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Kane's Crossing - 5-teilige Serie

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PROLOG

„Liebst du mich, Nick?“ Meg Thornton warf ihm einen schmachtenden Blick zu und schmiegte sich an seine Brust.

Der vierzehn Jahre alte Nick Cassidy schluckte. Meg und er hatten sich vor Chad Spencer in einer Felsspalte versteckt, die sie auch vor der heißen Sonne Kentuckys schützte. In der Nähe erklangen laute Rufe.

Die von Chad. Dem Sonnyboy.

Beide atmeten schwer. Nick fühlte Megs schnellen Herzschlag an seinem Arm. Ihr Haar duftete nach Erdbeeren. Hastig sah er zur Seite. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, hier dicht an Meg gedrängt zu hocken.

Jetzt waren auch die Stimmen der anderen zu hören, und Meg schaute ihn mit ihren großen grünen Augen an. Augen wie Glasmurmeln, klar und kühl. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wollte sie nicht verletzen, das einzige Kind in Kane’s Crossing, das ihn nicht wie den letzten Dreck behandelte. Die Erwachsenen, von seiner neuen Pflegefamilie und Megs Tante einmal abgesehen, waren kaum besser.

Meg seufzte, setzte sich aufrecht hin und klopfte sich umständlich ihren hübschen bunten Rock ab, um Nick nicht ansehen zu müssen.

Er riss einen Grashalm aus und steckte ihn sich zwischen die Zähne. „Werde jetzt nicht rührselig, okay?“

Wie sehr hatte er sich gewünscht, dass sie nicht sauer sein würde. Aber der tieftraurige Ausdruck in ihren Augen bewies, dass er etwas Falsches gesagt hatte.

„Schon gut.“ Aus dem Augenwinkel sah er, wie Meg ihren erröteten Kopf senkte.

Seit einem Jahr lebte er in Kane’s Crossing, und er wusste, dass sie jeden Sommer ihre Tante besuchte. Im Ort wurde gelästert, dass sie mit ihren flatternden weiten Röcken und der wirren Lockenpracht einer Zigeunerin glich. Manche der Kinder verspotteten sie sogar als Hexe. Aber das war ihr egal. Sie und ihre Tante Valentine, die in dem unheimlichen Haus auf dem Hügel wohnten, lachten nur darüber.

„Hoffentlich findet Chad uns nicht. Ich hasse es, wie er redet“, flüsterte Meg.

Nick presste die Faust gegen seine abgetragene Jeans. „Keine Bange, Meggie“, beruhigte er sie.

Über ihnen trampelten Schritte, während ein hämisches Lachen ertönte. Nick blickte hoch und sah einen Schatten auf dem Felsen.

„Bringt er dir Französisch bei, Meg?“, höhnte Chad, und die anderen fingen an zu grölen. „Oder kriegt der Bastard den Mund nicht auf?“

Meg setzte an, um Chad eine schlagfertige Antwort zu geben, aber Nick brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. „Hau ab!“, knurrte er, wobei er Chad drohend anschaute.

„Hey, er kann ja sprechen.“ Chad bewegte sich. Sein goldblondes Haar blitzte im Sonnenlicht. Herausfordernd starrte er Nick mit seinen blauen Augen unter den modisch gegelten Haaren an, und den hochgestellten Kragen seines Markenpolohemds fand Chad wohl besonders hip. „Wie wär’s mit einer Mutprobe? Oder hast du Schiss?“

Nick erhob sich, streckte die Hand aus und half Meg hoch. Er hatte beschlossen, den Schleimbeutel mit Schweigen zu strafen.

Auch Chad stand auf. „Wenn du genug Mumm hast, komm heute Abend um neun zu Chaney’s Drugstore. Dann werden wir ja sehen, wie dir mein linker Haken gefällt.“

Er drehte sich um, warf aber Meg noch ein selbstgefälliges Grinsen über die Schulter zu.

Als die Clique verschwunden war, berührte Meg Nick am Arm und sah ihn besorgt an. „Geh nicht hin. Komm zu mir, wir schauen uns ein paar Videos an.“

Nick war dankbar, dass sie ihm einen Ausweg bot. Nicht viele Mädchen in ihrem Alter verstanden, dass ein Junge sein Gesicht wahren musste.

Aber tief in seinem Herzen wusste er genau, wo er heute Abend sein sollte. Sich mit Chad Spencer messen. Beweisen, dass er nicht nur das bemitleidenswerte Pflegekind war, das in Kane’s Crossing nichts zu suchen hatte.

1. KAPITEL

Oktober, sechzehn Jahre später

Meg Thornton musterte den düster blickenden Mann, der die Bäckerei betreten hatte. Er war groß, athletisch gebaut, trug eine Lederjacke und Cowboystiefel.

„Guten Tag“, sagte sie und wünschte, die Familie, die sich bei Kaffee, Kuchen und Limonade hier versammelt hatte, wäre nicht vor ein paar Momenten gegangen.

Der Fremde musterte sie durch seine Sonnenbrille. Sein Blick irritierte sie. War ihr grauer Pullover im letzten Monat zu eng geworden? Schaute der Mann auf ihre größer gewordenen Brüste? Würde er Meg ebenso verurteilen wie die übrigen Bewohner von Kane’s Crossing, wenn er wüsste, dass sie ein süßes kleines Geheimnis in ihrem Bauch verbarg?

Als sie keine Antwort bekam, fragte sie: „Kann ich etwas für Sie tun?“

Ihr Blick fiel auf das Loch im Knie der abgetragenen Jeans. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Wollte er sie ausrauben? Das Geld in der Kasse reichte nicht einmal für eine neue Hose, aber sie hatte die Miete für die Bäckerei zu bezahlen. Und in einigen Monaten bekam sie ihr Baby.

Trotzig hob Meg das Kinn. Sie war entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen.

„Was wollen Sie, Mister?“, fragte sie selbstbewusst.

Er trat so nahe auf sie zu, dass Meg die Kerbe am stoppeligen Kinn sehen konnte. Seltsam, irgendetwas an dem Mann kam ihr bekannt vor. Langsam nahm er die Sonnenbrille ab. Unwillkürlich hielt Meg die Luft an.

Eisblaue Augen. Tiefgründig und undurchdringlich.

Er stand einfach da, als warte er auf eine Reaktion von ihr. Welche denn? Mochte sein, dass andere Frauen seufzend vor ihm zusammensanken, wenn er nur seine Sonnenbrille abnahm. Sie gehörte garantiert nicht dazu.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie betont akzentuiert.

Ein knappes Lächeln, dann blickte er auf seine Hände. Starke Hände.

Von einem der Resopaltische in der Ecke streckte der alte Deacon Chaney seinen Kopf neugierig vor. Großartig. So konnte sie wenigstens ihrem letzten Kunden etwas Unterhaltung bieten.

„Ich fasse es nicht“, röhrte er. „Sind wir hier im Wilden Westen?“

Meg ging das John-Wayne-Gehabe des Fremden auf die Nerven. „Was ist los mit Ihnen? Soll ich den Sheriff rufen?“

Als würde Sheriff Carson ihr zu Hilfe kommen, der sie genauso wie der Rest dieser hochmoralischen Gemeinde verachtete.

Der Mann musterte sie, bevor er ihr in die Augen blickte. Sie wurde rot. Ihr Instinkt riet ihr, sich in den hinteren Raum zu flüchten. Aber sie hatte sich noch nie versteckt. Nicht vor den Bewohnern der Stadt und gewiss nicht vor diesem Mann.

„Sie haben wohl nicht verstanden, dass ich gleich den Sheriff hole“, versuchte sie ihr Glück noch einmal, während sie sich im Stillen wünschte, er würde verschwinden.

Plötzlich brach der Mann in Lachen aus. „Dieser Sheriff ist keinen Penny wert.“ Er wollte seine Sonnenbrille wieder aufsetzen, überlegte es sich offenbar anders und schob sie in seine Hemdtasche. Dann ließ er sich auf einen der Barhocker nieder, beugte sich über den Tresen und strich sich mit Daumen und Zeigefinger über den Stoppelbart. Er lachte nochmals und schüttelte den Kopf.

Meg kannte ihn, da war sie sich jetzt sicher, doch sie konnte sein Gesicht noch nicht einordnen.

Als sie seinen Blick auffing, glaubte sie so etwas wie Schmerz in diesen unglaublich blauen Augen zu entdecken. Sie hatte ihn völlig falsch eingeschätzt. Offensichtlich war der Mann seelisch zerrüttet. Als wortlose Entschuldigung stellte sie eine Tasse Kaffee vor ihn hin. Ein Friedensangebot.

Er hob die Tasse und nahm einen Schluck. Mit verschränkten Armen vor der Brust trat Meg einen Schritt zurück. Was sollte sie sagen? Sie biss sich auf die Lippe. Normalerweise war sie nicht auf den Mund gefallen. Sie hatte gelernt, mit fremden Menschen zu reden. Oft genug kamen Touristen bei ihr vorbei. Was man von den Einheimischen eher nicht sagen konnte. Außer, sie wollten sich irgendeinen Spaß mit der Stadthexe machen, die ein uneheliches Kind bekam, aber nicht mit der Identität des Kindsvaters herausrücken wollte.

„Ist Chad Spencer in der Stadt?“

Überrascht schaute sie auf. „Nein, schon eine Weile nicht mehr.“

Deacon Chaney meldete sich wieder aus seiner Ecke. Sie hatte ihn beinahe vergessen.

„Wer interessiert sich dafür?“ Er hockte am Rand der Sitzbank, die Kleidung hing an ihm wie an einer Vogelscheuche.

Der Fremde zögerte. „Ein alter … Freund.“

Wieder löste seine Stimme dieses merkwürdige Prickeln auf ihrer Haut aus. Seit wann klangen simple so Worte sexy?

Jetzt hieß es aber sich zusammenzunehmen. „Stammen Sie aus Kane’s Crossing?“

„Kann man nicht sagen.“

Das reichte Mr. Chaney als Information. „Chad treibt sich in Europa herum, lässt bestimmt die Puppen tanzen. Ohne ihn ist die Stadt besser dran, finde ich.“

„Das sollten Sie nicht sagen“, ermahnte Meg ihn. So sprach man nicht über den allmächtigen Chad Spencer, die Sportskanone von Kane’s Crossing. Den Herrscher über das Familienimperium. Stolz der Stadt. Schwarm aller Frauen.

Abfällig verzog Mr. Chaney den Mund und lehnte sich zurück.

„Eine Ahnung, wann Spencer zurückkommt?“, fragte der Fremde.

Meg tat so, als wäre sie beschäftigt. Er sollte nicht sehen, dass ihre Finger zitterten. Sie rückte Teller zurecht, putzte sie nach, entschlossen, seine Frage nicht zu beantworten.

Die Türglocke bimmelte heftig, als drei Männer den Raum betraten.

Sonny Jenks grinste mit nikotinbraunen Zähnen. „Na, was haben wir denn hinter Tür Nummer eins?“

Junior Crabbe, eine Baseballkappe auf dem Kopf, kratzte sich seinen schmutzigen Schädel. „Unser Flittchen. Zeig’s uns, Witchy Poo, wo hast du dein Lustfrüchtchen versteckt?“

Meg spürte, wie der Fremde erstarrte. Hoffentlich hielt er sich zurück. Mit diesem Abschaum wurde sie jederzeit allein fertig.

„Junior, es zieht“, erwiderte sie so ruhig wie möglich. „Entweder du kommst rein, oder du bleibst draußen. Und wenn du dich für drinnen entscheidest, kaufst du besser etwas.“

Die Männer lehnten sich an die Wand. Ihr schwankender Gang verriet, dass sie schon ein paar Gläser geleert hatten. Einer von ihnen, Gary Joanson, starrte die ganze Zeit zu Boden.

Sonny kratzte sich wie abwesend unter der Achsel. „He, Jungs, was denkt ihr? Nehmen wir ein paar Zaubermuffins von Chads Abgelegter?“

Im nächsten Moment sprang der Fremde vom Hocker und baute sich vor Sonny auf, der zurückwich. Die zwei anderen drängten sich feige an die Wand.

Großartig. Eine Schlägerei in der Bäckerei. Ganz Kane’s Crossing würde sich das Maul zerreißen.

„Lassen Sie’s gut sein, Mister …“

Der Mann schaute über die Schulter und hob eine Hand. „Niemand spricht so mit dir, Meggie. Jetzt nicht, und auch in Zukunft nicht.“

Die Angst vor der Prügelei schwand schlagartig. Es gab nur einen Menschen in ihrem Leben, der sie Meggie genannt hatte.

Verdammt. Kaum war er fünf Minuten in Meggie Thorntons Nähe, hatte er schon zu viel gesagt. Genau deswegen hielt er nicht viel vom Reden – irgendwann gab man etwas preis. Und seine Privatangelegenheiten waren nun mal seine Sache.

Der Feigling vor ihm sah aus, als würde ihm eine kräftige Abreibung guttun. Aber Nick hatte nicht vor, eine Schlägerei anzuzetteln. Nicht in dieser Stadt, die ihn vor Jahren als Kriminellen gebrandmarkt hatte. Er hatte auch nicht vor, sich mit irgendwelchen Tagedieben anzulegen. Es musste schon der allmächtige Chad Spencer höchstpersönlich sein.

Er trat noch einen Schritt auf den Kerl zu. „Ich habe nicht gehört, dass du dich bei der Lady entschuldigt hast.“

Der Mann quiekte. Na klar. Großes Maul und nichts dahinter. Spencers Kumpane waren nur tapfer, wenn er dabei war.

„Sonny, Junior, verschwindet doch einfach, okay?“, rief Meggie.

Sonny und Junior. Nick erinnerte sich gut. Zwei hirnlose Teenager, die ihm gemeinsam mit Chad Spencer das Leben zur Hölle gemacht hatten.

Er ballte eine Faust.

Nick wusste, seine Wut regte Meggie auf, und das wollte er am allerwenigsten. Er hätte gar nicht erst in die Bäckerei kommen sollen. In Spencer’s Bank hätte er alle Informationen bekommen. Niemals wäre Meggie einverstanden mit dem, was er vorhatte. Zumindest nicht die Meggie von damals.

Die Typen zögerten, dann nickte Sonny, und sie verzogen sich mit drohenden Blicken nach draußen.

Nick drehte sich wieder zu ihr um. Verdammt, er sah sie gern an. Das trotzige Kinn, die roten Locken, die grünen Augen, all das hatte ihn schon früher in den Bann gezogen. Aber die Jahre hatten bewirkt, dass ihr Kinn weniger trotzig wirkte, das Haar weniger schimmerte und in ihren Augen ein Schmerz stand, den er am liebsten auf der Stelle verscheucht hätte. Und ihr gertenschlanker Körper, früher so anmutig und lebendig, sah auch anders aus. Die Meggie von damals hatte nie weite graue Pullover getragen. Ihre kindliche Unbefangenheit war verschwunden, und es griff ihm ans Herz – und doch war da gleichzeitig ein anderes, unerwartetes Gefühl. Ein Verlangen, das mit der unschuldigen Sommerfreundschaft von damals nichts zu tun hatte.

Er wandte den Blick ab, denn er hatte nicht das Recht, etwas für Meggie zu empfinden. Ganz sicher erinnerte sie sich noch an den vierzehnjährigen Teenager, den man aus der Stadt warf, weil er Chaney’s Drugstore in die Luft gejagt hatte. Wie sollte sie ihn da in Kane’s Crossing willkommen heißen?

Nick fragte sich, warum diese Typen sie Chads Abgelegte genannt hatten.

Er hoffte sehr, dass er sich täuschte. Die Vorstellung, wie sie in den Armen seines Erzfeindes lag, war unerträglich.

Als er sich wieder zu ihr umwandte, stand sie da, die Hände in die Seiten gestemmt, und schüttelte den Kopf.

„Ich glaube es einfach nicht.“

Er senkte den Kopf wie ein Hund, der ausgeschimpft wurde, weil er Stinktiere gejagt hatte. „Tut mir leid, Ma’am.“ Vielleicht konnte er die ganze Sache tiefer hängen, einfach wieder verschwinden, so tun, als hätte er nie vor der Bäckerei gestanden, auf das Schild gestarrt und sich gewünscht, Meggie wiederzusehen.

„Nick Cassidy?“

Bei seinem Nachnamen brach ihre Stimme. Mit diesem Namen war er nicht geboren worden, aber das war egal. Vor einigen Jahren hatte er seine leiblichen Eltern ausfindig gemacht, und die tiefe Enttäuschung über sie nagte immer noch an seinem Selbstbewusstsein.

Wieder war da diese tiefe Traurigkeit in Meggies Augen. Was hätte er nicht alles gegeben, um sie zu vertreiben. Wie gern wäre er jetzt zu ihr hinübergegangen, hätte mit dem Daumen über ihr Gesicht gestrichen, über die Sommersprossen, an die er sich erinnerte. Ob ihre Haare immer noch nach Erdbeeren dufteten? Aber er wagte es nicht, das herauszufinden. Es war besser, jetzt zu verschwinden.

Nick wollte sich umdrehen und die Bäckerei verlassen, als sich der ältere Mann von der Bank erhob und sich vor ihn stellte.

„Cassidy?“ Prüfend starrten ihn die wässrigen Augen an.

Nick hakte seine Daumen hinter die Gürtelschlaufen seiner Jeans. Diese lässige Abwehrhaltung hatte er sich in vielen Pflegefamilien angewöhnt.

Der alte Mann verzog den Mund, grunzte kurz und ging hinaus.

„Das war Mr. Chaney. Du erinnerst dich bestimmt an ihn.“

Schwang da ein vorwurfsvoller Unterton in ihrer Stimme mit? Natürlich. Als sie ihn aus der Stadt warfen, hatten sie ihm nicht einmal die Chance gegeben, vorher mit jemandem zu sprechen – nicht mit seinen Pflegeeltern … nicht einmal mit deren Sohn Sam.

Oder Meggie.

Er hatte keinem erklären können, dass Spencer ihn zu einem Kampf an Chaney’s Drugstore herausgefordert und eine selbst gebastelte Bombe gezündet hatte, als Nick wie verabredet auftauchte. Alle waren überzeugt gewesen, dass Nick der Täter war. Dass er es abstritt, nützte ihm nichts. Sein Wort gegen das von Chad Spencer, dem Goldjungen der Stadt …

Seine Pflegeeltern wollten nichts mehr von ihm wissen. Das bereits angelaufene Adoptionsverfahren hatten sie gestoppt. Und selbst Sam, der große Bruder, den er bewundert hatte, wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Nachdem Nick einige Zeit in einer Jugendstrafanstalt verbracht hatte, kam er in eine andere Pflegefamilie.

Aber nun war er zurück, um einige Dinge klarzustellen.

Vor einigen Monaten hatte er einen Autounfall überlebt. Danach sah er die Vergangenheit mit anderen Augen. Ihm war bewusst geworden, dass es mitten in Amerika eine kleine Stadt gab, in der man das Schlimmste über ihn dachte. Und er würde keine innere Ruhe finden, ehe er seinen Namen nicht rein gewaschen und Spencer nicht seine gerechte Strafe bekommen hatte.

Und Meggie verdiente eine Erklärung. „Wie ich sehe, hat man mich hier noch nicht vergessen.“

„Warum sollten sie dich vergessen haben? Du bist in dieser Stadt fast eine Legende.“

Offensichtlich glaubte sie Spencers Lügen. Ihr Sarkasmus schmerzte. „Du scheinst dir deine Meinung gebildet zu haben“, erwiderte er.

Meggie funkelte ihn an und ging zum Tresenende. Als er die leichte Rundung ihres Bauches bemerkte, hatte er das Gefühl, einen Schlag in die Magengrube erhalten zu haben.

Zeig’s uns, Witchy Poo, wo hast du dein Lustfrüchtchen versteckt? Nehmen wir ein paar Zaubermuffins von Chads Abgelegter?

Großer Gott, lass es ein Irrtum sein, dachte er.

„Meine Meinung? Über die Jahre fällt das nicht schwer. Bist du etwa zurückgekommen, um Erklärungen zu liefern, Nick?“

Erklärungen liefern? Das ganz bestimmt nicht. „Was auch immer ich sage, kein Mensch wird es mir glauben.“ Er konnte nicht anders, immer wieder musste er auf ihren Bauch schauen.

Als sie dies bemerkte, lachte sie kurz auf. „Großartig. Du bist auch neugierig. Aber die Frage kannst du dir sparen.“

Er hatte gelernt, den Mund zu halten.

„Und?“ Sie strich sich eine rote Locke aus den Augen. Ihre Hand zitterte leicht. „Warum bist du zurückgekommen?“

Warum? Weil er Gerechtigkeit wollte. Weil er seine Pflegefamilie wiederfinden wollte, wobei er hoffte, dass sie ihm ein Verbrechen verziehen hatte, für das er nicht verantwortlich war.

Sie lachte, aber es klang nicht froh. „Was willst du von unserem alten Freund Chad?“

Obwohl sie leise sprach, schienen ihre Worte im Raum widerzuhallen.

„Nichts Besonderes.“

„Na klar …“

Nick sehnte sich zurück nach der Zeit, in der sie in den Felshöhlen Schutz vor dem Sommerregen gesucht hatten. Sehnte sich nach dem Baden im See und den langen Gesprächen über die Zukunft, wenn die untergehende Sonne den Horizont glühend orange auflodern ließ. Er sehnte sich nach dem Mädchen, das jedem ins Gesicht lachte, der es Witchy Poo – Hexenfurz – nannte. Aber dieses Mädchen gab es nicht mehr.

Meggie seufzte. „Warst du bei deinem alten Zuhause?“

„Niemand war da.“

„Es ist wirklich eine Sünde, weißt du. Es war ein schönes, einladendes Haus, mit seinen Blumenbeeten und dem großen Rasen. Nun ist es nur noch …“

Ihre Augen waren jetzt dunkel, fast wie das Wasser in Venedigs Kanälen. Auf all seinen Reisen, beladen mit einem Rucksack und zu vielen schmerzlichen Erinnerungen, hatte er niemals ein solches Grün wie das von Meggies Augen gesehen. Alles hatte er getan, um die Erinnerung daran zu verdrängen, während er sich seinen Collegebesuch verdiente, während er mit Interrail durch Europa fuhr, jede Nacht in einer anderen Jugendherberge unterkam. Aber sämtliche Abenteuer hatten den Hass auf Spencer nur noch verstärkt. Er allein war für Nicks Vertreibung aus der Stadt verantwortlich.

So führten all seine Wege nur zurück nach Kane’s Crossing. Zurück zu dem Zuhause, in dem er ein einziges Jahr verbracht hatte, geliebt und umsorgt von Pflegeeltern und seinem Bruder Sam, den er vergötterte.

Wieder hakte er die Daumen in die Gürtelschlaufen. „Was meinst du damit – es war?

„Du weißt es nicht?“ Verwundert schaute sie ihn an.

Nick schüttelte den Kopf, während er sich innerlich wappnete.

„Ich dachte, irgendjemand hätte es dir erzählt. Deine Pflegeeltern sind vor fünf Jahren gestorben.“

Er hatte das Gefühl, einen Schlag gegen die Brust bekommen zu haben. Damit sie seinen tiefen Schmerz nicht sah, wandte er den Kopf ab. Nun konnte er seinen Pflegeeltern nicht mehr danken, es gab keine Hoffnung auf Verzeihen.

„Wie?“

Sie machte eine Pause, bevor sie antwortete. „Ein Unfall in der Fabrik der Spencers. Nach dem Tod deines Dads hielt deine Mum noch ein Jahr durch. Dann erkrankte sie an einer Lungenentzündung und …“

Er brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. Er hätte wissen müssen, dass Chad Spencer schuld an ihrem Tod war.

Auch dafür würde der Mistkerl bezahlen.

„Sam verließ die Stadt. Seitdem hat niemand mehr etwas von ihm gehört. Es gehen Gerüchte um, er wäre Cop in Washington geworden.“ Sie hielt einen Moment inne. „Er macht die Fabrik für den Tod seiner Eltern verantwortlich.“

Also war auch Sam verbittert. Nick musste an die vielen Abende denken, an denen sie beide auf dem Dach gesessen und von schönen Mädchen und schnellen Autos geträumt hatten.

Sam würde wohl seinen Plan unterstützen, mit dem er Chad Spencers Leben ruinieren wollte. Nick sehnte sich danach, Sams schiefes Grinsen wiederzusehen.

Er schluckte und riss sich zusammen. Dann deutete er mit dem Kopf auf Meggies gerundeten Bauch. „Ist das Spencers Kind?“

„Das geht dich verdammt noch mal nichts an!“ Sie trat wieder hinter den Tresen und wischte ihn mit hektischen Bewegungen ab. „War schön, dich wiederzusehen, Nick. Kannst jetzt gern gehen.“

Einen Moment stand er da, während er überlegte, ob er ihr den wahren Grund für seine Rückkehr erzählen sollte. Er hatte sie fragen wollen, ob sie mit Spencer verheiratet sei, aber die Frage hatte sich inzwischen erledigt. So wie es aussah, würde Meggie alleinerziehende Mutter werden.

Er wartete darauf, dass sie noch etwas sagte. Irgendetwas, aber sie putzte weiter den Tresen.

Nick setzte seine Sonnenbrille auf und ging auf sie zu. Ihre Augen wurden groß, sie erstarrte. Die Angst, die sich auf ihrer Miene abzeichnete, erschütterte ihn. Bis heute hatte sie ihn noch nie so angesehen.

Zur Hölle damit. Wieso sollte es ihn interessieren, wenn sie sich mit einem Schuft wie Spencer eingelassen hatte? Inzwischen war sie erwachsen und alt genug, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, ohne dass Nick Cassidy sich als Retter aufspielte.

Er griff in die Tasche, holte ein Bündel Dollarnoten heraus und warf sie neben den Lappen auf die Theke. „Als Verdienstausfall, weil ich dir die Zeit gestohlen habe“, sagte er, bevor er sich zum Gehen wandte.

Sie hielt ihn nicht zurück, und er erwartete es auch nicht. Es war dumm gewesen, in die Bäckerei zu kommen, denn nun wusste er mehr über Spencer, als ihm lieb war.

Chads Abgelegte.

Er ging hinaus, hasste sich selbst, hasste Kane’s Crossing, aber noch viel mehr hasste er das, was Chad Spencer Meg angetan hatte.

Meg schaffte es nicht, ihr Zittern in den Griff zu bekommen.

Nick Cassidy war wieder hier. Mit zwölf hatte sie ihn zuletzt gesehen, mit ihm leer stehende Häuser erkundet, war stundenlang mit ihm an Eisenbahnschienen entlanggelaufen, um zu sehen, wohin sie führten …

Sie stieß die Schwingtür zur Backstube auf und begann die Zutaten für den Schokoladenkuchen zusammenzusuchen. Sie wollte sich von der Tatsache ablenken, dass Nick zurück war.

Als sie einen Blick aus dem beschlagenen Fenster warf, sah sie eine Gestalt.

Nick. Nun endlich hatte sie Zeit, ihn sich in Ruhe anzusehen. Vorher war sie einfach zu überrascht gewesen.

Er warf einen langen Schatten auf die staubige, mit herbstlichen Blättern übersäte Straße und schien durch seine Sonnenbrille auf das Schild über dem Hintereingang zu starren. Unter der dunkelbraunen Lederjacke trug er ein Flanellhemd, das seine muskulösen Schultern und die breite Brust bedeckte. Sein Haar, das sich über dem Kragen lockte, hatte die Farbe von reifem Weizen.

Dazu trug er eine ausgeblichene Jeans, und das ausgefranste Loch am Knie schien ihm gleichgültig zu sein. Aber die gebräunte Haut, die hindurchschien, regte Megs Fantasie an. Sie stellte sich vor, wie sie ihre Finger in den Riss schob, sie über sein Knie gleiten ließ.

Da schaute er tiefer, und ihre Blicke begegneten sich. Sein Gesicht verriet nichts. Mit pochendem Herzen wich Meg rasch zurück, während ihr das Blut in den Ohren rauschte.

Nick drehte sich um, schlenderte die Hauptstraße hinunter und verschwand gleich darauf hinter einem rotblauen Transparent mit der Aufschrift Willkommen daheim, Chad, das zwischen dem Mercantile Department Store und Darlas Schönheitssalon aufgehängt worden war.

Wieder ging er aus ihrem Leben, einfach so.

Sie wunderte sich, was er ausgerechnet in einem schäbigen Kaff wie Kane’s Crossing zu suchen hatte. Was wollte er von Chad Spencer?

Meg seufzte. Männer in dunkler Kleidung mit düsterer Ausstrahlung – sie regten eindeutig ihre Fantasie an. Und besonders der erwachsene Nick, wie sie sich eingestehen musste. Dabei hatte sie vor fünf Monaten den letzten Rest ihrer Unschuld verloren, aber anscheinend nichts daraus gelernt – wenn schon ein Loch in der Jeans eines Mannes Lustgefühle bei ihr auslösten.

Natürlich würde der Tratsch aufblühen. Die Spekulationen darüber, von wem das Kind war. Es würde wehtun. So sehr wie der Tod ihrer Tante Valentine? Oder eher ein dumpfer Schmerz wie der, als ihr der Vater des Kindes vor seinem Abflug nach Europa kurz und knapp erklärte, sie bedeute ihm nicht das Geringste?

Aber sie hatte sich geschworen, dass Chad Spencer nicht am Leben ihres Kindes teilhaben würde.

Niemals.

2. KAPITEL

Zwei Stunden später zog Meg ihre Schaffelljacke an und schloss die Tür zur Bäckerei hinter sich ab. Aus den Schornsteinen der Häuser stieg langsam Rauch in den Himmel, der ihr ihre Einsamkeit noch mehr bewusst machte. Zu Hause wartete niemand auf sie.

Wieder musste sie an Nick denken. Was wollte er denn von Chad?

Sie griff in die Jackentasche und fühlte das Bündel Zwanzigdollarscheine, das er auf den Tresen geworfen hatte. Das Geld würde gut für ein, zwei Monate reichen. Wieso konnte er es sich leisten, damit herumzuwerfen, als wäre es Konfetti?

Plötzlich meldete sich ihr Stolz. Dieses Trinkgeld konnte sie nicht behalten. Sie würde es ihm beim nächsten Mal zurückgeben.

Falls sie ihn überhaupt je wiedersah.

Bei dem Gedanken an Nick wurde ihr auf einmal seltsam heiß. Aus dem Jungen von damals war ein äußerst attraktiver Mann geworden. Wie schön war es früher mit ihm zusammen gewesen. Auf Bäume waren sie gestiegen, hatten zusammen an einem Eis geschleckt, während sie die Beine in den Fluss hielten und zuschauten, wie das Wasser über ihre nackten Füße strömte. Die Sommer in Kane’s Crossing waren schon vorher herrlich gewesen, aber als Nick in die Stadt kam …

Es wurden wundervolle Tage.

Er war großzügig genug gewesen, ihr für ein paar Monate seine Aufmerksamkeit zu schenken. Andererseits, er war neu in der Stadt und hatte keine Freunde gehabt. Aber ihre Freundschaft begann in dem Moment, als Nick sie gegen Chad verteidigte. Das hatte noch keiner gewagt. Seitdem war er ihr Held.

Im nächsten Sommer dann waren sie tagtäglich zusammen, erlebten gemeinsam all das, was Kane’s Crossing zwei einsamen Kindern bieten konnte.

Aber jetzt … Nun war alles so anders. Deutlich hatte sie die Enttäuschung in seinen Augen gesehen. Diese Bitterkeit.

Wieder wurde ihr heiß, als sie an seine Augen dachte, daran, wie er ihren Körper gemustert hatte. Seit seinem Besuch in der Bäckerei hatte sie sich immer wieder gefragt, wie es wohl sein mochte, wenn seine kräftigen Hände seinem Blick gefolgt wären. Wenn sie unter ihren Pullover geglitten wären, ihre Haut gestreichelt hätten …

Sie beschleunigte die Schritte. Als sie am Frisiersalon vorbeikam, verspürte sie Übelkeit. Ein Bild von Chad in seiner High-School-Footballkluft hing im Fenster, sein gut geschnittenes Gesicht grinste sie höhnisch an.

Wie hatte sie nur so dumm sein können?

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie die Schritte hinter sich erst spät hörte. Entschlossen umklammerte sie den Riemen ihrer Handtasche, bereit, sie jemandem um die Ohren zu schlagen, sollte er sie belästigen.

Sie zählte bis drei.

Als sie herumwirbelte und die Tasche durch die Luft schleuderte, machte Gary Joanson erschrocken einen Satz nach hinten.

„He, warte, Meg!“

Breitbeinig stellte sie sich vor ihn hin, um sich zu verteidigen. „Was willst du, Gary? Du und deine Kumpane habt mich heute Nachmittag schon beleidigt. Reicht dir das noch nicht?“

Er ließ den Kopf hängen. „Tut mir ehrlich leid. Du weißt doch, wie Sonny und Junior sind, wenn sie gebechert haben.“

Ja, das wusste sie. Sie hatte es mehrfach schmerzlich erfahren müssen. „Was willst du?“

Er scharrte mit dem Fuß. „Ich wollte nur fragen, ob du für meine bessere Hälfte einen deiner Babykuchen backen kannst.“

Meg hatte Mühe, nicht die Augen zu verdrehen. „Gary, ich habe euch doch gesagt …“

„Ich weiß. Aber sie glaubt an diesen Hokuspokus. Sie sagt, Valentine hätte dir ihre magischen Kräfte vererbt, Meg. Und als Jemma Carson das letzte Mal einen deiner Zauberkuchen gegessen hat, wurde sie bald darauf schwanger. So wie Judy Henry und Sheri Duarte und …“

Es folgte eine lange Liste. Aus irgendeinem Grund steckte es in den Köpfen der Bewohner von Kane’s Crossing, dass sie über magische Kräfte verfügte. Iss einen Blaubeerkuchen von Meg, schon findest du einen Freund. Ein Stück Schokoladenkuchen aus ihren Zauberhänden, und du bist nächsten Monat schwanger. Die Leute mochten sie nicht sonderlich, hatten aber Respekt vor ihren angeblich übersinnlichen Fähigkeiten. Und Meg zog ihren Vorteil daraus. Es war die einzige Art, wie sie zu Geld kommen konnte, abgesehen von den Touristen.

„Okay, Gary, ich backe ihr morgen einen. Kann ich jetzt nach Haus gehen?“, erwiderte sie ungehalten.

„Danke, Meg. Bist du sicher, dass ich dich … nicht nach Haus bringen soll?“, fragte er sichtlich unbehaglich. Meg war wohl die Einzige in der Stadt, die sich nicht bekreuzigte, wenn sie an dem Haus auf dem Hügel mit den gezackten Giebeln und Türmchen vorbeikam.

Als sie entschieden den Kopf schüttelte, wandte er sich ab.

Weichei, dachte sie. Gary Joanson war schon immer nur ein Mitläufer gewesen.

„Du verzauberst also die Stadt?“, riss eine tiefe Stimme sie aus ihren Gedanken.

Sie drehte sich um. „Ich dachte, du wärst schon wieder weg.“

Nick kam in den Lichtkreis der Straßenlaterne geschlendert, und ihr Herz klopfte schneller. „Ich bin ein wenig herumgelaufen, habe mir mein altes Zuhause angesehen. Und mir einige Gedanken gemacht.“

Er griff nach ihrem Kragen und zog ihn dichter zusammen. Weil sie zitterte, dachte er wahrscheinlich, dass sie fror. Als sie zusammenzuckte, lächelte er kurz.

Meg erfüllte ein warmes Gefühl. Nick passte wieder auf sie auf, so wie damals, als sie noch Kinder gewesen waren.

„Worüber hast du nachgedacht?“, fragte sie zögernd.

„Über alles. Am meisten darüber, warum ich hier bin.“ Es folgte eine Pause. „Gehst du jeden Abend zu Fuß nach Haus?“

„Manchmal fährt meine Freundin Rachel mich hin. Du kennst sie nicht. Sie ist erst vor zwei Jahren hergezogen.“ Meg schmunzelte. „Sie hatte noch keine Zeit, Angst vor mir zu bekommen.“

Sie gingen weiter. Seine Stiefelschritte hallten von den gekalkten Hauswänden wider. Nick Cassidy ist zurück, schienen sie laut und deutlich zu verkünden.

Meg genoss seine Nähe, den Duft seiner Lederjacke. Es kam ihr so unwirklich vor, neben ihm zu gehen. Und sie fühlte sich auch nicht wie eine alte Freundin, sondern ganz anders. Wie es wohl wäre, wenn sie stehen blieb, den Arm um seine Taille legte, sich auf die Zehenspitzen stellte und ihr Gesicht an seine Brust schmiegte …

Unwillkürlich strich sie über ihren gerundeten Bauch. Nein, das würde ihr nicht passieren, nicht nach der bitteren Erfahrung mit Chad.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, dich hier zu sehen. Ich dachte, du wärst schon längst nach San Diego zurück“, meinte er.

Sie war froh, dass er wieder redete. Richtig redete und nicht nur einsilbige Kommentare von sich gab. Sie versuchte zu lächeln, aber es misslang. „Dorthin kann ich nicht zurück.“

„Leben deine Eltern nicht an der Küste?“

Sie mochte nicht über ihre Eltern sprechen. Auch nicht darüber, warum sie mit vierzehn aus dem Haus geworfen wurde. Es war so schrecklich gewesen, dass sie immer noch unter Albträumen litt.

Unbewusst berührte sie ihren Bauch, um das heranwachsende Leben darin zu fühlen. „Ja, ich nehme es an. Ich habe bei Tante Valentine gelebt …“ Sie zögerte, während sie hoffte, er würde etwas zu der schicksalhaften Nacht bei Chaney’s Drugstore sagen. Aber er schwieg.

„Nach Tante Valentines Tod erbte ich alles und beschloss, hierzubleiben.“

„Tut mir leid, dass sie tot ist. Ich mochte sie.“

Unwillkürlich musste Meg lächeln. „Weißt du noch, als sie dich damals zum Essen einlud? Und prompt hinterher sagte: Ach, hättest du nicht Lust, in meinem Garten ein wenig Unkraut zu jäten, Nick, mein Lieber?

„Ihr köstlicher Schmorbraten war jede Mühe wert.“ Nick lachte leise, und Meg wehrte sich gegen das lustvolle Gefühl, das ihr über den Rücken rieselte.

Inzwischen hatten sie die ungepflasterte Straße erreicht, die am Friedhof vorbei zu Megs Haus führte. Hinter den weißen Grabsteinen ragte es hoch auf, und seine Umrisse waren selbst in der Dunkelheit zu erkennen. Wie der Hut eines Zauberers auf einem haarlosen Kopf. Kein Wunder, dass die Kinder im Ort sich Schauergeschichten über sie und Tante Valentine erzählten.

Etwas weiter die Straße entlang entdeckte sie ein helles, längliches Gebilde. Als sie es sich ansehen wollte, ergriff Nick ihre Hand. Es durchzuckte sie heiß.

„Was soll das?“, fragte sie atemlos.

Er ließ sie los, als wäre er gegen einen elektrischen Weidezaun gekommen. „Du musst achtgeben, Meggie, sonst fällst du noch in einen der Gräben.“

„Schwangere können sehr gut selbst auf sich aufpassen!“ Aus dem Augenwinkel sah sie, dass er grinste. Gott sei Dank. Damit hatte sie nicht unbedingt gerechnet.

Mit seinen langen Beinen war er schneller am Ziel, und sie blieb einen Schritt hinter ihm. Ein Transparent lag am Boden.

Gerade als er es ausbreitete, trat der Mond hinter den Wolken hervor. Du fehlst uns, Chad, stand in Rot und Blau auf dem Transparent. Überall in der Stadt hingen diese verdammten Dinger. Der Wind hatte es wohl hierher geweht. Oder hatte jemand es heruntergerissen und in den Graben geworfen?

Einen Moment lang starrte Nick es an, dann schleuderte er es zurück auf den Boden und stampfte mit den Füßen darauf herum. Dabei zerquetschte er ihr fast die Finger, so fest war auf einmal sein Griff.

„Du tust mir weh“, beschwerte sie sich.

Er schaute auf ihre Hand, nahm sie und streichelte sie zärtlich. Beinahe hätten Megs Knie nachgegeben. „Entschuldige.“ Dann tätschelte er ihr die Hand, als wäre sie fünf Jahre alt, und sie gingen weiter.

„Was sollen diese Transparente in der ganzen Stadt?“, wollte er wissen.

Meg seufzte schwer. „Chad ist nach Europa gegangen, um dort für eine Zeit lang in einer der Banken des Spencer-Clans zu arbeiten.“

Er drückte ihr sanft das Kinn hoch. Am liebsten hätte Meg ihn gepackt und sich ihren nachmittäglichen Fantasien ergeben. Verdammte Schwangerschaftshormone!

„Ich habe das Gefühl, dieser Mistkerl hat dir sehr wehgetan, Meggie“, sagte er beherrscht.

Mondlicht. Diese tiefe, rauchige Stimme …

„Nein, das ist ein Irrtum“, log sie atemlos, während sie inständig hoffte, er würde es nicht bemerken.

Er umfasste ihre Arme. „Ich lebe hier nicht, also vertrau mir. Spencer ist der Vater. Oder irre ich mich?“

„Ja. Ich meine, ja, du irrst dich“, log sie nochmals.

Aber sie konnte ihn nicht täuschen, sein grimmiger Ausdruck verriet es ihr.

„Ich habe es gewusst.“ Ein Schatten glitt über sein Gesicht. Nick ließ die Hände sinken und trat zwei Schritte zurück. „Schau nicht so traurig. Wir bringen das schon in Ordnung.“

Sie schüttelte den Kopf. „Niemand hier kennt die ganze Wahrheit, Nick. Ich habe Angst, dass Chad Ansprüche auf mein Baby erhebt, wenn er zurückkommt.“ Sie schluchzte laut auf. Wenn Chad herausfand, dass er der Vater war, würde er sie unter Druck setzen, vielleicht sogar vor Gericht gehen. Ganz sicher musste sie dann das Kind hergeben.

„Niemals wird er mich heiraten – wer will schon die Hexe vom unheimlichen Hügel haben? Und wenn er mir das Kind wegnimmt und ich es nie wieder sehe? Seine Familie ist reich und besitzt so viel Einfluss …“

„Verlass die Stadt.“

„Und wohin soll ich denn gehen? Bestimmt nicht nach San Diego zu meinen Eltern. Ich kann nirgendwohin, Nick. Alles, was ich besitze, ist hier.“

„Dann verkauf das Haus.“

Sie schüttelte den Kopf. „Seit 1862 gehört es meiner Familie. Ich habe Tante Valentine vor ihrem Tod versprochen, es niemals zu verkaufen.“ Sie lachte. „Du siehst, ich stecke in der Klemme.“

Nick fuhr sich durchs Haar. Nervös, so kam es ihr vor. Aber weswegen?

„Nick?“

Er räusperte sich. „Meggie, du kannst dem Kind einen Namen geben. Es ist die einzige Lösung.“

„Danke für deinen Optimismus, aber ich habe keine Ahnung, wie.“

Nick holte tief Luft. „Heirate mich.“

Meg schwankte, bevor sie ihn stumm ansah.

„Sagtest du gerade, ich soll dich heiraten?“, fragte sie schließlich.

„Du hast Angst, dass Chad dir dein Kind wegnimmt. Das kann er nicht mehr, wenn du verheiratet bist, oder?“

„Doch, weil du nicht der Vater bist.“ Sie wandte sich ab, wobei sie die Hände in die Jackentaschen schob.

Das Mondlicht tupfte silbrige Glanzlichter in ihr Haar. Wie mochte sie reagieren, wenn er es streichelte? Schnell verwarf er diese Idee. Noch nie hatte er sein Herz an eine Frau verloren. Im Gegenteil, er hatte alles darangesetzt, sich nicht zu verlieben. Seine Erfahrungen mit Pflegefamilien waren eine eindringliche Lektion gewesen. Was war also jetzt in ihn gefahren?

Keine Panik, beschwichtigte er sich. Schließlich wäre es nur eine reine Zweckehe, um Meggie und ihr Kind vor Spencer zu beschützen.

„Wer in der Stadt weiß, dass ich nicht der Vater bin? Du hast es schließlich darauf angelegt, seine Identität geheim zu halten.“

„Was springt für dich dabei heraus, Nick?“

Er schaute auf ihren Rücken, auf die Fülle ihrer roten Haare. Sie war so schmal und schien schrecklich einsam zu sein. Vielleicht konnte er ihr helfen. Möglicherweise würde er ihr wider Erwarten etwas bedeuten. Hoffnung regte sich in ihm.

Aber Meggie hatte ihn etwas gefragt. Die Antwort war klar: Er wollte Gerechtigkeit. Genugtuung.

Er war nach Kane’s Crossing gekommen, um Chad Spencer zu ruinieren. Eine tiefe Wut war sein Antrieb gewesen, Millionen zu verdienen – und das starke Bedürfnis, diesen Leuten hier zu zeigen, wie sehr sie sich in ihm geirrt hatten.

Mühsam hatte er sich das College verdient. Beim Kauf seiner ersten Firma unterstützte ihn die Familie eines Freundes. Bald darauf konnte er sie mit erheblichem Gewinn verkaufen. Dann folgte die nächste Firma, die übernächste und so weiter und so weiter … Inzwischen war er mehrfacher Millionär.

Er besaß die Mittel, es Spencer heimzuzahlen.

Sein Plan war simpel. Sein alter Studienfreund würde nacheinander Spencers Firmen aufkaufen – für ihn. Die Spielzeugfabrik, den Supermarkt, den Haushaltswarenladen … und das Kaufhaus. Schließlich die Banken. Vielleicht würde er Spencer großzügig den Hundesalon lassen …

Irgendwann würde Spencer dann erfahren, dass Nick Cassidy ihm alles genommen hatte, so wie dieser ihm seine Familie genommen hatte.

Meggie hatte sich umgedreht und musterte ihn misstrauisch. Verdammt, wie hatte Spencer es nur geschafft, sie zu verführen? Ein unerträglicher Gedanke, dass er sie berührt hatte und …

Sie streckte die Hand aus. Ein Bündel Dollarnoten lag darin. Sein Trinkgeld vom Nachmittag.

„Du schuldest mir nichts“, sagte sie.

Das stimmte nicht. Sie hatte ihm einen unvergesslichen, wundervollen, sonnenerfüllten Sommer geschenkt. Dafür schuldete er ihr was.

„Behalte es, Meggie.“

Sie hob den Kopf. „Ich nehme keine Almosen. Genauso wenig wie einen Heiratsantrag aus Mitleid.“

Das war seine Meggie. Beim ersten Wiedersehen in der Bäckerei hatte er geglaubt, sie hätte ihr Feuer verloren. Aber da hatte er sich geirrt. Glücklicherweise.

Er deutete auf das Geld. „Stell dir vor, wie gut ich für deine Tochter oder deinen Sohn sorgen könnte.“

„Nick …“

„Wir könnten einen Treuhandfonds für das Kind einrichten. Ihm würde es nie an etwas fehlen.“

Schweigend senkte sie den Blick.

„Wir könnten jemand beauftragen, sich um Valentines Haus zu kümmern. Du könntest die Stadt verlassen, ohne dir Gedanken um die Zukunft machen zu müssen.“

Sie schüttelte den Kopf und schaute zu Boden. „Ich weiß nichts über dich, Nick. Ich würde einen Fremden heiraten.“

„Ich bin immer noch derselbe wie damals.“

„Nein.“ Sie ließ die Hand sinken. „Das bist du nicht.“

Sie hatte recht. Er trat auf sie zu und drückte ihr sanft das Kinn hoch, bis sie ihn anschauen musste. Noch nie hatte er ein solches Verlangen verspürt, eine Frau zu berühren.

„Sechzehn Jahre verändern jeden Menschen, das stimmt.“ Noch immer schwelte die Wut in ihm. Sie würde erst erlöschen, wenn Chad Spencer bezahlt hatte.

Meg wich etwas zurück. „Ich verstehe immer noch nicht, warum du ein Kind großziehen willst, das nicht dein eigenes ist. Das Kind eines Mannes, den du hasst.“

Schuldgefühle packten ihn. Was sollte er denn antworten? Meggie, ich will den Mann leiden sehen, der mir meine Chance auf eine normale Familie gestohlen hat, will den Triumph genießen, zu wissen, dass ich ihm sein Kind genommen habe …?

Wie würde sie reagieren, wenn sie von seinen Rachegelüsten wüsste?

„Vertraue mir, dass es richtig ist, was ich tue“, sagte er, während er seine Skrupel vertrieb, sie zum Werkzeug seiner Rache zu machen.

Meg schwieg einen Moment. Ihre Haut schimmerte im Mondlicht. Wie es wohl wäre, wenn er seine Hände auf ihren Bauch legte. Unter seinen Fingern das pulsierende Leben darin spürte …

Ihr Zögern dauerte schon viel zu lange.

Schließlich hielt er die Anspannung nicht mehr aus. „Meggie, du musst dich nicht sofort entscheiden. Du kannst mich im Edgewater Motel in der Nähe des Highways erreichen.“

„Ich weiß nicht, was ich antworten soll.“

Er versuchte zu lächeln. „Zerbrich dir später den Kopf darüber.“

„Nimm dein Geld.“ Nochmals hielt sie es ihm hin.

„Nein.“

Überrascht sah sie ihn an. Damit hatte sie anscheinend nicht gerechnet. Dann zuckte sie mit den Schultern und öffnete den Mund, schloss ihn aber abrupt wieder, als ein Cabriolet auf sie zuraste. Lange Haare flatterten im Wind, Arme wurden herausgestreckt.

„Was zum Teufel soll das denn?“, rief Nick.

Meg drehte dem Wagen den Rücken zu. „Ignorier sie einfach.“

Mit knirschenden Reifen hielt der Wagen neben ihnen. Sieben junge Frauen drängten sich auf den Sitzen des Sportwagens.

„He, Meg, sollen wir dich mitnehmen?“, rief die Fahrerin. Sie hatte einen Pagenschnitt und blitzende Augen.

„Ja, Witchy Poo, komm mit uns“, rief eine andere. „Vielleicht kann sie unseren Wagen zum Mond fliegen lassen!“

Nick wollte sich schon einmischen, als die Fahrerin ihre Freundinnen zurückpfiff. „Haltet den Mund, ihr Hyänen.“ Sie blickte Nick an, dann Meg, die immer noch mit dem Rücken zum Wagen stand. „Alles in Ordnung, Meg?“

Nick sah, dass Meg die Lippen zusammenpresste. Nach einem Moment sagte sie: „Ja, alles okay.“

„Los, fahren wir!“, rief eine der jungen Frauen. Die Fahrerin schaute noch einmal auf Meg und Nick, dann trat sie das Gaspedal bis zum Boden durch. Mit durchdrehenden Reifen schoss das Cabriolet in einer Staubwolke davon. Es röhrte die Straße entlang, vorbei an den schmalen schmiedeeisernen Engeln des Friedhoftors und den schiefen Weidezaunpfählen.

Meg schaute ihnen hinterher. „Du willst Chad Spencer sehen? Nun, näher kommst du an ihn nicht heran.“

„Was meinst du damit?“

Sie lächelte, aber ihre Augen blieben ernst. „Die am Steuer war Ashlyn, Chads Schwester.“

Nick ballte die Hände, versuchte das Brennen in seinem Herzen zu ignorieren. „Wieso rasen die wie die Verrückten nachts durch die Gegend?“

„Ashlyn hat die Junggesellinnen-Abschiedsparty für eine ihrer Freundinnen organisiert. Mit Getöse durch die Stadt rasen, Büstenhalter von Fahnenmasten flattern lassen und einige Anti-Spencer-Poster aufhängen. Sie gibt ihr Bestes, um die Familie in Verlegenheit zu bringen.“ Meg drehte sich um, und ihre Augen schimmerten auf einmal feucht.

Eine leichte Brise kam auf. Nick hätte Meggie am liebsten die feine Locke aus dem Gesicht gestrichen, die im Wind auf und ab tanzte. Ihre weichen roten Lippen berührt.

Sie lachte kurz auf. „Ich glaube, sie verabscheut Chad ebenso sehr wie du. Fast mag ich sie.“

„Eine Junggesellinnen-Abschiedsparty?“

„Ja, mit meinen übernatürlichen Kräften habe ich einen Angel Food Cake gebacken, der aus der Braut den reinsten Engel machen dürfte …“

Als er plötzlich in lautes Lachen ausbrach, stimmte sie ein. Diesmal hielt er sich nicht zurück, sondern strich ihr sanft mit dem Daumen über die Wange. „Ich bringe dich noch bis zur Haustür.“

Aber sie erstarrte unter seiner Berührung. In ihren Augen stand auf einmal Furcht. Erinnerungen überfluteten sie, die sie lieber vergessen wollte. „Ich schaffe es auch allein, danke.“

Sie entzog sich seiner Hand und stieg die Treppe hinauf zur massiven schwarzen Haustür. Er schaute ihr nach, bis sie drinnen verschwunden war.

Seine – und ihre – Zukunft hing von ihr ab. Nick hoffte, sie traf die richtige Entscheidung.

3. KAPITEL

Drei Tage später hatte Meg sich immer noch nicht endgültig entschieden.

„Überstürze nichts, Meg“, mahnte Rachel Shane auf dem Weg zum Edgewater Motel. Ihr altersschwacher Kleinwagen nahm jedes Schlagloch mit, und Meg hielt sich den Bauch.

Sie warf ihrer besten Freundin einen strafenden Blick zu. „So bin ich nicht. Und ich habe lange und gründlich über diese Sache nachgedacht.“

„Ein Fremder. Der Typ könnte auch vom Mars sein, so wenig weißt du über ihn.“

„Ich bin ziemlich sicher, dass er von der Erde stammt, Rachel.“ Natürlich verstand sie die Besorgnis ihrer Freundin. Sie spiegelte nur ihre eigene wider. Aber Rachel hatte auch Grund zum Misstrauen.

Anfang des Jahres hatte ihr Ehemann sie mit ihrer fünfjährigen Tochter einfach sitzen lassen. Rachel stammte nicht aus Kane’s Crossing und wurde schräg angesehen. Genau wie Meg. Die beiden Frauen wurden Freundinnen.

Prüfend blickte Rachel Meg an. „Du hast mir nicht alles erzählt, oder täusche ich mich?“

Was denn? Dass Nick Cassidy sie in den Bann geschlagen hatte, seit er in die Bäckerei gekommen war wie ein einsamer Revolverheld zum Showdown? Dass er in ihr Bedürfnisse weckte, die sie besser nicht haben sollte?

„Erst vor fünf Monaten hat Chad dich so würdelos behandelt“, fuhr Rachel fort. „Da verstehe ich einfach nicht, wieso du scharf darauf bist, jemanden zu heiraten. Hör auf mich. Ich habe Erfahrungen mit Männern hat, die morgens aus dem Haus gehen, um nie wiederzukommen. Hoffentlich überlegst du es dir noch einmal mit diesem Heiratsantrag. Eine völlig verrückte Sache.“

Beinahe hätte Meg aus Stolz Nicks Vorschlag abgelehnt. Aber Ashlyn Spencer und ihre Freundinnen hatten sie nochmals daran erinnert, dass sie nicht wirklich nach Kane’s Crossing gehörte. Die Beleidigungen und Anfeindungen würden nie enden. Und wenn sie dann noch ein uneheliches Kind bekam …

Nur deshalb hatte sie noch einmal gründlich über Nicks Heiratsantrag nachgedacht. Es würde keine Liebesheirat werden, aber es war verlockend, dass sie und ihr Kind in sicheren Verhältnissen leben würden. Deswegen musste sie noch einmal mit ihm reden.

Sie fuhren auf der von herbstlich verfärbten Bäumen gesäumten Landstraße weiter, bis vor ihnen die schief hängende Neonreklame des Edgewater Motels auftauchte. Nicht weit von der Straße stand das niedrige weiße Motelgebäude mit seiner ebenso schiefen Veranda, den Liegestühlen und pinkfarbenen Türen. Nick musste in Zimmer sechs wohnen. Sein Wagen stand davor. Ein einsamer Pick-up.

„Da sind wir.“ Meg griff nach ihrer Tasche.

Rachel legte ihr die Hand auf den Arm.

„Ich komme mit rein.“

„Ich schaffe das schon allein. Ehrlich.“

„Das hast du bei Chad auch gedacht.“

Meg unterdrückte die aufsteigende Nervosität. „Rachel, danke für deine Besorgnis und deine Hilfe. Und auch dafür, dass du weißt, wann du aufhören musst, mir zuzusetzen.“

Und danke dafür, dass du mein Geheimnis bewahrt hast, fügte sie im Stillen hinzu.

Rachel – und nun Nick – waren die einzigen Menschen, denen sie vertraute. Und wenn sie sich in ihm täuschte, was dann?

Beruhigend lächelte Rachel sie an.

„Ruf im Krankenhaus an, wenn du irgendetwas brauchst. Du hast ja meine Pagernummer.“

Meg stieg aus und schloss die Tür.

„Ich warte noch eine Minute.“

„Wieso macht sich eigentlich alle Welt so viele Sorgen um uns Schwangere?“, beschwerte sich Meg durchs offene Fenster. „Ich werde doch nicht innerhalb der nächsten Minute in den Wehen liegen.“

Rachel zog nur die Augenbrauen hoch und trommelte mit ihren Fingernägeln auf dem Lenkrad herum.

Meg atmete tief durch, dann marschierte sie auf die Nummer sechs zu. Sie atmete einmal tief durch und klopfte, widerstand dabei der Versuchung, über die Schulter zu Rachel hinzuschauen.

Die Tür öffnete sich, und Nick stand vor ihr. Er sah umwerfend aus. Das T-Shirt spannte sich über seiner breiten Brust, sodass sich jeder Muskel deutlich abzeichnete. Die ausgeblichene Jeans betonte seine langen kräftigen Beine.

Erst als Rachels Wagen davonbrauste, wurde ihr bewusst, dass sie Nick die ganze Zeit angestarrt hatte. Er grinste sie an, während er seinen Arm gegen den Türrahmen stützte. Ein verrücktes Verlangen drängte sie, ihn anzufassen, über diese muskulöse Brust zu streichen …

Dummes Mädchen, schalt sie sich. Wie konnte sie nach den deprimierenden Erfahrungen mit Chad an Sex denken?

Und Nick mit seinem unverschämten Lächeln und seinem männlich-herben Duft war da auch keine Hilfe. Er stand so dicht vor ihr, dass sie seinen Atem hören konnte.

„Hi“, sagte er, während er immer noch am Türrahmen lehnte.

„Hallo. Darf ich reinkommen?“

Oder besser nicht? Es könnte sich als großer Fehler erweisen.

Schweigend musterte er sie, bis ihr das Blut ins Gesicht stieg. Was mochte ein Mann an einer täglich dicker werdenden Schwangeren finden, die nur Ärger brachte? Plötzlich grinste er wieder und wich einen Schritt beiseite.

Meg betrat das Zimmer mit dem Gefühl, dass sie sich eigentlich ganz gut hielt – bis sie es sah.

Das Bett.

Nun war sie genau in die Situation geraten, die ihr schnell über den Kopf wachsen konnte.

Nick stemmte die Hände in die Seiten und lächelte amüsiert, als sie mit großen Augen auf das Bett sah. „Keine Angst, es wird dich nicht verschlingen.“

Es ist aber wirklich riesig, dachte Meg. Ein Doppelbett, bedeckt mit einem bunten Quilt. Die restliche Einrichtung war schauderhaft. Zwei schlichte Nachttische mit hässlichen Lampen, ein winziger Fernseher, dessen Kanäle noch mit Hand eingestellt werden mussten, und dazu eine Kommode mit einem hohen, halb blinden Spiegel darüber … in dem sich ausgerechnet das Bett spiegelte.

„Natürlich nicht.“ Sie räusperte sich und wandte dem besagten Möbelstück den Rücken zu. Dann versuchte sie zu lachen, was ihr nicht gelang. Hastig presste sie die Lippen zusammen.

Als sie weder Nick noch das Bett im Blickfeld hatte, fühlte sie sich gleich besser. „Du fragst dich wahrscheinlich, warum ich hier bin.“

Nick verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand.

Meg atmete noch einmal tief durch. „Die Wahrheit ist, ich weiß nicht, was ich dir wegen der Heirat sagen soll.“

Er nickte. Ein Muskel zuckte verräterisch an seinem Oberarm, ein schnelle, hektische Bewegung, als wolle er einen Schlag abwehren.

Könnte dieser Mann ein guter Vater für ihr Kind sein? Konnte er vergessen, dass Chad Spencer eine ziemlich aktive Rolle beim Zustandekommen des Babys gespielt hatte? „Mir sind so viele Gründe eingefallen, Nein zu sagen.“

„Ich habe sie schon gestern Abend gehört“, erwiderte er mit einer Stimme, bei der es Meg heiß über den Rücken lief.

Bestimmt wäre es schön, jede Nacht jemanden wie Nick neben sich zu haben. Jemand, der nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr Herz wärmte. Jemand, dem sie – irgendwann – einmal etwas bedeutete.

Aber wie viele Männer heirateten schon eine Frau, die schon bald das Kind eines anderen auf die Welt brachte? Vielleicht war Nick der Einzige, mit dem sie ihren Wunsch nach einer Familie verwirklichen konnte.

Schweigend lehnte er noch immer an der Wand.

Wie viele Geheimnisse verbarg er vor ihr? Aber wollte sie diese wirklich kennen?

„Ich verstehe immer noch nicht, warum du mir diesen Vorschlag gemacht hast. Und bevor wir ernsthaft darüber reden, möchte ich es wissen.“

„Du hast recht. Ich habe dir noch nichts erklärt.“ Er schüttelte den Kopf, bevor er mit einem belustigten Blick auf das Bett deutete. „Leider gibt es hier keine Stühle, Meggie. Du willst doch nicht die ganze Zeit stehen, oder?“

Zögernd setzte sie sich auf die Bettkante und seufzte erleichtert auf, weil sie die Beine entlasten konnte.

„Ich hätte wohl gleich sagen sollen, dass es nur eine Ehe auf dem Papier sein wird. Das sollte dich ein wenig beruhigen.“

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. „Aber … es bleibt doch eine Ehe.“

„Ja, ich weiß, das ist ein schwerwiegender Entschluss.“ Er schaute ihr offen ins Gesicht. „Und du sollst auch wissen, dass ich damals Chaney’s Drugstore nicht in die Luft gesprengt habe.“

Meg runzelte die Stirn. Machte er sich über sie lustig? „Nick, das ist sechzehn Jahren her. Belastet es dich immer noch?“

„Die Renos waren für mich das, was ich mir unter einer richtigen Familie vorstellte. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt. Als Spencer die Bombe hochgehen ließ, zerstörte er nicht nur den Drugstore, sondern auch das Vertrauen der Renos in mich. Meine Pflegeeltern sprachen danach nie wieder ein Wort mit mir. Ihr Sohn Sam, der für mich wie ein Bruder war, auch nicht“, sagte er grimmig.

Dass sein Hass so tief ging, war Meg nicht klar gewesen. Und wieder fragte sie sich, warum Nick der Vater von Chads Kind sein wollte.

„Meine Pflegeeltern bekomme ich nicht zurück. Und vielleicht will Sam immer noch nichts mit mir zu tun haben“, fuhr Nick fort. „Aber ich werde unter allen Umständen dafür sorgen, dass Chad Spencer in dieser Stadt niemals wieder jemanden verletzt. Und das schließt dich mit ein, Meg. Dich und das Baby.“

Ihr schnürte sich die Kehle zu. Es war lange her, dass sie einem Menschen so viel bedeutet hatte. Nick war hier, um Tante Valentines Platz einzunehmen. Vielleicht würde sie doch wieder eine Familie haben …

Nur Nicks Hass störte sie. Er war aus jedem seiner Worte herauszuhören und machte ihr Angst – und doch vertraute sie ihm. Dass er sie heiraten wollte, erfüllte sie mit einem warmen Gefühl und gab ihr wieder Selbstvertrauen. So viele Jahre war sie hier in Kane’s Crossing Spott und Häme ausgesetzt gewesen.

Sie blickte ihm ins Gesicht. Sein Angebot, ihr Baby zu beschützen, durfte sie nicht ausschlagen. Es war ein Geschenk des Himmels.

Meg rang sich ein Lächeln ab. „Wie schnell können die Formalitäten erledigt sein?“

Seine Schultern entspannten sich. „Ich werde noch heute mit dem Standesbeamten sprechen. Und vergiss nicht …“ Er stieß sich von der Wand ab und legte ihr die Hand auf die Schulter. „… du brauchst dir jetzt keine Sorgen mehr zu machen. Ich kümmere mich um Spencer.“

Meg wünschte, das würde sie beruhigen.

Tage später rückte Nick wiederholt seine Krawatte zurecht. Er hasste diese Dinger. Immer hatte er das Gefühl, eine Schlinge um den Hals zu tragen. Heute, am Tag seiner Hochzeit, noch mehr als sonst.

Er schaute sich in dem kleinen, blumengeschmückten Raum des Standesamtes um. Lieber hätte er einfach ein Stück Papier in die Hand gedrückt bekommen. Aber er wusste, Meggie sah das anders. Für eine Frau war es ein besonderes Ereignis, Braut zu sein, also hatte er für einen feierlichen Rahmen gesorgt.

Ashlyn Spencer stand neben ihm und wiegte sich im Takt des Hochzeitsmarsches. Eine Spencer auf seiner Hochzeit. Das hätte er sich im Traum nicht vorstellen können.

Voller Bewunderung schaute er auf Meg. Entschlossen hatte sie alle möglichen Stolpersteine aus dem Weg geräumt. Rachel Shane, die die Trauzeugin sein sollte, war leider zu einem Notfall ins Krankenhaus gerufen worden. So hatte sie Deacon Chaney, ihren einsamen Gast kurz vor Ladenschluss der Bäckerei, mehr oder weniger zwangsverpflichtet. Als sie am Gemischtwarenladen am Stadtrand vorbeifuhren, wurde ihr klar, dass es besser wäre, noch einen zweiten Trauzeugen zu haben.

Ashlyn saß auf der abgesackten Veranda, rauchte mit den alten Männern Zigarre und riss Witze. Für ein Mitglied der Familie Spencer benahm sie sich völlig untypisch. Meg sprang trotz ihres sich rundenden Bauchs aus dem Wagen und kehrte gleich darauf mit Ashlyn zurück. Ashlyn bekam den Platz neben Deacon.

Trotz allem hatte Nick doch das Gefühl, sein Leben würde sich von nun an zum Besseren wenden.

Meg tauchte an Deacons Arm auf. Er war leicht angesäuselt. Megs Gesicht war gerötet, und sie lächelte. Ein warmes Gefühl erfüllte Nick bei ihrem Anblick. Sie hielt einen Strauß purpurroter und gelber Wildblumen in den Händen, den Ashlyn schnell besorgt hatte, während sie warteten, dass die Paare vor ihnen getraut wurden. Einige der Blütenblätter schmückten auch ihre roten Locken, und sie sah ein wenig aus wie eins der Blumenkinder aus den sechziger Jahren. Ihr Kleid erinnerte ihn an die Meggie, die sie mit zwölf gewesen war – schillernd, zigeunerhaft. Es hatte lange Ärmel und bauschte sich von der Taille abwärts bis zu ihren Knöcheln. Das zarte Rosa schimmerte wie hauchfeine Libellenflügel und ließ ihre samtige Haut leuchten. Eine Perlenkette schmückte ihren schlanken Hals, und auf einmal empfand Nick seine Krawatte nicht mehr ganz so sehr als Bestrafung.

Als der Hochzeitsmarsch ausklang, geleitete Deacon Meg an Nicks Seite. Dann ging alles sehr schnell: goldene Ringe, Libellenflügel, Blumen, Ja, ich will und Meggies weiche Lippen.

Meg und er schauten sich etwas überrascht an, als der Standesbeamte sie aufforderte, die Trauung mit einem Kuss zu besiegeln. Übers Küssen hatten sie nicht geredet.

Sie blickte zu Boden, während ihr die Röte ins Gesicht stieg, bis ihre Wangen und Haare fast die gleiche Farbe hatten. Er wollte nicht, dass sie glaubte, sie wäre nicht begehrenswert. Aber sie sollte auch nicht annehmen, dies wäre eine normale Hochzeit.

Verdammt, dachte er und senkte den Kopf, um nur kurz ihren Mund mit seinen Lippen zu streifen, zu erahnen, was er nicht haben konnte. Sie musste den gleichen Gedanken gehabt haben, denn ihre Lippen trafen sich auf halbem Weg.

Hitze, Erdbeeren und Honig. So schmeckte Meggie. Selbst ihre Haut duftete danach. Nur zu gern hätte Nick die Arme um sie geschlungen und sie an sich gepresst, die Rundung ihres Bauchs gefühlt. Aber er bewahrte Haltung.

Als sie sich von ihm lösen wollte, hätte er es beinahe zugelassen. Fast. Rasch schob er seine Finger in ihr Haar, drückte die Hand an ihren Hinterkopf. Ein letztes Mal noch schmeckte er ihre Lippen, bevor er langsam aufsah.

Sie blickten sich in die Augen. Ihre wirkten verhangen, fast ein bisschen furchtsam. Nick hatte Mühe, das Pochen in seinen Lippen, seinem Herzen und den tieferen Regionen seines Körpers zu ignorieren.

Sie wandten sich wieder dem Standesbeamten zu, der sie nun feierlich zu Mann und Frau erklärte. Plötzlich fühlte Nick etwas zwischen seinen Fingern. Er schaute nach unten. Eine purpurrote Blume, immer noch warm von Megs Hand – seine Haut fing an zu prickeln.

Großer Gott, seit wann passierte ihm so etwas?

Kaum hatten sie den Raum verlassen, riss Nick sich die Krawatte vom Hals. Deacon gähnte ungeniert, würdigte Nick kaum eines Blickes und verschwand kommentarlos nach draußen. Nick versuchte, nicht gekränkt zu sein. Der alte Mann würde schon bald erfahren, dass Chad Spencer und nicht er seine Existenz vernichtet hatte.

Ashlyn drückte Meg, wagte es aber offenbar nicht, auch Nick in die Arme zu nehmen. Sie blieb ein paar Schritte entfernt stehen. „Meinen Glückwunsch, ihr zwei“, rief sie mit einem schwer zu deutenden Grinsen.

„Danke, dass du Trauzeugin gewesen bist“, sagte Meg und fächelte sich Luft zu. Noch immer war sie rot im Gesicht.

Ashlyn zupfte eine Blüte aus einem der Sträuße und steckte sie sich in den tiefen Ausschnitt ihrer eng anliegenden Bluse.

„Also, Leute“, sagte sie, „ich habe heute noch einiges zu erledigen. Zum Beispiel ein paar Transparente runterreißen und den Gesichtern Bärte aufmalen. Habt ihr Lust mitzumachen?“

Nick fiel das Transparent im Graben ein. War das Ashlyns Tat? Das machte sie gleich etwas sympathischer.

Meg warf ihm einen Blick zu. „Nein, geht leider nicht. Nick zieht heute bei mir ein.“

Jetzt kam sein Einsatz. „Ja“, sagte er, legte einen Arm um ihre Hüfte und die andere Hand auf ihren Bauch. Es fühlte sich so unerwartet gut an, dass er überrascht seine Hand zurückzog und in die Hosentasche schob. „Ich habe Meggie seit fünf Monaten nicht mehr gesehen. Zuletzt, als sie in Mead County war, um ihre Angelegenheiten wegen Tante Valentines Nachlass zu regeln.“

Perfekt. Das dürfte reichen, damit Ashlyn überall verbreitete, Meg und er hätten eine Nacht zusammen verbracht. Ein gutes Ablenkungsmanöver, um Ashlyns Bruder eine falsche Fährte zu legen.

Offensichtlich war sie eine kluge Frau. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte sie bereits ihre Schlüsse gezogen.

„Fahren wir zurück in die Stadt, ja?“, meinte Meg.

Schweigend fuhren sie zurück. Ashlyn, die auf der Ladefläche des Pick-ups saß, breitete im Fahrtwind die Arme aus. Wahrscheinlich wunderte sie sich über das, was sie gerade hinter sich hatten. Nick ging es ebenso – er konnte immer noch nicht glauben, dass er verheiratet war. Verheiratet. Er.

Aber er saß neben der schönsten Frau der Welt, mit ihrem scheuen Lächeln, dem vierzehnkarätigen Ehering und dem sich rundenden Bauch.

Mein Gott, war er nervös.

Später, als sie Ashlyn abgesetzt hatten, standen Meg und Nick vor Tante Valentines Haus, ihrem gemeinsamen Heim. Eine leichte Brise umwehte sie, als sie die Treppe hinaufstiegen. Meg schloss die Tür auf.

„Warte.“ Nick ließ seine Reisetasche auf dem Boden fallen. „Wir haben hier eine schöne alte Sitte.“

„Du willst mich doch wohl nicht über die Türschwelle tragen?“

Wahrscheinlich hielt sie ihn für übergeschnappt. „Doch, daran dachte ich.“

„Ist dir klar, dass ich ungefähr so viel wiege wie ein gestrandeter Wal? Du brichst dir das Rückgrat, wenn du es versuchst.“

Er lachte, während ihn ein ungewohntes Glücksgefühl erfüllte. „Meggie, ich habe schon ganz andere Lasten getragen. Also, vertrau mir.“

„Dann los, Tarzan“, erwiderte sie lachend.

Nick öffnete noch einen Hemdknopf und rollte die Ärmel hoch. Er bemerkte, dass Meg auf seine Unterarme starrte. Sie wurde rot und strich sich verlegen das Haar hinters Ohr zurück.

„Bereit?“

Sie kniff die Augen zusammen, und Nick schwang sie auf die Arme. Ihr Haar duftete nach Erdbeeren. „Du hast übertrieben“, meinte er. „Mehr als ein Babywal wiegst du wirklich nicht.“

„Danke für die Blumen“, erwiderte sie und legte ihre Hand an seinen Hals. Die Stelle schien sofort lichterloh zu brennen.

Im nächsten Moment riss sie die Hand zurück. Vielleicht war dies alles gar keine so gute Idee gewesen.

Als er sie über die Schwelle trug, hatte er das Gefühl, dass das Haus ihn willkommen hieß. Plötzlich überfluteten ihn wunderschöne Erinnerungen. Durch das große hintere Fenster konnte er Tante Valentines blühenden Garten sehen, den Meg offenbar liebevoll pflegte. Damals hatte er einmal die Woche darin Unkraut gejätet, nur um ihren Schmorbraten essen zu können und ihre melodiöse Stimme sagen zu hören, dass er einmal die Welt erobern würde.

Nun stand er hier, und ihm gehörte inzwischen ein nettes Stückchen des Bundesstaates – und er trug ihre Nichte auf den Armen. Ob Tante Valentine es gutheißen würde?

Langsam ging er auf die antike, mit grünem Samt gepolsterte Couch zu und ließ Meggie behutsam darauf nieder. Als er vorsichtig ihre Füße auf die Ottomane legte, blieben seine Hände auf ihren schlanken Fesseln liegen.

Meg räusperte sich. „Es mag verrückt sein, aber ich denke, Tante Valentine hätte ihren Segen dazugegeben. Auch wenn es nicht wirklich ist …“

Nick schaute auf die dunklen, eichengetäfelten Wände, die alten Gemälde in den vergoldeten Rahmen, die breite, geschwungene Treppe und die schweren geschnitzten Möbel. Im nächsten Raum war eine alte Orgel zu sehen, deren Kupferpfeifen sich bis zu der hohen Decke reckten.

„Dies ist so wirklich, wie etwas wirklich sein kann, Meggie.“

Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren hatte er das Gefühl, endlich nach Haus zu kommen.

Es war ihre Hochzeitsnacht, und Meg fand einfach nicht in den Schlaf. Unruhig wälzte sie sich in dem großen Himmelbett und schaute auf das silberne Mondlicht, das durch den Gazestoff über ihr hereinfiel. Sicherlich durfte eine junge Braut doch in der Hochzeitsnacht von ihrem Mann einen Kuss erwarten. Oder war das zu viel verlangt?

Sie schloss die Augen und dachte an Nicks warme Lippen, als er sie am Nachmittag nach der Trauung geküsst hatte. Bildete sie es sich ein, oder hätte er sie gern länger geküsst?

Wahrscheinlich war es reines Wunschdenken. Nach einem ziemlich schweigsamen Abendessen und einer Limonade auf der Couch hatte er sie hinauf in ihr Zimmer getragen und wenig Interesse gezeigt, sie nochmals zu küssen. Nachdem er sie vorsichtig aufs Bett hatte gleiten lassen, war er wieder hinausgegangen. Kein Kuss, gar nichts.

Aber so war es wohl am besten. Nick war eben ein Gentleman.

Da knarrte draußen eine Diele. Jemand stand vor ihrer Tür.

Es konnte nur Nick sein. Sie hielt den Atem an, während sie überlegte, was er wohl wollte. Ihr Körper wünschte sich, dass er den wackeligen Türknauf herumdrehte. Ihr Verstand wollte von all dem nichts wissen.

Noch ein Knarren, bis die Geräusche schließlich leiser wurden und weiter den Flur entlang vor Nicks Zimmer aufhörten.

Eine Hochzeitsnacht ohne Bräutigam.

Meg kroch tiefer unter die Decke.

4. KAPITEL

Am nächsten Nachmittag war Gary Joanson Megs letzter Kunde. Er lehnte am Tresen und hatte sein Schokoladenéclair bisher nicht angerührt.

„Ich fasse es immer noch nicht, dass du geheiratet hast. Sag mal, Meg, stimmt es, was man so hört?“ Er senkte die Stimme und zog dabei die Schultern ein. „Dass Nick Cassidy zurückgekommen ist, um Ärger zu machen?“

Im nächsten Moment öffnete sich die Tür, und Nick kam herein. Megs Herz setzte einen Schlag aus. Er trug wieder eine löchrige Jeans, Flanellhemd und Lederjacke. Dazu seine Sonnenbrille. Einen Moment lang sah er fast wieder aus wie der Fremde, der vor ein paar Tagen in ihr Leben getreten war. Oder war er es im Grunde immer noch?

Gary richtete sich auf.

Meg grinste ihn an. „Frag ihn doch selbst.“

„Ist nicht so wichtig“, murmelte Gary.

Nick nahm die Sonnenbrille ab und warf Meg einen fragenden Blick zu.

„Komm schon, Gary“, drängte sie.

Nick hakte nun die Daumen in die Gürtelschlaufen. Gary schluckte. „Meine Frau und ich haben überlegt, ob ihr zwei vielleicht zur Wohltätigkeitsparty an Halloween kommt …“

Nick zuckte mit den Schultern. Noch stand Gary für ihn auf der falschen Seite.

Sein Schweigen schien Gary zu ermutigen.

„Und meine Frau überlegt, ob Meg möglicherweise einen von ihren eigenen Babykuchen gegessen hat, um ein Kind zu bekommen.“

Nick starrte ihn nur an.

Gary rutschte so schnell vom Hocker, dass dieser fast umgefallen wäre. „Schon gut“, erwiderte er schnell, bevor er das Café verließ.

„Dein Starren ist wirkungsvoller als ein Lasergewehr“, meinte Meg. „Du glaubst nicht, wie viele Monate Spott und Häme mir erspart geblieben wären, wenn du früher hergekommen wärst.“ Nervös spielte sie mit ihrem Ehering, eine ganz neue Angewohnheit. So, als wolle sie sich vergewissern, dass sie tatsächlich verheiratet und der Diamant und das Gold echt seien.

In diesem Augenblick kamen einige Leute am Schaufenster vorbei und blickten neugierig hinein, als wären Meg und Nick exotische Zootiere. Meg zwang sich, nicht wegzusehen. Mit Nick an ihrer Seite fühlte sie sich sicherer.

Sie starrten zurück. Die anderen schauten fort. Ein kleiner Sieg.

Nick drehte sich zu Meg um. „Passiert so etwas jeden Tag?“

Meg nahm ihre Schürze ab und verstaute sie unter dem Tresen. „Es hat sich herumgesprochen, dass wir geheiratet haben. Wir sind im Moment das Gesprächsthema Nummer eins.“

„Verschwinden wir von hier.“

Sie errötete bei dem Gedanken, im Haus mit ihm allein zu sein. Erinnerte sich wieder daran, wie sie sich in der Nacht rastlos im Bett herumgewälzt und versucht hatte zu vergessen, dass er nur ein paar Schritte entfernt in seinem Bett lag. „Ich muss noch ein wenig aufräumen.“ Sie verschwand im hinteren Raum.

Als sie eine Weile darauf durch die Stadt fuhren, kamen sie an einem von Chads Transparenten vorbei. Es war von Löchern zersiebt.

Meg musste lachen. „Ob das Ashlyn gewesen ist?“

Nick behielt die Straße im Blick, einen Unterarm lässig aufs Lenkrad gelegt. „Als Hochzeitsgeschenk gefällt es mir viel besser als Besteck oder ein silberner Kerzenleuchter.“

Bislang hatten sie sich noch nicht über Megs spontanen Entschluss unterhalten, Ashlyn zur Trauzeugin zu machen. „Tut mir leid, wenn es dir unangenehm war, sie bei der Trauung dabeizuhaben.“

„Wenn du geglaubt hattest, mich damit milder zu stimmen, hast du dich getäuscht.“

Meg spürte einen dumpfen Druck im Magen. Sie hatte es tatsächlich gehofft.

„Tut mir wirklich leid“, beteuerte sie erneut.

Einen Moment lang herrschte angespanntes Schweigen, dann strich er ihr über die Wange. Meg begann zu zittern, sie konnte es nicht verhindern. Wieso musste ihr Körper sie verraten?

„Entschuldige dich nicht dafür, ein Problem lösen zu wollen.“ Er konzentrierte sich wieder auf die Straße.

„Wie auch immer, ich denke nicht, dass ich Ashlyn oft zu sehen bekomme. Sie redet nur mit mir, weil sie ihre Familie ärgern will.“

„Ein schaler Sieg, oder? Es erinnert mich daran, dass du darauf beharrst, weiterhin in der Bäckerei zu arbeiten, Tag für Tag, um diese Leute zu bedienen.“

Sein beißender Ton überraschte sie. „Ich habe gern etwas um die Ohren, und mir macht die Arbeit Spaß.“ Trotzig hob sie den Kopf. „Ich habe vor zu arbeiten, bis das Kind kommt.“

Er lachte leise auf. „Das sehe ich anders.“

Böse funkelte Meg ihn an. „Wie bitte?“

„Ich habe genug Geld für uns beide bis ans Lebensende, Meggie. Es gibt doch keinen Grund, dich für diese Menschen abzurackern.“

Seine volle, tiefe Stimme hätte sie zu allem überreden können. Aber seine Worte ärgerten sie. „Vielen Dank für das Angebot, aber nein danke.“

„Verdammt, bist du störrisch.“

„Das war ich schon immer.“

„Du bist meine Frau. Was ich besitze, gehört auch dir.“

Alles außer deinem Herzen, dachte sie bedrückt. Sie schaute aus dem Fenster und schwieg. Streiten konnten sie sich später darüber, aber sie würde sein Geld nicht nehmen. Schließlich hatte sie ihn nicht deswegen geheiratet.

Der zarte Duft der Magnolien beruhigte Meg, als sie das Haus betraten, und beinahe meinte sie, ihre Tante vor sich zu sehen, wie sie ihr tröstend übers Haar strich. Nick und sie trennten sich im Erdgeschoss. Dort hatte er ein Schlafzimmer in ein Büro verwandelt, natürlich mit ihrer Erlaubnis. Er zog sich die Lederjacke aus und verschwand in dem Raum.

Meg seufzte und massierte sich den Bauch. Jeden Tag schwoll er mehr an, ebenso wie ihre Füße und Gelenke. Fast vier Monate mit ständigem Heißhunger. Mein Gott!

Aber als sie über ihren Bauch strich, erfüllte sie wieder ein warmes Glücksgefühl.

Sie rieb sich die müden Augen und überlegte, ob sie Essen kochen sollte. Hatte Nick schon gegessen? Ihr war aber nicht unbedingt danach, ihn ausgerechnet jetzt zu fragen.

Viel hatte sie zudem nicht im Haus, denn sie war diese Woche nicht einkaufen gewesen. Aber als sie die Kühlschranktür öffnete, trat sie überrascht einen Schritt zurück. Er war bis obenhin gefüllt. Von Buttermilch über Fleisch bis hin zu frischem Gemüse. Dann fiel ihr Blick auf den Küchentisch. Er war für zwei Personen gedeckt. Ein Brotkorb stand in der Mitte. Und erst jetzt bemerkte sie, dass es nach Essen roch.

Sie marschierte hinaus, direkt in Nicks Büro. Um ihn herum ein Gewirr von Kabeln und Geräten. Fax, Computer und Telefon.

„Warst du einkaufen?“ Ihr Magen rumorte. „Ich meine nicht dieses technische Zeug hier, sondern die Lebensmittel.“

„Ja.“

Bevor sie sich bedanken konnte, hob er die Hand. „Lass mir einen Moment Zeit, ich bin gleich fertig.“

Wieder grummelte ihr Magen. Sie legte beide Hände auf den Bauch und massierte ihn geistesabwesend. Seine Augen folgten ihren Bewegungen. Dann blickte er fort, als fühle er sich ertappt, und verließ den Raum.

Meg trat ans Fenster und starrte hinaus.

Da, wieder. Das Gefühl in ihrem Bauch war ungewohnt.

Bewegte sich etwa das Baby?

Sie hielt den Atem an und presste die Hände fester auf den Bauch.

Dann spürte sie es wieder.

Mein Gott, es war wirklich ihr Baby.

Aber sie behielt die Neuigkeit für sich. Es konnte gut sein, dass Nick ihre freudige Aufregung über das Wunder in ihr überhaupt nicht verstand.

Nach dem Essen führte Nick sie zur Couch, legte ihr fürsorglich die Beine hoch und verschwand in der Küche, um aufzuräumen.

Neuerdings lag ein sonderbarer Ausdruck in ihren Augen, den er nicht einschätzen konnte. Tat er wirklich alles, damit sie froh und glücklich war? Beide hatten von Anfang an gewusst, dass ihre Ehe nur auf dem Papier bestand, sie niemals wirklich Mann und Frau werden würden. Er hoffte nur, dass Meg es nicht vergaß.

Als er wieder ins Wohnzimmer kam, stand sie am Erkerfenster und starrte zum bewölkten Himmel hinauf. In ihrem langärmeligen Hemd, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, sah sie jünger und verletzlicher aus. Ein paar widerspenstige Locken umrahmten ihr Gesicht und ließen es weicher erscheinen. Ihre Hände lagen auf dem Bauch, bewegten sich hin und her. Gern hätte er seine Hände auf ihre gelegt, die Wärme gefühlt …

Rasch verscheuchte er den Gedanken. „Müde?“

Sie blickte ihn nicht an. „Du brauchst mich nicht wieder die Treppe hinaufzutragen.“

„Da wird sich mein Rücken freuen“, scherzte er.

Sie lächelte ihn an, dann wurden ihre Augen groß, und sie hörte auf, sich den Bauch zu reiben. Als sie ihn wieder anblickte, meinte er einen schuldvollen Ausdruck darin zu sehen.

„Was ist los?“, fragte er.

„Nichts.“ Sie drehte sich wieder zum Fenster um.

Plötzlich hatte er das Gefühl, dass sie ihn von etwas ausschloss. Er kam sich wie ein Außenseiter vor, wie der einsame kleine Junge von damals, der zu niemandem gehörte. Ein Pflegekind, das in zu vielen Familien gelebt hatte.

Er überließ Meg ihren Gedanken und ging in sein neues Büro, um zu arbeiten. Genugtuung erfüllte ihn, als er sich auf sein jüngstes Projekt konzentrierte. Bald schon würde ihm die Spencer Toy Factory am Stadtrand gehören. Und weitere Firmenaufkäufe würden folgen, heimlich, bis die Spencers nichts mehr besaßen.

Feindliche Übernahmen. Chad würde nun seine eigene bittere Medizin schlucken müssen.

Sehr viel später fuhr er den PC herunter und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Meg saß im Schneidersitz am Boden auf einem Quilt, die Arme hoch in die Luft gestreckt.

„Hat jemand ein Tor geschossen?“, fragte er trocken, weil er nicht wusste, was sie dort tat.

Meg atmete tief durch. „Stretchübungen. Man kann nicht früh genug damit anfangen.“

Alles wegen des Babys. Ein guter Vater würde Hilfe anbieten. Aber seine Zunge war wie gelähmt. Er hatte eine lange Übung darin, stumm zu bleiben.

Ein Bild erstand vor seinem geistigen Auge. Er sah einen kleinen Jungen in eine Zimmerecke gekauert, den Schatten einer Hand über sich, bereit zuzuschlagen. Es reicht, wenn du da bist. Ich will dich nicht hören.

Meg hatte die Arme sinken lassen. „Ist alles in Ordnung?“

Er nickte.

Mit leicht geneigtem Kopf musterte sie ihn scharf. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Wie sehr sehnte er sich danach, in ihre roten Locken zu greifen, ihr das Hemd hochzuschieben und ihren gerundeten Körper, ihre vollen Brüste zu erkunden. Sein Gesicht an ihren Hals zu schmiegen und herauszufinden, ob er immer noch nach Erdbeerfeldern und Sonnenschein duftete.

Aber er hatte Meg nicht geheiratet, um sie zu verführen. Er musste sich auf seinen Plan konzentrieren, der ihn nach Kane’s Crossing geführt hatte.

Er sah sie an. „Kann ich noch etwas für dich tun, bevor ich schlafen gehe?“

Offenbar hatte sein Angebot doppeldeutig geklungen, denn Meg errötete.

„Nein, danke. Und auch danke … für das Essen, für alles.“

„Bitte.“ Er ging Richtung Treppe, kehrte aber zurück und streckte die Hände aus, um Meg aufzuhelfen.

Sie lächelte ihn an und ließ sich hochziehen. Dann standen sie da, nur eine Handbreit voneinander entfernt.

Meg schloss die Augen, und der besondere Moment war vergangen. Sie schien Schmerzen zu haben und hielt sich den Rücken.

„Übergewicht“, versuchte sie zu scherzen.

Er führte sie zum Sofa. „Setz dich“, bat er sie.

„Warum?“ Meg sah ihn groß an.

„Du brauchst jemanden, der dir hilft.“

Und als sie dann saß, fluchte er stumm vor sich hin. Eigentlich wäre es eine Selbstverständlichkeit gewesen, die eigene Frau zu massieren.

Megs Steißbein schmerzte höllisch, so als würde ihr jemand lange Nadeln hineinjagen. Normalerweise versuchte sie die Schmerzen einfach hinzunehmen, schließlich gehörten sie zur Schwangerschaft. Aber Nick war genau im falschen Moment hereingekommen. Hatte sie ihren Zustand dramatisiert?

Als sie auf dem samtbezogenen Sofa saß, fiel ihr Blick auf den Kamin, dessen Marmorsims sich vor der dunklen Tapete abzeichnete. Ihre Tante hatte darauf liebevoll Figurinen arrangiert: Bräute, Schönheiten aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, unbeschwerte Revuegirls in Satin, alle erstarrt in tänzerischen Posen.

Meg hatte das Gefühl, als würden ihr alle zuzwinkern und sagen: Freu dich, Mädchen. Gleich wird dein Mann dich anfassen.

Ihr Ehemann. Nick.

Seine erste Berührung war warm und fest und überraschend sanft. Unwillkürlich erschauerte Meg, als sie seine Hand auf dem Rücken spürte.

„Ist dir kalt?“, fragte er und nahm die Hand fort. „Ich kann schnell Feuer machen.“

Kalt war ihr absolut nicht. Eher heiß, sehr heiß. So heiß, dass sie am liebsten seine Hand ergriffen hätte, um sie dorthin zu führen, wo er sie in ihren Fantasien berührt hatte …

„Nein, nein, alles in Ordnung. Die Heizung ist doch an.“

Wortlos begann er sie wieder zu massieren, knetete Haut und Muskeln mit starken Fingern. Als ihr Körper reagierte, versteifte sie sich.

„Du bist verspannt“, stellte er besorgt fest.

Wem sagst du das. Auf keinen Fall durfte sie vergessen, dass sie nicht richtig verheiratet, sondern nur gute Freunde waren. „Mir geht’s gut.“

„Stress ist schädlich für das Baby.“

Er setzte sich auf die Couch hinter sie, massierte sie aber dabei weiter. Deutlich konnte sie seinen flachen Atem hören. Sie schloss die Augen, als ihr sein männlicher Duft in die Nase stieg.

„Kannst du dich nicht entspannen, Meggie?“ Der tiefe, raue Klang jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken.

„Ich komme auch allein zurecht, Nick. Hast du das vergessen?“, gab sie gepresst zurück.

Er lachte leise, bevor er einen kurzen Moment innehielt. „Nein.“

„Was ist daran lustig?“

Er setzte seine Massage fort. „Ich sehe dich immer noch vor mir, die kleine Meg Thornton, wie sie hinter Chad Spencer hersaust, weil er ihren Rock mit einem Stock angehoben hat.“

Meg erinnerte sich auch an diese Situation. Es war das erste Mal gewesen, dass Nick mit ihr gesprochen hatte. Er war gerade nach Kane’s Crossing gezogen, als Pflegekind, wie man munkelte. An jenem Spätsommertag hatte Chad sie im Schnellimbiss am Highway belästigt. Während sie mit ein paar Freundinnen zusammenstand, schlich er sich, ohne dass sie es bemerkte, von hinten an sie heran und hob ebenso unbemerkt ihren Rock hoch, bis alle im Imbiss deutlich einen Blick auf ihren bunten Slip werfen konnten.

Niemand hatte gewusst, dass Nick da war, bis sie auf ihrer Verfolgungsjagd direkt vor ihm landeten. Nick nahm Chad den Stock ab, warf ihn beiseite und starrte ihrem Widersacher herausfordernd ins aschfahle Gesicht.

Für den Rest der Ferien belästigte sie niemand mehr. Im nächsten Sommer waren Nick und sie dann richtige Freunde geworden. Bis er nach der Explosion einer selbst gebastelten Bombe aus der Stadt vertrieben wurde …

Meg verscheuchte die Erinnerungen. Nick hatte abgestritten, die Bombe gelegt zu haben. Durfte sie ihm glauben?

Absolut. Er war nie grausam oder hinterhältig gewesen. Wie gern hätte sie ihm ihr ganzes Vertrauen geschenkt, wäre es nicht von einem anderen Mann missbraucht worden.

Sie lachte schwach. „Chad kannte es nicht, dass jemand ihn in die Schranken wies. Für seine Eltern war er der Goldjunge.“

Einen Moment lang verharrte er mitten in der Bewegung, dann massierte er weiter. „Du musst diese Frage nicht beantworten, Meggie, aber … ich verstehe nicht, wie du und Spencer …“

„Willst du diese traurige Geschichte wirklich hören?“

„Ja.“

Meg atmete einmal durch, während sie sich unter Nicks Händen entspannte.

„Als Tante Valentine wusste, dass sie sterben würde, versuchte sie mich darauf vorzubereiten. Doch ich wollte ihr nicht glauben.“ Sie musste schlucken. „Ich hatte solche Angst davor, dass sie mich verlassen würde.“ Meg sah ihre Tante wieder vor sich, wie sie still im Lehnstuhl saß, einen engelhaften Ausdruck im Gesicht. „Ich fand sie. Sie war lautlos gegangen wie die Sonne in der Abenddämmerung und sah aus, als würde sie nur schlafen. Aber sie ist nie mehr aufgewacht.“ Bei der Erinnerung schnürte sich Megs Kehle zusammen.

Tröstend drückte Nick ihre Schultern.

Meg seufzte und hob den Kopf. „Einige Leute schickten Beileidskarten – und zu meiner größten Überraschung kam von Chad ein riesiger Blumenstrauß. Bislang hatte er sich mir gegenüber niemals anständig benommen, sondern überheblich und frech. Immer mit diesen sexuellen Anspielungen.“

„Und wieso hast du ihm dann seine ehrlichen Absichten geglaubt?“

„Das weiß ich wirklich nicht. Zuerst war ich natürlich misstrauisch.“ Sie machte eine Pause. „Eines Tages fing er mich in der Stadt ab. Ich trug damals immer noch Schwarz, obwohl es altmodisch war. Er war ungewohnt nett zu mir und erzählte, die Zeit auf dem College hätte ihn zu einem anderen Menschen gemacht.“

„Wer’s glaubt, wird selig!“

„Ich bin manchmal zu vertrauensvoll.“

Nick strich ihr übers Haar, eine sanfte, zärtliche Geste, die ihr fast die Tränen in die Augen trieb. „Das macht dich aus, Meggie. Vertrauen zu können, ist eine sehr wertvolle menschliche Eigenschaft.“

„Aber sie verführt zu Unvorsichtigkeit.“ Düstere Erinnerungen beschlichen sie. „Ich hatte schreckliche Angst davor, den Rest meines Lebens allein zu bleiben. Chad machte Versprechungen, und ich war dumm genug, sie für bare Münze zu nehmen. Eine Weile warb er um mich und zog alle romantischen Register. Ich dachte wirklich, ich bedeute ihm etwas.“ Es war der schlimmste Fehler ihres Lebens gewesen, ihm zu glauben. „Ich war nur diese eine Nacht mit ihm zusammen.“

Nick nahm die Hände von ihr. Meg fröstelte, als an der Stelle die Wärme wich.

Natürlich war er enttäuscht von ihr. Chad hatte sein Leben ruiniert, und sie hatte mit seinem Feind geschlafen. Die bittere Ironie schnürte ihr das Herz zusammen.

„Ich weiß, du musst mich verachten“, flüsterte sie, verschränkte die Arme vor der Brust und rieb sie, um sich zu wärmen. „Aber ich habe meine gerechte Strafe bekommen. Er blieb nicht einmal die ganze Nacht bei mir. Am nächsten Morgen wollte er nach Europa fliegen und hat sich wohl gedacht, er könnte sich noch ein hübsches Abschiedsgeschenk machen. Ich erinnere mich gut an seine hässlichen Worte, bevor er verschwand. Seine Kumpane hatten gewettet, ob er die kleine Hexe ins Bett kriegt. Er hat es nur schäbiger ausgedrückt. Du warst gar nicht so schlecht, wie ich erwartet hatte, sagte er noch zum Schluss.

Meg sprang auf. Sie wollte fort von Nick. Fort von dem wütenden Blick, der sich gerade in ihren Rücken bohren musste.

Plötzlich hörte sie, wie er sich erhob, und das Geräusch seiner Stiefel auf dem Teppich, bis er dicht hinter ihr stand.

Er sagte kein Wort, sondern zog sie nur in seine starken Arme und hielt sie fest. Zart strich er mit den Lippen über ihr Haar. Ein wundervolles Gefühl der Erleichterung überflutete sie, und beinahe wäre sie vor ihm in Tränen ausgebrochen.

„Mach dir keine Sorgen, Meggie“, flüsterte er ihr ins Ohr.

Nick brachte Meg hinauf in ihr Zimmer, dann ging er hinaus in den Garten und starrte in den winzigen Teich, den Valentine noch angelegt hatte. Ab und an warf er einen Kieselstein ins Wasser und schaute zu, wie sich die Ringe ausbreiteten.

Wäre er doch nur hier gewesen, als Meg sich in Not befand. Schuldgefühle peinigten ihn. Wenn er nun fünf Monate früher nach Kane’s Crossing gekommen wäre? Hätte sie dann trotzdem mit Chad geschlafen?

Seine anfängliche Wut auf sie, weil er sich betrogen gefühlt hatte, war verflogen. Aber sein Hass auf Chad hatte zugenommen.

Der Sonnyboy würde anderen Menschen nie wieder schaden.

Die Wolken hatten sich inzwischen verzogen, und der Himmel leuchtete in tiefem Blau. Müdigkeit packte Nick.

Vielleicht wäre es besser, ins Bett zu gehen. Kiesel zu werfen brachte ihn auch nicht weiter.

Als er das Haus betrat, achtete er darauf, dass die Fliegengittertür nicht gegen den Rahmen schlug. Dennoch hallte selbst das leise Geräusch in dem großen Haus wider. Einen Augenblick stand er da, weil er den Geruch von Magnolien in der Nase hatte. War er übergeschnappt?

Es war ein anstrengender Abend gewesen, besonders für Meg. Hoffentlich hatte der Stress dem Baby nicht geschadet.

Dem Baby? Lag ihm schon so viel daran?

Diese Frage wollte er sich nicht beantworten, so vertrieb er den Gedanken und stieg die knarrende Treppe hoch. Der dünne burgunderrote Teppich auf den alten Dielen dämpfte seine Schritte kaum, als er an Megs Zimmer vorbeiging.

Er blieb stehen, so wie letzte Nacht. Stützte sich mit der Hand an der Wand ab und dachte an das, was sich hinter der Tür befand. Ein hoher, halb blinder Spiegel, oben und an den Seiten drapiert mit rotem Stoff, Kristallkugeln, die schimmernd an den Nachttischen und der Kommode hingen. Dazu ein Himmelbett mit hauchzarter Gaze an vier Pfosten, wachsendes Leben schlummernd in einem runden Bauch und rote Locken, die auf weißen Kissen ausgebreitet waren.

Es verlockte ihn, sie wieder zu berühren und die Arme um sie zu schließen. Wie mochte es sich anfühlen, sanft ihren Bauch zu streicheln und die Hände zu ihren Brüsten gleiten zu lassen?

Würde sie vor Verlangen stöhnen? Oder ihn böse anfunkeln, als wäre er einer aus Chad Spencers Clique?

Verdammt, er sollte nicht diesen idiotischen Fantasien nachhängen. Er war nach Kane’s Crossing gekommen, um sich an Spencer zu rächen. Das war das Wichtigste.

Meg und das Kind würden seinen Namen tragen. Das genügte. Für Gefühle war kein Platz.

5. KAPITEL

Eine Woche später, nachdem er noch mehrmals abends vor Megs Schlafzimmertür gestanden hatte, fand Nick den Mut, sie zur Halloween-Wohltätigskeitsparty einzuladen.

Aber kaum waren sie angekommen, verschwand sie im Willowbreeze House, einem alten Gebäude aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Um sich die Nase zu pudern, wie sie ihm mit zitternder Stimme erklärte. Kein Zweifel, sie war nervös.

Und er verfluchte sich, dass er sie hierhergebracht hatte. Hatte er sich nicht vorgenommen, ihr weiteren Stress so gut es ging zu ersparen?

Nun stand er mit einem Bier in der Hand an die hölzerne Theke gelehnt, während er auf sie wartete. Fleißige Helfer hatten quer über den Pioneer Square Lichterketten an den Bäumen angebracht, überall glühten die unheimlichen Fratzen der ausgehöhlten Halloweenkürbisse. Von den aufgestellten Buden und dem offenen Pavillon in der Mitte des Parks flatterten orange-schwarze Bänder im Wind. Drinnen spielte lautstark eine Kapelle mit Trommeln, Posaunen, Trompeten, Flöten und Klarinetten Musik aus der Zeit Anfang des letzten Jahrhunderts.

Und natürlich durfte auch Chad Spencer nicht fehlen. Auf großen Plakaten prangte Chad in seiner Footballkluft, ein weiteres Plakat pries seine Footballerfolge als Quarterback im letzten Jahr auf der Spencer High School. Dazu Hinweise auf die Colleges, die er besucht hatte. Es war offensichtlich, dass Chad Spencer der Lieblingssohn der Stadt war.

Du fehlst uns!, stand auf einem Banner, das direkt über Nicks Kopf im Wind knatterte.

Er presste die Zähne zusammen und umklammerte seine Flasche.

„Na, noch niemanden mit deinem Charme betört?“

Meg hatte sich von hinten an ihn herangeschlichen, und er richtete sich auf.

Aus gegebenem Anlass trugen alle Masken und Kostüme. Meg hatte sich als Engel verkleidet. Nicht in der üblichen weißen Version, sondern mit einem dunkelroten Kleid, um das sie hauchfeinen, zart erdfarben getönten Stoff drapiert hatte. Darüber trug sie einen mit goldenen Stickereien verzierten Umhang aus burgunderrotem Samt. Ihr lockiges Haar schimmerte wundervoll, und die eingeflochtenen goldenen Blumen erinnerten ihn an ihren Hochzeitstag. Zierliche durchsichtige Flügel waren an ihrem Rücken befestigt, und eine schimmernde goldene Halbmaske bedeckte den größten Teil ihres Gesichts.

Sie sah atemberaubend aus. „Ich dachte schon, du wärst wieder nach Hause verschwunden“, meinte er.

„Das hätte ich auch beinahe getan, als mir klar wurde, dass du wirklich kein Kostüm anziehen wolltest.“ Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. „Du hättest wenigstens eine Maske aufsetzen können, um kein Spielverderber zu sein.“

Er warf einen Blick auf die anderen rundherum: die Clowns, Tiger, Prinzessinnen. Ihn würden keine zehn Pferde dazu bringen, sich zu maskieren. „Bist du bereit, deine Rolle in dieser Verkleidung konsequent zu spielen?“, fragte er, bevor er ihr seinen Arm bot. Meg hängte sich bei ihm ein und hob das Kinn.

„Gehen wir.“

So gefiel sie ihm – bereit, allen Herausforderungen zu begegnen. Er freute sich auf den Moment, in dem Spencer mit eigenen Augen erleben musste, dass er für sie nur noch graue Vergangenheit war.

Als sie sich unter die Leute mischten, lösten sie betretenes Schweigen aus. Die Gäste standen da und starrten sie an. Anscheinend hatten sie ihre guten Manieren vergessen.

Er beschloss, sich den Spaß zu gönnen, das Oberhaupt des Spencer-Fan-Clubs zu begrüßen.

Mrs. Spindlebund erstarrte zur Salzsäule, als sie noch gut vier Meter von ihrer Bude entfernt waren. Nick konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Wenn er früher als Junge auf dem Heimweg an ihrem Haus vorbeigekommen war, hatte sie gekeift wie eine garstige Krähe.

Er räusperte sich und wartete, bis sie ihm ins Gesicht blickte. Dann nickte er der älteren Frau zu.

Vielsagend blickte sie durch ihre Halbmaske auf das Bier in seiner Hand. „Ist das nicht ein wenig zu stark für Sie, Mr. Cassidy?“

„Nicht stark genug.“ Er salutierte mit der Flasche und nahm einen kräftigen Schluck.

Megs Griff um seinen Arm wurde fester, ehe sie sagte: „Wirklich hübsch, die Dekorationen.“

„Aber natürlich sind sie das“, erwiderte sie knapp, bevor sie sich wieder an Nick wandte. „Mr. Cassidy, Sie wollen doch heute Abend hier keinen Ärger machen, oder? Wir haben viel Arbeit gehabt, damit diese Festveranstaltung ein Erfolg wird und genügend Geld für die Erinnerungsstätte zusammenkommt.“

„Erinnerungsstätte?“, wiederholte Meg neugierig.

Mrs. Spindlebunds Fledermausohren rutschten ihr vom Haar. „Für Kane Spencer, den Gründer unserer Stadt. Meghan Thornton, du hast bisher an keinem der Vorbereitungstreffen teilgenommen.“

„Ihr Name ist Meghan Cassidy“, korrigierte Nick.

Ihr Mund wurde nun zu einer messerscharfen Linie, ehe sie antwortete: „Davon habe ich gehört.“

Eine Glocke erklang, gefolgt von lauten Hochrufen. Nick nickte Mrs. Spindlebund knapp zu. „Wir alle wissen den aufopfernden Einsatz Ihres Clubs zu schätzen. Schließlich ist es für einen guten Zweck.“ Mit einem Grinsen wandte er sich vom Stand ab.

Während sie weitergingen, flüsterte Meg: „Du scheinst es heute Abend nicht darauf anzulegen, dir Freunde zu machen.“

„Habe ich das je?“

Ein ziemlich kleiner Löwe tauchte neben ihnen auf. „Ihr habt Spindlebund Guten Tag gesagt? Wirklich tapfer.“

„Hi, Gary“, erwiderten beide wie im Chor.

„Meg, du bist wirklich ein hübscher Engel, finde ich.“ Gary wandte sich an Nick. „Was sagst du dazu?“

„Wo ist deine Frau?“ Gab es niemanden, der ihnen Gary Joanson vom Hals hielt? Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er fast vermutet, Gary mochte sie beide wirklich.

„Ach, sie tauscht gerade mit den anderen Frauen den neuesten Klatsch aus. Habt ihr schon gehört, dass jemand Spencers Fabrik gekauft hat?“

Nick bemühte sich um einen gleichgültigen Ausdruck und zuckte mit den Schultern, wobei ihm Megs Seitenblick nicht entging.

Gary plusterte sich auf, wie es sich für den Überbringer einer wichtigen Nachricht gehörte. „Den Käufer kennt noch niemand, und ich kann euch verraten, die Spencers sind nicht gerade glücklich über die Sache. Es soll eine feindselige Übernahme sein.“

„Feindliche Übernahme“, berichtigte Meg ihn.

„Was auch immer es bedeuten mag“, fuhr Gary fort, „die Arbeiter laufen wie aufgeschreckte Hühner herum.“

Ich muss eine Möglichkeit finden, sie zu beruhigen, dass ihre Jobs nicht gefährdet sind, dachte Nick besorgt. „Gibt es sonst noch irgendwelche weltbewegenden Neuigkeiten?“, fragte er leichthin.

Gary zuckte mit den Schultern. „Nicht, dass ich wüsste.“

Noch hatte also niemand Wind davon bekommen, dass ihm nun das Haus seiner ehemaligen Pflegefamilie gehörte. Das war gut. Es würde für eine Weile sein Geheimnis bleiben.

Meg bewegte sich unruhig. „Ich habe den Eindruck, die Sache freut dich, Gary“, meinte sie.

Der kleine Mann zuckte zurück. „Freuen? Oh nein. Man redet einfach nur darüber …“

Fürchtete er sich? Ehe Nick nachhaken konnte, verabschiedete sich Gary. „Muss los.“ Und weg war er.

Nick schaute ihm nach und runzelte die Stirn, als er sah, auf wen Gary zulief.

Sonny Jenks und Junior Crabbe trieben sich an einer Dartbude herum und erdolchten ihren Kumpel förmlich mit Blicken.

Als Nick den Kopf schüttelte, zupfte Meg ihn am Arm.

„Ich könnte gut ein Glas Limonade gebrauchen.“

Er lächelte sie an, bereit, ihr jeden Wunsch zu erfüllen.

Vorbei am Cakewalk-Turnier, bei dem der Sieger einen Kuchen als Preis erhielt, am Goldfischangelwettbewerb und dem selbst gebauten Geisterhaus machte er sich auf die Suche nach Limonade. Lautes Stöhnen und Ächzen und das Klirren von Ketten drang aus der Gespensterbude. Jedes Mal, wenn eins der Kinder kreischend aus der Tür stürzte, fingen die anderen an zu johlen.

Als Nick mit dem Getränk zurückkehrte, saß Meg unter einer grünen Weide. Am anderen Ende der Bank hockte ein Vagabund mit gesenktem Kopf.

Nick trank sein Bier aus und warf die Flasche in einen Müllcontainer. „Gary ist wirklich ein seltsamer Typ“, bemerkte er.

„Einer mit ziemlich guten Informationen.“

Sie nahm die Maske ab, und er sah den vorsichtigen Ausdruck in ihren Augen.

„Weißt du Genaueres über die Fabrik?“, fragte sie.

Er öffnete den Mund, um zu antworten, als der Vagabund sich einmischte. Zu seinem Glück. Nick wusste nicht, wie er geantwortet hätte.

„Die Fabrik brachte den Spencers das meiste Geld. Wer immer sie gekauft hat, es geschah ohne ihren Segen.“ Er blickte auf. Nick erkannte Deacon Chaney.

„Sie wissen eine ganze Menge über die Spencers“, meinte Nick gedehnt.

Deacon lehnte sich zurück und schob die Hände in die zerfransten Jackentaschen. „Mehr, als mir lieb ist.“

Noch immer blickte er ihm nicht in die Augen, sprach aber immerhin mit ihm. Zu gern hätte Nick ihm irgendwie zu verstehen gegeben, dass nicht er Deacons Laden in die Luft gesprengt hatte. Aber er hatte seinen Stolz. Er würde nicht vor ihm kriechen.

Meggie schien zu spüren, was in ihm vorging. „Wollen wir nicht bei irgendeinem der Spiele mitmachen?“

Nick half ihr hoch. Sie ging zu dem alten Mann und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Passen Sie gut auf sich auf, Mr. Chaney. Halten Sie sich warm.“

Er blieb stumm, als sie davongingen. Als sie außer Hörweite waren, murmelte Nick: „Was für ein störrischer alter Esel.“

„Er hat viel durchgemacht.“

Als sie ihn anlächelte, beschleunigte sich sein Herzschlag. Reiß dich zusammen, mahnte er sich.

Musik ertönte, und spontan ergriff er ihre Hand. Als sie tief durchatmete und ihre Finger mit seinen verschränkte, fragte er sich, was ihn dazu trieb, so … ungewohnt gefühlvoll zu sein.

Er schaute auf die Tanzfläche und grinste. Zum Teufel auch – sie waren schließlich verheiratet, oder? Warum sollten sie es Kane’s Crossing nicht zeigen?

Er schaute ihr in die Augen. „Wir haben keinen Hochzeitstanz getanzt, stimmt’s?“

„Soll das eine Einladung sein, Nick?“, fragte sie mit einem koketten Augenaufschlag.

Sein Blick glitt von ihren Augen zu ihrem Mund und verweilte dort für einen Moment. Nick strich ihr kurz über die Wange und zog sie mit sich auf die Tanzfläche. Die Band begann schwungvolle Songs der Vierzigerjahre zu spielen.

Beim Tanzen presste sich ihr vorstehender Bauch gegen seinen Körper, und mit jeder Berührung wurde ihr heißer. Nick nahm ihre Hände und legte sie um seinen Nacken. Nur zu gern hätte sie mit den widerspenstigen Locken an seinem Haaransatz gespielt.

„Warum hast du Mrs. Spindlebund provoziert, Nick?“, fragte sie, um sich abzulenken.

„Wer, ich?“, murmelte er.

„Ja, du. Hattest du etwa erwartet, sie würde vor Freude in die Luft springen und den verlorenen Sohn der Stadt in ihre Arme schließen?“

Er grinste und schaute auf die anderen Tänzer. Meg drehte sein Gesicht wieder zu sich. „Für die Mehrheit der Einwohner bist du ein Krimineller. Warum erklärst du ihnen nicht, dass nicht du die Bombe gelegt hast, sondern Chad?“

„Vielleicht sollte ich mir das Mikrofon schnappen und es laut den Massen verkünden.“

„Warum eigentlich nicht?“ Sie seufzte.

„Hab keine Angst um mich, Meggie.“ Nick schob die Hände unter ihren Umhang, strich über ihren Rücken und drückte sie an sich. Deutlich fühlte sie seinen festen Körper, seine Hitze. Ihre geschwollenen, empfindlichen Brüste pressten sich gegen seine muskulöse Brust, und heißes Verlangen durchströmte sie. Von wegen freundschaftliche Gefühle …

Meg schob ihn ein Stückchen von sich. „Ich verstehe dich überhaupt nicht.“

Sein Gesicht wurde ernst. „Vielleicht ist es besser so.“

Sie erwiderte nichts. Ein Ehemann, der nichts von persönlichen Beziehungen hielt. Was hatte sie für ein Glück! Doch sie musste sich eingestehen, dass er sich richtig verhielt. Wenn sie sich miteinander einließen, würde das ihr Abkommen nur schwieriger machen. Und mehr als ein geschäftliches Abkommen hatte er ihr nie versprochen.

Dennoch hätte sie gern etwas mehr über den Verkauf der Spencerfabrik erfahren. Sie musste an seinen Computer, das Fax, das Telefon und seine Millionen denken …

Nein, das konnte nicht sein. Niemals würde Nick einen Menschen aus purer Wut heraus ruinieren. Oder vielleicht doch?

„Alles in Ordnung, Meggie?“

Sanft strich er ihr über die Wange, und sie kämpfte gegen das Verlangen an, ihr Gesicht fest an seine Hand zu pressen.

Er hatte genau den gleichen Ausdruck wie in dem Moment, als der Standesbeamte sie traute. Bevor er sie küsste. Würde er sie jetzt wieder küssen? Hier, in aller Öffentlichkeit?

Sie hörten auf zu tanzen, und sie sah ihm in die Augen. Er zog sie dichter an sich. Ihr stieg der Duft seines herben After Shaves und der Lederjacke in die Nase. Seine stachligen Bartstoppeln kratzten über ihre Wange, und sein Mund war nur noch einen Hauch von ihrem entfernt.

„Sehen wir für die anderen verheiratet genug aus?“, murmelte er und strich mit den Lippen federleicht über ihre.

Meg erzitterte. Hitze durchflutete sie, und sie musste sich an seiner Jacke festhalten, weil ihr die Knie weich wurden. War es nicht egal, ob er alles nur der anderen wegen tat? Ihr gehörte dieser Augenblick, nur ihr allein …

Bis die Realität sie einholte.

Hastig wich sie zurück und atmete tief durch. „Ich bin müde, Nick.“ Müde, mir ständig Sorgen zu machen, müde, für diese Menschen zu schauspielern.

Er nickte und rückte seine Jacke am Hals zurecht. „Lass uns nach Haus fahren.“

Als er ihre Hand nahm, fühlte sie sich fast wieder wie damals in der unbeschwerten Zeit vor sechzehn Jahren.

Sie hatten gerade den Parkplatz erreicht, als sie eine hämische Stimme hörten: „He, Witchy Poo, wenn du dein Engelskostüm wendest, zeigt sich dann ein Teufelskleid?“

Sonny Jenks. Junior Crabbe. Die ganze Bande, Gary Joanson eingeschlossen.

Sie lehnten lässig an Nicks Pick-up. Einer hielt einen Stein in der Hand.

„Na, kommt, Jungs“, sagte sie ruhig, wie immer um Frieden bemüht. „Es ist schon spät. Wir haben keine Lust auf Ärger.“

Nick schob sich vor sie. „Ihr seid nie richtig erwachsen geworden, stimmt’s?“

„Hört ihn euch an!“, schrie Junior, der ein gelbes Tuch um die Schultern trug, ein misslungener Versuch, sich als Geist zu verkleiden. „Hat der Kerl ein großes Maul.“

Sonny schnaubte. „Wird ihm nicht schmecken, wenn es mit meiner Faust Bekanntschaft macht.“

„Also darauf seid ihr aus“, gab Nick gelassen zurück. „Na los, Sonny, zeig mal, ob du ohne Stein auch noch so mutig bist.“

Junior lachte und schob Gary nach vorn. „Nun dreh nicht gleich durch, Cassidy. Wir wollen nur wissen, ob’s stimmt.“ Er gab Gary einen Stoß. „Los, sag es ihnen.“

Unter der verwischten Farbe war Garys Gesicht bleich. Meg sah ihm an, dass er sich um einen Rest Würde bemühte. „Ich habe ihnen gesagt, dass du der Vater von Megs Kind bist.“

„Das ist doch absoluter Schwachsinn, oder?“, rief Sonny schrill.

Nun packte Meg die Angst. Konnten sie die Sache nicht einfach sein lassen?

Nick stand stumm da, während er die drei nur kalt anstarrte. Aber Sonny ließ sich nicht einschüchtern.

„Also Cassidy, bist du nun der Daddy oder nicht?“

Meg konnte sehen, wie sich Nicks Schultern anspannten. Breitbeinig stellte er sich hin, aber sie wollte nicht, dass er sich prügelte. „Komm, gehen wir“, flüsterte sie.

Er drehte sich halb zu ihr herum. Sein Gesichtsausdruck wirkte bedrohlich. Am liebsten wäre sie davongelaufen. „Ich dulde nicht, dass diese Typen so über dich reden, Meggie.“

„Lass sie nur, es stört mich nicht“, log sie.

„Na, du weißt wohl nicht so recht, wer der Daddy ist, Witchy Poo?“, höhnte Sonny. „Ist die Auswahl so groß?“

Blitzschnell wirbelte Nick herum und drückte Sonny gegen den Wagen. Starr vor Schrecken befürchtete Meg das Schlimmste.

Mit einem Arm presste Nick Sonny gegen die Wagentür, mit der freien Hand hatte er ihn am Ohr gepackt. „Du hast nichts gelernt, nicht wahr, Sonny?“, knurrte er. „Neulich war sie noch nicht meine Frau, aber nun ist sie es. Du solltest es dir gut überlegen, ob du nicht in Zukunft deine große Klappe hältst.“

„Ja, aber … au!“

Nick drehte kräftig an Sonnys Ohr. Meg biss sich auf die Lippen und behielt die anderen Männer im Auge. Nervös wippten sie auf ihren Stiefeln und schienen zu überlegen, ob es etwas bringen würde, gemeinsam über Nick herzufallen. Gary sah zu Meg hinüber, während er von den beiden wegrückte.

„Reicht euch der Spaß?“, fuhr Nick fort.

Scheinwerferlicht fiel plötzlich auf sie. Sonny riss sich los, sprang zur Seite und rieb sich das schmerzende Ohr. Ein Streifenwagen rollte heran, den Suchscheinwerfer auf sie gerichtet.

„Alles in Ordnung?“ Sheriff Carson steckte sein gedunsenes Gesicht aus dem Wagenfenster.

Nick erstarrte. Der Sheriff hatte ihn damals aus der Stadt gejagt.

„Alles klar, Sheriff.“ Sonny winkte dem älteren Mann beruhigend zu.

Sheriff Carson spie einen Schwall brauner Tabakbrühe aus. Sie landete direkt vor Nicks Stiefel. Nick ballte die Fäuste.

„Verschwinde, Sonny, bevor ich deine Ma anrufe. Man sollte meinen, dass du mit dreißig langsam Verstand angenommen hättest.“

Sonny und die drei grinsten verlegen und machten sich aus dem Staub.

Nick blickte den Sheriff mit einer Miene an, als hätte er einen Albtraum.

„Bist du das, Cassidy?“

„Ja“, erwiderte er einsilbig.

„Ich hätte dich für klüger gehalten. Jeder geprügelte Hund hat Grips genug, sich nicht wieder dorthin zu trauen, wo man ihn vertrieben hat.“ Er spuckte nochmals. Diesmal landete die Brühe fast auf dem Stiefel. Nick zuckte mit keiner Wimper.

Meg trat ins Licht. „Sheriff Carson, es gibt hier keine Probleme. Sonny und Junior haben sich nur einen dummen Spaß erlaubt.“

„Von Spaß verstehst du ja was, Mädchen.“

Sie erwiderte nichts, aber ihr stieg das Blut ins Gesicht.

Schweigend musterte sie der Gesetzeshüter, ehe er barsch sagte: „Halt dich aus unseren Angelegenheiten heraus, Cassidy. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“

Die Reifen knirschten über den Kies, als der Streifenwagen davonfuhr.

Meg hörte Nick schwer atmen. Aber erst als der Wagen um die Ecke war, sagte sie: „Hör auf niemanden hier, Nick. Ich …“

Er ging um den Pick-up herum und schlug mit der Faust gegen die Seitenscheibe. Sie splitterte in winzige Stücke, zerbrach aber nicht, sondern bog sich nach innen.

„Nick!“

Er stand stocksteif da, bevor er die Wagentür öffnete und mit der Hand ein paar Glassplitter vom Sitz fegte. „Auf deiner Seite ist nichts. Fahren wir.“

Nach kurzem Zögern folgte sie seiner Aufforderung. Aber sie drängte sich an die Tür, so weit wie möglich von ihm entfernt. Der Zorn ihres Mannes machte ihr Angst.

Nick ließ die verletzte Hand auf die Werkbank sinken.

Obwohl der dumme Zwischenfall schon einige Tage her war, schmerzte sie noch immer. Während er geistesabwesend an dem lockeren Verband zupfte, musste er an Meggies Verhalten nach der Rückkehr ins Haus denken. Knapp hatte sie ihm Hilfe angeboten, aber er hatte abgelehnt und ihr den Rücken zugekehrt. Mit müden Schritten war sie dann die Treppe hochgegangen, und er blieb voller Schuldgefühle zurück.

Man könnte denken, er hätte sie und nicht gegen die Scheibe geschlagen. Allein der Gedanke ließ ihn frösteln. Nie wieder durfte er sich so gehen lassen.

Und er musste sein Verhalten wiedergutmachen. Die letzten Tage war sie ihm aus dem Weg gegangen, was für ihn mittlerweile unerträglich war.

Nick griff nach dem Schleifpapier und machte sich wieder an die Arbeit. Er hatte die altmodische Wiege in einem der leeren Räume des alten Hauses gefunden. Sie brauchte einen neuen Anstrich und eine neue Matratze.

Hoffentlich würde er Meggie mit dem fertigen Babybettchen eine Freude bereiten.

Nick schüttelte den Kopf. Es war ihm zur wichtigsten Aufgabe geworden, seine Frau glücklich zu machen, und das brachte ihn ziemlich aus dem Gleichgewicht. Nie zuvor war er länger als ein, zwei Monate mit einer Frau zusammen gewesen. Oder hatte es längere Zeit am selben Ort ausgehalten.

Als ein frischer Wind durch die offene Tür hereinwehte, blickte Nick hoch. Er hatte gar nicht bemerkt, dass es schon so spät geworden war.

Er wusch sich die Hände, strich sich die Haare aus der Stirn und schlenderte zurück zum Haus. Da bemerkte er dunkle Schatten, die sich den Hügel hinab bewegten. Was war da los?

Er beschleunigte seine Schritte und eilte in die Küche.

„Meggie, wer ist …?“

Sie lag ausgestreckt am Boden, neben ihrem Kopf stand ein Glas mit einer milchigen Flüssigkeit. Sanft rieb sie ihren Bauch.

„Was ist denn?“, fragte sie gelassen.

„Was machst du da?“ Nick verspürte Panik.

„Oh … ich habe es gefühlt“, erwiderte sie mit großen Augen.

„Was?“

Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie antwortete. Als wolle sie ihr Geheimnis für sich behalten. „Das Baby. Ich kann fühlen, wie es sich bewegt.“

Im nächsten Moment kniete er neben ihr und legte seine Hand auf ihren Bauch.

„Ich fühle nichts.“

„Wart’s ab.“

Eine halbe Ewigkeit saßen sie nur da.

Dann, eine kaum spürbare Bewegung. „Verdammt, ich fühle es auch!“

„Du sollst nicht vor dem Baby fluchen.“

Er grinste. „Entschuldige, Mom.“

Ihre Blicke begegneten sich, während seine Hand auf ihrem Bauch ruhte.

Meg fand als Erste in die Wirklichkeit zurück. Sie richtete sich auf den Ellbogen auf. „So, Vorstellung beendet. Das Baby hat uns für heute Abend genug unterhalten, denke ich.“

Im selben Moment klingelte es an der Haustür. Nick fiel seine erste Frage wieder ein. „Wer ist dort draußen?“

„Es ist Halloween.“

Stimmt. Er war so mit sich beschäftigt gewesen, dass er alles andere um sich herum vergessen hatte. „Ich meinte eben Schatten zu sehen, die den Hügel hinunterschlichen.“

Meg zog die Augenbrauen hoch. „Kinder. Sie haben nicht einmal geklingelt, sondern nur durchs Türfenster geschaut und sind dann kreischend weggelaufen. Sie waren die Ersten heute Abend, die sich bis hierher getraut haben.“

Leichte Traurigkeit schwang mit, und er dachte an die Schauergeschichten, die in der Stadt umgingen und von den Hexen auf dem Hügel erzählten. Meg musste ein sehr einsames Leben gelebt haben, seit er fortgegangen war.

Wieder wurde Sturm geklingelt. Er stand auf. „Die sind wirklich hartnäckig. Ich kümmere mich darum. Ruh du dich aus.“

Mit einem dankbaren Seufzer ließ sich Meg zurücksinken und legte die Hände auf den Bauch. Er lächelte und ging zur Tür. Im Eingangsflur entdeckte er eine Schale mit Süßigkeiten. Ausgehöhlte Kürbisse mit Augenlöchern und halb zahnlosen Mündern leuchteten unheimlich.

Die Kinder wichen zwei Schritte zurück, als er öffnete, und umklammerten ihre Beutel. Es waren Jungen – ein Freddy-Krüger-Klon und ein X-Man.

„Was Süßes, sonst gibt’s Saures …“, murmelten sie mit halb gesenkten Köpfen.

Nick schaut sich um, entdeckte keine weiteren tapferen Jungen und schüttete den Inhalt der Schale in die Beutel der beiden.

Fassungslos starrten die Kinder ihn an.

„Mut muss belohnt werden.“ Nachdem er die Tür geschlossen hatte, hörte er ihre Jubel- und Erleichterungsrufe, als sie von der Veranda sprangen und davonrannten.

Als er das Wohnzimmer betrat, lag Meg auf der Seite, eine Hand unter die Wange geschoben. Sie sah so unschuldig und friedlich aus, und er fand sie wunderschön.

Was würde er dafür geben, sie berühren zu dürfen.

Er bückte sich und blickte in ihr sanft gerötetes Gesicht. Sie war schon eingeschlafen.

Zögernd streckte er die Hand aus, legte sie behutsam auf ihren Bauch, schloss die Augen, während er sich das Kind darin vorzustellen versuchte.

Er sah seinen Herzschlag, die winzigen Fäuste an die schmale Brust gepresst. „Ich kann kaum glauben, dass du dort drinnen bist“, flüsterte er.

Hastig richtete er sich auf. Hatte er tatsächlich zu dem Ungeborenen gesprochen?

Ja, das hatte er. Idiotisch, aber irgendwie tat es gut.

Mit neuem Mut legte er wieder die Hand auf Megs Bauch, fühlte, wie er sich bei jedem Atemzug langsam hob und senkte. „Was für ein Mensch wirst du einmal sein?“, flüsterte er. „Sag mir, dass du wie deine Mom wirst.“

Meg rührte sich und drehte den Kopf zur Seite. Schuldbewusst richtete Nick sich auf, hob sie auf die Arme, trug sie zum Sofa und ließ sie vorsichtig darauf nieder. Behutsam deckte er sie mit einer warmen Decke zu.

Dann, ohne sie noch einmal anzusehen, ging er in sein Büro und versuchte zu vergessen, was er gerade getan hatte.

6. KAPITEL

Als Meg am nächsten Abend hinter sich und Deacon die Tür abschloss, presste sie die Tasche mit den Tageseinnahmen, die sie unter der weiten Schaffelljacke trug, dicht an sich.

Noch nie hatte sie so viel verdient. Offenbar verdankte sie diese Tatsache Nicks Rückkehr nach Kane’s Crossing. Mehr und mehr Einwohner der Stadt kamen auf einen Kaffee, ein Stück Kuchen oder einen Snack vorbei.

Sie wandte sich um und winkte Nick zu, der auf der anderen Straßenseite an seinem Pick-up lehnte und auf sie wartete. Den Verband an der Hand hatte er abgenommen und auch eine neue Scheibe einsetzen lassen. Meg wollte seinen Wutausbruch vergessen. Hoffentlich begriff Nick, wie sehr er sie damit verstört hatte, und beherrschte sich in Zukunft besser.

Ihr fiel ein, wie behutsam er seine Hand auf ihren Bauch gelegt hatte, und sie dachte an das Erstaunen in seinen Augen, als das Baby sich bewegte.

Hatte sie durch die Ehe mit ihm ihre eigenen Probleme gelöst? Nicht wirklich. Nach der schlimmen Erfahrung mit Chad Spencer wollte sie nicht noch einmal verletzt werden. Also musste sie dafür sorgen, dass ihre Ehe weiterhin platonisch blieb.

Warum sehnte sie sich dann Nacht für Nacht nach Nick?

Er winkte zurück und schob die Sonnenbrille hoch.

Sie überquerten die Straße. „Na, hast du im Büro ordentlich etwas geschafft?“

„Ich war sehr produktiv.“ Er musterte Deacon kurz von oben bis unten und deutete mit dem Kopf auf die menschenleeren Straßen. Ein pinkfarbener Werbezettel trudelte durch die Luft. Grün gestrichene Bänke ruhten an den Hauswänden. Den Fußweg bedeckten Kürbisschalenreste. „Die Stadt ist wie leer gefegt.“

„Heute Abend bestreitet die Spencer High School ein wichtiges Footballspiel.“ Sie öffnete die hintere Wagentür und warf den Geldbeutel hinein. „Mr. Chaney, gehen Sie auch nach Hause?

Der alte Mann nickte.

Nick schob die Sonnenbrille wieder auf die Nase. „Sollen wir Sie mitnehmen?“

„Nicht nötig, danke.“ Mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen blickte er Nick an. „Hast du das mit dem Spencer Market gehört?

Nick hakte die Daumen in die Gürtelschlaufen.

„Was gibt es denn?“, fragte sie.

„Gerüchte besagen, jemand soll ihn gekauft haben. In der letzten Zeit gibt es interessante Entwicklungen in der Stadt.“ Wieder blickte er Nick an.

Ob Nick mit all dem zu tun hatte?

„Ich weiß sehr gut, wie es ist, ein Geschäft zu verlieren“, fuhr Chaney fort.

Empört richtete Meg sich auf. „Nick hat nichts mit der Bombe auf Ihren Laden zu tun, Mr. Chaney!“ Sie wandte sich an Nick. „Los, sag es ihm.“

Er schwieg.

Deacon wartete einen kurzen Moment, dann schüttelte er den Kopf. „Den Spencers wird nicht gefallen, was da abläuft. Aber es gibt hier ein paar Leute, die heimlich Beifall klatschen.“

„Was meinen Sie damit?“, fragte Meg.

„Ich meine damit, dass bestimmt neunzig Prozent der Einwohner von den Spencers abhängig sind und Chad sie damit in der Hand hat. Was sie nicht besonders freuen wird.“

Meg schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Sie lieben Chad und seine Familie. Sehen Sie sich doch nur einmal in der Stadt um, Mr. Chaney.“ Sie deutete nach oben. Über ihren Köpfen flatterte ein Willkommenstransparent im Wind.

Deacon breitete die Arme aus und trat vom Wagen zurück. „Halloween ist zwar vorbei, aber nicht jeder hat seine Maske abgenommen“, meinte er mit einem grimmigen Lächeln, bevor er ging. Aus der Ferne war vom Spencer-Footballplatz lautes Rufen zu hören.

Meg stieg in den Wagen. Schweigend rutschte Nick neben sie. Er nahm seine Sonnenbrille ab, steckte sie in die Hemdtasche und ließ den Motor an.

„Deacon Chaney muss aufpassen, was er sagt“, bemerkte Meg. „Sein loses Mundwerk bringt ihn sonst in Schwierigkeiten.“

„Warum? Was können Chad und seine Kumpane ihm noch antun?“

„Es ist nur …“ Meg sprach einen Moment nicht weiter. Sie durfte sich nicht aufregen, es schadete dem Kind. Sie seufzte. „Konfrontationen bringen nichts.“

Nick schwieg einen Augenblick, dann sagte er zögernd: „Ich erinnere mich an ein Mädchen, das nie gekniffen und Ungerechtigkeit so einfach hingenommen hat.“

„Das Mädchen war noch ein Kind.“ Meg presste die Lippen zusammen. Es stimmte, damals war sie freimütiger gewesen. Aber das Leben hatte ihr schmerzhafte Wunden zugefügt.

Nick berührte ihren Arm. „Tut mir leid, Meggie. Ich wollte dich nicht aufregen. Aber meinst du nicht, irgendjemand sollte Chad Spencer und seine Familie bezahlen lassen für das, was sie anderen angetan haben?“

Seine Worte überraschten sie. „Was willst du damit sagen?“

Er ließ seine Hand schwer auf den Sitz sinken. „Nichts. Schon gut, Meggie.“

„Nein. Heraus mit der Sprache, Nick.“

Sie mussten an einer roten Ampel halten, und er strich mit dem Daumen über eine kaum sichtbare Narbe auf seiner Hand. „Manchmal muss man dem Schicksal nachhelfen, sonst verliert man alle Hoffnung.“

Beinahe hatte sie Angst zu fragen. „Und du hilfst gerade nach?“

„Keine Bange, Meggie. Ich bin hier, um dir zu helfen.

Es war mühselig, etwas aus ihm herauszuholen. Also ließ sie das Thema vorerst fallen.

Nachdem sie zu Hause angekommen waren, zog sie sich gleich ihre Sportsachen an – einen weiten Overall, ein langes Hemd und bequeme Laufschuhe. Ihr Haar nahm sie mit einer Spange zusammen. Die letzten Abende hatte Nick sie beim Spaziergang über die Hügel begleitet, und sie hatte sich beschützt und sicher gefühlt.

Als sie nach unten kam, stand Nick dort, mit dem Rücken zu ihr.

„Na, fertig zum Marathon?“, fragte sie.

Er drehte sich zu ihr um. „Gehört dies dir?“ Er hielt ein altes Foto hoch. Zuerst erkannte sie nur einen roten Pulli und einen weißen Rollkragen, doch dann sah sie es genauer.

Oh Gott. Das fast kahle Köpfchen mit den wenigen flauschigen Löckchen. Das zahnlose Lächeln. Die kugelrunden blauen Augen, die sie anlachten.

„Wo hast du das her?“, fragte sie gepresst.

„Es lag in einer meiner Schreibtischschubladen. Wer ist der süße kleine Fratz?“

Sie wandte sich ab. „Bring es weg. Ich möchte es nicht mehr sehen.“

Nick schwieg, bevor sie hörte, wie er den Raum verließ.

Meg sank auf den Fußboden, während sie ihre Tränen zurückzuhalten versuchte.

Vergeblich.

Nick wusste, dass Meg jetzt für eine Weile allein sein musste. Ihre schrille Stimme und die steifen Schultern hatten es ihm verraten.

Deshalb hatte er sich auf den Weg in den Schuppen gemacht, um an der Wiege zu arbeiten. Schließlich kehrte er ins Haus zurück.

Meg lag schlafend auf der Couch. Ihr Gesicht war noch nass von Tränen.

Verdammt, er hätte doch bleiben sollen!

Spontan legte er die Hand auf ihren Bauch. „Hat sie sich aufgeregt?“, sprach er leise mit dem Baby. „Wie können wir sie wieder beruhigen?“

Er stand da und wartete tatsächlich auf eine Antwort. Idiot.

Nick zog die Hand zurück, ging in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Er brauchte Abstand zu seiner Frau.

Meg war schon bald wieder wach. Sie hatte geträumt, dass Nick im Zimmer gewesen war, sie gestreichelt und mit ihr gesprochen hatte.

Sie rieb sich die Augen. Schrecklich, was die Hormone mit ihr anstellten! Langsam ging sie zu Nicks Büro und klopfte an. Als sie eintrat, blickte Nick vom Schreibtisch auf.

„Hast du immer noch Lust auf einen Spaziergang?“, fragte sie ihn leicht verlegen, weil sie vorhin in seiner Gegenwart die Fassung verloren hatte.

So wie er aussah, fühlte er sich auch nicht gerade wohl in seiner Haut.

„Tut mir leid, dass ich losgeheult habe. Es müssen die Schwangerschaftshormone sein.“

„Kein Problem.“ Er stand auf und griff nach seiner Jacke. Seine Silhouette zeichnete sich gegen den dämmrigen Himmel hinter dem Fenster ab.

Schweigend verließen sie das Haus, gingen den Hügel hinunter und weiter die Straße entlang. Ihr war klar, dass er wissen wollte, was es mit dem Babyfoto auf sich hatte. Aber sie war entschlossen, es für sich zu behalten.

Als sie am Friedhof vorbeikamen, berührte sie Nick am Ellbogen und deutete auf den schmalen, gewundenen Weg, der in einen Pinienhain führte. „Mal sehen, ob du dich noch erinnerst.“

Wenig später erreichten sie einen zerbrochenen Holzzaun. Bäume versperrten ihnen die Sicht auf das, was dahinter lag. Ein Metallschild verriet, dass es sich um eine historische Stätte handelte.

„Das alte Versammlungshaus“, meinte Nick grinsend.

Meg erwiderte sein Lächeln. Vor Jahren waren sie einmal hier gewesen und hatten alles erkundet.

Nick warf einen Blick auf das Vorhängeschloss an der Pforte. „Ob es wohl diesen Wächter noch gibt? Weißt du noch, dass alle erzählten, er hätte nur ein Auge und liefe mit einem Gewehr durch die Gegend?“

„Heute schleicht hier niemand mehr herum. Ich glaube, die Leute haben das Haus längst vergessen.“

„Schon merkwürdig, was die Leute hier vergessen und woran sie sich erinnern.“ Nick drückte die Pforte weit genug auf, dass Meg hindurchpasste. „Gehen wir hinein?“

„Du hast keine Angst vor dem bösen Wächter?“, scherzte sie. Sie verspürte eine Abenteuerlust wie schon seit vielen Jahren nicht mehr.

„Du traust dich nur nicht, gib’s zu“, zog er sie auf.

Sie warf ihm einen strafenden Blick zu und wagte sich durch die Öffnung. Nick folgte ihr. Die Pforte schlug mit einem metallischen Klang hinter ihnen zu.

Nick ergriff Megs Hand, und sie stiegen den sanften Hügel zum Versammlungshaus hinauf.

Anfang des neunzehnten Jahrhunderts war es aus soliden Backsteinen erbaut worden. Hier hatten sich die armen Farmer der Gegend zum Gottesdienst und anderen Veranstaltungen getroffen. Aber nach einigen schrecklichen Ereignissen wurde das Haus aufgegeben. Eine der Geschichten berichtete, dass ein junges Liebespaar im Haus ermordet wurde und ihre Geister bis zum heutigen Tag umgingen.

Neben dem Haus lag ein kleiner Friedhof mit schief stehenden Holzkreuzen.

Inzwischen war es dunkel geworden, und Meg zog schaudernd die Schultern nach vorn. Wieso hatte sie Nick überhaupt hergebracht? Um ihm zu beweisen, dass sie wie früher mutig sein konnte?

Ein lauter Knall hinter dem Haus ließ sie zusammenfahren. Nick ergriff ihre Hand und zog Meg mit sich, den Hügel hinab.

„Was ist denn?“, fragte sie. „Bestimmt war es nur ein Auto.“

„Oder aber der Wächter. Wie auch immer, ich will nicht, dass du in Gefahr gerätst. Gehen wir.“

Sollte das ein Witz sein? Seit sie zwölf gewesen war und sich an verbotenen Orten mit Nick herumgetrieben hatte, hatte sie sich nicht mehr so frei gefühlt.

Sie drehte sich zu Nick um, stellte sich auf die Zehenspitzen und bedeckte seine Augen mit den Händen. Er zuckte ein wenig zurück, und schon bedauerte sie ihre Kühnheit.

Aber nein, sie würde sich nicht wieder in ihre Schale verkriechen!

Megs Hände ruhten immer noch auf seinem Gesicht. „Lausch einfach den Geräuschen, Nick“, sagte sie sanft.

Leise strich der Wind über die trockenen Piniennadeln, sonst herrschte Stille in dieser sternenfunkelnden Nacht. Es war eine Melodie, die sie an ihre Kindheit erinnerte, an sorgenfreie Stunden und Tage.

„Was hörst du?“, fragte sie, nahm die Hände herunter und legte sie ihm auf die breiten Schultern.

Nick neigte den Kopf zur Seite, berührte mit dem Mund ihren Handrücken, und sie spürte deutlich seine Bartstoppeln. Er schloss die Augen.

Meg erzitterte. „Nick …“

„Ich weiß.“ Aber anstatt sich zurückzuhalten, nahm er ihren Zeigefinger zwischen die Lippen, küsste ihn, biss zärtlich in die Fingerspitze.

Meg konnte nicht anders, sie schmiegte sich an seine feste Brust, sog tief seinen männlichen Duft ein.

„Oh, Meggie, ich habe mich immer gefragt, wie es wohl wäre, dich zu küssen.“

Deutlich spürte sie seine Erregung, drängte sich an ihn, hob den Kopf und suchte seine Lippen, seinen Blick.

Was sie in seinen Augen las, erfüllte sie mit heißem Verlangen. Als er seinen hungrigen Mund auf ihren presste, vergaß sie alles um sich herum. Es gab nur noch Nick für sie. Sie schob ihre Finger in sein Haar, spielte mit den seidigen Locken im Nacken.

Die Nacht hüllte sie ein und trieb ihre Körper dichter zueinander. Er ließ seine Hände ihre Arme hinaufgleiten, liebkoste mit den Daumen den pochenden Puls an ihrem Hals.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie verspürte Furcht, sich ihm hinzugeben, aber die Lust wurde stärker. Meg wollte, dass Nick ihr die Kleidung abstreifte. Sie sehnte sich danach, dass er ihr Versprechen ins Ohr flüsterte.

Seine warme Zunge suchte ihre, seine Hände strichen über ihre Brüste, rieben die festen Spitzen. Sein Kuss wurde drängend.

Atemlos und verwirrt wich Meg zurück.

Nick seufzte und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Tut mir leid.“

Bedauerte er es, sie geküsst zu haben? Sie rang sich ein gekünsteltes Lachen ab.

„Mach dir keine Sorgen, Nick.“ Der leichte Ton war vorgetäuscht.

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