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Kampf um Rohedan


Prolog

Wolf lehnte sich zurück. Obwohl der Tag lang und anstrengend gewesen war, fühlte er sich viel zu angespannt, um schlafen zu können. Endlich hatten sie ihre Gruppen vereint, nur noch wenige Tage und sie würden aufbrechen.
Heute hatten ihn die Götter zu sich gerufen und ihm die Führerschaft erteilt. Mit Drak’en an ihrer Spitze hatten sie vor ihm gestanden, und wieder einmal war er sich so klein und unbedeutend vorgekommen, dass er kaum die richtigen Worte finden konnte, sie zu ehren. Er, der Anführer ihrer Armeen – er konnte es immer noch nicht fassen.
Sein zärtlicher Blick streifte Luna, die in eine Decke eingerollt, dass nur noch zwei Haarsträhnen herauslugten, neben ihm schlief. Sie war der Auslöser gewesen, nur für sie hatte er diese lange Reise auf sich genommen. Und es war ganz anders gekommen, als er es sich in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können.
Eigentlich hatte er das alles gar nicht gewollt. Eigentlich hatte er nur Luna aus den Kerkern der Druiden retten wollen. Dass dieser Weg lang und mit Gefahren verbunden war, hatte er gewusst, aber das Ausmaß dessen, was er mit diesem Entschluss losgetreten hatte, war ihm damals nicht bewusst gewesen, hatte er auch nicht wissen können, er lächelte, sonst wäre er vielleicht wankend geworden. So aber hatte er sein Schicksal endlich angenommen, war bereit, die Position auszufüllen, die die Götter für ihn gewählt hatten.
Seine Gedanken schweiften zurück. Damals, als er Luna kennengelernt hatte, war er IHR Schüler gewesen und IHNEN treu ergeben. Erst sie, IHRE Mondpriesterin, hatte erste Zweifel in ihm gesät, die nach ihrer Verhaftung immer stärker geworden waren, bis er zuletzt nur noch ein Ziel gehabt hatte, sie zu befreien, auch wenn er sich dafür gegen SIE stellen musste.
Aus diesem Grund hatte er sich für eine Mission beworben und war, trotzdem er den Druiden Darek als Führer und als Aufsicht ebenso, an die Seite gestellt bekommen hatte, mit dem Ziel aufgebrochen, nach der Erfüllung seines Auftrages zu den Kerkern der Druiden weiter zu reisen.
Doch dann war Darek fast gestorben und nur durch seine und die Hilfe der Schneewölfe gerettet worden. So kam es, dass dieser es als seine Pflicht ansah, ihn aus den Fängen der weißen Tiger zu befreien, sich damit ebenfalls gegen SIE stellte, und nun Wolf folgte, als ebenso treuer Gefährte wie die anderen, die nach und nach auf seinem langen Weg an seine Seite kamen.
Nur dass er, selbst nachdem er den ersten Gott Shal‘ater befreit hatte, tatsächlich noch nicht bereit war, sein Schicksal anzunehmen. Was hatte er innerlich aufbegehrt gegen den Willen der großen Schlange, ihn als Führer zu nehmen, die verstoßenen und in Alternativgestalten gefangenen Götter zu befreien, um mit diesen zusammen die Hüter der Elemente zu suchen und schließlich die Armeen zu vereinen.
Naja, eigentlich hatte Shal’ater ihm die Wahl gelassen. Natürlich hätte er seiner Wege gehen können, aber in diesem Fall hätte der Gott in den Kampf um Rohedan nicht eingegriffen, obwohl er wusste, dass IHRE Armee gegen den König ziehen würde und IHRE Herrschaft noch weit schrecklicher als die seine wäre. Was für eine Wahl hatte er da gehabt?
Zu seinem Glück erhielt er einen unerwarteten Verbündeten; Artharykh, den gefesselten Dämon, der auf der Suche nach dem Mörder seiner Familie war. Und während Wolf gemeinsam mit Shal’ater, die Sirene Arkanna und das Einhorn Dariana erlöste, befreite dieser zusammen mit seiner Gefährtin Amsshi den Phönix Flame’tharul und den Sturmfalken Taifun.
Nachdem Artharykh in die Hölle hinab gestiegen war, um dort den goldenen Drachen Fuch Goldschwinge aus seinem selbst auferlegten Exil zu führen, gelang es ihm gemeinsam mit Wolf, den letzten Gott, den Lichtdrachen Drak’en und natürlich Luna zu befreien, die beide im selben Verlies gefangen gehalten wurden.
Wolf blickte wieder auf Luna. Bisher hatte er es nicht über sich gebracht, ihr seine Liebe zu gestehen, zu groß war seine Angst, dass sie in ihm nur den guten Freund sah, der er damals bei den Druiden für sie gewesen war. Und natürlich das Objekt ihrer Neugier. Sie war es, die das Geheimnis seiner Herkunft gelüftet hatte, ihn endlich verstehen ließ, warum er sich oft derart allein gefühlt hatte, nahezu als Fremder, der kaum Kontakt zu den anderen herstellen konnte. Durch sie war sein Selbstvertrauen gewachsen, hatte er den Mut gefunden, sich seiner Aufgabe zu stellen.
Aber noch war es nicht groß genug, den alles entscheidenden Schritt zu wagen und ihr seine Liebe zu gestehen. Nein, er würde warten, bis er sich sicher sein konnte, dass sie ähnlich empfand wie er.
Wolf ließ sich auf sein Lager zurücksinken. Es war Zeit endlich zur Ruhe zu kommen. Morgen würde ein weiterer anstrengender Tag der Planung folgen.
Draußen vor dem Zelt außer Sicht- und Hörweite hatte Artharykh die leisen Geräusche, die aus dem Zelt ihres Anführer drangen, vernommen und nickte nun zufrieden. Die Götter hatten sich für den richtigen entschieden, Wolf war der einzige, dem alle vertrauten und dem alle folgen würden: Avenloin, Hüter des Wassers, ebenso wie Darek, Hüter des Windes, Lelia, Hüterin des Lichts und die Geschwister Thal und Kara, Hüter, beziehungsweise Hüterin des Lichts und der Schatten. Und natürlich seine Rya, die Hüterin des Feuers.
Seine Miene verzog sich zu einem grimmigen Lächeln, solange er es zuließe, dass sie ihm folgte, das hieß, solange ihr Einsatz sie nicht in Gefahr brachte und es mit seinen eigenen Plänen im Einklang stand. Aber darüber würde er seine Verbündeten natürlich nicht informieren.
Sein Lächeln verschwand, als er erneut ein Geräusch aus dem Zelt hörte, in dem Luna und Wolf schliefen. Sorgenvoll dachte er an das, was die Mondgöttin ihm anvertraut hatte. Sie hatte richtig gehandelt, dass sie Wolf den wichtigsten Teil seiner Herkunft verschwiegen hatte. Er wäre außer sich gewesen und hätte nie und nimmer seiner Führerschaft zugestimmt.
Zu erfahren, dass seine Mutter, eine IHRER Druidinnen, vor ihrem Geliebten, seinem Vater einem Mitglied IHRES Rates hatte fliehen müssen, damit er sie nicht ermordete, war bestimmt schon ein Schock gewesen. Dass sein Großvater, der es übernommen hatte, ihn aufzuziehen, von IHREN Druiden ermordet worden war, damit SIE ihn in IHREN Orden aufnehmen konnten, hatte ihn sichtlich in Zorn versetzt.
Hätte er zu diesem Zeitpunkt erfahren, dass sein Vater derjenige war, gegen den sie zu kämpfen gedachten, wäre seine Wut umgeschlagen und sein mühsam aufgebautes Selbstvertrauen zu sehr erschüttert worden, dass er sich von allem losgesagt hätte und damit der Sieg in weite Ferne gerückt wäre. Ohne ihn wäre es mehr als ungewiss, ob die bis vor Kurzem noch verfeindeten Tiger und Wölfe, wirklich gemeinsam Seite an Seite kämpfen würden, wie es die Königin der Tiger, Rhaki, ebenso wie die Abgesandten der Wölfe, Schneeball und Eisklaue zugesagt hatten. Und ohne hin wäre auch der Zusammenhalt der anderen Kämpfer gefährdet. Nein, er musste dafür sorgen, dass Lunas Geheimnis gewahrt blieb, zumindest bis Wolf soweit gefestigt war, dass er die tatsächlichen Gegebenheiten annehmen konnte.
Ein weiteres leises Geräusch ließ ihn aufmerken. Rya hatte den Kopf aus dem ihnen zugewiesenen Zelt gesteckt und winkte ihn zu sich. Artharykh schüttelte die unerfreulichen Gedanken ab, jetzt in diesem Moment wollte er sich ganz ihr widmen.


Teil I

1. Kapitel

Wolf lief hektisch durch das Lager. Seit die Götter das Portal, das sie zur Weiterreise benutzen wollten, geöffnet hatten, war das reine Chaos ausgebrochen. Obwohl sie den Ablauf in langen, ermüdenden Sitzungen ausführlich besprochen hatten, war zu diesem Zeitpunkt von Organisation wenig zu spüren. Es schien, als wären in allerletzter Minute tausende von Dingen abzuklären. Und ihn drängte es, jede der einzelnen Gruppen mit ein paar Worten zu verabschieden.
Fuch und Rhaki waren schon vor einigen Tagen aufgebrochen. Nachdem der goldene Drache die Tigerin nach Dilar'artil geholt hatte, wollte er sein Volk holen und mit ihnen in der Nähe der Festung Asrathil, deren Eroberung ein wichtiger Schritt in ihrem Plan war, auf Lelia und die Armee der Erde warten.
Die Druidin stand mit ihren Golem, die sie gemeinsam mit Dariana in der Nacht nach Nihilor geholt hatte, in der Nähe des Portals, in ein letztes Gespräch mit der Göttin vertieft. Wolf trat zu ihnen. „Ich wollte dir nur viel Glück wünschen“, erklärte er, als er ihres ungeduldigen Gesichtsausdrucks gewahr wurde.
Sofort wurden ihre Züge weicher. „Ich danke dir“, ihre Mundwinkel zuckten leicht, als versuche sie ein Lächeln zu unterdrücken. „Ich werde versuchen mich streng an unseren Plan zu halten. Du kannst dich auf mich verlassen.“
„Ich habe nicht daran gezweifelt“, erklärte er, dann verstand er. Der Göttin fiel es schwer ihre Hüterin ziehen zu lassen und verfolgte sie bis zur letzten Minute mit guten Ratschlägen. „Verzeiht, Ehrwürdige“, er verbeugte sich vor dem Einhorn. „Lelia muss aufbrechen, die Armee der Schatten, die nach ihr durch das Portal treten soll, hat sich bereits versammelt.“
Mit einem Seufzer wandte sich Dariana zu ihren Geschwistern, die in einem Halbkreis das Portal umstanden. „Lasst uns beginnen.“
Sobald sie zwischen Flame'tharul und Arkanna getreten war, begannen die Götter ihre Macht in den siebenzackigen Stern fließen zu lassen. Jede der Gruppen sollte an einem anderen Bestimmungsort eingesetzt werden, daher war Nihilor als Ausgangspunkt gewählt worden. Das Portal war das größte im ganzen Land und damit am ehesten geeignet, die Massen ihrer Truppen binnen kurzem in die einzelnen Gebiete zu bringen. Zudem war es eines der wenigen, von denen aus die verschiedensten Punkte erreicht werden konnten, dennoch bedurfte es der gemeinsamen Kräfte der Großmächtigen, die Wege des Portals ihrem Willen anzupassen.
Die Luft über dem Stern begann zu flimmern. Ohne zu zögern setzte sich Lelia in Bewegung, gefolgt von einer endlosen Kette Golem. Wolf hatte keine Zeit zu warten, bis die gesamte Armee hindurch geschritten war, brüsk wandte er sich ab und eilte zu Kara, die ebenfalls zum Aufbruch bereit war. „Ich habe eine Bitte an dich“, murmelte er so leise, dass sie ihn gerade eben verstehen konnte und zog sie etwas zur Seite. „Ich möchte, dass du deine sechs besten Seelenschatten in die unterirdische Welt schickst, die untoten Drachen zu neuem Leben zu erwecken. Sie sollen sich deiner Armee anschließen, damit wir im Notfall auf sie zurückgreifen können.“
Sie nickte ungerührt, ohne diese seltsame Anweisung zu hinterfragen. Wolf atmete innerlich auf, dass sie sich widerspruchslos fügte. Erst nur eine vage Idee, hatte ihn dieser Gedanke nicht mehr losgelassen und war zuletzt zu einer regelrechten Besessenheit geworden. Er wusste nicht, ob das, was er sich vorstellte, wirklich funktionieren konnte, aber er wusste, er musste es unbedingt versuchen. Doch sollten weder die Gefährten noch die Götter etwas von diesem Plan erfahren. Seiner selbst nicht sicher genug, hatte er Angst, sie würden seine Idee umgehend verwerfen.
„Hast du irgendwelche Fragen?“, sagte er deshalb lediglich.
Stumm schüttelte sie den Kopf, trat auf ihn zu und umarmte ihn. „Viel Glück, möge unser Vorhaben gelingen.“
„Das wollte ich dir eigentlich sagen.“
„Ich danke dir. Nun geh, ich weiß, du hast einiges zu tun.“
„Auf bald, Kara.“
Aus den Augenwinkeln sah er Thal an sich vorbei eilen und hob grüßend die Hand. Der Druide, der gemeinsam mit Lelia und den Golem an der Seite von Fuch kämpfen sollte, zwinkerte ihm zu und rannte weiter, um sich in die Schlange der wartenden Steinriesen einzureihen.
„Wunderbar, dass er doch zu uns gefunden hat“, Avenloin war neben Wolf getreten und musterte die endlose Kette der Krieger. „Es wird wohl eine Weile dauern, bis die Golem und Schatten diesen Ort verlassen haben.“
„Nein, es wird hoffentlich schnell gehen, haltet euch bitte bereit. Du, Darek und Amsshi seid die nächsten.“
„Ich werde es ihnen ausrichten.“ Der Elf drehte sich auf dem Absatz um und verschwand.
Wolf seufzte leicht. Obwohl Avenloin ihn als Führer anerkannt und dabei wahre Loblieder auf ihn gesungen hatte, war er anschließend wieder in seine alte zurückhaltende und wortkarge Art zurück gefallen. Dadurch hatte er selbst immer noch Schwierigkeiten offen und freundlich auf den Hüter des Wassers zuzugehen. Irgendwie erwartete er von ihm nichts anderes als Kritik und Ironie und versteifte sich schon, wenn dieser in seine Nähe kam. Nur gut, dass ihre Missionen sie in unterschiedliche Richtungen brachten.
Die hell flackernden Flammen der Feuersoldaten brachten ihn zurück in die Gegenwart. Angeführt von Rya gesellten sie sich zu den wartenden Schatten. Aufatmend trat Wolf zu ihr. Die Magierin hatte Wort gehalten und sich gegen den Dämon durchgesetzt, der sie nicht hatte allein ziehen lassen wollen. Bis zuletzt war Wolf unsicher gewesen, ob sie wirklich gehen würde. „Ich freue mich, dich zu sehen“, erklärte er deshalb mit spürbarer Erleichterung.
Rya lächelte: „Ich bin eine Hüterin und damit die Anführerin der Armee des Feuers. Außerdem ist Artharykhs Mission viel gefährlicher als meine. Daher hat er schließlich eingesehen, dass er mich nicht hindern kann meine Aufgabe zu erfüllen.“
„Trotzdem bitte ich dich, begib dich nicht unnötig in Gefahr.“ Ernst sah er in die Augen der Magierin. Er hatte sie in der kurzen Zeit ihres Beisammenseins schätzen gelernt. Nicht nur weil sie ihn sofort bedingungslos als Anführer akzeptiert hatte, sondern weil sie zudem ein warmherziger, mitfühlender Mensch war. Zwar war sie ebenso temperamentvoll, aber er war von Kara schlimmere Ausbrüche gewohnt.
Sie seufzte theatralisch. „Nicht du auch noch, ich habe von Artharykh bereits so viele gute Ratschläge bekommen, dass es für mein ganzes Leben reicht. Zusätzlich hat er meine Männer regelrecht bedroht, mich nicht aus den Augen zu lassen. Ich habe gerade erst davon erfahren. Am liebsten würde ich ihn …“
„Halt!“, unterbrach Wolf sie eilends. Ihre Wangen waren rot angelaufen und ihre Augen blitzten, ohne es zu merken hatte sie ihre Hände zu Fäusten geballt. Dass Letzte was er wollte war, dass ein Streit ihren Abschied von Artharykh trübte. „Er liebt dich, das weißt du. Er ist nur sehr besorgt um dich und will nicht, dass dir etwas zustößt.“
„Ha! Ich liebe ihn genauso, gleichwohl führe ich mich nicht derart auf“, schnaubte sie, immer noch nicht ruhiger geworden. „Meinst du, ich wäre nicht lieber an seiner Seite?“
Vorsichtig blickte Wolf in alle Richtungen, Artharykh war nicht zu sehen. Einzig Kara hatte den Ausbruch der Feuermagierin mitbekommen, diese zog jedoch lediglich in einer beredten Geste die Augenbrauen hoch. Sieh zu, wie du allein mit dieser Situation fertig wirst, hieß das wohl, denn mit einem süffisanten Lächeln wandte sie ihnen den Rücken zu.
„Selbst wenn du nun wütend auf mich wirst, ich hätte genau wie er gehandelt“, bekannte er leise, dass Kara seine Worte nicht verstehen konnte. „Wir Männer sind eben so. Die Frau, die wir lieben, weckt unsere Beschützerinstinkte. Wir haben wahnsinnige Angst davor sie zu verlieren.“
„Meinst du, mir ginge es anders?“, Rya atmete tief durch. „Am liebsten würde ich nicht einen Augenblick von seiner Seite weichen. Mich macht es genauso verrückt zu wissen, dass er sich in große Gefahr begibt und ich nicht bei ihm sein kann.“
'Du hast Luna wenigstens bei dir', dachte Wolf und verspürte drückende Schuldgefühle. „Rya, es tut mir leid, ich brauche dich und deine Armee als Rückendeckung in meiner Nähe. Glaube mir, wenn ich eine andere Möglichkeit gesehen hätte…“, er brachte den Satz nicht zu Ende. Es gab keine Alternative zu ihrem Plan. Sie hatten tage- und nächtelang darüber debattiert, wie sie vorgehen wollten. Wolf war kein geübter Taktiker, er war froh, die Gefährten an seiner Seite zu haben.


2. Kapitel

Letztendlich waren es die Götter gewesen, die die Strategie ihres Handelns bestimmten und entschieden, wer welche Aufgabe übernehmen sollte. Alle hatten sich ihrem Willen widerstandslos gebeugt. Aber ob sie mit ihrer Stellung glücklich waren? Bisher hatte Wolf keinen Gedanken daran verschwendet. Thal hatte sich den Weisungen Shal'aters gefügt, sich Fuch und Lelia anzuschließen um die Feste Asrathil zu erobern. Darek, Avenloin und Amsshi, eine seltsame Kombination, entstanden auf Taifuns und Arkannas ausdrücklichem Wunsch, sollten mit den beiden Göttinnen zu den Sandbänken von Luxalor ziehen, wo Arkanna ihre Armee der Wasserwesen zusammen gerufen hatte. Vorher würden die drei einen Abstecher zu der Höhle machen um die Völker der Radaq'iel und Luroq'iel um Beistand zu bitten und mit ihrer Hilfe das Gebiet rund um die Minen zu erobern. Nur widerstrebend hatte sich Wolf diesem Teil gefügt, schließlich hatte er den Grubenkriechern versprochen, sie aus diesem Krieg herauszuhalten. Doch die Götter waren zu keinem Kompromiss bereit gewesen. Jeder, der Hilfe angeboten hatte, sollte in ihr Heer aufgenommen werden.
Kara, die gestern mit Shal'ater zur Inselgruppe Mortanil gereist war, um die Schatten nach Nihilor zu holen, würde sich östlich des Passes als zusätzliche Unterstützung bereithalten. Taifun hatte einige Vögel in alle Gebiete Rohedans als Späher ausgeschickt um die Bewegungen der rohedanischen Truppen verfolgen zu können und ebenso SIE und IHRE Armee zu überwachen. Der Rat hatte mit einer großen Menge Soldaten und Druiden den Pass vor zwei Tagen überquert und zog, eine Spur verwüsteter Dörfer hinter sich lassend, Richtung Terragath. Sie bewegten sich sehr langsam vorwärts und schienen keine Eile zu haben, als ob sie auf irgendetwas warten würden. Vielleicht war IHREN Spionen der Aufmarsch der Schneewölfe und Tiger nicht verborgen geblieben, die sich ebenfalls aufgemacht hatten, den Weg über den Pass zu nehmen. Daher hatten die Götter bestimmt, dass Kara und Rya mit ihren Armeen als Rückendeckung im Hintergrund warten sollten, statt mit Artharykh direkt nach Terragath zu gehen.
Der Dämon hatte die wohl schwerste Aufgabe übernommen. Mit nur einer Handvoll Serud'iel sollte er versuchen in die Hauptstadt einzudringen und den König zu stürzen. Er konnte verstehen, dass Rya Angst um ihn hatte. Andererseits kam Wolf nicht umhin, die Entscheidung Flame'tharuls gut zu heißen. Er hatte den Dämon kämpfen sehen und wusste, dass einige wenige seiner Art, fast eine ganze Armee Soldaten aufwogen. Die Serud'iel waren vor ein paar Tagen über dieselbe Treppe, die Artharykh und Rya benutzt hatten, aus der Hölle emporgestiegen. Ohne die anderen zu beachten waren sie zu Artharykh getreten und hatten vor ihm ihr Knie gebeugt. „Wir werden kämpfen. Für unseren Prinzen“, hatte einer der Männer gesagt, worauf die ganze Gruppe sprach: „Wir dienen Euch bis zu unserem Tode.“
„Seine Leute werden ihn beschützen“, erklärte Wolf jetzt, das Schauspiel vor Augen. „Seine Männer würden sich bedingungslos für ihn opfern.“
„Aber würde er es zulassen?“ Ryas Wut war verraucht, ihre Stimme klang völlig emotionslos als sie diese Frage stellte. Allein das leichte Schimmern ihrer Augen zeigte, wie unglücklich sie über diese Trennung war.
Zum Glück enthob Artharykhs Auftauchen Wolf einer Antwort, denn was hätte er darauf antworten sollen? Nur zu gut konnte er beider Gefühle nachvollziehen. Dem Dämon zunickend, wandte er sich ab. Sicher wollten sie einen Augenblick für sich allein haben, bevor Rya endgültig gehen würde. Und er musste sich vergewissern, dass Luna zum Aufbruch bereit war.
Sie schien ihn bereits erwartet zu haben. Das wenige Gepäck, das sie benötigten, lag ordentlich verpackt neben ihr, das Zelt, das sie mit ihm, Kara und Thal geteilt hatte, war abgebaut. Als sie ihn kommen sah, stand sie auf und der düstere Ausdruck auf ihrem Gesicht verschwand. „Ich werde diesen Ort nicht vermissen“, erklärte sie. „Noch nie habe ich mich derart unwohl gefühlt. Dieses ständige Wispern und Rascheln, es klingt, als wären die Seelen der Toten in einem ewigen Kreislauf von Leid und Wehklagen hier gefangen.“
Wolf nickte. Auch er hatte dieses beklemmende Gefühl, das sich mit dem Betreten Nihilors auf ihn gelegt hatte, in den Tagen ihres Aufenthaltes nicht abschütteln können. „Mir geht es genauso“, sagte er, während er die beiden Bündel aufnahm. „Doch mir macht das völlige Fehlen von Farben und das ewige graue Licht mehr zu schaffen. Ich fühle mich, wie in der Vorstufe der Hölle.“ Prüfend sah er sich um. „Sind Darek, Avenloin und Amsshi zum Portal aufgebrochen?“
„Ja und die Serud'iel haben unser Lager komplett abgebrochen und sich gleichfalls auf den Weg gemacht.“ Sie lächelte verschmitzt. „Ich glaube Artharykh ist ein wesentlich besserer Stratege als du. Nachdem du dich zum Portal aufgemacht hattest, übernahm er das Kommando und bewältigte das Chaos hier innerhalb kürzester Zeit.“ Sie bemerkte den Schatten, der über sein Gesicht glitt. „Wolf, ich wollte dich bloß necken.“
„Nein, es ist die Wahrheit“, brummte er missmutig. „Ich bin nicht der Richtige für diese Aufgabe. Jeder andere wäre besser dafür geeignet.“
Besorgt runzelte Luna die Stirn. In den letzten Tagen hatte es so ausgesehen, als hätte Wolf sich endlich in seine Anführerrolle hinein gefunden. Beinahe mühelos war es ihm gelungen für jeden der Gefährten die richtigen Worte zu finden. Wo die Götter auf Gehorsam und Ergebenheit setzten, wob Wolf ein festes Band der Freundschaft. Er hatte eine geradezu unheimliche Fähigkeit sich in die Gefühle und Gedanken der anderen hineinzuversetzen und wusste stets, wie er sich bei den auch in ihrer Gruppe nicht ausbleibenden Meinungsverschiedenheiten, Respekt verschaffen konnte. Den Gefährten wiederum gefiel seine offene, ehrliche Art, sowie seine Fähigkeit Fehler zugeben und den Rat anderer annehmen zu können. So war es ihm gelungen, alle zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen zu führen. Doch sah er sich selbst immer noch zu kritisch, verzieh sich nicht den kleinsten Fehler, wollte ganz und gar perfekt sein.
„Die Götter haben dich erwählt. Du musst sehen, wie du dieser Rolle gerecht wirst“, sagte sie nur und wandte sich zum Gehen.
Schlagartig ernüchtert folgte ihr Wolf. Er wusste, es waren nicht ihre Worte, die ihn wirklich störten. Ihre enge Vertrautheit mit dem Dämon war es, was ihn aufbrachte. Manchmal hatte er das Gefühl, sie verbrachte mehr Zeit mit diesem, als mit ihm. Natürlich wusste er, dass seine Gedanken jeglicher Grundlage entbehrten, Rya hätte eher Luna getötet, als zugelassen, Artharykh an diese zu verlieren. Solange die Magierin Luna freundschaftlich anlächelte, bestand überhaupt kein Anlass zur Sorge.
Aber er konnte nichts dafür, die Eifersucht peinigte ihn Tag für Tag, obwohl oder vielleicht gerade weil er und Luna sich nicht näher gekommen waren. Sie schien sich zwar gern in seiner Nähe aufzuhalten und freute sich sichtlich ihn zu sehen, doch glich ihr Verhältnis eher dem zwischen Bruder und Schwester. Zwei Mal hatte er Ansätze unternommen sich ihr zu offenbaren, beide Male hatte sie das Gespräch geschickt in andere Bahnen gelenkt, dass er entmutigt aufgegeben hatte. Anscheinend empfand sie wirklich nicht dasselbe für ihn, wie er für sie.
Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als sie mit geübter Leichtigkeit von Fels zu Fels sprang. In dem blauseidenen Anzug, den Kara ihr geliehen hatte, wirkten ihre Bewegungen noch anmutiger. Der breite Gürtel, an dem sie ihre Beutel mit Heilkräutern befestigt hatte, betonte ihre schmalen Hüften und ließ ihre Gestalt zart und lieblich wirken. Die langen, weißen Haare flatterten und umhüllten sie wie eine Wolke. Er konnte den Blick nicht von ihr lösen.
Artharykh tauchte aus den grauen Nebeln auf und Wolf wurde schlagartig ernüchtert. Der Dämon wechselte ein paar Wort mit Luna, die nicht einmal innehielt und steuerte dann auf ihn zu. „Die Serud'iel und ich gehen als nächste. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis wir uns wieder sehen.“ Er musterte Wolf prüfend. „Pass auf dich auf. Wir brauchen dich in Terragath.“
Wolf schluckte, diese Worte, in einem schroffen Tonfall gesprochen, waren der letzte Beweis, wie sehr sich die Beziehung zwischen ihm und Artharykh gewandelt hatte. Dieser akzeptiert ihn nicht nur als Anführer, sondern war ihm wirklich zugetan. Immer wieder hatte er dies in den letzten Tagen durch verschiedene Gesten und Worte des Dämons feststellen können. Er wusste zwar nicht, was diesen Sinneswandel bewirkt hatte, freute sich gleichwohl umso mehr, diesen mächtigen Verbündeten ganz für sich gewonnen zu haben.
„Viel Glück bei deiner Mission“, erwiderte er deshalb aus vollem Herzen. „Riskiere nicht zuviel. Ich würde dich gern lebend wieder sehen.“
Artharykh lächelte tatsächlich. „Diesen Ratschlag kann ich dir nur ebenfalls geben. Auf bald.“ Für einen Moment legte er Wolf seine Rechte auf die Schulter und drückte sanft zu. Fast schien es, als wolle er noch etwas sagen, stattdessen drehte er sich um und lief in langen Sätzen in Richtung des Portals.
Wolf folgte langsamer nach. Als er es erreicht hatte, sah er gerade den letzten Serud'iel hindurch treten. Der Blick der Götter richtete sich auf ihn. „Nun werden wir uns erst in Terragath zur entscheidenden Schlacht treffen“, sprach Shal'ater. „Versuche nicht, den Kampf gegen SIE allein zu bestreiten. IHRE Macht ist zu groß.“
„Das weiß ich“, fast hätte Wolf die Augen verdreht, beherrschte sich aber und verbarg sein Gesicht, indem er sich ehrerbietig verneigte. „Luna und ich werden versuchen IHRER Armee auszuweichen und die Tiger und Schneewölfe sicher zur Hauptstadt zu geleiten.“
„Genau das ist unser Ziel“, nickte Flame'tharul und musterte den jungen Mann vor sich prüfend. „Hüte dich vor IHNEN, dass SIE dich nicht in einen Hinterhalt locken.“
Mit Mühe konnte Wolf ein Stöhnen unterdrücken. Anscheinend trauten sie ihm immer noch nicht zu, die ihm gestellte Aufgabe erfüllen zu können. Warum hatten sie ihn dann dafür erwählt?
„Wir glauben an dich“, es schien, als habe Arkanna seine Gedanken erraten, „und brauchen dich in Terragath um unsere geeinten Armeen in den Krieg zu führen. Sowie SIE dich sehen, werden SIE versuchen dich auszuschalten. IHNEN ist sehr wohl bewusst, dass du IHR stärkster Feind bist. Bitte unterschätze SIE nicht.“
Ungeduldig nickte Wolf. Diese Sätze hatte er in den letzten Tagen in abgewandelter Form von jedem der Gefährten und mehrere Male schon von den Göttern zu hören bekommen. Wenn Stahlfang nicht darauf beharrt hätte, ihn auf dem Weg an seiner Seite haben zu wollen, wären die Großmächtigen wahrscheinlich nicht bereit gewesen ihn ziehen zu lassen, sondern hätten ihn auf direktem Wege mit zum Götterberg genommen. Doch der Anführer der Schneewölfe hatte unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er ohne Wolfs Anwesenheit nicht zu einer gemeinsame Reise mit den Tigern bereit wäre.
In mühsamen Verhandlungen war es Rhaki gelungen ein einstweiliges Bündnis zu schließen. Dieses war ausschließlich durch die gemeinsame Bedrohung zustande gekommen und stand auf ziemlich wackeligen Füßen. Zu lange hatte die Feindschaft zwischen den beiden Parteien bestanden und zu viele waren ihr zum Opfer gefallen. Deshalb sollte Wolf als Bindeglied zwischen den beiden Armeen funktionieren und direkt hinter dem Pass, der als Treffpunkt auserkoren worden war, zu ihnen stoßen.
„Zwei meiner Schelven werden die Verbindung zwischen Kara, Rya und dir aufrecht erhalten“, erklärte Taifun. „vier weitere habe ich eingesetzt um Nachrichten zu Artharykh und Fuch bringen zu können. Der Rest meiner Armee unterstützt Darek, Amsshi und Avenloin. Da Drak'en sich entschieden hat in Fuchs Nähe zu bleiben, erreichen uns eure Nachrichten entweder über ihn oder über Artharykh. Nachdem dieser sie gelesen hat, sendet er sie umgehend zu meinen Geschwistern Feuer, Schatten und Erde, die sich in den verborgenen Gängen des Götterberges aufhalten werden. Damit ist eine ausreichende Verständigung gewährleistet.“
Auch dieser Teil war Wolf nicht neu, trotzdem nickte er nur schweigend ohne das Gesicht zu verziehen.
„Habt Ihr einige weitere Späher eingesetzt, IHRE Marschrichtung zu überwachen, Ehrwürdige“, fragte jetzt Luna, die bisher schweigend dem Gespräch gefolgt war. Die Schelven, kleine Vögel mit zerrupftem, graubraunem Federkleid, verfügten trotz ihrer geringen Größe über eine vorzügliche Ausdauer. Sie waren in fast ganz Rohedan heimisch, sodass ihre Anwesenheit nicht weiter auffiel, was sie zu idealen Spionen und Boten machte.
„Gerade eben erhielt ich die letzte Nachricht“, antwortete Taifun. „SIE befinden sich etwa einen Tagesmarsch vom Pass entfernt. SIE sollten euch eigentlich nicht bemerken.“
„Gut, gehen wir“, entschlossen setzte Wolf seinen Fuß auf den siebenzackigen Stern. Es dauerte einen kurzen Moment, bis die Götter die Verbindung hergestellt hatten und die Luft zu flimmern begann. Ohne zu zögern zog er den zweiten Fuß nach und ging hindurch.


3. Kapitel

Als Artharykh, gefolgt von seinen Serud'iel, aus dem Portal trat und sich neugierig umsah, erstarrte er. Sie waren nicht an ihrem Bestimmungsort, der sich etwas außerhalb von Terragath befinden sollte, sondern anscheinend mitten in der Stadt gelandet, denn, obwohl er sie noch nie gesehen hatte, waren dies vor ihm eindeutig die inneren Mauern von Terragath. Ein Fehler? Eine Fügung des Schicksals? Oder eine überraschende Taktik der Götter?
Seine Kämpfer scharten sich um ihn, bereit, seinen Befehlen zu folgen. Wieder einmal war er erstaunt von der bedingungslosen Ergebenheit der Dämonen. Ohne zu zögern hatten sie sich ihm unterworfen, ihm, dem rechtmäßigen Herrscher des Reiches der Dunkelheit. Ihm war nur nicht mehr klar, ob er diesen zweifelhaften Titel wirklich wollte. Sein Sinneswandel hatte sich so abrupt vollzogen, dass er bisher nicht wirklich Zeit gehabt hatte, seinen Entschluss zu überdenken. 'Später', dachte er, 'später ist noch genug Zeit darüber zu entscheiden.'
Er widmete seine Aufmerksamkeit der Stadt und blickte auf die sie umgebenden Mauern um ihre Stärke zu prüfen. Überrascht kniff er die Augen zusammen. Was er dort vor sich sah, gefiel ihm ganz und gar nicht. Terragath wurde bereits belagert. Weit draußen auf der Ebene vor den Stadttoren hatte eine große Armee ihr Lager aufgeschlagen. Gerade formierte sich eine neue Angriffswelle gegen die Mauern der Stadt, angeführt von kräftigen Rittern, die das Wappen Sephileins auf ihrer Brust trugen. Flame'tharul hatte Recht behalten, die Könige dieses Reiches wollten ihre Macht vergrößern und sich Rohedan einverleiben.
Der erste der drei Wälle hielt noch stand, doch schienen die Verteidiger in arger Bedrängnis zu sein. Besorgt runzelte Artharykh die Stirn: Es wäre mehr als schlecht, wenn die Mauern bevor die Truppen Wolfs kämen, fallen würden. Denn dann müsste Wolf zeitgleich die Stadt belagern und gegen das anstürmende Heer des Rates kämpfen. Hielten sie dagegen Terragath, wäre es ihm möglich, die Armeen der Elemente in die Stadt einzulassen. Im Schutz ihrer Mauern könnten sie abwarten, bis sich die beiden Gegner aufgerieben hätten, um erst danach dazwischen zu fahren. Außerdem wären er und seine Serud'iel, wenn es jetzt zum Mauerfall käme, ohne Unterstützung den Gegnern ausgeliefert. Und er hatte Luna versprochen, sich um den König zu kümmern.
Er traf die einzig mögliche Entscheidung: Sie würden für die rohedanische Stadt kämpfen müssen, dass sie nicht fiele. Schnell verschaffte er sich einen Überblick über die herrschende Lage. Anschließend verteilte er seine Gruppe in der Stadt, um die dreizehn wichtigsten Stellen auf den Wällen zu sichern.
Die kämpfenden Soldaten schienen erst skeptisch, als sich die fremd aussehenden Männer und Frauen zu ihnen gesellten, diese verschafften sich aber während der Angriffe schon bald Respekt und Hochachtung. Und als es schließlich dämmerte, wurden die Serud'iel wie selbstverständlich eingeladen, mit in das Quartier der Verteidiger zu kommen, da die Kampfhandlungen nachts eingestellt wurden.
Artharykh lehnte ab, er wollte diese Zeit der Ruhe nutzen, um seine weitere Strategie mit den Dämonen zu besprechen und nach einem Weg zu suchen, in den Palast einzudringen. Seinen Plan, den Verräter aufzuspüren und zu töten hatte er nicht aufgegeben. Es war wichtiger denn je, König Onmithes auszuschalten, um die rohedanischen Soldaten ihres Machthabers zu berauben. Damit konnte er Wolf einen großen Dienst erweisen. Er seufzte. Seine Einstellung zu diesem Krieg hatte sich, je länger er mit dem jungen Druiden gemeinsam kämpfte, mehr und mehr gewandelt. War das Vordringen in der Gruppe anfangs für ihn lediglich ein Mittel zum Erreichen seiner eigenen Ziele gewesen, merkte er nun, dass er sich immer mehr mit Wolfs Sicht der Dinge zu identifizieren begann. Frieden für all die verschiedenen Geschöpfe war einzig durch einen gemeinsamen Kampf zu erringen. Wollte er Frieden für Rya, seine Serud'iel und sich, musste er kämpfen.
Leicht amüsiert dachte er an Wolfs Ansprache gestern Abend. Er hatte sie alle gebeten, so wenig Gegner wie möglich zu töten, damit der Krieg nicht zu grausam würde. Selbst die Götter schienen überrascht von dieser Haltung. Avenloin war es gewesen, der zynisch gefragt hatte: „Und wie stellst du dir das vor? Sie werden keine Gnade walten lassen, selbst wenn du sie verschonst.“
Wolf war über und über rot geworden, dennoch hatte er auf seinem Standpunkt beharrt. „Ich will kein unnötiges Blutvergießen, es werden schon genug Kämpfer ihr Leben lassen müssen. Ich will euch nicht gefährden, ich bitte euch bloß darum, wenn möglich die Feinde gefangen zu nehmen.“ Mit einer hilflosen Geste hatte er sie alle der Reihe nach angesehen. „Dieser Krieg ist unvermeidlich, doch wird er dadurch nicht weniger schrecklich. Ich will nichts Unmögliches von euch verlangen, ich bitte euch nur, versucht es wenigstens.“
Alle, auch Artharykh hatten beschämt die Köpfe gesenkt. Wolf war wirklich durch und durch ehrenhaft. Nie würde er um seines eigenen Vorteils willen, andere leiden lassen. Die Götter hatten eine gute Wahl getroffen. Artharykh konnte gar nicht anders, als wie die anderen zu nicken und zu versprechen, ihr Bestes geben zu wollen. Flüchtig war ihm der Gedanke durch den Kopf geschossen, was SIE wohl zu Wolfs Worten sagen würden. Einen Krieger hatten SIE aus ihm machen wollen, IHR willenloses Werkzeug. Seine Entwicklung hätte IHNEN nicht gefallen.
Sie quartierten sich in einem Gasthaus ein, das zwar klein, aber gemütlich war. Es hieß "Die Legende". 'Ein wirklich passender Name', dachte Artharykh. 'Denn genau das haben wir vor.' Die Dämonen würden hier in Terragath eine Legende schaffen. Eine Legende für die, die glaubten, Dämonen seien grundlos böse, gerissen und gemein. Die Menschen würden lernen, die Dämonen zu verstehen. Sie würden einsehen müssen, dass diese gar nicht so verschieden von ihnen waren und vielleicht war es möglich, dass die Menschen sie irgendwann als gleichwertig respektierten, nicht ausschließlich aus der Not geboren, sondern gleichermaßen in friedlichen Zeiten.
Nach der Besprechung saß Artharykh noch lange da und starrte ins Feuer. War sein ursprünglicher Plan wirklich richtig, nach Beendigung des Krieges mit seinen Brüdern und Schwestern ins Schattenreich zu ziehen und dort fernab der Menschen zu leben? Das Schattenreich war sein Reich. Er wollte gern dort leben, mit Rya an seiner Seite. Zusammen würden sie es regieren. Er würde versuchen, ein gerechter und weiser Herrscher zu sein, dass seine Untertanen ihm gerne dienten. Trotzdem sollte es nicht mehr nötig sein, dort in einer Art Verbannung zu leben. Es müsste ihnen möglich sein, in der Menschenwelt zu existieren, ohne sich verstecken oder bannen zu müssen. Und genau das, würde er versuchen zu erreichen. Dass Menschen und Dämonen sich entscheiden konnten, wo und wie sie lebten und dass es zu einer friedlichen Koexistenz käme.
Erst als das Sonnenlicht Kreise vor ihn auf den Tisch zeichnete, bemerkte Artharykh, dass die Nacht bereits verstrichen war. Er reckte sich und streckte die schmerzenden Muskeln. Das viele Grübeln hatte ihm eine schlaflose Nacht beschert. Doch das würde ihn nicht schwächen. Er wusste, dass sein Körper eine Menge aushielt. Ebenso sein Geist. Und es war wichtiger gewesen, über all das, was ihn beschäftigt hatte, nachzudenken, seine Motive zu hinterfragen, endlich zu entscheiden, was er wirklich wollte. Sein neues Leben zu planen.
Er stand auf, in wenigen Augenblicken würde der Kampf beginnen. Bis dahin sollte er auf der Mauer sein. Flink stieg er die Treppe hinab, warf dem Wirt eine Münze zu und ging; in Richtung des östlichen Tores.


4. Kapitel

Vor ihm lag Asrathil, die größte Festung Rohedans und der Stützpunkt eines guten Teils der Generäle und der Armee. Dieser Ort war strategisch wichtig, so wichtig, dass diese Burg neben Terragath ihr Hauptangriffsziel war. Fuch atmete tief durch. Und ihm hatten die Götter diese Aufgabe anvertraut. An ihm lag es nun, die hier lagernden Regimenter daran zu hindern in den Kampf einzugreifen.
Er sah sich um und bemerkte, dass, wie vereinbart, die silbernen und goldenen Drachen die Festung umzingelten. Die anderen Drachen blockierten den Weg zu Stadt und den zum Meer um Nachschub an Truppen und Waren aufzuhalten. Die Erdwesen hatten sich versammelt und damit begonnen, in den nahen Steinbrüchen große Felsen aus den Wänden zu brechen.
Fuch hatte einen ehrgeizigen Plan gefasst: In einem oder in zwei Tagen würden sie den Angriff beginnen. Die Golem würden nahezu ohne Pause Steine auf die Festung schleudern und versuchen die Burg zu beschädigen. Wenn alles lief wie geplant, könnte die Belagerung bald schon in einen Kampf um den Stützpunkt umschlagen.
Er blickte auf Lelia und fragte sich, ob sie wusste, dass er sie ansah. Sie schaute ebenfalls in seine Richtung. Wie immer hatte sie das weiße Tuch über den Augen, aber er war ziemlich sicher, dass sie ihn bemerkt hatte. Trotz ihrer Blindheit wusste sie, wo er war und sah ihn auf ihre Weise.
Sicheren Schrittes trat sie auf ihn zu. „Hast du mit Drak'en gesprochen?“, fragte sie, statt einer Begrüßung. „Er meint, es würden sich hunderte von Männern hinter den Mauern befinden. Seltsam, findest du nicht?“
„Ja, er hat es mir mitgeteilt. Es wird vermutlich einen harter Kampf geben.“ Sinnend starrte er auf die trutzige Burg, die sich vor ihnen erhob. Er hatte gehört, dass es die best geschützteste Anlage in ganz Rohedan war und konnte jetzt, da er sie leibhaftig vor sich sah, dem nur zustimmen. Die Mauern waren aus dicken Bruchsteinen errichtet, mehrere Schichten breit und so hoch, dass es keine Möglichkeit gab, diese von außen zu erklimmen. Rund um die gesamte Burg zog sich ein tiefer, mehrere Fuß breiter Wassergraben. Die beiden Zugbrücken, im Osten und Westen waren durch zusätzliche Wachtürme gesichert, auf der Tag und Nacht Armbrustschützen wachten. Das Gebäude selbst war riesig und konnte mühelos die große Anzahl von Männern, wie Drak'en es gefühlt hatte, beherbergen.
Bei seinem Erkundungsflug über die Festung hatte er nicht viel erkennen können, da er kaum, dass er in ihre Nähe gekommen war, von einem Pfeilhagel empfangen wurde und sich hoch hinaufschrauben musste, um diesem zu entgehen. Ein Pfeil hatte ihn trotzdem gestreift, da er nicht schnell genug an Höhe gewinnen konnte und sich in seinem Panzer verfangen. Nach seiner Landung hatte er sich diesen genau angeschaut. Er hatte eine Eisenspitze und war mit Widerhaken besetzt, die, wenn sie tief genug ins Fleisch eindrangen, hässliche Wunden rissen. Eine neuartige, gefährliche Waffe, dergleichen hatte er noch nie gesehen. Eilends hatte er seine Drachen etwas zurückgezogen und ihnen eingeschärft, sich auf keinerlei Scharmützel einzulassen. Im Moment reichte es, die Burg zu belagern und von der Außenwelt abzuschneiden. Doch wenn es zum Angriff käme, würde er sich ihren Einsatz sehr genau überlegen müssen, dass er sie ausreichend schützen konnte.
„Findest du es nicht seltsam, dass sich dermaßen viele Soldaten hier in dieser Burg aufhalten?“, fragte Lelia erneut. „König Onmithes ist nicht dumm, ich kann nicht glauben, dass er von dem bevorstehenden Krieg nichts erfahren hat.“
„Vielleicht ist es seine Truppe, SIE aufzuhalten“, entgegnete Fuch. „Wenn SIE auf direktem Wege nach Terragath ziehen, ist es den Generälen von hier aus ein Leichtes IHRE Armee vorher zu stellen.“
„Das heißt, wir sollen die Festung so rasch wie möglich einnehmen, um SIE zu erwarten.“
Es war keine Frage sondern eine Feststellung gewesen, Fuch nickte anerkennend. „Du hast den Plan erfasst. Wir wollen versuchen SIE vor Terragath zu stoppen, dass SIE IHRE Truppen gar nicht erst vereinen können.“
„Deshalb befinden sich Rya und Kara mit ihren Armeen hier in der Nähe“, Lelia verstand endlich. „Wann ist dieser Plan entstanden?“
„Ich denke, die Götter hatten es die ganze Zeit geplant.“
„Und wer weiß davon?“
„Wolf und ich – und die Großmächtigen natürlich.“
Er konnte an Lelias Miene deutlich ablesen, was sie empfand. „Was soll diese Geheimniskrämerei?“, fragte sie.
Das hatte er Drak'en auch gefragt, als dieser ihm die neuen Befehle gegeben hatte, allerdings hatte sich der Lichtdrache nur sehr vage geäußert. „Ich weiß es nicht“, erwiderte er deshalb, schroffer als beabsichtigt, fügte dann aber, als er ihr Zurückweichen bemerkte, hinzu: „Es ist eher als ein Versuch gedacht, SIE zu stellen, bevor SIE Rohedan erreichen. Anscheinend hat der Rat noch nicht seine gesamte Armee zusammen gezogen, sie vereinigt sich erst auf dem Weg zur Hauptstadt. Mehr habe ich nicht erfahren können. Alles Weitere entscheidet sich, wenn wir die Burg eingenommen haben.“
Eine Weile blieb es still zwischen ihnen. Während Lelia sich das Gesagte durch den Kopf gehen ließ, beobachtete Fuch sie aufmerksam. Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und ihr die ganze Liebe, die er für sie empfand gezeigt. Es graute ihm davor, sie in diesem Kampf an seiner Seite zu wissen. Lieber würde er es sehen, wenn sie weit ab in Sicherheit das Ende der Kampfhandlungen abwartete. Ungeachtet dessen war sie der silberne Drache. Niemals würde sie ihr Volk einer Gefahr aussetzen, der sie sich nicht gleichermaßen bereit war zu stellen.
„Danke“, sagte sie schließlich, „Dass du mir die Wahrheit erzählt hast.“
„Lelia, wenn dieser Krieg vorbei ist …, du weißt, was ich für dich empfinde, ... könntest du dir vorstellen ….“
Sanft legte sie die Finger auf seine Lippen: „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, Fuch.“ Sie wandte sich ab und schritt zu ihrem Zelt.
Entschlossen drehte er sich nach rechts, das dumpfe Gefühl in seiner Brust bewusst ignorierend und schritt zu seinen Drachen, um noch einmal ihre Stellung zu überprüfen. Von jedem wurde er freudig begrüßt, von Angst und Ohnmacht keine Spur mehr. Sie brannten darauf mit ihm in den Kampf zu ziehen. Sein Herz wurde schwer. Und wenn er sie in ihr endgültiges Verderben führte? Ohne auf ihn zu achten, ging er an Drak'en vorbei.
„Was ist los mit dir, Fuch Goldschwinge?“, fragte der Lichtdrache. „Irgendetwas bedrückt dich.“
Blinzelnd erwachte er aus seinen Gedanken. „Ja, Großmächtiger“, sagte er nach einer ehrerbietigen Verbeugung. „Das Schicksal meines Volkes macht mir Angst. Sie waren es, die am meisten zu leiden hatten unter meiner Tat. Zehn lange Jahre ließ ich sie im Stich, bloß um sie direkt nach meinem Auftauchen erneut zu bitten, mir ihr Leben anzuvertrauen.“
„Sie tragen dir nichts nach. Sie sind froh, dass du zurück bist. Der Krieg gibt ihnen wieder Hoffnung, Hoffnung auf eine neue, freie Zukunft.“
„Und wenn ich stattdessen zu ihrem Untergang beitrage?“
„Hast du ihn nicht ausgelöst, sondern lediglich beschleunigt“, ein kleiner goldener Lichtfunke glomm in den Augen Drak'ens auf, als er ergänzte, „wie schon einmal.“
Fuch, der die ganze Zeit auf den Boden vor sich gestarrt hatte, seufzte schwer: „Daran trage ich bereits genug, ich kann, ich will nicht noch mehr Leid auf mich nehmen.“
„Setz dich endlich und sieh mich an!“ Die Stimme des Lichtdrachen hob sich gebieterisch, dass Fuch erschreckt zusammen zuckte. „Ich bin ebenso Auslöser wie du“, erklärte er schließlich in ruhigerem Tonfall, „Ich war der erste der Elementgötter, der freikam. Doch statt für meine und die Freiheit meiner Geschwister zu kämpfen, ließ ich mich auf einen Pakt mit dem damaligen König ein, um den Drachen zu helfen und sie zu ihrer alten Macht zurück zu führen. Im Endeffekt habe ich ihnen damit nur geschadet. Du siehst, ich bin genauso schuldig.“
„Ihr müsst Euch keiner dermaßen schrecklichen Tat schämen.“
„Gleichwohl habe ich die Intrigen und Verstrickungen, die zum Untergang der Insel führten, nicht als solche erkannt und keinerlei Einfluss auf die Geschehnisse genommen.“ Drak'en hielt einen Moment inne und musterte Fuch nachdenklich. „Vielleicht ist es sogar gut, dass wir nicht anders handelten. Vielleicht wäre alles im Nachhinein weit schrecklicher gekommen, vielleicht gar auf Wegen, die noch mehr Verwüstung gebracht hätten. Akzeptiere endlich das Geschehene als unabdingbar und bemühe dich, es dieses Mal besser zu machen. Leben heißt auch Fehler zu machen - machen zu dürfen. Du hast den Verstand, diese zu erkennen und beim nächsten Mal zu vermeiden.“
Einen Moment dachte Fuch über diese Worte nach, dann schüttelte er bedauernd den Kopf. „Ich verstehe, was Ihr mir sagen wollt, doch kann ich nicht umhin zu zweifeln, an mir und dem, was dieser Krieg anrichten könnte.“
„Mit diesen Zweifeln musst du lernen zu leben“, die Stimme des Drachen klang ruhig und beherrscht, doch glaubte Fuch einen Stich des Bedauerns heraus zu hören, als dieser weiter sprach. „Ich muss dir gestehen, dass selbst wir, die Götter, nicht frei davon sind. Wir können weder das Schicksal beeinflussen, noch in die Zukunft sehen, ob das, was wir machen, das Richtige ist, auf lange Sicht gesehen. Wir können uns genau wie du nur bemühen, den richtigen Weg zu suchen.“
„Also soll ich diesen Krieg als Rettung verstehen?“
Drak'en nickte nachdrücklich. „Er soll Frieden bringen für alle Geschöpfe.“
Erneut konnte Fuch einen Seufzer nicht unterdrücken. Einerseits fühlte er sich endlich befreit von den Fehlern der Vergangenheit und sah ein, dass er diese Tat zwar nie ungeschehen machen konnte, es aber auch nichts bewirkte, sie ständig wie ein Fanal vor sich herzutragen. Andererseits fühlte er die Last der Verantwortung wie ein schweres Gewicht auf seiner Seele lasten. „Ich verspreche Euch, mein Bestes zu geben. Um unser Volk zu retten bedarf es hingegen weit größerer Anstrengungen.“
„Zu gegebener Zeit wirst du eine Lösung finden. Du bist einer der Drachenwächter, von mir geschaffen, meiner stolzen Rasse als Führer und Freund zu dienen.“
Überrascht runzelte Fuch die Stirn. „Ihr habt mich und die anderen Wächter geschaffen?“
„Ja, ihr seid meine Schöpfung, Menschen mit der Macht der Drachen. Lelia und du, ihr habt überlebt, vereint wird es euch gelingen die alte Legende der Verschmelzung zu verwirklichen.“
„Was …“
„Doch zuerst müsst ihr beide euren Weg finden“, fuhr der Drache ungerührt fort.
„Ihr... Ihr wisst es?“
Drak'en lachte ganz leise auf. „Ich bin der Gott des Lichts. Warum sollten mir deine Gefühle für sie verborgen bleiben?“
„Ihr... Ihr heißt es gut?“
Die Augen des Drachen erstrahlten in einem warmen Licht. „Es ist wie ein Geschenk an die Drachen und mich. Liebe kann man nicht erzwingen, umso mehr freue ich mich, dass ihr euch zugetan seid. Du bist ihr nicht gleichgültig, sie hat Angst. Zeige ihr, dass diese nicht berechtigt ist.“
Neue Zuversicht war in Fuch erwacht. Endlich fühlte er sich frei von dem Zurückliegenden, frei, einen neuen Anfang zu wagen – für Lelia und seine Drachen. Seinem Gegenüber fest in die Augen blickend, gab er sich selbst und ihm das Versprechen: „Das werde ich, Drak'en.“


5. Kapitel

Sie waren in einem Gebiet knapp neben ihrem Bestimmungsort aus dem Portal getreten. Etwas musste den Pfad verändert haben. Ansonsten hätten er und Luna längst den vereinbarten Treffpunkt erreicht, an dem sie mit den Tigern und Wölfen, die den Pass überquert hatten, zusammentreffen wollten. Stattdessen standen sie völlig allein in der eisigen, Schnee bedeckten Wildnis.
Wolf wusste dennoch, wo sie sich befanden. Ihr Ziel lag etwa einen Tagesmarsch entfernt, mit etwas Glück würden sie die verlorene Zeit aufholen können. Nur stellte sich ihnen jetzt ein ganz anderes Problem. Etwas Unsagbares, Undefinierbares schien sich ganz in ihrer Nähe aufzuhalten. Er fühlte die Präsenz einer Mischung aus primitiver Wut, tierischer Scheu, dem Stolz der Elfen, der berechnenden Intelligenz der Dämonen, aber auch einer unendlichen Güte und Unschuld, die er bisher allein bei dem Lichtdrachen Drak'en gespürt hatte.
„Ich verspüre das dringende Bedürfnis, dieses Rätsel zu lösen“, sagte er, unentschlossen, welchem Weg sie folgen sollten. „Eigentlich haben wir gar keine Zeit, doch…“
„…. vielleicht war es Absicht, dass wir hier gelandet sind“, ergänzte Luna. Zwar fühlte sie die fremde Andersartigkeit nicht so intensiv wie Wolf, doch wollte sie diese genau wie er unbedingt aufspüren „Lass uns dieser Anwesenheit auf den Grund gehen“, schloss sie deshalb.
Sie zogen eine Weile am Rande des Gebirges entlang. Wolf fühlte die Präsenz ständig stärker werden. Schließlich erreichten sie ein kleines Wäldchen, das aus kleinen, seltsam verkrüppelten Bäumen bestand, die ihre schneeigen Äste in alle Richtungen ausgestreckt hatten, dass ein seltsam anmutendes Dickicht entstanden war. Luna zog bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch. Bevor sie eine Bemerkung machen konnte, legte Wolf den Finger auf die Lippen. Mittlerweile stärkte er instinktiv sein Gehör mit Magie, deshalb war ihm das leise Gemurmel mehrerer Männer nicht entgangen.
„Direkt vor uns befindet sich ein Lagerplatz“, hauchte er in ihr Ohr. „Bleib du hier zurück. Ich werde das Wäldchen umgehen und mich ihnen vorsichtig von der Seite her nähern.“
„Nein, ich komme mit“, ihre Augen funkelten und er konnte erkennen, dass sie sich nicht umstimmen ließe. Deshalb zuckte er nur die Achseln und wandte sich nach rechts, um einem schmalen, kaum sichtbaren Pfad zu folgen, der sich um das Dickicht herumschlängelte.
Bald wurden die Stimmen so laut, dass er einzelne Worte verstehen konnte. Anscheinend stritten die Männer lautstark. Dem Klang und den Ausdrücken nach musste es sich um mindestens fünf wilde Gesellen handeln. Wieder wandte er sich zu Luna und bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung zu warten und wieder gab sie ihm zu verstehen, dass sie nicht zurück bleiben würde.
Langsam und vorsichtig schlichen sie näher heran. Die Räuber, wie Wolf schnell erkannte, hatten ihr Lager dicht an dem Wäldchen aufgeschlagen. Es waren acht Männer, ungehobelt aussehende, zerlumpte Gestalten, jedoch, außer dem Anführer, der ein Schwert an seiner Seite trug, bis auf ein Messer unbewaffnet. Lauthals diskutierend umstanden sie einen Käfig, anscheinend den Gegenstand ihres Streites, der zunehmend heftiger wurde. Einer der Räuber schrie zornig auf und zog sein Messer. Der neben ihm Stehende sprang hinzu und stieß in grob zur Seite, dass er zu Boden taumelte. Dadurch wurde die Sicht auf den Käfig frei und, als würde es ihn ebenfalls spüren, blickte das darin gefangene Wesen direkt in Wolfs Augen.
Ein Stich plötzlicher Verbundenheit durchfuhr ihn, als er staunend den gefangenen Wildgreif betrachtete. Es war das erste Mal, dass er eines dieser seltenen Geschöpfe zu Gesicht bekam. Der Körper schien eine Mischung aus einem Adler und einem Pferd zu sein. Der Kopf, auf dem ein zierliches, goldenes Geweih thronte, das sich auf jeder Seite vier Mal verzweigte, war der eines Adlers und ebenso die Vorderfüße des Wesens. Die kräftigen Hinterbeine und den geraden Rücken hatte es wiederum von einem Pferd, sein zwiegespaltener Schweif zuckte unruhig hin und her
Die blauen Augen sahen Wolf flehend an und er bemerkte das Eigentümlichste an dem Wildgreifen. Das, was er auf den ersten Blick für eine kleine Blesse auf dessen Stirn gehalten hatte, war ein vom Wasser geschliffener, aber immer noch erkennbarer Kristall. Es war der Stein, den Wolf zerbrochen hatte. Dieser Greif besaß das letzte Stück. Er dachte an das, was die Seelen gesagt hatten; das Stück, das er ins Wasser werfen sollte, würde seinen Weg finden. War es demnach kein Zufall, dass dieses Wesen sein Träger war?
Er löste den Blickkontakt mit dem Wildgreifen und zog sein Schwert. Darauf hoffend, dass ein Überraschungsangriff sie überrumpeln würde, rannte er laut brüllend mit erhobener Klinge auf die Räuber zu. Der erste wich völlig überrascht vor ihm zurück, zwei weitere traf er mit einem Zauber, dass sie zu Boden geworfen wurden. Die zwei Banditen, die sich hatten prügeln wollen, liefen, ohne sich noch einmal umzusehen, davon. Der Anführer dagegen zog sein Schwert, die letzten beiden Männer als Unterstützung an seiner Seite. Mit einem einzigen kraftvollen Hieb entwaffnete Wolf ihn und setzte einen weiteren Zauber ein, der die drei mehrere Deneal nach hinten schleuderte. Dann setzte er an, sich den restlichen Räubern zu stellen. Doch diese hatten ihr Heil bereits in der Flucht gesucht.
Ein lauter Schrei Lunas ließ ihn erneut herum fahren. Der Anführer wollte seine Beute nicht kampflos aufgeben. Unterstützt von seinen beiden Männern kam er, das Schwert zum Schlag erhoben, auf Wolf zugesprungen. Die beiden Banditen machten gerade Anstalten ihre Messer zu werfen. Er blendete sie mit einem Zauber, dass sie zurück taumelten und stellte sich dem Anführer. Einige rasche Hiebe genügten den Mann zu entwaffnen. Mit einer Hand packte Wolf ihn am Kragen und setzte ihm die Schwertspitze an den Hals. Seine Kumpane erstarrten in der Bewegung und das Opfer wimmerte laut auf.
„Du hast zwei Möglichkeiten“, zischte Wolf. „Entweder du nimmst deine Männer und verschwindest auf der Stelle oder ich stelle mich euch ohne Gnade zum Kampf.“
Der Mann überlegte nicht lange. „Wir gehen!“ krächzte er.
Mit einem heftigen Stoß katapultierte Wolf ihn zur Seite, dass er zu Boden fiel. Ohne ein weiteres Wort rappelte der Mann sich hoch, winkte den anderen beiden Banditen und verschwand mit ihnen. Aufatmend wandte Wolf sich zu Luna um. Diese war an den Käfig herangetreten und mühte sich ihn zu öffnen. Einige kurze, kraftvolle Hiebe seines Schwertes genügten, das Schloss zu sprengen und der Wildgreif war frei.
„Ich bin Griffith“, begann das Geschöpf mit ausdrucksvoller Stimme zu sprechen. „Ich danke Euch für meine Befreiung, Druide. Ich spüre, dass Euer Auftauchen kein Zufall ist, irgendetwas verbindet uns. Ich wurde Euer schon gewahr, bevor ich Euch erblickte.“
Wolf musste an sich halten, um das Geschöpf, das langsam aus seinem Gefängnis trat, nicht unverhohlen anzustaunen. Die seltsam anmutende Mischung aus Pferd und Greif schien weit intelligenter, als er erwartet hatte. „Es liegt an dem Kristall, den Ihr tragt. Ich besitze ein weiteres Stück von diesem. Woher habt Ihr ihn?“
Die blauen Augen des Tieres trübten sich ein wenig, als es antwortete: „Ich habe diesen Stein gefunden, als ich an der Bergquelle des Endurah zu trinken suchte. Ich verschluckte ihn und von da an veränderte sich mein Leben. Ich fand heraus, dass ich in der Lage war, bestimmte Magien anzuwenden und gewisse, nützliche Fähigkeiten von Natur aus besaß. Selbst meine Gedankengänge veränderten sich. Ich wurde zu einem Wildgreif, der es geschafft hatte, zu erkennen, wer er war und wer er sein würde. Doch als ich meinen Brüdern diese Erkenntnis vermitteln wollte, wurden sie, unfähig die Wahrheit zu verstehen, wütend und vertrieben mich. Kurz darauf fingen mich die Banditen. Sie überwältigten mich im Schlaf und betäubten mich. Als ich zu mir kam, war ich im Käfig gefangen. In meiner Einfalt sprach ich zu ihnen, ich dachte, wenn sie erkennen, dass ich kein wildes Tier bin, würden sie mich freilassen. Aber sie sahen bloß die Möglichkeit, aus meinem Verkauf einen noch größeren Gewinn zu schlagen.“
Wolf spürte Mitleid wie eine heiße Flamme in sich aufwallen. Die Bestimmung, die dem Greif auferlegt worden war, hatte dessen ganzes Sein für immer verändert. Wie viele Leben mussten eigentlich zerstört werden, bis endlich Frieden herrschte.
Luna, der sein Mienenspiel nicht entgangen war, ergriff eilends das Wort. „Sorgt Euch nicht Griffith, Euer Volk wird seine Erkenntnis mit der Zeit bekommen. Und wenn es die Werte von Gut und Böse kennen gelernt hat, wird es sich zu einer mächtigen Rasse entwickeln. Ihr habt Eure Entwicklung durch den Kristall beschleunigt“, sie lächelte sanft, „und wäret ein passender Gefährte für uns. Allerdings sage ich Euch gleich, dass wir beabsichtigen in den Krieg zu ziehen, um Rohedan zum Land der Götter zu machen, das es einst war.“ Mit einer Handbewegung brachte sie Wolf, der lauthals protestieren wollte, zum Schweigen. „Ich bin Luna, die ehemalige Mondpriesterin des Rates, dies ist Wolf, einer IHRER ehemaligen Druiden. Wir würden uns freuen, wenn Ihr uns Euch anschließen würdet.“
„Gern“, war die freudige Antwort. Wolf musste sich abwenden, als sich das Geschöpf dankbar vor ihnen verneigte und Luna mit einem Wortschwall überschüttete. Unter dem Vorwand das Lager zu durchsuchen, zog er sich etwas zurück. Dass die Menschen kämpften, um ihre Freiheit zu verteidigen, war schlimm genug, dass dieses Tier jedoch unfreiwillig in den Krieg hinein gezogen wurde, machte ihn wütend. Jeder sollte selbst entscheiden dürfen, was er bereit war zu tun.
„Du hast ihm diese Bestimmung nicht gegeben“, Luna war hinter ihm hergelaufen. „Du weißt noch nicht einmal, ob es Zufall oder Absicht war. Wir können ihm nur unsere Freundschaft anbieten, was er tut, wie er dieses neue Leben gestalten will, muss er selbst entscheiden.“
„Ich habe mich bereits entschieden“, Griffith, der nun ebenfalls zu ihnen trat, hatte die letzten Worte gehört und richtete sich stolz auf. „Jetzt, da mein Geist in der Lage ist derart komplex zu denken, werde ich meinem Leben einen Sinn geben, der es wert ist. Ich will euch begleiten und meinen Teil zum Frieden beitragen.“ Verschmitzt lächelnd wandte er sich direkt an Wolf. „Zudem kann ich Euch tragen. Durch mich seid Ihr flinker und beweglicher.“
„Wenn es wirklich Euer Wille ist“, Zweifel klang in Wolfs Stimme mit, während er fieberhaft nach Argumenten suchte, den Greif umzustimmen. Alles in ihm sträubte sich, dieses außergewöhnliche Wesen in die Kämpfe zu verstricken.
„Es ist meine Bestimmung“, erwiderte Griffith schlicht.


6. Kapitel

Artharykh hatte seine Serud'iel auf die strategisch wichtigsten Mauerabschnitte verteilt. Diese kämpften mit einer Verbissenheit und Ausdauer, dass selbst die Soldaten wieder Hoffnung schöpften und sich der Aufgabe mit neuem Mut stellten. Und das war bitter nötig, um die Horden der Angreifer, deren Zahl anscheinend nie weniger zu werden schien, zurückzuschlagen.
Sehr bald begriff er, dass die Angriffe lediglich darauf ausgelegt waren, die Zahl der Verteidiger zu dezimieren. Die Gegner hatten nicht die Absicht, in die Stadt einzufallen, jedenfalls noch nicht. 'Sie scheinen zu warten', dachte er bei sich. 'Aber auf was?'
Trotzdem griffen genug Feinde an, um sie ständig in Atem zu halten. Entsetzt hatte Artharykh festgestellt, dass die Soldaten Terragaths nicht mehr als vierhundert Mann zählten, alles einfache Leute, zwar im Kriegshandwerk geübt, doch nicht in der Lage, die Leitung der Verteidigung zu übernehmen. Der junge Mann, der notgedrungen die Aufsicht führte, war, nachdem er sein Misstrauen überwunden hatte, hocherfreut gewesen, einen erfahrenen Mann wie ihn an seiner Seite zu wissen. Artharykh hatte gar nicht um die Rolle des Anführers kämpfen müssen, der andere war froh gewesen, die Verantwortung abgeben zu können.
Warum nur diese wenigen Soldaten zur Verfügung standen und wo sich der Rest der rohedanischen Armee aufhielt, schien niemand zu wissen. Angeblich war das Heer mitsamt allen Generälen in einer geheimen Sondermission unterwegs, der Dämon hingegen hatte den Verdacht, dass Onmithes seine Soldaten dem Rat entgegen geschickt hatte, ihn zu stellen, bevor er Terragath erreichte. Nach allem, was er über den König wusste, konnte diesem der geplante Angriff nicht entgangen sein. Und sich kampflos zu ergeben war mit Sicherheit nicht des Herrschers Absicht.
Seine eigene Truppe hatte er als kleine Spezialeinheit ausgegeben, die schon mehrfach Aufträge für König Onmithes erledigt hätte. Und seinen Männern hatte er eingeschärft, sich niemals als Dämonen zu verraten. Auch wenn sich das Volk und die rohedanischen Soldaten über ihr Auftauchen und ihre Kampferfahrenheit freuten, die Stimmung konnte genauso schnell umschlagen, würden sie enttarnt und als verhasste Andersartige erkannt.
Um sich nicht zu verraten, kämpfte er immer wieder langsamer oder träger, wenn einer seiner Kameraden unter den Verteidigern ihn anblickte, um Ermüdung vorzutäuschen, sowie er sich unbeobachtet glaubte, schlug er mit voller Wucht zu und trieb die Angreifer von der Mauer.

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