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Künstlerpech

Prolog

Gregorianische Gesänge und der dumpfe Bass der Gitarre – wie sehr erregt es ihn. Doch noch mehr das, was vor ihm aus dem Boden wächst, als wäre der Boden eins mit diesem Körper.

Gebückt berührt er die Fingerkuppe, die er gerade eben mit einer Feile bearbeitet hat. Der Nagel wirkt wie ziseliert. Sogar die Monde auf der Oberfläche sind zu erkennen, jede noch so kleine Vertiefung, jede Erhebung. Er ist zufrieden. Langsam richtet er sich auf, geht ein paar Schritte zurück zur Raummitte. Über sein Gesicht huscht ein Lächeln. Wahrlich, es ist sein bestes Werk.

In einigen Tagen würde es in der Galerie stehen. Dafür hat er lange gekämpft. Er sieht Besucher davor weilen, welche die Dynamik der Figur bestaunen. Vielleicht würden sie sich hinknien ob ihrer Hochachtung. Aus Respekt vor ihm, dem Künstler. Journalisten würden sich darum streiten, wer zuerst mit Fragen auf ihn zukommen durfte, und anderntags stünden die Schlagzeilen in roten Lettern über dem Bericht, auf den er so lange hat warten müssen. Endlich das geworden, wofür er geboren worden ist – der Begnadete mit den magischen Händen. Er würde sogar im von ihm verachteten Boulevardblatt auf der Titelseite stehen, in den Zeitschriften und Ratgebern.

„Halleluja! Oh, ihr Götter, mir wohlgesinnten. Ihr Engel, welche sie begleiten. Und ihr dort unten, im Flammenmeer Ertränkten, ihr Teufel, was habt ihr über mich gelacht. Doch jetzt ist euch das Lachen vergangen, ha. So eine Figur habt ihr noch nie zuvor gesehen. Schöner noch als Michelangelos Davide. Jede Körperfalte mit Hingabe gemeisselt. Vollendet in ihrer Ausführung. Einen Meter fünfundsiebzig Perfektion vom Scheitel bis zu den Sohlen.“

Mit dem Geschlecht hat er sich besondere Mühe gegeben. Nicht verborgen hinter dem Feigenblatt – nein, strotzende Manneskraft in ihrer naturgegebenen Grösse. Aufstrebend und potent. So, wie er es immer hat sein wollen. Gesund und stark.

Man würde über ihn reden, als der, der den Keuschheitsgürtel gesprengt hat. Er will die Leute konfrontieren, sie zum Hinsehen zwingen. Sie würden ihm die Füsse lecken wollen. Ihn dafür lieben, dass er den Schleier gehoben hat. Erneut eine Welle der Erregung. Dabei hat er sich in Körperbeherrschung geübt. Ist eingeübt, den irdischen Gelüsten nicht nachzugeben. Es ist nicht einfach, sich den Eindrücken zu entziehen, die täglich einen überfluten. Manch einer ertrinkt in ihnen. Es gibt kein Zurück.          

Er streicht zärtlich über den bronzenen Penis. Sogar die Eichel ist ihm vollends gelungen. Jede Falte ist perfekt.

Lobgesang aus dem Radio.

„Allmächtiger, der ich bin.“ Er umrundet die Skulptur. Wie soll er sie nur nennen? Adonis – Gott der Schönheit? Oder Alkibiades, Sokrates’ platonischer Liebhaber? Zitternd streckt er seine Hände aus, umfasst die Schultern. „Mein bist du, meine Geburt, Anfang und Ewigkeit. Aus meiner Fantasie geboren.“

Die Haut glänzt, noch ein letzter Schliff. In einer Schale hat er die Haare bereitgelegt – die für den Kopf und alle anderen. Er würde noch zusätzlich einen halben Tag daran arbeiten müssen, bis alles am richtigen Platz ist. Die Härchen mit Bronze überpinseln, mit der Legierung, die er selbst ausgetüftelt hat. Ja, er ist ein Genie.

Er will ihn Alkibiades nennen.

Durch das schmale Fenster am Ende des Raumes fällt ein Streifen Licht. Die Sonne wirft die letzten Strahlen und zeichnet warme Sprenkel auf das Bronzegesicht.

Er arbeitet ohne Zeitgefühl. Die Kopfhaare sind befestigt. Über den Armen und Beinen klebt ein schwacher Flaum. Und vom Bauchnabel bis zu den Lenden kräuseln sie sich widerspenstig.

Der Mönchschor singt zum wiederholten Mal dasselbe Lied, und die Gitarre brummt dazu den Bass. Er umkreist die Figur, tänzelt gebückt, dann wieder gestreckt. Wie Rumpelstilzchen vor dem Feuer, dass niemand seinen Namen wisse.

Das vergehende Licht streichelt über die Stirn, die wohlgeformte Nase und den schmalen Mund. Er kann sich nicht von diesem Anblick lösen. „Alkibiades, jetzt würde ich dich zum Leben erwecken wollen, dir meinen Atem einhauchen. Du bist so wunderschön und gottgegeben.“

Zärtlich umfasst er seinen Leib.

Mittwoch, 8. Mai

Das Telefon klingelte. Thomas sass vor dem Laptop und betrachtete die Fotos von vergangenem Urlaub. Meer, nichts als Meer. Dazwischen weisse Sandstrände, Palmen und ein Himmel wie auf dem Hochglanzprospekt des Reisebüros. Isabelle hatte nicht zu viel versprochen. Sie lehnte an der Reling des Riesendampfers und streckte ihre braun gebrannten Beine dem Betrachter entgegen. Thomas griff zum Apparat, während er die Augen nicht von dem Bild lassen konnte. Unbestritten hatte er noch immer eine attraktive Frau.

„Kramer.“ Er musste sich ein paar Mal räuspern.

„Dad, ich bin’s, Stefan.“

Seit der Rückkehr aus den Ferien hatte Thomas seinen Sohn erst einmal gesehen. Er hatte ihn und Isabelle auf dem Flughafen abgeholt und ihnen auf der Rückfahrt erzählt, welch hektische Zeit ihm bevorstehe. „Ich dachte, du seiest auf einer Fortbildung“, fragte er deshalb.

„Die ist verschoben worden“, antwortete Stefan. „Bist du heute am späten Nachmittag zu Hause? Ich muss dich dringend sprechen.“

„Wann hast du denn Feierabend?“

„Um halb fünf.“

„Bankangestellter müsste man sein.“

„Du bist ja auch schon daheim“, wunderte sich Stefan. „Wieso eigentlich?“

„Überstundenkompensation.“ Thomas klickte ein Bild weiter. Isabelle im neu erstandenen Bikini. Wie wundervoll ihre Figur zur Geltung kam, bemerkte er erst jetzt. Auch ihr Haar trug sie länger. „Warum erzählst du’s mir nicht am Telefon?“

„Weil ich so oder so wieder einmal bei euch vorbeischauen wollte.“

„Deine Mutter ist aber nicht da.“ Das nächste Bild: Zwischenstopp in Otrobanda, im Hafen von Curaçao. Der Besuch in Willemstad. Isabelle mit Hut.

„Ich möchte dich unter vier Augen sprechen.“ Stefan klang angespannt.

„Worum geht es denn?“ Unterwasseraufnahmen. Isabelle beim Schnorcheln. Dann Thomas seitlich abgelichtet. Wohin hatte Isabelle nur geschaut? Nein, von einem Waschbrettbauch war er noch immer weit entfernt. Nachtessen im Speisesaal des Luxusdampfers. Isabelle im kleinen Schwarzen. So entspannt hatte er sie schon lange nicht mehr erlebt.

„Ich kann nicht am Telefon darüber reden.“ Stefan erklärte, dass er in etwa einer Stunde am Sonnenberg sein würde. „Lucille hat Dienst. Ich kann zum Abendessen bleiben.“

„Hast du dich gerade selbst eingeladen?“ Thomas lachte. Isabelle sah ihn mit über die Nase geschobener Sonnenbrille an. „Also, mach dich auf den Weg. Ich warte.“ Den Besuch im Fitnesszentrum konnte er verschieben. Er vergrösserte jetzt eine Nahaufnahme von seinem Gesicht und sah es sich genauer an. Die steile Falte zwischen den Augenbrauen war neu. Trotz der Ferien. Plötzlich Tizianas Gesicht, das wie ein Blitz in seine Gedanken zuckte. Nicht wirklich. Thomas schloss das Dokument. Tief einatmend lehnte er sich zurück. Armando Bartolini war noch nicht dazu gekommen, ihn über den Abschluss des letzten Falls näher zu informieren. Wollte er es überhaupt hören?

Thomas ging in die Küche, die neben dem Esszimmer durch ein Bogentor zu erreichen war. Im Gefrierschrank fand er eine Portion Lasagne. Er heizte den Backofen auf, sah währenddessen die Zeitungen durch. Entlassungen und Arbeitslosigkeit überwogen in den Schlagzeilen. Eine halbe Seite wurde dem Zyklon Nargis gewidmet, der Ende April über dem nördlichen Indischen Ozean gewütet hatte. Die Frage, ob man in Zukunft vermehrt mit solchen Wetterkapriolen rechnen müsse, wurde einem Spezialisten gestellt, dessen Namen Thomas noch nie zuvor gelesen hatte. Er blätterte um und überflog die Sportnachrichten. Wie immer dominierte der Fussball, doch das interessierte ihn nicht.

Später schob er die Lasagne auf dem Blech in den Backofen. Im Esszimmer deckte er den Tisch für drei Personen. Dazu holte er die farbigen Tischsets hervor und arrangierte Teller, Messer und Gabel zusammen mit den Rotweingläsern. Isabelle würde vielleicht früher als beabsichtigt von ihrer Arbeit zurück sein. Manchmal fing sie bereits um halb sieben an und kam dadurch früher nach Hause. Oftmals liessen sie dann den Abend mit einem Glas Wein ausklingen. Er holte seinen kalifornischen Lieblingswein – den Hess Selection – aus dem Keller, entkorkte ihn und trug die Flasche ins Esszimmer, wo er sie auf den Tisch stellte.

 

Die Obstbäume standen in der letzten Blüte. Ein leichter Dunst hatte sich über die Landschaft gelegt. Thomas stand beim Fenster und blickte den Hang hinunter. In den letzten Jahren war jedes Fleckchen Grün überbaut und zubetoniert worden. Die Hauseigentümer versuchten dennoch, mit üppigen Bepflanzungen das zurückzuerobern, was sie verloren hatten – ein Stück urchige Natur. Die Grundstücke waren mit mannshohen Mauern oder Holzzäunen gegen den Nachbarn abgeschottet, die Anonymität war wohl jedem ein Bedürfnis. Thomas kam es vor, als hätte sich jeder seinen eigenen Schrebergarten angelegt. Er wechselte auf die Rückseite, spähte durchs Fenster, als Stefan auf den Parkplatz fuhr. Seit einem halben Jahr gehörte ihm ein schwarzer Mini Cooper. Thomas ging ihm entgegen und stellte sich unter den Türrahmen. Mit verschränkten Armen beobachtete er seinen Sohn, wie er aus dem Auto stieg, abschloss und mit schlaksigen Schritten auf ihn zukam. Mit den ihm vertrauten Bewegungen, demselben Schritt, denselben Gesten – Thomas’ Abbild in der Ausgabe der jüngeren Generation. Sie umarmten einander.

Thomas stiess seinen Sohn ins Esszimmer. „Ich habe Lasagne gemacht. Ich hoffe, die wird dir schmecken.“

Stefan lehnte an das Sideboard. „Danke, das reicht für meine bescheidenen Ansprüche.“

„Im Untertreiben warst du schon immer ein Weltmeister. Wie sieht es mit der Fortbildung aus?“

„Zu viele Anmeldungen.“ Stefan griff mit beiden Händen in die braunen Haare, die er sich frisch hatte schneiden lassen – an der Grenze zum Kahlschlag. „Mich haben sie der zweiten Gruppe zugeteilt. Vielleicht fällt der Kurs dann genau in meine Ferien. Auch nicht weiter schlimm, da Lucille arbeiten muss.“

„Nun schiess los“, forderte Thomas ihn auf. „Was hast du auf dem Herzen, das du nicht am Telefon hast besprechen wollen?“ Er beobachtete seinen Sohn wohlgefällig.

Stefan schob einen Stuhl unter sein Gesäss. „Erinnerst du dich an Silvano Zanetti?“

„Wer soll das sein?“

„Der Name sagt dir nichts?“ Stefan sah seinen Vater enttäuscht an. „Siehst du den Kulturteil in der Luzerner Zeitung denn nie an? Er fertigt diese wunderschönen Skulpturen, vorwiegend Frauenakte.“

„Kann sein, dass ich die Frauenakte betrachtet habe.“ Thomas schmunzelte verheissungsvoll. „Manchmal lese ich auch den Kulturteil“, ergänzte er. „Doch der Name sagt mir nichts.“

„Mit Silvano ging ich in die Sekundarschule. Als ich mit der kaufmännischen Lehre begann, besuchte er die Kunstgewerbeschule. Wir haben uns dann eine Weile aus den Augen verloren. Bis etwa vor einem halben Jahr.“

„Ach der, der Jugendfreund. Nannte man ihn nicht Sily? Er war ab und zu bei uns. Dass ich das vergessen konnte.“ Thomas ging in die Küche, öffnete den Backofen, griff nach zwei Topflappen und holte das Blech mit der Lasagne heraus. „Jetzt erinnere ich mich wieder. Hat er nicht diese Wand vor der Turnhalle verunstaltet?“ Er stellte das Blech auf die Ablage und entnahm ihm die Glasschale mit der Lasagne. Diese trug er ins Esszimmer.

„Heute hätte dieses Bild einen enormen Wert. Aber diese Kunstbanausen mussten es ja unbedingt überpinseln.“

„Kunst ist Geschmacksache!“ Warum musste er plötzlich an Tiziana denken?

„Ist etwas?“ Stefan sah seinen Vater stirnrunzelnd an. „Erinnerst du dich doch an ihn?“

„Gerade erinnere ich mich an den Mann, den man am Schmutzigen Donnerstag erschossen hat.“ Thomas schöpfte. Seine Hand zitterte unmerklich. „Der war auch ein Künstler. Nur war er beim Malen geblieben. Was also ist mit diesem Silvano Zanetti?“

Stefan nahm seinen Teller entgegen. „Er will heiraten. Am Freitag war Polterabend im Hotel Schweizerhof. Aber er ist nicht erschienen.“

„Er wird es sich anders überlegt haben.“ Thomas setzte sich und breitete eine Serviette auf den Knien aus. Er griff zur Flasche und goss den Rotwein zuerst in Stefans, dann in sein Glas.

„Aber nicht Silvano.“

„Wann will er denn heiraten?“

„Am nächsten Samstag. Zuerst auf dem Standesamt und anschliessend in der Kirche. Übermorgen hätte er zudem die Vernissage zu seiner Ausstellung, darum war der Junggesellenabend vorverlegt worden.“

„Hast du seine Verlobte angerufen?“

„Nein! Sie hat mich kontaktiert. Sie ist völlig aus dem Häuschen.“ Stefan angelte sich die Serviette. „Sie macht sich grosse Sorgen. Silvano ist wie vom Erdboden verschluckt, und das seit fünf Tagen. Irgendetwas muss geschehen sein.“

„Und seine Eltern? Vielleicht wissen die, wo sich ihr Sohn aufhält.“ Thomas griff nach dem Glas. „Prost dann.“

Stefan zögerte. „Auch sein Vater hat keine Ahnung, wo er sich befindet. Er war auch schon bei der Polizei deswegen.“ Er hob das Glas und erwiderte den Toast.

Beide tranken. Sie stellten das Glas gleichzeitig hin.

„Jetzt mal halblang ... er hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben? Verstehe ich dich richtig?“ Thomas liess die Gabel, die er zum Mund hatte führen wollen, in der Luft stehen.

„Ja, das hat er. Doch die Polizeibeamten wollten vorerst mit einer Fahndungsmeldung warten.“

„Ist nachvollziehbar. Wer weiss, was im Kopf eines jungen Mannes vorgeht, der kurz vor der Heirat steht. Vielleicht hat er ja Panik bekommen. Der wird schon wieder zum Vorschein kommen.“

„Du kennst Silvano nicht. Es ist ihm ernst. Da haben sich zwei Menschen gefunden, die füreinander bestimmt sind ...“

„Im Gegensatz zu dir und Lucille?“ Thomas merkte zu spät, wie sehr er seinen Sohn damit verletzte. „Tut mir leid, das ist mir jetzt so herausgerutscht.“

Stefan hingegen versuchte, es zu ignorieren. „Hey Dad, was ist los? Können wir bitte beim Thema bleiben? Apropos Lucille: Ich würde genau gleich reagieren, wenn sie von einem auf die andere Stunde verschwinden würde. Ich würde keine Minute zögern, sie zu suchen.“

Darin bestand wohl der Unterschied. Thomas erinnerte sich an Isabelles Verschwinden vor bald fünfundzwanzig Jahren. Da war sie nach einem heftigen Streit Hals über Kopf aufgebrochen. Er hatte eine Woche auf sie gewartet, ohne von ihr ein Lebenszeichen zu erhalten. Am achten Tag hatte sie wieder vor seiner Tür gestanden und ihm mit aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, dass sie zumindest einen Anruf von ihm erwartet hätte. Sie von ihm, dabei hatte er nicht einmal gewusst, wo sie sich aufhielt. Es war nicht das einzige Mal gewesen, dass sie ihre Dickschädel gegeneinander ausspielten.

„Ich kann dir nicht helfen. Das gehört nicht in meinen Aufgabenbereich.“

„Und warum nicht? Es geht hier um Leib und Leben. Du bist Chef des Ermittlungsdienstes. Du könntest doch ...“

„Nein, kann ich nicht!“ Thomas beugte sich über den Teller. „Iss jetzt, sonst wird’s kalt.“

Stefan verzog schweigend den Mund. Was war nur in seinen Vater gefahren, dass er dermassen reagierte. Trotzdem liess er sich nicht einschüchtern: „Es muss irgendetwas geschehen sein. Ich habe Silvano noch nie so zufrieden erlebt wie in den letzten Tagen vor seinem Verschwinden. Er war sich der Sache sehr sicher. Er wollte heiraten und Kinder haben, eine richtige Familie eben ...“ Er schniefte. „Bei dir muss es immer zuerst eine Leiche geben.“ Er schob den halb leeren Teller von sich. „Sage mir, an wen ich mich sonst wenden soll.“

Thomas legte das Besteck nieder. „Wenn wir jedem Verschwundenen nachgehen müssten, hätten wir bald noch mehr Überstunden zu bewältigen als bis anhin. Der wird wieder auftauchen. Glaube es mir. Eine Heirat ist ein wichtiger Entscheid im Leben. Vielleicht denkt er im Stillen darüber nach und möchte einfach allein sein.“

„Dann hätte er seiner Verlobten zumindest Bescheid gegeben.“ Stefan warf die Serviette auf den Tisch. „Danke, Dad, du bist mir wirklich eine ausserordentlich grosse Hilfe.“ Ohne ein weiteres Wort verliess es das Esszimmer. Zügig schritt er durch den Korridor. Thomas hörte die Tür ins Schloss fallen. Auch ihm war der Appetit vergangen.

Als er draussen den Motor vernahm, räumte er nachdenklich das Geschirr ab.

 

                                                                       ***

          

Pünktlich, wie verabredet, sass Dunja Neumann im Bistro. Sergio Zanetti hatte in keinem Satz erwähnt, weshalb er sie so dringend sprechen wollte. Alles, was mit dem Konzern zu tun hatte, erledigte Dunja wie üblich mit Sergios Vater, einem dieser Hierarchen, die sogar – lägen sie im Sterben – vom Bett aus ihre Direktiven erteilten. Sergio dagegen genoss sein Leben als verwöhnter Sohn, der das Arbeiten nicht erfunden hatte. Massgeschneidert in jeder Beziehung. Nicht nur seine extravaganten Anzüge kosteten ein Vermögen, auch seine Leidenschaft für schnelle Autos und teure Lokale, das wusste Dunja, denn Vater Zanetti hatte sich erst kürzlich wieder beklagt, dass er den Lebenswandel dieses Sohnes nicht dulde.

Dass ihn ein blutunterlaufenes Auge zierte, sah Dunja in dem Moment, als Zanetti neben ihren Stuhl trat und sich für seine Verspätung entschuldigte. „Cara mia, che bellezza siete, sempre lastessa meravigliosa donna ...”

Dunja hob das Kinn. Sie wusste, dass sie attraktiv aussah. Ihr Gesicht hatte trotz des Alters eine runde, schöne Form behalten. Ihre Wangenknochen standen hoch. Sie sah ihr Gegenüber an.

Er trug einen saloppen Weston, am Handgelenk baumelte eine schwere Goldkette und das Pendant dazu über die behaarte Brust, welche durch das aufgeknöpfte Hemd zu sehen war. Seine schwarzen Haare hatte er pomadisiert, den Schnurrbart fein gestutzt. Er schien sich seiner Wirkung bewusst zu sein und unterstrich dies zusätzlich mit einem schelmischen Lächeln, das ein schneeweisses Gebiss aufblitzen liess.

Aufheller, dachte Dunja. Sie sagte: „Das können Sie sich ersparen.“ Sie griff nach ihrer Handtasche, beförderte sie unter den Tisch und bat Zanetti, sich zu setzen.

„Nun, was führt Sie zu mir?“, fragte sie kalt, vielleicht eine Spur zu unterkühlt, aber das lag an der plumpen Anmache ihres Gegenübers.

Zanetti schnippte mit dem Finger und beorderte den Kellner an ihren Tisch.

„Ich bin da in eine heikle Situation geraten“, sagte er, ohne konkret zu werden.

„Aha ...“, war das Einzige, was Dunja herausbrachte. Sie überlegte sich, wie heikel die Situation sein konnte, dass man sie zurate zog.

„Ich möchte, dass Sie mich vertreten.“

„Sie müssten mir sagen, worum es geht.“

„Ich bestehe darauf, dass Sie das Mandat übernehmen.“

Zanettis Grinsen ignorierte sie. „Es gibt Hunderte von Anwälten, die sich die Finger lecken würden, könnten sie Sie vertreten. Wofür auch immer. Warum ich?“

„Sie sind unsere Familienanwältin ...“ Seine sonore Stimme schwang in einem geradezu unverschämten Timbre.

Dunja schwieg, weil der Kellner zwei Latte macchiato und ein Glas Wasser brachte. Krampfhaft versuchte sie zu lächeln. Als ihr Zanetti eine Zigarette anbot, griff sie danach, obwohl sie sich das Rauchen seit Jahren abgewöhnt hatte.

„Vergessen Sie es“, sagte sie nach einer Weile und liess sich von ihm Feuer geben. Indem sie seine Hand hielt, bemerkt sie den vergoldeten Anzünder und die beiden eingravierten Initialen. Zanettis Zittern entging ihr nicht.

„Taolyn betrügt mich ...“

„… Und hat Ihnen wohl auch dieses Veilchen verpasst?“ Dunja musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen. „Und jetzt möchten Sie sich scheiden lassen? Ist es das? Warum sagen Sie es nicht gleich?“

„Ja, das würde dann wahrscheinlich alles vereinfachen“, grinste nun auch er. „Wegen des Veilchens. Dann huschte ein dunkler Schatten über sein Gesicht. „Aber die Scheidung hat noch Zeit. Ich brauche Sie aus einem anderen Grund.“

„Und deshalb haben Sie mich hierher bestellt? Kommen Sie in mein Büro“, sagte sie, nicht gewillt, in diesem Bistro über Berufliches zu sprechen, zumal sich am Tisch nebenan zwei mit ihr befreundete Frauen hingesetzt hatten. „Wir unterhalten uns dort darüber ...“

„... damit Sie mich wieder abservieren? Nein, meine Liebe. Ich will jetzt Ihre Zusage!“

„Ich verabscheue Undurchsichtigkeiten.“ Dunja hatte Zanettis Mandat nicht nötig, auch wenn er, wie sie annehmen musste, bereit war, ein ungewohnt hohes Honorar zu bezahlen. Aber mit Zanetti junior hätte sie sich mehr Ärger aufgebürdet als mit sonst wem.

„Questo vediamo …!“ Zanetti gebrauchte ein paar Ausdrücke, die Dunja auf unterstem Niveau empfand und von denen sie hoffte, dass niemand sonst in ihrer Nähe sie verstand.          

Zanetti langte in die Innentasche seines gestreiften Jacketts und holte einen Ledereinband hervor. „Ich werde Ihnen einen Vorschuss geben, den Sie gebrauchen können ...“

„Ich bin die falsche Person ...“

Er ignorierte ihren Einwand und kritzelte mit einem Stift, der genauso vergoldet aussah wie der Anzünder, eine vierstellige Zahl ins obere Feld des Schecks. „Sie werden es bestimmt nicht bereuen ...“ Zanetti lehnte sich über den Tisch und fixierte Dunja mit starren Augen. „Hören Sie, das ist noch nicht alles.“

„Wir sollten in mein Büro fahren.“ Dunja schielte zu den beiden Frauen am Nebentisch. Diese jedoch schienen in ihr eigenes Gespräch vertieft zu sein, dass sie nicht dazukamen, genauer hinzuhören.

„Das können wir immer noch. Hören Sie mir einfach nur zu.“

Dunja rührte ungeduldig den Kaffee um. „Wir befinden uns nicht in Hollywood.“ Sie lachte dunkel.

„Das heisst, Sie nehmen den Fall an?“ Zanettis Augen glänzten.

„Ich habe noch gar nichts“, rechtfertigte sich Dunja. „Ich nehme keine Fälle an, solange ich nicht weiss, worum es überhaupt geht. Ich spiele kein va banque.“

Zanetti richtete sich wieder auf. „Taolyn betrügt mich mit meinem Bruder.“

„Das kann ich nicht nachvollziehen.“ Dunja griff nach dem Kaffeeglas. „Wie ich von Ihrem Vater weiss, steht Ihr Bruder kurz vor der Heirat. Ich schätze ihn auch nicht so ein, dass er jedem Rockzipfel nacheilt. Er ist ein Künstler.“

„Genau. Alle Künstler, die ich kenne, haben eine Schraube locker. Meistens sind sie auch nicht gerade mit grossem Selbstvertrauen gesegnet. Wenn dann so ein schönes Frauenzimmer daherkommt, wie Taolyn es ist, drehen die schon mal durch, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Wollen Sie meine Meinung hören?“ Dunja erhob sich plötzlich. „Ihre Verdächtigungen sind unterste Schublade. Sie sollten sich wirklich jemand anderen suchen. Sie vergeuden nur meine Zeit.“

„Jetzt setzen Sie sich wieder, bitte.“ Er flüsterte. „Ich kenne meinen Bruder. Seit Jahren hat er vergeblich darum gekämpft, dass seine Skulpturen in einer namhaften Galerie ausgestellt werden. Jetzt hat er kurzfristig die Zusage im KKL bekommen, weil eine Berühmtheit krank geworden ist. Das ist ihm offensichtlich zu Kopf gestiegen. Den Polterabend am Freitag hat er zumindest nicht im Kreise seiner Freunde gefeiert, sondern ist mit meiner Frau durchgebrannt.“

Dunja zog sich den Mantel über, den sie beim Eintreffen über die Stuhllehne geworfen hatte, und legte ein paar Münzen auf den Tisch. „Vergessen Sie es. Ich werde Sie weder in einer Scheidung noch für sonst etwas vertreten.“

Während sie ausholenden Schrittes auf den Ausgang zusteuerte, sah sie nicht, was hinter ihrem Rücken geschah, aber sie spürte etwas Beunruhigendes.          

„Warten Sie, verdammt noch einmal!“ Zanetti wurde laut, was Dunja erschaudern liess. Als sie bei der Tür ankam, hatte er sie eingeholt. „Dunja, bitte.“ Er schob ihr eine Notiz zu. „Lesen Sie zuerst, bevor Sie mich abservieren. Ich brauche eine gute Anwältin, bitte.“ Sein Flehen war schon gespenstisch.

„Gut, Herr Zanetti, ich werde es mir überlegen.“ Sie öffnete die Tür und schlüpfte hinaus.

Der Blick zum Himmel liess sie zögern, als sie die schwarzen Wolken sah, die sich über den Horizont auftürmten. Verstimmt darüber, dass mit dem Frühlingstag, der so wunderschön sonnig begonnen hatte, nichts weiter wurde, als die Pendenzen im Büro aufzuarbeiten, suchte Dunja nach dem Autoschlüssel. Sie ärgerte sich darüber, dass sie den Schirm zu Hause hatte liegen lassen, und ging auf ihren Wagen zu, einen schnittigen Strassenflitzer, der über Nacht im Parkverbot gestanden hatte. Glücklicherweise war keinem Polizisten eingefallen, einen Strafzettel auszufüllen. Dunja vermutete, dass die städtischen Ordnungshüter wieder einmal ein Auge zugedrückt hatten. Sie setzte sich hinter das Lenkrad und faltete Zanettis Notiz auseinander.

 

                                                                       ***

 

Bereits am Morgen hatte Thomas sich entschieden, den freien Mittwoch dafür zu nutzen, um den Teich im Garten von Winterdreck zu säubern. Vielleicht hätte er dann noch Zeit gehabt, ein paar neue Forellen zu kaufen, nachdem die letzten in der Bratpfanne geendet waren. Die Fotos und Stefan hatten ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als Isabelle dann noch angerufen hatte, um ihm mitzuteilen, dass sie eine alte Freundin wiedergetroffen habe und er nicht auf sie warten müsse, drohte der Mittwoch zum Fiasko zu werden.

Thomas entschloss sich, nach den Zwanziguhrnachrichten auf dem deutschen Sender zum Polizeikommando zu fahren. Es konnte nichts schaden, einige Pendenzen zu erledigen, die in letzter Zeit liegen geblieben waren – trotz seiner Überstunden.

Der Wind hatte aufgefrischt. Als Thomas in die Kasimir-Pfyffer-Strasse einbog, begann es zu stürmen. Nichts Ungewöhnliches für die Jahreszeit. Wer in der Zentralschweiz lebt, muss auf alle Witterungen gefasst sein. Um den Pilatus war die Wolkendecke jedoch bereits wieder aufgerissen. Ein Fetzen dämmriger Himmel schien durch.

Unterhalb des Eingangs kreuzte er den Weg mit Marion, deren Ablösung eingetroffen war.

„Hey Tom“, begrüsste sie ihn. „Sehnsucht nach deinem Brotgeber?“

„Seit ich aus dem Urlaub zurück bin, fällt mir zu Hause die Decke auf den Kopf.“

„Aha, du vermisst wohl den Sternenhimmel oder doch das Meeresrauschen ...?“

Thomas zog die Schultern ein.

„Du hast doch nicht etwa vor, dein Nachtlager im Büro aufzuschlagen.“ Marion nahm grinsend die Brille von der Nase und schob sie in ihre blonden Wuschelhaare. Ohne dieses furchterregende schwarze Gestell sah sie ohnehin besser aus.

„Mal sehen. Vielleicht spiele ich eine Runde Skat mit mir selbst. Skat in Jackerath, kennst du die Geschichte?“ Thomas nahm schmunzelnd die Stufen unter die Füsse. „Und grüsse Guido von mir“, rief er seiner Kollegin nach.

Der Eingangsbereich lag im Dunkeln. Die Tür war bereits geschlossen. Thomas hangelte nach dem Schlüssel, als aus dem hinteren Teil des Empfangs eine schmächtige Gestalt auftauchte. Es war Lucille, die Thomas hier nicht erwartet hatte. Sie lächelte ihm durch die Glasfront zu und öffnete die Tür. „Was tust du denn hier?“ Ihre Überraschung klang echt. „Ich dachte, heute sei dein freier Tag?“

„Das fragst ausgerechnet du?“

„Ich vertrete nur kurz den Nachtdienst, bevor ich gehe.“

„Hm ... hast du Zeit, um nachher in mein Büro zu kommen?“

„Eigentlich habe ich mich mit Stefan verabredet“, wich Lucille aus. „Wir wollen ins Kino gehen.“

„Der wird nicht gut drauf sein.“

Lucille schloss die Tür hinter sich. „Hast du ihm eine Absage erteilt?“

„Du weisst davon?“

„Ich habe ihm gleich gesagt, dass er damit nicht durchkommt.“ Lucille blieb vor dem Aufzug stehen.

„Reden wir vom selben Thema?“ Thomas lehnte sich an die Wand und verschränkte die Arme.

„Stefan macht sich grosse Sorgen um seinen Freund. Bevor du ihn abgewimmelt hast, ist er hier aufgetaucht.“

Der Beamte des Nachtdiensts kam zurück. Lucille verabschiedete sich und ging dann mit Thomas über die Treppe ins Obergeschoss.

„Du wirst den Kinoabend wohl vergessen müssen. Wenn sich Stefan etwas in den Kopf gesetzt hat, wird er nicht aufgeben.“

„Da kommt er ganz nach seinem Vater.“ Auf dem obersten Treppenabsatz war Lucille ausser Atem. „Ich bin neugierig darauf, was du mit mir besprechen möchtest.“

Sie schritten zu Thomas’ Büro. „Ich habe mir Gedanken gemacht. Vielleicht sollten wir diesen Zanetti mal genauer ansehen. Kennst du ihn näher?“

„Aha, er lässt dir wohl doch keine Ruhe.“ Über Lucilles Gesicht huschte ein Lächeln. „Seit wir die neue Wohnung haben, war er einmal zu Besuch bei uns. Jetzt steht eine kleine Bronzefigur in unserem Schlafzimmer. Die hat Silvano uns zur Wohnungseinweihung geschenkt.“

„War seine Freundin auch da?“

„Nein, ich erinnere mich, dass sie einen Frauenabend hatte, wie Silvano durchblicken liess.“

„Und welchen Eindruck hattest du von Zanetti?“

„Das ist schwierig. Ich habe ihn erst einmal gesehen. Aber auf den ersten Blick schien er mir ein wenig scheu. Anders als sein Bruder. Sergio kennt man schon eher. Er gibt sich als Juniorchef der Zanetti AG aus, Typ Lackaffe, wenn du verstehst, was ich meine.“ Lucille lachte jetzt übers ganze Gesicht.

„Meines Wissens führt Zanetti senior die Elektroinstallationsfirma noch selbst.“

„Nun ja, mit irgendetwas müssen die Söhne prahlen. Auf jeden Fall ist Sergio sehr spendabel. Ihm gehört nicht nur die Firma – ihm gehört die ganze Welt.“

„Du tust so, als würdest du ihn näher kennen.“

„Das ist schon lange her. Ich hatte mal, um es gelinde auszudrücken, eine kurze Affäre mit ihm. Wirklich nur eine kurze. Im Ernst: Er ist nicht mein Typ.“ Lucille zögerte. „Er mag für viele der Märchenprinz sein. Wahrscheinlich weil er so viel Geld hat. Aber für mich war er ein Frosch ... Und bitte, sag dies bloss Stefan nicht.“

„Und trotzdem kennst du Silvano nicht näher?“

„Ich sagte doch, es war eine kurze Affäre. Das Familiäre kam nie zur Sprache. Es interessierte mich nicht. Über seinen Vater habe ich allerdings ab und zu in der Zeitung gelesen.“

Thomas bohrte nicht weiter. Letztendlich war Silvano und nicht sein Bruder verschwunden. „Gut, das wär’s dann. Ich entlasse dich endgültig in den Feierabend.“

„Bist du sicher, dass du mich nicht mehr brauchst?“

Thomas startete seinen Rechner. „Ich werde mal ein wenig googeln, um mir ein Bild über den Verschwundenen zu machen.“

Lucille verdankte dies mit einem koketten Augenaufschlag. „Bis morgen dann.“          

Thomas zog den Bürostuhl unter seinem Pult hervor und hievte sich in eine bequeme Sitzposition. In der Suchmaschine gab er den Namen Silvano Zanetti ein. Nach einigen Klicks gelangte er auf die Website des Künstlers. Auf der ersten Seite waren nebst kleinen und grossen Skulpturen auch einige Collagen und Aquarelle zu bestaunen. Für die Einladung zur Vernissage im Kultur- und Kongresshaus Luzern gab es eine spezielle Seite. Die Dauer der Ausstellung war eingetragen und als PDF ein Pressebericht. Thomas las ihn und erfuhr ein paar unspektakuläre Dinge über Silvano. Als Zweitgeborener des Fabrikanten Zanetti senior habe er einen Weg eingeschlagen, den seine Mutter – eine begnadete Pianistin und früh verstorben – ihm wohl in die Wiege gelegt hatte. Auf derselben Seite stand, dass er mit nur vierundzwanzig Jahren die erste grosse Ausstellung im KKL präsentieren durfte. Dafür habe er lange gearbeitet. Er bedankte sich in einem etwas hölzernen Deutsch dafür, dass man ihn ernst nahm. Er schien nicht von einem starken Selbstbewusstsein geprägt zu sein. Auf der letzten Seite fand Thomas ein paar Pressestimmen und ein Blog. Die Namen der Berichterstatter waren ihm bis auf einen nicht geläufig. Tanja Pitzer jedoch – die kannte er. Thomas wunderte sich, dass sie sich für Kunst interessierte. Doch nach dem Lesen ihrer Zeilen war ihm klar: Die junge Dame, die man unter dem Kürzel Tapi kannte, verstand weniger von Kunst, als vielmehr davon, jemanden in die Pfanne zu hauen. Ihre Kritik stand in keinem Verhältnis zur Arbeit des Künstlers. Sie schrieb so, dass es Herr Müller links und Frau Meier rechts befriedigte, all jene, die in ihrer Trostlosigkeit aufblühten, wenn sie darüber lasen, wie grottenschlecht die Leute waren, denen sie heimlich, aber erfolglos nacheiferten. Die Diskussionen – auch diese waren abgedruckt – offenbarten die Missgunst gegenüber einem Künstler aus ihrer Mitte, der es zu etwas gebracht hatte. Thomas fragte sich, weshalb Silvano Zanetti nichts unternommen hatte, um diese Einträge zu löschen.          

 

Kurz vor Mitternacht fuhr Thomas den Computer herunter. Was er wissen wollte, hatte er in Erfahrung gebracht. Viel war es nicht. Seine Augen schmerzten, als hätte er sie in einen Sandsack getaucht. Er schritt zum Fenster, öffnete es und sah in die Nacht hinaus. Die Strasse gegenüber schien wie ausgestorben, die Häuser zeichneten schwarze Schatten, nur hie und da durch blaues Flimmern unterbrochen.

In der Ferne vernahm er ein Martinshorn. Bei genauerem Hinhören entpuppte es sich als das der Feuerwehr. Der Klang war etwas tiefer und melodiöser als jener der Polizei. Nachdem Thomas das Fenster geschlossen hatte, kehrte er zum Pult zurück. Seine Absicht, mit dem Aufräumen seiner Pendenzen zu beginnen, endete damit, dass er diese bloss von einem Stapel auf den anderen schob. Papierkram, nichts als Papierkram von kleinen, lapidaren Fällen, die trotz ihrer Banalität immer einen enormen schriftlichen Aufwand erforderten. Irgendwann würde er mit dem Abarbeiten beginnen. Jedoch nicht heute.

Später ging er über die Treppe ins Erdgeschoss. Der Polizist, der den Nachtdienst übernommen hatte, sprach gerade ins Telefon.

Sekunden später summte Thomas’ Mobiltelefon. Gleichzeitig schwirrten ein paar uniformierte Polizisten an ihm vorbei. Er wunderte sich, wo die plötzlich alle hergekommen waren.

Toni Beeler meldete sich, ein Kollege, der dem Pikedienst zugeteilt war. „Kannst du zur Spreuerbrücke kommen?“

„Ich bin nicht im Dienst.“ Thomas bedauerte, dass er den Mittwochabend nicht wie vorgesehen zu Hause verbrachte.

„Es ist dringend, und ich bin froh, dass ich dich erwischt habe.“

„Sag bloss nicht, dass es wieder einmal eine Schlägerei gegeben hat.“ Von denen gab es in letzter Zeit viele. Manchmal endeten sie blutig, sodass die Ordnungshüter ausrücken mussten. Oft arteten harmlose Scharmützel gelangweilter Jugendlicher so aus, dass ein ganzer Polizeiapparat zum Zuge kam. Tatbestände aufnehmen, Protokolle ausfüllen, Zeugen befragen – der Polizei ging die Arbeit nie aus.

„Du wirst es nicht glauben ...“   

„Also doch eine Schlägerei.“ Thomas seufzte, während er sich dem Ausgang näherte. Die Tür stand offen. Er trat in die kühle Nacht hinaus. Vom Pilatus her wehte eine unangenehme Brise. „Ich bin eigentlich nur zufällig am Arbeitsplatz. Und aufgrund einer Schlägerei wirst du mich wohl kaum stören ...“ Er zögerte.

Durchs Telefon vernahm er ein schweres Atmen. „Nein, die Brücke ...“ Die Verbindung wurde abrupt unterbrochen. Thomas drückte auf Wiederwahl von Beelers Nummer. Es läutete zweimal.

„Was ist mit der Brücke?“

Beeler räusperte sich. „Sie brennt lichterloh ...“

„Was zum Teufel!“ Thomas rang nach den richtigen Worten. Doch diese blieben ihm im Hals stecken. Er erinnerte sich an das Drama vom August 1993, als die Kapellbrücke in Flammen gestanden hatte. Luzerns Wahrzeichen hatte wie Zunder gebrannt und daraufhin wochenlang wie ein verkohltes Skelett in der Reuss gestanden. Der Wiederaufbau hatte viel zu reden gegeben und der Brücke, infolge des hellen Holzes, den Namen Ikea-Brücke verliehen.

„Wir sind im Einsatz“, sagte Beeler. „Die Streife hat uns alarmiert. Es hat eine Tote gegeben.“

„Hat man Spuren beseitigen wollen?“, mutmasste Thomas laut. „Eine Zigarette kann es ja diesmal nicht gewesen sein.“ Aus seiner Stimme klang purer Sarkasmus. „Und Boote sind dort, so viel ich weiss, aufgrund der starken Strömung nicht angebracht. Wo steht ihr?“

„Am Mühlenplatz. Die Feuerwehr und die Ambulanz sind bereits hier.“

„Ich werde kommen.“ Thomas legte auf. Dann rief er zuerst Marc Linder, den Polizeichef, an und teilte ihm mit, was er von Beeler wusste. Anschliessend verständigte er Armando und bat ihn, direkt an den Ort des Geschehens zu fahren.

 

                                                                       ***

 

Ein Drittel der Spreuerbrücke stand in Flammen. Dunkelrote Rauchschwaden zogen in den Nachthimmel. Die Feuerwehr versuchte vergeblich, dem Feuer Herr zu werden. Drei Wasserrohre zielten aus verschiedenen Richtungen mitten ins Inferno.

„Wenn das nicht alles so verdammt morsch wäre“, äusserte sich Toni Beeler, der sich zum Feuerwehrkommandanten hinzugesellt hatte.

„Bis jetzt hat sie Blitz und Donner getrotzt“, entgegnete dieser.

„Das war nicht immer so“, versicherte Beeler. „Im Jahr 1566 wurde das Bauwerk durch einen Orkan und Hochwasser fast vollständig zerstört. In den Jahren danach wieder aufgebaut. Zwischen 1626 bis 1635 entstanden dann die Gemälde ...“

Der Kommandant sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an, irgendwie überrascht darüber, dass ein einfacher Polizist über so viel geschichtliches Wissen verfügte.

„Die Staatsanwaltschaft wird es sicher interessieren“, meinte Thomas, der die letzten Wortfetzen mitbekommen hatte, bei seinem Eintreffen. „Kramer ist mein Name.“ Er reichte dem Kommandanten die Hand.

„Pius Kathriner“, stellte sich dieser vor. Er war ein grosser, stattlicher Mann mit einem Stiernacken, einem vierkantigen Gesicht und borstigen Haaren.

„Wie konnte das passieren, dass die Brücke beinahe in Vollbrand steht?“

„Wenn wir dies wüssten. Dieser Stadtteil muss um diese Zeit wie ausgestorben sein. Meine Männer sind seit zehn Minuten im Einsatz. Als wir ankamen, standen das Dach und die Streben bereits in Flammen. Aber Sie erinnern sich: Bei der Kapellbrücke ging das auch verdammt schnell.“

Ein Krankenwagen und zwei Streifenwagen hatten neben dem Geländer zur Reuss geparkt. Sie alle waren unmittelbar nach dem Alarm hier eingetroffen. Die Männer stellten Holzlatten auf, spannten Kunststoffbänder und riegelten den Platz weiträumig ab. Auf der gegenüberliegenden Flussseite in der Pfistergasse geschah das Gleiche beim Brückenkopf.

Allmählich füllte sich der Mühlenplatz mit Gaffern. Ein paar Besserwisser redeten wild durcheinander. Spekulationen kursierten unter den ganz Gescheiten; jemand behauptete, ein Blitz habe eingeschlagen. Ein anderer vermutete einen Kurzschluss. Eine hochgewachsene Frau löste sich aus der Menge, überging die Absperrbänder und schritt auf die drei Männer zu.

„Was suchst du denn hier?“ Thomas tat überrascht, als er seine Sekretärin erkannte.

„Ich sass in der Pizzeria gegenüber. Traf mich da mit einem alten Bekannten.“

Thomas sah auf seine Armbanduhr. „Um diese Zeit?“

„Wir haben dort gegessen, geredet und die Zeit vergessen. Du weisst ja, wie das ist.“

„Und hast du etwas bemerkt?“

„Nicht mehr als alle anderen, die vor Ort waren.“ Sie zögerte: „Zufällig ist mein Bekannter Arzt. Er ist jetzt bei der Toten. Er hat sie mit einem der Feuerwehrmänner von der Brücke heruntergeholt. Sonst wäre sie ein Raub der Flammen geworden.“ Sie sah dabei Kathriner an, der dies bestätigte.

Bevor Thomas dem etwas entgegensetzen konnte, fuhr sie fort: „Er lebt nicht auf dem Mond. Er wird sich vorsehen, irgendwelche Spuren zu verwischen, die für uns nützlich sein könnten. Er weiss, dass ich bei der Polizei arbeite.“

„Habe ich etwas gesagt?“ Thomas schüttelte den Kopf.

Sie starrten jetzt in Richtung Brücke, in deren Dachbalken die Flammen leckten. Im Gebälk ächzte es, als es krachend und funkensprühend auseinanderbrach. „Schade um die schönen Gemälde vom Totentanz“, bedauerte Elsbeth. „Ich nehme an, das sind die Originale.“

„Ein Skandal ist das“, enervierte sich Kathriner. „Irgendjemand hat es auf die Reussbrücken abgesehen. Es kann ja nicht sein, dass innerhalb weniger Jahre zwei Brücken in Luzern brennen.“

Der Mühlenplatz füllte sich weiter mit Schaulustigen. Es schien, als kämen sie aus allen Löchern hervor. In den umliegenden Häusern gingen die Lichter an. Fenster wurden aufgerissen, und Menschen lehnten über die Simse.          

Wenig später traf auch Armando ein. Seit seine Nora Zwillinge erwartete, traf man ihn jetzt öfter zu Hause an. Er hatte auch schon Kurse für Kleinkinderziehung besucht und begleitete Nora zweimal pro Woche zum Schwangerschaftsturnen. Mittlerweile hatte auch er einen ansehnlichen Bauch bekommen. Aus solidarischen Gründen, behauptete er, wenn man ihn auf seine körperliche Veränderung ansprach. Er wolle schliesslich wissen, wie sich das anfühlt. Dass er sich um seine schwangere Freundin dermassen kümmerte, hätte ihm niemand zugetraut, zumal er bekannt dafür war, seine Frauen ständig zu wechseln.

„Wisst ihr, wem der Hund dort hinten gehört?“ Armando zeigte in die Dunkelheit, wo man ausser einem undefinierbaren Schatten nichts erkennen konnte. „Er sitzt da und fletscht die Zähne. Ich habe mich nicht getraut, ihn anzufassen. Aber ich glaube, er trägt eine Leine.“

„Ein herrenloser Hund? Was ist mit ihm?“ Thomas winkte seinem Kollegen zu.

„Vielleicht gehört er der Toten“, mutmasste Elsbeth. „Ich erinnere mich, dass er wie ein Verrückter gebellt hat. Leider ist das niemandem richtig aufgefallen. Der Platz war zuerst wie ausgestorben. Kein Wunder, bei dieser Kälte. Die Brücke brannte schon lichterloh, als sich die ersten Leute draussen versammelten.“

„Wem ist denn die Tote aufgefallen?“, wollte Thomas wissen.

Elsbeth sah ihn verständnislos an. „Dem Arzt.“

„Ach ja, du hast es bereits erwähnt“, entgegnete Thomas etwas abwesend. „Hat dein Arzt auch einen Namen?“

„Frederik Gantenbein. Ich ging mit ihm zum Brückenaufgang. Dann sahen wir sie liegen. Frederik reagierte sofort.“ Elsbeth nickte mit dem Kopf in Richtung Ambulanzwagen, der im Kegel einer Strassenlaterne stand. „Wie gesagt, er ist jetzt dort drüben.“

„Wie ist sie gestorben? Kann man von einem Verbrechen ausgehen?“

„So weit sind wir noch nicht“, äusserte sich Toni. Auf seinem schweissnassen Gesicht spiegelte sich der Widerschein des Feuers. „Sie weist keinerlei äussere Verletzungen auf.“

Thomas nahm Armando zur Seite. „Ich will, dass du eine Bestandesaufnahme machst. Ich nehme an, Guido wird auch bald eintreffen. Dr. Lohmeyer habe ich auf dem Weg hierher informiert. Er ist unterwegs.“ Er hauchte in seine kalten Hände. „Weisst du, ob es Zeugen gibt?“

„Ich glaube nicht. Wir alle waren überrascht, alle, die sich im Restaurant befanden. Der Hund muss schon ziemlich lange gebellt haben. Vage erinnere ich mich jetzt daran. Aber du weisst, wie das ist. Heutzutage reagierte niemand mehr. Lärm während der Nacht ist alltagstauglich geworden. Vielleicht gibt es Zeugen aus den Wohnungen.“

„Dann klappert mal die Zeugen ab. Notiert die Namen, Adressen und Handynummern.“

Ein mässiger Wind trieb Rauchschwaden über den Platz. Es roch nach verkohltem Holz. Thomas’ Blicke durchbohrten die Schwärze auf dem Fluss, der mit roten Sprenkeln übersät war. Plötzlich sah er, wie sich eine Gestalt vom Geländer löste. Sie musste schon geraume Zeit dort gestanden haben. „Wer ist das?“

„Wer?“ Elsbeth runzelte die Stirn.

„Na, die Person dort hinter der Feuerwehr. Verdammt!“ Thomas eilte zum Brückenaufgang. Der Unbekannte kehrte ihm den Rücken zu. Thomas spürte, Wut in sich aufkommen und den Drang zuzuschlagen. Es ärgerte ihn, wenn die Leute bei einem Unfall ihre Maulaffen feilhielten. Katastrophentourismus nannte er es. Mit geballter Faust trat er auf die Person zu.

Fliegerjacke und Lederstiefel wandten sich um. „Herr Kramer. Unsere Wege kreuzen sich immer wieder.“ Tanja Pitzer lächelte spitzbübisch, während sie den Zoom bei der Kamera einstellte, die sie aufgrund des fehlenden Stativs auf dem Geländer abgestützt hatte.

„Woher haben Sie die Nachricht so schnell erhalten?“

„Das ist Berufsgeheimnis.“ Sie gab sich kokett. Sie schoss provokativ noch ein paar Bilder. „So ein schönes Feuerwerk sieht man nicht alle Tage. Hat nicht die Kapellbrücke mal gebrannt?“

„Da dürften Sie noch in den Windeln gelegen haben“, bemerkte Thomas schlagfertig.

„Mag sein. Trotzdem könnte es Parallelen geben.“

Thomas entnahm seiner Jackentasche seine Visitenkarte. Nach Diskutieren war ihm nicht zumute. „Ich lade Sie vor. Morgen um neun Uhr will ich Sie in der Kripo sehen.“

„Oh, ist das eine offizielle Einladung? Womit habe ich das verdient?“ Tanja liess den Fotoapparat über ihrer Brust pendeln. „Ich hoffe, Sie können es mir erklären.“

„Ich lade Sie als Zeugin vor.“ Wenn Thomas jemanden nicht ausstehen konnte, dann war das Tanja Pitzer, die Lokalredakteurin der Boulevardzeitung Blick. Sie tat immer so, als wüsste sie alles besser und lange im Voraus. Sie hatte ein unglaubliches Gespür für Menschen, was sie jedoch skrupellos und eigennützig auszumerzen wusste.

„Als Zeugin? Aber Sie irren sich. Ich habe nichts und niemanden gesehen.“

„Morgen um neun.“ Thomas überlegte. „Ich warne Sie: Sollte morgen irgendetwas Erfundenes über den Brand in der Zeitung stehen ...“

„Ja, was dann? Wollen Sie mich deswegen anzeigen? In unserem Land herrscht immer noch Meinungsfreiheit, und die Presse, lieber Herr Kramer, geniesst die in besonderem Masse.“ Tanja wandte sich um und schritt an der Seite des kleinen Kraftwerks flussaufwärts. Von da aus schoss sie noch ein paar Bilder.

„Aber nicht, wenn die laufenden Ermittlungen gestört werden ...“ Doch das hatte Tanja Pitzer nicht mehr gehört.

Thomas näherte sich dem Brückeneingang, der durch ein Löschfahrzeug halbwegs versperrt war. Zwei behelmte Feuerwehrmänner standen unter einer Strebe, wo die Brücke einen Dreissiggradwinkel hatte, und zielten mit dem Wasserschlauch in die Flammen. Trotz der Wassermenge schien sich das Feuer ungezügelt durchs Gebälk zu fressen. Der Wind verhinderte ein Vorankommen der Löscharbeiten. Thomas sah die Bilder in Russ und Rauch verschwinden. Allmählich kroch die Hitze in seine Richtung.

Plötzlich ein lauter Knall. Dann eine Stichflamme, die in den Nachthimmel schoss, als wäre der Leibhaftige soeben aus der Hölle gefahren.

Thomas schreckte aus seinen Gedanken. Bevor er realisierte, was geschah, spürte er eine Druckwelle, die ihn unsanft nach hinten katapultierte, direkt auf das Löschfahrzeug zu. Während er auf die Karosserie prallte, sah er, wie die Männer, die sich vor ihm aufgehalten hatten, in hohem Bogen auf ihn zugeflogen kamen. Der unter Hochdruck stehende Wasserschlauch verbog sich wie eine wütend gewordene Schlange. Sofort schossen noch mehr Flammen gen Himmel. Schreie wechselten sich ab mit lauten Rufen. Ein Martinshorn setzte ein. Die kleine Kapelle in der Brückenmitte schien es in den Himmel zu jagen. Ein Sekundenbruchteil war es, in dem Thomas einer Bilderflut ausgesetzt war, woran er sich später jedoch nicht mehr erinnern konnte. Er spürte einen infernalischen Schmerz. Dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

 

Es herrschte Chaos. Der gesamte Mühlenplatz war in Aufruhr. Pius Kathriner kam angerannt. „Was war das?“, rief er. „Herr Kramer! ... Remo! ... Sepp!“ Er war ausser sich. „Holt die Sanitäter. Es gibt Verletzte! Verdammte Scheisse!“ Er griff nach seinem Funkgerät, drückte Knöpfe. „Müller, bleib drüben! Sichert den Zugang für alle!“ Gebannt schaute er zur Brückenmitte, dessen übrig gebliebener Teil auseinanderbrach. Versengte Hölzer kippten in die Reuss, die mit lautem Getöse aufschlugen und dann flussabwärts trieben. Das spitze Türmchen der Kapelle tauchte wie ein Mahnmal noch einmal auf, bevor es vom Sog des Wassers nach unten gezogen wurde und in den Fluten verschwand.

Dann herrschte kurz Totenstille.

Einer der Feuerwehrmänner kam über den Brückenstummel gehumpelt. Man sah ihm den Schock von Weitem an.

„Bist du verletzt?“ Kathriner lief ihm entgegen.

„Alles in Ordnung.“ Dank seiner feuerfesten und gepolsterten Montur hatte er nichts abbekommen. „Es sieht ganz danach aus, als hätte man zusätzlich einen Sprengsatz montiert“, sagte er ausser Atem an den Feuerwehrkommandanten gewandt. „Wir konnten nicht davon ausgehen, dass ...“ Er zeigte auf seinen Kollegen, den es schlimmer erwischt hatte. Er lag vor dem Löschfahrzeug und blutete aus der Nase. Ihn hatte es auf den Ermittlerchef geworfen. Allerdings schaffte er es, sich ohne fremde Hilfe aufzurappeln. Auch Thomas lag auf dem Boden. Doch er rührte sich nicht mehr.

Kathriner wurde nervös. Er wich den Sanitätern aus, die mit Koffer, Defibrilliergerät und Bahre heranrannten. „Ich werde meine Männer zurückrufen. Ich kann kein Risiko eingehen. Vielleicht ist die ganze Brücke vermint.“ Er griff erneut zu seinem Funkgerät und befahl, die Löscharbeit aus grösserer Entfernung zu vollziehen und vor allem das Übergreifen von Feuer auf die umliegenden Häuser zu verhindern. „Die Brücke muss sofort verlassen werden. Ich wiederhole: Niemand darf sich auf der Brücke aufhalten. Das ist ein Befehl. Ende der Durchsage.“

Der Rest der Brücke loderte erneut auf. Von beiden Seiten zischte Wasser aus den Schläuchen, nun aus weiterer Distanz. Die Männer auf dem Fluss, die mit dem an Tauen gesicherten Löschboot an die Brücke herangefahren waren, zogen sich indes zurück. Es war zu unberechenbar.

„So etwas hat es in meiner ganzen Laufbahn noch nie gegeben“, brüllte Kathriner. „Wo sind wir denn? Im Nahen Osten?“

Tanja Pitzer tauchte plötzlich auf und beantwortete die Frage, indem sie sich an seine Seite stellte. „Es sieht ganz danach aus, als hätten wir es hier mit einem Irren zu tun.“

Kathriner wirkte verdattert. „Wer sind Sie denn?“

„Tanja Pitzer vom Blick. Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“ Es schien sie nicht zu stören, dass die Sanitäter sich um die Verletzten kümmerten. Der Feuerwehrmann erhob sich und presste sich ein Taschentuch auf die Nase, während Thomas auf die Bahre gelegt wurde. Tanja Pitzer fotografierte weiter.

„Verdammt, ich hätte ihm einen Helm geben sollen“, enervierte sich Kathriner, und an Tanja gewandt: „Ziehen Sie lieber Leine, bevor ich Sie wegen unbefugten Zutritts verhafte.“

Als Elsbeth und Armando bei ihm eintrafen, schnauzte er diese gleich an: „Wir tun unsere Arbeit und ihr tut eure! Brände sind gefährlich. Ich trage die Verantwortung, Es sollte klar sein, dass sich niemand unnötig dem Herd nähert, schon gar nicht ein Laie. Und was tut euer Chef? Er missachtet sämtliche Regeln.“

Die beiden starrten den Kommandanten konsterniert an. Elsbeth beugte sich über die Bahre, auf der Thomas lag. „Mensch, Tom!“ Sie musste sich auf Armando stützen. Unwillkürlich lösten sich Tränen aus ihren Augen.

„Er ist mit dem Kopf aufgeschlagen. Eine vorübergehende Bewusstlosigkeit. Wir müssen ihn zur Beobachtung ins Krankenhaus bringen.“ Lohmeyer kümmerte sich gleich selbst um den Verletzten. Er sprach beruhigend auf ihn ein.

Allmählich kam Thomas zu sich. Er bemerkte die Manschette an seinem linken Arm und Lohmeyer, der den Blutdruck mass. „Glück gehabt“, begrüsste er ihn. „Das hätte ins Auge gehen können. Wissen Sie, wie Sie heissen?“

Thomas griff sich an den Hinterkopf, der ihm höllisch wehtat. Er grübelte, ob ihm sein Name einfallen würde. „Ist das ein Scherz?“, wunderte er sich. Aber es fiel ihm schwer, sich an seinen Namen zu erinnern. Er fragte nicht, was geschehen war. Irgendjemand würde es ihm später sagen. Als er die brennende Brücke aus der Ferne erblickte, dämmerte es ihm langsam. Das taube Gefühl in den Ohren erinnerte ihn nur vage an das Geschehen. Da war ein Knall gewesen, dann Schwärze – und jetzt lag er auf dem Schragen. Und ja, er hiess Thomas Kramer. Wie lächerlich, dass er danach gefragt worden war.

Die Tote. Natürlich, ihretwegen war er hier. „Können Sie mir etwas über die Tote auf der Brücke sagen?“

„Kramer, wie er leibt und lebt.“ Lohmeyer rang sich ein Lächeln ab. „Sie ist noch keine zwei Stunden tot. Die Leichenstarre ist noch nicht eingetreten. Lediglich ihre Augenlider weisen die typischen Merkmale einer beginnenden Starre auf.“ Lohmeyer hatte die Angewohnheit, laut zu denken. „Doch aufgrund der Temperaturen kann ich es noch nicht genau sagen. Wir werden sie in die Gerichtsmedizin bringen und die Obduktion abwarten.“

„Todesursache?“ Thomas merkte, wie viel Mühe es ihn kostete, einen geraden Satz zu sprechen.

„Wahrscheinlich Herzstillstand. Doch das ist reine Spekulation.“ Lohmeyer streifte die Manschette von Thomas’ Arm ab. „Sie sind konditionell gut beieinander. Bei diesem Sturz hätte sich ein anderer wohl sämtliche Knochen gebrochen. Wie fühlen Sie sich?“

„Gut wäre übertrieben“, gab Thomas zu. „Wurde sie umgebracht?“

„Das weiss ich noch nicht. Das endgültige Resultat wird uns der Pathologe liefern.“

Elsbeth kletterte in den Ambulanzwagen. Sie hatte die Pumps ausgezogen und stand nun vor der Bahre. „Tom, ich muss dir jetzt einen Rüffel erteilen. Was hast du dir nur dabei gedacht?“ Sie wischte sich die Tränen ab.

Thomas war gerührt. „Vielleicht klärst du mich auf, was genau geschehen ist.“

„Eine Explosion im Gebälk. Der Kommandant hat die Sprengsatzspezialisten aufgeboten. Er will kein weiteres Risiko mehr eingehen. Er vermutet, dass noch mehr Sprengsätze angebracht sind.“

„Verdammt, was geht hier ab?“ Thomas griff sich erneut an den Kopf. Er hatte rasende Schmerzen. „Die Brücke befindet sich doch nicht jenseits unserer Welt. Irgendjemand muss es doch mitbekommen haben, dass da etwas installiert wurde.“ Er wandte sich an Lohmeyer. „Ich muss hier raus. Verabreichen Sie mir etwas von Ihren Wunderpillen, damit sich mein Kopf beruhigt.“

„Ich kann Ihnen nur Ruhe verordnen. Sie haben eine starke Gehirnerschütterung erlitten. Sie sollten jetzt liegen bleiben.“ Lohmeyer tätschelte ihm den Arm. „Ich werde Sie ins Krankenhaus verfrachten lassen. Anbinden kann ich Sie ja nicht.“ Er warf Elsbeth einen fragenden Blick zu. „Ist es überhaupt Ihr Fall?“

Elsbeth hob die Schultern. „Das wird sich im Verlaufe der Ermittlungen herausstellen.“ Sie wandte sich an Thomas: „Sei vernünftig. Armando hat alles im Griff.

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