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Klaus Schlesinger – Die Biographie

Inhaltsübersicht

Wer war Klaus Schlesinger? Beschreibungsversuche

Geboren in was für eine Welt? 1937–1945

Suche, Spiel und Selbsterprobung 1945 –1961

Kreativität und Widerspenstigkeit 1961–1970

Wider das Nischendasein 1971–1980

Verweigerung der Bürgerlichkeit 1980–1989

Das Leben nach »Pest« und »Cholera« Oder: Jenseits der Alternativen 1990 – 2001

Anhang

Anmerkungen

Abkürzungen

Personenverzeichnis

Zeittafel

Danksagung und Quellen

Bildnachweis

|7|Wer war Klaus Schlesinger?
Beschreibungsversuche

»Mir macht nichts so viel Spaß wie die Suche nach Spuren,

die mit dem Leben eines anderen Menschen verbunden sind.«1

»Ohne meinen Lebenskreis, der einen Radius von höchstens fünf Kilometern hat, jemals für länger als vier Wochen zu verlassen, habe ich die Nachteile dreier Gesellschaftssysteme erfahren können.«2 Der das schreibt, ein Mann von Anfang fünfzig, sitzt 1990 im Berlin der offenen Mauer und weiß sich am Vorabend des Eintritts in die vierte Runde solcher Erfahrung: der deutschen Wiedervereinigung. Denn die neue Bundesrepublik wird nicht die alte sein; und die Stadt, nach der man sie bald benennt, wird in den nun kommenden Jahren Veränderungen sehen, wie sie bestenfalls mit denen der letzten Jahrhundertwende vergleichbar sind.

Geboren 1937 in Berlin, gestorben 2001 daselbst, hat Klaus Schlesinger tatsächlich eine beachtliche Spannbreite deutscher Lebenswelten des 20. Jahrhunderts erlebt: Hitlers »Reichshauptstadt« in Selbstüberhebung und Zerfall, das Berlin des Zweiten Weltkriegs (die Evakuierung hat ihm die einzige längere Abwesenheit von der Stadt beschert), gefolgt von dem der unmittelbaren Nachkriegszeit und der fünfziger Jahre: Trümmerstadt, Zonenstadt, Frontstadt des beginnenden Kalten Kriegs, eingespannt zwischen politisch-ökonomischer Spaltung hie und historischer wie (noch) lebensweltlicher Zusammengehörigkeit seiner Teile da. Das wird sich durch die Mauer ändern, die ihm über Nacht die Beschränkung auf Ostberlin aufzwingt. Dort werden, bedingt durch die politische wie geographische Situation der Halbstadt, die wechselnden politischen Strategien |8|von DDR-Regierung und SED-Führung (ihre »Eiszeiten«, »Tauwetterphasen«, inneren Querelen) besonders stark erlebt. Im Osten zunehmend als rebellischer, unbestechlicher, furchtloser Autor zum Dissidenten gestempelt, zieht Schlesinger 1980 nach Westberlin. Das wird in den folgenden Jahren von einer Welle sozialer und politischer Unruhen durchzogen, die für ihn vor allem in den Aktivitäten der Hausbesetzerszene erlebbar werden. Und schließlich folgt das sich vereinigende Berlin in den neunziger Jahren – Baustelle in jeglicher Hinsicht –, in dem wiederum die sozialen, politischen, kulturellen Verwerfungen der deutsch-deutschen Vereinigung und, damit einhergehend, der Utopieverlust (nicht nur) der deutschen Linken besonders augenfällig werden.

Im fliegenden Wechsel also scheinen die Welten einander abzulösen: ihm unter den Füßen fast. Gleichwohl war er keiner, der das Leben an sich vorüberziehen ließ. Schlesingers aktive Teilnahme an den politischen und kulturellen Auseinandersetzungen seiner Zeit, sein in jeder dieser »Welten« rasch etablierter Querdenkerstatus wie auch seine vielfältigen Reflexionen über all das machen ihn zu einem zugleich schillernden und repräsentativen Protagonisten deutscher Geschichte.

Ein »geradliniger Mensch mit einem verwinkelten Lebensweg«3, so nannte ihn Manfred Jäger. Aber Erziehung und Lebensumstände in der Kindheit schienen anderes vorzusehen. Als zweites Kind (und erster Sohn) von Arbeitern, die keine mehr sein wollten, sah sich der Junge ehrgeizigen Erwartungen gegenüber; und als einem, der fast genau vier Jahre nach Hitlers Machtergreifung auf die Welt kam, waren ihm Lebensziel und -inhalt ohnehin vorgegeben. Neben dem Vater in seiner Wehrmachtsuniform hält sich der Knabe schon ziemlich stramm, nur den Händen fehlt noch die rechte Fixierung rechts und links der Hosennähte. |9|Dass es ein Glücksfall war, dass seine Aufgabe im Krieg fast ausschließlich darin bestand, die Mutter zu trösten und zu erheitern, und wie sehr der gefürchtete Zusammenbruch vom Frühjahr 1945 zur Chance seines Lebens wurde, wollte er anfangs nicht begreifen.

Bald freilich erkannte er sehr genau, dass die nun folgende Zeit des Wirrwarrs und der Widersprüche nicht nur dem scheinbar vorgeprägten Verlauf seines Lebens, sondern auch der Entwicklung seines Verständnisses von sich selbst und seiner Umwelt ganz neue Möglichkeiten eröffnet hat. Später, in intensiver Auseinandersetzung mit seiner politischen Herkunft, soll ihm Jorge Semprúns Erinnerungsbuch Die große Reise zur prägenden Lektüre werden. Und seine Hände werden sich nie rechts und links der Hosennähte straffen: eine Haltung, die auch in der neuen politischen Ordnung opportun gewesen wäre. Stattdessen wird er zu einem, der aus geradezu innerer Notwendigkeit aneckt, schon in der Schule und dann immerfort und meist, weil er genauer hinguckt als andere und weil er, was er dann sieht, auch befragt und deutlich ausspricht.

»Er war ein schlaksiger junger Mann, intensiv im Denken und im Schauen.«4 An seinen Blick, den offenen, direkten, sein Gegenüber festhaltenden, denken viele, die ihn kannten, zuallererst. Verbunden damit waren seine erstaunliche Begeisterungsfähigkeit, die Streitfähigkeit (wenn nicht -lust) und nolens volens auch seine leichte Angreifbarkeit.5

Mit Anfang zwanzig erschien er »kontaktfreudig, nervös, von schneller Auffassungsgabe, kratzbürstig, darüber hinaus manchmal fast zwanghaft auf Widerspruch fixiert, zugleich jedoch extrem dünnhäutig und verwundbar«6. Sein Denken funktionierte am besten in Widerstand, Reibung, Austausch. Auch der Eindruck des Umtriebigen, sich nicht auf einen Erlebnis- und Wirkungsbereich festlegen Wollenden, hängt damit zusammen.

|10|Und seine Schlaksigkeit, das dezidiert Nicht-Akkurate an ihm, war nicht nur Körper-, sondern Lebenshaltung. Jean Villain erinnerte sich an seine notorische Unpünktlichkeit in den frühen sechziger Jahren: »Schlesinger kam, wie von Furien gehetzt, fast immer fünf bis zehn Minuten später angekeucht, überschlank, mit fahlen, eingefallenen Wangen, das […] Haar wie vom Sturm zerzaust und zumeist mit einer Miene wie Christus am Kreuz. Stets hatte er jedoch neue, fast immer verblüffend plausibel klingende Ausreden in petto.«7

Das Haar wurde übrigens bald länger und war ebenso wie seine Kleiderordnung Ausdruck geradezu natürlicher Widerspenstigkeit. »Pommerers Aufzug erinnert an eine längst aus der Mode gekommene westliche Philosophie: Khakihemd, Armeejacke, Cordjeans, schulterlanges Haar«8, beschreibt Peter Schneider seine nach Schlesinger modellierte Figur im Mauerspringer. Ein paar kleine, aber belangvolle Veränderungen hat Schneider dabei vorgenommen, denn Militärlook war Schlesinger zuwider: Sein Hemd war meist kariert, am Kragen der klassischen Jeansjacke oder des Cordjacketts trug er gern einen kleinen roten Stern. Fritz Rudolf Fries fühlte sich bei seinem Anblick an den jungen Marx erinnert, und als im Karl-Marx-Jahr 1983 fast sämtliche Schaufenster in der DDR mit dessen Bild geschmückt waren, konstatierte Schlesinger die Ähnlichkeit selbst: Seltsam, aus jedem Laden von seinem eigenen Abbild angeschaut zu werden!

Bei aller linksdemokratischen Grundhaltung waren ihm politische und philosophische Moden suspekt. »Der Satz, man müsse wissen, wohin man gehöre, behagte Schlesinger nie. Der sanfte Rebell wusste nämlich stets, dass er nicht an dem Platz sein wollte, den andere ihm anwiesen oder sogar zuwiesen.«9 Für Kirsten Thietz verkörpert sich in ihm »der intellektuelle Habitus einer Autorengeneration, |11|die den Wert der sozialistischen Gesellschaft an den Freiräumen maß, die sie dem Individuum einräumte, sich selbst zu finden, zu bilden und auszusprechen«.10 Mit manchem aus dieser Generation der Eigensinnigen wie Ulrich Plenzdorf, Martin Stade, Kurt Bartsch, Adolf Endler oder Jurek Becker verband ihn eine jahrzehntelange enge Freundschaft. Aber nicht nur in politischer Hinsicht war ihm Doktrin unausstehlich. Einmal wurde er in einem Ostberliner Restaurant von einem Kellner zurechtgewiesen, da der meinte, er lümmele auf seinem Stuhl und solle sich also anständig hinsetzen. Schlesinger tat nichts dergleichen und verlangte stattdessen das Beschwerdebuch.11

György Dalos erinnert sich an seine erste Begegnung mit Schlesinger Mitte der siebziger Jahre, als ihn ein Westberliner Freund in die Wohnung des von ihm empfohlenen Anarchisten Schlesinger in der Brunnenstraße führte. »Was die Anarchie betraf, so zeigte sich diese unverkennbar bereits im Vorzimmer […]. Kindergeschrei, Popmusik, Westfernsehen, Chaos von Papieren und Büchern, ein unentwegt klingelndes Telefon und eine kaum verhüllte Lust der Wohnungsinhaber über die unbürgerlichen Lebensbedingungen«.12 Dabei ist das mit der Anarchie so eine Sache, denn es gibt manche, die ihn für zu radikal, und manche, die ihn für zu konventionell hielten. Hans-Georg Soldat sieht das so: »Seit einiger Zeit schiebt sich bei mir vor das Bild Klaus Schlesingers ein Foto: ein ziemlich schlechtes, aus einer unmöglichen Perspektive aufgenommen, aus Hüfthöhe nämlich und unscharf außerdem. Die Stasi hatte es mit einer verborgenen Kamera aus einer Tasche heraus aufgenommen […]. Dennoch ist das Foto sonderbar authentisch. Es spiegelt ein wenig die intellektuelle Lebhaftigkeit, die wohl alle spüren, die mit ihm im kleineren Kreis zusammenhocken. Hocken – nur diese Vokabel trifft die Lässigkeit seines persönlichen Umgangs.«13

|12|Schon als Halbwüchsiger eingeübt hatte er die Lässigkeit des Rauchens. Sie hat ihn dann freilich nicht mehr losgelassen, und Nikotin wurde zum Lebenselixier. »In Gomera relativ wenig geraucht«, notierte er Anfang der achtziger Jahre, »2 Schachteln am Tag höchstens. Jetzt wieder auf drei.«14 Bei einer Islandreise Ende der Neunziger hat die gesamte Autorengruppe fast das Flugzeug verpasst, weil ihm plötzlich eingefallen war, dass er fünf Stunden Flug ohne Nikotin nicht aushalten würde und sich unbedingt die einschlägigen Kaugummis besorgen musste.15 Und noch auf dem Krankenbett lag eine angebrochene Schachtel Roth-Händle in Reichweite, für alle Fälle, wie Hans Christoph Buch berichtete.16

Der hohe Tabakkonsum hat gewiss dazu beigetragen, dass er – zumal in jüngeren Jahren – notorisch knapp bei Kasse war. Zugleich war er die Großzügigkeit in Person: lud ein, bestand, solange er im Osten wohnte, immer darauf, für seine westdeutschen Besucher in Gaststätten zu bezahlen (Man müsse doch den »armen Brüdern und Schwestern aus dem Westen etwas Gutes tun!«17), und wunderte sich dann entsprechend heftig über die in Westberlin übliche Zahlungsmodalität des »jeder für sich allein«.

Im Übrigen kochte er gut und gerne selbst: deftige deutsche Küche, nicht eben vegetarisch, nicht unbedingt diätverträglich. Nicht von ungefähr ist er für Hans Christoph Buch »die einzige mir bekannte Person, die in einer Berliner Kneipe ein Eisbein zurückgehen ließ mit der Begründung, es sei ›nicht fett genug‹«18. Das Kochen war eine Beschäftigung, die es ihm erlaubte, Arbeit – das Schreiben im Kopf – und Fürsorge für die, mit denen er zusammenlebte, zu verbinden. In dem besetzten Haus in der Potsdamer Straße war man privilegiert, wenn man zu »seiner« Gemeinschaftsküche gehörte: Wenn er Küchendienst hatte, gab es immer Hausmannskost – gut und reichlich.

|13|»In jenem wilden Westberliner Sommer 1981, als er im K. O. B. und anderen Schöneberger Hausbesetzerkneipen auftauchte, wunderte sich niemand weiter über den Mann mit dem grauen Vollbart und den langen Haaren. Er hieß Klaus, sprach mit einem schönen Berliner Akzent und war zwanzig Jahre älter als wir. Als guter Kumpel erwies er sich, manchmal auch als väterlicher Freund.«19 Aber aufgefallen ist er da schon, zumal denen, die sich die Szene von außen ansahen: »Inmitten des Wulings wirkte er wie eine Mischung aus Schmuckeremit und Erzieher. Er erzählte begeistert von vergangenen Straßenkämpfen und offen vom Liebesleid.«20 Sein Musikgeschmack reichte mittlerweile vom seit seiner Jugend geliebten Jazz über Klassik bis zum für die Besetzerszene typischen Punkrock der achtziger Jahre.

Einmal wäre er beinahe zusammen mit den anderen Hausbesetzern im Gefängnis gelandet: An einem Abend im K. O. B. erfuhren sie von dem Luftangriff der USA auf Libyen21 und beschlossen, sofort eine Protestaktion zu starten. Schlesinger sagte dazu, er würde ja gerne, habe aber schon zu viel getrunken. Diejenigen, die bei der Aktion mitgemacht (und auch zu viel getrunken) hatten, bezahlten dafür mit einer Nacht hinter Gittern.22

Eine Fähigkeit, derer es vor allem in den Jahren der »Instandbesetzung« des gemeinsam bewohnten Hauses bedurft hätte, war das Heimwerkern. Und da er auf dieser Strecke hoffnungslos untalentiert war, musste er wenigstens für die Materialbeschaffung sorgen und den Fahrer machen.

Dabei war er doch ein passionierter Spaziergänger, recht eigentlich sogar der typische Großstadtflaneur. Hat sich Paris erlaufen, ebenso Berlin: erst das eine, dann das andere, dann die langsam wieder eins werdende Stadt. In der Erinnerung von Daniel Argelès, den er in den frühen neunziger |14|Jahren durch jenes neue Berlin führte, lief er mit einem »Schritt, der wie sein Schreiben Geschichte und Zukunft in der Gegenwart verband: einem zugleich schleppenden, etwas melancholischen, geschichtserfahrenen und einen federnden, dynamischen und unermüdlichen Schritt.«23 In dieser Zeit traf man ihn auch öfter wieder in seiner alten Gegend um Helmholtz- und Kollwitzplatz – schlendernd oder irgendwo einen Kaffee trinkend. Und auch wenn man ihn fast Jahre nicht gesehen hatte, fand man sich sofort wieder auf einer Ebene im Gespräch und konnte es fortsetzen, als sei es erst gestern unterbrochen worden.24

Seine Weigerung, jüngste Geschichte zu verleugnen oder umzudeuten, war zumindest eine Zeitlang nicht nur eine persönliche, sondern auch eine politische Qualität: Zwar hat es die DDR ihm wahrlich nicht leichtgemacht, aber für ihre Abschaffung war er nie – erst recht nicht, als das zum guten Ton gehörte. Denn immer blieb sie für ihn Projektionsraum für soziale Utopie, nach der er trotz eigensinnigen Leugnens (»Von der Utopie rede ich nur noch im Perfekt«25) natürlich weiter Ausschau hielt. Von der wachsenden Spezies der »Wendehälse« hielt er gar nichts.

Dass aber ausgerechnet ihn eine nachträgliche Stasi-Denunziation treffen sollte, das heißt die öffentliche Behauptung er, der Bespitzelte, sei selbst ein Spitzel gewesen, scheint in diesem Zusammenhang so absurd wie einleuchtend.

Bei alldem ist er eins mit seiner Herkunft und Geschichte geblieben und »trug ohne Wenn und Aber und trotz aller seiner Erfahrungen alle Kennzeichen eines Linken seiner Generation unaufdringlich, im Zweifelsfall aber klar mit sich. Nicht vor sich her, das passte nicht zu seinem Wesen.«26

»Ich höre Klaus noch sprechen«, schreibt Uwe Kolbe, »auf seine insistierende, aber immer leise Art, den Kopf |15|nicht aufrichtend, sondern immer nach vorn hinaus haltend, auf das Gegenüber zu, als wäre er gern so nahe wie möglich, um nicht laut sprechen zu müssen«.27 Übrigens hat er die aus der »alten« Ostberliner Zeit stammende Angewohnheit, einfach bei Freunden zu klingeln, statt sich zu Besuchen anzumelden, nie abgelegt. So erinnert sich Friedrich Dieckmann gern an seine überraschenden Besuche in den neunziger Jahren: »Das war eine wunderbar spontane Art, sich über die aufgewühlte Gegenwart zu verständigen.«28

Für die Unmengen an starken Zigaretten, die er in seinem Leben geraucht hat, behielt er eine erstaunlich helle und weiche Stimme, die ihm als eifrigem Gesprächspartner und begnadetem Erzähler natürlich zugutekam. Und zu erzählen – mündlich wie schriftlich – hatte er viel: mit Liebe zum Detail. Das Leichte an seinem Ton schien gespeist aus seinem unprätentiösen Wesen und der Sprache, mit der er aufgewachsen war, dem Berliner Dialekt mit seiner schnoddrigen Schlagfertigkeit. Und doch waren Klang, Rhythmus, sinnliche Qualität seiner Geschichten das Ergebnis hartnäckiger Arbeit. Ebenso wichtig wie reden und erzählen waren ihm dabei zuhören und nachfragen, Verschüttetes hochholen, das genaue Wort in den Tiefen der Erinnerung wiederfinden, von anderen erfahren oder bestätigt bekommen.

Ein Talent hatte er für Freundschaften und ihre Pflege. Und so kamen auch in seiner letzten Wohnung in der Torstraße Freunde und Kollegen zu Treffen zusammen, die Dieckmann als »harmonisch-intensiv« beschreibt und in denen freundschaftlicher Dissens und Einverständnis gepflegt wurden: »Er war eine Hauptfigur dessen, was man eine Berliner Literatur nennen kann, und durch die Mischung von Wage- und Sanftmut, die ihn auszeichnete, eine auf gelassene, ja stille Weise dominante Persönlichkeit.«29 |16|Hier soll nun den Spuren dieser Persönlichkeit nachgegangen und ihre Lebensgeschichte erzählt werden. Es ist die Geschichte eines Menschen, der Kosmopolit war und lebenslang an einen Ort gebunden blieb; der einst bedauert hatte, noch zu klein für die Hitlerjugend zu sein, und sich nachher den Ruf des Anarchisten erwarb; der die DDR verlassen und doch nie von ihr gelassen hat; der sich nicht festlegen lassen wollte und doch ein Mann von Prinzipien war: mit eigenem Kopf und doch auf Austausch angewiesen, herzlich und widerspenstig, umtriebig und verlässlich, als Erzähler ausschweifend und präzis. Und da dieses Leben und diese Umstände schließlich der Stoff für seine Arbeit waren, soll er hier auch immer wieder selbst zu Wort kommen: mit Erinnerungen, essayistischen Reflexionen und literarischen Kommentaren zu seiner-unserer Geschichte.

|17|Geboren in was für eine Welt?
1937–1945

|18|Hans Schlesinger mit seinen Kindern Klaus und Liane 1941

|19|»Diese Stadt […]. Das Leben hier!
Wissen Sie denn, wie das damals war?«30

»Mein Urgroßvater war Halbbauer in der Landgemeinde Staedtel in Oberschlesien und starb im Alter von 50 Jahren an Schwindsucht. Mein Großvater lernte Bäcker, ging mangels ausreichender Beschäftigung 1898 nach Berlin, war in neun Stellungen tätig und starb während der Berliner Olympiade 1936 im Alter von 55 Jahren an Herzversagen. Er hinterließ zwei Kinder. Sein Sohn Hans, mein Vater, ein Expeditionsgehilfe, der 1933 KPD gewählt hatte, trat 1937 der NSDAP bei, avancierte zum Angestellten und fiel, als wehrpflichtiger Polizist, beim Kampf um Berlin.« »Genealogie einer berliner Arbeiterfamilie« nennt Schlesinger einen unveröffentlichten Text, in dem er sich über seine eigene Herkunft klarzuwerden sucht.31 Auf Ackerhäusler, Freigärtner, Schwarzviehhändler und Arbeiter ist er bei seinen Nachforschungen gestoßen, zu Schankwirten und Gasthausbesitzern immerhin hat es ein Familienzweig der Schlesingers gebracht, der einzige im schlesischen Ort Staedtel gebliebene und begrabene. Auch die Familie der Mutter Gertrud, einer geborenen Pieper, ist aus dem Osten nach Berlin zugezogen, ihr Vater war ein pommerscher Kutscher. Beide im Nordosten Berlins aufgewachsen, lebten Klaus Schlesingers Eltern bei seiner Geburt am 9. Januar 1937 im »Gründerzeit-Proleten-Viertel«32 Prenzlauer Berg, Dunckerstraße 4.

 

» Ich rede nicht über eine beliebige Straße, ich rede über die Duncker. Genaugenommen rede ich über jenen Teil der Duncker, der von der |20|Haltestelle der Linie vier bis zum Helmholtzplatz führt und ›vordere Duncker‹ oder auch ›Vorderduncker‹ genannt wird. Die ›Hinterduncker‹ nennt man den Teil von der S-Bahnbrücke bis zur Weißenseer Spitze. Von der Ecke, an der die Duncker beginnt, bis zur Weißenseer Spitze sind es genau eins Komma vier Kilometer.«

Die Sache mit Randow33

 

Die »Vorderduncker« bestand, wie alle sie umgebenden Straßen, aus Mietshäusern, die vom Ende des 19. Jahrhunderts stammten. Ihren Namen trug sie seit 1892 (die »Hinterduncker« erst seit 1913, was die Bezeichnung allemal rechtfertigt) nach dem Stadtrat und Bürgermeister Hermann Carl Rudolf Duncker, der das explosionsartige Wachstum Berlins nach der deutschen Reichsgründung 1871 über zwei Jahrzehnte hinweg verwaltet und mit kommunalpolitischen Reformideen begleitet hatte. Infolge des damals einsetzenden enormen Industrialisierungs- und Urbanisierungsschubes hatte sich die Einwohnerzahl der Stadt auf fast zwei Millionen verdoppelt. Arbeit bietend, war Berlin zum Zuwanderungsort für Menschen vor allem aus den östlichen Provinzen geworden: Die Schlesingers wie die Piepers gehörten dazu. Ganze Stadtviertel entstanden neu; eines davon war der Prenzlauer Berg.

 

» Unsere ganze Gegend, hatte ich in der Schule gelernt, ist um die Jahrhundertwende gebaut worden, und auf dem alten Stadtplan, der aus dem Nachlaßmeiner Oma stammt, war die Gegend um die Duncker herum noch unbebaut. Der Stadtplan ist 1883 erschienen, dem Geburtsjahr meiner Oma.«

Die Sache mit Randow34

 

Weil der Bedarf so groß war, entstand, lediglich unter Einhaltung grundlegender Vorschriften (wie der Mindestgröße der Höfe, damit ein Feuerwehrwagen darin wenden konnte), eine zunehmend dichte, aus Vorder-, Seiten- und |21|Hinterhaus bestehende Blockbebauung mit oft mehreren Höfen hintereinander. Die Vorderhäuser hatten meist Läden im Erdgeschoss und größere, hellere Wohnräume als die Seitenflügel und Hinterhäuser. Trotzdem war die gängige Bezeichnung als Mietskasernen auch für sie angebracht, denn obwohl frühe Bebauungspläne eine soziale Durchmischung des Quartiers vorgesehen hatten, war es unter den Bedingungen von Wohnungsnot und Bodenspekulation doch zum Viertel der ganz kleinen Leute geworden. Uniforme, meist fünfstöckige Fassaden, vereinzelte Ladenfenster, die obligaten Wasserpumpen und spärlicher Baumbewuchs prägten das Straßenbild, und nicht zu vergessen die Kneipen: »An der Ecke Lychener sind drei Kneipen. Im Hackepeter waren früher die Nazis, in der Donau die Kommunisten und Fengler ist eine alte Sportlerkneipe.«35 Diese Umgebung und das darin vorherrschende (halb-)proletarische Milieu mit seinem Jargon und seinen Umgangsformen sollten den zwischen Helmholtzplatz, Lychener, Raumer- und Danziger Straße Aufwachsenden nachhaltig prägen.

 

Die Familie Schlesinger wohnte immerhin im Vorderhaus, zweite Etage, Mittelwohnung: »eine geschlossene Welt mit scharfen sozialen Markierungen: es war schon ein Unterschied, ob einer ›Parterre, Hinterhaus‹ wohnte oder ›vorn, zwei Treppen‹, auch wenn diese Wohnung aus Zimmer und Küche und Klosett eine halbe Treppe höher bestand«.36 Im Erdgeschoss gab es einen Tabakladen, dessen Betreiber, Herr Wolski, das einzige Telefon im Haus besaß. Die Eltern von Gertrud Schlesinger wohnten in der Dunckerstraße 84. Das erste Kind war bei der Heirat im Mai 1927 schon unterwegs, überlebte aber seine Geburt nur kurz; das zweite, die Tochter Liane, war sieben Jahre alt, als Klaus geboren wurde. »Wir haben in einem Zimmer gelebt – ||mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich. […] Er wollte raus aus der Klasse, das wollten alle Leute. […] Sie wollten in die nächst höhere Klasse.«37

|22|Gertrud Schlesinger blickt aus dem Fenster ihrer Wohnung in der Dunckerstraße, um 1970

Hans Schlesinger hatte sich bereits vom Hausdiener in einer Kreuzberger Familiensattlerei zum Direktionsdiener bei Telefunken hochgearbeitet und war über das Volontariat beim Mitteleuropäischen Reisebüro Unter den Linden zur Anstellung beim Ullstein Verlag gekommen. Der Eintritt in die NSDAP im Geburtsjahr des Sohnes verhalf ihm zur Beförderung vom Expeditionsgehilfen zum Expedienten; heute hieße das »kaufmännischer Angestellter«.

Wie viel Begeisterung bzw. Mitläufertum oder auch nur sozialen Opportunismus der Vater dem Regime gegenüber damals wirklich aufbrachte, vermochte der Sohn im Nachhinein nie zu ermitteln. Das Jahr 1937 gilt als das Jahr der »Ruhe vor dem Sturm« und der »höchsten Identifikation«38 der Bevölkerung mit dem Naziregime. In den vier Jahren seit Hitlers Machtübernahme hatte sich ein deutlicher wirtschaftlicher Aufschwung bemerkbar gemacht. Die Arbeitslosenzahl war von über sechs Millionen auf weniger als eine Million gesunken. Dass dieser Erfolg nur begrenzt dem nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungsprogramm geschuldet war, ist heute unumstritten. Trotzdem konnte das Regime ihn als seinen Erfolg verbuchen und daraus Nutzen ziehen – gerade auch in Berlin, wo das Gros der Arbeiterklasse lange als »rot« galt und viele wie Hans Schlesinger noch im Januar 1933 KPD gewählt hatten. Es war in diesen ersten Jahren des Faschismus weniger der Einfluss seiner Ideologie auf die Arbeiterklasse als diese durchgreifende Änderung ihres Alltagslebens, die ihre politische Nazifizierung beförderte, denn »dieses kurzfristige Glück, das wahrlich solide und kein Rausch war, änderte grundlegend Atmosphäre und Milieu, in denen sie lebte«39. Insofern kann tatsächlich auch von einer |24|»Selbstgleichschaltung« in großen Teilen (nicht nur) der Berliner Gesellschaft gesprochen werden.40

Mit der erfolgreichen Ausrichtung der Olympischen Spiele von 1936 hatte Berlin seinen Status als Weltstadt bestätigt. Die Stimmung, die vor und mit internationalem Publikum erzeugt worden war, sollte im Folgejahr weiter geschürt und Berlin als zukünftige »Welthauptstadt« inszeniert werden. Mit der architektonischen Umsetzung dieser Pläne wurde am 30. Januar 1937 Albert Speer betraut.

Am 30. April startete die zweimonatige Propagandaschau »Gebt mir vier Jahre Zeit« auf dem Funkturmgelände, die Hitlers Erfolge feierte und sich als »Schau des eingelösten Versprechens« präsentierte.41 »Groß wie die Besucherzahl war […] auch die Begeisterung […]. Der beifällige Widerhall der Ausstellung erfasst dabei auch weite Kreise des Auslandes, das die in eine derartig monumentale Schau zusammengeballte Leistung des Nationalsozialismus ebenso bewunderte, wie die neuartigen Mittel der Ausstellungstechnik.«42 Diesen Ereignissen folgten noch die aus Ausstellung, Umzug und Festwoche bestehenden Feierlichkeiten zum siebenhundertsten Stadtjubiläum, ein Staatsbesuch Mussolinis und sportliche Großveranstaltungen wie das Internationale Stadionfest. Und die Massen waren immer dabei: »Es bedurfte bis zum Beginn des Krieges keiner ›Nachhilfe‹ durch NSDAP oder Gauleiter Goebbels mehr, wenn genügend Berliner für eine eindrucksvolle Kulisse gebraucht wurden.« Zu den Großveranstaltungen »versammelten sich jeweils mehr als zwei Millionen Menschen entlang der Paradestrecken – so viel Begeisterung hätte nicht einmal Goebbels ›inszenieren‹ können: sie war ehrlich gemeint.«43 Als weiterer Erfolgsbeweis mögen die Verkaufszahlen von Hitlers Mein Kampf angesehen werden, die 1937 bereits die Drei-Millionen-Grenze überstiegen.

|25|Unter diesen Umständen schien man über zunehmende Repressionen Andersdenkender durch Verbot und Verfolgung aller nicht nationalsozialistischen Organisationen, über den Druck auf die Kirchen und die Verhaftung unbotmäßiger Geistlicher (wie des Pastors Niemöller), die wachsende Zahl an Konzentrationslagern und die zunehmende Gewalttätigkeit gegenüber Juden hinwegzusehen oder sie eben als »notwendiges Übel« zu betrachten. Auch der Gegensatz zwischen den nicht mehr zu übersehenden kriegsvorbereitenden Maßnahmen (von der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 über die Arbeitsplatzbindung in Landwirtschaft, Metall- und Bauindustrie bis zur Berliner Luftschutz-Übungswoche im September 1937) und den öffentlichen Beteuerungen etwa eines Joseph Goebbels, dass von Deutschland keine Kriegsgefahr ausgehe, schien in Ignoranz zu versinken. Solange die Kriegsvorbereitungen noch Thema von Geheimkonferenzen und nicht von öffentlichen Verlautbarungen waren, mochte man sich im Gefühl der Sicherheit wiegen. Und der »Anschluss« Österreichs im März des Folgejahres, oder genauer seine öffentliche Inszenierung als festliche »Wiedervereinigung«, schien das zu bestätigen.

 

Der Ullstein Verlag, Hans Schlesingers Arbeitsstelle, hatte in den ersten vier Jahren nach der Machtübernahme zu den Unternehmen gehört, die gleich mehrfach Objekt faschistischer Gleichschaltung wurden. Als eines der großen liberal geführten Medienhäuser Berlins waren seine jüdischen Besitzer schon 1934 zum Verkauf weit unter Wert gezwungen worden. Im Juni 1937 wurde der Verlag in den Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachf. eingegliedert und in »Deutscher Verlag« umbenannt. Die von Ullstein herausgegebenen großen Tages- und Wochenzeitungen (Berliner Morgenpost, Berliner Illustrirte Zeitung u. a.) waren |26|ohnehin längst nazifiziert. In diesem Lichte erscheint Hans Schlesingers Eintritt in die NSDAP ausgerechnet im Jahr 1937 umso mehr als karrierefördender Entschluss. Zugleich aber gibt es keine Anzeichen dafür, dass er kein treuer Nazi gewesen wäre.

Der Aufstieg aus der Wohnung und der proletarischen Gegend gelang ihm damit jedoch nicht: Gertrud Schlesinger hatte die Arbeit als Kontoristin aufgegeben und war, wie es sich gehörte, Hausfrau. Vier Mäuler waren mit einem Gehalt zu stopfen, und mehr als die Monatsmiete von 34,66 Reichsmark ließ sich wohl nicht aufbringen. Außerdem nahm der Wohnungsmangel in Berlin gerade in diesen Jahren durch den stark reduzierten Wohnungsbau und die Abriss- und Baumaßnahmen für Speers »Reichshauptstadt Germania« besonders heftig zu. Tatsächlich – und gegen alle frühen Intentionen – sollte die Dunckerstraße 4 für ganze sechs Jahrzehnte so etwas wie der Familiensitz der Schlesingers bleiben.

Wenig ist über das Leben der Familie in den folgenden Jahren bekannt. Die Schwester Liane wird wie üblich mit zehn Jahren Jungmädel geworden sein; aber müßig wäre es, über die politischen Ansichten und Überzeugungen von Familienmitgliedern zu spekulieren, selbst wenn sich Schlesinger erinnerte, als kleines Kind in eine Propagandaschau mitgenommen worden zu sein: »einmal, ich muß fünf oder sechs gewesen sein, Stalingrad war noch nicht gefallen, das schockartige Erlebnis eines Besuchs in Schinkels Altem Museum […]: düstere Kammern, Menschen täuschend ähnliche Puppen mit […] brutalen Physiognomien, den roten Stern auf der spitzen Mütze, in der zum Schlag erhobenen Hand die Knute. Deutlich erinnerlich die beklemmende, Folterkammern assoziierende Atmosphäre, die mir einen Schrecken einjagte, den zu vergessen ich Jahre brauchte. Die Ausstellung hieß ›Das Sowjetparadies‹, war eine |27|ebenso perfide wie raffinierte Demonstration nationalsozialistischer Propaganda, und sie war, wenn ich so sagen darf, meine erste Begegnung mit den Russen.«44 Seine Erziehung in diesen frühen Jahren schätzte Klaus Schlesinger insgesamt als die zu einem strammen kleinen Nazi ein.

 

» Über die SS wußte ich einigermaßen Bescheid. Schon mit sechs oder sieben kannte ich die Uniformen und die Kragenspiegel der SS und wußte, was die Schulterklappen eines Oberscharführers von denen eines Sturmbannführers unterschied.«

Die Sache mit Randow45

 

Zwar hatte es sich bald als Lüge erwiesen, dass von Deutschland keine Kriegsgefahr ausgehe, aber die Berliner nahmen das zunächst hin: »Als an diesem Freitagvormittag [1. 9. 1939, A. K.] Hitler mit seinem üblichen Konvoi aus schwarzen Mercedes-Limousinen die Reichskanzlei verließ, um zur Reichstagssitzung in die Kroll-Oper zu fahren, brandete entlang der Straßen kein spontaner Beifall auf wie seit Jahren üblich, wenn der ›Führer und Reichskanzler‹ nur für Augenblicke in der Öffentlichkeit erschien. Nach all den Triumphen, für die sie Hitler gefeiert hatten, empfanden die Berliner nun Angst; sie spürten, dass der Krieg […] ihr Leben verändern würde. Doch so wenig es Begeisterung für den Angriff auf Polen gab […], so wenig gab es Proteste«.46 Selbst die Siegesparade anlässlich der Beendigung des Polenfeldzuges wurde mit zurückhaltendem, mürrischem Schweigen aufgenommen.47 Da aber der inzwischen von Frankreich und Großbritannien ausgesprochenen Kriegserklärung an Deutschland lange keine Taten folgten, verlor sich die Angst vor dem Krieg. »Von Berlin aus gesehen war der Krieg etwas Unwirkliches. Man las davon wie von einem Ereignis auf einem anderen Stern.«48

Ein Jahr später sah die Sache schon anders aus: »Im Herbst |28|und Winter 1940 heulten die Luftschutzsirenen in der Reichshauptstadt etwa jede zweite Nacht; als erste kulturell bedeutende Ziele erhielten der Berliner Dom am Lustgarten und die Museumsinsel Treffer […], und schon bald hatten mehr als zehntausend Berliner ihre Wohnungen verloren. […] In jeweils wenigen Wochen oder Monaten entstanden Dutzende Schutzräume aus meterstarkem Stahlbeton, kleine für ein paar hundert Menschen ebenso wie gewaltige Burgen, die so genannten Flakturmpaare, in drei Berliner Parks [Zoologischer Garten, Friedrichshain, Humboldthain, A. K.].«49 Die Zahlen derer, die bei den Angriffen auf die Stadt starben, blieben jedoch noch gering, 1940 waren es 222 und 1941 226 Personen.50

Mit Kriegsbeginn war die Rationierung von Lebensmitteln, Kleidung und Brennstoffen mittels Bezugsscheinen eingeführt worden. Der Volks-Brockhaus von 1941 informiert: »Bezugsschein […] eine amtliche Bescheinigung, die zum Kauf rationierter Waren berechtigt. Im Deutschen Reich wurde nach Kriegsausbruch 1939 vorsorglich der Verbrauchsgüterbezug planmäßig geordnet, um die Vorräte gleichmäßig zu verteilen und Preissteigerungen zu vermeiden. […] Auch in verschiedenen feindlichen und neutralen Ländern (z. B. England, Schweiz) ist eine Verbraucherregelung für bestimmte Erzeugnisse erfolgt.«

Aber auch dieses Leben mit Luftschutz, Verwaltung des Mangels und Ermahnungen zur Sparsamkeit gab sich als weitestgehend normal und war bürokratisch reguliert. »Die durch die Luftangriffe der Jahre 1940/1 verursachten Schäden führten zunächst nicht zu einer merklichen Verschlechterung der Wohnverhältnisse. 120 000 Zwangsarbeiter sowie Kriegs- und Strafgefangene wurden zur Beseitigung der Schäden eingesetzt. […] Die Wohnungen deportierter Juden […] wurden auf Anregung Speers als Ausweichquartiere für Ausgebombte vorgesehen. 1941 wurden 7000 […] |29|›Judenwohnungen‹ für diesen Zweck zur Verfügung gestellt.«51 Auch die Stromversorgung Berlins hat in diesen Kriegsjahren kaum gelitten, da die Kraftwerke von den Bomben verschont blieben.

Zwischen September 1941 und Anfang 1943 nahmen die Luftangriffe auf Berlin erheblich ab, und es entstand noch einmal so etwas wie eine Ruhe vor dem Sturm. Während dieser Zeit konnte das Alltagsleben ohne große Beeinträchtigung weitergeführt werden.

Hans Schlesinger scheint erst 1941 eingezogen worden zu sein. Als Mitarbeiter eines nunmehr zur faschistischen Propagandamaschine gehörenden Verlags, der ab 1939 auch Feldpostausgaben vertrieb, mag er fürs Erste dort noch »unabkömmlich« gewesen sein.

 

» Interessanter [ist] ein Büchlein in Oktavheftgröße, gemaserter hellgrauer Untergrund des Ölpapierdeckels, in dunklerem Grau der stilisierte Adler, auf einem das Balkenkreuz umrahmenden hochgestellten Kranz aus Eichenlaub hockend, Wehrpaß in gleichem Dunkelgrau darunter, und in blassem Rot das aufgestempelte Heer […]; gemustert als Dienstpflichtiger am 3. 3. 37 mit dem Ergebnis bedingt tauglich und zum zweiten Mal am 16. Juni 1940 mit dem Tauglichkeitsgrad k. v., Wehrdienstverhältnis Landwehr I, aber die Rubrik aktiver Wehrdienst, Spalte Zugehörigkeit zu Dienststellen des Heeres oder der Luftwaffe (auch im Krieg) war leergeblieben, ebenso wie die Spalte im Kriege mitgemachte Schlachten, Gefechte, Unternehmungen, und erst beim zweiten Blättern entdeckte ich […] ein weißes Stück Papier […]: Im Namen des Führers, Dem Obfldw. d. R. Das eiserne Kreuz zweiter Klasse, Heeresgruppe West, Unterschrift unleserlich« .

Michael52

 

Seine ersten überlieferten Feldpostbriefe an die Familie datieren auf Februar 1943: »Lieber Klaus! Deinen lieben Brief habe ich erhalten. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Du |30|bist ein kleiner tüchtiger Kerl. Wenn Du weiter so tüchtig ißt, dann wirst Du auch schön groß und kräftig. – Hoffentlich hat Dir der Film ›Die große Nummer‹ gut gefallen. – Wenn Du weiter so fleißig und brav bleibst, bringe ich Dir bei meinem nächsten Kommen wieder etwas Schönes mit. – Grüße die Mutti und Liane von mir. Dich küßt in Gedanken in Liebe Dein Vati.«53 (Die große Nummer war ein Spielfilm von 1942 über die Liebe und das Leben im Zirkus.) Später sollte der Vater den Sohn fragen, ob ihm sein Ostergeschenk, der Autobus, gefallen habe, und ihn weiter regelmäßig auffordern, »immer recht brav« zu sein.

Stationiert war er in Frankreich und Belgien. Seine Briefe (meist überschrieben mit »im Westen«) kamen lange daher wie die Grüße eines Beamten im Provinzeinsatz: »Es ist hier so herrliches Wetter, daß ich gestern den ganzen Abend im Garten gesessen habe.«54 Kleinlich rechnete er seiner Frau vor, dass sie zu selten an ihn schreibe (»wenn Du alle zwei Tage schreibst, fehlt also noch ein Brief vom 12. 2., wie ist das damit, mein Liebling?«55), schickte ungelenk gereimte Liebesverse, gab hausväterliche Ratschläge: Alles ganz privat, selbst wenn es auf der Rückseite einer Fotopostkarte mit dem Titel »Unsere Waffen SS. Besetzung eines Bahnhofs im Osten«56 stand. Meist allerdings wählte er Blumenkarten.

Ab Sommer 1944 zog ein anderer Ton in seine Briefe ein: »Es ist alles sehr traurig, aber verliert nur nicht den Mut, ich trage nur das Gebet des Herzens, daß Ihr lebend und gesund den Krieg übersteht. Alle meine Liebe gehört Euch.«57 Er schrieb von verletzten Kameraden, endlosen Truppenbewegungen, physischer und psychischer Erschöpfung. »Gedanken mache ich mir auch über Opa und Oma, denn Berlin hatte doch in der Zwischenzeit wohl auch wieder einige Terrorangriffe zu überstehen.«58 Und Klaus bat er: »Sei recht lieb zur Mutti, tröste sie und sage ihr, es wird |31|schon alles wieder gut werden. Wenn sie wieder einmal traurig ist, nimm sie beim Köpfchen, schenk ihr ein Küßchen und lache recht lustig so lange, bis sie auch lacht. Das kannst Du doch so fein.«59

Im August 1943 wurde Gertrud Schlesinger mit ihren Kindern in die pommersche Kurstadt Kolberg an der Ostsee evakuiert, um den Bombenangriffen in Berlin zu entkommen. Seit dem Frühjahr hatten die Nachtbombardements auf die Stadt so sehr zugenommen, dass am 19. April aus dem Reichsinnenministerium der »Erlaß über die Umquartierung wegen Luftgefährdung und Bombenschäden« kam, der die forcierte und zentral gesteuerte Evakuierung »nicht kriegswichtiger« Personen aus Berlin und anderen Ballungsgebieten vorsah. Ganze Berliner Schulklassen wurden in diesem Sommer nach Pommern verschickt, aber auch nicht berufstätige Mütter mit Kindern und alte Leute. (Auch die ganz in der Nähe der Dunckerstraße lebende Bildhauerin Käthe Kollwitz musste in diesem August Berlin verlassen, im November wurde ihre Wohnung bei einem Bombenangriff zerstört.60)

Neben dem Ausmaß der Zerstörungen war auch die Versorgungslage zum akuten Problem geworden, auch sie sollte durch das Evakuierungsprogramm entspannt werden. Für den damals sechsjährigen Klaus Schlesinger hatte das unter anderem zur Folge, dass er sein erstes Schuljahr nicht in Berlin, sondern in Kolberg verbrachte. »Klaus ist ein aufgeschlossener Knabe und mit Feuereifer dabei. Sein Hausfleiß ist zu loben. Er hat einen guten Anfang gemacht«61, heißt es im Schulzeugnis der ersten Klasse. Einmal ist wohl auch der Vater in den Fronturlaub nach Kolberg gekommen.

Während dieses Jahres fragt er gerne in seinen Frontbriefen an, ob sie denn oft an den Strand gingen: gewiss eine tröstliche Vorstellung für ihn. Zurück nach Hause kehrten |32|sie nach genau einem Jahr; nun war schließlich weder in Kolberg noch in Berlin mehr an Sommerfrische zu denken. (Viele der Berliner Evakuierten, vor allem Schulklassen, wurden im August 1944 weiter nach Thüringen verschickt. Erwachsene entzogen sich dem allerdings oft, denn sie hatten es satt, ungewollte Quartiergäste zu sein, und zogen es wie Gertrud Schlesinger mit ihren Kindern vor, nach Berlin zurückzukehren.) Die Schule ging zunächst nicht weiter; zu sehr war das Leben nun schon vom Krieg gezeichnet. »1944 heulten durchschnittlich jeden dritten Tag die Luftschutzsirenen«62. Der Familienunterhaltsbescheid vom 30. August 1944 billigte Mutter und Kindern nach der Rückkunft ein monatliches Einkommen von 206 Reichsmark und 36 Reichspfenning zu:

Unterhaltssatz für die Ehefrau:

119.RM

 

Unterhaltssatz für 2 Kinder:

52.RM

 

Laufende Beihilfe für Feuer (Beschaffung):

34.RM, 66 Rpf.

 

Laufende Beihilfe für [keine Eintragung, A. K.]:

70.Rpf.63

 

Der Vater hoffte an der Front schon nicht mehr auf Päckchen von zu Hause, zumal sie ihn durch seine ständigen Bewegungen ohnehin kaum noch erreichen konnten. Am 1. Februar 1945 wurde Berlin zur Festung erklärt: als »Bollwerk gegen den Bolschewismus« sollte es mit allen Kräften gehalten werden. Dazu wurde nicht nur der Volkssturm mobilisiert, sondern es wurden auch Soldaten von den Westfronten abgezogen und nach Berlin in Marsch gesetzt. Zu ihnen gehörte vermutlich Hans Schlesinger, der bei einem Berliner Polizeiregiment stationiert wurde.

Die Bombenabwürfe nahmen wieder zu, am 3. Februar 1945 zerstörte der schlimmste Luftangriff auf Berlin die gesamte Innenstadt. Klaus Schlesinger erinnerte sich später, »|33|wie plötzlich, ich stand am Fenster und spielte mit meinen Autos, alles um uns zu beben begann, ein ohrenbetäubender Lärm von Flugzeugen, die im Tiefflug über die Häuser dröhnten, das Explodieren der Bomben, die Splitter, die in unserem Zimmer einschlugen: Meine Mutter […] riß mich vom Fenster weg, wir stürzten die Treppen hinunter, zwei Stufen auf einmal, wollten nur in den Keller, der Schutz zu bieten schien – da sah ich, kurz vor der Kellertür, daß die Tür zum Tabakladen, der in unserem Haus war und in dem immer viele Leute saßen, […] daß diese Tür offen stand und sah einen Mann im Sessel sitzen, ganz friedlich und ruhig, schien mir, und ich wunderte mich schon, wie er bei so einer Panik so ruhig sitzenbleiben konnte, bis mir, beim zweiten Blick, (und alles in Sekundenschnelle) klar wurde, daß dieser Mann gar kein Gesicht mehr hatte, daß er tot war, so wie ich es hätte sein können, hätte meine Mutter mich nicht vom Fenster weggerissen. Und da schrie ich vor Angst um mein Leben, fiel die Kellertreppe fast hinunter, konnte mich lange nicht beruhigen, und habe Jahre gebraucht, bis dieses Bild nicht mehr so unmittelbar vor mir stand, wie ich es erlebt hatte.«64

 

Bereits ab Februar 1945 standen die sowjetischen Truppen an der Oder, und am 16. April begannen sie ihre Offensive. Die Berliner wurden zur Gegenwehr mit allen Mitteln aufgerufen. »Geschütze wurden in Stellung gebracht. Laufgräben gezogen, Gefechtsstände unter die Erde verlegt. Über Straßen und Brücken […] Tarnnetze gespannt, damit sie eins würden mit dem Grün der Wälder, die die Stadt umgaben.«65 Vielerorts – auch an der Ecke zur Dunckerstraße – wurden aus Pflastersteinen und Eisenträgern Barrikaden gebaut, um den sowjetischen Panzern den Weg zu versperren; man hatte verkündet, dass die Soldaten der Armee Wenck schon vor Potsdam stünden und bei Ankunft |34|in Berlin das Ruder wieder herumreißen würden: so lange aber sei durchzuhalten. »Dem sinnlosen Heldenmut der deutschen Verteidiger und dem Trommelfeuer aus sowjetischen Kanonen fielen nun die Häuser ganzer Straßenzüge zum Opfer, die bislang noch nicht schwer beschädigt worden waren.«66

Mehrfach ist die Stadt in diesen beiden Wochen als apokalyptischer Ort bezeichnet worden. In Kurt Bartschs Roman Fanny Holzbein, einer in genau dieser Zeit angesiedelten Geschichte, heißt es: »Panzerwarnung, die unbeachtet verglüht. Zu viele Panzer sind unterwegs. Ein paar stehen ausgebrannt, behindern den nachfolgenden Verkehr. Haubitzen, Sturmgeschütze usw. kommen nicht durch, sie müssen blind in die Luft feuern. Blitze zucken. Maschinengewehre hacken ihre Leuchtspur kreuz und quer in die Gegend. […] Es regnet Sprengstücke. Steine prasseln. Häuser machen, schwer getroffen, einen Schritt nach vorn, brechen ins Knie. Staub rollt in schweren Ballen von ihnen ab. Über allem wölbt sich, von Feuersäulen getragen, eine Kuppel aus Ruß und Rauch.«67

Die Schutzräume für die Zivilbevölkerung waren sämtlich überfüllt, zumal viele der Evakuierten, wie ja auch die Schlesingers, nach Berlin zurückgekehrt waren. Der Aufenthalt in diesen Räumen »wurde für die Insassen […] zusehends zur Qual. Mangelhafte hygienische Bedingungen, gepaart mit der akuten Lebensgefahr und entsprechenden, zwischen Panik und Apathie schwankenden Stimmungen, prägten das Bild.«68 Klaus Schlesinger erzählt: »Unsere Mütter hatten die Wohnungen verlassen und waren mit uns in die Keller gezogen. Wir lebten dort über zwei Wochen, genau bis zum zweiten Mai, an dem es hieß, der Führer sei an der Spitze seiner Truppen gefallen. Die ganze Zeit waren wir ohne elektrisches Licht, und das Wasser mußten wir von der großen Pumpe Ecke Raumer holen. Wenn der Beschuß |35|ein wenig nachließ, liefen die Frauen, die älteren Männer und die Kinder, die schon größer waren, zur großen Pumpe und bildeten eine Schlange. […] Soldaten waren in unserer Gegend in diesen Tagen höchst selten zu sehen. Einmal hieß es, sie hätten am hinteren Ende des Helmholtzplatzes zwei Panzerabwehrgeschütze aufgestellt, aber am nächsten Tag wieder abgezogen, und in den letzten Stunden vor dem zweiten Mai wurden in der Nähe der Haltestelle der Linie 4 ein paar Russen gesichtet und zweihundert Meter weiter […], getrennt nur durch die Barrikade am Anfang der Vorderduncker, einzelne Gruppen von SS-Leuten.«69

Die schlimmsten Kämpfe konzentrierten sich allerdings auf die Flakbunker, die als die wichtigsten Stützpunkte der Abwehr angesehen wurden. Die Gegend um die Dunckerstraße lag gewissermaßen im Windschatten der Bunker im Humboldthain und im Friedrichshain und blieb somit auch in diesen Tagen vergleichsweise verschont. Nur in der Dunckerstraße 6 war schon vorher eine Bombe ins Vorderhaus gefallen und hatte es bis auf die erste Etage niedergerissen.

 

Am 2. Mai war für Berlin das Kriegsende gekommen: »Am 30. 4. 45 hat sich der Führer selbst entleibt und damit uns, die wir ihm die Treue geschworen hatten, im Stich gelassen. Auf Befehl des Führers glaubt Ihr noch immer um Berlin kämpfen zu müssen, obwohl der Mangel an schweren Waffen, an Munition und die Gesamtlage den Kampf als sinnlos erscheinen lassen. Jede Stunde, die ihr weiterkämpft, verlängert die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung Berlins und unserer Verwundeten. Jeder, der jetzt noch im Kampf um Berlin fällt, bringt seine Opfer umsonst. Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen fordere ich Euch daher auf, sofort |36|den Kampf einzustellen.«70 – so der Wortlaut der vom Stadtkommandanten Helmuth Weidling verantworteten Kapitulation.

Noch zwei Tage lang kam es zu kleineren, versprengten Schusswechseln, doch die meisten Leute hängten, zwar in panischer Angst vor den Russen, aber mehr als kriegsmüde, weiße Tücher aus den Fenstern und ließen Nazi-Embleme und alle sonstigen Zeichen ihrer Anhängerschaft verschwinden.

 

»Ich stand auf dem Gehsteig der Straße inmitten der Menschentraube vor dem Haustor, Frauen, Kinder und Krüppel in weißüberstrahlter Straße, die alle linksseits blickten, in Richtung der Hauptstraße […], aus der sie einbogen, die vormals Stolzen, die Krieger, waffenlos nun, tressenlos, eilig um die Ecke, durch den schmalen Gang der [Panzer]Sperre hindurch, nach Hause zu Muttern […], im Laufen Antworten von sich warfen auf die sorgenvoll knappen Fragen der Frauen, ham Sie diesen gesehen oder jenen, wo sind denn die Russen jetzt, und kommen sie bald?, […] oder auch in Frauenarme fielen, die sich ihnen entgegenbreiteten, Kinder schwenkten in freudiger Gewohnheit, dann in den Haustüren verschwanden, nu aber runter mit dem Zeug, und einen sah ich, der sich in weniger als zwei viertel Stunden wieder einfand in der weißen Straße, verwandelt, glattrasiert, in Filzschuhen und weißem Hemd, und sich zu den Wartenden gesellte vor der Haustür«.

Michael71

 

Nicht alle waren so schnell anpassungsfähig wie der Mann in den Filzschuhen, an den sich Schlesingers Romanfigur Michael hier erinnert – das weiß er von sich selbst am besten: »Ich habe an den Führer geglaubt. Ich habe daran geglaubt, daß Deutschland diesen Krieg nie verlieren kann, das geht nicht. Ich empfand es als große Demütigung, was da passierte. Das hat lange gedauert, ehe ich drüber weg |37|war.«72 Und über den mit autobiographischen Zügen versehenen Michael heißt es auch, er habe am 2. Mai »in einer Anwandlung von Trotz und Ohnmacht auf ein Haus schräg gegenüber [gedeutet], wo sich im dritten Stockwerk ein weißes Tuch breit und auffallend über zwei, drei Fenster spannte, prustete laut heraus, sieh dir das nur an, die können sich nich dicke genug tun, spürte im gleichen Moment [die] Hand [seiner Mutter] sich fest um [s]einen Kiefer schließen, hörte ihre erschrockene […] Stimme, Junge, sei doch still, du verbrennst dir noch den Mund.«73

 

Die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Verlautbarung vom Tod des Führers an der Spitze seiner Truppen und dem, was allseits bekannt war (»vom Schicklgruber, vom Teppichbeißer, der Gift gefressen haben sollte wie ’ne räudige Ratte, und dann in ’n Sack und Benzin rüber und angesteckt, und wir ham die Zeche zahl’n müssen«74), sowie die abrupte Umkehrung dessen, was die Leute auf der Straße als ihre Meinung vertraten, gehörten zu den ersten prägenden Widersprüchen, die der Junge in seinem Leben zu verarbeiten hatte. Dazu kam die Geschichte mit den Russen: Zunächst zogen sie nur »in Kolonnen die Danziger Straße hinauf, längs der Straßenbahnlinie vier, Richtung Wedding; stämmige braungebrannte Männer auf Panjewagen, vor denen zottige Pferde gespannt waren«75. Kurz danach aber »stopfte meine Mutter in höchster Erregung seine [des Vaters, A. K.] zweite Uniform in den Ofen und rief, die Russen kämen, liefen von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung und suchten nach Männern! Wenn sie die Uniform fänden! – Es war Mai, die Sonne schien, der Ofen qualmte zum Gotterbarmen. […] Abends, wenn die Sperrstunde begann, verbarrikadierten wir die Haustüren mit Eisenträgern und mächtigen Bohlen. Manchmal erwachte ich nachts durch harte, hämmernde Schläge. Dann |38|saß meine Mutter aufrecht im Bett und kaute an ihrer Unterlippe. Ein drohender, nicht vollendeter Satz, gefallen am Familientisch im letzten Kriegssommer, war mir im Kopf geblieben: Wenn die Russen das, was wir bei ihnen angerichtet haben, bei uns … Na, dann gnade uns Gott!«76

Es ist ihnen erspart geblieben. Lediglich einmal kam ein junger sowjetischer Soldat, wurde schon an der Wohnungstür von den Schreien der Mutter: »Nix Mann! Nix Mann!«, und ihrem wilden Gestikulieren überrumpelt und verzog sich. Auch von Vergewaltigungen wurde zumindest in ihrer Straße nichts bekannt. Für den schlimmsten Fall hatte der Vater ihnen eine Pistole Marke Sauer hinterlassen, damit die Mutter zuerst die Kinder und dann sich selbst erschießen könnte. Sein Großvater warf sie kurz nach dem 2. Mai in den Müll, und das Leben ging eben doch weiter.

 

Die Verwüstungen in der Stadt waren gewaltig. 40 Prozent der Häuser waren ganz oder teilweise zerstört, der öffentliche Verkehr war vollkommen lahmgelegt, die U-Bahn-Tunnel zu großen Teilen durch Wassereinbrüche überflutet, jede zweite Brücke kaputt, ein Drittel der Wohnungen zerstört, viele andere beschädigt und nur noch ein Viertel der einst 39 000 Berliner Krankenhausbetten benutzbar. Auch die Lebensmittelversorgung war zusammengebrochen. Ab dem 15. Mai galten die neuen Sätze für Rationen, die dem Einzelnen gerade mal zwischen 300 und 600 Gramm Brot, zwischen 20 und 100 Gramm Fleisch und zwischen 7 und 30 Gramm Fett pro Tag zumaßen. Schon in den letzten Kriegstagen, verstärkt aber in den Tagen nach dem 2. Mai kam es zu Plünderungen der Vorratslager, die von SS und Wehrmacht angelegt worden waren. »Auch meine Mutter war, zusammen mit meiner Tante und meiner Schwester, zum Wasserturm in der Rykestraße gelaufen, |39|unter dem ein riesiger Vorratskeller lag. Durch das Eingangstor wären Hunderte von Menschen geströmt und hätten herausgetragen, was sie gerade packen konnten. […] Drinnen wäre ein unvorstellbarer Tumult gewesen, die Leute hätten sich um die Sachen geschlagen, und beide wollten nur eines: gleich wieder hinaus. Meine Tante hätte noch den erstbesten Karton gegriffen und ihn unter Aufwendung aller Kräfte […] ins Freie gebracht. Schweißgebadet und erschöpft wären sie bei meiner Schwester angekommen und hätten erst dort festgestellt, daß sie einen Karton mit Bierhefe in den Händen hielten. Vor Enttäuschung hätte meine Mutter beinahe angefangen zu weinen, und sie wäre nicht mehr zu bewegen gewesen, das Vorratslager noch einmal zu betreten«77, lässt sich Schlesinger vierzig Jahre später eine Romanfigur erinnern.

Trotz des vollständigen Zusammenbruchs der Infrastruktur kam erstaunlich schnell »so etwas wie ein rudimentäres öffentliches Leben in der für die ersten gut zwei Monate ausschließlich von der Roten Armee besetzten Reichshauptstadt wieder in Gang. Der sowjetische Stadtkommandant Nikolai Bersarin tat sein Möglichstes, die Infrastruktur wieder instand zu setzen. Stunden- oder tageweise verpflichtete Berliner räumten in überraschend kurzer Zeit alle Hauptverkehrsstraßen von Trümmern.

Bersarins Offiziere brachten – spät zwar, aber immerhin – ihre marodierenden Soldaten weitgehend unter Kontrolle: Ab Mitte Mai 1945 nahmen die Vergehen gegen Frauen deutlich ab, ebenso die gewalttätigen Plünderungen.«78 Zum 11. Mai wurde eine Stadtpolizei aufgestellt, zum 17. Mai der Nachkriegsmagistrat unter Oberbürgermeister Arthur Werner zusammengerufen. Dem folgten der schnelle Aufbau einer neuen Stadtverwaltung sowie die Bemühungen um die Wiederherstellung des Gesundheitswesens.

|40|Ebenfalls im Mai erschienen mit der Täglichen Rundschau und der Berliner Zeitung die ersten neuen Tageszeitungen, und das kulturelle Leben insgesamt kam rasch wieder in Gang. »Schon am 13. Mai 1945, gerade einmal elf Tage nach der Kapitulation und neun Tage nach dem Ende der letzten nennenswerten Kampfhandlungen, fand in Berlin das erste offizielle Fußballspiel statt: Auf dem freigeräumten Sportplatz in Weißensee trat eine deutsche Mannschaft aus älteren Spielern örtlicher Vereine an gegen eine Auswahl der Roten Armee. […] Das Berliner Kammerorchester gab im Berliner Bürgersaal des Rathauses Schöneberg sein erstes Konzert.«79 Ab Ende Mai gab es sogar wieder erste Theatervorstellungen in Berlin.

 

Bei aller Normalisierung des Lebens warteten Gertrud Schlesinger und die Kinder noch immer auf die Rückkunft des Vaters. »Eine Woche vor dem zweiten Mai, ich glaube, an einem Mittwoch, war er das letzte Mal zu Hause. Die letzten Worte: Daß er bald wiederkäme. Spätestens nächsten Mittwoch. Da brauche er ja neue Wäsche.«80 Aber nicht mal eine Nachricht kam von ihm. »Damals noch gebetet. Jeden Abend, nach dem Vaterunser, inständiges Flehen, mein Vater möge wiederkommen. Bitte. – Alle waren wiedergekommen. Die meisten am zweiten Mai.«81

Die Befürchtung, dass er im »Kampf um Berlin« gefallen sein musste, ließ sich nicht mehr unterdrücken. »Eine Geschichte über meinen Vater würde anfangen mit seinem vermutlichen Todesdatum: die Woche zwischen dem 26. 4. und 2. 5. 45. Und mit Stägemanns (seines Kameraden […]) Äußerung: Da ist er in die Hände der Russen gefallen.«82 Genaueres ließ sich jedoch nie ausmachen. »Wir hörten mal von einem sogenannten Kameraden, dass er verletzt worden sei durch eine Splitterbombe, die da irgendwo einschlug, und schwere Verwundungen im Bein hatte, und der |41|Kamerad habe ihn dann in die […] Lindenstraße gebracht in ein sogenanntes Notlazarett und wollte eine fahrbare Trage holen, um ihn in ein richtiges Krankenhaus zu transportieren. Und als er diese fahrbare Trage hatte und zurückkam, war das ganze Gebiet schon eingenommen worden von der Roten Armee, und da konnte er nicht hin und wir wissen weiter nichts. Das ist die einzige Aussage, die ich habe, ob das stimmt, weiß ich nicht. […] Ich habs damals nicht geglaubt, weil ich nicht glauben wollte, dass mein Vater tot sein könnte. […] Er war sehr wichtig für mich, also er war eigentlich die Bezugsperson.«83

 

Die Suche nach dem Vater hat für Schlesinger letztlich nie geendet. Auf eine entsprechende Frage antwortete er noch kurz vor Ende seines Lebens: »Ja, […] ich hab so etwas wie einen Vater gesucht. Was andere hatten, die Väter hatten, sie konnten sich von ihnen emanzipieren, sie konnten sich mit ihnen auseinandersetzen. Ich hatte diese Auseinandersetzung nicht.«84

Sublimiert findet sich dieser ihm im Leben verwehrte Disput in seinem ersten großen Roman Michael von 1971. Dort und anderswo vergegenwärtigte er sich den letzten Abschied von dem »grauuniformierten ernsten Mann, dessen Miene, dessen Augen mir genug verrieten, als ich ihn ansah, wie er im Zimmer stand, nach einem überraschenden Besuch von weniger als zehn Minuten schon zum Aufbruch bereit, oder vielmehr gezwungen durch jenen knappen, machtvollen Begriff Befehl«.85

Noch Jahrzehnte später suchte er nach Spuren seines Verbleibs, und sei es in einem (Massen-)Grab, und träumte wiederholt von ihm als einem weiterhin Lebenden. In einem Traumnotat von 1982 etwa beschreibt er eine Begegnung mit dem Vater, der mit »Stahlhelm und Stiefelhosen« gegen die Franzosen marschiert, während er selbst sich in |42|Gesellschaft einiger Schriftstellerkollegen befindet: »Ich lief hinter ihm her, rief: Papa! Papa! – aber, was ich geahnt hatte, er drehte sich nicht herum, fing aber plötzlich an zu reden, und zwar zu einem neben ihm gehenden Kameraden, kommentierte meine Rufe und sein Ignorieren, während ich im gleichen Moment sein Verhalten kommentierte [und] zwar zu meinen Begleitern«86. 1984 notierte er: »Er war zurückgekommen, hatte Verbindung gehalten mit meinem Cousin Gerhard, und als ich fragte, warum er nie Bescheid gegeben habe, verwies er auf meine Mutter, und ob ich nicht wüßte, wie sie gewesen wäre, damals, als er weggegangen sei – ich würde dann sicher verstehen. Ich erinnere mich heftiger Weinanfälle (Ich dachte: MEIN VATER!) vor einer Wohnungstür, gleich würde ich ihn sehen, aber ich erinnere mich nicht mehr, ob ich ihn in diesem Traum wirklich gesehen habe und nicht nur meine Vorstellung von ihm.«87

Auch die Mutter schien den Verlust ihres Mannes zeit ihres Lebens nicht verkraftet zu haben. Sie ist ohne neuen Partner geblieben, hat Hans Schlesinger exakt zwanzig Jahre nach seinem letzten Abschied für tot erklären lassen und erweckte in den Jahren danach nicht selten den Eindruck, als warte sie nun förmlich auf ihren eigenen Tod. Von den späten sechziger Jahren an schrieb sie wiederholt Briefe an ihre beiden Kinder, in denen sie ihr Ende unmittelbar bevorstehen sah und Anweisungen gab, was nach ihrem Tod wie zu regeln sei. Zudem war sie eine ausgesprochen strenge und penible Mutter (»BEIM ESSEN SPRICHT MAN NICHT! BEIM ESSEN ISST MAN!«88), dazu fordernd und besitzergreifend, vor allem gegenüber dem Sohn. Sämtliche Erwartungen, die sie sicherlich zusammen mit ihrem Mann in ihn gesetzt hatte, mögen sich nun potenziert haben.

Diese Art von Zuwendung empfand er als ausgesprochen |43|anstrengend, wenn nicht nervtötend, selbst noch als längst Erwachsener. Andererseits konnte er sich ihr kaum entziehen. Seine eigenen Kinder sollte er später – gewissermaßen im Gegenzug – betont lax erziehen, ihnen ungewöhnliche Freiheiten einräumen und sie vor gesellschaftlichen Zwängen aller Art abzuschirmen suchen. Und erst im Nachhinein wurde ihm bewusst, dass er damit wiederum zu weit in die andere Richtung gegangen sein und ihnen nicht unbedingt geholfen haben mochte.

 

Unübersehbar haben sich diese ersten Berliner Jahre mit Krieg, Vaterverlust und politischem Wechselbad nicht nur auf Schlesingers nachfolgende intellektuelle und moralische Sozialisation ausgewirkt, sondern auch auf sein gesamtes literarisches Werk: Die deutsche Schuld an Krieg und Völkervernichtung, die daraus resultierende Teilung mit all ihren Konsequenzen und die spezifischen Verflechtungen jedes Einzelnen in diese Zusammenhänge sollten ihm zum zentralen literarischen Thema werden.

 

»Ich erzähle es Ihnen deshalb, damit Sie sich ein Bild machen können, wie wahnsinnig das damals für uns war. […] ich bin hier aufgewachsen. Früher habe ich den Führer verehrt, ich meine, als Kind. Noch in der Schule haben wir alles nachgespielt, was wir über die Kriegsverbrecherprozesse gelesen haben. Ich war immer Keitel. […] Aber gleichzeitig […] bin ich durch die Straßen gelaufen und war Russe! Ja, ich war in der Roten Armee und habe in der Danziger Straße gegen die Amerikaner gekämpft. Tatsächlich!«

Die Spaltung des Erwin Racholl89

|45|Suche, Spiel und Selbsterprobung
1945–1961

|46|Klaus Schlesinger in den fünfziger Jahren

|47|»Ein Leben in den Provisorien des Nachkriegs«90

Die durch den Krieg entstandenen Schuttberge waren gewaltig; insgesamt 65 Millionen Kubikmeter sollten nach und nach abgetragen werden, und wie lange das dauern würde, war gar nicht abzusehen. Noch lange blieben ausgebrannte Fassaden und »von Schutt gesäumte Todestäler« ein alltäglicher Anblick. »Da und dort auf ihren bröckligen Hängen Frauen […]. In verwaschener Arbeitskleidung befreiten sie mit kleinen Hämmern Backsteine von Mörtelresten. Die Töchter König Sisyphos’!«91

Auch Schlesingers Mutter und die mittlerweile fünfzehnjährige Schwester Liane gehörten zu jenen Trümmerfrauen – schon weil sie nun selbst für den Familienunterhalt zu sorgen hatten und die Lebensmittelrationen für Beschäftigungslose die geringsten waren. Indessen waren er und seine Freunde, Kinder und der Kindheit entwachsen zugleich, weitgehend auf sich selbst gestellt. »In den chaotischen Monaten nach dem Kriegsende war ich, wie alle Jungen, ein Straßenkind. Der Wohnungsschlüssel hing uns am Band um den Hals, wir trugen schlechtes Schuhwerk und hatten vor keinem Erwachsenen, auch vor keinem Sieger, Respekt. Auf der Straße grölten wir vor Schadenfreude, als ein junger russischer Soldat, der offenbar zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Fahrrad gestiegen war, über den Damm taumelte und gegen eine Laterne fuhr.«92

Zugleich taten sie, was ihnen zumindest in den letzten Kriegswochen vollkommen verwehrt gewesen war: sie nahmen ihre Gegend wieder in Besitz und spielten – wen wundert|48|’s – den von den Erwachsenen verlorenen Krieg wieder und wieder miteinander nach. Neben den Zinnsoldaten, die man gegeneinander aufmarschieren lassen und aus gegebenem Anlass nun auch zerstören konnte, stand ihnen dazu die gesamte kaputte Stadt wie ein riesiger Abenteuerspielplatz zur Verfügung: »es war Sommer, Ferienzeit, wir lungerten auf der Straße herum, Benno Damp kam von der Ecke her, wiegender Gang, wilder Blick, Habt ihr wat vor? Ick weiß wat! – Wir liefen über den Alex bis zum Rathaus, stiegen durch die auseinandergebogenen Gitter der Kellerräume ins Innere, knöchelhoch das Papier verfallener Lebensmittelkarten, Bezugsscheine, Karteikarten, stiegen erst eine breite, dann eine winklige Treppe hinauf in den Turm, die Ruinen der Innenstadt lagen unter uns, noch nie war ich so hoch hinaus gelangt, die Menschen wie aus der Welt Liliputs, die wenigen Autos in Spielzeuggröße […], wir sammelten Steine und warfen sie […], verfolgten ihren Flug bis kurz vor dem Aufprall und zogen schnell die Köpfe ein, damit man uns nicht entdecke. Später krochen wir halbgebückt durch finstere Bogengänge, Modergeruch und dumpfer Widerhall der Schritte […], bis Bernie, stockend, die Vermutung äußerte, hier könne er doch, wenn er noch lebte, sich verborgen halten, wir sahen uns an, wußten alle, wen er meinte, starrten in die pechschwarze, uns ...

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