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Kuba

Dieses Buch widme ich Anna Błaszczykowska,
ohne deren Liebe es ihren Sohn Kuba nicht gäbe.
Und allen, die keine Angst vor dem Leben haben.

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

I.

Charakter plus Können ist gleich Spieler

II.

Es war einmal ein Junge

III.

Ich habe Mutter verloren, und er uns

IV.

Der Rebell

V.

Wenn Jurek nicht wäre

VI.

Über diese Freundschaft rede ich eigentlich nicht

VII.

Die zwei Herren K.

VIII.

Ich komme stärker zurück

IX.

Ein Fan lässt sich nicht täuschen

X.

Agata

XI.

Zutritt für Fremde verboten

XII.

Błaszczykowski heißt Kapitän

Epilog

EINLEITUNG

Warum er? Für einen Fan, der die Tage von einem Spiel zum nächsten runterzählt, ist das eine rhetorische Frage. „Er“ ist einer der besten polnischen Fußballer der letzten Jahre. Von drei Nationaltrainern hintereinander zum Kapitän der Nationalmannschaft ernannt. Zweimal zu Polens Fußballer des Jahres gewählt. Eine der Stützen von Borussia Dortmund. Einer der schnellsten Außenmittelfeldspieler in Europa. Von den Fans geliebt (ja, das ist keine Übertreibung) und von allen verehrt, die es mit Papst Johannes Paul II. halten, der behauptete, dass „Fußball von allen unwichtigen Sachen auf der Welt die wichtigste“ sei. Ein Fußballstar, der kein Star sein möchte. Ein Fußballer, bei dem, wie der deutsche Hiphopper M.I.K.I. rappt, das „Herz gewonnen“ habe. Warum er? Weil seine Freunde für ihn durchs Feuer gehen würden. Weil er ein Geheimnis in sich trägt, das ihn für mich als Menschen interessant macht. Und weil er ein hundertprozentiger Kerl ist.

Und warum ich? Ich höre schon die überraschten Stimmen der Journalisten, vor allem der Sportjournalisten. Die kennt sich doch im Fußball gar nicht aus. Ich irre mich nicht, stimmt’s? In der Tat, ich bin keine Sportjournalistin, und das ist gut so, vielleicht sogar sehr gut, für die Geschichte, die ich erzählen möchte.

Trotzdem ist die Liebe zum Fußball, wie bei Millionen Menschen, eine, der ich mein ganzes Leben lang die Treue gehalten habe. Ich gehöre zu einer Generation von Fußballfans, die zwei Fußballwelten kennengelernt hat. Die Helden der alten Welt betonen bis heute bei jeder Gelegenheit, dass zu ihrer Zeit nicht nur professionell Fußball gespielt wurde, sondern dass man dazwischen auch einfach gelebt hat. Man machte einen drauf, spielte Poker bis zum Morgengrauen, zechte und sorgte sich nicht besonders um seinen Körper. Jene Fußballer stylten sich nicht wie die heutigen Spieler die Haare oder posierten bei Fotosessions und – das betonen sie unentwegt – sie hielten zusammen in guten und in schlechten Zeiten. Und heute? Gel im Haar, Kopfhörer mit Dr. Dre auf den Ohren, die Playstation immer dabei – und dazu lukrative Werbeverträge. Mit einem Wort: der Himmel auf Erden.

Die Subkultur des Fußballs wird heute heftig angegriffen. Von den spottenden, allgegenwärtigen Medien bis zu kompromisslosen Schreihälsen in den Fankurven auf der ganzen Welt hält sich niemand zurück. Bei Facebook, Twitter und Instagram kann man das Leben eines Fußballers mitverfolgen. Das macht es für den nicht unbedingt leichter. Jede Miene, Geste, jedes Stück Pizza im Mund wird millionenfach festgehalten. Kann es besser geeignete Medienhelden geben als den unberechenbaren Balotelli, den bissigen Suárez oder den göttlichen Messi mit ihren oft an den Haaren herbeigezogenen Skandalmeldungen aus einem Leben als Promi? Auch wenn vielen Frauen – und nicht nur den fußballinteressierten – „ungezogene“ Jungs à la George Best oder besagtem Balotelli gefallen, führen Alkoholexzesse und wilde Nächte mit den schönsten Frauen der Welt in den seltensten Fällen zu fußballerischem Ruhm. Sir Alex Ferguson hat recht, wenn er sagt, dass ein Fußballer an der Schwelle des Ruhmes zwischen zwei Wegen entscheiden muss. Entweder er wählt wie George Best die „dunkle Seite der Macht“, oder er tritt in die Fußstapfen eines Ryan Giggs. Allerdings hatte der, wie sich später herausstellte, acht Jahre lang eine Affäre mit der Frau seines eigenen Bruders. So oder so: Den Traum eines Jungen von einem Leben als Fußballstar wecken nur die besten unter ihnen. Die modernen Gladiatoren (Gladiator ist Błaszczykowskis Lieblingsfilm – ein Zufall?) verkörpern wie sonst wohl nur Rockstars unsere Fantasie von einem erfolgreichen, erfüllten Leben. Wenn du willst, dass die Massen auf der ganzen Welt deinen Namen skandieren, musst du Fußballer werden. Ein Krieger mit Kopfhörern auf den Ohren und beneidenswerten Muskeln. Ein Athlet, der auf dem Spielfeld im Namen der Fans für den Sieg kämpft.

Man muss sich die Biografien der ganz Großen ansehen, um zu verstehen, dass ein Anwärter auf den Titel Fußballgladiator neben überdurchschnittlichen Fähigkeiten, Talent, körperlicher Eignung und Tausenden Trainingsstunden auch noch das gewisse Etwas mitbringen muss. Etwas, das bewirkt, dass sich die Augen der Fußballwelt auf ihn und nicht auf andere richten. Dass man das Hemd mit seiner Rückennummer trägt und die Fans seinen Namen mit Ehrfurcht aussprechen. Und das passiert dann, wenn diese ihren geliebten Profi gleichermaßen als Spieler und als Mensch betrachten. Ein großartiger Fußballer und ein feiner Kerl.

Als Journalistin habe ich einige Männer getroffen, bei denen mich sowohl der Intellekt, als auch die Willenskraft und Entschlossenheit, ihren Traum von Leben zu verwirklichen, fasziniert haben. Auch solche, bei denen es immer nur bergauf ging und die alles erreichten, was sie sich wünschten. Niemals vergaßen sie, woher sie kamen, und Niederlagen münzten sie in Erfolge um. Auch die gegen sich selbst. Die, denen das gelingt, mag ich am meisten. Über einen von ihnen und mit ihm gemeinsam habe ich ein Buch geschrieben. Wir haben es „Kuba“ genannt.

Und so fing es an: Eines Abends saß mein deutscher Mann vor dem Fernseher und sagte: „Ist er nicht großartig, unser Kuba?“ – „Euer?“ frage ich. „Ja“, antwortet er, „der von Borussia.“ Mein journalistisches Interesse für den Polen, den die Deutschen als „ihren“ bezeichnen, aber auch meine simple Neugier waren geweckt. Ich ahnte damals nicht, dass ich bald schon jemanden treffen würde, der Journalisten beim Gespräch in die Augen sieht, Sinn für Humor hat und bisweilen mit scharfsinnigen Gegenfragen überrascht. Jemanden, der nicht herumdruckst oder schwierigen Fragen ausweicht und der niemals etwas zurücknimmt, was er einmal gesagt hat. Jemanden, der sein Wort hält.

Die Europameisterschaft 2012 näherte sich dem Ende. Unser Held, Kapitän der polnischen Nationalelf, erzielte beim Spiel gegen Russland mit einem eleganten Schuss mit dem linken Fuß das 1:1. Über dreizehn Millionen Polen sahen ihm dabei zu. Ich bat um ein Interview für die Interviewreihe, die ich seit Jahren in der Zeitschrift „Pani“ führe. Błaszczykowski willigte ein. Später erfuhr ich, dass sein Onkel Jerzy Brzęczek (oder Jurek, wie alle ihn nennen) ihn lange überredet hatte. Der Fußballer und die Journalistin. Die sich zugegebenermaßen nicht tagtäglich mit Sport beschäftigt.

Heute, da ich behaupten kann, Kuba Błaszczykowski ein „bisschen“ zu kennen (hier sehe ich ihn still lächeln), habe ich keine Zweifel mehr, dass die Geschichte des Menschen ebenso interessant ist wie die des Fußballers. Eine Lebensgeschichte, die das Zeug zu einem Drehbuch hat (man munkelt, dass es eher früher als später dazu kommen wird.) Wir trafen uns im Juli 2012 in der Warschauer Redaktion der „Pani“ und ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein Gast so viel Aufregung unter meinen Kollegen verursacht hätte. Bälle, Fotos und blankes Papier lagen für Autogramme bereit und bei jedem einzelnen fragte Błaszczykowski, für wen es sei. Er lächelte, als er hörte, dass einer seiner Fans, für den seine Mutter um ein Autogramm bat, erst drei Monate alt war.

Das Gespräch selbst war sehr aufmerksam und nicht immer einfach. Wie sollte ich Błaszczykowski überzeugen, dass ich die Fragen so und nicht anders formulierte, weil er mich als Mensch interessierte, und dass mir Skandalmeldungen gleichgültig waren? Ich erinnere mich an einen Moment, in dem er zögerte, als ich nach der schwierigen Beziehung zu seinem Vater fragte. Aber er antwortete. Vielleicht begann genau da unser Buch, auch wenn wir, seine Koautoren, es noch nicht wussten. Ich erinnere mich auch, dass er um einen Tee mit Zitrone bat und ein Tyson-T-Shirt trug.

Ein paar Monate später rief Kuba an und lud mich zum WM-Qualifikationsspiel Polen gegen England im Oktober 2012 ein. Seither sprachen wir öfter am Telefon miteinander oder tauschten SMS aus: „Gratuliere zu Ihrem großartigen Spiel, Kuba“, „Frau Domagalik, man erinnert sich nur an die, die Tore schießen, nicht an die, die gut spielen“ usw. Schließlich flog ich auf Einladung von Błaszczykowski zum legendären Spiel des BVB gegen Real Madrid am 24. April 2013, das Dortmund 4:1 gewann und das die Mannschaft dem Champions-League-Finale einen Schritt näher brachte. Ich wohnte in dem Hotel, in dem die Dortmunder vor ihren Spielen residieren. Ich beobachtete die Spieler und spürte die Konzentration und die Anspannung, die in der Luft lagen. Und am Abend hörte ich, wie achtzigtausend Fans im Signal Iduna Park die Namen von Kuba Błaszczykowski und Robert Lewandowski skandierten. Genau wie ich. An meiner Seite saß Anna Stachurska (heute Lewandowska), mit der wir uns an diesem Abend viermal in den Armen lagen, weil ihr damaliger Verlobter viermal den spanischen Torwart überwand.

Und Błaszczykowski? Spielte ebenfalls großartig. Damals sah ich zum ersten Mal, wie die Fans auf ihn reagieren. Eine ältere Dame in einem Aufzug konnte gar nicht glauben, dass mich soeben Błaszczykowski persönlich an die Tür gebracht hatte. „Kennen Sie ihn?“, fragte sie mich mit rotem Gesicht. Glaubt sie also auch, dass Kuba „ihrer“ ist, dachte ich. Wem gehört er denn nun, ihnen oder uns? Heute weiß ich, dass er „unser aller“ ist, der polnischen Elf wie seiner deutschen Mannschaft gleichermaßen ergeben. Keine halben Sachen. Immer bis zum Anschlag.

Entscheidend für die Entstehung dieses Buches war dann aber unser folgendes Treffen. An einem Juniabend 2013 drehte Kuba einen Werbefilm für einen internationalen Kunden. Jurek Brzęczek und ich erwarten ihn vor dem Warschauer Marriott-Hotel. Wir reden über Kubas Pläne für die Zukunft und die Verletzung von Łukasz Piszczek. Danach essen wir an einem der berühmtesten Orte der Hauptstadt gemeinsam zu Abend. An diesem Abend entsteht die Idee zu dem Buch. Kuba sagt, dass die Idee von Jurek stamme, er aber den Koautor „festlege“. Und ich? Aber das ist eine andere Geschichte. Damals beschlossen wir auch, während des Schreibens die Selbstzensur auszuschalten. Sowohl bei den Fragen, als auch bei den Antworten sollte es keine Einschränkungen geben. Ehrlichkeit und Vertrauen sollten unsere Wegweiser sein.

Die Gespräche mit Kuba verliefen, wie vorhersehbar, sehr unterschiedlich. Viele waren nicht gerade einfach. Besonders am Anfang sagte Błaszczykowski oft, dass er sich nicht erinnere. Man mag das Verdrängung nennen, in jedem Fall trennte er in seiner Lebensgeschichte konsequent, was vor und was nach jenem Tag passierte, an dem er in einem Augenblick seine geliebte Mutter und seinen Vater verlor, der für Jahre ins Gefängnis kam. Heute, nach monatelanger Zusammenarbeit, weiß ich, dass ein Journalist manchmal ein Leben lang auf solche Begegnungen mit solchen Helden wartet.

Was wir nicht ahnen konnten, war, dass im Leben des dreißigjährigen Fußballers ein neues Kapitel aufgeschlagen werden sollte, mit Ereignissen, die die Abläufe veränderten und auch ihn selbst in eine neue Rolle zwangen. Die Rede ist vom Spiel des BVB gegen den FC Augsburg am 25. Januar 2014, in dem Błaszczykowski seine bis dato ernsthafteste Verletzung erlitt: einen Riss des vorderen Kreuzbandes im rechten Knie. Danach spielte er 2014 nur drei offizielle Matches. Nicht ein Mal stand er für die Nationalmannschaft auf dem Rasen und wurde auch noch die Kapitänsbinde los. Derweil rutschte Borussia Dortmund nach der Herbstrunde auf den vorletzten Platz der Bundesligatabelle ab und musste im Frühjahr 2015 gar um den Klassenerhalt kämpfen.

Für viele Spieler, selbst die allergrößten, ist eine solche Verletzung existenzbedrohend. Trotzdem, oder gerade deshalb, erhielt ich kurz nach dem Unfall die SMS: „Ich werde kämpfen, ich gebe nicht auf! Wir können auch unser Buch schreiben, jetzt haben wir mehr Zeit“. Nach einer Woche bekam ich die nächste, diesmal von Agata, Kubas Frau: „Die Operation ist überstanden, alles gut verlaufen.“ In diesen für ihn schweren Zeiten hörte ich nicht ein einziges Mal: Verschieben wir das Schreiben auf später. Dafür möchte ich ihm an dieser Stelle danken.

Ich lernte Kubas engste Freunde und Bekannte kennen. Die charismatische Felicja Brzęczek, seine Großmutter, deren innere Stärke ein eigenes Kapitel verdient hätte. Ich traf die Menschen, mit denen Błaszczykowski beruflich verbunden ist. Spieler und Trainer ... Sie sind es, die mit ihren Worten, ihrer Emotion und ihrer Sprache, in der sie über Kuba reden, sein Porträt in diesem Buch zeichnen: das Porträt des Freundes, Ehemannes, Vaters, Fußballers und nicht zuletzt des Menschen. Wir unterhielten uns stundenlang über Fußball, das Leben, den Erfolg, Kubas Träume, aber auch über die Dämonen, die ihn bis heute nicht immer ruhig schlafen lassen. Eine seiner letzten SMS lautet: „Mit dem Bein ist alles in Ordnung, die Hauptsache ist, dass nichts wehtut! Die Zeit der Vorsicht ist vorbei, jetzt gilt es, zu kämpfen!“ Er schoss zwei Tore in Trainingsspielen. Einen Elfmeter und ein Tor aus dem Spiel heraus. Darauf hatte er über ein Jahr gewartet.

PS. Noch bis vor Kurzem kannte ich mich in der Fußballwelt nicht allzu gut aus. Die Intrigen hinter den Kulissen, das Ranking der begehrtesten Spielerfrauen (der wahren und der von den Boulevardmedien gekürten) ... Ein wenig habe ich während der Arbeit an dem Buch über diese Welt erfahren. Mein Eindruck ist, dass es schwer sein mag, ein Fußballstar zu sein, deutlich schwerer aber ist es noch, auf dem Platz und im Leben ein normaler Typ zu bleiben.

Jurek Brzęczek (Kubas Onkel, ehemaliger Kapitän der polnischen Nationalmannschaft, Trainer von Lechia Danzig):

Ich weiß, dass Menschen, die Bücher über Sportler lesen, darin nach Skandalen suchen. Unser Leben, meins und Kubas, war kein Zuckerschlecken, wir wurden nicht ausstaffiert, keiner hat uns zur Schule oder zum Training gefahren oder das Frühstück ans Bett gebracht usw. Für mich sind Menschen interessant, die es trotz dem, was sie durchgemacht haben, bis an die Spitze geschafft haben.

Eldo (polnischer Rapper):

Błaszczykowski ist sich bewusst, dass er zu jenen Fußballern gehört, die einen enormen Einfluss auf junge Spieler in Polen haben. Und er weiß, dass das, was er über sein Leben erzählt, manche von ihnen dazu bringen wird, ihre gelebte Leidenschaft mit anderen Augen zu sehen. Man kann der bescheidenste Mensch der Welt sein, aber in dem Moment, in dem du dich in einem Stadion voller Fans siehst, die ein Trikot mit deinem Namen auf dem Rücken tragen und wo zigtausend deinen Namen skandieren, geht dir auf, was Sache ist, selbst wenn du nicht abhebst. Dir wird klar, dass die Kinder auf den Höfen in Truskolasy, in Warschau und in Poznań nach einem Tor „Błaszczykowski“ schreien.

Toll, dass Kuba dem Buch zugestimmt hat und es die Lebensgeschichte eines Menschen und nicht nur eine Ansammlung von Sprüchen und Anekdoten einer Fußballerkarriere wird.

Ich finde es nicht problematisch, dass du keine Sportjournalistin bist. Skeptikern empfehle ich, ins Archiv zu gehen und die Klatschspalten in Zeitungen aus den 1930er Jahren zu lesen, als auch die Sportler in den Salons verkehrten. Sport wird immer auch Teil des Lebens von künstlerisch interessierten Menschen sein.

Mats Hummels (Spieler beim BVB, Verteidiger, Weltmeister 2014):

Anfangs war ich verwundert, dass jemand ein Buch über einen so jungen Spieler schreibt. Auf der anderen Seite hat Kuba so viel Lebens- und Sporterfahrung, dass es sich lohnt, darüber zu schreiben. Auf jeden Fall ist er ein Mensch mit einer Geschichte. Gut, dass du keine Sportjournalistin bist, denn die sind vor allem auf den Sport fixiert, weniger auf den Menschen und seine Persönlichkeit.

Sebastian Kehl (Spieler und Kapitän beim BVB, Verteidiger. Vor der Saison 2014/15 übergab er die Kapitänsbinde an Mats Hummels. Nach der Saison beendete er seine Spielerkarriere):

Viele Leute kennen seine Geschichte nicht, und wenn sich Kuba jetzt entschieden hat, darüber zu reden, dann ist er mutiger als andere Spieler. Wir haben gehört, was er durchgemacht hat. Die Boulevardpresse hat manchmal darüber geschrieben, aber niemand von uns mit hat ihm darüber gesprochen. Wir schätzen ihn und wollten ihm nicht zu nahe treten. Viele Dinge, die er heute macht, sind die Konsequenz aus dem, was früher in seinem Leben passiert ist. Ich denke, Kuba brauchte Zeit, um mit der Vergangenheit fertigzuwerden. Dass er sich jetzt entschlossen hat, darüber zu sprechen, zeigt seinen starken Charakter.

Jürgen Klopp (Trainer des BVB von 2008 bis 2015):

Ich werde oft gefragt, wann ich endlich ein Buch schreibe. Dann antworte ich: Ich? Was soll ich denn über mich schreiben? Oder vielleicht doch! Ich könnte über die Hinrunde 2014/15 beim BVB schreiben. Wie das ist, wenn du alles versuchst, was in deiner Kraft steht, aber auf dem Platz klappt nichts davon. Das Leben von Kuba ist eine erzählenswerte Geschichte. Das Buch werde ich bestimmt lesen, denn Kuba hat nie über diese tragische Zeit in seinem Leben gesprochen. Er hat auch nie signalisiert, dass er darüber reden möchte.

Pfarrer Prof. Jerzy Kostorz

(Hochschulseelsorger in Oppeln und ein Freund der Familie):

Es wird oft gesagt, dass man über jemanden, dessen Karriere noch nicht beendet ist, oder sogar über jemanden, der noch lebt, kein Buch schreiben sollte. Ich kann mich dem nicht anschließen. Kubas Biografie kann vielen Menschen den Glauben an das, was sie im Leben tun, zurückgeben. Hier können sie sehen, dass es kein Ereignis im Leben gibt, nach dem man nicht wieder aufstehen könnte. Ich bewundere dich, dass du dich dazu entschlossen hast. Die Gefahr besteht, der Sensationslust nachzugeben, oder aber Kuba ein Denkmal zu setzen. Man muss die Mitte finden. Es soll die wahre Geschichte eines dreißigjährigen Lebens sein.

Franciszek Smuda (polnischer Nationaltrainer von 2009 bis 2012):

Wissen Sie, in diesem Buch sollte die Wahrheit stehen. Die ganze.

MD

Du hast dich zu diesem Buch bereit erklärt, weil …

KB

Weil meine Geschichte anderen Menschen helfen kann, den Glauben an sich selbst zu finden.

MD

Als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, warst du nicht besonders gesprächig.

KB

Wenn ich jemanden zum ersten Mal sehe, versuche ich erst mal, ihn kennenzulernen. Das ist normal, oder? Der erste Eindruck ist wichtig. Manchmal sogar entscheidend. (Lacht.) Das Wichtigste ist, dass man sich die Wahrheit sagt. Nicht mit jedem gelingt das.

MD

Gibt es Grenzen der Wahrheit?

KB

Wenn ich vertraue, dann richtig. Es war kein Zufall, dass wir uns getroffen haben. Ich denke, das sollte so sein. Immer wenn ich Mutter auf dem Friedhof besuche, bete ich dafür, Menschen um mich zu haben, die sie mir schickt. Sollen andere darüber lachen, das ist mir egal. Trotzdem frage ich mich, ob ich so etwas öffentlich sagen sollte. Du weißt nie, was die Leute daraus machen. Aber das Buch kauft bestimmt keiner, der mir nicht gewogen ist, oder was meinst du? (Lacht.)

MD

Ich hoffe, dass die es auch kaufen. (Lacht.)

KB

Mir ist es wichtig, dass die, die es lesen, daran glauben können, dass immer ein Licht am Ende des Tunnels ist und sie nicht in ständiger Angst leben müssen. Darum geht es auch in diesem Buch. Darum, dass man sich für keine Wahrheit schämen muss. Und das ist auch deine Rolle, Małgorzata, das alles zu beschreiben. Du weißt selbst, wie viele Familien es gibt, die sind wie meine gewesen ist … Ich weiß, dass ich nicht die ganze Welt erlösen kann. Aber wenn jemand aus meiner Geschichte den Glauben daran schöpft, dass es ihm wie mir gelingen kann, da herauszukommen, wäre das ein großer Erfolg für mich. Wenn er den Kampf für sich und ein normales Leben nicht aufgibt. Ich bin selber gespannt, wie all das, worüber wir reden werden, aufgenommen werden wird. Sicher hat dir Dawid [Kubas Bruder] schon vieles erzählt?

MD

Dawid hat über das gesprochen, worüber du am Anfang nicht sprechen wolltest.

KB

Weißt du, manchmal habe ich mich gefragt, ob ich das, was bei uns zu Hause passiert ist, zugelassen hätte, wenn ich älter gewesen wäre. Ich habe mir die Schuld dafür gegeben, dass ich nicht in der Lage war, etwas zu tun. Kurz vor Mutters Tod legte ich Puzzle im Wohnzimmer und sie löste Kreuzworträtsel. In einer Art Vorahnung ging ich zu ihr und sagte: Mama, ich weiß nicht, was ich mache, wenn ich dich verliere. Ich fing an zu weinen. Mutter sagte damals: Bei euch erwartet mich nichts Gutes. Das ist mir im Gedächtnis geblieben. Ich weiß nicht, ob ich unbewusst etwas kommen sah? Bis heute ist mir der Geruch ihres Parfums im Kopf hängen geblieben … Samstagabend machte Mama immer Schokokuchen und der Staubsauber rauschte. Wenn Agata heute Schokokuchen bäckt und dann manchmal auch den Staubsauger anmacht, lege ich mich sofort aufs Sofa und möchte einschlafen. Es war ein Schock, als „das“ geschehen war. Ungläubigkeit. Aber später wurde es nur noch schlimmer. Es waren nicht so sehr die Fotos, aber die Gerüche, die Geräusche, die Musik, die Mutter hörte. All das erinnert mich ständig daran, dass sie nicht mehr bei mir ist.

I.
CHARAKTER PLUS KÖNNEN IST GLEICH SPIELER

„Klar musste ich mich durchboxen. Ich war ein kleiner Blondschopf unter ausgewachsenen Jungen.“

ERIC CANTONA

MD

Wie viel Talent und wie viel Arbeit steckt in Błaszczykowski?

KB

Fünfzig-fünfzig?

MD

Aber du machst doch keine halben Sachen.

KB

Hundert Prozent Talent und hundert Prozent Arbeit? Ja, das trifft es vielleicht am besten. (Lacht.)

Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und zur Vorbereitung auf dieses Buch Hunderte, wenn nicht Tausende Seiten über Menschen gelesen, die etwas mit Fußball zu tun haben. Fußballer und Trainer. Von Pep Guardiola und Alex Ferguson über Zlatan Ibrahimovic und Iker Casillas bis zu Ryan Giggs und Eric Cantona. Vor allem Cantonas Biografie hat mich sehr beeindruckt. Ein genialer rechter Mittelfeldspieler. Im Leben kompromisslos und unberechenbar. Einer, der Champagner trank, wenn andere zum Bier griffen – oder auch andersherum. Und wahnsinnig in den französischen Fußball verliebt. Ich kenne keinen anderen, der so wie er über Fußball gesprochen hätte: „Für einen perfekt ausgeführter Freistoß muss man mitunter genauso viel üben wie ein Musiker für die Ouvertüre der Zauberflöte.“ Gleichzeitig galt er als einer der männlichsten und härtesten.

Zu meiner Pflichtlektüre gehörten auch Autobiografien polnischer Fußballer, unter anderem von Wojciech Kowalczyk, Igor Sypniewski und Andrzej Iwan. Dabei interessierten mich weniger die nackten Fakten, geschossene und vergebene Tore (die vielleicht noch am ehesten) oder Statistiken, sondern vielmehr die Menschen als solche, ihr psychologisches Porträt, wie es im Fachjargon heißt.

Als sich herumgesprochen hatte, dass wir ein Buch über Błaszczykowski schreiben, meldeten sich sofort, wie vorherzusehen, uneigennützige Ratgeber. Ihnen möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen, denn einige ihrer Hinweise erwiesen sich in der Tat als hilfreich. Die meisten Stimmen jedoch rieten: Über dieses kannst du ruhig schreiben, von jenem lass lieber die Finger. Lobe ihn nicht, denn dann wird man dir vorwerfen, nicht objektiv zu sein (in gewisser Hinsicht bin ich es auch nicht, aber das ist das Recht eines jeden Autors und Fans). Es gab auch Ratschläge, die mehr von einer Drohung hatten: Tu ihm nur nicht unrecht. Und ironische Nachfragen, wie: Und du schreibst wirklich ein Buch mit einem Fußballer?

Ich habe mich an die Fakten gehalten und die Worte, mit denen meine Gesprächspartner über Monate hinweg ein Porträt von Kuba zeichneten, nicht verfälscht. Ein mitunter subjektiver Blick kämpfte mit dem objektiven. Ich verheimliche nicht, dass ich meinen Helden mag, bewundere und achte. Ich schätze ihn für das, was er bis jetzt aus seinem Leben gemacht hat. Trotzdem habe ich mich auf Schritt und Tritt bemüht, den Professionalismus über persönliche Sympathien zu stellen.

Ich habe Charakterzüge an Błaszczykowski entdeckt, die nicht einfach sind. Paradoxerweise sind es aber gerade die, die ihn menschlich machen. Markant. Dreidimensional. Warum ich das sage? Weil ich den Eindruck bekam, dass irgendwo zwischen den Fakten und dem statistischen Verlauf seiner Karriere der Mensch Kuba in den Hintergrund zu geraten drohte. Schließlich verdankt sich die Tatsache, was für Tore er schießt, wie viel Kilometer er während eines Spieles läuft und welche Art von Spieler er ist, nicht nur dem Können, sondern auch dem Charakter. Aus diesem Grund entwickelte ich für die Geschichte über den Spieler Kuba kurzerhand die einfache Gleichung: Charakter plus Können ist gleich Spieler.

Einen Beweis, wie gut sich diese These verteidigen lässt, fand ich in der Gestalt von Eric Cantona. Je länger ich mich mit den Lebensläufen von Cantona und Błaszczykowski beschäftigte, desto mehr Gemeinsamkeiten fand ich zwischen beiden Fußballern und Menschen. Dieser Vergleich mag viele überraschen, aber vermutlich wissen auch nicht alle, dass der französische Mittelfeldspieler einst ein unscheinbarer Blondschopf war, der nur eines wollte: Fußball spielen. „Als ich ein kleiner Junge war, träumte ich davon, einmal in einem Stadion mit achtzigtausend Zuschauern zu spielen“, erinnert sich Cantona. Błaszczykowski spielt in solchen Stadien. Derzeit, diese scherzhafte Anmerkung sei erlaubt, tragen beide trotz des Altersunterschieds fast den gleichen Bart. Den bedrohlichen Blick teilen sie auch. Und was ist mit dem Charakter?

Wie in jedem Lebensbereich, so können auch im Fußball Charakter und Persönlichkeit den Weg zum Ziel erleichtern oder erschweren. Je stärker der Charakter eines Spielers ist, desto größer ist auch die Herausforderung für die, die ihm in seiner Profilaufbahn begegnen. Jeder dieser wahrhaft großartigen Spieler kann sich glücklich schätzen, wenn er einen sportlichen Lehrmeister hatte oder hat, der keine Scheu vor Stars hat, sondern mit ihnen umzugehen weiß. Dann kann er wie ein Freund, sogar wie ein Vater für sie sein und, wenn es sein muss, auch ein strenger Richter. Genauso wichtig ist, dass der potenzielle Profifußballer jemanden trifft, der das außergewöhnliche Talent in ihm entdeckt, bevor jemand anders das Gegenteil behauptet.

Ich hatte die Fahrt zum BVB-Match nach Dortmund immer wieder vor mir hergeschoben. Als Borussia im Viertelfinal-Rückspiel am 9. April 2013 in der dreiundneunzigsten Minute den 3:2-Siegtreffer gegen Málaga erzielte und damit ins Halbfinale der Champions League einzog, bekam ich eine SMS von Kuba: „Jetzt musst du aber kommen.“

Vierzehn Tage später flog ich nach Dortmund zu jenem denkwürdigen, dramatischen und packenden Spiel gegen Real Madrid am 24. April 2013. Es wurde ein fantastischer Sieg für den BVB und für Robert Lewandowski, dessen vier Tore gegen die Königlichen in die Geschichte eingingen. Nach dem Match warteten wir in der VIP-Lounge auf die Sieger. Angehörige und Bekannte. In der Ecke saß die hübsche Ewa Piszczek. Alle waren glücklich und hatten das Gefühl, den Helden des Abends sei Dank, einem historischen Ereignis beizuwohnen. Das Champions-League-Finale schien greifbar nah. Dann kam Lewandowski. Selbst die spanischen Fans sparten nicht mit Bravorufen und Worten der Bewunderung. Und er? Schweigsam, fast durchsichtig. Robert machte ein paar Fotos von sich, wir unterhielten uns kurz und nach einer Weile bat er seine Verlobte, sie möchten nach Hause fahren. Sieht so die Siegesfeier nach einem solchen Spiel aus? Sie hätte bestimmt anders ausgesehen, wenn die Helden nicht so müde gewesen wären. Nach der Dopingkontrolle kam Kuba und setzte sich an unseren Tisch. Wohin? Natürlich an den Rand – heute würde ich mich darüber nicht mehr wundern. Ob er an der Unterhaltung teilnahm, kann ich nicht sagen. Der damalige polnische Nationaltrainer Waldemar Fornalik war da, Błaszczykowskis Schwiegervater Andrzej Gołaszewski und viele Leute, die Kuba gut kennen. Und er? Freute sich, war stolz auf seine Kameraden, aber vorbei ist vorbei. Ausschlafen, Interviews geben und … daran denken, dass das Wichtigste noch vor ihnen lag. Ich bemerkte zum ersten Mal, dass Błaszczykowski ein Meister im Herunterspielen eigener Erfolge zu sein schien. Selbst der größte, aber eben schon errungene, verliert sofort an Wert, nur deshalb, weil er hinter ihm liegt. Vorbei ist vorbei. Und alles beginnt wieder von vorn. Ich habe oft gehört, wie er diese Gedanken anderen mitteilte. Wieder so eine Vereinbarung mit sich selbst. Eine unbefristete. Schließlich darf man nicht vergessen, dass das, was heute hilft, ein Profifußballer zu sein, auch im späteren Leben – ohne Ball – von Nutzen sein kann.

„Man muss schon in jungen Jahren hart arbeiten, denn im Alter von einundzwanzig oder dreiundzwanzig ist es zum Lernen schon zu spät. Ich sehe das auch in der polnischen Liga. Europa ist uns ständig voraus. Als ich vor acht Jahren in die Bundesliga wechselte, gab es diesen großen Graben noch nicht. Gleichzeitig ist es für Polen heute viel leichter, ins Ausland zu kommen. Die Auftritte unseres Dreiergespanns in der Champions League in der Saison 2012/13 haben den Wert unserer Fußballer in Europa gesteigert. Diesen Effekt müssen wir nutzen. Was bedeutet: Hart arbeiten muss man nicht erst nach dem Umzug ins Ausland, sondern schon in der polnischen Liga. Egal wo man spielt, und selbst wenn man der beste Spieler der Mannschaft ist. Bei Borussia muss man niemanden zu irgendetwas überreden. Ich komme vor dem Training in den Kraftraum und da übt schon die halbe Mannschaft. Obwohl sie nicht müsste. Allen ist bewusst, dass viele Konkurrenten nur auf einen schwachen Moment warten. Deshalb machst du dich an die Arbeit, damit dieser schwache Moment gar nicht erst kommt. Einfache Rechnung, nicht wahr? Ich empfehle also, weniger zu nörgeln und mehr zu arbeiten.“ („Przegląd sportowy“, Februar 2014) Błaszczykowski fügt hinzu: „Als Profifußballer kannst du eine Menge Geld verdienen, aber das gibt man wahrscheinlich irgendwann aus. Die erkämpften Titel nimmt dir keiner.“ Diese Meinung stellt Błaszczykowski in eine Reihe mit anderen, die mehr aus dem Spiel machen als nur Bälle zu treten, selbst wenn sie das für viel Geld tun, das wichtig ist, aber keine großen Spieler aus ihnen macht. „Ich will der Beste sein. Es hängt allein von mir ab, ob ich den Fußball-Olymp erreiche.“

Ein bisschen Zahlenmystik gefällig? Die Nummer 16 auf dem Trikot von Błaszczykowski symbolisiert die 7 (1+6), die als Glückszahl angesehen wird. Mit sieben begann er, Fußball zu spielen. Auch Cantona trug auf seinem Rücken die Sieben. Kuba selbst behauptet ein wenig listig: „Bei der Auswahl habe ich mich nie an anderen Spielern orientiert. Fußballer messen der Wahl oft große Bedeutung bei und die gewählten Nummern haben für sie eine besondere Bedeutung, bei mir war das nicht der Fall. Aber ich wollte sie auch niemals ändern. Ich gebe zu, dass ich mich an sie gewöhnt habe, und mir nicht vorstellen kann, mit einer anderen Zahl auf dem Trikot zu spielen.“ (Website von JB, kubablaszczykowski.pl).

Der Journalist im Interview wird mutiger und spielt auf den Wechsel der Namensaufschrift von „Kuba“ zu „Błaszczykowski“ an. Ob der vielleicht dadurch begründet sei, dass Kuba von Saison zu Saison besser spiele und sich im Verein mehr erlauben dürfe: „Die deutschen Medien schreiben, dass Błaszczykowski immer schon gut war, jetzt aber genial ist, dass ...“

„Langsam, langsam ... wir haben zwei Matches gespielt, und ich eins und ein bisschen. Genies gibt es im heutigen Fußball vielleicht zwei, drei und dazu gehöre ich mit Sicherheit nicht.“ (Lacht.) „Wie dem auch sei, ich glaube, dass mir noch viele schöne Momente bevorstehen und meine Nummer manchmal auf der Liste der Schützen auftauchen wird“, gibt er mit einem Grinsen zu und fasst zusammen, dass es alles in allem gut für ihn läuft. In dieser jungenhaften Herangehensweise an die Herausforderungen des Lebens, auch an die beruflichen, liegt viel Charme. Selbst wenn das eine subjektive Anmerkung der Koautorin ist.

Leo Beenhakker verglich ihn mit Cristiano Ronaldo, Zbigniew Boniek sagte, er sei ein kleiner Figo, und fügte hinzu, jeder Tag in der polnischen Liga sei für Błaszczykowski ein verlorener Tag. Der englische Fußballer Gary Neville nannte ihn einen verdammt guten Fußballer.

Jurek:

Als Kuba 1985 geboren wurde, spielte ich schon in der polnischen Junioren-Nationalmannschaft. Als wir 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona spielten, war ich Kapitän der Olympiaauswahl. Alle sahen das und meine Neffen wussten, dass dieser Typ im Fernsehen ihr Onkel ist, der hier in Truskolasy wohnt und geboren wurde. Er ist Kapitän der Nationalmannschaft und gewinnt eine Medaille bei den Olympischen Spielen. Kuba und Dawid hatten bald ihre eigenen Träume. Sie wollten eines Tages an meiner Stelle stehen. Die größte Freude für sie war, wenn ich sie besuchte. Im Winter spielten wir in der Halle, im Sommer auf dem Sportplatz. Wir spielten mit Älteren und anfangs nahmen wir Kuba nicht immer mit auf den Platz. Er war zehn Jahre alt und sehr enttäuscht, aber wir fürchteten, wir könnten ihn verletzen. Als wir ihn dann mitspielen ließen, sorgte ich immer dafür, dass er möglichst in meiner Mannschaft spielte. Sein Verhalten auf dem Platz, seine Bewegungen und sein Spielinstinkt zeigten schon damals, dass er trotz seiner schwächlichen körperlichen Verfassung kein Problem hatte, dass Spiel zu antizipieren und entsprechend zu spielen. Er war technisch gut. Und man konnte sehen, dass er ungern verliert. Obwohl er klein war, scheute er kein Duell mit größeren und stärkeren Gegnern.

Dawid Błaszczykowski (Kubas Bruder):

Als er sechzehn Jahre alt war, noch gar nicht erwachsen, leistete er schon ganze Arbeit in der vierten Liga. Wenn sie ein Spiel beim Tabellenführer hatten, schoss er mitunter zwei, drei Tore. Er machte mit dem Gegner, was er wollte, war schnell und wendig. Sie fanden kein Mittel gegen ihn. Ich glaube, es war in Tychy, wo sie 4:2 gewannen. Sogar die „Gazeta Wyborcza“ schrieb damals, dass ein Sechzehnjähriger das Spiel gegen den Tabellenführer klargemacht hatte. Seine schönsten Tore? Wenn ich mich für eines entscheiden müsste, dann das gegen Russland bei der Europameisterschaft, das mit dem linken Fuß. Früher haben wir manchmal Fußballtennis gespielt, da hat er immer mit links gespielt. Vielleicht hat er deshalb so schön gegen die Russen getroffen.

Eldo:

Eric Cantona hat einmal einen Fan, der ihn vom Spielfeldrand aus stark beleidigte, mit einem Tritt attackiert. Sicher keine rühmliche Tat für einen Sportler, trotzdem ist sie passiert. Sein einziger Kommentar auf die fast einjährige Sperre, die er bekam, lautete: „Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie glauben, dass die Sardinen wieder ins Meer geworfen werden.“ Dann verließ er die Konferenz. Ich war von Kind auf ein begeisterter Anhänger des Fußballs. Aber ein Spieler, selbst wenn es der beste Fußballer der Welt sein mochte, war für mich nichts wert, wenn nicht ein interessanter Mensch dahintersteckte. Die bleiben in Erinnerung. Spieler, die beides haben, Charakter und Talent, bekommen noch zwanzig Jahre nach Karriereende überall einen Kaffee spendiert, wenn sie durch die Stadt gehen, in der sie einst gespielt haben. Jeder lächelt sie freundlich an und winkt ihnen zu. Das nennt man Legendenstatus. Nur wenige erreichen ihn.

Błaszczykowski ist seit 2007 beim BVB. Fast wie ein Bund fürs Leben. Die Spielregeln zwischen ihm und der Mannschaft, dem Trainer, den Fans und den deutschen Journalisten scheinen ein für alle Male festgelegt. Wenn es nicht läuft, stellen Letztere weniger Fragen. Ist er in Bestform, dann kommen sie sofort und wollen wissen, ob der polnische Spieler nicht irgendwelche Wechselangebote habe. Angeblich wurde Błaszczykowski schon in Manchester, in Liverpool und sonst wo gesehen.

„Jeder trifft Entscheidungen, die er selbst verantworten muss. Ob sie gut sind oder schlecht, wird das Leben zeigen. Der eine träumt davon, in fünf Ligen zu spielen, der andere fühlt sich nur bei einem Verein wohl. Der Fußballer wählt den Weg selbst. Die anderen sollten das, egal, ob es ihnen gefällt oder nicht, akzeptieren und weiter leben und kämpfen.“ – „Und wann reizen dich neue Herausforderungen?“, fragt der Journalist. „Du weißt nie, was das Leben bringt, in Dortmund fühle ich mich sehr wohl, weshalb ich meinen Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert habe. Ich habe meine Werte und einen Plan.“ („Przegląd Sportowy“, Februar 2014)

Kuba schätzt Stabilität, von der Loyalität gegenüber dem Verein, dem er so viel verdankt, ganz abgesehen. Sie gibt ihm Sicherheit, die er viele Jahre lang so sehr vermisste. Vor allem in der Familie.

Sebastian Kehl:

(Gespräch im September 2014 im Hotel L’ Arrivée in Dortmund)

Die Kraft der Ruhe – das ist es, was man sofort bei ihm spürt. Es wundert mich nicht, wenn er sagt, dass es jahrelang zu seinen Aufgaben gehörte, dafür zu sorgen, dass sich andere Spieler nützlich fühlen. Mich überrascht, wie analytisch er den Spieler mit der Nummer 16 beurteilt. Er spricht wie jemand, der sich für sein Schicksal immer selbst verantwortlich fühlt und fühlen wird. Übrigens nehmen alle deutschen Spieler Kuba sehr ernst. Selbst wenn sie über irgendeine Anekdote lachen, betonen sie, wie sehr sie ihn achten und wie wichtig er für die Mannschaft ist. Damit ist es ihnen sehr ernst.

Sebastian Kehl:

Als Kuba vor acht Jahren zu uns kam, haben wir ihn herzlich aufgenommen und gezeigt, wie wichtig er für uns ist. Er sprach kaum Deutsch und die Integration in die Mannschaft war nicht leicht für ihn. Er lernte dann aber sehr schnell Deutsch und jetzt spricht er sehr gut. Auch deshalb, weil er es lernen und ein Teil der Mannschaft sein wollte, und zwar nicht nur auf dem Platz. Er war ein motivierter junger Mensch, der sich unbedingt entwickeln wollte. Ich gebe zu, dass ich ihm auch deshalb so gern geholfen habe. Er versuchte von Anfang an zu zeigen, was er auf dem Platz kann. Er war immer hungrig auf Spiele und biss mitunter fast in den Rasen. Er hat sich unglaublich gemacht. Als er zu uns kam, war er talentiert, aber nach kurzer Zeit wurde ein großartiger Spieler aus ihm. Er ist reifer geworden. Hat ein Gefühl für den eigenen Wert bekommen. Ich weiß, dass es nicht leicht ist, sein Vertrauen zu bekommen, vielleicht ist das Teil seiner Persönlichkeit, aber wenn man ihn ernst und ehrlich behandelt, dann öffnet er sich. Seine Vergangenheit, das, was er durchgemacht hat, macht ihn zu einem starken Menschen, aber ich bin sicher, dass er sehr sensibel ist. Empfindsamkeit ist eine immanente Eigenschaft jedes starken Menschen. Das ist die andere Seite von Kuba, auch wenn er selbst sagt, dass dem nicht so sei. Er ist ein absolut positiv denkender Mensch. Was seine Verspätungen betrifft, so hat er sich stark gebessert und ist nicht mehr auf Platz eins im Klub. (Lacht.) Kuba ist ein verrückter Bursche und zusammen mit Piszczek kann er richtig rumalbern. Sie sind wie Brüder. Er ist wie ein Gladiator. So? Ich wusste nicht, dass das sein Lieblingsfilm ist. Ich weiß, dass sich Kuba in seiner Jugend oft geprügelt hat. Wir haben darüber gesprochen. Er hat unglaubliche Kraft. Er ist wie eine Maschine. Ich möchte nicht gegen ihn antreten. Er hat viele Talente, aber diese Kombination aus Kampfeslust, unbändiger Spielfreude und einem klugen Kopf, die ist wirklich eine Seltenheit. Ich glaube, dass er eines Tages nach Hause zurückkehren wird, in sein geliebtes Polen, auch wenn noch keiner weiß, wann es so weit sein wird. Ich würde gern mal mit ihm dorthin fahren, in sein „Kubatura“ zum Beispiel [Freizeitzentrum in Oppeln, das Błaszczykowski gehört].

Franciszek Smuda:

(Gespräch im Dezember 2014)

Sein besonderes Kennzeichen war immer die Dynamik. Gepaart mit seinem Talent macht sie ihn zu einem Spieler, der ein Spiel allein gewinnen kann. Er ist ein unkonventioneller Spieler. Er musste auf dem Platz immer viel einstecken, aber er ist so beweglich und schnell, dass die, die ihn treffen wollten, auch oft ins Leere liefen. Ich habe sehr an ihn geglaubt wie auch an Piszczek. Ich wusste, dass man mit diesen zwei Spielern eine Mannschaft aufbauen kann. Lewandowski stand damals noch ganz am Anfang. Sie spielten bei mir zu dritt und halfen sich immer gegenseitig. Auf dem Platz merkte niemand, ob sie sich privat mögen oder nicht. Ich habe nie auch nur einen Anflug von Boshaftigkeit zwischen ihnen gesehen. Kuba hat für mich, den Fußball und für die Nationalmannschaft sehr viel getan. Ein Klasse für sich. Er hat nie jemandem Unrecht getan, er wäre dazu gar nicht in der Lage.

Er strebt immer nach Erfolg. Er gehört nicht zu den Jungen, die sich entmutigen lassen, wenn ein Hindernis auftaucht, sei es sportlicher oder privater Natur. Nein, er muss erreichen, was er sich vorgenommen hat. Das ist eine gute Eigenschaft. Seine fußballerischen Fähigkeiten könnte man am ehesten mit denen von Kevin Keegan vergleichen. Die gleichen Dribblings. „Kuba, allein kannst du kein Spiel gewinnen. – Aber wenigstens unentschieden werde ich spielen, Trainer.“ Hat er Ihnen diesen Witz erzählt? Ja, das ist typisch Kuba.

Kuba ist ein Mensch, der um jeden Preis gewinnen, Erfolg haben will. Er ist immer auf dem Kriegspfad. Ein bisschen stur ist er auch, denn wenn er um etwas kämpft, dann bis zum Ende. Er hat viel Sinn für Humor. Er lacht gern. Vor allem arbeitet er gern in angenehmer Atmosphäre. Als er von seiner Mutter erzählt hat, war ich sehr bewegt, denn auch ich habe tragische Sachen erlebt. Der Bursche schafft das. Er ist nicht im Wohlstand aufgewachsen. Daher auch die Motivation, die Schwäche zu überwinden, besser zu sein und etwas zu erreichen. Er gibt nie auf, drängt weiter vorwärts. Der Junge wurde von der Oma gut erzogen. Er hatte die Möglichkeit, zu einem anderen großen Verein im Ausland zu gehen, aber er blieb in Dortmund und er wird eine Ikone von Borussia werden. Sie werden sehen.

Dawid:

Er ist ein typischer Kämpfer, der niemals nachgibt. Jede Krisensituation ist für ihn eine Situation, die, erstens, eintreten musste und aus der man, zweitens, etwas Positives herausziehen muss. Er ist psychisch so stark, dass er nicht den Mut verliert. Beneiden? Umso mehr, als er schon ein paar Mal in einer Situation war, wo es nicht gerade rosig aussah. Aber das weißt du ja selbst.

EIN ABEND IM NOVEMBER 2014, DORTMUND

Wir sitzen bei den Błaszczykowskis zu Hause: Agata, Kuba und ich. Wir würfeln. Es ist schon sehr spät. Kuba ist gerade erst mit dem Flugzeug aus Polen zurückgekommen.

Unser Meister geht schnell in Führung, so, wie er wirft – lässig, wie nebenbei, aber jedes Mal, wie er es braucht –, nahezu unglaublich (eine hundert Prozent objektive Feststellung). Seine Frau wundert das nicht, aber mich nervt es allmählich. Kuba selbst beginnt sich zu langweilen. Er steht vom Tisch auf und zappt sich durchs Fernsehprogramm. Er sieht nach, ob seine Töchter schon schlafen. Wir werden wohl aufhören … aber plötzlich würfle ich völlig unerwartet fünf Fünfen. Kuba kehrt sofort an den Tisch zurück. Endlich ein Gegner. Jetzt beginnt das, was Błaszczykowski am meisten liebt: Rivalität. Vierundzwanzig Stunden am Tag, und das seit fast dreißig Jahren. Aber geht es dabei wirklich um den Wettstreit selbst? Das wäre zu simpel. Jedes Spiel dreht sich um das Gleiche: Beweisen, dass er der Beste ist. Wem? Anderen? Vor allem sich selbst.

Felicja Brzęczek (Kubas Oma):

Als Kuba aufhörte zu wachsen, sagte ich zu ihm: Guck dir an, wie klein Maradona ist und wie er gespielt hat. Mach dir keine Sorgen, du erreichst schon noch eine normale Größe. Durch die Tragödie war das Wachstum blockiert. Er machte sich Striche an den Türrahmen. Später, da war er schon bei Górnik Zabrze, hat Jurek ihm Trainingsstunden organisiert, aber er wollte dort nicht im Internat wohnen. Er sagte: Oma, wenn du dort in der Essensschlange stehst und nicht nach hinten gehen willst, dann setzt es was. Soll ich mir das bieten lassen? Später bekamen wir einen Brief, dass er nicht zur Schule ging. Pech, dann holen wir ihn eben da weg.

Kuba war in einer Maurerschule, aber plötzlich bekomme ich eine Karte von seinem Brigadeleiter aus Częstochowa. Kuba, was ist denn passiert?, frage ich. Oma, du musst herkommen. Ich dachte, er hat etwas angestellt, weil er dauernd sagte: Ich will keine Schubkarren schieben, ich gehe Fußball spielen. Ich fuhr also hin und sprach mit dem Brigadeleiter: Wissen Sie, er wird bestimmt niemals etwas in dieser Richtung machen, wenn er nur diese Schule beenden könnte. Geben Sie ihm eine Chance. Am nächsten Tag sagte Kuba: Oma, der Brigadeleiter hat gesagt, mit so einer Oma wirst du es weit bringen!

Dawid:

Eines Tages (auf jeden Fall nach Mamas Tod) kamen wir nachts nach Hause, wie gewöhnlich hatten wir draußen Fußball gespielt, und als wir ins Bad gingen, sagte ich zu ihm: Weißt du, ich kann mir nicht vorstellen, dass du eines Tages etwas anderes tun wirst, als Fußball spielen. Und du wirst auf jeden Fall in der Ekstraklasa spielen. Da war er elf Jahre alt, ein ziemlicher Lausejunge.

Die Worte haben sich bewahrheitet. Wir haben eine Menge Zeit mit Kicken zu zweit verbracht. Es war nicht so, dass ich, der drei Jahre ältere Bruder, in den Zweikämpfen schlechter war, aber den Altersunterschied zwischen uns, den machte er mit seiner Raffinesse spielend wett. Er war unglaublich dynamisch und mutig. Selbst wenn ich zwei- oder dreimal gewann, ließ er nie locker.

Übrigens nicht nur beim Fußball, sondern auch bei Schach oder Dame. Ich gewann vielleicht zwei- oder dreimal und sagte: Lass uns Schluss machen. Darauf er: Nein, setz dich, wir spielen, bis ich gegen dich gewinne. Wie, wollen wir bis morgen früh spielen? Ja, komm zurück, ich muss gewinnen. Ich war viel ruhiger als er. Wenn ich verlor, sagte ich: Gut, machen wir Schluss, Mama ruft sowieso gerade zum Baden oder zu den Hausaufgaben. Bei ihm war es ganz anders. Er gab nie nach. Diese Rivalität ist bis zum heutigen Tag da. (Lacht.) Sogar beim Familien-Würfelspiel.

Neulich haben wir in Dortmund gespielt und ich habe leider verloren, aber er hat so unglaublich gewürfelt. Ich wüsste nicht, ob von hundert Leuten jemand in der Lage wäre, so zu würfeln wie er. Er hat alles gewürfelt, was er brauchte. Unglaubliche Würfe, und so ist das bei ihm meistens. Ich weiß nicht, ob das Glück, Glaube oder Können ist. Wenn wir würfeln, ist er immer euphorisch: Gleich spiele ich dich aus. Ich werde nervös und verliere. Wenn es aber andersherum läuft und ich vorne liege, dann bin ich ganz entspannt, lache – und er gibt keinen Laut von sich. Zuletzt haben wir kurz vor meinem Abflug nach Polen gespielt, obwohl ich eigentlich packen musste. Ich verlor und muss nun achtzig Liegestütze machen. Glaub mir, die wird er mir nicht erlassen. Ich werde diese Liegestütze machen, auch wenn ein Monat oder zwei vergehen sollten. Ich mache sie so, dass meine Frau sieht, dass ich sie gemacht habe. Ich habe verloren, also muss ich sie machen.

Würfeln ist so eher unser Spiel im Familienkreis, seine Freunde spielen weniger. Als wir zuletzt auf Sardinien im Urlaub waren, war auch Piszczek mit dabei. Wir haben fast pausenlos gespielt, und eine Strafe war zum Beispiel zwanzig Liegestütze, danach in den Pool springen, einmal durchschwimmen, rauskommen und nochmal zwanzig Liegestütze machen. (Er zeigt ein Foto.) Danach noch mal Schwimmen oder einen Sprung ins Wasser, denn wir saßen in der Sonne und es war warm. Manchmal haben wir bis 22 oder 23 Uhr gespielt und auch dann noch musste man in den Pool. Wenn ich es richtig zusammenzähle, haben wir an einem Tag um die zweihundert oder dreihundert Liegestütze gemacht.

Ich puzzle sehr gern. Genau wie Kuba. Das hat uns Mama beigebracht. Oft puzzeln wir gemeinsam. Natürlich gegen die Zeit. Wer zuerst fertig ist. Wenn Kuba etwas macht, dann muss es immer ein Wettstreit sein und jedem ist klar, dass der Verlierer Boshaftigkeiten ertragen muss.

MÄRZ 2014

MD

Kannst du verlieren?

KB

Früher konnte ich es nicht, heut fällt es mir leichter. In dem Augenblick, wo du verlierst, kommt immer die Frage: Was hast du falsch gemacht. Ich habe viele Matches gespielt, die sehr gut waren und trotzdem verloren gingen. Aber auch viele schwache, die ich trotzdem gewonnen habe. Glück ist immer nötig. Aber das Ergebnis ist entscheidend, schließlich spielst du immer um den Sieg. Davon abgesehen ist es eine natürliche Eigenschaft, dass wir es hassen, zu verlieren.

MD

Also kannst du es nicht?

KB

Ich habe es gelernt. Ich gehe so ran, dass ich nach einer Niederlage denke, dass ich heute schwächer war, aber beim nächsten Mal besser sein werde.

MD

Und im Privatleben?

KB

Darauf antworte ich ausweichend: Ich verliere ungern. Ich bin ein Meister der Ausweichmanöver. (Lacht.) Aber wenn es schon passiert, dann möchte ich eine Revanche. Das Schlimme ist, dass ich meistens gewinne, aber wenn die anderen dann ein- oder zweimal gewinnen, dann zelebrieren sie ihren Sieg (lacht) und zeigen mir: Oh, du hast verloren ...

MD

Du zelebrierst es nicht?

KB

Ich zelebriere es auch, aber allein. Doch wenn ich verliere, zelebrieren es alle. (Lacht.)

MD

Verständlich, wenn man endlich mal gegen einen Meister gewinnt. Hast du beim Würfeln eine Methode?

KB

Eher Glück. Eine Methode gibt es beim Aufschreiben, das eine Rolle dabei spielen kann, ob du gewinnst oder nicht. Du kannst zwei sehr schwache Reihen haben, aber die restlichen drei oder zwei musst du so aufschreiben, dass sie stark sind und zum Gewinnen reichen.

MD

Bist du geduldig?

KB

Ungeduldig.

MD

Wie kannst du dann puzzeln?

KB

Mit meiner Tochter puzzle ich gegen die Zeit. Wer zuerst fertig ist. Ich bin erstaunt, wie gut sie das kann. Keine Ahnung, von wem sie das hat. (Lächelt.) Wir setzen uns hin. Sie hat ihr kleineres Bild und ich 260 Teile und ich gucke immer, wie viele ich in welcher Zeit lege. Mein ganzes Leben dreht sich um einen großen Wettstreit. Nicht nur mit der Tochter, sondern mit mir selbst.

MD

Das kann anstrengend für die anderen, aber auch für dich selbst sein.

KB

Aber mich strengt es nicht an. Ich sage ja nicht, dass ich überall gewinnen muss, aber ich mag es nicht, wenn man etwas ohne Ziel macht. Und gewinnen ist für mich ein Ziel.

MD

Hast du bei den Puzzles irgendwelche Lieblingsmotive?

KB

Meine Tochter bevorzugt My Little Pony, und mir gibt sie welche mit Prinzessinnen. Auch nett. (Lacht.) Ich gehe da so ran: Du bist zwar gerade dabei zu verlieren, hast aber immer die Chance zu gewinnen. Dass die anderen ab und zu über mich lachen, ist nicht schlimm. Früher, als ich jung war, hat mich das geärgert.

MD

Ich frage lieber nicht, worüber man sich dabei ärgern kann.

KB

Sicher kann man das Würfeln nicht mit dem Fußballspielen vergleichen. (Lacht.) Da braucht man andere Nerven. Gewinnst du nicht auch gern?

MD

Ich gewinne gern gegen Stärkere, zum Beispiel gegen dich, weil du dann deine Enttäuschung nicht verbergen kannst.

KB

Und die Genugtuung über den Sieg ist noch größer, stimmt’s? (Lacht.)

MD

Lachst du oft?

KB

Ich glaub schon. Und du?

MD

Ich würde gern öfter lachen.

KB

Dann musst du dich öfter mit mir unterhalten.

MD

Kannst du auch über dich selbst lachen?

KB

Im Kreise von Verwandten und Freunden schon. Da habe ich kein Problem damit, selbst wenn sie mich aus der Reserve locken wollen und Witze machen: Oh, der Spieler sagt nichts mehr … Als ich noch jünger war, hatte ich das nicht unter Kontrolle, jetzt bin ich da lockerer. Es ist gut, etwas Abstand zu sich selbst zu haben. Dann kann man normal sein. Dann kannst du zum Beispiel darüber lachen, dass du eine große Nase hast.

MD

Hast du eine große Nase?

KB

Naja, so einen leichten Kolben. (Lacht.)

MD

Dafür, dass sie dreimal gebrochen war …

KB

Ein paar Mal wurde sie versetzt.

MD

Spielst du Poker?

KB

Manchmal spiel ich gern mit den Jungs um der Geselligkeit willen.

MD

Um Streichhölzer?

KB

Unterschiedlich, um Geld auch. Aber um symbolische Summen, so bis 100 Złoty. Nichts Aufregendes.

Dawid:

Nachdem Raków Ende der 1990er Jahre anfing sich aufzulösen, ging Kuba, der da etwa acht Jahre gespielt hatte, sehr bald zu Górnik Zabrze, wo er ein Jahr blieb. Dort ging er auch zur Schule, aber wie wir hörten, eher selten. (Lacht.) Er wohnte im Internat. Ich war sehr böse auf ihn, als er sich entschied, zurückzukommen. Für mich war die Rückkehr in die vierte Liga ein großer Schritt zurück. Aber nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass ich mich irrte. Er war zurückgekommen, weil es im Internat keinerlei Aufsicht gab. Drogen, die Älteren klauten den Jungen Geld. Sie weckten sie nachts und befahlen ihnen, Alkohol zu kaufen. Wenn ich am Sonntag zum Spiel kam, sah ich, dass er, wenn der Trainer ihn für zwanzig Minuten auf den Platz ließ, mehr machte als der andere Spieler in den restlichen siebzig Minuten. Aber immer wurde behauptet, die anderen seien besser und müssten spielen. Es gab verschiedene große und kleine Deals. Am Ende kehrte er nach Częstochowa zurück und begann wieder in der vierten Liga zu spielen, bis er zu Gesprächen bei der polnischen U19-Nationalmannschaft eingeladen wurde. Eigentlich war es ein Zufall, angeblich sollte ein Spieler aus Bełchatów berufen werden, der aber krank wurde oder eine Verletzung hatte, sodass sie Kuba einschoben. Zum ersten Gespräch fuhr er nach Żywiec und hinterließ einen guten Eindruck. Danach bekam er eine zweite und dritte Einladung. Nach dem vierten Mal sagte ihm der Trainer Andrzej Zamilski, dass nur zwei Spieler aus der Gruppe eine Chance hätten, zur Europameisterschaft zu fahren. Er war einer davon.

Jurek:

Bevor er zu Tests bei verschiedenen polnischen Vereinen fuhr, spielte er in der vierten Liga beim KS Częstochowa. Wir hatten verabredet, dass er nach Innsbruck kommen [Brzęczek spielte bei Tirol Innsbruck] und bei uns mittrainieren sollte. Aber wieder meldete sich das „Schicksal“ zu Wort: Seine Gegner in den Ligaspielen bekamen ihn nicht unter Kontrolle, sodass sie ihn ständig traten. So zerrte er sich ein wenig das Knie. Er kam, ging raus zum Training und konnte nicht spielen. Ich weiß nicht, ob seine Karriere so rasant verlaufen wäre, wenn er damals bei mir geblieben wäre. Er kehrte nach Polen zurück, kurierte sich aus und fuhr zu Tests nach Bełchatów, wo sie sich bis heute ärgern, dass sie ihn damals unterschätzt haben. Danach fuhr er zu Lech Poznań zum Probespiel, wo er einen guten Eindruck hinterließ. Sie waren interessiert und wir auch, aber wir konnten uns finanziell nicht einigen. Die Sache scheiterte an einigen Hundert Złoty, ohne die Kuba seinen Lebensunterhalt in der neuen Stadt nicht hätte bestreiten können. Während dieser Zeit sprach ich bereits mit Grzesiek Mielcarski, dem Sportdirektor von Wisła Krakau, und schlug ihm vor, Kuba zur Probe zu nehmen. Und sie nahmen ihn.

Tomek alias „Kicha“

(Freund, ehemaliger Fußballer, Küchenchef im Kubatura in Oppeln):

Als er zu Wisła ging, zerrissen sich die Leute das Maul, dass Jurek das organisiert hätte. Meine Güte, so ist das nun mal. Auch die Besten brauchen Kontakte. Aber dann muss man selbst Charakter und Können zeigen und beweisen, dass man auf diesem Platz richtig ist. Die Neider sahen nicht, dass Kuba nur deshalb so lange in der vierten Liga gespielt hatte, weil er nicht bei Górnik Zabrze spielen wollte, wo sie ihn nicht respektierten. Es gefiel ihm dort einfach nicht. Deshalb entschloss er sich zur Rückkehr in die vierte Liga. Ich weiß nicht, ob viele Spieler den Mut zu einem solchen Schritt haben.

Kuba war sieben Jahre alt, als er gemeinsam mit seinem älteren Bruder tagtäglich fünfundzwanzig Kilometer mit dem Bus zum Training zu Raków Częstochowa fuhr. Wer weiß, vielleicht wird dort eines Tages eine Gedenktafel aufgehängt, auf der steht, dass an diesem Ort der Ehrenbürger von Truskolasy Jakub Błaszczykowski seinen Weg in den Fußballhimmel antrat.

Dawid:

Als Zwölfjähriger sagte Kuba zu Oma: Wenn ich mal gut Fußball spiele, dann machst du einen Superurlaub. Oma nahm es zur Kenntnis und sagte mit einem Augenzwinkern: Na, sehen wir mal. Unsere Mutter wünschte sich sehr, dass er seine Leidenschaft auslebt. Sie war davon ganz erfüllt.

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