Logo weiterlesen.de
Keiner wird weinen

Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

Ganna-Maria Braungardt, geboren 1956, studierte russische Sprache und Literatur in Woronesh (Russland); Lektorin; seit 1991 freiberufliche Übersetzerin. Übertrug Polina Daschkowa, Ljudmilla Ulitzkaja, Boris Akunin und viele andere ins Deutsche.

Informationen zum Buch

In Prag wird ein junger Russe erschossen. Als Wolodja von der Armee zurück nach Moskau kommt, findet er seine Eltern und seine Großmutter ermordet vor. Die Übersetzerin Vera erhält geheimnisvolle Faxe, ein neuer Geliebter tritt in ihr Leben, und bald darauf wird ihr langjähriger, untreuer Freund erstochen. Das Verbindungsglied zwischen all diesen schrecklichen Vorfällen ist Skwosnjak, einer der grausamsten Männer der Moskauer Unterwelt. Schon jahrelang wird er erfolglos von der Miliz gesucht. Doch jetzt hat es sich Wolodja zur Aufgabe gemacht, gegen das Böse in der Welt zu kämpfen und wird darüber selbst vom Jäger zum Gejagten … Meisterhaft erzählt Polina Daschkowa die Geschichte eines Mörders aus »niederen« und eines Mörders aus »edlen« Motiven - und wie sie dazu werden konnten.

»Polina Daschkowa zeichnet präzise spannende Psychogramme.« FAZ.

»Die Königin des Gesellschaftskrimis.« Die Zeit.

Polina Daschkowa

Keiner wird weinen

Kriminalroman

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

Erstes Kapitel

Das morgendliche Prag roch nach nassem Straßenpflaster und warmem Weißbrot. Es war Ende Mai, und in der Stadt herrschte eine unglaubliche tropische Hitze. Gegen Mittag kletterte die Quecksilbersäule des riesigen Thermometers am alten Rathaus auf über sechsunddreißig Grad. Doch noch war früher, frischer Morgen. Die Straßen im Stadtzentrum füllten sich mit Menschenmassen und Autos, die Spatzen zwitscherten fröhlich, vom soeben mit Wasser besprengten Straßenpflaster stieg Kühle auf.

Die halbleere Straßenbahn überquerte gemächlich den Platz und fuhr ratternd um die Ecke. Ein Mann um die Dreißig auf dem letzten Sitz im vorderen Waggon zuckte heftig zusammen und murmelte auf russisch vor sich hin: »Warum nur? Warum?«

Die Frau neben ihm, eine ältere Dame mit einer karierten Tasche auf den Knien, schielte erstaunt zu ihm hinüber. Sie registrierte dunkelblondes Igelhaar, ein weiches, stupsnasiges Profil und eine blasse Wange mit ungepflegtem Dreitagebart.

Der junge Mann holte ein bereits benutztes Taschentuch hervor und schneuzte sich angestrengt. Er litt unter einer Allergie gegen Pappelflaum, die Nasenschleimhaut schwoll an, die Augen tränten. Er konnte kaum atmen, besonders wenn er nervös war. Und jetzt war er mehr als nervös – er war außer sich, verlor fast den Verstand. Sein Hals war wie versteinert. Er mußte den Kopf drehen, durch das hintere Fenster in den zweiten Waggon sehen. Von dort, aus der leeren Fahrerkabine, blickten ihn die ruhigen, unbewegten Augen des Mörders an. Er mußte sich davon überzeugen, daß das ein Trugbild war, ein Fiebertraum, eine Folge der schlaflosen Nacht. Er mußte sich lediglich umdrehen. Doch sein Hals war versteinert.

»Příští zastávka Invalidovna!« sagte der Schaffner nach einem herzhaften Gähnen ins Mikrofon.

Als Kind hatte sich Denis Kurbatow immer amüsiert, wenn er die Haltestelle mit dem für einen Russen komisch klingenden Namen passierte.

»Das ist eine Oma, eine uralte Oma mit Krückstock. Die heißt Invalidovna«, pflegte Denis zu seinem Bruder zu sagen.

»Nein«, widersprach Anton, »das ist eine Frau in mittleren Jahren – dick, bösartig und mit einem Watschelgang.«

Dann zwängten sie sich zur Tür, denn an der nächsten Haltestelle mußten sie aussteigen. Zwei Jahre waren sie diese Strecke gefahren, zur tschechischen Schule. Die Brüder Kurbatow, Anton und der ein Jahr jüngere Denis, hatten ihre ganze Kindheit lang nur miteinander gespielt. Von den tschechischen Jungen und Mädchen wurden die beiden mit einer eigenartig erwachsenen Höflichkeit gemieden. Es war 1976, die Erinnerung an die sowjetischen Panzer war noch lebendig. Die Klassenkameraden von Denis, 1968 geboren, konnten sich natürlich an nichts erinnern. Doch die mit Abscheu gepaarte Angst vor den dröhnend durch die engen Gassen der Stadt rasselnden Stahlmonstern hatten diese Kinder mit der Muttermilch eingesogen.

Wladimir Kurbatow, der Vater der beiden Jungen, war 1968 in die Goldene Stadt im Herzen Europas geschickt worden. Er unterrichtete an der Prager Universität Marxismus-Leninismus und Geschichte der KPdSU, war Doktor der Gesellschaftswissenschaften und Oberstleutnant des KGB. Er sprach perfekt Tschechisch, das hatte er am Institut für internationale Beziehungen gelernt. Auch seine Söhne schickte er nicht in die russische Botschaftsschule, sondern in eine tschechische Schule – erstens, damit sie die Sprache richtig lernten, und zweitens, damit sie lernten, mit Schwierigkeiten fertig zu werden und sich früh an ein fremdes Umfeld gewöhnten. Er trainierte die Jungen beizeiten für eine Karriere als Diplomaten und Spione und duldete keine Widerrede.

Der Blick des Killers brannte sich durch die dicke Fensterscheibe hindurch in Denis Kurbatows Hinterkopf. Kalter Schweiß rann ihm unter den Kragen seines zerknitterten Leinenhemdes. Die Straßenbahn hielt, die Frau mit der karierten Tasche schrak auf, erhob sich steif und ging zum Ausstieg. Als die Tür sich bereits langsam wieder schloß, hechtete Denis von seinem Platz, schob sie mit schlaffen, zitternden Händen auf und sprang im Anfahren ab.

Er lief die nasse Straße entlang, vorbei an gerade ihre Läden aufschließenden Fleischern, Obst- und Gemüsehändlern, an sperrangelweit offenen Türen stiller Morgencafés, an dem dunkelgrauen vierstöckigen Schulgebäude, in das er zwei Jahre lang gegangen war. Er lief sehr schnell, ohne sich umzudrehen. Die wenigen Passanten blickten ihm erstaunt nach.

Er wußte noch aus seiner Kindheit, daß es hier in der Gasse, ganz in der Nähe der Schule, zwischen einem Tabakladen und einem Friseur einen Durchgangshof geben mußte. Er erkannte sogar das Haus wieder, mit dem Paradeeingang zur Straße und dem Hintereingang zum stillen Hof. Doch die vordere Hoftür war nun aus Stahl, und daneben hing eine Wechselsprechanlage.

Im Friseurgeschäft lehnte ein molliges Mädchen im lila Kittel im Türrahmen, in der einen Hand eine Tasse Kaffee, in der anderen ein halbes knusprigbraunes Hörnchen.

»Bitte, mein Herr, kommen Sie herein, guten Morgen«, sagte sie auf tschechisch und lächelte freundlich.

Er trat ein in den süßlichen Geruch von Haarlack und Rasierwasser und ließ sich in einen Drehsessel fallen. Aus dem riesigen Spiegel blickte ihm ein blasser Mann mit schwarzen Ringen unter den Augen und stoppeligen, eingefallenen Wangen entgegen.

Die Friseuse in der Kittelschürze aß rasch ihr Butterhörnchen auf, leerte mit einem Schluck die Kaffeetasse und tauchte im Spiegel hinter Denis auf.

»Rasieren? Haareschneiden ist nicht nötig, oder?«

»Ja. Nur rasieren«, antwortete er heiser auf tschechisch. »Haareschneiden ist nicht nötig.«

Er hatte sich ein wenig beruhigt. Im Spiegel konnte er das breite, offene Fenster ausmachen, durch das ein Stück Straße gut einzusehen war. Ohne den Kopf zu drehen, konnte er die Vorbeikommenden beobachten. Ein Bankangestellter im strengen grauen Anzug erschien, eine junge Mama in Shorts schob einen Kinderwagen. Das etwa einjährige Mädchen darin hatte einen grellrosa Strohhut auf dem Kopf. Dann lief gemächlich ein alter Schornsteinfeger mit schwarzem Zylinder vorbei. Denis erinnerte sich, wie sehr er als Kind diese märchenhaft anmutenden Prager Schornsteinfeger gemocht hatte. In der Altstadt gab es viele Kamine, und die Schornsteine wurden noch immer gefegt wie vor dreihundert Jahren.

Der Schornsteinfeger schaute zum Fenster herein und nickte der Friseuse zu. Sie lächelte zurück und rief: »Guten Morgen, Herr Stašek!«

Unvermittelt ruckte Denis heftig mit dem Kopf. Das Rasiermesser glitt über seine Haut und hinterließ einen tiefen dünnen Schnitt.

»Ach, entschuldigen Sie, der Pan hat so plötzlich den Kopf gedreht, warten Sie, Augenblick …«, sagte das Mädchen aufgeregt und tupfte ihm mit einem sauberen Papiertuch das Blut von der Wange.

Der Mörder war gleich nach dem Schornsteinfeger aufgetaucht. Er war direkt vor dem Fenster des Friseurgeschäfts stehengeblieben, hatte sich eine Zigarette angezündet und blickte Denis nun seelenruhig durch den Spiegel an. Ihre Blicke trafen sich. Denis glaubte auf dem jungen Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart Spott zu erkennen.

»Entschuldigen Sie, junge Frau«, krächzte er kaum hörbar, »gibt es hier in der Nähe irgendwo ein Fax?«

»Ja, gleich um die Ecke, in der Ahornstraße, da ist ein Reisebüro. Von dort können Sie ein Fax schicken.«

Die Friseuse rasierte ihn vorsichtig zu Ende, fuhr mit dem Rasiermesser sanft über sein Kinn und wischte ihm den Schaum vom Gesicht.

»Wünscht der Herr noch eine Massage oder eine Maniküre?« fragte sie, während sie sein Kinn mit einem in Rasierwasser getauchten Tuch abtupfte.

Für eine Sekunde schloß Denis die Augen. Als er wieder in den Spiegel sah, war der Killer weg. Nur eine dünne Rauchsäule stieg vom Boden auf.

»Nein danke, nicht nötig.«

»Vierundzwanzig Kronen«, verkündete das Mädchen ein wenig enttäuscht.

»Entschuldigen Sie, wo ist bei Ihnen die Toilette?« fragte er, während er das Geld aus seiner Gürteltasche kramte.

Diesmal hatte er Glück. In der kleinen Kabine war ein Fenster, dick mit Ölfarbe überstrichen. Er riß den Riegel auf, schwang sich über das niedrige Fensterbrett und landete in einem menschenleeren Hof. Zunächst fürchtete er, das sei eine Sackgasse – der Hof sei auf allen vier Seiten von Häusern umschlossen, es gebe keinen Ausgang. Doch dann entdeckte er einen kleinen Torbogen, der mit Müllcontainern zugestellt war.

Ohne den Müllgeruch wahrzunehmen, hockte er sich hinter einen Container und sah hinaus auf die Straße. Es schien alles ruhig zu sein. Der schnurrbärtige Killer hatte ihn wieder verloren. Überhaupt – vielleicht hatte der Bursche am Fenster ihm nur ähnlich gesehen? Schließlich taten Denis die Augen weh und tränten wegen der Allergie, dazu die schlaflose Nacht, die Angst, die er ausgestanden hatte … Vielleicht hatte ihm ja gar keiner durch das Straßenbahnfenster seinen eiskalten Blick in den Hinterkopf gebohrt – und alles war nur Einbildung. Vielleicht hatte er den Killer bereits vor Stunden abgehängt, auf dem Hauptbahnhof? Oder doch nicht?

Denis verließ den Hof und lief rasch auf der Schattenseite der schmalen Straße entlang. Er hatte Hunger. Das war ein gutes Zeichen – also war die Gefahr wirklich vorbei. Von Kindheit an spürte er drohende Gefahr zuerst im Bauch.

Anton Kurbatow drückte auf »Gespräch unterbrechen« und wählte sofort erneut die Prager Telefonnummer. Ein Freizeichen, sonst nichts.

»Verdammt, wo treibst du dich bloß rum, Denis?« sagte er in den tutenden Hörer, wartete noch eine Weile, blätterte in seinem dicken Kalender und zündete sich eine Zigarette an.

Er saß nackt in einem klobigen Ledersessel. Draußen vorm Fenster dröhnte der morgendliche Kutusow-Prospekt. Die Moskauer Maisonne drang durch die schweren Seidenvorhänge.

»Ich hab dich doch gebeten, im Zimmer nicht zu rauchen!« Auf der Schwelle stand eine hochgewachsene dünne Frau um die Vierzig in einem durchsichtigen Negligé. »Und überhaupt, hör auf, ständig Prag anzurufen, sonst hab ich nachher eine Rechnung von hundert Dollar am Hals.«

»Entschuldige«, brummte Anton, drückte aber dennoch die Zigarette nicht aus und wählte erneut eine Prager Nummer. Diesmal wurde sofort abgehoben.

»Entschuldigen Sie«, sagte Anton auf tschechisch, »in Ihrem Hotel wohnt Herr Denis Kurbatow, Zimmer neununddreißig. Ja, ich weiß, wie ich direkt im Zimmer anrufen kann. Aber dort geht schon den zweiten Tag niemand ran. Ja, danke. Wenn Sie erlauben, rufe ich in einer halben Stunde wieder an.«

Ein Ascheklümpchen fiel auf den teuren flauschigen Teppich. Die Frau riß ihm die Zigarette aus der Hand.

»Wowtschik kommt heute zurück, und du saust hier rum und telefonierst auch noch dauernd auf meine Kosten ins Ausland!«

»Reg dich bitte nicht auf, Galja!« Anton sah rasch auf die Uhr, sprang mit einem geschmeidigen, katzenhaften Satz aus dem Sessel, warf Galja auf den Teppich und öffnete flink die Perlmuttknöpfe ihres Negligés.

»Du meinst, weil du so ein toller Lover bist, kannst du dir alles erlauben?« Galja gab ihm einen spielerischen Klaps auf den Po. »Dein Brüderchen wird sich wieder anfinden, wo soll er schon sein«, hauchte sie mit geschlossenen Augen.

Genau eine halbe Stunde später wählte Anton erneut die Prager Nummer. Galja machte ein gespielt wütendes Gesicht und ging ins Bad.

»Er hat seit zwei Tagen nicht im Hotel übernachtet? Ist sich das Zimmermädchen da ganz sicher? Bis wann hat er das Zimmer bezahlt? Also noch zwei Tage? Vielen Dank. Wenn er auftaucht, richten Sie ihm bitte aus, daß sein Bruder aus Moskau angerufen hat. Telefon- und Faxnummer der Firma haben sich geändert. Ich rufe ihn selbst an. Nochmals vielen Dank.«

Er legte auf, zündete sich eine weitere Zigarette an und blickte nachdenklich aus dem Fenster.

Nur gut, daß er sensibel war wie ein exaltiertes Dämchen. Das war bei Männern selten. Er hatte ein Gespür für nahende Gefahr: Da war sie, um die Ecke, war im nächsten Moment da … Das ließ sich nicht mit Worten erklären – der Magen zog sich zusammen, das Herz schlug dumpf und langsam.

So war es gestern gewesen, am frühen Abend, als er im Bierlokal »U Fleků« gesessen und sein phantastisches, unglaubliches Glück gefeiert hatte, an das er selbst kaum glauben konnte. Am liebsten hätte er sich gekniffen und sich gefragt: Ist das auch kein Traum? Ist das wirklich wahr?

Denis schaute zu, wie ein magerer junger Bursche an dem altersschwarzen Bierfaß das bernsteingelbe »Desítka« zapfte – helles Bier mit zehnprozentiger Stammwürze. Der Bursche wirkte wie ein Teil eines Fließbandes, die eine Hand schob unentwegt Bierseidel hin und her, die andere drehte den Messinghahn auf und zu. Denis wußte, daß diese Bierstube achthundert Jahre alt war und in den achthundert Jahren keinen einzigen Tag ihre Arbeit unterbrochen hatte. Auch das Bierrezept war noch dasselbe.

Das Goldene Prag war auch deshalb golden geblieben, weil es sich in jedem Krieg stets sofort dem Feind ergeben hatte. Die Türken, die Kreuzritter und andere Eroberer, und das waren im Laufe des Jahrtausends nicht wenige gewesen, hatten die wunderschöne Stadt nicht angerührt, Häuser und Kirchen nicht zerstört. Alles war in seiner ursprünglichen Form erhalten – die Karlsbrücke, der Sankt-Veits-Dom, die verwinkelten Gassen der Altstadt. Die schwarzen Pflastersteine des Wenzelsplatzes erinnern sich noch an die Feuer der Inquisition, in denen die weltberühmten Prager Alchimisten verbrannt wurden. Auch dieses alte Bierlokal mit den immer gleichen Tischen, Bänken und Bierfässern, mit »Desítka« und »Dvanácatka« war ein Symbol der Ewigkeit.

Denis spießte mit der Gabel das letzte in Soße getunkte Knödelstück auf, nahm einen Schluck von seinem dunklen »Dvanácatka« und erstarrte plötzlich. Warum? Woher kam dieses vertraute Gefühl einer Gefahr? Er hätte lieber nicht sein geliebtes dunkles Bier bestellen sollen. Es war zu stark, vernebelte den Kopf und ließ die Beine watteweich werden. Aber warum brauchte er jetzt einen klaren Kopf? Weil ihn aus der Tiefe des halbdunklen Saals eigenartige, reglose Augen beobachteten.

Denis versuchte durch den Tabakqualm hindurch das Gesicht auszumachen, erkannte aber nur einen akkuraten schwarzen Schnurrbart, einen mächtigen Hals und ein zerknittertes Jackett über einem schwarzen T-Shirt.

Warum starrt er mich so an? Vielleicht ein Schwuler? Davon hängen in den Bierlokalen viele rum, immerhin ist Touristensaison …

Doch ihm war klar, daß er sich etwas vormachte, daß er den Kopf in den Sand steckte wie ein dummer Strauß. Der Mann war kein Schwuler. Das war der Türke, der Killer. Denis hatte ihn schon einmal gesehen, auf dem Flughafen in Ankara. Damals war er entkommen, und das war ein Wunder gewesen. Zwei Männer hatten ihn verfolgt, ein junger und ein alter. Der hier war der Junge, der mit dem schwarzen Schnurrbart. Und er Idiot hatte gedacht, sie wären alle gefaßt worden. Er hatte es doch im Fernsehen gesehen. Der Korrespondent aus Ankara hatte sehr überzeugend berichtet, daß Interpol sie alle verhaftet habe. Aber wirklich alle, das gibt es eben nicht. Da saß er, einer von ihnen, hinten im Saal und durchbohrte Denis mit seinen kohlrabenschwarzen Augen. Das war vorauszusehen gewesen, aber was hätte er tun sollen? Bodyguards engagieren? Sich in einen gepanzerten Bunker verkriechen? Früher oder später hätten sie ihn auf jeden Fall erwischt, egal, ob in Moskau, in Prag, am Nord- oder am Südpol oder auf dem Grund des Ozeans. So hatte er immerhin ein Jahr in Ruhe gelebt. Dafür konnte er doch dankbar sein.

Aber warum gerade jetzt? Hing beides irgendwie zusammen? Ach was, Unsinn. Und wenn Anton in Moskau ebenfalls verfolgt wurde? Anton hatte kein so feines Gespür, er würde die Gefahr nicht rechtzeitig bemerken. Allein bei dem Gedanken daran wurde Denis übel. Doch Anton hatte ja mit der ganzen Geschichte nichts zu tun. Sie wollten Denis.

Ein wenig ruhiger geworden, rief Denis den Kellner heran, zahlte, gab ein großzügiges Trinkgeld und ging ohne Eile zum Ausgang. Er kannte sich aus in der Altstadt, er würde den Killer in den engen mittelalterlichen Gassen schon abhängen. Schließlich war er in dieser Stadt geboren. Hauptsache, die ganze Zeit in der Menge bleiben, an belebten Orten. In der Menge würde der Killer kaum schießen. Oder hatte er ein Messer?

Er durfte weder ins Hotel zurück noch ins Büro der Firmenfiliale, wo er sein Auto stehengelassen hatte. Womöglich lauerten sie ihm dort auf. Höchstwahrscheinlich war der Killer nicht allein.

Dann begann eine anstrengende Jagd durch die schönste Stadt der Welt. Denis liebte diese Stadt, er kannte die Geschichte jeder Straße der Altstadt, er fühlte sich hier wohl und geborgen. Nur jetzt nicht.

Es wurde Nacht, die Straßen leerten sich allmählich. Denis mischte sich unter eine Gruppe englischer Touristen und ging langsam über die Karlsbrücke. Die Touristen stiegen lärmend in einen Bus. Er sah sich um und entdeckte, daß er ganz allein unter dem hellen Strahl einer Straßenlaterne stand – eine lebende Zielscheibe. Er rannte in die Dunkelheit, entdeckte eine kleine Gruppe junger Leute und lief zu ihnen. Es waren Studenten aus Amsterdam. Sie boten ihm gleich einen Joint an. Er lehnte ab.

Hin und wieder glaubte er den schnurrbärtigen Killer zu sehen: hinter einer Ecke, im Schatten einer blühenden Linde. Die schwarzen, reglosen Augen spiegelten sich im Schaufenster eines Souvenirladens. Die berühmte Uhr am Altstädter Rathaus schlug Mitternacht. Langsam glitten die Figuren der zwölf Apostel im Kreis vorbei. Die Augen der wenigen Passanten waren alle nach oben gerichtet, da spürte Denis erneut den eisigen Blick. Der schnurrbärtige Mann im Leinenjackett schaute als einziger auf dem Platz nicht auf die berühmte Uhr mit den gotischen Figuren, sondern zu Denis Kurbatow.

Bisweilen hatte Denis geglaubt, der Killer habe ihn verloren, endgültig verloren. Er war schließlich Ausländer. Dann hatte Denis erleichtert aufgeatmet. Er mußte vor allem den Killer abhängen, danach konnte er entscheiden, was er weiter tat – zurückfliegen nach Moskau oder hier in Prag in einem sicheren Versteck untertauchen. Oder in Brno oder Bratislava, dort würden sie ihn bestimmt nicht suchen.

Aber erst einmal mußte er den Kerl abhängen. Doch er schaffte es nicht. Nach Mitternacht wurden die Chancen immer geringer. Die Straßen waren menschenleer. Ein Touristenbus nach dem anderen verließ die Innenstadt. Denis beschloß, sich zum Hauptbahnhof zu begeben. Er nahm ein Taxi. Durch die Heckscheibe sah er, daß der Schnauzbart ebenfalls in ein Taxi sprang.

»Dieser Kerl verfolgt mich schon den ganzen Tag«, sagte Denis auf tschechisch zu dem netten älteren Taxifahrer. »Ein verrückter Schwuler, wenn nicht gar ein Psychopath. Ich muß ihn abhängen.«

»Warum wendet sich der Herr nicht an die Polizei?« fragte der Taxifahrer.

»Dafür gibt es bislang keinen Grund. Er läuft mir bloß hinterher und glotzt mich an. Deswegen wird keiner verhaftet.«

»Keine Sorge«, sagte der Fahrer und lachte spöttisch, »den hängen wir ab.«

Der Fahrer kurvte virtuos durch die schlafende Stadt und brachte Denis auf so verschlungenen Wegen zum Hauptbahnhof, daß ihr Ziel unmöglich zu erahnen war.

Auf dem Bahnhof atmete Denis tief durch und beruhigte sich ein wenig. Den Schnauzbart war er nun wohl los. Die Augen fielen ihm zu. Er ließ sich im Wartesaal in einen bequemen Sessel fallen und schlief unversehens ein. Doch nach höchstens einer Stunde erwachte er von heftigen Bauchschmerzen. Unweit von ihm stand der Killer und schaute sich nervös um. Denis wäre am liebsten unter den Sessel gekrochen, verschwunden, unsichtbar geworden.

Der Killer entdeckte ihn. Hier würde er natürlich nicht schießen. Hier würde ihn sofort die Polizei schnappen. Dieser Türke war kein Idiot, der wartete einen passenden Moment ab. Und der würde früher oder später kommen, oder der Schnauzbart verlor irgendwann die Geduld und ballerte einfach drauflos.

Eine Durchsage mahnte, daß der Zug nach Bratislava in zehn Minuten abfuhr, von Gleis fünf. Denis erhob sich ohne Eile, rieb sich die verschlafenen Augen und ging zu den Bahnsteigen. Er führte den Killer zum Zug nach Bratislava.

Du wirst dir eine Fahrkarte kaufen müssen, mein Freund, wandte er sich in Gedanken an den Schnauzbart, du wirst dich gleich überzeugen können, daß ich in diesen Zug einsteige, und dann mußt du zur Kasse rennen. Schließlich wirst du es nicht riskieren, schwarz zu fahren. Unnötige Scherereien kannst du bei deinem heiklen Handwerk nicht gebrauchen.

Aber der Schnauzbart riskierte es und sprang in den Zug.

Denis lief rasch durch die Wagen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Der Schaffner wollte gerade die Tür verriegeln.

»Entschuldigung! Ich bin im falschen Zug, ich hab mich geirrt!« Denis riß die Tür auf und sprang aufs Nachbargleis.

»Sind Sie verrückt geworden!« rief ihm der Schaffner nach.

Es war kurz nach zwei Uhr nachts. Bis zum Morgengrauen lief Denis durch die Stadt und wußte nicht mehr, ob er sich das schnurrbärtige Gesicht nur einbildete oder ob der Killer wirklich in der Nähe war und der Trick mit dem Zug nicht funktioniert hatte. Gegen Morgen konnte er sich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten, die Allergie wurde schlimmer, seine Nase war völlig verstopft, die Augen tränten. Er brauchte wenigstens ein paar Stunden Schlaf. Plötzlich kam ihm in den Sinn, daß der Killer auch nur ein Mensch war und die nächtliche Jagd ihn ziemlich angestrengt haben dürfte. Doch gleich nach diesem beruhigenden Gedanken tauchte ein anderer auf: Wenn er nun abgelöst worden war? Den Schnauzbart kannte er. Aber wie sollte er den anderen erkennen?

Doch der Schnauzbart tauchte wieder auf – erst in der Straßenbahn, dann draußen vor dem Friseurgeschäft. Das konnte nicht endlos so weitergehen. Denis brauchte wenigstens eine kleine Atempause. Zunächst einmal mußte er etwas essen.

In der kleinen Bar dröhnte unter der Decke ein altmodischer Ventilator. Denis bestellte sich Rührei mit Schinken und zwei Espresso. In den unbequemen Kaffeehausstuhl gelehnt, beobachtete er, wie der dicke Inhaber mit der kecken Kochmütze auf dem Kopf an einem kleinen Elektroherd hinter der Theke Eier in die zischende Pfanne schlug.

Obwohl er keinen Appetit hatte, zwang er sich, alles aufzuessen. Nach der ersten Tasse des heißen, süßen Kaffees zündete er sich eine Zigarette an. Wenn das alles vorbei ist, kaufen Anton und ich das Haus in Karlštejn. Das von damals, das einstöckige aus dem vorigen Jahrhundert. Wir renovieren es, reparieren den Kamin, legen Wasser- und Abwasseranschlüsse und richten drei Badezimmer ein. Anton wird natürlich seine Weiber mitschleppen. Soll er ruhig! Im Haus ist genug Platz, außerdem hat es zwei separate Eingänge. Auf der Wiese vorm Haus könnte man einen kleinen Tennisplatz anlegen …

Denis verschluckte sich am heißen Kaffee. Er mußte furchtbar husten, konnte gar nicht aufhören. Tränen strömten ihm übers Gesicht, er wurde puterrot. Der Inhaber sah ihn von der Theke aus mitfühlend an, füllte Wasser in ein Glas und kam an seinen Tisch.

»Soll ich dem Herrn auf den Rücken klopfen?«

Doch Denis konnte kein Wort sagen, er schüttelte nur den Kopf, nahm das Glas und trank gierig das kalte Wasser. Das half.

»Nur Kaffee?« hörte er den Inhaber bereits am Nebentisch fragen.

»Ja, möglichst stark und mit Zucker«, antwortete jemand in gebrochenem Englisch.

Denis tupfte sich die tränenden Augen mit einer Serviette ab. Am Nebentisch saß der schnurrbärtige Killer.

»Und was soll ich meinem Mann sagen?« fragte Galja, während sie mit klopfenden Fingerspitzen die Tagescreme auftrug.

Jetzt, bei hellem Tageslicht, offenbarte der Toilettenspiegel, daß sie nicht mehr jung war. Ihr Gesicht war aufgedunsen, Augenbrauen und Wimpern waren farblos, Nase und Lippen ein wenig zu dick, überm Hals hing ein Doppelkinn.

»Sag deinem Wowtschik, während er in Stockholm seinen finsteren Geschäften nachgegangen ist, hat sich seine Frau mit einem feurigen jungen Liebhaber amüsiert. Und dieser Liebhaber, ein netter Kerl übrigens, hat ein paarmal in Prag angerufen.«

»Red keinen Quatsch.« Galja runzelte die Stirn.

Sie fuhr sich rasch mit einem rosa Schwamm über Kinn und Wangen, und eine gleichmäßige Schicht Make-up bedeckte ihr Gesicht. Anton war immer wieder verblüfft, wenn er sah, wie die nicht mehr junge, ziemlich verlebte Frau sich in eine gepflegte, auffallende Schönheit verwandelte.

Er hatte Galja Ignatjewa erst einen Monat, nachdem sie sich kennengelernt hatten, zum erstenmal ohne Make-up gesehen. Zuvor war sie selbst im Bett »in voller Maske« geblieben, wie sie selbst es nannte. Als Anton mit ihr unter der Dusche stand, begriff er, warum. Das laufende Wasser entblößte ein völlig anderes Gesicht. Seitdem genierte sie sich nicht mehr vor ihm.

»Ohne Make-up fühle ich mich wie ohne Haut«, sagte sie, »wie eine Schnecke ohne Schneckenhaus oder ein Igel, der auf dem Rücken liegt. Dir vertraue ich – sehr. Ich hoffe, du weißt das zu schätzen.«

Er wußte es zu schätzen. Überhaupt benahm er sich seinen zahlreichen Passionen gegenüber stets wie ein Gentleman, er duldete keine Tränen, keine Szenen und keine problembeladenen Trennungen. Er verstand es so einzurichten, daß jede glaubte, sie sei seine Einzige. Wenn er sich von einer Frau trennte, dann meinte sie stets, sie habe den leichtfertigen Schönling verlassen. Ein bißchen mit ihm gespielt und ihn dann verlassen. Das schmeichelte der Eitelkeit der alternden, sich langweilenden Damen, ob alleinstehend oder verheiratet, ob erfolgreiche Unternehmerin oder romantische reiche Müßiggängerin.

Anton war keineswegs ein Gigolo. Er mochte Frauen im balzacschen Alter. Aber er verabscheute Eintönigkeit. Wenn sich eine neue Affäre anbahnte, glaubte er jedesmal aufrichtig, die Sache sei ernst und von langer Dauer. Doch noch ehe sie zu Ende war, begann wie von selbst bereits die nächste. So kam es, daß Anton bisweilen mit drei, vier Damen gleichzeitig liiert war, ohne es eigentlich zu wollen.

Oft machten die Umstände es notwendig, daß er ein paar Tage untertauchen mußte. Dafür kamen ihm die Wohnungen seiner alternden Passionen gerade recht – das einzige berechnende Moment seiner Liebschaften mit reichen Damen im balzacschen Alter.

Diesmal war die Dienstreise des Dumamitgliedes Ignatjew nach Schweden für seine fünfundvierzigjährige Frau Galja und den dreißigjährigen Unternehmer Anton Kurbatow zu einer Woche der Leidenschaft geworden. Anton hatte eine Weile aus seiner Wohnung verschwinden müssen. Wieder einmal war ein Versuch der Brüder Kurbatow, schnell das große Geld zu machen, gescheitert.

Vor einem halben Jahr hatten sie eine kleine Maklerfirma zum Kauf von Immobilien in Tschechien gegründet. Eine Schnapsidee, wie alle ihre vorherigen Versuche, rasch reich zu werden. Es gab kaum etwas, das sie in den letzten fünf Jahren nicht verkauft hatten. Italienische Schuhe, deutsche Pampers und Tampons, türkische Lammfellmäntel, französische Schokolade, Reisen nach Zypern, amerikanische Fitneßprogramme, Wasser des Lebens aus Tibet, Haarwuchs- und Haarentfernungsmittel – es ließ sich gar nicht alles aufzählen.

Manchmal hatten sie sogar Glück und verdienten tatsächlich etwas. Zwei-, dreimal waren sie in diesen fünf bewegten Jahren in höchst unangenehme Geschichten geraten, hatten sich aber jedesmal im letzten Moment aus der Affäre ziehen können.

Diesmal wurde ihre Maklerfirma ernsthaft unter Druck gesetzt, und zwar gleich von zwei Seiten: zum einen von Banditen, zum anderen vom Finanzamt. Als die Sache losging, war Denis nach Prag gefahren, dort befand sich eine Scheinfiliale der Firma, bestehend aus einem Zimmer in der Wohnung ihres tschechischen Freundes Jiří Slovcík. Es mußten ein paar Dokumente beseitigt und Spuren verwischt werden.

Anton war in Moskau geblieben, um zu versuchen, sich wenigstens mit einer der feindlichen Seiten zu einigen, einen Kompromiß zu suchen, ein Schlupfloch, oder für eine sichere kriminelle Schirmherrschaft zu sorgen, die auf einen Schlag alle Probleme sowohl mit den Schutzgelderpressern als auch mit dem Finanzamt regelte.

Er hatte in diesen drei Tagen Kontakt zu entsprechenden seriösen Leuten aufnehmen können, doch die befanden, die kleine Maklerfirma sei ihrer hohen Protektion nicht würdig. Indessen nahm der Druck von beiden Seiten bedrohlichen Charakter an. Sie durften nicht mehr zögern. Anton traf eine Entscheidung: Die Firma verschwand, löste sich in Luft auf, als hätte sie nie existiert.

Den kleinen Keller, in dem sich ihr winziges Büro befunden hatte, ließ eine andere Firma nach Euro-Standard komplett modernisieren, ohne die geringste Ahnung von der Firma Star-Service zu haben, die noch vor einer Woche in diesen Räumen gesessen hatte. Telefon- und Faxnummer gehörten nun vollkommen Fremden. Anton selbst wanderte von einer Frau zur anderen und ließ sich in seiner Wohnung nicht blicken.

Das alles wußte Denis nicht. Er war in Prag. Ihr letztes Telefonat lag eine Woche zurück, da hatte die Lage noch nicht so hoffnungslos ausgesehen. Dann war die Verbindung abgerissen. Jiří Slovcík versicherte, Denis sei die ganze Woche nicht bei ihm aufgetaucht und habe auch nicht angerufen. Das Telefon in seinem Hotelzimmer blieb stumm. Doch Anton machte sich keine allzu großen Sorgen um seinen Bruder. Dort in Prag war es für ihn im Moment ruhiger als hier in Moskau.

Denis Kurbatow stürmte in den Kundenraum des kleinen Reisebüros in der Ahornstraße und sah sich gehetzt um. Es war kein einziger Kunde im Raum.

»Guten Morgen, mein Herr. Kann ich Ihnen behilflich sein?« fragte das Mädchen am Computer lächelnd.

»Ein Fax, bitte! Ich muß dringend ein Fax nach Moskau schicken!«

»Heilige Muttergottes! Denis!« Das Mädchen stand auf.

Sie war groß, ein wenig füllig und sehr hübsch. Dichter leuchtendroter Haarschopf, große runde, dunkelgrüne Augen, weiches ovales Gesicht, volle Lippen. Denis starrte sie minutenlang begriffsstutzig an.

»Habe ich mich etwa so verändert?« Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Aber du hast dich auch verändert. Nach so vielen Jahren.« Sie seufzte. »Ich bin Agneška Klimovicová. Jetzt Böhmová.«

Agneška … Daß er sie nicht gleich erkannt hatte! Mit vierzehn waren sie ein schicksalhaftes Dreieck gewesen: Der rothaarigen Agneška gefiel Anton, und sie gefiel Denis. Seine erste Liebe – bitter, dumm und unsinnig. Er war nicht eifersüchtig gewesen auf seinen Bruder. Es hatte nur weh getan.

Damals war ihr ganzes Gesicht mit kräftigen frechen Sommersprossen übersät gewesen. Sie war sehr dünn und lang, hielt sich krumm und genierte sich furchtbar. Sie schmachtete Anton an, gab ihm ihre Schlagsahne und schrieb ihm seine Aufsätze.

In der vierten Klasse hatte Vater Kurbatow seine Söhne aus der normalen tschechischen Schule herausgenommen und in ein privilegiertes Lyzeum geschickt, das von Kindern der Prager KGB-Mitarbeiter, Jungen und Mädchen aus der sowjetischen Botschaft und der Handelsvertretung besucht wurde. Die Klassen hatten maximal zehn Schüler, auf vier Tschechen kamen sechs Russen. Agneškas Vater war ein hoher Beamter in der Regierung der Tschechoslowakei. Sie ging mit Anton in eine Klasse.

»Wo sind denn deine Sommersprossen, Agneška?« fragte Denis.

»Na endlich!« Sie lachte. »Ich habe keine mehr, ich hatte sie satt. Hör mal, bist du lange in Prag? Und wie geht’s Anton? Nun setz dich doch, ich mach uns einen Kaffee.«

»Ja, danke.« Er ließ sich in einen weichen Ledersessel nieder und warf einen Blick auf die Glastür. »Anton geht es gut. Und ich … Ich bin geschäftlich hier … Hör mal, kann ich ganz schnell ein Fax nach Moskau schicken?«

»Natürlich.« Sie nickte. »Das Fax steht da drüben.«

Er stand auf, ging zum Faxgerät und schrieb in großen Druckbuchstaben ein paar Worte auf tschechisch auf ein Blatt Papier. Eine Adresse. Karlštejn, Straße … Hausnummer … Zweiter Stock … Mokka … Türkei … Brunhilde …

»Was ist denn das, eine chiffrierte Spionsbotschaft?« fragte Agneška belustigt, als sie ihm über die Schulter schaute,.

Das Gerät meldete, daß das Fax nach Moskau abgegangen sei.

»Geschäftsgeheimnis«, sagte Denis und lachte nervös.

»Na schön, ich geh Kaffee kochen. Du kannst ja solange eine rauchen. Und überhaupt – entspann dich. Du wirkst irgendwie so hektisch.«

»Danke. Was bin ich dir schuldig?«

»Laß gut sein!« Sie winkte fröhlich ab.

Und verschwand hinten im Kundenraum. Allein im Büro, knüllte Denis das Blatt Papier in der Faust zusammen und steckte es in die Tasche seiner Jeans. Dann überlegte er kurz, holte es wieder hervor, riß das Stück mit dem Text ab, legte es in einen großen Messingaschenbecher und zündete eine Ecke mit seinem Feuerzeug an. Er drehte sich mit dem Sessel, zog aus der zusammengequetschten Packung eine Zigarette, stellte mechanisch fest, daß es seine letzte war, und zündete sie an. Das Stück Papier krümmte sich und wurde schwarz. Nach wenigen Sekunden war es verbrannt.

»Denis!« rief Agneška von nebenan. »Wieviel Zucker?«

»Zwei Löffel!« rief er zurück.

»Ist Anton verheiratet?«

Es kränkte ihn ein wenig, daß Agneška zuerst nach Anton fragte.

»Nein!« rief er. »Ich auch nicht.«

Geräuschlos öffnete sich die Glastür. Denis erkannte noch den schwarzen Schnurrbart, das zerknitterte Leinenjackett, den bis zum Ellbogen hochgekrempelten Ärmel und den schwarzbehaarten Arm. Die Pistolenmündung mit dem Schalldämpfer sah er nicht mehr, auch zum Schreien kam er nicht.

Im Nebenzimmer pfiff gerade Agneškas Wasserkocher. Niemand hörte das kurze Ploppen.

»Hab ich dich eigentlich gefragt, ob du gefrühstückt hast? Ich könnte schnell ein paar Hörnchen aufbacken …«

Agneška erstarrte mit dem Tablett auf der Schwelle. Sie vergaß, daß auf dem Tablett zwei Tassen mit heißem Kaffee standen, und preßte die Hand vor den Mund. Die Tassen fielen klirrend zu Boden, zerbrachen, und die süße braune Flüssigkeit floß über den Teppich.

Wieder zu sich gekommen, fing Agneška an zu weinen und rief die Polizei und den Notarzt an.

Zweites Kapitel

Vera Saltykowa hörte das Faxgerät summen, drehte sich auf die andere Seite und wickelte sich in ihre Decke. Sie war todmüde, obwohl es schon elf Uhr vormittags war. Sie war um vier ins Bett gegangen und konnte sich nun nicht zwingen, die Augen aufzumachen.

»Verotschka! Ich gehe!« rief ihre Mutter im Flur.

Vera murmelte eine undeutliche Antwort und zog sich die Decke über den Kopf. Die Tür klappte. Ein paar Minuten lang war es still. Dann klackten vier Pfoten eilig übers Parkett.

»Huh!« rief Vera, als eine kalte, nasse Hundeschnauze ihre Ferse kitzelte. »Matwej, ich schlafe, laß mich in Ruhe.« Sie rollte sich auf der breiten Couch zur Wand und zog die Beine an.

Der zweijährige rotbraune Irische Setter stellte die Vorderpfoten auf die Couch, schob die Nase unter die Decke und leckte Vera ungeniert die Wange.

»Warum?« stöhnte Vera. »Warum erlaubst du dir so was bei Mama nie?« Sie öffnete endlich die Augen und richtete sich auf.

Der Hund setzte sich auf den Boden, erhob sich dann, streckte eine Pfote aus, wedelte wie wild mit seinem buschigen Schwanz, bellte ein paarmal kurz und schaute Vera mit großen, tieftraurigen braunen Augen an.

Vera kroch fröstelnd unter der warmen Decke hervor und ging zum Schreibtisch.

»Na, was haben wir denn da Schönes gekriegt?« murmelte sie und blätterte die Faxseiten durch, die in der Nacht angekommen waren.

Es waren meist lange, kleingedruckte Texte in englisch und französisch.

»Aha, wieder was über Meeressäuger, etwas über die Fauna des Eismeeres, ein Aufruf zum Schutz von Walbabys, noch ein Aufruf«, murmelte Vera vor sich hin, wobei sie sich die Seiten dicht vor die Augen hielt. »Aber das hier ist totaler Quatsch. Mein Gott, was ist denn das für eine Sprache?«

Ein Blatt mit zwei Zeilen handgeschriebenen Textes in großen Buchstaben in der Hand, suchte Vera nach ihrer Brille. Auf dem Tisch lag sie nicht, auch nicht auf dem Nachttisch am Bett.

»Matwej, komm, hilf mir«, wandte sie sich an den Hund, »such, Matwej, such!«

Der Hund lief geschäftig in den Flur und kam kurz darauf mit einer weißen Socke in der Schnauze zurück.

»Nein, Matwej«, seufzte Vera. »nicht das. Die Brille!«

Sie tapste barfuß in die Küche, dann ins Bad.

Matwej rannte indessen wieder in den Flur, kam zurück, legte Vera seine Vorderpfoten auf die Schultern und hielt ihr einen alten Turnschuh unter die Nase.

Das Telefon klingelte.

»Ist da die Firma Star-Service?«

»Falsch verbunden«, brummte Vera, legte auf und entdeckte endlich ihre Brille – auf dem Telefontischchen im Flur.

»Ich glaube, das ist Polnisch«, sagte sie nachdenklich, während sie die lateinischen Buchstaben studierte, »oder Tschechisch. Karlštejn … Klingt deutsch. Aber das liegt nicht in Deutschland. Ist das nicht eine kleine Stadt bei Prag?«

Das Telefon klingelte erneut.

»Könnte ich bitte Anton sprechen?« Diesmal war es eine Frauenstimme.

»Sie sind falsch verbunden.« Vera wollte schon auflegen, als die Stimme fragte: »Ist da die Firma Star-Service«?

»Junge Frau, hier ist keine Firma. Bitte streichen Sie die Nummer aus Ihrem Telefonbuch, und rufen Sie hier nicht mehr an.«

Diese albernen Anrufe nervten Vera und ihre Mutter schon seit drei Tagen. Man hatte ihnen urplötzlich eine neue Telefonnummer zugeteilt, und nun klingelte unentwegt das Telefon, ob um Mitternacht oder früh um fünf.

Kurz zuvor hatte Vera Saltykowa einen Übersetzungsauftrag bekommen. Drei Monate hatte sie ohne Arbeit dagesessen, dann rief vor einer Woche eine Freundin an und sagte, Greenpeace werde in Moskau eine Konferenz zu globalen Fragen des Umweltschutzes abhalten. Dafür würden Übersetzer für Englisch und Französisch gesucht. Vor Beginn der Konferenz müsse eine Menge Informationsmaterial übersetzt werden, das per Fax aus der ganzen Welt eingehen würde, anschließend folgten zehn Tage Simultandolmetschen, zwölf Stunden am Tag. Gezahlt werden sollte nach international üblichen Tarifen, sie könne also anständiges Geld verdienen.

Vera hatte natürlich eingewilligt und den Vertrag unterschrieben. Gestern vormittag war bei ihr zu Hause das Faxgerät installiert worden. Die angekündigten Texte gingen in großer Zahl ein. Hin und wieder fanden sich zwischen flammenden Aufrufen zum Schutz der Meeressäuger, der Reinheit der Gewässer von Arktis und Antarktis Texte in russisch über Kredite, Verträge und Immobilienpreise, adressiert an die bewußte Firma Star-Service, deren Namen Vera und ihre Mutter schon nicht mehr hören konnten. Vermutlich hatte Star-Service pleite gemacht, und nun versteckten sich die einstigen Inhaber vor ihren aufdringlichen Gläubigern.

Noch immer das Blatt mit dem merkwürdigen polnischen oder tschechischen handgeschriebenen Text ohne Anrede und Adresse in der Hand, ging Vera ins Bad und drehte den Wasserhahn auf. Das Wasser war nicht heiß, sondern eiskalt. Natürlich, heute morgen war für anderthalb Monate das warme Wasser abgestellt worden! Wie dumm von ihr – warum hatte sie sich nicht gestern die Haare gewaschen? Na schön, mußte sie eben auf dem Herd Wasser heiß machen.

Vera gähnte herzhaft, warf das Fax auf den Küchentisch und zündete zwei Gasflammen an. Während das Wasser warm wurde, setzte sie sich aufs Küchensofa und las zerstreut noch einmal die lateinischen Buchstaben des rätselhaften Faxes. Sie hatte sich mal für Graphologie interessiert. Sie begriff nicht gleich, warum sie die großen lateinischen Buchstaben so aufmerksam betrachtete, doch dann wurde ihr klar: Der Schreiber war sehr aufgeregt gewesen. Seine Hand hatte gezittert, aber die Schrift deutete nicht auf einen Alkoholiker oder Kranken. Der Absender war sehr nervös gewesen und in Eile, hatte sich aber trotzdem bemüht, jeden Buchstaben möglichst sorgfältig zu schreiben – es war ihm wichtig, verstanden zu werden.

Der Inhalt des Textes war nicht schwer zu verstehen: »Karlštejn, Mložek-Straße 37, zweiter Stock. Mokka. Türkei. Brunhilde.« Karlštejn war eine kleine Stadt bei Prag. Vera hatte vor fünf Jahren mit ihrer Mutter eine Reise nach Tschechien gemacht. Aber was bedeutete »Mokka«? Kaffee? Ein Spitzname vielleicht? Warum kein Name, nur eine Adresse? Und wieso »Türkei« und »Brunhilde«? Brunhilde war eine Gestalt aus einem germanischen Heldenepos. Das war entweder ein Spiel oder eine Spionagechiffre. Aber Spione übermittelten ihre Informationen irgendwie anders …

Vera erinnerte sich gut an das gemütliche Karlštejn. Dort gab es nur kleine Häuser mit meist ein, zwei Etagen. Ihre Touristengruppe hatte ein Schloß aus dem vierzehnten Jahrhundert mit einer weltberühmten Sammlung gotischer Malerei und Ritterwaffen besichtigt.

Das Wasser in den beiden großen Töpfen wollte und wollte nicht kochen. Um keine Zeit zu verlieren, setzte sich Vera im Nachthemd an den Schreibtisch, schaltete den Computer ein und wollte sich an ihre Übersetzung machen, als erneut das Telefon klingelte.

»Ja«, bellte sie in den Hörer.

»Guten Morgen, liebe Vera …«

Beim Klang dieses Baritons zuckte Veras Herz zusammen.

»Guten Tag, Stas«, sagte sie so ruhig wie möglich.

»Wie geht’s? Was macht Mama?« fragte der Bariton hastig.

»Danke, gut.« Vera bemühte sich, möglichst frostig zu klingen, aber ihre Stimme zitterte verräterisch.

»Hättest du vielleicht ein paar Stunden Zeit für mich?«

»Nein, entschuldige, ich habe sehr viel zu tun.«

Vera dachte, daß sie sofort auflegen sollte, das sollte sie überhaupt jedesmal tun, wenn sie diesen angenehmen Bariton vernahm. Oder noch besser, sie sagte: »Stas Selinski, sei so gut und ruf mich nie mehr an.«

Aber sie hatte ihn ja vorgestern selbst angerufen und ihm ihre neue Telefonnummer auf den Anrufbeantworter gesprochen. Sie selbst!

»Wenigstens ein Stündchen. Ich komme, wann immer es dir paßt, Vera, bitte, hilf mir noch ein letztes Mal, ich bitte dich. Du weißt doch …«

Sie wußte: Sie sollte wieder etwas für ihn übersetzen, ihm ein paar Seiten albernen Text auf französisch oder englisch schreiben, im Ausland anrufen oder mit irgendeinem Finnen über die Lieferung einer Partie Papier verhandeln. Stets wollte er etwas in der Art von ihr, und er genierte sich kein bißchen.

»Wann legst du dir endlich eine Sekretärin zu oder heiratest eine Frau, die wenigstens eine Fremdsprache beherrscht?« fragte Vera leise.

»Nicht böse sein, Vera, mein Sonnenschein, du bist doch ein kluges Mädchen, und überhaupt, ich hab solche Sehnsucht nach dir.«

»Ich habe viel zu tun. Ich kann nicht.« Ihre Stimme zitterte, sie blickte in den Spiegel über dem Telefontischchen und sah, daß ihre Wangen glühten.

Du dumme Pute, alte Memme! beschimpfte sie im stillen ihr struppiges, ungewaschenes Spiegelbild. Hast du denn keinen Funken Würde im Leib?

»In einer Stunde. Nein, in zwei Stunden«, sagte sie hastig und blickte ihrem Spiegelbild haßerfüllt in die Augen.

Sie legte auf, lief in die Küche, schaltete das Gas unter den beiden Töpfen ab, in denen inzwischen das Wasser kochte, und rannte ins Bad, wobei sie sich mit dem überschwappenden heißen Wasser beinahe die Beine verbrühte.

Sich, in der kalten Wanne hockend, mit warmem Wasser aus einer Schöpfkelle zu waschen ist sehr unbequem. Im Flur klingelte schon wieder das Telefon, Vera bekam Shampoo in die Augen, Matwej kratzte mit der Pfote an der Tür und jaulte klagend. Im Hof schoß jemand Feuerwerkskörper ab. Der Hund hatte panische Angst vor dieser Knallerei und versteckte sich immer im Bad, das für ihn offenbar eine Art Luftschutzraum war.

Vor Kälte bibbernd, wickelte sich Vera in ihren Frotteebademantel und öffnete die Tür. Draußen knallte es erneut. Der Hund stürmte erschrocken ins Bad und kippte den Plastikeimer mit dem restlichen warmen Wasser um.

Das wird ein schlimmer Tag, dachte Vera, während sie das Wasser aufwischte, und überhaupt steht alles bei mir schlimm. Ich werde demnächst dreißig. Ich habe keinen Mann, keine Kinder, keine feste Arbeit. In diesem Monat habe ich zwei Kilo zugenommen.

Vera richtete sich auf, strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht und schnitt sich selbst eine häßliche Grimasse.

Na los, streng dich an, mach dich schön, lüg dir vor, daß es ihm wichtig ist, wie du aussiehst. Du bist für ihn nur ein dickes Wörterbuch, ein Computer, den er ein- und ausschalten kann, wie er gerade Lust hat.

Als Kind hatte man Vera »Pfannkuchen« gerufen. Sie war klein und rundlich gewesen, hatte hellblondes Haar und blaßblaue Augen. Auch ihre Augenbrauen und Wimpern waren hellblond, und sogar sie selbst fand, ihr rundes, weiches Gesicht sehe aus wie aus Teig, wie ein Pfannkuchen eben. Ihre Haut war weiß und zart, sehr empfindlich gegen Sonne und Wind. Bei Frost wurde ihre kleine Stupsnase augenblicklich rot, bei Sonne verbrannte sie und pellte sich. Sobald sie nur ein bißchen nervös war, glühten ihre Wangen puterrot. Jedes Gefühl spiegelte sich umgehend auf ihrem Gesicht. Sie konnte nicht lügen und sich nicht verstellen. Wenn sie enttäuscht war, wurde ihr Gesicht unwillkürlich lang, die Mundwinkel hingen wie von selbst herab. Wenn sie sich freute, strahlten ihre Augen leuchtendblau, ihr Mund verzog sich zu einem glücklichen Welpenlächeln, die Wangen röteten sich sanft. Sie wußte um diese dumme Eigenheit, war aber machtlos dagegen.

Seit ihrem siebten Lebensjahr trug Vera eine Brille, die ihr nicht stand, weil sie ihre ohnehin nicht großen Augen noch verkleinerte und sie gänzlich uninteressant und unweiblich aussehen ließ. Mit zwölf versuchte Vera ein paar Pfunde abzuhungern. Sie aß den ganzen Tag nichts. Um das sensible Thema nicht mit ihrer Mutter diskutieren zu müssen, machte sie sich, wenn sie aus der Schule kam, die bereitstehende Suppe warm, füllte sie in einen Teller, den sie dann ordentlich in die Toilette leerte, abwusch und im Abtropfgestell stehenließ.

»Hast du was gegessen, Kind?« fragte die Mutter jeden Tag, wenn sie von der Arbeit kam.

»Natürlich«, antwortete die Tochter, wandte sich ab und wurde glühendrot.

Nachts schlich Vera dann in die Küche und aß mehrere dicke Scheiben Wurst, bestrich sich vorm Kühlschrank Weißbrot mit Butter und verachtete sich zutiefst. Um sich zu trösten, stopfte sie sich ein halbes Dutzend Pralinen in den Mund.

Ihr Vater hatte eine neue Familie und interessierte sich nicht für Vera. Die Mutter arbeitete auf anderthalb Stellen, und das Mädchen war ab dem siebten Lebensjahr sich selbst überlassen. Sie wurde früh selbständig, pflichtbewußt und ordentlich.

Als die Zeit der heißen Schulaffären anbrach, der Diskos bei gedämpftem Licht, stellte Vera das Essen gänzlich ein, auch nachts. Sie nahm tatsächlich ein wenig ab und war überglücklich, bis sie eines Tages bei einem schriftlichen Geometrietest in Ohnmacht fiel.

»Du wirst nie dünn sein, Vera. Finde dich damit ab und quäl dich nicht«, sagte die Mutter zu ihr.

Eine von Veras positiven Charaktereigenschaften war ihre Fähigkeit, Unangenehmes schnell zu vergessen. Sie fand sich rasch sowohl mit ihren eigenen inneren Problemen wie auch mit Kränkungen von außen ab. Ihre Stimmung konnte durch eine Kleinigkeit augenblicklich zum Guten umschlagen. Zum Beispiel weil ein warmer Regen fiel oder es aufhörte zu regnen und endlich wieder die Sonne schien, weil im Hof zwei Welpen, ein weißer und ein schwarzer, einander jagten und das so komisch aussah oder weil im Radio ein Beatles-Titel lief.

Mit zehn fing Vera an, Gedichte zu schreiben. Bis sie vierzehn war, zeigte sie die niemandem außer ihrer Mutter. Doch eines Tages brachte die Mutter heimlich ein paar ihrer Gedichte zu einer beliebten Jugendzeitschrift. Dort sagte man der Mutter, das Mädchen habe ein gewisses Talent, veröffentlichte die Gedichte zwar nicht, lud Vera aber in den Literaturzirkel der Zeitschrift ein.

Von da an ging sie einmal in der Woche abends in die Redaktion, wo sich im Sitzungssaal düstere langhaarige oder kahlgeschorene junge Männer, hochmütige Fräulein in weiten Pullovern und verrückte alte Genies versammelten.

Geleitet wurde der Zirkel von einem populären sowjetischen Dichter, einem gutmütigen, stark trinkenden Mann mit äußerst verwickeltem Privatleben und einigen dünnen Lyrikbändchen. Die Lyrikbändchen waren vor langer Zeit erschienen, Ende der Sechziger. Niemand hätte die beiden Büchlein zur Kenntnis genommen, wäre nicht in der Parteizeitung »Prawda« eine scharfe Kritik dazu erschienen. Der Dichter wurde nahezu verfemt, bekam damit einen Platz in den ehrenvollen Reihen der von der Sowjetmacht Verfolgten und wurde sofort auf Jahre hinaus berühmt. Er mußte nicht einmal mehr Gedichte schreiben. Was er auch nicht tat.

Bei den Zirkelsitzungen wurde jedesmal ein Poem oder eine Gedichtsammlung diskutiert. Jeder hörte nur sich selbst zu. Jeder kam nur, um einmal in drei Monaten »diskutiert« zu werden.

Die fünfzehnjährige Vera war die jüngste und unauffälligste ständige Besucherin des Zirkels. Die hochmütigen Fräulein mit Zigarette im Mundwinkel nannten sie herablassend »Kindchen«, die jungen Männer nahmen sie gar nicht wahr. Dennoch hatte sie das Gefühl, an etwas Bedeutendem, Erhaben-Geistigem teilzuhaben. Die Werke der verkannten Genies erschienen ihr genial, die boshaften gegenseitigen Sticheleien der Zirkelmitglieder nahm sie als Musterbeispiele erlesener Gedanken.

Zur Diskussion von Veras kindlichen Gedichten kam es zum Glück nicht.

Einer der Stammgäste des Literaturzirkels, ein dreiundzwanzigjähriger Student, lud eines Tages eine kleine Gruppe zu sich auf die Datscha ein. Es war ein sehr warmer Mai.

»Komm doch auch mit, Kleine!« sagte er nach einem raschen Blick in ihr rosiges, rundes Gesicht unter dem weichen Pony.

»Ich rufe nur meine Mama an!«

»Bringt dich denn anschließend jemand nach Hause?« fragte ihre Mutter am Telefon.

»Natürlich, Mama, mach dir keine Sorgen.«

Die einstöckige Datscha befand sich fünfzig Kilometer hinter Moskau. Im Vorortzug schaute Vera aus dem Fenster und lauschte den Gesprächen, in denen Puschkin familiär Sascha, Mandelstam Ossja und Pasternak Borja genannt wurde, als gehörten diese Genies der russischen Poesie zum engen Freundeskreis der jungen Dichter.

Im Garten stand auf einem Holztisch eine Fünfliterflasche trüber Selbstgebrannter. Vera, die noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken hatte, kippte mit zusammengekniffenen Augen fast ein ganzes Wasserglas davon in sich hinein, das ihr ebenso wie allen anderen freundlich angeboten wurde. Niemand hielt sie davon ab. Als sie die scheußliche brennende Flüssigkeit runtergeschluckt hatte, nahm sie sich aus irgendeiner Schachtel lässig eine Zigarette und rauchte. Sie wollte sein wie die anderen – locker, raffiniert, erfahren und kompliziert.

Zu essen stand wenig auf dem Tisch, nur Brot, Schmelzkäse und dicke Stücken Wurst. Vera trank noch ein halbes Glas Selbstgebrannten, ohne etwas zu essen.

Danach erinnerte sie sich nur an das Klimpern des verstimmten Flügels in der dunklen Veranda, an verwaschene Flecke lachender Gesichter und ein Flugzeugdröhnen in den Ohren.

Von einem heftigen Schmerz im Unterleib und ihrem eigenen Schrei kam sie zu sich. Sie öffnete die Augen, erblickte über sich ein fremdes, bärtiges Gesicht und fand, daß ein splitternackter Mann mit Bart irgendwie abstoßend und obszön aussah. Bevor sie irgend etwas begriffen hatte, schlug sie mit aller Kraft ihre kleine Faust in das bärtige Gesicht; dann erst erkannte sie den Hausherrn der Datscha, Stas Selinski.

»Ich liebe dich, hab keine Angst, es ist alles gut, hab keine Angst«, flüsterte er und wollte sie festhalten.

Zitternd und schluchzend riß sie sich los und suchte im Dunkeln auf dem Boden nach ihrer Kleidung. Er zog sich ebenfalls an, murmelte, er habe sich auf den ersten Blick in sie verliebt, könne ohne sie nicht leben und daß sie sich nun nie mehr trennen würden.

Im Haus war es still, die Gäste waren wohl gegangen oder eingeschlafen. Selinski trottete hinter ihr her zur Bahnstation und murmelte weiter Beteuerungen und Entschuldigungen. Er sprach sie kein einziges Mal mit ihrem Namen an, und Vera begriff, daß er sich nicht einmal erinnerte, wie sie hieß.

Das schlimmste aber war, daß Stas ihr von allen Stammgästen des Literaturzirkels auf Anhieb am besten gefallen hatte. Er galt als der Begabteste, sah nicht übel aus und sprach stets geistreich, witzig, beinahe in Aphorismen.

Die ganze Fahrt bis Moskau schwieg Vera, bemüht, ihren langsam ernüchternden Begleiter nicht anzusehen. Als sie aus der Metro stiegen, bat er sie um ihre Telefonnummer.

»Eine Frau in deinem Alter sollte längst einen Mann haben«, sagte er, »früher oder später wäre das sowieso passiert. Wenn nicht ich, dann eben ein anderer. Warum also nicht ich? Du gefällst mir wirklich.«

Sie gab ihm ihre Nummer nicht, ging ins Haus und schloß leise die Tür hinter sich. Er blieb draußen stehen. Als sie aus dem Lift stieg und aus dem Flurfenster schaute, sah sie, daß er noch immer vor der Haustür stand, rauchte und hochblickte.

Vielleicht liebt er mich ja wirklich? dachte sie. Ich habe doch keine Ahnung, wie das normalerweise vor sich geht.

»War es interessant?« fragte die Mutter beim Frühstück. »Ich hab mir, ehrlich gesagt, schon Sorgen gemacht. Du warst schließlich zum erstenmal über Nacht weg.«

»Ja, Mama, es war sehr interessant«, antwortete Vera, wandte sich ab und wurde tiefrot.

»Waren viele Leute da?«

»Vielleicht zehn.« Vera zuckte die Achseln.

»Was habt ihr denn die ganze Nacht gemacht? Gedichte rezitiert?«

»Ja, Gedichte«, echote die Tochter.

Wahrscheinlich gefällt ihr einer der begabten jungen Männer. Nur gut, daß das Mädchen gleich in kultivierte Kreise geraten ist und nicht in eine schreckliche Hofclique, dachte die Mutter und fragte nicht weiter.

Als Vera am nächsten Tag aus der Schule kam, stand Stas Selinski mit einer großen weißen Nelke in der Hand vor ihrem Haus.

»Siehst du, ich hatte schon Sehnsucht nach dir«, verkündete er, beugte sich zu ihr hinunter und küßte sie sanft auf die Wange. »Hast du deinen Eltern was erzählt?«

»Ich habe nur meine Mama, und ich habe ihr nichts erzählt.«

»Kluges Mädchen.« Er küßte sie noch einmal.

Diesmal gab sie ihm ihre Telefonnummer.

Kein Mädchen ihrer Klasse hatte eine Affäre mit einem erwachsenen Dreiundzwanzigjährigen. Vera fand es schön und ein bißchen unheimlich, wenn er sie von der Schule abholte.

»Donnerwetter, Pfannkuchen!« Ihre Klassenkameradinnen schüttelten den Kopf.

Vera bemerkte selbst nicht, wie sie sich bis über beide Ohren in Stas verliebte. Wenn er ein paar Tage nicht auftauchte, fand sie keine Ruhe. Aber er tauchte immer wieder auf und nahm sie mit zu sich nach Hause. Er bewohnte ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung, das ihm seine Großmutter vererbt hatte.

Wenn Vera in die verräucherte, staubige Bude kam, machte sie erst einmal Ordnung, spülte in der Gemeinschaftsküche das Geschirr, fegte den Boden und wusch im Gemeinschaftsbad in einer Schüssel die Hemden ihres kostbaren Stas. Dann kochte sie etwas. Nach einem stillen gemeinsamen Abendessen zog er sie träge an sich und küßte sie. Ihr wurde jedesmal ganz schwindlig von der Berührung seiner großen, warmen Hände und vom Klang seiner Stimme.

Anschließend brachte er sie nach Hause. Ihre Mutter wollte er nicht kennenlernen, stellte ihr auch seine Eltern nicht vor.

Nach einem Jahr, nach dem gewohnten Putzen, Abendessen und der üblichen Ration Liebe, zündete er sich eine Zigarette an und sagte, den Blick zur Decke gerichtet, mit dümmlichem Spott: »Du kannst mir gratulieren. Ich heirate.«

»Gratuliere«, erwiderte Vera mechanisch, während sie ihre Strumpfhose anzog.

Er sah zur Uhr und fuhr fort: »Hör mal, ich bekomme um neun Besuch, und jetzt ist es halb neun …«

Vera erwiderte darauf nichts, warf sich hastig ihre Sachen über und rannte hinaus. Sie lief durch die abendlichen Straßen, und ihr schien, ihr Leben sei zu Ende, sie habe nichts Gutes mehr zu erwarten.

Übrigens kam ihr Selinskis Heirat ganz passend. Vera ging in die zehnte Klasse und mußte sich auf die Aufnahmeprüfungen an der Uni vorbereiten. Nun lenkte sie nichts mehr ab.

Doch nach einem weiteren Jahr ließ Stas sich scheiden, und das schmutzige Zimmer in der Gemeinschaftswohnung trat wieder in Veras Leben. Dann heiratete er erneut, ließ sich noch einmal scheiden, fand Arbeit und verlor sie wieder, wechselte die Geliebten, bekam Kinder, zahlte Alimente.

Immer wenn es ihm schlecht ging oder eine Lücke zwischen Ehefrau und Geliebter entstand, rief er Vera an. Sie kam, spülte das Geschirr, wusch seine Wäsche, machte ihm etwas zu essen und ging mit ihm ins Bett. Tauchten in ihrem Leben andere Männer auf, war Stas sofort zur Stelle, schlug wie ein Pfau ein prächtiges Rad und sagte ihr zärtliche Worte. Sich selbst verachtend, vergaß Vera alles und fuhr zu ihm – Geschirr spülen, Wäsche waschen, kochen und mit ihm ins Bett gehen.

Ein versierter Psychoanalytiker hätte diese Beziehung als unterschwellig masochistisch gedeutet. Doch Vera ging zu keinem Analytiker. Selbst ihrer Mutter erzählte sie kaum etwas. Natürlich hatte Nadeshda Pawlowna im Laufe der Jahre die Ehre gehabt, Stas kennenzulernen. Aber sie mochte seinen Namen nicht hören und holte ihre Tochter nie ans Telefon, wenn er anrief.

Nur ihrer besten Freundin Tanja erzählte Vera alles. Schon damals, in der neunten Klasse.

»Er hat dich vergewaltigt!« Tanja war empört. »Er ist ein mieses Schwein!«

»Aber vielleicht« – Vera stockte und wurde rot –, » vielleicht liebt er mich ja doch, wenigstens ein bißchen?«

Später, mit zwanzig, sagte Tanja: »Er macht dir dein Leben kaputt, jede normale Frau hätte ihn längst zum Teufel gejagt.«

Und jetzt, mit dreißig, bekam Vera von ihrer Freundin zu hören: »Selinski ist ein Schwein, ein gefühlloses Vieh …«

Im Grunde wußte sie das selbst. Sie wußte seit langem, was er wert war, aber sie war einfach machtlos. Tief in ihrem Herzen saß noch immer die schwache Hoffnung: Vielleicht liebt er mich ja wirklich? Er ist eben bloß sehr kompliziert, anders als alle anderen. Sie genierte sich vor sich selbst wegen dieser dummen, noch immer lebendigen Hoffnung.

Als sie jetzt vorm Spiegel stand, beschimpfte sie sich, weil sie sich die Wimpern tuschte, die Lippen mit Konturstift nachzog und sich das Gesicht puderte.

Danach brauchte sie schrecklich lange zum Anziehen. Sie schlüpfte in Jeans und T-Shirt, drehte sich vorm Spiegel und vertauschte die Jeans gegen einen langen bunten Rock. Sie wollte lässig aussehen, wie im Hauslook, damit er ihre Bemühungen nicht bemerkte.

»Er wird es sowieso nicht bemerken«, spottete Vera, schlüpfte wieder in die Jeans und wählte anstelle des T-Shirts einen langen, dünnen Pulli.

Die ganze Zeit über bellte Matwej laut. Der Hund glaubte, sie ziehe sich für den Spaziergang mit ihm an. Er konnte nicht verstehen, warum das so lange dauerte, und war aufrichtig empört.

Heute mache ich endlich mit ihm Schluß, dachte Vera. Ich werde etwas Beleidigendes, Demütigendes zu ihm sagen. Dann muß ich nie mehr leiden. Ich werde viel arbeiten, viel Geld verdienen, und im Sommer fahre ich mit Mama ans Meer.

Nach einer halben Stunde erschien Stas. Wie immer – keine Blume, keine Schokolade, nur ein halbherziger Kuß auf die Wange und eine Mappe mit zwei Seiten Werbeschwachsinn, der ins Englische übersetzt werden mußte.

»Machst du mir dein spezielles Omelett mit geröstetem Schwarzbrot und Tomaten? Ich hab extra nicht gefrühstückt.«

Sie briet ihm das Omelett und kochte Kaffee. Dann übersetzte sie die flammenden Tiraden über die wundertätigen Eigenschaften der neuen Kosmetikserie der russischen Firma »Diva« ins Englische.

Stas arbeitete bei einem kleinen Verlag, der Werbebroschüren, Horoskope, Heftchen über die Geheimnisse der sexuellen Übereinstimmung, über wundertätige Diäten und Gymnastik sowie Wandkalender mit nackten Mädchen herausgab. Inhaber war sein Freund, er selbst der einzige Mitarbeiter. Im Grunde arbeitete auch Vera in diesem Verlag. Ständig übersetzte sie etwas oder führte auf englisch per Telefon Verhandlungen. Allerdings bekam sie dafür keine Kopeke. Seit fünfzehn Jahren tat sie für Stas alles uneigennützig und mit Freuden.

Als sie mit der Übersetzung fertig war und ihm die ausgedruckten englischen Seiten reichte, fragte er: »Wann kommt denn deine Mutter zurück?«

»Um fünf.« Vera sah auf die Uhr, dann blickte sie Stas an. »Weißt du, Stas, ich wollte dir was sagen …«

Doch da stand er bereits dicht vor ihr, seine Hände glitten unter ihren weiten Pulli und öffneten geschickt ihren BH.

»Ich wollte dir sagen, daß ich nicht mehr …«

»Ja, Vera, ich höre dir zu …« Mit seinen schmalen, trockenen Lippen verschloß er ihr den Mund.

Drittes Kapitel

Ilja Golowkin war im neuen Anzug in den Regen geraten. Er konnte Regen nicht ausstehen, und nun hatte er auch noch seinen Schirm vergessen.

Als Golowkin feststellte, daß sein dunkelblaues Jackett färbte und sich auf dem schneeweißen Hemd häßliche blaue Spuren abzeichneten, hätte er am liebsten vor Ärger geheult. Er redete sich hartnäckig ein, daß ihm nur deswegen zum Heulen zumute war, weil das Schildchen in dem schicken blauen Jackett »made in England« offenbar log und der elegante dunkelblaue Anzug mit den Nadelstreifen mitnichten britischer Herkunft war.

Die Farbspuren entdeckte er im Spiegel einer billigen Pizzeria, in die er gegangen war, um etwas zu essen. Bereits seit einem Monat redete er nicht mehr mit seiner Frau. Wenn sie sich stritten, und das geschah in letzter Zeit häufig, stellte Raïssa das Einkaufen und Kochen ein.

Golowkin besaß die Mittel, in einem guten Restaurant zu essen. Auch seinen Anzug hätte er nicht auf dem Vietnamesenmarkt kaufen müssen. Wenn er wollte, könnte er statt mit öffentlichen Verkehrsmitteln längst im eigenen Mercedes oder zumindest im Shiguli herumfahren.

Man kann nicht behaupten, daß es Golowkin Spaß machte, sich jeden Morgen im Berufsverkehr in die überfüllte Metro zu zwängen und sich im Gänsemarsch mit der verschlafenen Menge zur Rolltreppe am Ausgang zu schieben.

Auch der Job als Chef der Einkaufsabteilung einer kleinen Makkaronifabrik machte ihm natürlich keinen Spaß. Doch diesen seltsamen und im übrigen ziemlich anstrengenden Posten hatte er nun bereits seit zwanzig Jahren. Und er bemühte sich, nicht »über seine Verhältnisse« zu leben, das heißt, nicht mehr auszugeben, als er mit diesem Job verdiente. Von den tatsächlichen Einkünften des bescheidenen Chefeinkäufers ahnte niemand etwas, nicht einmal seine Frau.

Durch welches Wunder die bettelarme, schmuddelige kleine Fabrik in der stillen Gasse in Sokolniki überlebt hatte, war ein Rätsel. Die Makkaroni, die dort mit rostigen Maschinen nach veralteter Technologie hergestellt wurden, kaufte längst niemand mehr. Sie wurden an Soldaten verfüttert sowie an Insassen von Straflagern, Gefängnissen und Waisenhäusern.

Das düstere, halb verfallene Gebäude war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von einem deutschen Konditor gebaut worden. Früher einmal wurden hier von Hand leckere Kuchen und luftige Petits fours gebacken und glänzende Schokoladenbomben hergestellt, in denen winzige Porzellanhäschen mit rosa Ohren, Püppchen im Ballettkostüm oder kleine Eisbären steckten. Das alles wurde jeden Morgen aus Sokolniki direkt an den berühmten Laden von Jelissejew und die Bäckerei von Filippow geschickt. Laufburschen in eleganter Uniform belieferten Kunden in ganz Moskau mit riesigen Torten. Sie hielten die turmhohen, bizarr bemalten Schachteln mit den üppigen Schleifen auf ausgestreckten Armen, feierlich und vorsichtig, denn jede Torte war ein unikales Meisterwerk der Konditorkunst.

Zum Wohnen ließ sich der Deutsche ein einstöckiges Pfefferkuchenhäuschen mit einer breiten Wendeltreppe bauen.

Nach der Revolution emigrierten die Nachkommen des Konditors, die Fabrik wurde zum Volkseigentum erklärt und stellte nun keine erlesenen Konditorwaren mehr her, sondern fade Makkaroni für die hungrigen Werktätigen.

In dem Pfefferkuchenhäuschen wurden Buchhaltung, Personalabteilung und sonstige Verwaltungsbereiche sowie Partei- und Gewerkschaftsleitung untergebracht.

Übrigens hatte die Fabrikverwaltung in den letzten Jahren kaum etwas zu tun. Buchhaltung und Planungsabteilung, ein halbes Dutzend älterer, vom Schicksal arg gebeutelter Frauen, tranken Tee und erörterten mexikanische Fernsehserien, die Fehler ihrer Schwiegertöchter und -söhne, die steigenden Preise und die wachsende Kriminalität.

Golowkin betrat sein kleines Büro, in dem noch immer das Leninbild und gerahmte Ehrenurkunden hingen, zog als erstes sein Jackett aus und betrachtete angewidert den färbenden Kragen. Selbst an seinen Händen blieben häßliche bläuliche Flecke zurück.

»Sauerei«, murmelte er vor sich hin, hängte das Jackett auf einen Bügel, zog einen blauen Baumwollkittel an und setzte sich an seinen Schreibtisch.

Vorgestern abend, als er, reichlich Schlaftabletten intus, im Zug Prag – Moskau in schweren, ungesunden Schlaf sank, hatte er sich gesagt: Später. Alles später. Erst mal ausruhen von dieser verrückten Jagd; wenn ich wieder zu mir gekommen bin, kann ich in Ruhe über alles nachdenken. Sobald er in Moskau aus dem Zug gestiegen war, machte er sich kleinmütig vor, daß er sich zu Hause auch nicht richtig würde konzentrieren können. Das düstere, nervöse Schweigen seiner Frau würde ihn daran hindern. Tatsächlich hatte sich in den zwei Wochen, die er in Prag verbracht hatte, zu Hause nichts verändert. Seine Frau setzte ihren demonstrativen Boykott fort, der Kühlschrank war leer.

Golowkin nahm erneut ein starkes Schlafmittel und fiel in schweren Schlaf. Er erwachte, frühstückte auf dem Weg zur Arbeit in einer Pizzeria und sagte sich wieder, daß er sich, eingeschlossen in seinem stillen, behaglichen Büro, nun endlich konzentrieren konnte. Es mußte einen Ausweg geben. Er mußte nur richtig nachdenken.

Doch als er nun allein war und nichts mehr ihn am Nachdenken hinderte, hatte er plötzlich das Gefühl, als werde er durch das Bürofenster ständig beobachtet. Die Panik, die all die Tage in ihm gesteckt hatte, brach in einer neuen, übelkeitserregenden Welle hervor. Golowkin hielt sich für einen vernünftigen, überaus vorsichtigen Mann. Er konnte nicht fassen, wie er mit sechsundfünfzig, nachdem er die schlimmsten Turbulenzen heil überstanden hatte, so tödlich hatte reinrasseln können.

Anton Kurbatow hatte einen total idiotischen Traum. Er träumte eigentlich selten, und seine Träume waren normalerweise irgendwie undeutlich, schwarzweiß und sinnlos.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Keiner wird weinen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen