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Ein heißer Wunsch wird wahr / Wenn Verlangen neu erwacht / Dich werde ich immer begehren

Sara Orwig

Ein heißer Wunsch wird wahr

1. KAPITEL

„Jetzt sagt bitte nicht, ich sei hier der Experte in Sachen Verführung“, meinte Jason Windover und sah sich im Kreis seiner Freunde um.

Sie saßen in einem der eleganten Tagungsräume, den der „Texas Cattleman’s Club“ seinen Mitgliedern zur Verfügung stellte. Die mit dunklem Holz getäfelten Wände, die dicken Teppiche auf dem Parkettboden, der steinerne Kamin und ein funkelnder Kronleuchter verliehen dem großen Raum eine gediegene Atmosphäre. Der „Texas Cattleman’s Club“ war einer der ältesten und exklusivsten Clubs in Texas. Normalerweise war er für Jason der ideale Ort, um Freunde zu treffen und sich zu entspannen. Aber im Moment war er ein bisschen verärgert.

„Du bist derjenige, der in Sachen Verführung ein besonders gutes Händchen hat“, erklärte Sebastian Wescott seinem langjährigen Freund. „Und deshalb bist du der geeignete Kandidat, um uns diese Frau vom Leib zu halten.“

„Ich unterstütze den Vorschlag“, pflichtete ihm Will Bradford bei.

Jason schüttelte den Kopf. „Sorry, aber sie ist absolut nicht mein Typ“, meinte er betont lässig und war sich sicher, dass er damit durchkommen würde. „Ich mag große schöne Blondinen mit langen Beinen, die selbstsicher, kultiviert und sexy sind. Diese kleine Wildkatze scheint nur Ärger zu machen. Vergesst es, Jungs.“

„Die Frau ist völlig außer Kontrolle geraten. Sie gehört in eine Anstalt“, fügte Dorian Brady in scharfem Ton hinzu. „Im Augenblick trägt sie eine Fehde mit mir aus – wer weiß, wen sie morgen im Visier hat. Sie ist psychisch labil und könnte sich im nächsten Moment auch auf einen von euch konzentrieren. Der Himmel weiß, dass ich die Dinge nicht getan habe, die sie mir vorwirft.“

Als Jason Dorian musterte, empfand er Widerwillen. Außer ihm mochte Jason alle Mitglieder des Clubs. Die Männer hatten sich unter dem Deckmantel dieses Clubs zusammengetan, um in geheimer Mission das Leben unschuldiger Menschen zu retten. Die meisten Mitglieder waren in Royal, Texas, oder der näheren Umgebung aufgewachsen. Dorian war vor noch nicht allzu langer Zeit neu dazugekommen. Es war seine Arroganz, die Jason ganz und gar nicht behagte. Aber er wusste, dass er seine Abneigung überwinden musste. Schließlich war Dorian Sebastians Halbbruder.

„Dann bist du also dazu bestimmt“, bemerkte Robert Cole trocken zu Jason. „Du bist der Mann, der an Rodeos teilgenommen hat und mit wilden Bullen in der Arena war. Ich bin sicher, dass du auch mit einer wild gewordenen Frau fertig werden kannst.“

„Du bist doch der Detektiv. Du solltest doch wissen, wie man sie in den Griff bekommt.“

„Nein. Die Frauen mögen dich, und ich bin schon völlig damit ausgelastet, den ungeklärten Mordfall hier in Royal zu lösen.“ Robert sah in die Runde. „Jemand versucht, Sebastian den Mord an Eric Chambers anzuhängen. Während wir herauszufinden versuchen, wer dahinter stecken könnte, muss uns jemand diese Frau vom Hals schaffen.“

„Ich war nicht dabei, als sie hier hereingeplatzt ist, aber ich habe gehört, dass sie hier einen schrecklichen Aufruhr verursacht hat. Verdammt, verschont mich mit ihr“, entgegnete Jason.

Die anderen Männer sahen ihn nur an. „Du bist wie geschaffen für diese Aufgabe“, meinte Sebastian dann. „Du bist von der CIA geschult und hast bereits mit sehr schwierigen Leuten zu tun gehabt. Und, offen gesagt, habe ich in letzter Zeit gerade genug durchmachen müssen.“

Jason seufzte und winkte ab. „Spart euch alle weiteren Ausreden. Ich kann mir ohnehin denken, was ihr noch sagen würdet. In Ordnung. Ich werde versuchen, uns diese Verrückte vom Leib zu halten.“

„Das Problem ist gelöst. Lasst uns jetzt pokern“, schlug Keith, der Computerexperte, vor.

Die Männer stimmten eilig zu, und Jason wusste, dass die Sache abgemacht war. Er holte sich einen neuen Drink, während er über den unliebsamen Auftrag nachdachte. Er war nicht daran gewöhnt, eine Frau zu etwas zu zwingen, was sie nicht wollte – und in diesem Fall würde er genau das tun müssen, wenn er die kleine Wildkatze von den anderen Männern fern halten wollte.

Will, Robert und Sebastian hatten alle erst vor Kurzem geheiratet – es war fast wie eine Epidemie. Allerdings war er, Jason, immun gegen das Hochzeitsfieber. Eine Heirat kam für ihn nicht infrage. Im Moment gab es noch nicht einmal eine Frau in seinem Leben. Vielleicht sollte Keith sich dieser kleinen Nervensäge annehmen. Jason fragte sich, ob Keith jemals über seine alte Flamme, Andrea O’Rourke, hinweggekommen war. Obwohl er beteuerte, dass es so wäre, verhielt er sich nicht so. Jason seufzte. Zum Glück war er im Augenblick nicht mit einer Frau zusammen, denn sonst könnte dieser Auftrag noch für unangenehme Komplikationen in seinem Leben sorgen. Er wünschte, er könnte Miss Silver einfach so lange einsperren lassen, bis alle Rätsel gelöst wären.

Als er bemerkte, dass er im Begriff war, die erste Pokerrunde zu verlieren, konzentrierte er sich auf das Spiel und vergaß Meredith Silver für eine Weile. Es war fast Mitternacht geworden, als er den Gewinn einsteckte und sich von seinen Freunden verabschiedete. Draußen atmete er die im Mai immer noch kühle Nachtluft ein. Am dunklen Himmel über dem spärlich beleuchteten Parkplatz funkelten die Sterne. Als er den Parkplatz überquerte, um zu seinem Pick-up zu gelangen, hörte er plötzlich außer dem Klacken seiner Cowboystiefel auf dem Asphalt ein leises Geräusch hinter sich. Abrupt blieb er neben seinem schwarzen Pick-up stehen, den er in einer Reihe anderer Fahrzeuge geparkt hatte. Durch seine Erfahrungen bei der CIA war er ein wachsamer Beobachter geworden, und er wusste, dass das, was er gehört hatte, Schritte gewesen sein mussten.

Beim Überqueren des Parkplatzes hatte er keine weitere Person bemerkt. Trotzdem bezweifelte Jason, dass er allein hier war. Sollte er unter dem Auto neben seinem Pick-up nachsehen? Oder wäre es besser, wenn er herauszufinden versuchte, was die Person vorhatte? Jason steckte die Autoschlüssel wieder ein und ging zurück in den Club, wo er durch den langen Korridor hinunter bis zur riesigen Küche eilte. Wortlos legte er kurz die Hand an seinen Stetson, um die Köche zu begrüßen, und durchquerte den Raum. Da die Küchencrew die Mitglieder des Clubs kannte, wunderte sich niemand über seine kurze Anwesenheit. Er verließ das Haus durch die Hintertür, trat in ein Blumenbeet und zwängte sich dann an Büschen und Zedern vorbei. Froh darüber, dass er ein dunkelblaues Jeanshemd und dunkle Jeans anhatte, bewegte er sich lautlos zum Parkplatz. Dort angekommen, hielt er kurz inne, um den schwach beleuchteten Parkplatz mit den Augen abzusuchen. Sein Blick blieb an dem Auto hängen, das neben seinem Pick-up parkte.

Jason wusste, dass das Auto Dorian gehörte. Er bemerkte eine Bewegung und konzentrierte sich auf die schwarze Gestalt, die unter Dorians Wagen hervorgekrochen kam und jetzt neben dem Hinterreifen kniete. Dann sah er im Mondlicht etwas aufblitzen und hörte, wie die Luft aus dem Reifen entwich. Als der Reifenaufschlitzer sich zum Vorderreifen bewegte, sprintete Jason aus seinem Versteck, er war fest entschlossen, dem Vandalen das Handwerk zu legen.

Sowie der Täter Jason auf sich zukommen sah, ließ er das Messer fallen und rannte los. Der kleinen Gestalt nach muss es sich um einen Teenager handeln, dachte Jason. Mit seinen langen Beinen holte er den Rowdy noch auf dem Parkplatz ein, stürzte sich mit einem Hechtsprung auf ihn und schlang die Arme um seine schmale Taille.

„Ich hab dich!“, schnauzte er ihn triumphierend an, als sie beide auf den harten Asphaltboden knallten. Der hohe Schrei, den der Täter ausstieß, irritierte Jason noch nicht. Aber als sie auf dem Boden landeten und er einen weichen, kurvenreichen Körper unter sich spürte, wurde ihm klar, dass es sich um eine Frau handeln musste. Nach der ersten Überraschung ahnte er, wer das sein musste. Die Verrückte, die Dorian Brady belästigte – die Wildkatze, die jetzt zu seiner Aufgabe geworden war.

„Oh, verdammt“, murmelte er. Er hatte noch nie in seinem Leben eine Frau verletzt. Gewissensbisse erfüllten ihn, als er seufzte, sie losließ und sich auf seine Fersen setzte. „Sind Sie okay?“

Zwar spendete die Laterne über ihnen genug Licht, um gut sehen zu können, aber die Frau hatte ihm den Rücken zugedreht, sodass ihr Gesicht vollkommen verdeckt war. Sie trug einen schwarzen Jogginganzug und eine schwarze Kappe. Außerdem hatte sie sich irgendeine schwarze Masse ins Gesicht geschmiert, sodass Jason ihr Gesicht auch dann nicht erkennen konnte, als sie sich langsam aufsetzte.

Sie holte aus und traf ihn mit voller Wucht in die Magengrube, denn er war völlig überrascht, dass eine knapp über einsfünfzig kleine Frau das machte, was ein weit über einsachtzig großer und an die achtzig Kilo schwerer Mann nie getan hätte. Der Hieb verschlug ihm einen Moment den Atem, und ein schneller Stoß, der dem Faustschlag folgte, ließ ihn das Gleichgewicht verlieren. Dann sprang Meredith Silver mit einem Satz auf die Füße und versuchte wegzurennen.

Jasons Überraschung hielt einen Moment an, bevor seine natürliche Reaktion einsetzte. Er warf sich nach vorn, packte ihren Knöchel und zog ihr das Bein weg. Zum zweiten Mal in seinem Leben brachte er eine Frau zu Fall. Jetzt ließ er ihr keine Chance mehr. Ohne zu zögern, hob er sie hoch und warf sie sich über die Schulter. Für jemand, der kriminelle Handlungen beging und über einen erstaunlich kräftigen Haken verfügte, hat sie ein erstaunlich zahmes Vokabular, schoss es ihm durch den Kopf, als sie wie ein Rohrspatz schimpfte. Doch das ignorierte er ebenso wie ihre harmlosen Schläge auf seinen Rücken. Er transportierte sie zu seinem Pick-up, schloss die Tür auf und ließ sie auf den Sitz fallen. Wie eine Katze sprang sie ihn sofort wieder an. Aber diesmal war er vorbereitet.

Während er mit einer Hand seinen Stetson auf die Rückbank warf, packte er mit der anderen ihre Handgelenke und drängte sie mit seinem Körper auf den Sitz. Obwohl sie sich heftig wehrte, wurden ihm gleich mehrere Dinge auf einmal bewusst. Er nahm ein verführerisches Parfüm wahr sowie einen Körper, der sich jetzt noch viel verlockender anfühlte als vorhin. Er bemerkte, dass sie durchtrainiert und kräftig war. Außerdem stöhnte sie vor Anstrengung in einer Art und Weise, die ihn an ganz andere Dinge denken ließ. Und obwohl es alles andere als klug war, wurde er neugierig und wollte wissen, wie sie aussah.

„Sie haben gerade den Autoreifen eines Clubmitglieds aufgeschlitzt. Ich kann den Sheriff rufen und Sie ins Gefängnis bringen lassen.“

„Na, los. Rufen Sie schon an, Sie abartiger Gewalttäter“, schnauzte sie ihn an. „Sie können mich nicht ins Gefängnis stecken, weil ich einen Reifen aufgeschlitzt habe. Ich werde meinen Anwalt benachrichtigen.“

„Warum habe ich nur meine Zweifel, dass Sie einen Anwalt haben?“ Abartiger Gewalttäter? Ja, das war die wild gewordene Frau, die Dorian belästigte. Jason hatte gedacht, dass Dorian etwas dick aufgetragen hätte, aber nach den vergangenen Minuten glaubte er ihm aufs Wort. Alles an ihr schien irgendwie dilettantisch, und er dachte nicht, dass ein Plan oder ein Sinn hinter der Geschichte steckte. Nach seiner ersten Einschätzung war sie entweder verrückt oder – was wahrscheinlicher war – emotional völlig aus der Bahn geworfen, weil ein Mann sie schlecht behandelt hatte. War sie etwa eine Exgeliebte Dorians, und er wollte das nicht zugeben? „Beruhigen Sie sich, Wildkatze. Gegen mich zu kämpfen wird Ihnen nichts nützen. Sie werden nicht noch einmal meine Überraschung ausnutzen können.“

„Das denken auch nur Sie. Lassen Sie mich los. Ich kann Sie wegen Gewaltanwendung anzeigen.“

„Wohl kaum“, entgegnete Jason. „Ich habe Sie gerade bei einer kriminellen Handlung erwischt.“ Sie zappelte und wand sich, um sich zu befreien, aber auf ihn hatte das eine ganz andere Wirkung. Er war schon längere Zeit nicht mehr mit einer Frau zusammen gewesen, und sie hatte tolle weiche Rundungen an den richtigen Stellen. „Wissen Sie eigentlich, was Sie da tun?“, fragte er atemlos.

Sofort verharrte sie regungslos. Und er wusste, dass sie jetzt seine natürliche, männliche Reaktion auf ihren warmen, süß duftenden und sich sinnlich an ihm reibenden Körper bemerkt hatte.

Als er mit der freien Hand nach unten griff, um seinen Gürtel aufzumachen, setzte sie sich energisch zur Wehr. Schnell zog er den Gürtel aus, band damit ihre Hände zusammen und befestigte das andere Ende am Türgriff. „Ich werde Ihnen nicht wehtun. Aber Sie werden nirgendwo mehr hingehen. Sie haben hier schon genug Probleme gemacht. Und jetzt haben Sie die Wahl. Entweder nehme ich Sie mit zu mir nach Hause und sperre Sie über Nacht in einem Zimmer ein. Ich habe keine anderen Absichten, das verspreche ich. Oder ich bringe Sie zum Sheriff. Das entscheiden Sie.“

Warum er sie mit nach Hause nehmen wollte, wusste er selbst nicht so genau. Abgesehen von der Tatsache, dass er beauftragt worden war, die Frau den anderen Clubmitgliedern vom Hals zu schaffen und er sie auf diese Weise im Auge behalten würde. Meredith Silver versuchte schon wieder, sich zu befreien, und Jason verstärkte seinen Griff. „Sie bringen sich selbst in große Schwierigkeiten. Es gibt Gesetze, die es verbieten, jemand zu belästigen.“

„Belästigen! Ich belästige diese dreckige, miese Ratte nicht. Er ist gemein, rachsüchtig und verlogen“, schimpfte sie.

Jason wurde neugierig. „Ich lasse Ihnen die Wahl. Treffen Sie eine Entscheidung. Ich wäre ganz froh, Sie einfach beim Sheriff loswerden zu können.“

Sie atmeten beide schwer, was bei ihm nicht auf die Anstrengung zurückzuführen war. In seinem Kopf machten sich erotische Fantasien breit, bei der sie die Hauptrolle spielte. Die kleine Wildkatze mochte nur Probleme machen, aber sie war durch und durch eine Frau, noch dazu eine, die sehr verführerisch duftete. Jason fischte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und begann, ihr die schwarze Schmiere von der Stirn zu wischen.

„Wie soll ich wissen, dass Sie mir nicht wehtun werden?“, fragte sie so leise, dass er sich näher zu ihr beugte und ihm erneut ein Hauch ihres Parfüms in die Nase stieg.

„Sie haben mein Wort“, sagte er, und sie lachte nur bitter. „Der Sheriff oder mein Haus?“, wiederholte er.

„Zu Ihnen“, flüsterte sie.

Er rückte von ihr ab, zog die Autoschlüssel aus der Tasche und fuhr los. Nun saß sie zusammengekauert in der Ecke. Als Jason vom Parkplatz abbog, warf er noch einen Blick auf sie. Sie wirkte wie ein Häufchen Elend, aber sein schmerzender Bauch warnte ihn davor, sich täuschen zu lassen und Mitleid zu empfinden. Die kleine Wildkatze verfügte über eine erstaunliche Kraft.

Jason machte jeden Tag eine gute Stunde lang Krafttraining und schwor sich, ab morgen länger und härter zu trainieren. Er klappte das Handschuhfach auf, nahm eine kleine Flasche Whiskey heraus und bot sie ihr an. „Brauchen Sie einen Drink?“

„Sie wollen mich ja nur betrunken machen, damit ich Ihnen nachher zu Willen bin“, zischte sie.

„Meine Güte“, knurrte er und hätte nun selbst einen starken Drink gebraucht. Doch weil er am Steuer saß, widerstand er der Versuchung. „Wo haben Sie denn das Vokabular her? Aus irgendeinem uralten Groschenroman? Ich kenne niemand, der außerhalb von solchen Melodramen so reden würde.“

„Sie wissen nur zu gut, was ich damit gemeint habe.“

„Ich habe Ihnen diesbezüglich doch mein Wort gegeben. Übrigens sind Sie nicht mein Typ.“

„Ich kann mir Ihren Typ vorstellen.“

Jason, der immer neugieriger wurde, warf ihr wieder einen Blick zu. Sie schwiegen beide, während er die Main Street in Royal, Texas, entlangfuhr, wo er aufgewachsen war und einen Großteil seines Lebens verbracht hatte. „Also, wie stellen Sie sich meinen Typ denn vor?“, fragte er schließlich.

„Schön, sexy, kultiviert und sehr entgegenkommend.“

Amüsiert sah er sie an. Aber es war wegen der schwarzen Schmiere immer noch nicht möglich, ihr Gesicht zu erkennen. „Trauen Sie mir nicht den Charme zu, jemand für mich zu gewinnen, der nicht entgegenkommend ist?“

„Sie haben mich zwei Mal tätlich angegriffen. Das ist nicht gerade die beste Art, um jemand für sich einzunehmen.“

„Ich habe nicht versucht, Sie für mich einzunehmen. Ich habe nie vorgehabt, Sie zu verführen. Ich habe versucht, eine kriminelle Handlung zu unterbinden. Das ist keine gerechte Beurteilung“, bemerkte er amüsiert.

Er fuhr jetzt durch Pine Valley, einer exklusiven, eleganten Wohngegend mit herrschaftlichen Häusern. Eines davon gehörte seiner Familie. Dort lebte gegenwärtig sein Bruder. Jason könnte sie dort hinbringen, aber er zog es vor, mit ihr zur Windover Ranch zu fahren. Die war so weit weg von der Stadt, dass sie eine lange Wanderung vor sich hätte, falls sie entwischen würde. „Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir uns beim Namen nennen würden. Ich bin Jason Windover.“

„Ich heiße Meredith Silver.“

„Nun, dann hallo, Meredith. Woher kommen Sie?“

„Aus Dallas.“

„Und was machen Sie beruflich?“, fragte er, um mehr Informationen über sie zu bekommen.

„Ich bin Programmiererin und arbeite im Moment freiberuflich.“

„Ein interessanter Job. Und er gibt Ihnen Gelegenheit, sich Ihre Zeit einzuteilen.“

„Ja“, erwiderte sie, während sie aus dem Fenster starrte. „Wir sind außerhalb der Stadt.“

„Ich bringe Sie auf die Ranch der Familie Windover.“

„Sind Sie ein Cowboy?“

„Ja. Ich war für die Regierung tätig, habe mich aber vor Kurzem auf die Ranch zurückgezogen. Also, Meredith, mit wem sind Sie zurzeit liiert?“

„Es gibt keinen Mann in meinem Leben“, antwortete sie. „Aber ich wette, dass es in Ihrem Leben eine Frau gibt.“

„Nein, im Moment nicht.“

„Ich bin sicher, dass das nur eine kurze, vorübergehende Phase ist. Die nächste Kandidatin steht bestimmt bereits vor der Tür.“

„Wie kommen Sie denn darauf? Sie kennen mich doch gar nicht.“

„Sie haben die unbeschwerte Art eines Mannes, der daran gewöhnt ist, immer eine Frau um sich zu haben.“

„Ach, wirklich?“

„Das wissen Sie verdammt gut. Und Sie sind auch egoistisch und anmaßend.“

„Donnerwetter, kennen Sie sich aus. Daran werde ich unbedingt arbeiten müssen.“

„Sie können Ihren Charme herunterfahren, weil er bei mir keine Wirkung zeigen wird.“

„Ist das jetzt eine Herausforderung, oder was?“, fragte er mit rauer Stimme, als er sie ansah.

„Ist es definitiv nicht. Außerdem bin ich nicht Ihr Typ, erinnern Sie sich?“

„Der Punkt geht an Sie.“ Einige Minuten lang fuhr Jason still weiter. „Haben Sie in Royal ein Hotelzimmer, oder hatten Sie vor, noch heute Nacht nach Dallas zurückzufahren?“

„Ich wohne im ‚Royalton Hotel‘“, antwortete Meredith und nannte damit eines der besten Hotels in Royal.

„Haben Sie Familie in Dallas?“

„Ja. Meine Schwester und meine Mutter. Ich habe auch einen älteren Bruder, der in Montana lebt.“

„Silver“, sagte Jason, der sich an einen stämmigen, wilden Typ aus dem Rodeo-Business erinnerte. „Ich bin einmal einem Rodeoreiter namens Hank Silver begegnet.“

„Das ist mein Bruder“, meinte Meredith fast widerwillig.

„Nun, die Welt ist klein. Er ist ein harter Bursche. Ich wette, dass Sie Ihren treffsicheren Haken von ihm haben.“ Jason wurde immer neugieriger, wie sie aussah. Ihre Stimme war weich, tief und angenehm. Es war eine sexy Stimme, die man einer cholerischen Person nicht zuordnen würde. Wenn er nur am Telefon mit ihr geredet hätte, hätte er sich eine völlig andere Frau vorgestellt. Ihre verführerische Stimme passte absolut nicht zu einer kleinen Wildkatze, die zuschlagen konnte, dass es einem den Atem verschlug. Aber Jason konnte sich gut vorstellen, dass sie in ihrer Kindheit gelernt hatte, sich gegen einen Bruder wie Hank Silver zu behaupten, der – wie Jason wusste – schon mehr als einmal wegen Prügeleien mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. „Ich habe zwei ältere Brüder“, sagte er dann. „Ethan und Luke.“

„Wie nett.“ Meredith versuchte erst gar nicht, ihren Ärger zu verbergen.

Die nächsten beiden Stunden schwiegen beide. Schließlich fuhr Jason durch ein großes Tor mit dem Brandzeichen der Windovers und folgte der langen Straße, bis er vor dem großen weitläufigen Haupthaus anhielt, das seit vier Generationen seiner Familie gehörte. Die ausladende Veranda an der Vorderseite war überdacht und von einem sehr gepflegten Rasen umgeben. Weiter hinten auf dem Gelände befanden sich ein Gästehaus, die Unterkünfte für die Arbeiter sowie eine Scheune.

Jason parkte den Pick-up vor dem Hintereingang und führte Meredith am Arm ins Haus. Im Flur drehte er das Licht an und wandte sich einer kleinen Schalttafel zu. Er drückte auf einige Knöpfe, um die Alarmanlage auszuschalten, die beständig piepte. Sobald er damit fertig war, gingen das rote Licht und der Alarm aus. In der großen, hellen Küche schaltete er die indirekte Beleuchtung an und führte Meredith am Handgelenk sanft zur Spüle.

„Kommen Sie.“ Sie trug schwarze Stiefel und einen unförmigen schwarzen Jogginganzug, der ihre Figur verbarg. Durch den Körperkontakt wusste Jason jedoch mittlerweile, dass sie eine ausgesprochen gute Figur hatte. Er nahm ein Handtuch, tauchte es in warmes Wasser und drehte sich dann zu ihr, um ihr Gesicht abzuwaschen.

„Ich würde gern erfahren, wie Sie aussehen. Vorhin auf dem Parkplatz waren Sie nur eine dunkle Gestalt für mich.“ Er schaute sie an, während er ihr Kinn anhob. In dem Licht bemerkte er die tiefe Schramme auf ihrer Wange. Gewissensbisse plagten ihn, weil er wusste, dass er dafür verantwortlich war. Als er ihre Wange leicht berührte, drehte sie sofort das Gesicht weg. „Es tut mir leid, dass Sie verletzt sind. Ich dachte, Sie wären ein Mann.“

Sie schaute mit ihren dunkelgrauen Augen, die von dichten, schwarzen Wimpern umrahmt waren, zu ihm hoch. Als sich ihre Blicke begegneten, traf ihn der nächste Schlag, der ihm den Atem nahm. Ihre Augen faszinierten und verzauberten ihn. Jason konnte sich nicht erinnern, jemals Augen von einer solchen Farbe gesehen zu haben. Aber neben der Farbe machte ihn noch etwas atemlos. Er fühlte sich wie elektrisiert, so sehr sprühten die Funken zwischen Meredith und ihm. Sie sagten beide immer noch keinen Ton, und er wollte den Kontakt nicht unterbrechen.

Meredith nahm das Handtuch und fing an, sich die schwarze Masse vom Gesicht zu wischen. Jason hätte Meredith gern berührt und war wahnsinnig neugierig zu erfahren, wie sie ohne die Schmiere im Gesicht aussehen würde. Und noch immer hatte keiner von ihnen den Blick abgewandt, etwas gesagt oder sich von der Stelle bewegt.

„Wir müssen schnell Ihre Schrammen reinigen. In einer Minute bin ich zurück.“ Er eilte ins Bad und kam mit einer Flasche Jodtinktur zurück. „Halten Sie Ihre Wange hier ins Licht. Ich werde die Wunde reinigen und desinfizieren. Wann haben Sie Ihre letzte Tetanus-Spritze bekommen?“

„Vor einem Jahr.“

Nachdem er die Wunde gesäubert hatte, tupfte er vorsichtig Jod darauf. „Tut mir leid, wenn ich Ihnen wehtun muss.“

„Oh ja, sicher“, murrte sie, und er fühlte sich noch schlechter als vorher. „Lassen Sie mich jetzt nach Ihren Händen sehen.“

„Um meine Hände kann ich mich selbst kümmern.“

„Strecken Sie die Hände aus und lassen Sie mich Ihnen helfen.“ Als sie ihm schließlich die Handflächen zeigte, zuckte er zusammen, weil er schuld an ihren Verletzungen war. Er säuberte und desinfizierte die Schrammen. „Und nun lassen Sie uns den Rest der schwarzen Schmiere abwaschen.“ Langsam und sanft wischte er ihr Gesicht sauber, während er ihr weiterhin in die Augen sah. Und mit jeder Sekunde schlug sein Puls schneller. Schließlich musste er das dreckige Tuch auswaschen, was er schweigend tat, um sich dann wieder der wunderbaren Aufgabe zuzuwenden, langsam über ihr Gesicht zu streichen. Neben den fantastischen Augen hatte sie eine ganz leicht nach oben gebogene Nase, einen schön geschwungenen Schmollmund und ausgeprägte Wangenknochen.

Meredith griff nach dem Tuch. „Ich kann mir das Gesicht selbst waschen.“ Sie drehte sich zur Spüle um und warf ihm einen Blick zu. „Wenn Sie mir sagen, wo das Bad ist, werde ich das dort machen.“

„Sie stehen hier sehr gut.“ Er wich keinen Millimeter zurück und betrachtete interessiert ihre zarte rosige Haut.

Nachdem sie sich unter laufendem Wasser die letzten Reste der Schmiere vom Gesicht gespült hatte, reichte er ihr ein sauberes Handtuch, und sie trocknete sich energisch ab. Mit großen Augen musterte sie ihn über den Rand des Handtuchs hinweg, und er fragte sich, ob er sich auf den nächsten Faustschlag gefasst machen müsste. Aber sie faltete nur das Handtuch zusammen.

Jason nahm ihr die Kappe vom Kopf. Als lange kastanienbraune Locken über ihre Schultern fielen, hielt er die Luft an. Einige ungebändigte, seidige Strähnen fielen ihr um das Gesicht. Ein bisschen hatte er jetzt schon über Meredith in Erfahrung gebracht. Sie war hitzig, impulsiv und kannte keine Angst. „Möchten Sie etwas essen oder trinken?“

„Nein danke“, antwortete Meredith.

„Kommen Sie.“ Er umfasste wieder ihre Handgelenke und führte sie in ein weiträumiges Wohnzimmer. Dort blieb er vor einer ausladenden braunen Ledercouch stehen, zog sie sanft auf den Sitz, ließ sie los und sah sie an. „Und jetzt erzählen Sie mir, warum Sie Dorians Reifen aufgeschlitzt haben. Was geht zwischen Ihnen und Dorian vor?“

2. KAPITEL

„Ich muss keine Ihrer Fragen beantworten“, erwiderte Meredith bissig. Kein Mann sollte so verteufelt gut aussehen, dachte sie. Er hatte lockige schwarze Haare, die er etwas länger trug, was ihm etwas Wildes, Gefährliches verlieh. Sein Gesicht mit dem kräftigen Kinn, den ausgeprägten Wangenknochen und der geraden Nase war markant. Aber am meisten hatten sie seine blaugrünen Augen beeindruckt. Sie wünschte, sie hätte ihn nicht angestarrt wie ein Teenager einen Filmstar, denn sie hatte den Verdacht, dass Jason Windover sich vor Frauen kaum retten konnte.

Sie warf einen Blick auf die Fenster hinter ihm. Das Haus war schließlich keine Festung, auch wenn er die Alarmanlage wieder eingeschaltet hatte, als sie hereingekommen waren. Sie wusste, wie man ein Auto kurzschließen konnte, und in der Nacht würde sie aus dem Haus gelangen und diesem Mann entkommen.

„Ich kann immer noch den Sheriff anrufen und Sie einsperren lassen. Das hier ist eine kleine Stadt, und wir sind alte Bekannte. Sie für eine Weile im Gefängnis festzuhalten wird kein Problem sein.“

Meredith dachte fieberhaft nach. Sie kannte einige Anwälte, weil sie für sie verschiedene Computerprobleme gelöst hatte. Aber das lag schon länger zurück, und sie hatte sich mit keinem von ihnen angefreundet. Außerdem starrte Jason sie mit seinen bezwingenden, verführerischen Augen an, und das brachte sie zum Reden.

„Ich hatte versucht, Dorian Brady ausfindig zu machen. Nun habe ich ihn gefunden, und er erzählt jedem, ich sei verrückt und es wäre alles gelogen, was ich über ihn erzähle.“

„Ist es das nicht?“

„Ich sage die Wahrheit, aber er ist Ihr Freund und wie Sie ein Mitglied im diesem Club alter Kameraden. Ihr seid ein Haufen hochnäsiger Chauvis. Und mir ist klar, dass Sie eher ihm als mir glauben werden. Warum soll ich also mit Ihnen darüber reden?“ Sie wurde immer ärgerlicher, weil seine Augen amüsiert blitzten.

„Und was soll es bringen, ihm den Reifen aufzuschlitzen?“

„Ich wollte ihn nur wissen lassen, dass ich hier bin. Dass ich in seinem Leben aufgetaucht bin und dort bleiben werde. Ich will dem Mann etwas Ärger bereiten.“

„Er weiß, dass Sie da sind, und Sie machen ihm Kummer. Aber ich werde Ihnen etwas sagen. Meine Kameraden im Club haben mich beauftragt, ein bisschen auf Sie aufzupassen. Und genau das tue ich gerade. Heute Nacht können Sie hier unter meinem Dach bleiben, bis Sie sich beruhigt haben. Und morgen können Sie dorthin zurückgehen, woher Sie gekommen sind.“

„Das denken auch nur Sie, Mister.“

„Ich heiße Jason, erinnern Sie sich?“

„Mister reicht völlig. Wir werden keine Freunde werden.“

„Noch eine Herausforderung.“ Er blinzelte ihr zu.

„Ich werde niemals mit einem Mann wie Ihnen Freundschaft schließen!“

Er sah aus, als würde er angestrengt versuchen, nicht laut zu lachen, und kam ein wenig näher. „Warum nicht, Meredith?“

Oh, oh! Sie würde sich vor ihm in Acht nehmen müssen. Er war viel zu sexy, und seine Stimme jagte ihr sinnliche Schauer über den Rücken. Und erst diese Augen! Sie wich ein wenig zurück. „Ich bin sicher, dass die meisten Frauen dahinschmelzen, wenn Sie ihnen nur zuzwinkern. Aber ich nicht.“

„Das ist jetzt schon die dritte Herausforderung“, bemerkte er mit tiefer Stimme, und in seinem Blick lag eine solche Glut, dass ihr der Atem stockte.

„Ich fordere Sie keineswegs heraus. Wahrscheinlich können Sie nur nicht glauben, dass eine Frau in ganz Texas immun gegen Ihren Charme ist.“

„Schätzchen“, meinte er in einem Ton, der dafür sorgte, dass ihr ganz heiß wurde. „Ich habe noch nicht einmal begonnen, meinen Charme ins Spiel zu bringen. Ihr Faustschlag hat nicht gerade meine besten Seiten hervorgelockt.“

„Sie hatten mich angegriffen.“

„Ich habe einen Vandalen an der Flucht gehindert“, erinnerte Jason sie. Er umfasste wieder ihr Handgelenk und hob die Augenbrauen. „Ihr Puls rast, Meredith.“

Sie funkelte ihn wütend an und wurde rot. „Mein Puls rast nicht, weil ich Sie als Mann toll finde. Ich habe nur Angst.“ Sie deutete auf die Schramme in ihrem Gesicht und ärgerte sich, dass sie so heftig auf Jason reagierte.

„Es tut mir leid, dass ich Sie verletzt habe“, sagte er und klang wirklich zerknirscht. „Kommen Sie. Lassen Sie uns etwas zu trinken holen.“

„Ich werde auch mitkommen, ohne dass Sie meine Hand festhalten.“ Sie versuchte, die Hand loszureißen.

„Ich behalte Ihre Hand lieber unter Kontrolle. Sie können kräftig zuschlagen. Außerdem möchte ich nicht, dass sie mit einem der Familienerbstücke nach mir werfen.“

Jason war groß und wirkte mit seinen breiten Schultern sehr männlich. Dass er ihr Handgelenk umfasst hielt, machte Meredith nervös. Vielleicht sollte sie ihm einfach seinen Willen lassen, bis er sie in einem Zimmer einsperrte. Dann würde sie versuchen können zu entkommen. Als sie in der Küche waren, ließ er ihr Handgelenk los. Während er Bier aus dem Kühlschrank nahm, musterte Meredith die Fenster und Fensterläden. Sie hatte Jason dabei beobachtet, wie er den Alarm abgestellt hatte. Daher konnte sie sich an die Zahlenkombination erinnern, die er in die Tastatur der Alarmanlage eingegeben hatte. Er hatte den Pick-up vor dem Hintereingang geparkt. Und wenn sie zu seinem Pick-up gelangen könnte, wäre sie schon so gut wie weg.

„Möchten Sie auch etwas?“

„Ich werde weder etwas mit Ihnen essen noch etwas trinken.“

„Wie Sie möchten.“ Er öffnete die Bierflasche, und sie kehrten zur Couch zurück, wo er sich für Merediths Geschmack zu nah neben sie setzte. Sie konnte den Duft seines Aftershaves wahrnehmen. Er stellte das Bier auf dem Tisch ab und zog erst den einen und dann den anderen Stiefel aus. „Wir können es uns genauso gut bequem machen. Und jetzt erzählen Sie mir, warum Sie Dorian schaden wollen.“

„Er ist böse. Aber ich weiß, dass Sie mir kein Wort glauben, weil er in Ihrem Club ist.“

„Überlassen Sie das mir.“

„Eine meiner Schwestern war mit ihm verlobt.“

„Er streitet das ab. Haben Sie einen Beweis?“

„Nein.“

„Hat er ihr einen Ring gegeben?“

„Er sagte, dass er den Ring seiner Großmutter für sie aufarbeiten lassen wolle, und schob die Sache deshalb immer weiter hinaus. Es klang überzeugend. Er kann charmant sein, er sieht gut aus, und er ist clever. Alles hörte sich logisch an, als es meine Schwester mir erzählte. Und deshalb hatte ich auch keine Zweifel. Zwei Mal habe ich mit den beiden in unserem Haus zu Abend gegessen.“ Während Meredith das erzählte, musste sie die ganze Zeit über in Jasons Augen schauen. Da er sich keinerlei Gefühlsregung anmerken ließ, hatte sie keine Ahnung, was er dachte.

„Unser Haus? Sind Sie verheiratet?“

„Nein, bin ich nicht. Ich lebe in Dallas in einem Apartment, aber ich komme öfter in mein Elternhaus zurück. Meine Mutter ist Moderatorin einer bekannten Nachrichtensendung in Dallas, und ich bin in Dallas groß geworden.“

„Ein weiteres bekanntes Familienmitglied.“ Er musterte sie eingehend. „Ihre Mom ist nicht zufällig Sererna Dunstan, oder?“

„Ja, ist sie. Ihr richtiger Name ist Therese Silver, aber Sererna Dunstan ist ihr Künstlername. Wie sind Sie darauf gekommen?“

„Sie ist im passenden Alter und hat Preise für ihre brisante und kontroverse Berichterstattung erhalten. Hank Silver, Sererna Dunstan – Sie stammen aus einer Familie von Draufgängern.“

„Meine Schwester ist eher schüchtern.“

„Das muss ich erst mit eigenen Augen sehen, bevor ich es glaube“, erwiderte er trocken.

„Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meinen drei jüngeren Geschwistern, sodass ich noch oft bei uns zu Hause bin. Meine jüngste Schwester ist jetzt auf der Highschool, aber im Frühjahr macht sie ihren Abschluss.“

„Ich hoffe, dass nicht sie diejenige ist, mit der Dorian angeblich verlobt war.“

„Nein, sie war nicht angeblich mit ihm verlobt“, sagte Meredith düster, weil sie wusste, dass Jason ihr ohnehin kein Wort glauben würde. „Dorian war mit Holly verlobt, die einen tollen Job als Ingenieurin hat.“

„Haben Sie vielleicht Fotos, auf denen beide zusammen zu sehen sind?“

„Nein.“ Sie bemerkte, dass Jasons praktische Fragen ihre Anschuldigungen zunehmend unglaubwürdiger erscheinen ließen. „Es gab immer einen einleuchtenden Grund, warum Dorian etwas getan oder gelassen hat. Als ich Fotos machen wollte, hatte er gerade keine Zeit. Und dann geriet die Sache in Vergessenheit.“ Je länger sie redete, desto ärgerlicher wurde sie. „Ich dachte, dass Dorian sich einfach plötzlich entschieden hat, Holly fallen zu lassen. Aber jetzt, wo Sie all diese Fragen stellen, glaube ich, dass er das von Anfang an geplant haben muss. Holly war wirklich in ihn verliebt.“ Meredith erinnerte sich an ihre in Tränen aufgelöste Schwester, die sich kaum mehr hatte beruhigen lassen. Außerdem hatte Holly in den letzten Monaten sehr abgenommen. „Sie hat Dorian geglaubt und hatte sich schon ein Hochzeitskleid gekauft.“

„Obwohl sie noch keinen Ring hatte?“, fragte Jason in einem Ton, als müsste mit Holly die Fantasie durchgegangen sein.

„Dorian hat das alles sehr glaubhaft dargestellt.“ Während sie Jason betrachtete, fragte sie sich, was ihm wohl durch den Kopf ging. „Männer können sehr überzeugend sein, wenn sie wollen. Selbst wenn sie das Blaue vom Himmel herunterlügen.“

Jason wurde sichtlich reservierter. „Ich denke nicht, dass Sie diese Aussage nur auf Männer beschränken sollten“, bemerkte er in einem zynischen Ton, der sie überraschte.

„Ich kann nicht glauben, dass eine Frau Sie jemals verletzt hat. Ich würde wetten, dass die Frauen auf Sie fliegen.“

Jetzt blinzelte er wieder amüsiert. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Sie wissen doch selbst sehr gut, dass Sie ein gut aussehender Typ sind.“

„Na, Sie haben es ja faustdick hinter den Ohren. Sie werden mir noch den Kopf verdrehen.“

Er hatte das mit so weicher Stimme gesagt, dass es Meredith durch und durch ging. Wann würde sie nur endlich lernen, den Mund zu halten? Aber wie hätte sie auch einfach nur still dasitzen können, wenn er sie mit einer solchen Neugier und Intensität ansah, dass sie ganz nervös wurde?

„Warum gehen wir nicht morgen Abend zusammen essen? Ich kann nach Dallas fahren“, meinte er.

„Danke, aber ich habe etwas anderes vor. Und ich werde in Royal bleiben.“

„Haben Sie Freunde hier?“

„Nein, außer Dorian und Ihnen kenne ich hier niemand. Aber ich werde bleiben. Sie können mich nicht zwingen, die Stadt zu verlassen.“

„Haben Sie vor, wieder Dorians Reifen aufzuschlitzen?“

„Nein“, antwortete sie. Sie war über ihn verärgert und versuchte ihre innere Stimme zu ignorieren, die sie drängte, die Einladung zum Abendessen anzunehmen. „Ich wollte Ihnen es eigentlich nicht so unverblümt sagen, aber ich habe nichts anderes vor. Ich möchte mich einfach nicht mit Ihnen verabreden.“

Jason lächelte und zeigte dabei seine perfekten weißen Zähne.

Es war ein umwerfendes Lächeln, und Meredith konnte nur mit Mühe den Blick abwenden. Sie hatte gerade eine Verabredung mit diesem Mann abgelehnt, der einfach zu gut aussah. Sein Lächeln brachte jedes Frauenherz zum Schmelzen. Und sie wusste, dass sie sich in Acht nehmen sollte. Sie wusste auch, dass er sie mit dem Hintergedanken eingeladen hatte, sie von Dorian fern zu halten. „Sicher sind Sie nicht daran gewöhnt, dass eine Frau Ihnen einen Korb gibt. Aber ich bin nicht interessiert.“

„Nun, in diesem Fall werden wir einfach hier in meinem Haus bleiben. Sie können mich morgen begleiten, wenn ich mir einen Computer kaufen gehe, und dann werden wir hier essen. Sie können mir helfen, meinen neuen Computer zu installieren.“

„Sie haben mich entführt!“

„Nein, habe ich nicht. Sie können jederzeit gehen. Wenn Sie das wollen, bringe ich Sie direkt zum Sheriff. Schließlich habe ich Sie bei einer kriminellen Handlung erwischt.“

Meredith funkelte ihn wütend an. „Ich werde es mir bis morgen überlegen.“

„Dann werden Sie auch nicht ins Gefängnis gehen wollen. Mein Haus ist weitaus komfortabler, und ich bin eine angenehmere Gesellschaft als die Polizisten.“ Jason sah sie nachdenklich an. „Wissen Sie, Männer haben Frauen und Frauen haben Männern schon das Herz gebrochen, seit es Menschen gibt. Ihre Schwester ist von einer hundsgemeinen, verlogenen Ratte – wie Sie sagen würden – sitzen gelassen worden. Aber so etwas passiert. Das Leben geht weiter.“

Meredith wurde zornig. „Ja, für Sie ist das einfach! Sie sind ein Playboy, und ich wette, Sie haben schon unzählige Herzen gebrochen.“

„Unzählige? Das denke ich nicht!“ Er unterstrich seine Aussage mit einem fantastischen Lächeln.

„Und ich wette, dass Ihnen so etwas noch nie widerfahren ist. Also erzählen Sie mir nicht, wie unwichtig ein gebrochenes Herz ist!“

„Ein weiterer Schlag in die Magengrube – und dazu unverdient. Ich habe immer von vornherein klar und deutlich gesagt, dass ich kein Mann zum Heiraten bin. Ich will keine Verpflichtung eingehen, und daraus habe ich nie einen Hehl gemacht. Ich war nie verlobt. Also, werfen Sie mich nicht in einen Topf mit Männern, die falsche Versprechungen machen. Denn jede Frau, die sich mit mir verabredet, kennt meine Einstellung sehr genau. Und die meisten Frauen, mit denen ich mich verabrede, sehen das ganz ähnlich.“

„Warum sind Sie denn kein Mann zum Heiraten, wenn ich fragen darf?“

Wieder nahm sein Gesicht einen reservierten Ausdruck an. Er hatte also einen wunden Punkt. Etwas musste passiert sein, was ihm den Gedanken an eine Ehe verleidet hatte.

„Meine Brüder hatten katastrophale Ehen, unter denen sie und ihre Kinder sehr gelitten haben. Ich möchte so etwas nie durchmachen müssen.“

Meredith hatte den Verdacht, dass noch mehr hinter der Sache steckte, aber schließlich kannten sie sich kaum, und sie verstand, warum er ihr nicht mehr darüber sagen wollte. Er hatte sich das Hemd aufgeknöpft und die Ärmel hochgekrempelt. Sie glaubte nicht, dass ihm bewusst war, welche Wirkung das auf sie hatte.

„Ihr Jogginganzug ist doch bestimmt ziemlich warm für die Jahreszeit. Möchten Sie etwas anderes anziehen?“

„Das wäre nett“, sagte sie, und er stand auf und griff nach ihrem Handgelenk. „Sie müssen mich nicht festhalten.“

„Nur Ihr Handgelenk. So kann ich besser in Kontakt mit Ihnen bleiben“, meinte Jason leichthin.

Aber so sorgte er dafür, dass er näher bei ihr stand, als ihr recht war. Sie reichte ihm gerade bis zur Schulter und hatte das Gefühl, dass elektrische Funken zwischen ihnen hin und her flogen. Das machte sie sehr nervös. Was hatte er nur an sich, dass er eine solche Reaktion bei ihr auslöste? Sicher lag es nicht allein daran, dass er aussah wie ein Filmstar. Nein, er hatte etwas an sich, worauf sie instinktiv ansprach, und sie konnte sich nur zu gut vorstellen, dass er schon viele Herzen gebrochen hatte.

Jason führte Meredith erneut durch die Küche zu einem anderen Flur. „Im Ostflügel des Hauses befinden sich die Gästezimmer, mein Büro und ein Fitnessraum. Wenn nicht alle zu Hause sind, benutzen wir diese Zimmer nicht.“

„Alle?“

„Meine Brüder und ihre Familien. Meine Brüder haben wieder geheiratet und haben Kinder. Wir verbringen viel Zeit hier.“ Sie kamen in einen großen Raum, der komfortabel mit Ledersofas und den passenden Sesseln eingerichtet war. In der Mitte stand ein Billardtisch, und ganz hinten in der Ecke war eine Tischtennisplatte aufgestellt. Außerdem gab es einen imposanten Steinkamin, einen großen Flachbildfernseher, Bücherregale mit reichlich Lesestoff und gut bestückte Waffenschränke.

„Ich kann verstehen, warum. Sie haben hier alles, was Sie brauchen.“

„Nicht ganz“, erwiderte Jason ganz langsam, und sie wusste, er meinte damit, dass ihm keine Frau Gesellschaft leistete.

„Wird es Ihnen nicht zu einsam hier?“ In dem Moment, als Meredith die Frage stellte, wusste sie, dass sie lächerlich war, und sie beantwortete sie schnell selbst. „Natürlich sind Sie nirgendwo einsam. Sicherlich halte ich Sie heute Abend von einer Verabredung ab. Und ich wette, dass die Frau gar nicht glücklich darüber ist.“

„Nein. Ich sagte Ihnen doch schon, dass es im Moment keine Frau in meinem Leben gibt.“

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie mal länger als zehn Minuten keine Frau um sich haben.“

„Heute Abend habe ich ja Sie, Schätzchen“, neckte Jason sie mit tiefer Stimme.

„Und ich weiß sehr genau, dass Sie mich nicht wollen.“

„Sagen Sie das nicht. Ich halte mich nur an meinen Auftrag, zu verhindern, dass Sie sich in Schwierigkeiten bringen.“

„Wohl eher, mich von Dorian fern zu halten. Sie können mich nicht ewig überwachen.“

„Nein. Aber heute Abend kann ich meinen Auftrag erfüllen.“

Meredith war sich seiner Finger auf ihrem Handgelenk sehr bewusst. Er führte sie in ein weiteres großes Zimmer. „Hier ist mein Büro.“

„Was für ein schöner Schreibtisch.“ Als sie versuchte, ihm den Arm zu entwinden, ließ er ihr Handgelenk schließlich los. Daraufhin durchquerte sie den Raum, um sich den Schreibtisch aus Ebenholz näher anzusehen. „Der sieht antik aus.“

„Mein Großvater brachte ihn von einer seiner Reisen aus Europa mit. Ich habe versucht, für das Haus noch ein paar weitere Antiquitäten zu finden.“ Jason umfasste wieder leicht ihren Arm und ging mit ihr zum Westflügel. „Wir werden in diesem Teil des Hauses bleiben.“

Meredith dachte über ihre Flucht nach. Vielleicht würde er tief und fest schlafen, wenn er noch ein paar Gläser Bier trank. Dann würde es einfacher für sie werden. „Ich bin überrascht, dass Sie keinen Hund hier draußen haben.“

„Es gibt einige Hunde auf der Ranch, aber sie sind zusammen mit den Cowboys in der Schlafbaracke. Morgen werde ich sie Ihnen zeigen. Im Moment zeige ich Ihnen erst einmal das Haus. Hier ist das Esszimmer.“

Sie warf einen Blick auf den massiven Tisch, an dem insgesamt zweiundzwanzig Personen Platz hatten. Im Schrank glänzte kostbares Geschirr im Licht des Kronleuchters. Auch in diesem Raum gab es einen Kamin. „Essen Sie tatsächlich hier drinnen?“

„Aber ja. Der Tisch ist über hundert Jahre alt, und mein Urgroßvater hatte zehn Kinder. Seine Nachkommen sind in ganz Texas verstreut. Wir haben große Familientreffen, und jeder meiner Brüder hat vier Kinder. Es gibt auch noch ein Gästehaus, falls wir noch mehr Zimmer brauchen.“

„Was ist mit Ihren Eltern?“

Jason drehte den Kopf weg, bevor sie weiter den Gang hintergingen. „Meine Eltern haben sich scheiden lassen. Meine Mutter habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Und mein Vater ist letztes Jahr gestorben.“

„Es tut mir leid, dass Sie Ihren Vater verloren haben. Mein Vater starb, als ich elf Jahre alt war.“

„Ich vermisse meinen Dad sehr“, meinte er schroff. „Es muss hart für Sie gewesen sein, Ihren Vater so früh zu verlieren.“

„Ja, war es. Aber meine Eltern waren immer sehr mit sich selbst beschäftigt. Besonders meine Mutter. Sie ist einfach nicht für die Mutterrolle geschaffen. Für meine Schwestern habe ich immer diesen Part übernommen. Das war in Ordnung für mich und gut für meine Mutter.“

„Hier ist das Wohnzimmer.“ Er machte das Licht an. Das erlesen und sehr elegant eingerichtete Zimmer wirkte, als werde es nie benutzt. Und schon gar nicht von einer Horde von Männern.

„Das ist ein schöner Raum.“ Sie bemerkte, dass die blauen Vorhänge aus Satin schon ein wenig verblasst waren.

„Ja, nun, wir halten uns hier nicht auf“, erklärte er barsch und deutete damit an, dass es Dinge in der Familie gab, über die er nicht redete.

Meredith vermutete, dass es eine Menge Dinge gab, über die er nicht redete. Sie hatte immer mehr den Eindruck, dass sich der echte Jason Windover anderen Menschen gegenüber kaum zu erkennen gab.

„Das sind die Schlafzimmer“, erklärte er dann, und sie blickte kurz in weiträumige, maskulin und komfortabel eingerichtete Räume. „Mein Schlafzimmer liegt am Ende des Gangs. Und deshalb werde ich Sie heute Nacht hier direkt daneben unterbringen. Dann kann ich Sie besser hören.“

Sie betraten den Raum, und Jason ging zum Schrank.

Sie sah auf ein großes Himmelbett. Der Raum war in Hellgrün und Naturweiß gehalten, und sie fragte sich, wie viele andere Frauen schon darin übernachtet hatten.

„Hier ist ein Morgenmantel.“ Er reichte ihn ihr. „Ich werde Ihnen ein paar von meinen T-Shirts geben, sodass Sie sich etwas Leichteres anziehen können. Dort ist das Bad. Handtücher finden Sie im Schrank. Ziehen Sie sich um, und dann werden wir etwas essen.“ Als sie nickte, kam er noch einmal auf sie zu. „Zuerst sehen Sie sich noch mein Schlafzimmer an, und ich werde Ihnen die T-Shirts geben.“

Meredith folgte ihm in das große Zimmer, das ebenfalls mit einem Kamin, einem Fernseher und Bücherregalen ausgestattet war. Hier gab es auch eine zweite Schalttafel für die Alarmanlage. Neben dem riesigen Bett stand ein Nachttisch, auf dem ein Stapel Bücher lag. Sie ging neugierig hin und warf einen Blick darauf. Die Bücher handelten vom Zweiten Weltkrieg.

„Sie interessieren sich für Geschichte?“

„Ja“, antwortete er, während er aus dem Schrank einen Stapel T-Shirts holte. „Mein Großvater war während des Zweiten Weltkriegs in der Normandie stationiert, deshalb habe ich angefangen, mich besonders über diesen Krieg zu informieren.“ Er reichte ihr die T-Shirts.

„Danke. Aber ich werde nur eines brauchen.“

„Nehmen Sie alle. Versuchen Sie nicht, das Haus zu verlassen, nachdem wir uns eine gute Nacht gewünscht haben. Falls Sie ein Fenster oder eine Tür öffnen, wird ein Alarm ausgelöst. Und nachdem wir zu Bett gegangen sind, werde ich die Alarmanlage noch so programmieren, dass schon Alarm ausgelöst wird, wenn Sie nur den Gang betreten.“

Meredith nickte, ging in ihr Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Sie duschte, wusch und föhnte sich die Haare. Sie hatte Naturlocken, die sich schwer bändigen ließen, aber heute Abend war ihr das egal. Dann zog sie ein blaues T-Shirt und ihre Jogginghose an und ging in die Küche. Dort bereitete Jason gerade Sandwiches zu. Er drehte sich zu ihr um, um Meredith sorgfältiger anzuschauen. Jetzt wünschte sie sich, sie hätte ihr unförmiges Sweatshirt anbehalten. Das T-Shirt lag eng an ihrem Körper an, und Jasons Blick ließ sie erschauern.

„Meine Güte, Meredith, Sie sind ja richtig sauber geworden.“

„Meine Freunde nennen mich Merry“, meinte sie atemlos und wusste, dass sie ihren Kopf wieder einschalten musste. Der Mann gehörte definitiv nicht zu ihren Freunden.

Jason kam auf sie zu und blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen. Sie hoffte, dass er ihr Herzklopfen nicht hören konnte. „Dann werden wir also Freunde werden“, meinte er mit seiner tiefen, sexy Stimme. Er ließ einige ihrer Locken durch seine Finger gleiten. „Das ist interessant.“

„Ich habe das gesagt, ohne vorher nachzudenken.“

„Sie wollen nicht, dass wir Freunde sind?“

„Ich denke nicht, dass das möglich ist.“

Er rückte noch etwas näher und hob ihr Kinn. „Es tut mir leid, dass ich Ihre Wange und die Hände so übel zugerichtet habe. So etwas sollte Ihnen nie zustoßen. Ich hasse mich dafür und bereue es.“

„Das sollten Sie auch.“ Meredith wünschte, er würde weggehen, war aber selbst nicht in der Lage, sich zu bewegen. „Sie kommen mir zu nahe“, meinte sie und war sich darüber im Klaren, dass ihr keine Möglichkeit zum Ausweichen blieb, weil sie zwischen Jason und dem Küchenschrank gefangen war.

„Mache ich Sie nervös?“

„Sie werden mich nicht auf Ihre Liste der gebrochenen Herzen setzen können, Jason. Also legen Sie einfach wieder Abstand ein.“

Er rührte sich nicht vom Fleck, sondern stützte seine Hände jeweils links und rechts von ihr auf dem Küchenschrank ab und rückte noch näher. „Erwarten Sie wirklich, dass ich all diese Herausforderungen ignoriere?“

„Ich habe Sie in keiner Weise herausgefordert. Das ist ein Missverständnis. Ich bin nicht beeindruckt. Ich bin nicht interessiert. Ich möchte nicht mit Ihnen zum Abendessen gehen oder sonst irgendetwas mit Ihnen tun.“

„Sie könnten meine Gefühle verletzen.“

„Das ist gar nicht möglich.“ Meredith bekam kaum noch die Worte über die Lippen. Er stand viel zu nah bei ihr und sah viel zu gut aus. Sie würde wetten, dass seine Küsse jede Frau schwach machten.

„Auch ich habe ein Herz, das gebrochen werden kann.“

„Ich denke, dass Sie Ihr Herz hinter einem so dicken Panzer verschanzt haben, dass keine Frau es je wirklich berühren wird.“

Jason fuhr mit dem Finger sacht über ihren Hals. Die Berührung elektrisierte sie. „Ich bin nicht unbesiegbar.“

„Und ich möchte das nicht austesten. Sie sagten doch, dass wir etwas trinken wollten“, erinnerte Meredith ihn und versuchte, den Blick abzuwenden. Wobei sie allerdings flüchtig seinen Mund ansah und sich fragte, wie es wohl wäre, ihn zu küssen. Wie kam sie bei einem Mann wie Jason Windover nur auf so einen Gedanken? Ihr Verstand hatte offenbar ausgesetzt.

„Oh, sicher“, antwortete er, als wäre es das Letzte, das ihm im Kopf herumging. „Was möchten Sie denn?“

„Irgendeinen Softdrink.“

Er ging weg, und sie konnte wieder atmen. Sie sah ihm erleichtert dabei zu, wie er die Küche durchquerte. Er brachte ihr das kühle Getränk in einem hohen Glas und gönnte sich selbst noch ein Bier. Sie hoffte, dass ihn das bald tief schlafen lassen würde, aber er trank es ganz langsam.

Schließlich kehrten sie wieder zum komfortablen Sofa im Wohnzimmer zurück. Jason hatte sich wieder ganz nah neben sie gesetzt und einen Arm hinter ihr auf die Lehne gelegt. Er bot ihr ein Sandwich an, aber sie lehnte ab. „Ich denke, Sie sollten Dorian vergessen und nach Hause fahren.“ Er biss in ein Käsesandwich.

„Vielleicht ja.“

„Das machen Sie mir nur vor, bis Sie mich losgeworden sind. Sie können Dorian nicht ändern. Sie können damit überhaupt nichts erreichen, außer ihn ein wenig zu ärgern.“

„Vielleicht. Aber er verdient es, geärgert zu werden.“

„Merry, ich sage es noch einmal: Frauen brechen Männern das Herz, und Männer brechen Frauen das Herz. Wenn dabei keine Ehe zerstört wird, muss man es einfach akzeptieren und sein Leben fortsetzen.“

„Eine feine Lebensphilosophie.“ Sie wurde wieder wütend. „Meine Schwester verliert Gewicht. Sie hat furchtbaren Liebeskummer und vernachlässigt ihren Job. Ihr ganzes Leben leidet darunter.“

„Sie wird darüber hinwegkommen. Machen Sie Ihre Schwester mit anderen Männern bekannt.“
 „Im Moment will sie keinen Mann sehen.“

„Ich wiederhole es noch einmal. Auch gebrochene Herzen heilen wieder. Die beiden hatten doch keine langjährige Beziehung.“

„Sie haben leicht reden. Dieser Typ soll wissen, dass er sich nach dieser Geschichte nicht so einfach aus dem Staub machen kann. Jetzt bereite ich ihm ein bisschen Kummer. Er hat meiner Schwester wehgetan und ihr Geld genommen.“

Jason drehte sich zu ihr. „Dorian hat sich am Geld Ihrer Schwester vergriffen?“

„Jetzt zeigen Sie Interesse.“ Meredith war erneut ärgerlich auf ihn. „Das Geld ist wichtig für Sie, aber nicht Hollys gebrochenes Herz.“

„Da gibt es einen Unterschied. Er könnte eine Straftat begangen haben“, erklärte Jason. Und sie merkte, dass sie jetzt seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. „Erzählen Sie mir genau, was Dorian getan hat.“

3. KAPITEL

Eine Frau sitzen zu lassen war eine Sache, aber sie um ihr Geld zu betrügen, eine andere. Jasons negative Gefühle für Dorian kehrten mit einem Schlag zurück. Hatte er mit seiner Einschätzung doch richtig gelegen? Bei „Wescott Oil“ war Geld verschwunden und dann auf einem Konto unter Sebastians Namen wieder aufgetaucht. Jemand hatte dieses Geld genommen und versucht, Sebastian einen Mord anzuhängen. Ein Mann war kaltblütig umgebracht worden. Jason bemerkte, dass Merry ihn neugierig musterte. „Was ist?“

„Was geht Ihnen durch den Kopf? Dass Dorian Hollys Geld genommen hat, beunruhigt Sie.“

„Hier in Royal geht etwas vor.“ Er wählte sorgfältig seine Worte. „Sie sind ja schon einigen Mitgliedern vom ‚Texas Cattleman’s Club‘ begegnet.“

Meredith wurde rot. „Ich wollte nur herausfinden, wo Dorian steckte. Sicher war es ein furchtbarer Schock, dass eine Frau in die geheiligten Hallen Ihres edlen Clubs eingedrungen ist.“

„Sie haben in der Tat Aufsehen erregt.“

Er erinnerte sich daran, was er einen Tag später über ihren Auftritt im Club gehört hatte. Sie war einfach dort hereingeplatzt, um zu erfahren, wo sie Dorian finden könne, und hatte viel Staub aufgewirbelt. War sie daheim in Dallas genauso hitzig und lebhaft? Jason fiel es schwer, sich auf die Unterhaltung über Dorian zu konzentrieren, wenn Meredith so nah bei ihm saß. Nach dem Duschen lockten sich ihre kastanienbraunen Haare, die rote Glanzlichter hatten, seidig um ihr Gesicht und fielen ihr bis über die Schultern. In der Küche hatte er Meredith küssen wollen. Und er hätte es fast versucht, weil er geglaubt hatte, dass auch sie ihn gern küssen wollte. Aber der Moment war vorübergegangen. Und jetzt würde er sie gern berühren. Er zwang sich, seine Aufmerksamkeit wieder auf das Gespräch zu lenken.

„Erinnern Sie sich an Sebastian Wescott?“, fragte er.

„Dorians Halbbruder? Er ist netter als Dorian.“

„Ah, jetzt sind wir endlich einmal einer Meinung“, meinte Jason, der dem Drang, Meredith zu berühren, nicht länger widerstehen konnte. Er wickelte sich eine Locke um einen Finger. Meredith errötete, ließ es jedoch zu. Spürte die Lady auch, dass zwischen ihnen die Funken nur so sprühten? „Sebastian hat das ‚Wescott Oil‘ geerbt. Und als dann Dorian in Royal als sein lang verschollener Halbbruder auftauchte, hat Sebastian ihm in seinem Imperium einen Job als Computerfachmann gegeben.“

„Sebastian Wescott sollte wissen, dass er jemand bei sich aufgenommen hat, der skrupellos täuscht und betrügt. Dorian ist eine miese Ratte.“

„Wir haben Dorian in den ‚Texas Cattleman’s Club‘ aufgenommen, weil er Sebastians Halbbruder ist.“ Während er redete, wanderten Jasons Gedanken zu Meredith mit ihren großen Augen und den weichen Locken. Sein Charme, dem die Frauen sonst kaum widerstehen konnten, schien bei ihr total seine Wirkung zu verfehlen. Aber sie hatten auch nicht gerade einen guten Anfang gehabt. Dennoch war er nicht an Frauen gewöhnt, die ihn nicht mochten, und es machte ihm zu schaffen. Es belastete ihn auch sehr, dass er verantwortlich für die Schramme auf ihrer Wange war. Ihre Haut war ganz zart und samtweich, und er wünschte, er könnte den Schaden wieder gutmachen.

„Und …“

Er bemerkte, dass er irgendwann aufgehört hatte zu reden. „Tut mir leid. Ich war in Gedanken. Wo war ich stehen geblieben?“

Sie hob neugierig die Augenbrauen. „Woran haben Sie denn gedacht?“, fragte sie weich.

Sein Puls schlug schneller. „An Sie. An Ihre zarte Haut, die seidigen Haare.“

„Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit besser wieder auf Dorian Brady.“

„Das macht nicht annähernd so viel Spaß.“

„Es ist sicherer.“

„Haben Sie Angst, Merry?“

Sie schenkte ihm einen aufreizenden Blick, der ihn ganz heiß machte. „Überhaupt nicht. Ich bin nicht Ihr Typ. Also, lassen Sie uns zu den Fakten zurückkehren. Worüber haben wir gerade geredet? Über Robert Cole?“

„Jetzt, wo es endlich um uns geht, haben Sie es aber sehr eilig, das Thema zu wechseln.“

„Es gibt kein ‚uns‘. Erzählen Sie mir von Robert.“

Jason war in Versuchung, weiter mit ihr zu flirten, aber die Vernunft gewann die Oberhand. Und er wusste, dass sie recht hatte. „Robert Coles Frau, Rebecca“, fuhr er fort und versuchte, sich von dem Zauber zu lösen, der von Meredith ausging, „hat die Leiche von Eric Chambers entdeckt. Er arbeitete bei ‚Wescott Oil‘ und ist ermordet worden.“

„Wie furchtbar!“

„Eric wurde erwürgt. Er war der Chef der Finanzabteilung. Und auf den Konten des Unternehmens war Geld verschwunden. Als ein entsprechender Betrag auf Sebastians Privatkonto auftauchte, wurde Sebastian festgenommen und des Mordes angeklagt. Es gab eine belastende E-Mail, die er angeblich an Eric geschickt hatte.“

„Das hört sich schrecklich an, aber Sebastian ist doch wieder auf freiem Fuß.“ Meredith schüttelte den Kopf, um so ihre Locken aus Jasons Fingern zu lösen.

Jason fragte sich, ob es sie wirklich störte, dass er ihre Haare berührte. Einer Frau ungewollt zu nahe zu kommen widerstrebte ihm. Aber als sie sich in die Augen gesehen hatten, hatte Meredith seinen Blick wie gebannt erwidert. Und als er in der Küche so dicht vor ihr gestanden hatte, war sie ganz atemlos gewesen. Vor einigen Minuten hatte sie sogar mit ihm geflirtet. Er war neugierig, welche Wirkung er auf sie hatte, und strich zart über ihre Fingerknöchel, während er ihr Gesicht beobachtete. Als er ein leichtes Aufflackern in ihren Augen bemerkte, erhöhte sich sein Pulsschlag. Vielleicht war seine Aufmerksamkeit ja gar nicht so unerwünscht.

Er nahm sanft ihre Hand in seine und gab Acht, dass er ihre Schrammen nicht berührte. „Sie haben kleine, zarte Hände, Merry.“

Sie entzog ihm die Hand und ballte sie zur Faust. „Was passierte, nachdem Sebastian festgenommen worden war?“

„Sebastians Anwalt fand einen Weg, den Ermittlungsbehörden zu beweisen, dass Sebastian nicht der Mörder sein konnte. Offensichtlich versuchte jemand, ihm den Mord anzuhängen, und hat die angeblichen Beweise fingiert.“

„Das ist ja grauenvoll!“

„Dorian könnte davon profitieren, wenn Sebastian aus dem Weg wäre. Dass er Ihrer Schwester das Herz gebrochen hat, ist eine Sache. Aber es ist etwas anders, wenn er Geld gestohlen hat. Erzählen Sie mir die Geschichte.“

„Holly hatte sich von Dorian zur Einrichtung eines gemeinsamen Kontos überreden lassen. Er meinte, wenn sie erst verheiratet wären, würden sie ohnehin alles miteinander teilen, und er wolle auf Dauer keine getrennten Kassen.“

Jason beobachtete Meredith beim Erzählen. Wenn er auch nur ein Fünkchen Verstand besäße, würde er sie nicht berühren oder mit ihr flirten. Sie war definitiv keine Frau, mit der er sich verabreden wollte. Und doch hatte sie etwas an sich, das ihn unglaublich anzog.

„Und obwohl Holly für Ihr Verständnis bestimmt nicht viel besaß“, fuhr Meredith fort, „hatte sie doch einige Tausend Dollar gespart, mit denen Dorian dann einfach verschwunden ist.“

„Das ist etwas anderes, als eine Frau sitzen zu lassen, nachdem man ihr gesagt hat, dass man sie liebt.“

„Nur wenn Geld für Sie wichtiger ist als Liebe!“, entgegnete Meredith, und Jason wusste, dass er jetzt in ihren Augen noch schlechter dastand als vorher. Aber es war eigentlich egal, da sie ohnehin schon eine schlechte Meinung von ihm hatte.

„Haben Sie Kontoauszüge?“

Merry wurde erneut rot, und er fragte sich, ob sie ihm etwas vormachte. „Dorian hat alle Belege. Er hatte Holly erzählt, dass er das Konto auf einer Bank mit einem besseren Service einrichten würde. Sie hat ihm eine Bankvollmacht gegeben. Ich habe keinen Beweis für das, was er getan hat. Er war sehr clever.“ Sie starrte ihn mit großen Augen an. „Sie glauben mir nicht, oder?“ Sie klang ebenso resigniert wie ärgerlich.

Jason dachte nach, bevor er antwortete. „Irgendwie glaube ich Ihnen, aber ich wünschte, Sie hätten handfeste Beweise für das, was Sie mir erzählt haben.“

„Er hat das Geld genommen. Und ich wette, dass er mit der Sache bei ‚Wescott Oil‘ zu tun hat. Der Mann ist gierig, hart und skrupellos. Aber ich habe Sie nicht überzeugt.“ Meredith klang entmutigt.

„Ich höre Ihnen zu und denke darüber nach, aber Beweise würden einen großen Unterschied machen. Sie wissen doch, was man Frauen nachsagt, die sitzen gelassen worden sind.“

Sie stand aufgebracht auf. „Ich bin erschöpft und möchte gern schlafen gehen.“

„Sicher.“ Jason erhob sich ebenfalls. „Möchten Sie morgen früh länger schlafen oder geweckt werden?“

„Ich würde lieber ausschlafen.“

„Das passt mir gut.“ Er dachte an die Termine, die er würde verlegen müssen, um bei ihr bleiben zu können. Dennoch fand er Gefallen an der Aussicht. „Ich werde früh aufstehen. Ich mache zuerst immer mein Krafttraining. Wenn Sie möchten, können Sie den Fitnessraum benutzen.“

„Danke, ich trainiere normalerweise auch morgens.“

„Das überrascht mich nicht“, bemerkte er trocken und ging vor, während er ihr aus den Augenwinkeln heraus einen Blick zuwarf. Er war bisher kaum mit kleinen Frauen ausgegangen und mochte es gar nicht, den Kopf senken zu müssen, um eine Frau zu küssen. Ihm war es viel lieber, eine große Frau im Arm zu halten. „Haben Sie gerade zwischen zwei Jobs etwas freie Zeit?“

„Richtig.“

„Also haben Sie die Zeit, in privaten Männerclubs aufzutauchen, Reifen aufzuschlitzen und dergleichen?“

Merry sah ihn vernichtend an. „Dorian Brady ist ein Teufel, und ich denke nicht, dass er ungestraft davonkommen sollte.“

„Vielleicht sollten Sie das einem Gericht überlassen.“

An der Schlafzimmertür drehte sie ihm das Gesicht zu. „Sie können mich hier nicht ewig festhalten.“

„Das habe ich auch nicht vor. Ich habe Sie heute Abend auf der Straße aufgelesen, und wenn Sie Dorian in Ruhe lassen, können Sie Ihrer Wege gehen. Werden Sie Dorian in Ruhe lassen?“

„Vermutlich.“ Sie seufzte.

„Ich denke, er hat schon gelitten.“

„Ihr steckt doch alle unter einer Decke“, bemerkte sie düster.

„Ich sagte Ihnen doch schon, dass ich noch nie falsche Heiratsversprechen gegeben habe. Werfen Sie mich bitte nicht in einen Topf mit Dorian Brady.“

„In Ordnung. Ich entschuldige mich dafür.“

„Gut.“ Jason stützte sich mit einer Hand am Türpfosten über ihrem Kopf ab. „Sie wissen, dass diese Nacht nicht verschwendet werden müsste.“

„Verschwendet?“, fragte Meredith atemlos. Er legte die Hand auf die kleine Ader an ihrem Hals und fühlte, wie ihr Puls raste. Er wartete ihren Protest erst gar nicht ab, denn er wollte sie küssen. Also legte er den Arm um ihre Taille, rückte näher und beugte sich zu ihr.

In dem Moment, als Jason den Arm um ihre Taille legte, machte Meredith den Mund auf, um ihn in die Schranken zu verweisen, aber dann presste er den Mund auf ihre Lippen, und sie hatte das Schwindel erregende Gefühl, sich im freien Fall zu befinden. Als ihre Zungen sich berührten, setzte ihr Herzschlag einen Moment aus. Dann erforschte Jason ihren Mund, und Meredith glaubte dahinzuschmelzen. Sie konnte ihm einfach nicht widerstehen. Sein Kuss entflammte sie und schien unendlich viel zu versprechen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, legte den Arm um seinen Nacken und zog Jason an sich. Meine Güte, war der Mann groß. Und er war atemberaubend. Ein Herzensbrecher, der die Frauen stets wissen ließ, dass sie nicht auf Dauer an seinem Leben teilnehmen würden.

Als sein Kuss fordernder wurde, erwiderte sie ihn hingebungsvoll. Sie verlor sich völlig in Empfindungen, die so intensiv waren, dass sie gegen alle Vernunft plötzlich viel mehr wollte, als sie jemals bekommen konnte. Sie musste unbedingt wieder ihren Verstand einschalten! Sie hörte auf, den Kuss zu erwidern, legte die Hände auf seine Brust und schob Jason so weit weg, dass sie ihm wieder ins Gesicht sehen konnte.

Auch er wich ein wenig zurück.

In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie jemand so leidenschaftlich geküsst. Meredith war vollkommen durcheinander. Sie hatte nicht sehr viel Erfahrung mit Männern, aber auch wenn es anders gewesen wäre, hätte sie wohl genauso stark auf Jason reagiert wie jetzt. Da ihr die Worte fehlten, betrat sie einfach das Schlafzimmer und machte ihm die Tür vor der Nase zu. Dabei kam sie sich ziemlich idiotisch vor. Sie hätte etwas sagen und sich nicht wie ein Teenager nach dem ersten Kuss aufführen sollen. Aber jetzt war es dafür zu spät. Benommen und durcheinander starrte sie auf die Tür. Kein Wunder, dass Jason überall gebrochene Herzen hinterließ. Es war nicht fair. Er sah zu gut aus, hatte ein Lächeln, das Eis zum Schmelzen bringen würde, und küsste unglaublich verführerisch.

Sie ging zu einem Schaukelstuhl, setzte sich und starrte in die Luft. Dann schloss sie die Augen und rief sich seinen Kuss in Erinnerung. Ihm hatte der Kuss wahrscheinlich nicht einmal Spaß gemacht. Er hatte ja wirklich schnell genug damit aufgehört! Meine Güte, was für ein Mann! Und sie hatte eine Verabredung zum Abendessen mit ihm ausgeschlagen. Am liebsten wäre sie zu ihm ins Zimmer gerannt und hätte ihm gesagt, dass sie es sich anders überlegt hätte. Aber das konnte sie nicht tun. Sie wollte nicht einfach eine weitere seiner Eroberungen sein. Und sie nahm an, dass es so viele waren, dass er damit leicht ins „Guinness Buch der Rekorde“ kommen könnte. Ihre Lippen prickelten immer noch. Und obwohl sie an andere Dinge zu denken hatte, würde sie die nächste Stunde einfach nur damit verbringen, hier zu sitzen und sich an den besten Kuss ihres Lebens zu erinnern.

Eine Stunde später war es still und dunkel im Haus. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Sie zog sich wieder ihren schwarzen Jogginganzug an und setzte die Kappe auf. Dann machte sie die Tür auf und legte sich flach auf den Boden. Ganz langsam und vorsichtig rutschte sie hinaus in den Gang. Wenn die Alarmanlage über einen Bewegungsmelder ausgelöst werden würde, hatte sie, Meredith, eine Chance, unentdeckt zu bleiben, wenn sie ganz tief am Boden blieb.

In der Erwartung, dass der Alarm jeden Augenblick losgehen würde, machte Meredith sich auf den Weg und rutschte so langsam wie möglich den Gang entlang, wobei sie jede unnötige Bewegung und jedes Geräusch vermied. Die Holzdielen erleichterten ihr die Aktion. Und da sie sich ausgestreckt auf dem Bauch vorwärts bewegte, knarrten die Dielen auch nicht. Sie betete, dass der Mann tief, fest und noch lange schlafen würde. Nachdem sie knapp fünf Meter zurückgelegt hatte, hielt sie es für möglich, es auf diese Weise bis zur Hintertür und der Schalttafel der Alarmanlage zu schaffen. Doch es war ein weiter Weg, und der Schweiß lief ihr übers Gesicht. Ihr kam es vor, als würden Stunden vergehen, bis sie die Hintertür erreichen würde.

Doch schließlich hatte sie es geschafft, wusste aber nicht, wie lange sie gebraucht hatte. Sie befürchtete, dass schon bald die Sonne aufgehen würde. Als Rancher stand Jason wahrscheinlich schon sehr früh auf, also wollte sie so schnell wie möglich aus dem Haus kommen. Sie wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht und näherte sich der Schalttafel der Alarmanlage, wobei sie davon ausging, dass sie das Alarmsystem beim Öffnen der Hintertür auf jeden Fall in Gang setzen würde. Aber sie könnte die Anlage auch schon beim Aufstehen auslösen und würde sie deshalb innerhalb von Sekunden ausstellen müssen. Sie rekapitulierte im Geist die Zahlen, die Jason eingegeben und die sie sich gemerkt hatte. Wenn sie auch nur den kleinsten Fehler machte, wäre die ganze Anstrengung umsonst gewesen, und er würde sie noch zu fassen bekommen, bevor sie den Pick-up erreicht hätte. Sie holte tief Luft, stand auf und gab schnell den Code ein. Es erklangen vier kleine Pieptöne, dann hatte sie es geschafft, und die Anlage gab Ruhe.

Ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, machte sie die Tür auf und lief zu Jasons Pick-up. Hank hatte ihr beigebracht, wie man ein Auto kurzschloss, und es klappte auch jetzt.

Sie grinste, als sie den Gang einlegte. „Bis dann, Cowboy!“, rief sie und genoss ihren Triumph. „Du wirst dir deinen Pick-up später abholen können!“ Sie trat aufs Gaspedal und fuhr so schnell los, dass sie eine dicke Staubwolke aufwirbelte. Auf dem Weg in die Stadt überlegte sie sich den nächsten Schritt, mit dem sie Dorian Brady erneut daran erinnern würde, dass er nicht ungestraft davonkommen würde.

Als sie an Dorian und Sebastian und all das dachte, was ihr Jason über „Wescott Oil“ erzählt hatte, verging ihr jedoch das triumphierende Lächeln. Konnte Dorian hinter dem Mord und dem Versuch stecken, das Verbrechen Sebastian in die Schuhe zu schieben? Ihr lief es eiskalt über den Rücken, als ihr klar wurde, dass sie es mit einem sehr gefährlichen Mann zu tun hatte. Falls er in einen Mord verwickelt war, gingen seine schmutzigen Machenschaften viel weiter, als sie bisher angenommen hatte. Holly konnte sich glücklich schätzen, dass Dorian aus ihrem Leben verschwunden war. Je länger Meredith an Dorian und „Wescott Oil“ dachte, desto sicherer wurde sie, dass Dorian der Mörder sein musste. Doch ihr würde niemand glauben. Sie hatte keinen einzigen Beweis. Nicht einmal für seinen Betrug. Jetzt wünschte sich Meredith, sie hätte Jason gründlich über den Mordfall ausgefragt.

Als sie die Stadt erreichte, ging langsam die Sonne auf. Sie parkte den Pick-up direkt vor dem Büro des Sheriffs. Auf diese Weise würde man den Wagen sehr schnell finden, wenn Jason ihn als gestohlen meldete. Sie stieg aus und ging schnell zum „Royalton“, wo sie am Empfang hinterlassen hatte, dass sie unter keinen Umständen gestört werden dürfe. Damit hatte sich Jason Windover für sie erst einmal erledigt.

Jason hatte gerade einen erotischen Traum, in dem Meredith Silver die Hauptrolle spielte, als ihn ein Motorengeräusch weckte. Als ihm klar wurde, dass es sich um seinen Pick-up handelte, sprang er mit einem Satz aus dem Bett. Er zog sich schnell einen Slip an und warf einen Blick auf die Schalttafel der Alarmanlage. Völlig perplex starrte er auf das grüne Lämpchen, das anzeigte, dass der Alarm ausgeschaltet worden war. Er fluchte, rannte los und riss die Tür zum Schlafzimmer neben seinem auf – und starrte auf das leere, akkurat gemachte Bett.

Dann eilte er den Gang hinunter zur Küche, die Hintertür hinaus und sah benommen auf den leeren Platz, wo vorher sein Pick-up gestanden hatte. Die Staubwolke hing noch über der Straße. „Wie, zum Teufel, konnte sie entkommen?“, knurrte er und raufte sich die Haare. „Diese verdammte Wildkatze!“

Sie konnte noch nicht weit sein. Als Jason in sein Zimmer rannte, um sich anzuziehen, dachte er darüber nach, was er jetzt tun sollte. Er könnte seinen Pick-up als gestohlen melden und dafür sorgen, dass Meredith ins Gefängnis kam. Er könnte ihre Verfolgung aufnehmen, aber sie hatte einen ziemlichen Vorsprung.

„Verdammt!“, fluchte er wieder.

Die Frau machte nur Probleme. Vielleicht würde sie gar nicht nach Royal, sondern nach Dallas fahren. Aber er ging davon aus, dass sie in Royal irgendwo ihr Auto geparkt hatte. Er steckte seine Brieftasche und die Schlüssel ein, um mit seinem Pkw in die Stadt zu fahren. Er wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, die Alarmanlage auszuschalten, aber er erinnerte sich, dass er bei der Ankunft auf der Ranch vor ihren Augen den Zahlencode eingegeben hatte, weil er nicht geglaubt hatte, dass sie ihn dabei so aufmerksam beobachten würde.

Und dabei war es doch eine seiner ersten Lektionen gewesen, dass man den Feind nie unterschätzen sollte. Nun, er hatte seinen kleinen Feind gewaltig unterschätzt. Diese Frau belästigte nicht nur Dorian und die restlichen Mitglieder des Clubs, sondern ärgerte vor allem ihn maßlos. Er erinnerte sich an den Kuss, was er gar nicht wollte, denn ihr leidenschaftlicher Kuss hatte Gefühle in ihm aufgerührt, die ihm ganz fremd waren.

Während er leise fluchte, lief er schnell zur Garage. Es war zu peinlich, dass er mitten in der Nacht auf Verfolgungsjagd gehen musste. Er dachte an seine Arbeit und die Aufgaben des „Texas Cattleman’s Club“. Er hatte schon die heikelsten und schwierigsten Aufträge erledigt, und nun ließ ihn eine kleine Furie so dumm aussehen.

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