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Katholisches Medienhandbuch

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Inhalt

 

Vorwort

Einleitung

 

I. Bezüge kirchlicher Kommunikation

1. Kommunikation im 21. Jahrhundert Andreas Büsch

2. Religion, Kommunikation und Medien Michael N. Ebertz

3. Öffentlichkeit und Kirche Matthias Wörther

4. Von der Religion in den Medien zur Medienreligion Klaus Müller

5. Zum Verhältnis zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Seelsorge Jürgen Holtkamp

6. Gratwanderungen David Hober

 

II. Medien, Themen, Dienste von A–Z

1. AV-Medienstellen Franz Haider

2. Bischöfliche Pressestellen Ulrich Lota

3. Büchereien Rolf Pitsch

4. Catholic Media Council – CAMECO Daniela Frank

5. Centrum Informationis Catholicum Johannes Schidelko

6. FILM-DIENST Horst Peter Koll

7. Fundraising Michael Krieg

8. Internetportale Matthias-Johannes Fischer

9. Internetradio Ingo Brüggenjürgen

10. Internetseelsorge Norbert Kebekus

11. Journalistenausbildung Elvira Steppacher

12. Journalistenverbände Hildegard Mathies

13. Jugendmedienschutz Peter Hasenberg

14. Katholisches Filmwerk Harald Hackenberg

15. Katholische Nachrichten-Agentur Ludwig Ring-Eifel

16. Kirchenmarketing Jürgen Holtkamp

17. Kirchenzeitung Johannes Schießl

18. Kirchliche Internetarbeit Gunda Ostermann

19. Lokalradios Martin Wißmann

20. Lokal- und Regionalfernsehen Bernadette Schrama

21. Medienberatung Wilfried Günther

22. Mediendidaktik Jürgen Holtkamp

23. Medienethik Rüdiger Funiok SJ

24. Medienforschung Georg Frericks

25. Medienkritik Dieter Anschlag

26. Medienpädagogik Karsten Henning

27. Medienpreise Ute Stenert

28. Medienrecht Gernot Lehr

29. Medienverbände Konrad Höß

30. Medienverlage Tilo Treede

31. Öffentlich-rechtlicher Hörfunk Joachim Opahle

32. Öffentlich-rechtliches Fernsehen David Hober

33. Pfarrbrief Johannes Simon

34. Privater Hörfunk Klaus Depta

35. Privates Fernsehen Dietmar Heeg

36. Produktionsgesellschaften Martin Choroba

37. Religiöse Bücher Gerhard Hartmann

38. Rundfunkpolitik Klaus Koziol

39. SIGNIS – Katholische Weltvereinigung für Kommunikation Joachim Opahle

40. Vatikanische Medien Matthias Kopp, Astrid Haas, Bernd Hagenkord SJ

41. Web 2.0 – Soziale Medien Michael Hertl

42. Web-TV – Internetfernsehen Ulrich Fischer

43. Zeitschriften Ute Stenert

 

III. Optionen kirchlicher Medienarbeit

1. Neue Medien nutzen – Plädoyer für kulturelles Matthias Sellmann

2. Neue Medien und soziale Netzwerke Jürgen Pelzer

3. Internetethik – Gutes und gerechtes Leben online Alexander Filipovic

4. Kirche in der Inszenierungsgesellschaft Jürgen Holtkamp

5. Kirchliche Presse Christian Klenk

6. Krisenkommunikation: Gestärkt hervorgehen Matthias Kopp

7. Katholisches Medienhaus in Bonn Matthias Meyer

8. Katholisch.de – „neu” Matthias-Johannes Fischer / David Hober

 

IV. Aus der Praxis: Ansätze, Versuche, Beispiele

1. Christ & Welt Christiane Florin

2. Frische Ideen für die eigene Arbeit „fischen“ Jens Albers

3. „Kirchen und Kino. Der Filmtipp“ Johannes Horstmann / Markus Leniger

4. Das Internetportal rpp-katholisch.de Ursula Neises

5. AUGENBLICKE – Kurzfilme im Kino Karsten Henning

6. Ich bin ein Webapostel Bruder Paulus Ofmcap

7. Wenn Kirche unter die Blogger geht Thomas Belke

8. Online-Magazin „sinnstiftermag“ Michael Jochim

9. Marketing für Pfarrgemeinden Jürgen Holtkamp

10. muk-publikationen – eine Schriftenreihe up to date Matthias Wörther

11. medientube – die Videoplattform des Erzbistums Köln Udo Wallraf

 

V Autoren

Vorwort 

 

Die katholische Medienarbeit ist ein Schatz der kirchlichen Kommunikation, der in seiner Vielgestaltigkeit den Erfordernissen und dem Wandel der Medienwelt täglich auf den unterschiedlichen Kanälen und Plattformen gerecht zu werden versucht. Hoch engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen für professionelle und vielfach innovative kirchliche Publizistik. Noch zu selten wird dies – auch innerhalb der Kirche – wahrgenommen und wertgeschätzt. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, der katholischen Medienarbeit in dem hier vorliegenden Handbuch einen Ort zu geben. Erkennbar wird ein vielschichtiges und beeindruckendes Koordinatensystem der katholischen Medienlandschaft.

 

Vieles ist in der katholischen Medienarbeit in den letzten Jahren in den Diözesen und auf überdiözesaner Ebene in Bewegung gekommen. Die rasanten Veränderungen in den Medien sind vielerorts erkannt worden. Bewährtes wird überprüft, Neues ausprobiert – auch darüber gibt dieses Handbuch Auskunft.

 

Man kann mit Recht behaupten, dass 50 Jahre nach Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils die damals initiierte Öffnung der Kirche zur Welt und zu den Menschen sich besonders gut in den unterschiedlichsten Ansätzen der katholischen Medienarbeit spiegelt.

 

Doch bei allem Erreichten muss uns nach wie vor die Sorge umtreiben, wie wir die Menschen ansprechen, die mit unseren christlich-kirchlichen Angeboten nicht mehr so gut vertraut sind. Wir müssen uns fragen, wie wir noch besser mit ihnen – insbesondere den jungen Zielgruppen – in Kontakt treten können. Wie reagieren wir auf Fragen, beispielsweise im Umgang mit den Sakramenten? Wie gehen wir mit den Sorgen und Nöten um, die uns aus der Ano­nymität der Onlinewelt erreichen? Wie attraktiv und menschendienlich muss unser Angebot sein? Ist es ein Angebot, das möglichst wenig Barrieren aufbaut und im besten Fall einen Anker wirft?

 

Vieles geschieht hier schon in erstaunlich experimentierfreudiger Art und Weise, aber dennoch nutzen wir noch längst nicht alle Möglichkeiten, die die Medien uns bieten. Als Kirche sollten wir die rasche Weiterentwicklung der Medien sehr aufmerksam verfolgen und sie daran beurteilen, inwieweit sie Instrumente der sozialen Kommunikation hervorbringen und ob sie einen wirklichen Zuwachs an Menschendienlichkeit bedeuten. Hier muss der Maßstab unseres eigenen kirchlichen medialen Handelns liegen. Von hier bestimmt sich auch die Aufgabenstellung der katholischen Medienarbeit: die immer eine bewegende, erklärende und im besten Sinne diakonische Aufgabe sein soll, indem sie so das Gespräch zwischen Kirche und Welt führt und die Zeichen der Zeit aufnimmt und ausdeutet. Dazu gehört aber auch der Mut zum eigenen, unverwechselbaren Profil. „Ohne ein Minimum an Bereitschaft, widerständig und anders zu sein gegen übliche Plausibilitäten, kann es schwerlich christlichen Glauben geben. Ein unverwechselbares Profil des Christseins führt auch immer zu den Fragen, die das Zeugnis des Wortes provozieren.“1

 

Mein Dank gilt den vielen Autoren, deren Beiträge einen Einblick in die unterschiedlichsten Felder der katholischen Medienarbeit bieten. Besonders danke ich den Herren Dr. David Hober und Dr. Jürgen Holtkamp, die die Idee zu diesem Handbuch umgesetzt und gestaltet haben. Schließlich habe ich dem Verlag Butzon & Bercker GmbH und der Mediendienstleistung GmbH (MDG), die dieses Projekt mit großem Engagement begleitet haben, zu danken.

 

Das Medienhandbuch ist unter www.mdg-online.de/medienhandbuch im Internet verfügbar, so dass Sie auch die Vorteile der digitalen Version nutzen können, wie etwa das Auffinden von Textstellen nach Schlagworten oder der Zugriff von unterwegs mit einem Tablet-PC oder Smartphone. Zugleich wird der zweite Teil dieses Handbuches „Medien, Themen, Dienste von A–Z“ bei Katholisch.de abrufbar sein.

 

Ich wünsche diesem Handbuch viele neugierige Leser und widme es den Medienschaffenden der katholischen Kirche, die täglich auf den unterschiedlichsten Kanälen öffentlich Auskunft geben über die Hoffnung, die uns erfüllt.

 

 

 

Rottenburg-Stuttgart, im Mai 2013

Bischof Dr. Gebhard Fürst

 

 

 

 

1 Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz (Hg.): „Zeit zur Aussaat“. Missionarisch Kirche sein (Die deutschen Bischöfe 68). Bonn 2000, S. 5.

Einleitung  

 

Zu den großen Schlagworten, die als Signaturen unserer Zeit unser Bewusstsein prägen, gehören ohne Zweifel Begriffe wie Individualisierung, Wertepluralität, Mobilität und Wechselverhalten. Die damit einhergehende und erwartete soziale Flexibilität stellt jeden Einzelnen, jede gesellschaftliche Institution, sei es die Kirche, seien es andere institutionelle Großorganisationen, vor enorme Her­ausforderungen. Ebenso wie das knappe Gut der Aufmerksamkeit in einer Mediengesellschaft immer wieder neu gewonnen werden muss, kann gesellschaftliche Anerkennung nicht ohne Weiteres mehr vorausgesetzt werden. Wo Bindungen zu volantiler Ware geworden sind, müssen diese immer wieder neu plausibilisiert werden.

 

Für die institutionelle Legitimität der Kirche in Gesellschaft und Medien bedeutet dies, Begründungszusammenhänge aus den gelebten Erfahrungen des Evangeliums buchstäblich „auf die Straße zu bringen“. Dabei hat der Verkündigungsauftrag der Kirche in den Medien zwei Stoßrichtungen: Nach „innen“ geht es darum, Menschen in ihrem Glauben zu stärken und vermeintliche Entfremdungen abzubauen. Nach „außen“ wird es in zunehmendem Maße darum gehen, diejenigen, die über die gemeindlichen Strukturen nicht mehr erreicht werden, neu und mit anderen Mitteln anzusprechen. Als besondere Herausforderung rücken hier Milieus in den Blick, die sich jenseits gemeindlicher Strukturen entwickeln und keinen „gewachsenen“ Zugang mehr zu Glaube und Kirche haben.

 

Angesichts einer zunehmenden Entfremdung zwischen der Gegenwart und den Offerten der Kirche dürfte die mediale Kommunikation der Kirche ein immer stärker zu professionalisierendes Instrument sein, das die personale Kommunikation zwar nicht ersetzen, aber auf vielfältige Weise vorspuren und anregen kann. Dass es sich hierbei um einen vielschichtigen, im besten Fall einfallsreichen und mitunter subtilen Prozess handeln muss, darauf hat Papst Benedikt XVI. hingewiesen: „Das Evangelium durch die neuen ­Medien mitzuteilen, bedeutet nicht nur, ausgesprochen religiöse Inhalte auf die Plattformen der verschiedenen Medien zu setzen, sondern auch im eigenen digitalen Profil und Kommunikationsstil konsequent Zeugnis abzulegen hinsichtlich Entscheidungen, Präferenzen und Urteilen, die zutiefst mit dem Evangelium übereinstimmen, auch wenn nicht explizit davon gesprochen wird.“ Mit Sicherheit liegt hier ein entscheidender Ansatzpunkt für ein modernitätstaugliches Medienengagement der Kirche, das in seiner Vielfalt und mit seinen unterschiedlichen Adressierungen den durch die sogenannte Digitalisierung vorbuchstabierten Paradigmenwechsel in den Medien mal mehr, mal weniger entschieden nachvollzieht. Dabei macht die kirchliche Medienarbeit den mitunter schwierigen Prozess des Loslassens von Altvertrautem ebenso durch wie das mutige Ausprobieren neuer zukunftsverheißender Wege.

 

Das vorliegende Katholische Medienhandbuch ist dem Versuch verpflichtet, die Vielfalt der katholischen Medienarbeit vorzustellen. Diese Vielfalt bringt sich in den über 50 Autorinnen und Autoren zu Gehör, in der Vielstimmigkeit ihrer Expertisen, Erfahrungen und Meinungen. Es sind die Autoren dieses Handbuches, die zugleich die katholische Medienarbeit an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Aufgaben gestalten und prägen.

 

Natürlich kann dieses Handbuch nicht den Anspruch unbedingter Vollständigkeit erheben. Viele Einzelinitiativen, sei es in Bistümern, Orden oder von engagierten Christinnen und Christen, konnten aus Platzgründen nicht aufgenommen werden und sind dennoch wichtiger Teil der katholischen Medienarbeit der Kirche in Deutschland.

 

Von vier Fragerichtungen hat sich dieses Handbuch in seinem langen Entstehungsprozess leiten lassen. In einem ersten Kapitel werden Antworten gesucht auf die Frage nach den Bezügen kirchlicher Kommunikation. Dabei gerät, in grundsätzlicher Absicht, das nach wie vor prekäre Verhältnis von Kirche und Medien in den Blick: Es sind trassierende Klärungsversuche nach dem Öffentlichkeits- und Kommunikationsverständnis der Kirche im 21. Jahrhundert, ihren Umgang mit den Spiegelbildern religiöser Symbolsysteme und religionsanalogen Sinnofferten, die in den Medien transportiert werden. Wo, so wird weiter gefragt, sind die Trennlinien zwischen berechtigter Öffentlichkeitsarbeit einer Großinstitution und ihrem dem Evangelium geschuldeten Seelsorgeauftrag, und schließlich, was könnte das Proprium religiöser Rede in einer durch und durch säkularisierten Mediengesellschaft sein?

Das zweite Kapitel, in praktischer Absicht gestaltet, stellt im Sinne einer Erstinformation für den Leser in relativ kurzen Porträts die wichtigsten Medien, Themen und Dienste von A–Z der katholischen Medienarbeit vor.

Das dritte Kapitel, Optionen kirchlicher Medienarbeit, kann auch als Klammer zum ersten Teil verstanden werden, indem hier einzelne Felder des medialen Engagements der Kirche beschrieben werden, deren Zukunftspotenzial für die kirchliche Medienarbeit noch zu erarbeiten bzw. auszubauen ansteht.

Und schließlich werden im vierten Kapitel ausgewählte zielgruppenadressierte Ansätze, Versuche und Beispiele aus der Praxis vorgestellt, die in ihrer Professionalität und Originalität nicht selten das Salz in der Suppe kirchlicher Medienarbeit ausmachen.

 

Zu wünschen bleibt diesem Handbuch, dass es Eingang in die Praxis der kirchlichen Medienarbeit findet und dass der Leser, wenn er es zur Hand nimmt, dies im Bewusstsein tut, dass die kirchliche Medienarbeit in ihrer unterschiedlichen Ausprägung und mit ihren unterschiedlichen Aufgaben immer auch zugleich Gratwanderung und Prüfstein bleibt für die Glaubwürdigkeit und das überraschende Angebot des Evangeliums.

 

David Hober
Jürgen Holtkamp

1. Kommunikation im 21. Jahrhundert

Andreas Büsch, Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Hochschule Mainz, Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz

 

Der Titel impliziert eine Reihe von Fragen, u. a.:

 

  • Wie entwickelt sich Kommunikation?
  • Welche Rahmenbedingungen werden prägend sein?
  • Und wie sind diese Entwicklungen zu bewerten?
  • Welche Folgen haben sie für die Menschen, ihre Kommunikation und die auf menschlicher Kommunikation basierenden sozialen Konstrukte und Systeme?
  • Sind die vielfältigen technischen Möglichkeiten mehr als eine Spielerei für Technikfreaks, die sich über den Schreibtisch hinweg per WhatsApp verabreden?

 

Zur Beantwortung dieser Fragen hilft ein Blick auf die Sozialgeschichte der Medien, d. h. auf die Entwicklung der Medien als soziale Kommunikationsmittel und deren jeweilige gesellschaftliche Auswirkungen. An dieser Entwicklungsgeschichte lassen sich zwei zentrale Themen ablesen: Die Überwindung der Flüchtigkeit von Kommunikation einerseits sowie deren immer weiter gehende räumliche und zeitliche Entgrenzung andererseits.

 

Ein Meta-Thema ist dabei das spätestens seit dem Aufkommen des Buchdrucks signifikant angestiegene Tempo der Entwicklungen: Von der Entwicklung der Schrift bis zum Druck mit beweglichen Lettern vergingen rund 4.000 Jahre. Seitdem prägen technologische Entwicklungen im Bereich der Medien in immer kürzerer Folge auch gesellschaftliche Entwicklungen.

 

Angesichts der immensen technischen Veränderungen gerade der letzten Jahrzehnte wäre es unseriös, daraus nun Prognosen für ein ganzes Jahrhundert treffen zu wollen. Jedoch lassen sich die sieben im Folgenden beschriebenen (Mega-)Trends der Entwicklung beobachten, aus denen sich auch Folgerungen für die Zukunft kirchlicher Kommunikation „im Zeitalter von Web 2.0“ ziehen lassen.

 

 

(Mega-)Trends der Kommunikation im 21. Jahrhundert

 

Digitalisierung

Der Mega- (bzw. Meta-)Trend der letzten 50 Jahre ist die Umwandlung visueller und akustischer analoger Zeichen in digitale Sig­nale. Die Digitalisierung impliziert dabei immer eine Umwandlung von stufenlosen in diskrete, d. h. schrittweise, zählbare Daten. Diese Umwandlung war wiederum Voraussetzung für die Miniaturisierung und Geschwindigkeitssteigerung in der Verarbeitung von Daten. Vor allem aber ist die Digitalisierung Voraussetzung für die Integration verschiedener Medienformate und die Konvergenz entsprechender Geräte: War ehedem ein Telefon ein Telefon und ein Notizbuch ein Notizbuch, so ist ein Smartphone heute, dank einer Vielzahl von kleinen Programmen, sogenannter „Apps“ (von engl. application, Anwendung), ein Telefon, ein Adressbuch, ein Notizbuch, eine Kamera, ein Internetzugang und vieles mehr – mithin eine nahezu universale digitale Kommunikationsmaschine.

 

Vernetzung

Der zweite Mega-Trend bezeichnet die seit der „Erfindung“ des Internets in den USA in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts2 immer weiter gehende Herstellung von Datenverbindungen zwischen Servern und Clients. Clients sind dabei mittlerweile nicht mehr bloß Computer, Tablets und Smartphones, sondern auch Fernseher, Kühlschränke und andere Haushaltsgeräte.

Das neue Leitmedium Internet erfüllt immer mehr Bedürfnisse der Menschen nach Kommunikation, Information und Unterhaltung. So ist es insbesondere für junge Menschen unverzichtbar in den kommunikativen Alltag integriert3.

 

Mobilität

Der Trend geht dabei zu einer immer umfassenderen drahtlosen Vernetzung. In Verbindung mit einer Miniaturisierung von Kommunikationsgeräten sind damit die Voraussetzungen für eine mobile und ubiquitäre Nutzung kommunikativer Techniken und Dienste gegeben. Dies führt aber auch zu einer Vermischung der Lebensbereiche; die frühere Trennung in „privat“ und „öffentlich“ ist zunehmend hinfällig. Gerade die mobile Nutzung von Kommunikationsgeräten hebt die frühere Trennung in „dienstlich“ und „privat“ auf – wie jeder beurteilen kann, der im ICE-Großraumwagen schon einmal unfreiwillig Telefonate mit anhören musste. Auf vielfältige ethische wie rechtliche Probleme in diesem Kontext kann hier nur verwiesen werden.

 

Interaktivität

Dieses ehemalige Unterscheidungskriterium zwischen sozialer und medialer Kommunikation ist spätestens seit der Entwicklung des sogenannten Web 2.0 hinfällig. Im klassischen „Einbahn“-Paradigma der Massenkommunikation stehen Medienproduzenten auf der einen Seite unumkehrbar Medienrezipienten auf der anderen Seite gegenüber. Die niedrigschwellige Nutzung von Blogs, Videoportalen, Kommentar- oder Sharing-Funktionen in sozialen Netzwerken steht hingegen jedem offen. Mit der Nutzung einer solchen Funktion bzw. eines entsprechenden Dienstes wird aus dem Rezipienten unmittelbar ein Produzent, der gestaltend auf den Kommunikationsprozess einwirkt.

 

Damit verschwimmen die Grenzen zwischen Individual- und Massenkommunikation, zumal auch scheinbar individuelle Kommunikation wie in Facebook letztlich ein Massenphänomen ist4. Es entstehen also neue Kommunikations-Öffentlichkeiten, die im Anschluss an Schmidt5 als „persönliche Öffentlichkeiten“ zu bezeichnen sind. Deren Merkmale im Vergleich zu den „professionellen Öffentlichkeiten“ der Massenkommunikation sind Themenwahl nach subjektiver Relevanz statt nach objektiven Kriterien wie Nachrichtenwert, Ausrichtung der Kommunikation am jeweiligen persönlichen Netzwerk statt an einem Massenpublikum und eben eine grundsätzlich dialogische, mithin also interaktive Kommunikation statt eines einseitigen Publizierens6.

 

Funktionsmischung

Dementsprechend sind die Beteiligten an digitaler interaktiver Kommunikation auch nicht mehr trennscharf zu unterscheiden in Produzenten hier und Rezipienten dort. Vielmehr kann jederzeit ein Rollenwechsel erfolgen; der neue Nutzer ist beides gleichzeitig: ein Prosument. Dies impliziert erhebliche Herausforderungen für beide Seiten, insofern professionelle und semiprofessionelle (journalistische) Formen von Kommunikation formal gleichwertig neben privater Kommunikation bestehen.

Die Formate der Kommunikation ändern sich dabei ebenfalls: „Das vorherrschende Modell für die Art der Informationsdarbietung in vernetzten Öffentlichkeiten ist nicht mehr die ‚Sendung‘ oder die ‚Ausgabe‘, sondern der ‚stream‘ oder der ‚feed‘.“7

 

Globalisierung

Begrenzte Öffentlichkeiten kann es zwangsläufig in einem weltumspannenden Netz nicht mehr geben. Informationen im Internet sind – einmal publiziert – sofort weltweit verfügbar. Die vielen Fotohandys und Digicams sorgen dabei für die Illusion einer globalen Augenzeugenschaft: Wir können theoretisch jederzeit überall „dabei sein“.

 

Die Anbieter der dazu benötigten Dienste und Services sind weit mehr als bloße mediale Vermittlungsinstanzen. Sie werden zu Garanten einer weltweiten digitalen Kommunikations-Infrastruktur mit teilweise monopolistischer Marktmacht. Sie beeinflussen massiv den Zugang zu und den Umfang des Zugriffs auf Informationen und darauf basierender Kommunikation. Dass eine Reihe von Diensten für die Nutzer (zunächst) kostenfrei angeboten wird, darf nicht über die Profit-Orientierung der dahinter stehenden Anbieter hinwegtäuschen.

 

Un-vergessliches Medium Internet

Seit dem Aufkommen der Schrift wurde schrittweise immer stärker die ursprüngliche Flüchtigkeit direkter (verbaler) Kommunikation zurückgedrängt, und zwar über die Jahrhunderte für immer mehr Mediengattungen, die von Buch über Foto und Film bis zur dreidimensionalen virtuellen Simulation immer stärker und aktueller die Realität abzubilden bzw. zu spiegeln vermochten. Damit einher ging aber auch eine immer geringere Haltbarkeit der Speichermedien. Während wir die 40.000 Jahre alten Höhlenmalereien von Lascaux oder Nerja heute noch bewundern können, sind die Inhalte von Büchern aus dem letzten Jahrhundert u. U. aufgrund des verwendeten säurehaltigen Papiers nur noch bedingt zugänglich. Dieses Problem wird mit digitalen Speichermedien noch verschärft, die eine weitaus geringere Haltbarkeit als analoge Medien aufweisen. Der Inhalt einer selbstgebrannten CD von vor 15 Jahren ist möglicherweise schon nicht mehr lesbar und für eine Diskette aus der gleichen Zeit gibt es heute üblicherweise keine Laufwerke mehr, mit der diese gelesen werden könnte.

 

Mit der digitalen Speicherung in weltweit verfügbaren Netzen, kombiniert mit umfassenden Suchzugriffen auf deren Inhalte, entsteht jedoch ein Informationsnetz „ohne Vergessen“. Nichts „versendet sich“ mehr wie weiland im Rundfunk; theoretisch bleiben immer mehr Daten unabsehbar lange verfügbar. Damit ergibt sich zum einen das Problem des Informations-Overflow, der technische und rechtliche Herausforderungen mit sich bringt. Auf diese kann mit Stichworten wie Wissensmanagement, Informationsökonomie, Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung hier nur verwiesen werden. Zum anderen gibt es prinzipbedingt kein „gnädiges Vergessen“ mehr, was wiederum ethische und rechtliche Fragen aufwirft.8

 

 

Herausforderungen für Kirche als Kommunikationspartner

 

Die gerade aufgezeigten Trends lassen sich auch als Herausforderungen lesen – und zwar nicht nur für mediengestützte, sondern auch für die direkte Kommunikation, insofern Erstere immer prä

Diese Forderung nach kommunikativer Kompetenz lässt sich auch an die Kirche selbst adressieren: Unter welchen Bedingungen kann Kirche angesichts der oben skizzierten Entwicklungen kommunikations­fähig bleiben bzw. werden? 

 

gend für Kommunikationsgewohnheiten ist, die auf Letztere „durchschlagen“. Dies zeigt sich in Wortneuschöpfungen wie googeln, skypen etc., die gleichzeitig die monopolistische Macht von Anbietern kennzeichnen. Dies zeigt sich aber auch ganz pragmatisch in der allgegenwärtigen Rede von der Notwendigkeit von Medienkompetenz, die eine Teilmenge der kommunikativen Kompetenz ist9 – jener Fähigkeit, die wir für eine Beteiligung am sozialen Leben brauchen.

 

Diese Forderung nach kommunikativer Kompetenz lässt sich auch an die Kirche selbst adressieren: Unter welchen Bedingungen kann Kirche angesichts der oben skizzierten Entwicklungen kommunikationsfähig bleiben bzw. werden?

 

Diese Frage ist alles andere als akzidentell, da die Kirche sich zuallererst einem Kommunikationsakt verdankt – letztlich der göttlichen Selbst-Mitteilung, die Ausfluss der innertrinitarischen communio und communicatio ist: „Gott erschließt sich kommunikativ, d. h. er teilt sich dem Menschen in einer Beziehung mit, die auf der Wechselseitigkeit von Wort und Antwort gründet, Partnerschaft ermöglicht und eine neue kommunikative Kultur begründet.“10 Insofern die Kirche ihrerseits communio ist, „ergibt sich für die praktische Theologie die Aufgabe, einerseits die Kommunikationsdefizite aufzudecken, die das Leben der Kirche behindern, und andererseits die kommunikative Kompetenz aller Beteiligten zu steigern“11.

 

Insofern ließe sich folgern, dass Kirche als Institution durch den Übergang vom Gutenberg- zum Internetzeitalter und damit von der prinzipiell einseitigen zur prinzipiell dialogischen Kommunikation eine historische Chance hat, hinsichtlich ihres kommunikativen Vollzugs wirklich zu sich zu kommen und einen herrschaftsfreien Dialog zu führen. Damit könnte sie tatsächlich Wegbereiter „für eine Kultur des Respekts, des Dialogs und der Freundschaft“12 werden.

 

Allerdings stehen einer linearen Umsetzung dieser Forderung diverse Dilemmata entgegen, deren Bewältigung seit einiger Zeit für entsprechende Diskussionen sorgt und die aller Voraussicht nach auch für die nächsten Jahre prägend bleiben werden:

1. Eine nach wie vor – angesichts der Sozialgeschichte der Medien richtiger: immer wieder – verbreitete kulturpessimistische Haltung sieht in digitaler Kommunikation in bester bewahrpädagogischer Tradition vor allem Bedrohung, Gefährdungspotenzial und einen „Verfall der Sitten“. Die möglicherweise dahinter stehende Angst vor Modernisierung ist insofern nachvollziehbar, als dass die zunehmende Komplexität auch von Kommunikationsmöglichkeiten und -kanälen von vielen Menschen als Bedrohung und Verlust von Beheimatung erlebt wird.

 

Dies ist als Ausdruck einer existierenden Wissenskluft zunächst einmal zu akzeptieren. Andernfalls wäre der Weg von einer Defizit­orientierung zu einer Stigmatisierung derer vorgezeichnet, die eben nicht „aufgeschlossen“ oder „kompetent“ genug sind, alle modernen Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen oder deren Nutzung hinsichtlich möglicher Bildungs-, Informations- oder Unterhaltungsergebnisse defizitär ist.

 

2. Ein gleicher bzw. gleichberechtigter Zugang aller zu allen Medien wäre daher eine naheliegende Forderung – die Realität sieht aber nachweislich anders aus. Exemplarisch wurde dies in den letzten Jahren immer wieder am Thema „Internetzugang“ diskutiert: Zwar sind mittlerweile insgesamt rund 70 % aller Deutschen ab 14 Jahren „online“, aber das bedeutet zwangsläufig auch, dass knapp ein Drittel der Bevölkerung zu den sogenannten „Offlinern“ gehört. Und die Entwicklung der letzten Jahre deutet darauf hin, dass diese Situation sich auf hohem Niveau stabilisiert13.

Insofern ließe sich folgern, dass Kirche als Institution durch den Übergang vom Gutenberg- zum Internet­zeitalter und damit von der prinzipiell einseitigen zur prinzipiell dialogischen Kommunikation eine historische Chance hat, hinsichtlich ihres kommunikativen Vollzugs wirklich zu sich zu kommen und einen herrschaftsfreien Dialog zu führen. Damit könnte sie tatsächlich Wegbereiter „für eine Kultur des Respekts, des Dialogs und der Freundschaft“ werden. 

 

Dies widerspricht natürlich dem bildungs- wie wirtschaftspolitisch motivierten Ideal einer komplett an die „Datenautobahn“ angeschlossenen Gesellschaft und deutet eher auf eine tiefgreifende Spaltung der Gesellschaft hin, die entsprechend als Digitale Spaltung („digital divide“) oder auch „digitaler Graben“14 seit Jahren die Debatten beherrscht. Dieser Graben trennt diejenigen, die einen (Breitband-)Internetanschluss haben oder dessen Anschaffung in naher Zukunft planen, von denen, die aus unterschiedlichen Gründen „Offliner“ sind und auch nicht vorhaben, dies zu ändern.

 

Insofern ist eine erste Forderung, die Zugangsbarrieren abzubauen und möglichst allen Menschen Zugang zu neuen und neuesten digitalen Medien und deren Verbreitungsformen zu ermöglichen: „Man muss sich jedoch darum bemühen, sicherzustellen, dass die digitale Welt, in der diese Netze eingerichtet werden können, eine wirklich für alle zugängliche Welt ist. Es wäre ein schwerer Schaden für die Zukunft der Menschheit, wenn die neuen Instrumente der Kommunikation, die es möglich machen, Wissen und Informationen schneller und wirksamer zu teilen, nicht für jene zugänglich gemacht würden, die schon ökonomisch und sozial am Rande stehen, oder nur dazu beitrügen, die Kluft zu vergrößern, die die Armen von den neuen Netzen trennt, die sich im Dienst der Information und der menschlichen Sozialisierung gerade entwickeln.“15

 

3. Die Verhinderung oder Behebung von Exklusion ist aber sicherlich nicht auf das bloß quantitative Problem des Vorhandenseins bzw. der Nutzung von Kommunikationsmöglichkeiten beschränkt. Die praktische, da empirisch leicht handhabbare, im Übrigen aber schlichte Dichotomie „Onliner/Offliner“ (oder „user/loser“) verstellt vielmehr den Blick auf die Ursachen differenzierter gesellschaftlicher Lagen.

 

Gehrke weist zu Recht darauf hin, dass in den Debatten um die (Nicht-)Nutzung des Internets drei Paradigmen zu unterscheiden sind, deren Gewichtung erheblichen Einfluss auf die möglichen politischen und sozial-strukturellen Folgerungen hat.16 Die naheliegende Forderung des Abbaus von Zugangsbarrieren folgt dem Partizipationsparadigma: Wenn nur erst alle Zugang zum Internet haben, werden sich soziale Ungleichheiten nivellieren. Daher gibt es (bildungs-)politisch wie ökonomisch ein hohes Interesse daran, allen Bürgern eines Landes Zugang zur und damit Partizipation an der Informationsgesellschaft zu ermöglichen.

 

Ganz ähnlich argumentieren Vertreter des Innovationsparadigmas: Der fehlende Zugang vieler Bürger zum Internet behindert Innovationen, wirtschaftliches Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Konsequenterweise müssen dagegen staatliche Förderprogramme entwickelt werden, um die Akzeptanz zu erhöhen und wirtschaftlich relevante Kompetenzen der Nutzung zu fördern.

 

Von diesen beiden unterscheidet sich das Evolutionsparadigma insofern deutlich, als dass daraus eben keine zwingenden Handlungen gefolgert werden, sondern vielmehr im Vertrauen auf den Markt das Bestehen von Unterschieden in der Medien- und Techniknutzung als zwangsläufige und nicht notwendigerweise kritische Tatsache hinzunehmen ist. Denn wer keinen Internetzugang hat, braucht offen­sichtlich auch keinen und kann seine Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse mit klassischen Medien stillen.17

 

Allerdings räumt Gehrke auch ein, dass die Idee einer „vierten Kulturtechnik“ beim Evolutionsparadigma keine Rolle spielt18 – womit dieses Paradigma eher neoliberal wirkt und keinesfalls der Aufdeckung und Behebung sozialer Exklusion dient.

 

Wenn es aber vor allem ältere Menschen sind, Frauen, Nicht-Berufstätige und Menschen mit formal geringeren Bildungsabschlüssen und Menschen aus bestimmten Regionen, die sich nicht am Internet – und damit erst recht nicht am Web 2.0 – beteiligen19, dann handelt es sich offensichtlich um eine entlang der genannten Merkmale beschreibbare soziale Spaltung, die der digitalen Spaltung vorausliegt und von dieser noch verstärkt wird.

Zentrale Voraussetzung für die Erlangung von Kommunikationsfähigkeit in einer überwiegend mediatisierten Gesellschaft ist für alle Bevölkerungsgruppen die Vermittlung von Medienkompetenz. Es herrscht ein breiter Konsens, dass dies eine zentrale Herausforderung für alle gesellschaftlichen Gruppen ist, die mit dem Thema Bildung befasst sind – mithin auch für Kirche. 

 

4. Nicht nur Kinder und Jugendliche – traditionell die Fokusgruppe von Bildungsbemühungen und damit verbundenen Innovationen – oder Erwachsene, die in Aus- und Fortbildung mit neuen Kommunikationstechniken und -medien konfrontiert sind, sondern auch alte Menschen erleben durch digitale Medien mehr Spiel- und Gestaltungsräume für Kommunikation und damit Partizipation. Dies belegen die seit Jahren stabil hohen Zuwachsquoten im Bereich der sogenannten „Silver Surfer“, also Angehörigen der Altersgruppe der über 60-Jährigen20.

 

5. Zentrale Voraussetzung für die Erlangung von Kommunikationsfähigkeit in einer überwiegend mediatisierten Gesellschaft ist für alle Bevölkerungsgruppen die Vermittlung von Medienkompetenz. Es herrscht ein breiter Konsens, dass dies eine zentrale Herausforderung für alle gesellschaftlichen Gruppen ist, die mit dem Thema Bildung befasst sind – mithin auch für Kirche.

 

Dies ist auch erkannt und in dem medienethischen Impulspapier „Virtualität und Inszenierung. Unterwegs in der digitalen Medien­gesellschaft“21 der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofs­­­konferenz entsprechend formuliert worden: „Für eine ­gelingende Teilhabe und verantwortete Handlungsfähigkeit im medialen Raum, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, muss vielmehr an dessen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Lebenswelten Maß genommen werden.

 

Kommunikative Kompetenz ist einerseits Voraussetzung für Handeln in der Mediengesellschaft. Andererseits muss die Kompetenzvermittlung Ziel der Gesellschaft sein. Auf der Ebene der Darstellung (Performanz) geht es letztlich um die kompetente Beteiligung an sozialer Kommunikation, gerade mit und durch Medien. Das alltägliche Medienhandeln der Menschen stellt aus dieser Perspektive ein ebenso wichtiges Lernfeld für den Umgang mit Medien dar wie die gezielte und geplante Auseinandersetzung damit. Gewöhnlich wird Medienkompetenz (der bisweilen sehr unterschiedlich verstandene Begriff der Medienkompetenz umfasst ein ganzes Bündel von Kompetenzen …) als entscheidende Voraussetzung für die verstehende und aktive Teilhabe an der öffentlichen Kommunikation benannt.“22

 

Nimmt man den zitierten Ansatz an der Lebenswelt der Menschen sowie an deren subjektiven Bedürfnissen ernst, so wird z. B. angesichts der unterschiedlichen Milieus und der zwischen diesen bestehenden Abgrenzungen unmittelbar deutlich, dass dies keine triviale Aufgabe ist und dass es zwangsläufig sehr unterschiedliche Akzentsetzungen bei einer Definition von Medienkompetenz und deren pädagogischer Operationalisierung geben muss.23 Eine zeitgemäße Medien- und Kommunikationspädagogik wird daher die gesamte Bandbreite ästhetischer und technischer, analoger und digitaler Kommunikationsmedien in den Blick nehmen müssen und zu einer umfassenden Medienkompetenz-Vermittlung beitragen, die milieusensibel vorgeht und auf die Ermöglichung von Inklusion und Partizipation an kommunikativen Prozessen zielt.

Es ist letztlich das Grunddilemma des „in der Welt, aber nicht von der Welt“-Seins (Johannes 17,9–17): Die kirchlichen Grundvollzüge kommunizieren das Heil, das Gott uns verheißen hat und das in Jesus Christus schon unter uns Wirklichkeit wird. Aber eben diese Verkündigung geschieht in Kontexten und Strukturen, die klar kommerzieller Natur sind und als Systeme völlig andere Leitcodices haben.  

 

6. Dabei stellt sich für Kirche ein weiteres Problem, das als Dilemma zwischen dem systemeigenen „ethischen Code“ und der im System der Kommunikationsmedien vorherrschenden Codes der Ökonomie bzw. Konsumorientierung beschrieben werden kann.

 

Es ist letztlich das Grunddilemma des „in der Welt, aber nicht von der Welt“-Seins (Johannes 17,9–17): Die kirchlichen Grundvollzüge kommunizieren das Heil, das Gott uns verheißen hat und das in Jesus Christus schon unter uns Wirklichkeit wird. Aber eben diese Verkündigung geschieht in Kontexten und Strukturen, die klar kommerzieller Natur sind und als Systeme völlig andere Leitcodices haben.

Dieses Dilemma wird sich dauerhaft nicht lösen lassen, da eine (bestenfalls hypothetisch mögliche) Abkehr von modernen Kommunikationsmedien gleichbedeutend mit einem Verschwinden aus der gesellschaftlichen Realität wäre24. Das umgekehrte Extrem einer rein kirchlichen Kommunikationsstruktur – also einer Aufstellung mit Kommunikationsmedien rein in kirchlicher Trägerschaft – ist angesichts des Bedeutungsverlustes von Kirche in modernen Gesellschaften ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Die Probleme, die das kirchliche Presse- und Verlagswesen in den letzten Jahren nahezu flächendeckend aufweist, sind ein deutlicher Indikator dafür. Für den Bereich der digitalen Medien verbieten sich solche Insellösungen schon von vornherein.

 

Hinsichtlich der eigenen publizistischen Tätigkeit wird Kirche daher im 21. Jahrhundert mehr denn je nach Zielgruppen und Milieus differenzierte Strategien erproben müssen, um dem ureigensten Auftrag des kommunikativen Handelns weiterhin gerecht werden zu können.

 

Auf das gesamte gesellschaftliche Handlungsfeld Kommunikation und Medien hin wird der schwierige Mittelweg darin bestehen, immer wieder kritische Zeitzeugenschaft auszuüben. Die jeweiligen Zeichen der Zeit müssen erkannt und aus der Eigengesetzlichkeit der Kommunikationsmedien heraus theologisch und ethisch gedeutet werden, um diese Deutungen in Diskurse mit Soziologie, Kom­munikations­wissen­schaft und Pädagogik einzubringen. Die Ergebnisse solcher kritischen Diskurse sind dann wiederum jeweils auch auf das eigene kommunikative Handeln von Kirche zu befragen, um auch im 21. Jahrhundert mittels digitaler Kommunikationsmedien immer mehr das Bild der lebendigen communio zu verwirklichen.

 

Damit kann und soll der Wert der Begegnung in der direkten personalen Kommunikation nicht geschmälert werden. Sie wird in der Kirche und für die Kirche auch im 21. Jahrhundert eine hohe Bedeutung haben. Aber wenn Kirche an der Lebenswelt der Menschen orientiert kommunizieren will, wird diese direkte Kommunikation vielfältig durch digitale Medien ergänzt werden – zur Anbahnung, Durchführung und Aufrechterhaltung von Kommunikation. Wenn dabei nicht a priori Menschen aufgrund individueller und sozialer Merkmale ausgeschlossen werden sollen, muss die Frage der Zugangs- und Beteiligungsmöglichkeiten an veränderten Kommunikationsformen, die unter dem Stichwort „digital divide“ diskutiert wird25, jeweils nochmals neu gestellt und beantwortet werden.

Literatur / Links

Baacke, Dieter: Kommunikation und Kompetenz. München 1973.

Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen 2004.

Möller, Simon (2012): Vergesst das Recht auf Vergessenwerden.

Online unter: www.sinnstiftermag.de/ausgabe_11/titelstory.htm

 

www.dbk.de/fileadmin/redaktion/microsites/Mediensonntag/2009-botschaft_zum_43_welttag_der_soz_kommunikationsmittel.pdf; Original unter: www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/messages/communications/documents/hf_ben-xvi_mes_20090124_43rd-world-communications-day_ge.html 

 

 

 

 

2 Zakon, Robert H.: Hobbes Internet Timeline, 10.2.2012.

3 Vgl. Van Eimeren, Birgit / Frees, Beate: Drei von vier Deutschen im Netz – ein Ende des digitalen Grabens in Sicht? Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011. In: Media Perspektiven (7–8/2011), S. 334–349.

4 Vgl. Ridder, Christa-Maria / Engel, Bernhard: Massenkommunikation 2010. Mediennutzung im Intermediavergleich. In: Media Perspektiven (11/2010), S. 523–536.

5 Schmidt, Jan-Hinrik: Zum Strukturwandel von Kommunikation im Web 2.0. In: Sinnstiftermag (11/2011).

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Auf die umstrittene Forderung nach einem „Recht auf Vergessen“, das Anfang 2012 von der EU-Grundrechtekommissarin Viviane Reding gefordert wurde (vgl. ec.europa.eu/justice/data-protection/document/review2012/com_2012_11_de.pdf), kann hier ebenfalls nur verwiesen werden. Vgl. die differenzierende Kritik dazu von Simon Möller (2012): Vergesst das Recht auf Vergessenwerden. URL: www.telemedicus.info/article/2138-Vergesst-das-Recht-auf-Vergessenwerden.html.

9 Vgl. Baacke, Dieter: Kommunikation und Kompetenz. München 1973

10 Werbick, Jürgen: Art. „Kommunikation. II. Fundamentaltheologisch“. In: LThK³, S. 214f.

11 Zerfass, Rolf: Art. „Kommunikation. IV. Praktisch-theologisch“. In: LThK³, S. 216f.

12 Benedikt XVI.: Neue Technologien – neue Verbindungen. Für eine Kultur des Respekts, des Dialogs, der Freundschaft. Botschaft des Papstes zum 43. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel am 13.09.2009.

13 Vgl. van Eimeren / Frees: (Anm. 2).

14 Initiative D21: (N)Onliner Atlas 2011. Eine Topographie des digitalen Grabens durch Deutschland.

15 Benedikt XVI.: (Anm. 11).

16 Gehrke, Gernot: Digitale Teilung – Paradigmen und Herausforderungen. In: Gapski, Harald (Hg.): Jenseits der digitalen Spaltung. Gründe und Motive zur Nichtnutzung von Computer und Internet. München 2009, S. 74–80.

17 Vgl. Gerhards, Maria / Mende, Annette: Offliner. Ab 60-jährige Frauen bilden die Kerngruppe. In: Media Perspektiven (7/2009), S. 368f. Der von Gehrke (Anm. 15), S. 78, in diesem Zusammenhang zitierte Vergleich mit dem „Mercedes-Problem“ – ich hätte gerne einen, kann mir aber keinen leisten – ist insofern irreführend, als dass es nicht um ein Luxusproblem, sondern um grundlegende Partizipationsmöglichkeiten geht. Um im Bild zu bleiben: Sich keinen Mercedes leisten zu können, ist zweifelsfrei kein Grund für entsprechende Förderprogramme. Aber sich in einer immer stärker auf individuelle Mobilität ausgerichteten Gesellschaft überhaupt kein Auto leisten zu können, ist u. U. ein massives soziales Problem, insofern davon neben Freizeitmöglichkeiten auch Zugänge zum Bildungs- und Arbeitsmarkt abhängen können. Gleiches gilt mitt­ler­weile wohl auch für einen hinreichend leistungsfähigen Internetzugang.

18 Vgl. Gehrke: (Anm. 15), S. 80.

19 Initiative D21: (Anm. 13); vgl. Gerhards / Mende: (Anm. 16), S. 366.

20 Vgl. van Eimeren / Frees: (Anm. 2), S. 335.

21 Die Deutschen Bischöfe. Publizistische Kommission; 35: Virtualität und Inszenierung. Unterwegs in der digitalen Mediengesellschaft. Ein medienethisches Impulspapier, Bonn 2011.

22 Ebd., S.59f.

23 Vgl. dazu die breit aufgestellten Forderungen als Ergebnisse der Arbeitsgruppen im Rahmen des Medienpädagogischen Kongresses 2011 „Keine Bildung ohne Medien“, online unter: www.keine-bildung-ohne-medien.de/kongress-dokumentation/medienpaedagogischer-kongress-2011_ergebnisse-der-arbeitsgruppen.pdf. 

24 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen 2004.

25 Vgl. u. a. Büsch, Andreas: Medienerziehung 2.0. Neue Antworten auf neue Heraus­for­derun­gen?

In: Amos­International (3/2010), S. 24–27.

2. Religion, Kommunikation und Medien

 

Michael N. Ebertz, Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg und Privat­dozent an der Universität Konstanz

 

Kommunikation und Medialität gehören zur Religion, das ist „ihr Normalfall“26. Allerdings geht es bei der Thematisierung von medialer „Kommunikation“ im Zusammenhang mit Religion nicht um Banales, denn zum einen steht fest: „Nur als Kommunikation hat Religion ... eine gesellschaftliche Existenz. Was in den Köpfen der zahllosen Einzelmenschen stattfindet, könnte niemals zur Religion zusammenfinden – es sei denn durch Kommunikation.“27 Dies gilt für die aktuelle Präsenz von Religion ebenso wie im Blick auf ihren jeweiligen Ursprung, ihre Tradierung und den in ihr gepflegten Dia­log zwischen dem Göttlichen und Menschlichen, in monotheistischen Religionen also Gebet, Verehrung und Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes. Darin gibt Gott aus der Sicht der Gläubigen den Menschen etwas zu verstehen, wie umgekehrt ihm – etwa im Lob-, Dank- oder Klagegebet – etwas zu verstehen gegeben wird. Und auch die missionarische Sendung, die zum Selbstverständnis vieler Religionen gehört, ist ohne Kommunikation nicht realisierbar.

 

Zum anderen hat religiöse Kommunikation ein „besonderes Verhältnis zur Wahrnehmung“28, geht es doch um Mitteilungen, Verstehen und Glauben von Unglaublichem („Gott ist Mensch geworden“) und von Sachverhalten, welche die Wahrnehmung übersteigen – „kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört“. Gott ist empirisch nicht verfügbar und bedarf des – kommunikativen – „Amen“ – nicht nur in der Kirche.

 

Noch ein weiterer Aspekt zeigt die hohe Bedeutung des Zusammenhangs von Kommunikation und Religion. Wie ein Blick auf die Geschichte des Christentums zeigt, ist trotz oder sogar wegen dieses speziellen Verhältnisses der religiösen Kommunikation zur Wahrnehmung die Wahl des Kommunikationsmediums nicht gleichgültig, sondern hochgradig normativ besetzt und somit ein Konfliktthema.

 

  • Welche Kommunikationsmittel (Tanz, Bild, Ritus, Schrift, Predigt) sind für die Gottesverehrung zugelassen und welche nicht?
  • Mit welchen Kommunikationsmitteln ist die Treue zum Ursprung (Ritus oder Schrift oder Lebensnachahmung) zu sichern?
  • Mit welchen Kommunikationsmitteln ist die religiöse Verbundenheit untereinander, also zwischen den „Gläubigen“, zu gewährleisten?
  • Mit welchen Kommunikationsmitteln sind die religiösen Heilswahrheiten auszulegen, die Heilsmittel zu spenden und zu verkündigen?

 

In diesem Zusammenhang muss die Reformation in ihrer Eigenschaft als Kampf um das rechte Medium der Glaubenskommunikation29 als Medienrevolution gesehen werden, die schließlich – über die Druckerpresse – auch zu einer wachsenden Marktorientierung und Demokratisierung bzw. Popularisierung der Religion beigetragen hat30. Damit wird auch Gott bzw. werden bestimmte Gottesbilder wählbar und abwählbar 31. Kaum weniger bedeutend ist deshalb die Frage, wer über die jeweiligen Kommunikationsmittel verfügen darf („Schriftgelehrte“) und wie die Bedingungen der religiösen Kommunikation beschaffen sind.

 

 

Kommunikationsbedingungen und -medien in der Geschichte des Christentums

 

Kann einer Religion jede Kommunikationsbedingung recht sein? Die Kommunikationsbedingungen und Kommunikationsmittel waren zu frühchristlichen Zeiten völlig andere als im Christentum der voll durchmedialisierten Gegenwartsgesellschaft. Seine Frühgeschichte war primär durch orale Kommunikation unter Anwesenden bestimmt. Predigend, bezeugend, bekennend und diskutierend kommunizierte Jesus, „der Aussteiger, der seinen Beruf aufgab und sich von der Verwandtschaft trennte“, in direkter Interaktion auch seine prophetisch-charismatische Kritik am Tempel und seinem Kultbetrieb, die „ihm am Ende das Leben gekostet hat“32.

 

Danach wurde der „Wortverkündiger“33 selbst – vermittelt auch über eine mündlich und schriftlich tradierte Sammlung seiner Sprüche, die Logienquelle – zum „gepredigten Jesus“, also zum Kommunikationsobjekt in der frühchristlichen Bewegung. Nicht zuletzt zur kommunikativen Bestätigung der von ihr verkündigten „Unerhörtheiten“ (der Botschaft vom Mensch gewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Gott), sondern auch zur Vernetzung der neu gegründeten, räumlich voneinander unabhängigen christlichen Gemeinden, bediente sie sich – unter Rückgriff auf die jüdische Praxis der sogenannten Synagogenbriefe, welche das jüdische Zen­trum in Jerusalem mit den Diasporagemeinden kommunikativ überspannten – der Form des Briefes, der „als ein nachgehendes, bewegliches, die persönliche Anrede suchendes und so auch verbindliches Medium“ erscheint34. Zusammen mit den Evangelien wurden 22 Briefe (einschließlich der Johannesapokalypse) nicht nur „zum Grundstock für die Schriftensammlung des Neuen Testaments“, sondern auch „prägend für die theologische Kommuni­kation“35 des Christentums als „Buchreligion“. Briefe und Evangelien wurden aber auch Bestandteile ritueller Kommunikation36, die allen Gläubigen ein Schema auferlegte, mit dem Ergebnis, dass Elemente des Ritus wie des Bildes die religiöse Kommunikation vervielfältigten und somit die mündliche und schriftliche Kommunikation ergänzten, diese schließlich aber auch überlagern und verdrängen konnten. Die Reformation schließlich kann als eine „Phase der Neuordnung und Hierarchisierung der religiösen Medienkonstellation“37 betrachtet werden, die das Mediendreieck aus „Sprache“, „Bild“ und „Ritus“ zusammen mit dem Buchdruck zugunsten der Sprache, also der Bibel, des Katechismus und der diesen vorangestellten Predigt, umschichtete.

 

Infolgedessen wurde der Status anderer Kommunikationsmodi – auch das allein „innere Wort“ – abgewertet. Nicht die rituelle Kommunikation verbinde Himmel und Erde, Gegenwart und religiöses Ursprungsgeschehen, den einen mit dem anderen Gläubigen, sondern die Predigt, welche die „Verbalpräsenz Gottes“38 garantiert. Nicht aus dem Lesen der Bibel komme der Glaube, sondern aus dem Hören der Predigt, hatten doch auch Jesus wie seine Jünger keinen Schreibauftrag.

Die voll durchmedialisierte Gegenwartsgesellschaft, in der fast alle Menschen „publizistisch“ erfasst werden und sich eine Vermehrung und Vervielfältigung der Kommunikationsmedien in historisch unvergleichlichem Ausmaß abzeichnet, ermöglicht den christlichen Konfessionen wie den anderen Religionen nicht nur Vis-à-vis-Kommunikation in Form von Ritus und Predigt, sondern stellt als diese überschreitende Verbreitungsmedien Schrift und Bild, Buchdruck, Massen- und elektronische Medien gleichzeitig zur Verfügung.  

 

Nur diese „Rückkehr zum oral-verbalen Originalmodus der ‚Glaubenskommunikation‘, wie ihn die Evangelien für die schriftlosen Anfänge der Christenheit so sicher (und schriftlich) bezeugen“39, sichere aus protestantischer Perspektive kommunikativ die Ursprungstreue und damit auch den rechten Verkehr mit Gott und der Gläubigen untereinander. Die Schriftform der Bibel, notwendig zwar, um das Evangelium zu bewahren und vor Fehldeutungen zu schützen, gilt als „toter Buchstabe“, der den Geist tötet und insofern als „ein defizitärer Modus der Kommunikation, ... die immer erst der Überführung in zumindest irgendeines Menschen Gegenwart bedarf, um zum ‚kommunikativen Leben’ zu erwachen“40.

 

 

Kommunikationsbedingungen gegenwärtiger Religion

 

Wir leben in einer Zeit, in der sich – ähnlich wie zu Zeiten der Reformation – die Kommunikationsbedingungen im Allgemeinen und die Kommunikationsbedingungen der Religion im Besonderen nachhaltig verändert haben.

 

Die voll durchmedialisierte Gegenwartsgesellschaft, in der fast alle Menschen „publizistisch“ erfasst werden und sich eine Vermehrung und Vervielfältigung der Kommunikationsmedien in historisch unvergleichlichem Ausmaß abzeichnet, ermöglicht den christlichen Konfessionen wie den anderen Religionen nicht nur Vis-à-vis-Kommunikation in Form von Ritus und Predigt, sondern stellt als diese überschreitende Verbreitungsmedien Schrift und Bild, Buchdruck, Massen- und elektronische Medien gleichzeitig zur Verfügung.

 

Im Unterschied zur gestischen, mimischen oder mündlichen Kommunikation entkoppelt bereits die schriftliche Kommunikation „die Einheit der kommunikativen Grundoperation von Information, Mitteilung und Verstehen raum-zeitlich in dem Sinne, dass das Verstehen interaktionsfrei erfolgt und in Bezug auf den Zeitpunkt, den Ort und den Adressaten unterbestimmt bleibt“41.

 

Dies gilt auch für bestimmte Formen der Kommunikation hinsichtlich der Massenmedien und der elektronischen Medien, etwa für das Anschauen der Tagesschau oder das Lesen einer Webseite. Zugleich „geht die Information in Führung“42, auf die der Rezipient nicht – etwa durch Mitteilung des Verstandenhabens oder von Einspruch – reagieren muss (und im Falle der Massenmedien auch häufig nicht kann). Er kann sogar die Rezeption beenden, ablehnen, ignorieren, d. h. Kommunikation durch schriftliche, massenmediale und elektronische Verbreitungsmedien wird wähl- und abwählbar. Dies gilt erst recht für die religiöse Kommunikation. Auch deshalb ist die Mitteilung seitens des „Senders“ mit dem Risiko behaftet, ohne Verstehen, ja ohne Aufmerksamkeit und Empfänger zu bleiben.

Unter den Logiken der Verbreitungsmedien kann es auch zu Ausweidungen des bildlichen, rituellen und textlichen Fundus der Religion kommen, wie die Werbung vor Augen stellt, wenn sie mit religiösen Begriffen durch ironische, alltägliche Präsentation, mit religiösen Begriffen in kultischer Präsentation oder gar mit Profanem in kultischer Präsentation und schließlich mit Sinnsprüchen, die Lebenswahrheiten als Produktphilosophie ausdrücken, operiert.  

 

Allerdings können, in der sozialen Dimension gesehen, mit einer schriftlichen Kommunikation mehr Personen als unter Bedingungen der Anwesenheit erreicht werden, was bereits die Schrift, potenziert dann durch die Massen- und elektronischen Medien, „zum evolutionär ersten Verbreitungsmedium in dem Sinne werden lässt, dass nunmehr bei mehreren die gleiche Information ... unterstellt werden kann“43. Zugleich ist dieses Mehr durch eine wachsende Anonymität erkauft. In der zeitlichen Dimension erhöht schriftliche Kommunikation die Erinnerungschancen und erzeugt „dadurch, dass durch sie in der jeweiligen Gegenwart durch das Überdauern vergangener Texte verschiedene Gegenwarten mit entsprechenden Vergangenheiten und Zukünften kombiniert werden können“, die Illusion der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen44. Sachlich entstehen durch schriftliche Kommunikation Texte, die „ein objektiveres Verhältnis zum Thema“ entstehen lassen, aber auch seine abstraktere Fassung ermöglichen und „höhere Konsistenzzwänge“ auslösen45.

 

Dies gilt allerdings für die sogenannten Massen- oder Verbreitungsmedien gerade nicht. Speziell die Massenmedien sind auf eine eigensinnige Selektion von Information und Mitteilungsstil ausgerichtet, die Neues, Quantitatives und Konflikthaftes oder Unterhaltsames präferiert, wodurch „Kontinuität, Qualität und Solidarität unterbelichtet“ bleiben46. Selbst wenn es gewisse Analogien zwischen bestimmten Formen der Massenkommunikation und religiöser Imagination und Kommunikation geben mag, die dann in der Behauptung einer sogenannten Medienreligion gipfeln, „sollte doch beachtet werden, dass die medial erzeugte Transzendenz eine höchst spezifische Verfassung hat“ und sich von dem religiösen Anspruch, nämlich eine außerweltliche Perspektive anzubieten, unterscheidet47.

 

Unter den Logiken der Verbreitungsmedien kann es auch zu Ausweidungen des bildlichen, rituellen und textlichen Fundus der ...

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