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Kein Ort für eine Leiche

 

In Trostberg wird die Leiche eines 59-jährigen, alleinstehenden Mannes aufgefunden. Was zunächst nach einem ganz normalen Unfall aussieht, entwickelt sich für die beiden Kommissare Gruber und Bischoff rasch zu einem äußerst komplizierten Fall, der weit in die Vergangenheit zurückreicht. Sie finden heraus, dass der Tote ein Erpresser war, und möglicherweise sogar ein Mörder. Als wenig später ein Anschlag auf Gruber verübt wird, überschlagen sich die Ereignisse …

Wolfgang Schweiger wurde 1951 in Traunsstein geboren, danach Ausbildung zum Speditionskaufmann, später Studium der Sozialpädagogik, seit 1979 als freiberuflicher Autor und Journalist tätig. Er veröffentlichte ein gutes Dutzend Krimis und schrieb Drehbücher für TV-Serien wie „SOKO 5113“ und „Der Fahnder“.

2008 erschien im Pendragon Verlag der erfolgreiche Chiemgau-Krimi „Der höchste Preis“.

1

Gruber schaffte es auch dieses Mal nicht. Obwohl er wie ein Verrückter durch’s Haus rannte, in rasender Eile ein weit offenstehendes Fenster nach dem anderen zuwarf und fest verriegelte, beim letzten kam er wie üblich zu spät. Das Wesen, das seit Jahren seine Alpträume beherrschte, war schon ins Zimmer eingedrungen. Dichte, schwarze Nebelschwaden, die wie ein Krake nach ihm griffen und etwas verbargen, das er hoffentlich niemals zu Gesicht bekommen würde. Er schlug mit beiden Händen heftig um sich – und wachte auf.

Verschwitzt und mit wild klopfendem Herzen lag er eine Weile da und starrte ins Leere, ehe er die Beine über die Bettkante schwang und sich aufsetzte. An Schlaf war vorläufig nicht mehr zu denken, also was tun? Lesen oder sich die Van Morrison-CD anhören, die er gestern geliefert bekommen hatte: Astral Weeks Live at the Hollywood Bowl. Er blickte auf die Leuchtziffernanzeige des Weckers am Nachttisch. Kurz nach halb fünf. Oder sollte er vielleicht, was er schon seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht hatte, einen kleinen Morgenausflug unternehmen? Ins Trenkmoos hinaus radeln und den Sonnenaufgang auf sich wirken lassen. Jetzt mitten im Mai sicher eine feine, ungemein erfrischende Sache. Und mit einer Thermosflasche Kaffee und ein paar rasch geschmierten Broten im Gepäck, könnte er auf dem Rückweg dann am Ettendorfer Kircherl Zwischenstation machen und dort auf der Bank frühstücken.

Ohne Licht zu machen, erhob er sich und tappte schwerfällig zum Fenster. Unten im Garten lärmten bereits die ersten Vögel, und er ließ seinen Blick über die Apfel- und Birnbäume wandern, die sich hinter dem Haus bis zum Waldrand erstreckten. Bewunderte auf’s Neue die Blütenpracht, die sich ihm bot. Wäre ganz schön blöd gewesen, das alles hier zu verkaufen, dachte er. Nur weil er im ersten Schock nach der Scheidung von einem Neuanfang geträumt hatte. Von einer hübschen kleinen Stadtwohnung, die mit keiner Arbeit verbunden gewesen wäre und wo ihn nichts an Evi erinnert hätte. Nein, hier würde er bleiben, auch seinem Töchterchen zuliebe. Ein Zuhause war ein Zuhause! Und was könnte es für Enkelkinder Schöneres geben, als dort unten herumzutollen. Mit ihm im Gartenstuhl, der auf sie aufpassen würde, während ihre Mutter Karriere machte, auf welchem Gebiet auch immer. Außerdem, wer konnte schon sagen was die Zukunft bringen würde, bei all dem Krisengerede derzeit. Vielleicht würde er eines Tages auch noch froh sein, wenn er im Garten Kartoffeln und anderes Zeug anbauen könnte. Wenn er sich mehr oder weniger selbst versorgen könnte, so, wie es seine Eltern gemacht hatten, als er noch klein war. Und er wollte sich schon abwenden, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Obwohl es noch ziemlich finster war, glaubte er plötzlich, neben einem der Bäume die Umrisse einer Gestalt zu erkennen. Einer menschlichen Gestalt! Etwa mittelgroß, dunkelgrau gekleidet, leicht nach vorne gebeugt.

Gruber fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und rieb sich die Augen. Sah er jetzt schon Gespenster, als Folge seines Alptraums? Wer zum Teufel sollte mitten in der Nacht in seinem Garten herumlungern? Ein Einbrecher? Das wäre ja ganz was Neues. Er fixierte die Erscheinung erneut, doch es war keine Täuschung. Jemand war dort unten und schlich zwischen den Bäumen umher. Sollte er das Fenster aufreißen, sich bemerkbar machen und den Eindringling so verscheuchen?

Nein, entschied er. Wenn schon, wollte er sich den Mistkerl schnappen. Herausfinden, was los war. Der Sache auf den Grund gehen. Er trat vom Fenster zurück, streifte seinen Schlafanzug ab, schlüpfte in Hemd und Hose und eilte die Treppe hinab. Zum Flurschrank, in dem er in der obersten Schublade seine Heckler & Koch verstaut hatte. Er überprüfte das Magazin, lud durch und entsicherte die Pistole. Dann drehte er so leise wie möglich den Schlüssel im Haustürschloss um und schob sich mit vorgehaltener Waffe vorsichtig ins Freie.

Die Morgenluft, die ihn umfing, war kalt und erinnerte ihn daran, dass es vor wenigen Tagen auf den Bergen noch geschneit hatte. Vor dem Haus war niemand zu sehen. Er wandte sich nach links, vorbei an der Hausbank und der Regentonne, ging in die Knie und spähte mit angehaltenem Atem um die Ecke. Die Stelle, an der er den Mann gesichtet hatte, war leer. Keine Spur von dem Kerl, auch ringsum nicht. Doch dann registrierte er am Waldrand eine Bewegung, ein flüchtiges Etwas, das gleich darauf von der Dunkelheit verschluckt wurde.

Gruber richtete sich wieder auf und starrte, plötzlich zitternd vor Kälte, in Richtung Wald. Sollte er dem Kerl nachsetzen? Eine kleine Verfolgungsjagd starten? Rein ins Gebüsch und Räuber und Gendarm spielen? Lächerlich, sagte er sich dann. Auch wenn ihm die umliegenden Waldstücke seit Kindesbeinen an vertraut waren, unter diesen Umständen würde er sich nur unnötig in Gefahr begeben. Er würde nichts weiter als eine prächtige Zielscheibe abgeben, während er barfuß und unbeholfen zwischen den Bäumen umherstolperte. Und bis er sich richtig angezogen hatte, wäre der Kerl ohnehin über alle Berge. Er konnte höchstens die Kollegen alarmieren, für alle Fälle. Die würden zwar eine Suchaktion starten, sich hinter seinem Rücken aber garantiert über ihn lustig machen. Würden unter sich sagen: Nur weil der alte Depp schlecht geträumt hat, müssen wir uns jetzt die Köpfe einrennen!

Er schüttelte verwirrt den Kopf, ging mit trägen Schritten zurück ins Haus und warf die Haustür mit einem Knall zu. Den Morgenausflug konnte er vergessen, so viel stand fest. Jetzt würde er erst einmal überprüfen müssen, ob der Kerl tatsächlich versucht hatte, ins Haus einzudringen. Oder anderweitig dabei gewesen war, ihm dumm zu kommen. Mit der Pistole in der Hand inspizierte er Zimmer für Zimmer, doch alle Fenster im Erdgeschoss und auch die Glastür zum Garten waren unbeschädigt und fest verriegelt. Er öffnete die Tür, trat in den Garten hinaus und ging zwischen den Bäumen umher, und tatsächlich, er hatte sich nicht getäuscht: Das feuchte, knöcheltiefe Gras war an vielen Stellen zertreten und soweit er erkennen konnte, war der Eindringling vom Wald her gekommen und in diese Richtung auch wieder verschwunden. Er holte sich aus der Küche eine Taschenlampe und suchte als Nächstes den Schuppen ab, in dem er nebst einigen Gartengeräten und ausrangierten Möbelstücken auch einen Stapel Brennholz untergebracht hatte. Doch nichts. Keine Sprengladung oder ein Brandsatz, die dort versteckt waren. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Er nahm sich vor, bei Tageslicht dennoch alles genau zu durchsuchen und die Holzscheite umzuschichten. Und auch sonst einige Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Etwa abends im Parterre die Fensterläden zu schließen, was er sonst nur im tiefsten Winter tat. Und gleich nächste Woche ein paar Bewegungsmelder zu installieren. Auch wenn ihm selbst bei längerem Nachdenken niemand einfiel, der es auf ihn abgesehen haben könnte.

2

„Es ist doch erwiesen, dass die meisten Morde gar nicht aufgeklärt werden, weil sie von den Bullen, pardon, der Polizei, als solche erst gar nicht erkannt werden!“ Der blondgelockte Mann zeigte mit der Messerspitze auf Gruber, der ihm das Teil am liebsten sonst wohin gerammt hätte. „Gibt Ihnen das nicht zu denken?“

Gruber zuckte mit den Schultern. „Wir tun, was wir können. Woher wollen Sie das überhaupt so genau wissen?“

„Habe da gerade ein Buch drüber gelesen. Einfach schrecklich, wie da geschlampt wird. Bei der Polizei, bei den Ärzten, die den Totenschein ausstellen, bei den lieben Angehörigen, die nicht glauben wollen, dass einer von ihnen ein Mörder sein könnte, eigentlich bei allen, die daran beteiligt sind.“

„Jetzt beruhige dich“, sagte Evi und tätschelte den Arm des Blonden, den sie Gruber als ihren neuen Freund vorgestellt hatte. Name: Gerhard Richter, von Beruf Immobilienmakler.

„Ich sag doch nur, wie es ist.“

„Ja, schon. Aber das ist vielleicht in Großstädten so, aber doch nicht hier auf dem Land.“

„Gerade hier auf dem Land“, widersprach Richter erneut im Brustton der Überzeugung, „wo es noch jede Menge alter, seniler Hausärzte gibt, die den Angehörigen zuliebe alles schnell und ungeprüft hinter sich bringen wollen.“

„Sie meinen also, wir sollten systematisch jeden Todesfall überprüfen?“, fragte Gruber. „Jede Leiche obduzieren lassen, jeden befragen, der von der Sache profitiert, und so weiter?“

„Ja. Warum nicht?“

„Schwachsinn …“

Grubers Gedanken schweiften ab. Ihm war längst klar, dass er die Einladung hätte ausschlagen sollen, dass er besser in die Berge gefahren wäre und dort eine kleine Wanderung unternommen hätte. Andererseits hatte er gehofft, dass ihn dieses Essen mit seiner Exfrau und ihrem neuen Liebhaber ablenken würde. Zumal Evi im Lauf der Jahre ein paar ganz interessante Typen angeschleppt hatte. Auch wenn er ziemlich genau wusste, wie sich die Sache nun weiterentwickeln würde. Und vor allem, wie sie enden würde. In ein paar Wochen, wenn die zwei ihren ersten Krach gehabt hätten, würde Evi ihn anrufen und nach seiner Meinung fragen. Würde sie alles vor ihm ausbreiten und wissen wollen, was er davon halten würde, was er als Mann dazu sagen könne. Schließlich sei er als Polizeibeamter wie kein Zweiter dafür geeignet, das Verhalten anderer Menschen zu beurteilen. Und war die Affäre dann endgültig vorbei, würde sie sich erst bei ihm ausheulen und ihn dann mit Vorwürfen bombardieren. Dass letztendlich alles seine Schuld sei, weil er immer nur an sich und seinen blöden Beruf gedacht habe, bla, bla, bla.

Er schob seinen Teller mit den Resten des Wiener Schnitzels zurück, wischte sich mit der Serviette sorgfältig den Mund ab und trank einen Schluck Bier. Obwohl er mittlerweile überzeugt davon war, dass sich ein ganz normaler Einbrecher in seinem Garten herumgetrieben hatte und niemand, der ihm persönlich ans Leder wollte, ertappte er sich dabei, wie er die anderen Gäste der Reihe nach argwöhnisch musterte. Wie er nach jemandem Ausschau hielt, der nicht hierher passte, der keinen Anschluss hatte an all die Paare und Grüppchen, die sich ringsum zum Mittagessen eingefunden hatten. Da, saß dort hinten am Ende der Terrasse nicht ein junger Mann allein am Tisch? Er reckte den Hals, doch nur, um gleich darauf zu beobachten, wie die Bedienung den Mann im Vorbeigehen freundlich anlächelte und ein paar Worte mit ihm wechselte. Hör auf damit, sagte er sich. Mach dir wegen diesem Blödmann von Einbrecher doch nicht ins Hemd.

Seine Exfrau tippte ihm auf die Schulter. „Hallo, wir reden mit dir …“

„Entschuldige bitte.“ Gruber griff erneut zum Bierglas und konzentrierte sich wieder auf Evi und diesen Herrn Richter. Nahm sich erst jetzt die Zeit, sich den Mann eingehender anzuschauen. Sein Gegenüber war vielleicht Ende Vierzig, also ein gutes Stück jünger als Evi, hatte ein grobflächiges Gesicht und machte auf Gruber einen insgesamt leicht verbissenen Eindruck. Als müsse er sich und anderen ständig etwas beweisen. Nicht unbedingt der Typ, dem er vertrauensselig ein Haus oder eine Wohnung abkaufen würde. Und dann noch das weiße Hemd mit Krawatte. Einfach lächerlich. Ein Streber oder Betrüger, und garantiert Evis nächster Reinfall.

„Wir sprachen gerade davon, dass dieser Schweinehund Hauser, den du vor zwei Jahren geschnappt hast, vor kurzem an einem Herzinfarkt gestorben ist“, sagte Evi mit einem Anflug von Stolz in ihrer Stimme.

Gruber nickte. „Ja. Viel zu früh, wenn ihr mich fragt.“

„Das finde ich auch. Aber bis Sie diesem Kerl endlich auf die Schliche gekommen sind, das hat aber auch gedauert“, mischte sich Richter wieder ein. „Hätte man da nicht mehr Druck machen müssen?“

„Wir haben getan, was wir konnten“, erwiderte Gruber zunehmend gereizt. „Aber wenn man null Anhaltspunkte hat, kann man auch keinen Druck ausüben …“ „Immerhin haben wir eines der Mädchen retten können“, fügte er nach einer Pause hinzu.

„Eines von dreien, wohlgemerkt.“

„Jetzt seid friedlich, ihr zwei“, sagte Evi und tätschelte Richters Hand. „Wenn man’s den Leuten ansehen könnte, was für Gemeinheiten sie im Sinn haben, wäre es einfach.“

„Was ist eigentlich aus seiner Frau geworden, nachdem man ihr das Haus abgefackelt hat?“, fragte Richter dennoch ungerührt weiter.

Ein Blick von Evi sagte Gruber, dass er besser antworten sollte. „Keine Ahnung“, erwiderte er. „Ausgezogen war sie zum Glück ja schon früher.“

„Eigentlich unglaublich, dass die von nichts gewusst haben will, finden Sie nicht auch?“

„Wir konnten ihr nicht das Gegenteil beweisen. Und …“

Grubers Handy klingelte. Er kramte den Apparat aus der Jackentasche, stand auf und ging ein paar Schritte in Richtung Parkplatz.

Es war Ulrike Bischoff, seine Kollegin. Die an diesem Sonntag dem neu eingerichteten Kriminaldauerdienst zugeteilt war.

„Tut mir leid, dich schon wieder am Sonntag stören zu müssen, aber wir brauchen dich“, sagte sie in ihrer hastigen Art. „Der Ostermayer ist schon wieder ausgefallen. Hat angeblich Symptome einer Grippe und möchte niemanden anstecken.“

„Schon gut. Um was geht es?“

„Wir haben einen Toten hier. In einem Haus am Stadtrand von Trostberg. Einen neunundfünfzigjährigen Mann. Ist anscheinend auf der Treppe gestürzt und hat sich dabei einen Schädelbruch zugezogen.“

„Einfach so?“

„Na ja, mit größter Wahrscheinlichkeit war er stockbesoffen dabei.“

„Hm, und wer hat ihn gefunden?“

„Seine Schwester …“

„Heißt das, er hat allein gelebt?“

„Ja.“

„Und was soll ich da jetzt machen? Ist irgendetwas ungewöhnlich an seinem Tod?“

„Ich weiß nicht. Eigentlich nicht. Ich dachte nur …“

„Okay“, unterbrach Gruber. „Bin schon unterwegs.“

Bischoff gab Gruber noch die Adresse durch, und weg war sie. Gruber steckte das Handy ein, ging zurück zum Tisch und holte seine Brieftasche hervor. „Ich muss weg“, sagte er. Erleichtert, aber auch ein wenig beschämt darüber, dass es ihm lieber war, sich mit einem Todesfall beschäftigen zu müssen als dieses Gespräch hier fortzusetzen.

„Eine Leiche?“, fragte Richter dann auch gleich mit vollem Mund. „Ein Mord? Wo denn?“

„Lesen Sie morgen die Zeitung“, erwiderte Gruber, „dann wissen Sie’s“.

3

Der Tote, vom Arzt bereits bis auf die Unterhose entkleidet, lag gleich hinter der Haustür im Flur, am Fuß der abgenutzten Holztreppe, die ins Obergeschoss führte. Er lag auf dem Rücken, die Beine noch halb auf der Treppe, Oberkörper und Kopf auf dem Boden. Unter seinem Hinterkopf hatte sich eine kleine, mittlerweile schwarz gefärbte Blutlache gebildet, sonst waren keine äußeren Verletzungen an ihm zu entdecken. Gruber ging neben der Leiche in die Hocke und wunderte sich. Auch wenn der Tod schon seine Spuren hinterlassen hatte, hätte man glauben können, vor ihm läge ein alter, verbrauchter Mann. Und nicht jemand in seinem Alter. Alles, von den Zähnen einmal abgesehen, schien in höchstem Maße vernachlässigt. Das Gesicht aufgedunsen und fleckig, die Arme und Beine dünn und untrainiert, der Bauch gewaltig.

Gruber erhob sich wieder und versuchte, sich den möglichen Ablauf vorzustellen, ohne dabei voreilige Schlüsse zu ziehen. Auf den ersten Blick sah es ganz so aus, als wäre der Mann auf halber Treppe ins Stolpern geraten oder ausgerutscht, anschließend gestürzt und dabei mit dem Hinterkopf aufgeschlagen. Alles so banal wie ausnahmsweise tödlich. Gegen einen Raubüberfall sprach jedenfalls, dass er noch seine Uhr trug, eine alte Patek Philippe, die etliche tausend, wenn nicht gar zehntausend und mehr Euro wert war, wie Gruber schätzte. Und auch die goldene Halskette schien einiges gekostet zu haben. Er wollte gerade den Arzt, der vor der Tür stand und eine Zigarette rauchte, nach dessen Einschätzung fragen, als aus einem der hinteren Zimmer im Erdgeschoss heftiges Hundegebell erklang.

„Sein Hund Wotan“, erklärte der Arzt, ein beleibter, mürrisch wirkender Endvierziger mit Hornbrille und ungesunder Gesichtshaut. „Ansonsten ein liebes Tier, aber heute hätte er mich fast gebissen.“

„Sie haben Herrn Neumann gekannt?“

„Ich war zufällig auch sein Hausarzt. Und allein in dieser Eigenschaft kann ich Ihnen versichern, dass mich das hier nicht sonderlich überrascht hat.“

„Er war Alkoholiker, richtig?“

Der Arzt nickte nur.

„Wann ungefähr ist es passiert, Ihrer Einschätzung nach?“, fragte Gruber.

Der Arzt drückte seine Zigarette an der Hauswand aus. „Vor zwölf, maximal vierzehn Stunden, würde ich sagen.“

Das Gebell stoppte, gleichzeitig trat Bischoff aus einem Zimmer am Ende des Flurs und kam zu ihnen heran. Gruber drängte sich am Arzt und der Leiche vorbei und folgte Bischoff in einen Raum, der wohl das Wohnzimmer darstellte, mit Fernseher, Hi-Fi-Anlage, Polstergarnitur und einem runden Holztisch, auf dem jede Menge Bier- und Weinflaschen sowie etliche Gläser herumstanden, dazu Reste von Fastfood und ein randvoll gefüllter Aschenbecher. Auf dem Sofa saß eine dunkelhaarige, ziemlich schwergewichtige Frau um die Fünfzig mit geröteten Augen und einem Taschentuch vor der Nase. Doch was Gruber noch mehr ins Auge fiel, war die riesige Plattensammlung, die ein ganzes Wandregal füllte. Was für eine Schande, dachte er, so ein Schatz in dieser verkommenen Bude.

„Frau Erika Neumann“, erklärte Bischoff. „Sie hat Ihren Bruder gefunden …“

„Mein Beileid“, sagte Gruber.

Die Frau nickte nur und versteckte sich dann wieder hinter ihrem Taschentuch.

„Was meinst du?“, fragte Bischoff mit gedämpfter Stimme. „Sollen wir die Spurensicherung verständigen?“

Gruber blickte zum Tisch. „Er hatte kürzlich wohl jede Menge Besuch, wie?“, sagte er.

„Ich bin vorerst auf drei Personen gekommen. Eine davon weiblich …“

„Aber es gibt keine Anzeichen für eine Auseinandersetzung, wie es scheint, oder?“

Bischoff schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht.“

„Das wird sie umbringen“, sagte Frau Neumann unvermutet, ohne die beiden Polizisten dabei anzusehen.

„Wie bitte?“, fragte Gruber.

„Unsere Tante. Wir wollten sie heute Nachmittag besuchen, im Altersheim. Sie hat heute Geburtstag. Deswegen bin ich ja auch hergekommen. Um ihn abzuholen.“

„Und wie sind Sie ins Haus gekommen?“

„Ich habe einen Schlüssel. Es ist unser Elternhaus …“

„Ach so. Aber Ihr Bruder hat alleine hier gewohnt?“

„Ja.“

„Und Sie wohnen …?“

„In Taching. Mir gehört da eine Pension.“

„Hm, halten Sie es für möglich, dass Ihr Bruder und sein Besuch Streit hatten? Ich meine, ist so etwas schon mal vorgekommen?“

„Kann ich mir nicht vorstellen. Er war der friedlichste Mensch, den ich kenne …“

„Verstehe. Was hat er denn beruflich gemacht?“

Die Frage schien die Frau zu verwirren. „Eigentlich alles Mögliche“, erwiderte sie nach einer Pause. „Jedenfalls früher mal. Da war er auch viel unterwegs, auch im Ausland …“ Die Frau verstummte und putzte sich ausgiebig die Nase.

„Und hier bei uns?“, fragte Bischoff. „Ich meine, von irgendetwas muss er auch hier gelebt haben. Zumal er nicht unbedingt schlecht gelebt hat, wie es den Anschein hat.“

„Er war mal eine Zeitlang Versicherungsvertreter. Und ab und zu hat er auch als Taxifahrer gejobbt, glaube ich.“

Gruber nickte. „Also hatte er in der letzten Zeit keinen festen Arbeitsplatz?“

„Nein.“

„Also, was machen wir?“, fragte ihn Bischoff.

Bevor Gruber antworten konnte, trat der Arzt ins Zimmer. „Brauchen Sie mich noch?“

„Nicht unbedingt“, erwiderte Gruber. „Aber wenn Sie sein Hausarzt waren, wissen Sie dann zufällig auch etwas über seine Gewohnheiten. Freunde, Bekannte und so?“

„Er war wohl häufig in einem Lokal in der Hauptstraße“, sagte der Arzt. „Aber wer seine Freunde waren, tut mir leid, das weiß ich nicht.“

4

„Der Manni tot?“ Der Kneipenwirt blickte Gruber ungläubig an. Er war ein drahtiger Mann um die dreißig mit bereits ausgeprägter Stirnglatze und kleinen, dunklen Augen. Bei Grubers Eintreffen war er gerade damit beschäftigt gewesen, den Boden der Kneipe aufzuwischen.

„Und wie ist das passiert, wenn ich fragen darf ?“

„So wie es aussieht, ist er reichlich alkoholisiert auf der Treppe gestürzt und hat sich dabei den Kopf eingeschlagen.“

„Oh Scheiße, Mann.“

Der Kneipenwirt zog seine gelben Plastikhandschuhe aus und warf sie auf den Tresen, stellte die Musik, irgendein Stück von Deep Purple, dessen Titel Gruber im Augenblick nicht einfallen wollte, leiser und griff nach einer Flasche mit Mineralwasser. Er gönnte sich einen kräftigen Schluck, rülpste ungeniert und stellte die Flasche dann zurück auf den Tresen.

„Auch was zu trinken?“, fragte er. „Oder soll ich die Kaffeemaschine anwerfen?“

Gruber winkte ab. „Haben Sie ihn gut gekannt? Soviel ich gehört habe, war er Stammgast bei Ihnen?“

„Na ja, wie man’s nimmt. Aber gut gekannt hat ihn eigentlich keiner, würde ich mal sagen. Eigentlich war er ein ziemlich verschlossener Mensch. Umgänglich, das schon, auch wenn er stockbesoffen war. Aber im Grunde ein Einzelgänger.“

„Und beruflich, was hat er da so gemacht?“

„Gute Frage. Er hat sich mal als Privatier bezeichnet …“

„So, so. Aber ein paar Freunde oder Bekannte muss er doch gehabt haben. Seine Schwester konnte uns jedenfalls nicht weiterhelfen.“

„Ach die?“ Der Kneipenwirt verzog verächtlich das Gesicht.

„Die?“, wiederholte Gruber verwundert.

„Die wollte ihn doch schon mal entmündigen lassen, vor ein paar Jahren, als er mal ‘ne ziemlich schlimme Zeit durchgemacht hat. Außerdem hatten sie dauernd Streit, soviel ich weiß. Wegen dem Haus. Oder besser gesagt, wegen dem Grundstück. Ein echtes Miststück, hat der Manni mal gemeint.“

„Interessant.“

Der Kneipenwirt steckte sich eine Zigarette an und kratzte sich am Kopf. „Wenn er nur besoffen die Treppe runtergefallen ist, was hat dann die Kriminalpolizei damit zu schaffen?“

„Reine Routine …“

„Der Satz kommt mir irgendwie bekannt vor.“

Gruber ging nicht auf die Bemerkung ein. „War Herr Neumann gestern Abend auch hier?“, fragte er stattdessen.

„So bis elf, ja …“

„Und, ist er allein weg?“

Der Kneipenwirt zögerte kurz. „Kann ich so genau nicht mehr sagen“, erwiderte er schließlich, ohne Gruber dabei anzuschauen.

„Können Sie nicht, oder wollen Sie nicht?“

„Hören Sie, ich möchte da niemanden reinreiten …“

„Sie reiten höchstens sich selbst rein, wenn Sie mir etwas verschweigen. Und herausfinden werden wir es so oder so. Also?“

„Er ist mit den Bergers weg, einem Ehepaar hier aus der Stadt, und einem Typen, den ich nicht kenne. War erst zwei oder drei Mal hier.“

„Und was sind das für Leute, diese Bergers?“

„Junkies, wenn Sie es genau wissen wollen. Aber immerhin noch arbeitsfähig. Haben beide einen richtigen Job. Und sogar eine schöne Bleibe, wenn sie was dafür tun würden.“

„Und wo sind sie zu finden?“

„Gleich außerhalb der Stadt.“ Der Wirt gab Gruber die Adresse.

„Okay. Ich werde mit den beiden reden. Noch eine letzte Frage: Hatte Neumann eine Freundin?“

„Nicht hier in Trostberg, das wüsste ich. Aber ich glaube, er hatte da in Salzburg was laufen. Aber ich habe die Dame nie kennengelernt. Und er hat auch nie darüber gesprochen. Jedenfalls nicht mit mir.“

Gruber wandte sich zum Gehen. „Okay, haben Sie besten Dank.“

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