Logo weiterlesen.de
Kebabweihnacht

Inhaltsübersicht

AUGUST

AN EINEM HEISSEN...

KÖNNTE MAN SAGEN...

ALS UMUT AUS...

ANFANG OKTOBER

DIE HÜTER VON...

VIERZEHN TAGE SPÄTER...

ANFANG OKTOBER GING...

ENDE OKTOBER

IN DER LETZTEN...

NOVEMBER

DIE ARBEIT IN...

NACHDEM UMUT DIE...

ANFANG DEZEMBER

IRGENDWIE WAR DANN...

7. DEZEMBER

DIE NIKOLAUSÜBERRASCHUNGEN...

14. DEZEMBER

SEIN ZIMMER...

15. DEZEMBER

»DU REDEST DIESES...

19. DEZEMBER

UMUT WARTETE VOR...

18. DEZEMBER

SEIT ZWEI TAGEN...

23. DEZEMBER

»WIR FEIERN BEI...

24. DEZEMBER

UMUT FUHR SEHR...

HEILIGABEND

ES WAR SCHON...

|5|

AN EINEM HEISSEN Augusttag, mitten in einer großen deutschen Stadt, gab es die ersten Anzeichen dafür, dass sich dieses Jahr ein Weihnachtswunder ereignen würde. Nicht so ein Wunder wie die Verwandlung von Wasser in Wein. Vielmehr die Verwandlung eines verhärteten Herzens in ein akzeptierendes und annehmendes – was vielleicht ein noch viel größeres Wunder war. Wenn man außerdem bedenkt, dass es ein muslimisches Weihnachtswunder war, dann gibt es keinen Zweifel daran, dass Weihnachten etwas Besonderes ist. Natürlich bietet sich Weihnachten geradezu an für Wunder, auch ohne Weihnachtsmann und Weihnachtsmarkt. Aber was soll man sagen, wenn dann just diese Umstände geradewegs zum Wunder führen? Zum muslimischen Weihnachtswunder?

Ich will Ihnen besagte Geschichte erzählen, und dann sollen Sie selber urteilen, ob das Wunder durch Weihnachten bewirkt wurde oder ob das Wunder zu dem geführt hat, was wir als Weihnachten so schätzen und lieben. Zugegeben: Nicht alle lieben Weihnachten, aber einige schon. Und zu diesen Leuten, die alles, was Weihnachten ausmacht, |6|so schätzen und lieben, gehört Umut, unser kleiner Held.

Aber alles der Reihe nach. Richten wir unseren Blick auf eine deutsche Großstadt an einem heißen Augusttag. An einem solchen treffen wir unseren Weihnachtshelden Umut an seinem Ausbildungsplatz in einem namhaften Kaufhaus an.

Umut ist siebzehn Jahre alt, ein hübscher und sanfter Junge, dessen Eltern aus der Türkei stammen, aus der Osttürkei, um genau zu sein, aus Malatya, um ganz genau zu sein.

Gerade ist der Ausbildungsleiter dabei, die Nachwuchskräfte auf Weihnachten und das Weihnachtsgeschäft einzustimmen. Umut ist sehr froh, diesen Ausbildungsplatz gefunden zu haben, aber das ist nicht der einzige Grund, weswegen er dem Ausbildungsleiter sehr gespannt, ja geradezu enthusiastisch zuhört:

»Wir werden euch Auszubildenden nichts zumuten, was ihr nicht bewältigen könnt«, sagte der Ausbildungsleiter, »aber ihr werdet sehen, dass das Weihnachtsgeschäft für uns von größter Wichtigkeit ist, was den Umsatz betrifft, ja ich möchte klipp und klar feststellen, der Dezember ist unser umsatzstärkster Monat, so dass ihr alle im Dezember wahrscheinlich Überstunden machen müsst. Einige werden auch an Heiligabend arbeiten müssen, wenn es sich nicht anders einrichten lässt.«

»Dürfen alle arbeiten?« Umuts Frage löste bei den anwesenden Azubis ein Gelächter aus.

|7|»Arbeiten dürft ihr immer«, lachte der Ausbildungsleiter, »wir wollten euch entgegenkommen und euch für Heiligabend möglichst von der Arbeit freistellen. Aber wenn Sie unbedingt arbeiten wollen!«

Er lächelte freundlich, aber Umut erwiderte dieses Lächeln nicht. Zum einen wäre es nicht besonders förderlich, wenn die anderen jetzt von ihm denken würden, er sei ein Streber, der dem Chef Honig um den Bart schmieren wolle. Aber das war das kleinere Übel. Wenn es zum anderen jetzt hieß, sie bräuchten Heiligabend nicht zu erscheinen … er spürte, wie eine kleine Schreckwelle seinen Körper durchfuhr.

»Ich würde gerne arbeiten, Heiligabend«, stotterte er, »mir macht das nichts aus, ich bin ja Türke, und wir feiern gar kein Weihnachten, es ist für uns ein ganz normaler Tag, deswegen macht es mir nichts aus, Heiligabend zu arbeiten, dann können die anderen frei haben!«

Die Azubis schauten Umut an. Diese Mitteilung schien allen zu gefallen.

»Wenn Sie meinen«, sagte der Chef, »dann teilen wir Sie jetzt schon für den Dienst an Heiligabend ein.«

»Sehr gerne!«

In den Augen der anderen war Umut ein selbstloser Zeitgenosse. Selbstlos war Umut schon, aber nur ein bisschen, denn in Wahrheit war Umut ein Weihnachtsjunkie. Er liebte Weihnachten über alles, ja, er war Weihnachten mit Haut und Haaren verfallen, aber er konnte es nicht zugeben.

|8|Jetzt werden Sie bestimmt denken, das ist doch nichts Besonderes, sehr viele Menschen sind Weihnachten mit Haut und Haaren verfallen, die das nicht zugeben können. Natürlich ist mir bekannt, dass von denen, die über die Weihnachtszeit jammern und klagen, sich mindestens siebzig Prozent verstellen. Sie lieben Weihnachten, und nur weil es Mode ist, über die Weihnachtszeit zu jammern, tun sie es. Sie schauen Ihnen in die Augen und lügen, wenn sie erzählen, dass ihnen »der ganze Rummel« – wie sie sagen – »zu viel ist«. In Wirklichkeit lieben sie den Rummel und das Gedränge in den Geschäften, die kitschige Weihnachtsdekoration und die Weihnachtsmärkte und die Weihnachtsfeiern. Sie können es nicht zugeben, weil es nicht trendy ist, das alles schön zu finden. Ja, wenn Umut auch so einer wäre, dann hätten Sie recht, dann bräuchte diese Geschichte nicht erzählt zu werden.

Es war aber anders. Es war so, dass Umut ein Moslem war und aus einer konservativen türkischen Familie stammte und dass sein Vater es gar nicht gerne sah, wenn man Weihnachten gut fand. Und es hätte ihm noch viel weniger gefallen, zu hören, dass sein eigener Sohn ein Weihnachtsfreak war. Das heißt: Umut musste nicht sich selbst belügen wie die meisten Leute, die über Weihnachten stöhnten, sondern »nur« seine Familie, insbesondere seinen Vater.

Vor sich selber hatte Umut keine Geheimnisse, er wusste: Er liebte Weihnachten.

»Wie gesagt, da wir kein Weihnachten feiern, können |9|Sie mich über die Adventszeit sehr gerne länger einplanen!«

»Junger Mann, dann setze ich Sie doch gleich in der Weihnachtsabteilung ein!«

Der Ausbildungsleiter war wahrscheinlich der Meinung, einen Witz gemacht zu haben, doch abermals sagte Umut: »Sehr gerne!«

Als Umut an jenem Sommerabend nach Hause fuhr, spürte er eine Vorfreude im Bauch, als hätte die geliebte Adventszeit schon eingesetzt.

|10|KÖNNTE MAN SAGEN, die Rohowskys seien schuld daran, dass Weihnachten Umut so viel Freude bereitete?

Umut hatte sie kennengelernt, als er fünf war. In dem Jahr war viel passiert. Er war in den Kindergarten gekommen, und sie waren umgezogen, in dasselbe Haus und auf dieselbe Etage, wo auch die Rohowskys wohnten. Damals, vor zwölf Jahren, waren die Rohowskys Anfang siebzig gewesen, aber noch so rüstig, dass sie sich gefreut hatten, kleine Kinder in der nächsten Nachbarschaft zu haben.

Und dann war die Adventszeit gekommen. Damals wusste Umut nichts von einer Adventszeit, es war einfach nur Winter und kalt gewesen.

Aber diese dunkle Jahreszeit erhellte sich auf einmal, als es Dezember wurde, im Kindergarten und durch Maria Rohowsky. Eines Morgens hatte einfach eine Tüte mit Süßigkeiten vor der Tür gelegen. »Das müssen die Nachbarn gewesen sein«, hörte er seine Mutter sagen, »wahrscheinlich wollen sie damit andeuten, dass wir uns noch nicht bei ihnen vorgestellt haben. Aber sie hätten auch mal ruhig herzlich willkommen sagen können.«

|11|»Ist doch eine nette Geste«, erwiderte der Vater, »wir gehen heute Abend mal rüber und bedanken uns.«

Genauso war es dann gekommen. Sie hatten alle zusammen die Rohowskys besucht und sich vorgestellt.

»Noch mal vielen Dank für die Plätzchen, die Sie uns vor die Tür gelegt haben«, sagte der Vater.

»Aber das war ich doch gar nicht, das war der Nikolaus.« Frau Rohowsky schmunzelte. Dann wandte sie sich an Umut: »Ist der Nikolaus gekommen?«

»Welcher Nikolaus?«

»Was, du kennst den heiligen Nikolaus nicht? Wo er doch ein Landsmann von dir ist?«

Sein Vater – damals war Arif noch viel gelassener gewesen – kam zu Hilfe: »Ach, das war der Nikolaus gewesen! Und ich dachte schon, Sie hätten die Plätzchen vor die Tür gelegt!«

»Aber nein, wie komme ich dazu? Der Nikolaus kommt zu allen Kindern, die brav gewesen sind. Und anscheinend ist Ihr Sohn sehr brav gewesen, sonst wäre der heilige Nikolaus nicht zu ihm gekommen!«

Die Erwachsenen lachten. »Ja, Umut ist ein lieber Junge«, sagte seine Mutter.

»Und zu Umut kommt der Nikolaus in der Tat besonders gerne, wo er doch aus Anatolien stammt so wie wir«, ergänzte sein Vater. »Zu wem sollte der Nikolaus denn kommen, wenn nicht zu Umut, wo er doch so ein liebes Kerlchen ist und ein Landsmann dazu!«

|12|Der Nikolaus! Umut war ganz fasziniert von dem Gedanken, dass der Nikolaus, der auch im Kindergarten gewesen war, an ihn gedacht und ihn zu Hause persönlich aufgesucht hatte. Aber wenn das stimmte, was sein Vater sagte – und sein Vater wusste alles –, dann war es ja klar, dass er bevorzugt zu ihm kam. Das musste er am nächsten Tag im Kindergarten erzählen.

Doch es stellte sich heraus, dass der Nikolaus bei fast allen Kindern gewesen war, auch bei denen, die nicht aus Anatolien stammten. Das tat Umuts Freude keinen Abbruch. Und auch nicht die Gehässigkeit seiner großen Schwester Ayla, die sich vor ihm aufbaute und behauptete, es gäbe den Nikolaus gar nicht und es wäre doch die Rohowsky gewesen, die ihm die Plätzchen vor die Tür gelegt habe.

Heulend war er zu seinem Papa gelaufen und hatte ihn gefragt, was denn nun wahr und richtig sei. Sein Papa hatte ihn beruhigt und mit Ayla geschimpft. »Wenn du so mit deinem Bruder redest, darfst du dich nicht wundern, wenn der Nikolaus nicht zu dir kommt«, hatte er gesagt.

Ein Jahr später hatte auch die Mutter daran gedacht, Umut eine Überraschung zu bereiten: Morgens, als er die Tür öffnete, konnte er jubeln, dass der Nikolaus schon wieder an ihn gedacht hatte; und abends lag schon wieder ein Geschenk vor der Tür.

»Mama, was meinst du, hat sich der Nikolaus geirrt, oder ist er zweimal zu mir gekommen, weil ich ein Landsmann von ihm bin?«

|13|»Der Nikolaus irrt sich nicht«, sagte seine Mutter, »er bevorzugt auch keine Kinder, nur weil sie aus derselben Region stammen. Er wird wohl vergessen haben, dass er schon bei dir gewesen ist.«

In dem Jahr hatte auch Maria Rohowsky – Oma Rohowsky, wie Umut jetzt zu ihr sagen durfte – ihn zum Plätzchenbacken eingeladen. Ayla kam auch mit, aber sie verlor die Lust und wollte dann wieder nach Hause. Umut aber blieb, obwohl Ayla ihn damit aufzog, dass Jungen keine Plätzchen backen würden. Oma Rohowsky widersprach:

Alle Menschen würden Plätzchen backen, schließlich würden ja auch alle Menschen Plätzchen essen, nicht wahr?

Das leuchtete Umut ein. Wer Plätzchen aß, musste auch welche backen dürfen. Und er liebte es, Plätzchen zu backen und ganze Tüten mit nach Hause zu nehmen.

»Schaut mal, was ich gebacken habe!«, sagte er ganz stolz und zeigte seine Ausbeute.

Ayla grinste: »Hast du die gebacken?«

»Hab ich! Schön, nicht?« Umut hatte ganz rote Ohren vor Freude.

»Dann schau sie dir mal ganz genau an! Sehen sie nicht zufällig genauso aus wie die Plätzchen, die der Nikolaus dir letzte Woche gebracht hat?«

Umut besah sich die Plätzchen, völlig ratlos. »Nein, das sind meine, nicht die vom Nikolaus.«

»Du bist ein Dummchen«, sagte Ayla. »Es gibt gar keinen Nikolaus, alle Plätzchen sind von der alten |14|Rohowsky. Die von letzter Woche waren auch von ihr, die hat sie vor unsere Tür gelegt, und jetzt backt sie mit dir welche nach!«

Sie lachte und schaute ihren Bruder triumphierend an. »Hast du es endlich kapiert, Dummi?«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Kebabweihnacht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen