markiert werden soll. Alles, was »geschieht«, hat das Stigma des Provisoriums, Manövers und Intermezzos. Gerade auf den Höhepunkten unseres Daseins: in den Augenblicken der tiefsten Ergriffenheit durch die Macht der Natur, die Macht der Liebe, unsere eigene Macht, überfällt uns dieses Gefühl am stärksten.

Es ist, wie Seneca sagt, »alles nur geliehenes Tafelgerät« und, nach Marc Aurels düsterer Weisheit, »unsere Zeit ein Augenblick, was zum Leib gehört, ein Strom, was zur Seele gehört, ein Traum, das Leben eine Reise in fremdem Land und der Nachruhm Vergessenheit«.

Wer wagt es, »mein« zum Dasein zu sagen? Alle Dörfer dieser Welt sind von Potemkin. Es herrscht eine stillschweigende Übereinkunft unter allen, bloß so mitzumachen, und zugleich die Verabredung, kein Spaßverderber zu sein und über diese geheime Spielregel niemals laut zu sprechen.

Schon der »Wilde« oder »Primitive« (und gerade er, weil er, naturnah, die Natur durchschaut), glaubt nicht an die Solidität der Szenerie und Maschinerie, die ihn umgibt, er hält sie für einen Zauber, ja vielleicht sogar für einen »faulen Zauber«.

Aber wir alle wissen so gut wie er, dass wir in einem großen Spukhaus leben. Niemand ist, auch wenn er die Stimme des Zweifels zu dämpfen oder niederzuzischen versucht, in Wahrheit so dumm, seinem Verstand und dessen Gespinsten zu trauen. Es ist alles nur Rauch und Rausch, Wolkenspiel und Schleiertanz, eine Viertelstunde Regenbogen: »und selbst die Träume sind ein Traum«.

Dies kommt daher, dass der Teufel bloß Blendwerk zu schaffen vermag, virtuose Imitation, von der sich nur der Intellekt foppen lässt, weil er selbst ein ohnmächtiges Satansspektakel ist.

Im Unsichtbaren

Aber dies alles erwogen: Man kann sich dennoch, so erhaben der Gedanke der grundlosen Güte des fremden Gottes ist, unmöglich mit der Voraussetzung abfinden, dass Gott bis zum Erscheinen seines Sohnes der Welt völlig abgewendet gewesen sei, dass er je eine rein luziferische geduldet habe. Denn da Gott die unendliche Güte ist, so muss diese alles berühren, auch was außer ihr ist, auch was gegen sie ist.

Hier könnte uns vielleicht ein Rätselwort Marcions den Weg weisen, aber nur wie ein düsteres und flackerndes Fackellicht. Er sagt nämlich einmal, der gute Gott habe das Unsichtbare geschaffen.

Meinte er damit, dass es neben der Welt des Demiurgen noch eine zweite Welt gebe, eine »gute« Welt, die entweder vor der materiellen bestand, als eine präexistente geistige, oder hinter der luziferischen besteht, als die »wahre«? Denn das Sichtbare ist nicht bloß das Böse, sondern auch das Unwirkliche.

Wir wissen es nicht, denn der Text Marcions ist uns weder vollständig noch authentisch erhalten, er ist untergegangen und wir können ihn uns nur aus den Schriften rekonstruieren, die gegen den Marcionitismus gerichtet waren: Es sind dies in erster Linie die christliche Apologie Justins, das große Werk des Irenäus Adversus haereses, die Stromata des Clemens Alexandrinus und die Fünf Bücher gegen Marcion, die Tertullian verfasst hat.

Sehr bemerkenswert ist es, dass der bedeutendste heidnische Polemiker der Frühzeit, Celsus, der in seinem »Sermo verus« einen umfassenden Angriff gegen das Christentum richtete, die marcionitische Kirche als eine der katholischen vollkommen ebenbürtige behandelte; ihm erwiderte der große Origenes in seiner Schrift Adversus Celsum.

»Warum«, fragt Celsus, »lässt der obere Gott einen schlechten Demiurgen, der sich ihm widersetzt, schalten und walten? Das ist mir ein verehrungswürdiger Gott, der danach trachtet, der Vater von Sündern zu sein, die von einem anderen verdammt und verworfen sind, und der nicht imstande ist, den er gesandt hat, zu rächen!«

Man kann von Celsus, der kein Christ war, kein Verständnis dafür erwarten, dass der gute Gott gerade danach trachtet, der Vater der Sünder zu sein, und dass er den Tod seines Sohnes nicht rächt; aber der Einwand, warum er den Demiurgen frei schalten lasse, musste in der Tat auch damaligen Christen zu denken geben.

Vielleicht hat Marcion gemeint, dass der Geist Gottes, in Unsichtbarkeiten thronend, schon immer durch die Welt wehte und deren Lauf daher auf die Ankunft seines Sohnes angelegt war, welche freilich nur seiner Allwissenheit bekannt war.

Doch das sind bloße Vermutungen; was aber Marcion mit voller Deutlichkeit und höchstem Nachdruck betont hat, ist die Fortdauer des demiurgischen Regiments auch während des christlichen Aeons.

»Marcion glaubt«, sagt Tertullian, »dass er vom Reich des Schöpfers erlöst sei, aber in der Zukunft, nicht in der Gegenwart.« Die Herrschaft des Schöpfergottes endet also erst mit dem Jüngsten Gericht. Solange dieses Säkulum besteht, dauert auch noch die Regierung des Gottes dieses Säkulums.

Und so verhält es sich ja auch in der Tat. Das Einzige, wodurch sich die christliche Welt von der vorchristlichen unterscheidet, ist das Wissen um Gott und seinen Sohn und der Glaube an dieses Wissen; Glauben aber heißt sich auf die unverdiente Liebe Gottes in Christo verlassen.

Der luziferische Lauf der Welt hat sich nicht geändert. Dass aber Gott dennoch hienieden wirkt und webt, ist ebenso unbezweifelbar wie unerklärlich. Hier stehen wir, in dem tiefsten Sinne, der diesem Wort gegeben werden kann, im »Unsichtbaren«.

Das Gewissen

Dies ist alles, was eine christliche Geschichtsbetrachtung, die die Ehrlichkeit der Bequemlichkeit vorzieht, an Theodizee beizubringen vermag. Und dennoch sagt Gustav Droysen in der Einleitung zum zweiten Bande seiner Geschichte des Hellenismus mit Recht: »Die höchste Aufgabe unserer Wissenschaft ist ja die Theodizee.«

Aber es ist eine unendliche Aufgabe. Gerade darin, dass sie immer wieder: von jedem Zeitalter, jedem Volk, jedem Stand, jedem Individuum aufs Neue gestellt wird, erfüllt sich das historische Schicksal.

»Über allem«, schreibt Ranke in einem Brief an seinen Bruder Otto, »schwebt die göttliche Ordnung der Dinge, welche zwar nicht gerade nachzuweisen, aber doch zu ahnen ist.« Diese göttliche Ordnung der Dinge ist identisch mit der Aufeinanderfolge der Zeiten.

Wir wissen nur von einem wirklich Gewissen: dem Gewissen. Das Gewissen ist die einzige (obschon fast unsichtbare) Tatsache, sowohl im privaten Leben wie im öffentlichen. Es richtet über alles, und nach ihm richtet sich alles; auch wenn die Menschen es nicht wissen oder leugnen. Dies ist der Weg der Seele; und alle anderen Wege sind nur falsche Spiegelungen. Die Weltgeschichte, von außen betrachtet, Geschichte der Macht, ist von innen gesehen, Geschichte des Gewissens.

Geschichte der Geschichte

Von der Geschichte hat es zu allen Zeiten eine Art Wissenschaft gegeben; aber mit sehr verschiedenen Methoden. Denn nicht nur jede Wissenschaft, sondern auch jedes Teilgebiet einer Wissenschaft erfordert seine besondere Methode, man kann auch sagen: seinen eigenen Stil.

So besteht zum Beispiel zwischen Geschichte der Neuzeit und Geschichte des Mittelalters ein Unterschied nicht bloß des Themas, sondern auch der angemessenen Darstellungsart: das Mittelalter kann man nämlich nur als Theolog behandeln. Zu jener Zeit waren alle Menschen Theologen, vom Bauern bis zum Papst, also muss es doch wohl auch ihr Historiker sein. Tritt man mit dem Aspekt eines Profanen an diese Epoche heran, so entsteht: Nun, man hat gesehen, was seit der Aufklärung entstanden ist.

Andrerseits aber hat auch jedes Zeitalter selber, ja vielleicht schon jedes Menschenalter seine eigentümlichen Stilprinzipien, sozusagen »Baugedanken« im Hinblick auf die Wissenschaft im Allgemeinen und deren sämtliche Einzeldisziplinen.

So haben auch über Zweck und Wesen der Geschichtsschreibung nacheinander die unterschiedlichsten Auffassungen geherrscht. Schon über den Maßstab, nach dem man den Quellen »Autorität« zuzuschreiben habe, war man durchaus nicht immer derselben Ansicht.

Im Mittelalter galten als absolut zuverlässiges Fundament alle Autoren, von denen man annahm, dass sie entweder direkt inspiriert seien oder doch auf inspirierten Berichten fußten, also in erster Linie alle Apostel, alle Kirchenväter, aber auch, mit gewissen Einschränkungen, sowohl die späteren Lehrer von Rang, die scriptores ecclesiastici, als auch die Hagiographen, die Verfasser der Heiligenlegenden.

An ihre Stelle traten in der Renaissance alle antiken Autoren: Sie galten für sakrosankt; wahr, sagt der Humanist Manetti, sei alles, was zum Beispiel von Curtius, Justin, Livius, Sallust, Plinius und Sueton berichtet werde, was die Späteren erzählten, sei nur wahrscheinlich.

Für die moderne Forschung spielt diese Rolle das sogenannte »diplomatische« Material: Gesandtschaftsberichte, Verwaltungspapiere, Verhandlungsprotokolle und ähnliche Urkunden, wie sie vornehmlich in den Archiven aufgestapelt sind.

Es ist vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, dass dieser Gesichtspunkt um nichts weniger subjektiv und daher um nichts wissenschaftlicher ist als die früheren; denn es ist beim besten Willen nicht einzusehen, warum das Zirkular einer Regierung keine Lüge und die Relation eines Attachés keinen Unsinn enthalten soll.

Vielmehr muss der Begriff der absolut zuverlässigen Quelle für alle Zeiten und Völker dahin definiert werden, dass sie dazu wird, nicht weil sie »wahr« ist, sondern weil die Zeiten und Völker ihr glauben. Im Mittelalter glaubte man an die Kirche, in der Renaissance an die Antike und im neunzehnten Jahrhundert an die Behörde.

Was die Form der Geschichtsschreibung anlangt, so kann man sagen, dass jedem Zeitalter ein anderer Typus als Ideal vorgeschwebt hat, und fast jedem einer, der sich mit dem Begriff des Historikers nicht deckt. Im Altertum ist es der Rhetor.

Die langen eingelegten Reden waren, obgleich durchwegs erfunden, die Glanzlichter und Kernstücke der Darstellung und entscheidenden Prüfsteine für das Talent des Geschichtsschreibers.

Aber auch die übrigen Partien waren nach rhetorischen Gesichtspunkten geformt, nämlich für den lauten Vortrag, der in der Antike musikalischen Charakter hatte; sie waren eine Art von Partituren.

Da man künstlerische Einheit forderte, so war alles verpönt, was von einer anderen Person und daher in einem anderen Stil verfasst war. Deshalb wurden Reden, die so vorlagen, wie sie wirklich gehalten worden waren, sowie Briefe und überhaupt alle schriftlichen Belege stets umgearbeitet und der Ausdrucksweise des Autors angepasst. Es ist dies eben das rhetorische Prinzip. Denn in einer Rede stört jeder fremde Ton.

Die mittelalterliche Geschichtsschreibung dient der Erbauung. Sie schildert die Taten Gottes durch Völker und Führer, die gesta Dei per Francos. Sie wäre vor dem Gedanken zurückgeschaudert, Selbstzweck zu sein.

Zwischen einer Chronik und einer Predigt besteht kein Unterschied der Form. Beide sind ein Gefäß, in das frommer Sinn sein Gefühl ergießt. Darum vermeiden sie auch im Allgemeinen das Individualisieren. Denn der homo religiosus denkt in Universalien. Diese Art, die Vergangenheit zu schauen, ist mit dem Mittelalter nicht verschwunden, sie hat in Bossuets gewaltigen Geschichtsdichtungen weitergeblüht und lebt noch in dem feurigen Schwung der zürnenden Kanzelreden Carlyles.

Die Historiker der Renaissance hingegen wollten spannen und erschüttern, Furcht und Mitleid erwecken. Ihr eingestandenes Vorbild waren die Tragödien Senecas. Neben die üblichen drei Dichtungsgattungen trat für sie als vierte die Historie. Waren die antiken Geschichtswerke Partituren, so waren die ihrigen gewissermaßen Libretti.

Auch dieses Genre hat Nachtriebe hervorgebracht, zum Beispiel in den dramatisch bewegten Kompositionen Schillers, die ebenfalls von der großen Oper herkommen. Indes hat schon die Renaissance noch eine zweite Form hervorgebracht, die am vollsten von Machiavelli verkörpert ist. Für ihn ist die Geschichte Lehrmeisterin der praktischen Politik, Magazin der Staatskunst, Demonstrationssaal für Regenten und Diplomaten.

Diese Art Historiographie hat bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder Vertreter gefunden, ebenso wie die der Aufklärungszeit, die pikant und populär, haranguierend und polemisch, aktuell und tendenziös, kurz eine Art Zeitung ist: ihr glänzendster Vertreter war im achtzehnten Jahrhundert Voltaire, im neunzehnten Macaulay, aber auch die Weltgeschichte von Wells bewegt sich noch genau in derselben Richtung des eleganten Leitartikels eines liberalen Weltblatts.

Aber es hat bekanntlich auch eine »romantische« Geschichtsschreibung gegeben, die sich an der Malerei orientierte: Ihr Programmatiker war Chateaubriand, der die Parole von der »couleur locale« ausgab, und ihre Muster waren die pittoresken Sittenschilderungen Walter Scotts; und aus dem Impressionismus ist die »naturwissenschaftliche« Schule hervorgegangen, die im Historiker eine Art Eprouvettenchemiker und Fossilienanatomen erblickt: Ihr faszinierendster Virtuose war Taine.

Wir sehen also, wie die Form der Geschichtsschreibung selber einem geschichtlichen Wandel unterworfen ist: Sie erinnert abwechselnd an eine Arie und ein Fresko, eine Exhorte und eine Parlamentsrede, ein Theaterstück und ein Laboratorium.

Aber mit dem Inhalt verhält es sich nicht anders. Was ist das Objekt der Geschichte? Vielleicht erhalten wir hierüber bei jener höchsten Instanz Aufschluss, die schon in so vielen Fragen der Erkenntnistheorie klassische Entscheidungen gefällt hat, nämlich bei der Philosophie Kants.

Die ästhetische Urteilskraft

Kant nennt den »Inbegriff aller Gegenstände einer möglichen Erfahrung« Natur und knüpft daran die Frage: Wie ist Wissenschaft von diesem Gesamtkomplex der Erfahrung, wie ist Naturwissenschaft möglich? Oder mit anderen Worten: Gibt es Begriffe, die für alle Erfahrung Gültigkeit haben, und wenn dies der Fall ist, warum gelten sie?

Es gibt solche Begriffe, zum Beispiel: Einheit des Ich, Substanz, Kausalität; und sie haben empirische Geltung oder, was dasselbe bedeutet, Realität, weil sie die Erfahrung machen, weil durch sie die Erfahrung überhaupt erst möglich wird.

Kant nennt sie »reine« Begriffe, weil sie der Erfahrung nicht bedürfen, vielmehr ohne Zuhilfenahme der Erfahrung in uns entstanden sind, und das Vermögen, sie zu bilden, »transzendental«, weil es, als bloße Möglichkeit der Erfahrung, vor aller Erfahrung liegt, ihr vorhergeht.

Alle Erfahrung wird nachträglich, a posteriori, gewonnen, diese Begriffe aber sind als die apriorische Ausstattung unseres Verstandes in uns allen von Anfang an vorhanden, und ebendarum haben sie allgemeine, notwendige und objektive Geltung; aber bloß für uns. Sie gelten, soweit die Erfahrung reicht; und nur so weit.

Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, vielmehr verhält es sich gerade umgekehrt: Er diktiert sie ihr. Da aber die gesamte Natur durch die subjektive Organisation des Menschen (nicht des Individuums, aber der Gattung) bedingt, bestimmt und vorausbestimmt, da sie ein Produkt seiner Denkformen ist, so trägt sie den Charakter der bloßen Erscheinung.

Gegeben sind uns nur die Eindrücke oder Empfindungen. Indem wir diesen dunklen Stoff durch die uns innewohnende Anschauung in eine zeitliche und räumliche Ordnung, durch unseren Verstand in eine gesetzmäßige Verknüpfung bringen, entsteht erst Natur, Erfahrung, Realität. Was wir hinzubringen, ist lediglich die Form: Zeit und Raum, Kausalität und die anderen Kategorien.

Aber die Form ist für die Erfahrung alles, ohne sie wäre nichts da, oder vielmehr: Wir können nicht im Geringsten sagen, was dann noch da ist. Was zurückbleibt, ist das »Ding an sich«, das Ding, wie es, abzüglich aller Apperzeption, die wir von ihm haben, an sich selbst ist, das Ding ohne unsere Vorstellungen, also das vollkommen Unvorstellbare.

Während die Kritik der reinen Vernunft sich mit der Untersuchung befasst: Was ist Wahrheit?, beantwortet die Kritik der Urteilskraft die Frage: Was ist Schönheit?

Der Gedankengang ist hier wiederum ein ganz ähnlicher. Wie die Naturgesetze ein Produkt unseres Verstandes, so sind die ästhetischen Gesetze ein Produkt unseres Geschmacks, einer ganz bestimmten Betrachtungsart, durch die die Objekte erst unter die Kategorie des Schönen gebracht werden. Schönheit ist ein Prädikat, das wir den Dingen verleihen, das ihnen ebenso hinzugefügt wird wie der Begriff der Kausalität dem Stoff unserer Erfahrung; nicht die Dinge sind ästhetisch, sondern unsere Vorstellungen von ihnen, unsere Urteile über sie.

Das Vermögen, solche Vorstellungen zu bilden, nennt Kant die »ästhetische Urteilskraft«. (Die Bezeichnung ist nicht sehr glücklich gewählt, so wenig wie die Ausdrücke »rein«, »transzendental«, »Ding an sich« und überhaupt die meisten Vokabeln der kantischen Terminologie; aber man darf sich durch sie nicht abschrecken oder beirren lassen: Es verhält sich hier ähnlich wie mit gewissen Ortschaften, bei denen im Baedeker die Warnung steht: »Man achte darauf, dass bisweilen die Straßentafeln vertauscht sind«; deshalb können die Straßen noch immer vorzüglich angelegt und geführt sein.)

Die ästhetischen Urteile gründen sich auf ein universelles Gefühl, das Kant den ästhetischen Gemeinsinn nennt: Eben weil es universell ist, ist es auch allgemein mitteilbar.

Dadurch, dass die ästhetischen Vorstellungen auf einem apriorischen Gefühl beruhen, unterscheiden sie sich einerseits von den logischen Urteilen, die sich auf Funktionen des Verstandes stützen, und andrerseits von den Prädikaten der Nützlichkeit wie der Annehmlichkeit, da diese aus der Erfahrung geschöpft, also aposteriorisch, außerdem subjektiv und individuell, also nicht allgemeingültig sind. Das ästhetische Urteil aber tritt mit einem Gefühl der Universalität und Beglaubigung auf: »Die Lust, die wir fühlen, muten wir einem jeden anderen im Geschmacksurteile als notwendig zu.« Geschmacksurteile sind allerdings nicht beweisbar, weil sie eben nicht auf Begriffen beruhen. De gustibus non est disputandum. Aber dadurch entziehen sie sich auch dem Streit.

Die teleologische Urteilskraft

Der zweite Teil der Kritik der Urteilskraft handelt von der »teleologischen Urteilskraft«. Diese ist das uns eingepflanzte Vermögen, die Natur unter dem Aspekt der Zweckmäßigkeit anzusehen. Sie ist nicht Naturerkenntnis, sondern bloße Naturbetrachtung, eine Maxime der Naturbeurteilung. Sie hat wie alle anderen Vermögen ihre Wurzel in der Einrichtung unserer Vernunft, in einer bestimmten Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens, die bewirkt, dass wir uns die Phänomene der organischen Natur nicht aus bloß mechanischen Ursachen erklären können, sondern nur durch die Idee der Zweckmäßigkeit. Die Prinzipien der teleologischen Urteilskraft sind heuristisch, »regulativ«, indem sie nicht Gesetze geben wie die Kategorien, sondern nur Richtlinien.

Erkennen können wir nur mechanisch wirkende Ursachen. Aber begreifen können wir die Lebenserscheinungen nur durch eine teleologische Betrachtungsweise. Dieses ist ein »als ob«, aber darum doch vom Range der Allgemeingültigkeit und Objektivität, denn sie ist eine vernunftnotwendige Ansicht. Die Zweckmäßigkeit wird ebenso wie die Schönheiten, die Kausalität zu den Dingen hinzugebracht, hinzugedacht, aber zwingend: durch die Struktur unserer Apperzeption. Die Formel für Frage und Antwort dieses Kapitels der kantischen Kritik würde demnach etwa lauten: Wie ist Biologie möglich? Durch unsere Zwecke setzende teleologische Urteilskraft

Die historische Urteilskraft

Es ließe sich nun sehr wohl denken, dass Kant auch eine »Kritik der historischen Urteilskraft« verfasst hätte. Wie seine »transzendentale Analytik« die Frage untersucht: Wie ist Natur, oder auch: Wie ist Naturwissenschaft möglich?, so hätte es sich hier um die Frage gehandelt: Wie ist Geschichte, wie ist Geschichtswissenschaft möglich?

Nach Kant ist, was wir Erfahrung nennen, ein Produkt unseres Verstandes und seiner Verknüpfungsbegriffe, Sittlichkeit ein Produkt unserer praktischen Vernunft (denn auch der kategorische Imperativ ist apriorisch), Schönheit ein Produkt unserer ästhetischen Urteilskraft und Zweckmäßigkeit ein Produkt unserer teleologischen Urteilskraft. Und ebenso ist Geschichte ein Produkt unserer historischen Urteilskraft.

Die historische Urteilskraft hat darin Ähnlichkeit mit der ästhetischen Urteilskraft, dass sie auch eine bestimmte Betrachtungsart ist, die die Erscheinungen erst zu historischen macht. Auch sie wurzelt in einem Gefühl, das universell und ebendarum auch allgemein mitteilbar ist.

Das ästhetische Urteil ist, wie jedermann weiß, wandelbar, aber dennoch für das jeweilige Zeitalter oder Geschlecht, aus dem es geboren ist, stabil; ebenso verhält es sich mit dem historischen Urteil: Es gibt eine Art »historischen Geschmack«, der, obschon zeitgebunden, das Gepräge der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit trägt, es gibt einen »historischen Gemeinsinn«.

»In jeder Geistesperiode«, sagt der holländische Kulturhistoriker Huizinga, »besteht eine tatsächliche Homogenität des historischen Wissens ... eine gewisse Katholizität der Erkenntnis«. Es herrscht in jedem einzelnen Kulturzeitalter ein unterirdischer Konsensus über den ganzen Vorstellungskomplex »Weltgeschichte«: seine Hauptprobleme, seine Entwicklungslinien, seine großen Etappen, seine repräsentativen Gestalten.

Im ganzen achtzehnten Jahrhundert regierte das Schlagwort vom »finsteren Mittelalter«: Selbst Herder spricht von der »Nacht der mittleren Zeiten«, und Robertson gebraucht »Dark Ages« geradezu als Synonym für Mittelalter.

Um den Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wird das Mittelalter romantisch, und zu Anfang des zwanzigsten wird es expressionistisch.

Es war natürlich nichts von alledem; aber für die Zeitgenossen dieser Stichwörter war dies seine unleugbare Realität. Die Adjektive »barock« und »gotisch« waren lange Zeit allgemein gebrauchte Schimpfnamen: Wir sprechen ja auch heute noch von einem »barocken Stil« und meinen damit, dass er schrullenhaft, bizarr, verschnörkelt ist, und der junge Goethe bekennt: »Unter die Rubrik gotisch häufte ich alle synonymischen Missverständnisse, die mir von Unbestimmtem, Untergeordnetem, Unnatürlichem, Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem jemals durch den Kopf gegangen waren«: Gotisch bedeutete damals noch dasselbe wie barbarisch.

Johannes Duns Scotus, das Schulhaupt der Scotisten, wegen der Feinheit und Schärfe seiner Distinktionen doctor subtilis genannt, war einer der originellsten und geistvollsten Denker des ausgehenden Mittelalters; er wurde aber von der orthodoxen Scholastik wegen seines Nominalismus bekämpft, und infolgedessen war in Deutschland lange Zeit Duns der Spitzname für einen einfältigen, aufgeblasenen Menschen, und in England ist dunce noch jetzt ein Wort für Dummkopf.

»Shakespearisch« ist heute wohl der lobendste Ehrenname, den man einem dramatischen Produkt erteilen kann, aber vor zweihundert Jahren war es noch ein sehr bedenkliches Prädikat: Es bedeutete so viel wie roh, chaotisch, kunstlos; ein Pavian, sagte ein angesehener englischer Kunstkritiker aus der Zeit der Königin Anna, besitze mehr Geschmack als Shakespeare, und noch Voltaire nannte ihn einen trunkenen Wilden und gotischen Koloss, wobei gotisch natürlich wiederum im herabsetzenden Sinne gemeint ist.

»Sophistes« heißt der »Weisemacher«, also so viel wie der Weise, und dafür galten auch ursprünglich die Lehrer der Sophistik, während »Philosoph« bloß der »Weisheitliebende« war; aber unter dem Einfluss des Platonismus haben diese beiden Vokabeln ihre Rangordnung getauscht: Sophistik bedeutet später geradezu das Gegenteil von Weisheit.

»Liberalismus« war im neunzehnten Jahrhundert das edle Bekenntnis zu Fortschritt und Freiheit; heute befindet sich das Wort schon ganz merklich auf dem Wege zur Ehrenbeleidigung.

»Jesuit« bezeichnet das höchste Ideal, das überhaupt einem Irdischen vorzuschweben vermag, nämlich Genosse Jesu; aber diesen Wortsinn fühlt heute niemand mehr, vielmehr muss man, wenn man den Ausdruck nicht als Kränkung gebraucht wissen will, dies ausdrücklich hinzu bemerken.

Der Autor der Geschichte

Es handelt sich aber in diesen und zahllosen anderen Fällen nicht um Privaturteile, austauschbare Gesichtswinkel, Wahlansichten, auch nicht um die Anschauungen gewisser Gruppen, die etwa durch tiefere Geschichtserkenntnis oder umfassenderes Geschichtswissen zu neuen Ergebnissen gelangt wären, sondern um die Meinung des Zeitalters selber. Sie kommt und geht; aber wodurch sie sich verändert, warum sie sich überhaupt verändert, das wissen wir nicht. Die Verwandlung ihres Antlitzes ist ein ebenso großes Rätsel wie das Verschwinden der Saurier, die Geburt der Sprache, das Aufleuchten eines neuen Sterns.

Man kann also sagen: Geschichte ist Dichtung und ihr Autor das Menschengeschlecht. Aber dies bedeutet nicht etwa, dass sie eine beliebige »Fantasie« ist, vielmehr trägt sie, wie jede echte Dichtung, den Charakter der Notwendigkeit.

Was Kant in der Dialektik der ästhetischen Urteilskraft sagt: Dass das Genie völlig reflexionslos oder naiv handle, absichtslos wie eine Naturkraft, und eben dadurch die Macht besitze, Regeln zu geben, das gilt auch vom Genius des Zeitalters, der sich jeweils sein Geschichtsbild schafft.

Dieses Geschichtsbild ist eine geistige Tatsache, hell erleuchtet vom Tageslicht der Gegenwart und tief verwurzelt im dunklen Gemeingefühl der Kulturmenschheit; ebenso unendlich und in sich begrenzt, gesetzgeberisch und einmalig wie jedes große Dichtwerk, ebenso real und ebenso unbegreiflich.

Das historische Urteil ähnelt auch darin dem ästhetischen, dass es nicht (wie das theoretische Urteil des Verstandes) durch logische Begriffe, sondern durch eine »notwendige Empfindung« allgemeingültig erscheint. Es tritt mit dem Charakter der »Henide« auf: So hat Weininger jene Bewusstseinsinhalte bezeichnet, bei denen Denken und Fühlen noch eine Einheit bilden.

Die Vorstellungen, die die »historische Urteilskraft« bildet, haben, ebenso wie die ästhetischen, etwas Verschwommenes, Unartikuliertes, Mehrdeutiges, aber ebendarum höchst Lebensvolles. Alles historische Licht ist Zwielicht, alles historische Erfassen ist Erahnen, alle historischen Gestalten sind »schwankende Gestalten«.

Wir hörten von der »teleologischen Urteilskraft«, dass sie eine bloße Anschauungsweise sei, die die Lebensbedingungen für zweckbeherrscht nimmt: Ebenso verhält es sich mit der historischen Urteilskraft. Sie ist eine hineingelegte Betrachtung, sie sieht die Dinge so an, »als ob« sie historisch wären, sie werden erst durch sie historisch.

Aber dies ist wiederum keine Willkür, keine freigewählte Fiktion, die wir auch ebenso gut unterlassen könnten, sondern dieser historisierende Blick ist uns angeboren; die »Historie«: das Vermögen, historisch zu empfinden, »liegt in unserem Gemüte bereit«, wie es Kant einmal in einem anderen Zusammenhange, nämlich im Hinblick auf das Sittengesetz, ausdrückt. Eine Welt ohne Zwecke wäre für uns überhaupt keine Welt; eine Welt ohne Geschichte auch nicht.

Freilich hat es zu allen Zeiten nihilistische Winkelzieher gegeben, die versuchten, uns die Geschichte und ihre »Wahrheiten« vor den Augen wegzueskamotieren, denn logisch beweisen lassen sie sich in der Tat nicht.

Dasselbe gilt von der teleologischen Betrachtung, dasselbe von der ästhetischen. Wenn jemand behauptet: Der Mensch ist eine Maschine, die Welt ist ein dummer Kreisel, Hamlet ist verzeichnet und Friedrich der Große war nicht groß: Wie soll ich ihn rational widerlegen?

Aber gerade dies erhebt ja die Geschichte zu einem höheren Range, als ihn die sogenannten exakten Fächer und die dialektischen Disziplinen einnehmen. Geschichte ist eine Vision und ein Glaube: und diese beiden Seelenzustände beweisen sich dadurch, dass man sie hat.

Geschichte ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben. Geschichte deckt sich daher nicht einfach mit »Geschehenem«. Geschichte entsteht erst, wenn etwas zu den Ereignissen hinzukommt, nämlich wir. Ereignis ist, was in unseren Geist eingegangen ist. An dieser Skala allein misst sich die historische Wahrheit.

»Was nicht geschehen sein kann«, sagt Bachofen, »ist jedenfalls gedacht worden. An die Stelle der äußeren Wahrheit tritt also die innere. Statt der Tatsächlichkeiten finden wir Taten des Geistes.«

Und Novalis lässt den Grafen von Hohenzollern in Heinrich von Ofterdingen sagen: »Es ist für unseren Genuss und unsere Belehrung gewissermaßen einerlei, ob die Personen, in deren Schicksal wir dem unserigen nachspüren, wirklich einmal lebten oder nicht. Wir verlangen nach der Anschauung der großen einfachen Seele der Zeiterscheinungen, und finden wir diesen Wunsch gewährt, so kümmern wir uns nicht um die zufällige Existenz der äußeren Figuren.«

Und in einem nachgelassenen Fragment bemerkt er: »Das Vergangene wirkt so wunderbar auf uns, weil, je unabhängiger ein Objekt von unserer Wirksamkeit ist, desto freier unsere Wirksamkeit spielt; daher auch die sonderbare Alltäglichkeit der Gegenwart. Hier wird das Gemüt zu einer bestimmten Wirklichkeit gezwungen.«

Der historische Kontakt

Wir machen nicht bloß unsere Geschichte: auch die, welche uns vorausgegangen ist. Man sagt: Die Gegenwart steht im Schatten der Vergangenheit. Aber ebenso gut kann man behaupten: Die Vergangenheit ist der Schatten, den die Gegenwart wirft.

Hier gilt nicht das Gesetz von der Nichtumkehrbarkeit des Zeitablaufs. Geschichte ist nicht etwas, wobei wir uns etwa rein empfangend und passiv verhalten, sondern der Kontakt zwischen zwei geistigen Kraftströmen. Sie verwandelt uns, und wir sie.

Auch Huizinga spricht einmal vom »historischen Kontakt, den eine unbedingte Überzeugung der Echtheit, Wahrheit begleitet« und bemerkt dazu: »Auf dem Grabe Michelets hat man dessen Worte angebracht: ›L'histoire c'est une résurrection‹.

Taine sagte: ›L'histoire c'est à peu près voir les hommes d'autrefois‹.

In ihrer Unbestimmtheit sind diese beiden Aussprüche brauchbarer als sorgfältige erkenntnistheoretische Definitionen. Auf das ›à peu près‹ kommt es an.« Dieses »Erleben des Historischen« sei nahe verwandt »mit dem Begreifen von Musik, oder besser der Welt durch Musik«.

Verhält es sich so, und wir können es kaum bezweifeln, so liegt die Analogie zwischen historischem und ästhetischem Empfinden klar zutage. Etwas ganz Ähnliches meinte Kant, als er sagte: »Das Geschmacksurteil gründet sich auf Begriffe von umfassender Geltung, aber auf unbestimmte.«

Wie erklärt sich diese Fähigkeit des Menschen zur historischen Vision?

Georg Simmel denkt dabei, allerdings nicht ohne Zögern, an vererbte Gattungserinnerungen. »Wie unser Körper in den rudimentären Organen unmittelbar die Spuren früherer Epochen bewahrt, so enthält unser Geist die Resultate und die Spuren vergangener psychischer Prozesse von den verschiedenen Stufen vergangener Gattungsentwicklung her.«

So materialistisch-biologisch lässt sich das Rätsel freilich nicht lösen. Sondern durch Gottes prästabilierte Harmonie stehen wir mit allen Kreaturen, die er je geschaffen, in dauernder Kryptogamie. Oder vielmehr: Diese Harmonie ist latent; sie kann jederzeit zum Leben erweckt werden.

Vielleicht dachte Ranke an etwas Dergleichen, wenn er sagte, die Taten Gottes zu erkennen, sei die Aufgabe des Geschichtsschreibers. Aber diese Taten Gottes – sie sind nichts anderes als die berühmten rankeschen »Ideen« – können, das betont Ranke oft und mit Nachdruck, nicht in Begriffen ausgedrückt, nur »angeschaut« werden; nur ein Mitgefühl ihres Daseins kann man in sich erzeugen.

Aber nicht nur diese Ideen wandeln sich, indem jede aus ihrem Schoße eine neue gebiert, sondern auch unsere Ideen von diesen Ideen.

»Dass die Weltgeschichte«, sagt Goethe in der Farbenlehre, »von Zeit zu Zeit umgeschrieben werden müsse, darüber ist in unseren Tagen wohl kein Zweifel übriggeblieben. Eine solche Notwendigkeit entsteht aber nicht etwa daher, weil viel Geschehenes nachentdeckt worden, sondern weil neue Ansichten gegeben werden, weil der Genosse einer fortschreitenden Zeit auf Standpunkte geführt wird, von welchen sich das Vergangene auf eine neue Weise überschauen und beurteilen lässt.«

Alle Geschichte ist Gegenwart.

»Indem wir es also nur mit der Idee des Geistes zu tun haben und in der Weltgeschichte alles nur als seine Erscheinung betrachten«, lautet eine Kernstelle in Hegels Philosophie der Geschichte, »so haben wir, wenn wir die Vergangenheit, wie groß sie auch immer sei, durchlaufen, es nur mit Gegenwärtigem zu tun; denn die Philosophie, als sich mit dem Wahren beschäftigend, hat es mit ewig Gegenwärtigem zu tun. Alles ist ihr in der Vergangenheit unverloren, denn die Idee ist präsent, der Geist unsterblich, das heißt: Er ist nicht vorbei und nicht noch nicht, sondern ist wesentlich itzt.«

Geschichte und Philosophie

Von hier aus erhellt sich auch das vielerörterte Verhältnis zwischen Geschichte und Philosophie. Manche behaupten, es dürfe überhaupt keine philosophische Geschichtsschreibung geben, Spekulation habe in einer empirischen Wissenschaft nichts zu suchen, Philosophieren sei ein unhistorisches Verfahren.

Andere sind toleranter und sagen, auch der Historiker dürfe Philosoph sein, aber diese Standpunkte müssten sauber getrennt werden, diese beiden Gesichtswinkel dürften nicht zusammenfallen.

Hierauf ist zu erwidern: es gibt weder Geschichte oder Philosophie noch Geschichte und Philosophie, sondern Geschichte ist Philosophie. Geschichte ist sogenanntes »Material«, in Worten dargestellt; aber indem ich aus diesem Material eine Auswahl treffe, philosophiere ich bereits, und indem ich darüber rede, philosophiere ich ebenfalls.

Jedes dürftige Exzerpt und jede dürre Kompilation, jeder Schüleraufsatz und jede Kinderfibel enthält bereits Spekulation: lauter kleine Philosophen! Alle tun sie von ihrem Geist etwas hinzu, und zumindest lassen sie etwas weg.

Alles Forschen ist Philosophie; alles Sprechen ist Philosophie; und sogar alles Schweigen ist Philosophie.

»Tatsachen«, sagt Herman Grimm, »in die nicht eine bestimmte Idee hineingelegt wird, sind gar keiner Darstellung fähig, weil sie außer aller Erkenntnis liegen.«

Die »Vorgeschichte«

Schon die erste Frage, die die Geschichtswissenschaft sich zu stellen hat: wo die Geschichte denn eigentlich anfängt, ist ein philosophisches Problem. Vor noch ganz kurzer Zeit begann man mit der Erzählung beim Nebelfleck.

Aber das ist Naturgeschichte, nicht Geschichte; und außerdem ist diese ganze Biografie der Erde, anhebend beim Urschleim und endigend beim Großhirn des homo sapiens, ein Märchen, obschon bisweilen ein recht farbiges und amüsantes.

Denn weder waren die ersten Lebewesen etwas Einfaches, vielmehr in ihrer Art gerade so kompliziert wie die spätesten, noch gab es überhaupt kontinuierliche Entwicklung, sondern mehrere oder viele große Schöpfungsakte (auch darin »Akte«, dass sie wie in einem Drama einander ablösten), in denen, obgleich in verschiedener Mischung und Ausbildung, immer schon alles vorhanden war. Diese Hypothese ist freilich ebenso unbewiesen wie der Darwinismus; aber wir haben vor dessen Anhängern dies voraus, dass wir nicht auf sie schwören.

Aber auch die sogenannte »Vorgeschichte« ist, wie ja schon ihr Name sagt, noch nicht wirkliche Geschichte. Mommsen hat rundheraus erklärt, die Vorgeschichte handle von jenem Teil der Geschichte, der weder wissbar noch wissenswert sei.

Vom Standpunkt der strengen Historie hat er zweifellos recht. Denn im reinen und eigentlichen Sinne erzeugt die Vorgeschichte weder historisches Wissen noch historisches Interesse. Sie vermag die Perioden, mit denen sie zu tun hat, immer nur im Querschnitt zu zeigen, niemals im Längsschnitt; sie ist keine dynamische, sondern eine statische, ja man wäre fast versucht, zu sagen: eine statistische Wissenschaft.

Und sie vermag nicht jene bewegte Anteilnahme des Nacherlebens zu erregen, die eben die spezifisch historische ist. Obgleich sie in den letzten fünfzig Jahren an Umfang und Tiefe außerordentlich gewonnen hat, so bleibt doch bis zu einem gewissen Grade noch immer zu Recht bestehen, was Ranke in seiner Einleitung zu seiner Weltgeschichte über sie sagte:

»Man muss diese Probleme der Naturwissenschaft und zugleich der religiösen Auffassung anheimgeben.« Indes müssen sie doch von uns wenigstens berührt werden.

Platos Atlantis

Hier tritt uns sogleich ein geheimnisvoller, vielsagender Name entgegen: Atlantis! Namen bedeuten immer etwas, und so ist es gewiss kein Zufall, dass das mächtige Atlasgebirge im Norden Afrikas und der gewaltige Ozean, der Europa von der Neuen Welt trennt, seit unvordenklichen Zeiten ebenso hießen wie jene sagenumsponnene Zauberinsel: Hier schimmert aus grauen Fernen der letzte Abglanz eines verschollenen Erdkreises.

Die jüngste Kunde von ihm hat uns Plato aufbewahrt. Dieser erzählt in seinen Dialogen Timaios und Kritias, Solon, mit dem er verwandt war, habe eine Geschichte der Atlantis in Versen hinterlassen, die er ägyptischen Priestern verdankte.

»Jung seid ihr alle an Geist«, hatten sie zu ihm gesagt, »denn in eueren Köpfen ist keine Anschauung aus alter Überlieferung und kein mit der Zeit ergrautes Wissen. Euer Altertum hat keine Geschichte und euere Geschichte kein Altertum.«

Nach ihren geheimen Urkunden lag einst vor den »Säulen des Herakles« (der Straße von Gibraltar) eine Insel, größer als Libyen (Nordafrika) und Asien (das damals bekannte, also: Vorderasien) zusammengenommen, und von ihr gab es damals einen Übergang nach dem gegenüberliegenden Festland, welches von jenem Meer bespült ist, »das eigentlich allein den Namen Meer verdient; denn unser Meer ist nichts als eine Bucht mit schmalem Eingang«.

Die Könige von Atlantis beherrschten nicht nur die umliegenden Inseln und Teile jenes Festlands, sondern auch »Libyen bis nach Ägypten hin« und Europa bis Tyrrhenien (Etrurien). Jenes Meer, das allein diesen Namen verdient, kann nur das Atlantische, jenes gegenüberliegende Festland nur Amerika sein.

Atlantis, sagt Plato, war das fruchtbarste Land der Erde. Sogar für die riesigen Elefantenherden war Futter in reicher Menge vorhanden. Das am häufigsten verwendete Material war das allenthalben geförderte »Goldkupfererz«, ein prachtvolles Metall, das wir nicht mehr kennen.

Ungeheure bronzebeschlagene Zyklopenmauern umgaben die Städte, die »Akropolis« war durch einen Ringwall aus Bleiplatten geschützt. Ganz Atlantis war von einem gigantischen System von »Marskanälen« durchzogen, aber es gab auch unterirdische Bewässerungsanlagen, ja sogar unterirdische Häfen, die ganze Flotten aufnehmen konnten.

Die Streitmacht eines einzigen atlantischen Königreichs belief sich, wie Plato angibt, auf 10000 Streitwagen, 1200 Kriegsschiffe und 1200000 Soldaten. An solchen Herrschaftsgebieten besaß aber die Insel allein zehn.

Eine viele Millionen zählende Heeressäule setzte sich etwa neuntausend Jahre vor Solon »in hellem Übermut« gegen Europa in Bewegung; aber die Hellenen geboten ihr Halt, wie später der Übermacht der Perser.

Viele Menschenalter hindurch hatten die Söhne der Atlantis ihre Verwandtschaft mit den Göttern nicht verleugnet. Darum achteten sie alle Glücksgüter gering und machten sich nichts aus der Masse des Goldes und des übrigen Besitzes, die ihnen eher wie eine Last erschien.

Aber allmählich begann ihr Wesen sich zu entgöttern und verruchte Habsucht und Machtgier ihre Seelen zu erfüllen.

Da beschloss der Gott der Götter, Zeus, »der einen scharfen Blick für Dergleichen hat«, sie zu züchtigen, um sie dadurch zur Besinnung zu bringen. Er berief daher eine Götterversammlung ... Hier bricht der Bericht ab. Aber an anderer Stelle sagt Plato, es seien Erdbeben und Überschwemmungen gekommen, und »während eines schlimmen Tages und einer schicksalsschweren Nacht« sei die Insel im Meere verschwunden.

Die Realität der platonischen Atlantis ist schon im Altertum von Strabo und Plinius angezweifelt worden. Alexander von Humboldt hielt das Ganze zwar auch für eine Fabel, glaubte aber daran, dass Solon sie aus Ägypten mitgebracht habe, wohin sehr wohl eine dunkle Kunde von Amerika gelangt sein könne.

Erwin Rohde erklärte in seinem vortrefflichen Werk über den griechischen Roman unter dem Einfluss der rationalistischen Skepsis, zu der sich damals jeder Mann der Wissenschaft verpflichtet fühlte, die beiden Schilderungen für dichterisches Spiel und Illustration des Idealstaates.

Eine solche Absicht liegt zweifellos Bacons Nova Atlantis zugrunde; wenn aber Plato einer philosophischen Utopie die Darstellungsform gegeben hätte, wie er sie beide Male gewählt hat, so hätte er sich im Stil vollkommen vergriffen, was wir einem so großen Künstler doch nicht gut zutrauen können.

Ein gewisses Misstrauen gegen die Ernsthaftigkeit des platonischen Berichtes hat sich bis zum heutigen Tag erhalten; man versucht ihn zumindest abzuschwächen

Leo Frobenius, der geniale Begründer der »Kulturmorphologie«, machte auf einer seiner Forschungsreisen in der Nähe der Negerstadt Benin Funde einer hohen uralten Kultur und lokalisierte daher Atlantis im Jorubaland in Oberguinea, Westafrika, in der Gegend der Nigermündung. Frobenius ist ein wenig zu sehr fasziniert von der afrikanischen Kultur und reagiert auf die bisherige Unterschätzung dieses Erdkreises mit einer Überschätzung. Außerdem liegt dieses Atlantis zwar jenseits der Säulen des Herakles und erzeugt Elefanten und südliche Früchte aller Art, wie es im »Kritias« eingehend geschildert wird, aber Plato spricht ausdrücklich von einer Insel und von einer außerordentlich großen. Es könnte sich also hier höchstens um einen Ableger der atlantischen Kultur handeln.

Noch bescheidener ist die Hypothese von Adolf Schulten, der Atlantis mit dem alten Tartessos identifiziert und ins Mündungsgebiet des Quadalquivir verlegt. Wenn Plato behauptet, die Insel sei größer gewesen als Libyen und Asien zusammengenommen, so meinte er damit nach Schulten die Ausdehnung des Handelsgebietes; und wenn er erzählt, sie sei während eines Tages und einer Nacht verschwunden, so bezieht sich das auf die Sperrung der Straße von Gibraltar durch die Karthager, die Tartessos von heute auf morgen aus dem Bereiche der hellenischen Schifffahrt spurlos verschwinden ließ.

Es ist aber nicht recht verständlich, warum Plato, wenn er dieses meinte, jenes gesagt haben soll.

Ebenso wenig Überzeugendes hat die Theorie von Richard Hennig, Atlantis sei Tartessos und zugleich die Phäakeninsel Homers, die dieser als ein blühendes Land im Westen schildert, »am Ende der Welt gelegen«, bewohnt von unkriegerischen, aber höchst seetüchtigen Kauffahrern, umgeben von »türmenden Mauern« und geschmückt mit erzstrahlenden Bauwerken; denn diese Angaben können auf jede reiche Handelskolonie bezogen werden, und wie fern oder wie nah sich Homer das Ende der Welt dachte, ist schwer zu sagen; auch hätte Plato, wenn Atlantis wirklich nichts anderes war als die jedem Kinde in Hellas bekannte Insel Scheria, dies unbedingt erwähnen müssen.

Die Atlantis der Zugvögel

Im Jahre 1882 erschien ein Buch »Atlantis, the antediluvian world« von Ignatius Donnelly, das ein ähnliches Aufsehen erregte wie Schiaparellis ungefähr gleichzeitige Entdeckung der Marskanäle. Darin wurde dargelegt, dass die versunkene Atlantis ein großer Kontinent inmitten des Ozeans gewesen sei; seine höchsten Bergspitzen waren Madeira und die Azoren, die noch heute über den Meeresspiegel emporragen. Im Laufe einer vieltausendjährigen Geschichte verbreiteten sich die Atlantier nicht nur über ihre Insel, sondern fluteten auch nach Mexiko, Südamerika, Westafrika, Südeuropa hinüber: Als das Reich seine größte Ausdehnung besaß, erstreckte es sich von den Kordilleren bis Vorderindien. Atlantis zerfiel in drei Höhenzonen: das Gebiet der vulkanischen Berge, die Tafelländer, wo die Könige residierten, und die »große Ebene«. Das Klima war subtropisch, sehr angenehm; und von hier ist alle menschliche Kultur ausgegangen. Von den Atlantiern stammen nicht nur der Ziegelbau und der Seidenbau, die Kultivation der Getreidearten und Edelfrüchte, die Domestikation des Rindes und Pferdes, sondern auch der Kompass und das Schießpulver, die Stahlbereitung und Papierfabrikation, die Astronomie und das Alphabet, auch die Beschneidung zum Schutz gegen die amerikanische Syphilis. Atlantis, das paradiesische Land der Fruchtbarkeit und des Friedens, ist der Garten Eden, die Insel der Seligen, der Olymp, Asgard, jenes Traumbild einer schöneren Vergangenheit, das bei allen Völkern wiederkehrt. In Mexiko und Peru, Ägypten und Babylonien erhielten sich letzte Reste atlantischer Tochterzivilisationen.

Seitdem sind weitere Bestätigungen dieser Annahmen hinzugekommen. Wissenschaftliche Expeditionen, in erster Linie durch das englische Kanonenboot »Challenger« und den amerikanischen Dampfer »Delphin«, haben sehr sorgfältige Tiefenmessungen ausgeführt und den ganzen Boden des Atlantischen Ozeans kartografiert, mit dem Resultat, dass eine ungeheure Höhenkette entdeckt wurde, die sich von Irland bis zu den Azoren erstreckt; einzelne Spitzen erheben sich bis zu einer Höhe von 2700 Meter.

Geologische Untersuchungen haben ergeben, dass diese Bergwelt mit den Antillen verwandt ist und dass sie gegen Ende der letzten Eiszeit versunken sein dürfte; ob allmählich oder plötzlich, lässt sich nicht mehr feststellen.

Ferner hat man beobachtet, dass sich alljährlich Scharen von Zugvögeln in der Gegend der einstigen Atlantis versammeln und suchend über den Wassern kreisen: Die Erinnerung ihrer Gattung wittert hier Land; offenbar mit derselben unfehlbaren Instinktsicherheit, die sie bei ihren Reisen nach dem Süden bestimmte geometrische Figuren formieren und fernste Nistplätze in jeder Saison wiederfinden lässt. Wie sie hier einem geheimnisvollen Kompass folgen, so leitet sie bei der Atlantis eine Bussole, die Tausende von Jahren und Kilometern überbrückt. Diese Vögel sind zuverlässigere wissenschaftliche Führer als die vagen und willkürlichen Konjekturen der Archäologen.

Das Licht vom Westen

Ferner hat man auf die merkwürdigen Übereinstimmungen der Fauna und Flora hingewiesen, die zwischen der Alten und der Neuen Welt bestehen. Man hat zum Beispiel fossile Überreste des Kamels und des Pferdes, sogar des sogenannten »Urpferdes« in Amerika aufgefunden, und zwar nur dort.

In der historischen Zeit verhielt es sich aber gerade umgekehrt: Pferd und Kamel waren auf der westlichen Halbkugel verschwunden und gelangten dorthin erst wieder durch europäische Vermittlung.

Da es höchst unwahrscheinlich ist, dass dieselbe Tierspezies öfter als einmal entsteht, so glaubt man die Ähnlichkeit der ausgestorbenen Exemplare des Westens mit den späteren des Ostens nur dadurch erklären zu können, dass früher einmal eine Landbrücke bestanden hat; dieser Schluss ist allerdings nicht ganz zwingend, denn wir können nicht wissen, ob es nicht schon vor undenklichen Zeiten eine hochentwickelte Schifffahrt gegeben hat, die auch ohne das Bindeglied der Atlantis den Ozean zu durchqueren vermochte.

Sehr nachdenklich stimmt es auch, dass sich ein phonetisches Alphabet sowohl bei den Phöniziern als auch bei den Indianern von Yukatan vorgefunden hat und dass über ein Dutzend dieser indianischen Buchstaben die deutlichsten Beziehungen zu ägyptischen Hieroglyphen von derselben Deutung aufweisen.

Hier ließe sich daran denken, dass Ägypten einmal eine atlantische Kolonie war und dass umgekehrt die Phönizier Atlantis besucht haben. Diodorus Siculus erwähnt, dass diese von der Küste Afrikas aus nach einer mehrtägigen Fahrt »eine große Insel im Atlantischen Ozean jenseits der Säulen des Herkules« entdeckten. (Es könnte sich in diesem Fall selbstverständlich nicht um richtige Phönizier, sondern nur um verschollene Voreinwohner des Landes gehandelt haben.)

Übrigens sind die kulturellen Analogien zwischen den Ureinwohnern Amerikas und den alten Ägyptern auch sonst ganz erstaunlich. Beide verehrten die Sonnenscheibe, balsamierten die Leichen und erbauten Pyramiden, und zwar nach denselben Prinzipien der Himmelsorientierung und der inneren Architektur. Wir kommen auf diesen interessanten Gegenstand noch zurück.

Auch hier bestände jedoch die Möglichkeit, dass eine Besiedlung Ägyptens direkt von Amerika ausgegangen wäre. Aber die mexikanische Tradition berichtet, dass die Ureinwohner von Osten gekommen seien, nachdem das Land dort untergegangen war, und als die Spanier landeten, fanden sie, dass viele aztekische Städtenamen mit »atlan« gebildet waren.

Es ist unter den Indianern Mittelamerikas eine allgemein verbreitete Legende, dass alle indianischen Stämme ursprünglich ein einziger Stamm gewesen seien und auf einer Insel gegen Sonnenaufgang wohnten. Durch Erdbeben und Überschwemmungen seien »zehn Länder« voneinandergerissen worden und versunken.

Da haben wir wieder die platonischen zehn Könige von Atlantis. Wir müssen uns für diesen Fall vorstellen, dass diese Urindianer oder Atlantier ungefähr ebenso hoch über den Untertanen Montezumas standen wie die klassischen Hellenen über den Griechen unter der Türkenherrschaft oder die alten Ägypter über den Fellachen; und dabei ist es außer Zweifel, dass auch die Azteken noch eine sehr hohe Kultur besaßen. Sie behaupteten, diese ihrem Gott Quetzalcoatl zu verdanken, der von Osten gekommen sei. Er und seine Nachkommen hätten viele Jahre regiert und sich von den Indianern durch weiße Hautfarbe, blaue Augen und blonden Bart unterschieden: Diese Version lässt die Möglichkeit offen, dass die Atlantier keine Rothäute, sondern vielleicht Indogermanen oder »Vorindogermanen« waren.

Gerade zur Zeit Montezumas hatten die Priester die Wiederkunft Quetzalcoatls prophezeit; aber die weißen bärtigen Fremden aus dem Osten, die in der Tat kamen, waren keine Götter, sondern verruchte Banditen. Was die Spanier am meisten überraschte, war die Anbetung des Kreuzes, die unter den Azteken herrschte. Sie konnten sich dies nur als ein Blendwerk des Teufels erklären; es war aber wohl eher eine geheimnisvolle Ahnung, dass auch im Westen einmal das Evangelium erscheinen werde.

Noch verblüffender aber ist die Ähnlichkeit des Wortes für »Gott« im Osten und im Westen. Es lautet im Sanskrit Dyaus, im Lateinischen Deus, im Griechischen Theos und Zeus und im Mexikanischen Teo und Zeo.

Auch dies würde für indogermanische Zusammenhänge sprechen. Auf Atlantis weist auch der griechische Name »Hesperiden«, Bewohner des Westlandes, des »Landes im Abend«. Im griechischen Mythus sind die Hesperiden die Töchter des Atlas; die von ihnen behüteten Gärten liegen auf einem Eiland im fernen Westen.

War also das Versinken der Atlantis eine Art »Untergang des Abendlands«?

Auch über den Satz »ex oriente lux« müsste man in diesem Falle umlernen, denn, von uns aus gesehen, läge dann die Kulturwiege im Westen. Warum aber ist sie zugrunde gegangen? Weil die Atlantier ihre göttlichen Gaben missbrauchten. Sie entweihten ihr Wissen durch selbstsüchtige Zwecke, indem sie es zur Erlangung von Macht und Reichtum, zur Demütigung oder Vernichtung anderer Völker verwendeten. Ihre okkulten Kräfte erniedrigten sie zur Zauberei, zur »schwarzen Magie«.

Die okkulte Atlantis

Dies führt uns zu einer hochinteressanten Schrift, die Rudolf Steiner dem Atlantisproblem gewidmet hat. Sie umfasst nur wenige Seiten, eröffnet aber ganz neue Perspektiven. Steiner schöpft aus »okkulten Quellen«, nämlich aus den Erkenntnissen, die man zu erlangen vermag, wenn man, durch Versenkung in sich selbst, an gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen das erschaut, was an ihnen nicht sinnlich wahrnehmbar ist, aber ebendarum durch keine Zeit zerstört werden kann.

Auch diese Schau kann sich täuschen, sie ist sowenig unfehlbar wie irgendein menschliches Tun. Aber es ist doch bemerkenswert, dass die historischen Geheimlehren seit Jahrtausenden miteinander übereinstimmen, während die Geschichtsforschung schon in einem einzigen Jahrhundert erheblichen Wandlungen unterworfen ist.

»Die Eingeweihten«, sagt Steiner, »schildern zu allen Zeiten und allen Orten im wesentlichen das Gleiche.«

Die Theosophen und Anthroposophen nehmen an, dass es ein allumfassendes Gedächtnis der Natur selbst gibt, das mit größter Treue sämtliche Geschehnisse aufbewahrt, und dass es gewissen Menschen möglich ist, zu diesem Sammelreservoir Zugang zu gewinnen.

Es handelt sich also hier um einen »metapsychologischen« Vorgang, ein Fernsehen, und zwar ein Fernsehen in die Zeit.

Verwandte Erscheinungen sind der Metapsychologie längst bekannt: Schon Swedenborg sah von Gotenburg aus eine Feuersbrunst in Stockholm, die er in allen Einzelheiten beschrieb; ferner weiß man von der »Psychoskopie«, der okkulten Fähigkeit, einem bestimmten Gegenstand durch seinen bloßen Anblick seine ganze Geschichte abzulesen.

Mit Personen, die an derlei Dinge nicht glauben, lässt sich schwer diskutieren: Sie gleichen, wie der Theosoph Sinnett treffend bemerkt, jenem Afrikaner, der die Existenz des Eises leugnete.

Aber auch die nüchternste Erwägung müsste sich sagen, dass eine sogenannte okkulte Erkenntnis sehr oft nichts anderes ist als eine Erkenntnis, die noch nicht zu einer »wissenschaftlichen« geworden ist.

Schon immer gab es in der Fantasie der Menschheit Drachen: Sie flatterten durch alle Märchen und klebten an allen Bauresten; man belächelte sie so lange, bis man ihre Skelette ausgrub und mit großem Stolz in allen Museen zeigte.

Dass die Hypnose ein ausgemachter Schwindel sei, war noch vor fünfzig Jahren die Meinung aller Gebildeten; heute kann man wegen ihrer Ausübung sehr leicht eingesperrt werden, was gewiss die höchste Reverenz vor ihrer Tatsächlichkeit bedeutet.

Im törichten Volksglauben und im alchimistischen Aberglauben bestand nie ein Zweifel darüber, dass den Metallen, den Edelsteinen, den Elementen eine geheime Seele innewohne; ernste Mineralogen schüttelten darüber den Kopf, aber seit etwa einem Vierteljahrhundert weiß man, dass es »lebende Kristalle« gibt, die Nahrung aufnehmen, Sekrete abgeben, sich bewegen und sogar paaren.

Steiners Atlantislehre ist kurz diese: Logischer Verstand und rechnerische Kombination fehlten ursprünglich den Atlantiern gänzlich. Dafür hatten sei ein hochentwickeltes Gedächtnis. Wenn sie zum Beispiel eine Rechnung auszuführen hatten, so erinnerten sie sich an gleiche oder ähnliche Fälle.

Ferner hatte bei ihnen das Wort nicht bloß Bedeutung, sondern auch Kraft. »Zaubermacht des Wortes«, für uns eine Redensart, war für sie eine Realität.

Allmählich lernten sie vergleichen. Die Urteilskraft entwickelte sich. Aber dieser Gewinn wurde mit dem Verlust der seelischen Herrschaft über die Natur bezahlt. Mit dem kombinierenden Denken kann man nur die Kräfte der mineralischen Welt bezwingen, nicht die Lebenskraft. »Wie man heute aus den Steinkohlen die Kraft der Wärme herausholt, die man in fortbewegende Kraft bei unseren Verkehrsmitteln verwandelt, so verstanden es die Atlantier, die Samenkraft der Lebewesen in ihren technischen Dienst zu stellen ...

Man denke an ein Getreidesamenkorn. In diesem schlummert eine Kraft. Diese Kraft bewirkt ja, dass aus dem Samenkorn der Halm hervorsprießt. Die Natur kann diese im Korn ruhende Kraft wecken. Der gegenwärtige Mensch kann es nicht willkürlich.«

Das magische Organ

Diese Anschauungen über die mutmaßlichen Grundlagen des atlantischen Seelenlebens erscheinen nur auf den ersten Anblick paradox. Nach den Aussagen zahlreicher Forschungsreisenden soll das Gedächtnis der sogenannten »Primitiven« noch heute ans Wunderbare grenzen. Sie haben keine Zahlwörter, aber nicht, wie man früher naiv annahm, weil sie »nicht bis drei zählen können«, sondern weil sich ihnen jede Rechnungsoperation, die sie einmal gemacht haben, für immer einprägt.

Ferner sind sie imstande, die Spur jedes Tieres und jedes Menschen mit unfehlbarer Sicherheit wiederzuerkennen: nicht etwa mit Hilfe eines uns fehlenden »Geruchs«, sondern durch den Gesichtssinn.

Ebenso können sie die Bilder der Gegenden, durch die sie gekommen sind, bis in die geringfügigsten Einzelheiten aufbewahren. Infolge dieses topografischen Gedächtnisses ist es für sie gänzlich unmöglich, sich zu Wasser oder zu Lande zu verirren.

Hingegen sind die Funktionen des logischen Denkens bei ihnen weniger oder, richtiger gesagt: anders entwickelt als bei uns. Man spricht daher von einer »prälogischen« Geistesart der Primitiven.

Auch herrscht bei ihnen der Glaube an die mystische Kraft des Wortes, der aber durchaus kein Aberglaube ist. Ihre Macht über die Natur ist gerade so real wie die unserige, nur beruht sie auf anderen Methoden.

»Wenn die Beschwörung und der Kult«, sagt Edgar Dacqué sehr richtig, »den Stein nicht wirklich beeinflusst und abgelenkt, den Pfeil nicht wirklich in seiner Bahn bestimmt hätten, so würden die ›Wilden‹ ebenso wenig weiter beschworen haben, wie wir weiter den Flug eines Geschosses berechnen und den Lauf eines Geschützes ziehen würden, wenn wir nicht wüssten und erfahren hätten, was für eine gewaltige Wirklichkeit dieses Tun herbeiführt.«

In der Tat erblickt ja auch der Primitive in unserem System der Naturbeherrschung etwas wie Zauberei. Beide Mal handelt es sich um Einblicke in das Wesen der Natur, gewonnen durch Ausbildung und Ausübung gewisser geistiger Fähigkeiten, also um eine Art Wunder.

Einen schwachen Abglanz jener anderen Einsicht in die Natur, wie sie die Atlantier besaßen, erblicken wir noch heute hier und da in den Phänomenen der Telepathie, wobei wir an die überhaupt höchsten Leistungen denken müssen, die auf diesem Gebiet je beobachtet wurden.

Aber bei den Atlantiern war die Telepathie zur Telekinese und Teleplastik gesteigert, zur Kraft der Fernbewegung, Fernstrahlung und Materialisation.

Wenn uns dies märchenhaft erscheint, so kommt das daher, dass wir zwei Fähigkeiten verloren haben, die sie noch besaßen. Wie wir mit der größten Virtuosität das Äußere eines jeden Dings zu erfassen vermögen, so vermochten sie in dessen Inneres einzudringen, indem sie so wirklich erfuhren, was »in ihm vorging«; und wie unter uns »soziale« Beziehungen bestehen, so bestanden für sie ähnliche zu der ganzen Natur, sodass deren Teile für sie fast dasselbe waren wie für uns die Glieder unseres Körpers.

Wir erfassen die Wirklichkeit durch Intelligenz, sie erfassten sie durch »Sympathie«. Sie atmeten mit der Natur wie das noch ungeborene Kind mit der Mutter. Wir vermögen nur das Anorganische zu beherrschen, denn der Verstand ist ein bloßer Mathematiker und Ingenieur, dem Leben gegenüber ist er ratlos. »L'intelligence est caractérisée par une incompréhension naturelle de la vie«, sagt Bergson.

Noch heute verwenden die Eingeborenen des malaiischen Archipels eine besondere Sprache, wenn sie auf die Kampfersuche gehen; auch glauben sie, dass das Zinn sich nur von bestimmten Personen entdecken lasse, vor anderen aber verberge. Ferner hat bei ihnen der König die Macht, gewisse Worte »fady« zu machen, das heißt: ihren Gebrauch entweder für einige Zeit oder für immer aufzuheben.

Bekannter als das fady ist das tabu. Die Ethnologen des vorigen Jahrhunderts haben für diese ganze Vorstellungswelt die höchst unzulängliche Bezeichnung »Animismus« verwendet, indem sie von der vermeintlichen Höhe ihres positivistischen Aberglaubens hier nur kindische Dämonenfurcht und rohe Naturvermenschlichung erblickten.

Aber auch die moderne psychoanalytische Deutung dreht in medizinischer Beschränktheit den Tatbestand um: Sie erklärt den »Primitiven« für einen Neurotiker, während im Gegenteil der Neurotiker eine Art »Animist« ist, indem er infolge seiner höheren Sensibilität noch ein rudimentäres Organ für die Magie besitzt, wie es sich auch beim Primitiven infolge seiner größeren Naturnähe erhalten hat.

Und in der Tat vermögen ja hysterische Personen an ihrem Körper materielle Veränderungen hervorzurufen. Alle drei: der Neurotiker, der Hysteriker, der Primitive repräsentieren die letzten kümmerlichen Überbleibsel einer versunkenen Kultur, zu deren Trägern sie sich verhalten wie das addierende Pferd zu einem Absolventen der Technischen Hochschule.

Die vitale Technik

Während also unsere Naturbeherrschung eine mechanische ist, war die atlantische eine vitale. Auch dies hat nur im ersten Moment etwas Befremdendes. Durch gewisse modische Diätkuren ist jedermann das Wort »Kalorie« bekannt, das so viel bedeutet wie: Brennwert eines Nahrungsstoffes als Einheitsmaß seines Energiegehaltes.

Der Vorgang der Kraftumwandlung, durch den ein lebender Körper in Aktion erhalten wird, ist im Prinzip derselbe wie bei einer Maschine. Wenn ich meinem Organismus Reis oder Zucker zuführe, so heize ich ihn ebenfalls mit Kohlenstoff. Die Atlantier beherrschten nun den organischen Energieprozess in gleichem Maße wie wir den maschinellen.

Um sich zum Bewusstsein zu bringen, dass auch in den Organismen bedeutende Kraftquellen schlummern, braucht man sich nur daran zu erinnern, dass Bäume, die zwischen Felsen wachsen, mit ihren Wurzeln große Steinmassen auseinander zu sprengen vermögen und dass selbst unscheinbare Pflanzen, zum Beispiel Erbsen, beim Keimen durch den lebhaften Stoffwechsel, der sich in ihnen abspielt, ihre Umgebung um ein bis zwei Grad erwärmen, während bei manchen tropischen Gewächsen und bei der Vergärung von Zuckerlösungen durch Hefezellen eine Temperatursteigerung erzeugt wird, die bis zu fünfzehn Grad beträgt.

Es lässt sich überhaupt der Grundbaustein aller Organismen, das lebendige Eiweißmolekül oder Biogen, wie es der Physiologe Max Verworn nennt, nach dessen »Biogenhypothese« mit den explosiblen Körpern vergleichen, deren Atome einen sehr labilen Gleichgewichtszustand besitzen und bei Erschütterungen in stabilere Verbindungen zerfallen, wie zum Beispiel das zum Dynamit gewordene Nitroglyzerin: Besteht der Lebensvorgang wirklich in solchen Explosionen, so müssen dabei fortwährend unverhältnismäßig große Energien freiwerden, die, entsprechend gelenkt, die gewaltigsten Wirkungen hervorbringen könnten.

Aber eben dies scheint zum Niedergang der atlantischen Kultur geführt zu haben: Die Geistesmacht wurde zur Technik, ganz ähnlich wie in unseren Zeitläufen.

Und dazu kam, wie auch schon aus Plato hervorgeht, das Gift des Imperialismus.

Und als drittes und größtes Übel trat hinzu der Verstand, das rationelle Denken, das die magischen Kräfte versiegen machte. Die Atlantier lernten urteilen und schließen, kalkulieren und kombinieren und verloren darüber die mystische Gemeinschaft mit der Natur: wiederum die Geschichte vom Sündenfall!

Und mit dem Urteil erwachte der Dünkel, mit dem Kalkül der Eigennutz. Und Atlantis versank: ein ergreifendes Symbol für des Menschen Überhebung und Sturz.

Hörbigers Atlantis

Zum Schluss wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass die Tatsache Atlantis sich auch in Hörbigers »Glazialkosmogonie« vortrefflich einfügt. Der Untertitel des Werkes, das 1913 zum ersten Mal erschien, lautet: »Eine neue Entwicklungsgeschichte des Weltalls und des Sonnensystems auf Grund der Erkenntnis des Widerstreites eines kosmischen Neptunismus mit einem ebenso universellen Plutonismus.«

Nach Hörbiger teilen sich also Pluto und Neptun in die Weltherrschaft, indem Feuer und Wasser, Glut und Eis am Werdegang des Kosmos in gleichem Maße beteiligt sind. Er nimmt an, dass der Weltraum nicht leer ist, sondern von Wasserstoffgas in höchster Verdünnung erfüllt wird:

Hier berührt er sich mit Rutherford, der auf einem analogen Gebiete, der Wissenschaft von der »Astronomie des Atoms«, die Hypothese vertritt, dass alle Atome aus Elektronen und Wasserstoffkernen aufgebaut seien, und dem es auch in der Tat gelang, von Stickstoffatomen Wasserstoffkerne, sogenannte H-Strahlen, abzusprengen.

So fein die Verteilung des Wasserstoffs auch ist, so übt er doch auf die Körper, die den Weltraum durcheilen, einen Widerstand aus, der, obschon unendlich klein, im Laufe ungeheurer Zeiträume sich summiert und bei den Planeten und Monden unseres Sonnenreiches eine Bahnschrumpfung bewirkt; infolgedessen muss irgendwann einmal jeder Mond in seinen Planeten, jeder Planet in die Sonne stürzen.

Alle Monde waren ursprünglich Planeten, die selbstständige Bahnen um die Sonne beschrieben, allmählich aber in das Anziehungsfeld ihrer größeren Nachbarn gerieten und schließlich von diesen »eingefangen« wurden.

Die Erde besitze nur einen solchen Mond, Saturn aber deren zehn; außerdem muss es einmal zwischen Saturn und Uranus einen sehr umfangreichen Planeten gegeben haben, den »Intra-Uranus«, den sich Saturn zum Großmond einfing: Als dieser infolge der immer größeren Annäherung sich auflöste, wurde er zum Saturnring.

Unser Mond war einmal der Planet »Luna«, wird einmal zum Ring werden und schließlich in die Erde stürzen. Schon heute zeigt er, da er sich immer mehr an die Erde heranschraubt und dadurch seinen Schwerpunkt verschiebt, eine schwache Annäherung an die Eiform; auch hat man bei der Beobachtung von Mondfinsternissen festgestellt, dass sich seine Geschwindigkeit im Jahr um etwa zwölf Bogensekunden vermehrt. Er hatte eine ganze Reihe von Vorgängern: seit der Kambriumzeit sollen es allein deren fünf gewesen sein, und der nächste und letzte Mond der Erde wird der Mars sein.

Wir haben also den Zyklus: Mondeinfang, Mondeinsturz, mondlose Zeit. Jedes Mal, wenn ein Mond entweder zum Trabanten gemacht oder niedergeholt wird, ereignen sich gewaltige geologische Katastrophen; die mondlosen Zeitalter aber sind die »paradiesischen«, die »goldenen«: ewiger Frühling, erfrischtes und verjüngtes Aufatmen der Natur wie nach einem Riesengewitter.

Der Einsturz des »Tertiärmondes«, der der letzte Vorgänger des unserigen war, bedeutete die Geburt der Atlantis. Durch das Verschwinden des Mondes wurde der Flutgürtel, den der Trabant längs des Äquators aufgestaut hatte, seiner Stütze beraubt, strömte mit ungeheurer Gewalt nach den beiden Polen ab, wogte mit halber Kraft wieder zurück und wiederholte dies so lange, bis ein Gleichgewichtszustand eintrat. Dadurch wurden große Gebiete nördlich und südlich des Äquators trockengelegt: im Westen Südamerikas das Osterinselreich, im Osten Südafrikas Lemurien und im Atlantischen Ozean die »Schwelle« zwischen Amerika und der Alten Welt: die langgestreckte Rieseninsel Atlantis, deren Geschichte also in eine mondlose Zeit fällt.

Der Einfang unsres gegenwärtigen Mondes brachte ihr den Untergang. Dies ereignete sich, mit der astronomischen Uhr gemessen, erst gestern: etwa vor vierzehn Jahrtausenden. Der neue Satellit geriet unter die Anziehungskraft der Erde, aber auch die Erde unter die seinige: wie beim Vormond türmte sich ein Flutberg um den Äquator, die Landmassen, die bei der letzten Weltwende emporgetaucht waren, versanken.

Diese Katastrophe liegt so kurz zurück, dass die Erinnerung daran in der ganzen Menschheit aufbewahrt geblieben ist: Die Sintflutsagen reichen von Babylon bis Peru. In Amerika wissen die Eskimos so gut davon zu erzählen wie die Bewohner des südlichen Kontinents. Sie alle berichten von der Zeit des »großen Wassers«, wo ihre Vorfahren in Gebieten, die jetzt mehr als zweitausend Meter über dem Meeresspiegel liegen, mit dem Kanoe gefahren seien. Dies war die Gürtelhochflut; und in der Tat beherbergt der Titicacasee, der noch weit über tausend Meter höher liegt, noch heute Meeresfauna.

In einer altmexikanischen Urkunde heißt es: »Der Himmel senkte sich zum Wasser und an einem Tag ging alles zugrunde; alles, was Fleisch war, vernichtete jener Tag.« Das deckt sich fast wörtlich mit dem Bericht Platos.

Aber das Gedächtnis der Sage, das viel zäher ist als das historische, geht noch weiter zurück. Der griechische Mythus weiß von »Proselenen«, Vormondmenschen, und in Kolumbien sagen die Märchen, wenn sie eine sehr alte Zeit bezeichnen wollen: »Als noch kein Mond da war«.

Erdzeitalter

Aus Hörbigers Welteislehre lässt sich auch eine recht plausible Erklärung der Eiszeiten ableiten. Der Mond bewirkt rings um den Erdball jenes gewaltige Pulsen des Meeres, das jedermann als Ebbe und Flut bekannt ist.

Aber auch das Luftmeer unterliegt der Anziehungskraft des Mondes. Indem dieser in der Gegend des Äquators einen hohen Luftmantel emporstaut, werden die gemäßigten Breiten von Luft entblößt und immer mehr der Weltraumkälte ausgesetzt.

Dies führt uns zu der Frage, in welchem Erdzeitalter der Mensch aufgetaucht ist. Die Annahme der Darwinisten, dass er sich nach der Kapiteleinteilung des Zoologiebuchs gerichtet habe und als das höchste Lebewesen auch zuletzt erschienen sei, halten wir für eine fantastische oder vielmehr fantasielose Konstruktion. Er lebte wahrscheinlich schon im Mesozoikum, dem Mittelalter der Erde.

Dieses, bei dem man die drei großen Zeitalter Trias, Jura und Kreide und innerhalb dieser je eine untere, mittlere und obere Formation unterscheidet, war eine der sonderbarsten Epochen der Erdgeschichte. Sie ist charakterisiert durch das Vorherrschen der Saurier, jener grotesken Ungetüme, die der Fantasie Wilhelm Buschs entsprungen sein könnten.

Es waren überlebensgroße, mit steinharten Knochenplatten bedeckte und zum Teil geflügelte Reptilien: enorme Tanks, Panzerboote und Aeroplane. Wenn sie schwammen, sahen sie aus wie fantastisch vergrößerte Krokodile; wenn sie sich auf den Hinterbeinen aufrichteten und, von ihrem gewaltigen Schwanz unterstützt, Siebenmeilensprünge vollführten, glichen sie fünf Stock hohen Kängurus; wenn sie flogen, waren sie richtige Drachen.

Der Gigantosaurus war dreißig Meter lang und fünfhundert Zentner schwer: Diese Größe erreicht heute noch bisweilen der Walfisch.

Die meisten waren Vegetarianer und sind daher wahrscheinlich trotz ihrer sensationellen Dimensionen gutmütig gewesen; einige Arten allerdings dürften so ziemlich das Aufregendste gewesen sein, was je über die Erde gewandelt ist, weshalb sie mit Recht als Dinosaurier oder Schrecksaurier bezeichnet werden: Einen, der zweifellos Fleischfresser war, hat man mit dem Namen Tyrannosaurus gebrandmarkt.

Ein anderer heißt Brontosaurus, was etwa zu übersetzen wäre: »Vor dem man baff ist«. Er maß etwa zweiundzwanzig Meter und besaß einen ungeheuer langen Hals, den er aufrecht trug, einen lächerlich kleinen Kopf und sehr schwache Zähne. Wenn er in den feuchten Wäldern und warmen Sümpfen graste, den haushohen Turm seines Halses giraffenartig emporgerichtet und mit dem dummen Gesichtchen herumschnuppernd, muss er einen ganz unwahrscheinlichen Anblick geboten haben.

Das Gemüse, von dem sich die Tiere nährten, war ihren Körperformen angemessen: Die Gräser und Farne, die damals wuchsen, waren mehrere Meter hoch; für Bratenfreunde gab es unter anderm eine prachtvolle Gattung von Florfliegen, die eine Flügelspannweite von einem Viertelmeter besaßen.

Es existierten aber auch ausgesprochene Meerformen, wie die in der Oberkreide entdeckten Mosasaurier oder Maasechsen, so genannt nach ihrem ersten Fundorte Maastricht, zum Stamme der Lepidosaurier oder Schuppenechsen gehörig, mit Ruderpranken und sehr großen Fangzähnen bewehrt, zu denen als dritte Waffe der überaus kräftige Schwanz kam. Sie waren offenbar Seeräuber: Dass sie furchtbare Kämpfe zu bestehen hatten, geht aus den verheilten Knochenbrüchen hervor, die man an ihren Skeletten festgestellt hat.

Ihre Zeitgenossen waren die Pteranodonten oder »Flugzahnlosen«, ganz unmögliche Tiere: Sie besaßen einen riesigen Schädel und am Hinterkopf als Fortsatz einen sehr langen Knochendamm, der nur als Seiten- und Höhensteuer gedeutet werden kann, während die ebenfalls sehr lange und spitz zulaufende Schnauze zum Fischfang diente. Ihre ausgespannten Flügel maßen acht Meter. Sie waren aber keine aktiven Flieger, sondern Gleitflieger, indem sie sich gleich einem Papierdrachen vom Winde treiben ließen, was aber ihre Leistungsfähigkeit kaum beeinträchtigt haben dürfte, sowenig wie die unseres Albatros, der, ebenfalls ein passiver Flieger, sich mit großer Schnelligkeit fortzubewegen und tagelang in der Luft zu erhalten vermag.

Auf andere Weise war das Flugproblem bei Pterodactylus und Rhamphorhinchus gelöst, die beide im Oberjura lebten: Der Erstere war ein Flatterflieger nach der Art unserer Fledermäuse, der Letztere ein Luftschiffer nach dem System der besten Segler unter unseren Vögeln.

Im Solnhofer Schiefer des obersten Jura hat man auch die Archäopteryx lithographica entdeckt, den berühmten »Urvogel«, der als die Übergangsform zwischen Reptil und Vogel angesehen wird: Dieser vermochte sich jedoch lediglich durch Fallschirmflug von Baum zu Baum zu bewegen, wozu ihn ein sehr langer, zweizeilig befiederter Schwanz befähigte.

Die Welt in Eidechsenbesetzung

Sehr merkwürdig ist die Bipedität vieler Saurier, eine Eigenschaft, bei der man vorwiegend an den Menschen zu denken pflegt. Abgesehen von den Vögeln, die einen ganz anderen Typus repräsentieren, sind unter den heute lebenden Tieren nur die Kängurus und einige exotische Springmäuse biped. Der Hase macht sein Männchen nur im Augenblick des Sicherns und als Osterhase. Selbst die Affen bewegen sich auf zwei Extremitäten nur, wenn sie den Erdboden berühren, was bei ihnen in der Freiheit sehr selten vorkommt; die meisten Arten sind überhaupt prinzipielle Quadrupeden.

Die Iguanodonten aus der Unterkreide und die meisten Dinosaurier jedoch gingen immer aufrecht, was aus dem Bau ihrer Arme und Beine und aus ihren erhaltenen Fährten mit Sicherheit geschlossen werden kann, und benützten die Hände (man muss hier wirklich von Händen reden) ausschließlich zum Greifen und zur Verteidigung, worin sie der zu einem Dolchstachel transformierte Daumen wirksam unterstützte.

Der bedeutendste Paläobiologe der Gegenwart, Othenio Abel, hat es übrigens sehr wahrscheinlich gemacht, dass der vorhin gebrachte Vergleich mit den Kängurus unzutreffend ist: Alles spricht dafür, dass die Iguanodonten nicht sprangen, sondern promenierten oder liefen, wodurch sie etwas unheimlich Menschenähnliches gehabt haben müssen.

Ihre schlimmsten Feinde waren die Raubdinosaurier, denn wenn sie diesen auch oft an Größe gleichkamen, so blieben sie doch durch ihr Herbivorengebiss gegen sie im Nachteil. Allerdings vermutet Abel, dass gerade die gefährlichsten Exemplare, wie der Tyrannosaurus und sein Verwandter, der den schrecklichen Namen Gorgosaurus führt, Aasfresser gewesen sind.

Einige Sauriergattungen könnte man als Büffelechsen deklarieren: Sie hatten Hufe und Hörner wie unsere Wiederkäuer, bei manchen waren es sogar drei Hörner. Eine andere Spezies sah aus wie ein gerupfter Strauß; sie verdient aber keines Blickes gewürdigt zu werden, denn sie war nur vier Meter hoch.

Der Stegosaurus, nach dem Oberjura zuständig, war ein neun Meter langes Stachelschweinreptil. Mächtige Knochenplatten, die seinen ganzen Oberkörper bedeckten, sträubten sich dem Angreifer entgegen, und sein Schwanz war ein mit Knochenstacheln bewehrter Morgenstern. Dieser bewegliche Panzerturm konnte infolge des Gewichts seiner Armierung nicht auf zwei Beinen gehen: Er war zum Vierfüßler rückgebildet, aber seine unverhältnismäßig kurzen Vordergliedmaßen zeugen für seine Abstammung von bipeden Formen.

Alle diese Absonderlichkeiten weisen darauf hin, dass wir es hier mit einem großen Tableau der Erdgeschichte zu tun haben, das sozusagen im Echsenstil entworfen war. Alle Formen waren da: Fisch, Vogel, Ochse, Schwein, Zweihänder, aber alles in Eidechsenausgabe, in Reptilienkostüm, »saurozentrisch« besetzt.

Demgegenüber ist unsere heutige Fauna vom Säugetier aus »therozentrisch« konzipiert. Gewisse Tiere, wie der fliegende Hund, die Seekuh, das Gürteltier, wirken in unserer Welt ebenso fremdartig wie die Archäopteryx in der saurischen, sie sind gewissermaßen illegitime Säugetiere: Von Rechts wegen hätte der Flughund ein Drache, die Seekuh ein Hydrosaurier, das Gürteltier eine Schildkröte werden müssen.

Das Märchenreich der Lindwürmer währte nach der niedrigsten heutigen Schätzung zehn Millionen Jahre; aber da sie so riesige Tiere waren und daher alles in riesenhaften Maßen sahen, so ist ihnen diese Zeit vielleicht nicht so lange vorgekommen wie uns.

Schließlich aber hat alles einmal ein Ende, und eines Tages oder besser: eines Jahrtausends gab es auf Erden keine Saurier mehr. Abel nimmt als eine der maßgebenden Ursachen für ihr Aussterben Klimawechsel an und als Hauptursache »die im Gefolge des Existenzoptimismus einsetzende Degeneration«.

Betrachtet man das Problem rein biologisch, so wird es sich wohl so verhalten haben. Indes sind wir der Meinung, dass in den Erdzeitaltern und ihren charakteristischen Faunen und Floren nicht lediglich geologische und paläontologische, sondern in erster Linie metaphysische Kategorien zu erblicken sind. Die Saurier verschwanden, weil ihre Zeit um war. Ein Abschnitt in der Geschichte der »Erdtrachten« hatte sein Ziel erreicht, einer der großen erdgeschichtlichen Baustile hatte sich ausgelebt.

Warum? Vielleicht weil er alle in ihm angelegten Möglichkeiten erschöpft hatte. Vielleicht; aber sagen wir lieber: Wir wissen es nicht.

Warum verließ der gotische Mensch die Erdenbühne, warum zerfiel der Barockstil, warum begab sich das Rokokokostüm in die Theatergarderobe, wir können auch sagen: ins Fossilienkabinett?

Es sind Gedanken Gottes, die kommen und gehen: ihre Lebensdauer kennt niemand. Aber eben weil sie Gedanken Gottes sind, sind alle Epochen, die größten wie die kleinsten, unsterblich.

Und so verhält es sich auch mit der verblichenen Welt der Saurier. Sie leben: Nämlich in unserer Fantasie, ja man kann sagen, dass wenige Bürger des Tierreiches in unserer Imagination ein so kräftiges Dasein führen wie die Drachen. Also sind sie immer die Lebensgefährten des Menschen gewesen.

Der ewige Mensch

Und das ist nicht bloß symbolisch zu verstehen. Denn man hat in Nordamerika, in der Gegend des Colorado, eine menschliche Höhlenzeichnung auf Rotsandstein gefunden, die einen Dinosaurier darstellt. Ganz in der Nähe des Felsbildnisses fanden sich auch die Fußspuren dieses Tieres. Das ist für die Paläontologie eine sehr unbequeme Zeugenaussage, denn sie wirft ihr ganzes System um.

Aber warum sollte der Mensch nicht noch früher, warum sollte er nicht schon immer dagewesen sein? Die Natur befolgt in ihren Hervorbringungen keinen pedantischen Lehrkursus; und es ist für sie offenbar ebenso schwer oder ebenso leicht, eine Muschel hervorzubringen wie einen Menschen.

Nimmt man die Schöpfungstage der Genesis, die wie alles Biblische ein tiefes Gleichnis sind, als Erdzeitalter, so ergibt sich, dass alles: Kraut und Baum, Gevögel und Gewürm, jegliches Gewächs und Tier zugleich vor dem Menschen und für den Menschen geschaffen wurde, nämlich für seinen Geist, in dem es sich erst vollendet. Also ist es erst mit ihm da, erst durch ihn da, und der Steinkohlenwald bedarf ebenso seiner Präsenz wie der Menschenaffe.

Auf das Mesozoikum folgte das Känozoikum mit den beiden Unterabschnitten der Tertiärzeit und der Quartärzeit, die man auch als neuere und neueste Erdgeschichte bezeichnen könnte.

Im Tertiär, dessen Dauer jetzt auf etwa fünf Millionen Jahre berechnet wird (die Ansätze für die geologischen Zeiträume pflegen sich ungefähr alle zehn Jahre zu verdoppeln oder auch zu vervielfachen), gab es in Mitteleuropa Kokospalmen und Zimtbäume, den schrecklichen Säbeltiger, der aber wahrscheinlich eher löwenähnlich war: ein hochbeiniges Ungeheuer, dessen Fangzähne Sense und Säge zugleich waren, das Mastodon, ein sprichwörtlich gewordenes Monstrum von Rüsseltier, das man sich vermutlich ebenfalls nicht ganz richtig vorstellt, da es nicht so sehr ein Mammut oder Elefant als eine Art kolossaler Tapir war, und das Megatherium, ein sieben Meter hohes Faultier, ein wahres Mausoleum der Trägheit. Der Schrecken des Meeres war ein Riesenhai, der den heutigen an Größe um ein Vielfaches übertraf.

Auch die Erdoberfläche sah damals noch wesentlich anders aus. Wo zum Beispiel heute Wien liegt, befand sich im Miozän (der zweitjüngsten Stufe der Tertiärformation) ein Binnenmeer mit algenbewachsenen Felsküsten und weidenden Seekühen, das die ganze ungarische Tiefebene erfüllte und sich als »sarmatisches Meer« bis nach Südrussland fortsetzte.

Das Quartär wird wiederum in zwei Epochen eingeteilt: das Diluvium, das nach der niedrigsten Schätzung eine Viertelmillion Jahre währte, und das Alluvium, den Zeitraum nach der letzten Vereisungsperiode, in dem wir uns noch heute befinden: Seine bisherige Dauer wird ziemlich allgemein mit zwölftausend bis sechzehntausend Jahren angesetzt, welche Zahl mit Hörbigers Datum des letzten Mondeinfangs recht gut übereinstimmt, da dieses das arithmetische Mittel aus den beiden Zahlen angibt; aber auch mit Plato, der die Atlantis neuntausend Jahre vor Solon, also vor rund zwölftausend Jahren, untergehen lässt.

Alle bisher erwähnten Zahlen, höchstens mit Ausnahme der zuletzt genannten, sind jedoch bloß relativ zu verstehen, eine reale Vorstellung lässt sich ohnehin nicht mit ihnen verbinden, und so kann man bloß (und zwar auch nur didaktisch vereinfachend) sagen, dass das Diluvium etwa ein Zwanzigstel des Tertiärs, die bisherige Nacheiszeit ein Zwanzigstel des Diluviums gedauert haben dürfte. Und von dieser ist etwa die Hälfte »Geschichte«.

Am Ehesten wird man noch zu einem greifbaren Verhältnis gelangen, wenn man sich denkt, dass sich die ganze Neuzeit in einer Stunde abgespielt hätte. Dann hätte das Alluvium ungefähr von vier Uhr morgens bis zum Mittag des nächsten Tages, das Diluvium nahezu vier Wochen, das Tertiär rund anderthalb Jahre gedauert, der Siebenjährige Krieg aber nur eine Minute.

Diluvium

Diluvium heißt so viel wie Überschwemmung, Wasserflut: weil man die Schwemmlandbildung dieses Erdzeitalters auf die biblische Sintflut zurückführte (diese bedeutete aber höchstwahrscheinlich nicht den Anfang, sondern das Ende des Diluviums).

Das Diluvium wird auch Paläolithikum oder Altsteinzeit genannt, weil sein Zeuge der »Steinzeitmensch« war. Man könnte es auch ganz allgemein als Eiszeit bezeichnen.

Während im Tertiär über die ganze Erde eine wunderbare Wärme verbreitet war, überziehen sich zu Beginn des Diluviums zunächst die Polarzonen mit Eis, das immer weiter vorrückt und schließlich Nordamerika bei Saint Louis und Cincinnati, Russland bis Kiew, ganz Skandinavien, die Britischen Inseln, die niederdeutsche Ebene bis zum Harz und zum Riesengebirge bedeckt: überall Vergletscherung und Inlandeis wie heute etwa im nördlichen Grönland.

In den Gebieten, die heute warm oder heiß sind, äußerte sich die Eiszeit als Pluvial oder Regenzeit. Die Sahara hatte wahrscheinlich ein gemäßigtes feuchtes Klima und war der schönste und fruchtbarste Teil der Erde; das Mittelmeer war vielleicht ein großes Tal mit Binnenseen.

In den eisfreien Gebieten Mitteleuropas – Frankreich und Süddeutschland – herrschte ein ausgesprochen arktisches Klima. Die Landschaft hatte den Charakter der Tundra, in der Fauna dominierten Eisfuchs, Moschusochse, Lemming, Rentier, Schneehuhn, Schneehase.

Man hat in diesen Gegenden auch Fallen für das Mammut gefunden, dieses noch heute populäre Tier, das eine Art Urelefant war, gegen die Kälte durch einen zottigen rotbraunen Haarpelz gewappnet. Es war, mit einer Schulterhöhe von viereinhalb Metern, noch um einen Meter höher als die größte unter den Elefantenvarietäten, die heute leben. Außerdem unterschied es sich von diesen durch einen mächtigen Fettbuckel, der ihm, ähnlich wie dies noch jetzt bei den Kamelen der Fall ist, in mageren Zeiten als Nahrungsreservoir diente. Denn die Verpflegungsverhältnisse waren auf der dürren und oft vereisten Steppe sehr unsicher.

Ein ständiger Begleiter des Mammuts war das Nashorn, ebenfalls mit einem dicken wolligen Fellkleid und einem Fetthöcker ausgestattet, häufig ein »Nashorn ohne Nashorn«.

Weiter südlich lebte der Riesenhirsch mit seinem kolossalen Geweih, dessen Stangenweite vier Meter betrug, das Wildpferd, der Wildochse oder Wisent, der Löwe, der um ein Drittel größer war als der heutige.

Viermal drang das Eis vor und wich wieder zurück, es wechselten Glazialzeiten mit Interglazialzeiten: das Diluvium bestand also aus einem siebenteiligen Zyklus und der achte Abschnitt ist unser Alluvium.

Es gibt aber auch eine Theorie des »Monoglazialismus«, die das Diluvium als eine einzige große Eiszeit auffasst und in dieser bloße Klimaschwankungen annimmt.

Nach der Ansicht des hervorragenden Glazialmorphologen Albrecht Penck wechseln die Perioden der Eiszeit alle 10500 Jahre.

Andere machen viel höhere Ansätze, indem sie seit dem Beginn der letzten Eiszeit 40000, ja 200000 Jahre verflossen sein lassen.

Das allgemeine Abschmelzen der Inlandeisdecke, das das Ende dieser Glazialperiode bezeichnete, ist heute schon ziemlich weit vorgeschritten, aber wenn wir bedenken, dass noch immer weite Polargebiete vereist und die derzeitigen Klimazonen aufs Schroffste gegeneinander abgegrenzt sind, so müssen wir sagen: Wir leben noch immer in einer Eiszeit.

Ob diese sich bereits wieder auf dem Wege zu einer neuen Vergletscherungsperiode oder noch in fortschreitender rückläufiger Bewegung befindet oder wir vielleicht dem Ende der ganzen Eiszeit und einem neuen Erdenfrühling entgegengehen, darüber wissen die Gelehrten so viel wie über die meisten anderen Dinge, nämlich nichts.

Auch die Ursachen der einzelnen Glazialperioden sind trotz mannigfacher Theorien völlig unbekannt. Gegen den Erklärungsversuch Hörbigers könnte man einwenden, dass erstens die diluviale Eiszeit ja schon lange vor dem Mondeinfang begann und dass zweitens nach diesem die Erde immer kälter geworden sein müsste: Woher also die Zwischeneiszeiten?

Aber hierauf ließe sich vielleicht erwidern, dass schon durch die immer größere Annäherung des Mondes, die dem Einfang vorherging, eine vereisende Wirkung erzeugt worden sein könnte und dass der Wechsel der Glazialperioden eine Art von riesenhaften Gezeiten darstelle. Der Rhythmus von Ebbe und Flut, Systole und Diastole beherrscht ja alles Geschehen vom Größten bis zum Kleinsten.

Vom Menschen aus betrachtet, gliedert sich das Diluvium in die Zeit des homo Heidelbergensis, des Neandertalers und des Cromagnon-Menschen, das Alluvium in Neolithikum oder Jungsteinzeit, Steinkupferzeit, Bronzezeit und Eisenzeit und diese Letztere wieder in die Hallstattperiode und die La Tène-Periode; die Eigennamen bezeichnen die Orte, an denen Überbleibsel der einzelnen Rassen und Kulturen zum ersten Mal auftauchten.

Wir gelangen somit zur Einteilung des Känozoikums, wobei zu bemerken ist, dass alle derartigen Einteilungen fragwürdig sind, zeitlich: weil es zwischen den einzelnen Zeiträumen immer einerseits Löcher und Spielräume, andererseits Übergänge, »amphibische« Perioden gibt; und räumlich: weil verschiedene »Zeiten« sehr oft gleichzeitig verbreitet sind. Aber wenn man überhaupt abteilt, so muss man klar abteilen: Eine Übersicht ist nur so lange ein Hilfsmittel, als sie schematisiert.

Die Höhlenkultur

Das Eigentümliche der sogenannten Vorgeschichte besteht nun darin, dass sie über die wichtigsten Fragen, wie Religion, Erotik, soziale Struktur, Siedlungsgebiet, nur sehr unsicher, hingegen über gewisse Details des Alltagslebens ziemlich genau unerrichtet ist. Wir wissen, wie der prähistorische Mensch seine Schuhe schnürte und was er frühstückte, aber wir wissen nicht, welches Weltgefühl ihn erfüllte und welches Antlitz er trug: Und solange wir das nicht wissen, redet er nicht zu uns.

Ganz allgemein ist das Diluvium, das ebenso gut eine Million wie eine Viertelmillion Jahre gedauert haben kann, als eine Zeit der Höhlenkultur zu bezeichnen.

Auch in der Tierwelt dominierten entsprechende Formen: Höhlenlöwe, Höhlenbär, Höhlenhyäne. Das Rentier war wahrscheinlich schon Haustier.

Der Mensch der Altsteinzeit war Jäger. Er machte Messer und Lanzenspitzen, Hämmer und Sägen aus Feuerstein, Pfeilspitzen und Harpunen, Nadeln und Schnitzwerk aus Knochen. Er besaß Schläuche aus Tierhäuten, geflochtene Körbe, Muschelschmuck, Griffe mit Gravierungen. Zeichnungen von Menschen und Tieren finden sich in den Höhlen schon sehr früh.

Die ersten Anzeichen menschlicher Kultur, die sogenannten Eolithen oder »Steine der Morgenröte«, roh zubehauene Faustkeile, stammen vielleicht schon aus dem Tertiär, mindestens aber aus der vorletzten Zwischeneiszeit; manche halten sie allerdings für bloße Naturprodukte.

Gegen Ende dieser Glazialperiode gab es bereits das »abri sous roches«, wie es die französischen Forscher nennen, das Obdach unter Felsen: in Bergnischen eingebaute Wohnstätten.

Ebenso alt sind aber auch schon Zeichnungen von Hütten und Zelten. In die erste Zwischeneiszeit oder auch schon in die Grenze zwischen Tertiär und Diluvium gehört das älteste menschliche Skelettstück, das bisher zutage getreten war, ein Unterkiefer, der in der Nähe von Heidelberg ausgegraben wurde: mit menschenähnlichen Zähnen, aber sonst in der Form »stark affenartig«.

Wie man schon bemerkt haben wird, widersprechen wir uns fortwährend. Vorhin behaupteten wir, der Mensch sei Zeitgenosse der Saurier gewesen; jetzt sagen wir, sein Debüt falle in die erste Interglazialzeit. Und wann begann denn diese? Vor siebzigtausend oder vor siebenhunderttausend Jahren?

Auch möchten wir gleich ein für allemal bemerken, dass die Affenähnlichkeit früherer Formen, die übrigens sehr umstritten ist, noch lange nicht beweisen würde, dass die Menschen von den Affen abstammen, was Darwin nie behauptet hat, oder dass sie deren Vettern sind, was er bloß vermutet hat.

Der Mensch ist der Vetter aller Geschöpfe, und es hat einen tiefen Sinn, dass er in so vielen alten Kulturen sich der Tiermasken bedient. Auch durchläuft ja bekanntlich sein Embryo im Mutterleibe alle Tierstadien, ist Amöbe, Wurm, Fisch, Lurch, Säugetier, ehe es zum Menschen wird.

Aber das will nicht etwa besagen, dass diese Wesen seine Ahnen sind, sondern er ist der ihrige. Sein Herz schlägt in allem Lebendigen und alles Lebendige ist auf der Wanderung zu ihm.

»Singe, meine Schwester«, sagte Sankt Franziskus zur Zikade, und zu den Schwalben: »Meine lieben Schwestern, ihr habt genug geschrieen, jetzt ist die Reihe an mir, zu sprechen«, und zum Wolf: »Willst du denn immer ein Räuber und Mörder bleiben, mein Bruder?«, worauf der Wolf in sich ging.

Und so wollen wir denn gern im Affen unseren Vetter und Bruder erkennen und, wenn uns die Zoologen von Menschenaffen und Affenmenschen, Anthropoiden und Orangoiden erzählen, darin, ähnlich wie im Märchengleichnis von der Seejungfer mit dem Fischleib, ein schönes Symbol erblicken, über das nachzudenken sich lohnt.

Neandertaler und Rhodesiamensch

In der letzten Zwischeneiszeit, also vor zwanzigtausend bis zweihunderttausend Jahren, tauchte der berühmte Neandertaler auf, so genannt, weil seine fossilen Reste zuerst im Neandertal bei Düsseldorf gefunden wurden.

Er gilt als der homo primigenius, der Urmensch. Er war über ganz Afrika, Asien und Europa verbreitet und verschwand während der letzten Eiszeit. Er hatte einen massigen Kiefer, kein richtiges Kinn und starke Knochenwülste über den Augenhöhlen, die Stirn war fliehend, das Schädeldach flach.

Er besaß also verhältnismäßig wenig Gehirnmasse, und das Vorderhirn, wo sich das Sprachzentrum befindet, war besonders klein. Indes gestattet dies noch keine zwingenden Schlüsse auf seine Geistesart:

»Wer wollte«, hat schon vor mehr als sechzig Jahren der berühmte Geograf Oskar Peschel gegen diese materialistische Argumentationsweise bemerkt, »nach dem Gewichte entscheiden, ob eine Turmuhr oder ein Taschenchronometer schärfere Zeiteinteilungen gewähren«?

Man denke an das Denkorgan der Biene und Ameise, das kaum stecknadelkopfgroß ist. Auch hat man von einigen Kapazitäten das Gehirn untersucht und dabei gefunden, dass es bei Gauß und Helmholtz nur wenig über den Durchschnitt wog, bei Ignaz von Döllinger sogar weniger.

MacGregor hat versucht, das Antlitz des Neandertalers in einer Büste zu rekonstruieren; auf dieser hat er einen Sokrateskopf. Er war mit der Verwendung des Feuers vertraut, machte allerlei Werkzeuge, übte die Sitte der Totenbeigaben und besaß als Voraussetzung alles dessen sicher schon eine Art Lautsprache. Im Übrigen lebte er gleich einem Raubtier von anderen Tieren; aber das tun wir ja auch. Er jagte wahrscheinlich auch seinesgleichen; aber das tun wir ja auch. Es liegt also kein Grund vor, sich über den Urmenschen aufzuregen.

Der Rhodesiamensch, der erst vor Kurzem auf dem Gute Broken Hill in Südafrika entdeckt wurde, wird vielfach als die Übergangsstufe vom Neandertaler zum homo sapiens angesehen: nur die Stirnbogen sind noch affenartig und der Unterkiefer auffallend massiv. Man schätzt sein Alter auf wenige Jahrtausende.

Hier stoßen wir aber auf einen neuen Vexierpunkt der prähistorischen Wissenschaft. Es haben sicher zu fast allen Zeiten höhere und niedrigere Rassen gleichzeitig auf Erden gelebt, und da wir bei keinem der Funde wissen, ob er die älteste oder die jüngste Form seines Zeitalters darstellt, so sagt er uns entwicklungsgeschichtlich gar nichts. Welche Ansicht die Prähistoriker in hunderttausend Jahren von der heutigen Spezies haben werden, wird lediglich davon abhängen, ob ihre Schaufeln auf den Angehörigen einer hochgezüchteten Rasse oder auf einen Australier stoßen werden, dem der Rhodesiamensch nicht gar so unähnlich gewesen sein dürfte.

 

Die Cromagnards

Am Beginn der letzten Eiszeit erscheint die Cromagnon-Rasse (genannt nach der Höhle Cro Magnon in der Dordogne), in Skelett und Schädelbildung dem heutigen Menschen sehr ähnlich. Sie repräsentiert bereits die Stufe des homo sapiens fossilis.

War der Neandertaler ein selbstständiger Zweig der Menschenform, der völlig ausstarb, oder war der Cromagnon-Mensch sein vollkommener Enkel? Das wissen wir nicht; aber jedenfalls war dieser eine ausgesprochene Schönheit.

War er ein Atlantier, ein Urindianer, ein Urindogermane? Er liebte es, die Leichen zu bemalen oder ihnen Rötelstifte zur Selbstbemalung ins Grab zu legen. Daraus kann man schließen, dass er auch im Leben diese Sitte übte. Das Haupt schmückte er gern mit einer Federkrone.

Vielleicht war er also eine Art »Rothaut«, denn auch die Indianer führen ja diesen Namen nur von ihrer Körperbemalung, und in der Tat hat er auf den Abbildungen ein bartloses Antlitz und lichtbraune Hautfarbe wie diese.

Die Frauen hinwiederum trugen Glockenröcke und Pagenfrisuren, die an Kreta erinnern. Man hat auch auf Kieseln und Höhlenwänden Buchstaben gefunden, die den früheuropäischen Alphabetformen nicht unähnlich sind.

Das Baskische, das noch heute in den westlichen Pyrenäen gesprochen wird, das letzte Überbleibsel der Sprache der Iberer, eines Volkes unbekannter Rasse, das zur »Steinkupferzeit« in Spanien und Britannien lebte, steht als ein vollkommener Fremdkörper innerhalb aller europäischen Sprachen (die Südfranzosen behaupten, der Teufel habe sieben Jahre lang Baskisch gelernt, aber schließlich nur zwei Worte behalten, und die falsch), hat aber in Form und Syntax eine unverkennbare Ähnlichkeit mit den altamerikanischen Sprachen.

Nach unserer (natürlich völlig hypothetischen) Ansicht waren die Cromagnards der Seitenstamm einer sehr edlen Rasse, die über Amerika, Atlantis und große Teile der Alten Welt verbreitet war und deren letzte Zweige im Westen die Inkas, im Osten jene geheimnisvollen Völker gewesen sind, die man bisher in Ermangelung einer anderen Charakteristik als »nichtindogermanisch« registriert hat, die aber vielleicht besser als vorindogermanisch zu bezeichnen wären.

Man pflegt dieses »jüngere Paläolithikum« in mehrere Kulturkreise einzuteilen: in das Aurignacien (nach einer Höhle bei Aurignac in Südfrankreich), das spätere Solutréen (Freilandstation Solutré bei Mâcon) und das noch spätere Magdalénien (Höhlen bei La Madeleine in der Dordogne).

Im Aurignacien finden sich besonders reichlich Erzeugnisse der Glyptik: kleine Darstellungen in Elfenbein, Speckstein, Pferdezähnen, ferner »Kommandostäbe«: mit Schnitzereien verzierte Geweihstücke, die auch bei manchen Indianerstämmen als Zeichen der Häuptlingswürde galten; am Magdalénien ist es besonders interessant, dass es schon steinerne Lampen kannte, die mit Tierfett gespeist wurden.

In den Grimaldigrotten bei Mentone hat man Skelette aus dem Aurignacien vorgefunden, die in »Hockerlage«: mit angezogenen Armen und Beinen begraben waren; es ist dies die »Wärmestellung«, die der Mensch unwillkürlich beim Schlafen einnimmt. Der »Grimaldimensch«, der übrigens von den Anthropologen dem Negertypus zugewiesen wird, hielt also den Tod für einen Schlaf.

 

Der Bildzauber

Die Kunst dieser Menschen hat eine Höhe erreicht, die für uns geradezu unfassbar ist. In ihnen daraufhin immer noch »begabte Wilde« zu erblicken, wie dies Wells tut, ist die Verstocktheit eines liberalen Fortschrittsdogmatikers. Wer weiß überhaupt, welche Finessen sie auch sonst in ihren Lebensformen beobachteten?

Von der Kultur des alten Peru ist Dergleichen bekannt: Ein Abglanz atlantischer Noblesse leuchtet noch aus Coopers Lederstrumpf. Und das Baskische hat für die zweite Person des Singulars verschiedene Formen je nachdem ein Mann oder eine Frau angeredet wird, was doch wohl der Gipfelpunkt der Galanterie ist. Übrigens haben auch die Polynesier, wie Luschan beobachtet hat, vier bis fünf Ausdrücke für Dame und keinen einzigen für »Frauenzimmer«.

Wir besitzen aus dem Spätpaläolithikum unter anderem: reliefierte, gravierte und schattierte Schwarzrotmalereien, sehr ähnlich den höchst gelungenen Felsbildern der Buschmänner Südafrikas; Mammut, Wolf, Hirsch, Höhlenlöwe in virtuosen Umrisszeichnungen; Schattenrisse einer ungemein lebendig geschilderten Schweinsjagd und eines Kampfes zwischen Bogenschützen, wobei die kompliziertesten Stellungen gewagt sind, das Hintereinander jedoch als ein Übereinander gegeben wird: aber das tat auch noch Polygnot, der doch gewiss nicht zu den »Primitiven« gehörte.

Auch Plastiken von Menschen und Tieren sind zutage gefördert worden, unter anderem die berühmte »Venus von Willendorf«, eine Statuette aus Kalkstein, mit Rötel überzogen, völlig nackt, in einer Art Gebetsstellung, wie sie noch heute bei den Orientalen gebräuchlich ist. Sie entspricht mit ihrem unförmig dicken Körper, ihren mächtigen Hängebrüsten und Mastschenkeln nicht ganz unsrem Schönheitsideal; aber es ist bekannt, dass bei vielen Völkern Fettleibigkeit als besonderer weiblicher Reiz gilt. So schön wie die Beautés des Kubismus, der uns Autobusse als weibliche Akte zumutet, ist sie auf alle Fälle, und vor allem ein größeres Kunstwerk, als dieser je hervorgebracht hat.

Artistische Leistungen höchsten Ranges sind die farbenprächtigen Malereien in der Höhle von Altamira in Spanien: Neben Bär, Reh, Wildschwein ist mit besonderer Meisterschaft der Wisent in allen möglichen Situationen geschildert: grasend, schlafend, angreifend, verendend.

Man hat einen wundervollen knochengeschnitzten Pferdekopf aus Mas d'Azil mit den Skulpturen des Parthenon in Parallele gestellt, die Gruppenbilder mit expressionistischen Kompositionen, die Rötelgemälde mit Rembrandt; aber alle diese Vergleiche treffen nicht das Wesentliche: Diese Kunst ist magischer als die griechische, elementarer als die rembrandtische, echter als die expressionistische.

Nur Ägypten, Kreta und die Gotik können hier genannt werden. Diese Künstler waren, was der große Paläontologe Edgar Dacqué »natursichtig« nennt: Sie blickten intuitiv in das Herz der Dinge. Hier ist der wahre surréalisme, nicht der ohnmächtige unserer Zeit, der bloß programmatisch gewollt war. Allerdings hat die prähistorische Malerei eine lange, wandlungsreiche Geschichte gehabt; sogar eine pointillistische Phase lässt sich erkennen.

Menschen, die es zu solchen Materialisationen des Kunstwillens brachten, müssen eine sehr hohe Kultur besessen haben. Man hat von der Höhe positivistischen Aufklärungsdünkels, für den Kultur erst mit der Revolverpresse und dem Clearingverkehr anhebt, in allen diesen Höhlenwundern Veranstaltungen eines religiösen Bildzaubers erblicken wollen.

Fasst man diese Deutung nicht rationalistisch und materialistisch, wie sie gemeint ist, so ist sie völlig zutreffend, denn alle wahre Kunst ist Kult, Gottesdienst; und zugleich eine Beschwörung.

Es muss in der Tat ein überirdischer Bildzauber gewesen sein, dem zwanzigtausend oder gar hunderttausend Jahre nichts von seiner Bannkraft zu rauben vermochten

 

Die Jungsteinzeit

Das Neolithikum, das man auch schlechtweg als Steinzeit im engeren Sinne bezeichnen kann, entspricht, grob gerechnet, dem Alluvium bis zum Beginn der Metallzeit: Sein Anfang fällt also in das Abklingen der letzten Eiszeit.

Nicht so eindeutig lässt sich sein Ende bestimmen. In Ägypten und Mesopotamien fand es bereits um 4000 vor Christus seinen Abschluss, in Mittel- und Nordeuropa um 2000, in Ozeanien besteht es noch heute.

Doch sind gerade die Ozeanier ein Beweis dafür, dass Metall und Kultur durchaus nicht Begriffe sind, die sich gegenseitig bedingen: Ihre Technik des Mattenflechtens zum Beispiel und ihre Kunst, aus Baumbast zartesten »Batist« und gediegenstes »Leder« zu erzeugen, hat auf der ganzen Erde kein zweites Beispiel.

Als allgemeinste Merkmale des Neolithikums gelten: der Gebrauch von Steinwerkzeugen, die bereits (mit feinem Sand) geschliffen sind, der Betrieb der Töpferei (mit Bevorzugung der Flechtmuster, offenbar als Erinnerung an die bisher verwendeten Korbgefäße), der allmähliche Übergang von der alleinigen Verproviantierung durch »Okkupation« (Jagd und Sammeln) zu Ackerbau und Viehzucht und die Leichenverbrennung, die zwar nicht allgemein, aber vielfach verbreitet ist, auch in Amerika. Das Rentier, dem es in Mitteleuropa zu warm wird, wandert nach Norden ab und wird durch den Hund ersetzt, der wahrscheinlich vorher noch nicht Haustier war. Ob auch das Pferd von Anfang an gezähmt war, ist ungewiss; auf Zeichnungen erscheint es bereits im Aurignacien. Rind, Schaf und Ziege waren sicher schon domestiziert.

Die Endgrenze der Steinzeit deckt sich mit der Vorgeschichte nicht so allgemein, dass es prinzipiell erlaubt wäre, zu sagen: Mit dem Metall beginnt die eigentliche Geschichte. In Mittel und Nordeuropa zum Beispiel, wo die Bronze bereits im zweiten Jahrtausend der vorchristlichen Ära in Gebrauch steht, reicht die Vorgeschichte bis zum Anfang unserer Zeitrechnung.

Ebenso wenig aber kann man sagen: Erst mit dem Verlassen der Vorgeschichte hebt wahres Wissen an. Auch die Prähistorie ist eine Wissenschaft, sie ist nur keine historische Wissenschaft. Denn die Historie hat es immer mit der Individualität, mit der Einmaligkeit zu tun: Auch wenn sie Kollektiverscheinungen, Massenereignisse betrachtet, sind es doch stets solche, die mit diesem Gesicht und Gang nie vorher da waren und nie wiederkehren werden. Die Menschen der Urzeit aber sind für uns eine körperlose Geisterschar: stumm, ohne Antlitz, ein Nebelschwaden. Nur durch Winke und Zeichen, die meist rätselhaft sind, künden sie uns ihr Dasein.

Trotzdem ginge man viel zu weit, wenn man die Vorgeschichte als Objekt der Forschung überhaupt nicht anerkennen wollte. Das war das Vorurteil eines druckenden und nichts als druckenden Zeitalters, dessen Wortidolatrie nur an Geschehnisse glaubte, die aufnotiert waren, und daher die Geschichte dort aufhören ließ, wo die Philologie nichts mehr zu beißen hat.

Den Gedanken, dass es auch schriftlose Kulturen gegeben haben könne, die den toten Buchstaben nicht brauchten, weil sie ihn durch das lebendige Gedächtnis ersetzten, hätte ein exzerpierendes, kollationierendes, rubrizierendes, Kommentare kommentierendes Jahrhundert mit überlegenem Lächeln zurückgewiesen.

Erst die jüngste Zeit hat sich zu der Erkenntnis durchgerungen, dass der Grundriss eines Hauses, die Verzierung eines Gefäßes, die Anlage eines Grabes oder Altares ebenfalls ein historischer Bericht ist, der an Gewicht einer Inschrift oder Chronik durchaus gleichkommt. Aber nur an Gewicht, nicht an Gehalt; denn die primitivste oder dunkelste Rede des Menschen sagt uns mehr von seiner Seele als alle seine Schalen, Trachten, Schwerter und Idole.

Wie er seine Tracht trug, welche Idee im Idol lag: Das wünschen wir zu erfahren. Es wird also doch in einem gewissen Sinne bei den Worten des weisen Ranke bleiben: Vorgeschichte ist Naturwissenschaft oder Religion; wir haben nur die beiden Möglichkeiten, uns in ihren schönen Formenschatz liebevoll beschreibend zu versenken oder vor ihren geheimnisvollen Botschaften ehrfurchtsvoll zu verstummen.

An die Stelle der »Leitfossilien«, die den Paläontologen durch das Labyrinth der Erdgeschichte führen, tritt in der Steinzeit die Keramik mit ihren Schnur-, Band-, Rankenmustern. Auf die ebenso komplizierte wie kontroverse Einteilung in Perioden und Kreise gehen wir nicht näher ein.

Das Neolithikum war eine Zeit der Völkerwanderungen. Künstlerisch stand es zweifellos unter dem Spätpaläolithikum. Jedermann bekannt sind die Pfahlbauten, auf hohen Holzrosten über Seen, Mooren, Flusstälern, aber auch über festem Boden errichtete Wohnstätten, ursprünglich wohl zum Schutz gegen wilde Tiere angelegt. Sie lassen sich bis in die Tropen verfolgen.

Ebenso finden sich überall die Einbäume, aus großen Baumstämmen gehöhlte Boote. Die Untersuchung der Küchenabfälle, die besonders im Norden sehr reichlich zutage gefördert worden sind, zeigt uns, dass der Mensch der Pfahlbauzeit schon Gerste und Weizen, Hirse und Erbsen, Holzäpfel und Wein baute, dass er nicht bloß reichlich Fische, sondern auch Austern, Miesmuscheln und Strandschnecken speiste und dass er sich, mit Ausnahme des Geflügels, fast alle heutigen Haustiere hielt; auch die Zucht des Pferdes, die nach dem Süden erst viel später gelangte, war ihm schon vertraut.

Umgekehrt ist die Katze erst ein spätes Geschenk des Orients an Europa. Die Pfahlbauten bildeten bereits Dörfer; bei ihren größeren Anlagen ist die Gliederung in Herrenhaus, Verwaltungsgebäude, Viehstall und Getreidespeicher deutlich zu erkennen.

Ein besonderes Charakteristikum der späteren Steinzeit sind die Hünenbetten oder Megalithgräber, die auch nach einem keltischen Wort, das so viel wie »Steintische« bedeutet, Dolmen genannt werden: aus Felsplatten erbaute Grabkammern in Form künstlicher Hügel, zu denen Alleen von obeliskenartigen Denksteinen führen, die sogenannten Menhire oder »langen Steine«. Ihre Fundstätten erstrecken sich von England bis Nordafrika.

Bezeichnend für weite Gebiete ist auch der Dolchstab, eine Metallklinge, die rechtwinklig in einen Holzstiel eingelassen ist, Nachkomme der Axt, Vorläufer des Schwerts; neue Formen sind: Ledergefäße, große Tonfässer, auch zur Bergung von Hockerleichen, Kugelflaschen, Tulpenbecher, »Kaffeetassen«, ja es gibt sogar schon die Anfänge einer Similimanufaktur, indem roter Ton durch Politur Kupfer imitiert.

 

Die Metallzeit

Hier befinden wir uns bereits im Übergang zur Metallzeit. Das erste Metall, das bearbeitet wurde, war das Kupfer; es ist aber bekanntlich sehr weich und vermag gediegen bearbeiteten Stein nicht völlig aus dem Felde zu schlagen. Man spricht daher von einer »Steinkupferzeit«.

Die Erfindung der Bronze geschah wahrscheinlich um 2500 vor Christus. Sie bestand einfach darin, dass man dem Kupfer Zinn beimischte; der Zusatz war anfangs gering und stieg allmählich bis zu zehn Prozent, welches Verhältnis sich als das Vorteilhafteste erwies und die Regel blieb. Die neue Legierung war nicht nur härter, sondern auch schmelzbarer.

Die klassische Ära der Bronzekultur ist erst das zweite Jahrtausend. Sie ist, sehr allgemein gesprochen, das Zeitalter der erwachenden Schifffahrt, der »heliolithischen Kultur«, die im Kultus der Sonnenscheibe wurzelt, und der Gräber in Bergkammern. Wiederum finden sich Similiwaren: gebuckelte, mit Goldglimmer überzogene Tongefäße, die täuschend Bronze nachahmen; ein Zeichen für die Weltherrschaft dieses Metalls, die von Mexiko und Peru bis Indien und China reichte.

In Amerika dauerte die Bronzezeit bis zu seiner Entdeckung. In Ägypten gab es nach Funden aus prähistorischer Zeit Eisen schon im fünften Jahrtausend; aber bis etwa 1000 vor Christus wurde es dort nur als Zahlungsmittel und kostbarer Schmuckstein verwendet.

Obgleich in Europa die Kultur während der Bronzezeit weit niedriger stand als im Orient, ist dort trotzdem der Übergang zum Eisen nicht später, wahrscheinlich sogar früher erfolgt. Aber das ganze erste Jahrtausend der mitteleuropäischen Eisenzeit, das letzte vor Christus, ist für uns, wie gesagt, noch Vorgeschichte. In der Eisenzeit befinden wir uns noch heute oder vielmehr: befanden wir uns noch vor Kurzem; denn seit zwei oder drei Menschenaltern darf man von einer Stahlzeit sprechen.

Das Hauptgebiet der prähistorischen Eisenkultur ist in Europa die Alpen- und Donaugegend. Die ältere Eisenzeit wird als Hallstattkultur bezeichnet, nach dem bedeutendsten Fundort Hallstatt in Oberösterreich. Ihre charakteristischsten Produkte sind Töpferwaren mit Figurenschmuck in einem »geometrischen« Stil, wie er sich ähnlich in Griechenland findet, und »Fibeln«: Schnallen und Sicherheitsnadeln in vielfältigster Broschenform. Ihr Grundzug ist eine gewisse archaische Pracht, wie sie uns etwa im Nibelungenlied entgegentritt, an das sie auch in Schmuck und Tracht erinnert.

Man hat an Hallstätter Schwertgriffen Elfenbein, an südeuropäischen derselben Zeit Bernsteineinlagen gefunden, woraus hervorgeht, dass der Handelsverkehr damals schon von Afrika bis zur Nordsee reichte.

Die jüngere Eisenzeit, die die zweite Hälfte des ersten Jahrtausends vor Christus umspannt, wird, nach La Tène am Neuenburger See, La-Tène-Kultur genannt. Sie gehört in erster Linie den Kelten, die, vielleicht von den Britischen Inseln stammend, sich in Gallien, Mitteldeutschland, Spanien festsetzten, 390 Rom plünderten, im dritten Jahrhundert über Österreich und Ungarn auf die Balkanhalbinsel vordrangen und sich in Kleinasien als »Galater« festsetzten.

Vindobona ist ein keltischer Name. Im Übrigen muss man sich davor hüten, mit dem Begriff der Vorgeschichte ohne Weiteres den der Vorkultur zu verknüpfen: Die wundervollen kunstgewerblichen Erzeugnisse der Hallstattzeit belehren uns eines Besseren.

 

Spengler

In einer kleinen, aber ungemein gehaltvollen Schrift Der Mensch und die Technik, die erfüllt ist von jenem eigentümlichen kalten Glanz, wie ihn alle seine Werke ausstrahlen, hat Oswald Spengler seine Vision vom Entwicklungsgang der Menschheit aufgezeichnet.

Für ihn ist der Mensch ein Raubtier: »Nur der feierliche Ernst idealistischer Philosophen und anderer Theologen besaß nicht den Mut zu dem, was man im Stillen recht gut wusste.«

Und zwar ist der Mensch der Typus des erfinderischen Raubtiers. Wodurch ist er dazu geworden? »Die Antwort lautet: durch die Entstehung der Hand ... Sie muss plötzlich entstanden sein, jäh wie ein Blitz, ein Erdbeben, wie alles Entscheidende im Weltgeschehen, epochemachend im höchsten Sinne.« Mit der Hand zugleich waren Waffe und Werkzeuge gegeben, als ihre notwendige Ergänzung.

Eine zweite derartige »Mutation« ereignete sich durch die Entstehung der Sprache, deren Gebrauch identisch war mit Unternehmung, Berechnung, Organisation: sie fällt nach Spenglers Ansicht in das fünfte vorchristliche Jahrtausend. Heute stehen wir auf dem Gipfel, dort, wo der fünfte Akt beginnt. »Die letzten Entscheidungen fallen. Die Tragödie schließt.«

Diese Katastrophenphilosophie ist zweifellos eine tiefere Konzeption als der bürgerliche Evolutionismus; und auch eine heroischere. Aber der eisige Pessimismus Spenglers denkt nur in Katastrophen, und noch dazu in sinnlosen: »An und für sich ist es belanglos, welches Schicksal dieser kleine Planet hat, der irgendwo im unendlichen Raum für kurze Zeit seine Bahnen zieht ... Die Geschichte des Menschen auf diesem Planeten ist kurz, ein jäher Aufstieg und Fall von wenigen Jahrtausenden, etwas ganz Belangloses im Schicksal der Erde.«

Das ist naturalistischer Atheismus, obschon höchsten Ranges; bei aller Genialität eine mephistophelische Ansicht. Spengler ist, obgleich er ihn bekämpft, immer noch von Darwin fasziniert.

Aber alles Geschaffene ist Leben, alles Lebendige ist Geist; Leben und Geist haben eine Geschichte, aber keinen Anfang; und jede Ruine ist ein Blütenboden. Vor Gott sind alle Planeten gleich groß, alle Lebensläufe gleich ewig, und vor seinem Thron gibt es nur gefallene Seelen, nicht emporgestiegene Raubtiere. Wahrscheinlich ist nicht einmal das Raubtier ein Raubtier. Nur in Augenblicken der Vergesslichkeit sozusagen, die freilich nicht selten sind, ist der Mensch eines. Und das Abendland wird untergehen, aber nur soweit es von Spengler ist.

 

»Planetarische« Weltgeschichte

Man muss sich darüber klar werden: Die Perspektive des Positivismus ins »Kosmische« ist, ungeachtet ihrer schwindelerregenden Quantitätsausmaße, die subalternere, die kleinere! Denn sie hat keinen zentralen Blickpunkt, also keine Seele. Ebenso dachte man ja auch fälschlich, eine »planetarisch« orientierte Weltgeschichte sei die »größere«. Sie ist aber bloß die dickere: die unförmigere, undynamischere.

Sehr treffend sagt Benedetto Croce, die von den Europäern konzipierte Geschichte könne nur europäozentrisch sein, »wenn sie nicht die Geschichte in einen Ausstellungssalon der verschiedenen Zivilisationstypen verwandeln will«.

Geschichtsschreibung ist nicht eine tote Addition einander gleichgültiger Fakten, ein synchronisierendes Nachziehen von »Parallelen«, die sich niemals schneiden, sondern der Versuch, einen Organismus abzubilden, das heißt: eine Symbiose sich gegenseitig bedingender, ineinandergreifender lebendiger Kräfte.

Es gibt Weltgeschichten, die vom »ethnogeografischen« oder »anthropologischen« Gesichtspunkt ausgehen, zum Beispiel das neunbändige Sammelwerk, das Helmolt herausgegeben hat. Aber das ist »statische« Geschichte, »mechanische« Geschichte, also ein Widerspruch in sich selbst. Der Effekt ist eine Bereicherung oder vielmehr Belästigung unseres Gedächtnisses mit leeren Namenhülsen, Jahreszahlen, die sich selbstständig gemacht haben, und Kuriositäten, deren Sinn verraucht ist.

Die außereuropäischen Völker sind für uns nur soweit geschichtlich, als sie ein Glied unserer Geschichte sind; und das sind sie erst seit heute oder gestern. Bis zu diesem Zeitpunkt sind sie bloß geografische, nicht historische Realitäten.

Griechenland ist ein Stück unserer Seele, China ist ein Reiseziel. Als dort der große Kaiser Shi-Huang-Ti regierte und sich (für die Chinesen) Ungeheures ereignete, lag es für uns, nicht bildlich gesprochen, sondern buchstäblich, auf dem Monde.

Samoaner, Lappen und Bantuneger sind in unserem historischen Bewusstsein keine Ponderabilien; also haben sie niemals existiert. Auch Japan geht uns erst seit wenigen Jahrzehnten etwas an.

Der Begriff der Weltgeschichte ändert fast mit jeder Generation seinen Umfang und Inhalt. Wir tragen unser heutiges Weltgefühl, das in der Tat planetarisch ist, in das der Vergangenheit ein, was ganz unhistorisch gedacht ist.

Unser Bild ist natürlich ebenso wenig »objektiv« oder »vollständig« wie das mittelalterliche oder das biblische, vielmehr sind alle drei von gleichem Wert.

Im Jahre 1241 brachte der Mongolenkhan Ogdai dem deutsch-polnischen Heere bei Liegnitz eine furchtbare Niederlage bei. Den Ritterheeren, die Europa damals aufzubringen vermochte, waren die Mongolen nicht nur numerisch, sondern auch in der Organisation und Bewaffnung weit überlegen: sie besaßen bereits Kanonen, die sie aus China mitgebracht hatten. Sie hätten damals Mitteleuropa zu einer asiatischen Provinz machen können. Sie zogen aber wieder ab; aus unbekannten Gründen. Von dieser ungeheuern Gefahr hat aber damals in Europa kein Mensch etwas bemerkt; sie ist daher für den Historiker nicht vorhanden.

Ein Vierteljahrtausend früher wurde Europa durch den Chiliasmus in Aufregung versetzt: den weitverbreiteten Glauben, dass im Jahr 1000 die Welt untergehen werde; der Chiliasmus ist daher ein nicht unwichtiges historisches Phänomen.

Wenn es uns eines Tages gelingen sollte, auf den Mars zu gelangen, so wäre es historisch berechtigt, unsere Geschichte in eine vormarsische und eine nachmarsische einzuteilen, auch bestände die Möglichkeit, eine Geschichte des Mars bis zu seiner Entdeckung zu schreiben: aber diese synchronistisch mit der Erdgeschichte zu erzählen, wäre offenbarer Unsinn.

 

Der Raum des Altertums

Nach der Relativitätstheorie ist die Zeit eine Funktion des Orts. Auf das historische Gebiet übertragen, bedeutet dies: Geschichte ist eine Funktion des Raums.

Der Raum der Gegenwart sind die Weltmeere mit ihren Erdinseln, der Raum der Neuzeit ist Europa, der Raum des Altertums ist das Mittelmeer. Alte Geschichte ist Geschichte der Völker ums Mittelmeerbecken und der Nachbarkulturen, soweit sie diese Völker befruchteten. Darum sind zum Beispiel die Inder kein antikes Volk, denn für das Bewusstsein des Altertums hatten sie immer nur Märchenrealität.

Aber für uns ist auch von dem, was damals Wirklichkeit besaß, noch nicht alles »antike Geschichte«. Denn Vergangenheit ist nur soweit Geschichte, als sie Gegenwart ist. Eine Naturgeschichte des Altertums hätte vielleicht Anlass, alle antiken Varietäten, von denen wir Kunde haben, zu sammeln, zu ordnen und zu diagnostizieren.

Kulturgeschichte jedoch ist nicht Wissen, sondern Leben. Sollten Fassungsraum und Aneignungskraft unserer Seele aus irgendwelchen Gründen plötzlich rapid wachsen, sodass vieles für uns »historisch« wird, was heute für uns bloß da ist oder noch nicht einmal da ist, so wird diese Kulturgeschichte des Altertums sich sehr freuen, selber ein Stück überholtes Altertum geworden zu sein.

Carl Ritter, der Begründer der modernen wissenschaftlichen Erdkunde, sagt: »Die Betrachtung des Ganzen ist es, die uns allein das Maß der Teile gibt.«

Bei allem mechanisch Entstandenen sind die Teile die Ursache des Ganzen, bei allem Organischen ist das Ganze die Ursache der Teile: Das Ganze ist, wie schon Aristoteles erkannt hat, bei organischen Bildungen früher als die Teile.

Man kann daher sagen: Im Anfang war der Raum; und aus ihm wird Geschichte: nach Gesetzen, die ebenso geheimnisvoll sind wie die alles Lebens. Der Raum der antiken Geschichte ist der Erdteil Mediterranien.

 

Kleinafrika

Dieser ist im Süden quer abgeriegelt durch den ungeheuern Wüstengürtel der Sahara, der, im Mittel so breit wie die Entfernung zwischen Berlin und Palermo, vom Atlantischen Ozean bis zum Roten Meer reicht.

Man hat daher bisweilen die Frage aufgeworfen, ob Nordafrika überhaupt zu Afrika gehöre. Geologisch ist es jedenfalls ein Teil des eurasischen Faltenlandes. Arabien stimmt in Klima, Gesteinsformation und Oberflächenbildung mit Nordafrika völlig überein.

Ritter scheidet die Atlasländer (die westliche Hälfte Nordafrikas: Marokko, Algier, Tunis) als »Kleinafrika« vom übrigen Afrika; sie sind auch ethnografisch ein Sondergebiet, indem sie vorwiegend von Berbern bewohnt werden, einer in prähistorischer Zeit eingewanderten »Urbevölkerung«, die nur oberflächlich arabisiert wurde: Man fasste daher früher diesen Komplex unter dem Namen »Berberei« zusammen.

Politisch und geografisch am wichtigsten ist das Gestade von Tunis, das als Gegenküste von Sizilien mit dieser Insel eine Einheit bildet und auch immer so aufgefasst wurde: Sowohl die Karthager als auch die Griechen und Römer versuchten stets, beide Gebiete in der Hand zu haben; die Vandalen griffen sofort von der uralten und immer von Neuem umstrittenen karthagischen Kampfstätte nach Sizilien hinüber, ebenso die Araber.

Der italienische Publizist Fiamingo nannte in einer 1907 erschienenen Abhandlung über die auswärtige Politik Italiens Tunis »eine Art Verlängerung Siziliens«; dass es französisch ist, wird immer das größte Hindernis für eine Verständigung zwischen den beiden romanischen Großmächten bilden.

Ähnliche Pendants wie Italien und Kleinafrika repräsentieren Griechenland und Kleinasien: die Inseln des Ägäischen Meeres bilden gewissermaßen eine Postenkette, die küstennahen unter ihnen eine Art schützender Hafendämme. Nur der Verfall der einst so hochkultivierten Gebiete Kleinasiens und Nordafrikas unter der türkischen Barbarenherrschaft, die aus ihnen Räuberhöhlen und Ruinenfelder gemacht hat, hat diese Beziehungen verdunkelt.

Um das Irreführende unseres heutigen Erdbilds zu erkennen, braucht man sich nur daran zu erinnern, dass, von ihm aus gesehen, Herodot und Heraklit Asiaten, Augustinus und Septimius Severus Afrikaner waren: alle vier sicherlich das, was Nietzsche den »guten Europäer« nennt.

Man hat aber auch Spanien ein kleines Afrika genannt, im Hinblick auf seine plumpe, wenig gegliederte Gestalt, sein heißes und trockenes Klima, seine Abgeschlossenheit durch drei Meerseiten und den Wall der Pyrenäen und sein flaches Zentralgebiet, die Meseta, die eine afrikanische Steppenvegetation trägt.

 

Die Ägäis

Was im Süden die Wüstentafel, das vollbringt im Norden der Mittelmeerwelt die Mauer riesiger Gebirgszüge: an die Pyrenäen reihen sich die Cevennen, die Alpen, der Balkan, der Kaukasus.

Dieser nach oben und unten sehr gut abgegrenzte Erdteil ist nur um etwa ein Viertel kleiner als Europa, und wenn wir Russland abrechnen, wozu wir heute nicht nur berechtigt, sondern fast verpflichtet sind, sogar bedeutend größer.

Man muss allerdings in Rechnung ziehen, dass dieses Gebiet die beiden größten Binnenmeere, das Mittelländische und das Schwarze, einschließt und seine Haut daher zu zwei Dritteln aus Wasser besteht.

Dieses Verhältnis erscheint in verkleinertem Maßstabe noch einmal bei Griechenland (in seinen heutigen Reichsgrenzen), das, an Umfang ein europäischer Großstaat, höchstens zu einem Drittel Land ist.

Nach dem allgemein akzeptierten Vorschlag Alfred Philippsons fasst man das Ägäische Meer mit seinen sämtlichen Inseln und Landsäumen unter dem Namen »Ägäis« zusammen, als eine geografische und historische Einheit etwa vom Range des heutigen Mitteleuropa.

Gleichwohl ist die Ostgrenze Mediterraniens die einzige, die sich nicht völlig eindeutig bestimmen lässt. Bei Kleinasien und Syrien steht die Zugehörigkeit außer Frage; ist aber auch noch Mesopotamien ein Glied der Mittelmeerwelt?

Geografisch bestimmt nicht; aber eigentlich auch nicht historisch. Der Alexanderzug war eine Episode, und das Römische Reich war, vorübergehende Schwankungen abgerechnet, am Euphrat zu Ende. Selbst die Perser haben in die antike Geschichte immer nur hineingeragt, etwa wie Russland in die europäische. Aber kulturell war der Einfluss Vorderasiens, zumal Babyloniens, so außerordentlich, dass es doch einbezogen werden muss. Indien und China hingegen sind für die alte Geschichte, wie gesagt, Mondgebiete

 

Das Klima Mediterraniens

Auch im Hinblick auf das Klima bildet die Mittelmeerwelt einen deutlich ausgeprägten Bezirk: Dieses ist das günstigste, das sich denken lässt, indem es wahrhaft ein Klima des Meeres und der Mitte ist.

Die Folge davon ist eine Flora, die sich von der übrigen europäischen sehr kenntlich abhebt; allgemein bekannte Charakterpflanzen sind die immergrünen Hartlaubgewächse: Ölbaum, Lorbeerbaum, Steineiche, Myrte, Pistazie, Oleander, der immergrüne Buschwald, auf Korsika maquis, in Italien macchia, in Spanien monte bajo genannt.

Dieses Klima besitzt auch die Kraft der Einbürgerung: Mais, ein Geschenk Amerikas, ist aus dem jetzigen Landschaftsbild des Mittelmeeres nicht mehr wegzudenken und als Polenta und Mamaliga ein ebenso populäres Nahrungsmittel wie bei uns Pellkartoffel und Erdäpfelbrei; ebenso verhält es sich mit den aus Südasien stammenden Zitrusarten: Orange, Zitrone, Pomeranze, Mandarine und der erst im achtzehnten Jahrhundert aus Mexiko eingeführten Agave, die heute für Südeuropa so charakteristisch ist, dass Friedrich Preller, der Homeranekdoten in ein sonst sehr gewissenhaft studiertes »klassisches« Lokal stellt, mit ihnen seine Odysseelandschaften schmückte.

 

Die politischen Einheiten

Das Mittelmeer war für den Menschen des Altertums buchstäblich die Welt und seine Geschichte die Weltgeschichte. In diesem Rahmen war Karthago für den Phönizier, »Großgriechenland« (Sizilien und Unteritalien) für den Hellenen »Übersee«; an heutigen Verhältnissen gemessen, entsprach die Verbannung nach dem Pontus der Verschickung nach Sibirien und das seegewaltige Kreta England; dieses aber, erst um die Mitte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts von Pytheas aus Marseille entdeckt und allgemein angezweifelt, war etwa, was für die Neuzeit die Arktis oder Australien ist; und das Römische Reich war in viel weiterem Sinne ein Weltreich als alle modernen: von der Art, wie wenn England außer seinen Dominions auch noch Europa, Amerika und ganz Russland zu beherrschen vermöchte. Randmächte wie die Parther und die Germanen, die auch der römischen Expansion eine Grenze setzten, hätten dann Ostasien und Innerafrika entsprochen.

Das Römische Reich ist also die größte politische Einheit, die das Altertum jemals erblickt hat. Die kleinste ist der Kanton, der »Stammesstaat«: Beispiele sind die zahllosen antiken Poleis, die nach unseren Begriffen Kleinstädte waren.

Eine größere Zusammenfassung ist schon das Territorium, der »Bundesstaat«, wie ihn zum Beispiel Israel zur davidischen Zeit, Sparta zur Zeit der peloponnesischen Liga bildete; die Kleinstadt entwickelt sich zur Bedeutung einer Provinzialhauptstadt.

Der nächsthöhere Komplex ist die Großmacht, der »Nationalstaat«: Rom, als seine Herrschaft vom Po bis Syrakus reichte, die attische Symmachie unter der Hegemonie Athens, die vorderasiatischen Reiche; im Mittelpunkt steht die Großstadt, die dieselbe Tendenz zeigt, alles an sich zu saugen, wie wir dies in der Neuzeit an Paris und Berlin beobachten können.

Zum Imperium oder Weltstaat muss jeder Großstaat sich zu erweitern suchen; nach organischen Wachstumsgesetzen, die er in sich trägt, wie ein Baum oder ein Tierleib. Seine Grenzen, die er weder unerfüllt lassen noch überschreiten darf, sind von der Natur gegeben.

Für Rom war es eben die Mittelmeerwelt, anfangs sehr gegen den Willen des konservativen Agrarvolks. Alexander der Große hatte die Absicht, Italien zu erobern; dass dies infolge seines frühen Todes nicht geschah, hat den Untergang des hellenistischen Weltreichs verursacht, das trotz seiner fantastischen Größe seine natürlichen Grenzen nicht erreicht hat.

Durch das Umgekehrte: das Sprengen seiner Grenzen, das Hinübergreifen in den fremden Weltteil Germanien ging Rom zugrunde.

Im Altertum kann sonst nur noch Persien zur Zeit seiner größten Ausdehnung auf den Titel eines Imperiums Anspruch erheben. Im Imperium wird die Großstadt zur Weltstadt; und es ist charakteristisch, dass sich gewöhnlich zwei solche Riesensiedlungen bilden, die in einer Art Polarität zueinander stehen, ähnlich wie im höchstentwickelten Organismus zwei Nervenzentren existieren: Gehirn und Sonnengeflecht.

Für das Römische Reich waren dies Rom und Alexandria, für das persische Susa und Persepolis.

Beispiele solcher Doppelsonnen sind für die Neuzeit Petersburg und Moskau im russischen, New York und Chicago im amerikanischen Weltreich.

Übrigens ist es fraglich, ob man das alte Persien bloß auf Grund seiner enormen Landausdehnung als Weltmacht ansprechen darf, denn zu dieser gehört Seegeltung, die die Perser nie besessen haben.

Umgekehrt können selbst kleine Einheiten sich durch maritime Entwicklung zur Großmacht emporschwingen wie im Altertum Athen und Karthago, in der Neuzeit Portugal und Holland. Allerdings sind Herrschaften mit so schmaler Landbasis immer zu episodischer Bedeutung verurteilt.

 

Undine

Das Mittelmeer ist ein sogenanntes »geschlossenes Meer«. Dadurch erhält die Geschichte des Altertums gleichfalls etwas Geschlossenes und Übersichtliches, Prägnantes und Dichtes, Klares und Ebenmäßiges; auch infolge ihrer feinen und scharfen Gliederung sowohl in räumliche wie in zeitliche Abschnitte, die sich einprägsam voneinander abheben.

Die Volksindividualitäten des Altertums waren profilierter, umrissener, »charaktervoller« als die heutigen, weil sie noch auf sich selbst und ihre Heimaten mehr angewiesen waren als wir. Sie waren in höherem Maße Gewächse und vollkommenere Gewächse, aber dafür auch erdiger, bodengebundener, ungeistiger.

»Alles Schöne ist ein Herausschneiden«, sagt Friedrich Theodor Vischer.

Dies gelingt bei den antiken Objekten und Subjekten viel besser als bei den modernen. Sie sind dankbarere Gegenstände der ästhetischen Betrachtung, simpler, bildhafter, porträtabler. Gerade ihre Einfachheit ist es, die uns veranlasst, ihnen eine eigentümliche Größe zuzubilligen.

Gestalten wie Homer und Hiob, Zarathustra und Cäsar hat schon das Mittelalter nicht mehr hervorgebracht. Der Mensch Mediterraniens war durchsichtig wie das glasblaue Meer, das ihn geboren hat. Aber er ist auch darin ein Kind des Wassers, dass er gleich Undine, der schönen Seenixe, keine Seele besitzt.

 

Die Toga als Alibi

In alledem liegt eine große Verführung zum Stilisieren. Schon Niebuhr sagte, man habe die alte Geschichte bisher behandelt, als ob sie nicht wirklich geschehen wäre. Sie trug ausnahmslos, ob sie poetisch oder »wissenschaftlich« traktiert wurde, Märchencharakter. Alle ihre Taten waren typisch, alle ihre Gestalten Figurinen. Hier einmalige Tonfälle und Gesichter herauszulesen, hätte man für blasphemisch gehalten.

Auch die Kausalität war die des Lesebuchs. Man sah sie grundsätzlich immer gesteigert, überdimensional, heroisch. Aber gerade dadurch wurde sie unwirklich, und das heißt: unheroisch. Denn der Held ist die realste Erscheinung, die es auf dieser Erde gibt. Das Große an einem Luther oder Cromwell, Napoleon oder Bismarck war, dass sie ganz und gar in Wirklichkeiten lebten, die die anderen entweder gar nicht sahen oder ängstlich mieden.

Durch dieses Pathetisieren der Antike wurde der Alexanderzug zu einem Abenteuerroman und das Reich der Cäsaren zu einem lateinischen Aufsatz. Ein bis zur Unbewusstheit selbstverständlicher Zweifel an der Existenz dieser Zeitläufe und Personen begleitet uns durch die Schulen, Theater, Bibliotheken, von ihm ist dieser ganze Vorstellungskomplex »Altertum« imprägniert. Toga und Tiara sind ein Alibi.

Seit Mommsen und Burckhardt, Nietzsche und Shaw wissen wir allerdings, dass auch die Alten Geschöpfe wie wir waren, und nur bornierte Schulmeister können hier von zerstörten Idealen reden. Wer nicht auch im Schlafrock ein König ist, der ist nie einer gewesen. Der Alte Fritz ist größer bei Menzel als bei Schadow.

Ein bekanntes Sprichwort sagt zwar: Vor dem Kammerdiener gibt es keinen Helden; aber das ist falsch, wie die meisten Sprichwörter: Erst vor dem Kammerdiener zeigt sich, ob einer ein Held ist. Die großen Menschen sind gerade in ihren menschlichsten Augenblicken am allergrößten. Das Schönste und Unvergänglichste an ihnen werden immer ein paar Alltagsanekdoten bleiben.

 

Perlippe, perlappe

Auch in der Periodisierung hat man stilisiert. Eine synchronistische Betrachtungsweise ist in der antiken Geschichte gar nicht üblich. Die einzelnen Völker marschieren hintereinander auf wie Kostümgruppen in einem Festzug. Es ist wie im Puppenspiel vom Doktor Faust: Wenn Kasperle perlippe sagt, so kommen die Geister; sagt er perlappe, so verschwinden sie.

Dass zum Beispiel Romulus, Homer und der Prophet Amos ungefähr Zeitgenossen waren, dürfte den meisten Menschen nicht zum Bewusstsein gekommen sein. Man hat den Eindruck, dass eines Tages die Ägypter plötzlich ausgestorben seien.

Jetzt gibt es bis auf Alexander nichts als Griechen; mit dessen Tode aber tauchen sie unter: perlappe! und, perlippe, steigen die Römer aus der Versenkung. Indes ist dieses Verfahren doch gar nicht so unberechtigt, wie es scheint, denn die antiken Völker haben sich viel isolierter entwickelt als die modernen, und ein Grieche des perikleischen Zeitalters hat wirklich von Latium oder Palästina nicht viel mehr gewusst als ein Renaissancemensch von Japan oder der Südsee.

Die alte Geschichte ist auch darin ein ästhetischerer Gegenstand als die spätere, dass sie ganz von selber in klar abgegrenzte Akten, Stufen, Peripetien zerfällt. Eigentlich ist ja mit Alexander die griechische Geschichte wirklich zu Ende, und die römische vor Alexander ist eine Art Prähistorie.

Und überhaupt scheint es, dass wir uns anschicken, sowohl auf geologischem wie auf historischem Gebiet zur Katastrophenlehre des alten Cuvier zurückzukehren. Der Darwinismus entsprach dem englischen Temperament und dem bourgeoisen Weltgefühl, das nicht an jähe und gewaltsame Metamorphosen, plötzliche Weltaufgänge und Weltuntergänge glauben wollte, sondern nur an behagliche Entwicklung.

Wir denken darüber anders. Wir haben nacheinander in Russland, in der Türkei, in Italien und in Deutschland über Nacht einen völligen Umbau sich vollziehen und, wie aus der Erde gestampft, einen neuen Menschentypus emporsteigen gesehen.

Es scheint, dass wirklich ganze Völker mit einem Schlage sich verwandeln, auftauchen, verschwinden können. Nach Cuvier entsteht in jeder geologischen Epoche durch Neuschöpfung eine besondere Fauna, die eines Tages durch eine Katastrophe völlig vernichtet wird, um einer anderen Platz zu machen: Die Erdgeschichte vollzieht sich in Revolutionen.

Auch Hörbiger nimmt an, dass in ihr ruhige Abschnitte (Evolutionsperioden) mit Zeiten rascher Umbildungen (Paroxysmen, Diastrophen) dauernd abwechseln.

Goethe war seiner ganzen Natur nach ein dezidierter Anhänger der epischen Geschichtsauffassung. Am 2. August 1830 teilte er Eckermann jubelnd mit, dass der Evolutionist Geoffroy de Saint-Hilaire in einer Sitzung der Pariser Akademie Cuvier erfolgreich bekämpft habe. Aber genau an demselben Tage waren die ersten Nachrichten von der Julirevolution nach Weimar gelangt.

Selbst Rankes hochkonservatives, vom Staatskabinett aus visiertes Geschichtsbild nimmt für die Neuzeit eine Art Turnus an, in dem die führenden Nationen einander ablösen; und bei den Völkern des Altertums können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass sie fast alle durch Mord oder Selbstmord geendet haben. Also doch perlippe, perlappe!

 

Der Tierkreis

Für die chronologische Gliederung der antiken Geschichte müssen wir die Astrologie zu Hilfe nehmen. Die Kreisbahn, die die Sonne im Laufe eines Jahres am Himmelsgewölbe von Westen nach Osten durchläuft, nennt man Zodiakus, Tierkreis oder Ekliptik. Bei Frühlingsanfang, am 21. März, befindet sich die Sonne im Äquinoktialpunkt: es ist dies der eine der beiden Tage des Jahres, an denen die Nacht dem Tage gleich ist; sein Gegenstück ist der Herbstnachtgleichenpunkt. Man bezeichnet den 21. März auch kurz als Frühlingspunkt.

Indes war bereits den Babyloniern seit den ältesten Zeiten die Präzession der Sonne bekannt: die Tatsache, dass bei Frühlingsanfang die Sonne nicht alljährlich an derselben Stelle des Tierkreises steht, sondern dass dieser Punkt ebenfalls den ganzen Zodiakus durchläuft, und zwar in entgegengesetzter Richtung zur Ekliptik.

Der griechische Astronom Hipparch fand um 150 vor Christus durch Vergleichung mit früheren Beobachtungen, dass der Frühlingspunkt sich im Laufe eines Jahrhunderts um mehr als einen Grad nach Westen verschiebt.

Spätere bestimmten die Differenz noch genauer mit 72 Jahren für einen Grad. In rund 26000 Jahren vollbringt der Frühlingspunkt einen vollen Umlauf von 360 Grad. Dieser Zeitraum heißt das Große oder Platonische Jahr. Vollständig genau ist er nie berechnet worden, und er ist auch, infolge gewisser kleiner Veränderungen, denen die Bewegung unterworfen ist, nicht immer derselbe.

Selbstverständlich handelt es sich bei allen diesen Vorgängen nur um scheinbare Bewegungen. In Wirklichkeit ist die tägliche Rotation des Himmelsgewölbes durch die Drehung der Erde um ihre Achse verursacht, der Jahreslauf der Sonne durch die Drehung der Erde um sie und die Präzession der Äquinoktien durch eine Richtungsänderung der Erdachse.

Die auf der Ekliptik liegenden Sternbilder bilden den Tierkreis, es sind zwölf: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische. Man nennt sie Zeichen. Jedes von ihnen entspricht einem Abschnitt der Ekliptik, einem Sonnenbahnstück von 30 Grad.

Infolge der Präzession verschiebt sich der Aspekt in 30 × 72 = 2160 Jahren um ein solches Bogenstück, und zwar rückläufig; ungefähr alle zwei Jahrtausende tritt also die Erde in ein neues Zeichen.

Historisch können wir noch die Herrschaft von drei bis vier Sternbildern konstatieren. Die ältesten erhaltenen Urkunden stammen aus der Periode des Stiers. Aber das ganze System ist viel älter und zeigt deutliche Spuren der vorangegangenen Ära, wo der Frühlingspunkt sich in den Zwillingen befand.

Der Zodiakus von Dendera in Oberägypten, eine Tierkreisabbildung, die in einem alten Tempel angebracht war, zeigt die Situation gegen heute um mehr als 60 Grad verschoben: Die Stierzeit befand sich damals in ihrem letzten Stadium.

Als Hipparch die Zeichen einführte, ging gerade die Widderzeit zu Ende, und wir stehen heute am Ausgang der Fischzeit.

Die Regentschaft der Zwillinge begann etwa um 6500 vor Christus, die des Stiers um 4400, die des Widders um 2300, die der Fische um 150, und sie wird noch in diesem Jahrhundert in die des Wassermanns übergehen.

Wir befinden uns also an einer großen Zeitwende: Daher unsere Unruhe und Zerrissenheit. Selbstverständlich handelt es sich bei diesen Übergangsepochen nicht um Jahre oder auch nur Jahrzehnte, sondern um breite Grenzsäume.

Das Hinüberwechseln vom Stier zum Widder ist markiert durch die Begründung des Mittleren Reichs in Ägypten und des Babylonischen Großreichs in Vorderasien.

Beim Eintritt der Fischära beginnt auch historisch eine neue, die christliche Zeitrechnung.

Stier bedeutet breite, ruhende, pflanzenhafte Fruchtbarkeit, weiträumigen Blick, Empfänglichkeit, aber auch Voreingenommenheit. Es ist das Weltgefühl des alten Reichs der Ägypter, in dem der Stier göttliche Verehrung genoss.

Widder ist kriegerische Aggression und Herrschbegier, Intellektualität und Wirklichkeitssinn, feines und starkes Gefühl für das Nahe: Es ist die »euklidische« Seelenhaltung der klassischen Antike, die hier zur Herrschaft gelangt.

Während Mose widdergehörnt ist, ist der Fisch von Anfang an das Symbol der Christen gewesen.

Im Mittelpunkt eines jeden dieser Zeitalter steht eine bestimmte Idealgestalt als höchster Ausdruck seiner Lebensform (der polare Typus sowohl wie der gemischte ist natürlich auch immer da, aber sozusagen illegitim): Im Stier ist es der Magier, im Widder der Tyrann, in den Fischen der Heilige.

Der Gegenspieler des herrschenden Typus ist in der Widderzeit der Philosoph, der die Welt verachtet und sich so auf seine Art ebenfalls zu ihrem Tyrannen macht, in der Fischzeit der Eroberer, der physisch ebenso ins Unendliche strebt (auch in seiner Spielart als Techniker), wie dies der Heilige seelisch versucht. Und wie Alexander und Augustus, Perikles und Cäsar etwas vom Philosophen hatten, so waren Karl der Große und Barbarossa, Fridericus und Napoleon wenn auch nicht Heilige, so doch eine Art Märtyrer, die ein unsichtbares Kreuz trugen.

Auch über den Weltenmonat des Wassermanns ließe sich heute schon einiges sagen: Wir wollen dies aber unterlassen, weil auf keinem Gebiete Missverständnisse näher liegen als auf dem astrologischen.

Auch alles bisher Bemerkte ist, dies muss aufs Allernachdrücklichste betont werden, nicht im Geringsten wörtlich zu nehmen, wie denn überhaupt diese Zusammenhänge in Worten gar nicht ausdrückbar sind.

 

Die Heilige Nacht

Die Heilige Nacht bezeichnet nicht nur den Beginn der christlichen, sondern auch das Ende des antiken Weltalters. Die Zäsur erscheint auch auf weltlichem Gebiet im Prinzipat Cäsars und dem Eintritt der Germanen in die Geschichte.

Dass Cäsar durch seine Eroberungszüge das Herz Europas aufschloss, war, wie Hegel sagt, »die Mannestat des römischen Feldherrn, welche erfolgreicher war als die Jünglingstat Alexanders, die gleich wie ein Ideal bald wieder verschwunden ist«.

Es ist ein kurzsichtiger Namenaberglaube, der nur die Oberfläche der Dinge berührt, wenn man annimmt, das Altertum habe so lange gewährt wie das Römische Reich. Auch in der heidnischen Welt vollzog sich während der Kaiserzeit eine völlige Metamorphose.

»Ist das Genie vorbeigeschritten«, sagt Diderot, »so ist es, als habe sich das Wesen der Dinge umgewandelt, denn sein Charakter ergießt sich über alles«: Um wie viel mehr, wenn ein Gott die Erde berührt!

Die Herabkunft des Heilands reißt die Weltgeschichte in zwei Hälften auseinander. Wir wollen nichts wissen von jenen engstirnigen und subalternen Bemühungen, die die größte Peripetie der ...

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