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Kein Espresso für Commissario Luciani

Claudio Paglieri

Kein Espresso für Commissario Luciani

Roman

Aus dem Italienischen von Christian Försch

 

Inhaltsübersicht

Prolog

Erste Woche

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Zweite Woche

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Dritte Woche

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Epilog

Prolog

»… Es läuft die achte Spielminute der zweiten Halbzeit, hier steht es immer noch torlos unentschieden, ich gebe zurück nach Genua.«

»In Genua ist die zweite Spielhälfte noch nicht angepfiffen, das heißt: die Mannschaften sind noch nicht einmal auf den Rasen aufgelaufen. Die Verzögerung macht uns inzwischen ein bißchen Sorgen, und auch das Publikum beginnt seinen Unmut zu äußern. Wir haben unseren Kollegen Bartocci hinunter in den Kabinengang geschickt, er versucht dort ein paar Hintergrundinformationen einzuholen. Sobald wir mehr wissen, melden wir uns wieder. Vorerst gebe ich ab nach Turin.«

»Hier steht es nach wie vor eins zu eins zwischen Torino und Neapel. Wir sind in der vierundfünfzigsten Spielminute. Vor wenigen Sekunden hatten die Gastgeber die Riesenchance zum Führungstreffer. Ein sehenswerter Kopfball von Arrigoni strich um Haaresbreite am Lattenkreuz vorbei. Der Torwart hätte keine Chance gehabt. Während wir nicht auf Sendung waren, kam allerdings auch Neapel zu einer gefährlichen Toraktion. Ein schneller Konter, den Torhüter Parisi vereiteln konnte, indem er aus dem Strafraum eilte und per Fuß klärte.«

»Entschuldige, wenn ich unterbreche, Dozza, hier spricht Genua: Soeben hat der Stadionsprecher mitgeteilt, daß die Begegnung abgebrochen wird. Grund ist ein Kollaps von Schiedsrichter Ferretti. Wir hoffen natürlich, daß es sich um nichts Gravierendes handelt. Der Referee hatte die erste Halbzeit regulär zu Ende geführt, auch wenn es heftige Proteste von seiten des Publikums und der Heimmannschaft gab, nachdem Ferretti einen Strafstoß für den Tabellenführer gepfiffen hatte. Wir warten immer noch auf genauere Informationen aus der Kabine. Verwunderlich ist allerdings, daß Herr Ferretti nicht, wie es das Reglement im Falle einer Verletzung vorsieht, durch den vierten Mann an der Seitenauslinie ersetzt wird.«

»Ist die Begegnung nur unterbrochen, oder wird sie auf einen anderen Termin verschoben?«

»Nein, nein. Das Spiel ist zu Ende. Heute wird nicht wieder angepfiffen, dies scheint jedenfalls der Stand der Dinge. Leider kommt es in diesem Moment zu Ausschreitungen. Die Fans der Gastmannschaft, die – ich wiederhole es noch einmal – eins zu null in Führung liegt, haben in ihrem Sektor zu randalieren begonnen. Die Fans zielen mit ihren Knallköpern auf die Ehrentribünen, die von einem massiven Kordon aus Polizeikräften gesichert werden.«

»Entschuldige, Crecchi, eine Zwischenmeldung aus dem Mailänder San-Siro-Stadion: Inter ist erneut in Führung gegangen, dank eines wunderschönen Treffers von Xavier. Nach einem Doppelpaß mit Fattori am Strafraumrand stand er allein vor Torhüter Fredriksson. Ein präziser Schuß mit dem rechten Außenrist, und der Torwart war geschlagen. Inter zwei, Bari eins, ich gebe zurück ins Studio.«

 

Der Leichnam von Herrn Ferretti aus Livorno hing an einem Haken, an der Decke der Schiedsrichter-Umkleide. Der Kopf war unnatürlich weit auf die linke Schulter geneigt, die nassen Haare klebten an der Stirn, und riesengroß hing die geschwollene Zunge aus dem Mund, als hätte der Tote sie ausgespieen. In den aufgerissenen, kreisrunden Augen stand ein Ausdruck von Panik und abgrundtiefem Leid. Bekleidet war der Mann mit seinem schwarzen Dreß, an den Füßen trug er noch die Stollenschuhe.

Erste Woche

Sonntag

Marco Luciani passierte die alte Abtei über dem Meer, dann schaute er auf seinen Schrittzähler. Er rannte seit siebenundvierzig Minuten und zwanzig Sekunden, und wenn er dieses Tempo durchhielt, würde er nach Runde zwei knapp unter einer Stunde liegen, wie gewöhnlich. Es war Anfang Mai, und die Sonne war warm, aber noch nicht drückend, die Meeresbrise verhalf Luciani zu einem gleichmäßigen, tiefen Atemrhythmus. Er fühlte sich wohl. Im stillen sagte er sich immer wieder, daß er nur aus Spaß an der Freude laufen sollte, nicht um irgendwelche Rekorde aufzustellen, aber in einem geheimen Winkel seines Hirns stand diese Schallmauer von anderthalb Stunden, die er nie geknackt hatte. An diesem Nachmittag konnte es endlich klappen. Aber besser, er dachte gar nicht daran, denn immer wenn er einem Ziel hinterherjagte, stieg die Anspannung, und dann schnellten Herzschlag und Atemfrequenz in die Höhe.

Die zweite Runde beendete er nach achtundfünfzig Minuten, dann begann er noch einmal von vorne und kämpfte sich zum dritten Mal durch den härtesten Abschnitt: ein kurzer knackiger Anstieg, wo er normalerweise aufgeben mußte, zumindest die Hoffnung auf die Traumzeit von einer Stunde, bzw., in Runde drei, von anderthalb Stunden. Luciani überlegte, ob er die Schallmauer durchbrechen konnte, wenn er den Startpunkt seiner Runde an eine andere Stelle verlegte und damit die Steigung zu einem günstigeren Zeitpunkt nahm. Aber er fürchtete, daß dieser Trick nicht ganz sauber war.

Da hörte er die Polizeisirene. Sie kam von hinten, vom Ende der Allee her. Verflucht! dachte er, ich will nur hoffen, daß sie nicht meinetwegen hier sind. Hätte er seinem Instinkt gehorcht, dann hätte er sich versteckt, aber ein Mann, der einen Meter siebenundneunzig groß und mager wie ein Insekt ist, kann nicht so ohne weiteres in der Menge verschwinden. Also lief er weiter, als ob nichts wäre, während die Autofahrer zur Seite auswichen und die Passanten neugierig die Hälse reckten. Die Sirene kam immer näher, bis der Streifenwagen schließlich mit quietschenden Reifen am Bordstein zu Lucianis Linken hielt. Er hörte das Geräusch der Autotür, die sich öffnete, aus dem Augenwinkel sah er einen Beamten, der ausstieg und ungelenk auf ihn zueilte. Die Hand am Pistolenknauf.

»Herr Kommissar! Herr Kommissar!«

Er drehte sich um und trabte weiter auf der Stelle, als wollte er sich noch ein wenig der Illusion hingeben, daß er nach dieser Unterbrechung sein Training fortsetzen konnte.

»Iannece, was ist denn los?«

Seit vier Jahren war Antonio Iannece sein Assistent und Fahrer. Luciani hatte ihn noch nie so verstört gesehen.

»Steigen Sie ein, Herr Kommissar. Sofort. Es ist die Hölle los. Ich habe Sie auf Ihrem Piepser angefunkt, Doktor Giampieri und die anderen sind schon an Ort und Stelle.«

Marco Luciani sah rasch an sich hinunter. Er war so verschwitzt, daß er sich vor sich selbst ekelte, das T-Shirt hätte man auswringen können, und die Shorts sahen auch nicht besser aus.

»Die Angelegenheit ist dringend, Herr Kommissar. Ein Mordfall. Vielleicht.«

»Vielleicht?«

»Ja, vielleicht.«

»Das heißt: noch ist die Tat nicht begangen?«

»Nein. Die Tat ist schon begangen. Aber es ist nicht klar, ob …«

»Wenn die Sache schon passiert ist, dann kann ich mich auch erst einmal umziehen.«

Auf der Strandpromenade war viel los, wie jeden Sonntagnachmittag. Eine Menge Leute waren stehengeblieben, um sich das Spektakel anzuschauen. Der Streifenwagen parkte am Straßenrand, die Sirene heulte, und Iannece wurde immer nervöser. Er näherte sich dem Ohr des Kommissars und erklärte ihm in wenigen Worten die Sachlage.

»In Ordnung, aber bring mich wenigstens zu meinem Auto, damit ich meinen Trainingsanzug überstreifen kann.«

Nachdem sie den alten Renault Clio erreicht hatten, zog Luciani das verschwitzte T-Shirt aus, knüllte es zusammen und warf es in den Kofferraum. Dann rieb er sich, so gut es eben ging, mit einem kleinen Handtuch ab. Sein Blick kreuzte sich mit dem zweier Damen, die seine magere Brust, sein unrasiertes Gesicht und den Polizisten neben ihm betrachteten. Ihm wurde klar, daß er wie ein Junkie wirken mußte, den man in flagranti beim Autoknacken oder etwas Ähnlichem erwischt hatte. Hastig zog er Oberteil und Hose des Trainingsanzugs über und fluchte, weil die Schuhe sich wie immer in den Hosenbeinen verhedderten. Er holte seinen Piepser aus dem Handschuhfach, goß sich ein wenig kaltes Wasser über das kurze Haar, rubbelte mit der Hand darüber, dann stieg er in den Streifenwagen, der mit quietschenden Reifen und jaulendem Motor davonschoß.

»Hör mal, Iannece …«

»Bitte, Herr Kommissar.«

»Du hast nicht zufällig … hast du ein Deo im Auto?«

»Ein Deodorant? Aber Herr Kommissar, wissen Sie nicht, wie Monnezza in seinen Filmen immer sagt: ›Ich brauche kein Deo, ich will, daß man den Gestank des Bullen riecht.‹«

 

Der Wagen bahnte sich nur mühsam einen Weg zwischen Autobussen und Menschenmassen, die das Stadion verließen. Es war faszinierend, wie es plötzlich in einem der am dichtesten besiedelten Viertel der Stadt zwischen den Wohnblöcken auftauchte, eine große rote Schachtel mit weißem Dach, in englischem Stil. Dieses Stadion vermittelte das Gefühl, daß man nicht zum Fußball, sondern ins Kino um die Ecke ging, es hatte etwas Vertrautes, Alltägliches. Aber dieser anheimelnde Eindruck verflüchtigte sich sofort, wenn hinter dem Stadion die gelben Wachtürme und das graue Dach des Gefängnisses auftauchten. Man sah Arme und Gesichter, die sich durch die Gitter der engen Fenster zwängten. Sie versuchten ein wenig frische Luft oder einen flüchtigen Gruß von irgendeinem Passanten zu erhaschen, der auf dem Weg zur Nordtribüne war.

Marco Luciani verweilte mit dem Blick noch einmal auf dem Stadion. Seit mindestens fünfzehn Jahren war er nicht mehr dort gewesen, seitdem der Fußball sich so plötzlich aus seinem Leben verabschiedet hatte, wie ein Verwandter, der einer schnellen tödlichen Krankheit zum Opfer fällt. Er hatte dieses Spiel mit totaler Hingabe geliebt – nun haßte er es mit totaler Hingabe, und er empfand Mitleid für die Menschenmenge, die über die Bürgersteige strömte, knallbunte idiotische Schals am Hals, traurig dreinblickende Männer mit Zigarette im Mundwinkel und einem mißglückten Haarschnitt, der ihnen wohl von der Frau am heimischen Herd verpaßt worden war, ältere Frauen, die laute Selbstgespräche führten, und Kinder, die, an die Hand des Vaters geklammert, mit einem Fähnchen einherstolzierten.

Schlachtvieh, dachte Marco Luciani, während die Funkstreife an den Mannschaftswagen der Polizei und an den Absperrungen zwischen den Fanblocks vorbeikam. Schließlich fuhren sie auf die Rampe, die zu den Umkleidekabinen führte. Eine Viehherde, die sich mit Zeitlupenanalysen und Montagstalkshows berieseln ließ, um die endlosen Diskussionen später im Büro fortzusetzen. Er schüttelte den Kopf, öffnete den Wagenschlag und dachte, daß dies wahrlich kein Glückstag war. Aber als er die Menschentraube vor den Kabinen sah, die Fotografen und die Kameraleute, die sich an die Absperrungen drängten, und als er in der Luft diese knisternde, angstvolle Erwartung spürte, als er bemerkte, wie sich die Gesichter zweier Beamter bei seiner Ankunft entspannten, da fühlte er sich wie ein Held in der Arena, die Menge teilte sich, harrte seiner in blindem Vertrauen. »Kommissar Luciani kommt!« Das Adrenalin verjagte die trüben Gedanken und gab ihm seinen kalten klaren Blick zurück.

 

Ein Beamter, den er nur vom Sehen kannte und der offensichtlich gerade Stadiondienst hatte, lief Luciani entgegen, bahnte ihm einen Weg. Sie kamen durch den Eingangsbereich der Kabinen, dann durch einen langen Korridor, bis in eine Sporthalle, die seit Jahren verlassen schien. Der unverwechselbare Geruch nach Turnmatten, Staub und vergammelten Seilen. Sie mußten mittlerweile unter der Nordtribüne angelangt sein, als sie schließlich einen Beamten sahen, der eine Tür bewachte.

Sie betraten einen tristen, ziemlich düsteren Raum. Durch ein enges hohes Fenster fiel spärliches Licht herein. Anwesend waren Lucianis junger Stellvertreter Giampieri, Inspektor Calabrò und ein Schiedsrichter, der auf einem Tisch in der Mitte des Zimmers lag. Mausetot. Giampieri machte Eintragungen in sein Notizbuch. Er schien überrascht, den Kommissar zu sehen, und auch eine gewisse Enttäuschung konnte er nicht verhehlen. Er fing sich aber sofort wieder, schob die Brille an die Nasenwurzel und griff mit einer beherzten Geste nach der Hand des Vorgesetzten.

»Ach, du bist also doch da.«

»Komm mir nicht zu nah, Nicola, ich habe eine Stunde Dauerlauf hinter mir.« Und wenn ihr einunddreißig Minuten später gekommen wärt, dachte er, hätte ich diese vermaledeite Schallmauer geknackt.

»Ich habe es bei dir zu Hause probiert, aber du warst nicht da. Dann auf dem Piepser. Und da du kein Handy hast, wußte ich nicht, wie ich dich erreichen soll. Wie hast du’s erfahren?«

»Iannece hat mich aufgegabelt. Ich war am Corso Italia. Im Notfall weiß er immer, wo ich zu finden bin.«

Giampieri kratzte sich mit dem Kugelschreiber den fast kahl geschorenen Schädel, dann den schmalen Kinnbart.

»Gut, dann kannst du dir den Tatort noch in jungfräulichem Zustand anschauen, so wie du es am liebsten hast.«

»Hat er sich umgebracht?«

»Scheint so, allerdings … Sieh es dir selbst an. Wir haben nichts angefaßt, nur den Leichnam, den haben die Sanitäter heruntergeholt.«

»War er da schon tot?«

»Ja, jedenfalls nach Meinung des Mannschaftsarztes. Aber das konnten sie nicht mit Sicherheit feststellen. Sie kamen rein, haben ihn da hängen sehen und sofort heruntergeholt. Ach ja, sie erwähnten, daß seine Hände auf dem Rücken gefesselt waren. Die haben sie gelöst, um Erste Hilfe zu leisten.«

»Vollidioten. Irgendwelche Abschiedsbriefe?«

Giampieri hatte keine Lust mehr zu antworten.

»Hab keine gesehen«, sagte er eilig, dann suchte er nach einem Vorwand, um sich zu verdrücken: »Während du dich umschaust, fange ich die Leute von der Spurensicherung ab. Der Staatsanwalt müßte auch jeden Moment eintreffen. Calabrò, stell dich hier draußen auf und halte Ausschau.«

Marco Luciani blieb allein in der Kabine zurück, vor dem Leichnam des Schiedsrichters.

Er war es.

Luciani hatte ihn auf Anhieb wiedererkannt, trotz seines aufgedunsenen, verzerrten Gesichts. Doch der Kommissar nahm sich vor, erst einmal nicht daran zu denken.

Wenn er nach dem unmittelbaren, rein gefühlsmäßigen Eindruck ging, dann war dies der Schauplatz eines Selbstmords, kein Raum, in dem ein Mord passiert war. Vielleicht, weil das Szenario insgesamt eher aufgeräumt wirkte, vielleicht lag es auch nur an einer bestimmten Spannung in der Atmosphäre, oder an dieser unglaublichen Tristesse, wie im Umkleideraum einer Schule oder eines drittklassigen Fußballclubs der siebziger, achtziger Jahre. Ob sich auch die Spieler in so deprimierenden Kabinen umzogen? fragte Luciani sich verwundert, aber das konnte nicht sein, dies war wohl nicht die offizielle Schiedsrichterkabine.

Vielleicht, dachte er, war der Schiri tatsächlich nur hierhergekommen, um mit allem Schluß zu machen.

Er schaute sich um und versuchte, die Umgebung in seinem visuellen Gedächtnis zu speichern, eine Wand nach der anderen. Er versuchte sich alle Gegenstände einzuprägen, ihre Form, ihre Lage, ihre Farbe. Wenige Stunden später würde er die Fotos von der Spurensicherung bekommen, aber einer Fotografie fehlte immer die räumliche Tiefe, und vor allem erkannte man darauf kaum, ob ein Gegenstand an seinem rechten Platz war.

Rechte Wand: Eine Holzbank mit Trittleiste und vier Garderobenhaken. Dort hingen Hose, Hemd, Jackett und Krawatte: die Kleider des Schiedsrichters, in perfekter Ordnung. Eine schwarze Sporttasche stand auf der Bank. Die Schuhe, darin die Socken, nicht zusammengeknüllt, sondern zusammengelegt. Luciani fiel auf, daß sie farblich auf die Krawatte abgestimmt waren.

An der gegenüberliegenden Wand zwei alte Poster der Federazione Calcio: Zeichnungen von Schiedsrichtern, mit rechtschaffen-wackerem Blick, einer hatte die Pfeife im Mund, der andere hielt in der Linken den Ball, die Rechte reichte er einem Spieler, und alle lächelten. Ein Kruzifix; eines von denen, die dir direkt in die Augen schauen, damit du dich schuldig fühlst. Auf etwa achtzig Zentimeter Höhe verlief ein waagerechter Schmutzstreifen, vermutlich stieß dort gewöhnlich der Tisch an die Wand. Es mußte ermittelt werden, wann und von wem er verschoben worden war.

An der linken Wand befand sich eine Massageliege mit weiß lackierten Beinen und einer grünen Auflage, auf die man die Stricke geworfen hatte: das dicke Seil, an dem der Leichnam gehangen hatte, und die dünnere Handfessel. Wer weiß, warum sie den Schiri auf den Tisch gelegt haben, dachte Luciani, und nicht auf diese weichere Liege? Vielleicht, weil zu einer Leiche eine harte Oberfläche paßte, wie die Bahre der Totengräber. Oder vielleicht einfach nur, weil der Tisch in Reichweite gewesen war.

Links, neben der Tür, die Lichtschalter und ein Handwaschbecken aus Keramik. Ein Seifenhalter und eine Spiegelkonsole, auf der eine Packung Papiertaschentücher lag. Am Boden ein Papierkorb aus Plastik, leer. Zur Rechten nur die nackte Wand, der Freiraum, in den das Türblatt schwang.

Auf dem Fußboden ein umgestürzter Metallstuhl mit hölzerner Sitzfläche, darauf kleine Erdspuren. Unter dem Tisch ein Lampenschirm aus Plastik. An der Decke der Haken, an dem man das Seil befestigt hatte. Es mußte festgestellt werden, wo genau sich der Stuhl befunden hatte, denn auf den ersten Blick schien er zu weit entfernt von der Vertikalachse unter dem Haken.

Luciani nahm sich noch einmal des Schiedsrichters an. Wären nicht die Fußballschuhe an seinen Füßen gewesen, hätte er an Andrea Mantegnas Christusbild erinnert. Er hatte die Schuhe nicht ausgezogen, dachte Luciani, im Gegensatz zu vielen anderen Selbstmördern. Aber vielleicht tun sie das nur, wenn sie aus dem Fenster springen, nicht wenn sie sich erhängen wollen. Aus der Brusttasche des schwarzen Trikots schauten Rote und Gelbe Karte heraus. Und ein Bleistift.

Nun suchte er den Boden ab, stöberte in allen Winkeln herum. Merkwürdigerweise war der Fußboden blitzblank, es lagen weder Papierschnipsel noch Kippen herum. Luciani fand nur einige Erdspuren, doch dann entdeckte er, halb verborgen zwischen den beiden Latten der Fußleiste, ein Stück Metall: länglich, pfeilförmig. Er erkannte sofort, daß es sich um ein Teil von einem der Kugelschreiber handelte, wie er sie als Schulkind verwendet hatte. Von einem Parker Jotter, dachte er, während ihm ein wehmütiger Schauder über den Rücken lief. Manchmal war ihm der Stift heruntergefallen, und dann sprang dieses Teil ab, und es war verflixt schwer, das Ding wieder zusammenzubauen. Es hielt nicht mehr. Womöglich hatte es nichts zu bedeuten, und das Teil lag schon lange dort. Luciani hob es vorsichtig auf und wickelte es in ein Taschentuch, auch wenn sich darauf wohl kaum Fingerabdrücke nachweisen ließen. Es waren weder Staub- noch Schmutzspuren daran. Bei genauerem Hinsehen stellte er fest, daß es aus Silber war. Das war kein Billigschreiber, sondern ein Stift von einiger Bedeutung. Wenn er dem Schiedsrichter heruntergefallen war, dann mußten sich irgendwo auch die restlichen Teile finden.

Nirgendwo war ein Abschiedsbrief zu sehen. Auch kein Handy? Luciani tastete vorsichtig das Jackett ab, das auf dem Bügel hing, dann warf er einen Blick in die Sporttasche. Nein, kein Handy. Komisch. Womöglich hatte er es einem Stadionwart gegeben, zusammen mit der Brieftasche.

Marco Luciani schloß die Augen und versuchte alles, was er beobachtet hatte, in seinem Gedächtnis zu speichern, dann wandte er sich zur Tür. Der Schlüssel steckte nicht innen im Schloß. Und auch nicht außen. Als Luciani auf den Korridor trat, kreuzte er den Blick Giampieris, der gerade den Gerichtsmediziner und die Leute von der Spurensicherung brachte. Luciani begrüßte Doktor Vassallo – ein sympathischer Glatzkopf von schmächtigem Wuchs, der seiner abscheulichen Arbeit mit unerklärlichem Enthusiasmus nachging –, dann die drei Kriminaltechniker, die die Gerätschaften zur Spurensicherung, zur Foto- und Videoaufzeichnung schleppten.

»Guten Tag, Herr Kommissar.«

»Guten Tag, Herr Doktor, Tag, allerseits.«

»Besondere Hinweise?«

»Scheint, als hätten wir es mit Suizid zu tun. Ein Mann, der sich erhängt hat. Könnte aber auch alles inszeniert sein.«

»Verstanden. Falls es darum geht – wir werden uns nicht aufs Kreuz legen lassen«, erwiderte Vassallo mit leuchtenden Augen.

Der Kommissar ließ sie vorbei und suchte sich mit seinem Vize einen stillen Winkel.

»Nicola, hast du den Schlüssel?«

»Nein, er war nicht da. Aber die Tür war abgeschlossen.«

»Wie sind sie dann reingekommen?«

»Der Hausmeister hat aufgeschlossen, mit seinem Schlüssel. Er meinte, die Tür sei zweimal abgeschlossen gewesen, ob von innen oder außen, das kann natürlich niemand wissen.«

»Wenn der Schiedsrichter von innen abgeschlossen hat, dann müßte der Schlüssel dasein. Aber er ist nirgends zu sehen.«

»Vielleicht hat er ihn verschluckt.«

Marco Luciani liebte Giampieris Sinn für Humor, vor allem in so einer Situation, aber um nichts in der Welt hätte er ihm die Genugtuung verschafft, es ihm zu zeigen.

»Wenn dem so ist, dann wird es im Autopsiebericht stehen«, sagte er todernst. Sein Gegenüber wußte nicht, ob Luciani den Witz verstanden hatte.

 

Am Ende des Korridors stand Roberto Valle, Beamter einer Anti-Hooligan-Einheit. Er hatte Schichtdienst im Stadion und stemmte seinen massigen Leib gegen Schaulustige, die gegen einen Sperring von Polizisten drängten. Die Polizisten waren mit Helm, Schild, Schlagstock und Tränengas ausgerüstet, sie waren abgespannt, gereizt, kurz vor dem Ausflippen, denn man hatte sie am Morgen von sechs bis zehn in enge Mannschaftswagen gepfercht, und zwar in Uniformen, die viel zu warm waren für die Jahreszeit. Sie hatten die Fans der Gastmannschaft eskortiert, waren beschimpft, bespuckt, mit Sprechchören und Leuchtraketen bedacht worden; seit Stunden auf den Beinen, waren sie nicht einmal zum Essen oder Pinkeln gekommen. Und nun sehnten sie sich nach einem Vorwand, einem x-beliebigen Vorwand, um loszuhetzen und alles niederzuknüppeln, was ihnen in die Quere kam. Der Kommissar trat an Valle heran, der einige Zentimeter kleiner war, aber mit seiner im Kraftraum aufgepeppten Muskulatur das Doppelte wog. Ob alles in Ordnung sei, fragte er, der andere nickte. Im Augenblick galt es nur, etwa fünfzig Leute auf Distanz zu halten, ein paar Zeugwarte, Kassierer, Betreuer, Journalisten und Sensationsgeile. »Die Situation ist unter Kontrolle, aber wenn ich dir einen Rat geben darf: sieh zu, daß das Stadion geräumt wird. Die Fans der Gastmannschaft sind immer noch da drinnen, und sie schäumen vor Wut, weil das Spiel abgebrochen wurde. Wenn wir die zum Bahnhof geleiten, kann die Hölle losbrechen. Und hier rücken immer mehr Journalisten und sonstwelche Heinis an; wenn die mitkriegen, was passiert ist, dann weiß ich auch nicht …«

Der Kommissar wandte sich wieder Giampieri zu. »Gibt es Zeugen?«

»Ich habe den Hausmeister, die Linienrichter und den Mann von der Seitenlinie in ein Zimmer gesteckt. Ach, und den Betreuer für den Schiedsrichter. Außerdem sind die Manager der beiden Clubs drinnen, aber die waren auf der Tribüne. Ich wollte nicht, daß sie hier weiter die Korridore unsicher machen. Dieser Rebuffo, Mamma mia, der ist noch schlimmer als im Fernsehen.«

»Du hättest sie nicht zusammenstecken dürfen, Nicola. Und die Spieler, wo sind die?«

Giampieri schluckte die Kritik ohne Widerrede. »Sie haben sich geduscht. Ich glaube, sie sind bereit zum Abmarsch. Ich dachte, es wäre vielleicht besser, sie sofort wegzuschaffen. Zum Tatzeitpunkt waren sie in den Umkleidekabinen, sie haben nichts gesehen. Wir könnten sie durch einen Nebenausgang hinausschleusen.«

»Das kommt nicht in Frage. Warum die Extrawurst? Die Spieler werden erst gehen, wenn ich es sage, und zwar durch den Hauptausgang, da können dann die Journalisten über diese stinkenden Geldsäcke herfallen.«

Vor Wut riß Marco Luciani die Tür dermaßen heftig auf, daß alle im Raum auf die Füße sprangen. Wer gerade herumschlenderte oder plauderte, blieb wie versteinert stehen.

»Guten Tag. Ich bin Kommissar Luciani«, knurrte er.

Ein großer Mann mit graumeliertem Haar trat als erster vor und streckte Luciani die Hand hin. Er hatte eine scharf geschnittene Nase und ein falsches Lächeln. Bekleidet war er mit einem grauen Zweireiher und schwarzweiß gestreifter Krawatte. Er sah aus wie ein Börsenhai aus einem Film der achtziger Jahre.

»Sehr erfreut, Herr Kommissar. Ich bin Alfredo Rebuffo, der Manager von …«

Der Kommissar ignorierte Rebuffos Hand, die verwaist in der Luft hängenblieb, und wandte sich den Herren zu, die – in schwarzem Dreß – in den jeweils gegenüberliegenden Zimmerecken saßen.

»Sie sind die Linienrichter, nehme ich an. Könnten Sie Ihre Sachen nehmen und mit aufs Kommissariat kommen? Sie ebenfalls, bitte«, sagte er, an den vierten Mann, den Schiedsrichterbetreuer und den Hausmeister gewandt.

»Falls ich behilflich sein kann …«, schaltete sich erneut der Manager ein.

»Haben Sie etwas gesehen? Waren Sie hier, als es passierte?«

»Offen gestanden nicht, Herr Kommissar. Ich war auf der Ehrentribüne, aber kaum hatte ich erfahren …«

»Hervorragend. Ein Beamter wird Ihre Aussage aufnehmen. Und die Ihres Kollegen.«

Für einen Moment blitzte in Rebuffos Augen ein Haß auf, den er mit den Lidern wegknipste. Dann setzte er wieder sein schmieriges Lächeln auf: »Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Kommissar. Sobald Sie die Erlaubnis erteilen, werde ich die Mannschaft zum Flugzeug bringen. Ich selbst bleibe für den Fall der Fälle hier in Genua«, sagte er, wobei er Luciani eine Visitenkarte reichte.

Marco Luciani steckte sie achtlos ein. »Die Mannschaft wird heute nicht mehr ins Flugzeug steigen. Suchen Sie sich ein Hotel und halten Sie sich zu meiner Verfügung.«

Er wollte gerade das Zimmer verlassen, als in die Grabesstille, die sich im Raum ausgebreitet hatte, ein Handyton schrillte. Der Kommissar fuhr reflexartig herum – alle im Zimmer waren wie gelähmt. Niemand schien den Anruf entgegennehmen zu wollen. Dann wandten sich die Köpfe einer nach dem anderen dem Linienrichter zu, dem die Röte ins Gesicht geschossen war und den die Tatsache, daß in seiner Hosentasche das Thema einer klassischen Komposition ertönte, in Angst und Schrecken zu versetzen schien. Der Kommissar warf ihm einen Blick zu, der soviel bedeutete wie: »Gehen Sie ran!« Der Mann zog aus der Tasche seiner Shorts ein winziges Handy, ein ultraflaches Modell, das silbrig glänzte.

Als er die Nummer des Anrufers sah, schien sein Teint schlagartig von Rot auf Weiß umzuspringen. Er antwortete hastig: »Hallo … ähmm … ich kann jetzt nicht, ich melde mich später.« Dann legte er auf.

»Entschuldigt bitte, meine Frau«, sagte er mit einem verlegenen Lächeln, »sie hat sich Sorgen gemacht.« Dann verfinsterte sich seine Miene: »Apropos: hat man Frau Ferretti schon informiert?«

Montag

»Hier ist Ihr Kaffee, Herr Kommissar. Ich habe Ihnen auch ein Sandwich mitgebracht. Ist nicht die Wucht, aber Sie haben den ganzen Tag nicht einen Happen gegessen.«

»Danke, Iannece. Du kannst ruhig nach Hause gehen. Es ist schon sehr spät.«

»Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen hier noch ein bißchen. Meine Frau schläft sowieso schon.«

»Nein, nein, mach dich auf den Weg. In ein paar Stunden geht es hier wieder rund, dann mußt du fit sein. Ich bleibe auch nur noch ein Stündchen, und dann gehe ich schlafen.«

Iannece warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Sie haben schon letzte Woche kaum geschlafen, Herr Kommissar. Sie dürfen nicht wieder unterziehen.«

Wer weiß, was er mit »unterziehen« meint, dachte Marco Luciani. Iannece hatte eine eigentümliche und höchst einfallsreiche Art, Sprichwörter und Redewendungen zu verhunzen. Er sagte: »Hat sich bei mir noch nicht untergestellt«, »Mit vollen Hosen läßt es sich gut sinken« oder »Die Axt im Haus ersetzt den Scheidungsrichter«, und jeder dieser Ausdrücke hatte seine nachvollziehbare Logik. Aber was ausgerechnet mit diesem »Unterziehen« gemeint war, das hatte Luciani bisher nicht begriffen.

Während Iannece ging, kam Giampieri herein.

»Nichts zu machen«, sagte er kopfschüttelnd, »wir können es einfach nicht finden.« Keine der Durchsuchungen hatte das Mobiltelefon des Schiedsrichters zutage gefördert, weder in der Umkleidekabine noch im Hotelzimmer oder im Auto.

Seit Stunden versuchten die Spezialisten der Fernmeldeüberwachung das Signal des Handys einzufangen, weil man hoffte, der Mörder – falls es denn einen Mörder gab – habe es an sich genommen und immer noch bei sich. In letzter Zeit hatten sie so eine ganze Reihe von Fällen gelöst, aber seitdem sich herumgesprochen hatte, daß auch ein abgeschaltetes Handy ein lokalisierbares Signal abstrahlte und daß man dem Großen Bruder nur entwischte, wenn man den Akku herausnahm, klappte dieses Spielchen immer seltener. Inzwischen gingen ihnen nur noch kleine Gelegenheitsmörder ins Netz, Strauchdiebe, die für dreißig Euro und ein Handy einen armen Schlucker abmurksten.

»Hatte ich dir gleich gesagt: reine Zeitverschwendung«, sagte Marco Luciani kopfschüttelnd, »hier haben wir es nicht mit einem Schwachkopf zu tun. Wer unter den Augen von vierzigtausend Leuten ein solches Ding durchzieht, der läßt sich so nicht hops nehmen. Dem ging es darum, das Telefonbuch und die gespeicherten Anrufe zu löschen. Falls er wirklich das Handy mitgenommen hatte, dann ist er es längst losgeworden.«

»Ja, aber die Anrufe können wir über die Telefongesellschaften trotzdem ermitteln.«

»Stimmt. Dazu brauchen wir aber eine Menge Zeit. Und die SMS können wir nicht rekonstruieren. Wie auch immer, vergiß es. Wir setzen die Linienrichter ein bißchen unter Druck, und du wirst sehen: Irgend etwas kommt dabei ans Licht.«

Giampieri wollte etwas erwidern, doch er war zu müde, um wieder eine Diskussion anzufangen, die sie bereits Dutzende Male geführt hatten. »Ich würde dann nach Hause gehen und ein paar Stunden schlafen, wenn sonst nichts mehr ist. Ich habe eine Wache abgestellt, und die Kollegen werden es weiter versuchen.«

»Okay. Für morgen vormittag habe ich bereits allen eine Aufgabe zugeteilt. Gegen Mittag machen wir dann eine Lagebesprechung.«

Lucianis Stellvertreter ging, und der Kommissar war endlich allein. Er stand vom Stuhl auf, reckte Arme und Beine und öffnete das Fenster. Die Nacht war dunkel und still, mit der frischen Luft strömte der Duft des bevorstehenden Sommers herein. Als Junge frohlockte er innerlich, wenn er diesen Duft erkannte, denn er dachte an die Ferien am Meer, die Freunde, die er wiedersehen, die Mädchen, die er kennenlernen würde. Nun war er siebenunddreißig Jahre alt, und seit langem löste dieser Duft nur noch einen flüchtigen Schauder in ihm aus, wie das Leben, das jemand anders gelebt hat, zum Beispiel ein Bruder, der für immer aus deinem Dasein verschwunden ist.

Er setzte sich wieder an den Schreibtisch und begann seine Gedanken zu ordnen. Er wollte sich ein Bild machen von dem, was sie an diesem ersten langen Tag der Ermittlungen herausgefunden hatten. Die ersten Zeugenbefragungen, das Unausgegorene, hatte er Giampieri und den anderen Beamten überlassen. Sie dienten im allgemeinen nur dazu, eine Unmenge an Details zusammenzutragen und vor allem die äußeren Tatumstände zu rekonstruieren: Zeitfenster und Räumlichkeiten, in denen der Täter agieren konnte. Für die Interpretation der Tat waren diese Angaben dagegen von geringer Bedeutung. Wenn man unmittelbar nach einem Mord beziehungsweise Selbstmord Fragen stellte wie: »Können Sie sich einen Grund vorstellen?«, »Wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, ihn zu töten?«, »Welches Motiv gibt es für einen Suizid?«, dann bekam man in 99% der Fälle dieselben Antworten: »Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, »Er war bei allen beliebt«, »Er war ausgeglichen und heiter, wie immer«, »Er kann sich nicht umgebracht haben.« Laut Polizeipsychologen war dafür teilweise der Schock verantwortlich, teilweise war es die Angst der Leute, selbst unter Tatverdacht zu geraten, und zum Teil plagten die Befragten Schuldgefühle, weil sie die Tragödie nicht vorausgesehen und verhindert hatten.

Wenn einige Stunden und Tage vergangen waren, dann würden diejenigen, die das Opfer näher kannten, doch auf eine Erklärung kommen. Oder zumindest würden sie es versuchen. Bestimmte Äußerungen würden ihnen wieder einfallen, Zwischenfälle, Blicke, merkwürdige Anrufe, und am Ende würden sie ein Szenario entwerfen, das womöglich irrig, aber doch mehr oder weniger sinnvoll war und zumindest den Ansatz eines Motivs enthielt. Im Laufe der kommenden Tage würde Marco Luciani alle Zeugen noch einmal persönlich vernehmen und nach einer Erklärung suchen. Er hatte gemerkt, daß die Leute in Verlegenheit, in die Defensive gerieten, wenn er in der Funktion des obersten Ermittlers auftrat, und deshalb sorgte er dafür, daß die Zeugen bei seinem ersten Auftreten möglichst nachhaltig eingeschüchtert wurden. Dann tauchte er für eine Weile ab, und wenn er den Faden wieder aufnahm, dann sorgte sein neuerliches Erscheinen dafür, daß sie etwas mehr preisgaben als bei Giampieri oder den anderen Beamten. Wenn dagegen er die erste Befragung durchführte und die anderen weitermachten, gab es in der Folge keine Fortschritte mehr.

Sein Stellvertreter Giampieri, den man den »Diplom-Ingenieur« nannte, auch wenn ihm noch ein Examen und die Diplomarbeit fehlten, war noch keine dreißig Jahre alt. Er galt als High-Tech-Genie und formidables Arbeitstier. Er konzentrierte seine Energie darauf, eine möglichst große Menge an Informationen zu sammeln, um dann vom Kleinen zum Großen zu gelangen, das Gesamtbild aus winzig kleinen Puzzleteilen zusammenzusetzen. Er war penibel bis zur Besessenheit und vertraute blind allen Befunden der Kriminaltechnik, der DNA-Analyse und den Verbindungsnachweisen der Telefongesellschaften. Marco Luciani sagte ihm immer wieder, wie schwachsinnig das alles sei – vor allem weil er sich darüber amüsierte, wie Giampieri dann auf die Palme ging. Er selbst folgte dem entgegengesetzten Prinzip; er betrachtete das Gesamtbild aus der Ferne und versuchte von Beginn an ein, zwei oder gar drei plausible Szenarien mitsamt Motiv zu erkennen. Dann demontierte er sie Stück für Stück, um zu prüfen, ob sich die wesentlichen Elemente mit den Fakten deckten. Chefsache war für ihn vor allem das Persönlichkeitsprofil des Opfers, er versuchte herauszufinden, welche Sehnsüchte und Ängste sein Leben bestimmten.

In den Anfangsjahren warf der Kommissar Giampieri regelmäßig vor, er verliere sich in Erbsenzählerei, und trichterte ihm ein, daß kriminaltechnische Ergebnisse nichts nützten, solange man kein Motiv gefunden hatte, denn auch »objektive« Spuren konnten gefälscht sein. »Dein Problem, Nicola, ist, daß es dir an Sinn fürs Menschliche fehlt, du hockst den ganzen Tag vor dem Computer, und wenn du dann mit einer Person zu tun hast, weißt du nicht, wie du mit ihr umspringen sollst. Wie willst du einmal meinen Posten übernehmen? Du würdest einen Mörder nicht einmal dann zum Beichten bringen, wenn du dir eine Mönchskutte überzögest.« Der Stellvertreter gab zurück, daß der Kommissar sich in abstrakten Systemen verliere und der Meinung sei, er könne die Fälle wie in Kriminalromanen lösen, indem er sich auf seinen Instinkt verließ oder den Bösewichten scharf ins Auge blickte. Und daß es nicht das Schwarze unter dem Fingernagel brachte, zu wissen, wer warum einen Mord begangen hatte, wenn man nicht die Beweise hatte, um den Täter vor Gericht zu stellen. Deshalb sei es erst einmal wichtig, die größtmögliche Anzahl an objektiven Fakten zu sammeln, Fingerabdrücke, DNA-Analysen und Telefonverbindungen inbegriffen. Und sobald man den Schuldigen mit den Fakten konfrontierte, würde dieser selbst das Wie und Warum zu erklären haben. »Du mußt die Fortschritte der Wissenschaft akzeptieren, Chef. Du bist noch keine Vierzig und schon von vorgestern. Du gehörst der Generation an, die ihre Examensarbeit noch mit der Schreibmaschine getippt hat. Wenn du dich nicht auf den neuesten Stand bringst, werde ich deinen Posten schneller übernehmen, als du denkst.«

Am Ende waren sie übereingekommen, daß jeder seiner eigenen Methodik folgen sollte und daß sie einander über die Ergebnisse ständig auf dem laufenden halten würden. Und bei den letzten vier Mordfällen hatten sie sich, ausgehend vom jeweils entgegengesetzten Ende, in der Mitte getroffen und dabei Identität des Täters, Motiv und alle nötigen Beweise ermittelt.

 

Ob nun Mord oder Selbstmord, dachte der Kommissar, es ist im Stadion, während eines wichtigen Spieles passiert. Der Täter hätte sich tausend andere Schauplätze und vor allem tausend stillere Momente aussuchen können, folglich muß das Motiv mit dem Fußball zusammenhängen, mit der Tätigkeit des Opfers. Das ist ein Signal, das sich bewußt an die ganze Branche richtet. Ein Signal, das der Schiedsrichter selbst gesetzt hat, oder ein Warnsignal des Mörders.

Er trank den Kaffee aus, der inzwischen kalt war, dann warf er das ungeöffnete Sandwich in den Papierkorb, und da er sich von Nicola unbeobachtet wußte, wählte er sich ins Internet ein, um Informationen über Herrn Ferretti zu sammeln. Der Fortschritt der Technik hatte, alles in allem, doch ein paar Vorzüge. Luciani hatte erwartet, eine knappe Biographie und ein paar Zeitungsartikel zu finden, und nun war er erstaunt über die Flut von Fakten, die sich aus dem Netz ergoß. Es gab Dutzende von Artikeln, Diskussionsforen, Anklagen und Gegenanklagen. Ein Mailänder Fan hatte auf seiner Site sogar sämtliche Fehlentscheidungen zusammengestellt, die seine Mannschaft in den letzten Jahren benachteiligt und die Gegner begünstigt hatten. Unter den so beschuldigten Referees tauchte der Name Ferretti besonders häufig auf. Sämtliche für oder gegen die Mannschaft gepfiffenen Elfmeter waren gelistet, außerdem die Platzverweise und wegen Abseits aberkannten Treffer. Ein Faktensalat, der in einer aktuellen »authentischen« Meisterschaftstabelle (die Mailänder Mannschaft kletterte vom vierten auf den ersten Platz) und einer »wahrhaftigen« Titelchronik (in der dieselbe Mannschaft drei Meistertitel mehr gewann, jeweils auf Kosten von Alfredo Rebuffos Team) gipfelte. Auch zu besagtem Manager gab es diverse Internetseiten, die von vermeintlichen Korruptionsfällen berichteten und darlegten, wie »geschickt« Rebuffo mäßige Mannschaften in Siegerteams und Siegerteams in Dreamteams verwandelte. Selbst wenn Luciani sich nicht mehr für Fußball interessierte und fast nie fernsah, waren auch ihm in den letzten Jahren all die Polemiken und Mauscheleien nicht entgangen. Auch im Kommissariat drehten sich am Montag morgen alle Diskussionen um ein Thema: einen zu Unrecht gegebenen Strafstoß, ein nicht sanktioniertes Abseits, korrupte und korrumpierbare Schiedsrichter. In der Welt des Profifußballs war es schon immer so zugegangen, er selbst erinnerte sich an gesperrte Spieler und Clubpräsidenten, an Endlosdiskussionen vor den abendlichen Nachbereitungssendungen mit Zeitlupenanalyse. Er erinnerte sich auch gut an den damaligen Wettskandal, und er war überzeugt, daß seinerzeit, wie üblich, ein paar kleine Fische und ein paar große Einfaltspinsel die Zeche für alle gezahlt hatten. Aber er hatte den dringenden Verdacht, daß die Kacke in letzter Zeit noch viel gewaltiger und würziger dampfe, und er hatte eine unbändige Lust, den Ventilator einzuschalten, um diese Kacke auf die ganze Welt regnen zu lassen.

Die interessantesten Sachen druckte er aus, dann las er, ohne es recht zu merken, bis zum Morgengrauen. Erschöpft schloß er schließlich alle Fenster auf dem Monitor. Er wollte schon gehen, als er der Neugier nicht widerstehen konnte und die Börsenseite aufrief, um zu kontrollieren, ob seine einzige – desaströse – Kapitalinvestition Anzeichen der Erholung zeigte. Am Vorabend hatte sie mit wenig ermutigenden minus 1,5% geschlossen, womit sich die Gesamtsumme seiner Verluste in der wundersamen Welt der New Economy auf 72% in drei Jahren belief. Er unterdrückte einen Fluch und schleppte sich zum Kaffeeautomaten, aber unterwegs wurde ihm klar, daß er zum Arbeiten wirklich zu müde war. Also machte er sich auf den Heimweg, ließ ausrichten, daß er unter keinen Umständen gestört werden wolle, kam in seine Wohnung, zog die Vorhänge zu, schob sich Stöpsel in die Ohren und schlief bis zwölf Uhr mittags.

 

Um Punkt eins kam er ins Kommissariat zurück. Gewöhnlich war dies die stillste Stunde des Tages: Alle gingen Mittag essen, und man konnte in Ruhe nachdenken. Doch heute sah die Sache völlig anders aus. Vor dem Haupteingang warteten mindestens dreißig Journalisten, darunter viele Kameraleute und Fernsehteams. Luciani fuhr mit dem Auto einen weiten Bogen und steuerte direkt den Parkplatz auf der Rückseite an. Von dort konnte man ungesehen ins Gebäude und per Aufzug in die dritte Etage gelangen.

Als er an Giampieris Büro vorbeikam, warf er einen Blick hinein. Sein Vize war am Telefon, und als er ihn sah, riß er die Augen auf. Eine halbe Minute später stand er beim Kommissar im Büro.

»Mamma mia, das ist das reinste Tollhaus, noch schlimmer als gestern. Das Telefon klingelt ununterbrochen.«

»Sag denen in der Telefonzentrale, sie sollen nicht alles durchstellen.«

»Das habe ich, aber damit ist es nicht getan.«

»Wer hat denn angerufen?«

»Journalisten, eine ganze Heerschar. Die hiesigen, die auswärtigen, selbst aus dem Ausland. Die kennen sogar die interne Durchwahl, wer weiß, woher.«

»Um so besser, dann kannst du ein wenig dein Englisch trainieren.«

Giampieri war nicht zu Scherzen aufgelegt.

»Und dann haben eine Unmenge Zeugen angerufen, echte oder eingebildete. Fans aller Couleur. Offizielle und Präsidenten von Fußballclubs und der Schiedsrichtervereinigung. Ein paar Abgeordnete und ein Senator. Und dann der Staatsanwalt, schon drei Mal. Er hat gesagt, du sollst dich melden, sobald du kommst.«

Marco Luciani lächelte. Das Jüngelchen macht sich in die Hosen. Aber er besann sich gleich eines Besseren. Unterm Strich war er zufrieden mit der Situation: Am Sonntag waren die grauen Eminenzen der Staatsanwaltschaft, die Stars und Nervtöter, nicht erreichbar gewesen; wie gewöhnlich waren sie übers Wochenende in ihre Zweit- oder Drittwohnungen an der Küste oder im Gebirge gefahren, während der Arsch der Truppe die Stellung hatte halten müssen. Deshalb hatte es einen jungen Staatsanwalt erwischt, Michele Delrio. Luciani hatte ihn, ehe er mit ihm in der Umkleidekabine die Formalitäten der Leichenbergung regelte, noch nie gesehen. Aber bei dieser ersten Begegnung hatte der junge Mann einen stillen, seriösen Eindruck gemacht, vielleicht ein wenig pastoral im Auftreten, vielleicht ein wenig verschreckt angesichts der großen Verantwortung, die plötzlich auf ihm lastete, aber wahrscheinlich gewillt, seine Chance zu nutzen. Es war kaum zu erwarten, daß sich die großen Haie diesen Brocken entgehen lassen würden. Sie würden sich bald auf den Grünling stürzen, um ihm den publicityträchtigen Fall abzujagen. Aber der junge Mann war beim Oberstaatsanwalt gut angeschrieben; dieser hatte ihm sofort öffentlich sein uneingeschränktes Vertrauen ausgesprochen. Blieb abzuwarten, ob der Oberstaatsanwalt, der ein ausgemachter Hurensohn war, so handelte, weil er tatsächlich sein Vertrauen in ihn setzte oder weil er ihn persönlich überwachen und mit »gutgemeinten Ratschlägen« füttern wollte.

»Ruf du ihn bitte an. Erzähl ihm zwei, drei Einzelheiten, damit er sich vor den Journalisten ein bißchen aufplustern kann, und sag ihm, daß ich bei ihm vorbeikomme, sobald ich kann. Wer hat noch angerufen?«

»Der Manager Rebuffo. Auf meinem Privathandy. Ich habe keinen Schimmer, wie er an die Nummer kommt. Ich war so von den Socken, daß ich ihm nicht einmal gesagt habe, er könne mich mal …«

»Siehst du, warum ich kein Handy habe? Dieser Typ ist eine Institution, Nicola. Der kann uns mehr Scherereien machen als der gesamte Justizpalast.«

»Das heißt, ich muß nett zu ihm sein?«

»Das habe ich nicht gesagt. Im Gegenteil, ich hoffe, daß ich ihn vor Abschluß des Falles noch mit eigenen Händen erwürgen kann. Aber solange wir nicht wissen, was passiert ist, versuchen wir alle bei Laune zu halten, sonst fangen sie schon in zwei Tagen an, uns ins Kreuzfeuer zu nehmen.«

Giampieri zeigte ihm die Titelblätter der Gazetten: Der Tod des Schiedsrichters füllte ganze Seiten. Die Terroranschläge im Mittleren Osten waren ebenso in den Hintergrund gerückt wie die aktuellen Entwicklungen einer potentiellen Regierungskrise. »Es gibt da viele interessante Informationen über ihn und sein Wirkungsfeld als Schiedsrichter«, sagte der Vize, »ich habe dir einige Artikel rausgelegt.«

Sie machten sich an die Arbeit und tauschten erst einmal die persönlichen Eindrücke aus. Nach einer ersten Rekonstruktion waren der Samstag und der Sonntag für den Schiedsrichter absolut normal verlaufen, bis zur Halbzeitpause des Spiels. Ferretti hatte sich am Samstag gegen sechzehn Uhr dreißig von seiner Frau und seinem achtjährigen Sohn verabschiedet und war mit dem Auto aus seinem Wohnort Turin losgefahren. Und zwar in Begleitung seines Mitarbeiters Adelchi. Sie waren gegen neunzehn Uhr in Genua im Hotel eingetroffen, einem Fünf-Sterne-Luxus-Hotel im Herzen der Stadt. Sie zogen sich um und gingen, gemeinsam mit dem vierten Mann und dem Schiedsrichterbetreuer (einem Offiziellen der Heimmannschaft) zum Essen, und zwar ins teuerste Restaurant der Stadt. Nach einem Spaziergang kehrten sie auf die Zimmer zurück, laut Adelchi gegen elf, halb zwölf. Herr Ferretti wirkte ausgeglichen wie immer, wenn man von der verständlichen Anspannung wegen des anstehenden Matchs absah: Es handelte sich um ein wichtiges Spiel, Rebuffos Mannschaft mußte gewinnen, um einen Punkt Vorsprung auf den Tabellenzweiten zu halten und damit für die Vorentscheidung im Titelkampf zu sorgen. Aber auch die Gastgeber brauchten die Punkte, für sie ging es um einen UEFA-Cup-Platz. Sonntag morgen gegen neun fuhr der Schiedsrichter noch einmal allein mit dem Wagen weg. Er wolle sich das Meer ansehen, hatte er zum Portier gesagt und gefragt, wie er am besten nach Nervi komme. Kurz vor zwölf kehrte er zurück, aß eine halbe Portion Pasta und ein Stück Kuchen, dann fuhr er, gemeinsam mit den Linienrichtern, in aller Ruhe per Taxi zum Stadion. Die letzte, die mit ihm sprach, war seine Ehefrau, kurz bevor er zum Stadion aufbrach.

Giampieri hatte diese Angaben von den beteiligten Personen eingeholt, und sie schienen einander in keinem Punkt zu widersprechen. Dann hatte er sie von einigen Beamten gegenchecken lassen; dazu wurden die Ortswechsel des Schiedsrichters mit den jeweiligen Zeitangaben abgeglichen, Kellner, Hotelportiers usw. befragt.

»Die Brieftasche hat nichts hergegeben?« fragte Giampieri.

Der Kommissar hatte sich das Herzstück der Beute, die Brieftasche des Opfers, allein zur Brust genommen, was seinen Mitarbeiter sichtlich verärgert hatte: Dies gehörte zu den untergeordneten Kontrollarbeiten und fiel daher in Giampieris Kompetenzbereich. Aber die Brieftasche gab auch Aufschluß über Ferrettis Persönlichkeit, und deshalb hatte Marco Luciani selbst die erste Überprüfung vorgenommen. »Ach ja«, sagte er, als ob es ihm erst in diesem Moment wieder einfiele, »nichts Besonderes, das übliche Zeug: ein paar Euro, Ausweise, Mitgliedskarten, Kreditkarten, Fotos von Frau und Kind. Ich habe hier die Liste, ich lasse alles fotokopieren, und dann geben wir es der Witwe zurück. Und das Mobiltelefon? Gibt es da Neuigkeiten?«

»Nein, das Signal wurde nicht geortet. Es hat sich aber bestätigt, daß er das Handy weder zu Hause noch im Hotel gelassen hat. Und auch nicht beim Hausmeister. Er trug es wahrscheinlich bei sich, aber die Linienrichter erinnern sich nicht, es gesehen zu haben. Wenn es in der Umkleide war, hat es jemand mitgenommen. Ich habe schon mal alle Anträge für den Staatsanwalt vorbereitet, für die Verbindungsübersichten. Ich bringe sie dir mit in den Konferenzraum.« Er ließ ihm eine Kopie der jüngsten Aussagen da und verließ das Büro.

Kaum war er allein, holte Marco Luciani die Brieftasche des Schiedsrichters aus der Schublade und schüttete den Inhalt auf den Schreibtisch. Neben den Sachen, die er gegenüber Giampieri erwähnt hatte, lagen da eine Kinokarte für das »Odeon«, der Kassenbon einer Bar, einer von IKEA und einer von einem Obst-und-Gemüse-Geschäft. Außerdem die Quittung einer Wäscherei und ein gelber Merkzettel, auf den eine Handynummer gekritzelt war, ohne Name. Er wählte die Nummer von einem Anschluß mit Nummernunterdrückung aus, und nach mehrmaligem Klingeln war die Stimme einer Frau zu hören. Um sie zum Sprechen zu bringen, behauptete Luciani, er habe sich verwählt und bat noch einmal um Bestätigung der Nummer. Die Stimme klang jung, mit einem leichten südamerikanischen Akzent, vermutlich Brasilianerin. Der Kommissar entschuldigte sich, schrieb die Nummer auf einen anderen Zettel und steckte diesen mit den Belegen in die Tasche. Dann stieß er zu Giampieri und den Beamten im Konferenzraum und verteilte die Aufgaben des Tages.

 

Das Telefon stand auch am Nachmittag nicht still. Wenn Luciani gerade nicht telefonierte, arbeitete er sich durch die Aussageprotokolle und strich mit dem Textmarker die wichtigen Passagen an; wo es nachzuhaken galt, setzte er ein großes Fragezeichen daneben. Dann las er aufmerksam den ersten Bericht der Gerichtsmedizin, den Doktor Vassallo in Rekordzeit geliefert hatte. Am Körper Ferrettis fanden sich keine Spuren von Gewalteinwirkung, aber an der rechten Schläfe hatte man ein verdächtiges Hämatom entdeckt, das genauerer Untersuchung bedurfte.

Gegen fünf rief Staatsanwalt Delrio an, er wirkte sehr aufgeregt und machte Luciani Vorhaltungen, weil er ihn noch nicht persönlich über den Stand der Ermittlungen unterrichtet hatte: »Ich habe Ihnen für die ersten Tage freie Hand gelassen, Herr Kommissar, weil ich weiß, daß Sie von uns beiden der Erfahrenere sind, aber ich will ständig auf dem laufenden gehalten werden. Es wäre nicht sehr taktvoll, Sie daran zu erinnern, daß ich diese Ermittlungen leite.« Marco Luciani versprach, ihm gleich als erstes am nächsten Morgen Bericht zu erstatten. Er fühlt sich unter Druck, dachte er, er hat sofort kapiert, daß dieser Fall über seine weitere Laufbahn entscheiden wird. Aber ihm war bewußt, daß das eigentliche Problem nicht Delrio darstellte, sondern der Oberstaatsanwalt, mit dem Luciani schon vor geraumer Zeit auf Konfrontationskurs gegangen war.

 

Giampieri legte ihm ein paar Anträge zur Unterschrift vor. Die Staatsanwaltschaft sollte eine Überprüfung der Vermögensverhältnisse des Opfers, der Telefonverbindungen von Hausanschluß und Handy sowie einiger anderer Telefonanschlüsse genehmigen, außerdem sollten die Zahlungsvorgänge von Scheck- und Kreditkarte sowie der Einsatz des Telepasses kontrolliert werden. All dies war nur mit richterlicher Anordnung möglich. Man entsandte einen Inspektor, der Ferrettis Freunde und die Mutter in Turin befragen sollte. Die Ehefrau dagegen wollte man vorläufig schonen; sie hatte nach der Tat alles stehen- und liegenlassen, war nach Genua gekommen und in dem Hotel ihres Mannes abgestiegen. Dort wartete sie. Giampieri hatte am Morgen versucht, sie zu vernehmen, doch sie war noch völlig aufgelöst und von den Beruhigungspillen benebelt, die sie im Morgengrauen, nach einer schlaflosen Nacht, eingenommen hatte, um ein wenig abzuschalten. Sie war keine große Hilfe gewesen, auch wenn sie hatte durchblicken lassen, daß ihr Mann in letzter Zeit einen merkwürdig deprimierten Eindruck gemacht habe. Sie konnte trotzdem nicht glauben, daß er sich umgebracht hatte, aber noch abwegiger schien es ihr, daß irgend jemand sonst ihn aus dem Weg geräumt haben sollte. Der Kommissar hatte beschlossen, ihr noch einen Tag Zeit zu geben. Danach wollte er persönlich bei ihr vorsprechen.

Er rief den Hausmeister des Stadions an, um einige Zeitangaben zu überprüfen, dann las er die Zeitungsartikel, die sein Vize für ihn ausgewählt hatte. Sie lieferten noch einige zusätzliche Details, bestätigten ansonsten, was Luciani schon im Internet über die Mechanismen herausgefunden hatte, mit denen die Schiedsrichter auf die einzelnen Partien verteilt wurden. Er schaute sich einige Nachrichtensendungen an und war beeindruckt, wie viele Fakten und Zeugenaussagen die Journalisten zusammengetragen hatten. Achtzig Prozent davon waren Hirngespinste, aber in den sinnvollen zwanzig Prozent fanden sich Einzelheiten, die eigentlich nur der Polizei hätten bekannt sein dürfen. Er würde am nächsten Tag bei der Lagebesprechung seinen Leuten eine ordentliche Standpauke halten und sie zu absoluter Verschwiegenheit ermahnen.

 

Als kurz nach zwanzig Uhr das Telefon ging, klang es anders als gewöhnlich.

»Herr Kommissar, Greta für Sie auf Apparat zwei.«

Marco Luciani schaute auf die Uhr, dann fiel ihm ein, daß Montag war, der Tag, der keine Gnade kannte, der Tag des Autorenfilms in Originalsprache. O Scheiße, dachte er.

»Hallo.«

»Ich bin’s. Bist du immer noch im Büro?«

»Ja.«

»Der Film fängt in zehn Minuten an.«

»Das schaffe ich nicht, ich stecke hier mitten im Schlamassel. Geh schon mal rein, wenn ich irgend kann, komme ich nach.«

»Die Geschichte mit dem Schiedsrichter?«

»Ja, ich fürchte, die nächsten Tage werden nicht einfach werden.«

»Habe ich mir schon gedacht, aber da du nicht abgesagt hast, dachte ich …«

»Nein, tut mir leid. Hör mal, ich muß jetzt los, ich ruf dich an.«

»Wann?«

»Weiß nicht, das hängt von den Ermittlungen ab.«

»Okay, aber du solltest dich nicht übernehmen. Hast du etwas gegessen?«

Marco Luciani hatte bereits aufgelegt. Er nahm seine Nasenwurzel zwischen Zeigefinger und Daumen und verharrte einen Augenblick so. Er fragte sich, wann er endlich den Mut aufbringen würde, mit Greta Schluß zu machen.

Er holte die Kinokarte aus der Tasche, die er in der Brieftasche des Opfers gefunden hatte. Es war ein Kunstfilm, wahrscheinlich einer dieser iranischen Schinken, die seiner Freundin so gut gefielen. Wenn auch Herr Ferretti diese Filme liebte, dann war vielleicht das Suizidmotiv schon gefunden.

Dienstag

Am nächsten Morgen wachte der Kommissar gegen sechs Uhr auf, hellwach und voller Tatendrang. Er trank zwei Glas Wasser, zog T-Shirt, Shorts und Joggingschuhe an und verließ die Wohnung. Die Gassen waren noch leer, bis auf die kleinen schemenhaften Wesen hinter den Müllcontainern, die er gerne übersehen hätte, die aber von seinen Schritten aufgeschreckt davonstoben. Er wich mindestens zehn Hundehaufen aus und träumte jedesmal davon, sie ihren Herrchen ins Maul zu stopfen, dann verscheuchte er ein paar verkeimte, fußlahme Möwen und kam am Porto Antico heraus. An den halbverlassenen Kais entlang legte er einen blitzsauberen Tempolauf hin, er genoß den weiten Ausblick, die frische Luft und das grenzenlose Blau des Meeres, doch das Bild des auf dem Holztisch ausgestreckten Schiedsrichters bekam er nicht aus seinem Kopf.

Auf dem Rückweg traf er an der Haustür auf den Nachbarn, der unter ihm wohnte. Dieser war gerade unterwegs zur Arbeit und grüßte mit einem Lächeln. Ein Typ aus Sri Lanka, immer höflich und nett, der das Treppenhaus täglich mit Hühnercurry, Hammelcurry und sonst was mit Curry verpestete. Er, seine Frau und die beiden Kinder aßen die ganze Woche nichts als Curry, und sonntags luden sie mindestens zwölf Freunde aus Sri Lanka in ihre fünfzig Quadratmeter ein, drehten die Musik voll auf und kochten dreimal soviel wie an einem gewöhnlichen Werktag. Marco Luciani amüsierte sich über die endlosen Streitgespräche zwischen ihnen und dem Neapolitaner aus dem ersten Stock ebenso wie zwischen dem Neapolitaner und der Alten aus dem vierten Stock, einem Genueser Urgestein, das den ganzen Tag hinter dem Fenster lauerte und die Tauben fütterte. Nachts marschierte sie mit dem Stock durch die Wohnung und zog die Schubkästen auf und zu.

Er rannte die drei Treppen zu seiner Wohnung hoch, wobei er im Kniehebelauf jede Stufe einzeln nahm. Mit Schrecken dachte er, daß es noch Jahre dauern würde, ehe er aus diesem Loch herauskäme. Er wollte sich ein Häuschen an der Riviera nehmen, in Camogli vielleicht, mit einem Fenster, von dem aus man zumindest einen Zipfel des Meeres sah. Dazu mußte er allerdings die Beförderung zum Stellvertretenden Polizeipräsidenten abwarten. Mit einem Monatseinkommen von tausendachthundert Euro könnte er dann schon fünf- oder sechshundert Euro für die Miete abzweigen. Oder er mußte auf eine Börsenhausse hoffen, damit er seine zehntausend Euro Ersparnisse wiederbekam und als Kapitaleinlage für einen Immobilienkredit nutzen konnte. Bis dahin würde er gute Miene zum bösen Spiel machen, zu den dreihundertfünfzig Euro Monatsmiete, dem Currygestank, dem Geschrei der Neapolitaner, dem Tack-tack-tack des Gehstocks der Alten, den trippelnden Schatten, die vor ihm in die Gullys huschten.

Er duschte sich, setzte Teewasser auf, und da das Laufen ihn hungrig gemacht hatte, genehmigte er sich einen halben Toast mit Butter und bitterer Orangenmarmelade, der einzigen Marmelade, die er ausstehen konnte.

 

Es war acht Uhr dreißig, als Linienrichter Giovanni Adelchi, achtunddreißig Jahre alt, aus Turin, vor dem Schreibtisch des Kommissars Platz nahm. Adelchi war ein kleiner Mann, ausgesprochen elegant, von der Höhensonne gebräunt, mit akkurat gestutztem Schnurrbart. Nachdem Giampieri eine vorläufige Aussage von ihm aufgenommen hatte, war er nach Hause entlassen worden, unter der Auflage, sich zur Verfügung zu halten. Adelchi hatte es vorgezogen, in Genua zu bleiben, um die Ermittlungen und die bürokratischen Formalitäten aus der Nähe zu verfolgen und um »bei Tullio« zu sein. Seit sieben Jahren waren sie ein festes Gespann, aber der Verlust des Freundes schien ihn nicht besonders mitgenommen zu haben. Er wirkte unterkühlt, wach, äußerst selbstsicher. Auf den Internet- und Zeitungsseiten herrschte die Meinung vor, daß er Ferrettis Mann fürs Grobe war, derjenige, der im Bedarfsfall hanebüchene Abseitsstellungen und Tore anzeigte. Er war fast genauso umstritten und verhaßt wie der Schiedsrichter selbst. Bevor Luciani das Gespräch auf die Vorfälle im Marassi-Stadion brachte, ließ er sich erst einmal vom Beginn ihrer Laufbahnen erzählen, wie sie sich kennengelernt hatten und Ähnliches. Er fragte, ob der Referee in letzter Zeit niedergeschlagen oder bekümmert gewirkt habe, sein Gegenüber verneinte, so habe er ihn nie erlebt. Dann kam der Kommissar auf den Punkt zu sprechen, der ihn interessierte.

»Und sagen Sie, weshalb zog Herr Ferretti sich nie mit den anderen gemeinsam um?«

»Nun, er hatte seine Gründe. Persönlicher Art.«

»Wir sind hier wie in einem Beichtstuhl, Herr Adelchi.«

»Sehen Sie, Herr Kommissar, er sagte, er müsse sich konzentrieren. Vielleicht auch beten. Ja, ich glaube, daß er auf ein besonderes Ritual baute, das er vor jedem Spiel einhielt. Aber der wahre Grund … lachen Sie nicht, ich glaube, der wahre Grund war, daß er sich schämte, wenn er sich vor anderen Männern umziehen mußte.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie ihn nie nackt gesehen haben?«

Adelchi schüttelte den Kopf: »Nein, nie.«

»In all den Jahren, die Sie gemeinsam … Das ist merkwürdig. Folglich zog er sich immer in einem separaten Raum um.«

Auf Adelchis Gesicht erschien ein Anflug von Mitleid: »Ja, in den italienischen Stadien war das inzwischen bekannt, da hielt man ihm stets einen Extraraum bereit, auch wenn er bisweilen so trist war wie hier in Genua. Aber Ferretti war alles recht, solange er für sich sein konnte. Und wenn es diesen Raum einmal nicht gab, dann zogen wir uns nacheinander um, oder er kam schon im Trainingsanzug, und nach dem Spiel zog er ihn gleich wieder über. Dann duschte er erst später, im Hotel.«

Interessantes Anschauungsmaterial für einen Psychologen, dachte Marco Luciani. Das konnte wichtige Hinweise auf Ferrettis Persönlichkeit und womöglich sogar auf Selbstmordtendenzen liefern.

»Sie haben einen schwierigen Beruf. Ich meine die Linienrichter.«

Adelchi reckte das Kinn und blähte die Brust. »Viel schwieriger, als es aussieht, Herr Kommissar. Die Leute meinen, man muß nur ein wenig herumstehen und ab und zu mit der Fahne fuchteln, wenn der Ball ins Seitenaus geht; das war’s dann. In Wahrheit sind wir inzwischen vollwertige Schiedsrichter, wir tauschen uns mit dem Referee aus und können dafür sorgen, daß er seine Entscheidungen revidiert. Auch wenn das letzte Wort natürlich immer er hat. Aber in vielen Situationen, beim Abseits zum Beispiel, sehen wir viel besser.«

»Nicht immer, wenn man der Zeitlupe glauben darf.«

Adelchi schien diese Bemerkung nicht besonders zu schmecken.

»Nun gut, jeder kann sich einmal irren … Und dann sind auch nicht alle Kollegen gleich gut ausgebildet. Leider Gottes, das sage ich ganz offen, wird diesbezüglich noch viel improvisiert. Manchmal stellt man die Schiedsrichter als Linienrichter ab und bedenkt nicht, daß das ein völlig anderer Job ist. Wissen Sie was: Es ist für einen guten Linienrichter einfacher, einen tadellosen Schiedsrichter abzugeben, als umgekehrt.«

Er wartete darauf, daß der Kommissar ihn nach dem Grund fragte. Marco Luciani tat ihm den Gefallen.

»Um einen guten Schiedsrichter abzugeben, reichen eine trainierte Lunge, gute Augen und eine ruhige Hand. Dieses Rüstzeug haben auch wir. Aber wer Linienrichter sein will, der braucht die Augen eines Frosches, das Ohr des Dionysos und im Hirn einen Fotoapparat.«

Der Kommissar hob die rechte Augenbraue.

»Sie glauben mir nicht? Sie meinen, es sei einfach zu sagen, ob ein Angreifer im Moment der Ballabgabe auf einer Linie mit dem Verteidiger war oder zehn Zentimeter weiter? Aber genau dazu braucht man das Froschauge, man muß gleichzeitig den Ballspielenden und den Angreifer sehen, und man muß sofort ein inneres Bild speichern, auf dem die Aufnahmen beider Augen vereint sind. Wenn Sie das einmal gelernt haben, dann unterlaufen Ihnen keine Fehler mehr.«

»Und das Ohr des Dionysos?«

»Manchmal kommt der Paß aus einer Entfernung von sechzig Metern, und da spielt kein Auge mehr mit. Dazu brauchen Sie das Ohr des Dionysos, Sie müssen das Auftreffen des Fußes auf dem Ball hören und den Angreifer fixieren. Aber aufgepaßt, das ist nicht so einfach.«

»Nein?«

»Nein, denn der Schall breitet sich langsamer aus als das Licht. Wir hören den Schuß einen Moment nach dem eigentlichen Ereignis. Und diese Zeitdifferenz müssen Sie mit einkalkulieren. Die Zeitlupe wird später den Vergleich nur über das Bild herstellen, wird gleichzeitig die Ballabgabe und die Bewegung des Angreifers zeigen, und das zählt, nicht der Schall. Viele meiner Kollegen lassen sich zu Fehlern verleiten, weil sie den Schuß hören, aber die Zeitdifferenz nicht mit einkalkulieren.«

Selten hatte Marco Luciani jemanden getroffen, der so von sich eingenommen war.

»Schön, Herr Adelchi, ich denke, das ist alles …«, sagte er, während er vom Stuhl aufstand. Der andere baute sich ebenfalls zu seiner vollen, nicht gerade beeindruckenden Größe auf. »Wenn Tullio tatsächlich ermordet wurde, dann können Sie voll auf mich zählen. Was auch immer Sie brauchen, ich stehe zu Ihrer Verfügung.«

Der Kommissar nickte, sagte ihm, er solle sich seine Durchwahl notieren und anrufen, sobald ihm irgend etwas Besonderes einfiele. Der Linienrichter holte sein silbernes ultraflaches Handy aus der Tasche und fügte seinem Telefonbuch den Anschluß des Kommissariats und Giampieris Handynummer hinzu.

 

Punkt zehn stellte sich Paolo Cavallo, der andere Linienrichter, im Büro ein. Er war dreiundvierzig Jahre alt und stammte aus Verona.

»Nehmen Sie Platz, Herr Cavallo.«

Der Linienrichter trat schüchtern heran. Trotz der hohen Temperaturen behielt er den Mantel an, und auf dem Stuhl schob er einen kleinen Buckel. Den Kommissar betrachtete er von unten herauf. Obwohl er nichts in Händen hielt, waren seine Finger in ständiger Bewegung, wie Regenwürmer in einem Eimer.

Marco Luciani wollte eine gelöste Gesprächsatmosphäre erzeugen. Es war wichtig, irgendwie Cavallos Vertrauen zu gewinnen.

»Ich werde Sie nicht lange behelligen, Herr Cavallo. Ich möchte Ihnen nur ein paar Fragen stellen … Halten Sie das, um Himmels willen, nicht für ein Verhör. Sie haben Ihre Aussage betreffs der Vorgänge am Sonntag bereits zu Protokoll gegeben. Das hier ist ein informelles Gespräch, nichts weiter. Nichts wird aufgezeichnet. Wissen Sie, was den Fußball angeht, sind Sie im Gegensatz zu mir ein absoluter Experte, und ich möchte nur, daß Sie mir ein paar Zusammenhänge erklären …«

Cavallo nickte und schien sich ein wenig zu entspannen.

»Also, Sie müßten mir einmal grob das Prozedere beschreiben …, wie das üblicherweise abläuft, wenn Sie alle, also die beiden Linienrichter und der Schiedsrichter, in einer Stadt ankommen. Ich nehme an, daß Sie am Abend vorher eintreffen, richtig?«

»Richtig.«

»Und werden Sie von irgend jemandem abgeholt?«

»Sicher, vom Schiedsrichterbetreuer. Das ist in der Regel ein Offizieller der gastgebenden Mannschaft.«

»Und wohnen Sie alle im selben Hotel?«

»Ja. Jeder hat sein eigenes Zimmer.«

»Und gehen Sie dann zusammen essen, Sie, der Schiedsrichter und der andere Linienrichter?«

»Nun, das kommt darauf an. Manchmal schon. Aber in der Regel esse ich lieber auf dem Zimmer und gehe zeitig schlafen.«

»Haben Sie das auch am Samstag abend so gehalten?«

»Ja, ich habe etwas im Hotel bestellt. Ferretti und Adelchi sind, glaube ich, ausgegangen.«

Der Kommissar war erstaunt, daß er die beiden mit Nachnamen nannte. Ihr Verhältnis schien nicht das allerbeste zu sein.

»Gab es irgendwelche Probleme zwischen Ihnen?« warf er ein, wobei er den Linienrichter genau beobachtete.

»Nein, nein, absolut nicht. Wie ich schon sagte, ich ziehe es nun einmal vor, zeitig schlafen zu gehen. Keine Probleme, wirklich nicht.«

Er hatte zu hastig geantwortet, außerdem hatte er sich verkrampft und den Blick abgewandt.

»Seit wann leiteten Sie gemeinsam Spiele?«

»Ferretti und Adelchi schon seit vielen Jahren, ich würde sagen sechs oder sieben.«

»Sie stammen beide aus Livorno.«

»Ja. Ich war vorher mit Gandolin, dem Schiedsrichter aus Bassano del Grappa, zusammen, aber der ist jetzt Präsident des Baseball-Verbands. Er hat letztes Jahr die Pfeife an den Nagel gehängt, und ich habe mich dann zu Saisonbeginn mit den anderen beiden zusammengetan.

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