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JULIA GOLD BAND 64

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Ein neuer Anfang?

1. KAPITEL

Adam Blacks graue Augen glänzten hell wie das Meer, wenn im Winter die Sonne darauf schien. „Weshalb haben Sie mich herbestellt, Vaughn?“, fragte er sanft.

Der Alte im Rollstuhl blickte zu dem großen, dunkelhaarigen Mann auf, der den Raum beherrschte. „Ich hasse es, jemanden um einen Gefallen bitten zu müssen“, antwortete er schroff. „Sogar wenn es sich um dich handelt.“

„Dann sind wir quitt. Ich hasse es, anderen einen Gefallen zu erweisen.“ Adams harte Miene wurde etwas weicher. Er musste zugeben, dass Vaughn einen unbeugsamen Charakter besaß. Darin waren sie sich ähnlich. „Trotzdem mache ich in Ihrem Fall eine Ausnahme. Worum geht’s denn?“

Der alte Mann schwieg. „Erinnerst du dich an meine Enkelin Kiloran?“, fragte er dann. „Sie leitet Lacey’s. In letzter Zeit hat es Probleme gegeben. Große Probleme sogar.“

Kiloran? Adam überlegte. Ah, jetzt erinnerte er sich. Er sah ein Mädchen mit Zöpfen und grünen Augen vor sich. Trotz ihrer fleckigen Jeans und der Zöpfe war sie eine kleine Prinzessin gewesen. Denn die Laceys hatten zu den Reichen gehört, während er arm gewesen war.

„Ja, ich kann mich undeutlich an sie erinnern. Damals war sie noch ein Kind. Neun Jahre alt vielleicht. Oder zehn.“

„Dann ist es sehr lange her. Sie ist kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau von sechsundzwanzig.“ Vaughn wirkte jetzt sentimental. „Ihre Mutter erinnerst du bestimmt. Jeder weiß, wer Eleanor ist.“

Als der Alte diesen Namen nannte, fiel Adam ein längst vergessenes Erlebnis wieder ein. Er hatte es, wie so vieles, all die Jahre verdrängt. Vaughns Worte erwiesen sich als der Schlüssel zu seinem Innern.

„Ja, an Eleanor kann ich mich gut erinnern“, sagte Adam nachdenklich.

Er war damals achtzehn gewesen. Groß, schlank, muskulös und sonnengebräunt. Der Sommer war heiß gewesen. Eigentlich zu heiß, um den ganzen Tag lang schwere Kisten auf Laster zu laden. Aber das war damals sein Job gewesen. Mithilfe dieses Jobs hatte er das schlimmste Tief überwunden, das er je hatte durchstehen müssen. Es schien ihm eine halbe Ewigkeit her zu sein!

Eleanor musste damals etwa vierzig gewesen sein. Oder etwas älter? Vielleicht auch jünger? Schwer zu sagen bei Frauen in dem Alter. Eins war sie jedoch ganz sicher gewesen: eine Frau, nach der sich die Männer umdrehten.

Ging Eleanor vorbei, legten die Männer im Lagerhaus eine Pause ein und blickten ihr lüstern nach. Sie kam oft wie zufällig in der Fabrik vorbei, nur mit engen Jeansshorts und einem noch engeren T-Shirt bekleidet, das über ihren Brüsten spannte. Die schöne Witwe, die man auch die Schwarze Witwe hätte nennen können, wenn ihr Haar nicht blond gewesen wäre.

Adam hörte sich schweigend an, was die Arbeiter über sie redeten: Eleanor spielte gern mit den Männern. Sie anzusehen war erlaubt, mehr nicht. Hände weg von Eleanor! Ihre soziale Stellung schützte sie. Sie war die Tochter des Chefs.

Eleanor wusste um die Macht ihrer Sexualität. Ihre starke, unverkennbar erotische Ausstrahlung war in jenen heißen Sommernächten sicher der Stoff für viele sexuelle Fantasien.

Nur er träumte nicht von ihr.

Irgendetwas an ihr stieß ihn ab. Er wich ihren verführerischen Blicken aus. Vielleicht erinnerte sie ihn zu stark an das, was er zu Hause erlebt hatte.

Ihr war er sofort aufgefallen. Weil er anders war als die anderen. Intelligenter, kräftiger, größer und durchtrainierter. Außerdem sah er besser aus als die fest angestellten Lagerarbeiter, und er blickte ihr nicht nach. Manche Frauen liebten eben gerade die Herausforderung.

Eleanor hatte gewartet, bis sein Vertrag bei Lacey’s beinah abgelaufen war. Erst eine Woche vor seinem letzten Arbeitstag machte sie sich an ihn heran. Vermutlich wollte sie das Risiko vermeiden, sich zu langweilen oder ihren Vater zu verärgern. Denn Vaughn achtete strikt darauf, dass alle die Regeln einhielten. Abgesehen davon, dass er zu jung für sie war, war Adam als mittelloser Spross einer Familie aus dem Armenviertel in keiner Hinsicht etwas für Vaughns Tochter.

Doch Eleanor hatte ihre eigenen Vorstellungen.

An einem sehr heißen Sommertag, als der Boden unter den Füßen brannte, brachte sie ihm eine Flasche Bier mit. Es war das erste Mal, dass er Alkohol trank. Aber der Tag war zu heiß, das kühle Nass zu verlockend, und als er es getrunken hatte, fühlte er sich kühner als vorher. Trotzdem wahrte er Abstand. Eleanor saß in der Scheune im Heu und bedeutete ihm, sich neben sie zu setzen.

„Komm her zu mir“, forderte sie ihn auf.

„Mir gefällt es hier“, antwortete er.

Sie war es gewohnt, ihren Kopf durchzusetzen, und so ignorierte sie seine Worte. Denn sie wusste genau, was sie wollte: ihn.

An diesem Tag trug sie eine kurze geblümte Bluse. Als sie die Knöpfe einen nach dem anderen aufzuknöpfen begann, stand Adam wie erstarrt vor ihr.

Vielleicht hätte kein anderer Mann auf der Welt ihr großzügiges Angebot ausgeschlagen, aber er war eben nicht wie die anderen. Er hatte erlebt, wohin Charakterschwäche und Exzesse führen konnten.

Weder Eleanor noch er sprachen auch nur ein Wort. Er nahm einfach sein Jeanshemd, bedankte sich für das Bier und schlenderte zurück nach draußen, wo die Sonne erbarmungslos brannte. Eleanors frustrierten Blick hatte er nicht gesehen, nur gespürt. Es war das erste Mal, dass ihm so etwas passiert war, aber nicht das letzte.

Jetzt sah er Vaughn kühl an. „Ja, ich erinnere mich an deine Tochter. Wie ist es ihr denn seither ergangen?“

Vaughn lachte. „Sie hat genau das getan, was sie wollte: einen Millionär geheiratet. Mit dem ist sie nach Australien ausgewandert.“ Er zuckte die Schultern. „Sie wünschte sich ein besseres Leben.“

„Und Kiloran ist hier geblieben?“

Vaughn nickte. „Erst ging sie mit ihrer Mutter nach Australien, aber sie war schon bald wieder zurück. Das hier fehlte ihr.“ Er blickte sich stolz um. „Sie hängt ebenso sehr daran wie ich. Ein Haus zu lieben und eine Firma zu führen sind allerdings zwei verschiedene Dinge. Ich war dumm genug, zu glauben, dass sie die Geschäftsleitung ohne Weiteres übernehmen könnte, weil sie etwas Erfahrung in dem Beruf gesammelt hatte. Leider hat es für so ein großes Projekt nicht gereicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie hat mich um den Finger gewickelt! So, wie sie es noch mit jedem Mann geschafft hat. Denn Kiloran weiß immer alles besser.“

Adam verkniff es sich, das Offensichtliche auszusprechen. Sie hatte sich geirrt, was die Firma ihres Großvaters anging.

„Du hast doch gesagt, dass du im Moment eine Pause zwischen zwei Jobs machst“, sagte Vaughn unwirsch. „Theoretisch hast du also Zeit.“

„Hm.“ Adam sah aus dem Fenster auf den Garten, der wie ein Park angelegt war und sich bis zum Horizont erstreckte. Als Kind waren ihm das Herrenhaus und der Besitz der Laceys wie eine andere Welt erschienen. Eine Welt, die ihm verschlossen geblieben war. Inzwischen gehörte er allerdings selbst dazu.

Seit er damals den Sommerjob bei Lacey’s gehabt hatte, war er nicht mehr hier gewesen. Weder im Herrenhaus noch in dem einfachen Reihenhaus, in dem er aufgewachsen war. Nun wollte es das Schicksal, dass sich die beiden Welten berührten. Ob es ein Fehler gewesen war zurückzukommen?

„Ja, das stimmt“, bestätigte Adam. „Mein neuer Job beginnt erst im nächsten Monat.“

Vaughn straffte sich. „Ich möchte, dass du Lacey’s wieder zu dem machst, was es einmal war, Adam. Wenn es überhaupt jemand schaffen kann, dann du. Wenn ich sterbe, sollen mein guter Ruf und die Firma weiter bestehen. Um Kilorans willen. Wirst du das für mich tun?“

Adam runzelte die Stirn. „Was wird Kiloran davon halten? Wenn sie im Moment die Geschäfte führt, wird sie sich kaum etwas von mir sagen lassen. Oder willst du sie aus dem Weg haben? Hast du vor, sie hinauszuwerfen?“

Vaughn lachte. „Kiloran hinauswerfen? Eher würde ich den Teufel selbst einstellen, als ein solches Risiko einzugehen!“

„Wenn die Dinge so schlecht stehen, wie du annimmst, und du Resultate sehen willst, muss ich aber hart durchgreifen.“

Der Alte lächelte. „Sei so hart, wie du willst! Vielleicht habe ich Kiloran in der Vergangenheit zu viel durchgehen lassen. Zeig ihr, wer das Sagen hat, Adam. Das braucht sie. Sie ist ein eigenwilliges kleines Ding.“

Adam überdachte schweigend, was der Alte offenbar von ihm erwartete. Er wusste, dass ihm, Adam, was Durchsetzungsfähigkeit anging, niemand das Wasser reichen konnte. Wollte Vaughn ihn benutzen, um seine Enkelin aus ihrer Machtposition zu verdrängen? Hatte er sich an ihn gewandt, damit er ihm diesen unangenehmen Job abnahm?

Aber dann verdrängte Adam den Gedanken. Persönliches, Intrigen und Hintergedanken spielten keine Rolle. Es gab immer Fakten, und an die würde er sich halten. Egal, ob Kiloran eine Kopie ihrer Mutter war und ihren Sex-Appeal nutzte, um sich durchzusetzen. Ebenso wie ihre Mutter würde sie bald herausfinden, dass er nicht zu den Männern gehörte, die sie um den Finger wickeln konnte. Von nun an würde er entscheiden, was zu tun war. Passte es ihr nicht, hatte sie eben Pech gehabt.

Vaughn nickte zufrieden und drückte auf die Klingel an der Seite seines Rollstuhls. Kurz darauf erschien eine Frau mittleren Alters, ein Tablett mit zwei Gläsern und einer Flasche Champagner in den Händen.

„Ah, Miriam! Schenk doch bitte Mr Black ein!“, sagte Vaughn.

Adam amüsierte sich insgeheim. Also hatte der Alte fest damit gerechnet, dass er ihm den Gefallen tun würde! Warum auch nicht? Schließlich hatte Vaughn Lacey ihm damals auch aus der Patsche geholfen, als er in Schwierigkeiten gewesen war. Er beobachtete, wie Miriam geschickt die Flasche öffnete. Sie trug ein schwarzes Kleid mit weißem Kragen, offenbar eine Art Uniform. Wie altmodisch! Seit Jahren hatte er keine Dienstboten in Uniform mehr gesehen. Allerdings hatte er ja auch in Amerika gelebt, wo auf Klassenunterschiede nicht so viel Wert gelegt wurde wie in England.

Dann fiel ihm ein Stich von Augustus John auf, der an der Wand gegenüber hing und sicher zwei Millionen Pfund wert war. Er fragte sich, inwieweit die Familie Lacey vom Erfolg der Vergangenheit zehrte. Ob sich Vaughn und seine Enkelin wohl anpassen konnten, wenn sich herausstellte, dass sie sich würden einschränken müssen?

Dies war jedoch nicht der passende Moment für solche Fragen. Adam nahm Miriam die Drinks ab. Sobald sie den Raum verlassen hatte, reichte er dem alten Herrn ein Glas und stieß mit ihm an.

„Auf den Erfolg von Lacey’s“, sagte er und fragte sich, worauf, zum Teufel, er sich eingelassen hatte.

Vaughn lächelte angespannt. „Ich lasse Kiloran holen.“

2. KAPITEL

Kiloran strich nervös ihr Kleid über den Hüften glatt. Der Flur, der zum Vorstandszimmer führte, schien unendlich lang. Dabei ging sie hier jeden Tag mehrmals entlang. Weshalb also plötzlich die Unsicherheit?

Ihr Großvater hatte sie angerufen und zu sich bestellt. Unverzüglich. Es hatte sich mehr nach einem Befehl als nach einer Bitte angehört, und er hatte angespannt und kurz angebunden geklungen. Ganz anders, als sie es von ihm gewohnt war.

Wollte er ihr mitteilen, dass sie als Geschäftsführerin versagt hatte? Dass sie die Gläubiger informieren sollte, weil sie die Firma und alles, was daran hing, aufgeben mussten?

Kiloran spürte, wie ihre Hände feucht wurden, als sie die Tür zum Vorstandszimmer aufstieß. Dann sah sie, dass ihr Großvater nicht allein war, und das brachte sie aus dem Gleichgewicht.

Der Mann, der neben ihrem Großvater stand, taxierte sie ungeniert von Kopf bis Fuß. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und sah schnell wieder weg. Er gehörte zu jenen Männern, bei deren Anblick einer Frau der Atem stockte. Doch seine Miene verhieß nichts Gutes.

Kiloran wandte sich an den alten Mann im Rollstuhl. „Du wolltest mich sprechen, Großvater?“

„Ah, Kiloran“, sagte er leise. „Dies ist Adam. Adam Black. Erinnerst du dich an ihn?“

Sie überlegte einen Moment. Adam. Adam Black?

Natürlich erinnerte sie sich an ihn!

Sicher, sie war damals noch jung gewesen. Doch manche Männer hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck, und sie war in einem Alter gewesen, in dem man für Eindrücke besonders empfänglich war. In dem Alter, in dem man Geschichten von tapferen Rittern las, die unglückliche Heldinnen in Not retteten und sie einem nicht näher genannten, aber sicher angenehmen Schicksal zuführten.

Adam Black hätte die perfekte Besetzung für so eine Rolle abgegeben, und sie war nicht die Einzige gewesen, die das gedacht hatte. Immer wieder hatten kleine Grüppchen von Arbeiterinnen eine Ausrede gefunden, um zur Laderampe der Firma zu gehen und einen Blick auf den kräftigen jungen Mann zu werfen, der anscheinend mühelos schwere Seifenkartons in die Lastwagen lud. Hatte nicht sogar ihre Mutter Bemerkungen darüber fallen lassen, was für ein gut aussehender Junge dort arbeitete?

Deshalb konnte Kiloran sich sehr gut an Adam Black erinnern. Sie wandte sich um und betrachtete ihn.

Obwohl die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen war, sah er sogar noch besser aus als damals. Er war schlank, durchtrainiert und leicht gebräunt. Sein Haar war immer noch pechschwarz und so dicht wie eh und je. Nur die Schläfen zierten erste silbergraue Strähnen. Die grauen Augen blickten wachsam. Er wirkte nicht unfreundlich, aber auch nicht gerade wohlwollend. Und er trug einen tadellosen schwarzen Anzug, als wäre er aus beruflichen Gründen gekommen.

Kiloran erinnerte sich an einen jungen Mann mit nacktem, sonnengebräuntem Oberkörper, der ausgeblichene Jeans trug. Es fiel ihr schwer, ihn mit dem Mann in Verbindung zu bringen, der jetzt vor ihr stand und wie ein erfolgreicher Geschäftsmann wirkte.

Was, in aller Welt, wollte er hier?

Plötzlich wusste sie, warum der Name Adam Black ihr so bekannt vorkam. Nicht nur, weil dieser Mann einen Sommer lang harte körperliche Arbeit für ihren Großvater verrichtet hatte.

Adam Black, der Adam Black, befand sich hier in ihrem Vorstandszimmer? Der Mann, der in den Wirtschaftsmagazinen „Der Hai“ genannt wurde, weil er so kühl und unnachgiebig war? Jetzt war sie noch erstaunter als zuvor. Und verwirrt. Wie jeder, der etwas mit Wirtschaft zu tun hatte, hatte sie Berichte über Adam Black gelesen. Sein Name wurde immer mal wieder im Zusammenhang mit Fusionen oder bei Firmenübernahmen erwähnt. Auch in den Klatschspalten tauchte er regelmäßig auf. Da er sehr fotogen war, liebten ihn die Pressefotografen ebenso sehr wie die Frauen. Durfte man den Boulevardblättern glauben, so hatte er schon viele Frauen geliebt und wieder verlassen. Oder vielleicht nicht unbedingt geliebt. Verlassen schon eher.

Warum also war dieser Mann hier? Kiloran sah ihn verwirrt an.

„Du erinnerst dich?“, fragte Vaughn. „Meine Enkelin Kiloran.“

Adam nickte ihr kurz zu. „Es ist schon lange her.“

Sehr lange, dachte er. Die Frau, die ihm jetzt gegenüberstand, hatte kaum Ähnlichkeit mit dem Mädchen mit den Zöpfen. Sie trug ein Kleid, das ebenso dunkelgrün war wie ihre Augen, und ihre langen Beine zeichneten sich durch den dünnen Stoff ab. Aber selbst so großartige Beine konnten nicht von ihren vollen Brüsten ablenken.

Sie trug das blonde Haar in einem festen Knoten im Nacken. Es war das Haar ihrer Mutter. Auch die Augen waren die gleichen. Jedenfalls hatten sie dieselbe Farbe. Damit hörte die Familienähnlichkeit jedoch auf. Denn Kiloran sah ihn nicht verführerisch und anzüglich an wie ihre Mutter damals, sondern erwiderte seinen Blick kühl und abschätzend. Das war nur allerdings ein erster Eindruck. Frauen trugen so viele Masken. Wer konnte schon sagen, was für eine Frau Kiloran Lacey tatsächlich war?

Aber zumindest äußerlich wirkte sie perfekt.

Ihre Haut war zart und makellos und bildete einen lebhaften Kontrast zu den grünen Augen. Die vollen Lippen luden zum Küssen ein. Ja, Kiloran Lacey war eine Frau, deren Schönheit in einem früheren Jahrhundert Scharen von Malern anzogen hätte.

Sie blickte ihn abwartend und ein wenig ablehnend an, ganz so, als hätte er kein Recht, hier zu sein. Adam fand ihren leichten Schmollmund sehr anziehend, und ihre Haltung weckte sein Interesse. Lag es daran, dass Kiloran nicht lächelte? Die meisten Frauen versuchten sofort, mit ihm zu flirten. Diesmal war es anders.

„Guten Tag“, grüßte er.

„Würde wohl jemand so gut sein, mir zu erklären, was hier vorgeht?“, fragte Kiloran gelassen. „Ich verstehe nicht ganz, warum Sie gekommen sind, Mr Black.“ Sie lächelte höflich.

„Nennen Sie mich doch Adam.“ Er erwiderte das Lächeln. „Bitte.“

Seine überlegene Haltung und die arrogante Selbstsicherheit brachten Kiloran langsam, aber sicher auf die Palme. Wie konnte er es wagen, aufzutreten, als hätte er jedes Recht, den Ton anzugeben und so zu tun, als wäre sie überflüssig! Sie hätte ihn gern wesentlich unhöflicher angeredet mit dem Vornamen!

Doch sie atmete tief durch und sagte kühl: „Guten Tag, Adam. Was für eine Überraschung!“

„Ich habe Adam gebeten, den vollen Umfang der Unterschlagung festzustellen“, verkündete ihr Großvater.

Unterschlagung. So ein schreckliches Wort. Dass es die Wahrheit war, machte es nicht leichter. Es hatte nur eines redegewandten Buchhalters bedurft, der ihr einen Haufen überzeugender Lügen auftischte, um sie hereinzulegen.

„Du weißt, dass ich bereits daran arbeite!“, protestierte Kiloran.

„Ja, aber Sie sind persönlich in die Sache verstrickt“, erklärte Adam. „Deshalb ist es leider nicht ganz so einfach.“

Ungläubig sah sie ihn. „Wollen Sie damit andeuten, ich hätte meine eigene Firma bestohlen?“

„Nein, natürlich nicht“, antwortete er höflich. „Aber im Gegensatz zu mir wären Sie nicht imstande, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen und dabei unvoreingenommen zu bleiben.“

„Ich fürchte, da unterschätzen Sie mich!“, erwiderte sie hitzig.

Sein Blick sagte ihr deutlich, dass Adam anderer Meinung war.

„Am besten lasse ich euch beide jetzt allein.“ Ihr Großvater steuerte mit seinem Rollstuhl zur Tür.

Kiloran nahm kaum Notiz davon, dass er den Raum verließ. Sie war aufgebracht wie selten zuvor. Vor lauter Ärger atmete sie so heftig, als wäre sie gerannt. Mit jedem Atemzug hoben und senkten sich ihre Brüste unter dem dünnen Kleid.

Adam wünschte, er würde eine höhere Stellung bekleiden als sie. Dann hätte er ihr befehlen können, eine Jacke überzuziehen. Doch mit welcher Begründung? Weil ihn der Anblick ihrer Brüste zu sehr ablenkte? Weil ihr Haar zu blond und ihre Lippen zu einladend waren? Weil ihre helle Haut zu schade war, um sie mit etwas anderem als den Lippen eines Mannes zu bedecken?

Stattdessen lächelte er kühl. Dieses Lächeln wäre jedem, der ihn kannte, eine Warnung gewesen. „Ihr Großvater hat mich gebeten, die finanzielle Situation der Firma zu überprüfen“, sagte er unverblümt. „Ich habe mir die Zahlen schon einmal angesehen.“

Kiloran betrachtete ihn schweigend. „Und?“

Sein Blick war kalt. „Ich vermute, dass es noch schlimmer um die Firma bestellt ist, als ich zunächst gedacht hatte.“ Adam machte eine Pause, damit sie den Ernst der Lage erkannte. Doch dann fiel ihm ein, wie freundlich Vaughn zu ihm gewesen war. Schließlich war diese junge Frau Vaughns Enkelin. Also rang er sich ein Lächeln ab. „Ich fürchte, wir müssen hier einiges ändern.“ Wieder herrschte Schweigen, bevor er zum letzten, entscheidenden Schlag ausholte. „Wenn kein Wunder geschieht, werden Sie Konkurs anmelden müssen, Kiloran!“

3. KAPITEL

Wenn kein Wunder geschieht, werden Sie Konkurs anmelden müssen, Kiloran!

Adam Black betrachtete sie kühl und herausfordernd. Kiloran hielt seinem Blick stand, aber es fiel ihr schwer, sich nicht von seinem guten Aussehen ablenken zu lassen.

„Übertreiben Sie da nicht ein wenig?“, erwiderte sie ungerührt.

Ihr überheblicher Gesichtsausdruck ärgerte ihn. Doch Adam ließ es sich nicht anmerken und nahm einen Stapel Papiere aus seiner Aktentasche. „Nehmen Sie Platz, Kiloran!“ Sein Tonfall ließ ihr keine Wahl.

„Danke.“ Unverschämter Kerl! Er brachte es fertig, dass sie sich in ihrem eigenen Vorstandszimmer wie eine Fremde fühlte.

Adam setzte sich neben sie. „Sie meinen also, dass ich übertreibe? Haben Sie diese Akten denn nicht durchgesehen?“

„Natürlich habe ich das getan!“

„Wie können Sie dann bezweifeln, dass die Dinge sehr schlecht stehen?“

„Halten Sie mich für so dumm?“

Er lächelte sarkastisch. „Darf ich Ihnen einen Rat geben? Stellen Sie niemals eine so offene Frage. Es ist eine Einladung, einfach Ja zu sagen.“

„Dann sagen Sie es doch! Ich habe keine Angst vor Ihrer Antwort“, erwiderte Kiloran stolz.

Adam seufzte ungeduldig, obwohl sie fantastisch aussah, wenn sie das Kinn hob und ihn mit ihren grünen Augen anblitzte. Genau diese Situation ergab sich immer, wenn er eine Firma beriet, die sich in Familienbesitz befand. Die Manager benahmen sich, als würde ihnen das Ganze gehören. Was genau genommen ja auch stimmte. Wäre Kiloran eine Angestellte gewesen, egal, in welcher Position, hätte er ihr befohlen, nicht länger seine Zeit zu verschwenden, sondern den Mund zu halten und ihm zuzuhören.

„Wenn ich Ihnen überhaupt einen Vorwurf machen würde, dann den des Missmanagements“, sagte er. „Dummheit würde voraussetzen, dass Sie sich hätten beraten lassen und den Rat ignoriert hätten. Ich gehe davon aus, dass es nicht so war.“ Er runzelte die Stirn. „Oder doch? Hat jemand Sie gewarnt, dass Ihr Hauptbuchhalter Firmengelder für den eigenen Bedarf auf Schweizer Bankkonten verschoben hat, Kiloran?“

„Natürlich nicht!“

„Und Sie haben nichts gemerkt?“

Jetzt kam sie sich wirklich dumm vor. Sehr sogar. „Offensichtlich nicht!“

„In der Tat.“ Er betrachtete sie nachdenklich. „Wie konnte es denn passieren? Haben Sie ein Auge zugedrückt? Oder haben Sie sich gar nicht um die Finanzen gekümmert?“

Kiloran kochte insgeheim vor Zorn. Adam Black gab ihr das Gefühl, ein Dummkopf zu sein, und das war sie nicht. Sie wusste, dass sie sich in dem Hauptbuchhalter geirrt hatte. Das war ein großer Fehler gewesen. Aber sie sah nicht ein, warum sich dieser überhebliche Mensch die Freiheit herausnahm, sich ein Urteil über sie zu erlauben! Dabei kannte er sie gar nicht. Die Art, wie er sie kühl und berechnend musterte, grenzte an Frechheit! Leider brachte es sie auch aus dem Gleichgewicht.

„Sie stellen viele Fragen, Mr Black …“

Und er fand, dass sie den Antworten sehr geschickt auswich. Ob sie etwas zu verbergen hatte? „Hatten wir uns nicht auf ‚Adam‘ geeinigt, Kiloran?“

„Wenn Sie darauf bestehen.“

„Oh ja, das tue ich!“ Einen Moment lang wirkten seine harten Züge weicher.

Er amüsiert sich über mich, dachte Kiloran und schluckte. Sie wusste nicht weiter, und das war ein ungewohntes Gefühl. Männer verunsicherten sie gewöhnlich nicht. Nicht einmal solche, die so gut aussahen wie Adam Black. Obwohl sie noch nie jemandem begegnet war, den eine solche Aura der Macht und des Erfolgs umgab wie ihn.

Allerdings sah sie nicht ein, warum sie sich davon einschüchtern lassen sollte. „Vielleicht ist es an der Zeit, dass Sie mir einige Fragen beantworten, Adam!“

Die Art, wie sie die rosigen Lippen verzog, irritierte ihn maßlos. Kiloran wagte es tatsächlich, ihm die Stirn zu bieten! Hatte sie immer noch nicht begriffen, wie wackelig ihre Position war? Wie viele Menschen ihretwegen ihren Job verlieren würden? Oder dachte sie nur an sich, diese verwöhnte, reiche junge Frau?

Adam beschloss, auf sie einzugehen. Wenn er ihr das Gefühl vermittelte, dass sie sich in Sicherheit wiegen konnte, würde sie sich vielleicht verraten. „Was möchten Sie denn wissen, Kiloran?“, fragte er mit einem charmanten Lächeln.

Kiloran ließ sich nicht beirren. „Warum hat mein Großvater sich an Sie gewendet?“

Er runzelte die Stirn. „Ist das nicht offensichtlich? Er möchte, dass ich Ihnen aus dem Schlamassel wieder heraushelfe.“

„Ein Schlamassel, den ich verursacht habe?“

„Sie haben dazu beigetragen“, verbesserte er sie.

„Hören Sie bitte auf, mich zu bevormunden!“

„Bevormunden?“ Jetzt reichte es ihm. „Hören Sie mal zu, meine Süße, wenn ich das täte, wüssten Sie aber davon!“ Adam beugte sich ein Stück vor. Gleich darauf wünschte er, er hätte es sein lassen, denn nun nahm er ihr Parfüm wahr. Es duftete zart und verführerisch und weckte ganz andere als geschäftliche Instinkte in ihm. Er lehnte sich schnell wieder zurück. „Sie wissen verdammt gut, warum er mich geholt hat!“

„Oh ja, Ihr Ruf als hochkarätiger Krisenberater ist Ihnen vorausgeeilt.“ Kiloran machte eine Pause. „Aber das erklärt nicht, warum Sie einen so unwichtigen Job überhaupt übernommen haben!“

Seine Augen funkelten. „Sie haben wirklich ein fundamentales Problem, wenn Sie Ihr eigenes Unternehmen als unwichtig bezeichnen!“, konterte er.

„Und Sie wissen sehr gut, dass ich es nicht so gemeint hatte!“ Wie konnte er es wagen, ihr jedes Wort im Mund umzudrehen! „Jeder weiß, dass Sie gewöhnlich Aufgaben übernehmen, bei denen sehr viel mehr Geld im Spiel ist als bei Lacey’s.“

„Vielleicht hatte ich Lust auf ein bisschen Abwechslung.“ Adam sah durch die Verandatür in den Garten. Der Blick auf die üppigen Blumenrabatten lenkte ihn einen Moment lang vom Thema ab. Aber das Rascheln der grünen Seide, als Kiloran ihre langen Beine übereinanderschlug, machte es ihm noch viel schwerer, sich zu konzentrieren. „Ich wollte für eine Weile aus der Stadt heraus und ein wenig Landluft schnuppern.“

Kiloran ahnte, dass Adam für den Garten ähnlich empfand wie sie, und das ging ihr zu weit. Offenbar begehrte er jetzt auch ihr Land, nicht nur die Firma. „Was bezahlt Großvater Ihnen eigentlich dafür?“

Adam spürte, dass sie die Frage als Beleidigung gemeint hatte. Sah sie ihn immer noch als den Jungen aus dem Armenviertel, der kein Recht hatte, mit ihr an einem Tisch zu sitzen? Er ließ sich allerdings nichts anmerken. „Das geht Sie nichts an, Kiloran!“

„Oh, ich denke schon!“

Da hatte sie sich geirrt! Er würde einen Teufel tun und ihr verraten, dass er es umsonst tat! Sollte sie doch denken, was sie wollte. „Es handelt sich um eine persönliche Vereinbarung zwischen Ihrem Großvater und mir. Solange ich hier das Heft in der Hand habe, wird es auch so bleiben.“

Solange ich hier das Heft in der Hand habe. Kiloran blickte Adam an, als ob würde von einem anderen Stern kommen.

„Heißt das, ich bin Ihnen unterstellt?“ Sie wirkte schockiert.

Das konnte er ihr nachfühlen. „Ich fürchte, ja.“ Adam zuckte die Achseln. „Das ist in solchen Fällen ganz normal.“

Seit sie den Betrug von Eddie Peterhouse entdeckt hatte, hatte sie das Gefühl gehabt, dass ihr die Kontrolle entglitt. In diesem Moment war es endgültig der Fall. Nicht zuletzt deshalb, weil sie verletzt war. Warum hatte ihr Großvater nicht zuerst mit ihr gesprochen? Er hätte sie zumindest fragen können, ob es ihr recht war, dass dieser Mann mit dem verschlossenen Gesicht hereinstolziert kam und einfach die Herrschaft an sich riss. Und sie offenbar mit eingeschlossen!

Ganz bewusst gab sie sich gelassen. Sollte Adam doch sehen, dass eine falsche Entscheidung von ihr kein Beweis für mangelnde Professionalität war.

„Womit fangen wir also an?“, fragte sie kühl.

Adam schwieg. „Erzählen Sie mir von sich, Kiloran!“, forderte er sie nach einer Weile auf.

Die Art, wie er es sagte, brachte sie aus dem Gleichgewicht. So, als wären sie sich gerade auf einer Party begegnet und als würde er sie gern ein bisschen besser kennenlernen wollen. Dabei war dies alles andere als eine Party!

„Was denn zum Beispiel?“

Er hätte gern gewusst, wie ihr Haar aussah, wenn es ihr offen über die Brüste fiel. Ob sie im Bett laut wurde oder …

„Ihren beruflichen Werdegang natürlich“, antwortete Adam gleichmütig.

Der Ausdruck in seinen Augen machte es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Kiloran schluckte. „Nach dem Studium der Betriebswirtschaft ging ich nach London. In meinem ersten Job blieb ich drei Jahre. Als Großvater krank wurde, arbeitete ich gerade bei Edwards Inc. Dann kam ich hierher. Es war nichts Besonderes, das Übliche eben.“

Adam schwieg. Das Übliche eben. Für andere war es vielleicht so üblich, nicht aber für ihn. Er hatte einen sehr viel längeren Weg zum Erfolg hinter sich.

„Verstehe.“ Nachdenklich musterte er sie. „Dann verfügen Sie also wenigstens über etwas Berufserfahrung …“

„Überrascht Sie das?“

Den Einwand ignorierte er. „Okay. Als Nächstes müssen wir eine Aufstellung machen, um den genauen Umfang der Unterschlagung festzustellen. Danach entwickeln wir eine Strategie, wie wir das Problem lösen können. Möchten Sie sich dazu äußern, Kiloran?“

Obwohl sie fest entschlossen war, kühl und professionell zu bleiben, fand sie es schwer, seinem kritischen Blick standzuhalten. Dass sie sich in seiner Gegenwart hoffnungslos inkompetent fühlte, machte die Sache nicht leichter. Ebenso wenig die Tatsache, dass er so überwältigend attraktiv war.

Unter seinen herausfordernden Blicken wurde sie sich ihrer selbst auf eine Art bewusst, die ihr beinah fremd war. Wann hatten ihre Brustspitzen jemals darauf reagiert, dass ein Mann sie taxierte? Warum dachte sie plötzlich daran, dass sie unter dem leichten Kleid nichts trug außer einem Nichts von einem Tanga?

Kiloran spürte, wie heftig ihr Herz pochte. Ob dieser Mann auf jeden Menschen eine solche Wirkung ausübte? „Was … was wollen Sie wissen?“ Ihre Lippen waren wie ausgetrocknet.

„Sie können mir helfen, indem Sie mir ein paar Fakten nennen.“

„Zum Beispiel?“

„Erzählen Sie mir von Eddie Peterhouse. Seit wann er für Lacey’s gearbeitet hat und so weiter …“

„Er war fünf Jahre bei uns.“

„Und wann haben Sie hier angefangen?“

„Vor zwei Jahren.“

„Also ungefähr zu der Zeit, als die Unterschlagungen begannen.“

Der unausgesprochene Vorwurf hing in der Luft. „Was wollen Sie damit sagen?“, fragte Kiloran unsicher.

Adam ging nicht darauf ein. Sollte sie ruhig selbst die Schlussfolgerungen ziehen, die sich daraus ergaben. „Wie sieht er aus?“

Erstaunt schüttelte sie den Kopf. „Warum wollen Sie das wissen?“

Als sie den Kopf so heftig bewegte, konnte er sehen, wie sich ihre Knospen unter dem leichten grünen Stoff abzeichneten. Die Bilder, die daraufhin vor seinem geistigen Auge auftauchten, machten es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Sein Körper reagierte viel zu heftig auf Kilorans unwiderstehliche Schönheit. Und das gefiel ihm nicht. Nein, es gefiel ihm überhaupt nicht. Unruhig rutschte Adam auf seinem Stuhl hin und her.

„Die Polizei wird eine Personenbeschreibung brauchen.“

„Sie sind doch nicht die Polizei“, widersprach Kiloran.

„Werden Sie nun geruhen, meine Frage zu beantworten, Kiloran?“ Seine grauen Augen funkelten drohend. „Ich habe gefragt, wie Eddie Peterhouse aussieht!“

Sie hätte ihm am liebsten etwas ins Gesicht geworfen und wäre dann türenknallend aus dem Vorstandszimmer verschwunden wie ein trotziges kleines Kind. Da sie jedoch kein Kind mehr war, konnte sie sich den Luxus nicht leisten, einfach ihren Gefühlen nachzugeben. Also atmete sie tief durch.

„Er ist groß.“

„Wie wäre es mit einer etwas genaueren Angabe? Wie groß ungefähr?“

Zu ihrem Entsetzen hörte Kiloran sich antworten: „Nicht so groß wie Sie.“

„Das ist auch kaum jemand“, erklärte Adam sachlich. „Trotzdem wäre eine genaue Angabe hilfreich.“

„Etwas über eins achtzig, nehme ich an.“ Da er immer noch wartete, fuhr sie fort: „Blondes Haar, blaue Augen …“ Sie verstummte.

„Weiter“, drängte er. „Ist er durchtrainiert?“

Sie konnte sich gerade noch verkneifen zu sagen: „Im Vergleich zu Ihnen, nein.“ So zuckte sie nur die Schultern, als wollte sie ihm zu verstehen geben, dass sie darauf nie geachtet hatte. Was stimmte. Sie hatte Eddie Peterhouse kaum bemerkt. „Er war okay, ganz normal. Ab und zu hat er zu tief ins Glas geschaut, aber das tun viele Männer.“

„Fanden Sie ihn attraktiv, Kiloran?“

Kiloran blickte ihn starr an. „Wie bitte?“

„Sie haben die Frage gehört. Und?“

„Nein, natürlich nicht! Warum, in aller Welt, fragen Sie mich danach? Das ist eine Unverschämtheit, Mr Black! Wollen Sie mich beleidigen?“

„‚Natürlich nicht‘ gilt hier nicht, Kiloran. Und meine Frage war weder unverschämt noch beleidigend. Menschen sind Menschen, und in diesem Fall liegt ein klassisches Szenario vor. Ein Mann schmeichelt einer Frau, sodass sie denkt, er würde sie lieben. Plötzlich tut sie alles, was er von ihr verlangt. War es so, Kiloran? Hat er Sie verführt? Hat er Sie mit schönen Worten und Komplimenten herumbekommen? Vielleicht sogar mit Ihnen geschlafen? Haben Sie bereitwillig alles in seine Hände gelegt, ohne sich die Mühe zu machen, ihn zu kontrollieren? Denn das kommt vor, wenn eine Frau im Bann ihres Geliebten steht.“

Dass Adam so grob zu ihr war, übte eine unvorhergesehene Wirkung auf sie aus. Ihre Hände wurden feucht, als er Dinge sagte wie: Vielleicht sogar mit Ihnen geschlafen? Pochte ihr Herz so heftig, weil sie sich vorstellte, wie er mit ihr schlief?

Kiloran sprang auf und sah ihn so arrogant an, wie sie konnte. „Das lasse ich mir nicht bieten, Mr Black!“

„Setzen Sie sich!“

„Nein!“ Sie blieb stehen, denn das gab ihr wenigstens für den Moment ein Gefühl der Überlegenheit. „Weiß mein Großvater, welcher Art von Befragung Sie mich hier unterziehen?“, fragte sie kühl. „Meinen Sie, dass er es zulassen würde, wenn er davon erfahren würde?“

„Nur zu, fragen Sie ihn ruhig!“ Adam zuckte die Schultern.

„Ich glaube nicht, dass es Ihnen wirklich so egal ist, Mr Black. Denn er würde Sie umgehend hochkantig hinauswerfen.“

„Das ist eher unwahrscheinlich“, widersprach er eisig. „Er hat mir freie Hand gegeben, und ich habe vor, diese Vollmacht zu nutzen.“ Seine eigenen Worte beschworen verführerische Bilder vor seinem inneren Auge herauf. Zum Beispiel Kiloran in enger Reithose auf einem Pferd. Es kostete ihn einige Anstrengung, diese Fantasien beiseitezuschieben. „Ich muss wissen, ob Ihre Gefühle Ihre Urteilsfähigkeit beeinträchtigt haben, Kiloran. Das ist alles.“

Beinah wäre sie damit herausgeplatzt, dass sie sich nie von ihren Gefühlen leiten ließ. Doch sie merkte, dass sie sich im selben Moment selbst Lügen gestraft hätte, denn sie platzte nie mit etwas heraus. Normalerweise reagierte sie nicht, sie handelte. Und blieb dabei ruhig und gelassen. Was war nur mit ihr los? Seit sie Adam Black begegnet war, reagierte sie nur noch. Und zwar auf ihn. Es war höchste Zeit, damit aufzuhören!

Plötzlich hatte sie keine Energie mehr. Sie setzte sich und atmete tief durch, in der Hoffnung, dass sich dadurch auch ihr heftig pochendes Herz beruhigen würde. „Nein, ich fand Eddie Peterhouse nicht attraktiv.“

„Ist er charmant?“

„Hm. Er besitzt etwas Charme“, antwortete sie vorsichtig.

„Sieht er gut aus?“

Was war der Mann hartnäckig! Eddie Peterhouse hatte ein ebenmäßiges Gesicht und trug maßgeschneiderte italienische Anzüge, die den leichten Bauchansatz kaschierten. Aber verglichen mit Adam Black …

„Nicht besonders.“

Adam spielte mit seinem goldenen Füller. Was für unglaublich lange, schmale Finger er besaß!

„Was würden Sie also als sein hervorstechendstes Charaktermerkmal bezeichnen?“

Kiloran wollte ehrlich antworten, obwohl es ihr gegen den Strich ging, ihm auch nur das kleinste bisschen zu erzählen! „Er wirkte, als wenn er genau weiß, was er tut. Dadurch strahlte er sehr viel Selbstvertrauen aus.“

„Ja, das ist typisch für Betrüger. Deshalb fallen die Menschen auf ihre Lügen herein.“

„Stecken Sie jeden gleich in die passende Schublade?“

„Meistens erfüllt es seinen Zweck.“

Wie kühl er sprach! In welche Schublade er mich wohl gesteckt hat? überlegte Kiloran. Aber im Grunde wollte sie es gar nicht wissen. Sie schenkte ihm ein, wie sie hoffte, ruhiges, freundliches Lächeln. „Ist es nicht Zeitverschwendung, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie es passieren konnte?“, fragte sie nach. „Geschehen ist geschehen. Jetzt kommt es doch wohl in erster Linie darauf an, den Schaden zu beheben!“

Na, endlich, dachte Adam. Endlich zeigt sie ein bisschen gesunden Menschenverstand! „Ja, in der Tat. Glauben Sie, dass Sie dem gewachsen sind, Kiloran? Es wird eine Menge harte Arbeit kosten.“

„Ich habe mich noch nie vor der Arbeit gedrückt.“

Wenn er sie so betrachtete, bezweifelte er es. Sie sah aus, als wäre es ihre größte Sorge, welche Feuchtigkeitscreme für ihre fantastische Haut am besten war. Oder mit welchem Kleidungsstück sie ihren herrlichen Körper bedecken wollte.

„Das höre ich gern. Je eher wir beginnen, desto besser. Ich fange Montag früh an.“ Er schob die Papiere zusammen, die er vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

Damit will er wohl andeuten, dass die Befragung zu Ende ist, dachte Kiloran ärgerlich. Er hatte sie in die Zange genommen, ohne dass sie auch nur das Geringste über ihn erfahren hatte. Dabei würde er anscheinend für die nächste Zeit ihr Chef sein. Adam Black! Wer war der Mann bloß?

„Sie stammen hier aus der Gegend, stimmt’s?“, fragte sie lässig.

Adam verharrte mitten in der Bewegung. „Ja, da haben Sie recht.“ Was mochte sie über ihn wissen? Wie viel hatte ihr Großvater ihr erzählt? Andererseits war ihm eigentlich egal, was diese verwöhnte, reiche junge Frau von ihm hielt.

„Haben Sie noch Verwandte hier in der Gegend?“, erkundigte sie sich.

„Inzwischen nicht mehr.“ Aber jetzt funkelten seine Augen, als würde es ihm Spaß machen, sie ihre Machtlosigkeit spüren zu lassen. Er würde ihr Chef auf Zeit sein und währenddessen schalten und walten können, wie er wollte. „Ich fürchte, jetzt muss ich wirklich gehen“, sagte er mit einem Blick zur Uhr.

Kiloran blieb mit dem Gefühl zurück, dass sie nirgendwohin gehen konnte. Sie musste bleiben.

Adam strich sich über das dichte dunkle Haar und lächelte höflich. „Bis Montagmorgen also. Auf Wiedersehen, Kiloran!“

4. KAPITEL

Mit ausgesuchter Höflichkeit und eisiger Miene brachte Kiloran Adam zur Tür. Er stieg in seinen Sportwagen und gab so viel Gas, dass der Kies nach allen Seiten wegspritzte. Sie blickte dem Auto nach, bis es nur noch ein kleiner Punkt am Horizont war. Dann ging sie ins Haus, um ihren Großvater zu suchen.

Er saß in der Bibliothek und las, als sie hineinstürmte. „Kiloran!“

„Großvater, wie konntest du nur!?“

„Was denn, meine Liebe?“

„Diesen … diesen anmaßenden Größenwahnsinnigen um Hilfe bitten!“

„Er mag anmaßend sein“, räumte ihr Großvater ein, „aber größenwahnsinnig ist er nicht. Männer wie Adam Black entwickeln keine wahnhaften Vorstellungen von Größe. Das haben sie nicht nötig, denn ihr Erfolg spricht für sich. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass er uns hilft.“

Glücklich? Kiloran hatte nicht das Gefühl, dass sie sich glücklich schätzen konnte. Allerdings wusste sie auch nicht, wie sie sich fühlte. Sie wusste nur, dass Adam sie aufgestört hatte. Und zwar so sehr, dass sie am liebsten etwas zerschlagen hätte. Die Erinnerung an seine kühle, arrogante Art und seine vernichtenden Blicke, als er sie für ihr Missmanagement zur Rechenschaft gezogen hatte, empörte sie noch immer.

„Okay, Großvater. Aber wenn er so gut ist, würde ich gern wissen, warum er ausgerechnet zu uns gekommen ist! Es muss doch Tausende anderer Firmen geben, die er mit seinem überlegenen Wissen beglücken könnte!“

„Er tut mir damit einen Gefallen“, sagte Vaughn ruhig.

„Wieso?“

Ihr Großvater sah sie an. „So etwas kommt auch im Geschäftsleben manchmal vor.“ Sein Tonfall verbot ihr nachzufragen.

Zum ersten Mal im Leben fühlte sie sich ausgeschlossen, als hätte sie versucht, einen Fuß in eine Männerwelt zu setzen, zu der sie keinen Zugang hatte. Du brauchst es gar nicht erst zu versuchen, schien der Blick ihres Großvaters zu sagen.

„Entspann dich, Kiloran!“, riet ihr der alte Mann sanft. „In besseren Händen könnten wir uns gar nicht befinden.“

Dieser Satz schien auf sie gemünzt. Ihr Großvater machte sich über sie lustig. Nicht nur das, er rief auch die beunruhigendsten Vorstellungen davon hervor, wie es war, sich in Adams Händen zu befinden. Davon, wie seine erfahrenen Finger eine sinnliche Reise über ihren Körper unternahmen. Und das war tatsächlich Teil des Problems.

Adam Black war nicht der Mann, dem man mit Desinteresse begegnen konnte. Er beherrschte den Raum, in dem er sich befand, sodass es schien, als hätte er eine große Lücke hinterlassen, nachdem er nun gegangen war. Wie, in aller Welt, sollte sie mit ihm zusammenarbeiten und ihr Bestes geben, wenn sie ständig darüber nachdachte, wie fantastisch er aussah?

Hör auf damit, befahl sie sich insgeheim.

Hör auf!

War das das Geheimnis seines Erfolges? Seine überwältigende Präsenz? Kiloran erinnerte sich, wie verschlossen er plötzlich gewirkt hatte, als sie ihn nach seinen Verwandten in der Umgebung gefragt hatte. Was wusste sie schon über Adam Black, abgesehen davon, dass er beruflich sehr erfolgreich war?

Genau genommen nichts, und ihr Großvater würde ihr auch nichts weiter über ihn erzählen.

Plötzlich hatte die Party, auf die sie an diesem Abend gehen wollte, jeden Reiz verloren. Zu Recht, wie sich im Lauf des Abends herausstellte, als Kiloran sich in Gesellschaft eines Mannes, den sie normalerweise als angenehmen Begleiter empfunden hätte, langweilte und unruhig wurde.

So unruhig, dass sie bis spät in der Nacht wach lag. Ab und zu döste sie ein, nur um beim Aufwachen festzustellen, dass es immer noch dunkel war. Als sie zum Frühstück hinunterging, hatte sie heftige Kopfschmerzen.

Sie frühstückte so wenig und ohne Appetit, als wäre sie gerade von einer Krankheit genesen. Natürlich hatte sie gewusst, dass es sehr schlecht um ihre Firma stand. Doch Adam Blacks kritische Bewertung schien alles um ein Vielfaches zu verschlimmern. Hatte das Landleben ihr so viel Geborgenheit vermittelt, dass sie zu unkritisch geworden war? Vielleicht hätte ihr Großvater ihr gar nicht erst die Geschäftsführung übergeben sollen!

Von Selbstzweifeln geplagt, sah Kiloran hinaus in den sommerlich üppigen Garten, wo Rosen in allen Schattierungen von Weiß über Rosa bis Tiefrot blühten. Dazwischen prangte sattblau der Rittersporn. Was konnte sich mit so einem Blick messen? Ganz sicher nichts, das London ihr hätte bieten können.

Deswegen war sie zurück aufs Land gezogen. Hier lief das Leben in einem viel gemäßigteren Tempo ab als im emsigen Gewimmel der Großstadt, und sie fand genug Zeit für alles, was ihr Spaß machte. Einfache Dinge, die sich himmelweit von einem Abend in einer der verrauchten Bars der Londoner City unterschieden. Sie ritt aus, spielte Tennis und traf sich mit Menschen, die ähnliche Interessen und Leidenschaften hatten wie sie.

Nein, „Leidenschaft“ war das falsche Wort. Leidenschaft bedeutete heftige, unkontrollierbare Gefühle, und diese hatte man ihr bisher nicht vorwerfen können.

Ihre Kindheit war voller Unsicherheiten gewesen, denn sie war ständig den unberechenbaren Launen ihrer Mutter unterworfen. Die hatte ihr Glück in den Armen einer ganzen Reihe von Männern gesucht, bis sie endlich ihren Millionär gefunden und geheiratet hatte. Sie hatte im Gegensatz zu ihrer Mutter wenig Ehrgeiz entwickelt. Ihr höchstes Ziel war Gelassenheit gewesen. Innere Ausgeglichenheit, die ihr niemand anderes geben konnte. Sie hatte sich geschworen, niemals das Glück in den Armen eines anderen zu suchen wie ihre Mutter. Denn sie wollte nichts weiter als Geborgenheit und die Gewissheit, dass sie auch allein überleben konnte.

Aber das Leben, das sie bisher für sicher und berechenbar gehalten hatte, schien nun alles andere als das zu sein. Nicht nur, weil die Firma in Gefahr war. Nein, Adam Black war in ihr Leben eingedrungen wie ein Orkan, der alles hinwegfegte. Und sie war durcheinander und orientierungslos.

Adam stand in seinem Londoner Apartment unter der Dusche und seifte sich ein. Während ihm das warme Wasser über den muskulösen, durchtrainierten Körper lief, versuchte er, die Erinnerung an Kiloran Lacey zu verdrängen. Keinesfalls würde er sich durch die erotische Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte, von der Arbeit ablenken lassen. Dabei würde er sehr eng mit dieser Frau zusammenarbeiten müssen. Das ließ sich leider nicht ändern. Er hatte ja nicht vorhersehen können, dass ihre kühle, desinteressierte Art ihn so faszinieren würde. Es war ihm aus heiterem Himmel passiert.

Das letzte Mal war schon sehr lange her, und so heftig hatte es ihn noch nie zuvor erwischt. Schon gar nicht bei einer Frau, mit der er zusammenarbeitete. Hände weg von ihr, befahl er sich. Hände weg!

Adam massierte seine harten Muskeln unter dem warmen Wasser, aber diese Tätigkeit rief Gefühle wach, die er lieber in Schach halten wollte. Unvermittelt stellte er das Wasser ab und trocknete sich ab. Dann zog er Jeans und ein T-Shirt an und sah nach dem Anrufbeantworter. Das rote Lämpchen zeigte acht Anrufe an.

Acht? Eine ganze Menge. Er runzelte die Stirn. Hatte er seine Nummer wirklich so vielen Menschen gegeben? Oder hatte sie sich schon herumgesprochen? Erst seit einem Monat war er zurück in England, und doch schien er auf vielen Partys bereits ein begehrter Gast zu sein. Jemand, den man einfach einladen musste.

Doch als Adam die Nachrichten eine nach der anderen abhörte, interessierte ihn keine der Einladungen. Er hatte keine Lust, sich eine hinreißende Frau als Anhang zuzulegen. Zumal die meisten Frauen, mit denen er ausging, nach einem Blick auf ihn und seinen Lebensstil fanden, dass er dringend eine Gattin brauchte, und alles daransetzten, um die Auserwählte zu werden.

Genauso wenig lag ihm daran, die Aufmerksamkeiten von Gastgeberinnen abzuwehren, die sich in ihrer Ehe langweilten und auf der Suche nach erotischer Abwechslung waren.

Offenbar gingen Wohlstand und Unzufriedenheit Hand in Hand. Ihm war der Wohlstand einst als Lösung aller Probleme erschienen. Bis er sein Ziel erreicht hatte. Und dann? Was kam danach? Eine neue Herausforderung, dachte Adam. Etwas wie die Firma Lacey’s, die wie ein altmodischer kleiner Kahn auf dem Ozean der Weltwirtschaft vor sich hin dümpelte, wo es von Piraten nur so wimmelte.

Der Vergleich gefiel ihm, auch wenn Kiloran Lacey irgendwie mit ins Bild geraten war. In seiner Fantasie stand sie an den Mast des alten Schiffes gefesselt, während die Wellen ihr die nasse Kleidung an den Körper klatschten. Adam stöhnte auf, weil das erotische Bild sein Begehren geweckt hatte.

Als in diesem Moment das Telefon läutete, nahm er beim ersten Klingeln ab, statt es wie gewöhnlich dem Anrufbeantworter zu überlassen.

„Adam?“, fragte eine atemlose Stimme. „Hier ist Carolyn.“

Er brauchte einen Moment, bis er sich an sie erinnerte. Dann nickte er. Carolyn war schön und amüsant genug für einen gemeinsamen Theaterabend. „Carolyn, wie nett, dass du dich meldest“, antwortete er leise.

Die Fabrik der Familie Lacey befand sich am Rande der nahe gelegenen Kleinstadt, aber das Verwaltungsgebäude, das Kilorans Ururgroßvater hatte bauen lassen, stand auf dem Privatgelände in der Nähe des Herrenhauses. Ihr Ururgroßvater war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus gewesen, und er hatte miterleben wollen, wie seine Kinder aufwuchsen.

Kiloran hatte es immer genossen, dass ihr Weg ins Büro so kurz war. Als sie am Montagmorgen jedoch ihr Büro betrat und feststellte, dass ihr Schreibtisch bereits besetzt war, fühlte sie sich, als würde sie von allen Seiten gleichzeitig bedrängt werden.

Adam saß an ihrem Schreibtisch, als würde ihm das Büro gehören. Die langen Beine hatte er lässig ausgestreckt. Trotzdem zeichneten sich seine muskulösen Oberschenkel unter dem dünnen Stoff seines teuren Anzugs ab. Und was für breite Schultern er hatte!

Er sah auf, als sie das Büro betrat, aber niemand hätte behaupten können, dass er freundlich wirkte oder sie höflich willkommen hieß.

Kiloran schluckte. „Guten Morgen, Adam“, begrüßte sie ihn höflich. „Was machen Sie denn schon hier?“

„Was glauben Sie? Ich arbeite.“ Er warf einen vorwurfsvollen Blick auf die teure goldene Uhr, die unter seinen blütenweißen Manschetten hervorblitzte. „Was ist los? Haben Sie sich heute Vormittag freigenommen?“

Dass er einfach von ihrem Büro und ihrem Schreibtisch Besitz ergriffen hatte, brachte sie so durcheinander, dass sie sich sofort verteidigte. „Es ist neun Uhr“, antwortete sie. „Die Zeit, zu der normale Leute anfangen zu arbeiten.“

Adam ließ seinen Füller fallen. „Dies ist keineswegs eine normale Situation. Die Zeit drängt. Ich dachte, das wäre Ihnen klar. Außerdem sitze ich immer um sieben Uhr dreißig an meinem Schreibtisch.“

Tja, sein Pech, dachte sie. „Wie sind Sie denn hergekommen?“

„Geflogen.“

„Im Ernst?“

Er warf ihr einen irritierten Blick zu. „Natürlich nicht. Der nächste Flugplatz ist meilenweit weg. Das war ironisch gemeint, Kiloran. Ich bin gefahren.“

„Heute Morgen?“

„Ja. Sehr früh heute Morgen.“

Er musste bei Tagesanbruch aufgebrochen sein, denn selbst bei idealen Verkehrsverhältnissen dauerte die Fahrt von London gut zwei Stunden. Vermutlich hatte er deshalb Schatten unter den Augen. Oder war er am Wochenende kaum zum Schlafen gekommen? Wahrscheinlich, wenn man den Zeitungen Glauben schenken konnte.

Kiloran wusste nicht, was er von ihr erwartete. „Soll ich Ihnen einen Kaffee bringen lassen?“

Adam zählte im Stillen bis zehn. „Nein, Kiloran“, antwortete er dann ruhig. „Ich möchte keinen Kaffee. Nehmen Sie sich einen Stuhl, und setzen Sie sich zu mir.“

„Sie sitzen auf meinem Stuhl“, sagte sie eisig. „Das ist mein Büro, mein Schreibtisch. Und mein Stuhl!“

„Haben Sie denn einen Raum, den Sie mir zur Verfügung stellen können?“

„Nein, noch nicht.“

Er kanzelte sie ab wie ein Lehrer seine Schülerin, die ihre Aufgaben nicht rechtzeitig abgegeben hatte. „Sie wussten, dass ich heute kommen würde. Also hatten Sie zwei volle Tage Zeit, etwas zu organisieren.“ Daraufhin lehnte er sich zurück und musterte sie forschend. „Warum haben Sie nichts unternommen?“

Sie konnte sich nicht erinnern, dass schon einmal jemand so mit ihr gesprochen hatte. Nicht einmal in ihrem allerersten Job, als sie in der Firmenhierarchie ganz unten gestanden hatte. „Ich werde es sofort veranlassen!“

„Nein, nicht sofort.“ Er wies auf den Drehstuhl neben seinem. „Kommen Sie, setzen Sie sich hier hin!“

Kiloran fühlte sich wie Rotkäppchen, das dem bösen Wolf zu nahe kam. Doch Adam Black hatte eine so autoritäre Art, dass sie automatisch gehorchte.

„Na? Wie ist das?“, fragte er amüsiert.

Es war schrecklich. Und dann wieder gar nicht so schlimm. Im Grunde das Gegenteil. Sie war sich noch nie im Leben eines Mannes so bewusst gewesen wie in diesem Moment. Da sie sehr dicht neben Adam saß, atmete sie den leichten Moschusduft seines Aftershaves ein. Unwillkürlich musterte sie seine Wangen. Ein leichter Schatten zeigte neuen Bartwuchs an. Dabei musste Adam sich doch erst vor einigen Stunden rasiert haben.

„Perfekt“, antwortete sie lässig. „Aber nur als vorläufige Lösung.“

Darin stimmte er mit ihr überein. Kiloran saß ihm ein bisschen zu nahe, als dass er sich noch hätte wohlfühlen können. Adam versuchte, sich die Faszination auszureden, die von ihr ausging. Das hatte er schon seit dem Moment getan, als er sie wieder gesehen hatte. Die Frau, mit der er Samstagabend ausgegangen war, war schließlich genauso schön gewesen.

Was war denn bloß so Besonderes an Kiloran Lacey? Oder an ihren grünen Katzenaugen und dem glänzenden blonden Haar? Fand er sie vielleicht attraktiv, weil sie für ihn nicht infrage kam?

Adam musterte sie noch einmal. Das schlichte Sommerkleid reichte ihr bis zum Knie. Die Knie gefielen ihm. Ihre unbekleideten Arme waren sonnengebräunt und kräftig. Ob sie eine Fitnessfanatikerin war? Es hätte ihn nicht sonderlich überrascht, wenn sie einen privaten Hightech-Fitnessraum irgendwo in diesem weitläufigen Gebäude untergebracht hätte. Natürlich auf Kosten der Firma. Er presste verächtlich die Lippen zusammen.

„Dann wollen wir mal!“ Es kostete ihn einige Anstrengung, sich wieder der eigentlichen Aufgabe zuzuwenden. Er nahm einen Bogen beigefarbenen Schreibpapiers aus dem Dokumentenstapel auf dem Schreibtisch. „Lassen Sie uns sehen, was wir hier haben.“

Kiloran warf einen Blick auf die markante Handschrift. Oje!

„Erkennen Sie die Schrift?“, fragte er.

„Ja. Der Brief stammt von Tante Jaqueline.“

„Hm. Aber sie ist mehr als nur Ihre Tante, stimmt’s, Kiloran?“

Sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her.

„Soweit ich weiß, ist sie diejenige, die den zweitgrößten Aktienanteil an Lacey’s Seifenfabrik hält, und sie …“

„Soll ich raten? Ist sie verärgert?“

„Verärgert?“ Adam überflog den Brief. „Das wäre noch stark untertrieben. Ich muss zugeben, dass ich es ihr nachfühlen kann.“

Das war zu erwarten gewesen. „Darf ich den Brief mal lesen?“

„Er wird Ihnen nicht gefallen.“

„Oh, ich bin hart im Nehmen!“ Allerdings war sie doch betroffen, als sie den Text las. „Verärgert“ war tatsächlich gar kein Ausdruck. Der Brief ließ keinen Zweifel an der Meinung der Absenderin und enthielt einen besonders verletzenden Absatz:

Ich will keine Schuldzuweisung vornehmen, Vaughn.

Ach nein? Natürlich willst du das nicht, dachte Kiloran müde.

Nichtsdestoweniger muss jemand die Verantwortung für die Veruntreuung übernehmen. Wenn Kiloran den Mut gehabt hätte, zuzugeben, dass der Job sie überfordert, wäre so etwas vielleicht zu vermeiden gewesen, und meine finanzielle Absicherung sowie die meiner Tochter würden jetzt nicht auf dem Spiel stehen.

Kiloran las weiter.

Es beruhigt mich sehr, zu hören, dass Du Adam Black hinzugezogen hast. Ich kann Dir nur dazu gratulieren, dass ein Mann seines Kalibers Dir zu Diensten ist.

Kiloran fragte sich, wie es Adam wohl gefiel, dass er ihrem Großvater zu Diensten war.

Es wäre mir sehr lieb, wenn wir möglichst bald eine gemeinsame Sitzung mit ihm hätten. Ich wäre Dir verbunden, wenn Du alles Nötige dafür veranlassen würdest.

Kiloran legte den Brief beiseite. „Vielleicht wäre es für alle am befriedigendsten, wenn sie mich in den Stock schließen und mit faulen Eiern nach mir werfen könnten. So wie es früher üblich war.“

„Selbstmitleid führt zu nichts, Kiloran.“

„Ich weiß.“ Hatte sie sich so wehleidig angehört? Plötzlich konnte sie den Gedanken nicht mehr ertragen, dass dieser Mann sie beurteilte und für nicht gut genug befand. Sie würde ihm zeigen, dass sie aus härterem Holz geschnitzt war und nicht einfach zusammenbrechen würde. Resolut hob sie den Kopf und stellte sich seinem kritischen Blick. „Tante Jaqueline möchte eine Sitzung mit Ihnen.“

„Ja, gar keine schlechte Idee. So können wir alle Beteiligten informieren. Ich werde eine Sitzung mit den Hauptaktionären einberufen lassen.“

„Wann soll sie denn stattfinden?“

„Sobald wir ein bisschen vorangekommen sind.“ Adam schwieg vielsagend, ehe er fortfuhr. „Und das werden wir kaum schaffen, indem wir hier untätig herumsitzen.“

„Sind Sie immer so ein strenger Zuchtmeister, Adam?“, fragte sie leise. Ihre Stimme klang sanft, beinah provozierend.

Er fand es ungemein erotisch. Tut Kiloran das mit Absicht? fragte er sich. Ist sie sich bewusst, dass jeder einigermaßen normale Mann dahinschmilzt, wenn sie solche Dinge in diesem Ton sagt?

„Nur wenn nötig“, antwortete er und wandte den Blick ab. Der Anblick ihrer Brüste und der Spitzenunterwäsche, die sich unter dem dünnen Kleiderstoff abzeichnete, stellte ihn auf eine zu harte Probe. „Richten Sie mir ein Büro ein“, befahl er kurz angebunden. „Ich brauche einen E-Mail-Anschluss, Telefon und ein Faxgerät.“

„Ich werde sofort eine Sekretärin damit beauftragen.“

„Ja, tun Sie das. Je schneller, desto besser, denn bis es so weit ist, muss ich dieses Büro benutzen.“

Wenn etwas sie dazu bewegen konnte, sich zu beeilen, dann der Gedanke, dass dieser Mann auch nur eine Sekunde länger als unbedingt nötig ihren Raum besetzen würde. Das geräumige Büro schien plötzlich auf die Dimensionen eines Schuhkartons zusammengeschrumpft zu sein.

Kiloran erhob sich und ging zur Tür. „Ich kümmere mich sofort darum.“

„Danke.“

Adam beobachtete, wie sie mit geschmeidigen Bewegungen den Raum verließ. Ihr fester kleiner Po zeichnete sich verführerisch unter dem fließenden Stoff des Kleids ab. Was sie wohl außerhalb der Arbeitszeit unternahm? War sie einsam, hier draußen auf dem Land? Oder gab es einen Mann, der ihr nachts über das dichte blonde Haar strich? Vermutlich. Eine Frau, die aussah wie Kiloran Lacey, war nicht für ein enthaltsames Leben geschaffen.

Irritiert schüttelte Adam den Kopf. Seltsam. Er hatte schon öfter mit schönen Frauen zusammengearbeitet. Aber noch nie hatte er sich Gedanken darüber gemacht, wie sie ihre Freizeit verbrachten.

Sein Grundsatz, Arbeit und Privatleben grundsätzlich voneinander zu trennen, kam ihm in den Sinn. Eine sehr gute Regel, dachte Adam. Sie erlaubte es ihm, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Er nahm seinen Füller und begann, auf dem Blatt, das vor ihm lag, ganze Absätze anzustreichen.

Kurz darauf kam Kiloran zurück. „Die Angestellten platzen vor Neugierde. Ich glaube, Sie sollten sich dem Verwaltungspersonal vorstellen.“

„Meinen Sie?“

„Ja, es wäre besser. Sie haben alle gemerkt, dass irgendetwas los ist. Über kurz oder lang werden die wildesten Gerüchte im Umlauf sein, weil der geheimnisvolle neue Mann ein eigenes Büro fordert.“

„Was wollen Sie ihnen denn sagen?“

„Dass Sie als Ritter in der Not gekommen sind, um uns aus der Patsche zu helfen.“ Was, in aller Welt, hatte sie denn bewogen, das zu sagen?

Anscheinend gefiel Adam das Bild. Er lächelte. „Sehen Sie mich so, Kiloran?“

Was hätte sie darum gegeben, die Worte zurücknehmen zu können! Doch selbst wenn es sich dumm anhörte, es war die Wahrheit. Ihre Fantasie aus Kindertagen hatte sich mit der Realität der Gegenwart vermischt. Für sie war er ein Held, genau wie damals, und das verwirrte Kiloran. Zumal er einer Märchenfigur so gar nicht ähnelte. Er trug einen schwarzen Anzug, dazu ein weißes Hemd und sah aus wie der Inbegriff des modernen Managers.

Irgendetwas an ihm, vielleicht die stählerne Härte, die hier und da durchschimmerte, verriet allerdings, dass Kleidung und Umgebung nicht den Ausschlag gaben. Adam Black hatte das Auftreten und das Charisma des wahren Helden.

Trotzdem – oder gerade deshalb – antwortete Kiloran lässig: „Nein. Sie haben ja kein Pferd dabei.“

Er blieb ernst. „Ich denke, wir sagen ihnen die Wahrheit. Dann gibt es keine Missverständnisse.“

Kiloran nickte. „Ich sage allen Bescheid.“ Sie verließ eilig ihr Büro, ehe er etwas erwidern oder sie noch länger so forschend mustern konnte.

Denn es vermittelte ihr das Gefühl, dass noch nie zuvor ein Mann sie aufmerksam angesehen hatte. Woran mag das nur liegen? überlegte sie auf dem Weg ins Büro der Chefsekretärin. Niemand hätte Adam Black abgesprochen, dass er ein potenter, attraktiver Mann war, aber sie wusste um die Gefahr, die solche Männer darstellten. Sie brauchten bloß mit dem Finger zu schnippen, und jede Frau warf sich ihnen in die Arme.

Sie, Kiloran, dagegen bevorzugte sanfte, einfühlsame Männer. Nicht solche, die wirkten, als hätten sie eine Affäre nach der anderen. Männer, die sich Frauen nach Lust und Laune in ihr Bett holten, nur um sie mit einem Tritt wieder hinauszubefördern, wenn sie ihrer überdrüssig geworden waren.

„Ist alles okay, Kiloran?“, fragte Heather, ihre Sekretärin, besorgt. „Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen.“

Nein, ein Gespenst war es nicht, dachte Kiloran genervt. Gespenster hatten keinen Sex-Appeal. „Kommen Sie mit, und lernen Sie Adam Black kennen“, forderte sie die Sekretärin auf. „Unseren neuen Mitarbeiter.“

„Ist das der Mann, der aussieht wie ein Filmstar?“

„Er ist viel zu ungehobelt für einen Filmstar“, antwortete Kiloran sofort, ehe sie überrascht nachfragte: „Sind Sie ihm schon begegnet?“

„Nein, aber die Reinmachefrau“, antwortete Heather. „Sie sagte, sie hätte geglaubt, dass sie gestorben und im Himmel wieder aufgewacht wäre!“

Na, wohl eher in der Hölle, dachte Kiloran.

„Ich hole die anderen“, sagte Heather und ging.

Die Belegschaft fand sich nach und nach im Büro ein. Kiloran beobachtete Adam. Er benahm sich, als würde die Firma ihm gehören, schüttelte jedem einzeln die Hand und begrüßte sie freundlich, bis sie ihm praktisch aus der Hand fraßen.

„Ich werde ganz offen mit Ihnen sprechen“, begann er schließlich mit einem gewinnenden Lächeln. „Denn ich halte Ehrlichkeit für die beste Strategie.“ Er blickte sich um. „Die meisten von Ihnen haben sicher erfahren, dass Eddie Peterhouse die Firma verlassen hat. Was Sie dagegen nicht wissen, ist die Tatsache, dass gleichzeitig große Summen Firmengelder verschwunden sind und wir ihn in dieser Sache gern befragen würden.“

Nach einem Moment, in dem es so still war, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, begannen alle gleichzeitig zu reden.

Adam warf einen Blick in die Runde, und sie verstummten. „Die Polizei fahndet nach ihm, und wir unterstützen sie nach besten Kräften. Auch was die Firma betrifft, haben wir alles im Griff. Ich werde gemeinsam mit Kiloran daran arbeiten, dass alles möglichst schnell wieder ins rechte Lot kommt. Bis dahin laufen die Geschäfte weiter wie gehabt. Mit einer Ausnahme: Ich werde in der Übergangszeit die Geschäftsführung übernehmen. Ist das klar?“

Sie nickten alle. Offensichtlich hatte er sie mit seiner forschen, tatkräftigen Haltung für sich eingenommen.

„Gut.“ Adam lächelte strahlend. „Das ist vorläufig alles. Es sei denn, Sie möchten mich noch etwas fragen.“

Niemand stellte eine Frage. Folgsam wie Lämmer, die zum Schlachthof geführt wurden, verließen sie einer nach dem anderen das Büro.

Sobald sie mit Adam allein war, fragte Kiloran mit bebender Stimme: „Na, sind Sie nun zufrieden?“

„Wieso?“

„Nachdem Sie ihnen von der Unterschlagung erzählt haben!“

„Wie gesagt, halte ich Ehrlichkeit für die beste Strategie.“

„Und mich haben Sie einfach ignoriert! Sie haben mich wirklich an meinen Platz verwiesen, stimmt’s, Adam? Verschafft es Ihnen Befriedigung, dass jetzt jeder weiß, dass Sie das Heft in der Hand halten?“ Kaum waren ihr diese Worte entschlüpft, bereute sie sie schon.

„So ist das Leben, Kiloran. Darauf habe ich mich mit Vaughn geeinigt.“ Er sah sie ungeduldig an. „Zu diesem Zeitpunkt müssen Sie Ihren Stolz zurückstellen. Wenn ich meine Aufgabe erledigt habe, können Sie die Geschäftsführerin spielen.“

Kiloran setzte zu einer bissigen Antwort an – und sagte dann doch nichts. Was hätte sie schon einwenden können, ohne einen erbitterten Streit anzuzetteln?

Adam wies auf den Aktenstapel. „Wenn Sie also damit fertig sind, Hierarchiefragen zu diskutieren, können wir uns endlich an die Arbeit machen!“

5. KAPITEL

Adam arbeitete wie besessen.

Den ganzen Vormittag über jonglierte er mit Zahlen und entwarf an Kilorans Computer Finanzierungsmodelle. Das Faxgerät stand kaum still. Seine Zielstrebigkeit war beeindruckend. Kiloran saß neben ihm, versuchte, sich nicht ständig von seinem Aussehen ablenken zu lassen, und stand ihm Rede und Antwort. Er feuerte seine Fragen so schnell ab, dass sie sich nach einer Weile fühlte wie bei einem Fernsehquiz.

Irgendwann zog er das Jackett aus. Dann folgte die Krawatte. Etwas später machte er ungeduldig die beiden obersten Hemdknöpfe auf. Kiloran beobachtete diese Verwandlung fasziniert. Was kommt wohl als Nächstes? fragte sie sich. Die Hose? Würde er irgendwann in Unterwäsche im Büro sitzen? Bestimmt trug er graue Boxershorts aus Seide, dessen war sie sich sicher.

Gerade als sie das dachte, blickte er irritiert auf. „Ist etwas, Kiloran? Sie haben ja ganz rote Wangen.“

„Es … es ist ziemlich heiß hier drinnen“, sagte sie stockend.

„Stimmt. Machen Sie doch das andere Fenster auch auf.“

Es überraschte sie, dass er nicht gesagt hatte: ‚Seien Sie ein Schatz und …‘ Aber es war ihr ganz recht, dass sie nun einen Vorwand hatte, sich abzuwenden und ihre heißen Wangen zu kühlen. Dann nahm sie einen Packen Dokumente und begann, ihn durchzuarbeiten.

Irgendwann steckte Heather den Kopf zur Tür herein. „Die Kantine schließt bald. Der Koch möchte wissen, ob Sie noch etwas essen wollen.“

Adam hob nicht einmal den Blick. „Er soll uns ein paar Sandwiches und Kaffee heraufschicken. Das genügt.“

Heather sah Kiloran mit hochgezogenen Augenbrauen an, als wollte sie sagen: Tyrann! „Sind Ihnen Sandwiches recht, Miss Lacey?“

„Ja, danke.“ Sobald Heather verschwunden war, erhob sich Kiloran. „Wenn ich nicht bald etwas frische Luft bekomme, gehe ich ein. Ich mache ein paar Schritte im Garten, falls Sie nichts dagegen haben, Adam.“

Adam sah Kiloran an, bemerkte, wie angespannt sie wirkte, und fragte sich, ob er zu viel von ihr verlangte. Sie hob die Hand und strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Handgelenke waren ganz schmal, wie er feststellte, genauso wie ihre Fußknöchel. Überhaupt wirkte sie sehr zart. Zerbrechlich. Stirnrunzelnd blickte er auf die Uhr. Es war beinah zwei Uhr, und sie hatten ohne Pause durchgearbeitet.

Er rieb sich die Augen. „Natürlich nicht. Gehen Sie ruhig.“ Dann streckte er sich und gähnte. „Eigentlich kann ich auch mitkommen. Zeigen Sie mir das Gelände!“ Seine Stimme wurde tief. „Führen Sie mich durch Ihren wunderschönen Garten, Kiloran!“

Sein sanfter Tonfall und das Gähnen, bislang die einzigen Anzeichen dafür, dass Adam Black sich auch einmal entspannte, nahmen Kiloran wieder für ihn ein. Ob er immer so viel von sich erwartete? Und wenn ja, warum wohl?

Sie lächelte. „Ist das ein Befehl?“

„Hm.“ Es war das erste Mal, dass sie ihn wirklich freundlich angelächelt hatte. Das sollte sie öfter tun, dachte er. Unbedingt. Oder besser doch nicht? Nicht wenn er sachlich bleiben und einen klaren Kopf behalten wollte! „Nun kommen Sie schon!“

Kiloran führte ihn nach draußen, wo sie stehen blieben, geblendet vom gleißenden Sonnenlicht. Es ist beinah ein Sakrileg, diese weitläufige, parkartige Anlage einen Garten zu nennen, dachte Adam. Er kam sich vor wie in einem tropischen Paradies. Üppige Stauden blühten auf den Beeten. Dazwischen lagen perfekt gepflegte Rasenflächen, nur unterbrochen von blühenden Büschen und einzelnen großen alten Bäumen. Das Ganze strahlte eine Atmosphäre von Zeitlosigkeit und Beständigkeit aus, um die er Kiloran beneidete.

„Es ist wunderschön hier“, sagte er langsam.

„Ja.“ Sie blickte sich um. Endlich konnte sie sich etwas entspannen. Wie immer, wenn sie den Garten betrat, fühlte sie, wie sie ruhiger und zufriedener wurde. „Ich liebe den Garten.“

„Einige dieser Blumen kenne ich gar nicht.“

„Wir haben viele seltene Sorten.“

„Wer hat sie gepflanzt?“

„Mein Ururgroßvater. Er lebte lange in Indien, und als er nach England zurückkam, brachte er so viele Blumen, Sträucher und Bäume wie möglich mit. Für einige ließ er extra Gewächshäuser errichten. Manche Pflanzen gingen ein, aber die meisten überlebten. Die Blumen wurden dazu verwendet, die Duftstoffe für unsere Seifen zu gewinnen. Den Rest der Geschichte kennen Sie.“ Kiloran wartete darauf, dass Adam irgendwie reagierte, aber sein scharfes Profil blieb unbeweglich. Einen Moment lang sah sie den Garten mit seinen Augen.

„Es geht um mehr als nur um den Bestand einer Firma, Adam“, sagte sie plötzlich. „Eher um eine Art zu leben. Um unser Leben. So haben die Laceys schon immer gelebt.“ Ohne es zu merken, sprach sie nun sehr eindringlich. „Verstehen Sie jetzt, warum es so wichtig ist, dass wir nicht alles verlieren?“

Adam ging auf einen Teich unter den hohen Bäumen zu. Licht und Schatten tanzten auf der Wasseroberfläche. Kiloran hatte etwas, das er nie haben würde: Dies Gefühl der Kontinuität, von Generationen, die in die Vergangenheit zurückreichten und Generationen, die in Zukunft noch kommen würden. Das Haus überdauerte alle Veränderungen. Solide gebaut, stellte es ein Symbol für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar.

Er blickte auf, als sie jetzt auf ihn zukam. Die Sonne verlieh ihrem Haar goldenen Glanz und hob die Silhouette ihres jungen, schlanken Körpers unter dem dünnen Seidenkleid hervor. Sie wirkte vornehm und edel. Wie eine Göttin, der die Welt zu Füßen lag.

Und das war im Grunde ganz realistisch. Denn für diese junge Frau, der die Götter so wohlgesonnen waren, war dies alles selbstverständlich. Was sie wohl ohne ihren Besitz gewesen wäre? Ob sie auch dann dieses verführerische aristokratische Flair gehabt hätte?

Adam sah sie verächtlich an. „Du liebe Güte, Kiloran, haben Sie keine größeren Sorgen? Nur Ihre Familie und deren gesellschaftliche Position als Grundbesitzer und Arbeitgeber?“

„Genau darum geht es doch!“

„Um den Status?“

„Unsinn. Das hat mit Status nichts zu tun. Die Menschen aus der Umgebung arbeiten hier. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt bei uns. Und das schon lange. Sogar Sie haben schon mal hier gearbeitet!“

Sollte er ihr dafür auch noch dankbar sein? „Sie sind so stolz und arrogant, Kiloran“, sagte er leise. „Wollen Sie mich mit diesen Worten in meine Schranken weisen? Oder mich lediglich daran erinnern, dass Sie die Besitzerin sind?“

„Sie tun ja gerade so, als wäre ich ein Snob“, beschwerte Kiloran sich gekränkt.

„Sind sie das nicht?“

„Nein! Niemals!“

„Wissen Sie, warum Ihr Großvater mir diese Aufgabe übertragen hat?“

„Nein.“

„Er hat es Ihnen nicht erzählt?“

„Nein, er hat sich geweigert.“

Aha, demnach hatte sie sich erkundigt! Er wollte es ihr eigentlich gar nicht erzählen, aber plötzlich fand er es doch wichtig. Dann würde sich schon herausstellen, welche Rolle ihre gesellschaftliche Stellung für sie spielte und ob Kiloran ein Snob war. Adam ging langsam auf eine große Zypresse zu, die einen einladenden Schatten auf den Rasen warf.

„Ich stamme aus einer Familie mit nur einem Elternteil“, begann er seine Geschichte.

„Ich auch!“

„Nun, es ist nicht ganz dasselbe. Ihre Mutter war Witwe.“ Beinah hätte er „eine ehrbare Witwe“ gesagt, weil man Ehrbarkeit gewöhnlich mit einer Witwe verband. Aber Kilorans Mutter war alles andere als anständig gewesen. „Meine Mutter wusste nicht, wer mein Vater war“, erklärte er. „Er hätte einer von vielen sein können.“ Er beobachtete Kiloran aufmerksam, um zu sehen, ob sie schockiert reagierte oder ihn verurteilte.

Doch sie erwiderte seinen Blick ganz ruhig. „Ich verstehe.“

Das brachte ihn aus dem Konzept. Er wollte, dass sie ihn verurteilte und für nicht gut genug befand. Dann hätte er es ihr mit gleicher Münze heimzahlen können. Es wäre so viel leichter gewesen, wenn sie ihrer Mutter ähnlicher gewesen wäre. Oberflächlich, mit konventionellen Wertvorstellungen. Stattdessen sah sie mitfühlend und verständnisvoll zu ihm auf.

„Ich bin im Armenviertel, in der Barton Street aufgewachsen. Kennen Sie die Gegend?“

„Nein. Ich habe davon gehört, bin aber nie dort gewesen.“

„Das hätte ich auch nicht von Ihnen erwartet.“ Adam beobachtete einen Vogel, der im flachen Wasser herumplanschte. „Während meiner Kindheit lebte eine ganze Reihe von ‚Onkeln‘ bei uns zu Hause.“

Er spricht so sachlich, als würde er die Aktienkurse vorlesen, dachte Kiloran. Ob sein Herz wohl so verhärtet war, wie sein Gesicht es andeutete? „Das muss schrecklich für Sie gewesen sein.“

Adam betrachtete sie. Vermutlich empfand sie seine Erzählung so, als würde er das Leben auf dem Mars beschreiben! „Schrecklich? Ja, das kann man wohl sagen. Je älter ich wurde, umso schwererfiel es mir, damit zu leben. Aber ich hatte einen Ausweg gefunden. Ich war gut in der Schule, und ich arbeitete hart. Auch samstags in meinem Job in der Bäckerei in der Stadtmitte. Kennen Sie sie?“

„Ja, natürlich.“

Plötzlich wurde ihm klar, dass er noch nie jemandem davon erzählt hatte. Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend hatte er seit Jahren verdrängt. Kamen sie jetzt an die Oberfläche, weil er wieder in seiner Heimatstadt war? Und warum redete er ausgerechnet mit ihr darüber?

„Von Anfang an sparte ich jeden Cent, den ich verdiente. Ich wusste, dass ich das Geld brauchen würde, um aufs College gehen zu können.“

Kiloran sah ihn aufmerksam an. „Und was geschah dann?“

„Da ich manchmal nachts arbeitete, besaß ich einen Schlüssel zur Bäckerei.“ Er machte eine Pause. Das Schweigen lastete schwer zwischen ihnen. „Eines Nachts stahl der damalige Liebhaber meiner Mutter den Schlüssel. Er brach in die Bäckerei ein und nahm alles mit, was nicht niet- und nagelfest war, unter anderem den Inhalt der Kasse. Am nächsten Morgen war er mit meiner Mutter verschwunden.“

„Ihre Mutter auch?“, fragte sie entsetzt.

„Ja.“

„Wie ging es dann weiter?“

„Ich wurde natürlich entlassen. Mein Chef drohte mit der Polizei, sofern ich das Geld nicht zurückzahlen würde. Aber wie sollte ich einen Job finden, wenn mich die Menschen für unehrlich hielten?

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