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JULIA EXKLUSIV BAND 266

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Vorsicht: Sex mit dem Ex!

1. KAPITEL

„Die Trauben sind so weit, Brenna. Ich rufe Marco an und sage ihm, dass er die Erntehelfer zusammentrommelt, damit wir morgen anfangen können.“

„Aber es ist zu früh.“ Brenna überprüfte die Zahl im Refraktometer noch einmal und war geschockt. Kein anderer in ganz Sonoma besaß Trauben, die schon so früh so reif waren. „Es sollte mindestens noch ein paar Wochen dauern.“

„Zweifelst du an meinem Urteil?“ Teds gekränkter Ton war nur zum Teil gespielt, weshalb Brenna ihren langjährigen Freund und Kollegen lieber sofort wieder zu besänftigten versuchte.

„Ganz im Gegenteil. Niemand kennt diese Trauben besser als du. Ich bin nur überrascht, das ist alles.“

Besänftigt steckte sich Ted eine Traube in den Mund und kaute, wobei sich ein glückliches Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete. „Diese Trauben mögen offensichtlich unsere warmen, trockenen Sommer. Du willst bloß nicht in dieser Hitze ernten, das ist alles.“

„Stimmt.“ Doch das war nur einer der Gründe. Die neuen Aluminiumtanks waren erst in der vergangenen Woche geliefert worden und standen noch kreuz und quer im ganzen Gebäude herum. Die Hauptpumpe hatte immer noch ihre Macken, es gab noch so viel Papierkram zu erledigen … und Brenna brauchte diese Wochen, um sich zu sammeln. Im Moment war sie einfach noch nicht bereit, mit der Weinlese zu beginnen.

Amante Verano fiel nun allein in ihre Verantwortung.

Nun ja, zumindest zu einem großen Teil.

Egal ob Brenna nun bereit war oder nicht, die Trauben mussten geerntet werden. Sie wusste, was sie zu tun hatte – im Grunde tat sie seit ihrer Geburt kaum etwas anderes. Aber sie hatte es noch nie alleine machen müssen. Diese Bürde lastete schwer auf ihr.

„Ich wünschte, Max wäre hier.“ Der Seufzer in Teds Stimme holte Brenna mit einem Ruck in die Wirklichkeit zurück.

„Ich weiß. Diese Trauben waren Max’ Ticket, um in die Oberschicht der Weinwelt aufzusteigen.“ Sie lächelte Ted schwach an. „Er sollte wirklich hier sein, um es mitzuerleben. Es ist einfach ungerecht.“ Nur mit Mühe blinzelte Brenna die Tränen fort, die sonst sicherlich wieder geflossen wären. Sie konnte es sich nicht leisten, vor Ted zusammenzubrechen – oder vor sonst jemandem. Max würde von ihr erwarten, weiterzumachen, und die Mitarbeiter in Amante Verano mussten daran glauben, dass sie alles unter Kontrolle hatte. „Ruf Marco an. Morgen Abend haben wir die ersten Trauben im Tank.“

Gemeinsam gingen Brenna und Ted den Hügel hinauf, wobei sie hin und wieder stehen blieben, um den Zuckergehalt der Trauben zu testen und sich Notizen zu machen.

„Hast du schon mit Jack gesprochen?“ Ted stellte die Frage viel zu ruhig und beiläufig.

Sofort begann Brennas Herz schneller zu schlagen. „Nicht seit der Beerdigung, und auch da nur für eine Minute.“ Es war sowohl unangenehm als auch schwierig gewesen, nicht zu vergessen, schmerzhaft in mehr als einer Hinsicht. Sie und Jack hatten Beileidsbekundungen ausgetauscht, Hände geschüttelt, und dann waren sie auseinander gegangen. Ende der Geschichte.

„Weiß er es?“

„Oh, da bin ich mir sicher. Max’ Anwalt hat mich angerufen, um mir die Partnerschaft zu erklären. Ich nehme an, dass er dasselbe bei Jack getan hat.“

„Und wie geht es jetzt weiter?“ Ted war der Erste, der es wagte, die Frage auszusprechen, die zweifellos allen durch den Kopf ging.

„Ich weiß es nicht. Ich bin sicher, Jack ist mit den Hotels und der Klage gegen den Fahrer, der den Unfall verursacht hat, mehr als ausgelastet. Von daher dürften wir ziemlich weit unten auf seiner Wichtigkeitsliste stehen.“

Ted wirkte nicht beruhigt.

„Nach der Weinlese mache ich einen Termin mit den Anwälten, und dann regeln wir alles.“ Aufmunternd tätschelte sie ihm die Schulter. „Geh nach Hause. Wir haben sehr anstrengende Tage vor uns.“

„Mit anderen Worten – ich sollte mich mit meiner Tochter beschäftigen, solange ich es noch kann?“

„Genau.“ Die Weinlese würde ihnen allen etwas geben, auf das sie sich konzentrieren konnten. Wenn die Lese vorbei war, würde Brenna allen bewiesen haben, dass sie mehr als fähig war, die Verantwortung zu tragen, die Max ihr hinterlassen hatte.

„Möchtest du zum Dinner zu uns kommen? Du weißt, dass du immer willkommen bist und Diane mehr als glücklich sein wird, dich durchzufüttern.“

Es war verführerisch, doch Brenna musste lernen, alleine klarzukommen. Diane hatte sie in den Wochen seit Max’ tödlichem Autounfall ohnehin schon viel zu sehr bemuttert, und Brenna musste jetzt stark sein. „Vielen Dank, aber nein. Gib meiner Patentochter einen Kuss von mir, ja?“

„Mach ich.“ Ted winkte noch einmal, dann war er verschwunden und ließ sie im Schatten des Haupthauses zurück, während er eilig den Weg zu dem kleineren Haus zurücklegte. Brenna sah das Licht in dem Apartment über dem Wein Shop, das er mit Diane und der kleinen Chloe bewohnte.

Auch Brenna hatte ein Licht angelassen, denn sie hatte sich noch nicht daran gewöhnt, abends in das stille und dunkle Haus zurückzukommen. Manchmal fragte sie sich, ob sie sich jemals daran gewöhnen würde. Vielleicht würde sie sich nach der Lese einen Welpen zulegen. Er konnte ihr Gesellschaft leisten, ihr das Gefühl geben, dass das Haus nicht ganz so leer war, wenn sie nach einem langen Arbeitstag zurückkehrte.

Ihre Schritte hallten im Korridor nach, als sie aus Gewohnheit den Weg zum Büro einschlug – jetzt, wo Max nicht mehr da war, nur noch ihr Büro. Dort wartete der Papierkram des Weinguts auf sie. Wie immer gab ihr die Arbeit eine Beschäftigung, um die langen Abende zu füllen.

Doch diesmal gelang es ihr nicht, sich zu konzentrieren. Teds Frage nach Jack hatte alles an die Oberfläche gespült, was sie bislang so erfolgreich unterdrückt hatte.

Amante Verano würde irgendwann in Jacks Terminkalender auftauchen, und Brenna hatte keine Ahnung, wie sie dann damit umgehen sollte.

Allein der Gedanke an Jack löste Gefühle in ihr aus, mit denen sie sich nicht auseinandersetzen wollte. Ihre gemeinsame Geschichte war zu kompliziert, als dass sie so hätte tun können, als gebe es sie nicht. Max war ihr väterlicher Freund gewesen, ihr Lehrmeister, und sie, Max und ihre Mom waren eine sehr glückliche Familie gewesen. Jack hatte nie dazugehört, was nur zum Teil seine eigene Entscheidung gewesen war. Wenn man dann noch ihre persönliche Vergangenheit hinzufügte, hatte man den Stoff für eine waschechte Seifenoper zusammen.

Doch irgendwann musste Brenna ihm begegnen. Bei dieser Erkenntnis schlug ihr Herz sofort einen Purzelbaum, und es half auch nicht, tief Luft zu holen und sich zur Ruhe zu mahnen. Himmel, sie sollte sich endlich wie eine reife Erwachsene verhalten, sich auf die Gegenwart konzentrieren und die Vergangenheit begraben.

Vor vielen Jahren hatte Jack ihr klargemacht, wie wichtig es war, Privates von Geschäftlichem zu trennen. „Lass nie zu, dass das Eine Auswirkungen auf das Andere hat“, hatte er zu ihr gesagt. Für ihn war es der Dreh- und Angelpunkt, und es schien zu funktionieren, denn seine Firma Garrett Properties wuchs und gedeihte an der ganzen Westküste.

Jack würde darauf achten, dass diese Sache rein geschäftlich blieb. Wenn Brenna selbst das auch hinbekam, würde vieles einfacher werden. Für alle, doch ganz besonders für sie und ihre eigene emotionale Gesundheit.

Brenna atmete tief ein. Sie würden es schaffen, eine Lösung zu finden, mit der alle leben konnten. Eine Lösung, die rein geschäftlicher Natur war und die die unschöne Vergangenheit ignorierte.

Die Tatsache, dass Brenna verrückt genug gewesen war, Jack einmal geheiratet zu haben, musste sie einfach ignorieren.

Jack hoffte inständig, dass der Hang zu geistigem Wahnsinn nicht in der Familie lag. Er betete, dass Max’ Testament nur ein Ausdruck frühzeitiger Altersverwirrtheit war, ausgelöst durch zu viel Wein – oder vielleicht auch nur ein merkwürdiger Scherz seines alten Herrn. Jedenfalls musste es eine Erklärung geben, und er wünschte sich, noch fünf Minuten mit seinem Vater zu haben, um zu erfahren, wo sich der Knalleffekt versteckte.

Andererseits war Wahnsinn die einzige Erklärung dafür, dass Jack nun ein halbes Weingut in Sonoma besaß. Er persönlich – nicht die Firma.

Und die andere Hälfte gehörte Brenna Walsh.

Den Großteil der Fahrt raus nach Sonoma verbrachte Jack damit, seine Entscheidung anzuzweifeln, sich persönlich um diese Angelegenheit zu kümmern. Sein Anwalt, Roger, hatte ihm angeboten, die Sache zu übernehmen, doch aus irgendeinem rätselhaften Grund hatte Jack das Gefühl gehabt, Brenna und er sollten diese Diskussion von Angesicht zu Angesicht führen. Je näher er jedoch dem Weingut und Brenna kam, desto klarer wurde ihm, dass dies vermutlich nicht gerade seine beste Idee gewesen war. Gott allein wusste, dass er mehr als genug Arbeit auf seinem Schreibtisch hatte. Er sollte sich besser auf seine Reise nach New York konzentrieren, um mit Garrett Properties weiter zu wachsen. Doch stattdessen hatte er beschlossen, erst diese Angelegenheit abzuwickeln.

Die Weinreben bedeckten inzwischen fast vollständig das Schild, mit dem man in Amante Verano willkommen geheißen wurde. Sie waren in den fünf Jahren, seit Jack zu dem Begräbnis von Brennas Mutter hergekommen war, um ein vielfaches gewachsen. Dicke, saftige Trauben hingen daran. Als er den Wagen in die Einfahrt zum Weingut lenkte, taten sich vor ihm endlose Reihen von Reben, das weiß gekalkte Haupthaus auf dem Hügel und das kleinere Holzgebäude auf, in dem sich der Wein Shop befand.

Es sah wenig anders aus als vor zwölf Jahren, als Max das Weingut gekauft hatte.

Das war noch gewesen, bevor sich das Hobby seines Vaters zu einer wahren Besessenheit entwickelte. Ehe er San Francisco ein für alle Mal den Rücken kehrte und hierher zog – um nur noch mit seinen Trauben herumzuspielen. Bevor Jack zum verantwortlichen Garrett in Garrett Properties wurde und die damit verbundenen Pflichten sein ganzes Leben umgekrempelt hatten.

Langsam fuhr Jack an dem kleinen Haus vorbei. Wo er Brenna wohl finden würde? In ihrem Labor? Dem Büro? Er wollte diese Angelegenheit so schnell wie möglich über die Bühne bringen, damit er sofort wieder in die Stadt zurückkehren konnte. Dieser Ort hing wie ein Stein um seinen Hals. Je eher er Brennas Unterschrift bekam, desto besser.

Er mochte Wein ja nicht mal, Herrgott noch mal!

Als Jack mit seinem Wagen den nächsten kleinen Hügel hochfuhr, sah er einen Traktor, der durch die Weinberge tuckerte und einen mit Trauben voll beladenen Anhänger hinter sich herzog.

Zwar hatte er sich nie dafür interessiert, doch selbst Jack wusste, dass es zu früh für die Weinlese war. Immerhin beantwortete es seine Frage nach Brennas Aufenthaltsort.

Brenna würde irgendwo in diesen verdammten Weinbergen stecken.

Jack seufzte. Entweder durchkämmte er die Weinberge nach ihr, oder er wartete im Haus, bis sie ihre Arbeit erledigt hatte.

„Bring’s hinter dich“, murmelte er.

Die ganze verdammte Situation verfluchend, parkte Jack seinen Wagen, trug Reisetasche und Laptop ins Haus, legte sie in dem Raum ab, der mal sein Zimmer gewesen war, und machte sich auf den Weg den Hügel hinunter, um seine Ex-Frau zu finden.

„Brenna, sie brauchen dich in der Kellerei. Die Pumpe spielt schon wieder verrückt“, rief Ted von dem Ende der Staudenreihe herüber, in der er arbeitete. „Rick hat ihr einen Tritt gegeben, aber es ist nichts passiert, deshalb hat er mich gebeten, dich rüberzuschicken.“

Brenna seufzte. Die neue Pumpe war noch immer nicht geliefert worden – es würde mindestens noch ein paar Wochen dauern, bis sie eintraf. Was mehr als genug Zeit für die Weinlese gewesen wäre, wenn sich Teds Trauben an ihren normalen Reifeprozess gehalten hätten. „Hat er ihr an der richtigen Stelle einen Tritt versetzt?“

Ted nickte. „Zweimal.“

Brenna richtete sich auf, steckte die Knipszange in ihre Gesäßtasche und streifte die Handschuhe ab, ehe sie sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte. „Großartig. Genau das, was ich heute nicht tun wollte.“ Der Schweiß lief ihr in Strömen den Rücken hinunter, und sie fühlte sich klebrig und überhitzt. Zumindest kam sie auf diese Weise früher aus der prallen Sonne heraus. Sie würde Diane anrufen und sie bitten, ihr zusammen mit dem Mittagessen ein frisches T-Shirt zu bringen.

Brenna holte bereits ihr Handy hervor und wählte die Nummer, während sie ging, und bemerkte den Mann, der ihr in den Weg trat, erst, als sie schon in ihn hineinlief. Der Zusammenstoß war so heftig, dass ihr das Telefon aus der Hand fiel und zu ihren Füßen im Staub landete.

„Tut mir leid“, entschuldigte Brenna sich, während sich ein Paar starker Hände um ihre Arme schloss und ihr Halt gab. In dem Sekundenbruchteil, der darauf folgte, registrierte ihr Gehirn das feine Baumwollhemd, das merkwürdig vertraute Gefühl dieses Griffs und den gediegenen, wohlriechenden Duft, der in ihre Nase drang.

Und dann schaltete sich der Rest ihres Gehirns vollkommen ab, während es nur noch einen Gedanken zuließ: Jack!

„Es ist ein bisschen früh für die Weinlese, Brenna, meinst du nicht?“

Seine tiefe Stimme sandte einen Schauer durch ihren Körper und verstärkte den Schock. Doch sein unüberhörbarer Sarkasmus half ihr, sich wieder zu sammeln. Mit einer – wie sie hoffte – lässigen Bewegung schüttelte sie seine Hände ab und versuchte, sich seinem Ton anzupassen. „Die Trauben sind reif, wenn sie reif sind. Das solltest du wissen.“

Leider beging sie den Fehler, ihm während sie sprach ins Gesicht zu blicken. Das strahlende Blau seiner Augen traf sie so unvermittelt, dass sie einen Schritt zurücktrat. Rasch bückte sie sich, um ihr Handy aufzuheben. Doch als sie sich wieder aufrichtete, bemerkte sie, wie sein prüfender Blick über ihren Körper wanderte. Er betrachtet ihr schweißdurchtränktes T-Shirt, die abgetragene Jeans und die staubigen Arbeitsstiefel, ehe er ihr wieder ins Gesicht schaute.

Brenna konnte nur hoffen, dass er ihre glühenden Wangen auf die Hitze der Sonne zurückführte und nicht etwa auf seinen forschenden Blick. Jedenfalls pochte ihr Herz viel zu heftig, und ihre Handflächen waren feucht. Reiß dich zusammen. „Was führt dich nach Amante Verano, Jack?“

Die Frage schien ihn zu amüsieren. „Ich weiß, dass der Anwalt dir Max’ Testament erklärt hat. Du musstest doch damit rechnen, dass ich kommen würde.“

„Ehrlich gesagt, nein. Ich hatte mit einem weiteren Anruf deines Anwalts gerechnet, nicht mit einem persönlichen Besuch von dir.“ Das war die längste Unterhaltung, die sie und Jack seit fünf Jahren geführt hatten, und Brenna meisterte sie nicht besonders gut, wie sie fand. Dazu klang sie viel zu kratzbürstig.

„Hierfür brauchen wir keine Anwälte.“ Jack zog einen braunen Umschlag aus der Gesäßtasche seiner Jeans. „Wenn wir vielleicht an einen ungestörten Ort gehen könnten …“

Ein ungestörter Ort. Brennas Beine zitterten ein wenig, als die Worte eine Flut von Erinnerungen hervorriefen. Jener Sommer nach ihrem Schulabschluss, als die Suche nach einem „ungestörten Ort“ immer dazu geführt hatte, dass …

Rasch rief sie sich zur Ordnung und verbannte die Erinnerungen und das damit verbundene Prickeln in die Vergangenheit, wo sie hingehörten. „Falls du es nicht bemerkt hast, ich bin im Moment sehr beschäftigt. Du erinnerst dich doch noch daran, wie die Dinge hier laufen, oder?“

„Brenna …“ Jack biss nur mit Mühe die Zähne zusammen, was seine Frustration sehr deutlich zum Ausdruck brachte.

Ihr half es jedoch. Irritation und Verärgerung ersetzten die ersten, wesentlich gefährlicheren Gefühle. Sie würde nicht zulassen, dass Jack nach all den Jahren daherkam und so tat, als würde alles ihm gehören. Gut, die Hälfte gehörte tatsächlich ihm. Außerdem nagte das Schuldgefühl ein wenig an ihr, dass sie der Grund dafür war, weshalb er nie mehr hierherkam. Und dennoch …

Jack war nicht der Chef von Amante Verano. Oder von ihr. Was auch immer so ungeheuer wichtig war, dass es ihn aus dem ach so aufregenden San Francisco gelockt hatte, konnte verdammt noch mal warten. „Ich habe Trauben, die an Qualität verlieren, während ich hier stehe und mit dir rede. Und ich muss eine verfluchte Pumpe reparieren, wenn ich sie heute Abend noch in die Tanks bringen will. Du wirst dich einfach gedulden müssen.“

Zufrieden mit sich, weil sie das letzte Wort gehabt hatte, wollte Brenna an ihm vorbeigehen und ihre Arbeit zu Ende bringen. Doch Jack griff blitzschnell nach ihrem Arm und hielt sie fest. Dabei zog er sie näher an sich heran, als ihr lieb war.

Hitze, wirkliche Hitze von der Art, wie Brenna sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte, strömte durch ihren Körper. Er war ihr so nah, dass sie sich selbst in seinen Augen sehen konnte. Sie roch den herben Duft seines Aftershaves und schluckte schwer. „Jetzt nicht, Jack. Ich bin …“

„Beschäftigt, ich weiß. Das bin ich auch. Meinst du, ich wollte hierherkommen?“ Er zog die Augenbrauen zusammen und schaute sie finster an. „Ich verkaufe meine Hälfte des Weinguts“, erklärte er unumwunden.

Zuerst fühlte Brenna Schock, dann heißen Zorn. „Das kannst du nicht! Max hat die Partnerschaft so eingerichtet, dass …“

„Oh, ich bin mir durchaus bewusst, wie Max diese lächerliche Partnerschaft eingerichtet hat. Sie ist nur halb legal und vollkommen unsinnig. Aber ich habe einen Käufer gefunden, und alles, was du noch tun musst, ist zu unterschreiben.“

Brenna hatte nicht damit gerechnet, Amante Verano jetzt schon zu erben – geschweige denn, es mit Jack zu teilen. Doch er besaß nicht das Recht, seine Hälfte zu verkaufen. Sein Verhalten verschlimmerte alles. „Eher gefriert die Hölle, als dass ich etwas dieser Art unterschreibe. Tut mir leid, dass du das Abkommen unangenehm findest. Glaub mir, auch ich bin nicht gerade begeistert. Aber wir sitzen nun einmal im selben Boot.“

„Du bist mich sofort los, sobald du den Vertrag unterschrieben hast.“

Sein Griff um ihren Arm wurde allmählich schmerzhaft. Wütend schlug Brenna seine Hand fort. Daraufhin trat er zwar einen Schritt zurück, und ein Nerv in seiner Wange zuckte sichtbar.

Gereizt blickte sie ihn an. „An wen willst du verkaufen? Lass mich raten. Du hast jemanden gefunden, der eine gelegentliche Abwechslung vom Leben in der Stadt braucht und an den Wochenenden hier ein wenig auf Winzer machen will?“ Jacks Gesichtsausdruck sagte alles. „Meine Antwort lautet Nein.“

„Das akzeptiere ich nicht, Brenna. Ich will kein Weingut. Nicht mal die Hälfte davon.“

„Pech. Denn ich werde ganz sicher nicht die Hälfte all dessen, wofür Max und ich gearbeitet haben, mit jemandem teilen, der keine Ahnung davon hat.“

„Du würdest dich lieber mit mir rumschlagen? Ist das nicht schlimmer?“

Wie sollte sie Jack ihre Gründe erklären? Sie verstand es ja selbst kaum. Und würde es einen Unterschied machen, selbst wenn sie es täte? „Im Zweifelsfall entscheide ich mich lieber für den Teufel, den ich bereits kenne.“

Jack öffnete den Mund, um etwas darauf zu erwidern, doch in diesem Moment klingelte Brennas Handy. Ein rascher Blick auf die Nummer erinnerte sie an all die Dinge, die sie erledigen musste, anstatt hier mit Jack zu stehen und zu diskutieren.

„Ich werde jetzt eine Pumpe zerlegen, weil ich Wein herstellen muss. Das Gespräch ist beendet.“

Diesmal hielt Jack sie nicht auf – was gut war, denn mittlerweile war sie so wütend, dass sie ihm vermutlich eine Ohrfeige verpasst hätte. Dennoch hinderte es ihn nicht daran, das letzte Wort zu behalten.

„Es ist noch lange nicht beendet, Brenna“, rief er ihr hinterher. „Finde dich damit besser schon einmal ab.“

Jack ließ sie davonstürmen. Selbst nach zehn Jahren wusste er noch ganz genau, wann Brenna wütend war. Vielleicht war es ein taktischer Fehler gewesen, sich ihr auf diese Art und Weise gegenüberzustellen. Er hatte zugelassen, dass sein Bedürfnis, diese Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, sich über seinen Geschäftssinn hinwegsetzte. Zur Hölle, auch sein gesunder Menschenverstand schien sich verabschiedet zu haben – wie immer, wenn er in Brennas Nähe war.

Das war die einzig logische Erklärung.

Dabei hatte er das Gespräch so sorgfältig geplant – er kannte Brenna gut genug, um zu wissen, wie er am besten an sie herantrat. Doch als sie mit ihm zusammengestoßen war, hatte er sich an jede einzelne Kurve ihres Körpers erinnert und seinen ursprünglichen Plan prompt vergessen.

Er hätte wissen müssen, dass sie auf seine Neuigkeit so und nicht anders reagieren würde. Ihre gemeinsame Geschichte machte die Situation schon schwierig genug – wenn man dann noch Brennas aufbrausendes Temperament hinzunahm … Was hatte Max gesagt, kurz nachdem sie und ihre ebenfalls kupferrothaarige Mutter eingezogen waren? „Die einzigen Dinge, die ich fürchte, sind rothaarige Frauen und Putts, die hügelabwärts liegen.“ Da Jack kein Golf spielte – er besaß weder genug Zeit noch Geduld für dieses Spiel –, hatte er die Warnung damals in den Wind geschlagen. In der Folge musste er auf die harte Tour lernen, dass zumindest die eine Hälfte von Max’ Aussage der Wahrheit entsprach. Zu schade, dass er das schon wieder vergessen hatte, bevor er hierherkam.

Er hätte diese Sache seinem Anwalt überlassen sollen, anstatt zu glauben, er und Brenna könnten es einfach unter sich regeln. Zum Teufel, hatte er nicht vor langer Zeit gelernt, dass nichts mit Brenna einfach war?

Mit einem Stöhnen voller Selbstverachtung steckte Jack den Umschlag mit dem Vertrag wieder in seine Hosentasche. Heute Abend, wenn die Ernte des Tages sicher in den Tanks war, würden er und Brenna erneut reden. Schließlich konnte sie ihm nicht ewig aus dem Weg gehen.

Er musste ohnehin noch ein paar Akten in Max’ Büro durchsehen. Doch selbst mit dieser Verzögerung hatte Jack genug Zeit, sich mit ihr auseinanderzusetzen, das Geschäft zu besiegeln und spätestens morgen früh wieder aus Sonoma zu verschwinden.

2. KAPITEL

Duschen. Essen. Trinken. Der Gedanke an diese drei Belohnungen sorgte dafür, dass Brenna es schaffte, sich zurück zum Haus zu schleppen. Doch der schwarze Mercedes neben ihrem Jeep war eine unwillkommene Erinnerung an Jacks Anwesenheit. Nicht, dass sie eine gebraucht hätte. Den ganzen Nachmittag war er ihr nicht aus dem Kopf gegangen. Es hatte sie abgelenkt und ihren Blutdruck in die Höhe getrieben.

Sie ließ die schmutzigen Stiefel in der Eingangshalle stehen und steuerte schnurstracks auf die Sicherheit ihres Schlafzimmers zu. Jack musste sich in seinem alten Zimmer einquartiert haben, denn das Haus klang genauso still und leer wie immer in den vergangenen Wochen. Genau genommen war Jacks altes Zimmer jetzt die Gästesuite, aber Max hatte immer darauf gehofft, dass sein Sohn den Raum eines Tages wieder nutzen würde.

Und nun tat er es. Dazu hatte es nur bedurft, dass Max starb und ihm die Hälfte des Weinguts hinterließ. Während die Dusche den Schmutz des Tages abwusch, überfiel Brenna das ihr bereits bekannte Schuldgefühl. Max hatte nie etwas zu ihr gesagt, aber sie wusste ganz genau, dass er tief im Inneren ihr die Schuld daran gegeben hatte, dass zwischen ihm und seinem Sohn ein Keil entstanden war.

Seit zehn Jahren versuchte sie tagtäglich, es wiedergutzumachen – und wenn sie nur dafür sorgte, dass das Weingut zu dem wurde, was Max sich immer vorgestellt hatte. Die neue Partnerschaft mit Jack erschwerte dieses Ziel. Doch auch wenn sie rein sachlich betrachtet verstand, warum Max das Weingut zwischen ihr und Jack aufgeteilt hatte, verkomplizierte es die Situation gehörig.

Seufzend drehte Brenna das Wasser ab. Amante Verano war immer wie der Fels in der Brandung für sie gewesen. Ihre Zuflucht. Und nun geriet sogar dieses Fundament ins Wanken. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken. Und etwas zu essen.

Als sie sich abtrocknete und in einen sauberen Pyjama schlüpfte, knurrte ihr Magen so laut, dass sie ihr Haar einfach an der Luft trocknen ließ und sofort in die Küche hinübertrottete.

Diane, Gott segne sie, hatte ihr einen Teller in den Kühlschrank gestellt. Schon sehr schnell war Brennas Essen aufgewärmt. Dazu gab es ein schönes Glas Wein. Brenna stellte den Teller auf die Küchenbar und griff nach der Bedienung für den Fernseher in der Küche.

Gerade als sie den ersten Bissen nahm, spazierte Jack zur Tür herein, was zur Folge hatte, dass Brenna sich an Dianes selbstgemachter Quiche verschluckte.

Sein schwarzes ärmelloses T-Shirt enthüllte starke Schultern und sexy Armmuskeln, die vor Schweiß glänzten. Seine kurze Sporthose saß so tief auf den Hüften, dass ein Stück Waschbrettbauch zu sehen war, als er ein Glas aus dem Schrank holte und mit Wasser füllte.

Gnade.

Oh, Brenna erinnerte sich nur zu gut an seinen Körper – doch ihn in Fleisch und Blut vor sich zu sehen, führte dazu, dass sie einen trockenen Hals bekam und sie kaum noch schlucken konnte. Sie hustete. Jack schaute sie besorgt an und streckte bereits die Hand aus.

Brenna wollte nicht, dass er sie berührte. Nicht einmal, um ihr auf den Rücken zu klopfen. Sie winkte ihn fort und schluckte mühsam, dann griff sie nach dem Wein, der gleich darauf brennend ihre Kehle hinabfloss. Sie hustete ein letztes Mal und zwang sich, tief Luft zu holen.

Zwar atmete sie immer noch ein wenig mühsam, doch immerhin erstickte sie nicht mehr. „Wie ich sehe, hast du Max’ Fitnessraum entdeckt.“

„Ja, habe ich. Nicht schlecht, die Ausstattung.“ Jacks Augenbrauen schossen in die Höhe, als er mit einiger Verzögerung erkannte, dass Brenna nur einen Pyjama trug. Sie spürte, wie sie rot wurde. Reiß dich zusammen. Es ist nur ein Pyjama. Noch dazu ein langweiliger. Iss einfach.

„Max schien zu glauben, dass wir einen brauchen, was ich nie verstanden habe. Normalerweise halten wir uns hier auf altmodische Weise fit.“

Starr ihn nicht an, um Himmels willen!

„Ich erinnere mich.“

Jack lehnte an der anderen Seite der Küchentheke. Sie spürte seinen Blick auf sich, weshalb sie sich aufs Essen konzentrierte. Am liebsten wäre sie mit dem Teller in ein anderes Zimmer gegangen. Irgendwann wurde ihr sein Blick einfach zu viel. „Musst du mir beim Essen zuschauen?“

„Du bist heute Abend ein wenig feindselig.“ Vollkommen ruhig und gelassen hob er das Glas und trank, was sie nur noch nervöser machte.

„Wundert dich das? Du tauchst hier auf, verkündest, dass du verkaufen willst – ohne es vorher mit mir abzusprechen –, und erwartest, dass ich mich freue? Komm runter, Jack.“

Ein Schweißtropfen rann an einer Seite seines Gesichts hinunter. Er wischte ihn fort und ermöglichte Brenna dabei einen weiteren Blick auf seinen muskulösen Bauch. Hitze sammelte sich tief in ihrem Leib. „Also schön, wie du willst“, entgegnete er. „Wir können gerne die Plaudereien lassen und ohne Umschweife zum Geschäftlichen kommen.“

Sein Ton wirkte wie eine eiskalte Dusche. Brenna bog den Rücken durch und tat so, als würde sie wesentlich mehr als nur einen dünnen Pyjama tragen. „Zum Geschäftlichen. Hervorragend. Wie du gesehen hast, haben wir eine Traubensorte, die bereits sehr früh reif ist – eine Hybrid-Rebe, der Max und Ted in den vergangenen Jahren ihre ganze Aufmerksamkeit geschenkt haben. Ich werde einen hervorragenden, jedoch einfachen Weißwein daraus machen, mit dem Amanto Verano schlagartig bekannt werden wird.“ Sie stand auf, umrundete die Küchenbar und stellte den Teller in die Spülmaschine. „Ich werde dir rechtzeitig Bescheid geben, wenn er verkostet werden kann.“

Jack hatte sich keinen Zentimeter bewegt, sodass sie ihm jetzt viel näher war. Genau genommen war sie ihm so nah, dass sie seinen Duft einatmen konnte. Sie versuchte, ganz flach durch den Mund zu atmen, während sie die Maschine schloss, sich aufrichtete und ihn anblickte.

Er hatte die Arme über der Brust verschränkt. „Mir ist völlig egal, was du mit diesen Trauben anstellst. Ich will einfach nur, dass du den Verkauf unterschreibst.“

„Falls ich mich heute Nachmittag undeutlich ausgedrückt habe – meine Unterschrift bekommst du nur über meine Leiche. Ich lasse nicht zu, dass du die Hälfte des Weinguts an irgendeinen Fremden verkaufst.“

„Was willst du dann, Brenna?“ Seinem Ton war anzuhören, dass er seine Verärgerung nur mühsam kontrollieren konnte.

„Ich will, dass du nach San Francisco zurückfährst. Kümmere dich um deine Hotels und lass Amante Verano …“, und mich fügte sie in Gedanken hinzu, „… in Ruhe.“ Sie hatte so schnell gesprochen, dass sie erst einmal Luft holen musste. „Du kannst ein stiller Partner sein. Lass uns einfach unsere Arbeit machen, und wir schicken dir am Ende des Jahres einen Scheck über deinen Anteil am Gewinn.“

„Gewinn?“ Jack lachte humorlos, was sie bis ins Innerste traf. „Dieses verdammte Weingut hier verschlingt Geld wie Heu. Ohne Max’ Kapital …“

„Wir hatten zu Beginn ein paar Schwierigkeiten, ja, aber wir sind gerade dabei, das Blatt zu wenden. Hast du eine Vorstellung davon, wie lange es dauert, bis ein Weingut gewinnbringend arbeitet? Jahre, Jack. Wir sind fast da, lange bevor wir damit gerechnet haben.“

„Ich habe mir eure Bücher angesehen, Bren.“

Bren. Der Spitzname brachte sie im ersten Moment aus dem Konzept. „Dann weißt du ja, dass ich die Wahrheit sage.“

„Das spielt keine Rolle. Wie oft muss ich dir noch erklären, dass ich kein Weingut haben will?“

Ihre Frustration wurde immer größer. Sie wünschte, sie würde die Gabe besitzen, sie genauso mühelos in Schach zu halten wie Jack. „Es ist nur ein Weingut, um Himmels willen, kein Bordell.“

Er schnaubte. „Nein, Bordelle werfen Gewinn ab.“

„Genauso wie Weingüter. Du musst einfach nur Geduld haben. Nicht, dass du auch nur den Hauch einer Ahnung hättest, wie das geht“, fügte sie leise hinzu.

„Brenna …“ Ungeduld lag in seiner Stimme, und erneut tickte ein Nerv an seiner Wange.

Ihr reichte es endgültig. „Wer ist denn jetzt feindselig?“

„Wenn ich feindselig bin, dann liegt es nur daran, dass du vollkommen unvernünftig bist. Wieder einmal.“

Es schien, als wären sie in eine Zeitschleife geraten. Er war noch keinen Tag da, und schon stritten sie wieder miteinander. Oh, wie gerne hätte Brenna irgendetwas nach ihm geworfen! „Fang nicht damit an.“

Sein Kiefer verkrampfte sich. „Eigentlich möchte ich nichts anfangen, sondern es beenden.“

Sie trat einen Schritt zurück. „Wieso willst du so unbedingt verkaufen? Das hier ist Max’ Vermächtnis.“

„Max’ Vermächtnis ist Garrett Properties.“

„Und davon würdest du ohne Weiteres einen Teil verkaufen?“

„Wenn der Preis stimmt und die Situation es erfordert, ja. Man nennt das Geschäfte machen, Brenna.“ Endlich gab Jack seine lässige Haltung auf und stieß sich von der Küchenbar ab. Sofort hatte Brenna das Gefühl, sie sollte irgendeinen Abstandhalter zwischen sich und ihn bringen. Dann könnte er sich nicht so bedrohlich vor ihr aufbauen.

„Es gibt einen Unterschied, Jack. Das hier ist für mich mehr als ein Geschäft. Mehr als ein Kontoauszug oder eine Gewinnausschüttung. Es ist mein Zuhause.Lass nicht zu, dass es persönlich wird. Konzentrier dich auf das Wesentliche. „Ich werde dich ausbezahlen.“

Jack starrte sie überrascht an. „Du besitzt so viel Geld? Ich bin wirklich beeindruckt, Bren.“

„Nun, nein.“ Brenna wanderte hastig hin und her, während sie fieberhaft nachdachte. „Im Moment geht es nicht, aber irgendwann schon. Vielleicht kann ich es dir über mehrere Jahre hinweg zahlen …“

„Ich binde mich nicht ewig an diesen Ort.“

„Dann scheinen wir uns in einer Sackgasse zu befinden.“ Oh, das musste ihn wirklich ärgern. Die Art und Weise, wie er die Augen zusammenkniff, bewies ihr, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lag und sie noch eins oben draufsetzen konnte. „Ich gehe jetzt ins Bett. Morgen früh muss ich Trauben ernten. Fühl dich ganz wie Zuhause. Oder noch besser, fahr zurück. Wir sind hier fertig.“

Jack trat vor sie und versperrte ihr den Weg. Schon wieder fühlte sich Brenna ihm viel zu nah, und dummerweise reagierte ihr Körper sofort. „Nein, das sind wir nicht“, versetzte er wütend.

Sie brauchte unbedingt Abstand von ihm, brauchte Ruhe und Raum, um sich zu überlegen, was sie tun sollte. „Geh mir aus dem Weg.“

„Was? Damit du wieder davonlaufen kannst? Auf Zeit spielen? Das Unausweichliche hinauszögern?“

Brenna musste den Kopf zurücklegen, um ihm in die Augen zu sehen. „Das Unausweichliche? Der Verkauf soll unausweichlich sein? Wohl kaum.“

„Wenn du auch nur einen Funken Geschäftssinn hättest, dann wüsstest du, dass diese Partnerschaft niemals funktionieren wird. Du kannst jetzt verkaufen oder später alles verlieren.“

Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. „Das würdest du nicht tun. Du würdest niemals absichtlich ein Geschäft – egal welches – den Bach runtergehen lassen. Das liegt nicht in deiner Natur.“

Jack trat zurück. Endlich gab er Brenna den Raum, den sie brauchte, und sie atmete erlöst auf. Die Erleichterung schwand jedoch, als er sich nicht so leicht abschütteln ließ. „Es gibt für alles ein erstes Mal, Brenna.“

Die Erkenntnis, dass er ihr tatsächlich drohte, war mehr als ernüchternd. Sicher, er konnte nicht ohne ihre Zustimmung verkaufen. Aber es wäre ihm ein Leichtes, ihr das Leben so schwer zu machen, dass an vernünftige Geschäfte nicht zu denken war. Eine solche dramatische Entwicklung war ihr niemals in den Sinn gekommen, doch irgendetwas in seinen Augen sagte ihr, dass er es durchaus tun konnte. Tun würde. Brennas Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, als sie fragte: „Hasst du mich wirklich so sehr?“

Jacks Blick glitt über sie, ehe er antwortete. „Es ist rein geschäftlich.“

War das wirklich so? Und trotzdem hatte er einfach eine Grenze überschritten, egal was er jetzt behauptete.

„Geh und lauf wieder davon, Bren, aber denk darüber nach, was ich gesagt habe. Morgen reden wir weiter.“

Auf wackligen Beinen, doch hoch erhobenen Hauptes, verließ Brenna die Küche. Sobald sie ihr Schlafzimmer erreicht hatte, ließ sie sich gegen die Tür fallen und schloss die Augen.

So hatte sie Jack noch nie erlebt. Nicht einmal nach ihrem letzten Streit, als sie damals ihre Sachen gepackt und er ihr ein Taxi gerufen hatte, das sie wieder hierhergebracht hatte. Wenn man Jack zu sehr zusetzte, wurde er normalerweise mürrisch, nicht jedoch kalt und berechnend. Und da er niemals leere Drohungen ausstieß … Verdammt!

Brenna blickte gen Himmel. „Warum tust du mir das an, Max?“

Die Antwort blieb aus. Brenna warf sich aufs Bett, vollkommen erschöpft, doch immer noch nervös und angespannt.

Stöhnend zog sie das Kissen über ihren Kopf. Mit achtzehn hatte sie geglaubt, dass Max und ihre Mom Amante Verano für immer leiten würden. Sie selbst wollte ihr Wissen in die Welt hinaustragen, wollte den Massen die Kunst der Weinherstellung beibringen, wollte Weingüter in Frankreich und Italien besuchen und neue Ideen mit nach Hause bringen. Vor allem aber wollte sie endlich aus Sonoma herauskommen und etwas bewegen. Jack hatte ihren Wunsch unterstützt.

Doch in der großen weiten Welt schien kein Platz für sie zu sein, und so kehrte sie nach Hause zurück. Dann starb ihre Mutter …

Offensichtlich gehörte Brenna nach Amante Verano. Das hatte sie akzeptiert, hatte es zu ihrem Lebensinhalt gemacht.

Sie konnte nicht zulassen, dass Jack das untergrub. Nicht jetzt. Egal wie sehr er diesen Ort auch hasste.

Oder sie.

Zum zweiten Mal an diesem Tag ließ Jack Brenna davonstürmen, wobei er sich fragte, was mit seinem berühmten Feingefühl passiert war. Normalerweise handhabte er jede Situation mit äußerstem Geschick. Bloß nicht, wenn es mit Brenna zu tun hatte. Sie wusste seit jeher, welche Knöpfe sie bei ihm betätigen musste, um ihn dazu zu bringen, die Beherrschung zu verlieren – es war eine bittere Pille, die er zu schlucken hatte, denn für gewöhnlich ließ er nie zu, dass er die Beherrschung verlor.

Brenna war sein wunder Punkt. Nichts zwischen ihnen war jemals leicht oder vorhersehbar gewesen. Nur Drama, Stress und Kampf.

Oh, bei ihrer ersten Begegnung hatte es ordentlich gekracht. Doch nachdem das erste Feuer verglüht war, zerbrach ihre Beziehung mit alarmierender Geschwindigkeit. All die Träume, Hoffnungen und Pläne hatten der Realität nicht standhalten können – Liebe allein war nicht genug gewesen. Und ehe sie sich versahen, machten sie sich nur noch unglücklich.

Ausgenommen im Bett. Vertraute Hitze breitete sich auf Jacks Haut aus. Sex mit Brenna war in etwa so wie ein Streichholz an eine Zündschnur zu halten – heiß, gefährlich, explosiv.

Und letztlich zerstörerisch.

Wenn der heutige Abend irgendeinen Aufschluss gab, so den, dass er sich trotz der Jahre, die vergangenen waren, nur zu gut an die Leidenschaft erinnerte, die sie geteilt hatten. Brennas schlichter Pyjama verbarg ziemlich gut, was sich darunter befand, dennoch hatte sein Körper reagiert, und das alte Bedürfnis, sie unter sich zu spüren, und zwar so schnell wie möglich, war geweckt.

Doch sobald Brenna auf ihn losgegangen war, hatte ihn die Realität wieder eingeholt. Auch wenn es ihn immer noch in den Fingern juckte, sie zu berühren, erinnerte er sich ganz genau daran, warum sie sich in diesem Schlamassel befanden.

Himmel, er brauchte etwas Stärkeres als Wasser. Ein kurzer Blick enthüllte mehrere Flaschen Wein – nichts, was ihn interessiert hätte. Wein auf der Küchenbar, Wein in den Schränken, Wein in dem großen Kühlschrank. Gab es irgendwo in diesem verdammten Haus ein Bier?

Max bewahrte vermutlich einen Scotch in seinem Schreibtisch auf. Das war immer so gewesen. Seine Leidenschaft für Wein hatte nichts an seiner Liebe für einen guten Single Malt geändert.

Jack musste an Brennas Schlafzimmer vorbei, um ins Büro zu gelangen. Unter dem Türspalt war Licht zu erkennen. Doch aus dem Raum selbst drang kein einziger Laut, als er kurz vor der Tür stehen blieb und sich fragte, ob er einen Fehler begangen hatte, indem er Brenna mitten in der Diskussion davonlaufen ließ.

Diskussion? Er schien nicht einmal in der Lage zu sein, ein vernünftiges Gespräch mit ihr zu führen – egal zu welchem Thema.

Das Büro von Amante Verano war groß, vermutlich größer, als es bei diesem recht kleinen Weingut nötig gewesen wäre. Aber das war nun einmal Max’ Stil – sein alter Schreibtisch dominierte den ganzen Raum. Ein kleinerer Schreibtisch, der wahrscheinlich Brenna gehörte, stand in einem Neunziggradwinkel zu dem von Max.

Jack fand in der zweiten Schublade links den Scotch, auf den er gehofft hatte. Er lehnte sich im Stuhl seines Vaters zurück, schenkte sich zwei Fingerbreit ein und betrachtete nachdenklich Brennas Schreibtisch. Ursprünglich hatte sein Vater geplant, dass dieser Tisch Jack gehören sollte, von wo aus er sowohl das Weingut als auch die Hotels hätte leiten können. Für Max spielte es keine Rolle, dass sein Sohn daran keinerlei Interesse zeigte.

Himmel, nachdem Max den ersten Schock darüber verwunden hatte, dass Jack und Brenna durchgebrannt waren, freute er sich wie ein Schneekönig über diesen „Zusammenschluss“. Die Scheidung gab Jack schließlich einen triftigen Grund, Amante Verano all die Jahre fernzubleiben, doch es schien ganz so, als wolle Max in dieser Sache das letzte Wort für sich behalten.

„Tut mir leid, alter Mann. Du kannst mich nicht dazu zwingen, dieses Weingut zu leiten.“

Egal was Brenna glauben mochte, sie war nicht einmal der Hauptgrund, warum Jack aus dieser Partnerschaft raus wollte. Max’ eigentliches Kerngeschäft fraß schon genug von Jacks Zeit auf, besonders seit sein Vater ihm alle Hotels übertragen hatte, um sich ganz dem Weingut widmen zu können. Natürlich machte Brennas Anwesenheit die Sache noch schwieriger und damit kein bisschen attraktiver.

Schweigend nippte er mehrere Minuten lang an dem Whisky. Als er ein Geräusch hörte, blickte er sich um und bemerkte, wie eine barfüßige Brenna in den Raum schlüpfte.

„Ich dachte, du müsstest morgen früh raus.“

Brenna zuckte zusammen, stieß einen kleinen Schrei aus und wirbelte herum, um die Stimme zu orten. „Verdammt, Jack, du hast mich zu Tode erschreckt! Was machst du hier?“

Er zuckte die Achseln. „Ich könnte dich dasselbe fragen.“

„Das hier ist mein Büro.“ Trotzig schob sie das Kinn vor.

Jack konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie ein wenig zu ärgern, weshalb er ihr mit dem Glas zuprostete. „Und nun gehört es zur Hälfte mir.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Wie auch immer.“ Wortlos ließ sie sich auf den Stuhl sinken, drehte Jack den Rücken zu und schaltete den Computer ein. Ihre Finger flogen über die Tastatur, was das einzige Geräusch war, das das Schweigen füllte. „Das neue Hotel in Monterrey verkauft den Pinot schneller, als ich ihn liefern kann. Max’ Idee, unsere Weine in euren Luxushotels anzubieten, ist Gold wert“, bemerkte sie schließlich.

„Das ist schön.“

„Ja, und ob.“ Sie streifte ihr Haar über die Schulter, worauf es bis auf den Stuhl hinabfiel. Dort, wo das Licht darauf traf, schimmerte es in einem warmen Kupferton. „Es bedeutet, dass du deine Gewinnausschüttung schneller als gedacht bekommen könntest.“

Sollte ihn das etwa davon überzeugen, dass es eine gute Sache war, die Hälfte dieses Weinguts zu besitzen? „Ich brauche das Geld nicht.“

Brenna zuckte die Schultern. „Gut. Dann kaufe ich stattdessen neue Tanks.“

Soviel zum Thema höfliche Unterhaltung. „Du hast gerade erst neue Tanks gekauft.“

Sofort wirbelte Brenna in ihrem Stuhl herum. „Willst du damit andeuten, dass ich …?“

Er sollte sie nicht so reizen, aber aus irgendeinem Grund konnte er es nicht lassen. „Ja, genau das will ich. Du hast neue Tanks gekauft. Italienische. Sehr teuer. Ich habe die Rechnung gesehen.“

Brenna bog den Rücken durch. Scheinbar bemühte sie sich um einen sachlichen, geschäftsmäßigen Ton. „Ich ersetze nach und nach alle alten Tanks, die nicht mehr zu verwenden sind, und die besten kommen nun mal aus Italien. Da nur die beste Ausstattung mir ermöglicht, den besten Wein herzustellen, ist es gut angelegtes Geld.“ Sie holte tief Luft. „Wieso schnüffelst du überhaupt in meinen Rechnungen herum? Ich dachte, dieses Weingut wäre dir egal.“

„Das ist es auch. Aber da mir die Hälfte gehört …“, er liebte die Art und Weise, wie sich ihre Augen jedes Mal verengten, wenn er es erwähnte, „… muss ich dafür sorgen, dass es vernünftig läuft. Das liegt nun mal in meiner Natur, erinnerst du dich?“

Es dauerte ungefähr eine Sekunde, bis Brenna explodierte. „Willst du etwa jede meiner Entscheidungen kontrollieren?“

„Natürlich. Hast du mir vorhin nicht zugehört?“ Brennas Augen weiteten sich. Jack konnte von Glück sagen, dass Blicke nicht töten konnten. „Aber du weißt ja, dass es ganz einfach ist, mich von deinen Büchern fernzuhalten. Unterschreib an der richtigen Stelle, Bren, und schon bist du mich los.“

Ohne zu antworten, wandte sie sich wieder dem Computer zu. Sie begann zu tippen, doch dann hielt sie inne und lehnte sich zurück. „Zuerst drohst du mir, das Weingut zu zerstören, und dann, mich in den Wahnsinn zu treiben. Wenn ich daran denke, dass Max immer behauptete, wie gut du für Amante Verano wärst …“

„Es gibt eine ganz einfache Lösung, und das weißt du auch.“

„Es ist überhaupt nicht einfach.“ Sie verschob den Stuhl ein wenig und wandte Jack ihr Profil zu. Ihre Augen waren geschlossen, und sie schluckte schwer, während sie sich erschöpft mit den Händen über das Gesicht fuhr.

Als sie sich wieder zu ihm umdrehte, klang ihre Stimme zur Abwechslung versöhnlich. „Max wünschte sich, dass Amante Verano ein kleines Familienunternehmen bleibt. Er wollte nicht, dass Fremde hinzustießen.“

„Und was genau bist du dann?“

Brenna zuckte zurück, als hätte er sie geschlagen, woraufhin er die Härte seiner Worte gerne abgemildert hätte.

„Das ist unfair, Jack. Wir waren eine Familie, und das hier ist ein Familienunternehmen.“

„Brenna …“

Sie hob eine Hand. „Warte. Lass uns …“ Sie holte erneut tief Luft und blickte ihn über Max’ riesigen Schreibtisch hinweg an. „Ich möchte nicht mehr streiten. Vor allem nicht mit dir.“

„Dann lass es. Keiner von uns beiden hat sich diese Situation gewünscht.“

Zuerst öffnete sie den Mund, um etwas zu erwidern, doch dann schloss sie ihn wieder, kaute auf der Unterlippe herum und dachte nach. „Du hast recht. Ich möchte dich genauso wenig hier haben, wie du hier sein möchtest. Aber …“ Ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern, während sie ihre Augen wieder öffnete und ihn flehentlich anblickte. „Ich brauche dich.“

Das Verlangen, das Jack bei diesen drei einfachen Worten überfiel, war so groß, dass er fast das Glas fallen ließ. Oh, ein Teil von ihm wusste, dass sie immer noch über das verdammte Weingut redete, aber sein Körper reagierte auf das heisere Wispern. Wie oft hatte sie ihm diese Worte ins Ohr geflüstert, während sie bereits ihre Beine um seine Hüften schlang? Jack rutschte auf dem Stuhl herum und versuchte, seine Reaktion unter Kontrolle zu bringen.

Brenna schien das nicht zu bemerken. „Max war der Kopf der Firma. Ich bin sicher, dass du das weißt. Und ich könnte vieles dazulernen, aber in der Zwischenzeit würde Amante Verano leiden. Ich denke, dass Max uns genau aus diesem Grund zu Partnern gemacht hat – er sagte immer, dass die Walsh-Frauen großartigen Wein machen, aber dass sie Garrett-Männer brauchen, um ihn auch zu verkaufen.“ Sie faltete die Hände im Schoß, während sie sprach. „Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, was er damit meinte. Der Name Garrett öffnet viele Türen.“

„Das solltest du doch aus Erfahrung wissen. Du warst selbst mal für kurze Zeit eine Garrett“, versetzte Jack.

Seine Worte ließen sie ein wenig erblassen. „Lass das, Jack. Was ich meinte, ist, solange ein Garrett hinter Amante Verano steht, kann ich Geschäfte machen. Bekomme beispielsweise Kredite, um mich zu vergrößern. Ein kleines Weingut ist für eine Bank ein Albtraum – es sei denn natürlich, es findet sich ein Garrett in den Büchern. Ich möchte nur, dass du mir ein paar Jahre lang mit deinem Namen den Rücken stärkst. Das ist alles, worum ich dich bitte.“

„Du verlangst ganz schön viel.“

„Warum? Inwiefern? Du musst doch gar nichts tun.“

Jack blickte sie wortlos an.

Brenna nickte. „Außer den Kontakt mit mir zu halten. Und das hasst du mehr als alles andere.“

Er hatte sie nie so trostlos erlebt. Da war ihm beinahe ihr Zorn lieber. „Ich hasse dich nicht, Bren. Aber ich werde auch nicht dein Partner sein.“

Sie legte den Kopf leicht schief. „Gebranntes Kind scheut das Feuer?“, fragte sie herausfordernd.

„Ich habe keine Angst vor deinem Feuer.“ Wenn er an ihre Hitze dachte, kamen gleich unzählige sinnliche Erinnerungen hoch. Da er sich dem nicht schon wieder aussetzen wollte, erhob er sich. „Überleg dir, was du tun willst. Ich lasse den Papierkram in der Küche.“

Mit offenem Mund starrte Brenna ihn an. Im nächsten Moment wirbelte sie in ihrem Stuhl herum und widmete sich wieder dem Computer. Er hörte, wie sie irgendetwas vor sich hin murmelte, während er sich abwandte.

Vermutlich war es nichts Schmeichelhaftes.

3. KAPITEL

„Ich schwöre, Di, es ist so frustrierend! Am liebsten würde ich laut schreien“, klagte Brenna, setzte die Knipszange an und schnitt die Trauben mit einer besonders heftigen Bewegung vom Weinstock.

„Du stellst dir wohl gerade vor, es wäre Jacks Hals, was?“, neckte Diane von der anderen Seite der Reihe. Chloe schlief friedlich in einem Tragetuch auf ihrer Brust. Ein Hut mit dem Amante-Verano-Logo schützte die rosigen Babywangen vor der frühen Morgensonne.

„Es hat eine emotional reinigende Wirkung.“ Brenna schnitt zwei weitere Traubenstauden ab und warf sie in den Behälter zu ihren Füßen. „Und es ist sicherer für Jack.“

„Was wirst du tun?“ Diane stellte die Frage beiläufig, doch Brenna wusste, dass alle Mitarbeiter des Weinguts angespannt waren und nervös darauf warteten, was als Nächstes passierte. Jacks Plan, zu verkaufen, würde Auswirkungen auf jeden Einzelnen haben.

„Soll ich ehrlich sein? Ich weiß es nicht. Ich bin offen für Ideen, falls du welche hast.“ Brenna war fast die ganze Nacht wach gewesen, hatte sich hin und her gewälzt und ihre Möglichkeiten überdacht. Besonders viele waren es nicht.

„Ich wünschte, ich hätte welche“, gab Diane bedauernd zurück.

„Starrsinniger … arroganter … bevormundender … Mistkerl.“ Brenna unterstrich jedes einzelne Wort mit einem Zuschnappen der Knipszange.

„Max konnte manchmal genauso sein. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm, das ist mal sicher.“

Brenna lachte. „Sag das bloß nicht Jack, der dreht sonst völlig durch.“

„Ich denke nicht, dass es im Moment eine gute Idee wäre, Jack noch weiter zu reizen, oder?“ Diane war immer so ruhig, so gelassen. Und ärgerlicherweise hatte sie auch noch meistens recht.

„Gestern Abend habe ich versucht, nett zu sein. Vernünftig. Es hat nicht besonders viel gebracht.“

„Weil ihr eine gemeinsame Vergangenheit habt.“

„Eine uralte Vergangenheit“, stellte Brenna klar.

„Trotzdem verkompliziert es die Dinge.“

Tatsächlich. Am Morgen hatte Brenna die Papiere in der Küche entdeckt. Sie hatte sie sogar flüchtig durchgeblättert, während sie darauf wartete, dass der Kaffee fertig wurde. Sie sollte fünfzig Prozent an den höchsten Bieter abtreten? Am liebsten hätte sie die Papiere in den Reißwolf geworfen und Jack als Tüte Konfetti an die Tür gehängt.

„Diese Erkenntnis – egal wie wahr sie auch sein mag – vereinfacht die Situation kein bisschen.“

Diane nickte verständnisvoll, dann blickte sie auf die Uhr. „Ich hasse es, dich bei der Ernte im Stich zu lassen, aber ich muss noch duschen, bevor ich den Shop aufmache. Außerdem glaube ich, dass Chloe langsam aufwacht.“ Sie flüsterte dem Baby beruhigend ins Ohr, während sie die Handschuhe abstreifte.

„Ich weiß deine Hilfe wirklich zu schätzen. Und natürlich deine Gesellschaft. Bei Sonnenaufgang aufzustehen ist mehr als man verlangen kann.“

„Gern geschehen. Meinst du, dass ihr heute fertig werdet?“

„Marco hat ein komplettes Team zusammengetrommelt. Wenn nicht heute, dann auf jeden Fall morgen.“

„Gut. Dann sehen wir uns zum Lunch. Ist Thunfischsalat okay?“

„Wunderbar. Du bist die Beste.“

„Ich weiß“, warf Diane mit einem Grinsen über die Schulter, ehe sie ging.

Brenna hatte die Gesellschaft genossen – mit Diane zu reden, war eine nette Ablenkung, die sie schon bald vermisste, als sie wieder in ihren normalen Arbeitstrott verfiel und ihre Gedanken abdrifteten.

Es musste doch eine Lösung geben! Brenna musste nur danach suchen. Wenn sie bloß gewusst hätte, dass Jack einen solchen Groll hegte …

Es war nicht alles meine Schuld, dachte sie, als sie den vollen Behälter mit Trauben ans Ende der Reihe trug und leerte. Jack hatte mindestens ebensoviel Anteil am Scheitern ihrer Beziehung wie sie. Zu Beginn war es fantastisch gewesen – genau so, wie es in Liebesromanen beschrieben wurde. Der gut aussehende Sohn des Chefs, der aus der Stadt angefahren kam und der Tochter der Winzerin den Kopf verdrehte. Picknicks im Weinberg, heimliche Küsse hinter den Merlot-Fässern. Sex unter einem Dach aus Cabernet-Reben, mit deren Trauben sie sich gegenseitig fütterten.

Auch wenn es danach schnell bergab gegangen war, so hegte Brenna doch schöne Erinnerungen an die Zeit mit achtzehn und daran, Hals über Kopf verliebt zu sein. Damals war Jack anders gewesen. Sorgloser. Er hatte viel häufiger gelächelt, und bei diesem Lächeln hatte sie jedes Mal weiche Knie bekommen.

Dieser alte Jack war vernünftiger, mit ihm hätte sie viel leichter umgehen können. Der alte Jack würde es nicht darauf anlegen, ihr Weingut vor ihrer Nase zu verkaufen oder alles zu zerstören, wofür sie gearbeitet hatte. Er hatte sich so sehr verändert in den vergangenen zehn Jahren! War abweisender, härter und kälter geworden. Manchmal fragte Brenna sich, ob er noch derselbe Mann war.

Sie vermisste den alten Jack. Den, in den sie sich verliebt hatte. Der Jack, der sie nicht hasste.

Entschlossen schüttelte Brenna nicht nur die Erinnerungen, sondern auch das aufkeimende Gefühl von Mutlosigkeit ab. Sie musste sich nun mal mit diesem Jack auseinandersetzen. Und zwar bald – nicht nur wegen Amante Verano, sondern auch für ihre eigene geistige Gesundheit.

Die nächsten sechs Stunden arbeitete Brenna im Weinberg und in der Kellerei. Nachdem sie die Weinpresse zum letzten Mal abgespritzt hatte, hantierte sie noch ein wenig im Labor herum und schlug dabei Zeit tot. Wenn sie jetzt Feierabend machte, musste sie zu Jack ins Haus zurückkehren. Für so ein großes Haus wirkte es merkwürdig beengt, seitdem er da war. Und da sie immer noch Schwierigkeiten hatte, in seiner Nähe ihre Hormone zu kontrollieren, war es keine besonders gute Idee, seine Gesellschaft zu suchen. Außerdem war eine weitere Diskussion um die Zukunft des Weinguts unvermeidlich, und da ihr immer noch keine neuen Lösungsvorschläge eingefallen waren, hatte sie keine Lust auf eine weitere Runde.

Trotzdem konnte Brenna sich nicht ewig im Labor verstecken. Als die Sonne allmählich unterging, wuchs ihr Ärger – sowohl auf Jack als auch auf sich selbst. Herrgott, sie mied ihr eigenes Zuhause. Nur seinetwegen!

Solchermaßen erzürnt marschierte Brenna den Hügel zum Haus hinauf, streifte dort angekommen ihre Arbeitsstiefel ab und freute sich beinahe auf eine Auseinandersetzung mit ihm.

Doch Jack schien gar nicht da zu sein. Die Küche war leer, das Wohnzimmer ebenso. Als sie in den Korridor blickte, sah sie weder Licht, noch hörte sie Geräusche aus dem Büro.

Sein Wagen stand allerdings in der Einfahrt, insofern konnte er nicht allzu weit sein. Natürlich lagen sein Zimmer und der Fitnessraum in der anderen Haushälfte, doch sie hatte keinen Grund, dorthin zu gehen und nachzusehen, ob er dort war.

Zunächst schien Brenna also allein zu sein, was sie zum ersten Mal seit langer Zeit nicht störte. So angespannt, wie sie sich fühlte, war an Essen nicht zu denken. Aber ein Glas Wein klang wie eine verdammt gute Idee.

Also schnappte sie sich ein Glas und eine Flasche des letztjährigen Chardonnays und zog sich damit in ihr Schlafzimmer zurück.

Es gab immer noch eine ganze Menge, worüber sie nachdenken musste.

Die Sonne war bereits hinter den Hügeln verschwunden, doch Jack hatte Brenna immer noch nicht nach Hause kommen gehört. Sie war sehr früh aufgestanden, vermutlich mit der Morgendämmerung. Der Kaffee, den sie in der Kanne gelassen hatte, schmeckte alt und bitter, als er am Morgen in die Küche kam. Die Papiere lagen immer noch in jungfräulichem Zustand auf der Küchenbar, aber immerhin an einer anderen Stelle, als er sie hinterlassen hatte. Das hieß, dass Brenna sie sich zumindest irgendwann angesehen hatte.

Den Großteil des Tages hielt Jack sich in Max’ Büro auf und verbrachte seine Zeit damit, entweder mit seiner Sekretärin zu telefonieren oder die Bücher des Weinguts durchzugehen. Er wollte nicht abfahren, ehe er alles mit Brenna geklärt hatte, denn diesmal hegte er die unumstößliche Absicht, nie wieder an diesen Ort zurückzukehren. Allerdings konnte er nicht ewig der Stadt fernbleiben. In Kürze musste er die Vorbereitungen für seine Reise nach New York in der nächsten Woche abschließen. Unglücklicherweise hatte er keine zündenden Ideen, wie er sowohl Brenna zufriedenstellen als auch seine Verbindung zu diesem Weingut endgültig kappen konnte.

Diane Hart, an die er sich vage als eine von Brennas besten Freundinnen aus Schulzeiten erinnerte, hatte spät am Nachmittag zwei Teller fürs Abendessen vorbeigebracht. Sie erklärte ihm, dass sie während der Weinlese normalerweise immer für Brenna mitkochte und sich gedacht hatte, dass auch er hungrig sein würde.

Jack war nicht entgangen, wie Dianes Blick zu den Papieren auf der Küchenbar gewandert war. Zweifellos war sie über die Situation im Bilde, und ganz kurz fragte er sich, ob Brenna ihre Freundin vorgeschickt hatte, um gut Wetter zu machen.

Doch ehe er Diane danach fragen konnte, war sie auch schon wieder verschwunden. Rein äußerlich und auch vom Temperament her war sie das genaue Gegenteil von Brenna, aber sie strahlte dieselbe faszinierende Natürlichkeit aus.

Vor Jahren hatte das einen großen Teil von Brennas Reiz ausgemacht – sie war so anders als all die Frauen, die Jack sonst kannte. Allerdings hatte er seine Lektion gelernt. Heutzutage würde er Designerkleider dem frischen Landhauslook jederzeit vorziehen.

Langeweile und ein leeres Haus trieben Jack irgendwann nach draußen an den Pool. Der weiße Terrassenboden fühlte sich warm unter seinen nackten Füßen an. Große Töpfe mit Hibiskus, Oleander und Bougainvillea schufen abgetrennte Sitzbereiche und Ungestörtheit für den Whirlpool. Beinahe fühlte sich Jack wie Zuhause, was mehr als unheimlich war.

Er schwamm mehrere Bahnen, dann legte er die Arme auf dem Beckenrand ab und lauschte den leisen Geräuschen des Abends. Aus irgendeinem Grund wirkten die Sterne hier heller und klarer als in der Stadt. Nur ein paar dünne Wölkchen zogen an dem aufsteigenden Mond vorbei, doch keinerlei Wolkenkratzer oder sonstige hohe Gebäude blockierten den Blick.

Das war vermutlich das Einzige, was Jack an Amante Verano nicht missfiel. Als Max das Weingut gekauft hatte, waren es diese Stille und Weite gewesen, die ihn zunächst angezogen hatten – und ganz bestimmt nicht die Liebe für Wein.

Ein Geräusch drang von rechts an sein Ohr, worauf Jack sich umsah. Die Flügeltüren zu Brennas Schlafzimmer hatten sich geöffnet, und Brenna trat auf die Terrasse hinaus. Sie hatte das Haar mit einer Spange hochgesteckt, sodass es nicht den Blick auf ihr Profil und ihren eleganten Hals behinderte. Während sie die Platten überquerte, trank sie aus einem Glas Wein. Offensichtlich bemerkte sie Jacks Anwesenheit nicht. Der Gürtel ihres kurzen Morgenrocks schleifte über den Boden. Sie stellte das Glas ab und schlüpfte aus dem Bademantel.

Und in diesem Moment erinnerte sich Jack daran, was ihn damals noch zu Max’ Weingut gezogen hatte.

Selbst im schwachen Licht erkannte er die sanften Muskeln in Brennas Schultern, Armen und im Rücken, die vom endlosen tragen von Körbe mit Trauben herrührten. Der dunkle Bikini verhüllte nicht allzu viel, und er gestattete Jack einen Anblick, den er bereits seit Jahren nicht mehr genossen, aber nie vergessen hatte.

Das Wasser, das noch vor einer Minute warm gewesen war, fühlte sich nun kühl an auf seiner erhitzten Haut. Ein altes Feuer war in ihm neu aufgeflammt.

Als Brenna sich streckte und ihre Arme elegant in die Höhe reckte, wurde sein Blick automatisch auf ihre vollen Brüste und den flachen Bauch gelenkt.

Und das Feuer verwandelte sich in ein loderndes Inferno. Unzählige erotische Erinnerungen stürmten auf Jack ein. Rasch stützte er die Handflächen auf und hob sich aus dem Wasser.

Brenna wirbelte so heftig herum, dass die Spange aus ihrem Haar fiel und die Fülle roter Locken über ihren Rücken hinabstürzte. „Himmel, Jack, seit wann ist es dein Hobby, im Dunkeln herumzulungern?“

Jack hatte bereits die Arme nach ihr ausgestreckt, als er ihre Worte wahrnahm und stattdessen nach einem Handtuch griff. Schnell trocknete er sich ab und wickelte das Tuch um seine Hüften, um sein heftiges Verlangen zu verbergen, das Brenna verursachte. „Seit wann ist Schwimmen ‚im Dunkeln herumlungern‘?“

„Seit du es tust.“ Ihre Hände zitterten ein wenig, als sie ihr Haar zusammenfasste und erneut feststeckte. Jack spürte ihren Blick wie eine Liebkosung über seine nackte Brust gleiten. Als er sich noch weiter nach unten senkte, röteten sich ihre Wangen. Rasch schaute sie ihm wieder in die Augen, und er sah ein Glühen darin, das er schon lange Zeit nicht mehr bemerkt hatte. Es fachte das Feuer in seinen Lenden weiter an.

Ganz langsam wanderte nun seinerseits sein Blick über ihren Körper, worauf Brenna zusammenzuckte und die Hand nach ihrem Bademantel ausstreckte.

„Es ist nicht so, als hätte ich das alles nicht bereits gesehen, Bren. Kein Grund, so schüchtern zu sein.“

Ihr Kiefer verkrampfte sich, doch sie ging nicht auf seine Herausforderung ein. Stattdessen starrte sie an ihm vorbei in die dunklen Weinberge. Das Schweigen dehnte sich mehrere Minuten aus, ehe sie sich schließlich räusperte. „Wenn du … ich meine, willst du … ach, ich lass dich am besten allein.“

„Läufst du schon wieder davon, Bren?“

Sie straffte ihre Schultern. „Nein, ich laufe nicht davon, aber ich bin hierhergekommen, um mich zu entspannen, und ein Streit mit dir ist wirklich das Letzte, worauf ich jetzt Lust habe.“

Bilder dessen, worauf er jetzt Lust hatte, tanzten vor Jacks Augen. Er musste sich förmlich dazu zwingen, sie zu vertreiben. Seine körperliche Reaktion auf Brenna lag vielleicht außerhalb seiner Kontrolle, aber er war kein grüner Junge mehr. Er hatte seine Lektion auf die harte Tour gelernt, und auch wenn Brenna sehr verführerisch war …

Wen wollte er hier zum Narren halten? Er begehrte sie. „Ich will dir nicht im Weg stehen. Geh ruhig schwimmen“, sagte er.

„Schwimmen? Oh.“ Sie lächelte schwach. „Das hatte ich gar nicht vor“, entgegnete sie, umrundete einen Blumentopf und sank mit einem Seufzer in den sprudelnden Whirlpool. Träge hob sie eine Augenbraue. „Du erlaubst doch?“

Er wusste, dass es ein Fehler war, dennoch nahm er die Herausforderung an. „Natürlich.“ Im nächsten Moment ließ er das Handtuch fallen, stieg ebenfalls in den Whirlpool und setzte sich ihr gegenüber. „Wir haben eine Menge zu bereden.“

Brenna schloss die Augen und sank tiefer, sodass das Wasser nun ihre Schultern bedeckte. „Nicht heute Abend, Jack.“

Ihr war nicht klar, dass das Weingut das Letzte war, was er im Moment im Sinn hatte. „Warum nicht?“

„Weil ich wirklich nicht schon wieder mit dir streiten möchte. Es ist anstrengend, und ich habe einen langen Tag hinter mir.“

„Wer hat gesagt, dass wir streiten müssen?“

Sie öffnete die Augen und warf ihm einen ungläubigen Blick zu. „Wir haben schon seit Jahren kein vernünftiges Gespräch mehr miteinander geführt. Glaubst du wirklich, das wird uns heute Abend gelingen? Unter diesen Umständen?“

Der Punkt ging an sie, doch ihre sanfte, rauchige Stimme zog Jack in ihren Bann. Er lehnte sich zurück und zuckte die Schultern. „So weit, so gut.“

Brenna lachte leise. „Nun ja, es gibt für alles ein erstes Mal, nehme ich an.“

Es war, als hätte er das alles schon einmal erlebt. Eine ruhige, vielleicht sogar entspannte Brenna. Der Dampf, der in Schwaden um ihr Gesicht spielte. Ihre ausgestreckten Beine nur wenige Zentimeter neben seinen. Sein Körper reagierte auf die Erinnerungen, er wollte Brenna auf seinen Schoß ziehen …

„Wie läuft es mit den Hotels? Max erzählte, dass du dich an der Ostküste ausbreiten willst?“

Ihre Frage holte ihn in die Gegenwart zurück. „Es läuft hervorragend. Nächste Woche reise ich nach New York, um den Deal abzuschließen.“

Ein kleines Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. „Max würde sich freuen. Er wollte immer ein Hotel in Manhattan.“

„Und ich dachte immer, er wollte nur dieses Weingut.“ Jack zwinkerte ihr zu und genoss ihren überraschten Gesichtsausdruck.

„Nun, das hat er ja bekommen. Aber du weißt doch, dass Max immer schon weiter dachte, immer das nächste Projekt im Auge hatte.“

„Garrett-Männer sind nicht so leicht zu befriedigen.“ Er schaute ihr so lange in die Augen, bis sie rot wurde und den Kopf abwandte.

Ihr hungriger Blick glitt erst über seine Brust, dann wieder zu seinem Gesicht, wobei sie leicht hustete. „Manchmal ist es schwer, es ihnen recht zu machen“, erwiderte sie mit einem Lächeln, um nicht erneut einen Streit herauszufordern.

Dann schloss sie erneut die Augen und sank noch ein wenig tiefer ins Wasser. So saßen sie eine Weile schweigend da, in der Jack beobachten konnte, wie die Anspannung allmählich ihren Körper verließ. Als Brenna erneut das Wort ergriff, klang sie ruhig und gelassen. „Wir haben heute die letzten Trauben eingeholt. Sie ließen sich hervorragend pressen und haben einen wunderschönen Saft gebracht.“

Belanglosigkeiten schienen in diesem Moment erstaunlich einfach. Es war mit Sicherheit besser, als zu streiten, und seine Hoffnung, dass dieser Abend eine interessante Entwicklung nehmen könnte, wuchs. „Nur du nennst einen Saft wunderschön.“

Sie lächelte. „Aus wunderschönem Saft entsteht wunderschöner Wein, und das macht mich sehr glücklich.“

„Was macht dich sonst noch glücklich, Bren?“ Die Frage kam wie aus dem Nichts und schockierte ihn mindestens ebenso sehr wie sie.

„Werden wir jetzt wieder streiten?“, seufzte sie.

„Nicht, solange du nicht damit anfängst. Es war eine ganz einfache Frage.“

Ihre Schultern sackten herab. „Also schön, lass mich nachdenken.“ Sie ließ sich ziemlich viel Zeit, fuhr mit den Händen durchs Wasser und summte dabei. „Gute Trauben und guter Wein.“

Dachte sie je an etwas anderes? „Außer Wein, Bren.“

Sie schürzte spöttisch die Lippen. „Hm … Spaziergänge durch die Weinberge, wenn die Sonne untergeht – wenn es friedlich und kühl ist, aber noch nicht dunkel.“

Sie hatten damals oft gemeinsam solch denkwürdige Abendspaziergänge unternommen, doch er glaubte nicht, dass Brenna es schätzen würde, wenn er das jetzt erwähnte.

„Vanilleeis mit heißen Kirschen. Und … und … Darf ich noch einmal guten Wein sagen?“

„Das ist nicht besonders kreativ.“

Sie öffnete die Augen. „Was soll ich sagen? Ich habe einfache Bedürfnisse. Und du?“

Jack musste überlegen. „Konferenzen ohne Katastrophen, die ich richten soll. Schnelle Autos. Single Malt Scotch.“

Brenna schüttelte den Kopf. „Das ist eine merkwürdige Liste.“

„Tja, wir können nicht alle damit zufrieden sein, in Amante Verano zu leben und guten Wein zu machen.“

Er sagte es beiläufig, doch Brenna biss sich auf die Lippe. Er kannte diesen Blick und wartete auf das, wofür sie gerade Mut sammelte.

„Es tut mir wirklich leid, Jack.“

Eine Entschuldigung? Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht damit. Was bezweckte sie damit? „Was tut dir leid, Bren?“

„Eine Menge. Aber vor allem, dass ich dich davon abgehalten habe, hierherzukommen.“

Jack schnaubte, worauf sie ihn fragend anblickte. „Brenna, wenn ich das Bedürfnis gehabt hätte, hierherzukommen, dann hätte mich deine Anwesenheit davon nicht abgehalten.“

Verwirrung spiegelte sich auf ihrem Gesicht. „Aber du hast es hier geliebt – du warst ständig hier. Erst nach … nach, du weißt schon, nach unserer Scheidung bist du nicht mehr gekommen. Ich wusste, dass es wegen mir war, und das tut mir leid.“

Interessant. Es gab viele Möglichkeiten, wie er darauf reagieren konnte, doch Brennas Ehrlichkeit brachte ihn dazu, genauso aufrichtig zu sein. „Ich mag keinen Wein, ich mag keine Trauben, und ich habe ganz sicher kein Interesse an Landwirtschaft jedweder Art. Denk doch mal drüber nach – wie oft bin ich hier gewesen in den zwei Jahren, nachdem Max das Weingut gekauft hatte?“

„Soweit ich weiß, vielleicht dreimal …“

Er beugte sich vor und hielt ihren Blick fest. „Das lag daran, dass du noch in der Schule warst und ich dich noch nicht kennengelernt hatte. Dann habe ich mit Max deine Abschlussfeier besucht …“

Brennas Augen weiteten sich, und ihre Kinnlade sank herunter. „Willst du damit sagen, dass du in jenem Sommer nur hergekommen bist, um mich zu sehen?“

Jack nickte und genoss den Schock, der sich auf ihrem Gesicht abzeichnete. „Und nachdem wir uns getrennt hatten, gab es für mich keinen Grund mehr, wiederzukommen.“

4. KAPITEL

Brenna bemühte sich, Jacks Worte zu verarbeiten. Das Zirpen der Grillen und das Blubbern des Whirlpools übertönten ihre rauen, flachen Atemzüge. „Ich habe immer gedacht, ich wäre der Grund, weshalb du dich von Amante Verano ferngehalten hast.“

Jack zuckte nur die Achseln. „Wie kommst du darauf? Als wir uns scheiden ließen, hätte dir doch klar sein müssen, dass es an diesem Ort wenig gab, was mich anzog.“

Sie war die Hauptattraktion gewesen? Das erklärte so manches … „Aber du bist nach der Scheidung nicht mal mehr hergekommen, um Max zu besuchen.“

„Unter demselben Dach wie meine Ex-Frau zu wohnen – insbesondere wenn meine ehemalige Schwiegermutter mit meinem Vater schläft –, ist nicht besonders einladend.“ Ein spöttisches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Egal wie malerisch die Landschaft auch sein mag.“

Das leuchtete Brenna ein. Damals hatte sie sogar darüber nachgedacht, wieder in ihr altes Haus zu ziehen, was ihr jedoch von Max und ihrer Mom ausgeredet worden war.

Jacks Beine waren den ihren in dem sprudelnden Wasser so nah, dass er sie streifte, als er seine Position veränderte. Die flüchtige Berührung jagte einen Schauer durch Brennas Körper. Hastig wich sie seinem Blick aus, denn seine Augen glühten förmlich und stellten die verrücktesten Dinge mit ihr an.

„Dann verbrachte Max immer mehr Zeit auf dem Weingut“, fuhr er fort, ganz so, als bemerke er gar nicht, wie schwer es ihr fiel, ihm zu folgen, „und die Firma hat mein ganzes Leben vereinnahmt. Die wenige Freizeit, die mir noch blieb, wollte ich nicht hier draußen verbringen.“

Plötzlich erkannte sie, dass zum ersten Mal seit … nun, seit dem Anfang vom Ende ihrer Beziehung kein unterschwelliger Zorn mehr in Jacks Worten lag. Auch wenn das ihr schlechtes Gewissen ein wenig beruhigte, so machte die sexuelle Anziehung, die zwischen ihnen herrschte, sie zusehends nervös. Es war ihr schrecklich unangenehm, doch ihre Brustspitzen wurden hart, und sie spürte eine vertraute Hitze tief in ihrem Körper.

Sie durfte jetzt keinesfalls das Wesentliche aus den Augen verlieren! Dieses Gespräch war zu wichtig. Jack wirkte so lässig, so ungezwungen – irgendetwas an seiner Erklärung stimmte nicht. „Aber Max hat immer …“ Nein, das wollte sie doch besser nicht aussprechen.

Jack blickte sie durchdringend an. „Du denkst, Max hat dir die Schuld gegeben?“

Brenna nickte. „Das musste er! Er war so enttäuscht nach unserer Scheidung.“

„Max gefiel es nicht, wenn seine Pläne durchkreuzt wurden. Er sah das Hotel-Wein-Imperium schon vor sich. Die Scheidung hat das wieder zunichte gemacht – bis er sich diese verrückte Partnerschaft hat einfallen lassen. Max hat dir nicht die Schuld an der Scheidung gegeben, Bren. Die hat er für mich aufgehoben.“

Jack klang nicht bitter, sondern vielmehr sachlich. Doch das machte Brennas Schuldgefühle nur größer. „Dann tut mir das leid. Es tut mir leid, dass ich ein Zerwürfnis zwischen euch verursacht habe.“

„Hör auf, dich zu entschuldigen. Du hast gar nichts verursacht. Es war einfach nur eine passende Ausrede für Max.“

Brenna zog die Beine an und schlang die Arme um die Knie. Der Stress, den sie hier draußen eigentlich hatte ablegen wollen, wuchs weiter. „Aber ich verstehe nicht, warum? Wenn es weder an mir liegt noch an Max, warum willst du dann so unbedingt verkaufen?“

Diesmal brachte sie den Mut auf, Jack in die Augen zu schauen. Er wirkte nicht verärgert, eher gleichmütig und erschöpft. „Wie oft muss ich es dir noch erklären? Ich will kein Weingut. Ich weiß, dass das für dich völlig unverständlich ist, aber nicht jeder verspürt das dringende Bedürfnis, Wein herzustellen. Du musst häufiger mal von hier wegkommen, deinen Kreis an Freunden erweitern, dann würdest du feststellen, dass es da draußen eine ganze Welt gibt, die nicht besessen ist von Trauben.“

Da war sie. Die unterschwellige Gemeinheit. Der abfällige Ton. Sie hätte wissen müssen, dass es kommen würde, anstatt sich von seiner Höflichkeit und der intimen Stimmung einlullen zu lassen. Brenna erhob sich und kletterte aus dem dampfenden Becken. Die Nachtluft fühlte sich kühl auf ihrer erhitzten Haut an, doch es reichte nicht, um ihre Wut zu dämpfen. „Gott, du bist so ein Idiot!“

Jack besaß auch noch die Dreistigkeit, überrascht zu wirken. „Was soll das jetzt?“

„Du tust immer so überheblich und herablassend. Die kleine Brenna ist ja so behütet und naiv, sie weiß es einfach nicht besser.“

„Du kannst doch wohl nicht bestreiten, dass du hier draußen sehr behütet bist. Das hast du selbst immer zugegeben.“

Sie begann, aufgebracht hin und her zu gehen. „Vielleicht. Aber das bedeutet nicht, dass ich naiv bin. Nur weil ich nie aufs College gegangen bin …“

Jack stieg ebenfalls aus dem Wasser und setzte sich auf den Rand des Whirlpools. „Das war deine Entscheidung. UC Davis hätte dich genommen.“

„Nur weil mein Nachname damals Garrett war. Und warum sollte ich all die Zeit an der Uni verbringen, um Dinge in Sachen Weinbau zu lernen, die ich bereits wusste?“

„Du hättest es vielleicht genossen. Oder du hättest an ein anderes College gehen und etwas anderes studieren können.“

Zu Brennas Verärgerung gesellte sich nun auch noch eine gewisse Gereiztheit. „Oh, es tut mir ja so leid, dass mein Mangel an formeller Bildung eine solche Peinlichkeit vor deinen eingebildeten Stadt-Freunden war.“

„Dass sie andere Interessen als Trauben haben, macht sie eingebildet?“

„Nein, dass sie verächtlich auf andere herabsehen, macht sie eingebildet.“ Brenna griff nach ihrem Weinglas und trank einen großen Schluck.

„Wenn hier jemand eingebildet ist, dann du, Brenna.“

Sie verschluckte sich beinahe. „Was? Ich? Wohl kaum.“

Jack stand auf und trat dicht an sie heran. „Du bist ein Wein-Angeber. All dieser Mist über die ‚Seele des Weins, der Nektar der Götter‘. Es wird allmählich langweilig.“

Sein Kommentar schmerzte, dennoch ließ Brenna sich nicht von ihm niedermachen. „Gott, ich bin also behütet, naiv, eingebildet und langweilig – wohingegen du ein anmaßender, herablassender Mistkerl mit einer missglückten Selbsteinschätzung bist. Ich weiß nicht, wie wir überhaupt jemals zusammen sein konnten.“

Brenna bedauerte die Worte noch im selben Moment. Wann würde sie endlich lernen, nicht auch noch mit dem roten Tuch zu wedeln, wenn der Stier ohnehin schon aufs Äußerste gereizt war?

Jacks Augen funkelten gefährlich. Er ließ seinen Blick betont langsam über ihren Körper gleiten, was einen Schauer nach dem nächsten in ihr auslöste. Ihre Brustspitzen versteiften sich erneut, was Jack mit einem anzüglichen Lächeln erwiderte. „Oh, ich denke, das weißt du ganz genau, Bren“, erklärte er lässig. „Da bin ich mir sicher.“

Seine tiefe Stimme ging ihr durch und durch. Sie war ihm so nah, dass sie die Hitze seines Körpers spüren konnte. Eine Welle des Verlangens erfasste sie. Ihre Knie zitterten, und ihr Herz raste. Verdammt sollte er sein. „Bitte … wechsel jetzt nicht das Thema.“

„Das tue ich nicht. Das hier war immer unser Thema.“

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