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Jung genug zu sterben

Inhaltsübersicht

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Nachwort

Literatur

1

Bislang waren nur Stechmücken gegen die Scheinwerfer aus Pontresina geklatscht. Nein, eine schwarze Fichtenholzwespe war auch unter den toten Insekten, der Kadaver einer Regenbremse, der Flügel eines Abendpfauenauges, und gerade fing einer der Scheinwerfer in der Dämmerung ein weißes Federgeistchen ein, das sich in den roten und gelben Flüssigkeiten der zermatschten Opfer verklebte. Aber ein Mädchen, ein Mädchen war noch nicht in die Lichter geklatscht. Bislang.

Auf der Straße nach Forcola di Livigno war sie streckenweise gerannt, mit dem Ziel, die italienische Grenze zu erreichen. Aber was sollte in Italien besser sein? Auf der Straße würde man sie einholen. Also hatte sie Kurs auf die schwarzen Hänge genommen und keuchend den Lej Minor erreicht. Jetzt knickte sie zum dritten Mal mit dem Fuß um, als sie falsch auf einen Stein trat. Stechender Knöchelschmerz. Der Bach kämpfte mit dem Bergweg um die Vorherrschaft. Aber immerhin gab es einen Weg durch das Val Minor.

Sie versuchte, sich die Bilder der Landkarte in Erinnerung zu rufen. Mündete das Tal gen Norden? Beschrieb es einen Bogen? Öffnete es sich in Richtung Pontresina? Aber immer wieder schoben sich im wadenzerrenden, schnellen Gehen, im Stolpern und Umknicken mit den untauglichen Turnschuhen die anderen Bilder dazwischen. Sie bekam die richtige Reihenfolge dieser Erinnerungen nicht mehr zusammen.

Noch mal Jan, wie er zitternd nach vorn kippt. Die Kniescheibe auf den Felsboden zu. Jedes Mal wurde das Geräusch lauter. Vielleicht nur in ihrer Rückschau. Sein Körper durchbebt und fällt zur Seite. Was dann kam, konnte sie nicht mehr sehen. Bei jeder Wiederholung versuchte sie herauszubekommen, ob er auch mit dem Schädel aufgeschlagen war.

Dann: Wie er sich mit Klauen und Zähnen weigert, die Tabletten zu nehmen. Haben ihn regelrecht gezwungen. Festgehalten. Mund auf. Und dann noch eine Spritze von dem Zeug. Das war doch vorher! Das war nicht nach dem Sturz, verdammt noch mal, das war vorher!

Und wie sie in der Hütte steht. Die anderen mit dem Rücken zu ihr. Langsam drehen sie sich um. Starren sie an. Vorwürfe. Warum hast du nicht? Das wusstest du doch. Er braucht seine Medikamente. Du solltest dich darum kümmern. Ihn schützen. Das war hinterher. Aber war das überhaupt passiert? Hatten sie ihr diese Vorwürfe wirklich schon gemacht?

Ein Unfall war das nicht. Es war die dritte oder vierte Wiederholung von, von 

Sie sah sich um und nahm diese seltsam steile Anhöhe. Kaum fünf Meter, aber irgendwie unpassend in dieser Landschaft. Das musste jemand aufgeschüttet haben, künstlich zwischen die Ausläufer des Tals gebaggert. Hier und da waren einzelne Schneeflecken jetzt heller als der Himmel.

Für die Steigung brauchte sie auch die Hände. Rutschende Steine, glitschig, scharfkantig.

Während sie sich aufrichtete, sah sie im Augenwinkel die Scheinwerfer.

Was wollt ihr von mir?

Aufgerichtet stand sie da. Eine Steinsalzsäule.

Sie hörte nichts. Doch: Jans Kniescheibe, wie sie in Zeitlupe auf den Felsen schlug.

Nichts.

Das Mädchen stand da und hatte die Augen geschlossen.

 

Sie streckte den Arm aus. Schaute. Berührte den schwarzen Steinbock auf dem Wappen. Das Wappen hing genau in der Mitte, zwischen den Scheinwerfern. Sie berührte das rot lackierte Metall und spürte das Gespinst klebrig-toter Insektenflügel.

621. Was soll das? Was heißt 621?

Die graue Zahl nahm fast ihr gesamtes Gesichtsfeld ein. Voller Mücken und Fliegen, die bei der Fahrt ihr Leben gelassen hatten. Eigentlich ein schönes Schicksal, dachte sie. Dann wär’s wenigstens vorbei.

Sie sah nach oben. Über der 621 war noch ein dritter Scheinwerfer.

Und das Gesicht. Blass. Weiß. Der Zugführer der Lok 621 starrte sie an.

Jemand rief sie.

Sie stolperte. Plastikgeräusch auf Stein – das Handy, nein, die Kamera war aus der Jackentasche auf das Gleisbett gefallen.

Das Ding sieht aus wie ein Handy.

Sie griff danach und rannte weg. Rannte.

2

Er strich mit dem Daumen über die Stirn des Jungen auf der Pritsche. »BB«, murmelte er.

Für den anderen klang es nach einer Beschwörung. »Was sagst du?«

»Nichts. Komm, hilf mir, ihn raufzuheben.«

»Urs, jetzt sag schon! Hast du Bébé zu ihm gesagt?«

»Ich frage mich, warum wir den Jungen wieder und wieder in die Röhre schieben. Wo es ein Fall von BB ist: Sein Hirn ist nichts anderes mehr als Bregen-Brei

Unvermittelt stand Brogli neben ihnen. »Fragen, die Herren?«

»Nein, Herr Doktor. In zwei Minuten können wir wieder beginnen.«

»Gut. Fixieren Sie den Patienten.«

»Fixieren? Aber der Junge liegt ja sowieso im Koma … «

»Fixieren Sie ihn. Wir haben es mit morbus sacer zu tun.«

»In Ordnung, Herr Doktor.«

Als Brogli hinausgeschwebt war, flüsterte Andreas: »Was für ein morbus

»Fallsucht.« Er grinste. »Epilepsie. Solltest du wissen. Erstes Semester!«

»Koma ist Koma, oder? – Was meinst du mit Bregen-Brei

»Wir haben den Jungen von allen Seiten durchleuchtet. Schau dir die Bilder an! Der hat nichts mehr da oben. All die hellen Flächen – das ist nur noch Matsch in der Birne.«

Andreas betrachtete die Aufnahmen. »Matsch? Kann das Helle nicht etwas anderes sein?«

 

 

Urs zuckte mit den Schultern.

Andreas legte dem Jungen flach die Hand auf die nackte Schulter, atmete tief ein und versuchte, lautlos auszuatmen. Es sollte nicht wie ein Seufzen klingen.

 

Er vertraute auf sein Gehirn.

Professor Eugen Lascheter saß auf dem Dach des Punkthochhauses. Die drei Wohnungen der obersten Etage hatte er zu einem einzigen Apartment zusammenlegen lassen.

Blick auf Berlin in alle Himmelrichtungen. Alle Wände entfernt und durch Säulen ersetzt. Eine Wendeltreppe zum Dach – wo Lascheter nichts brauchte außer einem Liegestuhl.

Keine Musik, keine Getränke, keine Zeitschrift, kein Buch. Er vertraute ganz auf das Unterhaltungspotenzial seines Gehirns.

Eugen Lascheters Gehirn schöpfte aus den Archiven seines Langzeitgedächtnisses, einem Speicher mit Erlebnissen aus fünf Lebensjahrzehnten.

Gesichter, Bewegungen, Melodien kamen zu Tage, aber auch Stimmungen und Gerüche. Manche dachte er gezielt herbei. Andere wurden durch Assoziationen an die Oberfläche befördert und überraschten ihn. Er liebte die Überraschungen, die sein Gehirn ihm offerierte, dieses Organ, das zwischen Geburt und Tod niemals abschaltete.

Lascheter wartete darauf, was sein Gehirn mit den aufgespülten Erinnerungen machte. Es schlug vor zu vergessen, es wertete, es fällte Urteile. Es dachte in Ursachen und Konsequenzen, es verglich Vergleichbares und Unvergleichbares. Die zwei, drei, vier Millimeter dicke Großhirnrinde war der dernier cri der Evolution. Um das Vierfache größer als das eines Schimpansen. Die Zentrale der Strategie, der Feuerofen der Phantasie. Lascheter hatte nichts gegen wissenschaftliche Experimente mit Drogen. Aber die Vorstellung, seinen Ideen mehr Farbe zu geben durch Drogen, hielt er für abwegig. Wozu Ersatzemotionen, wenn es die echten Brainstorms gab?

Alles, was du tun musst, ist, deinem Gehirn zuzuhören und das Feuerwerk zuzulassen. Ab und zu kannst du etwas steuern, wie ein Dirigent. Du kannst eingreifen, wie ein Regisseur. Aber notwendig ist das nicht. Angeregt, gesteuert wird ohnehin von allen Seiten. Von Außenreizen:

Wolkenformationen über Berlin-Marzahn.

Die Fliege auf dem Arm.

Sonne.

Wärme.

Mehr als Konzentration brauchte und wollte er nicht. Sein einziges Zugeständnis an mediale Verführbarkeit auf dem Dach war ein Blackberry in Reichweite. Das Gerät gab ein dezentes Knacken von sich.

 

Dr. Carlo Brogli

Universitätsspital Zürich

Sehr geehrter Herr Professor, geschätzter Kollege,

Ihr Patient, der 16 Jahre alte Jan Sikorski, hat an einer Bergwanderung mit anderen Jugendlichen in Graubünden teilgenommen und ist schwer gestürzt. Ursache war offenbar ein epileptoformer Anfall Sikorskis. Nach der Sanität wurde dem Verunfallten im Spital Oberengadin in Samedan Levetiracetam verabreicht, damit es nicht zu weiteren Konvulsionen kommt, bei denen er sich zusätzlich verletzt. Zur Behandlung wurde er anschließend maximal sediert.

Nach Erstbehandlung eines Milzrisses und weiterer Innerblutungen wurde er heute zu uns verlegt. Ich diagnostiziere multiple Frakturen, die komplikationslos heilen dürften, ebenso wie die organischen Verletzungen. Im Normalfall hielte ich die weitere Analgo-Sedierung für unabdingbar und würde ihn erst in vier bis sechs Tagen wecken. Allerdings handelt es sich nicht um einen Normalfall, wie ich dem ILAE-Epilepsie-Pass Ihres Patienten entnehme.

Demnach leidet er an einer Sedativa- und Antiepileptika-Unverträglichkeit. Ich bitte daher um Ihre Einschätzung innerst nützlicher Frist, wie dieses Dilemma zu lösen ist, denn offenbar sind für ihn sowohl der Wachzustand als auch das »künstliche Koma« lebensbedrohend.

Ein weiterer Umstand alarmiert mich: Das Gehirn des Pat. weist Anomalien auf, die meines Erachtens weder aus der epilept. Anamnese noch aus dem Unfall resultieren. Insbesondere fehlt es an Graumasse. Sikorski hat ein Gehirn wie ein Erwachsener. Ist Ihnen das bekannt?

Bitte um Ihren Rat als behandelnder Experte.

Auf Wiederlurgen, C. Brogli

PS : Wer ist Kostenträger?

 

Jan Sikorski – bei manch anderen Patienten hätte Lascheter die Datenbank bemühen müssen. Für Sikorski hatte er gerade erst die Reise-Unbedenklichkeitserklärung unterschrieben. Bergwandern im schönen Graubünden – als Epileptiker? Lascheter wusste, die letzten diffusen, fokalen Anfälle hatte Sikorski vor mehr als drei Jahren gehabt. Er wusste, wann das angefangen hatte. Er wusste, wodurch es ausgelöst wurde. Er wusste eine ganze Menge.

Eine graue, flächige Wolke schob sich vor eine weiße, die wie ein Blumenkohl aussah und schnell aus sich selbst wuchs.

Lascheter verwarf den Impuls, den Schweizer Kollegen anzurufen.

Manchmal ist Reduktion auf das pure Wort besser. Man kann die Kommunikation später nachlesen. Und sie als Beleg verwenden, falls nötig.

 

Kollege Brogli – meine Grüße in den grandiosen Kanton Zürich! Ich erwäge im Fall Sikorski seit geraumer Zeit einen hirnoperativen Eingriff, der die einzige Option ist, seine Epilepsie zu überwinden. Erst kürzlich konnte ich eine Vernarbung im vorderen Kortex feststellen, nahe dem Sulcus frontalis superior. Das ist vermutlich der Herd. In Vorbereitung der OP injiziere ich seit Monaten verschiedene Kontrastgeber – was zu dem von Ihnen beschriebenen Bild einer hell reflektierenden Hirnmasse führte. Das muss Sie also nicht beunruhigen.

Verzichten Sie unbedingt auf weitere Antiepileptika, sie können bei der Disposition Sikorskis einen letalen Schock auslösen. Sedieren Sie so schwach wie möglich und leiten Sie schnellstens die genannte OP ein. Falls Sie sie nicht selbst durchführen, stehe ich zur Verfügung, bei Ihnen oder in meinem Institut.

NB : Alle Kosten übernimmt mein Institut, Sikorski läuft über unseren Forschungsetat. Hochachtung, Lascheter.

 

Die weiße Knollenwolke hatte die dunklere Flächenwolke von hinten durchstoßen.

Heftige Winde, da oben.

Immer wieder fingerten ein, zwei Sonnenstrahlen durch die Wolken.

Wie Laser, die jemand eingeschaltet und vergessen hatte.

Lascheter schloss die Augen und schwebte über Sikorskis Sulcus frontalis superior. Er sah die Vernarbungen, die vor einem rosaweißen, fleischig glänzenden Tal lagen. Er versuchte, die Konsistenz zu spüren. Das Gewebe von innen her zu denken. Spielte mehrere Schnitte durch.

Rostral beginnen, nasal umlenken. Klarer Schnitt.

Und wieder knackte der Blackberry.

 

Danke für Ihre Kooperation. Ich bin bestürzt, denn Ihr Patient ist soeben hingeschieden. Ich deute es als eine ischämische Attacke. Offen gesagt stehe ich vor einem Rätsel. Für eine Sedativa-Unverträglichkeit war es eine zu plötzliche Reaktion. Sind Sie freundlicherweise bereit, die gutachtliche Sektion durchzuführen? C. Brogli

 

Professor Eugen Lascheter antwortete mit einem knappen Ja.

Jan Sikorski tot. Und bald auf dem Seziertisch des Instituts.

Er streckte und reckte sich im Liegestuhl und fühlte sich in der Frische des Abends wohl wie eine Katze.

Zwischen den Wolkenspielen blitzte ein Stück Abendhimmel und schwand.

Manchmal fügt sich alles optimal.

Lascheter lächelte.

3

Das Mädchen saß am Rand des Bettes, die Augen groß und starr. Unbekleidet und bewegungslos wartete sie auf dem Laken, die Hände im Schoß verschränkt.

Ein kahles Zimmer. Kalt.

Ihr Kopf war kindlich, die langen, dunklen Haare hingegen offen wie die einer jungen Frau. Hinter ihr, an der Wand, stieg ein Schatten auf, ihr eigener Schatten. Er stieg auf wie eine Lache. Eine Lache, die an der Wand die Form einer … Keule annahm. Ein Schatten mit einem Eigenleben.

Edvard Munch stand unter dem Bild. Und: Die Pubertät, Nationalgalerie Oslo, 1894/​95, 151 x 110 cm.

 

Melina von Lüttich stand vor der Kopie des Gemäldes und schüttelte den Kopf.

Wer kommt auf so eine Idee? Das Bild einer nackten Pubertierenden in das Foyer eines Forschungsinstituts zu hängen! Die Eltern, die zum ersten Mal herkommen und sich fragen, ob sie uns ihre Kinder anvertrauen können – ihr erster Eindruck ist jetzt dieses arme Mädchen! Man müsste etwas Freundliches, Beruhigendes aufhängen.

Sie trat einen Schritt näher.

Munch hin, Munch her – die Wand des Zimmers mit dem Bett ist schlecht schraffiert, der Schatten hinter dem Mädchen zusammengekritzelt.

Für einen Moment dachte sie, das Mädchen habe Lenas Augen. Sie sah auf die Armbanduhr, drehte sich um und hoffte, im weitläufigen Foyer eine heranschlurfende Lena zu sehen. Aber nichts.

Seit einer Viertelstunde ist sie fällig. Wie hoch und wie heilig hat sie mir versprochen, heute pünktlich zu sein, dachte Melina. »Ja, ich werde die ganze Gruppe begrüßen und alles so professionell machen wie du, Melina.« Von wegen! »Vertraue mir einfach. Ich kümmere mich um die Gruppe, mache die Erstbefragungen und alle Tests in den nächsten Wochen. Was soll ich denn noch machen, damit du mir das zutraust?« – Tja, vielleicht einfach mal erscheinen?

Melina ärgerte sich über ihren Groll. Sie klemmte die Ledermappe unter den Arm und schritt quer durch das Foyer in den Garderobentrakt, wo ein Spiegel bis auf den Boden ging.

Kommt sich erwachsen vor mit ihren vierzehn. Und was ist sie? Wenn ich gewusst hätte, dass wieder alles an mir hängenbleibt, hätte ich mich vorbereitet.

Sie zog ihr dunkles Haar straff nach hinten und kontrollierte sich: der geordnete Pferdeschwanz. Die schmale, dunkelblaue Brille. Der dezente Lippenstift. Der herbstfarbene Hosenanzug.

Langweilig, aber professionell.

Draußen war weiterhin keine Lena. Melina tippte auf dem Handy die Lena-Kontakte an. Niemand meldete sich, weder bei ihr zu Hause noch am Handy.

Lena hatte so überzeugend gewirkt beim letzten Mal. Sie wollte es so unbedingt, dass ich ihr vertraute. Vielleicht ist ihr was zugestoßen? Wenn sie sich verspätet oder den Termin vergessen hat, könnte sie ans Handy gehen. Das macht sie sonst auch.

Melina versuchte es erneut.

Freizeichen, Freizeichen, Freizeichen.

Sie setzte sich unter das Mädchen, das einsam auf dem Bett saß.

Da kommen schon die Ersten.

Sie schoss hoch.

Quatsch, setz dich! Vielleicht erscheint Lena doch noch und nimmt die Gruppe in Empfang.

Melina setzte sich und schlug die Beine übereinander. Sie beobachtete, wie Jungs und Mädchen um die dreizehn Jahre ins Foyer schlichen. Ob sie einzeln angeschlurft kamen, die Samstagsvormittagsmüdigkeit im Gesicht, oder sich blödelnd rempelten oder ganz in ihre Displays vertieft waren – sie alle schauten irritiert. Denn im Eingangsbereich des großzügig bemessenen Foyers gab es ungewöhnlich viele Säulen. Wie die Außenfassade waren sie aus grünem Marmor, und sie standen besonders am Eingang eng und ungleichmäßig verteilt. Einige so nah beieinander, dass man sich nicht zwischen ihnen hindurchquetschen konnte.

Wenn Lena was passiert ist … Und ich kümmere mich nur um das Institut und diese Kids da 

Melina spürte die Adrenalinwelle. Als offerierte ihr jemand, dass sie eine Lateinklausur zu schreiben habe, an die sie nicht mehr gedacht hatte.

Keine Panik!

Von der Potsdamer Chaussee trat wenig Tageslicht durch die schmalen, vertikalen Fensterschlitze. Wenn überhaupt, dann kam Licht aus Punktstrahlern, insbesondere auf der östlichen Seite des Foyers, wo schwarze Ledermöbel Komfort versprachen. Dort wartete und beobachtete Melina.

Zwei Jungs kamen näher, deuteten auf das Gemälde mit dem nackten Mädchen und machten eine obszöne Geste.

Ein bleiches Mädchen schritt wie in Trance durch den Säulenwald.

Drei Mädchen erzählten sich in den höchsten Tonlagen irgendetwas, das sie aufregend fanden.

Melina sah zum tausendsten Mal auf die Uhr und biss sich auf die Unterlippe. Es schien, der Schwarm aus Jungen und Mädchen war vollständig, abgesehen von der vorgesehenen Gruppenleiterin.

Na gut, die Show beginnt.

Sie stand auf und hob zur Begrüßung einen Arm, als wolle sie den Verkehr regeln.

»Meine Herren und Damen«, hob sie an und machte eine Pause.

Es war schlagartig ruhig. Sie wusste – das hielt nur einen Moment.

»Sie interessieren sich für das Institut Zucker. Mein Name ist Melina von Lüttich, und ich … werde Sie führen. Ach ja, noch etwas … « Pause.

Vorsichtiges Husten ganz hinten.

Sie fuhr fort: »Wenn wir wollen, dürfen wir uns duzen. – Was halten Sie davon?«

Unschlüssigkeit.

»Ich werte das als Zustimmung. Also, ich bin Melina. Falls sich jemand danebenbenimmt, werde ich ihn oder sie wieder siezen.«

Heiterkeit.

»Zuerst ein Wort zu diesem Gebäude. Was ist euch zuerst aufgefallen, als ihr es betreten habt?«

Keiner traute sich.

»Na?«

Zaghaft, während einer gähnte: »Alles voller Säulen.«

»Gut. Und könnt ihr euch vorstellen, was der Architekt damit bezweckt?«

Nichts. Kaugummikauen.

»Ihr seht, dass die grünen Marmorsäulen unregelmäßig verteilt sind. Am Anfang viele und nach dort hinten hin werden es weniger. Woher kennt man so was?«

»Wald?«, fragte einer.

»Genau. Wenn ihr genau hinschaut, erkennt ihr, dass manche Säulen gar nicht bis an die Decke reichen. Es sind 99 Säulen, an sieben von ihnen rinnt Wasser herunter. Habt ihr schon eine davon gefunden? – Der Architekt will, dass jeder Besucher am Anfang regelrecht im Wald steht. Er soll verwirrt sein: Obwohl alles wie in einem typischen repräsentativen Gebäude aussieht, geht dieser Säulenwald gegen unsere Gewohnheit. Außerdem seht ihr, dass es am Eingang und im ganzen Foyer dunkel ist, die Augen müssen sich erst daran gewöhnen, stimmt’s?«

Vereinzeltes Nicken, wieder der Gähner.

»Je weiter ihr vorgeht, desto weniger Bäume gibt es, die Decke wird höher – sie steigt von acht auf sechzehn Meter, es wird heller. Das ist die Idee einer Lichtung. Dort hinten seht ihr die Treppen, und an die Stelle des dunklen Marmors tritt Holz. Der Architekt möchte, dass die zunächst irritierten Besucher sich der Dunkelheit bewusst werden und dass sie instinktiv zum Licht streben. Dort, oberhalb der Treppe, gibt es nur noch Glas und Licht und Weißmetall. Dort ist unsere Forschungsabteilung, und da befindet sich auch das Auditorium maximum. Ohne dass man einen Wegweiser braucht, weiß man auf diese Weise, in welche Richtung man gehen muss – sofern man nicht wie wir im Foyer verabredet ist. Das ist Kunst, ohne dass es nach einem Kunstwerk aussieht.«

»Und das da?«, fragte eine Zierliche und deutete auf das Munch-Gemälde.

Dieses blöde Bild 

Melina lächelte und zuckte die Achseln. »Es heißt ›Die Pubertät‹ und stammt von einem berühmten norwegischen Maler. Vielleicht kennt ihr sein Gemälde ›Der Schrei‹? – Seht es euch beim Rausgehen nachher noch mal genauer an.«

Einer verdrehte die Augen.

»Worum geht es heute?«, fragte Melina. Sie griff in ihren Rucksack auf dem Ledersessel und zog ein Gehirn heraus. »Um das hier!«

Raunen.

»Das ist ein gutes Modell. Und ein teures, lasst es nicht fallen. Es fühlt sich genauso an wie ein menschliches Hirn, ihr könnt die Oberfläche leicht eindrücken. Auch die Färbung stimmt – unser Gehirn ist nicht einfach nur grau. Es wiegt 1,1 bis 1,5 Kilogramm.«

Das Hirn ging von Hand zu Hand.

Keine Lena.

Vorsichtiges Drücken, Wiegen in der Handfläche, ungeduldiges Wegnehmen, Ekelmimik, Unglaube, Freude. Und – unvermeidlich – einer, der sich das Gehirn auf den Kopf setzte.

Wie immer. Melina wartete auf die Rückkehr des Gehirns, hielt es hoch und sagte: »Euer Gehirn schwimmt unablässig in einer Salzbrühe. Wenn ihr zu wenig trinkt, dehydriert der Körper, und es kann zu Kopfschmerzen kommen. Wenn ihr Wasser literweise und pausenlos in euch hineinschüttet – es gibt so idiotische Kampftrinkereien mit Mineralwasser  –, dann kann das Gleichgewicht des Salzwassers im Kopf umkippen. Und das ist tödlich.«

»Cool.«

»Von allem, was ihr esst – Pommes, Schokoriegel, Kartoffelchips, Burger  –, wird ein Fünftel vom Gehirn benötigt. 20 Prozent der Energie für dieses Organ, das nur 2 Prozent eures Körpergewichts ausmacht. Aber wozu wird so viel Energie benötigt? Habt ihr eine Idee?«

Schulterzucken.

»Die Salzlösung nennt man Cerebrospinalflüssigkeit. Sie enthält Natrium- und viel weniger Kaliumionen. Tag und Nacht arbeiten molekulare Pumpen, um die Kaliumionen in die Nervenzellen zu bugsieren und um das Natrium herauszuleiten. Durch die unterschiedlichen Ladungen der Ionen entsteht Strom.«

»Ein Kraftwerk im Kopf«, sagte einer und kicherte.

Sie deutete auf den Jungen und nickte. »Mit diesem Kraftwerk im Kopf befasst sich das Institut Zucker. Das Kraftwerk baut sich im Laufe unseres Lebens von selbst um. Und wir wollen wissen, warum das geschieht.«

Sie verstaute das Gehirnmodell im Rucksack. »Jetzt noch kurz vier Sätze zum Institut, mit dem ihr zusammenarbeiten wollt: Professor Friedrich Zucker gründete das Institut 1984. Er verlegte es 1994 nach Berlin und arbeitete mit der Charité zusammen. Dieser Neubau hier in Berlin-Gatow wurde vor drei Jahren fertig. Seitdem konzentrieren wir uns auf die Erforschung der Hirn-Physiologie während der menschlichen Pubertät. Alles klar?«

Einzelne nickten.

»Gut, dann sagt mir: Wann wurde das Institut Zucker gegründet? Was habe ich eben gesagt?«

Allgemeines murmelndes Nichtssagen.

»1994?«, piepste eine Stimme.

»1984. – Aber ihr habt es sehr gut gemacht. Genau so, wie man es erwartet. Aus irgendeinem Grund sagt euch euer Gehirn nämlich: Diese Zahl musst du dir nicht merken! Und wir wollen herausfinden, weshalb das Gehirn so dusselig ist. Nicht ihr, sondern das Hirn.«

Lachen.

»Wenn ich euch diese Jahreszahl vor einigen Jahren genannt hätte, als ihr Kinder wart, dann hätte euer Gehirn gesagt: Merk es dir, egal, was das für eine Zahl sein soll! Es sieht also so aus, als sei euer Gehirn dümmer geworden.«

»Nö«, protestierte ein adipöser Junge. »Es ist schlau genug, an der richtigen Stelle auf Durchzug zu schalten.«

»Hm, ich sehe, du könntest uns gut bei der Arbeit helfen.«

Schulterklopfen für den Kumpel.

»Die Hauptthese hier am Institut lautet: Während der Pubertät nimmt die Leistungsfähigkeit des Gehirns in bestimmten Bereichen dramatisch ab. Zum Beispiel bei der schulischen Konzentration.«

»Hö-hö!«, tönte es lautmalerisch.

Melina nickte. »Ja genau: hö-hö. Sonderbarerweise gibt es andere Areale des Gehirns, die während der Pubertät richtig loslegen. Das ist das Ziel des Instituts Zucker: Diese Widersprüche zu verstehen.« Sie schaute in die Runde. »Dem einen oder anderen von euch würde es helfen, wenn er verstünde, was in seinem Köpfchen passiert. Oder?«

Breites Grinsen. Von frech bis nachdenklich.

»Wir kommen jetzt zu der Frage, ob ihr mit uns kooperieren wollt, damit wir bei unserer Forschung weiterkommen. Bei unseren Tests müsst ihr keine Medikamente schlucken, und es gibt keine gruseligen Operationen, okay? Eure El …, Eure Erziehungsberechtigten müssen zustimmen, dass ihr ärztlich gecheckt werdet und dass ihr für einige der medizinischen Tests Kontrastmittel bekommt. Die Unterschriften will ich nicht per Mail oder SMS, sondern auf Papier. Papier – das sind diese leichten, weißen, viereckigen Dinger hier, klar?«

Einige Lacher.

»Ich nehme an, Geld interessiert euch nicht«, sagte sie.

Die Jugendlichen grinsten.

»Ihr bekommt für jede Stunde bei einem Test zehn Euro plus Fahrgeld. Im Schnitt brauchen wir euch ein bis zwei Stunden in der Woche. Ihr könnt jederzeit aussteigen. Aber wenn ihr ein Jahr durchhaltet, schenken wir euch eine Gruppenreise. Zwei Wochen Bergwandern mit Abenteuerurlaub in Graubünden. Das liegt in der Schweiz … «

»Krass.«

»Zehn Euro sind nicht viel. Ihr könnt aber wählen: Wenn ihr auf das Geld verzichtet, bekommt ihr stattdessen eine Jahres-Mitgliedschaft für das PALAU, hier nebenan. Das ist eine Freizeiteinrichtung, die ihr euch ansehen könnt. Die kooperieren mit uns und bieten zum Beispiel kostenloses Reiten, Kraft- und Ausdauertraining, schulische Unterstützung, Partykeller, Internetzugang, psychologische Einzelberatung und Wochenendaktionen.«

»Da leben alte Knacker«, sagte einer der Jungs und bekam von der einen Seite einen bestätigenden Handklatscher, von der anderen einen Schubser.

»Ja, stimmt schon. Das PALAU ist für alle Generationen. Wenn ihr Spaß dran habt, könnt ihr euch da ehrenamtlich engagieren.«

Jemand machte ein Würgegeräusch.

Kichern.

»Und was ist dann mit dem Alpenurlaub?«, fragte ein Mädchen.

»Den bekommt ihr so oder so. Wenn ihr das Jahr durchhaltet.«

Das Mädchen nickte.

»Ich komme jetzt mit meiner Horrorliste«, sagte Melina und zog ihr vorbereitetes Grinsen hervor. »Wir brauchen euch als verantwortungsbewusste Probanden. Unzuverlässigkeit führt dazu, dass unsere Tests missraten. Deshalb schließen wir jede und jeden aus, der unentschuldigt fehlt – und zwar gleich beim ersten Mal.« Melina ließ den Satz wirken. »Ausgeschlossen ist außerdem, wer auf dem Gelände unseres Instituts oder auf dem Gelände von PALAU raucht, Alkohol oder andere Drogen zu sich nimmt oder anbietet, Sex hat … «

Lautes Gekicher.

» … sich prügelt oder irgendwas demoliert oder klaut.« Sie schaute ernst. »Und das ist so gemeint. Verstanden?«

Nicken. Teils unwillig.

»Außerdem ist dieses Foyer der einzige Ort des Instituts, an dem ihr eure Handys oder euren Musikkram eingeschaltet lassen dürft. Denn wir wollen uns hier auf euch konzentrieren. Ihr seid uns wichtig; uns interessiert nicht, wen ihr da irgendwo draußen kennt, okay?«

Ein Mädchen meldete sich. Wie in der Schule. Sofort kam Spott auf, das Mädchen wirkte verunsichert, weil es ja nicht die Schule war. Sie wollte trotzdem etwas sagen.

Melina lächelte auffangend. »Ja?«

»Was sind das denn nun für ominöse Tests?«

»Na ja, darum seid ihr heute hier: Damit ich euch die Räume zeige und euch ein Bild von dem gebe, was euch erwartet. Bereitet euch auf den puren Luxus vor. Und auf eine Menge Technik.«

Immer das Gleiche, dachte sie, als sie dem Hühnerhaufen voranging. Wieso verhalten sich alle Gruppen gleich? Die Einzelnen unterscheiden sich, aber in der Gruppe gibt es jedes Mal die gleiche Rollenverteilung.

Ich könnte Reiseleiterin sein. Jeden Tag Touris durch Pompeji schleusen oder über den Potsdamer Platz. Wo war die Mauer, wo steht unser Bus, was machen wir abends?

Lena drängte in ihr Bewusstsein, aber sie wollte das jetzt nicht zulassen.

Melina spiegelte sich in einem kleinen Rechteck aus schwarzem Glas. Dahinter saßen die Biometrie-Läuse und entschieden, dass sie dieses edle Antlitz kannten. Mattglastüren glitten zur Seite.

Drei der Jungs fanden das besonders interessant, einer blieb in der Tür stehen.

»Okay«, sagte Melina. »Die Herren möchten ein bisschen Kaufhaustür spielen. Bitte sehr. Nur zu. Wir warten so lange, bis ihr ausgespielt habt.«

Die »Herren« ließen die Tür zugleiten und grinsten verunsichert.

»Raumschiff«, sagte einer.

»Und du bist Kirk oder Spock?«, fragte Melina tonlos, weil sie alles schon durchgespielt hatte.

»Uhura«, sagte einer und sonnte sich im Gelächter.

Melina nahm das als Anschubenergie für die nächsten Meter. »So, hier sind wir.«

Ungläubiges Umherschauen.

Kaum einer der Jugendlichen kannte eine First Class Lounge am Flughafen, aber so ungefähr war der Raum eingerichtet. Hier und da ein, zwei teppichgefederte Stufen, cremefarbene Ledersessel, Obstschalen, weite Wände, gedimmtes Licht.

»Hier finden unsere offenen Gesprächsrunden statt«, erklärte Melina. »Von hier aus geht es zu den Decks A und B, die jeweils drei weitere, ähnlich eingerichtete Räume aufweisen. Für unsere Einzel- und Gruppengesprächstests.«

»Das heißt wirklich Deck A?«

»Nee, du Blödmann«, sagt sein Kumpel, »die Frau geht auf deinen Uhura-Quatsch ein. Merkste nich mal, du Vulkanette!«

Ein Lacher.

Melina zeigte ihnen alle Räume, die sich nur in der Grundfarbe und im Zuschnitt unterschieden. Hier ging es um Angstabbau, deshalb mussten sie sich sogar den langweiligsten Sessel ansehen.

Ein riesiger Affe grinste. Kabel an seinem Kopf.

»Das ist ein Foto von Jogi, unserem Lieblingsschimpansen.«

Jogi füllte in Schwarz und Weiß drei mal drei Meter im Glanzrahmen.

»Manche Menschen sagen, sie fühlen sich wie ein Versuchstier, wenn man Elektroden an ihre Haut klebt. Deshalb hängen wir lieber gleich unseren Jogi hier auf, dann kann man beim Test so richtig den Affen raushängen lassen. Also, wie ihr ahnt, befinden sich hier die Zimmer, in denen wir elektrische Impulse messen, die ein Körper hervorbringt. Insbesondere interessieren uns die Gehirnströme. So eine Ableitung von Elektroenzephalogrammen tut nicht weh. Wenn ihr wollt, könnt ihr Jogi besuchen, dem geht es gut. Er lebt mit seiner Familie im PALAU. Aber Vorsicht, er ist Rentner, also ein alter Knacker!«

Menschliches Gegrinse.

Manchmal sieht es schimpansisch aus, dachte Melina.

»Die Familie von dem Schimpansen«, sagte eine hübsche Rothaarige, »sind das Affen oder Menschen?«

»Nach ein paar Jahren bei uns«, sagte Melina düster, »kann man keinen Unterschied mehr erkennen.«

Gelächter.

Melina hielt noch einen Moment den finsteren Ausdruck bei, dann lachte sie mit, und obwohl sie die Berührung mit fremden Menschen nicht mochte, hakte sie die Rothaarige unter und versicherte ihr, dass es sich um eine kleine Schimpansen-Familie handelte.

Die Räume waren weiß und glänzten glasig.

»Hellblau«, sagte Melina, und die Längswand färbte sich hellblau.

»Warm, warm, warm«, sagte sie, und die Wand tendierte zum Grün und schließlich zu Gelb.

Leise Bewunderungspfiffe.

»Mit der Farbe der Räume können wir manchmal Gehirnaktivitäten beeinflussen.« Theatralisch zu einem der Jungen gewandt, fügte sie hinzu: »Manche Gehirne werden auch erst hier wach.«

Er lachte, die anderen auch.

»Bei einigen Tests bestimmt ihr die Raumfarbe selbst auf diese Weise.«

»Kann man auf den Wänden auch Pornos abspielen?«, wollte einer wissen und hatte bei seinen Kumpels nun einen Stein im Brett.

»Klar«, sagte Melina. »Wir brauchen aber noch einen Hauptdarsteller.«

Immer das Gleiche.

Sie gingen auf eine gebogene Wand zu, die Türen glitten zur Seite. »Normalerweise gelangt man über die Freitreppen in das Audimax. Man betritt es von oben. Wir hingegen nehmen jetzt den Backstage-Zugang.«

Es roch nach Holz.

Die Sitze strahlten im Sonnenlicht.

Einige schauten zur Glaskuppel hinauf.

»Nehmt da drüben Platz.«

Umständliches Platzsuchen und Gerangel. Obwohl für zwanzig solcher Gruppen Sitzplätze vorhanden waren.

»Hier im Audimax finden die Rockkonzerte und Orgien statt«, sagte Melina. »Aber ehrlich gesagt: mehr Rockkonzerte. Ab und zu auch langweilige Vorträge. Falls ihr euch langweilen wollt wie an einer Uni, könnt ihr jederzeit herkommen. Das sieht dann etwa so aus … «

Sie tippte am Pult auf einen Sensor, woraufhin die Kristalle im Glas der Kuppel auf »Schwarz« umschalteten. An der Projektionswand erschien ein Mosaikbild. Es setzte sich aus Kamerabildern zusammen. Melina wählte eines nach dem anderen und erklärte, was ein Magnet-Resonanz-Tomograph und ein Computer-Tomograph sei, ein Szintograph, ein Einzelphotonen- oder ein Protonen-Emissions-Tomograph.

»Müssen wir auch in so eine Röhre?«, fragte ein Mädchen.

»Ab und zu, ja. Das ist aber nur was für starke Nerven. Da drin könnt ihr Musik hören, so laut ihr wollt.« Sie senkte die Stimme. »Und ich sage euch: Ihr werdet einiges erleben, das ihr noch nie erlebt habt. Noch nie.«

Die Kamerabilder verschwanden.

»Ihr werdet ein neues Bild von euch bekommen.«

Man sah einen bunten Menschen. Die Kamera fuhr näher und näher an ihn heran. Knochen blau, Muskeln violett, Adern rosa und rot, Organe gelb und orangefarben. Noch näher: Blutgefäße mit strömender Flüssigkeit.

Raunen.

Die Kamera flog über das Brustbein zum Gehirn. Buntes Flimmerspiel, Blitze und Ströme.

Anerkennendes Lachen.

»Der Rest wird euch nicht mehr interessieren«, sagte Melina. »Wer will, kann gern schon gehen.«

Alle saßen auf ihren Sitzen.

Der bunte Mensch löste sich von der Leinwand und schwebte dreidimensional im Raum. Eine unsichtbare Kraft schnitt ihn horizontal in Scheiben, und die Scheiben klappten auf, so dass man ihm bis ins Rückenmark schauen konnte.

Und überall floss es in diesem zerschnittenen Körper.

Ein Arm löste sich vom Rumpf und winkte dem Audimax zu.

»Das ist mein lieber Freund Henry«, sagte Melina. »Die nächsten Hauptdarsteller seid ihr – falls ihr wollt.«

 

Melina schaute auf den endlich hochgefahrenen Computer. Im Büro konnte sie sowohl dienstliche als auch private Mails abrufen, aber es gab keine von Lena. Nur zwei Meldungen, für die das Programm den Transport in den Mülleimer vorschlug.

Die erste versprach schon in der Überschrift ein weltumstürzend neuartiges Potenzmittel, kostenlos und im Doppelpack.

Löschen und sperren.

Die andere war eine Mail ohne Text. Sie enthielt ein Dokumentensymbol, das Melina noch nie gesehen hatte. Auf schwarzem Grund war da so etwas wie eine stilisierte Kamera. Sie klickte einmal und noch einmal, aber nichts geschah. Der Name der Datei war »alma«.

Kenne keine Alma, dachte Melina, hatte aber schon wieder Lenas Bild vor Augen. Zwischendurch versuchte sie es zum x-ten Mal über Handy.

»alma«. Vielleicht alma mater, eine Uni? Oder ein Werbegag? Hat Lena bei ihrer komischen Germanen-Rockmusik, bei diesem Pagan-Zeugs nicht so ein Pseudonym gehabt? Ase? Ada? Alma etwa?

Melina versuchte, das unbekannte Dateiformat mit allen möglichen Programmen zu öffnen. Schließlich klickte und doppelklickte sie nur noch stumpf vor sich hin.

Mit jedem Klick wurde es kälter.

Sie wusste, aus irgendeinem Grund, dass sie auf Lena klickte.

Einen Klick entfernt und doch nicht erreichbar.

Ihr war jetzt sehr, sehr kalt.

4

»Ich bin sein Caller«, sagte der Mann, dessen Haare zu einem Zopf geflochten waren. Er trug eine Latzhose.

Die Idealbesetzung für eine Kindersendung.

»Es ist mir egal, was Sie sind«, sagte Melina. »Ich muss zu ihm.«

»Na, sein Inspizient bin ich, sein Spielwart, sein Stage Manager. Außerdem bin ich sein Kartenabreißer, sein Ballett. Und sein Arbeitssklave.«

»Lassen Sie mich – bitte – zu ihm. Es geht um seine Tochter Lena.«

»Lena? Sagt mir nichts.«

»Was? Aber das ist Lenas Adresse. Sie hat mir erzählt, dass sie bei ihrem Vater im Theater wohnt, in einem Anbau hinter dem Übungskeller.«

»Um sein Privates kümmere ich mich nicht. Meine heilige Pflicht besteht darin, ihm den Rücken freizuhalten, wenn er Ruhe für seine Bühnenarbeit braucht.«

Melina schloss die Augen, um sich zu beherrschen. Aber auch, weil sie wusste, dass sie auf diese Weise entschlossener wirkte. »Ich bin mir sicher, dass Lena normalerweise hier lebt.«

»Jenissej probt. Keine Chance! Gib mir deine Telefonnummer, dann ruft er dich eventuell zurück.«

»Jenissej? Lenas Vater heißt – Jenissej?«

Die Latzhose war pikiert. »Ja. Das alles hier ist Jenissej. Das Theater, die Aufführungen, wir alle.«

Es begann zu brodeln in ihr. »Dieser tolle Typ hat eine Tochter, die verschwunden ist. Eine Vierzehnjährige! Er soll sich verdammt noch mal darum kümmern!«

»Weißt du … Mir fällt immer wieder auf: Wenn Frauen wütend werden – das macht sie eher hässlich … «

Melinas Zeigefinger schnellte hoch. »Sie haben mich noch nicht richtig hässlich gesehen«, sagte sie mit einem drohenden Unterton. – Der ihr gar nicht schlecht gefiel.

Beschwichtigend hielt ihr der Inspizient seine Hände entgegen. »Er entlässt mich, wenn ich ihn störe. Aber was hältst du von einem Deal: Ich lasse dich rein, du setzt dich stadtmäuschenstill ins Publikum und gibst keinen Piep von dir, solange er probt. Ich sorge dafür, dass er sich im Anschluss daran an dich wendet. Bitte sag nicht nein, sonst bin ich tot.«

Beinahe musste Melina schmunzeln. Stattdessen nickte sie knapp.

Der Mann öffnete das Tor zum Hof und bat sie, ihm zu folgen. Hinter der Ecke sah sie den Anbau, einen einstöckigen Wohntrakt, der nachträglich an das Theater herangepappt worden war, aber immerhin passend in gelben Ziegelsteinen. Das ganze Theater, vormals eine Maschinenbaufabrik, war in diesem Gelb des neunzehnten Jahrhunderts gehalten.

Von Jenissejs Theater hatte sie noch nie gehört. Aber der Prenzlauer Berg gehörte sowieso nicht zu ihren Vierteln. Wohnen in Charlottenburg, studieren in Zehlendorf, jobben im südlichen Spandau. Ihr Freund in Köpenick, das war eine Ausnahme. Es war, diese Ausnahme hatte sich ja inzwischen erledigt.

Hinter dem Bühnentrakt war eine moderne Stahltür in die Fassade eingelassen. Dahinter passierten sie im Gänsemarsch Versatzstücke aus Holz und Leinwand sowie Reihen von Kostümen, die Melina unter den Schutzfolien nicht erkennen konnte. Eine schmale Wendeltreppe, eine noch schmalere Tür – und plötzlich standen sie im Zuschauerraum. Alle Plätze waren leer, sowohl auf der Galerie als auch im Parkett.

Der Mann deutete in die dritte Reihe, legte den Zeigefinger auf den Mund und verzog sich. Nicht ohne sich prüfend zu ihr umzuschauen.

Melina nahm Platz und machte sich klein, wobei sie an die Dokumentarfilme denken musste, in denen es um das Duck-and-cover-Programm ging, die US-amerikanische Vorbereitung der Bevölkerung auf atomare Angriffe.

Die Bühne war nur fahl beleuchtet.

Einzelne leere Flaschen standen auf dem Parkett. Whisky, Cognac und Wodka tippte Melina. Plötzlich kam ein Mann aus dem Hintergrund der Bühne angerannt, torkelte im Lauf, stürzte, rollte zur Seite, streckte sich mit dem Kopf nach unten wie ein Streetdancer, stand wieder auf den Beinen und torkelte erneut, diesmal um eine der Flaschen.

Der Mann trug ein hellgraues Hemd ohne Kragen und eine schwarze, für einen Tänzer zu weite Hose. Sehr kurze graue Haare. Er tanzte barfuß auf den Holzbrettern.

Er schien nun hin und her gezogen zu werden, mal von der einen, mal von der anderen Flasche. Kaum einmal, dass er stand oder überhaupt aufrecht war. Mehr hockte er, fiel in sich zusammen, robbte, kroch, krümmte sich, bäumte sich auf und brach zusammen.

 

Jenissej hatte beide Hände auf dem Boden, ebenso das linke Knie, während das rechte Bein in Sprungposition war – die Haltung beinahe wie die eines Läufers vor dem »Achtung! Fertig! Los!« Erinnerung an Tabak.

In dieser Haltung entschloss er sich, seine Anspannung zu verstärken, den Ärger, den Missmut über die Richtungslosigkeit, all den Müll der Unfähigkeit, aus seinem leuchtenden Brustkorb herauszudrücken, es in den Kopf schießen zu lassen und – es über Tränen herauszuspülen.

Atem anhalten, Bauchdecke. Atmen, Tränendrüsen.

Plötzlich erbebte sein Körper in einem einzigen Schluchzer. Ein Echo aus der Kindheit. Längst nicht mehr verzweifelt wie damals, sondern nur noch eine Kopie, abrufbar mit Körperbeherrschung.

Das Stück passt nicht. Die Torkeleien sind gut und schön, aber sie führen mich vom Weg ab. Ich muss das anders aufbauen. Cambré, Harfe, Walhalla – und dann?

Vielleicht Dunkelheit. Jeder Tänzer bekommt ein Licht zwischen die Augen geklebt. Laser oder LED. Ein weißes am besten. Und wir sehen nur diese Lichter hinauf- und hinuntergehen 

 

Melina sah, dass etwas von der Bühne fiel. Es rollte neben dem Orchestergraben an der Wand entlang – hinter den Sitzreihen kaum auszumachen. Dann schlug es die Reihe ein, in der Melina saß. Ein dunkles, schnelles Knäuel. Auf dem Nebensitz richtete es sich auf und wurde zu einer kleinen Frau mit schulterlangen roten Haaren.

»Pia«, wisperte die Frau und reichte Melina die Hand.

Abchecken durch Berührung, kein Händeschütteln.

»Was willst du von Jenissej?«, flüsterte sie. Nicht unfreundlich, aber bestimmt. Sie hatte einen leichten Unterbiss, das vorgeschobene Kinn verunstaltete aber ihr Gesicht nicht. Es wirkte interessant und lebendig. Vor allem durch die hochbogigen Nasenflügel sah es so aus, als stünde diese Frau ständig unter Strom. »Nun?«

»Seine Tochter Lena ist verschwunden.«

»Was weißt du von ihr?«, fragte Pia, noch immer Melinas Hand haltend.

Ihre großen Augen. Eine Schweizerin.

»Ich weiß nur, dass sie weg ist. Sie hatte einen Termin bei mir im Institut und ist nicht gekommen. Stattdessen hat sie mir eine Datei gemailt, mit der ich zunächst nichts anfangen konnte. Eine Freundin brauchte eine Woche, um die Nachricht zu öffnen. Aber ich verstehe gar nichts von dem, was ich da sehe. Vielleicht kann ihr Vater etwas damit anfangen.«

»Psss … «, machte Pia und ließ die Hand los, um sie Melina auf den Arm zu legen. »Ich sage ihm Bescheid. Aber im Moment entwickelt er ein neues Stück. Ich hoffe auf den Durchbruch. Sonst geht diese Leidenszeit ewig weiter.«

Melina sah, wie ihre eigenen Finger trommelten. Es ging um Lena. Trotzdem war sie neugierig. »Was für ein Stück wird das? Entschuldigung, aber mir sagt … Jenissej nichts.«

Pia zog die Augenbrauen hoch. »Nein? Kennst du den 12. September? Du bist nicht an Kunst interessiert?«

»Doch, aber … « Melina sah erst jetzt, dass die Frau deutlich älter war als sie. Die großen Augen und die helle Stimme täuschten, sie hätte ihre Mutter sein können. Mindestens.

»Jenissej ist der bekannteste Medienchoreograph«, sagte sie mehr nachsinnend als vorwurfsvoll. »In Europa. Nein, weltweit.« Ihr Blick bekam etwas Schelmisches. »Du wohnst in Berlin – und hast vom 12. September nichts mitbekommen? Ist ja unglaublich!«

Übertreiben muss sie ja nun auch nicht.

»Ich weiß nicht mal, was ein Medienchoreograph ist.«

»Aber der 11. September sagt dir was? 2001? New York? Die zerstörten Türme? Jenissej hat das für ein Stück verfremdet. Bei ihm fliegen Kirchen und Moscheen und Synagogen in die Luft. Ein kleiner Skandal.« Sie freute sich. »Und jetzt sucht er neuen Stoff. Ihn fasziniert der Terror im Alltag, weißt du. Wie Leute sich anrempeln. Oder sich aggressiv die Vorfahrt nehmen, weil … weil sie … sich nicht kümmern, irgendwie.«

Melina nickte. »Verstehe. Die allgemeine Ignoranz.«

»Nee, nich Ignoranz  … Ignoranz? Na ja, gut, vielleicht hat das mit Ignoranz zu tun, ja.« Sie schaute Melina verwirrt an, lächelte und hauchte: »Ich sag ihm, dass du da bist und dass du dir Sorgen um Lena machst. Warte ein paar Minuten, ja?«

Melina blickte demonstrativ gleichgültig.

Pia hatte sich aber schon davongeschlichen. War irgendwie auf die Bühne gelangt, wo sie sich eine herabhängende Longe griff. Als wäre es eine Liane, pendelte sie daran und ließ sich weit in den hinteren Bühnenraum schwingen, wo sie vor Jenissej eine Rolle vorwärts vollführte und kerzengerade stehenblieb, schon mit der Hand an seinem Ohr.

Sie traten beide einen Schritt weiter in den Bühnenhintergrund und damit ins Dunkel. Melina hörte ihn zweimal etwas laut ausrufen, das sie aber nicht verstand. Pia rief einmal: »Jetzt komm!«

Melina rutschte auf ihrem Zuschauersitz herum.

Schließlich trat Jenissej aus dem Schatten und kam auf den Zuschauerraum zu. Während er ging, schien er sich zu verwandeln: Er begann als ein vorsichtiger Mann, der dem Bretterboden so wenig zu trauen schien wie ein Polarforscher dem Eis am Nordpol. Die Metamorphose machte aus ihm einen Offizier, der entschlossen schritt, nur leicht einseitig auftretend wegen des schweren Säbels am Portepee. Kurz vor dem Bühnenrand wurde Jenissej der erste Mensch, der sich in der Steppe einem Feuer näherte.

Melina runzelte die Stirn.

Jenissej setzte sich blitzschnell auf den Rand der Bühne, die Beine im Orchestergraben, und schon wieder war er ein Anderer. »So!«, rief er und warf den Arm zur Deklamation nach vorn. »Hier also bin ich! – Ignoranz. – Ig-no-ranz!« Mit einer Minimalgeste winkte er sie zu sich.

Melina überlegte, ob sie durch die Reihe laufen oder einfach über den Vordersitz klettern sollte.

Inzwischen war Jenissej in der ersten Reihe. Und sie kletterte.

Er streckte die Arme aus wie bei einer alten Bekannten. Offenbar war er einen halben Kopf kleiner als sie. Leicht gedrungen. Aber was andere Männer seines Alters an Umfang des Bauches hatten, war bei ihm in die Brust gerutscht. Ein kleiner, kraftvoller Mann. »In meinem … «, begann er langsam und tieftönig und setzte eine Oktave höher und explosionsartig fort: »neuen Stück … « Er umarmte sie. » … geht es um Ignoranz

Sein hellgraues Hemd war durchgeschwitzt. Aber anders als Melina annahm, roch er nach frischem Tabak. Und Schilf. Die Umarmung war angenehm.

Er drückte sie sanft auf den Sitz der ersten Reihe, um sie von oben zu betrachten. »Seit eben weiß ich, dass ich Ignoranz inszenieren werde. Und du … « Die Hand schien ihre Wangen tätscheln und das Kinn umfassen zu wollen, sie führte die Bewegungen aber in zentimeterweitem Abstand aus, schwebte vor ihrem Gesicht.

Melina hatte das Gefühl, die Wärme zu spüren.

»Du, jung, rote Bluse … Schwarze Haare … – Name?«

»Melina«, sagte sie im Reflex und hätte beinahe Lena gesagt, weil sie endlich über Lena sprechen wollte.

Er schüttelte den Kopf. »Melpomene. Ja, die vom Himmel gesandte Melpomene!«

»Ich bin ja keine Muse … «

Er lächelte. Es waren tiefe Falten, die von den Wangen an den Mundwinkeln entlangzogen, und sich zu einem grandiosen Lächeln glätteten.

» … schon gar keine Tragödin.«

Jenissej sah ihr in die Augen. »Ignoranz ist keine komische Sache. Ignoranz tötet. Und außerdem siehst du traurig aus, Melpomene.«

Ich? Traurig?

»Ja, ich komme wegen Ihrer Tochter. Sie ist … «

Er gebot ihr mit der Hand Einhalt. »Stell dich hin. Locker. – Noch lockerer. – Aha. – Heb den rechten Arm und zeige auf eine Stelle im Raum! – Den rechten!«

» Entschuldigung.«

»Gut. Komm mal auf die Bühne.« Er war neben ihr und fasste sie mit beiden Händen um die Taille. »Spring!«

Im Sprung ließ er sie los und gab ihr mit der Hand mächtig Schub auf den Hintern, so dass sie den – zugegeben, nicht sehr breiten – Orchestergraben mit Leichtigkeit überwand.

»Du bist beweglich«, sagte er. Sprang aber viel leichter und müheloser und aus dem Stand heraus über den Graben zu ihr. Ohne Geräusch.

Er drückte ihr sanft die Hand ins Kreuz: »Schon mal getanzt?«

»Nein. Allenfalls Ballett, auf der Grundschule.«

Er lächelte breit und warm. »Na also.« Sofort stellte sein Gesicht wieder von warm auf kalt, und er tippte ihr auf den linken Oberschenkel. »Los! Dégagé à la quatrième devant!«

Sie stellte den linken Fuß auf die Spitze.

»Derrière«, flüsterte Jenissej, und sie wechselte reflexartig auf den rechten Fuß.

Wieso kann ich das noch?

»An der Haltung musst du arbeiten.«

»Ich … Es geht um Ihre Tochter.«

»Einen Moment. – Zeig mir einen lay out. Whole flat back, Melpomene!«

Melina zuckte mit den Schultern.

Er beugte ihren Oberkörper nach vorn. »Drück das linke Bein durch. Das rechte im rechten Winkel hoch. Die Arme nach außen, als ob du fliegen willst … « Er fasste ihr in der Luft schwebendes Fußgelenk, brachte die Arme in Position, drückte ihren Rücken herunter. »Flacher!« Dann ließ er los und ging einen Schritt zurück. »Jazz Dance gemacht?«

»Nein«, sagte sie gequält in ihrer Stellung. »Unterrichten Sie das?«

»Nein. Aber einige Jazz-Dance-Lehrer tanzen in meinem Ensemble.«

Er ließ sich aus dem Stand in den Schneidersitz fallen. Dann schlug er mit der Hand auf die Holzdielen vor sich.

Melina setzte sich zu ihm, so schnell sie konnte.

»Was ist mit Lena?«, fragte er.

»Ich mache mir Sorgen. War sie bei Ihnen in der letzten Woche, hat sie sich gemeldet?«

»Bestimmt seit zwei Wochen nicht. Lena kann kommen und gehen, wie sie will. Sie hat ihren Schlüssel und ihr Zimmer. – Warum machst du dir Sorgen, Melpomene?«

»Ich bin ihre Betreuerin am Institut Zucker

Sein undurchdringliches Gesicht plötzlich. »Weiter«, sagte er freundlich.

»Sie hat mich oft versetzt. Aber diesmal sollte und wollte sie unbedingt eine eigene Gruppe bei uns betreuen.«

»Sie ist undiszipliniert«, sagte Jenissej. »Kann man verstehen: Sie hat einen Vater, der die Disziplin in Reinkultur ist. Muss sich absetzen.«

»Normalerweise«, sagte Melina, »hat sie sich alle zwei Tage gemeldet. Diesmal nichts. Stattdessen fand ich eine Mail von ihr, die ich nicht öffnen konnte. Eine Datei im flll-Format.«

Er stutzte, dann lachte er schallend. »F3L? Ja, das ist eine Entwicklung von mir. Die hat Melina aber nicht, sie interessiert sich nicht für meine Technik.«

»Offenbar doch.«

»Jedenfalls kann ein anderer die Datei nicht lesen«, sagte Jenissej.

»Doch. Eine Freundin von mir hat das Programm konvertiert. Es hat sie ein paar Stunden Arbeit gekostet.«

»Wirklich, sie konnte es öffnen? Gute Freundin. Wusste ich nicht, dass man mein Programm knacken kann. Wie ist die Qualität der Filme?«

»Es ist nur einer«, sagte Melina. »Matschig.«

»Ah, siehst du! F3L ist extrem komprimiert und dennoch hochauflösend, ideal für schnelle Cuts, Mehrfachbelichtungen, Split Screens.«

Melina schlug mit der Hand auf den Boden und erschrak selbst. »Vielleicht interessiert Sie der Inhalt, mit ihrer Tochter?«

Sein Gesicht war jetzt die Offenheit aller Offenheiten. Wenn Melina mit einem einzigen Mausklick all ihre intimsten Geheimnisse zu ihm hätte hinüberspielen wollen, wäre dies der Moment dafür gewesen.

Sie fasste sich. »Es ist ein Zusammenschnitt. Filmaufnahmen, etwa drei Minuten. Ich verstehe es nicht. Ich habe es auf dem Stick mitgebracht.«

Er nahm den Stick, stand auf und reichte ihr die Hand.

»Was ist?«, fragte sie.

»Vielen Dank. Für die Datei. Auf Wiedersehen.«

»Spinnen Sie?«

5

Shirin lief vor Axel die Treppe hinauf, und sie wusste genau, wo er hinschaute. Sie nahm jede zweite Stufe. Manchmal stoben Sand und Tannennadeln vom letzten Jahr auf, wenn sie einen ihrer Turnschuhe aufsetzte. Shirin dachte an die Ameisen und das Käferzeugs, das sie damit unwillkürlich aufschreckte. Über die Treppe, die nur aus Waldboden und Baumstämmen bestand, blitzte an vielen Stellen Sonnenlicht. Als ob der Weg gleich weggebeamt wird, dachte sie. Ab und zu schloss sie beim Aufstieg auf die Haveldüne die Augen. Schwummerig war ihr sowieso schon.

»Was soll da oben sein?«, fragte Axel. »Panorama über Wald und Wasser, Schiri?«

Sie drehte sich ruckartig um. Es staubte. »Nenn mich nicht so!« Dabei musste sie grinsen.

Er stoppte und drehte das Gesicht zur Seite, um nicht frontal auf das Mädchen aufzulaufen. »Ist ja gut.«

»Oben siehst du gar nichts. Außer einer Lichtung und mir.« Ihre schwarze Mähne flaggte in sein Gesicht, als sie sich wieder auf den Weg besann und weiter stieg.

»Wir hätten auch unten am Steg sitzen bleiben können«, nölte Axel.

Warum sind alle Schmackos so dusselig?, fragte sie sich. Ich hoffe, oben sind keine Leute.

Oben war ein Mann mit Sonnenhut. Er feuerte seinen Hund an, einen Ast von der Größe eines Kanus aus dem Waldboden zu zerren. Abrupt ließ der Hund von der Beute ab und kratzte sich die Nase. Mann und Hund verschwanden, Shirin und Axel waren allein auf der Lichtung über der Havel.

»Also, was war das für ein Drama mit deinem Vater?«, fragte Axel.

Nicht darauf eingehen, sagte sie sich. Mach es, wie du es dir vorgenommen hast.

Doch das Bild ihres Vaters schob sich in ihre Erinnerung. Eigentlich hatte sie die Szenen des Streits wie eine Datei auf dem Bildschirm in einen virtuellen Papierkorb ziehen wollen. Aber so etwas gab es im Gehirn wohl nicht. Die Wut rollte wieder an, von unten her, aus dem Bauch in die Brust. »Wenn meine Obertanen mal zu Hause sind, psychen sie mich ohne Ende«, sagte sie und ließ sich ins Gras fallen.

Eigentlich wolltest du vor ihm stehen bleiben.

»Ach, sind die beide so drauf?«

»Klar, arbeiten sogar für dieselbe Firma. NanoNeutro, wenn dir das was sagt. Global vernetzter Konzern.«

Axel setzte sich neben sie und schüttelte den Kopf.

Shirin sagte: »Sie bilden sich was auf ihre Jobs ein. Vierundzwanzigsieben geht es um nichts anderes. Und sie denken keine Millisekunde nach. Ich sag zu meinem Erzeuger: Alter, weißt du eigentlich, was da in diesem Saudi-Arabien abgeht, wo du deine Geschäfte machst? Weißt du, was da mit den Frauen passiert? – Ich soll gefälligst anständig mit ihm reden. – Hast du eine Ahnung, wie es den Tausenden Flüchtlingen aus dem Irak in Saudi-Arabien geht, frage ich ihn. Er hat ein deutsches Werk gleich in der Nähe eines Gefängnisses. – Ich soll mir keine halbgaren Gedanken machen. Schließlich würde ich von dem Schotter, den er nach Hause bringt, gut leben. Und sie würden für Amnesty spenden.«

»Echt?«

»Klar. Erst Weihnachtsfeier hier in Deutschland mit gekauften Frauen. Meine Mutter war dabei und hat die Klappe gehalten. Dann haben sie aus der Portokasse einen Scheck für Amnesty bezahlt und groß in die Kameras gehalten. Als ich ihnen das vorgehalten habe, sind sie beide ausgetickt: Handysperre, Internetverbot, Telefon rausgezogen. Weißte, weil ich sage, wie es ist!«

Er zupfte Grashalme. »Wahrscheinlich machen sie ’ne Phase durch.«

Sie lachte höhnisch. »Die dauert aber mindestens seit meiner Geburt! – Ehrlichkeit! Ich soll immer alles sagen. Und wenn ich’s mache – zack: drakonische Hinrichtung! – Nee, meinen sie, ich hätte keinen Respekt und würde die Zusammenhänge nicht kapieren. – Natürlich verstehe ich die Zusammenhänge. Die Saudis müssen sich nicht um Menschenrechte scheren, weil das Ausland die Augen verschließt und sie gewähren lässt. Es geht den Firmen um Profit, da kommt es auf Folter und Todesstrafe nicht an. Was soll ich daran nicht verstehen? – Ich sage, ich bin überhaupt nicht froh, dass ich gut lebe, weil ich weiß, wie viele Kinder am Tag sterben. Obwohl sie leben könnten, wenn wir nicht so egoistisch wären.«

»Und was sagen sie?«

»Dass ich altklug daherschwatze. – Darauf ich: Manchmal hab ich den Eindruck, nicht ich bin in der Pubertät, sondern ihr!«

Axel sah sie an. »Und?«

»Meine Mam hat völlig abgeflasht, mein Erzeuger gebrüllt und gepoltert – kriegste Ohrenkrebs von. Sei froh, dass du so was nicht hast.«

Mist. Das war daneben. »Sorry. Aber echt, das klingt immer schön: Vater und Mutter haben. In Wirklichkeit hast du nur Krieg mit so ’ner constellation

Er nickte und stocherte im Gras.

Shirin sah ihn an. Los jetzt!

Sie stand auf, und als er zu ihr aufsah, winkte sie ihn zu sich auf Augenhöhe.

Es war ja nicht das erste Mal, dass sie miteinander quatschten. Umarmungen waren schon gelaufen, Tatschereien hier und da, zweimal ein Kuss – aber immer mit vielen Sprüchen verdünnt, und mit Kommentaren von anderen ringsum. Diesmal wollte sie es anders. Deshalb der Aufbruch vom Steg hinauf zur Haveldüne, deshalb die Hoffnung, dass keiner außer ihnen da ist. Sie wollte sehen, wie Axel allein war. Ob es so wäre, wie sie es sich vorstellte. Wenn es einen Kuss gab, einen richtigen, müsste sie wissen, ob es ihm ähnlich ging wie ihr. Zum ersten Mal. Nicht eine sportliche Ausziehnummer wie damals mit Mark. Nein, etwas Ernstes. Etwas Ehrliches. So wie ihre Eltern wollte sie nie werden.

Axel sah sie fragend an.

Sie blickte durchdringend und kam seinem Gesicht näher.

Das Gefühl war anders, als sie es erwartet hatte.

Ich habe mir das doch genau ausgemalt.

Aber da war nicht nur das Anziehende, da war auch Furcht und Magendrücken, und Unsicherheit mit etwas Peinlichkeit und … Um aus diesem Wust herauszukommen, küsste Shirin Axel auf den Mund.

Er erwiderte den Kuss, ließ sie nicht los. Als hätte er genau damit jetzt gerechnet. Er öffnete sogar die Lippen ein wenig, und es war ihr nicht mehr unangenehm.

Axel hielt Shirin fest, zog sie zu sich heran. Es war immer noch der eine, erste Kuss.

Plötzlich zuckte er.

Hat ihn eine Wespe gestochen? Shirin öffnete die Augen und nahm nur so viel Abstand von seinem Gesicht, dass sie ihn scharf sehen konnte. »Was is?«

»Ich hab … Es ist, es schmeckt nach … «

Wieder durchfuhr es Axel, sein Rumpf zuckte, wie es manchmal kurz vor dem Einschlafen passiert.

Verflucht, hat der einen Orgasmus, oder was?

Axel fiel vor Shirin auf die Knie, dann kippte er seitlich zurück ins Gras.

Sie lachte auf, aber dann sah sie seinen sich zusammenkrampfenden Oberkörper und den starren Blick. »Hey! Axel! Was ist mit dir?« Shirin beugte sich herunter, wich aber zurück, als die Beine des Jungen auszuschlagen begannen.

Er drehte die Augen nach oben, sie waren nur noch weiß.

Sein Handy fiel aus der Hemdtasche.

Shirin starrte auf den zuckenden Mund, in dem eine weiße Masse blubberte und herauslief.

Zwischen den Bäumen trat ein älteres Pärchen an die Lichtung.

»Heh! Hallo! Hilfe! Helfen Sie mir, mit ihm stimmt etwas nicht!«

Die beiden sahen herüber, dann zog die Frau den Mann in den Wald zurück.

Axel zitterte heftiger. Auf der Hose zwischen seinen Beinen bildete sich ein dunkler Fleck.

Shirin griff sein Handy im Gras und wählte die 112.

»Notrufzentrale der Berliner Feuerwehr. Legen Sie nicht auf. Dies ist eine Warteschleife. Sie werden sofort mit einem Mitarbeiter verbunden. Legen Sie nicht auf. – Notrufzentrale der Berliner Feuerwehr … «

Das kann doch nicht wahr sein.

 

»Schicht im Schacht!«, sagte Piet Hommel, ließ sich in den Beifahrersitz fallen und warf das Klemmbrett auf die Ablage vor der Windschutzscheibe. »Hab die Nase voll von alten Leuten, die die Feuerwehr als Taxi ins Krankenhaus benutzen.«

»Tut mir leid«, entgegnete sein Kollege Gero und schaltete das Blaulicht ein. »Anschlusseinsatz.«

»Och nöö! Du weißt, dass ich seit zwei Stunden Feierabend habe.«

»Ist gleich um die Ecke«, sagte Gero und bog mit Schwung und Martinshorn von der Ausfahrt der Havelklinik in die Gatower Straße. »Haveldüne.«

»Da hat aber einer Glück, dass wir fast schon vor der Tür stehen.«

»Eben.«

Sie bogen in die Straße Zur Haveldüne.

»Und was isses? Schnittwunde?«

»Ein Kuss«, sagte Gero ernst.

»Kuss? Im Sinne von Schmatzer

Gero feixte. »Ein Mädchen hat einen Jungen geküsst, darauf ist der ausgetickt.«

»Oh, auf die Braut bin ich gespannt! Vielleicht versucht sie es auch mal bei mir.«

»Die Zentrale ist zuerst von einem Scherz ausgegangen. Dann hat das Mädchen was von Herzinfarkt gefaselt und aufgelegt. Wir schauen einfach mal. Im Fall der Fälle kommt der Notarzt nach. Die Zentrale glaubt nicht an einen Infarkt, und ich auch nicht. Ein Dreizehnjähriger und Infarkt, Quatsch! Das hat die nur gesagt, damit wir auch wirklich kommen.«

»Vermutlich, ja. – Hausnummer?«

»Keine. Soll auf ’ner Lichtung sein.«

»Dann fährst du aber falsch, Gero. Zur Lichtung, die kenne ich, geht’s südlich, runter zur Havel.«

»Die Lichtung ist oben, Piet. Ich war da mal im Ruderverein.«

»Und ihr habt oben auf ’ner Düne gerudert, oder was? Wir müssen da lang.«

»Wieso? Ich fahre da runter, dann links.«

»Rechts! Ich ruf die Zentrale.«

Gero beschleunigte auf eine Frau zu, die mit einem Plastikhandschuh auf der anderen Straßenseite neben ihrem Golden Retriever wartete. Gero bremste scharf auf der Gegenspur und lehnte sich aus dem Fenster, allerdings so ruckartig, dass das Martinshorn losging. Die Frau fasste sich an die Kehle, und der Retriever verfehlte sein Ziel und stolperte beim Fluchtversuch über die zotteligen Beine. Er fiel einfach um.

»Okay! Sie sagt: da lang!« Er gab Gas.

»Sag ich doch.«

Gero fuhr auf den Bürgersteig und stoppte den Rettungswagen. »Endstation. Fußmarsch! Du nimmst den Defi!«

»Waldmarsch, meinst du. Wenn die junge Dame uns angeflunkert hat, dann erzähle ich der was! Die küsst nie wieder irgendjemanden.«

Nach zehn Metern durch Unterholz standen sie vor einem Maschendrahtzaun.

»Vielleicht sollte jemand die Feuerwehr rufen«, sagte Piet.

»Bist du lustig! Los, da lang!«

Als sie endlich zur Lichtung kamen, kniete ein Mädchen von vielleicht vierzehn Jahren vor einem Jungen. Am Waldrand kleine Grüppchen von insgesamt sieben Erwachsenen, die sich jetzt, da die Feuerwehrsanitäter eintrafen, näher zu kommen trauten und etwas sehen wollten.

Der Junge hatte Blut gespuckt.

»Was ist passiert?«, fragte Piet das Mädchen.

»Keine Ahnung … Wir haben uns bloß geküsst.«

»Und dabei hast du Vampir gespielt, oder was?«

Gero sah dem Jungen in die Augen und in den Mund. »Hallo, kannst mich hören? Hier ist die Feuerwehr.« Er pfiff leise zu Piet hinüber und tippte sich zweimal mit der Hand gegen seinen eigenen Kehlkopf. Das Signal sollte sagen: Hey, Deine Patientin steht unter Schock!

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