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Katzenberge

Inhaltsübersicht

Frühmorgens im Oktober aus ...

Der Frühling war plötzlich ...

Großvater sagte, als man ...

Auf dem Bahnhof von ...

Großvater sagte, durch die ...

Großvater sagte, er habe ...

Großvater sagte, am Waldrand ...

Großvater sagte, allein zu ...

Großvater sagte, in der ...

Als Janeczko im Dunkel ...

Die Küche war eiskalt ...

Die Frau im Bahnhofshäuschen ...

Großvater sagte, als Großmutter ...

Großvater sagte: Noch am ...

Als er am Abend ...

Als ich vom Schloss ...

Großvater sagte, der Weg ...

Wydrza? Die Frau im ...

Großvater sagte, die Flüchtlinge ...

Endlich bist du da! ...

Großvater sagte, es habe ...

Die Luft am nächsten ...

Großvater sagte, der erste ...

Manchmal schweigt sie einfach ...

Großvater sagte, er habe ...

Etwas quietschte laut auf...

Großvater sagte, nach jenem ...

Bist du dir sicher ...

Großvater sagte, die Überquerung ...

Wie heißt das Kaff ...

Großvater sagte, sein Geburtsort ...

Das Sofa war mit ...

Ich beeile mich, noch ...

Danksagung

 

Frühmorgens im Oktober aus dem Haus zu treten, noch dazu, wenn der schlesische Nebel über den Feldern des Katzengebirges liegt, ist meistens ein sicheres Zeichen von Schlafwandlerei. Wem würde es sonst einfallen, die Wärme der Daunendecken zu verlassen und sich der Kälte und der Feuchtigkeit auszusetzen, die nach wenigen Minuten unter den Mantel kriechen und die Haut mit einem eisigen Film bedecken.

In den Schwaden verschwinden die Tümpel und Bäche, die sich durch das Land ziehen; man läuft Gefahr, kopfüber in den Morast zu den Fröschen und Kröten hinunterzustürzen, die sich bereits in der Winterstarre befinden und keinen Laut von sich geben. Hat man es dennoch geschafft, auf dem Fahrrad die kleine Anhöhe zu erreichen, die die Dörfer Osola und Bagno voneinander trennt, und blickt hinunter, wogt dort in der Senke eine weiße See. Auf ihrem Grund liegen Höfe und Ländereien, kleine Weiler und Flussläufe.

Der Nebel umschließt auch die Wochenendhäuser, samt ihren Terrassen, Pavillons und Badeteichen, die man neuerdings auf den Wiesen erbaut hat. Sie kommen den alten Höfen immer näher, umkreisen sie, treiben sie zusammen.

Man muss den Weg, der durch Lärchenhaine ins nächste Dorf führt, Meter für Meter genau kennen, um nicht von der Anhöhe abzukommen oder versehentlich in den Eichenwald abzubiegen, der gleich hinter dem letzten Haus der Siedlung beginnt. Das obere Ende des Waldes verschwindet unter der bleichen Haut, und unten, am Waldboden, wo sich sonst Hartriegel und Wacholderbüsche ineinanderranken, fließt der Nebel um die Stämme und verwischt ihre Konturen. Zu Füßen des Eichenwaldes, getrennt nur durch einen Bach und einen Schotterweg, liegt das letzte Gehöft der Siedlung. Es ist in einer Mulde versteckt, die weder vom Nachbardorf Osola noch von der Siedlung Morzęcin Mały aus eingesehen werden kann; nicht einmal der nächste Nachbar hat Einblick in das Hufeisen, das Wohnhäuser, Stallungen und Scheune bilden.

Um die Gärten stehen dichte Reihen von Sauerkirschbäumen und verkrüppelten, kleinwüchsigen Kiefern, so dass man den Hof erst bemerkt, wenn man unmittelbar vor dem grün lackierten Tor steht. Gleich hinter dem Tor wächst ein Walnussbaum, der seine Zweige über den Weg ragen lässt. Im Oktober verteilt der sonst unscheinbare Baum seine grünen Kugeln gleichmäßig über den Innenhof und die Einfahrt. Während ich das sperrige Herrenfahrrad festhalte, öffne ich das Tor von innen. Mit meinem ganzen Körpergewicht stemme ich mich gegen das Fahrrad, um es über Grasbüschel, faulende Eichenblätter und Walnussschalen zu schieben.

Das vordere Rad ertastet die Mitte des Weges und spürt einigen Schlaglöchern nach. Dann sitze ich auf und fahre zögerlich an der Stelle vorbei, wo sonst die Gerippe der Sauerkirschbäume und Kiefern zu sehen sind – mein Blick reicht nur bis zu meinem Lenker und dem Stück Weg direkt darunter. Ich fahre aus Versehen auf die Grasnarbe und kippe beinahe um. Für einen Moment halte ich an und lausche, aber es ist nichts zu hören. Ein paar Meter neben mir meine ich, einen Schatten gesehen zu haben, den Einen, Unerhörten, der aufmerksam jede meiner Bewegungen verfolgt. Mein Herz schlägt schneller, und meine verschwitzten Hände umschließen die Griffe.

Eine unwirkliche Stille liegt über den Gehöften. Ein jedes ist taub für die aus dem Nebelmeer kommenden Geräusche. So entgeht ihnen, dass sich etwas ganz und gar Außergewöhnliches ereignet: Jemand, der nicht gesehen, nur gehört werden kann, fährt halsbrecherisch über die niederschlesischen Dörfer und das Land, das zwischen ihnen liegt.

Schon verlasse ich die Feldwege der Siedlung und erreiche den asphaltierten Weg, der nach Bagno führt. Jetzt geht es nur noch geradeaus. Ich fahre schneller, der Nebel zerfließt an meinem Gesicht, ab und zu jage ich an einem dunklen Schatten vorbei. Der einzige Beweis meiner Existenz ist das Klappern des Fahrradgestells, das niemand hört außer mir selber. Den Schatten sehe ich nicht mehr, was aber nicht heißt, dass er verschwunden ist. Seit jeher war er ein Meister darin, sich zu verstecken und im unmöglichsten aller Momente wieder aufzutauchen. Ich suche die Schemen der Büsche nach ihm ab, aber es ist nichts zu erkennen.

Jedes Ereignis, jede noch so kleine Begebenheit, die abweicht von den genauestens bekannten und sorgfältig studierten Abläufen des Alltags, wird in den Dörfern registriert und findet Eingang in die dörflichen Annalen.

Die gesammelten Merkwürdigkeiten verändern sich mit der Zeit, sie werden nicht nur mehr, sondern auch immer phantastischer. Vor allem werden sie so lange weitergetragen, bis man sich sicher sein kann, dass es niemanden in der gesamten Gemeinde gibt, der nicht wüsste, dass an einem nebligen Oktobermorgen in aller Herrgottsfrühe – nicht einmal die Hähne sollen gekräht haben, ein ungutes Zeichen – jemand auf einem Herrenfahrrad traumgleich über die Felder in Richtung Friedhof gefahren ist, einen blutroten Nelkenstrauß in der linken Hand haltend und immer wieder einen Beutel zurechtrückend, der anscheinend unter den Mantel geschoben worden war.

Nach nur wenigen Wochen wäre aus der fahrradfahrenden Person am Horizont eine Art Wiedergänger geworden, dessen Geist es hin zum Friedhof treibt. Und die Nelken wären längst keine Nelken mehr, sondern gefrorene Blutkristalle, und das Bündel mindestens ein geraubtes Kind. Ich hatte warten müssen, bis auch die letzten Gäste der Tauffeier, die in der Nacht stattgefunden hatte, gegangen oder eingeschlafen waren. Zu Anfang des Festes hatten Onkel Darek, Onkel Szymek und Onkel Józek in der Ofenstube gesessen, wobei sie ihre Frauen ans entgegengesetzte Tischende verbannt hatten. Tante Gosia, Tante Zosia und Tante Aldona steckten die Köpfe über dem Neugeborenen zusammen, das in einer Wiege vor dem Tisch lag und von seiner Mutter geschaukelt wurde. Maciek, der stolze Vater, stand mit mir zusammen in der Küche, stemmte die Arme in die Seiten und betrachtete mit zusammengezogenen Augenbrauen Titus. Keiner wusste genau, wie man mit ihm verwandt war, aber aus einem diffusen Pflichtgefühl heraus hatte man den kahlköpfigen Siedler aus Morzęcin Mały dennoch eingeladen. Er war betrunken erschienen und hing schlaff auf seinem Stuhl. Onkel Józek entwand ihm immer wieder die Wodkaflasche und schob ihn unmerklich auf seinem Stuhl in Richtung Tür.

Bereits zu Anfang hatte er mir seinen Stammplatz am Kopf der Tafel geräumt und gesagt: Setz dich da hin, Nelunia, das ist der Ehrenplatz. Ich hatte erwidert, dass ich das niemals akzeptieren könne, außerdem könnte man von dort so schlecht aufstehen.

Genau! Dieses Mal kommst du uns nicht so leicht davon, jaktwjamka!, hatte Onkel Józek triumphierend gesagt und auf eine bauchige Karaffe geklatscht. Er hatte die Angewohnheit, an alles, was er zu mir sagte, sein Wie-deine-Mutter anzuhängen, was er mit den Jahren so sehr verknappt hatte, dass es niemand mehr verstanden hätte – aber mittlerweile wusste sowieso jeder, dass er fand, seine Nichte sei die exakte Kopie seiner etwas sonderbaren Schwester. Maciek hatte gelacht und ihm zugerufen, dass er gnädig sein solle, bestimmt sei es nicht so einfach, wenn man einen deutschen Vater habe. Ich verdrehte die Augen. Dieses Themas würden sie niemals, bei keinem Besuch, überdrüssig werden: das arme Mädchen, das in Deutschland aufwachsen musste, und alles nur, weil seine Mutter das Weite und einen von denen gesucht hatte.

Trägt halt jeder sein Kreuz. Manche sind eben etwas schwachbrüstig und vertragen nicht so viel! Maciek strich sich über seinen Bart, zwinkerte mir komplizenhaft zu und füllte meinen Becher mit Weinbeerenschnaps. Gebrannt aus den Früchten der eigenen Rebe! Er wies auf das Fenster und die Ranken dahinter, und ihm zuliebe tat ich, als wüsste ich nicht, dass der Schnaps aus den sauersten Früchten ganz Polens hergestellt worden sei. Schlimmer als der Schnaps war nur der Wein, doch der war glücklicherweise noch nicht fertig. Ich hob mein Glas zu den feixenden Männern: Na zdrowie, wujkowie. Auf eure Gesundheit, Onkels.

Es wurde eine lange Nacht: Warten, bis die Schweinshaxen aufgegessen waren, die Mayonnaiseeier und die gebackenen Pilze; warten, bis man alle Lieder, die man kannte, und auch solche, die man nicht kannte, gesungen hatte; bis man allen Wodka und allen Selbstgebrannten ausgetrunken hatte. Dann stand der Tag am Horizont.

Ich hatte mich so lautlos wie möglich vom Diwan erhoben und war behutsam über Onkel Szymek gestiegen. Alle viere von sich gestreckt, schnarchte er auf dem Küchenboden. Von Zeit zu Zeit, wenn ihn ein besonders großer Schnarcher schüttelte, rieselte eine Erbse aus seinem Haarschopf, der den gleichen hellbraunen Ton hat wie mein eigener. Bis auf Oma Maria, die bis zu ihrem Tod pechschwarze Haare gehabt hatte, besitzen in meiner Familie alle dieselbe Haarfarbe.

Auf dem Höhepunkt der Feier hatte sich Onkel Szymek die Kartoffelsalatschüssel wie einen Helm auf den Kopf gesetzt – ohne zu sehen, dass sie noch nicht ganz leer war –, sich auf die geschwollene Brust geschlagen und in meine Richtung deklamiert: Sattel das Pferd, wir reiten zurück in die Ukraine, nach Galizien! Dann war ein großer Klecks Mayonnaise auf seine Nase getropft, und seine Frau Gosia hatte es mit einem Stück Bratkartoffel weggestippt. Wozu denn, hatte sie gelacht, du hast doch gehört, wie mühselig das ist.

Am Abend vor der Feier hatte ich alles Nötige zurechtgelegt: den Mantel, den ich überziehen, den Beutel, den ich darunter verbergen würde, und den Nelkenstrauß, von dem alle gedacht hatten, er sei für Tante Aldona. Ich musste nur noch lautlos durch den Flur und über die Veranda schleichen und die Eingangstür, die man vergessen hatte abzuschließen, leise hinter mir zufallen lassen. Auf dem Treppenabsatz blieb ich einen Moment stehen und sog begierig die frische Luft ein. An dem Morgen, als ich den Hof und Großvaters Grab verließ, um in die Vergangenheit zu fahren, roch sie nach aufgewühltem Humus.

 

Die Hunde vergessen zu bellen, als ich das Fahrrad gegen die Klostermauer des Dorfes Bagno lehne und den Sitz des Beutels zwischen Pullover und Mantel überprüfe. Das Fahrrad lasse ich an der mit gelben Flechten überzogenen Mauer stehen, auch wenn sich: Ich bin mit dem Fahrrad zum Himmel gefahren, noch so gut anhört. Jeder, der diesen Weg kennt, würde sofort begreifen, dass das nur eine Lüge sein kann, denn er ist voller spitzer Kieselsteine und steil. Seine Ränder sind nicht befestigt, man läuft Gefahr, abzustürzen und, nur unerheblich abgefedert von dem am Hang wuchernden Kamillengestrüpp, im Hof des Steinmetzen Garniecki an seinen schönsten Grabsteinen zu zerschellen, die er im Vorgarten aufgestellt hat.

Als Kind hatte ich Großvater gefragt: Djadjo, warum heißt die Straße zum Friedhof Weg zum Himmel? Und er hatte geantwortet, weiß ich nicht, Nelunia, aber es ist wahrscheinlich, dass entweder die Kirche oder der gottverdammte Hundesohn Garniecki ihn so genannt hat. Beide, hatte er gesagt, würden damit ihre Interessen verfolgen. Nur dass Garniecki leichter zu durchschauen sei und dass er, Großvater, lieber von wilden Tieren aufgefressen werden wolle, damit kein Leib übrig bliebe, über den dieser Stümper eine seiner Kreationen stellen könne.

Schade würde nur eines sein: Dass er, wenn er dann aufgefressen wäre, etwa von einem Wolf oder einem Bären, nicht auf dem Hügel über Bagno liegen könne. Denn dies, hatte Großvater gesagt, sei der einzig friedvolle Ort in ganz Schlesien.

Die Nebelwand bekommt langsam Risse, Licht dringt hindurch, und ich erkenne die Akazien, die zu den Seiten des Friedhofseingangs stehen. Im Frühling hingen ihre weißen Blüten in Trauben herunter und polsterten den Weg mit Myriaden von Blütenblättern. Die bepuderten Dolden fielen den Damen auf die schwarzen Hüte und den Herren auf die schwarzen Anzüge, verteilten sich über die kurz zuvor polierten Schuhe und wanderten langsam die Hosenbeine hinauf. Großvater lag im Sarg und kümmerte sich nicht darum.

Das gusseiserne Tor quietscht, als ich es öffne, und für eine Sekunde bin ich mir sicher: Spätestens jetzt sind alle wach, unten in Bagno, spätestens jetzt fahren alle aus ihren Betten, springen in ihre mit Kaninchenfell ausgekleideten Gummistiefel und werden auf direktem Wege zum Friedhof eilen. Und wen, anstelle des Leibhaftigen, werden sie vorfinden? Nele Leibert, leibhaftig zwar, aber nicht mit dem Teufel im Bunde, auch wenn mein Schicksal es nahegelegt hätte.

Ich lausche einen Moment, aber nichts tut sich unten im Dorf, kein Geschrei, kein Gepolter, als kämen Menschen mit Laternen und Knütteln, Knoblauch und Kreuzen den Hügel heraufgerannt. Eventuell bin ich der einzig überlebende Mensch nach einem kapitalen Unfall, der sämtliche Bewohner, Tiere wie Menschen, ausgelöscht und den Nebel heraufbeschworen hat, aber bevor ich mir meine Verzagtheit eingestehen kann, setzen sich meine Füße wieder in Bewegung.

Die Erde ist sandig und leicht. Bevor es den Friedhof gab, durchzuckt es mich, wuchsen hier oben sicherlich keine Akazien und kein Wacholder, der sich jetzt um die älteren Grabsteine windet. Sie sind kleiner als gewöhnliche Grabmale, so als wollten sie vortäuschen, Feldsteine zu sein, die eher zufällig die Form von Kreuzen angenommen haben. Die ersten polnischen Trauernden in Schlesien hatten sich nicht getraut, mehr Raum als unbedingt nötig mit ihren Grabmalen einzunehmen.

Es ist kein besonders alter Friedhof, die ältesten Steinkreuze, halb verwittert, wurden 1946 aufgestellt. Als hätte es hier vorher keine Menschen, keine Sterblichen gegeben. Jedenfalls keine polnischen. Großvater hatte dafür nur ein Schulterzucken übrig, ein Rotzhochziehen, einen unwirschen Schlag auf den Tisch: Man fährt keine tausend Kilometer, um sich dann zum Sterben hinzulegen. Kein Fisch sei der Mensch, kein Aal, der sich durch unzählige Flussläufe kämpft, einzig, um am Ziel prompt zu vergehen. Charakterlos und katholisch habe er das gefunden, nach Schlesien zu kommen, wo es noch nach den Deutschen stank, und ermattet zu entschlafen – ohne einen Finger zu rühren, um die Erde urbar zu machen, wie nach einer langen Zeit der Pestilenz, die das Land überzogen hatte. Nein. Er, Großvater, hatte gewusst: Seine Zeit war noch lange nicht gekommen. Bevor er seinen Atem aushauchte, würde er ihn in den toten, verbrannten Leib, der Schlesien war, geblasen haben.

 

Das Grab ragt noch immer ein bisschen höher auf als die anderen. Ich habe es erreicht und drapiere den Nelkenstrauß mit fahrigen Händen einen Schritt vor der wuchtigen Granitplatte, bevor ich ihn auf ihre Mitte lege. Auf dem Grab stehen Großvaters Name und seine Geburts- und Todesdaten: 1920 und 2007. Zweifelsfrei, es handelt sich um sein Grab, und auch die Tatsache, dass etwa zweieinhalb Meter oberhalb seines Kopfes ein Grabstein aus der Werkstatt Garnieckis prangt, widerlegt dies nicht. Großvater wurde weder von einem Wolf gefressen noch von einem Bären, der sich in die deutsch-polnischen Grenzwälder verirrt hatte. Großvater liegt hier, gerade einmal getrennt von mir durch einen, vielleicht zwei Kubikmeter Erde. In der Ferne tauchen aus dem sich verflüchtigenden Nebel die ausgedehnten Wälder auf, ich sehe Rauch von den Häusern aufsteigen, kann mit meinem Blick die Biegungen des Weges verfolgen. Ich kenne jedes Kreuz, jeden Anger. Ich spüre, wie mein Herz gegen den Beutel pocht, und kann ihn trotzdem nicht hervorholen. Nele, Nelunia, beruhige ich mich, und eigenartigerweise klingt die Stimme in meinem Kopf wie die meiner Mutter.

Mein Blick zielt erneut auf die Akazien am Eingang des Friedhofs, sucht nach Bewegung, einer heimlichen Beobachtung. Ich kann nichts erkennen. Viel ist geschehen, Großvater, seit diesem Frühling, Großvater. Innerhalb weniger Wochen hat man mich für verrückt erklärt, für heilig befunden, für sentimental, schwachsinnig, depressiv, neurotisch, am Ende hat man mich tot geglaubt oder zumindest sterbenskrank. Für etwas sonderbar hat man mich schon immer gehalten, aber seit ich von meiner Reise zurückgekehrt bin, Großvater, hält man mich für eine auratische Erscheinung. Obwohl man mich berühren, spüren kann, glaubt man mir meinen Körper nicht.

 

Der Frühling war plötzlich gekommen. An einem verregneten Montagabend im April hatte Tante Aldonas Stimme aus der Telefonmuschel gedröhnt: Djadjo ist tot, immer wieder, weil die Verbindung so schlecht war: Dja-djo ist to-ot!

Das ist nicht möglich, hatte ich gestottert, wie kannst du denn dann anrufen? Als ob zeitgleich mit seinem Tod Schlesien hätte zu atmen aufhören müssen. Schlesien war Großvater, Großvater war Schlesien, und Schlesien, mit Großvater, tot.

Nele, hörst du mich? Wir haben es in allen Dörfern von Skokowa bis Trzebnica bekannt gemacht. Kaum war er heute morgen tot, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung, fingen wir an, Zettel, Kartons, Plakate zu beschriften und auszuhängen, aber eigentlich war es gar nicht nötig, denn schon, als wir das erste unten im Dorf aufgehängt hatten, wussten es bereits auch die Leute in den Nachbardörfern und in den Dörfern rund um die Nachbardörfer.

Wann immer sie mit dem weißen Trabi in die Dörfer gefahren seien, angehalten hätten an der größten Kreuzung oder vor der höchsten Scheune, seien die Bauern von den Feldern gekommen, hätten ihre Mützen abgenommen, die Hände an den Hosen abgewischt und gesagt: Nehmt eure Schilder mit. Dass Janeczko tot ist, wissen wir, wir kommen auch ohne Einladung. Dann hatten sie ihre Mützen wieder aufgesetzt und waren zurück auf die Felder gegangen, zu ihren Traktoren, die sich wie vorzeitliche Ungetüme gegen den Horizont abzeichneten.

Sogar der Priester hatte gesagt, er würde eine besondere Predigt halten, und das, wo jeder weiß, dass Großvater sich nie hatte in der Kirche blicken lassen, dass er sie und den Priester regelmäßig verflucht hatte und sich nichts sehnlicher gewünscht hätte als ein stilles Begräbnis. Tut nichts zur Sache, soll der Priester beschlossen haben, es würden scharenweise Menschen kommen – das ist kein gewöhnliches Begräbnis eines alten Mannes, das ist ein Abschiednehmen von der alten Zeit. Und die alte Zeit wird nicht ohne göttlichen Beistand in die Erde und die Geschichte eingehen, und Schluss!

Ich möchte auch so ein Schild, murmelte ich ins Telefon, noch immer betäubt, und die Stimme antwortete: Gut, in zwei Tagen ist die Beerdigung, dann kannst du dir eines abhängen.

In zwei Tagen? Das geht nicht, ich … Plötzlich merkte ich, dass Tante Aldona aufgelegt hatte.

Im Winter war ich das letzte Mal in Schlesien gewesen, hatte mit Großvater am Küchentisch gesessen, schwarzen Tee mit ihm getrunken, und gemeinsam hatten wir auf die weißen Felder geschaut. Damals, bereits einige Monate nach dem Studium, hatte ich noch immer keine Stelle gefunden und zweifelte bereits an meiner Entscheidung, in Berlin geblieben zu sein. Julia und Hanna waren in Bayern, hatten sofort Anstellungen bekommen und schrieben mir E-Mails, in denen stand, ich hätte mich niemals so eng an Carsten bin-den sollen, und von Berlin solle ich mich auch endlich verabschieden. Carsten. Immer hatte er gesagt, er wolle meine Familie kennenlernen, und jedes Mal, kurz bevor es so weit war, sagte er, er könne jetzt keinen Urlaub nehmen, es gäbe zu viel in der Kanzlei zu tun. Davon hatte ich Hanna und Julia nicht geschrieben, ich schrieb ihnen erst wieder, als ich einige Wochen später eine Stelle in der Redaktion der D. bekommen hatte. Die Räume des Magazins waren kaum größer als ein paar ineinander verschachtelte Kinderzimmer, die anderen drei Redakteure überarbeitet und neurotisch, aber ich nahm es als Beweis, dass mein Leben endlich in die richtige Bahn gefunden hatte.

Großvater hatte von Anfang an die Idee missbilligt, Journalismus zu studieren und einen Deutschen zu heiraten, aber nach einigen Jahren hatte er sich damit abgefunden und nie wieder ein Wort darüber verloren. Auch im Winter hatte er nicht nach Carsten gefragt, und ich hatte nichts von ihm erzählt. Ab und zu hatte mich eine SMS aus Berlin erreicht, wie es mir denn gehe, in Schlesien, und wann ich zurückkäme, er fühle sich so einsam, abends. Ich hatte geantwortet, dass ich das noch nicht wüsste, Großvater benötige meine Hilfe. Was auch stimmte: Tag für Tag hatte ich mit Djadjo in der eiskalten Scheune gestanden und Bienenhäuschen ausgebessert.

Einmal, als ich nachts aufgewacht war, war ich hinunter in die Küche gegangen, um mir ein Glas Wasser zu holen. Djadjo war am Küchentisch eingeschlafen. Eine Maus lief vor ihm über die Platte, eine Brotkrume zwischen den Zähnen. Damals war ich lange genug bei ihm gewesen, um zu begreifen, wie alt Djadjo geworden war, ganz plötzlich, mit einem Schlag. Der eine Winter schien alle Kraft, die er noch hatte, aus ihm gesogen zu haben; fast täglich konnte man eine Veränderung in seinem Gesicht bemerken, die Nase schien anzuschwellen, während die Wangen einfielen. Nach einem Monat fuhr ich wieder zurück nach Berlin.

 

Den Rest des Tages, nach Tante Aldonas Anruf, räumte ich auf und ordnete Papierstapel. Carsten war wie üblich spätabends noch in der Kanzlei. Als ich den Karton mit den Rechnungen und alten Zeitungen zum vierten Mal von einer Ecke des Raumes zur anderen getragen hatte, setzte ich mich daneben in den Schneidersitz und putzte meine Nase. Plötzlich kam mir mein Leben, auf das ich vorher so stolz gewesen war, klein und albern vor. Die Dreizimmer-wohnung im Westen der Stadt war zu teuer, das Monatsticket für die Bahn eigentlich überflüssig, die Telefonrechnungen, die Zeitschrift, der überhitzt vor sich hin surrende Mac, der völlig überfüllte Schreibtisch: albern. Und dann der Mülleimer, den ich schon seit ein paar Tagen ausleeren wollte. Die zerknüllte Müslipackung auf seiner Haube.

Müsli. Im letzten Winter hatte ich eine Schachtel mit nach Schlesien genommen, und eines Morgens, als ich verschlafen die Bröckchen in die Schale mit Milch schüttelte, nahm Djadjo die Verpackung in seine Hände, studierte sie sorgfältig und stellte fest: Müsli. Entweder hat das der Teufel erfunden oder die Deutschen. Dann goss er sich einen Schwarztee auf und setzte sich zu mir. Ich hatte gesagt: Ale Djadjo, Müsli ist gut für die Verdauung!, und er hatte geantwortet, ich solle mir nichts weismachen lassen. Verdauung sei Aberglaube und erfunden worden von der Lebensmittelindustrie, um die einfachen Leute zu verwirren.

Am nächsten Tag in der Redaktion hatte ich so viele Telefonate mit freien Autoren geführt, dass ich erst am Abend mit Sibylle, der Chefredakteurin, sprechen konnte. Es war das erste Mal, dass ich sie um ein paar freie Tage bat, und das ausgerechnet zu der Zeit, in der die nächste Ausgabe angeschoben werden musste.

In Sibylles Büro stapelten sich die Manuskripte und Fotomappen, ganze Berge von alten Ausgaben der D. türmten sich neben der Tür. Es war bereits zweiundzwanzig Uhr. Als sie hörte, dass ich dringend nach Schlesien fahren müsse, mein Großvater sei gestorben, sagte sie, noch ein Auge auf dem Artikel, den sie gerade redigierte: Wie spannend, da bin ich auch mal durchgefahren, da sieht man mal, wie Deutschland vor hundert Jahren ausgesehen haben muss. Diese ganzen Bauernhöfe. Und die Natur. Wie archaisch. Spannend. Ob ich mit Carsten zusammen fahren würde?

Erst als ich verneinte und sagte, dass Carsten noch gar nichts von der Beerdigung wisse, blickte Sibylle von ihrem Artikel auf.

Das tut mir leid, sagte sie, und, dass ich mir selbstverständlich ein paar Tage freinehmen könne, es gebe eben diese Momente im Leben, wo … Plötzlich blinkte der Bildschirm, die Mail vom Grafiker war eingetroffen. Ich bedankte mich und ging.

 

Vom Berliner Ostbahnhof nahm ich einen Zug nach Wrocław. Als ich in der Bahnhofshalle, im Laufschritt, einen Bahnbeamten fragte, von welchem Gleis der Zug nach Wrocław abfahre, erwiderte er: Nach Breslau?, und ich antwortete ihm außer Atem: Meinetwegen auch dorthin.

An die Strecke bis nach Frankfurt an der Oder erinnere ich mich kaum; ich glaube nicht, dass ich mir die Mühe gemacht habe, den Schaffner zu suchen. Irgendwann müssen wir doch aufeinandergetroffen sein, denn später fand ich ein entwertetes, zerknicktes Ticket Berlin – Wrocław in meiner Tasche. Meine Erinnerung setzt in dem Moment ein, als wir die Oder überquerten, das Rattern des Zuges für einen Moment hohl klang und schließlich die endlosen schlesischen Fichtenwälder begannen. Genau in diesem Moment musste ich Julias Anruf verpasst haben. Später verkündete mir ihre Stimme aus der Mailbox, wie unglaublich es sei, dass Carsten mich alleine fahren lasse und dass ich seine Gleichgültigkeit auf keinen Fall länger ertragen solle.

Es stimmte: Nachdem ich Carsten am Abend zuvor endlich von der Beerdigung erzählt hatte, hatte er mir bloß den Arm um die Schultern gelegt und gesagt, dass ich es nicht so tragisch nehmen solle, immerhin sei Großvater ja schon alt gewesen. Ich war aufgestanden, für einen Moment auf die Toilette gegangen, und als ich wiederkam, hatte sich Carsten schon einen Cognac eingeschenkt und sich auf das kleine Biedermeiersofa gesetzt, das wir von seinen Eltern geschenkt bekommen hatten. Er hatte noch gefragt, ob ich übermorgen wieder da sei, und ich hatte gesagt: Wahrscheinlich schon. Es war klar gewesen, dass er nicht mitkommen würde.

Ich fuhr in einem Großabteil, das voll besetzt war, und irgendwann hinter Poznań bemerkte ich, dass die Klimaanlage nicht funktionierte: Je näher der Zug Wrocław kam, desto dicker und unerträglicher wurde die Luft. Mich hielt es nicht länger auf meinem Sitz, ich stand auf und ging hinaus auf den Korridor. Den Rest der Reise verbrachte ich stehend.

 

Großvater sagte, als man ihn zum ersten Mal nach Schlesien gebracht habe, sei er beinahe erstickt. Die Viehwaggons, in denen man ihn und die anderen Bauern vom östlichsten Ende Polens gen Westen verfrachtet hatte, seien über und über mit Brettern zugenagelt gewesen. Fenster habe es keine in den Wänden gegeben, auch keine Löcher, aus denen man hätte gucken oder gegen die man seinen Mund hätte pressen können, um zu atmen.

Dafür fehlten im Boden ein paar Planken, und so legte Janeczko sein Gesicht auf den Spalt, Kinn und Stirn gestützt von den Brettern rundherum. Gierig sog er die Luft ein; auch das nagende Gefühl des Hungers ließ so ein wenig nach, als würde das Knurren eingeschüchtert werden vom Rattern der Zugräder auf den Gleisen.

Die zwölf Galizier, mit denen Janeczko zusammen im Waggon lag, waren die polnischen Bauern des neuerdings ukrainischen Dorfes Zastavne, das, bevor sie vertrieben wurden, Żdżary Wielkie geheißen hatte. Janeczkos Nase hatte schon damals, als man ihn nach Schlesien brachte, die Größe einer stattlichen Kartoffel gehabt. Als er in Galizien mit den Männern in den Waggon gestiegen war – zum ersten Mal in ihrem Leben waren sie Zug gefahren –, hatten sie am Anfang noch gewitzelt, ihre Nervosität überspielend: Janeczko, streck deine Nase in die Höhe und sag uns, wohin die Reise geht.

Wir wussten nicht, wohin wir fahren, sagte Großvater, wohin sie uns bringen würden. Einer der jüngeren Männer im Waggon habe gemurmelt, dass es nun vorbei sei, jetzt bringe man sie dorthin, wohin sie auch die Juden gebracht hatten. Es gäbe gar kein Schlesien. Erfunden hätten sie es: ein Lager namens Schlesien. Janeczko war müde und zählte die Schwellen, die unter ihnen dahinjagten. Bald fielen ihm die Augen zu, die Tage vergingen.

 

Der Zug fuhr pünktlich in das gigantische Stahlgerüst des Wrocławer Bahnhofs ein. Ich stieg aus und ging zum Gleis, von dem mein Zug nach Oborniki abfahren sollte. Obwohl der Zug pünktlich auf dem Gleis stand, bewegte er sich zur Abfahrtszeit keinen Zentimeter. Ich hatte mich umsonst beeilt, hatte sogar darauf verzichtet, mir einen Imbiss auf dem Bahnsteig zu kaufen. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Schon hatte ich Tante Aldonas Stimme im Ohr: Broń Boże! Was ist das Kind wieder dünn geworden! Seid ihr in Deutschland alle so magersüchtig? So oder so stand bereits fest, dass ich gemästet werden würde wie eine schlesische Gans, daran führte kein Weg vorbei. Und wenn ich fett genug war, würde man mich nach Deutschland zurückschicken.

Noch eine halbe Stunde nach der planmäßigen Abfahrtszeit spazierte der blau uniformierte Schaffner auf dem Perron herum und pfiff eine schiefe Melodie. Ich saß am Fenster und beobachtete ihn, wie er, die Arme auf dem Rücken verschränkt, hin und her ging und dabei so tat, als ob er den aufgesprungenen Asphalt inspizieren würde.

Im Abteil neben mir saßen zwei Nonnen – die eine unentwegt einen Rosenkranz in der Hand bewegend, die andere sie dabei aus den rötlichen Augenwinkeln beobachtend – und drei Arbeiter, wahrscheinlich aus den Wrocławer Stahlwerken, den Schwielen an ihren Händen nach zu urteilen. Stumm blickten sie aus dem Fenster, die Verspätung ließ sie völlig kalt. Schließlich hielt ich es nicht mehr auf meinem Sitz aus, stand mit solch einem Ruck auf, dass man die Federn springen hörte, und machte mich daran, das verrostete Schiebefenster herunterzudrücken. Es klemmte natürlich. Ich riss und ruckelte am Griff, und in der Fensterscheibe sah ich, wie sich die leeren Blicke der Arbeiter auf meinen Rücken hefteten. Auch die Nonnen übersahen mich. Erst als ich mir einen Nagel an der Schiene abbrach und mir ein sehr deutsches Scheiße! entwich, da schnellten ihre Köpfe hoch. Ich tat so, als sei es mir nicht peinlich, und zerrte weiter am Fenstergriff. Just in dem Moment, in dem ich aufgeben wollte, krachte die Fensterschiene nach unten, und ich streckte endlich meinen hochroten Kopf nach draußen.

 

Großvater sagte, es habe vier Tage gedauert, bis die lange, behäbige Schlange der Viehwaggons Wrocław erreicht hatte. In Wrocław hielt der Zug an, und die, die wollten, konnten aus dem Waggon aussteigen, den Bahnsteig betreten und über die gläserne Kuppel staunen, die sich über die einfahrenden Züge spannte. Großvater sagte, ein paar der Männer seien beim Anblick des Bahnhofs in Ohnmacht gefallen, aber er sei sich nicht sicher, ob es daran gelegen habe, dass sie nie zuvor ein so großes Gebäude von innen gesehen hatten, oder nicht vielmehr daran, dass sie sich tagelang nicht bewegt hatten und jetzt die Köpfe nach oben reckten, um die hohe Decke zu betrachten. Janeczko selbst war auf seinem Platz über den Planken geblieben und beschränkte sich darauf, den Bahnhof von Wrocław liegend kennenzulernen. Nicht ganz freiwillig, aber sein Magen hatte ihn während der Fahrt so sehr mit dem Wunsch nach etwas Verdaubarem gemartert, dass er nun fürchtete, er habe sich einen Weg durch seine Bauchdecke gefressen und angefangen, das Holz der Planken zu zersetzen.

Durch das Loch im Fußboden sah er etwas, das sein Bild von Wrocław bis zu seinem Tod bestimmen würde: Die Schuhsohle eines deutschen Wehrmachtsstiefels, Größe 43, die Biss um Biss im Maul der feistesten Ratte verschwand, die Janeczko jemals gesehen hatte. In aller Seelenruhe hielt sie den Lederlappen in ihren rosigen Vorderpfoten und blickte Großvater dabei unentwegt ins Gesicht. Der beißende Geruch von Braunkohle und Rattenpisse zog ihm entgegen.

Merkwürdige Gedanken seien ihm damals durch den Kopf gegangen: Vielleicht sei dies hier schon die Endstation? Eventuell war die Welt der Deutschen, in der sie würden leben müssen, eine Welt aus Stahl und Beton, und so wäre es das Vernünftigste, ein Feuer mitten im Waggon zu entfachen, aus der Kohle und einigen Planken, die man aus dem Fußboden reißen könnte; in seinen Flammen konnte man die Ratte garen, die Teile des deutschen Soldatenstiefels in sich trug. Er wollte sich schon erheben und nach der Ratte greifen, als ihm die Erinnerung an seinen das Holz zersetzenden Magen kam und er liegen blieb. So hörte Janeczko von innen, wie ein Soldat die Männer vom Gleis in den Waggon zurücktrieb. Weiter geht es, weiter geht es, genug herumgestanden. Mit einem Blick auf den am Boden liegenden Janeczko fragte der Soldat: Ist der tot, oder was?

 

Ich wartete einen Moment, bis der Schaffner sich umdrehte, und rief ihm so akzentfrei wie möglich zu: Hören Sie, ich bin in Eile, mein Großvater ist gestorben!, woraufhin er aufhörte zu pfeifen und sagte: Ja, junge Frau, dann ist es ja schon zu spät. Kein Grund, sich zu beeilen. Dann verzog er seinen Mund, es blieb unklar, ob zu einem Grinsen oder einem bedauernden Ausdruck. Ich wollte etwas besonders Schlagfertiges erwidern, aber das einzig Passende, das mir einfiel, war das deutsche Stoffel, und die Beschimpfungen, die ich auf Polnisch kannte, hatten alle etwas mit Müttern, Hunden oder Geschlechtsteilen zu tun. Als es eigentlich schon zu spät dafür war, warf ich ihm ein Niech się pan wstydzi zu, ein Schämen Sie sich, und drehte mich kurz zu den anderen Passagieren um. Die Arbeiter grinsten. Anstelle des Schaffners schämte ich mich und ärgerte mich darüber. Auf meinem Hals hatten sich rote Flecken gebildet. Eine Haarsträhne hatte sich gelöst und hing mir ins Gesicht. Mit einer Handbewegung fegte ich sie zurück auf den Hinterkopf.

Wann fahren wir endlich los? In zwei Stunden muss ich auf der Beerdigung sein!

Woher soll ich das wissen?, fragte der Schaffner und schaute mir unschuldig ins Gesicht. Suchte er etwas? Wenn mich Leute einen Moment zu lange musterten, stellte ich mir vor, sie hätten etwas Fremdes an mir erkannt und würden versuchen, meine hohen Wangenknochen und das runde Kinn zu lesen. Endlich wandte der Schaffner seinen Blick wieder ab, vielleicht hatte er mich für hinreichend polnisch befunden.

Anweisung von oben. Er rückte sich die Mütze zurecht, als ob er sich in diesem Moment seiner Stellung bewusst würde: Die offizielle Abfahrtszeit verschiebt sich um eine Dreiviertelstunde. Da kann man nichts machen.

Ich ließ mich zurück auf meinen Sitz fallen. Die Verspätung bedeutete, ich würde keine Zeit mehr haben, auf den Hof zu gehen, mir Wasser ins Gesicht zu spritzen, in der Küche auf Großvaters Platz zu sitzen und wirklich zu begreifen, was das heißt: Er ist nicht mehr da. Die Tassen anzustarren, aus denen er eben noch getrunken hatte, die Pfanne zu betrachten, in der noch das letzte Fett stand. Keine Zeit. Ich erwartete nicht einmal, jemanden zu finden, der mich vom Bahnhof zum Friedhof brachte – der Gottesdienst begann wesentlich früher, die meisten Anwohner würden schon längst auf den wurmstichigen Kirchbänken sitzen.

Der Zug setzte sich endlich in Bewegung, seine Schaukelbewegungen lösten den Schmerz auf, der sich während des Wartens in meinen Schläfen gesammelt hatte. Carsten versuchte, mich zu erreichen, aber ich ignorierte das lautlose Blinken meines Handys.

 

Am Fenster krochen die grauen Vorstädte Wrocławs vorbei, und nach einigen Stationen – die Arbeiter waren mittlerweile ausgestiegen, nicht ohne die betenden Nonnen anzustoßen – nahm der Zug zwischen den Feldern endlich etwas an Fahrt auf. Nach und nach vermischte sich der Fichtenwald mit Birken und Eichen und verwandelte sich zusehends in die schweren niederschlesischen Laubwälder.

Als Kind hatte ich während der Zugfahrten mein Gesicht gegen die Scheibe geklebt, in der Hoffnung, Fasane, Füchse oder sogar einen Wolf zu sehen. Die Tatsache, dass ich nie einen Wolf gesehen hatte, ließ mich nicht daran zweifeln, dass es mir eines Tages gelingen würde, denn warum, wenn sich Wildschweine verirren konnten, sollte das nicht auch ein Wolf tun? Eines Tages hatte ich tatsächlich ein großes Tier gesehen, das zwischen den Buchen umherlief, aber der Zug fuhr zu schnell daran vorbei, als dass ich mir hätte sicher sein können. Als Großvater mich später fragte, ob ich mich denn wenigstens an die Farbe erinnern könne, gestand ich kleinlaut, dass es eher Pechschwarz gewesen sei denn Grau, vielleicht also doch eher ein riesenhafter Hund.

Großvater schüttelte entschieden den Kopf, Hunde seien niemals so leichtsinnig, in die Nähe der Gleise zu geraten, nein – was ich gesehen hätte, müsse etwas ganz anderes gewesen sein. Wie merkwürdig, dass ich es vom Zug aus gesehen hatte – sollte ich mich vielleicht geirrt haben? Auf meinen Einwand hin fiel Großvater in ein tiefes, lang anhaltendes Schweigen. Dann sagte er: Enkelin, es ist also wieder da.

Als ich ihn fragte: Was, Djadjo?, musterte er mich einen Moment lang und sagte wie zu sich selber, dass es sich vielleicht deshalb ausgerechnet mir gezeigt hätte, weil ich beide Teile vereinte, von drüben, von jenseits der Oder, und von hier.

Der Wald, durch den der Zug jetzt fuhr, zeigte kein einziges Tier. Ich starrte in das vorbeijagende Unterholz. Obwohl es Frühling war, ließ sich nicht einmal ein Reh blicken.

Mich fröstelte. Bald würden wir Oborniki erreicht haben, schon lichtete sich der Wald und gab den Blick frei auf sanfte Hügel, Felder und Wiesen mit Inseln von Birken.

Ich beugte mich nach vorn, um besser aus dem Fenster blicken zu können, und sah in der Ferne einige Häuser. Der Zug fing an zu bremsen, und die Nonnen standen auf und glätteten ihre Kleider. Die dickere von beiden blickte in die Fensterscheibe und rückte ihren Schleier zurecht. Bildete ich mir das nur ein, oder durchbohrte sie mich dabei mit ihren Spiegelbildblicken? Kurz betrachtete ich mich selber, die hochgesteckten, langen Haare, die hellen Augen, die ungeschminkt in ihrem Umfeld fast verschwanden. Auch die Längsfalte, die meine Stirn in zwei Lager teilte, spiegelte sich. Ein etwas weiches, aber alles in allem sympathisches Gesicht, zumindest bildete ich mir das ein. Immerhin reichte es aus, bei den meisten Leuten Beschützerinstinkte zu wecken.

Auf dem Boden des Abteils klebte ein Kaugummi, den ich mit meiner Schuhspitze wegkratzte. Für einen Moment stellte ich mir vor, wie es wäre, einfach sitzen zu bleiben und weiterzufahren. Dann hielt der Zug an.

 

Als sie nach vier Tagen angekommen waren, sagte Großvater, habe er sich, als er aufgestanden war von seinem Plankenlager, auf die Schultern von Mariusz Sędecki aufstützen müssen, so schwach habe er sich auf seinen Beinen gefühlt. Sędeckis rote Haare waren von Staub und Schmutz verklebt und wirkten grau; seinen aufrechten Gang hatte ihm die Fahrt nicht nehmen können. Seine Schulter war knochig, und Janeczko spürte die Reibung des Gelenks wie ein Kitzeln in seinen Handflächen.

Da, wo die Bauern aussteigen mussten, gab es keinen Bahnhof, sondern lediglich einen aufgeschütteten Haufen Kohle. Darin steckte ein Schild, auf dem in blauen Emaillelettern stand: Obernigk. Oborniki, schrien die russischen Soldaten im Zug und trieben die Polen aus den Waggons. Neben dem Kohlehaufen blieben die dreizehn Männer stehen und sahen sich blinzelnd um.

Rings um sie herum dampfte die Erde: In Schlesien war es bereits Frühling, und die aufgehende Sonne ließ das Wasser aus den überfluteten Wiesen aufsteigen. Im Westen war eine Hügelkette zu erkennen, die Katzenberge. In der anderen Richtung, gen Osten, erstreckte sich eine feuchte, ausgedehnte Mulde, an deren Ende Janeczko einen dichten Laubwald ausmachte. Wohin gehen?

Ratlos hätten sie herumgestanden, sagte Großvater, der kräftige Sędecki, der blasse Steinmetz Garniecki; Wiśniewski, der sein Auskommen mit dem Anbau von Pfirsichen verdient hatte, er selbst und die anderen Bauern. Nichts habe man gewusst, vor allem aber nicht, was das heiße: Sie sollten fortan auf den Höfen der Deutschen wohnen. Als Kind hatte Janeczko gedacht, dass sein Körper mit der Erde, auf der er lebte, untrennbar verbunden sei. Es hatte nicht lange gedauert, bis er feststellte, dass das zwar sein mochte, dass man aber trotzdem die Erde verlassen und weiterleben konnte; unter Schmerzen zwar, aber es ging.

In westlicher Richtung, in der das Städtchen Obernigk liegen musste, sah er die Giebel und die Dächer von Villen aus dem Wald gen Himmel ragen. Ein fremder Geruch von Beton und Verbranntem wehte herüber. Östlich konnte man hinter Wiesen und Waldinseln ein paar Dörfer und kleinere Weiler erkennen. Janeczko entschloss sich, gen Osten zu gehen, dorthin, wo es nichts gab, was fremd war. Hinaus auf die Felder.

Die Männer, die mit ihm den Waggon verlassen hatten, standen noch immer um den Kohlehaufen herum und berieten, wer wohin gehen würde und ob es überhaupt eine kluge Idee war, sich zu trennen. Sędecki war Wortführer und schlug vor, dass die Bauern von Żdżary Wielkie, das neuerdings kein polnisches, sondern ein ukrainisches Dorf namens Zastavne war, zusammenbleiben sollten und man sich ein hiesiges Dorf suchen müsse, das groß genug war, sie alle aufzunehmen. Also: Man würde sich auf den Weg machen und zwölf … oder dreizehn – Sędecki blickte unsicher zu Janeczko, der von einem Bein auf das andere trat – Höfe suchen, die so nah wie möglich beieinanderlagen. Da meldete sich Wiśniewski mit leiser Stimme und fragte, was man den Leuten bloß sagen sollte, wenn man sie träfe. Sędecki starrte ihn entgeistert an: Welchen Leuten?

Na, antwortete Wiśniewski: den deutschen Bauern. Spricht jemand Deutsch?

Janeczko streckte seine Nase in die Luft. Mit jeder Minute, die sie an den Gleisen standen und diskutierten, verloren sie eine Minute Tageslicht. Er griff zum Beutel, den er bei sich trug – Schnupftabak und ein wenig Brot befanden sich darin, und fühlte nach, ob auch das Gewehr noch da war. Mauser stand in winzigen Buchstaben auf seinem Lauf, das war das einzige deutsche Wort, das Janeczko kannte. Ich glaube nicht, dass wir jemanden finden, mit dem wir uns unterhalten werden, sagte er, und, ungeduldig, zu Sędecki: Sucht euch ein Dorf mit zwölf Höfen, ich werde schon allein zurechtkommen.

Dann trennte er sich von den anderen Galiziern und der knochigen Schulter und ging los. Erschrocken schauten sie ihm nach, als wenn er mir nichts, dir nichts aus einem Schützengraben aufgestanden und über Feindesland gewandelt wäre. Großvater sagte, er habe sich noch einmal nach ihnen umgedreht, in ihre ausgemergelten Gesichter geblickt und gesagt: Wir haben keine Zeit zu verlieren.

 

Auf dem Bahnhof von Oborniki empfing mich der vertraute Anblick der Backsteinbauten, von denen der Putz Jahr für Jahr mehr freigab; die roten Ziegelsteine darunter klafften wie Wunden im grauen Fleisch.

Vor den Kastanien, die den Bahnhof umgaben, stand ein Schild: Tu nam się podoba. Hier gefällt es uns, und darunter die Jahreszahlen 1405 – 2005. Es musste neu sein, ich kannte es noch nicht. Neben die Zahlen hatte jemand eine kleine, giftgrüne Tanne gemalt.

Meine Befürchtungen hatten sich erfüllt: Niemand ließ sich auf dem Parkplatz oder in den Alleen blicken, die den Bahnhof mit dem Zentrum Obornikis verbinden. Die Nonnen, die ebenfalls ausgestiegen waren, standen etwas unschlüssig vor dem Bahnhof und sahen abwechselnd zum Gebäude, in Richtung Stadt, zu mir und wieder zum Gebäude. Wahrscheinlich wollten sie zum Salvatorianerinnen-Konvent, das unweit der Kirche und des Friedhofes lag. Die Zeit wurde langsam knapp: Ich hatte kaum mehr eine Stunde, um zum Friedhof zu gelangen. Ich beschloss, mich nicht verantwortlich zu fühlen für die verlorenen Nonnen, und machte mich zu Fuß auf den Weg über die Landstraße, die die Dörfer um Oborniki miteinander verbindet.

 

Ich hatte die Villen und die Plattenbauten am Rande von Oborniki schon längst hinter mir gelassen – es waren noch immer gut zehn Kilometer bis zum Friedhof in Bagno –, da hörte ich das Schlittern von Autoreifen auf dem feuchten Asphalt. Ich drehte mich um und sah einen Pick-up etwa dreißig Meter hinter mir anhalten. Das Auto kam mir bekannt vor, und noch ohne zu wissen, warum, breitete sich ein Gefühl der Beklemmung in mir aus. Wem konnte es gehören? Hastig ging ich alle Bewohner Morzęcin Małys und Osolas durch, Dörfer, die Großvaters Hof am nächsten lagen. Ohne Erfolg.

Was für ein glücklicher Tag! Aus dem Pick-up stieg ein hagerer Mann, etwa Mitte dreißig, mit langer Nase und auffallend hoher Stirn.

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