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Kreuzweg

Die wichtigsten handelnden Personen

Sylvia Staudacher, geborene Thanner.

Geboren 1970 in Prien am Chiemsee.

Anwältin

Matthias Staudacher

deren Mann

Angestellter im Priener Rathaus.

Evi Heumann

Geboren 1934 in Rimsting.

Bäuerin auf den Grubner Hof bei Rimsting.

Agnieszka Bienderova, alias Agnes Binder

Geboren 1910 in Teschen, Schlesien, verschollen seit 1978.

Lebte zuletzt als Schwester Maria im Kloster auf der Fraueninsel.

Wilhelm Krenzner

Geboren 1901 in München, ermordet 1978 in Sachrang. Lebte zuletzt als Pfarrer im Ruhestand in Rosenheim.

Alois Fischer

Geboren 1944 irgendwo in Bayern.

Pfarrer in Altötting.

Erika Steinberger

Geboren 1939 im Kinderheim Oberland bei Wasserburg.

Haushälterin von Alois Fischer.

Heinrich

Geboren 1935 irgendwo in Bayern.

Sohn der Agnieszka Bienderova und des Wilhelm Krenzner.

Franz Breithaupt

Geboren 1880 in Berlin, ermordet 1945 in Prien am Chiemsee. General der SS und zuletzt Leiter des Kinderheims Oberland.

Anna Wimmer

Geboren 1843 in Greimharting, ermordet 1869

am Langbürgner See.

Damals Bäuerin auf den Grubner Hof.

Therese (Resi) Bachler, verheiratet van Gries. Geboren 1845 in Hittenkirchen, gestorben 1939 in New Holland, USA. Cousine der Anna Wimmer.

Richard (Dick) van Gries

Geboren 1925 in New Holland, USA.

Jüngster Enkel der Resi van Gries, geborene Bachler.

Johann Steinberger, auch genannt „Der Bachler“.

Geboren 1900 in Hittenkirchen, ermordet 1945 in Prien am Chiemsee. Damals Bauer auf dem Bachler Hof in Hittenkirchen.

Vorbemerkung

Wie meine beiden ersten Chiemgau-Krimis „Blut und Wasser“ und „Übersee“ ist auch diese Geschichte frei erfunden – fast.

Einige der Darstellungen haben zwar einen wahren Kern. Die Handlungen aber, die sich daraus entwickeln, sind allein meine Erfindungen. Es hätte vielleicht so sein können, es war aber sicher nicht so.

An erster Stelle gilt das für das Kinderheim Oberland, das ich irgendwo in der Nähe von Wasserburg am Inn angesiedelt habe. Man kann leicht erkennen, dass dieses Heim eine historische Vorlage hat, nämlich das Heim Hochland in Steinhöring bei Ebersberg, das 1936 als das erste Kinderheim des nationalsozialistischen Vereins „Lebensborn“ eingerichtet worden war. Die geschilderten Ereignisse und auch die meisten der verwendeten Daten rund um das Kinderheim sind aber frei erfunden.

Des Weiteren ist die Figur des Generals der SS, Franz Breithaupt, zwar eine Person der neueren Geschichte, die Zusammenhänge jedoch, in denen ich ihn hier darstelle, entsprechen nicht der historischen Wahrheit.

Auch der goldene Kessel hat einen realen Hintergrund: Er wurde tatsächlich 2001 im Chiemsee gefunden und hat danach eine abenteuerliche Geschichte erfahren. Die, die ich ihm andichte, ist reine Spekulation. Und die Bootshütte am Schöllkopf, die gibt es auch nicht.

Wieder habe ich nur frei zugängliche Quellen benutzt – inklusive meiner beiden „Sprachquellen“ Hans Mayer und Franz Fritz, die mir für ein herzliches „Vergelt’s Gott“ wieder unbezahlbare Tipps gegeben haben.

Schließlich: Mit Ausnahme des Generals haben alle dargestellten Personen keinerlei Bezug zur Realität. Dies gilt insbesondere für die Familie Bachler.

Zum leichteren Verständnis des Zusammenspiels der Personen in den verschiedenen Handlungssträngen, findet sich im Anhang eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten Figuren.

Nicht der Wind, …

TEIL 1

Sachrang

im Herbst 1978

„Raus mit dir!“

Der Mann packte den alten Priester mit einer Hand grob an der Schulter und zerrte ihn aus dem Wagen. Als er ihn losließ und die Fahrertür krachend zuschlug, fiel der Alte vor ihm auf den Boden. Der andere zog ihn mit beiden Händen wieder hoch, stellte ihn auf seine schwachen Beine und stieß ihn von sich weg.

„Dort hinauf“, fuhr er ihn an und wies mit dem Kinn nach oben.

Die Silhouette des wuchtigen Gipfelkreuzes zeichnete sich schemenhaft gegen den Vollmondhimmel ab. Der Schatten der zwei mächtigen Balken schien ihren Blicken entgegen zu laufen. Im Mondschein erkannte man schwach einen Trampelpfad, der über die Wiese den Berg hinaufführte. Es waren noch gut hundert Meter bis zu dem kleinen Gipfel des Schachenbergs.

„Die letzten Meter wirst du selber gehen können!“ Er stieß ihn von hinten brutal in den Rücken.

Der Alte stolperte vorwärts. Seine Füße spürte er kaum noch. Ein Strick verband seine beiden Knöchel. Er war gerade so lang, dass er nur kleine Schritte machen konnte. Immer wieder verfing er sich darin und fiel der Länge nach auf den hart gefrorenen Boden. Er wollte aufschreien vor Schmerz, doch jedes Mal, wenn er es versuchte, wurde das Würgen gegen den Knebel in seinem Mund nur noch schmerzhafter. Wahrscheinlich hatte er ohnehin keine Kraft mehr zum Schreien.

Seine Arme waren hinter seinem Rücken fest zusammengebunden, seine Hände eng gefesselt. Der Draht schnitt tief in seine Handgelenke ein und hatte seine Finger vollkommen taub gemacht. Er fühlte nur noch, wie das Blut darin pochte. Jeden einzelnen Knochen in seinen Fingern, so glaubte er, hatte er ihm mit der Zange gebrochen.

Der Mann blieb dicht hinter ihm. Nach jedem Sturz packte er den Alten an seinem Kragen, zog ihn mit Gewalte hoch und brach ihn mühsam wieder auf die Beine.

„Dort hinauf! Hörst du?“, fauchte er ihn an. „Bis zum Kreuz. Ist nicht mehr weit … nach Golgatha!“

Er wusste nicht mehr, seit wann er in der Gewalt seines Peinigers war. Sein Zeitgefühl hatte er längst verloren, aber während der letzten Stunden war ihm allmählich klar geworden, dass dieser Mann ihn umbringen würde.

Seitdem hatte er unwillkürlich angefangen, die Bilder seines langen Lebens an sich vorüberziehen zu lassen. Zunächst waren sie von ganz alleine aufgetaucht und auch wieder verschwunden. Einige sah er so klar und intensiv, dass er meinte, er könne sie mit Händen fassen, und er wollte sie festhalten. Andere waren blass wie hinter Milchglas.

Jetzt, auf den letzten Metern zum Gipfelkreuz, stürzten die Bilder auf ihn ein und vermischten sich mit den Bildern von ihr: Agnieszka.

Das alles hatte mit ihr begonnen, vor mehr als 40 Jahren.

Er sah sie, wie sie vor ihm stand, in seiner Kirche. Ihr Gesicht war kalt, denn sie war an diesem frostigen Herbsttag lange durch die Straßen von München gelaufen, um ihn zu treffen. Ihr Körper und ihre Kleidung strahlten die Kälte ab. Sie hatte nach seiner Hand gegriffen, um sie zu sich herüber zu ziehen. Es war eine stockende Bewegung. Er wehrte sich dagegen und trat einen Schritt zurück, um Abstand zu gewinnen. In ihrem Gesicht sah er einen Blick voller Verzweiflung und Angst.

An diesem düsteren Tag im Herbst 1934 hatte das alles seinen Anfang genommen.

Und dann sah er sich selbst, wie er sie kurz danach vor sich hergetrieben hatte. Zwischen den Bänken und der kalten, feuchten Kirchenwand stolperte sie nach vorne, vorbei an den Stationen des Kreuzwegs, er dicht hinter ihr.

Vor dem Altar machte er eine kurze hektische Verbeugung zum Tabernakel, bevor er sie an ihrem Ärmel nach rechts zerrte und von sich wegstieß. Sie stürzte in den engen, dunklen Raum hinein; ein kalter, schmuckloser Raum. Die bunten Fenster ließen nur trübes Licht einfallen und verdunkelten die Atmosphäre zusätzlich.

Als er sich selbst sah, wie er die schwere Tür der Sakristei hinter ihnen ins Schloss schlug, rammte der Mann ihm seinen Ellenbogen ins Kreuz. Er stolperte und fiel erneut hin. So hatte auch sie vor ihm dagelegen, während er den großen Schlüssel umdrehte. Vorher hatte er ihr zugeraunt:

„Rein mit dir!“

1

Kaum war sie wieder auf den Beinen, ging der Priester wutschnaubend auf die junge Frau los.

„Und jetzt? Willst du mir etwa sagen, ich habe damit etwas zu schaffen?“, fuhr er sie an und fletschte dabei seine Zähne. Sein Mund war klein und beinahe lippenlos.

Wie verloren stand sie in der Mitte des Raums da und breitete ihre Arme aus, eine Geste der Hilflosigkeit.

„Wie kannst du mich das fragen?“, gab sie leise zurück.

Es war so kalt in der Sakristei, dass sie ihren eigenen Atem in der kühlen Luft sehen konnte. Mit hektischen Schritten kam er auf sie zu. Als er vor ihr stand, holte er weit aus, und ohne ein weiteres Wort schlug er mit der flachen Hand brutal in ihr Gesicht.

Agnieszka war klein von Gestalt, aber ihr Körper war nicht zierlich, sondern wirkte zäh, fast drahtig. Dem Schlag hatte sie trotzdem nichts entgegen zu setzen. Sie wirbelte herum und taumelte kurz. Dann fiel sie rücklings um. Ihre Brille flog in hohem Bogen davon und schlitterte über den kalten Fußboden.

„Reingelegt hast du mich! Ja! Reingelegt! So einfach ist das!“

Er presste die Worte hervor, als wolle er ein Schreien unterdrücken. Während sie auf allen Vieren war und sich halbwegs hochrappelte, tropfte das Blut aus ihrer Nase auf den Marmorboden. Ihr Kopftuch war verrutscht und gab den Blick auf ihre dunklen Haare frei, die zerzaust bis über ihre Schultern herabhingen. Sie kniete sich vor ihn.

„Wilhelm?! Warum tust du das …? Was kann ich denn dafür?“

„Ach ja? Aber ich? Kann ich denn was dafür?“

Er wurde lauter und schrie sie jetzt ungehemmt an. Mit der Faust klopfte er sich bei jedem Wort auf die Brust. Seine Augen funkelten wild und sein Blick drang bis in ihre Seele hinein. Drohend stand er über ihr und hob die Hand wieder zum Schlag, während sie schützend die Arme über ihren Kopf hielt.

„Hör auf, mich so anzustarren“, fuhr er sie an.

Sekundenlang blickte er hasserfüllt auf sie herab. Er konnte die Angst in ihren großen Augen sehen.

Draußen kam kurz Wind auf. Eine Böe drückte gegen die Fensterscheiben. Es knackte und die Tür klapperte, als ob jemand daran rüttelte. Wilhelm hielt kurz inne, als lauschte er auf ein göttliches Zeichen. Dann ließ er seine Hand sinken und warf ihr wortlos sein Taschentuch hin.

„Wisch das Blut auf!“

Nach dem Tuch tastend sah sie sich hilflos um. Ihre Brille schob er mit seinem Fuß zu ihr hinüber.

„Du hast gesagt, es ist gut … es kann nichts passieren“, fauchte er.

Sie fingerte nach ihrer Brille und setzte sie sich mit zitternden Fingern auf. Ihre Lippen waren blau vor Kälte und blutverschmiert, ihr Gesicht leichenblass. Sie schluchzte, rang nach Luft und wollte gleichzeitig sprechen.

„Und hast du nicht gesagt … der liebe Gott hat uns so gemacht … und dann ist es gut …?“

Sie versuchte, ihm nicht in die Augen zu sehen, sondern blickte unruhig hin und her. Als sie dann doch seinen Blick traf, schüttelte er ernst den Kopf.

„Und hab’ ich dir nicht auch gesagt, dass man uns nicht mehr zusammen sehen darf …?“, stieß er hervor.

Voller Verachtung drehte er sich von ihr weg und ging ein paar kurze Schritte auf und ab. Sein Gang war tapsig, fast wie der eines gefangenen Bären, der in seinem Käfig hin und her läuft.

Vor dem kleinen Fenster blieb er stehen und starrte hinaus. Schnee legte sich leise über den Kirchhof. Er atmete jetzt tief durch und massierte druckvoll seine Schläfen, während er den Kopf senkte wie zum Gebet; ein Zeichen, dass er angestrengt nachdachte. In regelmäßigen Abständen rückte er mit ausgestrecktem Zeigefinger hektisch die Brille auf seiner klobigen Nase zurecht und schob vor Ärger seinen Unterkiefer vor.

Agnieszka stand wie erstarrt und beobachtete ihn. Sie konnte sehen, dass er sich langsam beruhigte.

„Weiß sonst noch jemand davon …?“, fragte er schließlich beherrscht.

„Nein, niemand.“

„Auch die Fischers nicht?“

„Nein, niemand weiß, dass ich hier bin, keine Menschenseele.“

„Hast du keine Arbeit in der Schneiderei heute?“

„Doch …“

„Dann wird man dich dort vermissen.“

„Ich habe Botengänge zu machen … ich muss gleich zurück.“

„Dann schick dich lieber!“

Sie trat neben ihn.

„Was denkst du?“, flüsterte sie und legte ihre Hand kurz auf seinen Arm. Ruckartig zog er ihn weg und drehte ihr seinen Rücken zu.

Er war einen guten Kopf größer als sie und von kräftiger Statur. Sein Haar lichtete sich bereits, obwohl er erst Mitte 30 war.

„Es ist eine neue Zeit angebrochen“, sagte er. „Und hier ist kein Platz für dich. Du musst weg … sofort.“

„Weg?“ Sie starrte ungläubig auf seinen Rücken. Ein nagendes Angstgefühl breitete sich in ihrem Magen aus und ging nicht mehr weg.

„Wie meinst du das? Wo soll ich denn hin?“ Ihr Blick verlangte eine Antwort.

„Ich weiß etwas … auf dem Land. Da kannst du das Kind bekommen; und dann kümmere ich mich schon darum, so wie es sich gehört … das schulde ich dir … aber dann musst du gleich weg, bevor jemand etwas merken kann.“

Ihr Mund stand fragend offen.

„Und dann? Wo sollen wir dann hin?“

Er legte eine Hand vor seine Augen und versuchte nachzudenken. Während sie auf seine Antwort wartete, hielt sie die Luft an.

„Weiß ich nicht. Werden wir sehen. Zurück nach Polen … vielleicht …“

„Mein Gott, nein, das geht nicht.“

„Doch. Das geht. Musst eh wieder zurück, irgendwann. Sei froh, dass du katholisch bist.“

Ohne sie noch einmal anzusehen, ging er zur Tür und sperrte auf.

„Sei still!“, sagte er und wagte einen vorsichtigen Blick in die Kirche hinaus. Es war niemand zu sehen.

„Raus mit dir!“

Er wies mit dem Kinn nach draußen. Die Silhouette des wuchtigen Kreuzes zeichnete sich schemenhaft gegen das Kerzenlicht ab. Der Schatten der zwei mächtigen Balken schien ihren Blicken entgegen zu laufen.

„Raus!“, wiederholte er.

Das Wort klang wie ein Peitschenschlag.

„Und hol deine Sachen.“

Demonstrativ hielt er ihr die Tür auf.

Agnieszka nickte stumm.

Am Tag danach verschwand sie spurlos.

2

Ein halbes Jahr später überlebte Agnieszka die Geburt ihres Kindes nur knapp.

Nachdem sie im Herbst verschwunden war, wurde sie nur von wenigen Menschen vermisst. Die Familie, bei der sie damals lebte und arbeitete, gab eine Vermisstenmeldung bei der Polizei auf. Man suchte sie kurz, fand aber nichts, keine Spur, keinen Anhaltspunkt, und nach wenigen Tagen schon stellte man die Suche wieder ein.

Sie hatte das Nötigste in einer kleinen Tasche untergebracht und musste sich mitten in der Nacht wie ein Dieb aus dem Haus geschlichen haben. Ihre Kolleginnen aus der Schneiderei hängten Bilder von ihr auf, doch die wurden schnell wieder abgenommen oder von irgendwelchen Plakaten überklebt. Bis Weihnachten hatten alle, die sie kannten, aufgegeben. Man hoffte und ging davon aus, dass sie in ihre alte Heimat zurückgegangen war, nach Schlesien.

Tatsächlich aber hatte Wilhelm sie in einem Kloster nahe den Bergen unterbringen können. Dort war er gut bekannt und musste nicht viel erklären. Man müsse die arme Frau verstecken, um sie und jemand anderen zu schützen, gab er vor. Mehr wollten die Schwestern erst gar nicht wissen, denn sie begriffen schnell, in welchem Zustand Agnieszka war.

Sie sei an sich sehr fleißig und geschickt, und sie könne zumindest eine Zeit lang in der Hauswirtschaft mitarbeiten, hatte Wilhelm vorgeschlagen, aber wenn es soweit sei, solle man keinesfalls einen Arzt hinzurufen. Das sei zu gefährlich für sie. Danach würde er zurückkommen und sich wieder um sie kümmern.

Agnieszka ergab sich in ihr Schicksal und war bemüht, nirgendwo aufzufallen. Wilhelm hatte ihr eindringlich geraten, sich still zu verhalten. Meist blieb sie für sich allein und nahm zu den anderen Schwestern kaum Kontakt auf, denn sie fürchtete, dass sie eine Last sei und schämte sich insgeheim für die Umstände, die sie machte. Sie half in der Küche und der Wäscherei aus so gut und so lange es ging. Anfangs überlegte sie sich oft, ob sie nicht einfach weglaufen sollte, doch je weiter ihre Schwangerschaft voranschritt, desto mehr nahm sie von dem Gedanken Abstand.

Die Geburt war schwer.

Die Wehen hatten morgens um halb vier eingesetzt, plötzlich und heftig. Um niemanden aufzuwecken, hatte sie sich alleine bis zur Krankenstation geschleppt. Dort brach sie zusammen und kam erst wieder zu sich, als sie schon auf einem Bett lag. Sie war nackt, und der Schmerz war unerträglich. Krampfgeschüttelt konnte sie kaum erkennen, was um sie herum geschah. Einige Schwestern standen an ihrem Bett und hielten sie an Armen und Beinen, andere stützten ihren Kopf. Wieder andere bewegten sich hektisch durch den Raum. Niemand sprach, es fielen nur einzelne Worte, wie Befehle.

Irgendwann waren die Schmerzen überall in ihrem Köper und raubten ihr die Sinne. Agnieszka vernahm die Stimmen nur schwach und durcheinander. Wie von fern hallten sie an ihr Ohr.

„Austreiben – Pressen – Atmen“ waren die Worte, die sie immer wieder hörte.

Wellen von Krämpfen liefen durch sie hinweg, trugen sie fort, und bei jedem Mal war ihr, als ob sie wieder in Ohnmacht fiele, als ob jemand wolle, dass sie diesen Schmerz nicht ertragen müsse.

„Pressen – pressen – mach schon – weiter – du schaffst es!“

Es klang wie Zischlaute. Sie war sich nicht bewusst, dass sie irgendetwas tat. Alles passierte ohne ihr Zutun. Sie wusste nicht einmal, ob sie überhaupt die Kraft hätte, irgendetwas zu tun; und sie hatte keine Vorstellung, wie lange es dauerte. Jegliches Zeitgefühl hatte sie verloren.

Die Hebamme tat ihr Bestes. Der Schrei des Kindes war wie eine Erlösung, für alle.

Mit einem Mal spürte sie, wie ihre Sinne wieder zurückkehrten. Von einer Sekunde zur anderen nahm sie ihre Umgebung wieder schärfer und deutlicher wahr. In diesem Augenblick wich alle Anstrengung von ihr, zerplatzte wie ein böser Traum, und die Erinnerung an die Schmerzen verblasste augenblicklich.

Sie sah in die Gesichter der Schwestern. Einige lachten vor Glück, andere sahen aus, als unterdrückten sie die Freude, doch überall im Raum konnte sie die Erleichterung spüren, die sie selber empfand.

„Ein Junge!“, hauchte die Hebamme, als sie sich über sie beugte und ihr das blutverschmierte Kind in die Arme legte.

Und wieder hatte Agnieszka das Gefühl, sie würde davongetragen, diesmal von einer Woge aus Tränen und Schweiß. Sie weinte hemmungslos, besinnungslos, trunken vor Glück, als sich das warme, feuchte Etwas an sie schmiegte. Alles um sie herum versank erneut, und sie spürte nur noch sich selbst und das suchende Kind an ihrer Brust.

Wie im fiebrigen Delirium presste sie den kleinen Jungen an sich.

Ihre Hände versuchten, jeden Teil seines kleinen Körpers abzudecken und zu schützen. Als könne sie nicht begreifen, dass dieses blutige Bündel ein ganzer Mensch sein sollte, tastete sie die warme weiche Masse mit zitternden Fingern hastig ab. Von seinem Kopf aus glitten ihre Hände an seinen Armen entlang und griffen nach seinen Händen. Jeden einzelnen Finger nahm sie vorsichtig auf. Sie strich über die angewinkelten Beine des Jungen, drückte seine Füße und tastete nach seinen Zehen.

„Alles dran?“, hatte sie fragen wollen, und sie glaubte, die Worte gesprochen zu haben, doch bevor sie sich selber hörte, wurde es wieder schwarz um sie herum, und sie fiel in einen tiefen, dunklen Schlaf.

Die Hebamme konnte ihren Blutverlust nicht stoppen und bemühte sich nach Kräften, ihren Kreislauf zu stabilisieren, doch ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Gerade erst hatte sie selbst Leben geschenkt, und nun kämpfte sie gegen den eigenen Tod.

Sie war in ein Koma gefallen, aus dem sie erst nach Tagen langsam wieder erwachte. Ihr erster klarer Gedanke war das Kind.

„Wo ist mein Junge?“

Eine Schwester stand an ihrem Bett und hielt ihre Hand. Sie bewegte ihre Lippen, aber Agnieszka hörte nichts.

„Wo ist mein Junge?“, wiederholte sie schwach.

Einzelne Worte drangen leise an ihr Ohr, ohne dass sie sie verstehen konnte.

Angestrengt versuchte sie, sich an die Geburt zu erinnern. Die Minuten, in denen sie das Kind in den Armen gehalten hatte, hatten sich tief in ihr Gedächtnis eingegraben. Sie glaubte immer noch, die Haut des Kindes an ihrer Schulter zu spüren und seinen Duft durch ihre Nase einzuatmen.

Mit Blicken hatte sie ihn fast nicht wahrgenommen, und sie konnte sich überhaupt nicht an das Gesicht ihres Sohnes erinnern, aber sie wusste genau, dass sie seinen Körper abgetastet hatte, und dass da etwas war, was sie nicht hatte glauben können.

Sie war sich nicht sicher, ob sie das nur geträumt hatte oder ob es wirklich so war. Jedenfalls meinte sie bemerkt zu haben, dass der Junge an beiden Füßen nur wenige Zehen hatte.

Mit jeder Stunde wurde sie wacher und die Erinnerungen klarer.

Meist war jemand in ihrer Nähe und kümmerte sich um sie. Sie war noch lange zu schwach, um aufzustehen.

„Wo ist mein Kind?“, fragte sie wieder und wieder.

Man reagierte auf jede Regung, die sie von sich gab, doch keine der Schwestern gab ihr eine Antwort. Stattdessen beruhigten sie sie. Dem Kind gehe es gut. Jetzt müsse erst einmal sie selbst wieder zu Kräften kommen.

Tagelang sagte man ihr nichts weiter, aber je länger sie wartete, desto sicherer war sie sich, dass etwas nicht stimmte.

„Sie lügen“, sagte sie irgendwann. Ihre Stimme klang matt und resigniert, und ihre Augen flehten um eine ehrliche Antwort. Sie fixierte die Schwester, bis diese wortlos den Raum verließ.

Nach einer halben Stunde kam sie wieder zurück, gefolgt von der Hebamme. Schweigend traten die beiden an Agnieszkas Bett, und die Hebamme griff nach ihrer Hand.

Agnieszka fühlte wie die Tränen in ihren Augen anschwollen, denn sie ahnte, was die Frau ihr sagen würde. Ein unerträgliches, schweres Schweigen lag sekundenlang im Raum.

„Ihr Sohn war sehr schwach“, murmelte sie schließlich. „Wir haben nichts mehr für ihn tun können.“

Obwohl sie es gewusst hatte, trafen die Worte sie wie ein Schlag.

Agnieszka sank zurück in ihre feuchten Kissen und bewegte langsam ihren Kopf hin und her.

Die Hebamme strich ihr sanft über die schweißnassen Haare.

„Schlafen Sie wieder. Sie brauchen immer noch Ruhe.“

Agnieszkas Körper begann sich zu schütteln. Erst zitterte sie ganz langsam, dann immer schneller, bis sie sich in einen Krampf hinein schrie. Schwestern liefen herbei und drückten ihren Körper in das Bett, während die Hebamme hektisch eine Spritze aufzog.

Agnieszka schrie bis zur Bewusstlosigkeit.

Drei Tage danach war ihr Schmerz vorbei.

Als sie endlich wieder aufstehen konnte, verlangte sie zunächst nach der Hebamme.

„Wo haben Sie ihn begraben?“, fragte sie, ohne sich nach ihr umzudrehen.

Agnieszka stand am Fenster und blinzelte hinaus auf die Felder. Es war ein sonniger Tag. In der Ferne standen die Berge, auf deren Gipfeln noch der Schnee lag. Der Frühling war nicht mehr weit.

„Er ist gestorben, bevor der Pfarrer da war“, sagte die Frau in ihrem Rücken. „Wir haben ihn nicht mehr taufen können.“

Agnieszka schluckte und drehte sich um. Die Hebamme senkte ihren Blick. Sie wussten beide, was das bedeutete. Man hatte das Kind nicht in geweihter Erde begraben können.

„Was haben Sie mit ihm … gemacht?“

Die Angesprochene hielt ihren Kopf gesenkt und schüttelte ihn kaum merklich.

„Der Pfarrer hat sich darum gekümmert“, sagte sie leise. „Mehr wissen wir leider auch nicht.“

Agnieszka blickte wieder auf die Berge und nickte langsam.

„Verstehe“, murmelte sie. „Der Herr Pfarrer …“

„Ja, und Sie können bleiben, bis Sie wieder ganz bei Kräften sind. Das hat er auch gesagt.“

Damit ging sie schleunigst hinaus, ohne den Kopf noch einmal zu heben. Sie hatte Agnieszka gar nicht angesehen.

Zwei Wochen später war der Schnee auf den Bergen geschmolzen und eines Morgens war Wilhelm wieder da. Wie aus heiterem Himmel stand er plötzlich in ihrem Zimmer.

„Ich nehme dich mit“, hatte er gesagt.

„Wohin?“

Sie war überrascht und skeptisch, ob sie mit ihm mitgehen sollte.

„Nach München. Ich habe wieder etwas für dich finden können.“

Sie sah ihn kaum an. Er schien nervös, denn in kurzen Abständen schnellte sein ausgestreckter Zeigefinger hoch und schob seine Brille nach oben.

„Ein Kloster?“

„Englische Fräulein.“ Er bemühte sich, begeistert zu klingen.

Agnieszka wandte sich ab und biss sich auf die Unterlippe.

„Wo ist unser Kind?“, fragte sie leise.

„Sei still. Du sollst so was nicht sagen! Ich war zu spät. Es ist gestorben, bevor ich ihm die Heiligen Sakramente habe spenden können.“

Agnieszka kniff die Augen zusammen und sagte nichts. Sie wusste nicht, ob sie ihm glauben sollte. Als sie ihn ansah, bemerkte er den Zweifel in ihrem Blick.

„Bitte! Du musst mir die Wahrheit sagen …“

„Komm jetzt!“, sagte Wilhelm. „Da ist ein Wagen … der wartet.“

Sie musterte ihn kalt.

Während der nächsten zwei Jahre arbeitete sie weggesperrt hinter Klostermauern. Sie erledigte Schneiderarbeiten und half in der Küche. Von Wilhelm hörte sie anfangs noch regelmäßig, doch mit der Zeit zog er sich mehr und mehr zurück, bis der Kontakt schließlich ganz abbrach.

Das änderte sich erst, als sie 2 Jahre später ihren Sohn wiederfand.

 

Sachrang

im Herbst 1978

Wieder und wieder war Wilhelm zusammengebrochen, wieder und wieder hatte der Mann ihn hochgezogen, bis er es schließlich aufgab. Auf den letzten Metern musste er den fast leblosen Körper abwechselnd tragen und schleppen. An den Beinen zog er ihn hinter sich her wie einen schweren Karren.

Er schwitzte und keuchte heftig, als sie auf dem Gipfel des Schachenbergs ankamen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch langsam zog die Dämmerung herauf. Das Kreuz ragte über ihnen hoch in den grauen Himmel. Schwer atmend legte er den alten Mann ab und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

Quer über seiner Schulter trug er ein aufgewickeltes Seil. Er streifte es ab, löste bedächtig eine Schlaufe und band damit Wilhelms Füße eng zusammen. Den Rest des zusammengerollten Seiles warf er schwungvoll über den Querbalken des Gipfelkreuzes und fing es auf der anderen Seite wieder auf.

Der alte Mann lag zu seinen Füßen und röchelte zitternd.

Sein Peiniger tat einige tiefe Atemzüge. Dann griff er mit beiden Händen nach dem losen Ende des Seils und zog es ruckartig nach unten. Sobald der Strick sich spannte, wurden Wilhelms Beine nach oben gezogen. Der Mann hielt kurz inne, holte wieder tief Luft, stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den Untergrund und zog noch zwei-, dreimal kräftig nach.

Der alte Körper verlor den Kontakt zum Boden.

Als würden dadurch seine Lebensgeister wieder geweckt, fing er plötzlich an zu zappeln und zerrte an den Fesseln, mit denen seine Arme und Hände hinter seinem Rücken verschnürt waren. Mit letzter Kraft wand er seinen Oberkörper noch ein paar Mal hin und her, hilflos. Er baumelte kopfüber am Kreuz.

Der Mann schlang das Seil mehrfach um den massiven Balken, verzurrte es und knotete es um einen Haken in der Bodenplatte.

Dann ging er langsam um das Kreuz herum und trat ein paar Schritte weg, als könne er den Anblick des Alten nicht länger ertragen.

Er blickte sich um und lauschte. Außer dem leisen Wimmern des alten Mannes war nichts zu hören. In der Ferne zeichnete sich im Licht der Dämmerung allmählich das Westufer des Chiemsees ab.

Er sah nicht, dass Wilhelm sich noch ein-, zweimal um die eigene Achse drehte, bis auch die letzte Kraft aus ihm gewichen war und sein Körper vollkommen erschlaffte.

Der Mörder setzte sich auf einen Stein. Minutenlang betrachtete er sein Opfer, aber was er sah, war nicht die wie leblos am Kreuz hängende Gestalt, sondern es waren die Bilder seines eigenen Lebens, die jetzt an ihm vorüberzogen.

Als er wieder ruhig und tief atmete, stand er langsam auf. Bedächtig näherte er sich dem Kreuz und fing dabei an, seine Ärmel aufzukrempeln, als wolle er eine Arbeit angehen. Vorsichtig zog er das Messer aus seinem Gürtel. Zunächst zerschnitt er nur die Kleider des alten Mannes und riss sie auseinander.

Kurz erlangte Wilhelm noch einmal das Bewusstsein. Die letzten Bilder, die er sah, waren die von Agnieszka. Sie hatte vor ihm gestanden, ihn angeschrien und ihm ins Gesicht gespuckt, weil sie ihr Kind gefunden hatte.

3

„Er lebt!“, schrie sie ihn an. „Du hast mich belogen! Niederträchtig belogen hast du mich!“

Ihre Fäuste trommelten gegen seine Brust, bis er sie entschlossen in seine Hände packte und ihr scharf ins Gesicht blickte. Er tat nicht einmal so , als suche er irgendwelche Ausflüchte.

„Ja, ich habe dich belogen“, fuhr er sie an und drohte ihr mit dem Finger, „so, wie du mich auch belogen hast. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wir sind quitt.“

Sie hielt kurz inne. Dann spuckte sie ihm ihre ganze Wut und ihren hilflosen Hass ins Gesicht.

Er wich zurück, riss sich die Brille von der Nase und fingerte nach einem Taschentuch unter seinem Priestergewand.

Agnieszka rang nach Worten, aber sie blieb sprachlos und warf ihm einen kalten, harten Blick zu, während er hektisch sein Gesicht abtupfte.

Wilhelm schwieg. Dann begann er auffällig langsam, seine Brille zu putzen.

„Menschen zu hassen, Agnieszka“, sagte er schließlich, „das tut dir selber nicht gut. Das ist kaum jemand wert.“

„Du bist es mir wert!“ Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, während sie das sagte.

„Ich hatte doch keine andere Wahl, Agnieszka. Was hätte ich denn tun sollen?“

Offenbar wollte er sie beruhigen, denn er sprach jetzt leise und monoton.

„Alles wäre besser gewesen als das!“, schrie sie wieder. „Du hast mir mein Kind genommen! Gibt es etwas Herzloseres als das?“ Ihre Stimme überschlug sich fast. Wilhelm blieb unbeeindruckt und redete ruhig weiter.

„In dem Heim ist es ihm doch gut ergangen, oder? Besser jedenfalls, als er es bei dir gehabt hätte.“

„Nichts und niemand ist besser als die eigene Mutter …“ Es war das Schluchzen einer tränenerstickten Stimme.

„Na, na“, sagte er und griff nach ihrer Hand. Es schien fast so, als wolle er sie aufmuntern.

„Da hast du natürlich Recht … und die hat er ja jetzt. Und du hast doch auch, was du haben wolltest. Ihr seid zusammen und es geht euch beiden doch gut dort, oder?“

Fast salbungsvoll sprach er sie an, doch die Worte verfehlten ihre Wirkung.

„Zwei Jahre hast du dem Kind genommen … gestohlen! Dafür wirst du büßen!“

Kampfeslustig schleuderte sie ihm die Worte entgegen und entzog ihm ihre Hand mit einem Ruck. Sein Gesichtsausdruck wurde von einer Sekunde auf die andere wieder ernst.

Was willst du damit sagen?“

Er betonte das Was, und seine Stimme klang strafend.

„Willst du mir vielleicht wieder Ärger machen? Mir was anhängen?“

Seine Augen verengten sich, als wittere er Gefahr.

„Ist das deine Sorge? Dass du ein Problem bekommen könntest?“

„Du machst mir Sorgen, Agnieszka, du.“

„Vergiss nicht, du bist keine … Deutsche.“

Er hielt wieder den ausgestreckten Zeigefinger drohend vor ihr Gesicht.

„Verhalt dich lieber still. Du hast keine andere Wahl.“

Agnieszka wandte sich zum Gehen. Sie sah ein, dass er Recht hatte.

Als sie bei der Tür stand, hörte sie wieder seine Stimme.

„Und jetzt? Was willst du jetzt tun?“

„Ich weiß es nicht“, sagte sie ruhig und ohne sich nach ihm umzudrehen. „Aber ich werde bei ihm bleiben.“

„Wenn du Ärger machst, dann schadet das nur euch beiden … Dir … aber mehr noch dem Kind.“

In den Blick, den sie ihm über ihre Schulter zuwarf, legte sie ihre ganze Verachtung.

„Geh mir aus den Augen“, raunte sie ihm zu. Dann schlug sie die Kapuze ihres Habits über den Kopf und verließ die Sakristei ohne ein weiteres Wort.

Sie nahm den Zug zurück nach Wasserburg und lief die letzten Kilometer vom Bahnhof bis zum Kinderheim zu Fuß. Die Straßen waren frisch verschneit, aber sie kannte den Weg mittlerweile gut. Seit Oktober war sie hier.

Während der zwei Jahre nach ihrer Niederkunft hatte sie in ständiger Anspannung gelebt. Die Schwestern bei den Englischen Fräulein waren zwar gut zu ihr gewesen, aber im Klosterleben blieb sie stets ein Fremdkörper.

Agnieszka war fleißig und gehorsam, arbeitete gern als Schneiderin und erledigte alle Arbeiten in der Küche und der Wäscherei klaglos. Gerne hätte sie auch im Garten mitgeholfen, doch das ließ man nur selten zu, denn man musste sie vor einer Entdeckung bewahren.

Das Trauma der Geburt und der vermeintliche Tod ihres Kindes verfolgten sie bei Tag und bei Nacht. Sie hatte keine Ahnung, wie viel die Schwestern von ihr wussten, und die einzige Person, der sie sich hätte anvertrauen können, war immer noch Wilhelm gewesen. Aber der entzog sich ihr mehr und mehr. Im ganzen letzten Jahr hatte sie ihn nicht mehr gesehen und auch praktisch nichts von ihm gehört.

Der Gedanke an eine Flucht blieb zwar immer lebendig, aber mittellos wie sie war, hätte das über kurz oder lang die Aufdeckung ihrer Vergangenheit bedeuten können. Die Furcht vor dieser Schande war stärker, und so verhielt sie sich weiter ruhig, wie Wilhelm es ihr angeraten hatte.

Ende September 1937 war sie überraschend zur Oberin gerufen worden. Dort wurde sie von mehreren Schwestern empfangen, und sie ahnte, das würde nichts Gutes bedeuten.

Man sagte ihr, dass sie in dem Kloster nicht länger bleiben könne.

Die Nachricht traf sie zunächst wie ein Schlag. Ihre schlimmsten Befürchtungen wurden wahr: Sie würde ihren Platz verlieren, man würde sie wegschieben und in eine neue Ungewissheit fallen lassen. Dass die Angst in ihr hochstieg, musste man ihr in diesem Moment angesehen haben, denn die Oberin sagte, sie solle sich nicht fürchten: Man habe etwas für sie gefunden. Das waren auch Wilhelms Worte gewesen, dachte sie. Wieder kümmerte sich jemand um sie, wieder hatte man etwas für sie gefunden, wieder stellte man sie irgendwo ab.

Es gäbe eine neue Einrichtung, teilte man ihr mit, wo sie arbeiten könne. In der Nähe von Wasserburg sei ein Kinderheim neu eröffnet worden. Dort bräuchte man tüchtige Frauen wie sie. Man müsse ihr allerdings eine neue Identität geben, denn als Ausländerin, sagte die Oberin, sei sie jetzt ohnehin gefährdet.

Agnieszka las ein aufrichtiges Bedauern in der Mimik der Frau, konnte die Bedeutung der Worte aber nicht erfassen.

Deshalb wolle man sie als Schwester ausgeben, hörte sie jemand sagen, während sie noch nachdachte. Sie solle sich einen Namen erwählen.

Am nächsten Tag hatte sie sich für den Namen Maria Magdalena entschieden, denn die – so nahm sie an – hatte auch ein Kind geboren.

Das Heim hieß Oberland.

Es war im selben Jahr neu eröffnet worden, als sie dort eintraf. Anfangs waren erst wenige Kinder dort, und eines davon war ihr schon nach wenigen Tagen aufgefallen: Ein Junge mit Namen Heinrich. Er war Wilhelm wie aus dem Gesicht geschnitten.

Als sie sich nach ihm erkundigte, sagte man ihr, er sei schon fast zwei Jahre alt und seit seiner Geburt im Heim. Seine Eltern seien unbekannt. Der Kleine sei ein schwieriges Kind, meist apathisch, aber oft auch überaus aggressiv gegen sich und andere Kinder. Sprechen würde er kaum.

Es ließ sie nicht los. Einer Eingebung folgend nutzte sie die nächstbeste Gelegenheit, um sich das Kind näher anzusehen. Beim ersten samstäglichen Baden der Kinder übernahm sie ihn. Obwohl sie es erwartet hatte, traf es sie trotzdem wie ein Schock. Im warmen Wasser tastete sie nach Heinrichs Füßen, und als sie gewahr wurde, dass der Junge an beiden Füßen nur je zwei Zehen hatte, wich sie erschrocken zurück.

Die Erinnerungen an die Geburt kamen wieder hoch. Sie sah sich selbst, wie sie damals ihr Kind abgetastet und gemeint hatte, dem Kind würden Zehen fehlen. Damals wusste sie nicht, ob sie das nur geträumt hatte, aber jetzt war sie sich sicher, dass sie dieses Kind geboren hatte, das hier und jetzt vor ihr in einer blechernen Badewanne saß und sie anlächelte, ihren und Wilhelms Sohn.

TEIL 2

4

Der Mensch neigt zu dem Glauben, dass Tragödien immer nur die anderen treffen. Wenn das stimmte, dann war Matthias Staudacher „die anderen“.

Er hatte seine Frau Sylvia zwar vor Wochen noch gesehen, aber sie hatte ihn vorher schon verlassen, vor Monaten schon, im letzten Oktober. Da war sie gegangen, Ende Oktober, und zum zweiten Mal, wenn man es genau nahm. Er nahm es genau.

Gleich nach ihrem letzten Treffen war sie wieder in die USA zurückgereist, hatte ihn einfach stehen gelassen, wie einen Regenschirm, den man vergisst. Sie war abgetaucht und tagelang nicht erreichbar, meldete sich auf keine Aufforderung zurück. Erst als er ihr in einem Anflug von Verzweiflung eine „Blöde Kuh“ auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen hatte, meldete sie sich mit einer lapidaren SMS zurück.

„Danke. Das macht es mir leichter“, hatte sie ihm geschrieben, und danach reagierte sie wieder nicht, auf nichts. Es kam ihm vor, als habe sie einfach den Stecker gezogen, und er wusste nicht, warum.

Die Situation machte ihm Angst, und je länger sie andauerte, desto schlimmer wurde es. Die Angst wuchs von Tag zu Tag, bis sie alles erfasste, seinen Alltag beherrschte und sogar die Leere in ihm fast ganz verdrängt hatte.

Er hatte täglich Angst davor, nach Hause zu gehen, denn er wusste, was dort passieren würde. Wie jeden Abend würde er durch die leere Wohnung gehen und sich umsehen, so als ob er sie suchte. Immer hoffte er, sie wäre plötzlich wieder da, als sei nichts gewesen. Aber an jedem Tag erlebte er die gleiche Enttäuschung: Die Leere der Wohnung ergriff ihn. Sie ging auf ihn über, und er empfing sie wie eine gerechte Strafe; die Krönung eines enttäuschenden Tages, jedes Mal.

Deswegen spazierte er nach der Arbeit oft ziellos durch Prien. Am liebsten ging er auf den Friedhof, auch im November tat er das, als es schon geschneit hatte und die Luft am Nachmittag grau wurde wie der Schnee in der Dämmerung.

Friedhöfe hatten ihn schon immer angezogen. Die Inschriften auf den Grabsteinen inspirierten ihn. Er stellte sich Geschichten vor, die hinter diesen Namen und Daten stehen konnten, und das faszinierte ihn. Das Flackern der kleinen roten Lichter auf den Gräbern beruhigte ihn, aber wenn er dort ein Käuzchen schreien hörte, dann stellte er sich vor, dass er eines Tages selber dort liegen würde. Und das machte ihm Angst.

Seine Abende verbrachte er oft vor dem Fernseher. Aber meist sah er gar nicht richtig hin, sondern saß nur da bis spät und kämpfte gegen die Angst, ins Bett zu gehen.

Er wusste, dass er dort liegen würde, und dass ihr Atmen ihm fehlen würde, dass er Sylvias gleichmäßige und ruhige Atemzüge vermissen würde; auch ihr leises Schnarchen ab und zu, wenn sie etwas getrunken hatte.

Schon als sie noch zusammen gelebt hatten, konnte er immer schlecht einschlafen, wenn sie abends nicht da war, weil sie noch unterwegs war oder länger arbeiten wollte. Dann hatte er immer dagelegen und auf jedes Geräusch gelauscht. Früher war das häufig vorgekommen, jetzt war es der Normalzustand, und es war noch schlimmer geworden. Nicht, dass er sich Nacht für Nacht in den Schlaf weinte, aber es verging dann keine Sekunde, in der er nicht an sie dachte.

Und jedes Mal, wenn er morgens oder abends seine Zahnbürste zurück in den Becher stellte, dachte er an diese Kontaktanzeige, in der jemand geschrieben hatte, dass seine Zahnbürste in ihrem Becher so einsam aussehen würde.

So verging seine Zeit: gleichmäßig, träge. Jeder Tag war wie der andere. Hätte er nicht ab und zu seinen wenigen Müll heruntergetragen, er hätte gemeint, dass die Zeit stehen geblieben sei.

Er versuchte sich abzulenken. An seinen freien Tagen stürzte er sich meist in die profanen Dinge des Alltags: Essen kochen, Küche aufräumen, Bad putzen. Damit konnte er sich oft problemlos den ganzen Tag lang beschäftigen, und er war froh darum.

Auch hatte er begonnen, die Geschichten aufzuschreiben, die er zuletzt zusammen mit Sylvia erlebt hatte.

Im vergangenen Herbst hatten sie sich mit diesem Steinberger beschäftigt, dem Johann Steinberger, wie er richtig hieß. Er wurde von allen nur der Bachler genannt, weil er vom Bachler Hof in Hittenkirchen stammte. In den letzten Kriegstagen 1945 lag er tot in der Prien, erschossen, und die Hintergründe seiner Ermordung waren jahrzehntelang im Dunkeln geblieben. Erst die beiden konnten Licht in die Sache bringen und den gewaltsamen Tod von eben diesem Bachler aufklären; um ehrlich zu sein: Sylvia hatte ihn aufgeklärt. Er, Matthias, hatte ihr nur geholfen. Aber das Ganze war Sylvias Geschichte, so wie die Sache mit der Wimmer Anna ein halbes Jahr vorher seine eigene Geschichte gewesen war – im wahrsten Sinne des Wortes. Die hatte er gefunden.

Am Ufer des Langbürgner Sees war er im Frühjahr des letzten Jahres auf eine Leiche gestoßen, eine Moorleiche. Der Fund war eine kleine Sensation, und er machte Matthias Staudacher wider Willen zu einer großen lokalen Berühmtheit.

Die offizielle Untersuchung des Falls hatte schnell ergeben, dass es sich um eine Frauenleiche handelte, die seit gut 140 Jahren dort im Uferschlamm des Sees gelegen hatte. Im Laufe der weiteren Recherchen konnte man auch die Identität der Toten bestimmen: Anna Wimmer, eine Bäuerin, die ganz in der Nähe des Fundorts gelebt hatte, nämlich auf dem Grubner Hof zwischen Prien und Rimsting. Von dort war sie 1869 im Alter von 26 Jahren spurlos verschwunden. Kurz danach war ihr Ehemann, Franz Wimmer, aufgrund von Indizien des Mordes an ihr für schuldig befunden worden.

Den Fund der Leiche 140 Jahre nach der Tat nahmen die heutigen Behörden als späte Bestätigung des damaligen Urteils. Für Sylvia aber blieb eine Frage offen. Es war eine eher nebensächliche Frage, aber sie war entscheidend. Die Antwort darauf fand Sylvia auf eben jenem Grubner Hof, auf dem einst Anna Wimmer gelebt hatte, und der jetzt von der alten Bäuerin Evi Heumann bewirtschaftet wurde. Mit deren Hilfe konnten Matthias und Sylvia das Leben dieser unglücklichen Frau aus dem 19. Jahrhundert rekonstruieren und den Mord an ihr aufklären. Was sie herausfanden, war die Geschichte einer Frau, die ihn bis heute faszinierte.

Der Fall hatte seinem Leben eine andere Richtung gegeben, weil er Sylvias Leben eine andere Richtung gegeben hatte. Im Laufe der Recherchen zu dem Fall hatten sie sich zunehmend voneinander entfernt, und am Ende waren sie so weit voneinander weg, dass Sylvia ihren Koffer packte und sich beruflich in die USA versetzen ließ. Später schrieb sie ihm aus New York; eine Postkarte mit der Freiheitsstatue, und er fragte sich, ob sie das Motiv bewusst gewählt hatte. Jedenfalls hängte er die Karte an seinen Kühlschrank und wollte sie dort nie wieder wegnehmen.

Und dann war das mit dem Steinberger. Das war Sylvias Geschichte.

Im Einwanderungsmuseum auf Ellis Island vor New York hatte sie alte Passagierlisten studiert und war dabei auf den Namen Therese Bachler gestoßen; einen Namen, den sie beide aus ihren Nachforschungen zum Fall der Anna Wimmer kannten. Sie wussten, dass diese Frau 1869 aus Hittenkirchen nach Amerika ausgewandert war. Sylvia drängte Matthias, sich vor Ort nach der Familie zu erkundigen. Gleichzeitig suchte und fand sie selbst die Nachfahren der Bachler Resi, wie sie genannt wurde, und zwar in Pennsylvania. Mit deren Hilfe und mit dem, was Matthias zusammen mit Evi Heumann ermittelte, konnten sie nicht nur das Leben der Therese Bachler nachzeichnen, sondern auch einige bis dahin dunkle Vorfälle aus der Zeit gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Prien am Chiemsee auf-klären: Unter anderem den mysteriösen Tod des Johann Steinberger aus Hittenkirchen.

Sie hätten daraus eine „große Story“ machen können, denn sie wussten oder ahnten wichtige Dinge, die bis dahin völlig unbekannt waren. Wie schon bei der Wimmer Anna, war auch dieser Fall spektakulär, aber am Ende entschied Sylvia, dass man mit der Sache nicht an die Öffentlichkeit gehen sollte, denn es war – so fand sie – eine Familienangelegenheit, zudem übel und schmerzhaft für alle Beteiligten. Und außerdem war sie insgeheim der Meinung, dass es gut war: Dieser Steinberger, der hatte nichts anderes verdient.

Matthias willigte ein, zunächst gegen seine Überzeugung, aber je mehr er sich damit befasste, desto mehr sah er ein, dass Sylvia Recht hatte.

Trotzdem: Um zu verhindern, dass all das in Vergessenheit geriet, hatte er heimlich angefangen, die Geschichten dieser beiden Frauen, Anna Wimmer und Therese Bachler, aufzuschreiben.

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