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Krimis für den Urlaub

Alfred Bekker

Krimis für den Urlaub

Sieben Romane in einem Buch - 1192 Seiten Cassiopeiapress Thriller Spannung.





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Alfred Bekker: Krimis für den Urlaub

Sieben Romane in einem Buch - 1192 Seiten Cassiopeiapress Thriller Spannung.

Sieben Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Sieben spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. 

Mal provinzell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

ALFRED BEKKER ist ein Schriftsteller, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X. 

Dieses E-Book enthält folgende Romane:

Alfred Bekker und Albert Baeumer: Mercator, Mord und Möhren

Alfred Bekker und Albert Baeumer: Rügen, Ranen, Rachedurst

Alfred Bekker und Albert Baeumer: Kaffee, Kunst und Kaviar

Alfred Bekker (als Henry Rohmer): Der Killer von Manhattan

Alfred Bekker (als Henry Rohmer): Der Killer, dein Freund und Helfer

Alfred Bekker (als Manfred Plattner): Der Sauerland-Pate

Alfred Bekker (als Jack Raymond): Die Bestie

© 2015 ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS

Alle Rechte vorbehalten.

Ein Cassiopeiapress E-Book

www.Alfred Bekker.de

Postmaster@AlfredBekker.de

Mercator, Mord und Möhren


Albert Baeumer

Alfred Bekker







Biographie


Albert Baeumer


geboren 1952 in Gangelt, Internatsschüler am Franziskanerkolleg in Sittard (NL), Volontariat und Ausbildung bei einem Zeitungsverlag, nebenberuflicher Redakteur, Kaufmann, Direktmarketing-Fachwirt und Videojournalist, lebt mit seiner Familie in Geilenkirchen, direkt vor den Toren des Selfkants. Als Co-Autor und Mitherausgeber zweier Heimatbücher über Gangelt hat er bereits erste Erfahrungen mit dem Schreiben und Gestalten von Büchern gesammelt.



Alfred Bekker


wurde 1964 geboren und veröffentlichte zahlreiche Spannungsromane, die auch in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Unter anderem ist er Mitautor der Krimi-Serie „Jerry Cotton” sowie einer Reihe von Thrillern und Science Fiction-Romanen. In letzter Zeit wandte er sich verstärkt dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo es ihm gelang, zugkräftige Buchserien wie „Tatort Mittelalter” zu etablieren. Außerdem verfasste er den Fantasy-Bestseller „Das Reich der Elben”, der mit den Bänden „Die Könige der Elben” und „Der Krieg der Elben” fortgesetzt wird.







Mercator, Mord und Möhren

© 2012 der Digitalausgabe AlfredBekker/CassiopeiaPress

Ein CassiopeiaPress E-Book.

Www.AlfredBekker.de

Copyright der Print-Original-Ausgabe2007 by Selfkant-Verlag Ltd., Geilenkirchen

Umschlaggestaltung: MWD-Konzept, Geilenkirchen

Alle Rechte vorbehalten.













Fakten und Tatsachen

Die Handlungen in diesem Roman sind rein fiktiv. Zahlreiche agierende Personen sind jedoch nicht frei erfunden, haben aber ihr schriftliches Einverständnis gegeben.


Kryptographie wurde bereits durch den Einsatz von unüblichen Hieroglyphen bei den Ägyptern um 1900 v. Chr. eingesetzt. Im Mittelalter waren in ganz Europa vielfältige Geheimschriften u. a. zum Schutz des diplomatischen Briefverkehrs in Gebrauch, so etwa das Alphabetum Kaldeorum. Kryptographie und Kryptoanalyse spielen sowohl wie im vorliegenden Roman als auch während der Blütezeit von Mercators Schaffen eine wesentliche Rolle. Die Anfänge der mathematischen Kryptographie wurden in dieser Zeit mit der Erzeugung von schlüsselgestützten Zeichenaustauschalgorithmen gesetzt. Auch Kryptographiescheiben nutzte man schon im Mittelalter für den Austausch von geheimen Informationen.


Bis zum heutigen Tage ist es der Wissenschaft nicht genau gelungen zu erforschen, woher Mercator die Informationen zur Herstellung seiner winkeltreuen Karten erhalten hat. Dies wird wohl immer sein Geheimnis bleiben.



***



Anno 1554


Rumpelnd rollte der Messwagen über den von Schlaglöchern übersäten Weg. Gerhard Mercator saß hinten bei den wertvollen Messinstrumenten und es tat ihm in der Seele weh, wie sein kostbarster Besitz durchgeschüttelt wurde.

„So fahr doch etwas weniger grob!”, ereiferte sich der Kartograph. Müde schaute er auf die flache Landschaft, die sich noch weit bis zu seinem Ziel nach Gangelt streckte.


Seit zwei Jahren schon hatte er in Duisburg eine neue Heimat gefunden. Im Herzogtum Wilhelms des Reichen von Jülich-Kleve-Berg herrschte religiöse Toleranz und er musste dort nicht fürchten, noch einmal wegen „Lutherei” angeklagt zu werden. Sechs Monate Kerkerhaft, die auch nur auf Grund einflussreicher Fürsprache hatten beendet werden können, reichten ihm. Jetzt hatte er sein unbehelligtes Auskommen und konnte sich ganz dem Handwerk widmen, das ihn über die Grenzen seiner Heimat hinweg berühmt gemacht hatte – dem Zeichnen von Karten. Ihm war es gelungen, anhand von Längen- und Breitengraden die genaue Positionierung von Ländern, Orten und Flüssen graphisch im richtigen Verhältnis darzustellen, deren Winkeltreue die Länder erstmals so zueinander ordnete, wie es den tatsächlichen Verhältnissen entsprach.


Sein Grundgedanke: „Ein gerader Weg auf der Karte ist auch ein gerader Weg über Land”, war für seine Zeit eine revolutionäre Idee. Nie zuvor war das gelungen und entsprechend zahlreich waren die Aufträge, mit denen man ihn bestürmte. Die europäischen Herrschaftshäuser hatten auch schon gierig ihre Finger nach seinen maßstabsgerechten und winkelgetreuen Land- und Seekarten ausgestreckt. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihm breit, wenn er daran dachte, dass seine Karten oft über Krieg oder Frieden entschieden.

Tag und Nacht hätte er zeichnen können und er hatte bereits eine Reihe von Hilfskräften in seiner Werkstatt beschäftigt, die dort jedoch zumeist als Kopisten tätig waren. Und auch seine Söhne könnten hier ihr Auskommen finden, sobald sie alt genug wären. Aber Grundlage des Erfolgs war die Genauigkeit und Wirklichkeitstreue. Das war es, was die Karten von Mercator von denen so vieler anderer Kartenzeichner unterschied. Und dafür war es notwendig, genaue Messungen durchzuführen.

Gegenwärtig arbeitete Gerhard Mercator an einer neuen Karte der Deutschen Lande. Besser und genauer als all ihre Vorgängerinnen sollte sie sein. Doch dazu musste erst eine recht mühselige Vorarbeit geleistet werden.

„So fahr doch etwas langsamer!”, herrschte er seinen Kutscher erneut an.

„Es sind die Pferde, Meister! Sie ziehen so!”

„Ach, so red’ doch nicht einen solchen Unsinn! Es kommt nicht darauf an, dass wir das Jülicher Land durchrasen, sondern darauf, dass alles in Ruhe geschieht und die Instrumente nicht zu Schaden kommen!”

Der Kutscher hieß Johann und war in manchen Dingen etwas ungehobelt. Aber Mercator war froh, dass er diese Hilfe hatte. Mit Pferden konnte Johann vorzüglich umgehen. Und das Wichtigste war, dass er bei den manchmal recht langwierigen Messungen nicht ungeduldig wurde. Johann ließ die beiden Pferde etwas langsamer vorangehen und drehte sich um.

„Es kann nicht mehr weit bis Gangelt sein, Meister Gerardus!”, sagte er, als sie gerade an dem Städtchen Heinsberg vorbeifuhren. Gerhard Mercator schätzte es, auch beim Vornamen mit der latinisierten Form angeredet zu werden. Die Form des Namens stellte ihn in gewisser Weise in eine Reihe mit den römischen und griechischen Geistesgrößen. Einen neuen Ptolemäus, so nannten ihn so manche seiner gelehrten Kollegen, weil er das Bild, das sich die Menschen durch die Karten des Ptolemäus von der Welt machten, erheblich korrigiert hatte. Es gefiel ihm, wenn man so von ihm redete.

„Na, erkennt Ihr die Gegend wieder, Meister Gerardus?”, fragte Johann und wandte sich erneut seinem Herrn zu.

„Und ob!”, murmelte Mercator. Ihm kam es mit einem Mal so vor, als hätte er sich auf eine Reise in die eigene Vergangenheit begeben. In dem Ort, den er nun ansteuerte, hatte er seine Kindheit verbracht.

Lange war es her …

Seine Eltern stammten aus dem kleinen Ort Gangelt, bis sie nach Rupelmonde in den Habsburgischen Niederlanden übergesiedelt waren. Aber die ersten Jahre hatte er hier gelebt.

„Es hat sich wenig in den letzten Jahren verändert”, meinte er mehr zu sich selbst als zu Johann. Ein kleiner, mit einer Mauer umgebener Ort und einem mächtigen Burgturm, die dem Herzog von Jülich als Bastion zur Verteidigung seiner Ländereien dienten. Wenige Häuser und eine erhöht stehende Kirche befanden sich innerhalb der Mauern. Ein Ort, wie es ihn zu Dutzenden im Jülicher Land gab. Mit einer Besonderheit – Gangelt besaß die Stadtrechte. Hier war also die Gerichtsbarkeit vertreten.

Gerhard Mercator hatte sich vorgenommen, seiner Heimat ein Denkmal zu setzen. Man würde noch Jahrhunderte später diesen Flecken sofort auf jeder Karte markiert finden, selbst wenn der Name Gangelt vielleicht zu unbedeutend war, um verzeichnet zu werden. Gerhard Mercator lächelte still in sich hinein. „Wer das Privileg besitzt, der Welt als Erster ein Gesicht zu geben, hat die Möglichkeit, sie zumindest im kleinen Detail nach seinem eigenen Bild zu prägen!“

„Genau hier ist der Punkt!”, stellte der Kartograph ein paar Stunden später fest. Sie befanden sich auf einem Acker nur ein paar Steinwürfe von Gangelt entfernt. Hie und da beäugten die Bauern aus der Umgebung misstrauisch, was sie dort taten. Es hatte sich herumgesprochen, dass der große Mercator wieder unterwegs war, um mit seltsamen Apparaturen Messungen durchzuführen, die zu noch seltsameren Berechnungen führten. Für die Leute war er nichts anderes als ein Magier oder Alchimist. Jemand, der eine Geheimlehre beherrschte, von der sie nichts verstanden.

Ja, sie verstanden wahrscheinlich nicht einmal, weshalb es so wichtig sein sollte, sich ein Bild von der Welt als Ganzes zu machen. Ihre Welt endete meistens schon wenige Meilen hinter dem Horizont. Auf jeden Fall aber dort, wo sich die Grenzen ihres Herzogtums befanden. Kaum einer von ihnen kam je wirklich über die Grenzen dieses Landstrichs hinaus.


Auch in dieser Hinsicht war Gerhard Mercator eine Ausnahme gewesen. Während Mercator noch im Nachdenken versunken war, sah Johann seinen Herrn und Meister verwirrt an.

„Von welchem Punkt sprecht Ihr, Herr?”, fragte er.

„Von einem Punkt, der von nun an auf jeder Karte verzeichnet sein wird – und zwar als Schnittpunkt des 51. Breitengrades und des 6. Längengrades der Erdkugel.” Er lächelte. „Große Städte mögen zu kleinen Flecken schrumpfen oder sogar ganz ausgelöscht werden, sodass niemand mehr ihre Namen auf einer Karte verzeichnet. Aber dieser Punkt lässt sich nicht auslöschen! Er ist immer da!” Von seiner eigenen Begeisterung übermannt, blickte der Kartograph zu einem der Bauern hinüber, der schon mindestens seit einer Stunde dastand, die Forke mal in der rechten und mal in der linken Hand, und Mercator bei seinen Berechnungen zusah – wie einem Jahrmarktsmagier bei seinen Kunststücken.

„Wir müssen diesen Ort markieren”, stellte Mercator sachlich fest.

„Wie wäre es mit einem Stein?”, fragte Johann.

„Am besten, du fährst mit dem Wagen los und besorgst einen! Aber das muss schon ein ziemlich großer Brocken sein, damit man ihn nicht einfach verschiebt.”

„Meister, ich …”

„Lass dir von den Leuten hier helfen! Wenn man ihnen ein paar Münzen gibt, machen sie das sicher gerne!”

Johann wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit Mercator über diese Dinge diskutieren zu wollen. Der Kartograph erwartete einfach nur, dass gemacht wurde, was er gesagt hatte. Alles andere, abgesehen von den Messungen, zählte dann ohnehin nicht.

Während Johann mit dem Wagen losfuhr, um einen Stein zu besorgen, behalf sich Mercator zunächst einmal damit, dass er eines seiner Instrumente genau dort ablegte, wo er den Schnittpunkt berechnet hatte.

Dann blickte er auf und sah sinnierend zum Gangelter Burgturm hinüber, der einen idealen Bezugspunkt für seine Peilungen bot.

Zwei Stunden später kehrte Johann mit einem veritablen Felsbrocken auf dem Wagen zurück. Ein paar Knechte hatten ihm geholfen, den Brocken auf den Wagen zu laden. Jetzt musste der Wagen so an die Stelle herangefahren werden, dass man den Stein nur noch von der Ladefläche herunterschieben musste, sodass er an der richtigen Stelle zu liegen kam.

Nachdem der Stein auf dem errechneten Schnittpunkt abgelegt war, ritzte Mercator die Zahl 51 mit einem Feuerstein in die raue Oberfläche.

„Für unsere Messungen setzen wir noch einen Holzpflock mit einer Fahne daneben”, sagte er. „Dann findet man die Stelle schneller. Und langfristig wird man hier gewiss eine deutlichere Markierung setzen!”

„Ich weiß nicht, ob der Bauer, dem dieses Feld gehört, wirklich so begeistert ist, wenn wir ihm Steine auf den Acker tragen”, meinte Johann. Doch Mercator winkte nur müde lächelnd ab und wandte sich wieder seinen Messgeräten zu.

Gerhard Mercators Messarbeiten in und um Gangelt zogen sich tagelang hin. Er hatte sich im Dorfgasthof einquartiert, während Johann in einem Stall schlief, in dem gegen ein paar Münzen auch die Pferde des Nachts untergebracht wurden.

Abends saß der Kartograph oft noch bei flackerndem Kerzenlicht vor dem Kartentisch, den er auf seinem Wagen mitführte und sich in das angemietete Gastzimmer hatte stellen lassen. Er machte dann Skizzen für seine Berechnungen, bis die Kerzen zu weit heruntergebrannt waren.

Zweiunddreißig Jahre alt war Mercator inzwischen, aber er sah durch den langen, bereits von ersten grauen Strähnen durchzogenen Bart deutlich älter aus. Schatten tanzten unruhig auf seinem Gesicht, weil es durch die Fensterläden seines Gastzimmers zog. Sich Glas einsetzen zu lassen, das konnten sich nur reiche Patrizier in Colonia oder Anwers leisten – aber nicht ein Wirt in Gangelt. Mercator seufzte, denn ihn fröstelte ein wenig, dennoch waren seine Augen vollkommen ruhig und konzentriert. Während er zeichnete und den Zirkel schwang, wirkte er in seiner Versunkenheit fast wie ein verklärter Heiliger, für den die Welt um ihn herum keine Bedeutung hatte. Nur Punkte, Winkel und Geraden zählten dann noch.

An einem der folgenden Tage befand sich Gerhard Mercator in der Nähe des Schanzberger Hügels vor den Toren Gangelts. Es war diesig, leichter Nebel schien aufzuziehen und der Himmel wirkte wie ein graues Leichentuch. Mercator hoffte, dass sich das Wetter nicht allzu sehr eintrübte und es zu regnen begänne.

In der Nähe stand der Wagen mit dem Arsenal an selbst gebauten Messinstrumenten, deren fachmännischer Gebrauch letztlich das Geheimnis seiner außerordentlichen Kartendarstellungen war. Viele sprachen von den Werken eines Genies, wenn sie seine Karten mit denen verglichen, die man andernorts erwerben konnte. Aber ihm selbst war sehr wohl bewusst, dass deren Qualität mit Genialität sehr wenig zu tun hatte. Es war Handwerk. Einfaches, solides Handwerk, mit großer Sorgfalt ausgeführt; so seine feste Überzeugung.

Während Johann die meiste Zeit geduldig herumsaß und darauf wartete, dass er Mercator bei irgendeiner Sache zur Hand gehen musste, war der Kartograph wie üblich ganz in seine Arbeit vertieft.

Vom Schanzberg aus peilte er die Spitze des Gangelter Kirchturms an. Dann suchte er einen Bezugspunkt in der Landschaft. Er ging etwas herum, ließ den Blick in die Ferne schweifen und suchte den Horizont nach auffälligen Gebäuden oder Bäumen mit hervorstechenden Merkmalen ab. Dabei fiel ihm ein knorriger Baum auf, der vom Blitz gespalten worden war und jetzt sehr verwachsen wirkte.

Einen Moment lang überlegte er, ob er den alten Baum zum Eckpunkt eines gedachten Dreiecks machen sollte, dessen Entfernungen er über Winkel abmessen konnte. Dann entschied er sich aber dagegen, denn der Baum trug jetzt schon kaum noch Blätter. Das bedeutete, er war morsch und vielleicht schon in wenigen Jahren nur noch Futter für die Borkenkäfer.

Er ließ den Blick weiter schweifen und bemerkte plötzlich durch einige Sträucher hindurch einen auffallenden roten Fleck, der sich zu bewegen schien und deshalb Mercators Aufmerksamkeit erregte.

Dieser rote Fleck war der Umhang eines Mannes, wie sich einige Zeit später herausstellte. Mercator konnte die Gestalt zunächst nur schemenhaft erkennen, wie sie im morgendlichen Nebel aus dem Gestrüpp hervortrat und vor einem halb zugewachsenen Gesteinsbrocken stehen blieb.

Allein, dass der Mann einen roten Umhang trug, sprach schon sicher dafür, dass er kein einfacher Bauer war, deren Kleidung zumeist dunkelbraun, grau oder leinenfarben blieb. Traditionellerweise war es dem einfachen Volk untersagt, farbige Kleidung zu tragen - abgesehen von den Gauklern.

Also war der Mann entweder ein Adeliger oder ein Gaukler, was Mercator jedoch nur beiläufig bedachte, schließlich war er ganz und gar auf die Suche nach einem Messpunkt konzentriert.

In der Ferne öffnete der Unbekannte seinen Umhang. Offenbar hatte er zwei Gegenstände in seinen Händen - eine Hacke und etwas, das wie eine Kiste aussah.

Mercator überlegte mittlerweile, ob er vielleicht jenen Gesteinsbrocken zum Bezugspunkt für seine Messungen nehmen sollte. Was der Mann in der Ferne tat, bemerkte er nur, wenn er ab und an von seiner Arbeit aufsah und so achtete er auch nicht weiter auf den Umstand, dass normalerweise weder Gaukler noch Adelige mit einer Grabhacke in der Hand herumliefen.

Während noch einige Nebelschwaden über das Feld waberten, legte der Unbekannte seinen Umhang ab. Auch darunter war er recht bunt gekleidet, sodass er noch immer auffiel. Er drehte sich ständig um, so als fürchtete er, beobachtet zu werden.

Dann begann er damit, ein Loch zu graben. Die Kiste, die er bei sich getragen hatte, war ebenfalls rot. Mercator schätzte trotz der großen Entfernung, dass die Kiste eine Kantenlänge von anderthalb Ellen haben müsse, was er aufgrund ihres Größenverhältnisses zu dem Mann und einem in der Nähe befindlichen Baum grob überschlug. Solche Schätzungen waren ein Sport für den Kartographen. Er freute sich dann, wenn er sie später mit der Wirklichkeit vergleichen konnte und dachte für sich, dass er den Mann gelegentlich ansprechen könnte, falls er ihn in Gangelt träfe.

Später bemerkte Mercator noch, dass der Mann die rote Kiste offenbar neben dem Gesteinsbrocken vergrub. Anschließend schüttete dieser das Loch mit Erde zu und bedeckte die Stelle mit Gestrüpp. Dann machte er sich eiligst davon. Der Fremde schien nicht bemerkt zu haben, dass er beobachtet wurde.

Mercator schüttelte verwundert den Kopf und machte sich wieder an seine Arbeit. Er hatte schon längst die Stelle, an der er den Mann im roten Umhang gesehen hatte, als Bezugspunkt ausgesucht. Ein Dreieck mit den Eckpunkten Gangelter Kirchturmspitze, der Grabungsstelle des Unbekannten und dem von ihm ermittelten Schnittpunkt zwischen 51. Breitengrad und 6. Längengrad entstand in seinem Kopf.

Mercator begann zu rechnen.

Er schrieb mit einem Stift aus Graphit auf einem Pergament, das er auf ein Brett gespannt hatte, sodass er es als tragbares Schreibpult immer mitnehmen konnte.

„51 … Meine Glückszahl!“, dachte er.

Der Gedanke war plötzlich da und ließ ihn lächeln. Beim ersten Anschein machte die Natur manchmal den Eindruck absoluter Willkür, aber dann gab es wiederum Momente, in denen sich eine so tief gehende Ordnung zu offenbaren schien, dass man es kaum glauben konnte. Man musste sie eben nur erkennen. Insofern gab es für Mercator auch keinen Widerspruch zu dem Glauben an Gott und den Erkenntnissen der Wissenschaft, der Logik und der Mathematik …

„51 …

Vor den Toren des Ortes, in dem ich aufwuchs, kreuzen sich der 51. Breitengrad und der 6. Längengrad. 2800 Schritte sind es zwischen der Kirchturmspitze und dem Schnittpunkt. Und vom Schnittpunkt aus bis zu dem Ort, wo der Kerl seine Kiste vergraben hat, sind es genau 5100 Schritte!

5100 …

51 …

Wer soll da an Zufall glauben?“

Diese Gedanken gingen Mercator durch den Kopf und seine sonst so konzentrierten Gesichtszüge wirkten jetzt plötzlich sehr viel weicher.

„Was mag das nur für eine Magie sein, die von der Ziffernfolge 51 ausgeht?“, fragte er sich.

Aber er beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, denn er wusste genau, dass man sich in der Analyse solcher mathematischen Muster genauso verlieren konnte wie im Zählen der Sterne am Firmament. Über all diesen Gedanken, mathematischen Überlegungen und Berechnungen vergaß Mercator den Umstand, dass ein ungewöhnlich gekleideter Mann eine geheimnisvolle Kiste vergraben hatte. Es war für den Wissenschaftler in diesem für ihn so wichtigen Moment keine beachtenswerte Sache.

In dieser Nacht arbeitete Mercator wieder sehr spät. Aber zwischendurch nickte er dabei ein und lag nun vornüber gebeugt auf dem Schreibpult. Plötzlich schreckte er hoch. Stimmen hatten ihn geweckt. Seine Kerze war erloschen. Es war ziemlich dunkel.

Mercator ging zum Fenster, von wo aus er die Stimmen jetzt deutlicher hörte.

Er öffnete die Läden, um sich durch das einfallende Mondlicht wenigstens etwas orientieren zu können. Ein kalter Hauch wehte herein. Es war feucht und dunstig draußen. Nebelschwaden sanken in die engen Gassen zwischen den Häusern und vom Mond war nichts weiter zu sehen als ein blasser, verwaschener Fleck, der immer in der Gefahr stand, vom Dunst so sehr überlagert zu werden, dass man gar nichts mehr von ihm wahrnehmen konnte.

Plötzlich hastige Schritte! Gestalten rannten durch die Nacht.

Sie liefen über die Straße, die vor dem Gasthaus herführte.

Waffengeklirr war zu hören. Aufgeregte Stimmen, Wortfetzen.

„Zum Südtor!”, rief ein Mann mit heiserer Stimme.

Im Schein einer schwankenden Laterne, die einer der Männer trug, glaubte Mercator zu erkennen, dass es sich um Mitglieder der Stadtwache handelte. Augenblicke später waren sie verschwunden und die Stille legte sich wieder über das kleine Städtchen.


Als der Kartograph am nächsten Morgen den Wirt danach fragte, was sich in der Nacht wohl zugetragen haben mochte, wusste dieser von nichts.

„Aber bis heute Abend bin ich informiert, werter Herr! Darauf könnt Ihr Euch verlassen!”

Der nächste Tag verging ereignislos – sah man einmal davon ab, dass der wieder aufkommende Nebel Mercator im Zeitplan zurückwarf. Schließlich ließen sich bei Nebel manche Bezugspunkte einfach nicht erkennen, die er jedoch für seine Berechnungen brauchte. An diesem Tag hatte er sich vorgenommen, den Burgturm, der gleichzeitig auch als Stadttor genutzt wurde, zu vermessen, um weitere Koordinaten für eine Karte zur Verfügung zu haben.

„Wir können nur hoffen, dass es bald wieder klarer wird”, meinte er zu Johann gewandt, dem das alles ziemlich einerlei war.

Als Mercator am Abend zu seinem Quartier innerhalb der Stadtmauern von Gangelt zurückkehrte, hörte er, wie die Stadtwachen sich aufgeregt mit einigen Bewohnern unterhielten. Ein richtiger kleiner Auflauf aus Männern, Frauen und Kindern hatte sich gebildet.

Niemand achtete auf Mercator, obwohl er allein für die Einheimischen durch den Wagen mit den recht seltsam wirkenden Messinstrumenten schon jemand war, der normalerweise ständig angegafft wurde, wo auch immer man seiner ansichtig wurde.

Es musste also etwas geschehen sein, was das Interesse der Leute noch mehr in seinen Bann zog, als die merkwürdigen und für das gemeine Volk völlig undurchschaubaren Aktivitäten eines wunderlichen Mannes mit langem Bart.

Es interessierte Mercator, was dort wohl los sein mochte. Gleichzeitig scheute er sich aber davor, sich einfach zu der Menschenmenge zu stellen. Also wies er Johann an, dies zu tun, während er schon mit dem Wagen zur Herberge fuhr.

Der Kartograph hatte seine wertvollen Instrumente bereits eigenhändig ausgeladen, als Johann endlich erschien.

„Nun, was redet man hier in Gangelt?”, fragte ihn Mercator.

„Es ist hier in der Nähe etwas Furchtbares geschehen!”, berichtete Johann völlig außer Atem und mit hochrotem Kopf. Die Aufregung, die den ganzen Ort erfasst zu haben schien, hatte offensichtlich auch von ihm Besitz ergriffen.

Er schnappte nach Luft.

„Nun fahr schon fort und spann mich nicht so auf die Folter!”, verlangte Mercator.

„In der Nähe des Südtores wurde gestern am späten Abend ein Mann tot aufgefunden!”, erklärte Johann. „Jedenfalls berichten das die Stadtwachen. Den Schädel hatte man ihm eingeschlagen. Er trug einen roten Umhang und es soll sich um einen hohen Herrn gehandelt haben!”

„Wer sollte denn ein so abscheuliches Verbrechen begehen?”

„Darüber wird noch gerätselt und es gibt wohl allerhand Gerüchte darüber.”

Wenig später erfuhr Mercator dann von seinem Wirt weitere Einzelheiten. Der Wirt war völlig außer sich. Es kam äußerst selten vor, dass in Gangelt etwas geschah, worüber man sich so trefflich das Maul zerreißen konnte. Normalerweise mussten da schon Spekulationen über den Diebstahl eines Huhns ausreichen – oder darüber, dass eine Bettlerin mit vielen Runzeln und unappetitlichen Geschwüren vielleicht den bösen Blick hatte.

So ein Verbrechen sprengte einfach das normale Leben in den Mauern des Ortes.

„Ich weiß es aus sicherer Quelle”, begann der Wirt im Tonfall eines Verschwörers. „Der Tote ist der Adjutant des Herzogs von Jülich!”

„Nein!”, entfuhr es Mercator.

„Es ist die Wahrheit! Ihr könnt es mir glauben und ich weiß es von offizieller Stelle, aus berufenem Munde. Nur musste ich halt demjenigen versprechen, nicht darüber zu reden. Aber es spricht sich ja sowieso früher oder später alles herum.”

„Das ist allerdings wahr.” Mercator zögerte, bevor er seine nächste Frage stellte. Es lag ihm nämlich ganz und gar nicht daran, irgendwie aufzufallen.

„Trug der Adjutant einen roten Umhang?”, erkundigte er sich dann.

„Ist er Euch vorher also auch schon mal aufgefallen!”, meinte der Wirt. „Ja, Ihr habt recht, es ist der Kerl mit dem roten Umhang. Hier in meinem Gasthaus am Tisch dahinten in der Ecke hat er gesessen, seine Mahlzeit gehalten und sein Bier getrunken. So wahr ich hier vor Euch stehe! Und ein großzügiges Trinkgeld hat er mir auch noch gegeben!”

„Er muss es gewesen sein!“, überlegte Mercator und dachte an den Mann im roten Umhang, den er dabei beobachtet hatte, wie er eine Kiste vergrub.

„Ist bekannt, weshalb der Adjutant ermordet wurde?”, fragte Mercator.

„Nein. Das ist ein Rätsel. Im Moment gehen die Stadtwachen von Haus zu Haus und suchen nach Zeugen. Leute, die den Adjutanten in den letzten Tagen gesehen und vielleicht irgendetwas Verdächtiges beobachtet haben.”

Einen Moment lang erwog Mercator, sich vielleicht auch zu melden. Schließlich war es ja nicht ausgeschlossen, dass die Beobachtung, die er gemacht hatte, etwas mit dem Tod des Adjutanten zu tun hatte.

Aber dann entschied er sich dagegen. Die Zeit, da man ihn in Rupelmonde wegen „Lutherei” festgenommen und ein halbes Jahr im Kerker hatte schmachten lassen, war ihm noch zu lebhaft in Erinnerung. Besser, man hielt sich von der Obrigkeit fern – auch auf die Gefahr hin, dass dann ein feiger Mord vielleicht ungesühnt blieb.

„Eine Garantie für Gerechtigkeit sind die weltlichen Herren nun wirklich nicht!“, beruhigte er sein Gewissen. „Wer sagt schon, dass sie den Richtigen zur Rechenschaft ziehen würden?“


Nach Abschluss seiner Arbeiten in der Gegend von Gangelt zog Mercator mit seinem Messwagen weiter zur Burg Millen im gleichnamigen Ort. Auch dort quartierte er sich für ein paar Tage ein, um Messungen in der Umgebung durchzuführen.

Schon bei seiner Ankunft machten in Millen Gerüchte die Runde, die etwas mit dem Tod des Adjutanten zu tun hatten.

Johann berichtete ihm darüber, nachdem er die Pferde in einen Stall gebracht und mit den dort beschäftigten Knechten gesprochen hatte. Mercator erfuhr auch davon in der Schenke, in der er seine Mahlzeit einnahm.

„Der Adjutant des Herzogs muss ein ganz krummer Hund gewesen sein”, erzählte der Wirt so laut, dass es alle Zecher im Schankraum mithören konnten. „Er war nämlich keineswegs im herzöglichen Auftrag unterwegs, wie mir einer erzählt hat, der bei den herzöglichen Landsknechten angestellt war und letzte Woche durch die Gegend zog, um sein Glück in Antwerpen zu machen.”

„Weswegen war der Kerl denn sonst in der Gegend?”, fragte einer der Zecher, ein vierschrötiger Mann mit riesigen Händen. Mercator, der in einer Ecke der Schenke am Tisch saß und aß, hatte aus dem Gespräch erfahren, dass der Mann der Schmied von Millen war.

„Er war auf der Flucht!”, behauptete der Wirt. „Es war nämlich Anklage gegen ihn erhoben worden, weil er angeblich dem Herzog eine Kiste mit 5100 Goldgulden gestohlen hat!”

„5100 … 51 … Wieder diese Ziffernfolge!“, durchfuhr es Mercator. Er dachte an seine Beobachtungen am Gangelter Schanzberg. An die 5100 Schritte zwischen dem Schnittpunkt des 51. Breitengrades mit dem 6. Längengrad und der Stelle, an welcher der Adjutant des Herzogs offenbar einen unvorstellbar großen Schatz vergraben hatte …

Einen Schatz, den zumindest der Adjutant auf keinen Fall mehr heben konnte.

Mercator verdrängte alle Gedanken an den toten Adjudanten und das vermeintliche Diebesgut. Seine Angst, selbst des Diebstahls bezichtigt zu werden, wenn er die Kiste ausgraben und dabei entdeckt würde, war viel zu groß. Er hatte ein gutes Auskommen und war auf Gestohlenes nicht angewiesen.







Vierzig Jahre später …

Duisburg, 2. Dezember 1594


Flackerndes Kerzenlicht erhellte den Raum. Die Luft war abgestanden. Der Atem des im Bett liegenden Gerhard Mercator ging schwer. Er hatte das Gefühl, dass ihm eine schwere Last auf die Brust drückte und ahnte, dass es der Tod selbst war …

Vor zwei Jahren hatte er sich in aller Unerbittlichkeit angekündigt, als den großen Kartenzeichner ein Schlaganfall ereilte und ihn weitgehend gelähmt hatte. Glücklicherweise hatte Mercator zu diesem Zeitpunkt längst seine Söhne und zum Teil auch schon einige seiner Enkel in die Abläufe seiner Kartographenwerkstatt eingebunden, sodass er nicht mehr überall selbst Hand anlegen musste. Es reichte aus, wenn nach seinen Methoden gearbeitet wurde.

In diesen zwei Jahren hatte sich der Zustand Mercators stetig verschlechtert. Ja, sein Befinden glich gar einer abfallenden Kurve und Mercator ahnte, dass er nun die Null-Koordinate fast erreicht hatte. Es war also die Zeit gekommen, um letzte Dinge zu ordnen. Zeit, um letzte Geheimnisse zu offenbaren, wenn man nicht wollte, dass sie bis in alle Ewigkeit Geheimnisse blieben.

Die Tür knarrte und fiel wieder ins Schloss. Der entstandene Luftzug hätte beinahe die Kerzen ausgeblasen. „Mein Lebenslicht ist nur noch schwach!“, ging es Mercator durch den Kopf. „Vielleicht habe ich doch zu lange gewartet. Noch ein paar Augenblicke! Länger werde ich nicht brauchen!“

In diesem Moment hörte Mercator Schritte und sah seinen jüngsten Sohn Rumold, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten war und sich mit Leib und Seele dem Kartographenhandwerk verschrieben hatte.

„Mein Sohn”, flüsterte er.

„Ihr habt mich rufen lassen, Vater?”

„Komm näher … Das Sprechen fällt mir schwer!”

Rumold gehorchte. Er trat an das Bett und seine Gesichtszüge vermochten das Entsetzen über den Zustand des Vaters kaum zu verbergen.

„Der Herrgott wird mich sehr bald zu sich rufen”, sagte Mercator. Er sprach sehr leise. Seine Stimme war kaum mehr als ein schwaches Wispern. Manche Worte waren kaum zu verstehen und wurden durch das Knistern des Kaminfeuers überdeckt.

Er machte eine Pause und sammelte die wenigen Kräfte, die ihm noch geblieben waren.

„Kann ich irgendetwas für Euch tun, Vater?”, fragte Rumold.

„Nein”, ächzte dieser. „Nur zuhören und jedes Wort bewahren, dass ich dir jetzt sagen werde, Rumold. Ich weiß, dass ich dich früher hätte einweihen sollen und ich hoffe, dass es jetzt noch nicht zu spät ist …”

„Worum geht es?”

Wieder folgte eine Unterbrechung. Mercator schloss die Augen und sein Atem wurde so flach, dass Rumold für einen kurzen Moment glaubte, sein Vater wäre bereits entschlafen.

Aber das war nicht der Fall.

Die Augen öffneten sich wieder. Glasig waren sie und ihr Blick schien durch Rumold hindurchzugehen und ihn gar nicht mehr richtig wahrzunehmen.

Schließlich fuhr Mercator fort: „Ich werde die Tabulae Graphica nicht mehr beenden können, mein Sohn.” Vor fünf Jahren war die vierte und bisher letzte Ausgabe dieser Kartensammlung erschienen, zu der insgesamt 22 moderne Landkarten gehörten. Karten, die die Welt endlich so zeigten, wie sie war. Eine fünfte Lieferung hatte Mercator noch selbst vollenden oder zumindest beaufsichtigen wollen. 29 Karten waren bereits fertig, aber es fehlten noch fünf. Der Gedanke an deren Fertigstellung hatte Mercator wohl in den letzten Wochen auch die Kraft gegeben, nicht der Agonie des Todes nachzugeben und einfach die Augen zu schließen. Aber nun musste er sich eingestehen, dass seine Kräfte einfach nicht mehr ausreichten. Es schmerzte ihn, vor der Vollendung dieses Ziels die Augen schließen zu müssen. Aber andererseits bedeutete es auch das Ende einer langen Qual.

„Versprich mir, dass du die Tabulae Graphica vollendest, mein Sohn! Versprich es mir!” Seine zitternde Hand griff nach Rumolds Unterarm und krallte sich regelrecht darum.

„Ich verspreche es, Vater! Ihr könnt Euch darauf verlassen. Ich verbürge mich dafür – und wenn ich es Euren Enkeln auferlegen muss, falls mir etwas zustoßen sollte.”

Mercator atmete auf. „Das ist gut”, sagte er. Er schien sehr erleichtert über diese Versicherung seines Sohnes zu sein, sein Werk abzuschließen.

Mercator hatte es von jeher gehasst, auf Grund welcher Umstände auch immer, eine unfertige Arbeit hinterlassen zu müssen.

„Da ist noch etwas, was ich dir sagen muss, Rumold …”

„Was, Vater?”

„Sieh in die Schublade der Kommode!”

Rumold gehorchte.

„Dort ist ein versiegelter Umschlag! Bring ihn mir”

Als Mercator den Umschlag in den zittrigen Händen hielt, brach er das Siegel und holte den Inhalt hervor. Eine Karte, mit der es offenbar eine besondere Bewandtnis hatte. Rumold half dabei, sie auseinander zu falten.

„Es ist eine Karte, die meine Heimat zeigt”, sagte Mercator mit brüchiger Stimme. „Das Land um Gangelt … Du siehst dort ein Kreuz!”

„Ja, Vater.”

„Das Geheimnis ist verschlüsselt. Du musst…”

„Vater!”

„Bei dem Kreuz … Dort ist … dort … ist …”

Die Stimme des großen Kartographen versagte. Das Leben war von ihm gewichen, bevor er das Geheimnis hatte preisgeben können. Rumold schossen die Tränen in die Augen. Er hatte seinen Vater sehr geliebt und verehrt. Nach einer Zeit der Andacht schloss er ihm behutsam die Augen. Als man Rumold später nach den letzten Worten fragte, die Gerhard Mercator geäußert habe, erklärte er, dass sein Vater darum gebeten habe, vom Prediger in der Kirche mit einem Gebet bedacht zu werden.

Rumold nahm die Karte an sich und betrachtete sie am Abend im Schein der niederbrennenden Kerzen genauer.

Am Rand war eine merkwürdige Kombination aus Buchstaben und Zahlen zu sehen. Das musste die Verschlüsselung sein, die sein Vater gemeint hatte.

Rumold kannte verschiedene Methoden, um Botschaften zu verschlüsseln. Er selbst hatte das auch schon verschiedentlich angewendet. Oft im Auftrag von adeligen Häusern, die auf diese Weise geheime Botschaften sicher überbringen wollten.

Rumold probierte die ihm bekannten Entschlüsselungscodes aus,

aber keiner passte. Auch die Vornamen seiner Geschwister führten zu keinem Erfolg.

Die hier angewandte Art der Verschlüsselung war ihm unbekannt.

Nachdenklich faltete Rumold die Karte wieder zusammen. Es schien fast so, als hätte der große Mercator das Geheimnis der Karte mit in den Tod genommen.


Anno 2007

Als Georg „George” Schmitz die heiligen Hallen betrat, in denen die Redaktion seiner Zeitung untergebracht war, grinste er von einem Ohr bis zum anderen.

„Hallo George!”, grüßte ihn der Chef vom Dienst. „Man liest dauernd ´was in unserem Blatt von dir, aber man sieht dich kaum noch in der Redaktion!”

Schmitz hob die Augenbrauen.

„Das ist die Gnade des Freiberuflers”, erwiderte er vergnügt. „Außerdem muss ich meinem Ruf als ´Rasender Reporter der Region‘ doch gerecht werden, oder?”

„Sicher, George.”

Schmitz, der seinen Vornamen gerne auf die feine englische Art aussprechen ließ, war fünfzig Jahre alt, mittelgroß und hatte ein pfiffig wirkendes Gesicht mit sympathischer Ausstrahlung. Die Vorliebe für gutes Essen sah man seinem leichten Bauchansatz an. Besonders die asiatische Küche hatte es ihm angetan. Zum gesundheitlichen Ausgleich dieses Lasters verzichtete er jedoch vollkommen auf Zigaretten und Alkohol, wobei letzteres für einen Lokalreporter normalerweise das Karriere-Aus bedeutete. Wo, wenn nicht an der Biertheke, erfuhr man die Hintergründe zu den Dingen, die Menschen bewegten? Wie Schmitz es geschafft hatte, trotz seines erklärten Nicht-Biertrinkertums ein Rechercheur mit so hervorragenden Kontakten in der Bevölkerung zu werden, war vielen seiner Kollegen schlicht ein Rätsel. Vielleicht war es einfach seine gewinnende Art, mit der er Gesprächspartner für sich einzunehmen wusste, sodass sie ihm dann häufig mehr preisgaben, als sie sich eigentlich vorgenommen hatten.

Lena, eine Volontärin, rief von einem der Computertische herüber. „George, der Typ von der Gangelter Feuerwehr hat wieder angerufen!”

„Ich hoffe, du hast ihm meine Handynummer gegeben!”

„Klar! Und ich habe versucht, ihm zu erklären, dass du ein freier Mitarbeiter bist und hier nur auftauchst, wenn du mal nicht gerade draußen unterwegs bist. Aber das wollte er mir nicht glauben, weil so viel von dir in der Zeitung steht!”

„Das begreift der nie. Am besten, ich rufe ihn an. Hast du dir die Nummer geben lassen?”

„Hier!”

Sie rauschte herüber und gab George einen Zettel.

„Geht es etwa immer noch um den Brand von letzter Woche?”, fragte der Chef vom Dienst und verzog dabei das Gesicht.

„Nein, wahrscheinlich um das Jahresfest der Feuerwehr von Gangelt.”

„Und dann hat noch jemand anderes angerufen – auch ein Feuerwehrmann”, berichtete Lena. „Das war der Herr Milthaler aus Gangelt. Er dachte, du wärst zufällig mal hier, weil dein Handy wohl nicht eingeschaltet war. Wahrscheinlich wird er es dann in nächster Zeit noch mal versuchen.”

George nickte.

„Akku leer”, meinte er. „Aber inzwischen ist er wieder randvoll. Hat Herr Milthaler gesagt, worum es ging? Wenn es nämlich in Gangelt gebrannt hätte, hätte ich eigentlich davon hören müssen …”, sagte er grinsend in Richtung seines Chefs.

„Es ging um irgendein Fest.”

„Ach ja”, seufzte George. „Das Jahresfest der Freiwilligen Feuerwehr von Gangelt.”

Nun lachte auch der Chef vom Dienst. „Lange kein Mord oder etwas ähnlich Spektakuläres in der Gegend passiert, was, George? Dass du dich jetzt schon mit so einem Kleinkram wie Feuerwehrfesten abgeben musst, spricht doch Bände über die zurückgehende Kriminalitätsrate in unserer Region!”

„Warum macht ihr dann daraus nicht eine Schlagzeile?”, gab George den Ball zurück. „VERBRECHENSRATE IM SELFKANT RÜCKLÄUFIG – MORDREPORTER WIRD JETZT ARBEITSLOS!”

„Besonderer Service der Zeitung: Unser Star-Reporter schreibt jetzt auf Wunsch für Ihre Hochzeitszeitung!”, ergänzte Lena. „Das wäre doch was!”

Alle lachten.

„Aber mal ehrlich”, sagte George und strich sich dabei mit einer etwas hektisch wirkenden Geste den dunkelblonden, aber schon leicht ergrauten Schurrbart glatt. „In den nächsten zwei Wochen werde ich es wirklich mal etwas ruhiger angehen lassen.”

„Dann darf aber kein Mord, kein lokaler Polit-Skandal und kein spektakulärer Unfall dazwischenkommen, oder?”, meinte der Chef vom Dienst.

Augenzwinkernd antwortete George: „Es gibt ja noch Polizei und Feuerwehr. Ich muss ja nicht alles alleine machen!”

„Darf man fragen, was du vorhast?”, fragte der Chef vom Dienst und lehnte sich in seinem breiten Bürosessel zurück, während Lena wieder zu ihrem Platz zurückging.

Schmitz’ Vorliebe für Fernreisen war unter den Kollegen bekannt. Ab und zu konnte man daher auch vollkommen genrefremde Reiseberichte von dem rührigen Reporter lesen, in denen er seine persönlichen Eindrücke zu Papier – oder besser gesagt in seinen Laptop brachte. Besonders Asien und Afrika hatten es ihm angetan und zogen ihn immer wieder aufs Neue an. Für den rundum geerdeten, in seiner Region verwurzelten Schmitz war das wie ein Kontrastprogramm zu seinem sonstigen Leben, in dem er mindestens die Hälfte aller wichtigen lokalen Funktionsträger duzte und viele schon seit Jahren kannte. Hier in seinem Revier war ihm beinahe „jeder Bierdeckel“ vertraut und da brauchte er ab und zu die Abwechslung des Exotischen und Unvermuteten.

Aber das war es diesmal nicht. „Ich muss dich enttäuschen, es geht nur bis Gangelt”, sagte George und genoss es, die Augen seines Chefs vor Verblüffung hervortreten zu sehen.

„Bis Gangelt? Vielleicht Gangelt in Florida oder so etwas – oder meinst du wirklich unser Gangelt?”

„Unser Gangelt”, bestätigte George.

„Dann lass mich raten: Du bist doch an einer Story dran! Jemand hat den Mercator-Stein am 51. Breitengrad umgestürzt und du verrätst mir nichts davon, weil du in Ruhe an der Sache arbeiten willst!”

„Nein, es ist ganz einfach. Meine Frau macht eine Kur in Bad Pyrmont und da dachte ich mir, ich könnte es mir ja auch mal richtig gut gehen lassen. Jetzt hat doch in Gangelt dieses neue Mercator-Hotel eröffnet und ich werde mich mal ein paar Tage dort einquartieren, das Wellness-Programm testen, sehen, was die Küche zu bieten hat und so weiter. Einfach mal die Füße komplett hochlegen.”

„Nicht schlecht”, staunte sein Gegenüber und sah ihn ungläubig an.

„Unter die Hotelkritiker bist du jetzt aber nicht gegangen, oder?”

George lächelte auf seine hintergründige Weise.

„Wer weiß? Schließlich bin ich unabhängiger Journalist und da soll mir das mal jemand verbieten.”

Er gab seine Daten für die letzten Artikel per USB-Stick ab, hielt noch hier und da ein Schwätzchen mit dem einen oder anderen Zeitungskollegen, um über alles auf dem Laufenden zu bleiben, was sich in der Region so tat und verließ anschließend die Redaktion genauso gut gelaunt, wie er sie betreten hatte.

In den nächsten Tagen würden noch ein paar Artikel von ihm abgedruckt werden. Aber dann?

Anderthalb Wochen Tageszeitung ohne Georg Schmitz.

Sowohl für die Leser als auch für George selbst würde das ziemlich ungewohnt sein.

George ging zum Parkplatz und stieg in seinen blauen VW Lupo. Die Reisetasche befand sich schon gepackt im Kofferraum – der unverzichtbare Laptop und seine Kamera allerdings auch. Man konnte ja nie wissen! Und George hatte nicht die Absicht, den Albtraum eines jeden Reporters wahr werden zu lassen, der da lautete: Es passiert etwas und man hat keine Möglichkeit, darüber zu schreiben, weil man ohne Laptop und anderes Handwerkszeug dasteht.

Und falls nichts geschehen sollte, was es wert gewesen wäre, in die Laptoptasten gehackt zu werden, dann könnte er sich zumindest schon mal an das Linux-Betriebssystem gewöhnen. Das hatte er sich neu aufgespielt, weil er die Fehler und Sicherheitslücken von Windows XP und einem Bill Gates einfach satt hatte.

Elf Kilometer waren es von Geilenkirchen bis Gangelt.

Wirklich keine Weltreise!


Gemütlich schlenderte Jan van Pollak über den Lütticher Flohmarkt. Es war ein kühler, aber sonniger Sonntagmorgen. Dutzende von Sprachen klangen durcheinander.

Vom Kleintier bis zu einem großen Angebot von russischsprachigen Büchern und Videos konnte man hier alles bekommen. Trödel und Tand ebenso wie wertvolle Antiquitäten. Manchmal beides auf eine Weise gemischt, die es schwer machte, das Wertvolle vom nicht so Wertvollen zu unterscheiden.

Jan van Pollak war 42 Jahre alt. Er hatte Kunstgeschichte und Bibliothekswissenschaften in Bonn und Amsterdam studiert und sogar einen akademischen Grad erwoben. Dr. van Pollak konnte er sich nennen. Aber das hatte dem Sohn eines Belgiers und einer Deutschen nicht viel genützt. Er fuhr seit ein paar Jahren in Lüttich Taxi, nachdem er die Hoffnung, irgendwann zu habilitieren und einen Lehrstuhl zu bekommen, aufgegeben hatte. Mit einem Antiquariat für alte Bücher war er pleitegegangen und hatte einen Offenbarungseid leisten müssen. Mit dem Taxi verdiente er so viel, wie er brauchte und durfte, ohne seine Gläubiger begehrlich zu machen.

Nebenbei hatte er noch ein paar Einnahmen aus einer schwarzen Quelle. Er machte Expertisen von Kunstwerken und Antiquitäten für Leute, die am Rand der Legalität arbeiteten. In vielen Fällen war er wohl eher auf der anderen Seite der Grenze, die das Gesetz zog. Es waren Kunstwerke von zweifelhafter Herkunft, die er für ein Handgeld beurteilte. Ob sie gestohlen oder illegal eingeführt waren, das wollte van Pollak gar nicht so genau wissen.

Jedenfalls bekam er so das nötige Honorar, um auf Flohmärkten wie diesem seiner Leidenschaft für alte Bücher nachzugehen. Meistens war es nicht der Rede wert, was so angeboten wurde. Übelriechender Papiermüll, nur ein paar Cent wert. Manche der Händler boten konsequenterweise Bücher gleich als Kiloware an.

Aber hin und wieder gab es ein paar rare Schmuckstücke in all diesem billigen Zeug zu finden. Wertvolle Erstausgaben zum Beispiel oder uralte Kartensammlungen. Die Händler wussten dann zumeist gar nicht über den Wert ihrer Ware Bescheid.

Ab und zu hatte van Pollak schon das eine oder andere Schnäppchen gemacht. Da er wusste, wo man solche wertvollen Ausgaben zu einem reellen Wert an den Mann bringen konnte, war fast immer ein ganz ansehnlicher Gewinn drin.

Der Stand, an dem van Pollak jetzt stehen blieb, gehörte einem Russlanddeutschen, der schlecht Deutsch, noch schlechter Flämisch und überhaupt nicht Französisch sprach. Ein Drittel seines Angebots bestand aus russischen Romanen, der Rest aus einem Sammelsurium aus staubigen Taschenbüchern und dicken Folianten in Deutsch, Niederländisch und Französisch.

Van Pollak interessierte sich für ein paar Bände mit aufwändigen Farbtafeln, die vor dem ersten Weltkrieg herausgebracht worden waren. Sie lagen direkt neben einigen Stapeln mit Romanheftchen. Die deutschen und die niederländisch-flämischen Ausgaben von Jerry Cotton und Perry Rhodan fielen ihm auf. Van Pollak griff jedoch zu einem anderen Buch, einem Atlas aus dem Jahre 1889. Neugierig blätterte er etwas darin herum.

Die Bindung hatte sich bereits ziemlich aufgelöst.

Er legte ihn zur Seite, weil etwas anderes sein Interesse erregte.

Es war ein altes Buch mit einem schwarzen Einband. Die Goldlettern auf dem Rücken waren fast verblasst. Aber man konnte sie noch lesen: Hermann von Schlichten, ABSONDERLICHE KULTE.

Van Pollak nahm das Werk an sich, schlug es auf und sah auf das Erscheinungsjahr: 1899.

Es war die legendäre Erstausgabe eines okkulten Kompendiums, das ein im Wahnsinn endender Geisterbeschwörer im Wien der Jahrhundertwende verfasst hatte. Ein Zeitgenosse von Gustav Meyrink und vielleicht sogar mit ihm bekannt.

„Dreihundert Euro!“, dachte van Pollak. „Mindestens!“

Ihm war bekannt, dass dieses Kompendium nie wieder aufgelegt worden war, sich jedoch in der Okkultistenszene großer Beliebtheit erfreute. Mit etwas Glück glaubte van Pollak sogar das Doppelte herausholen zu können.

Er blätterte in den Seiten herum.

In erster Linie achtete er darauf, dass der Band vollständig war und nicht jemand etwas herausgerissen hatte. Ein herausgerissenes Deckblatt reichte schon, um den Wert zu halbieren.

Es fehlte jedoch nichts.

Und der Besitzer des Werkes hatte seinen Namen sehr dezent in eine Ecke des Deckblattes geschrieben: Jakob Weyden, Duisburg stand dort in Blockbuchstaben. Wann dieser Band im Besitz eines gewissen Herrn Weyden aus Duisburg gewesen war, konnte man allerdings so nicht feststellen.

Beim Durchblättern rutschte plötzlich an einer Seite etwas heraus: ein zusammengefalteter Bogen Papier. Erst wollte van Pollak ihn zurückschieben, doch neugierig geworden, zog er ihn komplett heraus. Das Papier unterschied sich in seiner Beschaffenheit und Farbe sehr stark von dem des Buches. Es war viel gröber und besaß eine mehr gelbliche Farbe.

Van Pollak faltete den Bogen auseinander.

„Eine Karte!“, stellte er überrascht fest. Ein deutliches Kreuz markierte einen bestimmten Punkt. Zwei Linien waren hervorgehoben. Der 51. Breiten- und der 6. Längengrad! Am Rand befanden sich eigenartige Kombinationen aus Zahlen und Buchstaben sowie das Namenszeichen Mercators.

Van Pollak schluckte. Sein Herzschlag beschleunigte sich.

„Mein Gott!“, durchfuhr es ihn. „Ich hätte nicht gedacht, dass es sie wirklich gibt!“

In seinem Studium der Geschichtswissenschaften hatte er einiges über Mercator gelesen und erfahren, dass dieser seinem Sohn auf dem Sterbebett eine geheimnisvolle Karte übergeben hatte. Seinem Sohn war es nicht gelungen, das Geheimnis der Karte zu entschlüsseln. Obwohl in der jetzigen Zeit noch manche Mercatorkarten erhältlich waren, blieb diese jedoch bis zum heutigen Tage verschollen.


„Du wollen kaufen?”, fragte der Russe. „Immer vorsichtig, ist alt!”

„Was wollen Sie dafür haben?”, fragte van Pollak, der die Karte wieder zusammenfaltete.

„War Zettel in Buch?”

„Ja.”

„Dann wieder reinlegen! Ist alt... und wertvoll. Gibst du fünfzig Euro?”, fragte der Russe.

„Vierzig”, bot van Pollak an.

„Fünfundvierzig.”

„Okay!”, meinte van Pollak und besiegelte damit den Handel.

Handeln war Ehrensache, fand van Pollak. Außerdem hätte er den Russen nur misstrauisch gemacht, wenn er das Buch für 50 Euro gleich gekauft hätte.

Aber auf die dreihundert Euro, die er mit Hermann von Schlichtens ABSONDERLICHEN KULTEN verdienen konnte, kam es jetzt gar nicht mehr an.

Dreihundert Euro …

Van Pollak lächelte.

Die Karte war mindestens drei Millionen wert!


Van Pollak ging zu seinem Wagen, einem gebrauchten Toyota mit reichlich Roststellen an der Karosserie. Die Ausgabe der ABSONDERLICHEN KULTE mit der Karte darin hatte er unter den Arm geklemmt und legte sie nun auf den Beifahrersitz.

Dann nahm er das Mobil-Telefon aus der abgewetzten Lederjacke, die selbst wie eine Antiquität wirkte. Ein Prepaid-Handy. Mehr konnte er sich nicht leisten. So um die zwanzig Euro hatte er noch an Guthaben. Hoffte er zumindest.

Er wählte eine Nummer aus dem Menü und sprach dann in fließendem Flämisch:

„Hör mal, du musst für meine Taxi-Schichten in der nächsten Woche jemand anderen einplanen … Nein, ich kann nicht. Nein … Ich bin die ganze Woche nicht da, tut mir leid.”

„Und wahrscheinlich werde ich nie wieder Taxi fahren müssen, wenn ich zurückkehre!“, dachte er für sich.

Dann lehnte er sich zurück.

Er schloss für einen Moment die Augen und genoss einfach nur dieses riesige Glücksgefühl, das in ihm aufstieg. Noch konnte er es gar nicht richtig fassen!

Über 5000 Goldgulden soll der Adjutant des Herzogs von Jülich im Jahre 1554 gestohlen haben, bevor ihn das Gericht des Herrn in Form eines feigen Raubmörders hinweggerafft hatte.

„Niemand weiß bis heute, wo dieser Schatz versteckt ist! Aber für jemanden, der sich im Besitz dieser Karte befindet, und gleichzeitig über mittelalterliche Verschlüsselungstechniken Bescheid weiß, sollte es doch kein Problem sein, den Ort zu finden,“ dachte van Pollak.

Dummerweise konnte er diese Sache nicht allein durchziehen. Er brauchte Hilfe. Und dabei ging es weniger darum, jemanden zu finden, der bereit war, eine Schaufel in die Hand zu nehmen, als vielmehr jemanden, der dafür sorgte, dass die Goldgulden in die richtigen Hände verkauft wurden.

Van Pollak kannte sich aus.

In Nordrhein-Westfalen sah ein Gesetz vor, dass beim Fund eines Schatzes die Hälfte dem Entdecker und die andere Hälfte dem Eigentümer des Fundortes zugesprochen wird.

Van Pollak hatte allerdings nicht die Absicht zu teilen. Im Gegenteil! Es gab vielleicht sogar Personen, die bereit waren, noch sehr viel mehr zu bezahlen als den angesetzten Schätzwert, der im Wesentlichen den Materialwert berücksichtigte.

Menschen, denen es wichtig war, etwas Einzigartiges zu besitzen und die gar nicht daran dachten, mit diesen Goldmünzen auf den Markt zu gehen.

Außerdem bestand die Möglichkeit, die Goldgulden einzeln zu verkaufen, woraus sich vielleicht ein noch wesentlich höherer Gewinn erzielen ließ.

Vorausgesetzt natürlich, man hatte die richtigen Kontakte.

Aber über diese verfügte van Pollak.

Schließlich waren das genau die Leute, die ihn ansonsten mit Expertisen beschäftigten.

Van Pollak öffnete die Augen und wählte eine weitere Nummer.

Es war eine Nummer in Deutschland.

Eine Aachener Vorwahl.

„Hier ist van Pollak. Wir müssen uns dringend treffen.”


George setzte seine Reisetasche und den kleinen Koffer mit dem Laptop auf dem Boden ab. Er atmete tief durch, ließ den Blick durch das Foyer des neu errichteten Mercator-Hotels in Gangelt schweifen und sah dann den Portier an der Rezeption an.

„Schmitz”, sagte er nur. „Ich habe reserviert.”

„Georg Schmitz”, gab der Portier zurück, ohne in seinen Unterlagen nachschauen zu müssen. „Von der Zeitung.”

„Richtig.”

„Ich habe Sie gleich wiedererkannt!”

Schmitz hatte Kolumnen geschrieben, die auch einen Schattenriss seines markanten Gesichts zeigten. Normalerweise war es ihm nicht unangenehm, wie eine lokale Persönlichkeit gleich erkannt zu werden. Allerdings war er diesmal in rein privater Sache unterwegs und da wäre es ihm eigentlich schon lieber gewesen, nicht als Reporter erkannt und angesprochen zu werden. Er hatte sogar überlegt, unter falschem Namen zu reservieren, um endlich einmal ungestört entspannen zu können. Aber das hatte sich jetzt erledigt. Außerdem wäre er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Und das wollte er partout nicht.

„Unter diesem Aspekt gesehen war es vielleicht ein Fehler, nach Gangelt zu gehen, um sich zu erholen,“ dachte er. „Aber nur unter diesem ...“

In diesem Augenblick betrat Edmund-Josef Wolf, der Hotelmanager, das lichtdurchflutete Foyer. Er war mittelgroß. Seine aufmerksamen Augen ließ er durch den Raum schweifen. Diesen Augen entging nichts. Keine falsch gefaltete Serviette und keine Falte in einer Tischdecke. Als Manager war er letztlich für alles verantwortlich. Man sagte ihm wie den meisten seiner Kollegen Pedanterie nach, aber die konsequente Kontrolle über alle Kleinigkeiten war in Wolfs Gewerbe wahrscheinlich die Grundlage des Erfolgs – und die Fähigkeit, den eigenen Betrieb aus der Sicht des Kunden zu sehen. Dass er selbst ein Gourmet war, gestattete ihm manchmal, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.

Wolf ging mit weiten, zielstrebigen Schritten auf George zu und gab ihm lächelnd die Hand.

„Schön, wieder die Presse im Haus zu haben”, sagte er und lachte Schmitz freundlich zu.

„Diesmal bin ich rein privat hier”, antwortete der Reporter schnell.

Wolfs Blick fiel auf die Laptop-Tasche.

„Na ja, so wie jemand wie Sie eben privat ist”, meinte er augenzwinkernd. „Ich hoffe, es springt dabei ein schöner Artikel über unser Hotel heraus. Internet-Anschluss finden Sie bei uns in jedem Zimmer, aber das wissen Sie ja.”

„Eigentlich habe ich vor, ein paar Tage gar nichts zu schreiben”, sagte George.

„Glaubst du wirklich selbst daran?“, überlegte er dabei. „Das wäre doch wohl das erste Mal, dass du das auch tatsächlich durchhältst!“

„So, so”, meinte Wolf.

Er verzog keine Miene, aber irgendwie hatte George das Gefühl, dass der Hotelmanager ihm nicht recht glaubte.

Lächelnd erwiderte George: „Meine Frau lässt es sich in Bad Pyrmont bei ihrer Kur gut gehen. Da dachte ich, dass ich auch mal was für mich tue und ausprobiere, was es bei Ihnen an Wellness und Komfort so alles gibt! Sauna, Schwimmbad, Massage ... Wenn man viel sitzt, zwickt es einem nämlich immer schnell im Rücken!”

„Da kann ich Ihnen nur die Dienste unseres Physiotherapeuten Bas Horsmans empfehlen. Eine Spitzenkraft in seinem Beruf. Der wird Ihnen sicher helfen können.”

„Danke, darauf werde ich zurückkommen.”

„Davon abgesehen möchte ich besonders auf unseren exquisiten Weinkeller hinweisen. Und vielleicht fällt Ihnen ja doch noch etwas ein, was Sie über uns zu Papier bringen können. Und sei es auch nur eine lustige Glosse oder so etwas. Sie wissen, dass aller Anfang schwer ist und wir jede Zeile brauchen können, die auf uns aufmerksam macht.”

George hob abwehrend die Hände. „Diesmal ganz sicher nicht. Den Laptop habe ich nur dabei, weil ...” Er zögerte. „Na ja, falls doch irgendetwas ganz Außergewöhnliches passiert. Es ist der absolute Reporteralbtraum, dass etwas in unmittelbarer Nähe passiert und man nichts dabei hat, um darüber schreiben zu können!”

„Mit anderen Worten: Es müsste schon ein Mord im Mercator-Hotel passieren, damit man Sie an die Tasten bekommt!”, lächelte Wolf.

„Aber so etwas will ja niemand ernsthaft hoffen”, gab Schmitz leicht entsetzt zurück.

„Natürlich nicht. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall einen schönen Aufenthalt hier im Mercator-Hotel - auch wenn davon leider niemand erfahren wird.”

„Danke, danke”, meinte George artig und wollte schon zu seinem Zimmer gehen.

Auch Wolf war bereits wieder auf dem Sprung, aber der Portier wandte sich an ihn.

„Herr Wolf?”

„Ja?”

„Herr Hamacher hat vorhin angerufen. Wegen der Hochzeit heute Abend.”

„Ah, ja.”

„Er fragt, ob er seine Scheinwerfer schon heute Nachmittag in den Raum bringen kann und möchte deswegen zurückgerufen werden.”

„Sagen Sie ihm: Nicht vor 14.30 Uhr.”

„Gut.”

Wolf nickte George noch einmal freundlich zu und ging dann eilig davon.

Der Reporter blieb nun doch noch in der Halle stehen. Er wusste natürlich, wer dieser Herr Hamacher war. In gewisser Weise handelte es sich um einen Kollegen. Der Postbeamte betrieb nebenberuflich ein Pressebüro und war auch als freier Mitarbeiter für die gleiche Zeitung tätig.

Fotografieren war sein in professioneller Qualität betriebenes Hobby. Ab und zu schaute George unter www.foto-hamacher.de vorbei, um sich über Ereignisse aus der Umgebung auf dem Laufenden zu halten.

Er wandte sich an den Portier.

„Wer heiratet denn?”

„Bernd Walters, ein Industrieller aus Aachen.”

„Na, wenn so jemand hier heiratet, dann hat sich der Ruf des Mercator-Hotels aber schon weit herumgesprochen!”

Der Portier lächelte verhalten. „Dass die Hochzeit hier stattfindet, liegt wohl eher daran, dass seine Zukünftige, Samira Petzold, von hier stammt.”

George runzelte die Stirn. Der Name war ziemlich ungewöhnlich und irgendwo klingelte da etwas in seinem Kopf.

Dann schnipste er mit den Fingern. „Rote Haare, Sommersprossen, ausladende Formen, etwa ein Meter fünfundsiebzig groß?”

„Stimmt.”

„Die müsste jetzt so Ende zwanzig sein. Als 16-jährige Schülerin war sie mal in einen Unfall verwickelt, über den ich berichtet habe. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs und ein LKW-Fahrer hatte sie übersehen und angefahren. Vom Fahrrad war nur noch ein Knäuel von Metallrohren übrig – aber ihr war nichts passiert! Man sprach damals von einem Wunder und selbst die Bildzeitung hat davon berichtet.”

„Tut mir leid, ich bin nicht von hier”, sagte der Portier. „Darüber weiß ich nichts.”


Schmitz bezog wenig später sein Zimmer. Internet-Anschluss, Fernseher, ein bequemes Bett, eine Minibar und ein gemütliches, chices Ambiente – es war für alles gesorgt, was man als Gast mit gehobenen Ansprüchen so brauchte. Aus seinem Fenster hatte er eine schöne Aussicht auf den Gangelter Burgturm und die umliegenden Felder.

Zu Mittag aß er mit Genuss Züricher Geschnetzeltes mit Spätzle.

Mit asiatischer Küche, die George normalerweise bevorzugte, konnte das Mercator-Hotel natürlich nicht dienen. Aber von dieser Vorliebe einmal abgesehen, war George vielseitig kulinarisch interessiert und gegenüber allen Genüssen sehr aufgeschlossen.

Etwas verwundert war er schon, als der Koch ihn persönlich am Tisch fragte, wie es ihm geschmeckt habe.

„Das Menü war ausgezeichnet”, entgegnete George.

„Der eigentliche Grund dafür, dass ich Sie anspreche ist, dass ich immer Ihre Artikel lese und dann meinen Namen sehe ...”

„Wie?”, fragte George irritiert.

„Ich heiße auch Schmitz. Michael Schmitz.”

Schmitz seufzte. „Ja, da teilen wir ein Schicksal: Wir sind zahlreich. Ich kenne sogar mindestens noch fünf andere Leute, die Georg Schmitz heißen. Aber da mich jeder George nennt, gibt es ja keine Verwechslungsgefahr.”


Den Nachmittag verbrachte George mit verschiedenen Wellnessanwendungen im Mercator-Hotel. Er schwitzte in den verschiedenen Saunen und zog seine Runden im Schwimmbad. Zunächst fiel es ihm schwer, sich zu entspannen. Immer wieder glaubte er, sein Handy klingeln zu hören. Aber das legte sich nach kurzer Zeit. Dass man natürlich Handys in diese Bereiche nicht mitnehmen konnte, schon der Feuchtigkeit wegen, leuchtete ihm ein. Natürlich auch um die anderen Gäste nicht zu stören.

Spätestens nachdem sich der Physiotherapeut Horsmans, ein sympathischer und sehr freundlicher Niederländer, eingehend mit ihm beschäftigt hatte, war er so entspannt wie schon seit Jahren nicht mehr. Selbst an sein Handy verschwendete er keinen Gedanken und genoss die unbeschwerte Ruhe.

Am Abend wurde im Mercator-Hotel die Hochzeit des Industriellen Bernd Walters gefeiert. George beschloss, sich nicht in der Nähe blicken zu lassen, da man vielleicht erwartete, dass er einen Artikel über dieses Ereignis schreiben würde. Und das hatte er nun wirklich nicht vor. So verbrachte er noch einige Zeit in der Hotelbar und dort traf er Karl-Heinz Hamacher, der gerade eine Pause von seinem Fotografen-Job einlegte.

„Ist hier was passiert und ich habe nichts davon mitbekommen?”, fragte Hamacher augenzwinkernd. „Oder was führt dich sonst hierher?”

„Diesmal nur die Lust zu faulenzen und sich den Rücken durchkneten zu lassen”, sagte George.

„Na, da bin ich ja froh!”

Während beide noch einen Drink bestellten, gesellte sich eine weitere Person zu ihnen an die Bar. Für beide kein Unbekannter. Dr. Martin Achten war vor seinem Ruhestand der Zahnarzt für die Gangelter Bevölkerung. Er gehörte offenbar zur näheren Verwandtschaft oder Bekanntschaft der Brautleute und war wohl deswegen eingeladen.

Dr. Achten schwitzte.

„Ich hab noch mal mit meiner Frau einen Walzer wie früher aufs Parkett gelegt, aber jetzt brauche ich eine Pause”, meinte er und bestellte ein Bier. Er sah sich neugierig um. „Hier im Mercator hat sich ja einiges getan, wenn man bedenkt, dass das Richtfest noch nicht mal ein halbes Jahr her ist.”

„Apropos Mercator”, sagte Hamacher. „Sie sind doch ein anerkannter Mercator-Spezialist, Herr Dr. Achten.”

„Na ja, das eine oder andere habe ich schon herausgefunden”, sagte er bescheiden.

„So unwesentliche Dinge wie die Tatsache, dass Mercators Eltern aus Gangelt stammen zum Beispiel”, mischte sich George augenzwinkernd ein.

„Wann war Mercator eigentlich zuletzt hier in Gangelt?”, fragte Hamacher interessiert.

„Das müsste 1554 gewesen sein”, überlegte Dr. Achten laut. „Jedenfalls hat er da einige Vermessungsfahrten durchgeführt und ich vermute, dass ihm da die Idee kam, den Schnittpunkt zwischen dem 51. Breitengrad und dem 6. Längengrad genau auf Gangelt zu legen.”

„Das hat mich nämlich vor kurzem meine Cousine gefragt. Sie betreibt ja eine Pension hier in Gangelt und sie hatte wohl einen Gast, der als Hobby private Mercator-Studien durchführte. Vielleicht kennen Sie den, aber ich komme jetzt auch nicht auf den Namen.”

Während Dr. Achten in seinen Ausführungen über Mercator weiterfuhr, musste George ständig gähnen.

„Die Sauna und die Physiotherapie haben mir wohl ziemlich zugesetzt”, meinte er nach einigen verzweifelten Versuchen, sich am Gespräch zu beteiligen. „Ich glaube, ich gehe heute mal etwas früher ins Bett.”

„Vorher sollten Sie aber doch noch die Köstlichkeiten der Abendkarte probieren!”, meinte Hamacher.

„So?”

„Die haben exquisite Sachen hier.”

„Mal sehen ...”

George verabschiedete sich und strebte müde seinem Zimmer zu.


In dieser Nacht schlief Schmitz schnell ein. Vielleicht lag es daran, dass er den Kochkünsten seines Namensvetters mit der Chefkochmütze doch nicht hatte widerstehen können und am Abend noch ein schmackhaftes Mahl genossen hatte.

Es war schon nach Mitternacht, als er auf einmal wach wurde. Um etwas frische Luft hereinzulassen, öffnete er das Fenster und blickte hinaus in die Nacht. Der Mond stand wie ein verwaschener Fleck am Himmel. Nur vereinzelt waren in Gangelt jetzt noch Geräusche zu hören.

Hier und da fuhr noch ein Wagen über die Sittarder Straße, aber die Intervalle dazwischen, in denen es fast ganz still war, wurden deutlich länger. Eine ganze Weile saß George einfach nur am Fenster und blickte in die Nacht. Er dachte nach und ließ den Gedanken freien Lauf.

Das Gespräch an der Bar hing ihm noch nach. Den genauen Grund dafür konnte er auch nicht sagen.

„Wahrscheinlich war ich schon so müde, dass die Worte direkt in mein Unterbewusstsein gingen und dort jetzt herumkreisten wie ein scheinbar zielloser Schwarm Zugvögel!“, überlegte er.

Dr. Achten hatte erzählt, dass ein gewisser Gerhard Kremer aus Gangelt sich später Gerardus Mercator nannte. Dieser Name war zweifellos dem besten Globographen seiner Zeit weitaus angemessener als der Allerweltsname, den ihm seine Eltern mit ins Leben gegeben hatten.

„Und ein gewisser Georg Schmitz nennt sich „George”, dachte der Reporter lächelnd. „Zumindest in diesem Punkt gibt es eine Parallele ...“

Ein kurzer, schriller Schrei holte George schlagartig aus der Tiefe seiner Gedankenwelt heraus.

Der Schrei war durchdringend.

„Ein Verbrechen!“, war Schmitz’ erster Gedanke.

Aber als dann ein gurgelnder Laut folgte, senkte sich sein Pulsschlag bereits spürbar. „Nein, wahrscheinlich nur ein Betrunkener, der den Weg nach Hause nicht gefunden hatte!“


Als am Morgen um fünf Uhr die Sirenen von Polizei und Notarzt durch Gangelt schrillten und George aus dem Schlaf gerissen wurde, ahnte der erfahrene Reporter bereits, dass vielleicht hinter dem Schrei in der Nacht mehr steckte als er zunächst angenommen hatte.

Innerhalb weniger Sekunden saß er senkrecht im Bett. Die Reporterspürnase meldete sich. Er spurtete zum Fenster und spähte hinaus. Der Morgen dämmerte und noch ein weiterer Einsatzwagen fuhr mit quietschenden Reifen um die Kurve.

„Da Polizeifeste immer nachmittags oder abends stattfinden, kann diese Ansammlung von Dienstfahrzeugen wohl nur bedeuten, dass da etwas anderes passiert ist!“


George war im Nu angezogen. Dieser Versuchung konnte er einfach nicht widerstehen.

Er griff automatisch nach seiner Kamera und verließ eiligst das Hotel. Wenig später hatte George den Platz vor dem alten Rathaus in Gangelt erreicht. Er brauchte einfach nur dem Lärm und dem Klang der Sirenen nachzugehen, um herauszufinden, wo etwas geschehen war.

Im morgendlichen Halbdunkel blinkten überall die Lichter von Einsatzfahrzeugen. Der Rettungsdienst war da – und ebenso die Polizei mit verschiedenen Fahrzeugen.

Eine Menschentraube verdeckte die Sicht.

Vor allem Polizisten, Feuerwehrleute, Helfer des Rettungsdienstes – und natürlich Passanten, die um diese frühe Zeit schon zur Arbeit mussten.

Ein recht stattlicher Mann mit grauem Haar und normalerweise einem humorvollen ruhigen Lächeln im Gesicht kam dem Reporter aufgeregt entgegen.

Aber dieses Gesicht war jetzt vollkommen blass geworden und von Humor war auch nichts zu sehen.

George kannte ihn - wie fast jeden in der Gegend. Es handelte sich um Herrn Schütz, den Ortsvorsteher von Gangelt.

Von Beruf war er Fluglotse und wenn man ihn reden hörte, dann sprach sein saarländischer Dialekt dafür, dass hier ein Zugezogener offenbar erfolgreich integriert worden war.

Als er George sah, ging er zielstrebig auf den Reporter zu.

Herr Schütz wirkte sichtlich schockiert.

George hatte ihn noch nie so erlebt.

„Man hat einen Toten gefunden!”, brachte Herr Schütz aufgelöst heraus. „Dem hat jemand eine Möhre in den Hals gerammt!”

„Was?”

„Er hatte die Kette des alten Prangers um den Hals und hing daran – mit der Möhre im Mund!”

„Und das neben der Statue vom Muhrepenn!”, murmelte George. Damit hatte es etwas Besonderes auf sich. Vor dem alten Gangelter Rathaus stand die Statue eines Gänserichs, der eine Möhre im Schnabel hielt und an eine Legende aus der Gangelter Geschichte erinnerte. Danach hatten die Gangelter Bürger 1594 ein Fest nicht unterbrechen wollen, als Soldaten aus Brabant anrückten, um die Stadt anzugreifen. Hinter den dicken Mauern fühlte man sich schließlich sicher. Allerdings fehlte für eines der Stadttore ein Holzriegel. Einer der Wachhabenden nahm stattdessen einfach eine dicke Möhre, die diesen Zweck genauso gut erfüllen konnte. So feierten die Gangelter einfach weiter und auch die Wachen sahen nicht ein, dass sie besonders aufpassen sollten. Am Abend kehrten die Gänse zurück. Ein Gänserich entdeckte die Möhre, riss sie heraus und fraß sie, woraufhin die Feinde ohne Mühe in die Stadt eindringen und sie plündern konnten.

An diese legendäre Begebenheit sollte der Gänsebrunnen, der sich im Laufe der Zeit zu einer Art Wahrzeichen des Ortes entwickelt hatte, erinnern.

Neben dem Gänsebrunnen hatte man einen alten Pranger aufstellen lassen, an dem sich vor allem viele Kinder und Jugendliche sehr interessiert zeigten. Ein beliebtes Fotomotiv war, „sich an den Pranger zu stellen” und dabei den Gänsebrunnen im Vordergrund und das alte Rathaus im Hintergrund zu haben.

Dass man nun an dieser historischen Stätte eine Leiche mit einer Möhre im Rachen gefunden hatte, konnte man fast, wenn es nicht so tragisch gewesen wäre, als einen ironischen Kommentar zur Stadtgeschichte Gangelts auffassen.

„Ich habe den Toten entdeckt”, sagte Herr Schütz. „Ich kann Ihnen sagen, da wird einem schon anders.” Dabei strich er sich mit dem Handrücken einige Schweißperlen von der Stirn.

„Dann haben Sie Polizei und Rettungsdienst alarmiert?”, fragte er.

„Ja, sicher. Eine erste Aussage habe ich bei den Freunden und Helfern in Grün auch schon gemacht, jetzt muss ich dringend zur Arbeit. Wir sind schwach besetzt im Moment, aber Flugzeuge starten und landen nun einmal immer.”

„Alles klar”, sagte George und verabschiedete sich von Herrn Schütz.

Der Reporter drängelte sich durch die Menschenmenge.

Und dann hatte schließlich auch er einen freien Blick auf den „Muhrepenn” und den Gänserich aus Bronze sowie auf den Toten. Der hing am Pranger, indem ihm jemand den Kettenring um den Hals gelegt hatte. Die Möhre ragte ihm noch aus dem Mund. Seine geöffneten Augen waren starr und leblos.

George erschauderte. Solch ein Anblick, und das im beschaulichen Örtchen Gangelt. Dennoch machte er einige professionelle Fotos und wunderte sich noch, dass die Polizei bisher keinerlei Absperrmaßnahmen vorgenommen hatte. Er wusste auch noch nicht, ob er tatsächlich Fotos veröffentlichen oder sie überhaupt an die Zeitungsredaktion weitergeben würde. Aber es kam oft vor, dass die Polizei von ihm erstellte Fotos anforderte. Die Zusammenarbeit mit der Polizei hatte sich für George als sehr erfolgreich erwiesen.

Eine Nahaufnahme der Leiche, die so erbärmlich an der Kette hing, würde es auf keinen Fall geben. Zumindest nicht mit dem Zusatz „Foto: Schmitz”. Schließlich gab es Grenzen der Pietät und auch Tote hatten ihre Würde.

George war zwar neugierig, aber keineswegs sensationslüstern. Da verzichtete er lieber mal auf einen ganz spektakulären Schnappschuss, wenn er das Bild vielleicht teuer verkaufen, aber nicht mit seiner Person und seiner Reporterehre dahinterstehen konnte.

Außer ihm fotografierte noch jemand. Das musste ein Beamter der Kripo sein, der die Beweissicherung vornahm.

George sah sich um und entdeckte auch gleich ein paar Bekannte. Da war zum Beispiel der Erste Polizeihauptkommissar Burkhard Biewendt, ein mittelgroßer, kräftiger Mann mit braunen, kurzen Haaren und einem dichten Oberlippenbart.

Biewendt war Leiter der Polizeiwache West mit Sitz in Geilenkirchen. 55 Jahre war er jetzt und einige Jahrzehnte davon hatte er im Polizeidienst verbracht.

Er begrüßte George mit einem knappen Nicken.

„Also ganz ehrlich, so etwas habe ich auch noch nicht gesehen”, gestand er dem Reporter gegenüber. „Wenn hier in der Gegend mal ein Tötungsdelikt vorkommt, dann ist meistens jemand im Suff erschlagen worden oder dergleichen. Aber das hier, da weiß ich gar nicht, was ich davon halten soll.”

„Sieht fast so aus, als wollte der Täter das Opfer noch nach dem Tode verhöhnen – so wie die Leiche drapiert worden ist”, meinte Schmitz nachdenklich.

„Ja, den Eindruck hat man wirklich.”

„Weiß man, wer der Tote ist?”

„Nein, er hatte keine Papiere bei sich. Die Taschen wurden komplett ausgeleert. Manche waren nach außen gestülpt. Und außerdem hat es wohl vorher einen kurzen, aber sehr heftigen Kampf zwischen dem Opfer und seinem Mörder gegeben.” Biewendt blickte kurz auf die Uhr. „Mein Kollege von der Kripo müsste eigentlich schon längst hier sein”, meinte er. „Blaulicht hat der ja schließlich auch, damit er die paar Kilometer von Heinsberg hier ´runterfahren kann!”

„Wer macht das? Der Jupp Krichel?”

„Genau. Der müsste jeden Moment eintreffen. Und ich muss mich jetzt darum kümmern, dass die Feuerwehr hier alles weiträumig absperrt. Sonst ist ganz Gangelt bald auf den Beinen und will sich die Leiche angucken und wir können hier nicht mehr in Ruhe arbeiten – geschweige denn, dass wir irgendwelche Beweise sichern könnten.”

„Ah ja, der Krichel“, dachte Schmitz.

Franz-Josef, genannt „Jupp” Krichel hatte ebenfalls den Rang eines Ersten Kriminalhauptkommissars und leitete als solcher das Kriminalkommissariat 21.

George hatte früher schon öfter mit ihm zu tun gehabt. Kapitalverbrechen waren ja schließlich das Steckenpferd des Reporters.

Inzwischen bemühten sich zwei Polizisten, ein paar besonders aufdringliche Gaffer etwas auf Distanz zu halten, was ihnen schließlich mit geballter amtlicher Überzeugungskraft auch gelang. Schmitz kannte die beiden Beamten. Sie hießen Jansen und Schroten. Beide Mitte bis Ende fünfzig, beide graubärtig, beide gleich groß – so um die ein Meter fünfundsiebzig – und beide von ruhigem, umgänglichem Temperament, sodass sie die Situation schnell bereinigten, ohne dass das Ganze auch nur ansatzweise eskalierte.

Mittlerweile hatten Helfer des Rettungsdienstes den Toten aus seiner bizarren Lage befreit und vorsichtig auf den Boden gelegt.

In diesem Moment hörte George, dass eine Wagentür zugeschlagen wurde. Ein Mann mit hoher Stirn und energisch wirkenden Schritten kam mit einem Arztkoffer unter dem Arm direkt auf den Ort des Verbrechens zu.

Er sorgte dafür, dass sofort jeder wusste, wer er war.

„Dr. Belden, Gerichtsmedizin. Machen Sie bitte Platz,” befahl er im Amtston. Durch die Menschenmenge ging ein Raunen. Doch der Gerichtsmediziner hatte wohl den richtigen Ton getroffen, denn unvermittelt teilte sich die Menge der Neugierigen. So bildete sich eine schmale Gasse, die Dr. Belden zügig durchschritt.

Zu dieser Zeit traf auch Kriminalhauptkommissar Krichel von der Kreiskriminalpolizei in Heinsberg ein. Schon von weitem erkannte ihn George an seinem aufrechten Gang und der großen schlanken Statur. Der dunkelhaarige Kripobeamte war ihm bei den vielen Gelegenheiten, bei denen sie zusammengearbeitet hatten, als kompetenter und zielstrebiger Ermittler aufgefallen.

George wusste, dass Krichel für den weiteren Gang der Ermittlungen jetzt die entscheidende Instanz sein würde. Entweder der Fall würde in seine Zuständigkeit fallen, falls dies von der Art und Weise der Ermittlungen möglich war, oder der Fall würde der Mordkommission in Aachen zugeordnet werden.

George bemühte sich, noch etwas näher heranzukommen.

Einer der Sanitäter des Rettungsdienstes wandte sich an den Gerichtsmediziner.

„Der Mann war leider schon tot, als wir eintrafen”, meinte er.

„Da konnten Sie auch nichts machen”, befand der Gerichtsmediziner nach kurzer Begutachtung. „Die in den Rachen gepfropfte Möhre scheint tatsächlich die Todesursache zu sein. Aber genau kann ich das natürlich erst nach erfolgter Obduktion sagen.”

„Wann glauben Sie, sind Sie soweit, dass wir einen vorläufigen Bericht bekommen können?”, fragte George höflich.

Dr. Belden runzelte die Stirn und musterte den Reporter von oben bis unten. Er war noch nicht lange auf seinem Posten, abgesehen davon reichte George Schmitz’ legendärer Ruf auch nicht ganz bis Düsseldorf, wo sich das gerichtsmedizinische Institut befand, das Dr. Belden geschickt hatte.

„Arbeitet der auch für Sie?”, wandte er sich an Krichel, den Belden zu kennen schien.

„Nein, aber mir brennt dieselbe Frage auf der Zunge”, sagte Krichel.

Dr. Belden atmete tief durch.

„Gehen wir mal davon aus, dass die Leiche in anderthalb Stunden in Düsseldorf bei mir auf dem Seziertisch liegt und ich schon gefrühstückt habe, dann brauche ich noch mal zwei bis drei Stunden bis ich fertig bin.”

„Das bedeutet, vor Mittag wissen wir bereits mehr”, gab George seiner Hoffnung unverhohlen Ausdruck.

„Ob Sie dann mehr wissen, weiß ich nicht. Aber die Polizei schon. Wer sind Sie eigentlich?”, fragte Dr. Belden und zog erwartungsvoll seine Augenbrauen nach oben, sodass sich seine Stirn krauste.

Dass George sich irgendwo vorstellen musste, kam wirklich selten vor. Und seinen Presseausweis brauchte er noch sehr viel seltener. Er kramte ihn aus der Jackentasche und hielt ihn Dr. Belden vor die Nase.

Dieser sah ihn sich stirnrunzelnd an.

„Ich hoffe nur, dass Sie nicht alles brühwarm ausposaunen, was am Ende fahndungstaktisch von Bedeutung sein könnte!”

„Das haben wir schon unter Kontrolle”, versicherte Kriminalhauptkommissar Krichel.

„Na schön”, sagte Dr. Belden. „Alles, was ich bisher sagen kann ist, dass es einen kurzen, heftigen Kampf gegeben hat. Es gibt Kratzspuren am Hals. Vielleicht lässt sich die DNA des Täters ja sichern. Aber auch das kann ich jetzt noch nicht versprechen.”

Er deutete auf den Pranger und die herabhängende Kette. „Sieht aus wie eine Tat, die aus Hass oder Rache verübt wurde, oder?”

Er zuckte mit den Schultern.

„Ich meine, wer würde sonst einen Toten in eine so demütigende Position bringen. Das ist doch wie ein Kommentar post mortem, wenn Sie verstehen, was ich meine.”

„Wir werden in alle Richtungen ermitteln”, versprach Hauptkommissar Krichel.

George blieb noch am Tatort, um das Ende der erkennungsdienstlichen Tätigkeiten abzuwarten.

Dabei beobachtete er, wie Karl-Heinz Milthaler von der Feuerwehr in Gangelt bei Polizeihauptkommissar Biewendt auftauchte. George hörte nur mit halbem Ohr hin.

Es ging um Einzelheiten der Absperrrungen, um welche die Polizei die Feuerwehr gebeten hatte.

Es war schließlich nicht ganz unwahrscheinlich, dass der Täter bei seiner Flucht noch Spuren hinterlassen hatte. Vielleicht hatte er sich bei dem Kampf ebenfalls verletzt. Auch die Papiere, Brieftasche und was immer er dem Opfer sonst noch abgenommen hatte, musste er irgendwo gelassen haben.

Die Polizei hoffte natürlich darauf, dass er die einfachste Möglichkeit gewählt hatte. Und das war eine Entsorgung in einem der öffentlichen Papierkörbe. Also mussten sämtliche Papierkörbe durchsucht und deren Inhalt sichergestellt werden.

Am wichtigsten aber war es, Zeugen zu finden, die vielleicht etwas gesehen hatten. George wurde in diesem Moment bewusst, dass auch er selbst ein Zeuge war.

Schließlich hatte er in der Nacht den Schrei gehört, dem er zunächst keine weitere Bedeutung zugemessen hatte. Das war deutlich nach Mitternacht gewesen. Also zu einem Zeitpunkt, da man auf dem Platz vor dem alten Rathaus in Gangelt kaum mit Zeugen rechnen musste.

George hielt das Handy ans Ohr.

„Hallo? Ja, hier George. Ich bin hier in Gangelt.”

Er sprach mit der Redaktion seiner Zeitung in Geilenkirchen. Um diese Zeit war da natürlich niemand zu erreichen, darum sprach er dem Chef vom Dienst kurz eine Nachricht aufs Band, die etwa den Tenor hatte, dass es nicht nötig sei, noch jemand anderen nach Gangelt zu schicken.

Er hielt das für angebracht. Denn offiziell hatte er sich schließlich in den Urlaub verabschiedet. Und dass ihm jemand anderes dazwischenfunkte, wollte er frühzeitig unterbinden.

Heinz-Leo Krükel, der Ortspolizist aus Gangelt, kam auf ihn zu.

„Na, Herr Schmitz? Ich dachte, Sie machen Urlaub? Jedenfalls hört man das so läuten.”

„Hat sich das schon herumgesprochen, ja?”

„Sie sind doch im Mercator-Hotel und testen dort die Sauna und das Angebot des Physiotherapeuten.”

George hob die Augenbrauen.

„Gibt es nicht so etwas wie ein Wellness-Geheimnis?”, fragte er augenzwinkernd.

„Da bin ich mir ehrlich gesagt über die Gesetzeslage nicht so hundertprozentig sicher”, meinte Krükel verschmitzt, dessen Name leicht mit dem des Kripo-Beamten Krichel aus Heinsberg zu verwechseln war. „Vor allem, wenn es sich um Personen der lokalen Zeitgeschichte handelt ... Aber Sie können es ja wohl nicht lassen, oder?”

„Niemand kann aus seiner Haut, Herr Krükel.”

„Wie wahr, wie wahr”, gab der im Gegensatz zu seinen Kollegen Schroten und Jansen eher agil wirkende Polizeihauptkommissar Krükel zurück. Darüber hinaus teilte er auch eine andere wichtige Gemeinsamkeit mit den beiden in etwa gleichaltrigen Kollegen nicht: die Vorliebe für das Tragen eines Bartes.

„Mal ganz unter uns”, meinte George jetzt leise. „Glauben Sie, dass die Kripo Heinsberg den Fall selbst übernimmt oder wird in Aachen eine Mordkommission gebildet?”

„Lieber Herr Schmitz, bin ich vielleicht ein Hellseher?”

„Nein, aber ich denke schon, dass Sie einschätzen können, wie die Aktien so stehen, meinen Sie nicht?”, versuchte George, ihn doch noch zu einer Aussage zu bewegen.

Krükel verschränkte die Arme vor der Brust und schaute auf George herunter. Mit seinen 1,83m war er deutlich größer als Schmitz.

„Also ich tippe auf eine Mordkommission. Dazu ist der Fall schon durch den außergewöhnlichen Tathergang zu aufwändig. Sie werden sehen, im Handumdrehen haben wir hier Druck von allen Seiten. Der arme Kerl mit der Möhre wird früher oder später nicht nur in den Zeitungen von Geilenkirchen und Aachen stehen, sondern auch in der Bildzeitung. Von den Boulevardsendungen des Privatfernsehens mal ganz zu schweigen. Da können Sie Gift drauf nehmen.”

„Aber nur in homöopathischen Dosen bitte! Das Gift, meine ich”, entgegnete George lächelnd.

„Ich sage Ihnen, dass gibt hier einen Riesen-Zirkus!”

George nickte nachdenklich.

Ja, seine eigenen Gedanken gingen in dieselbe Richtung.


George knurrte der Magen. Er hoffte nur, dass sich die Arbeit am Tatort nicht so lange hinzog, dass das Frühstücksbüffet im Mercator-Hotel schon abgeräumt war, bevor er dort auftauchte.

Aber auch, wenn er sich eigentlich ein paar Tage ganz der eigenen Erholung hatte widmen wollen, so stellte diese ungewöhnliche Mordtat doch so etwas wie einen Ausnahmetatbestand dar. Ein Ereignis, bei dem seine Chronistenpflichten als Reporter - so wie Georg Schmitz sie nun einmal in jahrzehntelanger Praxis verinnerlicht hatte - Vorrang vor seinen eigenen Bedürfnissen nach Erholung, Wellness und einer Rückenmassage hatte.

Neugierig, aber aus der Distanz, beobachtete er die Kripoleute bei ihrer Arbeit. Dabei verhielt er sich weitgehend wie ein unauffälliger, stummer Schatten.

Er war anwesend, aber man bemerkte ihn kaum.

Und nur hin und wieder versuchte er, eine kurze Zwischenfrage zu stellen - ebenfalls dezent und unaufdringlich. Es machte sich schon bezahlt, dass er hier viele der Einsatzkräfte gut kannte. Und Informationen konnte man nie genug bekommen.

So erfuhr er, dass es Blutspuren an dem Bronze-Gänserich und ein paar Spritzer drum herum gab. Mit Hilfe von Luminol konnten auch kleinere Blutspritzer sichtbar gemacht werden. Im morgendlichen Dämmerlicht leuchteten die Stellen bläulich.

An den Absätzen der Wildlederschuhe des Opfers wurden Schleifspuren festgestellt.

Es stand daher ziemlich schnell fest, dass der eigentliche Kampf in unmittelbarer Nähe des Gänsebrunnens stattgefunden hatte und das Opfer die wenigen Meter zum Pranger geschleift worden war. Da musste es bereits tot oder zumindest bewusstlos gewesen sein. Der Ermordete war ein Mann von Anfang vierzig, schlank, mit dunklem, schütter werdendem und etwas ungepflegt wirkendem Haar. An der linken Schläfe hatte er ein Muttermal, das etwa die Größe eines Zweicentstücks aufwies.

Die örtlichen Polizeikräfte bekamen Polaroids vom Tatort ausgehändigt, die das Gesicht des Toten zeigten.

Als Vertreter der Presse erhielt George auch eins.

Kriminalhauptkommissar Jupp Krichel überreichte es ihm.

„Sie bekommen es auch noch per E-Mail als Datei”, sagte er. „Und Sie haben die ausdrückliche Genehmigung, es zu veröffentlichen.”

„Mit einem Aufruf, dass sich jeder melden soll, der diesen Mann irgendwann in den letzten Tagen gesehen hat, nehme stark ich an”, lautete Georges messerscharfer Schluss.

Schließlich war das beileibe nicht die erste Mordermittlung, die er in den letzten 30 Jahren seines Reporterdaseins mitbekommen hatte.

„Uns interessiert natürlich vor allem die letzte Nacht”, erklärte der Kripo-Beamte.

„Meine Kollegen werden deswegen sämtliche Kneipen in und um Gangelt abklappern und alle Haushalte hier in unmittelbarer Umgebung. Vielleicht hat den Mann ja irgendjemand gesehen oder kann eine Aussage darüber machen, mit wem er zusammen war, welches Auto er fuhr oder wo er wohnte.”

„Ist schon klar”, sagte George.

„Danke für Ihre Unterstützung, Herr Schmitz.”

„Nichts zu danken. Ich kann übrigens selbst eventuell auch noch eine Beobachtung beitragen.”

„Sie?”, fragte Krichel ungläubig und schaute George erwartungsvoll an.

Der Reporter berichtete in knappen Sätzen von seinem nächtlichen Erlebnis. Von dem Schrei, den er bei offenem Fenster gehört und dann aber zunächst nicht weiter beachtet hatte, weil er dachte, dass es sich um die Äußerung eines Betrunkenen handelte.

„Wann war das etwa?”, hakte Kriminalhauptkommissar Krichel nach.

„Mitternacht war schon lange vorbei – und um fünf Uhr ging das ganze Theater hier mit Sirenen und dergleichen los.”

„Ja, kurz vorher ist der Tote entdeckt worden.”

„Also würde ich sagen, es war so zwischen zwei und halb drei in der Nacht, als der Schrei zu hören war, sonst hätte ich danach nicht so tief einschlafen können. Leider habe ich nicht auf die Uhr geschaut.”

„Wir werden andere Zeugen danach befragen”, versprach Krichel. „Vielleicht findet sich ja jemand, der den Schrei auch bemerkt hat und dabei zufällig auf die Uhr gesehen hat. Dann wären wir in der zeitlichen Rekonstruktion der Tat schon ein ganzes Stück weiter.”

„Noch etwas”, fragte George beiläufig, „haben Sie sich mal überlegt, wo die Möhre eigentlich herkommt?”


George ging schließlich zurück zum Hotel. Das Frühstück war bereits in vollem Gang und Hotelmanager Wolf sah nach dem Rechten. Er grüßte den Reporter freundlich, als er ihn bemerkte. Schmitz holte den Laptop aus dem Zimmer, um bei Kaffee und Brötchen schon mal ein paar Zeilen zu schreiben.

Eine erste Meldung sozusagen, die auf jeden Fall am Tag darauf ihren Platz in der Zeitung finden würde.

Wolf blieb kurz an seinem Tisch stehen.

„Na, wie ich sehe, hat Ihr Urlaub nicht einmal 24 Stunden gedauert”, stellte er lächelnd fest.

„Was soll ich machen?”, seufzte George. „Heute Nacht ist beim Gänsebrunnen ein Mann mit einer Möhre umgebracht worden und darüber muss ich einfach schreiben.”

„Ich habe das ganze Aufgebot an Einsatzfahrzeugen und so weiter aus meiner Wohnung beobachten können.”

Schmitz holte das Foto des Opfers hervor und zeigte es Wolf. „Haben Sie den Mann in den letzten Tagen zufällig mal hier in Gangelt gesehen?”

Wolf sah sich das Bild an und schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid, der ist mir völlig unbekannt.”

George Schmitz zuckte mit den Schultern und nahm das Bild wieder an sich.

„Hätte ja sein können. Man weiß nämlich leider nichts über ihn. Keine Papiere, kein Name, kein Wagenschlüssel – nichts.” George grübelte, dann sagte er: „Heute Nacht gab es einen Schrei, so gegen halb drei. Haben Sie davon etwas mitbekommen?”

„Tut mir leid, ich habe geschlafen wie ein Murmeltier”, gestand Wolf.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich die anderen Hotelgäste danach frage, ob jemand den Mann vielleicht gesehen hat?”, fragte George.

„Nein, im Prinzip nicht. Nur erregen Sie bitte nicht zu viel Aufsehen. Die Leute sind schließlich hier, um sich zu erholen - nicht, um erschreckt zu werden.”

„Aber über den Mord ist ohnehin spätestens bis heute Mittag jeder in Gangelt informiert - es sei denn, jemand ist gerade verreist und besitzt auch kein Handy.”

„Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen, Herr Schmitz”, verabschiedete sich Wolf und verließ dann eilig den Frühstücksraum.

Nachdem George zu Ende gefrühstückt hatte, stand er auf und tickte ein paar Mal mit dem Löffel gegen die leere Kaffeetasse, sodass er die Aufmerksamkeit aller im Frühstücksraum befindlichen Gäste erregte.

„Meine Damen und Herren, mein Name ist Georg Schmitz. Der eine oder andere wird meine Artikel in der hiesigen Zeitung vielleicht kennen. Ich benötige Ihre Mithilfe. Heute Nacht wurde ein bisher unbekannter Mann, ungefähr vierzigjährig und dunkelhaarig vor dem alten Rathaus ermordet. Tatzeit: wahrscheinlich zwischen zwei und drei.”

Ein Raunen ging durch den Raum.

George befürchtete schon, vielleicht etwas zu dick aufgetragen und damit die Gäste verschreckt zu haben. Aber andererseits mussten sie vielleicht ein bisschen aufgeschreckt werden, damit sie bereit waren zu helfen. Dieser Fall war wie ein verworrenes Wollknäuel. Wo man damit begann, den Faden zu entwirren, war im Grunde völlig gleichgültig. Hauptsache war, man fing irgendwo an. Und das möglichst schnell und effektiv. Denn die Zeit arbeitete bei einem Kapitalverbrechen immer für den Täter. Jede Stunde, die ungenutzt verstrich, sorgte dafür, dass Beweise vernichtet und Spuren verwischt wurden.

George hob beschwichtigend die Hände.

„Keine Sorge, Ihre Sicherheit dürfte nicht in Gefahr sein. Die Polizei tut, was sie kann und ist mit großem Aufgebot im Einsatz. Ich möchte erstens jedem von Ihnen gleich das Bild des Toten zeigen und Sie bitten zu überlegen, ob Sie diesen Mann vielleicht gestern oder an den letzten Tagen irgendwo hier in der Umgebung von Gangelt gesehen haben. Alles, was wir über ihn erfahren, hilft der Polizei, den Täter zu fassen, der ihm mit Gewalt eine Möhre in den Rachen gerammt und das Opfer dann mit der Pranger-Kette aufgehängt hat.”

Einige der Gäste waren schockiert über die Grausamkeit, mit der das Verbrechen begangen worden war. Andere hatten wohl schon gerüchteweise etwas davon gehört. Ob der lokale Rundfunk etwas gebracht hatte, wusste George natürlich nicht, da er das Programm nicht hatte verfolgen können.

Aber eigentlich hielt er das für unwahrscheinlich. Bevor es nicht eine erste offizielle Meldung der Polizei gab, war nicht damit zu rechnen, dass der Mord in den Lokalnachrichten eine Rolle spielte. Sicher würde die Meldung spätestens gegen Mittag folgen, sobald der Obduktionsbericht vorlag.

Der Reporter begann also, das Foto des Toten herumzuzeigen. Leider ohne Erfolg. Zwei oder drei Gäste glaubten, ihn gesehen zu haben, konnten sich aber nicht mehr genau erinnern, wann und wo. Außerdem ließen sich die Größenschätzungen nicht mit der Körpergröße des Opfers in Übereinstimmung bringen.

Den Schrei in der Nacht aber hatten zwei der Gäste gehört.

Eine Frau in den Fünfzigern meinte sich zu erinnern, dabei auf ihren Digitalwecker geschaut zu haben. Der Schrei hatte sich danach um exakt 2.36 Uhr in der Frühe ereignet.

„Zwanzig Minuten später”, so meinte die gleiche Frau, „habe ich einen nur schattenhaft erkennbaren Mann gesehen, der aus Richtung Marktplatz am Mercator-Hotel vorbeirannte.”

Ob diese Beobachtung mit der Tat am Gänsebrunnen in Zusammenhang stand, musste sich noch erweisen. Es war durchaus möglich, dass beide Dinge gar nichts miteinander zu tun hatten.

George notierte sich die Aussage jedenfalls und schrieb sich auch die Personalien auf. Vielleicht hielt es die Polizei für nötig, sich noch einmal genauer zu erkundigen.

„Hören Sie, Sie haben doch gesagt, dass der arme Kerl mit einer Möhre umgebracht wurde, woll?”, meldete sich nun ein älterer Herr zu Wort. Er sprach mit einem Dialekt, der eine Herkunft irgendwo aus dem Ruhrgebiet oder dem nördlichen Sauerland vermuten ließ.

„Das ist richtig”, bestätigte George.

„Also, ich weiß ja nicht, ob das was damit zu tun hat und überhaupt wichtig ist, aber ...”

„Alles kann wichtig sein”, stellte George klar und schaute sein Gegenüber interessiert an.

„Gestern am späten Nachmittag, so kurz vor Geschäftsschluss, da bin ich durch das Städtchen geschlendert. Es ist wunderschön hier“, begann er zu berichten. „Wenn man sich mit offenen Augen umsieht, kann man manche reizvolle Besonderheit in seinem historischen Stadtkern entdecken. Mein Weg führte an den Resten der alten Stadtmauer vorbei, ehe ich das vollständig erhaltene Heinsberger Tor mit seinem Spitzbogen und der Figur des Gangelter Chronisten Jacobus Kritzraedt erreichte. Über die Heinsberger Straße, von der man einen schönen Blick auf die spätgotische Pfarrkirche St. Nikolaus mit ihrem leuchtenden Turm hat, kam ich auf dem Marktplatz an. Ich war schon etwas müde, wollte aber noch zu diesem Restaurant am Kahnweiher. Hamacher, glaube ich, heißt es. Während ich am Gänsebrunnen stehen blieb und mir die Gedenktafel Gerhard Mercators anschaute, beobachtete ich, wie eine junge Frau sich neben mir mit einer Bekannten unterhielt, während ihr Sohn ziemlich ungeduldig herumquengelte, weil ihm langweilig war. Da hat der Kleine eine Möhre aus dem Einkaufskorb seiner Mutter genommen und dem Bronzegänserich in den Schnabel geklemmt – direkt neben die Möhre aus Bronze! Die Mutter hat das gar nicht weiter bemerkt.”

„Und die Möhre ist dort stecken geblieben?”, vergewisserte sich George.

Der alte Mann zuckte mit den Schultern.

„Ich denke schon”, meinte er. „

„Als der Junge eine zweite Möhre aus dem Korb nahm, bemerkte die Mutter das und es gab Ärger. Wer weiß, was der Kleine damit vorhatte. Die beiden sind dann weitergegangen. Auch ich habe meinen Weg fortgesetzt. Er führte mich über die Kirchstraße, vorbei an der Kirche, die ich mir in den nächsten Tagen eingehend betrachten will, und rechts über den Freihof mit dem „flandrischen Löwen”, dem Wappentier Gangelts. Auf der Bruchstraße hielt ich noch einmal inne am zweiten noch erhaltenen Stadttor. Schon bald erreichte ich das gemütliche Café – Restaurant Haus Hamacher, wo ich mir eine wohlverdiente Ruhepause gönnte und noch einmal über das Geschehen am Gänsebrunnen nachdachte.”

„Die Möhre im Schnabel habe ich auch gesehen!”, unterbrach plötzlich eine etwa vierzigjährige Frau die ausführlichen Schilderungen des alten Mannes.

Sie trug eine sehr strenge Knotenfrisur und ein Businesskostüm, das vermuten ließ, dass sie nicht zur Erholung, sondern aus beruflichen Gründen in Gangelt war und für die Zeit ihres Aufenthalts eben das Mercator-Hotel als Unterkunft gewählt hatte.

„Ich auch!”, mischte sich nun ein Mann mit grauen Haaren und hoher Stirn ein. „Kaschinski mein Name. Ich komme nicht von hier und habe auch keine Ahnung, was dieser komische Vogel vor dem Rathaus soll, aber ich fand es ausgesprochen witzig, dass da jemand eine zweite Möhre in den Schnabel gesteckt hatte.”

George seufzte hörbar.

Zumindest die Frage, woher die Tatwaffe stammte, war damit wohl geklärt.

Und noch etwas anderes war für Schmitz jetzt klar: Die Tat war weit weniger absichtsvoll inszeniert worden, als es auf den ersten Blick schien. Der Täter konnte durchaus spontan nach dem ersten besten Mordwerkzeug gegriffen haben, nachdem er mit dem Opfer vermutlich in Streit geraten war – und das war eben die Möhre im Schnabel des Gänserichs.

Es war eine kühle Nacht gewesen, sodass sie sicher hart wie ein Dolch geworden war. „Dürfte nicht besonders angenehm gewesen sein, die Spitze in den Rachen gerammt zu bekommen!“, ging es dem Reporter durch den Kopf.

Eigentlich hatte George nach dem Frühstück noch ein paar physiotherapeutische Anwendungen bei Bas gebucht, aber die mussten jetzt erst mal warten.

Dieser spektakuläre Mordfall hatte Vorrang.

Er sah auf die Uhr.

Bis der Obduktionsbericht vorlag, waren noch ein paar Stunden Zeit, die der Reporter keineswegs ungenutzt verstreichen lassen wollte.

Also machte sich George auf, um sich in der Umgebung auf eigene Faust zu erkundigen. Natürlich würde er sich alle Kneipen und Restaurants vornehmen. Schließlich musste der geheimnisvolle Tote irgendwo auch etwas gegessen oder bei jemandem gewohnt haben. Selbst wenn er nicht aus dieser Gegend stammte, war es doch sehr unwahrscheinlich, dass ihn niemand kannte oder zumindest gesehen hatte.

Wenn morgen ein erster Artikel erschienen war - natürlich verbunden mit einem Aufruf an die Bevölkerung, sich zu melden, falls man irgendwelche sachdienlichen Hinweise geben konnte - würden seine Ermittlungen wahrscheinlich sehr viel weniger zähflüssig vorangehen. Denn dann aktivierte sich das Informantennetzwerk des Reporters „George” Schmitz quasi von selbst.

„Allerdings wird es so auch mit meinem Urlaub endgültig vorbei sein!“, wurde es dem Reporter klar. Jeder würde ihn dann auf die Sache ansprechen und ihn mit seinen Beobachtungen belästigen. Manche waren vielleicht wichtig, aber erfahrungsgemäß war das meiste natürlich vollkommen bedeutungslos. Die Spreu vom Weizen zu trennen, das war sowohl seine Aufgabe als auch die der Polizei. „Bin mal gespannt, wer da zuerst zu einem Ergebnis kommt!“, ging es ihm durch den Kopf. Ein gewisser Wettbewerb konnte – bei aller Kooperation – nicht schaden. Konkurrenz belebte schließlich das Geschäft. Das galt für das Zeitungsgeschäft ebenso wie für die Mördersuche.

George machte sich also auf, zeigte in den Geschäften und Gaststätten im Einzugsbereich des alten Rathauses das Bild des Opfers und erkundigte sich danach, ob jemand den Toten gesehen hatte. Im Innern des alten Rathauses hatten etliche Umbauarbeiten stattgefunden und seit einiger Zeit befand sich darin ein Café. Auch die dortigen Angestellten konnten ihm bei seiner Recherche nicht weiterhelfen.

Viele der Aussagen waren ausgesprochen widersprüchlich.

Ein Ladenbesitzer meinte, dem auf dem Bild dargestellten Mann eine Zeitung verkauft zu haben, war sich dann aber plötzlich doch nicht mehr so ganz sicher. Außerdem war das Opfer wechselweise mit einer Frau, einer Frau und zwei Kindern oder einem Hund gesehen worden, wobei Schmitz den Eindruck hatte, dass die Zeugen am meisten auf den Hund geachtet hatten.

All das ergab noch nicht einmal den Ansatz eines klaren Bildes.

Dann erreichte Schmitz schließlich das Café-Restaurant „Haus Hamacher”, welches im Übrigen nichts mit dem nebenberuflich tätigen Fotografen Hamacher zu tun hatte, den Schmitz am Rande der Hochzeit des Aachener Industriellen Bernd Walters getroffen hatte. Das Haus lag idyllisch am Kahnweiher, einem beliebten Ausflugsziel der Region.

Am Vormittag war in der Gaststätte „Haus Hamacher” natürlich noch nicht viel los. Lieferanten brachten ihre Waren und das ganze Lokal wurde auf Vordermann gebracht. Aber es war jemand dort, der ihm Auskunft geben konnte.

George zeigte das Bild des Mordopfers einem der Lieferanten, aber der hatte den Mann noch nie zuvor gesehen.

Mehr Glück hatte Schmitz bei einem der Kellner. Er hieß Markus Grätzer, war schlank, dunkelhaarig und machte den Eindruck, ausgesprochen korrekt zu sein und jede schwierige Lage meistern zu können, in die man in der Gastronomie so kommen konnte. Angefangen von A wie ‚angeheiterte Gäste’ bis Z wie ‚Zechpreller’.

„Der Typ war hier!”, sagte er und gab Schmitz das Foto zurück.

„Sind Sie sicher?”

„Ganz sicher – und zwar gestern Abend.”

„Ist Ihnen irgendetwas besonders aufgefallen?”

„Er hat sich lautstark mit einem rothaarigen Typen gestritten – da vorne an der Bar. Und dann ist er ziemlich aufgebracht abgedampft und hat nicht einmal sein Bier bezahlt.”

„Wer? Der Rothaarige oder der Mann auf dem Foto?”

„Der Mann auf dem Foto. Der Rothaarige war viel ruhiger und blieb relativ gelassen – obwohl man Rothaarigen ja immer ein gesteigertes Temperament nachsagt. Ist aber in dem Fall wohl ein pures Vorurteil.”

George hob die Augenbrauen.

„Und Sie haben den Kerl einfach abziehen lassen, ohne dass er bezahlt hat?”, wunderte sich der Reporter.

Der Kellner atmete tief durch.

„Ich wollte ihn noch aufhalten, aber das ging nicht.”

„Wieso nicht? So ein großer, kräftiger Kerl wie Sie – da reicht doch ein strenger Blick und so ein Zechpreller kommt zur Vernunft.”

Der Kellner lächelte mild.

„Schön wär’s!”

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, normalerweise ist so eine Situation leicht zu händeln. Aber unglücklicherweise war genau in dem Moment eine Versammlung im Nebenraum zu Ende. Es strömten alle hier in den Raum. Manche wollten noch ein Bierchen zischen, andere hinaus zum Ausgang. Und in dem Gewühl ist auch der Mann davongekommen. Ich glaube auch nicht, dass es sich um einen vorsätzlichen Zechpreller handelte. Er war einfach so in Rage wegen des Streits mit dem Rothaarigen, dass er nicht mehr daran gedacht hat zu bezahlen. Dummerweise bin ich in dem ganzen Gewühl nicht mehr hinter ihm hergekommen.” Er hob die Schultern. „Künstlerpech!”

„Und dieser Rothaarige?”, hakte George nach. Jemand, mit dem sich das Opfer heftig gestritten hatte - genau danach war er auf der Suche. Vielleicht kam er auf diesem Weg den Hintergründen der Tat auf die Spur.

Der Kellner deutete zur Theke.

„Der Rothaarige blieb da ganz ruhig sitzen. Ich habe dann auch nicht mehr so auf ihn geachtet, weil dort ein heftiges Gedränge herrschte. In der Versammlung im Nebenraum war es wohl ziemlich hoch hergegangen und deshalb brauchte gut ein Drittel der Teilnehmer vor dem Heimweg noch eine Abkühlung in flüssiger Form, wenn Sie verstehen, was ich meine.”

George nickte: „Ich denke schon. Was war das denn für eine Versammlung?”

Der Kellner setzte ein Gesicht auf, das von gespielter Empörung zeugte.

„Aber Herr Schmitz? Kann es sein, dass die legendäre Spürnase unserer regionalen Zeitung und der zweifellos bestinformierte Mann im ganzen Selfkant nichts von den epochemachenden Dingen mitbekommen hat, die sich hier - außer diesem Mord natürlich - ereignet haben?”

„Ich bin im Urlaub hier”, verteidigte sich George und verbesserte sich sogleich: „Oder besser gesagt: Ich war im Urlaub. Damit ist es nun, nach dem Vorfall am Gänsebrunnen, wohl vorbei”, setzte er in einem bedauernden Tonfall hinzu.

Der Kellner beugte sich etwas vor. „Die Bürgermeister der drei Gemeinden Gangelt, Selfkant und Waldfeucht hatten zu einer Veranstaltung mit allen Beteiligten der grünen Woche geladen”, erklärte er dann. „Dort wurde heftig über die Umsetzung des neuen Tourismuskonzepts für den Selfkant diskutiert! Hundertfünfzig Teilnehmer waren das, so über den Daumen gerechnet!”

„Und davon haben sich einige hinterher noch mit dem Rothaarigen an der Bar unterhalten”, vermutete George.

Der Kellner verdrehte die Augen. „Also gelauscht habe ich nicht – aber es wäre sehr wahrscheinlich, dass jemand von denen, die hier ein wenig länger ausgehalten haben, noch irgendwas an dem Rothaarigen aufgefallen ist. Die Herren Bürgermeister waren übrigens auch mit von der Partie.”

Der Kellner kniff die Augen zu einem schmalen Spalt zusammen und sah den Reporter fragend an.

„Denken Sie, der Rothaarige könnte den Kerl auf dem Foto umgebracht haben?”

„Das weiß ich nicht. Aber im Moment wäre ich schon zufrieden, wenn ich ihn befragen und er mir wenigstens den Namen des Toten nennen könnte.”

„Der Tote hieß Jan”, sagte der Kellner jetzt trocken.

„Woher wissen Sie das denn?”, staunte George.

„Weil der Rothaarige das hinter ihm hergerufen hat: „Das kannst du mit mir nicht machen, Jan!” Daran erinnere ich mich ganz genau.”

„Aber wie der Rothaarige heißt, das haben Sie nicht zufällig auch noch herausbekommen?”, hakte George nach.

Der Kellner schüttelte den Kopf.

„Nein, leider nicht. Aber vielleicht ist ja einer der Gäste von gestern näher mit ihm ins Gespräch gekommen.”

„Wann ist er denn gegangen, der Rothaarige?”

„Spät”, sagte der Kellner. „Ich glaube, er war sogar der Letzte. Die genaue Uhrzeit kann ich Ihnen nicht sagen und von den anderen Gästen war schon keiner mehr hier.”

„Ich danke Ihnen, Sie haben mir sehr geholfen”, erklärte Schmitz. „Ach, noch eine Frage: War zufällig jemand von der Presse bei der Auftaktveranstaltung der drei Selfkant-Bürgermeister?”

Der Kellner schüttelte energisch den Kopf.

„Deswegen waren auch einige der Initiatoren ziemlich sauer! Da gibt es zwei profilierte Lokalreporter hier in der Gegend, die auch noch beide vor Ort sind – aber der eine hält es für wichtiger eine Hochzeit zu fotografieren und der andere zieht es vor, sich den Rücken durchkneten zu lassen, anstatt dieses wichtige Ereignis zur Kenntnis zu nehmen!”, sagte der Kellner augenzwinkernd. „Ich zitiere nur. Das habe ich so aufgeschnappt. Aber erwarten Sie jetzt nicht, dass ich Ihnen verrate, wer das von sich gegeben hat!”

„Keine Sorge”, erwiderte George. „Auch meine Neugier hat Grenzen.”


Der Tote hieß also mit Vornamen Jan und hatte schätzungsweise ein bis zwei Stunden vor seinem gewaltsamen Tod einen Streit mit einem rothaarigen Mann gehabt, so rekapitulierte George die Ergebnisse seiner bisherigen Recherchen in diesem Fall. Viel war das noch nicht, aber immerhin ein Anfang. Vielleicht waren sich beide Männer später noch einmal begegnet und hatten ihre Auseinandersetzung fortgesetzt – worum auch immer es dabei gegangen sein mochte.

Aber es gab vielleicht einen Weg, um mehr darüber herauszufinden.

Nachdem der Reporter das Restaurant „Haus Hamacher” wieder verlassen hatte, rief er als erstes Kriminalhauptkommissar Krichel an. Der saß inzwischen schon wieder in seinem Büro in Heinsberg.

„Tut mir leid, Herr Schmitz, aber ich habe noch nichts Neues für Sie. Der Obduktionsbericht kommt frühestens in einer halben Stunde. Ich habe auch schon versucht, in Düsseldorf Dampf zu machen, aber ich bin überzeugt davon, dass Dr. Belden tut, was er kann.”

„Deswegen rufe ich auch nicht an”, behauptete George.

„So?”, fragte Krichel interessiert und fühlte förmlich, dass der Reporter irgendetwas herausgefunden hatte.

„Dass Sie noch nichts für mich haben, konnte ich mir schon denken, aber ich habe vielleicht etwas für Sie. Kann ich, sagen wir in einer Stunde, bei Ihnen vorbeikommen?”

„Können Sie. Ich werde da sein. Aber vielleicht könnten Sie schon mal so etwas wie eine Andeutung machen”, bat Krichel höflich um Aufklärung.

„Nein, nicht am Telefon. Ich muss vorher auch noch etwas erledigen. Wir sehen uns dann, Herr Krichel.”

George unterbrach die Verbindung und in Krichels Büro war nur noch der Piepston des Telefons zu hören. Nachdenklich legte der Kriminalhauptkommissar den Hörer auf.

Schmitz hingegen telefonierte nacheinander mit den drei Bürgermeistern der Selfkant-Gemeinden, die gestern ihre Versammlung bei Hamacher abgehalten hatten.

Er machte ihnen folgenden Vorschlag: Da die Veranstaltung vom Vorabend ja mehr oder minder unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatte, könne man nachträglich noch für etwas Publicity sorgen, indem er die Bürgermeister und vielleicht den ein oder anderen, der am Abend dabei gewesen sei, dazu befrage.

Damit stieß Schmitz sofort auf positive Resonanz.

Und so wurde nach einigem Hin und Her ein Treffen für den Abend vereinbart. Natürlich im Lokal Hamacher. Und bei dieser Gelegenheit, so nahm sich Schmitz vor, würde er die Beteiligten dann auch gleich nach dem Rothaarigen fragen.


Das Mittagessen im Hotel Mercator, auf das sich Schmitz eigentlich schon sehr gefreut hatte, musste wohl oder übel ausfallen.

„Immerhin tue ich damit etwas für die schlanke Linie und trage auch noch zur Lösung des Falls bei!“, dachte der Reporter. „Und wer wäre für so edle Zwecke nicht sofort bereit gewesen, ein paar Stunden zu darben?“


George fuhr zum Polizeipräsidium nach Heinsberg. Dabei schlug er den Weg über Kreuzrath nach Birgden ein. Am Ortseingang von Birgden hielt er kurz an, um sich das „Birgdener Betkreuz” genauer anzusehen. Ein Freund aus diesem schmucken Örtchen hatte ihm vor kurzem von dieser alten Andachtsstätte erzählt. Im Jahre 1798 soll hier Kindern am Weißen Sonntag die Gottesmutter erschienen sein. Das Kreuz – umgeben von einer kleinen Kapelle – wurde von zahlreichen Betern, ja oft von Scharen von Wallfahrern besucht. George nahm sich vor, der Bedeutung dieses Kreuzes genauer nachzugehen, dann könnte er später darüber einen Artikel für die Zeitung verfassen. Er zwang sich aber jetzt, seine Gedanken wieder auf das Ziel seiner Fahrt zu richten.

Über Waldenrath erreichte er Heinsberg.

Als er in Krichels Büro eintraf, war der Obduktionsbericht gerade gefaxt worden.

In etwa hatte der Reporter diesen Umstand auch vorausschauend so abgeschätzt.

„Was beinhaltet der Obduktionsbericht?”, fragte er ziemlich forsch.

Sein Gegenüber zögerte.

„Ich möchte nicht jedes Detail haarklein in der Zeitung lesen”, erklärte Krichel dann vorsichtig. „Schließlich wollen wir den Kollegen die Option offen halten, gegebenenfalls aus fahndungstaktischen Gründen einige Fakten noch nicht direkt an die Bevölkerung herauszugeben. Herr Schmitz, Sie verstehen doch sicher, was ich damit meine.”

„Vollkommen”, versicherte George. Und noch etwas anderes hatte er verstanden. Krichel hatte von den Kollegen gesprochen. Nicht von wir oder uns. Das sprach eigentlich dafür, dass nicht die Kripo in Heinsberg den Fall übernehmen würde, sondern die in Aachen.

So, wie es eigentlich angesichts der Umstände des Falles auch zu erwarten gewesen war.

„Die Aachener übernehmen also.” Diese Worte, die da über die Lippen des Reporters kamen, waren keine Frage, sondern eine Feststellung.

Krichel nickte.

„Ja, leider. Ich hätte gerne gezeigt, dass wir auch in der Lage wären, so einen Fall hier von Heinsberg aus zu lösen. Aber das haben andere entschieden.” Er zuckte mit den Schultern. „Da ist wohl nichts zu machen.”

Dass Diensthierarchien so ihre Tücken besaßen, hatte George schon des Öfteren am eigenen Leib erfahren. So konnte er Krichels Ärger über die Entscheidung, die Kripo Aachen den Fall bearbeiten zu lassen, durchaus verstehen. Das war genauso, als wenn der Chef einer Zeitungsredaktion im letzten Moment doch noch einen Artikel aus dem Blatt verbannte oder eine andere Überschrift nahm, die die Bedeutung des Textes auf den Kopf stellte.

Dies alles hatte George schon erlebt und durchlitten. So gesehen war er froh, letztlich als freier Mitarbeiter sein eigener Herr zu sein.

Vorschriften wollte er sich jedenfalls von niemandem machen lassen.

Der Obduktionsbericht lag auf Krichels Schreibtisch – und zwar so, dass Schmitz ihn lesen konnte.

„Sehen Sie ihn sich ruhig an”, sagte Krichel nach einer Weile.

„Kann ich eine Kopie machen?”

„Nein, das wäre dann doch zu viel des Guten. Übrigens steht im Grunde genommen auch nichts darin, was wir nicht erwartet hätten und was Sie nicht schon wüssten. Sie sagten am Telefon, dass Sie auch noch etwas zum Fall beitragen könnten. Ich würde das dann weitergeben, sobald sich die Kollegen über die personelle Zusammensetzung der Mordkommmission geeinigt haben!”

„Augenblick”, murmelte George in diesem Moment, nahm das Fax mit dem Obduktionsbericht und folgte mit den Augen den Zeilen.

Er konnte schnell lesen und hatte den Inhalt sofort erfasst.

Dem Bericht nach war der Tote Anfang vierzig und wog 75 Kilogramm. Aber um das herauszufinden, hätte es nun wahrlich nicht unbedingt der Hilfe eines Gerichtsmediziners bedurft. Zumindest nicht in diesem Fall.

Als Todesursache war angegeben: Gewaltsame Aspiration eines Fremdkörpers in den oralen Trakt.

Als Tatwaffe wurde eine etwa 23 Zentimeter lange Möhre festgestellt. Die Verletzungen passten exakt zu den Verwundungen, die der Tote speziell im Rachenbereich davongetragen hatte. Durch das kräftige Einführen des Gemüsekörpers brach ein Frontzahn ab, wobei im Zuge des Gewaltaktes leichte Blutungen im Rachenbereich verursacht wurden - so stand es in dem Bericht. George musste innerlich schmunzeln, obwohl die Sache an sich nun wirklich nicht lustig war. Aber die Mischung aus Fachchinesisch und Behördendeutsch war schon von ganz besonderer Qualität.

„Und den Zeitungen sagt man immer einen schlechten Stil nach“, ging es ihm durch den Kopf. „Dagegen hörte sich doch selbst ein Text in einer Boulevardzeitung noch wie Lyrik an!“

Der Obduktionsbericht führte weiter aus:

„Das Opfer konnte durch den Verschluss der unteren Luftwege nicht mehr am Gasaustausch teilnehmen. Infolgedessen kam es zur Mangelversorgung mit Sauerstoff, die letztlich zum Herzstillstand führte.“

„Also wenn ich atme, heißt das korrekt, ich nehme am Gasaustausch teil”, murmelte er.

„So wird das nun mal ausgedrückt”, sagte Krichel.

George las aufmerksam weiter.

„Auffällig bei der Obduktion waren hierbei zyanotische Verfärbungen der Haut im oberen Halsbereich. Zudem befand sich eine hohe Konzentration von nicht abgeatmetem Kohlendioxid im Gewebe und im Blut. Weiterhin wurden Petechien in den Augenbindehäuten festgestellt. Unter den Fingernägeln der rechten Hand befanden sich Hautreste, die darauf schließen lassen, dass dem Täter beim Abwehrkampf mit den Fingernägeln Kratzspuren zugefügt werden konnten. Eine DNA-Analyse sollte diesbezüglich veranlasst werden.“

Besonders der letzte Absatz interessierte ihn natürlich.

„Wann ist mit dem Ergebnis der DNA-Analyse zu rechnen?”, fragte er.

„In ein oder zwei Tagen. Je nachdem, wie viel die Kollegen im Labor zu tun haben. Aber es wäre schon ein ausgesprochener Glücksfall, wenn wir den Täter wegen einer Vorstrafe gespeichert hätten”, winkte Krichel ab.

„Wer übernimmt eigentlich jetzt die Leitung der Aachener Mordkommission?”

„Der Mann heißt Clausen.”

„Kenne ich nicht”, meinte George nachdenklich.

„Kriminalhauptkommissar Kevin Clausen. Er ist neu bei den Kollegen in Aachen, hat aber schon jede Menge Erfahrung.”

„Der Vornahme Kevin sagt mir allerdings, dass er nicht älter als 40 sein kann.”

„Wieso das?”, wunderte sich Krichel.

„Weil der Name Kevin dadurch populär wurde, dass Kevin Keegan beim HSV spielte – und das muss Ende der Siebziger gewesen sein. Die ältesten Kevins sind also höchstens Ende dreißig.”

Krichel lächelte verhalten.

„Sie haben recht! Übrigens können Sie ihn gleich kennenlernen.” Krichel blickte auf die Uhr. „Er müsste jeden Moment hier vorbeikommen. Wir unterstützen natürlich die Ermittlungen der Kollegen aus Aachen, wo wir nur können.”


Wie auf das Stichwort klopfte es an der Tür. Ein Mann, bekleidet mit Jeans und einem gerade wieder in Mode gekommenen Cord-Jackett, trat ein. Er stellte sich als „Clausen” vor. Mehr war nicht nötig. Er hatte offenbar mit Krichel schon ausgiebig telefoniert.

Georges Alterseinschätzung kam genau hin.

Es gehörte zu seinem speziellen Recherchestil, oft schon aus Kleinigkeiten wichtige Informationen gewinnen zu können. Der Name war ein solches Detail, das schon sehr aussagekräftig sein konnte. Es gab Namen, die kamen nur in bestimmten Jahrgängen vor. Wer „Marvin” oder „Mick-Tyler” hieß, war auf jeden Fall noch unter achtzehn, während „Wilhelm” und „Auguste” vermutlich Bewohner eines Pflegeheims waren.

„Und was ist mit dem Namen Jan?“, überlegte der Reporter.

Clausen unterzog George einer eingehenden Musterung und runzelte dann die Stirn.

„Von Ihnen habe ich doch schon etwas in der Zeitung gelesen.”

„Aber eher in Geilenkirchen als in Aachen.”

„Ich wohne in Geilenkirchen.” Clausen machte eine Pause. „Hören Sie, eigentlich finde ich es nicht besonders gut, wenn die Presse gleich alles breittritt, was es an Ermittlungsergebnissen gibt und …”

„In diesem Punkt können Sie sich voll und ganz auf mich verlassen”, versicherte George. „Und im Übrigen bin ich in erster Linie hier, um Informationen zu geben, nicht um welche zu bekommen.”

Na ja, ganz korrekt war das nicht. Die Gewichtung zwischen Geben und Nehmen war schon in etwa gleichwertig.

„Aber sei’s drum!“, dachte Schmitz.

„Und, welche Informationen haben Sie?”, wollte Clausen wissen.

„Der Tote hieß Jan mit Vornamen. Er war am Abend zuvor im Haus Hamacher und ist dort von einem rothaarigen Mann so angeredet worden, nachdem sich beide heftig gestritten hatten. Heute Abend treffe ich mich mit einem Teil der Gäste, die ebenfalls zugegen waren. Sie können ja gerne dazukommen, wenn Sie wollen.”

Clausen war ziemlich perplex. „Wie haben Sie das geschafft?”

„Berufsgeheimnis. Das Opfer ist Anfang vierzig. Damals war der Name Jan relativ häufig in Deutschland”, erklärte George. „Aber andererseits könnte es sich auch um einen Niederländer oder flämischen Belgier handeln – denn da kommt dieser Name noch häufiger vor!”

„Wir werden die Kollegen einschalten”, versprach Krichel, während Clausen noch zögerte. George schob Letzteres einfach auf den Umstand, dass der Mann aus Aachen sich noch nicht so gut in die Fakten eingearbeitet hatte. Krichel fuhr an Clausen gewandt fort: „Wäre doch möglich, dass da jemand mit dem Vornamen Jan vermisst wird, zu dem das Foto des Opfers passt!”

„Unbedingt!”, meinte George. „Übrigens, die Herkunft der Möhre ist auch geklärt.” Er referierte kurz die Zeugenaussage, nach der ein Kind dem Bronzegänserich die Möhre in den Schnabel geschoben und dort zurückgelassen hatte.

„Bei der ersten Durchsicht der Fakten dachte ich an eine sorgfältig geplante Inszenierung eines Racheplans oder dergleichen”, gestand Clausen. „Irgendeine gedemütigte Seele, die es dem Opfer - aus welchem Grund auch immer – mal richtig zeigen wollte. Aber wenn das, was Sie erzählt haben, der Wahrheit entspricht, dann war es wohl doch eher eine spontane Tat.”

„Das passt auch besser zum Obduktionsbericht”, meinte George.

„Ein spontan eskalierter Streit also”, sinnierte der Polizeihauptkommissar.

Aber George schüttelte den Kopf. „Irgendetwas ist seltsam. Meiner Ansicht nach widersprechen sich die Merkmale. Einerseits spricht schon der Tatort für eine Spontantat. Schließlich musste der Täter damit rechnen, dass selbst zu dieser späten Stunde jemand aus dem Fenster sieht und ihn bemerkt. Auch der Kampf deutet nicht auf eine lange Planung oder einen lang gehegten Rachegedanken hin, der hier verwirklicht wurde und bei dem das Opfer in aller Öffentlichkeit gedemütigt werden sollte.”

„Sondern?”, fragte Clausen, der missmutig dreinblickend die Arme vor der Brust verschränkte.

Ihm gefiel es ganz offensichtlich nicht, dass hier jemand Schlussfolgerungen zog, der nicht zu den ermittelnden Beamten gehörte. Krichel schien hingegen damit überhaupt keine Probleme zu haben. Interessiert beugte er sich nach vorne.

„Ich würde aus dem Bauch heraus sagen: Die Tat selber geschah spontan und wahrscheinlich wirklich aus einem Streit heraus. Aber was danach geschah, erfolgte eiskalt und hatte nichts mit Emotionen zu tun. Das Opfer wurde gründlichst durchsucht, wir wissen bis jetzt nicht, wie es hieß, wer es war und vor allem was der Mann hier in Gangelt wollte, weil sein Mörder alle Spuren beseitigt hat.”

In diesem Augenblick klingelte das Telefon auf Krichels Schreibtisch.

Der Kriminalhauptkommissar nahm den Hörer ab und meldete sich. Dann sagte er zweimal kurz hintereinander „Ja” und schließlich noch einmal „Okay”, bevor er auflegte und seinen Blick hob. Zwei Augenpaare starrten ihn gespannt an. Er genoss eine Weile das Gefühl, mehr zu wissen als seine beiden Besucher. Dann informierte er die beiden:

„Das war das kriminaltechnische Labor. Die Kollegen sind sich sicher, dass das Unterhemd, die Schuhe und die Jeans des Ermordeten aus Belgien stammen. Sie tragen Etiketten einer Kaufhauskette mit Filialen in Lüttich, Antwerpen und Brüssel. Der Rest seiner Kleidung ist nicht zuzuordnen. Internationale Konfektionsware, die genauso gut aus Deutschland stammen könnte.”

„Somit wäre die Idee, die Polizei in Belgien einzuschalten, vielleicht gar nicht so schlecht”, gab George zurück und freute sich insgeheim.

Natürlich kauften auch viele Deutsche in Belgien ein, wie umgekehrt Niederländer und Belgier nach Nordrhein-Westfalen strömten. Seit der Euro die Preise vergleichbar machte und man keine Verluste mehr durch den Geldumtausch hatte, war das gang und gäbe.

Trotzdem waren drei Kleidungsstücke, die mit Sicherheit aus Belgien stammten, vielleicht doch ein Hinweis.

Das Opfer hieß Jan, war Anfang vierzig, vielleicht Belgier oder in Belgien lebend.

Für den ersten Tag war das an Informationsausbeute gar nicht so schlecht, befand George triumphierend. Schließlich hatte er keineswegs vor, nur Informationen zu liefern. Er wollte auch welche bekommen.

Und dieser Tag war ja noch nicht zu Ende.

Georg Schmitz freute sich schon auf den Abend mit den Bürgermeistern, weil er hoffte, dass dabei vielleicht noch das eine oder andere wichtige Detail zutage trat.

Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr zurück nach Gangelt.

Für das Mittagessen im Mercator war es jetzt leider schon zu spät. George seufzte.

„Macht nichts, dann mache ich außer Wellness eben noch eine außerplanmäßige Abmagerungskur“, dachte er. Und zwar nach seiner ganz eigenen Methode.

Der Reporter schaltete das Radio an.

Wie immer hörte er „100´5 - Das Hit Radio”. Dieser Sender war einfach der Beste in der westlichsten Region von NRW. Die Lokalnachrichten aus dem Kreis Heinsberg interessierten ihn natürlich genauso wie der regionale Wetterbericht oder die Warnung vor Blitzern. Plötzlich horchte George auf und drehte das Radio etwas lauter.

Eine erste Meldung über den Möhrenmord in Gangelt wurde gebracht. Allerdings gab es nicht mehr als eine eher dürre Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft, die mit dem Hinweis endete, dass in alle Richtungen ermittelt werde und Hinweise der Bevölkerung gerne entgegengenommen würden.

Etwas ausführlicher als über die eigentlichen Ermittlungen, zu denen es wohl auch nicht allzu viel zu sagen gab, wurde über die Absperrmaßnahmen der Sittarder Straße durch die Feuerwehr berichtet, die damit während des Vormittags verbunden waren.

Kurze Zeit später - nach ein paar Musikstücken und als George Gangelt beinahe schon erreicht hatte – folgte noch ein Interview mit einem Sprecher einer Bürgerinitiative, die sich gegen die Lärmbelästigung durch den Fliegerhorst in Geilenkirchen wandte. Dort waren die AWACS-Aufklärer der Nato stationiert und diese Stationierung bildete letztlich so etwas wie einen strukturpolitischen Tropf, an dem die wirtschaftliche Existenz der gesamten Region hing. Denn abgesehen von dem sich sehr positiv entwickelnden Tourismus gab es hier keine Branche, die vergleichbar viele Arbeitsplätze zur Verfügung stellen konnte.

Sollte die AWACS-Flotte aus irgendwelchen Gründen eines Tages mal von Geilenkirchen verlegt werden, so wären die Folgen sicher gravierend.

Und zwar nicht nur für die stationierten Soldaten, ihre Familien und die Zivilangestellten, sondern weit darüber hinaus.

„Wer weiß, ob sich der Aufschwung der Region dann in diesem Maße fortsetzen würde“, überlegte George.


Als er ins Hotel zurückkehrte, hatte er eigentlich vor, die Zeit noch zu nutzen und schon einmal etwas über seine bisherigen Erkenntnisse zu Papier zu bringen. In den großzügigen und gemütlichen Räumlichkeiten des Hotels gab es ja dazu genug Ecken, wo man sich mit dem Laptop hinsetzen und arbeiten konnte. Über einen W-LAN-Hotspot war eine drahtlose Internet-Verbindung überall gewährleistet, sodass das Ergebnis von Georges journalistischen Bemühungen am Ende auch den Zeitungsverlag erreichen konnte.

Bevor er allerdings mit seinem Laptop auf diese Weise tätig wurde, ging er zunächst einmal zur Rezeption, um alles, was er für den Rest dieses Tages und auch für die nächsten Tage an Wellness-Anwendungen gebucht hatte, wieder abzusagen.

„Dann wird jetzt also endgültig ein richtiger Arbeitsbesuch aus Ihrem Aufenthalt hier im Mercator-Hotel”, meinte der Portier mehr oder weniger bedauernd.

George meinte achselzuckend: „Ist leider nicht zu ändern. Da draußen läuft ein Mörder frei herum und …”

„¡ das sollte man nicht der Polizei überlassen, meinen Sie das?”

Aber diese Schlussfolgerung ging dem Reporter dann doch zu weit. „Ich sehe mich nicht als Konkurrenten der Polizei und der Justiz, sondern als ihr Partner”, rückte er das Bild wieder zurecht. „Auch wenn manche vielleicht ein bisschen länger brauchen, um das zu erfassen.”

Der Portier sah ihn nun fragend an.

In diesem Zusammenhang dachte George natürlich an Kriminalhauptkommissar Kevin Clausen, der seine Skepsis gegenüber dem Reporter kaum hatte verbergen können.

Genau genommen hatte er sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, es überhaupt zu versuchen. Aber George war trotzdem zuversichtlich, dass es am Ende doch noch zu einer konstruktiven Zusammenarbeit kommen würde. Seinen Gedanken noch nachhängend, ging der Reporter zum Restaurant des Hotels und suchte sich ein ruhiges Plätzchen.

Er war einige Zeit so intensiv mit seiner Arbeit beschäftigt, dass er nicht einmal bemerkte, dass der Kaffee im Kännchen, den er sich bestellt hatte, inzwischen ganz kalt geworden war.

Als er schließlich doch wieder einen Schluck nehmen wollte, verzog er das Gesicht.

„Herr Schmitz?”, hörte er auf einmal eine weibliche Stimme fragen.

Der Reporter blickte auf und sah in das Gesicht einer gepflegten, reiferen Dame mit grau-weißem, kinnlangem Haar und einer Brille, hinter der zwei aufmerksam wirkende Augen hervorsahen.

„Ja, bitte?”, fragte Schmitz.

Er versuchte sich zu erinnern, ob er diese Frau vielleicht schon irgendwann einmal gesehen hatte. In seinem Hirn lief die Namenssuche auf Hochtouren. Schließlich lernte er in seinem Beruf so viele Menschen kennen, dass es trotz eines sehr guten Namensgedächtnisses einfach unmöglich gewesen wäre, sich alle zu merken.

Die Dame erlöste ihn glücklicherweise aus der Ungewissheit, ob er sie vielleicht doch hätte kennen müssen, indem sie sich einfach vorstellte.

„Mein Name ist Conzen”, sagte sie. „Und natürlich kenne ich Sie durch die Zeitung. Das hat sich inzwischen in Gangelt herumgesprochen, dass Sie hier im Mercator-Hotel residieren und über den Mord recherchieren, der sich heute Nacht am Gänsebrunnen ereignet hat!”

„Ein Mord mit einer Möhre. So etwas gibt es nicht alle Tage”, antwortete Schmitz – mehr aus Verlegenheit, als dass er im Moment wirklich etwas zu sagen gehabt hätte. „Jetzt freue ich mich aber, Sie einmal persönlich kennenzulernen, Frau Conzen. Der Name Conzen ist natürlich über Gangelt hinaus bekannt. Na ja, eigentlich war ich hier, um Urlaub zu machen – aber den kann ich wohl ad acta legen. Ich bin jetzt so drin in dem Fall, dass ich gar nicht mehr anders kann, als die Sache bis zum Schluss zu verfolgen.” George zuckte mit den Schultern und strich sich dann den Oberlippenbart glatt. „Wer A sagt, muss auch B sagen, oder?”

„Es scheint bei Ihnen ähnlich zu sein wie in der Landwirtschaft”, meinte Frau Conzen. „Da gibt’s ja auch keinen Urlaub.”

„Könnte man durchaus vergleichen”, nickte der Reporter.

„Darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen?”, fragte nun Frau Conzen.

„Bitteschön, Sie müssen schon entschuldigen, dass ich so unaufmerksam war.”

Frau Conzen lächelte und nahm Platz.

„Herr Schmitz, ich suche Sie nicht ohne Grund auf. Wie Sie eben schon sagten, ist gestern Nacht doch ein Mann mit einer Möhre ermordet worden.”

„Etwa um halb drei.” Forschend sah George dabei die alte Dame an.

„Ich konnte schlecht schlafen, deshalb habe ich in der Nacht am Fenster gestanden. Etwa um die von Ihnen genannte Zeit muss es gewesen sein, dass ich einen Mann vorbeieilen sah. Er kam aus der Richtung des alten Rathauses und hastete zum Luisenring. Ich habe mir nichts dabei gedacht, aber als ich jetzt davon hörte, dass da jemand umgebracht wurde, habe ich natürlich gleich einen Zusammenhang vermutet. Ich meine, es ist ja eigentlich schon ungewöhnlich, wenn jemand noch um diese späte Stunde unterwegs ist, oder?”

„Wo wohnen Sie denn genau?”

„In der Burgstraße Nummer 5. Im Burgturm. Unser Arbeitszimmer liegt in 15 Metern Höhe und das Fenster geht Richtung Kirche raus.”

„Haben Sie den Mann genauer sehen können?”, fragte der Reporter hoffnungsvoll.

„Für einen kurzen Moment. Er wurde voll vom Schein einer Laterne erfasst und blickte sich um – so als befürchtete er, dass ihn jemand sehen könnte. Ich will da jetzt nicht zuviel hineininterpretieren, aber er schien mir sehr gehetzt zu sein. Und wenn er wirklich etwas mit dem Mord zu tun hatte, ist das auch nur zu verständlich, oder?”

„Natürlich”, nickte der Reporter. „Worauf ich eigentlich hinauswollte. Können Sie ihn beschreiben? Er stand ja Ihrer Aussage nach zumindest für kurze Zeit gut sichtbar im Licht.”

„Er hatte rote Haare und war ein sportlicher Typ. Die Größe würde ich auf etwa ein Meter achtzig schätzen.”

Rote Haare!

Die Erwähnung dieses Merkmals elektrisierte George geradezu. An sich war die Beobachtung von Frau Conzen weder besonders spektakulär, noch musste sie zwingend mit dem Mord in Zusammenhang stehen. Aber die roten Haare schufen einen sehr engen Zusammenhang mit dem Opfer. Jedenfalls glaubte George nicht an den Zufall, dass sich das Opfer wenige Stunden vor seinem Tod mit einem rothaarigen Mann gestritten hatte und kurz nach dem Mord ein Rothaariger in der Nähe des Tatorts gesehen wurde.

„Ich weiß ja nicht, ob das irgendetwas zu bedeuten hat”, sagte Frau Conzen und zuckte mit den Schultern.

„Doch, das wäre durchaus möglich”, glaubte der Reporter.


Als George Schmitz später noch einmal vor die Tür ging, um sich ein bisschen die Beine zu vertreten, schlenderte er an der Nikolauskirche vorbei in Richtung des alten Rathauses.

Vielleicht brachte ihm ja der Eindruck, den die Umgebung dieses Platzes auf ihn machte, die entscheidende Inspiration, um in diesem Fall einen Schritt weiterzukommen.

Noch, so hatte er das Gefühl, kratzten sowohl die Polizei als auch er selbst lediglich an der Oberfläche. Worum es wirklich ging, war wahrscheinlich noch nicht einmal ansatzweise sichtbar geworden.

Das Geräusch eines Flugzeugs ließ George aufblicken.

Über den Gangelter Kirchturm flog eine Boeing 707 mit dem bekannten Radarteller der AWACS-Aufklärer, der diese Maschinen schon von weitem erkennbar machte.

In Afghanistan und auf dem Balkan waren diese Maschinen schon eingesetzt worden – aber was es jetzt in Gangelt so Interessantes radartechnisch zu erfassen gab, darauf konnte sich der Reporter auch keinen Reim machen. Vielleicht hatte die Mannschaft einfach Lust, noch eine Extra-Runde über ihr Stationierungsgebiet zu fliegen?

Aus seinen Gedanken über den Möhrenmord war George jedenfalls erst einmal herausgerissen worden.

Er fuhr sich mit einer beiläufigen Handbewegung über das Gesicht.

Aber vielleicht war das auch ganz gut so. Manchmal verbiss man sich einfach zu sehr in irgendwelche Details und sah dann den Wald vor lauter Bäumen nicht.

George atmete tief durch.

Er sah der AWACS-Maschine nach, die einen ausgedehnten Bogen flog.

„Vielleicht sitzt da ja eine Art Nachwuchs-Mercator an den Kontrollbildschirmen und will Gangelt neu vermessen!“, dachte der Reporter leicht amüsiert.


Zur gleichen Zeit saß an Bord der AWACS-Maschine ein Mann hoch konzentriert vor seinem Kontrollbildschirm.

Das rote Haar war ziemlich dicht und weit davon entfernt, soldatisch korrekt geschnitten zu sein. Es wuchs einfach zu schnell nach und er hatte es wieder mal versäumt, rechtzeitig den Friseur in Anspruch zu nehmen.

In diesen Dingen war der Rothaarige genauso nachlässig wie dabei auf den korrekten Sitz seiner Uniform zu achten. Seine Hemden wirkten schlecht gebügelt und irgendwie war er einfach nicht das, was man sich als das Urbild eines schneidigen Offiziers vorstellte.

Aber dafür war er ein exzellenter Ortungstechniker und beherrschte die Bordsysteme wie kein Zweiter.

Und auch wenn er den Offiziersrang besaß, so hatte er doch eine Führungsposition eigentlich nie angestrebt. Für Führungsaufgaben wäre er auch denkbar schlecht geeignet gewesen, da er ausgesprochen scheu und zurückhaltend war – hin und wieder aber zu Ausbrüchen von Jähzorn neigte. Dann entlud sich alles, was sich zuvor über längere Zeit in ihm angestaut hatte.

Im Grunde war er froh, relativ wenig mit Menschen zu tun zu haben und sich stattdessen auf die Technik konzentrieren zu können. Die war vergleichsweise verlässlich. Und wenn dann doch einmal irgendetwas Unvorhergesehenes passierte, dann gab es dafür immerhin zumeist auch eine nachvollziehbare Erklärung. Bei Menschen war das anders.

Die Streitereien mit seiner Freundin waren ein gutes Beispiel dafür.

„Ey, Jürgen, sag mal, was hast du da eigentlich am Hals?”, fragte der Ortungstechniker an dem Terminal direkt neben ihm und grinste ihn an.

„Ein paar Kratzer, nichts weiter”, antwortete der rothaarige Jürgen unwirsch.

„Sieht übel aus. Das blutet in deinen Hemdkragen!”

Jürgen betastete vorsichtig die Stelle.

Er verzog das Gesicht.

„Wo hast du dir das eigentlich geholt, Jürgen?”

„Das war die Katze meiner Freundin. Das Biest ist unberechenbar!”

„Genau wie ihre Besitzerin!“, fügte Jürgen in Gedanken noch hinzu.

Der Mann am zweiten Terminal lachte nun wieder. „War das wirklich die Katze deiner Freundin - oder sie selbst?”

„Du gehst mir ziemlich auf die Nerven”, meinte der Rothaarige nun und schaute seinen Nachbarn nicht gerade freundlich an.

„Meine Güte, man wird doch wohl mal eine Bemerkung machen dürfen. Schließlich fliegen wir extra deinetwegen eine Extra-Runde, nur weil du dich plötzlich für Motten interessierst!”, erwiderte sein Kollege und schüttelte unwillig den Kopf.

Motten – gemeint waren hier nicht die ziemlich schmucklosen Falter, die diesen Namen trugen und eine bevorzugte Beute von Fledermäusen waren. Gemeint waren vielmehr die gleichnamigen künstlich aufgeschütteten Hügel, auf denen man im Mittelalter Befestigungsanlagen errichtete.

„Schon seltsam, dass du plötzlich ein Faible für Lokalgeschichte entdeckt hast”, meinte der Offizier vom Nebenterminal ziemlich überheblich.

„Ihr werdet alle noch sehen!“, durchfuhr es Jürgen. Sein Gesicht bekam einen finsteren Ausdruck.

Die Mundwinkel verzogen sich nach unten und ein harter Zug prägte sein Gesicht.


Pünktlich um 20 Uhr traf sich George mit einigen Teilnehmern der Versammlung des gestrigen Abends im Restaurant Haus Hamacher, in der Hoffnung, etwas mehr über den geheimnisvollen Rothaarigen zu erfahren.

Diesmal wurde George vom Wirt persönlich begrüßt, ein unübersehbarer, dunkelblonder Hüne von 1,90 m, der auf den Namen Jochen Wüllenweber hörte. Er war Ende dreißig, sprach einen leichten, für die Gegend typischen Dialekt und hatte als „Restaurantchef” in Gangelt natürlich eine zentrale Stellung inne.

Dreißig Angestellte beschäftigte er im Haus Hamacher.

George traf den Wirt draußen vor der Tür an, wo Wüllenweber den letzten Rest einer Zigarette verqualmte.

„Die neuen Anti-Raucher-Gesetze bringen mich ganz schön in Schwierigkeiten, seit ich im eigenen Lokal nicht mehr qualmen darf”, bekannte er.

„Vielleicht ein Grund, es sich abzugewöhnen”, meinte George lächelnd.

Wüllenweber zuckte mit den Schultern.

„Das ist nicht ganz so leicht, wie man sich das vorstellt!” Er deutete auf den Eingang. „Also heute findet das Nachtreffen zur Tourismus-Versammlung statt!” Er grinste und fügte noch hinzu: „Zwecks Mördersuche!”

„Hat sich das also schon herumgesprochen, ja?”

„Natürlich. Ich meine, dass Lokalpolitiker gerne in die Zeitung wollen, ist natürlich klar – und unsere regionalen Würdenträger nicht gerade begeistert davon waren, dass ihr Treffen von der örtlichen Presse ignoriert wurde.”

„Davon kann keine Rede sein!”, unterbrach ihn George.

„Ich sage Ihnen auch nicht, wer von den Damen und Herren sich so geäußert hat. Aber wenn gleich zwei in der Region tätige Reporter etwas Wichtigeres zu tun haben, als diese epochemachende Versammlung mit einem Bericht zu würdigen, dann kann man schon an eine Verschwörungstheorie denken.”

„Habe ich nicht auch das Recht auf Urlaub?”, fragte George in gespielter Empörung.

„Das schon! Aber ich glaube, es wäre einigen lieber gewesen, Sie hätten auf dieses Recht genauso zu Gunsten der Versammlung verzichtet, wie Sie es jetzt wegen dieses Möhrenmordes tun!”

„Aber das ist doch was anderes!”, entgegnete George leicht gereizt.

Wüllenweber lachte. „Ja, das sehen die da drinnen bestimmt genauso, nur mit umgekehrter Priorität!”

Mittlerweile hatte der Restaurantchef seine Zigarette aufgeraucht. Aber ehe sie das Haus betraten, wollte George ihm noch seine Fragen stellen – und zwar möglichst, solange sie allein waren und niemand anders zuhörte.

„Der Tote soll im Haus Hamacher zusammen mit einem rothaarigen Mann gesehen worden sein, mit dem er sich heftig gestritten hat.”

George zeigte Wüllenweber ein Foto des Opfers. „Können Sie dazu irgendetwas sagen?” Der Wirt betrachtete einen Augenblick das Bild und dachte kurz nach.

„Nein, tut mir leid. Ich habe weder den Mann auf dem Foto gesehen, noch ist mir ein Rothaariger in Erinnerung geblieben. Sie müssen wissen: Gestern Abend hatten wir hier dermaßen viel Trubel, dass ich kaum zum Atmen gekommen bin. Nicht mal eine Zigarette zwischendurch war drin.”

„Na ja, trotzdem Danke für Ihre Auskünfte.”

„Gern geschehen. Und sollte ich irgendetwas hören, dann melde ich mich natürlich sofort.”

„In Ordnung.”

Sie gingen jetzt ins Innere des Café-Restaurants. Wüllenweber führte George zu dem Tisch, an dem sich bereits die drei Bürgermeister der Selfkantgemeinden versammelt hatten. Aber sie waren nicht allein gekommen. Durch Mundpropaganda unter den Teilnehmern der Veranstaltung des gestrigen Abends hatten sich noch einige andere Personen eingefunden. George hoffte nur, dass der Hauptgrund dafür nicht Neugier war oder der Drang, in die Zeitung zu kommen, sondern dass die Anwesenden auch wirklich etwas zur Sache beizutragen hatten.

Der Reporter wurde von der Gruppe natürlich sofort erkannt und mit einem lauten „Hallo, Herr Schmitz” erwartungsvoll begrüßt.

Zunächst erkannte George in der Runde einen sportlichen Endvierziger im grauen Anzug und mit entschlossen wirkenden Gesichtszügen, die Tatkraft und Willensstärke verrieten. Das war Bernhard Tholen, der Bürgermeister von Gangelt.

Sein Gesichtsausdruck war ernst.

„Schön, dass Sie die Zeit gefunden haben und Ihren wohlverdienten Urlaub unterbrechen”, sagte er. „Der Selfkant ist eine Region, die sich touristisch neu aufstellt und da sind wir natürlich darauf angewiesen, dass die Öffentlichkeit davon auch entsprechend Kenntnis bekommt.” Dem pflichteten Herbert Corsten und Johannes von Helden, die beiden Bürgermeister der Gemeinden Selfkant und Waldfeucht bei.

„Natürlich”, sagte George. „Deshalb bin ich ja hier.”

„Nun deswegen vielleicht auch – aber in erster Linie doch wegen des Möhrenmordes”, mischte sich nun Gerd Schütz ein. Der Ortsvorsteher hatte den Toten bekanntermaßen am Morgen entdeckt und die Rettungskräfte sowie die Polizei alarmiert. Natürlich war er als Ortsvorsteher auch bei der Versammlung gewesen, hatte sie aber, wie sich später herausstellte, an dem Abend gleich nach der Zusammenkunft wieder verlassen und somit von einem Streit zwischen dem späteren Mordopfer und dem Rothaarigen nichts mitbekommen.

Trotzdem war er jetzt ins Haus Hamacher gekommen, da er natürlich wissen wollte, wie sich der Fall, der mit seiner Entdeckung begonnen hatte, nun weiterentwickelte.

„Die Polizei tappt wohl noch ziemlich im Dunkeln”, meldete sich nun Frau Fernholz, die als eine der drei Selfkant-Gästeführerinnen geschichtlich Interessierten die Sehenswürdigkeiten und historischen Stätten von Gangelt näherbrachte. Als ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin führte sie auch Besichtigungen in französicher Sprache durch. „Oder was ist Ihr Eindruck?”, wandte sich die freundlich wirkende Tourismusspezialistin direkt an George.

Der räusperte sich und meinte: „Nun, ich denke, es wäre ungewöhnlich, wenn die Polizei jetzt schon einen Verdächtigen hätte, den sie festnehmen könnte, wo doch noch nicht einmal alle Spuren ausgewertet sind.”

„Welche denn zum Beispiel?”, mischte sich nun Brigitte Geradts-Wimmers ein, eine gepflegt wirkende Frau mit schulterlangen blonden Haaren. Sie war ebenfalls ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin und arbeitete als Bank- und Diplomkauffrau sowie als Dozentin. Daneben war sie auch als Gästeführerin im Selfkant tätig, was ihr viel Spaß machte. George hatte über sie – ebenso wie über die anderen Gästeführerinnen – schon einmal eine Artikelserie geschrieben und kannte sie daher alle. Ein charmantes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Na, kommen Sie, Herr Schmitz, geben Sie sich einen Ruck und verraten Sie uns schon heute ein bisschen von dem, was morgen in der Zeitung stehen wird!”

Dann nippte sie an ihrem Mineralwasser.

„Eine gute Idee!”, lobte Bürgermeister Tholen.

„Wir verraten auch nichts!”, meinte Ortsvorsteher Schütz augenzwinkernd.

Aber George winkte ab. „Ja, ja, das kenne ich. Und morgen liest dann kein Mensch mehr die Zeitung!” Er bestellte sich ein Wasser. Mit Frau Geradts-Wimmers teilte er nämlich die Abneigung gegen Alkohol. Im Übrigen gab es für einen Reporter so etwas wie einen festen Feierabend nicht – und manchmal sogar nicht einmal Urlaub, wie er jetzt hatte feststellen müssen – daher brauchte man einfach ein gewisses Durchhaltevermögen. Und dafür war Alkohol nun mal Gift. „Eigentlich bin ich hier, um etwas zu erfahren und nicht, um selber ausgefragt zu werden!”, beteuerte der Reporter.

„Obwohl wir dafür doch eine Spezialistin unter uns hätten!”, meinte ein dicklicher Herr, bei dem sich George nicht ganz sicher war, um wen es sich handelte. Er hatte ihn irgendwo schon mal gesehen. Vielleicht ein Geschäftsmann aus der Stadt. Der beleibte Mann deutete auf seine Nachbarin: „Na los, Frau Bürsgens, jetzt wollen wir mal sehen, wie Sie den Leuten die Informationen aus der Nase ziehen! Hier scheinen Sie mit Georg Schmitz ja gleich ein geeignetes Testobjekt zu haben – und wir würden alle davon profitieren!”

Gelächter kam auf.

George wusste natürlich sofort, worauf dabei angespielt wurde. Die Endvierzigerin mit natürlicher, sportlicher Ausstrahlung war Kunigunde Bürsgens, eine Gästeführerin aus der Nachbargemeinde Waldfeucht. Wie allgemein bekannt war, betätigte sie sich nebenberuflich seit vielen Jahren als Interviewerin für das Institut für Demoskopie in Allensbach.

„Ich glaube, hier herrschen abenteuerliche Vorstellungen darüber vor, was ich für Allensbach so mache”, sagte sie ebenfalls belustigt.

Für einen Scherz war Kunigunde Bürsgens – genannt Kuni – nämlich immer zu haben und so war es ihr auch nicht unangenehm, dass sich die Allgemeinheit für ein paar Augenblicke auf ihre Kosten amüsierte.

„Herr Schmitz, vielleicht könnten Sie ja das Foto des Toten noch herumgehen lassen”, schlug jetzt Franz Oschmann vor, dessen Stimme das allgemeine Gemurmel sofort durchdrang und direkt Gehör fand. Kein Wunder, er war pensionierter Schulrektor und sein Leben lang darauf angewiesen, sich akustisch durchzusetzen. Davon abgesehen, engagierte sich Oschmann stark für den Naturschutzbund NABU.

„Ja, das wäre in der Tat keine schlechte Idee”, bestätigte Bürgermeister Tholen jetzt entschieden.

Also ließ George Schmitz das Bild in der Runde herumgehen.

Herr Schütz ergriff nun das Wort: „Ich war etwas früher hier als Sie”, sagte er an George gewandt, „und daher habe ich mir die ganze Geschichte mit dem Rothaarigen und dem Streit schon mehrfach anhören müssen!”

„Na, genau genommen haben Sie uns doch alle regelrecht ausgefragt!”, warf Kuni Bürsgens ein.

„Wie auch immer”, fuhr Schütz fort, „mir fällt dazu nur ein, dass ich einen Rothaarigen kenne. Also kennen ist zuviel gesagt, ich sehe ihn öfter. Und zwar morgens, wenn ich sehr früh raus muss. Ein- oder zweimal trug er dann eine Uniform.”

„Was für eine?”, fragte George. „Feuerwehr? Polizei?”

„Bundeswehr.”

„Ah, ja.”

„Also kein Kampfanzug, sondern Ausgehuniform. Aber sie saß schlecht. Der Schlips hing ihm wie ein Strick um den Hals und die Jacke war aufgeknöpft.”

„Rangabzeichen haben Sie nicht zufällig erkennen können?”, hakte George interessiert nach.

„Darauf habe ich nicht geachtet. Aber ich könnte mir denken, dass er vielleicht hier im Fliegerhorst Geilenkirchen-Teveren eine Position hat. Allerdings dürfte es da natürlich nicht nur einen Rothaarigen geben.”

George zuckte mit den Schultern. „Wer weiß, das ist doch schon mal ein Anfang.”

„Da sagen Sie was!”, meldete sich jetzt Bürgermeister Tholen zu Wort und wandte sich dabei an den Ortsvorsteher Schütz. „Vielleicht meinen wir denselben Mann! Ich habe ihn auch ab und zu mal gesehen. Manchmal auch mit einer jungen Frau im Arm. Die war deutlich jünger als er. Anfang zwanzig – höchstens. Lange dunkle Haare, gelockt.”

„Gelocktes dunkles Haar also”, meinte Oschmann halblaut und mehr an sich selbst gewandt.

Er überlegte und sagte dann: „Das könnte die Bettina Lange sein. Die hatte ich mal in der Klasse. Sie grüßt mich immer noch. Dabei ist mir aufgefallen, dass sie offenbar einen rothaarigen Freund hat, der um einiges älter ist als sie. Ich habe die beiden schon mehrmals in Gangelt zusammen gesehen.”

„Wissen Sie zufällig, wo diese Bettina Lange wohnt?”, erkundigte sich George.

„Nein. Aber soweit mir bekannt ist, arbeitet sie in der Bank.”

„Danke, vielleicht bringt uns das ja tatsächlich weiter.”

Erst jetzt fiel George auf, dass Oschmann das Foto des Toten gar nicht weitergereicht hatte.

„Haben Sie den Toten etwa auch irgendwo gesehen?”, erkundigte sich der Reporter nachdenklich.

Oschmann nickte.

„Ja. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Das ist erst ein paar Tage her. Er hatte seinen Wagen am Straßenrand geparkt und trug einen Spaten bei sich, so als hätte er irgendwo etwas vergraben. Ich dachte erst, das ist so einer, der seinen Müll einfach irgendwo ablädt und sich dann davonmacht. Oder jemand, der eine Panne hat! Ich hielt also an, ließ die Scheibe herunter und fragte ihn, ob er Hilfe bräuchte.”

„Und?”, fragte George gespannt und drehte dabei nervös seinen Kugelschreiber auf dem Tisch hin und her. „Brauchte er denn Hilfe?”

„Nein. Mehr hat er auch nicht gesagt. Ich bin dann weitergefahren.”

„Schade”, entfuhr es dem Reporter enttäuscht. „Es wäre natürlich schön, wenn Sie sich das Autokennzeichen gemerkt hätten.”

„Nein, habe ich nicht. Aber es war ein Toyota – und das Nummernschild war”, er zögerte jetzt und überlegte.

¡±Etwa aus Belgien?”, ergänzte George und schaute Oschmann dabei fragend an.

„Ja.”

„Sieh an, sieh an“, dachte der Reporter.

Da führten also doch schon mal ein paar Spuren zusammen.


Was den Streit zwischen dem Rothaarigen und dem späteren Opfer anging, den George für sich privat jetzt erst einmal einfach den Belgier nannte, konnte keiner der Anwesenden irgend etwas beitragen, was substanziell gewesen wäre.

So verabredete sich George für den nächsten Tag am frühen Nachmittag mit Oschmann, damit der ehemalige Schulleiter ihm den genauen Ort zeigen konnte, wo sich der Toyota-Fahrer aufgehalten hatte.

„Nicht, dass dieser Typ da eine Leiche vergraben hat”, meinte Kuni Bürsgens in die Runde, woraufhin sie von allen betretene Blicke erntete. „Na ja, was weiß ich, was der Hintergrund der ganzen Geschichte ist! Ich meine, wenn jemand auf so seltsame Weise umgebracht wird, dann kann das doch eigentlich nur bedeuten, dass sich da jemand an diesem Mann rächen wollte, oder? Sonst macht man so etwas doch nicht! Eine Leiche quasi an den Pranger stellen, sodass sie regelrecht präsentiert wird!”

Aber in diesem Punkt war George schon einen Schritt weiter.

Die anderen Umstände des Verbrechens sprachen eher für die Tat eines eiskalten Killers – insbesondere die Tatsache, dass er den Toten durchsucht und alles entfernt hatte, was irgendwie auf die Herkunft des Opfers deuten konnte. „Das muss ein Profi gewesen sein”, sinnierte George noch vor sich hin, nachdem er die kleine Runde verlassen hatte und sich auf dem Rückweg zum Hotel befand.


Nachdem George diesmal noch etwas länger mit seiner Frau telefoniert hatte, schlief er in dieser Nacht wie ein Murmeltier.

Er stand viel zu spät auf. Selbst sein Handywecker hatte es nicht hinbekommen, ihn früh genug aus den Federn zu holen.

Zum Glück bekam er aber noch etwas vom Frühstücksbüffet mit, das immer sehr reichlich gehalten war. „So könnte eigentlich jeder Tag starten“, dachte sich der Reporter.

Nach dem Frühstück erkundigte sich George nach Bettina Lange und fand sie tatsächlich in der örtlichen Bank.

Eine junge attraktive Frau, die ziemlich nervös wurde, weil ihre Kollegen und Vorgesetzten sich natürlich fragten, was der bekannte Reporter wohl von ihr während der Arbeitszeit wollte.

„Ich kann jetzt nicht mit Ihnen sprechen”, versuchte sie ihn abzuwimmeln. „Sie sehen doch, was ich hier zu tun habe”, und deutete auf die Kunden im Schalterraum.

„Es geht um den Möhrenmord”, machte George ihr nochmals deutlich. Bettina Lange zuckte mit den Schultern. „Und, was habe ich damit zu tun?”, fragte sie etwas schnippisch.

„Vielleicht nicht unbedingt Sie, aber Ihr Freund ”, entgegnete George forsch.

„Das ist doch wohl eine Unverschämtheit. Mein Freund und ein Mord, ja? Habe ich das jetzt richtig verstanden? Ich weiß nicht, wie Sie auf so einen absurden Gedanken kommen, aber da sind Sie absolut auf dem Holzweg”, ereiferte sich die junge Frau.

„Sie würden mir einfach einen großen Gefallen tun, wenn Sie mir den Namen Ihres Freundes verraten würden! Dann könnte ich die Sache überprüfen”, meinte George beschwichtigend.

„Damit er dann morgen in der Zeitung steht? Das würde ich nicht mal ihm wünschen.”

Ihre Stirn umwölkte sich.

„Haben Sie sich zerstritten?”, hakte George interessiert und zugleich teilnahmsvoll nach.

„Ja. Streng genommen weiß ich gar nicht mal mehr, ob er überhaupt noch mein Freund ist. Ich hoffe natürlich, dass wir wieder zusammenkommen, aber …”

„Wird er vielleicht jähzornig?”

„Jetzt drehen Sie das wieder alles in eine Richtung, die ich nicht unterschreibe, Herr Schmitz”, erwiderte die junge Frau ungehalten.

„Frau Lange, wir suchen einen rothaarigen Mann, der häufiger morgens früh im Ort gesehen wurde und sich am Abend vor dem Mord mit dem späteren Opfer heftig im Haus Hamacher gestritten hat. Ob er zugleich der Täter ist, das weiß ich nicht, aber er hat das Opfer mit Namen angeredet. Und da wir auch dessen Identität noch nicht kennen, könnte uns Ihr Freund vielleicht behilflich sein.”

Sie seufzte.

„Mit was für einem Namen soll mein Freund - oder Ex-Freund - den Kerl denn angeredet haben?”

„Jan. Wir kennen nur den Vornamen.” Bettina Lange dachte nach. Dann sagte sie: „Er kennt mindestens drei Leute, die Jan heißen. Das ist kein sehr seltener Name.” Sie zögerte und fügte leise hinzu: „Mein Freund heißt Jürgen Wisbert und wohnt in Waldfeucht. Das ist in der Nähe dieses Radiomuseums. Er bewohnt da eine Einliegerwohnung.”

„Und er ist beim Fliegerhorst in Geilenkirchen stationiert?”, ergänzte der Reporter in fragendem Tonfall.

„Ja”, nickte sie.

„Der Möhrenmord wurde etwa um halb drei begangen. Aber danach soll Ihr Freund noch in Gangelt gesehen worden sein - und zwar ganz in der Nähe des Tatortes, nämlich am Burgturm.”

„Hat da mal wieder jemand zufällig am Fenster gesessen oder was?”, meinte Bettina Lange spöttisch.

Sie verschränkte jetzt die Arme vor der Brust und sprach so laut, dass sich einige der anderen Angestellten und Kunden zu ihr umdrehten. Verlegen sprach sie daraufhin in gedämpftem Tonfall weiter. „Ist doch wahr”, knurrte sie. „Da haben wohl bestimmte Leute nichts anderes zu tun, als nachts aus dem Fenster zu glotzen und den Mond anzustarren, weil ihr Leben sonst zu langweilig ist!”

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet”, versuchte George zum eigentlichen Thema zurückzukommen.

Sie beugte sich etwas vor und sagte leise: „Es kann tatsächlich sein, dass er gesehen wurde. Aber dafür gibt es eine Erklärung.”

„Welche?”

„In der Nacht haben wir uns derart gestritten, dass er seine Sachen gepackt hat und abgezogen ist.”

„Mitten in der Nacht?”, wunderte sich der Reporter.

„Ja, mitten in der Nacht!”

„Sind Ihnen irgendwelche Kratzspuren oder vergleichbare Verletzungen an ihm aufgefallen?”

In der Zeitung hatte davon nichts gestanden. Bettina Lange schien sich aber trotzdem nicht über die Frage zu wundern. „Das kann man nun auslegen, wie man will!“, dachte George.

„Hören Sie, wir sind beide sehr leidenschaftlich. Wir streiten uns heftig und wir versöhnen uns heftig – aber keiner von uns wird dabei handgreiflich! Kann sein, dass ihn meine Katze mal gekratzt hat. Aber das tut sie bei mir auch!” Sie zog den Ärmel ihres Pullovers ein Stück hoch. Ein paar frisch verschorfte Kratzer wurden sichtbar. „War es das?”

„Ich hätte gerne noch etwas mehr über die ‚mindestens drei Jans’ gewusst, die Ihr Freund kennt.”

Ihr nochmaliges Seufzen klang jetzt ziemlich genervt.

„Einer ist sein Bruder, ein anderer ist ein Nato-Kollege.”

„Niederländer? Belgier?”, fragte George hoffnungsvoll.

„Nein, ein Pole. Ich habe ihn mal bei einer Weihnachtsfeier des Stützpunktes kennengelernt.”

„Und der dritte Jan?”

„Irgendein alter Kumpel, den Jürgen wohl noch von der Schule kennt. Mit dem telefoniert er manchmal ziemlich lange, aber der kann es nicht sein.”

„Wieso?”

„Weil Jürgen mir mal erzählt hat, dass er in Belgien lebt. Brüssel oder Lüttich – keine Ahnung, ich habe mir das nicht gemerkt. Und das war es jetzt auch, ich muss weiterarbeiten.“

„Nur noch eine Frage.”

„Die letzte!” Bettina Lange warf dabei energisch den Kopf in den Nacken, sodass ihre schwarze Mähne wild durcheinanderwirbelte.

„Versprochen!”, erwiderte George Schmitz.

Sie hob die Augenbrauen. „Also gut!”

„Wann kommt Jürgen Wisbert normalerweise vom Dienst?”

„Je nachdem, wie er eingeteilt ist. Aber Sie sollten nicht vor 17 Uhr mit ihm rechnen.”

„Und kann man ihn im Dienst telefonisch erreichen?”

„Nein. Sein Handy hat er im Moment auch abgeschaltet, weil er nicht mit mir reden will. Und außerdem läuft da zurzeit irgendetwas auf dem Fliegerhorst, was topsecret ist. Ein neuartiges Ortungssystem wird wohl getestet. Wenn Sie mal eine kleinere Ausgabe dieser AWACS-Flugzeuge über Gangelt kreisen sehen, dann könnte er da vermutlich drin sitzen.”

Ein Herr im grauen Anzug trat jetzt neben Bettina Lange.

„Gibt es irgendwelche Probleme?”, fragte dieser.

„Nein, überhaupt keine”, sagte George, bevor Bettina Lange antworten konnte, und er verabschiedete sich.


Nach dem Gespräch mit der jungen Frau telefonierte George mit Kriminalhauptkommissar Krichel, um ihn über den bisherigen Stand der Dinge in Kenntnis zu setzen.

„Das ist jetzt Clausens Fall”, sagte Krichel. „Ich schlage vor, Sie sprechen direkt mit ihm. Wenn Sie die Durchwahl nach Aachen nicht haben sollten -”

„Doch, die habe ich”, unterbrach ihn George. „Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Chemie zwischen Clausen und mir nicht so ganz stimmt und da dachte ich, dass Sie ihm die Fakten, die ich bisher ermittelt habe, vielleicht vorlegen könnten.”

„Kann ich”, meinte Krichel, nachdem er kurz überlegt hatte.

Von seinem bevorstehenden Treffen mit Herrn Oschmann an der Stelle, wo der Schulleiter das spätere Mordopfer mit einem Spaten gesehen hatte, erwähnte George noch nichts. Er wollte erst mal selbst sehen, was dabei herauskam.

Darüber, dass der Tote früher einen Toyota mit belgischem Kennzeichen gefahren hatte, setzte er ihn allerdings in Kenntnis. Es konnte ja schließlich sein, dass die Karre irgendwo abgestellt worden war und jemand sie fand. In dem Fall ergab sich dann ein sehr viel breiterer Ansatzpunkt für Ermittlungen.

„Was ist eigentlich mit der DNA?”, fragte George den Kriminalhauptkommissar beiläufig.

„Ist registriert”, erklärte dieser trocken, ohne eine Gefühlsregung in der Stimme.

„Was? Und das sagen Sie mir erst jetzt?”, fragte George erstaunt und fuhr sich nervös durch die Haare.

„Die Spur nützt uns nichts”, winkte Krichel ab, „denn wir haben keinen Namen dazu. Es geht um einen Mordfall in Aachen, der bisher ungeklärt ist. Das Opfer war ein gewisser Franz Ternedden, der als Hehler Verbindungen zum organisierten Verbrechen hatte. Er starb durch einen Messerstich. DNA-Spuren von mindestens drei Personen wurden gesichert, von denen keine identifiziert werden konnte. Wir wissen auch nicht, ob es sich bei diesen Personen um die Täter oder um weitere Opfer handelt, die fortgeschafft wurden.”

„Aber einer davon war der Mann, den der tote Jan gekratzt hat”, stellte George fest.

„Jedenfalls wissen wir, dass es ein Mann war”, bestätigte Krichel.

Nach dem Mittagessen traf sich George mit Herrn Oschmann. Sie hatten zuvor noch einmal kurz telefoniert und den Mercator-Stein als Treff- und Orientierungspunkt ausgemacht.

Oschmann war pünktlich und wartete bereits, als George eintraf. Beide hatten das schöne Wetter genutzt, um diesen besonderen Punkt, der reizvoll inmitten von Feldern am Gangelter Ortsrand lag, zu Fuß zu bewältigen.

Der Schulleiter saß auf der Bank unter den Linden vor dem alten Wegekreuz.

George hatte seine Kamera um den Hals. Vielleicht gab es ja irgendeinen Schnappschuss zu machen. Jedenfalls wollte er dann gerüstet sein. Ein interessierter Blick glitt zu dem Stein hinüber, mit dem man dem großen Gerhard Mercator ein Denkmal gesetzt hatte. Aber nicht nur dem Kartographen Mercator sollte ein Denkmal gesetzt werden, sondern auch dem Ort selbst, denn der Sandstein wies jeden Touristen darauf hin, dass sich hier in Gangelt der 51. Breiten- und der 6. Längengrad schneiden. Ein erhebender Moment für jeden, zu erkennen, dass er sich an einem Punkt befindet, der auf jedem Globus und jeder Weltkarte deutlich zu sehen ist.

Der Staher Künstler Kurt Preuss hatte das Denkmal in Form einer Weltkugel auf einem Sockel angefertigt. Auf dem Sockel waren unter anderem ein Relief mit der Gans, die die Möhre verspeist, und der Löwe aus dem Gangelter Stadtwappen zu sehen.


George erinnerte der Stein von der Form her an eine überdimensionale Figur aus einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Über Geschmack ließ sich streiten – aber kaum darüber, dass dieser Stein zu einem Wahrzeichen der Gegend geworden war.

Wenn man in die andere Richtung sah, konnte man den Gangelter Kirchturm sehen. George stellte sich vor, dass vielleicht vor fünf Jahrhunderten Mercator genau hier gestanden hatte, um seine Messungen durchzuführen.

Vielleicht hatte er sogar die Kirchturmspitze als Bezugspunkt für seine Berechnungen genommen.

„Ja, hier weht der Mantel der Geschichte”, sagte Herr Oschmann lächelnd und kam auf George zu.

Aufgrund seiner guten Menschenkenntnis fiel es ihm nicht schwer, die Gedanken des Reporters zu erraten. „Ein kleines Kreuz auf einer Landkarte, aber ein großer Schritt in die Geschichtsbücher für Gangelt.”

„Vor allem erst mal ein dicker Stein”, antwortete George und streckte die Hand zur Begrüßung aus. „Hallo, Herr Oschmann. Da bin ich. Freut mich, dass Sie Zeit haben, um mir Ihre Beobachtungen noch mal vor Ort zu schildern.”

Oschmann nickte.

„Ist doch selbstverständlich. Wenn man dazu beitragen kann, ein Verbrechen aufzuklären.”

„Na ja, davon sind wir leider noch ziemlich weit entfernt, wie mir scheint.”

„Ich will Ihnen die Stelle mal zeigen, wo ich den Wagen des Getöteten gesehen habe.”

„Nennen wir ihn Jan”, schlug George vor. „Er hieß ja wohl tatsächlich so. Aber das macht die Sache weniger unpersönlich.”

„Meinetwegen - Jan”, erwiderte der ehemalige Schulrektor.


Sie gingen ein Stück den Feldweg entlang, kaum dreißig Meter. Dann blieb Herr Oschmann stehen, sah sich noch einmal nach allen Seiten um. Man konnte von hier aus in alle Richtungen ziemlich weit sehen. Felder und Wiesen, soweit das Auge reichte, in der Ferne mal ein kleines Waldstück.

Und natürlich die Silhouette von Gangelt. Oschmann deutete auf eine Stelle am Wegesrand. „Hier war es!”, meinte er bestimmt.

„Sicher?”

„Hundertprozentig.”

George suchte mit den Augen den Boden ab. Da waren ziemlich tiefe Reifenspuren zu sehen.

„Das ist sicher er gewesen”, erklärte Herr Oschmann. „Vielleicht hat er den Spaten ja doch dazu benutzt, sich freizugraben, weil er stecken geblieben ist!”

Aber George schüttelte entschieden den Kopf, nachdem er ein paar Fotos gemacht hatte. „Ich bin zwar kein Erkennungsdienstler, aber für mich sieht das eher so aus, als hätte das Opfer einfach das Gaspedal durchgetreten und so lange Vollgas gegeben, bis sich der Wagen aus dem Dreck gewühlt hatte.”

„Wollten wir den Toten nicht Jan nennen?”, fragte Herr Oschmann und blickte den Reporter verschmitzt an.

George nickte.

„Sie haben recht.”

Er griff zum Telefon, um Kriminalhauptkommissar Krichel anzurufen.

Sollten sich doch die Fachleute darum kümmern, die Spuren zu sichern. Vielleicht bekam man ja sogar ein brauchbares Reifenprofil.


Die Zeit bis zum Eintreffen der Polizei nutzte George noch damit, um sich umzusehen. Er wollte unbedingt wissen, was Jan mit dem Spaten gemacht hatte und suchte daher nach Stellen, wo vielleicht gegraben worden war. Allerdings fand er nichts dergleichen. Er verdreckte sich nur vollkommen die Schuhe.

„Wir wissen einfach noch zu wenig über den Mann”, stellte er frustriert fest. „Ein Belgier oder vielleicht auch ein Deutscher, der in Belgien lebt ... das ist nicht viel!”

„Vielleicht auch ein Mercator-Fan”, meinte Herr Oschmann und deutete auf den Stein.

Eigentlich war das witzig gemeint gewesen, aber in Georges Hirn begannen die Gedanken zu rasen. Dass dieser Jan aus Belgien mit einem Spaten hierher kam und ausgerechnet in der Nähe des Mercator-Steins etwas vergraben wollte, erschien ihm dann doch mehr als nur ein Zufall.

„Ver-graben oder aus-graben“, dachte George, „das ist hier die Frage!“

Er seufzte.

„Mein Kopf ist leer”, bekannte er. „Nichts ist so wie es scheint und ich bringe die wenigen Teile, die wir von dem Puzzle haben, einfach nicht zusammen.”

Herr Oschmann nickte grübelnd.

„Nichts ist so, wie es scheint, da haben Sie recht.”

„Ich meinte das jetzt aber nicht philosophisch”, sagte George.

„Ich auch nicht.”

Herr Oschmann deutete auf den Mercator-Stein. „Das Denkmal da zum Beispiel sollte eigentlich genau dort stehen, wo sich der 51. Breitengrad und der 6. Längengrad schneiden.”

„Ja, und? Wird das nicht den Touristen so erzählt?”, fragte George und horchte interessiert auf.

„Der Stein liegt um 120 Meter versetzt.”

Der Reporter traute seinen Ohren kaum zu glauben. Es war wie ein Paukenschlag und er meinte sich nochmals vergewissern zu müssen: „Wie bitte?”

„Ja, das wurde nie an die große Glocke gehangen, aber ein richtiges Geheimnis ist es eigentlich auch nicht. Da gibt es doch diesen Mercator-Spezialisten... .”

„Dr. Achten?”

„Genau. Ich hatte ihn vor Jahren mal in meine Klasse eingeladen, weil wir das Thema Mercator im Unterricht hatten. Da hat er das erzählt. Außerdem weiß ich von ihm, dass der Westdeutsche Rundfunk mit einem Dreierteam und einem Studenten vor einigen Jahren in seinem Beisein genaue Messungen des Punktes mittels GPS angestellt hat. Prüfen Sie die Lage über GPS nach! Sie werden sehen, dass die Angaben stimmen!”

„Aber wieso hat man den Stein nicht an die richtige Stelle gesetzt?”, fragte George erneut ungläubig.

Herr Oschmann zuckte mit den Schultern. „Da spielen wohl viele Dinge eine Rolle. Zunächst einmal die Eigentumsrechte von Grund und Boden und zweitens verläuft der Radweg da hinten und dann müssen die Touristen nicht über das Feld trampeln …, was weiß ich!”

George atmete tief durch. Dann zuckte er mit den Schultern. „Eigentlich macht sich der Stein da ja auch ganz gut. Mit dem Baum im Hintergrund. Ein Postkartenmotiv par excellence!”

Und doch, so einfach war es auch wiederum nicht. Mit dieser Entdeckung schien es doch eine besondere Bewandtnis zu haben.

Nach einer halben Stunde traf Kriminalhauptkommissar Krichel schließlich ein. George erläuterte ihm, worauf er gestoßen war. Eine Viertelstunde später musste er dasselbe noch einmal erklären, als Herr Clausen zusammen mit zwei Kollegen eintraf.

Krichel war sehr freundlich.

Aber Clausen schien es nicht zu gefallen, wieder auf den Reporter zu treffen.

„Ich weiß nicht, ob es wirklich der Sache dient, wenn Sie überall mitmischen, Herr Schmitz”, sagte er missmutig. George musste sich stark beherrschen.

„Ich denke, dass ich damit nur der Aufklärung des Falles gedient habe”, erklärte George. Er blieb dabei sehr freundlich, denn er spürte, dass sich Clausen allein durch die Existenz des Reporters schon angegriffen fühlte. Da George ein gutes Gespür für Menschen hatte, wollte er auf keinen Fall, dass die Sache eskalierte. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir uns einfach noch nicht kennen!“, dachte George. Denn jeder Polizist, der bisher mit ihm zusammengearbeitet hatte, wusste, dass George den Behörden nicht ins Handwerk pfuschen wollte. Ganz im Gegenteil!

„Sie müssen zugeben, dass die Informationen von Herrn Schmitz die Sache ein ganzes Stück weitergebracht haben!”, wandte sich Krichel beschwichtigend an seinen Kollegen.

Dieser knurrte etwas vor sich hin. Dann glitt sein Blick zu den Reifenspuren.

„Wir müssen mal sehen, ob wir einen vernünftigen Abdruck hinkriegen, den man hinterher einem Vergleich zuführen kann.”

In diesem Moment klingelte das Handy des Reporters. George wandte sich etwas ab und nahm den Anruf an.

„Spreche ich mit Herrn Georg Schmitz, der so viele Artikel in der Presse schreibt?”, vergewisserte sich eine weibliche Stimme.

„Am Apparat.”

„Mein Name ist Ursula Helbig, ich wohne in der Dahlmühle 11 in Gangelt. Sie haben doch in der Zeitung eine Art Aufruf gestartet, dass man sich bei Ihnen melden sollte, wenn man den ermordeten Mann schon einmal gesehen hätte.”

„Das ist richtig.”

„Ich bin mir inzwischen sicher, dass er es war.”

„Wovon sprechen Sie bitte?”

„Das ist schon ein paar Tage her und ich habe dem auch zunächst keine Bedeutung zugemessen. Erst als ich Ihren Artikel in der heutigen Ausgabe unserer Zeitung las, wurde mir klar, dass meine Beobachtung vielleicht etwas mit dem Fall zu tun haben könnte.”

George runzelte die Stirn. „Spannen Sie mich nicht so auf die Folter! Was haben Sie gesehen, Frau Helbig? Sie wissen doch: Jede noch so unbedeutend erscheinende Kleinigkeit kann letztlich dazu beitragen, den Fall aufzuklären.”

Frau Helbig machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Die Sache ist einfach die, wir betreiben doch ein Gästehaus. Und vor gut einer Woche tauchte der Mann, der jetzt ermordet wurde, bei uns auf, weil er ein Zimmer brauchte.”

„Heißt das, er hat bei Ihnen gewohnt?”

„Nein, wir waren leider ausgebucht. Ich konnte da nichts machen. Deshalb habe ich ihm eine Liste von anderen Unterkünften mitgegeben und ihm die Pension von Frederike Menzing in Waldfeucht empfohlen.”

„Ich danke Ihnen, das wird der Polizei sicher sehr weiterhelfen.”

„Einen Moment, das war noch nicht alles. Ich habe den Mann noch einmal gesehen – hier bei uns an der Dahlmühle. Ich war gerade im Vorgarten beschäftigt und wollte einen Strauch in den Boden setzen, als ein Wagen an der Mühle parkte. Er hatte ein belgisches Kennzeichen, das weiß ich noch. Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht nach dem Typ. Irgendein moderner Wagen.”

„Saß dieser Mann darin?”

„Ja. Er stieg aus und traf sich mit zwei anderen Männern, mit denen er offenbar verabredet war. Jedenfalls warteten die schon seit etwa einer Viertelstunde dort auf ihn.”

„Wann war das?”

„Vor drei Tagen.”

„Können Sie die beiden Männer beschreiben?”

„Der eine war rothaarig, der andere hatte einen Bart – aber nur um das Kinn herum. Ich glaube Knebelbart nennt man das.”

„Wie alt waren die Herren ungefähr?”

„Die beiden schätze ich auf Ende dreißig, Anfang vierzig. Was sie miteinander geredet haben, weiß ich im Einzelnen nicht. Aber einer von denen hat immer wieder laut gesagt: So geht das nicht! Und dann hat der, der später getötet wurde, den Kofferraum seines Wagens geöffnet und etwas herausgeholt. Erst einen Spaten. Der war bestimmt gerade erst gekauft worden und sicher noch nie in der Erde, so wie der geblinkt hat! Ich habe mich gefragt, was jemand, der hierher als Tourist kommt, wohl mit einem Spaten will. Und dann war da noch etwas anderes. Ein Gegenstand, der aussah wie ein langer Stab mit einem Teller am unteren Ende.”

„Ein Metalldetektor?”

„Keine Ahnung, Herr Schmitz. Ich dachte erst an ein Minensuchgerät. Mehr habe ich auch nicht gesehen. Dann kam Horst – also mein Mann – und hat mich zum Telefon gerufen. Meine Tochter war nämlich am Apparat.”

„Haben Sie vielen Dank, das waren sehr wichtige Informationen, Frau Helbig.”

George beendete das Gespräch und wandte sich an die Kriminalbeamten.

„Ich weiß jetzt, wo unser Toter vermutlich gewohnt hat”, erklärte er den verblüfften Beamten. „Und zwar in der Pension von Frau Frederike Menzing in Waldfeucht. Dort werde ich jetzt hinfahren und Sie können sich mir gerne anschließen!”


Als Leutnant Jürgen Wisbert den Parkplatz am Fliegerhorst erreichte, knöpfte er seine Uniformjacke auf und atmete tief durch. Er öffnete den Wagen – einen Ford – und ließ erst einmal die abgestandene Luft abziehen, bevor er einstieg.

Er nutzte die Zeit, um sein Handy wieder einzuschalten. Während der Dienstzeit war es grundsätzlich ausgeschaltet. Vor allem jetzt, da bei der Erprobung des neuen Ortungssystems seine volle Konzentration gefordert war.

Abgesehen davon wollte er auch nicht, dass Bettina ihn anrief oder mit einer SMS-Flut belästigte. Und das hätte sie zweifellos getan.

Jürgen Wisbert kratzte sich an dem von dichtem rotem Haar bedeckten Hinterkopf und gähnte. Es war ein anstrengender Tag gewesen.

Sie haben sechs neue Nachrichten, las er auf dem Display seines Handys.

Das hatte er befürchtet. An dem Abend im Haus Hamacher wollte er eigentlich einen Schlussstrich unter ihre Beziehung setzen, war aber nach Mitternach doch wieder bei ihr aufgetaucht. Er kam einfach nicht von ihr los. Sie hatten sich gestritten und getrennt. Mitten in der Nacht hatte sie einen Streit provoziert, und er hatte ihre Wohnung wütend verlassen.

Es war weder das erste Mal, dass sie sich stritten, noch das erste Mal, dass sie sich trennten. Aber jetzt sollte es dabei bleiben, so hatte Jürgen beschlossen. Bettina war eine tolle Frau – aber sehr anstrengend. Jürgen hatte sich überlegt, dass es vielleicht besser war, sich eine zu suchen, die emotional etwas ausgeglichener war – und nicht so kratzbürstig. Beinahe ebenso kampflustig war ihre Katze, die seiner Ansicht nach emotional genauso gestört war wie Bettina.

Jürgen überlegte kurz, ob er die Handy-Nachrichten nicht einfach löschen sollte. Dann erlag er der Versuchung und sah sie sich doch an.

Irgendwie hing er eben an Bettina und es hatte schon seinen Grund, dass sie sich immer wieder versöhnt hatten.

Die ersten Botschaften waren das Übliche, was er in solchen Situationen von Bettina bekam. Botschaften mit dem Tenor: „Lass uns noch mal reden”. Nur die letzte hatte einen anderen Akzent.

Sie lautete: Ein Reporter war bei mir in der Bank und hat wegen der Sache mit deinem Kumpel Jan Fragen gestellt. Ruf mich bitte sofort zurück, sobald du dein Handy nach dem Dienst wieder einschaltest! SOFORT!!!

Das letzte „SOFORT“ hatte drei Ausrufezeichen.

Jürgens Blick veränderte sich. Die Augen wurden schmal.

Er betastete die Striemen an seinem Hals, auf die ihn auch schon Kollegen angesprochen hatten.

Dann ging er in sein Handymenü und wählte eine Nummer aus, die einfach nur unter der Bezeichnung „U” gespeichert war.

Wenig später meldete sich eine Männerstimme.

„Ja?”

„Wir müssen uns treffen.”

„Jetzt?”

„Sofort!”

„Was ist denn los?”

„Die Sache zieht offenbar Kreise. Ein Presse-Typ war bei meiner Freundin.”

„Ich dachte, ihr hättet euch getrennt?”, meinte der andere fragend.

„Ist doch jetzt egal, oder?”, antwortete Wisbert etwas verärgert.

Eine Pause.

Dann sagte die Stimme: „Bei dir zu Hause?”

„Nein. An einem öffentlichen Ort, wo wir uns wie zufällig treffen könnten. Ich schlage das Bauernmuseum in Tüddern vor. Am Teich steht so eine alte Saftpresse. Dort treffen wir uns in einer halben Stunde und können dann reden.”

Wieder eine Pause.

„Wie du meinst, Jürgen.”

Das Gespräch wurde unterbrochen.

Jürgen Wisbert steckte das Handy ein und setzte sich jetzt in den Wagen. Das Radio ging von allein an, als er den Motor startete. Es lief das HitRadio auf 100`5 FM.

„ ... und viele Hörer im Selfkant und Umgebung wird es sicher interessieren, wie der Stand der Dinge bei der Suche nach dem geheimnisvollen Möhrenmörder ist”, hörte er den Studiosprecher sagen. „So wird der bislang unbekannte Täter genannt, der einen bisher ebenfalls unbekannten Mann vor dem alten Rathaus in Gangelt getötet hat, indem er ihm eine Möhre in den Hals rammte. Die Hintergründe dieser Tat lagen ja bis jetzt im Dunklen. Nun hat Staatsanwalt Jansen eine erste Pressekonferenz abgehalten. Hier ein O-Ton von dieser Pressekonferenz!”

Im nächsten Moment war die ruhige Stimme von Staatsanwalt Jansen zu hören. Akustisch unterlegt wurde sie von den Blitz-Geräuschen zahlreicher Fotoapparate.

„Wir ermitteln in alle Richtungen und möchten – auch aus fahndungstaktischen Gründen – hier nicht vorschnell die Suche einengen. Tatsache ist, dass wir für jeden Hinweis auf die Identität des Opfers dankbar sind. Wir haben in diesem Zusammenhang auch eine Suchanfrage an die Kollegen der belgischen Polizei gerichtet, da das Opfer belgischer Staatsbürger sein könnte. Manche von Ihnen haben vorhin die Frage aufgeworfen, ob es sich bei der ungewöhnlich grausamen und sehr demonstrativen Art und Weise dieses Mordes vielleicht um ein Bestrafungsritual des organisierten Verbrechens handeln könnte, aber das kann ich bisher weder dementieren noch bestätigen.”

Jürgen Wisbert schaltete das Radio abrupt aus.


Eine einzigartige Sammlung alter Schätze verbarg sich hinter den Pforten des Bauernmuseums in Selfkant Tüddern. Vom alten Traktor bis hin zur Bauernküche der Urgroßeltern war alles zu finden, was das Leben in dieser Gegend in der Vergangenheit geprägt hatte. Für ein paar Stunden konnte man sich hier in die gute alte Zeit zurückversetzt fühlen. Es gab eine 2000 Quadratmeter große Ausstellungshalle, aber auch Exponate in dem umgebenden Gelände. Darunter auch eine hölzerne Saftpresse in der Nähe eines kleinen Teichs.

Ein Mann mit einem Knebelbart sah mehrmals nervös auf die Uhr, so als würde er jemanden erwarten.


Zur gleichen Zeit trat Herr Borgans, der Inhaber des Bauernmuseums vor die Tür, um eine Zigarettenpause zu machen. Borgans trug ein dunkles Jackett, darunter ein schwarzes T-Shirt. Ein kalter Hauch wehte von Westen über das Land und ließ ihn leicht frösteln. Er vergrub die Linke in der Hosentasche und ließ die Zigarette aufglühen. Im Inneren des Museums war das Rauchen natürlich verboten. Erstens gab es dort eine Reihe brennbarer Stoffe und zweitens reagierte das Publikum inzwischen sehr empfindlich auf das Rauchen in Gebäuden, vor allem Eltern mit kleinen Kindern und Lehrer mit Schulklassen – und das waren letztlich Borgans Kunden.

Er beobachtete den Mann an der Saftpresse eine Weile und trat dann auf ihn zu, was diesen aus irgendeinem Grund noch unruhiger machte, als er ohnehin schon war.

Borgans fiel auf, dass der Mann mit dem Knebelbart Handschuhe trug. Handschuhe aus braunem Leder, die an manchen Partien perforiert waren.

„Autofahrerhandschuhe!“, dachte er. „Was für Angeber, die es im wahren Leben wohl gerne zum Testpiloten für Rennwagen geschafft hätten!“

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?”, fragte Borgans.

„Nein, danke”, lautete die knappe Erwiderung.

„Wollen Sie ins Museum? Wir haben geöffnet.” Doch sein Gegenüber verzog keine Miene und schien auch nicht zu einem Gespräch aufgelegt zu sein.

„Es ist alles in Ordnung, ja?”, bemühte sich der Museumsbesitzer erneut.

Der Fremde drehte sich demonstrativ um und sah in eine andere Richtung. Nach dieser offensichtlichen Zurückweisung zuckte Borgans mit den Schultern.

„Wie Sie meinen.”

Er drehte sich um und ging zurück zum Hauptgebäude des Museums. Sein Handy klingelte. Die Zigarette trat er mit dem Fuß aus und verschwand dann wieder im Inneren des Gebäudes.


Leutnant Jürgen Wisbert erreichte zehn Minuten später das Bauernmuseum. Er parkte den Wagen hinter einem ebenfalls gerade eingetroffenen Reisebus, stieg aus und warf die Tür ins Schloss.

Mit eiligen Schritten ging er auf die Saftpresse zu, während aus dem Reisebus gerade eine Schar von Senioren strömte. Die etwa vierzig grauhaarigen Damen und Herren bewegten sich im Schneckentempo und recht lautstark auf den Museumseingang zu. Herrn Borgans war die Ankunft dieses Busses offenbar kurz zuvor telefonisch angekündigt worden, denn er stand nun zur Begrüßung bereit.

Wisbert erreichte die alte Saftpresse.

Sein Gesicht war jetzt fast so rot wie seine Haare.

Er hatte die Krawatte seiner Uniform gelockert und wirkte ziemlich aufgebracht.

Der Mann mit dem Knebelbart streckte seine Hand aus.

„Was ist?”, fragte er. „Du weißt, worauf ich warte!”

Er vermied es, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen.

Jürgen Wisbert nickte.

„Ja, das weiß ich.”

„Und?”

„Ich hatte eine Abmachung mit Jan und nicht mit dir.”

„Was soll das heißen?”, fragte sein Gegenüber lauernd.

„Ich steige aus. Und zwar hier und jetzt”, verkündete Wisbert mit fester Stimme, die seine innere Angst überspielen sollte.

„Hast du vergessen, wie viel Geld bei der Sache drin ist?”

„Nicht genug. Ich lass die Finger davon. Seit Jans Tod ist die Sache einfach zu heiß geworden. Und wenn du schlau bist, dann verschwindest du einfach und lässt Gras über die Sache wachsen.”

Der Mann mit dem Knebelbart verengte seine Augen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

„Mach´s gut”, sagte Leutnant Wisbert.

„So einfach kannst du dich nicht verdrücken, Jürgen. Da liegen irgendwo Millionen herum, die ein geschickter Zwischenhändler noch verdoppeln könnte - und nur, weil du etwas ...

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