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JULIA GOLD BAND 74

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Die Braut des Prinzen

1. KAPITEL

„Callie? Warte!“

Callie Lassiter hatte gerade ihren Rucksack auf dem Gepäckträger ihres Motorrades befestigt, als ihre Zwillingsschwester auf sie zueilte. Sie hatten einander seit mindestens fünf Monaten nicht mehr gesehen. Es war bereits September. Wo war nur die Zeit geblieben?

Ihre Schwester sah so schön aus wie immer. Callie hingegen war über und über mit Schlamm bespritzt, sogar der Zopf hatte etwas abbekommen und war nun nicht mehr aschblond. Und sie stank zum Himmel, wie sie fand.

„Ich umarme dich lieber nicht.“ Callie lachte.

„Danke.“ Ann lachte ebenfalls und unternahm keinen Versuch, sie zu berühren.

„Ich dachte, du seist in Los Angeles. Warum hast du mir nicht gesagt, dass du nach Prunedale kommst? Ich hätte mir ein paar Tage freinehmen können.“

„Dazu war nicht mehr die Zeit. Gestern Abend ist etwas passiert, worüber ich mit dir reden muss, also bin ich heute sofort nach San Jose geflogen.“

„Woher wusstest du, dass ich bei den Oliveros bin?“

„Dr. Wood sagte, du seist hierher unterwegs, um einer Kuh beim Kalben zu helfen. Ich hatte gehofft, dich noch anzutreffen.“

Die Färse hatte tatsächlich Schwierigkeiten gehabt, doch das war nun vorbei. Dem niedlichen Kalb ging es inzwischen großartig und der Mutter auch.

„Was ist los?“

„Mein Agent hat mich um Mitternacht angerufen und mir mitgeteilt, dass ich die Hauptrolle in dem neuen Film mit Cory Sievert spielen soll, für die ich vor zwei Wochen vorgesprochen habe.“

„Du machst Witze! Das ist ja fantastisch, Ann!“ Spontan umarmte sie ihre Schwester.

Ann wich jedoch zurück und klopfte sich den Staub von den Sachen. „Ich konnte es selbst nicht fassen. Die Schauspielerin, die vorgesehen war, hat festgestellt, dass sie schwanger ist. Außerdem ist sie gestern mit Nierensteinen ins Krankenhaus eingeliefert worden und nicht arbeitsfähig. Sie mussten kurzfristig Ersatz finden, und ich bin die Glückliche!“

Nach all den winzigen Nebenrollen war dies zwar der große Durchbruch, auf den Ann seit Jahren wartete, aber Callie kannte ihre Schwester sehr genau. Sie hätte die sensationelle Nachricht genauso gut telefonisch übermitteln können. Ihre Schwester wollte irgendetwas, sonst wäre sie nicht unangemeldet von Los Angeles hergeflogen.

„Ich bin begeistert, Ann!“

„Ich auch, allerdings gibt es da ein winziges Problem … Gestern habe ich nämlich noch einen Wettbewerb gewonnen.“

„Seit wann ist das ein Problem? Was war diesmal der Preis?“

Im Lauf der Jahre hatte Ann an unzähligen Schönheitskonkurrenzen teilgenommen. Mit ihren klassisch-schönen Zügen und den langen Beinen hatte sie beachtliche Geldprämien gewonnen, die sie angelegt hatte, um finanzielle Engpässe auf ihrem Weg zum Hollywoodstar zu überbrücken.

„Etwas ganz Unglaubliches, aber ich kann ihn nicht beanspruchen, weil ich gleich morgen früh im Studio sein muss. Der Film wird der Grundstein zu meiner Karriere sein, Callie. Deshalb musst du mir helfen. Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“

Oje. „Was hast du gewonnen?“

„Sagen wir, ich wurde für etwas ausgewählt.“

„Ausgewählt wofür?“, fragte Callie misstrauisch.

„Zuerst muss ich dir einiges erklären, also lass mich ausreden. Vor einem Monat habe ich eingewilligt, bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten Obdachloser mitzumachen, die unter dem Motto stand: ‚Wer will einen Prinzen heiraten?‘ Ich hatte gehört, wie einige Mädchen sich darüber unterhielten, während wir aufs Vorsprechen warteten …“

„Moment mal“, unterbrach Callie sie. „Du hast dich dafür hergegeben, obwohl du letztes Jahr bei dieser demütigenden Gala ‚Wer will einen Millionär heiraten?‘ aufgetreten bist?“

„Ich habe es wegen der Publicity getan“, verteidigte sich Ann. „Glücklicherweise wurde ich damals nicht gewählt. Aber selbst wenn er mich ausgesucht hätte, wäre ich gekonnt in Ohnmacht gefallen und hätte mich geweigert, ihn zu heiraten. Die Zweite hätte den übergewichtigen, greisen Millionär in seinem Hotel in Las Vegas ehelichen müssen.

Aber diese Veranstaltung war anders. Ein hinreißender, reicher europäischer Prinz war nach Hollywood gekommen, um sich eine Frau zu suchen. Es klang so romantisch und erinnerte an Prinz Rainier von Monaco und Grace Kelly.“

„Mich erinnert es eher an einen Wolf im Prinzen-Outfit“, meinte Callie ironisch.

„Wie kannst du nur so reden? Die Mädchen und ich waren uns einig, dass es sich für uns lohnen würde, auch wenn wir nicht gewählt würden – im Publikum saßen nämlich eine Menge Talentsucher und Regisseure. Unser Auftritt hätte uns durchaus einen lukrativen Filmvertrag einbringen können.

Du hättest den Prinzen sehen sollen, Callie. Nachdem ich das Finale erreicht hatte, kam er zu uns auf die Bühne. Er trug eine Paradeuniform mit Orden. Hier, ich habe ein Foto von ihm …“ Sie wedelte Callie mit dem Bild vor der Nase herum. „Ist er nicht atemberaubend?“

Callie musste zugeben, dass er in der Tat dem sprichwörtlichen Märchenprinzen ähnelte. Dunkelbraunes Haar, warmherzige braune Augen, Grübchen.

„Ich bin fast ohnmächtig geworden, als er an uns vorbeischritt und dann vor mir niederkniete. Er flüsterte mir zu, er habe sich bereits in dem Moment entschieden, als er mein Foto auf den Bewerbungsunterlagen gesehen habe. Und ehe ich mich gefangen hatte, schob er mir diesen traumhaften Verlobungsring auf den Finger. Kannst du dir vorstellen, dass er unter all den schönen Frauen ausgerechnet mich wollte?“

Callie war nicht im Mindesten überrascht. Ann war eine bezaubernde Schönheit. „Hast du ihm schon mitgeteilt, dass die Hochzeit wegen der Dreharbeiten platzt?“

Anns Schweigen sprach Bände. „Noch nicht. Deshalb wollte ich ja mit dir reden. Als ich meine Bewerbung für die Gala eingereicht habe, musste ich einen Vertrag unterschreiben, der eine Klausel enthält, die in der ‚Wer will einen Millionär heiraten?‘-Vereinbarung fehlte.“

Callies grüne Augen sprühten förmlich Funken. „Du meinst, du hast den gleichen Fehler wieder gemacht und einen Vertrag unterschrieben, bevor du wie eine preisgekrönte Zuchtkuh auf der Viehauktion vor dem Prinzen auf und ab paradiert bist?“

„Sei nicht so vulgär, Callie. Natürlich war ich so vorsichtig, das Kleingedruckte zu lesen. Ich habe die Papiere in Anwesenheit der Anwälte des Veranstalters und des juristischen Beraters des Prinzen unterzeichnet.“

Callies Unbehagen wuchs. „Was beinhaltet die Klausel?“

„Man muss den Prinzen innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach der Ankunft in seiner Heimat heiraten und einen Monat lang mit ihm zusammenleben. Falls man nach Ablauf der Frist die Ehe beenden will, wird eine einvernehmliche Scheidung eingeleitet, und die Obdachlosen bekommen trotzdem ihr Geld. Es ist ein perfektes Arrangement. Falls man nicht verheiratet bleiben will, hat man eine Gratisreise nach Europa gewonnen und genießt die damit verbundene Publicity.“

Ihre Schwester ließ sich ziemlich Zeit für ihr Geständnis, doch die Tatsache, dass sie den Kopf zurückwarf, zeugte von ihrer Nervosität.

„Ich schätze, wenn man sich tatsächlich in den Prinzen verlieben würde, und er würde die Zuneigung erwidern, dann könnte man verheiratet bleiben und bis zum Tod glücklich in seinem Palast leben, ohne sich je wieder um Geld sorgen zu müssen. Allerdings nur, wenn man ein solches Leben will, und das trifft auf mich nicht zu.“

Callie stöhnte entsetzt auf. Die beschränkte Sichtweise ihrer Schwester hatte diese in der Vergangenheit bereits in arge Schwierigkeiten gebracht, aber so schlimm wie dieses Mal war es nie gewesen. Zornesröte stieg ihr in die Wangen. „Was macht dieser Prinz? Versucht er, alle paar Monate im Namen einer guten Sache zu heiraten, weil er sonst keine intime Beziehung mit einer Frau haben kann? Was ist los mit ihm? Er könnte genauso gut ein Massenmörder sein! Hast du je in Betracht gezogen, dass du dich in Gefahr begeben könntest? Was, wenn du schwanger wirst?

Glaubst du ernstlich, der Prinz würde sich an die Dreißig-Tage-Klausel halten, wenn du seinen Erben erwartest? Falls du auch nur eine Minute denkst, er würde in einer solchen Situation in die Scheidung einwilligen und dich mit seinem Kind ausreisen lassen, dann bist du wirklich verrückt geworden.“

Anns ebenfalls grüne Augen funkelten wie die einer Katze. „Ich werde nicht schwanger. Vertrau mir. Aber darum geht es nicht. Wenn du sein Haustier gesehen hättest, würdest du nicht mehr an ihm zweifeln.“

„Zweifeln? Was er getan hat, ist das mit Abstand Monströseste, Barbarischste und Absurdeste, was ich je gehört habe. Annabelle Lassiter, wie konntest du nur so tief sinken? Verkaufst dich an den Meistbietenden, um vielleicht eine Rolle zu ergattern. Wo ist dein Stolz geblieben?“

„Stolz zahlt keine Miete“, konterte ihre Schwester. „Hätte ich geahnt, dass mein Agent mich nachts anrufen würde, um mir mitzuteilen, dass man mich für den wichtigsten Film des Jahres haben will, hätte ich mich gar nicht erst auf die Wohltätigkeitsgala eingelassen und würde jetzt nicht in diesem Dilemma stecken.“

„Welches Dilemma? Sag den Veranstaltern, dass du für einen Film engagiert wurdest und sie für den Prinzen eine deiner Konkurrentinnen aussuchen müssen.“

„Das habe ich bereits versucht, aber es hat nicht geklappt. Bevor ich heute Morgen hierhergeflogen bin, habe ich meinen Anwalt gebeten, den Vertrag zu prüfen, den ich unterschrieben habe. Seiner Meinung nach komme ich aus der Sache nicht raus. Deshalb bist du der einzige Mensch auf der Welt, der mir helfen kann.“

„Oh nein!“

Callie wollte nicht einmal darüber nachdenken. Sie setzte den Helm auf, startete das Motorrad und fuhr die Landstraße entlang zur Pike-Farm. Der gescheckte Hauskater Baxter hatte sein Futter erbrochen. Callie hatte versprochen, auf dem Rückweg zur Klinik nach ihm zu schauen.

Leider folgte Ann in ihrem Mietwagen. Als Callie den Helm abnahm, hatte ihre Schwester sie eingeholt und warf ihr etwas zu.

„Sieh dir das Bild noch einmal an. Sein Name ist Prinz Enzo Tescotti. Er ist achtundzwanzig, also nur ein Jahr älter als wir. Wie du dich selbst überzeugen kannst, ist mit ihm alles in Ordnung.“

„Ich hätte wissen müssen, dass er Italiener ist.“ Callie seufzte. „Gütiger Himmel.“

„Hier sind die Flugtickets erster Klasse nach Turin, wo er und sein Gefolge dich gleich nach der Landung begrüßen werden. Du reist natürlich von Los Angeles ab. Glücklicherweise warst du schon einmal in England und hast einen gültigen Pass. Ich habe dir außerdem einen Flug von San Jose nach L. A. gebucht.

Da die Maschine nach Übersee übermorgen früh startet, musst du morgen nach Los Angeles aufbrechen. Du kannst in meinem Apartment übernachten. Ich setze dich dann am nächsten Tag auf meinem Weg ins Studio am Flughafen ab.“

Callie schüttelte den Kopf. „Selbst wenn ich wollte – was nicht der Fall ist –, kann ich meinen Job nicht im Stich lassen.“

„Darum habe ich mich gekümmert. Als ich Dr. Wood von deinem einmonatigen kostenlosen Italien-Urlaub erzählte, hat er sich sehr für dich gefreut. Er findet auch, dass du zu schwer arbeitest und dringend Erholung brauchst. Ich schwöre, er hat mir sogar versichert, dass er bis zu deiner Rückkehr gut allein zurechtkommen werde. Es ist alles geregelt.“

„Einfach so?“ Callie schnippte mit den Fingern. „Du vergisst eines: Ich bin nicht diejenige in der Familie, die das Leben als einzigen großen Scherz betrachtet.“ Sie reichte ihrer Schwester die Tickets und das Foto zurück.

„Du nimmst es vielleicht viel zu ernst“, erwiderte Ann ruhig. „Ich bin nicht wie du. Wenn ich nur an die Schulden denke, die Dad uns nach seinem Tod hinterlassen hat … Mom hat gespart, wo sie nur konnte, und am Ende musste sie die Farm trotzdem verkaufen. Du bist genau wie sie.“

„Sie hat es getan, um dich und mich zu ernähren.“

„Mom hätte einen der Männer heiraten können, die sich um sie bemüht haben, aber sie hat sich geweigert.“

„Weil sie Daddy zu sehr geliebt hatte.“

„So sehr, dass ihr Leben danach ruiniert war und sie an einer Herzattacke gestorben ist. Du wirst vermutlich auch früh sterben, und ich bin dann ganz allein.“

„Ann …“

„Es ist wahr. Du arbeitest zu hart und musst noch jahrelang das Stipendium zurückzahlen. Du hast nicht einmal ein Auto und musst stattdessen auf einem alten Motorrad durch die Gegend fahren.“

„Du weißt, dass ich schon immer eine Schwäche für Motorräder hatte.“ Ihres war eine gelb-schwarze Danelli-Strada-100-Sportmaschine. Diese Marke hatte jahrelang jedes Rennen gewonnen, bis die Firma überraschend die Produktion eingestellt hatte. „Es bringt mich überallhin. Und, was am schönsten ist, es gehört mir.“ Sie blickte auf Anns Mietwagen.

„Du wohnst in einem winzigen Zweizimmerapartment im hinteren Teil der Klinik, wo dich jedes kranke Tier in North Monterey in den Schlaf heult und maunzt. Du hast kein Liebesleben und keine Chance, je eines zu haben, solange du für Dr. Wood schuftest, der alt genug ist, um unser Großvater zu sein. Die meiste Zeit verbringst du damit, Ställe auszumisten. Wann hast du das letzte Mal etwas Aufregendes unternommen oder dich amüsiert?“

„Als Tierärztin habe ich auch Spaß“, verteidigte Callie sich. „Diesen Beruf habe ich mir gewünscht, seit wir neun waren. Damals ist Jasper fast gestorben, und Dr. Wood hat ihn gerettet. In ein paar Jahren werde ich genug verdienen, um mir ein eigenes Haus zu leisten. In der Zwischenzeit beklage ich mich nicht und beabsichtige, lange zu leben. Zufälligerweise liebe ich das Leben, das ich führe.“

„Ich ebenfalls! Deshalb darf ich diese Gelegenheit nicht verpassen. Von der Gage kann ich mindestens fünf Jahre lang alle Rechnungen bezahlen.“

„Das ist eine Menge Geld“, meinte Callie. „Ich freue mich für dich und bedauere, dass du solche Probleme hast.“

„Du bedauerst es nicht annähernd so sehr wie ich. Ich wollte lediglich gesehen werden und nicht gewählt.“ Tränen schimmerten in Anns Augen.

Callie senkte den Kopf, unfähig, den großen Kummer ihrer Schwester mit anzusehen. Es passierte nicht oft, dass Ann so durcheinander war. „Daran hättest du früher denken müssen.“

„Das Studium hat dich gefühllos gemacht. Ich begreife das nicht.“

War sie tatsächlich gefühllos? Anns Bemerkung tat weh. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte Callie ihre Emotionen stets unter Kontrolle gehabt. Ihr war nicht klar gewesen, dass andere es gemerkt hatten.

„Was ist aus meiner Schwester geworden, die früher ihre Verehrer ausgetrickst und mich dann angefleht hat, sie zu retten? Soweit ich mich erinnere, habe ich dich nie abgewiesen, wenn du mich gebeten hast, mit ihnen auszugehen, weil du es dir anders überlegt hattest. Und ich habe ihnen nie verraten, dass wir die Rollen getauscht hatten.“

Callie hatte jene glücklichen Tage vergessen gehabt. Ann hatte sie damals auf der Highschool gerettet, als Callie unsterblich in Jerry, den Sohn ihrer Nachbarn, verliebt gewesen war. Kein anderer Junge hatte sich mit ihm messen können.

„Und jetzt bitte ich dich, mir zu helfen, Callie. Ich muss um sechs Uhr früh in der Maske sein. Falls ich dort nicht pünktlich auftauche, bin ich nicht nur die Rolle los, sondern komme auf die schwarze Liste und verliere meinen Agenten. Wen sollte ich sonst um Hilfe bitten, wenn nicht meine Familie? Bitte …“

Callie spürte, wie sich das letzte Schlupfloch vor ihr schloss. „Du verlangst viel.“

„Ich weiß. Übrigens habe ich mir bereits einen Rettungsplan überlegt.“

„So?“

„Ich habe einen Scheck über zehntausend Dollar auf den Namen des Prinzen ausgestellt. Mehr Geld habe ich nicht, bis ich in zwei Wochen meine Gage erhalte. Wenn du in Italien eintriffst, sei ehrlich zum Prinzen. Sag ihm, dass du meine Schwester bist und in meinem Namen gekommen bist. Erklär ihm, dass mir in der Galanacht die wichtigste Rolle meines Lebens angeboten wurde.

Gib ihm den Verlobungsring zurück und den Scheck. Der Betrag dürfte die Flugtickets und alle anderen bisherigen Ausgaben decken. Sollte er mehr Geld wollen, muss er seinen Anwalt bitten, sich über meinen Agenten an meinen Anwalt zu wenden.

Nachdem du ihm meine Botschaft übermittelt und alles ausgehändigt hast, kannst du mit dem nächsten Flug zurückkehren. Ich verspreche dir, er ist sehr nett. Alle anderen Finalistinnen hielten ihn für einen echten Schatz und wünschten, sie wären gewählt worden. Es dürfte keine Probleme mit ihm geben.“

„Du kennst doch gar nicht seinen Charakter.“ Callies Widerstand schwand, zumal Anns Vorschlag recht plausibel klang. Wenn sie persönlich mit dem Prinzen sprach, ihm das Geld anbot und die Situation erläuterte …

„Mag sein, aber er ist nicht das Monster, für das du ihn hältst. Vergiss nicht, ich habe den Benefizvertrag nicht in der Absicht unterzeichnet, einen Rückzieher zu machen, falls ich gewählt werde. Ich hätte es irgendwie durchgestanden. Aber als mein Agent anrief und meinte, ich könne durch eine andere Darstellerin ersetzt werden, konnte ich nicht ablehnen. Du hast bereits den Grundstein zu deiner Karriere gelegt. Kannst du dich nicht überwinden, dich für drei Tage von deiner Routine loszureißen und mir zu helfen, etwas für meine berufliche Zukunft zu tun? Ist es wirklich zu viel verlangt?“

Wenn Ann es so formulierte …

„Nein“, räumte Callie ein. Das war sie ihrer Schwester für frühere Gefälligkeiten schuldig.

„Oh Callie, danke.“ Schluchzend sank Ann ihr in die Arme.

„Entschuldige, dass ich dir Vorwürfe gemacht habe. Drei Tage sind wirklich kein großes Opfer. Ich werde dem Prinzen vorschlagen, dass er alles für eine Hochzeit mit der Zweitplatzierten vorbereitet. Sie musste den Vertrag ebenfalls unterschreiben. Ich bin sicher, sie wird begeistert die Chance ergreifen, an deine Stelle zu treten.“

„Und ob.“ Ann ließ sie los. „Sie ist eine schöne Brünette und hat ein Architekturstudium in Carmel absolviert. Außerdem hat sie unzählige Reitturniere gewonnen. Ich begreife nicht, warum der Prinz sie nicht sofort gewählt hat. Sie ist als Prinzessin viel besser geeignet als ich.“

Callie stimmte ihr insgeheim zu. „Warum fährst du nicht zur Klinik zurück und wartest dort auf mich? Ich weiß nicht, wie lange es bei den Pikes dauern wird.“

„Das ist okay. Ich setze mich in den Wagen und lerne meinen Text für morgen. Wenn du fertig bist, folge ich dir nach Hause und helfe dir beim Packen.“

„Was soll ich denn packen? Außer frischer Unterwäsche brauche ich für den Hin- und Rückflug nur saubere Jeans und ein Top. Mehr als sechsunddreißig Stunden kann ich nicht erübrigen. Die Stute der Selanders kann jeden Tag fohlen, und ich beabsichtige, dabei zu sein.“

„Du kannst dem Prinzen doch nicht so lässig gekleidet unter die Augen treten“, rief Ann schockiert.

„Ich bin nicht seine Verlobte. Niemand interessiert sich dafür, was der Bote anhat.“

Ann schüttelte den Kopf. „Hoffentlich ist es dir nicht peinlich, wenn du auf dem Flughafen von dem fürstlichen Gefolge begrüßt wirst.“

„Er bekommt nur, was er verdient. Ich kann immer noch nicht fassen, dass er dich wie auf dem Sklavenmarkt gekauft hat. Es ist einfach widerwärtig!“

Der Prinz mochte zwar attraktiv sein, aber Callie hätte wetten mögen, dass es in seiner Familie irgendeine erbliche Geisteskrankheit gab. Je schneller es ihr gelang, Ann aus dieser fatalen Situation zu befreien, desto besser.

Zwei Tage später landete die Linienmaschine aus Mailand, wo Callie bereits die Zollformalitäten durchlaufen hatte, in Turin – oder, wie die Einheimischen sagten, Torino.

Ungeduldig öffnete sie den Sicherheitsgurt. Sie brannte darauf, den Prinzen zu treffen und die Sache hinter sich zu bringen. Obwohl es höchst angenehm war, erster Klasse zu reisen, war sie müde. In einer Stunde würde sie den Heimflug antreten und bis zur Landung schlafen.

Den Riemen ihres Rucksacks über die Schulter gehängt, folgte sie den anderen Passagieren in den Wartebereich des Terminals. Dort standen unzählige Menschen herum. Callie bereitete sich innerlich auf einen Fanfarenstoß oder eine ähnlich pompöse Begrüßung vor, doch zu ihrem größten Erstaunen passierte nichts dergleichen. Sie ging ein paar Minuten unschlüssig umher, in der Hoffnung, man würde sie ansprechen oder zumindest den Namen ihrer Schwester ausrufen lassen.

Sonderbar … Offenbar war kein fürstliches Empfangskomitee zum Flughafen geschickt worden. Vielleicht war etwas Unvorhergesehenes geschehen, und der Prinz hatte sich verspätet.

Inzwischen hatte sich die Menge zerstreut, bis auf einen gefährlich wirkenden Mann von Mitte dreißig mit sehr langem schwarzen Haar. Er saß in einem der Sessel und las eine italienische Zeitung. Die abgetragenen Jeans und die schwarze Lederjacke betonten seine muskulöse Figur.

Schon bei ihrer Zwischenlandung in Mailand hatte Callie bemerkt, dass italienische Männer etwas Besonderes an sich hatten. Egal, was sie trugen, sie besaßen einen gewissen Stil und eine Eleganz, die sie von anderen Männern unterschied.

Vermutlich gelten sie deshalb als raffinierte Liebhaber, dachte sie mürrisch. Das traf auch auf diesen faszinierenden Fremden zu, der ihr Herz aus unerfindlichen Gründen schneller schlagen ließ.

Als er unvermittelt den Kopf hob, begegnete sie dem Blick seiner dunklen Augen. Errötend wandte sie sich ab. Es war ihr peinlich, dass er sie dabei ertappt hatte, wie sie ihn betrachtet hatte. Zielstrebig eilte sie zum Informationsschalter.

Wenn der Prinz nicht bald auftauchte, würde sie ihm eine schriftliche Nachricht hinterlassen und diese zusammen mit dem Scheck in einen Umschlag stecken, bevor sie in einer halben Stunde ihren Heimflug antrat. Sie würde die Angestellte bitten, dafür zu sorgen, dass die Botschaft dem Prinzen ausgehändigt wurde.

„Signorina Lassiter?“

Die tiefe Männerstimme ertönte direkt hinter ihr. Callie drehte sich um und sah sich dem atemberaubend gut aussehenden Fremden gegenüber. Er war groß, mindestens eins neunzig – mit ihren Einsfünfundsechzig registrierte sie solche Details sofort.

Er ließ den Blick über ihr Gesicht und den dicken Zopf gleiten, der ihr über den Rücken fiel.

„Kommen Sie aus dem Palast?“

Sekundenlang herrschte Schweigen. „Ja. Mein Name ist Nicco.“ Sein Englisch war exzellent, allerdings schwang ein starker Akzent darin mit, was sie ungemein erregend fand.

„Wenn ich nicht irre, wollte doch Prinz Enzo zum Flughafen kommen.“

„Leider wurde er in einer dringenden Angelegenheit aufgehalten. Man hat mich beauftragt, Sie abzuholen.“

„Und wer sind Sie? Einer seiner Leibwächter?“

Er verzog die Lippen. „Würden Sie sich sicherer fühlen, wenn ich Ja sagte?“

Nicht sonderlich. Callie hatte sich bereits gedacht, dass dieser Mann mit jeder Situation fertig wurde. Was sie jedoch beunruhigte, war seine spöttische Arroganz, die an ihren Nerven zerrte. Wie es schien, hatte der Abgesandte des Prinzen sie absichtlich warten lassen.

Er mochte sie nicht, das spürte sie instinktiv, allerdings konnte sie es ihm auch nicht verübeln. Jede Frau, die – egal aus welchen Gründen – bereit war, ihren Körper einem ihr unbekannten Prinzen zu verkaufen, verdiente Verachtung.

Andererseits war ein Mann, der für einen Prinzen ohne jegliche Moralvorstellungen arbeitete, mindestens ebenso tadelnswert.

„Nun, sagen wir einmal, dass Sie meine Frage mit einer Gegenfrage beantwortet haben, erinnert mich an Machiavelli. Das wundert mich absolut nicht. Ihr Name ist Niccolò, oder? Der Meister der Intrige. Womöglich ein Charakterzug, den Sie von Ihrem Vorfahren geerbt haben?“

Das Glitzern in seinen Augen machte ihr Angst. „Der Prinz wird von Ihren Kenntnissen der italienischen Geschichte beeindruckt sein, Signorina. Wie es scheint, verfügen Sie über ungeahnte Vorzüge. Wollen wir Ihr Gepäck holen?“

„Ich habe keines.“

„Natürlich nicht“, erwiderte er dann mit trügerisch sanfter Stimme. „Eine künftige Prinzessin muss sich von Grund auf neu einkleiden.“ Er ließ einen Finger über ihre Wange gleiten. „Ihre Haut ist samtweich. Kein Wunder, dass Prinz Enzo Ihnen nicht widerstehen konnte.“

„Gehört es zu Ihrem Job, die fürstliche Ware zu inspizieren?“ Nur mit Mühe gelang es Callie, das Entsetzen über die Reaktion ihres Körpers zu verbergen.

„Die Versuchung war einfach zu stark. Es wird nicht wieder passieren. Da Sie nun seine Braut sind, wird er keinem anderen Mann gestatten, Sie zu berühren – der Betreffende würde sonst mit seinem Leben spielen.“

Sie lächelte kühl. „Es ist recht hochmütig von Ihrem Herrn, dass er Sie geschickt hat, um meine Makel zu entlarven. Ich warne Sie, ich habe etliche Fehler.“

„Ich hätte nie gedacht, dass mir meine Aufgabe so viel Freude bereiten würde. Der Prinz hat mir aufgetragen, Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen, außer dem nach einem Hochzeitskleid, denn das wurde bereits vor geraumer Zeit angefertigt.

Sobald wir den Flughafen verlassen haben, wird es mir ein Vergnügen sein, Ihnen beim Einkauf Ihrer fürstlichen Aussteuer zu helfen. In den Arkaden der Via Roma finden Sie die luxuriösesten Modesalons des Landes“, raunte er ihr mit einem bewundernden Blick zu.

Da sie jedoch Jeans und ein altes Top trug, konnte Callie aus seinem anzüglichen Blick folgern, dass er sie vorsätzlich beleidigen wollte. Sie hatte genug von den Wortgefechten. „Sie werden mich nirgendwohin bringen, denn ich brauche keine neue Garderobe“, erklärte sie so würdevoll wie möglich.

„Dann sind Sie tatsächlich eine Traumfrau, Signorina. Ich werde dem Prinzen gerne mitteilen, dass Sie die Absicht haben, ihn volle dreißig Tage und Nächte im Ehebett glücklich zu machen.“

„Vorsicht, Niccolò – Sie überschreiten Ihre Grenzen“, entgegnete sie wütend.

„Falls Ihr mangelndes Interesse an Modellkleidern einer der erwähnten Fehler ist, freue ich mich darauf, die anderen herauszufinden.“

Um den selbstgefälligen Ausdruck von seinem Gesicht zu vertreiben, griff sie in den Rucksack und holte eine mit Samt bezogene Schachtel hervor. „Würden Sie dies bitte dem Prinzen von mir geben?“

Er klappte den Deckel auf und blickte verblüfft auf den Verlobungsring. „Wissen Sie eigentlich, dass dieser Ring aus dem frühen sechzehnten Jahrhundert stammt, als das Haus Piemont und das Geschlecht der Monteferratos durch eine Hochzeit eine äußerst wertvolle Allianz schlossen?“ Zu ihrem maßlosen Entsetzen schob er ihr den Ring über den Finger und betrachtete ihn zufrieden. „Ich hatte mich schon gewundert, warum Sie ihn nicht tragen. Jetzt kenne ich die Antwort. Es ist zwar das kostbarste Kleinod aus dem Familienschmuck der Tescottis, aber die schwere Goldfassung passt nicht zu Ihrer zarten Hand. Ich werde Seiner Durchlaucht empfehlen, ein etwas moderneres Stück auszuwählen.“

Callies Haut war momentan durch das ständige Waschen und Schrubben vor Operationen gereizt. Obwohl sie bislang jede im Handel erhältliche Creme ausprobiert hatte, waren ihre Hände mit heftig juckenden Rötungen übersät. Niccos Berührung durchzuckte Callie wie ein Stromstoß.

Verlegen entzog sie sich seinem Griff, streifte den Ring wieder ab und steckte ihn zurück ins Etui. „Ich habe noch etwas, das Sie dem Prinzen geben können.“ Sie reichte ihm den Umschlag mit dem Scheck.

Er öffnete das Kuvert. „Zehntausend Dollar … Meines Wissens hat der Prinz kein Hochzeitsgeschenk von Ihnen erwartet. Mir ist allerdings zu Ohren gekommen, dass er sich etwas wünscht, und dieser Betrag würde dafür genügen.“ Seine dunklen Augen funkelten. „Sie machen ihn zum glücklichsten Mann auf Erden.“ Nachdem er Umschlag und Etui in den Taschen seiner Jacke verstaut hatte, umfasste er ihren Ellbogen. „Es ist ein wunderschöner Herbstnachmittag. Da Sie keine Garderobe benötigen, könnten wir vielleicht eine Fahrt durch die Stadt unternehmen, damit Sie sich ein wenig entspannen. Sie wollen sicher vor der morgigen Trauung Ihr Reich kennenlernen. Wollen wir aufbrechen?“

Callie riss sich los. „Ich werde mit Ihnen nirgendwohin fahren, und das Geld ist kein Hochzeitsgeschenk!“

„Sie zittern ja, dabei haben Sie gar keinen Grund, sich vor mir zu fürchten. So kurz vor der Zeremonie habe ich einen heiligen Eid geschworen, Sie mit meinem Leben zu beschützen. Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der das uneingeschränkte Vertrauen von Prinz Enzo genießt.“

„Dann sollten Sie ihm mitteilen, dass es keine Hochzeit geben wird.“

Er lächelte herablassend. „Und ich dachte, nur der Bräutigam würde unter dem leiden, was die Amerikaner als ‚kalte Füße vor der Trauung‘ bezeichnen. Sie überraschen mich in so vieler Hinsicht, dass ich absolut bezaubert bin.“

„Hören Sie, Nicco Wer-immer-Sie-sein-mögen, ich will ehrlich zu Ihnen sein.“

„Heißt das, Sie waren es bis jetzt nicht?“

Callie zählte im Stillen bis zehn. „Ich habe versucht, Ihnen etwas klarzumachen. Bevor sie noch weitere voreilige Schlüsse ziehen, müssen Sie mich anhören. Ich bin nicht die Frau, die Seine Durchlaucht ausgesucht hat.“

Seine unverhohlene Erheiterung trieb sie auf die Palme. Er holte ein Foto aus der Brieftasche. „Und wer ist das?“

Das Bild, das er ihr unter die Nase hielt, war eindeutig die Aufnahme, die Ann ihrer Bewerbung beigefügt hatte.

Sie unterdrückte ein Stöhnen. „Ich weiß, dass die Frau aussieht wie ich. Kein Wunder, denn ich bin Anns Zwillingsschwester Callie.“

„Callie …“, wiederholte er versonnen. Im nächsten Moment griff er sich ihren Rucksack und nahm ihren Pass heraus. Er schlug ihn auf und verglich das Foto mit dem Passbild. „Diesem Dokument zufolge heißen Sie Callie Ann Lassiter.“

„Das ist richtig. Meine Schwester wurde Annabelle getauft, wird aber Ann gerufen. Unser Vater wollte, dass wir beide den Namen unserer Mutter tragen.“

„Eine hübsche Lüge haben Sie sich da ausgedacht. Offenbar haben Sie sich auf etwas eingelassen, das Ihnen nur Furcht einflößt. Ziemlich ungewöhnlich für ein ehrgeiziges Hollywood-Starlet.“

Sie hatte genug von seinem unverhohlenen Spott. „Ich bin nicht verängstigt, sondern frustriert, weil Sie sich weigern, mir zuzuhören. Ich will es noch einmal versuchen: Ich bin nicht die Auserwählte des Prinzen!“

Völlig unbeeindruckt öffnete er ihr Portemonnaie und studierte ihren Führerschein. „Callie Ann Lassiter“, las er vor.

Callie biss die Zähne zusammen. „Das bringt uns nicht weiter. Ich bin hergekommen, um dem Prinzen zu erklären, dass sie ihn nicht heiraten kann, weil sie die Hauptrolle in einem neuen Film spielt. Die zehntausend Dollar sollen die Kosten für die Flugtickets und sämtliche Auslagen begleichen.“ Als er nichts erwiderte, fuhr sie fort: „Sie bedauert zutiefst, dass sie vertragsbrüchig werden musste, aber in der Nacht der Wohltätigkeitsgala rief ihr Agent an und bot ihr die Chance ihres Lebens. Sie konnte unmöglich ablehnen.“

Sein fortwährendes Schweigen nervte sie.

„Die Dreharbeiten haben gestern in Hollywood begonnen, und Ann musste um sechs Uhr früh im Studio sein. Also hat sie mich vorgestern aufgesucht und gefragt, ob ich dem Prinzen persönlich den Verlobungsring und den Scheck aushändigen könnte.“

Allmählich fragte sie sich, ob er ihr überhaupt zuhörte.

„Falls das Geld nicht reicht, möchte der Prinz sich mit ihrem Anwalt in Verbindung setzen, der sich an ihren Anwalt wenden wird. Name und Telefonnummer stehen in dem Brief. Ich glaube, das war’s, und jetzt muss ich los. Mein Flug nach Mailand wird bereits aufgerufen.“

Passagiere strömten in die Halle.

„Würden Sie mir bitte meinen Pass und mein Portemonnaie wiedergeben?“

Zu ihrer größten Erleichterung steckte er beides in den Rucksack und reichte ihn ihr mit einem strahlenden Lächeln. „Ich werde dem Prinzen Ihre Botschaft übermitteln.“

Endlich eine Reaktion!

„Danke. Richten Sie ihm bitte aus, wie leid es mir tut, dass meine Schwester nicht früher von dem Filmprojekt erfahren hat, sonst hätte sie an der Veranstaltung gar nicht erst teilgenommen. Aber wenn er so wundervoll ist, wie meine Schwester behauptet, hat er gewiss keine Probleme, eine andere Verlobte zu finden. Ann hat mir erzählt, dass die Zweitplatzierte wahrscheinlich mit Freuden für sie einspringen würde. Erinnern Sie den Prinzen an die atemberaubende Brünette, die außerdem eine ausgezeichnete Reiterin ist und über ein abgeschlossenes Architekturstudium verfügt. Sie wäre die ideale Braut für Seine Durchlaucht.

Wenn er sich sofort entscheidet, könnte er ihr einen Privatjet schicken, damit sie rechtzeitig zur Trauung hier ist. Und jetzt muss ich wirklich gehen. Leben Sie wohl.“

2. KAPITEL

Froh, dass sie Nicco los war, reichte Callie der Bodenstewardess am Schalter ihre Bordkarte und eilte zur Maschine. Nachdem sie ihren Platz gefunden und sich angeschnallt hatte, konnte sie sich endlich entspannen.

Die Sache war besser gelaufen, als sie gehofft hatte. Sie war insgeheim froh, dass sie sich nicht mit dem Prinzen hatte auseinandersetzen müssen. Egal, wie zuwider ihr seine Methoden der Brautschau waren, es wäre ihr schwergefallen, ihm in die Augen zu sehen und zu sagen, dass ihre Schwester ihn nun doch nicht heiraten wolle.

Und was Niccolò Machiavelli betraf, so wollte sie so schnell wie möglich vergessen, dass dieser Mann überhaupt existierte. Er hatte sie in erschreckender Weise erregt – vermutlich weil er Ausländer und somit unberechenbar war. Ihr Körper prickelte noch immer bei der Erinnerung an seine Finger auf ihrer Wange und ihrer Hand.

Sie hatte noch nie so auf die Berührung eines Mannes reagiert. Mehr noch, bei dem Gedanken, ihn nie wiederzusehen, hatte sie das Gefühl, etwas verloren zu haben.

Das war recht sonderbar, denn Callie war erst unlängst zu dem Schluss gelangt, dass sie und ihre Schwester offenbar ohne die Bedürfnisse normaler Frauen geboren worden waren. Alle ihre Freundinnen hatten inzwischen Ehemänner und viele sogar schon Kinder.

Als Heranwachsende hatte es Callie und Ann nie an Verehrern gefehlt – im Gegenteil. Trotzdem hatte keine von ihnen je einen richtigen Freund gehabt.

Auf dem College und während ihres Studiums waren etliche Kommilitonen an Callie interessiert gewesen, doch sie hatte sich zu sehr auf den Lehrstoff konzentriert, um sich zu binden. Ähnlich war es Ann ergangen, die sich mit mehreren bekannten Schauspielern verabredet hatte. Allerdings war ihr Ehrgeiz stärker gewesen als ihr Wunsch nach Häuslichkeit.

Und jetzt hatte plötzlich ein dunkelhaariger Fremder Callie gezeigt, dass sie eine Frau aus Fleisch und Blut war, mit Bedürfnissen, die all die Jahre geschlummert hatten. Es war eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet ein Italiener ihre Sinnlichkeit geweckt hatte.

Nicht irgendein Italiener, Callie.

Ihr Instinkt in Bezug auf Tiere und Menschen trog sie normalerweise nie. Der Mann, der für Prinz Enzo arbeitete, unterschied sich grundlegend von anderen Männern. Das hatte sie sofort erkannt, als sie beobachtet hatte, wie gelangweilt er in der lauten, überfüllten Halle gesessen und Zeitung gelesen hatte. Tief in ihrem Innern ahnte sie, dass er ihr unvergesslich bleiben würde. Diese Vorstellung war so schockierend, dass sie nach ihrem Buch griff, um sich abzulenken.

Allmählich füllten sich nun die Reihen. Vergeblich versuchte Callie, sich auf die Geschichte zu konzentrieren. Die Maschine konnte für ihren Geschmack nicht schnell genug starten.

Eine weitere Stewardess kam an Bord und plauderte lächelnd mit jedem Passagier. Als sie Callie erreichte, sagte sie freundlich: „Signorina Lassiter? Würden Sie mich bitte begleiten?“

„Warum? Stimmt etwas nicht?“

„Ich weiß nicht. Im Terminal warten zwei Polizisten, die mit Ihnen reden möchten.“

Oh nein. Nicco hatte offenbar den Prinzen informiert, und nun würde man sie hier festhalten. Sie hätte sich denken können, dass alles viel zu glatt gelaufen war.

„Aus Rücksicht auf Sie habe ich ihnen versprochen, Sie zu suchen. Ich bin sicher, Sie wollen die Peinlichkeit vermeiden, dass die Beamten zu einer Befragung an Bord kommen.“

„Ja, natürlich, aber die Maschine startet gleich.“

„Sie sagten, es würde nicht lange dauern.“

„Verstehe. Danke.“

Mit wachsendem Unbehagen nahm Callie ihren Rucksack und folgte der jungen Frau zum Terminal, wo die beiden Polizeibeamten am Ausgang auf sie warteten.

„Signorina Lassiter?“, fragte der Schnurrbärtige.

„Ja?“

„Signorina Ann Lassiter?“, hakte der zweite Uniformierte nach.

„Nein“, erwiderte sie ruhig. „Mein Name ist Callie. Ann ist meine Schwester.“

„Ihren Pass, bitte.“

Sie gab ihnen das Gewünschte.

Der Mann studierte das Foto. „Danke.“ Er steckte den Pass ein. „Wenn Sie bitte mitkommen würden.“

„Wieso? Ich muss mein Flugzeug erreichen.“

Die beiden Beamten lächelten einander an, dann erklärte der Bärtige: „Seine Durchlaucht hat erfahren, dass seine schöne amerikanische Braut ein wenig nervös vor der Hochzeit ist – eine Schwäche, die er äußerst entzückend findet. Er hofft, dass Sie sich inzwischen soweit gefangen haben, um sich von uns zu ihm bringen zu lassen.“

„Nein“, protestierte sie. „Ich meine, Sie verstehen nicht – ich bin nicht seine Verlobte! Ich kann es beweisen, wenn Sie mich kurz telefonieren lassen!“

Sie brachen in Gelächter aus. „Er hat uns gewarnt, dass Sie sich sträuben würden. Kommen Sie, Signorina. Niemand lässt den Prinzen warten. Für seine künftige Gemahlin macht er jedoch eine Ausnahme. Wir fahren Sie zu ihm.“

Callie ahnte, dass die beiden es nicht mehr als Scherz betrachten würden, wenn sie sich weiterhin weigerte. So viel zu der Überzeugung ihrer Schwester, dass man mit zehntausend Dollar alles regeln könne.

Ich verspreche dir, er ist sehr nett. Alle anderen Finalistinnen hielten ihn für einen echten Schatz und wünschten, sie wären gewählt worden. Es dürfte keine Probleme mit ihm geben.

Sie hatte gewusst, dass es irgendwo einen Haken geben musste. Jetzt konnte sie sich ausmalen, worum es sich handelte. Prinz Enzo besaß einen Titel und sonst nichts! Deshalb hatte er kein fürstliches Empfangskomitee zu ihrer Begrüßung geschickt und sich eine Braut kaufen müssen.

Er hatte seine Berühmtheit schamlos benutzt, um sich in den Mittelpunkt einer glanzvollen Spendengala zu rücken. Zweifellos brauchte er eine Frau, die ihn finanziell unterstützte. Wo sonst, außer in Amerika, würden Leute ein Vermögen zahlen, um sich mit einem europäischen Prinzen ablichten zu lassen?

Die Wahl seiner künftigen Frau ergab plötzlich einen Sinn. Jeder wusste, dass Filmstars Millionen besaßen. Genug Geld also, um den Lebensstil zu ermöglichen, den er gepflegt hatte, bevor sein eigener Reichtum erschöpft oder vergeudet war.

Wie es schien, hatte Nicco keine Zeit verschwendet und dem Prinzen mitgeteilt, dass Signorina Lassiter versucht habe, vertragsbrüchig zu werden, indem sie behauptet hatte, die falsche Frau zu sein. Wahrscheinlich hatte er dem Prinzen geraten, so viel Geld wie möglich aus ihr herauszupressen.

Ihr blieb also nichts anderes übrig, als sich mit Seiner Durchtriebenheit persönlich zu treffen und ihn über die lächerliche Situation aufzuklären, in die er sich durch seine Gier manövriert hatte. Sobald sie beweisen konnte, dass ihm nichts weiter gehörte als ein bedeutungsloser Titel, würde kein Gericht auf beiden Seiten des Atlantiks sie verurteilen, ihren Teil des absurden Vertrages zu erfüllen.

Um kein Aufsehen zu erregen, ließ Callie sich von den beiden Polizisten in die Mitte nehmen. Sie stiegen in einen Lift und fuhren ein Stockwerk tiefer. Leider kreisten ihre Gedanken pausenlos um den schwarzhaarigen, glattzüngigen Vertrauten des Prinzen und machten es ihr unmöglich, sich auf die bevorstehende Konfrontation zu konzentrieren. Nicco hatte die ganze Intrige garantiert nur eingefädelt, weil der Prinz ihm einen fetten Anteil von Anns künftigen Gagen zugesichert hatte.

Callie hatte von Anfang an recht gehabt. In Niccos Adern floss eindeutig das Blut eines Machiavelli. Allerdings wusste er nicht, dass sie den Mut ihrer skandinavischen Vorfahren geerbt hatte.

Inzwischen hatten sie das Erdgeschoss erreicht. Die Beamten geleiteten sie den Korridor entlang zu einer Tür, die aufs Rollfeld führte, wo der Polizeiwagen stand. Sie halfen ihr in den hinteren Teil, der keine Fenster aufwies.

Nachdem sie sich auf eine Bank gesetzt hatte, wurde sie eingeschlossen und musste eine zwanzigminütige Fahrt über sich ergehen lassen, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wohin man sie brachte. Auf einmal hielten sie an.

Als die Männer die Tür öffneten, um sie herauszulassen, sah sie, dass man sie zum Hintereingang eines mittelgroßen Apartmenthauses im Herzen von Turin chauffiert hatte. Auf dem nahe gelegenen überdachten Parkplatz stieg gerade ein Mann mit Helm von seinem Motorrad. Callie traute ihren Augen kaum. Es war eine brandneue Danelli! Sie musste sich täuschen, es sei denn …

Hatte die Firma die Produktion wieder aufgenommen?

Zu ihrem Entsetzen ging einer der Beamten zu dem Besitzer der feuerroten Rennmaschine und händigte ihm ihren Pass aus. Nach einem kurzen Wortwechsel kehrte er zum Mannschaftswagen zurück. Kurz darauf waren die Uniformierten verschwunden. Callie war wie betäubt.

Also das war der Prinz!

Offenbar hatte er mehr Geld, als sie gedacht hatte. Oder er war bis über beide Ohren verschuldet und hoffte, die gekaufte Braut würde ihn auslösen. Eine so traumhafte Maschine wie diese dürfte ihn mindestens fünfzigtausend Dollar gekostet haben.

Der Mann nahm den Helm ab. „Buon giorno, Signorina.“

Beim Klang der tiefen, verführerischen Stimme zuckte sie zusammen. Nicco! Warum, zum Teufel, sah er jetzt noch attraktiver aus als vorhin? „Sagen Sie nichts.“

Ihr Herz klopfte, als wollte es zerspringen. „Der Prinz wohnt hier, weil er bereits vor langer Zeit sein Land und Vermögen verloren hat.“

„Sie sind überaus scharfsinnig.“

Callie ignorierte den spöttischen Unterton. „Danke, dass Sie wenigstens in diesem Punkt ehrlich zu mir sind. Leider ist meine Schwester noch kein berühmter, schwerreicher Hollywoodstar. Die Geschichte hätte anders enden können, wenn sie bereit gewesen wäre, dem Scheinwerferlicht den Rücken zu kehren und sich einem verarmten Prinzen zu widmen.“

Er zuckte gelangweilt die Schultern. „Es war zumindest einen Versuch wert.“

„Mag sein. Leider hat er sich die falsche Frau ausgesucht. Da sie jedoch meine Schwester ist, kann ich für sie bürgen. Ann ist zwar mitunter ein wenig naiv, aber ansonsten ein liebenswerter Mensch, der den Prinzen für all den Ärger entschädigen möchte. Sie hält ihn für einen charmanten, intelligenten Mann, der Verständnis für ihr Problem hat und bereit ist, etwaige weitere finanzielle Arrangements mit ihrem Anwalt zu vereinbaren. Ich hoffe, sie hat recht und wir können die Sache unverzüglich regeln, damit ich noch heute Abend in die Staaten zurückfliegen kann.“

„Lassen Sie uns hineingehen und darüber reden.“

Er führte sie durch den Hintereingang zur Treppe und hinauf in den ersten Stock. Vor der zweiten Tür links blieb er stehen und schob den Schlüssel ins Schloss. Callie hörte Gebell.

„Basta, Valentino!“

Kaum hatte sich die Tür geöffnet, begrüßte ihn ein prachtvoller Boxerrüde so freudig, dass es ihr das Herz wärmte. Zum ersten Mal lächelte Nicco wirklich. Er legte seinen Helm auf den Tisch in der Diele und spielte mit dem Hund.

Da er italienisch sprach, konnte sie nur die Worte „Signorina Lassiter“ identifizieren, bevor er sich zu ihr umwandte. „Der Hund gibt Ihnen fünf, wenn Sie die Hand ausstrecken.“

„Gib mir fünf“ war eine umgangssprachliche Aufforderung, die eigene Handfläche in die eines anderen zu schlagen. Niccos englischer Wortschatz war beachtlich. Offenbar hatte der Prinz einen äußerst gebildeten Mann engagiert, der die Schmutzarbeit für ihn erledigte.

Sie hob die Hand, und Valentino patschte mit der Pfote dagegen. Begeistert beugte sie sich zu ihm hinab, legte ihm die Arme um den Hals und kraulte ihn hinter den Ohren. „Du bist wunderschön“, lobte sie ihn.

Als Belohnung leckte er ihr die Wange.

Callie lachte. „Ich liebe dich auch.“ Sie schmiegte ihren Kopf an seinen. „Jawohl, du herrliches Geschöpf.“ Spontan sank sie auf die Knie und begutachtete seine weißen Pfoten. „Du hast die Zeichnung und die Haltung eines echten Champions“, sagte sie, bevor sie wieder aufstand.

„Für einen Hund und einen Menschen, die die Sprache des anderen nicht verstehen, habt ihr beide diese Hürde mühelos genommen“, meinte ihr Gastgeber trocken.

Der Boxer umkreiste sie schnüffelnd und leckte ihr die Hände. Er roch offenbar die Tierklinik, in der sie wohnte und arbeitete.

„Ich bin einfach verrückt nach Tieren. Wie lange hat der Prinz ihn schon?“

„Acht Jahre.“

„Der Glückliche. Lässt er Sie Valentino auch ausführen?“

„Immer.“

„Würde ich für ihn arbeiten, wäre das meine Lieblingsaufgabe.“

Er warf ihr einen sonderbaren Blick zu. „Kommen Sie nach nebenan.“

In der Hoffnung, den Prinzen zu treffen und die Angelegenheit zu klären, folgte sie Nicco ins Wohnzimmer. Es war bescheiden eingerichtet. Die Möbel schienen gebraucht zu sein und ähnelten denen in Callies Einzimmerapartment.

„Prinz Enzo hat offenbar schwere Zeiten hinter sich. Ich fühle mich hier fast wie zu Hause.“

„Er wird sich freuen, das zu hören“, erwiderte er spöttisch. „Bitte, machen Sie es sich bequem.“

Sie setzte sich auf einen der Stühle. Valentino ließ sich zu ihren Füßen nieder. Nachdem sie einige Minuten gewartet hatte, fragte sie: „Was hält den Prinzen so lange auf?“

„Er ist nicht hier.“

Callie traute ihren Ohren kaum. „Was soll das?“

Nicco nahm ihr gegenüber auf der Couch Platz. „Da er morgen heiratet, hat er heute natürlich viel zu tun. Er wird bald hier sein.“

„Der Prinz sollte sich beeilen, wenn er wünscht, dass die Zweitplatzierte pünktlich eintrifft.“

Er lehnte sich in die Polster zurück und streckte die langen Beine aus. „Also wirklich, Signorina … Warum beharren Sie auf der unsinnigen Geschichte von der Zwillingsschwester?“

Callie sprang auf. Ihre Reaktion beunruhigte den Hund, der instinktiv versuchte, sie zurückzutreiben, damit sie den Raum nicht verlassen konnte. Unter normalen Umständen hätte sie über diesen liebenswerten Charakterzug gelacht, allerdings war die Situation absolut nicht lustig.

„Wo ist das Telefon? Ich werde Ann anrufen, damit sie alles erklären kann.“

„Leider benutzt der Prinz nur ein Handy.“

Sie atmete tief durch. „Dann haben Sie sicher auch eines. Könnte ich es bitte haben?“

„Gern, aber es muss erst aufgeladen werden.“

„Wie praktisch!“

Um seine Unschuld zu betonen, hob er die breiten Schultern. Callies Ironie ließ ihn völlig kalt. „Bevor Prinz Enzo eintrifft, könnten wir ja schon den morgigen Zeitplan durchsprechen. Es ist meine Aufgabe, Sie auf die Zeremonie vorzubereiten. Am besten nehmen Sie wieder Platz und entspannen sich. Zu viel Aufregung vor der Trauung kann die Hochzeitsnacht beeinträchtigen. Seit der Prinz letzten Monat Ihr Foto gesehen hat, kann er die Hochzeitsnacht kaum erwarten. Er rechnet fest damit, dass seine Gemahlin ebenso wie er darauf brennt, das gemeinsame Leben als Mann und Frau zu beginnen. An mir ist es nun, dafür zu sorgen, dass er nicht enttäuscht wird.“

Callies Wangen glühten. „Und ich habe dabei natürlich kein Mitspracherecht, oder?“

„Richtig. Sie haben aus freien Stücken sowohl vor dem Justitiar des Veranstalters als auch vor Prinz Enzos persönlichem Anwalt den Vertrag unterzeichnet, den ich selbst aufgesetzt habe. Er ist wasserdicht, Signorina. Keine Macht auf Erden, nicht einmal der Papst, kann ihn brechen.“

„Ich habe ihn nicht unterschrieben“, entgegnete sie ruhig. „Es war meine Schwester.“

Ihre Blicke begegneten sich. „Angenommen, das stimmt und Sie haben tatsächlich eine Zwillingsschwester namens Ann … Es würde trotzdem nichts daran ändern, dass die Hochzeit morgen stattfindet.“ Ein drohender Unterton schwang in seinen Worten mit und jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. „Wenn Ihre Schwester sich den Lebenslauf von Prinz Enzo durchgelesen hätte, den ihr die Organisatoren der Gala gegeben haben, wüsste sie, dass in seinen Adern auch das Blut der Borgias fließt.

Es ist eine historische Tatsache, dass Cesare Borgia Machiavelli als Vorlage für sein Buch über den Prinzen gedient hat, der rücksichtslos über seine verängstigten Untertanen herrschte.“ Er beugte sich vor. „An Ihrer Stelle würde ich mir überlegen, wie Sie Ihren Einfluss auf Ihren Ehemann nutzen, damit Ihre Schwester nicht inhaftiert wird, weil sie Sie geschickt hat. Das Gefängnis ist kein passender Aufenthaltsort für die Verlobte von Prinz Enzo.“

Callie ließ sich nicht einschüchtern. „Da Ann nicht hier ist, kann sie auch nicht verhaftet werden.“

„Das ist richtig. Aber Sie sind hier …“

„Ich dachte, Prinz Enzo will mich als Braut.“

„Naturalmente werden Sie seine Prinzessin. Wenn Sie Ihren Zweck erfüllt haben, werden Sie unter Hausarrest gestellt.“

Sie sah ihre Chancen zur Flucht schwinden, doch das wollte sie ihm nicht zeigen. „Jetzt kommen wir also zum wahren Grund für diese absurde Farce. Meine Schwester hat ihm bereits einen Scheck über zehntausend Dollar ausgestellt, und das sind ihre gesamten Ersparnisse. Nach dem nächsten Film wird sie ihm sicher fünf Mal so viel geben können. Wie hoch ist der Preis? Falls sie nicht genug aufbringen kann, werde ich versuchen, einen Kredit bei meiner Bank aufzunehmen.“ So, wie es aussah, würde sie dann den Rest ihres Lebens verschuldet sein.

„Ihre Loyalität gegenüber Ihrer Schwester ist wahrhaft bewundernswert, Signorina. Sofern Sie überhaupt eine Schwester haben“, fügte er ungerührt hinzu. „Bedauernswerterweise steht Geld hier nicht zur Debatte.“ Er griff in die Tasche und warf den Scheck auf den Tisch vor ihr.

„Worum geht es dann?“, rief sie genervt. „Warum hat er sich die Mühe gemacht, eine amerikanische Braut zu suchen? Es sei denn …“ Sie lächelte boshaft. „Es sei denn, er leidet unter einer von den Borgias vererbten genetischen Anomalie, von der der europäische Adel weiß – und weshalb die weiblichen Mitglieder ihn wie die Pest meiden.“

Mit der Geschmeidigkeit eines Panters erhob Nicco sich zu seiner vollen Größe. „Sie sind doch nicht so einfältig, wie ich dachte. Ich will die Überraschung nicht verderben. Morgen früh werden Sie herausfinden, wen Sie – oder Ihre Schwester – bereit waren zu heiraten.“

„Das ist barbarisch!“

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, begann der Boxer zu knurren und eine wachsame Haltung einzunehmen.

Nicco lächelte herausfordernd. „Valentino mag Sie sehr, was eigentlich recht erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wie bedingungslos er dem Prinzen ergeben ist. Solange Ihre Stimme ruhig klingt, wird er Sie nicht wie einen Eindringling behandeln. Das will er nämlich nicht. Wie Sie sehen, wedelt er mit dem Schwanz.“

Mit Valentino wurde sie fertig. Der Hund war wundervoll. Nicco hingegen hatte sie in die Ecke gedrängt.

„Sie haben mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen herbringen lassen. Ich werde den Prinzen vor der Trauung nicht sehen, oder?“

„Endlich geht Ihnen ein Licht auf, wie ihr Amerikaner zu sagen pflegt.“

Er musste lange Zeit mit jemandem aus den Staaten zusammen gewesen sein. Callie sehnte sich danach, den triumphierenden Ausdruck von seinem Gesicht zu vertreiben.

Sie wollte auf gar keinen Fall die Opferrolle übernehmen. Ihr war gerade ein guter Fluchtplan eingefallen. Wenn es nicht funktionierte, würde sie etwas anderes probieren müssen.

„Da Sie mir keine andere Wahl lassen, als mich zu fügen, darf ich als Ihre Gefangene vielleicht eine letzte Gunst vor der morgigen Hinrichtung erbitten.“

Sein Lächeln war so hinreißend, dass ihr der Atem stockte. „Ihr Wunsch ist mir Befehl, Signorina.“

„Ist das Ihr Ernst?“ Callie ließ ihre Stimme gekonnt beben, um Nicco den Eindruck einer zutiefst gedemütigten und verschüchterten Frau zu vermitteln.

„Stellen Sie mich auf die Probe.“

„Könnten wir die Stadtrundfahrt machen, die Sie vorhin erwähnt haben?“

„Natürlich. Ich lasse die Limousine kommen.“

„Nein … Könnten wir nicht auf Ihrem Motorrad …?“

Sein Schweigen verriet, dass sie ihn mit ihrer Bitte überrumpelt hatte.

„In einem Video, das ich mir einmal ausgeliehen habe, hat ein Mann die Heldin mit seinem Motorrad durch Neapel gefahren. Es sah sehr aufregend aus, wie sie durch die engen Straßen und Gassen gebraust sind. Sie konnten überallhin, wo ein Auto keinen Platz hatte.“

Er rieb sich versonnen das Kinn. „Turin ist eine moderne Großstadt mit breiten Alleen, Grünflächen, Promenaden und übersichtlichen Kreuzungen, Signorina.“

„Schon gut, Nicco. Ich verstehe das. Wirklich.“ Sie redete mit ihm wie mit einem kleinen Kind.

„Was glauben Sie zu verstehen?“, erkundigte er sich misstrauisch.

Gut. Sie hatte ihr Ziel erreicht und seine Neugier geweckt. „Dass Sie bis morgen für meine Sicherheit verantwortlich sind.“

„Und?“, hakte er nach.

„Mir hätte klar sein müssen, dass Sie sich nicht zutrauen, mir auf dem Motorrad die Sehenswürdigkeiten zu zeigen, ohne einen Unfall heraufzubeschwören. Sie hätten mir ruhig die Wahrheit sagen können, aber ich hatte Ihren Stolz vergessen. Italienische Männer sollen damit ja überreichlich ausgestattet sein.“ Er ahnte ja nicht, wie viel Genugtuung es ihr verschaffte, ihm das an den Kopf zu werfen.

„Ich wollte lediglich Ihr weibliches Zartgefühl schonen. Sie würden sich an mich klammern müssen, als wären Sie eins mit mir“, erwiderte er in verführerischem Ton, der keinen Zweifel an seinen wahren Gedanken ließ. „Wenn es jedoch Ihr Herzenswunsch ist, liegt es mir fern, Prinz Enzos hübscher Braut eine Bitte abzuschlagen.“

Die erste Hürde war überwunden. Sie gab sich allerdings nicht der Illusion hin, dass die zweite Etappe genauso leicht zu meistern sein würde.

„Den Flur entlang, die letzte Tür rechts ist das Bad. Machen Sie sich doch ein wenig frisch, während ich einen Helm für Sie suche.“

Sie runzelte die Stirn. „Aber in dem Film hatte die Frau keinen …“

„Vergessen Sie den Film“, unterbrach er sie. „Sollte – Gott behüte – auf unserem Ausflug irgendetwas passieren, würde ich mir nie verzeihen, wenn Sie verletzt werden. Prinz hin, Prinz her.“ Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt.

Beim Anblick seiner muskulösen und ungemein männlichen Gestalt durchrann sie ein heißer Schauer. Sie durfte sich gar nicht ausmalen, wie es sein mochte, wenn sie sich an ihn schmiegte.

„Falls Sie es sich anders überlegt haben, Signorina …“

„Nein. Ich bin gleich fertig.“

„Gut. Uns bleibt nicht mehr viel Tageslicht.“

Mit zitternden Knien ging Callie ins Bad. Nicco übte eine verheerende Wirkung auf sie aus.

Valentino folgte ihr. Sein Schnaufen verriet ihr, dass er draußen wachte. Er klang genauso wie ihr eigener Hund. Himmel, wie sie Chloe vermisste!

Als sie in die Diele kam, wartete Nicco bereits auf sie. Er hatte den Helm für sie unter den Arm geklemmt und einen anderen in der Hand. Bevor er die Tür öffnete, sagte er etwas auf Italienisch zum Boxer, der sich prompt hinlegte.

„Nach Ihnen.“ Höflich ließ er Callie den Vortritt.

Während sie sich der Garage näherten, setzte er sich den Helm auf. Endlich konnte sie den Schriftzug auf dem Tank der Maschine entziffern. Es handelte sich um eine Danelli NT-1.

„Wie viel kostet so etwas?“, fragte sie.

„In Euro oder in Dollar?“

„Dollar.“

„Von fünfzigtausend aufwärts.“

Noch mehr, als sie geschätzt hatte. „Für einen verarmten Prinzen scheint er Ihnen ein wahrhaft üppiges Gehalt zu zahlen.“

Er ignorierte ihre Bemerkung und stülpte Callie stattdessen den Helm auf den Kopf. Als er den Riemen ums Kinn befestigte, blickte er ihr prüfend in die Augen. Dann wandte er sich ab und klappte die hinteren Fußrasten an der Maschine herunter.

Wie betäubt beobachtete sie, wie er ein Bein über die Sitzbank schwang. Nachdem er den Motor gestartet hatte, drehte er sich zu ihr um. „Wenn Sie aufsteigen, stellen Sie die Füße auf die Fußrasten. Dann legen Sie die Arme um meine Taille und verschränken die Finger. Mehr müssen Sie nicht tun.“ Er ließ das Visier herunter und wartete.

Sie hatte vom ersten Moment an gespürt, dass Nicco ein gefährlicher Mann war. Selbst in ihren kühnsten Träumen hätte sie nicht zu hoffen gewagt, je in die Nähe einer solchen Maschine zu kommen, geschweige denn, auf ihr zu fahren. Wäre da nicht die scheußliche Sache gewesen, in die Ann sich gebracht hatte, hätte Callie die schönste Zeit ihres Lebens gehabt.

Mit klopfendem Herzen sah sie zu, wie er die Kupplung betätigte und den Gang einlegte. Sie sprang auf den Sozius und schob ihren Rucksack zurecht. „Ich bin fertig.“

Kaum hatte sie die Arme um Niccos Körper gelegt, fuhren sie los. Er lenkte die Maschine auf die Straße. Ein kurzer Ruck beim Beschleunigen, und schon flogen sie nur so dahin.

3. KAPITEL

Es war wie ein Rausch.

Geschickt manövrierte Nicco die Maschine zwischen den Wagen entlang. Die atemberaubende Präzision, mit der er die Kurven nahm, jede seiner Bewegungen, die Callie, eng an ihn geschmiegt, mit vollzog, zeugte von der Erfahrung eines Rennprofis.

Startete er bei Motorradwettbewerben, wenn er nicht für den Prinzen tätig war? Hatte er sich deshalb diese Maschine leisten können? Oder war es ein Sondermodell, das von Sponsoren finanziert wurde?

Bei dem Gedanken, dass sie vielleicht mit einem Weltklassefahrer unterwegs war, schoss Adrenalin durch ihre Adern. Sie spürte jedoch, dass er noch immer vorsichtig fuhr, um jeden Unfall zu vermeiden.

Callie fragte sich, wohin er sie bringen würde. Sie hatten inzwischen die Autobahn erreicht und näherten sich den Vororten von Turin. Jahrhundertealte Residenzen und märchenhafte Palazzi mit barocken Fassaden rauschten an ihnen vorbei. Als die Sonne am Horizont versank, lag die Stadt mit ihren vier Flüssen und den weitläufigen Parks hinter ihnen. Sie kamen in ein Tal, dessen Hänge einer Patchworkdecke aus Weinreben glichen. Ein köstlich fruchtiger Duft wehte ihnen entgegen.

Obwohl die Luft kühler geworden war, hatte Niccos Körperwärme sich auf Callie übertragen. Sie schienen miteinander verschmolzen zu sein – ein unbeschreibliches Gefühl.

Sie hatte sich gewünscht, die Fahrt möge nie enden, und deshalb stöhnte sie enttäuscht auf, als er von der Straße abbog und einem Pfad durch die Pflanzungen folgte. Offenbar kannte er sich hier gut aus und wollte ein wenig ausruhen, bevor sie nach Turin zurückkehrten.

Sie gelangten bald zu einem idyllischen zweistöckigen Bauernhaus. Geschlossene grüne Fensterläden hoben sich von der in einem hellen Orangeton getünchten Fassade ab.

Nicco bremste ab und hielt auf dem leeren Hof an. Das Anwesen wirkte verlassen. Wahrscheinlich war jetzt der ideale Zeitpunkt, ihre Fluchtpläne in die Tat umzusetzen, sonst hätte sie womöglich nie die Gelegenheit dazu.

Callie kletterte rasch von der Maschine und klappte das Visier ihres Helms hoch. Während sie darauf wartete, dass er ebenfalls absaß, schaute sie sich um. Hohe Zypressen hoben sich vor dem abendlichen Himmel ab. Sie würde den Scheinwerfer des Motorrads einschalten müssen, um den Weg aus den Bergen zu finden.

„Das war eine anstrengende Fahrt“, meinte sie. „Darf ich mich eine Minute hinter den Lenker setzen, bevor wir wieder nach Turin aufbrechen?“

Nicco trug noch immer seinen Helm, sodass sie seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen konnte. Er schob das Visier hoch. „Nur zu.“

„Könnten Sie mir vielleicht raufhelfen?“

Er stieß einen ungeduldigen Laut aus, erfüllte jedoch ihre Bitte. Ohne jede Anstrengung hob er sie auf die Maschine.

„Das ist noch aufregender als das Auspacken von Weihnachtsgeschenken! Wie schaffen Sie es, dass alle Anzeigen leuchten?“

Lässig griff er an ihr vorbei und drehte den Schlüssel im Schloss. Dabei streifte er mit dem Arm leicht ihre Brust. Diese intime Berührung – mochte sie auch noch so zufällig sein – trieb Callies Pulsschlag in astronomische Höhen.

„Ein echtes Kunstwerk, oder?“, plapperte sie scheinbar naiv weiter, obwohl sie insgeheim vor Erregung zitterte.

„Reden wir noch vom Motorrad?“, fragte er leise.

Die hereinbrechende Dunkelheit verbarg gnädigerweise Callies Erröten.

Zu ihrem Erstaunen löste er den Kinnriemen. Er wollte also den Helm absetzen, obwohl sie nicht recht begriff, warum. Wollten sie denn nicht gleich umkehren? Allerdings bot sich ihr hier die perfekte Chance für ihren Plan.

Sie wartete, bis er Anstalten machte, den Helm vom Kopf zu nehmen. Sofort schob sie die Maschine ein wenig vor, und der Ständer schnappte zurück. Dann drückte sie den Anlasser, und die Maschine schoss los wie ein Pfeil.

Gleich darauf hörte Callie einen italienischen Wortschwall hinter sich, der jedoch im Motorenlärm unterging. In der Hoffnung, so viel Zeit wie möglich zu gewinnen, fuhr sie über den notdürftig befestigten Weg. Gütiger Himmel, die Danelli war so PS-stark, dass Callie Mühe hatte, sie zu bändigen!

Falls es ihr nun gelang, die Amerikanische Botschaft zu erreichen, würde sie um Hilfe bei der Heimreise bitten. Nicco würde dann sein Motorrad sicher wiederbekommen, und Ann könnte ihren Anwalt beauftragen, sich mit Prinz Enzo zu befassen.

Fünf Meilen später rollte Callie durch den kleinen Ort Monferrato. Ungefähr eine Meile weiter schien das Motorrad an Geschwindigkeit zu verlieren. Sie kuppelte aus und gab mehr Gas. Nichts passierte.

Ihr Blick fiel auf die Tankanzeige. Leer!

Oh nein!

Callie blieb nichts anderes übrig, als an den Straßenrand zu fahren und anzuhalten. Am liebsten hätte sie einen Wagen gestoppt und sich mitnehmen lassen, aber sie wagte es nicht, eine fünfzigtausend Dollar teure Maschine in einer unbewohnten Gegend abzustellen. Da das Zweirad zu schwer war, um es hinter die Sträucher zu bugsieren, konnte sie nur hoffen, dass ein anderer Motorradfahrer vorbeikam und ihr einen Kanister Benzin in Monferrato besorgte.

Irgendjemand musste sie beobachtet haben, denn ein alter blauer Laster rumpelte in ihre Richtung. Der Fahrer hielt an und kletterte aus dem Führerhaus.

Sie sah einen großen, athletischen Mann auf sich zukommen. In einer Hand trug er einen Benzinkanister, in der anderen einen Helm. Als sie ihn erkannte, begannen ihr die Knie zu zittern. Es ließ sich nicht leugnen, Nicco war ein außergewöhnlich attraktiver Mann, und dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte, machte es ihr schwer, ihn als Feind zu betrachten.

Natürlich war es für ihn ein Kinderspiel gewesen, sie zu finden, zumal er wusste, dass der Tank fast leer war. Nun war auch klar, warum er den Abstecher zu diesem Bauernhaus gemacht hatte. Wahrscheinlich gehörte es einem Freund, der ihn mit Benzin versorgt oder ihm einen Laster geliehen hätte.

„Ich habe Sie unterschätzt, Signorina“, sagte er kühl, bevor er den Helm aufsetzte. „Glauben Sie mir, es wird nicht wieder passieren.“

Sein verächtlicher Blick tat weh. „Es war zumindest einen Versuch wert“, wiederholte sie spöttisch seine Worte von vorhin. Als sie jedoch ebenso lässig die Schultern zucken wollte wie er, scheiterte sie kläglich.

Ohne sie weiter zu beachten, ging er zum Motorrad und öffnete den Tankverschluss. Inzwischen zitterte Callie sowohl vor Kälte als auch vor Nervosität. Als Nicco den Tank gefüllt hatte, tat er etwas Unerwartetes – er streifte die Jacke von den Schultern.

„Ziehen Sie das an.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Ich brauche sie nicht.“

„Prinz Enzo würde mir nie verzeihen, wenn Sie an Ihrem Hochzeitstag erkältet wären. Sie werden also die Jacke anziehen, und wenn ich Sie persönlich darin einwickeln muss.“

Es bestand nicht der geringste Zweifel an seiner Entschlossenheit, und deshalb fügte sich Callie. Um keinen Preis der Welt wollte sie ihm zeigen, wie angenehm es war, sich in die schwere Ledermontur zu hüllen, der noch die Wärme seines Körpers anhaftete.

„Steigen Sie auf, Signorina.“

Gehorsam kletterte sie hinter ihm auf die Maschine und legte erneut die Arme um ihn. Die Hitze seiner Haut drang durch den dicken Pullover. Ein kurzer Tritt mit dem Stiefel, und der Ständer schnellte zurück.

„Was ist mit dem Laster?“, rief sie.

„Es ist ein bisschen spät, um sich um das Eigentum anderer Leute zu sorgen, oder?“

Sein geringschätziger Kommentar steigerte Callies Gewissensbisse. Immerhin hatte sie das teure Motorrad vor seiner Nase gestohlen und war damit geflohen.

Er wendete und steuerte dann in atemberaubendem Tempo in Richtung Monferrato. Diesmal verschwendete er jedoch keinen Gedanken an seine Mitfahrerin. Da sie bewiesen hatte, dass sie sich auf der Danelli halten konnte, erlegte er sich keine Zwänge mehr auf – teils aus purer Freude an der Geschwindigkeit, teils aus Zorn. Nach dieser unverzeihlichen Eskapade würde er ihr keine Chance mehr bieten, ihm zu entrinnen.

Da er ihr die Benutzung eines Telefons verwehrte, mit dem sie hätte Hilfe rufen können, musste sie sich etwas anderes einfallen lassen. Sie befanden sich im Kriegszustand, und es war die Pflicht eines Gefangenen, eine Flucht zumindest zu versuchen.

Callie konnte unmöglich Prinz Enzo heiraten. Sie wollte es nicht!

Wenige Minuten später hörte sie Nicco sagen: „Nach Ihnen, Signorina.“

Er öffnete die Tür des Bauernhauses, vor dem sie vorhin gerastet hatten. Das obere Stockwerk mochte vielleicht ungenutzt sein, aber im Erdgeschoss wohnte jemand.

Sie betraten eine geräumige Küche, deren Boden mit Terrakottafliesen bedeckt war. Auf dem Herd stand ein Topf, der einen köstlichen Duft verströmte. Callie war so hungrig, dass ihr prompt das Wasser im Mund zusammenlief.

Nicco setzte seinen Helm ab, dann löste er den Kinnriemen von ihrem Helm und nahm ihn ihr ab. Sie wandte sich ab, damit er nicht auf die Idee kam, ihr auch die Jacke auszuziehen. Seine Nähe und die Reaktionen ihres Körpers auf seine Berührungen verwirrten sie.

Nachdem sie die Jacke abgestreift hatte, griff er danach und legte das Kleidungsstück zu den Helmen auf einen Tisch an der Wand. „Das Gästebad ist dort drüben. Sobald Sie sich frisch gemacht haben, können wir essen.“

„Wessen Anwesen ist das?“

„Es gehört einem Freund. Ein Stück den Hügel hinauf lebt ein Ehepaar, das sich um das Haus kümmert. Wir werden hier schlafen, und morgen früh bringe ich Sie zur Trauung in die Kirche.“

Es hatte keinen Sinn, sich mit ihm auf ein Wortgefecht einzulassen. Er würde ihren Protest ignorieren. Im Moment blieb ihr nichts anderes übrig, als so zu tun, als würde sie sich seinen Wünschen fügen, und darauf zu hoffen, dass ihr ein neuer Fluchtplan einfiel.

„Setzen Sie sich zu mir“, forderte er sie auf, als sie wenig später aus dem Bad kam.

Sie ließ sich ihm gegenüber an dem Tisch vor dem Herdfeuer nieder. Die Wärme tat gut in der kühlen Nachtluft.

Callie machte sich heißhungrig über das Kalbfleisch und die Nudeln her, lehnte jedoch dankend ab, als Nicco ihr Wein einschenken wollte. Sie trank nie Alkohol, und außerdem brauchte sie einen klaren Kopf, um diesem Gefängnis zu entrinnen.

Bislang hatte sie keine Gitter an den Fenstern entdecken können. Wenn Nicco ins Bett gegangen war, würde sie noch eine Weile warten und dann hinausklettern und durch den Wald laufen, bis sie zu einer Straße gelangte. Dort hoffte sie, einen mitleidigen Autofahrer zu finden, der sie nach Turin mitnahm.

Nicco leerte sein Glas und lehnte sich zurück, die langen, muskulösen Beine ausgestreckt und übereinandergeschlagen – eine fast überhebliche Haltung. „Sie brauchen wegen der morgigen Zeremonie nicht nervös zu sein. Ein italienisch sprechender Priester wird sie in der Privatkapelle des Tescotti-Palastes vollziehen. Als Zeugen sind nur die Angehörigen des Prinzen zugegen. Man wird Ihnen im richtigen Moment ein Zeichen geben, damit Sie auf Englisch ‚Ich will‘ sagen, und das war’s auch schon.“

Callie stand auf. „Sie können mich zwar vor den Altar schleifen, aber Sie werden kein Wort aus mir herausbekommen.“

Seine Augen funkelten spöttisch. „Das ist kein Problem. Falls Sie störrisch sind und stumm bleiben, wird der Prinz für Sie antworten.“

„Ich werde auch kein Hochzeitskleid tragen“, rief sie bebend vor Wut.

„Wie Sie wünschen, Signorina. Genau wie Sie interessiert der Prinz sich nicht dafür, was Sie anhaben oder nicht …“

„Glauben Sie ernstlich, Gott würde eine solche Farce billigen?“

„Keine Ahnung.“ Nicco erhob sich. „Wichtig ist nur, dass Sie in den Augen der Kirche und des Gesetzes verheiratet sind.“

Während sie vor Frust wie gelähmt war, räumte er den Tisch ab und blies die Kerze aus. „Die Nacht ist schneller vorbei, als wir denken. Obwohl Sie eine Frau sind, die keinen Schönheitsschlaf benötigt, sind Sie sicher nach dem langen Flug von Los Angeles müde. Das Schlafzimmer ist rechts vom Bad. Nichts Besonderes, aber sauber. Folgen Sie mir.“

Nach dem Essen waren Callies Lebensgeister zurückgekehrt, und sie brannte darauf, ihre Flucht zu planen. Ihre Hoffnungen schwanden jedoch angesichts des spärlich möblierten Raums, der aussah, als hätte seit einem Jahr hier niemand mehr genächtigt.

„Welches Bett wollen Sie? Das am Fenster oder das an der Tür?“

„Ich bin noch nicht müde“, erklärte sie gereizt.

„Ich möchte Sie daran erinnern, dass das obere Stockwerk abgeschlossen ist. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Keine meiner Freundinnen hat mir je vorgeworfen, ich würde schnarchen oder schlafwandeln. Falls Sie jedoch fürchten sollten, dass Sie unter einem dieser Makel leiden, verspreche ich Ihnen, dem Prinzen nichts davon zu verraten. Er wird Ihre kleinen Fehler morgen Nacht noch früh genug entdecken.“

Wie ein trotziges Kind warf Callie ihren Rucksack aufs Bett und ging zum Fenster. Es bestand aus zwei Flügeln, die mühelos geöffnet werden konnten.

„Sie können es versuchen …“, flüsterte Nicco.

Als sie sich umdrehte, sah sie, dass er sich bereits auf dem Bett neben der Tür ausgestreckt hatte – samt Kleidung und Stiefeln.

So funktionierte es nicht! Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, lief sie hinaus zur Haustür. Er hatte natürlich abgeschlossen. Und die Küchenfenster ließen sich nicht aufmachen. Sie war also seine Gefangene.

Resigniert sank sie vor der Feuerstelle auf den Boden. Die Arme um die Knie gelegt, schaute sie in die verlöschenden Flammen. Allmählich dämmerte ihr, dass sie sich vielleicht gedulden musste, bis sie dem Prinzen vor dem Altar gegenüberstand, um alle zu überrumpeln und zu flüchten.

So wie sie Nicco kannte, würde er allerdings gewährleisten, dass Wachposten aufgestellt waren, die jedwede Pannen während der Zeremonie verhindern sollten. Wahrscheinlich würde sie es nicht einmal schaffen, die Kirche zu verlassen.

Da ihr nichts einfiel, was den Prinzen bewegen könnte, die Hochzeit abzusagen, gab es für sie keinen Ausweg aus diesem Albtraum. Über eine Stunde lang spielte sie in Gedanken verschiedene Möglichkeiten durch, dann hatte sie eine Idee. Für die Durchführung bedurfte es jedoch einigen Mutes.

Man konnte das Vorhaben nur als verrückt bezeichnen, und zwar so verrückt, dass Callie es unter anderen Umständen rundheraus abgelehnt hätte. Leider war sie in einer verzweifelten Lage.

Als das Holz zu glühender Asche zerfallen war, erhob sie sich und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Ihr Plan duldete keinen Aufschub. Im matten Schein des Mondlichts, das durchs Fenster fiel, erkannte sie die athletische Gestalt ihres Kerkermeisters, der vollständig angezogen auf dem Bett lag.

„Nicco?“, wisperte sie.

„Sì, Signorina?“

Sie schluckte trocken. „Das Feuer ist ausgegangen.“

„Das war unvermeidlich.“

„Ich weiß. Es ist nur so … ich würde jetzt gern schlafen, aber ich bin an ein wärmeres Klima gewöhnt. Am Fenster ist es kalt, und die Decke ist ziemlich dünn.“

„Dann tauschen wir die Betten.“ Geschmeidig kam er auf die Füße. „Nehmen Sie das hier.“ Er zog Laken und Decke für sie zurecht.

Callie bedankte sich leise. Nachdem sie Schuhe und Socken ausgezogen hatte, streckte sie sich auf der Matratze aus.

Kaum hatte ihr Kopf das Kissen berührt, deckte Nicco sie zu, wobei er sorgsam darauf achtete, jeglichen Körperkontakt zu vermeiden. Dann durchquerte er das Zimmer, um es sich auf dem anderen Bett bequem zu machen. Der Nicco von vorhin hatte Dinge gesagt und getan, die in ihr die Überzeugung geweckt hatten, dass er bei der geringsten Ermutigung die Situation ausnutzen würde.

Sie musste also stärkere Signale aussenden. Falls sie ihn dazu bringen könnte, sie zumindest zu küssen, würde sie dem Prinzen erzählen, dass der Mann, den er zu ihrem Schutz abgestellt hatte, nicht vertrauenswürdig war. Und wenn es ihr zudem gelang, ihm einzureden, Nicco habe sie kompromittiert, würde er die Hochzeit garantiert abblasen.

Callie stieß einen kummervollen Seufzer aus, den Nicco nicht überhören konnte, und setzte sich auf.

„Was haben Sie?“ Seine Stimme klang jetzt um einiges tiefer.

„Mir ist immer noch kalt, deshalb wollte ich mein Haar lösen. Vielleicht wärmt es mich ein bisschen.“

Er gab einen unwilligen Laut von sich, bevor er das Zimmer verließ. Gleich darauf kam er mit seiner Motorradjacke zurück. Inzwischen fiel Callie das Haar offen über die Schultern.

„Legen Sie sich hin, dann breite ich die Jacke über Ihnen aus.“

Sie hatte sich eine andere Reaktion erhofft. Offenbar hatte sie die Sache falsch angepackt. „Danke, die Jacke wird sicher helfen. Allerdings bin ich es nicht gewöhnt, allein zu schlafen. Ich brauche die Wärme eines anderen Körpers.“

Es war zu dunkel, um seinen Gesichtsausdruck zu erkennen. „Weiß der Mann, mit dem Sie bis gestern geschlafen haben, dass Sie für die nächsten dreißig Tage und Nächte die Bettgenossin von Prinz Enzo sein werden?“, fragte er gereizt.

Sie hatte ihn verärgert. Gut. Jetzt klang er schon eher wie der gefährliche Italiener, den sie am Flughafen getroffen hatte.

„Ich habe von Chloe gesprochen. Das arme Ding war bei einem Wurf überzählig, niemand wollte sie, weil ihr an den Vorderpfoten jeweils eine Zehe fehlt. Da sie nicht hier ist und ich nicht mit ihr kuscheln kann, hatte ich gehofft, Sie würden sich auf die Decke legen. Es würde mir bestimmt beim Einschlafen helfen, Ihre Wärme zu spüren.“

Callie wollte unbedingt den Eindruck vermeiden, dass sie ihn verführen wollte. Nicco sollte nur insoweit schwach werden, dass er sie küsste. Was zwischen ihnen passierte, musste absolut natürlich wirken.

Eine sonderbare Stille erfüllte den Raum. Nicco deckte sie mit der Jacke zu. „So kalt ist es nicht.“

„Mag sein, aber für mich fühlt es sich sehr kalt an, weil ich Angst habe“, erwiderte sie stockend.

„Die brauchen Sie nicht zu haben. Der Prinz wird nichts von Ihnen verlangen, das Sie ihm nicht geben können. Er hat den Vertrag ebenfalls unterschrieben.“

Erneut richtete sie sich auf. „Mir ist klar, dass Sie beide einander nahestehen. Trotzdem weiß niemand, was tatsächlich hinter verschlossenen Türen zwischen einem Mann und einer Frau vor sich geht. Ich bin zwar überzeugt, dass Sie glauben, was Sie sagen, aber dennoch können Sie für einen anderen Menschen nichts versprechen. Wenn ich erst gezwungen wurde, ihn zu heiraten, kann alles passieren.“

„Sie haben recht. Möglicherweise finden Sie ihn ja attraktiver als gedacht und gelangen zu dem Schluss, dass Sie gern mit ihm schlafen würden.“

Er drehte ihr die Worte im Mund herum! Sie unterdrückte ihre Enttäuschung. „Auf dem Bild, das meine Schwester mir von ihm gezeigt hat, sieht er sehr gut aus, doch darum geht es nicht. Er ist ein Fremder für mich. Ich wollte immer das erste Mal mit einem Mann erleben, den ich liebe.“ Ihr Geständnis schien von den Wänden widerzuhallen.

„Erwarten Sie tatsächlich, dass ich Ihnen glaube, Sie hätten noch nie mit einem Mann geschlafen?“

„Nein. Ich erwarte gar nichts von Ihnen.

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