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Kein Grappa für Commissario Luciani

Über Claudio Paglieri

Claudio Paglieri, geboren 1965 in Genua, arbeitet bei der Genueser Zeitung »Il Secolo XIX«. Bekannt wurde er durch die humoristischen Biographien der beiden italienischen Comic-Helden Tex Willer und Dylan Dog. 2003 erschien von ihm bei Aufbau Taschenbuch der Roman »Sommer Ende Zwanzig«, 2007 sein preisgekröntes Krimi-Debüt »Kein Espresso für Commissario Luciani«, gefolgt von »Kein Schlaf für Commissario Luciani« (2008).

Christian Försch, geb. 1968, lebt seit 1995 in Ferrara. In seinen preisgekrönten Radiofeatures und Filmdokumentationen hat er Italien, seine Menschen und seine Landschaften porträtiert. Er übersetzte u. a. Kriminalromane von Claudio Paglieri sowie Paolo Sorrentinos Roman »Ragazzi, was habe ich verpasst?«.

Informationen zum Buch

Maler, Mörder und Matronen

Ein Graf ohne Nachkommen, eine Haushälterin, ein Trödler, ein Drogendealer – das sind die Todesopfer dieses ansonsten ruhigen Sommers in Genua. Für Lucianis neuen, aalglatten Vize Livasi sind die vier scheinbar zusammenhanglosen Fälle in null Komma nichts abgehakt, während der Commissario zähneknirschend zu Hause sitzt und den alleinerziehenden Vater eines sechs Monate alten Säuglings gibt. Doch dann taucht wie eine Vision aus der Vergangenheit seine ehemalige Klassenkameradin und Schulschönheit Fiammetta Sforza auf, von den Jahren unberührt wie Dorian Gray. Als Restauratorin hatte sie für den verstorbenen Grafen eine seit Generationen im Familienbesitz befindliche Rötelzeichnung untersucht und herausgefunden, dass es sich um ein bis dato unbekanntes Selbstporträt da Vincis handelt. Eine Beute von unschätzbarem Wert … Das Baby vor den Bauch geschnallt, macht sich der spindeldürre, baumlange Commissario sofort auf eigene Faust auf die Jagd nach dem verschwundenen Porträt, im ungleichen Wettlauf gegen einen geisterhaften Mörder, karrieregeile Widersacher, die Tücken schöner Frauen und – den Schlafrhythmus seines Sohnes.

»Der Mann kann erzählen wie der Teufel! Ein Muss für alle, die wissen wollen, wie Italiens Seele wirklich tickt.« Peter Henning

Claudio Paglieri

Kein Grappa für Commissario Luciani

Roman

Aus dem Italienischen von Christian Försch

Erster Teil

Kapitel 1

Marco Luciani

Marco Luciani stellte den Motor ab, nahm die Einkaufstüten und die Zeitungen vom Sitz, warf die Autotür zu und öffnete das Gartentor. Er war an jenem Morgen erstaunlich früh aufgewacht, wenn man bedachte, dass er den Großteil der Nacht kein Auge zugetan hatte. Bei dieser Julihitze, die sich schon morgens um halb acht bemerkbar machte, bestand keine Hoffnung, dass er noch einmal einschlafen würde, und so hatte er beschlossen, sich nicht noch eine Stunde im Bett herumzuwälzen, sondern vom Boschetto hinunter ins Zentrum zu fahren und ein paar Sachen zu besorgen.

Er durchquerte den Garten, öffnete die Glastür und fand seine Mutter am Küchentisch, wo sie Zeitung las.

»Hallo, Mama, alles in Ordnung?«

»Alles in Ordnung. Hast du an die Milch gedacht?«

»Klar«, sagte Marco Luciani und stellte den Einkauf auf den Tisch.

»Und an den Zucker?«

»Klar.«

»Sehr gut.«

»Hier nimm, ich habe auch die Zeitung gekauft, dann kannst du wenigstens die von heute lesen.«

»Ach ja, gut. Die Espressokanne steht bereit. Du musst nur den Herd anmachen. Ich schaue mir in der Zwischenzeit die Todesanzeigen an.«

Marco Luciani verdrehte die Augen. »O Mama, diese Manie, zu kontrollieren, wer gestorben ist.«

»Das ist keine Manie, Marco. Das ist eine nützliche Übung. Ich informiere mich, ob jemand von uns gegangen ist, den ich kenne.«

»Und selbst wenn du es weißt? Es schlägt dir nur aufs Gemüt, sonst nichts. Du sagst ›Der arme Herr Soundso ist gestorben‹ oder ›Eine meiner Schulkameradinnen ist tot‹, und das deprimiert dich.«

»Was redest du da? Wenigstens weiß ich Bescheid. Ich schicke ein Telegramm oder eine Karte. Und ich blamiere mich nicht.«

Sie breitete den »Secolo XIX« vor sich aus, setzte die Brille auf und fing an, die Todesanzeigen durchzugehen. »Der innigen Zuneigung seiner Lieben entrissen«, »Nach langer, geduldig ertragener Krankheit«, »Völlig unerwartet verstorben« … Es gab niemanden, den sie kannte, aber einen höchst merkwürdigen Namen: »Witwe Luminosa Pellegrini, geborene Gavazzi«. Sie holte die Schere aus dem Besteckkasten, schnitt die Anzeige von Luminosa Pellegrini aus, ohne auf die Proteste des Sohnes zu hören, der zerlöcherte Zeitungsseiten nicht ausstehen konnte, und schob sie in das schwarze Heft, das sie in einer Schublade in der Küche aufbewahrte. Seit Jahren hob sie die besonders hübschen oder merkwürdigen Namen gewidmeten Todesanzeigen auf, und ihre Sammlung war inzwischen ganz beachtlich.

Wozu soll das denn gut sein?, dachte Marco Luciani, sagte es aber nicht, denn die Antwort kannte er bereits: »Bald wird es die auch nicht mehr geben, sie werden ein System erfinden, das dir, wenn jemand stirbt, eine SMS oder etwas in der Art schickt, da werden dann Ort und Uhrzeit der Beerdigung drinstehen, und von all den menschlichen Existenzen wird keine Spur übrig bleiben.«

Donna Patrizia hob den Blick auf die lange, spindeldürre Silhouette ihres Sohnes, der damit beschäftigt war, den Einkauf wegzuräumen und die Kaffeetassen hervorzuholen, und sie fragte sich, wie sehr der Name auf seinen Charakter abgefärbt hatte. Er war immer zuverlässig und streng gewesen, hatte stets die Regeln eingehalten, wie die deutsche Mark. Er hatte nie gelernt, das Leben zu genießen oder zumindest laufen zu lassen und es zu nehmen, wie es kam.

Marco Luciani griff sich einen Keks aus Reismehl, und genau in dem Moment, als er ihn zum Mund führte, hörte er aus dem Schlafzimmer das Kriegsgeheul des neuen Hausherrn. Alexander der Große war erwacht.

Kapitel 2

Der Graf

»Agnese, hast du die Kamee meiner Mutter gesehen? Ich kann sie nirgendwo finden.«

Darauf hätte ich wetten können, dachte Agnieszka und schaute ihn möglichst unschuldig an. »Nein. Ist sie denn nicht in der Nachttischschublade?«

»Tatsächlich war sie da immer drin. Aber jetzt ist sie verschwunden, schau.«

»Sie haben sie nicht zufällig weggeräumt, und jetzt erinnern Sie sich nicht mehr, wohin?«

»Warum hätte ich das tun sollen? Ich wollte sie hier griffbereit haben.«

Agnieszka zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Bei der Perlenkette hatten Sie auch gesagt, sie sei verschwunden. Stattdessen war sie in der Kommode im Wohnzimmer. Erinnern Sie sich?«

»Hmm«, sagte er, wenig überzeugt.

»Erinnern Sie sich nicht, Herr Graf? Sie legen Ihre Sachen dauernd in ein neues Versteck, und dann vergessen Sie es. Das ist nicht das erste Mal.«

»Was?«

»DAS IST NICHT DAS ERSTE MAL!«, schrie sie. »Immer tauber und bekloppter«, fügte sie dann im Flüsterton hinzu. »Ich muss ihn ausschimpfen wie einen kleinen Jungen, und dann darf ich ihn obendrein noch siezen.« Sie hatte ihn immer, selbst im Moment größter Intimität, gesiezt, während er sie stets duzte.

Graf Guinigi Moncalvo, der, den Rücken an ein Kissen gelehnt, im Bett saß, musterte sie misstrauisch. Du bist es, die mir das Zeug klaut, dachte er, du hast schon immer lange Finger gemacht. Ich bin selbst schuld, dass ich bei den ersten Malen so getan habe, als wäre nichts gewesen. Genau. Aber bei den ersten Malen zahltest du mir es mit Zinsen zurück, als wir noch jünger waren. Oder besser gesagt, ich war es schon nicht mehr, aber sie war mit vierzig noch eine Wucht gewesen, nicht so wie jetzt. Und im Bett … im Bett war sie ein Teufel. Er lächelte verbittert, alles, was ihm noch blieb, waren die Erinnerungen und ein paar Wertsachen, die diese polnische Schlampe nach und nach würde verschwinden lassen.

»Was haben Sie gesagt, dass es war?«

»Was?«

»Das Ding von Ihrer Mutter. Das verschwunden ist.«

»Die Kamee. Die Kamee von Mama. Und von Großmutter, davor. Das heißt, vielleicht sogar von der Urgroßmutter.«

Ja, von der Herzogin vom goldenen Schiss, dachte Agnieszka. »Machen Sie sich keine Gedanken. Ich werde heute einmal ordentlich saubermachen. Und Sie werden sehen, dass sie wieder zum Vorschein kommt.«

Er nickte, wenig überzeugt. Er war schon wieder müde, auch wenn er lange geschlafen und nur ein leichtes Mittagsmahl zu sich genommen hatte. Vielleicht war die Hitze daran schuld, oder die Medizin, die der Arzt ihm gegeben hatte, war zu stark, er wurde ganz belämmert davon. Er musste es ihm sagen oder von sich aus die Dosis reduzieren. Ob es wohl angezeigt war, aus dem Bett zu steigen, sich den Morgenrock anzuziehen und sich wenigstens in den Sessel in der Bibliothek zu setzen? Ich könnte etwas lesen, dachte er. Das Problem war, dass er sich nicht mehr lange auf ein Buch konzentrieren konnte und dass er sich schon am nächsten Tag an nichts mehr von dem erinnerte, was er gelesen hatte. Tabula rasa. Er konnte aus reinem Vergnügen am Augenblick der Lektüre lesen. Ein Gedicht, zum Beispiel. Er versuchte, sich eines aus der Schulzeit in Erinnerung zu rufen. Leopardi und Foscolo waren seine Favoriten gewesen. Früher einmal lernte man sie auswendig, und er konnte sie alle, wirklich alle, auch die ganz langen, wie die »Sepolcri«. »Im Schatten des Atems und in den Urnen«, fing er an. Nein, nicht des Atems. Der Seufzer. Die Toten atmen nicht, sie seufzen, aus Sehnsucht nach der Schönheit des Lebens. »Im Schatten der … nein, von Zypressen. Was haben die Seufzer mit dem Schatten zu tun? Im Schatten von Zypressen und in Urnen – und dann kam etwas – ist da denn der Schlaf des Todes weniger hart?« Mir fehlen ein paar Wörter dazwischen, dachte er. Und wie geht es dann weiter?

Er blieb im Bett liegen und grübelte, während seine Lider immer schwerer wurden. Er versuchte, dagegen anzugehen, wollte einen Schluck Tee vom Nachtschränkchen nehmen, aber der Schlaf mit seinen Samtfingern hatte ihn sich bereits gegriffen.

»Herr Graf, ich gehe. Herr Graf?«

Sie schüttelte ihn sanft, »HERR GRAF, ICH GEHE!«

Guinigi Moncalvo schlug ein Auge auf, kaute ein wenig leer. »Hmm? Hä?«

»Brauchen Sie etwas? Es ist sieben Uhr, ich gehe jetzt.«

»Es ist schon sieben? Wieso hast du mich so lange schlafen lassen?«

»Sie sind müde, Sie brauchen den Schlaf. Jetzt aber sollten Sie aufstehen und wenigstens etwas zu Abend essen. Ich habe einen Topf auf dem Herd gelassen, er ist schon warm. Haben Sie verstanden? SIE MÜSSEN NICHT EINMAL DAS GAS AUFDREHEN. ER IST SCHON WARM!«

»Ja, ja, ich habe verstanden«, sagte er und stieg aus dem Bett. Ihm war ein bisschen schwindlig, aber der Kontakt mit dem kühlen Fußboden weckte ihn schließlich auf.

Agnieszka half ihm, den Morgenmantel überzuziehen, dann trat sie auf die Schwelle der Zimmertür. »Ich gehe. Ach übrigens«, sagte sie und kam noch einmal zurück, »ich habe die Kamee Ihrer Mutter gefunden.«

»Was?«

»DIE KAMEE IHRER MUTTER! Ich habe sie wieder in die Nachttischschublade gelegt«, sagte sie und zeigte ihm die Brosche.

Er schaute sie an, ohne etwas zu verstehen. »Hä. Was hat die Kamee meiner Mutter damit zu tun?«

Sie verdrehte genervt die Augen. »Sie hatten gesagt, Sie hätten sie verlegt. Dass sie nicht mehr an ihrem Platz sei.«

»Wie, sie war nicht mehr an ihrem Platz? Sie ist immer hier, ich hebe sie immer hier auf.«

Agnieszka seufzte. »Okay, Sie sind jetzt ein bisschen durcheinander, aber es wird Ihnen schon wieder einfallen. SIE HATTEN MIR GESAGT, SIE HÄTTEN SIE VERLOREN. ICH HABE SIE IN DER KOMMODENSCHUBLADE GEFUNDEN. ICH HABE SIE WIEDER AN IHREN PLATZ GELEGT.«

Er antwortete mit einem ausdruckslosen Blick, am Ende lächelte er, als wollte er sich entschuldigen. »Ich habe nicht verstanden.«

»Ist gut, das macht nichts. Wir sehen uns morgen. DAS ABENDESSEN STEHT IN DER KÜCHE BEREIT.«

Agnieszka rannte fast hinaus, denn wäre sie nur eine Minute länger geblieben, dann hätte sie ihm den Schädel eingeschlagen. Zum Glück schlief er mittlerweile so gut wie den ganzen Tag, denn es war fast nicht mehr auszuhalten mit ihm. Und dabei war er noch gar nicht so alt. Er war zweiundachtzig, viele Leute in diesem Alter waren geistig noch richtig fit. Der Graf dagegen war inzwischen fast völlig weggetreten, und ihn allein zu lassen wurde langsam zu einem echten Risiko. Sie ging zu Fuß nach Hause, wie sie es seit zwanzig Jahren bei jedem Wetter tat, sommers wie winters. Von der Villa des Grafen bis zu ihrem Häuschen waren es drei Kilometer, und es hatte Nächte gegeben, in denen sie lieber bei ihm geblieben wäre. Aber er hatte ihr das nie vorgeschlagen, und sie hatte ihn nie darum gebeten, nicht einmal in den langen Jahren, in denen sie ein Liebespaar gewesen waren. Sie war oft mitten in der Nacht, nachdem sie sich geliebt hatten, aus dem Bett aufgestanden und bei Schneefall zu Fuß nach Hause gegangen. Ohne dass er je versucht hätte, sie zurückzuhalten, ohne dass er sich je erboten hätte, sie mit dem Auto zu bringen. Er war der Graf, sie war die Dienerin. Punktum.

Sie hatte ihn nicht eine Minute geliebt, diesen Bastard. Oder vielleicht doch. Sie wusste es schon gar nicht mehr, und es spielte sowieso keine Rolle mehr. Sie beschleunigte ihren Schritt, während sie an die Geschichte mit der Kamee dachte. Er war zwar weggetreten, hatte aber unerwartete lichte Momente.

Sie kam nach Hause, hängte in der Diele die Schürze an den Nagel, streifte die Schuhe ab und schlüpfte in die Pantoffeln. Dann zog sie das kleine, in Zeitungspapier gewickelte Päckchen aus ihrer Handtasche. Die Perlenohrringe waren wunderschön, von erlesener Eleganz, für wahre Herrschaften. Sie wusste nicht, ob sie der Gräfin Anna oder der Urgroßmutter Olimpia gehört hatten, sicher war nur, dass sie jetzt ihr gehörten, so wie die goldenen Manschettenknöpfe, in die zwei sich aufbäumende Greifvögel geprägt waren. Der Bastard hatte sich nur an die Kamee erinnert, und so hatte sie diese an ihren Platz zurücklegen müssen. Aber mit denen hier war alles glattgegangen. Sie würde sie noch eine Weile hierbehalten, für den unwahrscheinlichen Fall, dass er nach ihrem Verbleib fragte, dann würde sie sie, wie immer, an einen Antiquitätenhändler in Genua verkaufen, der gut bezahlte. Und das würde noch lange nicht reichen, um des Grafen Schuld abzutragen.

Kapitel 3

Marco Luciani

Vor dem Kaffeeautomaten herrschte dichtes Gedränge. Kommissare und Inspektoren der Mordkommission, ein paar Kollegen vom Raub, ein paar Gerichtsbeamte kommentierten den soundsovielten Fall von einem Kerl, der seiner Ex, den zwei Kindern und der Schwiegermutter das Licht ausgeblasen und sich am Ende erschossen hatte.

»Warum können Männer nicht akzeptieren, wenn man sie verlässt?«, fragte Roberta, eine hübsche Blonde aus dem Einwanderungsbüro. »Das ist absurd, womöglich war das so eine Ehe, in der es tagein, tagaus nur Zoff gab, in der beide fremdgingen und sich vor den Kindern die schlimmsten Sachen an den Kopf warfen. Aber als sie ihn schließlich verlassen hat, kam ihm das wie ein tödlicher Affront vor, der nur durch Blut wieder abgewaschen werden konnte.«

»Das ist schwer zu beurteilen, wenn man den spezifischen Fall nicht kennt«, sagte Inspektor Calabrò.

Die andere schnaubte: »Was willst du denn da beurteilen? Die sind doch einer wie der andere, diese Fälle. Ich habe noch nicht einen erlebt, bei dem die Frau ihren Mann umgebracht hat. Schön wär’s, wenn’s das wenigstens ein einziges Mal gäbe. Stattdessen sind die Frauen so bescheuert, dass sie sich lieber selbst umbringen, und das war’s. Frauen akzeptieren eine Niederlage in der Liebe, Männer nicht. So sieht’s aus.«

»Liebe«, erwiderte Calabrò, »was für ein hehres Wort. Das hat mit Liebe nichts zu tun. Das hat mit der Situation zu tun, in der sich einer wiederfindet. Unbezahlte Rechnungen. Die Miete. Gas und Strom. Die Schule. Einer, der sechzehnhundert Euro im Monat verdient, oder auch zweitausend, wenn die Frau ihn verlässt, dann steht er plötzlich ohne Kinder und ohne Wohnung da, und die Hälfte seines Einkommens hat er Monat für Monat seiner Ex zu überweisen.«

»Es wimmelt nur so von solchen Familien, die Opfer der Alimente geworden sind«, nickte Oberwachtmeister Antonio Iannece.

Roberta schaute sich ungläubig um. »Das meint ihr doch nicht im Ernst, oder? Das heißt, eurer Meinung nach liegt die Schuld jetzt bei dieser armen Frau? Und dem Irren, der das Blutbad angerichtet hat, dem Ärmsten, kann man keinen Vorwurf machen?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich sage nur, dass die Frau sich womöglich einen Neuen sucht, der sie aushält, aber du kannst sicher sein, dass sie das Geld von ihrem Ex trotzdem will. Und der steht dann mit achthundert Euro im Monat da. Wie soll er sich damit über Wasser halten?«

»Mit der Parkbank als Floß«, sagte Iannece, »oder gleich unter der Brücke.«

»Oder er soll gleich von der Brücke springen.« Die barsche Stimme von Kommissar Luciani, der auf der Türschwelle erschienen war, unterbrach die Diskussion. Seine Miene war finster, vielleicht verstand deshalb niemand den Witz.

»Was ist los?«, fragte er angesichts des Auflaufs.

»Guten Tag, Commissario. Wäre ein Kaffee genehm?«, begrüßte Iannece ihn als Erster.

»Was ist los?«, wiederholte Marco Luciani, der zu Hause schon eine ganze Espressokanne hinuntergestürzt hatte, ohne jede Wirkung.

»Nichts, wir sprachen von einem, der gestern in Turin die ganze Familie ausgelöscht hat«, antwortete Calabrò.

»Hat er sich danach wenigstens selbst umgebracht?«

»Ja.«

»Dann hat er seine Schuld gegenüber der Gesellschaft beglichen. Wenn ihr nichts Besseres zu tun habt, könnt ihr euch den alten Fällen widmen.«

Kommissare und Inspektoren der Mordkommission warfen sich einen Blick zu und lösten die Versammlung auf. Wenn der Commissario mit einer derart miesen Laune aufkreuzte, suchte man sich besser eine Beschäftigung, möglichst außerhalb der Dienststelle, und möglichst weit weg.

Marco Luciani betrat sein Büro. Mit den Worten: »Ich möchte, dass mir mindestens eine Stunde lang keine Anrufe durchgestellt werden«, schloss er die Tür hinter sich, dann setzte er sich auf seinen Drehstuhl und atmete tief durch. In Wahrheit war er überhaupt nicht schlecht gelaunt, jedenfalls nicht so schlecht, aber er konnte keine Zeit mit Tratsch verlieren, und er wollte niemanden in seiner Nähe. Er hatte eine Nacht hinter sich, in der Alessandro ihm, wenn es hoch kam, drei Stunden zerstückelten Schlafes gestattet hatte, und er wusste selbst nicht, wie er es bis nach Genua geschafft hatte, ohne am Steuer einzuschlafen.

Er ließ die Jalousien runter, schaltete den Computer ein, für den Fall, dass jemand plötzlich hereinkommen sollte, legte die Arme auf den Schreibtisch, die Wange auf die Arme, wie er es unter Aufsicht der Schwestern im Kindergarten hatte machen müssen. Doch während er damals ums Verrecken nicht einschlief und sich eine Stunde regungslos langweilte, schloss er jetzt die Augen, und es dauerte keine Minute, ehe er in einen tiefen Schlaf gesunken war.

»Commissario. Commissario!«

Luciani fuhr aus dem Schlaf hoch, richtete sich auf und bereitete sich darauf vor, Iannece ins Zimmer zu rufen. Aber Iannece, sein Assistent, Fahrer und Faktotum, war bereits eingetreten und betrachtete ihn in einer Mischung aus Vorwurf und Mitleid.

»Commissario. Geht es Ihnen nicht gut?«

Luciani schlug die Augen auf, brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, wo er sich befand, dann gähnte er und wischte sich einen Speichelfaden von der Wange. Meine Herren, habe ich gut geschlafen, dachte er. Aber wie lange schon?

»Entschuldige, Iannece. Ich habe gerade am Computer gearbeitet, und da muss ich kurz eingedöst sein. Ist es bei uns nicht üblich anzuklopfen?«

»Ich habe ja auch geklopft. Zuerst habe ich die klassischen drei Mal geklopft, und dann noch zehn Mal. Sie haben aber nicht geantwortet, und da bin ich eingetreten. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen das sage, aber Sie können so nicht weitermachen.«

»Mir geht es hervorragend, Iannece. Ich habe nur heute Nacht fast nicht geschlafen.«

Lucianis Assistent wollte etwas über Väter, Mütter und Hausmänner sagen, doch dann zog er es vor zu schweigen. Die Tatsache, dass Kommissar Luciani ein Kind bekommen hatte, war der klassische Elefant im Wohnzimmer: Alle wussten, dass er da war, aber da der Hausherr ihn ignorierte, fühlten auch alle anderen sich verpflichtet, so zu tun, als gäbe es ihn nicht.

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie gestört habe, Commissario. Ihr Nachbar ist da, das heißt, der ehemalige Nachbar. Er wollte Sie sprechen, ich sagte ihm, er solle ein andermal wiederkommen, er meint aber, es sei dringend.«

»Hmm. Und was will er?« Luciani gähnte, streckte seine langen Arme und rieb sich die Augen. »Okay, lass ihn kommen.«

Iannece warf ihm einen merkwürdigen Blick zu.

»Was ist los?«

Noch ein merkwürdiger Blick und ein Finger, der auf seinen Kopf zeigte.

»Darf man erfahren, was los ist?«

»Ihre Haare sind hier ganz plattgedrückt, Commissario. Das sollten Sie richten, sonst merkt man, dass Sie geschlafen haben.«

Marco Luciani errötete und trat vor ein Bild, um sich in dessen Glas zu spiegeln. Sein Haar, das ungewöhnlich lang gewachsen war, schien an der linken Schläfe von einer Granate frisiert worden zu sein. Er dankte Iannece mit einem Schulterklopfen und einem Blick, der so viel bedeutete wie: »Wehe, wenn du mich verpfeifst«, dann richtete er seine Frisur, so gut es ging, und stellte sich auf die Begegnung mit dem Neapolitaner ein.

Kapitel 4

Der Graf

Graf Guinigi saß auf der Terrasse und betrachtete die Sterne. Er hatte den ganzen Tag geschlafen, und jetzt fühlte er sich besser. Wacher, hellsichtiger und mit ausreichend Energie, um sich seiner Passion zu widmen. Es war eine frische, duftende Nacht, und der Himmel bot ein noch berauschenderes Schauspiel als gewöhnlich. Er richtete das Teleskop auf den Kometen Garrad, der ihm seit einigen Tagen Gesellschaft leistete, dann ging er Mars begrüßen, der sich im Sternbild des Stieres befand. Ungewöhnlich war dieser Anblick des Roten Planeten neben Aldebaran, der seinerseits in einem zarteren Rot schimmerte. Im Osten war Vega, der hellste Stern der Leier stand fast im Zenit, und der Schwan stieg majestätisch aus dem See der Milchstraße auf. Jenseits der Nördlichen Krone leuchtete Arktur, im Sternbild des Bärenhüters. Im Süden die Waage und der Skorpion, mit Antares. Einer der angenehmen Aspekte des Landlebens, in dieser abgelegenen Villa, war das Fehlen von Lichtverschmutzung. In der Stadt hätte er ein ähnliches Schauspiel niemals betrachten können, ein Schauspiel, das ihm seit Jahren das Kino, das Fernsehen und jede andere Form der Zerstreuung ersetzte. Auf dem Dach seiner Villa stand jeden Abend ein anderes Stück auf dem Programm, und nie wurde es langweilig. Dieser Juli verhieß, in der letzten Dekade, eine besondere Aktivität der Perseiden. In der Laurentinacht am 11. August würde es keine Sternschnuppen geben, eher schon am 29. Juli, wenn pro Stunde zwanzig der südlichen Delta-Aquariden vorüberziehen würden.

Es ist ein Privileg, in eine bedeutende Familie hineingeboren zu werden, dachte Graf Guinigi. In einem schönen Haus aufzuwachsen, die besten Schulen zu besuchen, sich an Schönheit und Komfort zu gewöhnen. Es ist, als setztest du dich auf einen Sessel, der nach und nach deine Form annimmt, dich umfängt und einhüllt. Doch es ist auch eine Verdammnis. Auch die Umarmung der zartesten aller Geliebten tendiert auf lange Sicht dazu, dich zu ersticken, wenn nicht zu zerquetschen. Und wenn du dich freimachen willst, dann wird jeder andere Sessel dir unbequem vorkommen, weil er deine Form nicht hat. Wer auf einem Holzschemel aufwächst, der kann sich über sein Unglück beklagen, klar, aber alles Gute, was ihm im Leben widerfahren wird, wird er bis ins Letzte auskosten. Ein Strohstuhl wird ihn glücklich machen, ein Sessel mit kariertem Stoffbezug wird ihm gar wie das Paradies erscheinen. Das Glück existiert nicht, aber wenn es etwas gibt, das ihm ähnelt, dann wird es eher derjenige erleben, der von unten kommt und aufsteigt, als derjenige, der sich von Anfang an auf dem Gipfel befindet.

Seine Lebensumstände, um die viele ihn beneideten, waren in Wahrheit die eines Mannes, der alles verlieren kann. Generationen großer Männer waren ihm vorausgegangen, einige hatten es sogar in die Geschichtsbücher geschafft, und da wir in der Überzeugung aufwachsen, die Geschichte verlaufe auf einer linearen Achse ab, welche auf Besserung und Fortschritt gerichtet ist, womöglich hin und wieder von einem Zwischenfall wie Krieg oder Hungersnot unterbrochen, nun, so erwarteten alle in seiner Familie, dass er seine Vorfahren gar noch übertreffen würde. Er sollte der Welt eine neue wissenschaftliche Entdeckung verkünden, einen Essay schreiben, der in die Schulbücher aufgenommen wurde, ein hohes Staatsamt bekleiden oder schlichtweg das Vermögen der Familie mehren. Doch die Geschichte ist kein unaufhörlicher Fortschritt, die Geschichte ist ein Meer, in dem die Wellen einander übersteigen können, neue Länder erobern, sich aber, zu Zeiten der Ebbe, auch wieder zurückziehen können. Er hatte versucht, gegen die Gezeiten zu schwimmen, vor allem um seine Mutter nicht zu enttäuschen. Er hatte viel und erfolgreich studiert, hatte sich verschiedenen Beschäftigungen und Arbeiten gewidmet. Er war immer und überall gescheitert, aus Nachlässigkeit oder Unerfahrenheit, und immer war er, tief im Innern, unglücklich gewesen. Erst viel später, als er mit sich allein geblieben war, ohne Eltern und ohne Kinder, hatte er sich im Spiegel betrachtet und verstanden, was er wirklich aus seinem Leben machen wollte. Und die Antwort war: nichts. Absolut nichts. So hatte er aufgehört zu schwimmen, hatte sich auf den Rücken gelegt, die Arme ausgebreitet und sich von der Strömung treiben lassen. Und je weiter er sich vom Ufer entfernte, von der Erde, die er ohnehin niemals hätte erobern können, um so größer wurde das Gefühl der Erleichterung, das ihn beseelte. »Und scheitern ist mir süß in diesem Meer«, hatte er gedacht, indem er die Verse Leopardis auf sich selbst bezog.

Jenseits der sechzig war jedes Jahr ein gutes Jahr gewesen. Die fleischlichen Begierden hatten sich gelegt, und damit die Notwendigkeit, immer schwierigeren Frauen oder immer kostspieligeren Prostituierten nachzujagen. Seine polnische Dienerin reichte, um die Intermezzi körperlichen Verlangens zu befriedigen, und ihm blieb alle Zeit der Welt, um sich der Lektüre, den Studien, der Betrachtung der Sterne von der Terrasse seiner Villa aus zu widmen. Er sah fast nie irgendwen, den Kontakt zu entfernten Verwandten hatte er absichtlich einschlafen lassen, und für die wenigen Freunde früherer Zeiten galt dasselbe. Ohne Arbeit, ohne Frau, ohne Kinder, aber mit ausreichend Geld, um die hundert zu erreichen, war er sich selbst genug, er fühlte sich wohl in seiner Haut, er war einer der wenigen vollkommen freien Menschen, deren Bekanntschaft er jemals hatte machen können. Und er konnte sich nichts vorstellen, was dem Begriff von Glück näher gekommen wäre.

An seinem 75. Geburtstag hatte er beschlossen, die letzte Neugierde, die letzte geistige Herausforderung zu befriedigen, nachdem er diese bewusst aufgeschoben hatte wie das Sahnehäubchen, das man erst am Ende des Desserts löffelt. Es hatte fünf lange Jahre gedauert, ehe er eine Antwort bekommen hatte, aber am Ende hatte sich ihm sein Schatz, wie er ihn für sich nannte, in all seiner Herrlichkeit dargeboten. Das Einzige, was ihm noch zu tun blieb, war, die Entdeckung der Welt zu verkünden, Ruhm und Ehre einzuheimsen und zu guter Letzt zum Ruhm seiner illustren Vorfahren emporzusteigen, ausgerechnet er, der entschieden hatte, den Hauptzweig der Familie verdorren zu lassen.

Er betrachtete Merkur, den Schutzgott der Diebe und Betrüger, der zu Monatsbeginn besonders hell strahlte, und er konnte nicht umhin, an Agnieszka zu denken, und an den Schatz, den er besser in Sicherheit bringen sollte. Die Menschen werden von Habgier, Neid und Zorn beherrscht, während die Sterne keine Heuchelei kennen, die Sterne tun nicht so, als wären sie etwas, was sie nicht sind. Es gibt nichts Älteres, Verlässlicheres, Tröstlicheres als die Sterne. Indem er sich aufgemacht hatte, die Sterne zu entdecken, hatte er sich selbst entdeckt. Denn er war wie sie, eine kalte Flamme, die in der Ferne brennt.

Kapitel 5

Marco Luciani

Der Neapolitaner trat ein, wobei er sich umsichtig bewegte und bei jedem Schritt eine kleine Verbeugung machte. Er hatte jahrelang im Stockwerk unter dem Kommissar gewohnt, ehe ihr Mietshaus in der Altstadt Genuas en bloc verkauft und saniert worden war. Man hatte die Bewohner auf die Straße gesetzt, und Luciani sah sich gezwungen, wieder bei seiner Mutter in Camogli einzuziehen.

»Setz dich, Pasquale. Wie geht’s?«

»Alles klar, Commissario. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich einfach so hereinplatze, aber ich war gerade in der Nähe … Störe ich?«

»Eigentlich haben wir ziemlich viel zu tun …«, seufzte Marco Luciani und dachte an das unterbrochene Schläfchen, »aber für einen Freund ist immer Zeit.«

»Danke, Commissario. Im Grunde wollte ich dir nur deine Post vorbeibringen. Ich bin mal wegen meiner am Haus vorbei, und da habe ich gesehen, dass auch ein bisschen was für dich da war …«

»Ahh, tausend Dank, ich müsste auch ab und zu dort vorbeigehen, aber ich finde nie die Zeit.«

»Nein, es ist nur so, dass die immer noch renovieren, da geht es zu wie im Taubenschlag, und es besteht die Gefahr, dass sie verschüttgeht. Da wollte ich sie dir lieber vorbeibringen.«

»Recht hast du«, sagte Marco Luciani, der bewusst sein einstiges Zuhause in der Altstadt mied, denn zum einen deprimierte es ihn, zum anderen kamen sowieso nur Nervereien mit der Post.

»Hier bitte, alles da, ich habe nur die Werbung weggeworfen.«

»Aufrichtigen Dank. Das wäre nicht nötig gewesen«, sagte der Kommissar und sah aus dem Augenwinkel alte Rechnungen, Schreiben der Bank und Einladungen zu Veranstaltungen, denen er um keinen Preis folgen würde.

»Nicht der Rede wert. Ich hab ja nichts zu tun. Ich habe einen Spaziergang gemacht, so ist auch meine Frau zufrieden. Jetzt haben auf einmal alle diese Manie, dass Gehen gesund sein soll, als ob uns wer weiß was zustoßen würde, wenn wir nicht jeden Tag zwei Stunden spazieren gehen. Meiner Meinung nach ist der Mensch überhaupt nicht zum Gehen geschaffen, der Mensch stammt vom Affen ab, und seine natürliche Stellung ist auf der Seite liegend, oder auf einem Ast sitzend.«

Marco Luciani lächelte. Diese Geschichte, dass der Mensch vom Affen abstammte, hatte ihm nie so ganz eingeleuchtet. Wenn dem so war – worauf warteten dann all die andern Affen, um auch Menschen zu werden? Sie schwiegen eine Weile, aber es war offensichtlich, dass der Neapolitaner nicht nur wegen Lucianis Post gekommen war. Er hatte etwas auf dem Herzen und traute sich nicht, es zu sagen.

»Kann ich dir einen Kaffee anbieten?«, sprang Luciani ihm bei.

»Danke. Warum nicht? Da ich schon mal da bin – es gibt da etwas, worüber ich mit dir kurz reden müsste.«

Sie verließen das Büro und steuerten den Kaffeeautomaten an, aber auf halbem Weg wurde dem Kommissar klar, dass er dieses Gesöff einem Gast, noch dazu einem Neapolitaner, nicht anbieten konnte. »Besser, wir trinken ihn draußen«, sagte er und bog Richtung Treppe ab.

Kaum hatten sie das Kommissariat verlassen, bogen sie nach links ab und kamen an der Scalinata delle Caravelle vorbei, wo zum Gedenken an Christoph Kolumbus drei Karavellen mit Blumen in terrassierten englischen Rasen gepflanzt waren. Sie passierten den Eingang zum Humanistischen Gymnasium und betraten die erstbeste Bar. Erst nach dem Kaffee entschloss sich der Neapolitaner, mit der Sprache herauszurücken.

»Es geht um meinen Neffen. Roberto.«

Marco Luciani konnte nicht vermeiden, dass seine Augen sich gen Himmel drehten. »Und, was hat er diesmal ausgefressen?«

»Nichts allzu Gravierendes. Er hat in einem Einkaufszentrum etwas mitgehen lassen.«

»Uff. Ich hatte mit Schlimmerem gerechnet.«

»Das Problem ist, dass diesmal ein Verkäufer versucht hat, ihn festzuhalten, er hat sich losgerissen und hat ihn dabei erwischt. Der hat ihn angezeigt, und jetzt lautet die Anklage nicht mehr Diebstahl, sondern Raub.«

»Dein Neffe ist wirklich ein Idiot.«

»Ja. Und außerdem wollen sie strafverschärfend ein rassistisches Tatmotiv anführen, denn der Verkäufer war ein Farbiger, ein Afrikaner. Und mein Neffe muss etwas zu ihm gesagt haben.«

»Der schafft es einfach nicht, die Füße stillzuhalten, oder?«

»Er hat ein heißblütiges Temperament, was willst du machen? Wenn er etwas klaut, dann macht er das wegen des Kitzels, nicht weil er es nötig hätte. Mein Bruder war genauso. Es verging kein Tag, an dem er nicht mit ein paar blauen Flecken heimkam. Und bei Roberto kommt erschwerend hinzu, dass er seinen Vater praktisch nie kennengelernt hat.«

»Die Platte kenne ich. Es gibt aber jede Menge junge Leute, denen Vater oder Mutter fehlt, und die sich ordentlich benehmen.«

»Er ist erst siebzehn … Wer hat mit siebzehn nicht mal Scheiße gebaut?«

Marco Luciani gab sich Mühe, nicht an sich selbst in jenem Alter zu denken, und trotzdem tauchte eine flüchtige Vision vor ihm auf. Lieber sterben als noch einmal siebzehn sein.

»Okay, dein Neffe treibt es aber wirklich zu bunt … Du musst ihm sagen, wenn er sich nicht am Riemen reißt, dann nimmt es ein böses Ende mit ihm.«

»Das hat ihm doch schon der Jugendrichter gesagt. Mehr als einmal. Alles für die Katz. Und diesen Verkäufer, den hat er diesmal übel zugerichtet. Sechzig Tage ist er krankgeschrieben.«

»Meine Fresse.«

»Tja. Wir können froh sein, dass er ihn nicht umgebracht hat. Aber Commissario, was ich dir sagen wollte, ist, dass nächste Woche die Anhörung vor dem Richter ist, und ich glaube, dass sie ihn diesmal nicht wieder auf freien Fuß setzen. Meine Frau und ich sind die einzigen Menschen, die er hat, ich habe seine Mutter angerufen, die oben in Venetien lebt, aber sie hat mir gesagt, dass sie nichts mehr von ihm wissen will, und wenn sie ihn wegsperren, dann tun sie gut daran.«

»Das ist auch meine Meinung«, sagte Marco Luciani. »Du hast ihm schon viel zu oft aus der Patsche geholfen. Zuerst diese Drogengeschichte mit seinen Kumpels aus der Fankurve, dann die andere Schlägerei, dann der Autodiebstahl … dann … Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern. Inzwischen denke ich allerdings, dass ihm die nachsichtigen Richter eher geschadet als genutzt haben.«

Der Neapolitaner senkte den Kopf und schwieg eine Weile.

»Du bist nie im Gefängnis gewesen«, sagte er am Ende, »höchstens als Besucher oder um jemanden zu verhören. Aber drinnen zu sitzen … Einen normalen Menschen mag das wieder geradebiegen, aber bei einem, der das Hirn meines Neffen hat … kann das die Sache nur schlimmer machen.«

Marco Luciani seufzte. »Ich weiß wirklich nicht, wie ich dir helfen könnte.«

»Es ist gar nicht nötig, dass du etwas tust. Ich habe schon für alles gesorgt. Ich bitte dich nur, dass du den Richter einmal anrufst.«

»Was? Kommt nicht in Frage. Tut mir leid, das kommt gar nicht in Frage.«

Er holte sein Portemonnaie heraus und zahlte den Kaffee, in der Hoffnung, rasch aus der Bar zu kommen und die Diskussion zu beenden. Aber der Neapolitaner hatte noch nicht alle Karten ausgespielt.

»Ich bitte dich, Commissario«, sagte er auf dem Weg zur Dienststelle. »Ich habe eine Arbeit für ihn gefunden, für meinen Neffen, bei einem Freund von mir. Wenn sie ihn auf freien Fuß setzen, fängt er sofort an. Noch am selben Tag.«

»Eine Arbeit?«

»Ja. Dieser Junge platzt vor Energie, wenn er die nicht abreagiert, dann zieht er abends los, er trinkt vielleicht ein bisschen, und aus der Energie wird Wut. Oder er geht ins Stadion und sorgt für Unheil. Aber wenn er morgens um sechs aufstehen muss, um zur Arbeit zu gehen, wirst du sehen, dass er abends weniger wild darauf ist, den Idioten zu spielen.«

»Ich weiß nicht, Pasquale. Er hat auch schon gemeinnützige Arbeit geleistet, wenn ich nicht irre.«

»Ja, drei Mal. Aber das ist nur ein Fake. Er hatte nicht wirklich was zu tun. Er hockte nur den ganzen Tag in einem Zimmer rum und drehte Däumchen. Der war danach noch durchgeknallter als vorher. Das hier ist dagegen echte Knochenarbeit. Er muss Sachen auf- und abladen. Kennst du Antonino, den Antiquitätenhändler?«

»Nein, welcher ist es?«

»Na, der hinter der Basilica delle Vigne, ich kann mich nicht erinnern, wie die Piazza heißt … Er läuft immer mit einer Schiebermütze rum.«

»Ah ja, ich weiß, wen du meinst. Aber wenn das ein Antiquitätenhändler ist, dann bin ich Kommissar Maigret. Sagen wir, er ist Altwarenhändler. Ein Trödler.«

»Meinetwegen, nenn ihn, wie du willst. Jedenfalls hat er jede Menge Arbeit, er räumt Keller und Dachböden aus, sonntags fährt er auf Messen. Er hat mir gesagt, dass er bereit wäre, ihn mitzunehmen. Er ist inzwischen nicht mehr der Jüngste, und die Bücher sind schwer, von den Möbeln ganz zu schweigen. Wenn du den Richter überzeugen könntest, dass er ihm noch einmal diese letzte Chance gibt …«

Marco Luciani schüttelte den Kopf.

»Sag mir, was ich tun muss, Commissario. Ich werf mich auf die Knie. Ich flehe zu dir wie zu San Gennaro«, sagte er und kniete sich tatsächlich hin, mitten auf dem Bürgersteig, ohne sich um die Passanten zu kümmern.

»Lass das!«

»Commissario, ich habe es meinem armen Bruder am Totenbett geschworen, dass ich mich um diesen Jungen kümmern würde. Wie kann ich da noch den Mut aufbringen, ihm Blumen ans Grab zu bringen? Wie soll ich ihm denn beibringen, dass sein Sohn im Gefängnis sitzt? Und was soll ich meiner Frau sagen, die sich wegen dieses Jungen ihre Gesundheit ruiniert hat?«

Eine Szene hat uns jetzt gerade noch gefehlt, dachte Marco Luciani peinlich berührt und hoffte, dass sie nicht von den Fenstern des Gymnasiums oder der Dienststelle aus beobachtet wurden. Er zog eine Grimasse und sagte: »Okay, meinetwegen, komm wieder hoch: Ich werde es versuchen. Ich weiß aber nicht, ob der Richter auf mich hören wird.«

Sein Gegenüber versuchte ihm die Hand zu küssen, doch der Kommissar entwand sie ihm: »Jetzt hör schon auf! Komm, was soll das werden? Sag deinem Neffen aber, dass ich mit ihm reden will. Ich will mich nicht ins Zeug legen, um ihm noch eine Chance zu verschaffen, und dann hat er nichts Besseres zu tun, als die auch wieder zu versieben.«

Der Neffe des Neapolitaners kam noch am selben Tag auf die Dienststelle. Und auch dieses Mal hinterließ er keinen guten Eindruck beim Kommissar. Rasierter Schädel, tätowierter Oberarm, Piercing in Ohren und Lippe. Ein italienischer Abklatsch der armen Schweine, die Rap oder HipHop machten, so wie es früher Little Tony mit dem Rock’n’Roll versuchte. Der Junge hielt den Kopf gesenkt und leierte irgendeine Reueformel herunter, aber mit so wenig Überzeugung, dass der Kommissar ihm klar und deutlich sagte: »Entweder tust du vor dem Richter wenigstens so, als glaubtest du an das, was du sagst, oder der Jugendknast ist dir so sicher wie das Amen in der Kirche.« – »Ich will nicht ins Gefängnis«, erwiderte der Junge, hob die Augen und wirkte zum ersten Mal ebenso aufrichtig wie hilflos.

»Hast du denn wenigstens einen Anwalt?«

»Einen Pflichtverteidiger. Aber dem ist das alles schnurz.«

»Und der, der dich beim letzten Mal verteidigt hat?«

»Ich habe ihn angerufen, er konnte aber nicht kommen.«

So wie er es gesagt hatte, war dem Kommissar klar, dass der Junge ihn das letzte Mal nicht bezahlt hatte. Er drehte die Augen erneut gen Himmel und begann, ihm Unterweisungen zu erteilen, in der Hoffnung, dass es nicht schon zu spät war. Sich ordentlich anziehen. Weg mit Ohrringen und Piercings. Weg mit dieser aufreizenden Miene. Hatte er das Opfer wenigstens um Verzeihung gebeten? »Was heißt hier Opfer? Dieser Scheißnig…« Da sah Marco Luciani rot. Noch ehe der Bursche seinen Satz beenden konnte, versetzte er ihm eine schallende Ohrfeige, die Roberto verblüfft einsteckte. »Morgen wirst du dem Anwalt des Opfers einen Entschuldigungsbrief bringen, den du selbst geschrieben hast, und du wirst anbieten, Schadenersatz zu zahlen, den du von deinen ersten Lohnzahlungen abstottern wirst. Wir müssen auf den Umstand setzen, dass er, wenn du in den Knast wanderst, überhaupt nichts bekommen wird, wenn du dagegen draußen bleibst und arbeitest, bekommt er eine Wiedergutmachung. Wahrscheinlich wird er die brauchen können. Er und seine Familie.«

Nachdem er die Ohrfeige kassiert hatte, betrachtete der Junge Marco Luciani mit anderen Augen. Falls er provozierte, weil er seine Grenzen ausloten wollte, so hatte er sie diesmal aufgezeigt bekommen.

Luciani nutzte diesen Augenblick der Autorität, den er sich verschafft hatte, und entließ den Jungen mit Worten, die noch härter als die Ohrfeige waren: »Hör mir gut zu, Roberto, denn ich sage es dir jetzt zum ersten und letzten Mal. Mir ist scheißegal, dass du keinen Vater mehr hast und deine Mutter dich hat sitzenlassen. Ich nehme mal an, dass du ihr das Leben nicht gerade leicht gemacht hast. Aber kein Leben ist leicht, und wenn du denkst, dass die Welt dir etwas schuldig ist, dass die anderen dir etwas schulden, weil du ein armes, arbeitsloses Waisenkind bist, dann bist du auf dem Holzweg. Die Welt kümmert sich einen Scheiß um dich, um mich, um jedermann. Jeder spielt mit dem Blatt, das er hat, und ein guter Spieler kommt sogar mit schlechten Karten klar, vielleicht mit dem einen oder anderen Bluff. Wenn er allerdings bescheißt, sich nicht an die Regeln hält, dann wird er früher oder später an einen geraten, der ihn bluten lässt.«

Er schwieg einen Moment, dann kramte er in einer Schublade, holte die Visitenkarte einer befreundeten Anwältin hervor und wählte die Nummer. »Hallo, Francesca? Hier ist Marco, ciao. Der Kommissar. Alles klar? Ach, entschuldige, ich mache es kurz, du müsstest mir einen Gefallen tun. Ich würde gerne einen Jungen zu dir schicken, der sich in die Scheiße geritten hat, nächste Woche hat er eine Anhörung vor dem Richter. Er heißt Roberto. Kannst du ihm helfen?«

Er lächelte, bedankte sich bei ihr, dann bohrte er seine Augen in die des Jungen.

»Das ist eine Freundin von mir. Du wirst ihr mit Respekt begegnen und alles tun, was sie sagt. Und du wirst arbeiten müssen, bis du auch sie bezahlt hast.«

Kapitel 6

Der Graf

»Ich hatte Ihnen gesagt, dass Sie sich nicht draußen aufhalten sollen, dass Sie noch nicht wiederhergestellt waren. Tausend Mal habe ich Ihnen das gesagt. Und nachts wird es kalt.«

Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nicht unbedingt kalt, inzwischen herrscht selbst nachts eine Schwüle … Aber auf jeden Fall müssen Sie besser auf sich aufpassen, Herr Graf.«

»In seinem Alter. Er hätte sterben können. Zum Glück komme ich morgens zeitig. Wenn er noch eine Stunde länger da oben auf dem Dach geblieben wäre … Stimmt’s, Herr Doktor?«

»Ja, das wäre ihm sicher nicht gut bekommen. Jedenfalls geht es ihm jetzt besser, würde ich sagen. Vielleicht wäre es gut, wenn Sie ihm noch ein wenig Tee machen würden.«

Agnieszka ging widerwillig aus dem Schlafzimmer und ließ den Doktor mit dem Grafen alleine, der sie mit leicht abwesendem Blick betrachtete.

»Wie fühlen Sie sich?«, fragte der Arzt zum zehnten Mal.

»Ahh«, seufzte sein Gegenüber, der, mit einer Decke auf den Beinen, im Bett saß.

Als die polnische Haushaltshilfe an jenem Morgen um acht zur Villa gekommen war, hatte sie den Grafen weder im Bett noch im Bad oder in der Küche gefunden. Nachdem sie erfolglos nach ihm gerufen hatte, hatte sie einen Luftzug gespürt, der von der Treppe zur Terrasse kam. Und dort hatte sie ihn dann gefunden, auf dem Boden ausgestreckt. Einen Moment lang hatte sie ihn sogar für tot gehalten. Sie wusste selbst nicht, wie sie es geschafft hatte, ihn ins Bett zu schleifen, auch wenn er in Wahrheit magerer war als in ihrer Erinnerung, denn er war immer von schlanker Statur gewesen, war durch das Alter aber noch weiter abgemagert und geschrumpft.

Was der Arzt herausfinden wollte, war, ob der Graf nur ohnmächtig geworden war oder ob er einen Schlaganfall oder etwas Ähnliches gehabt hatte. Die Tatsache, dass ihm das Sprechen schwerfiel und er einen so leeren Blick hatte, ließen eher auf Letzteres schließen. Doch die Pupille war reaktiv, sie folgte den Lichtveränderungen.

»Wir müssen ihn ins Krankenhaus bringen lassen«, sagte die Polin, die mit zwei Tassen Tee zurückkam und eine dem Doktor anbot, der sie gern annahm.

»Nicht ins Krankenhaus. Nein«, sagte der Graf. Selbst in diesem Augenblick der Angst und Verwirrung war ihm doch eines klar: Er würde nicht ins Krankenhaus gehen, um sich dort umbringen zu lassen.

»Ich würde erst einmal abwarten«, sagte der Arzt, »wenn sich sein Zustand bessert, sollten wir ihn lieber nicht transportieren. Das wäre nur ein weiterer Schock. Besser, wir lassen ihn noch ein wenig in Ruhe.«

»Und wenn er einschläft?«

»Dann lassen Sie ihn schlafen. Er hat es sicher nötig.«

Der Graf ließ sich von der Polin noch eine halbe Tasse Tee einflößen, dann wandte er angewidert das Gesicht ab.

»Wenn er nicht mehr will, insistieren Sie nicht«, meinte der Arzt. Dann hob er die Stimme und sagte dem Patienten: »Ich muss jetzt gehen, machen Sie sich keine Sorgen, Sie werden sehen, dass es Ihnen bald bessergeht. Bleiben Sie im Bett, und heute Abend schaue ich noch einmal nach Ihnen.«

»Und er muss wirklich nicht ins Krankenhaus?«

»So wie ich ihn kenne, würde ihn das noch mehr aufregen. Für alle Fälle werde ich für morgen früh eine Computertomographie machen lassen, nur um sicherzugehen, dass er keine bleibenden Schäden davongetragen hat«, fügte er leise, an die Frau gewandt, hinzu. »Allerdings müssen wir ihn dazu nach Genua transportieren. Ich werde einen Krankenwagen bestellen. Wir werden ihm erklären, dass es sich nicht um eine Einlieferung handelt, nur um eine Untersuchung. Und dass er danach gleich wieder nach Hause kann.«

Die Polin nickte und brachte ihn zur Tür.

»Nimmt er seine Medikamente ein?«, fragte der Arzt.

»Wenn ich da bin, schon. Am Abend vergisst er sie manchmal. Aber er sagt, sie sind zu stark, er schläft den ganzen Tag davon.«

»Wir könnten vielleicht die Dosis reduzieren. Wie viele Tropfen nimmt er? Fünfzehn?«

»Ja.«

»Versuchen Sie es mit zehn, und dann sehen wir, wie es ihm geht.«

Agnieszka nickte, wenig überzeugt. Zehn Tropfen, fünfzehn Tropfen, die Ärzte haben nicht den leisesten Schimmer. Sie probieren auf gut Glück herum, und wir sind ihre Versuchskaninchen.

Der Graf sah sie weggehen. Den Mann hatte er schon gesehen, er war Arzt, sie mussten ihn wohl gerufen haben, weil er sich schlecht gefühlt hatte. Er erinnerte sich aber nicht, was mit ihm geschehen war. Sie sagten, er sei in der Nacht auf dem Dach gewesen, aber warum? Was hatte er da oben gewollt? Ach ja, die Sterne. Er hatte die Sterne betrachtet. Es schien ihm nicht, dass er heruntergefallen war, sonst hätte er sich wohl ein Bein gebrochen, aber die Beine taten ihm nicht weh, während sein Kopf schmerzte und er nur mit Mühe die Augen offen halten konnte. Auch sie hatte er schon gesehen, vielleicht war sie die Frau des Arztes oder vielleicht auch nicht, eher eine Krankenschwester. Aber meine Mama, wo ist die denn?, dachte er. Wieso ist sie nicht da? Und was mache ich jetzt hier so alleine?

Er fühlte sich schutzlos und verängstigt, und er war froh, dass er die Krankenschwester zurückkommen sah.

»Der Arzt ist gegangen, er musste seine Praxis aufmachen. Aber heute Abend kommt er wieder, seien Sie beruhigt. Warum versuchen Sie denn nicht, ein bisschen zu schlafen? Sie sehen ziemlich mitgenommen aus.«

Bei dem Gedanken lächelte er. Schlafen, ja. Wie lange schon hatte er nicht mehr richtig geschlafen.

»Wann kommt meine Mutter?«, fragte er.

»Ihre Mutter?«

»Habt ihr sie verständigt?«

Agnieszka war sprachlos.

»He? Hat jemand sie verständigt? Sie macht sich doch Sorgen.«

Die Worte kamen schleppend aus seinem Mund, und das lag nicht an der Müdigkeit.

»Sicher, sicher, wir haben sie angerufen«, sagte sie schnell und unterdrückte ihre Tränen. »Schlafen Sie jetzt, Sie müssen sich ausruhen.«

Sie ging die Fensterläden schließen, das Zimmer versank im Halbdunkel.

»Sie brauchen mich nur zu rufen, wenn Sie etwas brauchen. Ich bin hier draußen.«

Aber der Graf schlief bereits, von seiner Mama und den Sternen träumend.

Die Computertomographie hatte ein winziges Blutgerinnsel im Gedächtniszentrum des Gehirns offenbart, was aber nicht allzu beunruhigend war. Es hatte eine kleine Blutung gegeben, die jedoch von alleine versiegt war, und auch das Trauma würde von selbst heilen. Sicher, nicht so schnell wie bei einem jungen Menschen, doch auch im Falle des Grafen würden die Neuronen die beschädigten Verbindungen überbrücken, würden sogar neue bilden, und der Informationsfluss würde wieder mehr oder weniger normal vonstattengehen. Niemand konnte jedoch ausschließen, dass etwas gelöscht worden war und dass ganze Lebensabschnitte des Grafen oder auch nur kleine, disparate Ereignisse für immer verlorengegangen waren. Drei Tage nach dem Zwischenfall hatte Agnieszka die Sprache auf die Mutter gebracht, hatte gefragt, wo sie sei, und der Graf hatte sie verblüfft angesehen und gesagt: »Auf dem Friedhof. Wo denn sonst? Sie ist vor zwanzig Jahren gestorben, vor über zwanzig Jahren, 1985.«

»Ja, ich weiß. Ich wollte nur wissen, auf welchem Friedhof«, hatte sie geantwortet, und der Graf hatte mit unvermuteter Klarsichtigkeit gesagt: »Ich verstehe, ihr wollt wissen, wo ihr mich beerdigen sollt. Wir haben unser Familiengrab hier im Dorf, es ist schon alles geregelt. Du musst nur noch den Bestattungsunternehmer verständigen.« Er sprach jetzt ziemlich sauber, nur das S zischte noch ein wenig, als hätte er ein bisschen zu tief ins Glas geschaut. Der Arzt meinte, das sei normal und werde sich geben.

Nach einer Woche war der Graf aus dem Bett aufgestanden und hatte mehr oder weniger sein gewohntes Leben wiederaufgenommen. Auch wenn er nicht mehr aufs Dach gestiegen war und seine Nickerchen häufiger wurden. Alles schien im Großen und Ganzen wieder seinen gewohnten Gang zu gehen, als der Graf plötzlich, nach zehn Tagen, herausgeplatzt war mit: »Sag mal, wie lange willst du eigentlich noch hierbleiben? Was hat der Arzt gesagt?«

»Wie meinen Sie das? Ich komme jeden Morgen zu Ihnen.«

»Ja, aber inzwischen geht es mir besser, das ist nicht mehr nötig. Du wirst noch andere Patienten haben, um die du dich kümmern musst. Musst du nicht wieder zur Arbeit ins Krankenhaus?«

»Aber was reden Sie denn, Herr Graf? Ich komme seit vielen Jahren zu Ihnen. Ich bin keine Krankenschwester. Ich bin Agnieszka. Agnese.«

Der Name sagte ihm irgendetwas. Er schaute sie ungläubig an: »Nein, Agnese ist weggegangen. Schon vor einer ganzen Weile.«

»Ach ja? Und wer soll ich dann sein, bitte schön? Ich komme seit zwanzig Jahren jeden Morgen hierher, ich wasche, bügle, koche Ihnen das Essen!«, sagte sie verärgert.

Dem Grafen ging plötzlich ein Licht auf, und er merkte, dass er einen ordentlichen Bock geschossen hatte. Natürlich war das Agnese. Er hatte sie jünger in Erinnerung, und deutlich attraktiver, aber jetzt, da sie es ihm gesagt hatte, ja, da war es klar, dass sie es war. Er errötete und rang sich ein Lächeln ab. »Agnese. Entschuldige. Ich bin ein wenig verwirrt. Bei bestimmten Dingen … sind meine Erinnerungen nicht mehr so klar.«

»Es ist vielleicht besser, wenn Sie ins Bett gehen«, sagte die Polin verstimmt, denn krank sein war ja gut und schön, aber unter all den Dingen ausgerechnet sie aus dem Gedächtnis zu streichen, sie, die sie ihn immer gehegt und gepflegt hatte … Das bedeutete, dass sie in seinem löchrigen Hirn einen sehr geringen, ja, einen verschwindend kleinen Platz einnahm. Das Hirn kann vielleicht nicht entscheiden, was es löscht, wenn ein Anfall kommt, aber Agnieszka hätte darauf gewettet, dass dieses Arschloch das absichtlich gemacht hatte, dass es den Hirnschlag genau auf den Ort gelenkt hatte, wo ihr Gesicht und die Informationen über sie gespeichert waren, unter dem Stichwort »Polnische Dienerin, die mir immer scheißegal war«.

Ich hätte ihn besser in seinem Bett verrecken lassen, dachte sie, während sie ihn ins Schlafzimmer brachte, dann wäre mir dieser Schmerz erspart geblieben. Er schaute sie jetzt aus feuchten Augen an, er war verlegen und wusste nicht, wie er sich entschuldigen sollte. Aber sie wusste schon, dass er beim Erwachen wieder ganz der Alte sein würde. Egoistisch, kalt, gefühllos wie ein Stein, nur an sich selbst und seinen Sternen interessiert.

Kapitel 7

Marco Luciani

Marco Luciani nahm einen Apfel, schnitt ihn in Scheiben und rieb ihn, dann versuchte er mit einem Löffel, Alessandro zu füttern, der sofort den Kopf wegdrehte.

»Lass, ich mache das«, sagte Donna Patrizia, aber der Kommissar widersetzte sich: »Mama, geh ins Bett, du kannst dich nicht mehr auf den Beinen halten. Ich werde doch in der Lage sein, ein sechs Monate altes Baby zu füttern.«

»Ist ja gut, ist ja gut, lieber Himmel. Du musst aber auch etwas essen. Du wirst immer dünner.«

»Einverstanden. Mach dir keine Sorgen. Jetzt geh. Und heute Nacht schläfst du. Wenn er wach wird, stehe ich auf.« Donna Patrizia widersprach nicht, verschwand still in Richtung Schlafzimmer und ließ die beiden alleine in der Küche zurück. Der geriebene Apfel sah schrecklich aus, und Marco Luciani hatte weder diesen Geschmack noch die Konsistenz je ausstehen können. »Auf geht’s. Haammm! Köstlich«, fing er mit gespielter Begeisterung an, während Ale ihn mit der klassischen Miene betrachtete, die so viel bedeutete wie: »Ich bin doch nicht bescheuert. Iss du ihn doch, wenn er so toll schmeckt.« Nach vier oder fünf vergeblichen Versuchen griff der Kommissar auf den alten Trick mit dem Flugobjekt zurück, doch Alessandro war kein Kind der fünfziger Jahre. Die Eroberung des Luftraums faszinierte ihn nicht sonderlich, sie war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Nachdem Marco Luciani mehrere Piper an dem verrammelten Hangar hatte zerschellen lassen, schluckte er notgedrungen einen Löffel Apfelmus und begleitete dies mit übertriebenen Begeisterungsausbrüchen. Endlich lachte Alessandro, und in dem Moment, als er den Mund aufriss, steckte Luciani ihm hinterrücks den Löffel hinein. Das Baby spuckte fast alles wieder aus. Doch das neue Abenteuer hatte begonnen, und am Ende schaffte Marco Luciani es mit Hilfe eines improvisierten Spektakels wie im Lichtspieltheater, gut die Hälfte des Breis, der längst einen unappetitlichen Braunton angenommen hatte, in Alessandro hineinzustopfen. Eine halbe Stunde später rächte Alessandro sich, indem er in der Windel eine pistaziengrüne Chemobombe hochgehen ließ, die nach Tod und Verwesung roch und den Kommissar ungläubig und orientierungslos zurückließ.

Das Baby war etwa drei Monate vorher wie Moses in seinem Weidenkörbchen vor dem Garten von Villa Patrizia abgelegt worden. Ausgestattet war es schlichtweg mit einem anonymen Billett, das seinen Namen, Alessandro, trug und den Kommissar aufforderte, sich um ihn zu kümmern, genauer gesagt erklärte es, dass es dessen Pflicht sei, sich um ihn zu kümmern.

Nachdem Luciani den Kleinen ins Haus gebracht und mit der Milch aus dem im Korb befindlichen Pulver abgefüllt hatte, wollte er gleich zum Telefon greifen und jemanden verständigen, der das Baby abholen würde. Er wollte kein Kind am Hals haben, er wollte keinen Sohn, von dem er nicht mal wusste, ob er ihn gezeugt hatte, er war auf Derartiges nicht vorbereitet. Doch auch Donna Patrizia war nicht auf den Tod ihres Mannes vorbereitet gewesen, der kurz vorher verschieden war, und sie hatte die Ankunft des Babys als eine Art göttlichen Ausgleich angesehen. Der Herr hatte ihre Gebete erhört und ihr einen neuen Menschen geschenkt, um den sie sich zu kümmern habe. Deshalb hatte sie nichts auf die Einwände des Sohnes gegeben. »Wenn es ein entführtes oder vermisstes Kind wäre, dann würde nach ihm gefahndet werden, meinst du nicht? Und ihr bei der Polizei wärt die Ersten, die davon erführen.«

»Aber die Aussetzung eines Minderjährigen ist eine Straftat, Mama, das muss ich zur Anzeige bringen.«

»Die Mutter deines Kindes anzeigen? Was bist du für ein Mensch?«

»Das sagst du, dass es mein Sohn ist.«

»Natürlich sage ich das. Ich sage das, und mein Herz sagt es.«

»Mein Herz sagt mir gar nichts.«

»Du bist ein Mann. Was weißt du schon von diesen Dingen? Jedenfalls sagt es auch die Logik. Wer wäre schon so bescheuert, dir ein Kind anzuvertrauen, wenn du nicht der Vater wärst?«

»Vielleicht eine, die mich reinreiten will. Oder eine, die von dem wahren Kindsvater verlassen wurde. Oder, wie ich dir schon sagte, irgendeine Illegale, Haushaltshilfe oder sonst etwas, die nicht wusste, wem sie es geben sollte, die sich nicht ins Krankenhaus getraut hat und erfahren hatte, dass ich Polizist bin und …«

Die Mutter hatte den Kopf geschüttelt. »Du weißt doch gar nicht, was du redest. Jemand, der Angst vor Ärzten hat, sollte sich vor der Polizei nicht fürchten? Und außerdem weißt du es selbst ganz genau, dass das hier dein Sohn ist, du willst es nur nicht zugeben.«

Natürlich will ich nicht zugeben, dass das mein Sohn ist, dachte Marco Luciani. Man kann ja nicht einfach so über Nacht Vater werden. Die neun Monate braucht die Mutter, um es auszutragen, und der Vater, um sich an die Vorstellung zu gewöhnen. Ein Kind ändert alles, du selbst hast für dich nicht mehr Vorrang, sondern das Baby. Es ist der Schwächere, und du musst es schützen, es muss wachsen, du musst weichen. Es ist wie ein Tsunami, der alles mit sich fortreißt, was du hast. Wenn er, Marco Luciani, die Entscheidung hätte fällen müssen, ob er ein Kind wollte oder nicht, dann hätte er es wahrscheinlich nie geschafft, oder jedenfalls hätte er es wer weiß wie lange aufgeschoben. Stattdessen hatte jemand anderes für ihn entschieden, und er musste einfach nur versuchen, Alessandro zu akzeptieren.

Seine Mutter hatte ihn dazu gebracht, den Kleinen eine Nacht zu behalten. Dann war ein weiterer Tag vergangen, und noch einer, und zu seiner eigenen Verwunderung hatte der Kommissar sich nicht entschließen können, die Sache anzuzeigen. Er wusste aus Erfahrung, dass man einem Kind, das man dem Jugendamt zum Fraß vorwarf, das Leben für immer zerstörte. Es wäre für wer weiß wie lange in einem Waisenhaus verschwunden, in Erwartung, dass eine Familie es adoptieren würde, oder bestenfalls wäre es sofort irgendwo in Pflege gegeben worden, hätte eine Mutter in sein Herz geschlossen, der man es dann wieder entzogen hätte, um es wieder einer anderen zu geben. Einige Zeit vorher hatte er irgendwo gelesen, dass sich zwanzig Prozent der menschlichen Intelligenz im Uterus der Mutter entwickeln und dass alle wesentlichen Erfahrungen für die Ausformung des Charakters in den allerersten Monaten gemacht werden. Die Situation des kleinen Alessandro war also ohnehin schon ziemlich kompromittiert: Die Mutter hatte ihn verlassen, und das sagte schon alles über sie, über diese verschissene Karrieristin, die die anderen wie Bauern auf dem Schachbrett benutzte und ohne jeden Skrupel opferte, um ihr Spiel zu gewinnen, was für ein Spiel auch immer. Zur teilweisen Rechtfertigung konnte Marco Luciani sich nur zwei mildernde Umstände ausmalen: Es war wahrscheinlich, dass die Entbindung und die Entbehrungen durch das Abstillen sie in eine Depression gestürzt hatten, und in diesem Fall war es kein Fehler gewesen, auf Abstand zu dem Kind zu gehen; und genau genommen hatte sie es nicht ganz sich selbst überlassen, sondern ihm anvertraut, indem sie ihn um Hilfe gebeten und an sein Pflichtbewusstsein appelliert hatte, ein Zeichen dafür, dass sie ihn gut kannte.

Dies waren nur einige der guten Gründe, wie zum Beispiel das Leuchten in Donna Patrizias Augen, wenn sie mit dem Baby zusammen war, die Marco Luciani sich selbst vorsagte, um die nicht erstattete Anzeige zu rechtfertigen. Aber tief in seinem Innern wusste er genau, dass seine Entscheidung nicht im Kopf gefallen war. Im Mai des Vorjahres hatte er mit Sofia Lanni geschlafen, und aus Sicht der Evolution hatte er gesiegt, wenn seine DNA sich in ihrem Bauch eingepflanzt hatte. In Wahrheit war diese Spur nach neun Monaten verschwunden, während das Loch, das Sofia in seinem Bauch zurückgelassen hatte, seit über einem Jahr klaffte. Die Wahrheit, die er nicht einmal vor sich selbst eingestand, war, dass er wollte, dass dieses Kind seines war, denn nur indem er sich um es kümmerte, es aufzog und liebte und nach seinem Ebenbild formte, würde er auch sie eines Tages zurückholen können, würde er eine Familie gründen und für immer glücklich und zufrieden leben können.

Kapitel 8

Roberto

»Das ist eine interessante Arbeit, weißt du.«

»Na, und ob. Du sammelst das Zeug, das andere wegschmeißen. Wir sind wie Penner, die in Müllcontainern herumstöbern.«

Allein für den arroganten Ton, in dem der Junge geantwortet hatte, hätte er eine Ohrfeige verdient gehabt. Er hatte gute Lust, anzuhalten und den Burschen gleich auf die Straße zu setzen, doch Antonio zwang sich, ruhig zu bleiben. Er hatte dem Onkel des Jungen versprochen, dass er ihm helfen würde, und er hatte nicht die Absicht, sein Versprechen zu brechen. Rom war nicht an einem Tag erbaut worden, und diesen Roberto musste man bis in die Grundfesten demolieren und nach und nach, Stein für Stein wieder aufbauen.

»Nun, wenn man es so ausdrückt, dann ist es nicht sehr attraktiv«, erwiderte er, »aber das ist kein weggeworfenes Zeug. Die Sachen sind weggeräumt worden, was etwas ganz anderes ist.«

Da der Junge aus dem Fenster schaute und nicht redete, fuhr er fort: »Willst du hören, was der Unterschied ist? Man räumt Dinge weg, die man in einem bestimmten Moment nicht braucht, die aber in Zukunft nützlich sein könnten. Oder von denen man sich jedenfalls nicht trennen kann. Folglich sind diese Dinge in gewisser Weise die wertvollsten.«

»Wieso wertvoll?«

»Wenn du sie nicht brauchst, aber trotzdem aufbewahrst, dann heißt das, sie sind wertvoll. Hast du nicht auch ein Kleidungsstück oder ein Spiel, ein Buch oder sonst was, was du nicht benutzt, aber niemals wegwerfen würdest?«

»Pff.«

»Denk mal einen Moment nach. Ein Spielzeug von früher, als du noch klein warst. Ein Sammelalbum mit Klebebildern.«

»Na ja, ich habe noch das erste Handy, das ich hatte. Das ist aber wertlos.«

»Wer behauptet das?«

»Es ist alt, es ist eklig, kein Mensch will das.«

»Aber du hast es aufbewahrt?«

»Ja und?«

»Ja und damit hat es für dich einen Wert. Und vielleicht wird irgendwer, nicht heute, aber vielleicht in zehn oder zwanzig oder fünfzig Jahren, der es nicht aufbewahrt hat, so eines wiederhaben wollen, um sich daran zu erinnern, wie er als Jugendlicher gewesen war. Und er wird gutes Geld dafür bezahlen, es zu bekommen. Denn das kann ich dir sagen, in meinem Alter: Um noch einmal so jung zu sein wie du, oder um auch nur den Duft der Jugend noch einmal zu riechen, würden wir, die wir nicht mehr jung sind, jeden Preis bezahlen.«

Roberto zog die Augenbrauen hoch und lächelte schwach, wahrscheinlich dachte er an sein altes ramponiertes Handy und wie viel es wert sein mochte, und Antonio spürte, dass er einen Treffer gelandet hatte. Die Leidenschaft war für so eine Art von Arbeit die beste Basis, aber während man auf diese wartete, war es nicht verkehrt, auf den Profit zu setzen. Oder besser gesagt auf die Vorstellung von Profit.

Sie fuhren eine Weile, ohne zu reden, dann fragte Roberto: »Verdient man denn gut in diesem Job?«

»Kommt drauf an. Es gibt gute und weniger gute Phasen. Wenn du in eine Wohnung kommst und eine Ladung zusammenstellst, musst du schon wissen, was du ohne Reue wegzuwerfen, was du sofort weiterzuverkaufen und was du aufzuheben hast. Wenn du dich bei dieser ersten Auslese klug anstellst, ist das schon die halbe Miete.«

Sie hielten vor einem Hauseingang. »Ist das die Dreizehn? Ich kann es nicht lesen«, sagte Antonino, und der Junge bestätigte es.

»Gut, warte einen Moment im Auto.«

»Nimmst du die Säcke nicht mit?«

»Nein, das ist nur eine erste Ortsbegehung. Ich schau mal nach, ob etwas Interessantes dabei ist. Aufgeladen wird erst bei dem Termin um zehn.«

Abends um halb neun klingelte Roberto an der Haustür seines Onkels.

»Ahh, du hast es geschafft«, sagte die Tante, die ihm mit einem strahlenden Lächeln öffnete, »dann gebe ich die Nudeln ins Wasser, es hat bis vor einer Minute gekocht.«

»Nein, lass gut sein, ich wollte nur schnell hallo sagen. Ich glaube, ich gehe nach Hause und hau mich sofort ins Bett.«

Die Tante sah ihn besorgt an, wobei sie seinen Kopf zwischen ihre Hände nahm. »Was ist denn los? Bist du krank?«

»Ich bin am Ende. Ich habe den ganzen Tag Zeug geschleppt.«

»Hast du Fieber? Lass mich mal fühlen … Nein, sieht nicht so aus.«

»Was soll schon groß sein? Er hat einen Tag gearbeitet«, sagte Onkel Pasquale, der mit einem befriedigten Lächeln aus dem Wohnzimmer auftauchte, »er ist nur nicht daran gewöhnt.«

»Das sagt der Richtige«, wollte Roberto erwidern, hielt sich aber zurück, denn er wollte gegenüber seiner Tante nicht respektlos sein, die ihn immer noch streichelte: »Hör nicht auf ihn. Warum machst du dich nicht ein bisschen frisch? Ich geb dir ein Handtuch. In zehn Minuten steht das Essen auf dem Tisch, du musst etwas essen, wo willst du sonst die Kraft hernehmen, um morgen zur Arbeit zu gehen?«

»Scheißarbeit«, murmelte Roberto auf dem Weg zum Bad.

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