Logo weiterlesen.de
Verliebt in meinen Chef

Kathie DeNosky

Erst heiß – dann kalt

PROLOG

Caleb Walker saß an einem kleinen runden Tisch in der Nische einer Hotelbar in Wichita und starrte die beiden Männer an, die ihm gegenübersaßen. Nicht einmal die blonde Kellnerin, die ihn aufmunternd anlächelte, konnte ihn ablenken.

Bisher hatte Caleb in der Annahme gelebt, keine Geschwister zu haben, er wusste nicht einmal, wer sein Vater war. Aber vor knapp einer Stunde, in einem luxuriösen Büro der Firmenzentrale von Emerald Inc., hatte sich das geändert. Caleb hatte erfahren, dass sein Vater kein Geringerer war als Owen Larson, der Globetrotter, Playboy und Erbe des Emerald-Inc.-Imperiums. Der vor kurzem verstorbene Owen Larson. Jetzt musste Caleb sich an den Gedanken gewöhnen, dass er endlich wusste, wer sein Vater war. Aber auch daran, dass dieser bei einem Bootsunglück vor der französischen Küste umgekommen war. Caleb hatte nun keine Chance mehr, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen, dass er Calebs Mutter geschwängert und dann sitzen gelassen hatte. Er hatte ebenfalls erfahren, dass seine Großmutter die unbezwingbare Emerald Larson war und die beiden Männer, die ihm gegenübersaßen, seine Halbbrüder.

„Ich kann es nicht fassen, dass die Alte uns seit unserer Geburt ausspioniert hat.“ Hunter O’Banyon zog die Augenbrauen zusammen. „Sie hat alles über uns gewusst und verdammt noch mal nichts getan, um uns über das große Geheimnis aufzuklären. Bis heute.“

„Die ‚Alte‘ ist unsere Großmutter. Und ich würde sagen, sie hat eine Menge getan.“ Nick Daniels trank einen großen Schluck aus der Bierflasche, die er in der Hand hielt, bevor er sie auf den Tisch stellte. „Privatdetektive anzuheuern, die ihr über jeden unserer Schritte berichten, seit wir aus den Windeln heraus sind, und uns gleichzeitig darüber im Ungewissen zu lassen, das erfordert schon Mumm.“

„Stimmt“, meinte Caleb. Er war noch immer wütend auf Emerald Larson, die Gründerin und Vorstandsvorsitzende eines der erfolgreichsten Wirtschaftsunternehmen, weil sie ihnen so lange die Wahrheit über ihre Herkunft verschwiegen hatte. „Am meisten ärgert es mich, dass sie unsere Mütter erpresst hat. Wie konnte sie ihnen nur androhen, dass sie uns unseren Anteil am Erbe vorenthalten würde, sollten unsere Mütter nicht über Emeralds nichtsnutzigen Sohn, unseren Vater, Schweigen bewahren?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Zumindest muss man ihr zugestehen, dass sie meisterhaft zu manipulieren versteht.“

Nick meinte zustimmend: „Ich kann verstehen, warum unsere Mütter sich Emeralds Weisungen gebeugt haben. Sie hatten gehofft, uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Aber sie mussten einen hohen Preis dafür zahlen.“

„Ich pfeife auf meinen Erbteil an Emerald Larsons selbst geschaffenem Imperium.“ Hunter schüttelte den Kopf. „Eher friert die Hölle zu, als dass ich nach ihrer Pfeife tanze.“

„Du willst ihr Angebot also tatsächlich ausschlagen?“, fragte Caleb.

Wenn sie Emeralds Bedingungen akzeptierten, würde jeder von ihnen eine der Firmen aus dem Emerald-Unternehmen erhalten. Sie hatte ihnen versichert, dass keinerlei Bedingungen daran geknüpft seien und ihre Enkel freie Hand in der Leitung des Betriebes hätten. Aber Caleb war nicht so dumm, seiner Großmutter das zu glauben. So wie es aussah, schien es seinen Brüdern ähnlich zu gehen.

„Ich habe seit fünf Jahren keinen Hubschrauber mehr geflogen.“ Hunter verzog seinen Mund zu einer schmalen Linie. „Warum soll ausgerechnet ich einen Flugdienst übernehmen, der Arzneimittel befördert?“

„Na ja, das ergibt immerhin mehr Sinn, als einen Schreibtischtäter wie mich auf eine Ranch in Wyoming zu schicken.“ Nick runzelte die Stirn. „Ich lebe seit mehr als zwölf Jahren in einer Wohnung in St. Louis. Rindviecher sehe ich nur, wenn sie bei einer Parade einen Bierwagen durch die Straßen ziehen.“

Caleb fand auch, dass das, was Emerald Larson von ihnen verlangte, ziemlich hirnrissig klang. Er hatte die Wirtschaftskurse an der Highschool mit Auszeichnung bestanden, aber das war schon eine Weile her. Die Vorstellung, sich zum Narren zu machen, wenn herauskam, dass ihm die Sache über den Kopf wuchs, gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Was glaubt ihr denn, wie ich mich fühle?“ Er schüttelte den Kopf, als er daran dachte, was seine Großmutter sich für ihn ausgedacht hatte. „Ich bin ein einfacher Farmer aus Tennessee, der nur eine Highschool besucht hat. Emerald hätte sich nichts Lächerlicheres ausdenken können, als mir die Leitung einer Finanzberatungsfirma zu übertragen.“

Hunter griff nach einer Brezel, die in einer Schale auf dem Tisch lag. „Ich wette, unsere gute Großmutter führt noch mehr im Schilde, wenn sie jedem von uns einen Teil ihres Imperiums überträgt. Sie macht das nicht nur aus Herzensgüte.“

„Da hast du zweifellos Recht“, stimmte Nick zu.

Caleb war sich nicht wirklich sicher, was Emerald Larson im Schilde führte, aber er war fest davon überzeugt, dass sie die Firmen für ihre Enkel mit sehr viel Bedacht ausgesucht hatte. „Ich vermute, sie will, dass wir etwas beweisen.“

Nick sah ihn überrascht an. „Was denn? Dass wir nicht wissen, was wir tun?“

„Keine Ahnung. Aber ich würde mein letztes Hemd darauf verwetten, dass sie einen Grund für alles hat, was sie tut.“ Caleb zuckte mit den Achseln, während er sein Bier trank. „So wie ich es sehe, haben wir zwei Möglichkeiten. Entweder lehnen wir ihr Angebot ab, verschwinden und machen damit die Opfer, die unsere Mütter für unsere Zukunft gebracht haben, wertlos. Oder wir akzeptieren Emeralds Angebot und beweisen ihr, dass sie keine Ahnung hat, wer wir sind und wo unsere Talente wirklich liegen.“

Hunter sah nachdenklich aus. „Mir gefällt die Idee, es der hochnäsigen Mrs. Larson zu zeigen.“

„Es würde ihr recht geschehen, wenn wir alle auf die Nase fielen“, sagte Nick widerstrebend.

„Aber wenn wir die Aufgaben übernehmen, die Emerald für uns ausgesucht hat, dann sollten wir alle zumindest unser Bestes geben.“ Caleb stand auf und warf ein paar Dollarscheine auf den Tisch. „Etwas Halbherziges zu tun ist nicht mein Ding.“

„Meins auch nicht“, erklärten die beiden anderen im Chor, als sie aufstanden und Geld für ihre Drinks auf den Tisch legten.

„Dann bleibt uns wohl nur noch, Emerald unsere Antwort zu überbringen.“ Caleb hatte plötzlich das Gefühl, ohne Sicherheitsnetz ein Hochseil zu betreten.

Aber während er mit seinen Brüdern die Bar verließ und zurück in das Büro von Emerald Inc. ging, verspürte er auch eine gewisse Vorfreude. Er hatte sich immer gern einer Herausforderung gestellt. Und so unglaublich es war, aber es gefiel ihm tatsächlich, „Skerritt and Crowe Financial Consultants“ zu übernehmen. Er bedauerte lediglich, dass er nicht die nötige Ausbildung besaß und keine Ahnung hatte, wie er den Job vernünftig erledigen sollte.

1. KAPITEL

Während er sich nun dem Empfang in der Führungsetage von „Skerritt and Crowe Financial Consultants“ näherte, setzte Caleb das professionelle Lächeln auf, das er in der vergangenen Woche geübt hatte. „Ich möchte gern zu A.J. Merrick.“

„Moment! Haben Sie einen Termin, Sir?“, fragte die grauhaarige Empfangsdame, als er auf die Tür hinter ihrem Schreibtisch zumarschierte.

„Ich bin Caleb Walker.“ Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Ich bin sicher, Merrick erwartet mich.“

„Warten Sie, Mr. Walton“, sagte sie und stellte sich ihm in den Weg.

„Walker.“ Caleb runzelte die Stirn. Hatte Merrick die Angestellten nicht darüber informiert, dass er, Caleb Walker, der neue Präsident der Firma war?

Die Frau zuckte mit den Schultern. „Walker, Walter, es ist völlig unerheblich, wie Sie heißen. Sie werden ohne Termin nicht dort hineingehen.“

Offensichtlich hatte niemand sich die Mühe gemacht, diese Frau zu unterrichten. „Ich sag Ihnen was …“, er schaute auf das Namensschild auf ihrem Schreibtisch, „… Geneva. Nachdem ich mit Ihrem Boss gesprochen habe, komme ich wieder zu Ihnen und stelle mich vor. Versprochen.“

„Mein Boss ist beschäftigt und will nicht gestört werden.“ Geneva deutete auf eine Reihe von Stühlen, die an der Wand standen. „Wenn Sie sich setzen, werde ich nachsehen, wann ich Sie dazwischenschieben kann.“

Mit einer Körpergröße von gut einem Meter achtzig überragte Caleb die Frau um einiges, was sie jedoch in keiner Weise einschüchterte. Ihrer Miene nach zu urteilen, war sie genauso entschlossen, ihn von dem Büro fernzuhalten, wie er entschlossen war hineinzukommen.

Er musste sich sehr beherrschen, um nicht zu lachen. Geneva erinnerte ihn an eine kleine Henne, die sein Großvater besessen hatte. Die hatte sich auch immer so aufgeplustert. Und wenn ihn sein Instinkt nicht trog, würde er noch eine Ewigkeit hier im Empfang sitzen müssen, bevor Geneva sich dazu herabließ, den Hörer abzunehmen und A.J. Merrick seine Ankunft zu verkünden.

„Die Mühe können Sie sich sparen, Geneva.“ Leise vor sich hin lachend ging er an der Frau vorbei und griff nach dem Türgriff der Mahagonitür, an der ein Messingschild mit dem Namen A.J. Merrick hing. „Glauben Sie mir, Merrick wird mich sofort sehen wollen.“

„Ich rufe den Sicherheitsdienst“, drohte Geneva und eilte zum Telefon.

„Tun Sie das“, meinte Caleb ungerührt. „Den würde ich auch gern treffen.“

„Das werden Sie mit Sicherheit, Sie …“, drohte sie und drückte vehement auf die Telefontasten.

Ohne darauf zu warten, ob Geneva den Sicherheitsdienst erreichte, öffnete Caleb die Tür und trat in ein geräumiges Büro. Sein Blick fiel sofort auf die junge Frau, die an einem riesigen Schreibtisch saß, hinter dem sich eine breite Fensterfront befand.

Mit ihrem rotbraunen Haar, das sie zu einem Knoten gebunden hatte, auf den seine Großmutter stolz gewesen wäre, und einer viel zu großen schwarzen Brille sah sie eher aus wie eine Lehrerin als eine moderne Sekretärin. Und ihrer missbilligenden Miene nach zu urteilen, war sie genauso unnachgiebig und streng in Bezug auf Regeln und Vorschriften wie eine Gouvernante.

Doch als er zu ihrem Schreibtisch schlenderte, glaubte er, einen Hauch von Unsicherheit an ihr zu bemerken – eine Verletzlichkeit, die er nicht erwartet hatte. „Entschuldigen Sie, ich suche A.J. Merrick.“

„Sind Sie geschäftlich hier?“, fragte sie mit eisiger Stimme.

Sie stand auf, schob die Brille auf ihrer niedlichen kleinen Nase zurecht und lenkte damit unbeabsichtigt Calebs Aufmerksamkeit auf ihre funkelnden blauen Augen – Augen, die ihm einen Blick zuwarfen, der einen weniger starken Mann in die Knie gezwungen hätte. Caleb dagegen war nicht im Geringsten eingeschüchtert. Im Gegenteil. Er war sich nicht sicher warum, aber aus irgendeinem Grund fand er ihre blauen Augen ziemlich faszinierend.

„Ich bin …“

„Wenn Sie das Personalbüro suchen, das ist am Ende des Ganges“, unterbrach sie ihn, bevor er sich vorstellen konnte. Dann hob sie eine perfekt geformte Augenbraue. „War Mrs. Wallace nicht an ihrem Platz?“

Trotz des sachlichen Tonfalls klang ihre Stimme weich und melodisch, und Caleb merkte, dass auf einmal seine sämtlichen Hormone in Habachtstellung gingen. Verflixt, was war nur in ihn gefahren? Vermutlich lag es daran, dass er seit fast einem Jahr mit keiner Frau mehr zusammen gewesen war. Das konnte einen normalen, gesunden Mann ja auch nervös machen. Vermutlich registrierte er aus diesem Grund auch jede Bewegung einer Frau – egal welcher Frau – besonders bewusst.

Zufrieden, dass er eine Erklärung dafür gefunden hatte, warum er an einer nicht gerade freundlichen Sekretärin Interesse zeigte, deutete er mit dem Daumen über die Schulter. „Doch, soweit ich weiß, ist Geneva noch immer dort draußen.“ Er lachte. „Obwohl es gut sein kann, dass sie sich einen Finger gebrochen hat, als sie die Nummer des Sicherheitsdienstes gewählt hat.“

„Gut.“

„Gut, dass sie sich vielleicht einen Finger gebrochen hat? Oder gut, dass sie die Sicherheitsleute ruft?“, fragte er grinsend.

„Ich meinte nicht …“ Stirnrunzelnd hielt sie inne, und es war klar, dass er sie für einen Moment aus der Fassung gebracht hatte. „Gut, dass sie den Sicherheitsdienst ruft, natürlich.“

Die Frau kam um den Schreibtisch herum, und weder ihre Miene noch ihre Haltung wirkten dabei sonderlich einladend. „Ich weiß nicht, für wen Sie sich halten oder warum Sie hier sind, aber Sie können nicht einfach hier hereinspazieren.“

Die junge Frau hielt inne, als hinter ihnen die Tür aufflog und gegen die Wand krachte.

„Das ist er.“

Caleb blickte zurück und sah Geneva mit wütendem Gesicht ins Büro kommen. Zwei nicht mehr ganz junge, untersetzte Männer in Uniformen folgten ihr auf den Fersen.

„Wie ich sehe, haben Sie die Wachleute erreicht, Geneva.“ Caleb schaute auf die Uhr und nickte dann anerkennend. „Die Zeit, die Sie gebraucht haben, um hier aufzutauchen, ist nicht schlecht, aber ich bin sicher, dass wir das noch verbessern können, meinen Sie nicht auch?“

Geneva gelang es perfekt, auf ihn herabzuschauen, auch wenn sie ein ganzes Stück kleiner war als er, bevor sie sich an die Frau mit den erstaunlich blauen Augen wandte.

„Es tut mir sehr leid, Miss Merrick.“ Geneva betrachtete Caleb, als hätte er nicht alle Tassen im Schrank. „Er hat ein Nein als Antwort einfach nicht akzeptiert.“

Caleb hob eine Augenbraue. Das war A.J. Merrick?

Interessant. Sie war eindeutig nicht das, was er erwartet hatte. Emerald hatte ihn in dem Glauben gelassen, dass Merrick ein langweiliger alter Geschäftsmann war, nicht eine junge Frau in den Zwanzigern mit stahlblauen Augen.

Während sie sich wie zwei Gegner in einem Boxring musterten, bemerkte Calebs vernachlässigte Libido, dass A.J. Merrick nicht wie die meisten Frauen ihres Alters gekleidet war. Statt eines figurbetonten schwarzen Kostüms, das ihre Vorzüge unterstrichen hätte, trug sie etwas, das an ihr herabhing wie ein Kartoffelsack. Aber ihre zierlichen Hände, der schlanke Hals und das, was er von ihren langen, offensichtlich perfekt geformten Beinen sehen konnte, verrieten, dass sich ein paar unglaubliche Kurven unter diesem Stoff verbargen.

„Es ist in Ordnung, Mrs. Wallace.“ Miss Merrick schenkte Caleb ein triumphierendes, leicht herablassendes Lächeln, das merkwürdige Dinge in seinem Inneren anrichtete und ihm das Gefühl gab, als wäre die Temperatur im Zimmer auf einmal um zehn Grad gestiegen. „Ich bin sicher, Sie sehen ein, dass es reine Zeitverschwendung wäre, wenn Sie sich jetzt noch um einen Job bemühen würden.“ An die beiden Sicherheitsleute gewandt meinte sie: „Bitte bringen Sie diesen Herrn zum Parkplatz.“

„Das ist aber ziemlich unfreundlich von Ihnen“, meinte Caleb kopfschüttelnd.

Er ließ zu, dass die Männer demonstrierten, wie sie mit einer solchen Situation umgehen würden, sollte es sich tatsächlich um eine echte Bedrohung handeln, und musste fast lachen, als sie unbeholfen nach seinen Armen griffen und versuchten, sie hinter seinen Rücken zu ziehen. Er entschied, dass die beiden nicht nur ihr Arbeitstempo ein wenig beschleunigen, sondern auch einen Auffrischungskurs für Zugriffsmethoden in Gefahrensituationen machen mussten. Wenn er gewollt hätte, hätte er sich ohne weiteres aus ihrem Griff befreien können.

„Ich bin nicht hier, um mich um eine Stelle zu bewerben.“ Er lächelte. „Ich arbeite bereits hier.“

„Ach, tatsächlich?“ Miss Merrick neigte neugierig den Kopf. „Da ich die abschließenden Gespräche mit allen neuen Angestellten führe, wäre es nett, wenn Sie mein Gedächtnis auffrischen und mir sagen könnten, wie Sie heißen, wann wir Sie eingestellt haben und in welcher Abteilung von ‚Skerritt and Crowe‘ Sie arbeiten.“

„Ich habe den Job vor einer Woche bekommen, und ich beabsichtige, im Büro nebenan zu arbeiten.“ Vergnügt entschied Caleb, dass es ihm Spaß machen würde, sich mit A.J. Merrick zu messen. „Mein Name ist Walker. Caleb Walker.“

Ihre vor Schreck aufgerissenen Augen hinter dieser lächerlich großen Brille verrieten ihm, dass seine Antwort nicht das war, was sie erwartet hatte. Aber sie fasste sich schnell wieder und bedeutete den beiden Sicherheitsleuten, von ihm wegzutreten. „Mr. Norton, Mr. Clay, bitte lassen Sie Mr. Walker sofort los.“

„Aber Miss Merrick …“

„Ich sagte, lassen Sie ihn los“, wiederholte sie. Sie hob ihr stures kleines Kinn ein wenig. „Mr. Walker ist der neue Präsident von ‚Skerritt and Crowe‘.“

Die beiden Männer ließen ihn sofort los, und hinter sich hörte Caleb, wie Geneva nach Luft schnappte.

„Tut mir leid, Mr. Walker“, meinte einer der beiden Männer und zupfte unbeholfen Calebs Hemdärmel zurecht.

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, während Caleb und die Frau vor ihm sich anstarrten. In vielerlei Hinsicht erinnerte sie ihn an eine andere Frau zu einem anderen Zeitpunkt.

Er atmete tief durch. Es war schon eine Weile her, und er hatte in der Zwischenzeit viel gelernt. Zudem war er nicht länger ein naiver Farmersjunge mit hochtrabenden Träumen und einem vertrauensseligen Herzen. Er war ein erwachsener Mann, der seine Lektion gelernt hatte.

„Wenn Sie Miss Merrick und mich einige Minuten allein lassen könnten, würde ich das sehr zu schätzen wissen“, sagte Caleb schließlich, während er weiterhin ihrem Blick standhielt. Als er das leise Zuschlagen der Tür hinter sich hörte, lächelte Caleb. „Was halten Sie davon, wenn wir noch einmal von vorn beginnen?“ Er streckte die Hand aus. „Ich bin Caleb Walker. Freut mich, Sie kennen zu lernen, Miss Merrick.“

Als sie zögernd ihre Hand in seine legte, verursachte die Berührung ihrer weichen Handfläche einen kleinen elektrisierenden Schock, der sich durch seinen gesamten Körper zog. Offensichtlich spürte auch sie diese Spannung, denn sie ließ seine Hand wie eine heiße Kartoffel los.

„Ich weiß, ich bin früher als erwartet hier, aber meinen Sie nicht, es wäre eine gute Idee gewesen, die Angestellten im Vorfeld über mich zu informieren? Schließlich hat Emerald Larson Ihnen schon vor einigen Tagen mitgeteilt, dass ich Ende der Woche komme.“

„Mrs. Larson sagte, Sie kämen am Freitag.“

„Ich bin nur einen Tag zu früh“, sagte er und atmete erleichtert auf, als Miss Merrick Emerald nicht als seine Großmutter bezeichnete.

Er hatte Emerald ausdrücklich gebeten, ihre Verwandtschaftsverhältnisse nicht zu erwähnen, und wie es schien, hatte sie seine Wünsche respektiert. Zusätzliche Vorurteile, weil er der Enkel der Firmeninhaberin war, konnte er absolut nicht gebrauchen.

„Ich hatte die Absicht, Sie morgen früh auf der Abteilungsleitersitzung vorzustellen“, erklärte sie.

„Jetzt ist die Katze schon ein wenig früher aus dem Sack“, meinte Caleb trocken. „Ich wette, Geneva und ihre beiden Gehilfen werden die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreiten.“

Er war erstaunt, dass sie auch jetzt nicht einmal andeutungsweise lächelte. „Sicherlich.“

Ihre ruhige Haltung ließ Caleb überlegen, ob A.J. Merrick wohl jemals die Fassung verlor. Aus irgendeinem Grund vermutete er, dass so etwas bestimmt nicht oft geschah. Aber er nahm auch an, dass es ziemlich aufregend werden könnte, wenn es doch einmal passieren würde. Was er nicht so ganz verstand, war sein Wunsch, gern dabei zu sein.

Sie deutete auf einen Lederstuhl vor ihrem Schreibtisch. „Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Walker.“

Caleb setzte sich und beobachtete, wie sie um den Schreibtisch herumging und sich in ihren Chefsessel setzte. „Da wir zusammenarbeiten werden, können wir doch auf die Formalitäten verzichten, oder?“, fragte er und überlegte, was in A.J. Merrick wohl vorging. „Nennen Sie mich Caleb.“

„Das möchte ich lieber nicht, Mr. Walker“, antwortete sie und schob einige Papiere auf dem Schreibtisch hin und her.

„Warum nicht?“ Es überraschte ihn nicht, dass sie sein Angebot ablehnte. Ärgern tat ihn nur seine eigene Beharrlichkeit. Warum war ihm so viel daran gelegen, sie aus der Reserve zu locken?

Sie hob den Blick. „Es würde die Dinge nur verkomplizieren, wenn es an der Zeit ist, dass Sie mich loswerden wollen.“

Was sollte das denn? Er hatte ihr doch noch gar keinen Grund gegeben, sich bedroht zu fühlen oder zu glauben, er wollte sie oder irgendjemand anderen feuern. Doch sie verhielt sich so, als wäre das eine abgemachte Sache.

Er beugte sich vor. „Woher haben Sie die aberwitzige Idee, dass ich Sie loswerden will?“

„Jedes Mal, wenn es in der Führungsetage einen Personalwechsel gibt, ist es dasselbe. Der neue Präsident oder Geschäftsführer bringt eigene Leute mit, die die Leitungsposten bekleiden sollen, und die alte Führungsriege ist Geschichte.“ Sie zuckte mit den Schultern, während sie Caleb direkt ansah. „Da ich die Geschäftsführerin bin, wird mein Kopf zuerst rollen.“

Caleb glaubte, ein leichtes Zittern in ihrer Stimme zu vernehmen. Doch da sie fortfuhr, ihn mit kühlem Blick zu mustern, entschied er, dass er es sich nur eingebildet hatte. A.J. Merrick war viel zu sehr Profi, als dass sie sich Gefühle geleistet hätte. Was ihn mehr schockierte als ihre eiserne Kontrolle, war sein plötzlicher Wunsch, herauszufinden, was sich hinter der kühlen Fassade verbarg und was sie so offensichtlich zu verstecken suchte.

„Ich kann Sie hier und jetzt beruhigen. Ich werde weder Sie noch sonst jemanden entlassen“, erklärte er. Sie konnte ja nicht wissen – und er hatte auch nicht vor, ihr davon zu erzählen –, dass er keine Ahnung hatte, wie man eine Finanzberatungsfirma leitete. Er war auf ihre Erfahrung angewiesen und musste sich auf sie verlassen, um nicht auf die Nase zu fallen. „Ihr Job ist genauso sicher wie vor der Übernahme durch Emerald Inc.“

Sie schob ihre Brille hoch. „Das sagen Sie jetzt, aber es ist eine bekannte Tatsache, dass es innerhalb von sechs Monaten nach einer Übernahme immer zu einer Umstrukturierung kommt.“

„Das mag bei einer feindlichen Übernahme der Fall sein, aber Emerald Larson hat diese Firma mit dem Segen von Frank Skerritt und Martin Crowe übernommen. Die beiden wollten sich zur Ruhe setzen, und keiner von ihnen hat Angehörige, die die Firma hätten leiten können.“

Während Caleb sie beobachtete, wie sie an ihrer Unterlippe nagte und seine Worte überdachte, überlegte er, ob ihre perfekt geformten Lippen wohl genauso weich und süß waren, wie sie aussahen. Er musste schlucken und entschied, dass er sich lieber auf das Geschäftliche konzentrieren sollte und nicht darauf, dass Miss Merricks Mund zum Küssen einlud.

„Ich werde …“, er räusperte sich, bevor er fortfuhr, „… einige kleinere Änderungen hier und dort vornehmen. Aber solange kein Angestellter kommt und mir selbst seine Kündigung auf den Tisch legt, wird niemand seinen Arbeitsplatz verlieren.“

„Wir werden sehen“, sagte sie leise.

Ihre Miene war völlig ausdruckslos und verriet nichts darüber, was sie dachte. Aber Caleb wusste, dass sie ihm kein Wort glaubte.

Nachdem er beschlossen hatte, dass es wohl einfacher wäre, ein Rudel Wölfe davon zu überzeugen, Vegetarier zu werden, als A.J. Merrick dazu zu bringen, zu glauben, dass ihr Job sicher war, atmete Caleb tief durch und stand auf. „Ich denke, ich werde mal herumgehen und mich einigen unserer Leute vorstellen.“

„Aber was ist mit unserer Besprechung morgen früh um zehn, Mr. Walker?“, fragte sie und stand ebenfalls auf.

Entdeckte er da einen Anflug von Panik in ihren schönen Augen?

Interessant. Es schien, als würde ein Traditions- oder Regelbruch A.J. Merrick aus der Bahn werfen. Das musste er sich merken.

„Ich heiße Caleb.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es bleibt bei der Besprechung um zehn. Ich werde dann gleich einige Änderungen bekannt geben können.“

Er bemerkte, dass ihre Knöchel weiß wurden, weil sie ihren Stift so fest umklammerte, und streckte, ohne nachzudenken, die Hand aus und legte sie beruhigend auf ihre. Doch kaum berührte seine Handfläche ihre samtweiche Haut, kam es ihm vor, als würde ein Stromschlag durch seinen Arm bis hin in seine Brust fahren. An Miss Merricks überraschtem Luftschnappen merkte er, dass sie das Gleiche gefühlt hatte.

Hastig zog er seine Hand zurück und versuchte, gelassen zu wirken. Doch angesichts der Tatsache, dass er sich immer noch wie elektrisiert fühlte, war das ziemlich schwierig.

„Entspannen Sie sich, Miss Merrick“, sagte er und fragte sich, was in ihn gefahren war. Es konnte doch nicht sein, dass er so dringend eine Frau brauchte, dass allein schon die Berührung einer weiblichen Hand ihn in Aufregung versetzte. „Sie haben mein Wort darauf, dass Ihr Job sicher ist, und ich verspreche außerdem, dass das, was ich im Sinn habe, nur dazu dienen wird, die Arbeitsmoral und die Produktivität zu steigern.“

Zumindest hoffte er das. Da er von Finanzberatung und Firmenleitung keine Ahnung hatte, würde er einfach nach dem System Versuch und Irrtum vorgehen, sich an den Management-Ratgeber halten, den er sich im Buchladen besorgt hatte, und dann auf das Beste hoffen.

Abweisend verschränkte A.J. die Arme vor der Brust und starrte ihn an. „Wenn Sie es sagen.“

Caleb ging Richtung Tür. Er musste unbedingt Distanz schaffen, um sich wieder zu fangen. Er war hier, um eine Beratungsfirma zu übernehmen, nicht um herauszufinden, warum es ihm missfiel, dass diese Frau ihm nicht glauben wollte. Oder warum er diese hübschen Augen so faszinierend fand. „Wir sehen uns morgen früh, Miss Merrick.“

„C…Caleb?“ Sein Name kam ihr nur stockend über die Lippen, aber der Klang ihrer weichen Stimme richtete bei seinen vernachlässigten Hormonen ein heilloses Durcheinander an.

Er drehte sich zu ihr herum. „Ja, Miss Merrick?“

„Ich denke, da Sie darauf bestehen, dass ich Sie mit Vornamen anrede, können Sie mich auch A.J. nennen.“

„Okay, A.J.“ Er lächelte. Vielleicht bestand ja doch noch Hoffnung. „Wir sehen uns morgen.“

A.J. schaute auf die Tür, die sich hinter Caleb Walker schloss, und ließ sich dann mit zitternden Beinen auf ihren Stuhl fallen. Warum klopfte ihr Herz so schnell? Und warum kribbelte ihre Haut noch immer von der Berührung mit Calebs Hand?

Sie nahm die Brille ab und vergrub das Gesicht in den Händen. Was war nur in sie gefahren? Sie war keine Frau, die sich von einem gut aussehenden Mann ablenken ließ. Jedenfalls nicht mehr seit dem Fiasko mit Wesley Pennington III. Er hatte ihr eine wertvolle Lektion erteilt, und zwar eine, die sie sich nicht leisten konnte zu vergessen – man sollte niemals Geschäft und Vergnügen miteinander verbinden, denn das führt unweigerlich in die Katastrophe.

Normalerweise war das auch kein Problem für sie. Seit sie ihr Herz, ihre Unschuld und ihren ersten Job aufgrund ihrer Naivität verloren hatte, war sie stets darum bemüht, so professionell wie möglich aufzutreten. Das vereinfachte das Leben und half ihr, Kollegen auf Abstand zu halten. Bisher war sie damit gut gefahren.

Die meisten Menschen, vor allem Männer, wurden durch ihre rein geschäftliche Art abgeschreckt und machten sich nicht die Mühe, ihr einen zweiten Blick zu schenken. Und das war ihr durchaus recht. Aber Caleb Walker hatte nicht nur zweimal hingeschaut, er hatte sie überhaupt nicht mehr aus seinen verwirrenden braunen Augen gelassen, seit er in ihr Büro gekommen war.

Kopfschüttelnd versuchte A.J., nicht an das Kribbeln im Bauch zu denken, das Calebs Lächeln in ihr ausgelöst hatte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Tatsache, dass er ihr neuer Chef war. Er würde „Skerritt and Crowe“ übernehmen und sie irgendwann durch einen seiner eigenen Leute ersetzen. Auch wenn er ihr versichert hatte, dass dem nicht so wäre, wusste sie es besser. Alles, was sie sich in den letzten fünf Jahren aufgebaut hatte, würde den Bach runtergehen, und sie hatte keine Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen.

Sie setzte die Brille wieder auf und drehte dann den Stuhl herum, um aus dem Fenster zu schauen. Ohne etwas wahrzunehmen, blinzelte sie hinaus auf das von der strahlenden Junisonne erhellte Zentrum von Albuquerque. Zu ihrem Entsetzen kämpfte sie gegen die Tränen an. Sie hatte das Gefühl, dass Caleb Walker ihr wohl geordnetes Leben auf den Kopf stellen würde. Und sie konnte nichts tun, um ihn aufzuhalten.

Wer wusste schon, was er für Veränderungen plante oder wie schnell er entscheiden würde, dass sie entbehrlich war? Am meisten Sorgen bereitete ihr jedoch, dass sie nicht vergessen konnte, wie ausdrucksstark seine Augen waren und wie sein hellbraunes Haar ihm in die Stirn gefallen war, was ihn eher nach einem Rebell als nach einem Geschäftsmann hatte aussehen lassen. Genauso wenig konnte sie leider vergessen, wie die Kombination seiner tiefen Stimme mit dem sexy Südstaatenakzent ihr Innerstes in Aufruhr versetzt hatte.

„Mach dich nicht lächerlich“, murmelte sie und wandte sich wieder zum Schreibtisch.

Sie war genauso wenig an Caleb Walker interessiert wie er an ihr. Doch während sie auf die Dokumente auf ihrem Schreibtisch starrte, musste sie immer wieder daran denken, wie breit seine Schultern waren, wie angegossen seine Jeans gesessen hatte und wie ihre Hand bei seiner Berührung gekribbelt hatte.

Schließlich seufzte sie frustriert auf, sammelte hastig die Unterlagen zusammen, an denen sie gearbeitet hatte, schnappte sich ihre Handtasche und ging zur Tür. „Ich bin für den Rest des Tages außer Haus“, verkündete sie Geneva, als sie an ihr vorbeieilte.

A.J. wartete nicht auf die überraschte Reaktion der Empfangssekretärin angesichts ihres so untypischen Verhaltens. Sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Sie wollte in ihrer Wohnung Zuflucht suchen, bevor die Fassade, die sie in den letzten Jahren perfektioniert hatte, zusammenbrach und enthüllte, was nur ihr Sittich Sidney über sie wusste.

Alissa Jane Merrick war nicht der kühle gefühllose Automat, für den jeder bei „Skerritt and Crowe“ sie hielt. Sie war eine lebendige Frau, die skurrile Glasfiguren sammelte, in sentimentalen Momenten in Tränen ausbrach und Fehlschläge mehr als alles andere fürchtete.

Hastig überquerte sie den Parkplatz, stieg in ihren Wagen und legte den Kopf auf das Lenkrad. Mit geschlossenen Augen zählte sie langsam erst bis zehn, dann bis zwanzig, während sie sich bemühte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Zum ersten Mal seit fünf Jahren bestand die Gefahr, dass sie die Fassung verlor. Und das war etwas, was sie sich nicht leisten konnte.

Sie durfte nicht zulassen, dass einer ihrer Kollegen sie in solch einem Augenblick sah. Das wäre zum einen ein eklatanter Verstoß gegen jegliche Professionalität und würde zum anderen den Geist ihres verstorbenen Vaters dazu bringen, sie heimzusuchen, weil sie etwas so typisch Weibliches getan hatte.

Seit sie alt genug gewesen war, um es verstehen zu können, hatte ihr Vater, ein Mann, der beim Militär Karriere gemacht hatte, ihr eingebläut, wie wichtig es war, dem Feind gegenüber keine Schwäche zu zeigen. Und es bestand kein Zweifel, Caleb Walker war ein Feind, der eine ernsthafte Bedrohung für sie und ihren Job darstellte. Aber er war auch der bestaussehende Feind, den sie je gesehen hatte.

2. KAPITEL

„Als Erstes möchte ich Ihnen versichern, dass Ihre Jobs sicher sind“, beruhigte Caleb die im Konferenzzimmer versammelten leitenden Angestellten. Dabei sah er insbesondere A.J. Merrick an. „Im Gegensatz zu anderen Übernahmen habe ich nicht vor, irgendjemandem zu kündigen, um meine eigenen Leute einzustellen. Sie können Ihren Job nur verlieren, wenn Sie selbst die Kündigung einreichen.“

Die Zweifel, die er in A.J.s Augen sah, machten deutlich, dass sie ihm noch immer nicht glaubte. Dem erleichterten Aufseufzen der anderen Angestellten nach zu urteilen, fanden diese seine Worte glaubhaft. Warum nur war ihm die Meinung der kühlen Miss Merrick so verflixt wichtig?

Er entschied, nicht länger darüber nachzugrübeln, und machte sich wieder daran, seine Pläne für die Firma darzulegen. „Ich habe mir die Quartalsberichte des letzten Jahres angesehen, und obwohl das Wachstum langsam war, war es stetig.“ Er grinste. „Und wie mein Großvater immer gesagt hat, ‚Wenn etwas nicht kaputt ist, schraub nicht daran rum.‘ Aus diesem Grund werde ich vorläufig keine Veränderungen im täglichen Ablauf der Firma vornehmen.“ Jedenfalls so lange nicht, bis ich ein paar Wirtschaftskurse belegt habe und anfange zu verstehen, was ich hier tue.

„Mir gefällt die Art, wie Ihr Großvater denkt“, sagte Malcolm Fuller und nickte.

Caleb lachte. „Ich bin froh, dass es Ihre Zustimmung findet, Malcolm.“ Er hatte den älteren Mann gestern getroffen, und sie hatten sich auf Anhieb prächtig verstanden. Malcolm erinnerte Caleb an Henry Walker, seinen verstorbenen Großvater – ein Mann voller Weisheit, der nie ein Blatt vor den Mund genommen hatte.

Als Caleb die erhobenen Augenbrauen einiger Abteilungsleiter bemerkte und die neugierigen Blicke, die sie austauschten, runzelte er die Stirn. Offensichtlich waren die Angestellten bei „Skerritt and Crowe“ ebenso wenig an einen zwanglosen Ton gewöhnt wie A.J. Merrick.

Caleb entschied, dass es an der Zeit war, die Führungsriege von seinen Plänen zu unterrichten. „Obwohl ich nicht vorhabe, in die Geschäftsabläufe einzugreifen, plane ich ein paar Änderungen zur Verbesserung des Betriebsklimas.“

„An was haben Sie dabei gedacht, Mr. Walker?“, fragte Ed Bentley und wirkte dabei sichtlich nervös.

„Zuallererst werden wir einmal die Formalitäten fallen lassen.“ Caleb lächelte in die Runde und hoffte, damit die Gemüter zu besänftigen. „Finden Sie es nicht ein wenig albern, mit jemandem acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche zu arbeiten und ihn nicht beim Vornamen zu nennen?“ Bevor irgendjemand reagieren konnte, fuhr er fort: „Wir werden natürlich unsere Klienten weiterhin höflich und angemessen formal anreden. Aber ich habe absolut nichts dagegen, wenn Sie mich oder sich untereinander mit dem Vornamen anreden.“

Die Männer und Frauen am Konferenztisch begannen zu lächeln. Jeder Einzelne, mit Ausnahme von Miss Merrick. Ihre verschränkten Hände lagen auf dem Tisch, und die Tatsache, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, zeugte davon, dass sie mit seiner Entscheidung überhaupt nicht einverstanden war.

Wieso hatte sie etwas dagegen, eine derart altmodische Tradition abzuschaffen? Hatte sie auf dem College nicht gelernt, dass eine entspannte Umgebung gut für das Arbeitsklima ist und die Produktivität steigert? Er hatte diese Information aus dem Internet, also konnte es ja wohl kein großes Geheimnis sein.

„Sie wollen, dass wir Sie Caleb nennen?“, fragte Maria Santos zögernd.

Lächelnd wandte er sich der Leiterin der Abteilung Lohnabrechnung zu. „Das ist mein Name, Maria.“

„Welche anderen Änderungen haben Sie noch geplant, … Caleb?“, fragte einer der anderen Männer.

„Mit sofortiger Wirkung gilt das Prinzip der offenen Türen zwischen Angestellten und Führungspersonal.“ Caleb machte eine Pause, damit seine Zuhörer das Gesagte verarbeiten konnten. „Ich möchte, dass jeder Angestellte, unabhängig von seiner Position, sich ohne Scheu bei Problemen oder Beschwerden an uns wenden kann. Außerdem sollte jeder Verbesserungsvorschläge einreichen und neue Kunden akquirieren können.“

„Sie haben eine Menge guter Ideen“, meinte Joel Mc Intyre, der Leiter der Buchhaltung. „Gibt es noch etwas?“

„Ja, da wäre noch eine Sache, Joel.“ Caleb lächelte. Er war sicher, dass die Änderungen, die er noch verkünden wollte, von allen gutgeheißen würden, auch von A.J. Merrick. „Da wir in der Regel unsere geschäftlichen Kontakte per Telefon oder Internet tätigen, sehe ich keinen Grund, warum wir nicht die Kleiderordnung ein wenig lockerer handhaben sollten. Ich erwarte natürlich, dass Sie sich angemessen kleiden, wenn Sie einen Kundentermin haben, aber ansonsten steht es Ihnen frei, was Sie tragen.“ Er lachte leise. „Das heißt, solange es dezent ist und nicht aussieht, als wollten sie gleich einen Stall ausmisten.“

Er lachte laut auf, als mehrere Männer sofort ihre Krawatten lösten und den obersten Knopf ihrer Hemden öffneten. „Ich nehme an, das bedeutet, dass alle mit dieser Regelung einverstanden sind.“

Als er zu A.J. schaute, schwand sein Lächeln. Na ja, fast alle.

„Ist das alles?“, fragte sie kühl. Sie starrte ihn direkt an, und es war offensichtlich, dass sie nicht besonders glücklich war.

Keiner der anderen Abteilungsleiter schien überhaupt zu bemerken, dass die Geschäftsführerin anwesend war, geschweige denn, dass sie alles andere als angetan war von seinen Ideen. Aber Caleb spürte ihre Gegenwart nur allzu bewusst, seit sie sich auf den Stuhl am hintersten Ende des Konferenztisches gesetzt hatte. Er hatte gehofft, dass sie seine Ideen innovativ finden und ihnen eine Chance geben würde, wenn sie sie erst einmal gehört hatte.

Leider sah sie noch unglücklicher aus als gestern Nachmittag, als er in ihr Büro gekommen war und verkündet hatte, wer er war. Aber noch verwirrender als ihr mangelnder Enthusiasmus war seine Reaktion auf ihren Widerwillen. Er verspürte den kaum kontrollierbaren Wunsch, zu ihr zu gehen, sie in die Arme zu nehmen und ihr zu versichern, dass alles gut würde und dass die Änderungen, die er plante, allen zugutekommen würden.

Er schüttelte den Kopf, um seine beunruhigenden Gedanken zu vertreiben und um sie wissen zu lassen, dass er noch weitere Vorschläge hatte. „Ich habe noch eine Ankündigung zu machen, bevor ich Sie wieder an die Arbeit gehen lasse.“ Er löste den Blick von A.J. und zwang sich, seine Aufmerksamkeit auf die anderen am Tisch zu lenken. „Am Montag werden wir ein Seminar für alle Manager veranstalten, in dem es um spezielle Techniken zur Förderung der Teamarbeit geht. Anschließend wird es einmal im Monat für Sie und die Mitarbeiter Ihrer Abteilung einen freien Freitag geben, an dem Sie das, was Sie im Seminar gelernt haben, in die Praxis umsetzen können.“

„Das sind dann die Tage, an denen wir Picknicks machen, Golf spielen und Dinge tun, die dem Kommunikationsfluss dienen und die Interaktion mit unseren Kollegen fördern sollen, richtig?“, fragte Joel aufgeregt angesichts der sich bietenden Möglichkeiten.

„Genau so ist es geplant“, stimmte Caleb zu. Immerhin konnten andere seinen Plänen etwas abgewinnen, selbst wenn A.J. nicht dazu bereit war. „Es gibt keinen Grund, warum wir nicht ein wenig Spaß haben sollten, während wir ein effektiv arbeitendes Team aufbauen.“ Lächelnd schob er seinen Stuhl zurück und stand auf. Er hatte ihnen für heute genügend Stoff zum Nachdenken und Verarbeiten gegeben. In der nächsten Woche würde er weitere Neuerungen verkünden. „Wie wäre es, wenn wir jetzt wieder an die Arbeit gehen und Geld verdienen?“

Als die Besprechung endete und A.J.s Kollegen Caleb umringten, um ihre Begeisterung über seine Vorschläge zu äußern, flüchtete A.J. in ihr Büro. Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen, während sie nach Atem rang. Sie hatte das Gefühl, an den unzähligen Emotionen, die auf sie einstürzten, zu ersticken. In nicht einmal einer Stunde hatte Caleb Walker all das zerstört, was sie dazu gebracht hatte, für „Skerritt and Crowe“ zu arbeiten. Und es war ihm nicht einmal bewusst.

Er glaubte, er tat allen einen Gefallen, wenn er sich bemühte, das Arbeitsklima zu entstauben. Und sie musste zugeben, dass das, was er plante, vermutlich die Motivation der Angestellten verbessern und der Firma neues Leben einhauchen würde.

Aber sie hatte sich ganz bewusst gegen eine modern geführte Finanzberatungsfirma und für diese Stelle bei „Skerritt and Crowe“ entschieden – gerade wegen der Förmlichkeit und der altmodischen Art des Führungsstils. Auf diese Weise konnte sie all ihre Aufmerksamkeit auf den Job richten und die Menschen, mit denen sie arbeitete, auf Abstand halten.

Sie stieß sich von der Tür ab, ging um den Schreibtisch herum und ließ sich in den großen Lederstuhl fallen. Obwohl sie normalerweise nette Gesellschaft durchaus zu schätzen wusste, hatte sie auf leidvolle Weise gelernt, dass es besser war, Kollegen nicht zu nahe an sich heranzulassen. Es war der einzig sichere Weg, sich vor Verrat und den daraus folgenden schmerzhaften Enttäuschungen zu schützen.

Was sie aber mehr als alles andere frustrierte und verwirrte, war ihre Reaktion auf Caleb. Während er seine Pläne erläuterte, hatte sie an nichts anderes denken können als daran, wie gut er aussah und wie angenehm sein Südstaatenakzent klang.

Sie konnte nur mit Mühe einen Frustschrei unterdrücken, der Geneva Wallace mit Sicherheit einen Herzinfarkt beschert hätte, wandte sich ihrem Computer zu und öffnete die Datei mit ihrem Lebenslauf. Es war keine Frage mehr, ihre Tage als Geschäftsführerin bei „Skerritt and Crowe“ waren gezählt, und sie tat gut daran, sich umgehend nach einem neuen Job umzusehen.

„A.J., könnten Sie kurz herüberkommen?“ Calebs Stimme drang über die Gegensprechanlage in ihr Büro und verursachte ein heftiges Kribbeln in ihrem Magen. „Ich muss etwas mit Ihnen besprechen.“

Was konnte er denn jetzt noch wollen? Hatte er in der letzten Stunde nicht schon genug angerichtet, um ihr Leben auf den Kopf zu stellen?

Seufzend drückte sie die Sprechtaste. „Ich arbeite gerade an einer Sache. Können wir die Diskussion auf heute Nachmittag verschieben?“ Er brauchte ja nicht zu wissen, dass sie Vorbereitungen treffen wollte, um sich einen neuen Job zu suchen. Als ihr nur Stille entgegenschlug, drückte sie noch einmal die Sprechtaste. „Mr. Walker? Caleb?“

Sie schnappte nach Luft, als die Tür, die ihre beiden Büros verband, geöffnet wurde und Caleb ins Zimmer geschlendert kam.

„Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe, aber ich schaue den Leuten, mit denen ich rede, gern in die Augen“, meinte er schmunzelnd.

Beim Klang seiner Stimme und dem sexy Grinsen fuhr ein Schauer über A.J.s Rücken und sie überlegte, wobei er ihr vielleicht noch gern in die Augen schauen würde. Ihr stockte der Atem, und sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr diese abwegigen Gedanken sie schockierten.

„Was wollten Sie mit mir besprechen, Mr. …“

Er hob eine seiner dunklen Augenbrauen und räusperte sich.

Resigniert schloss sie die Datei mit ihrem Lebenslauf. „Was wollten Sie besprechen, … Caleb?“

Er lächelte zufrieden. „Ich glaube, mir ist noch etwas eingefallen, womit wir die Motivation der Angestellten verbessern können.“

Das fehlte ihr gerade noch! Eine weitere seiner idiotischen Ideen, die ihr mit Sicherheit ebenfalls gegen den Strich gehen würde.

Sie richtete ihren Blick auf seine Stirn, um nicht direkt in diese faszinierenden Augen schauen zu müssen. „An was dachten Sie da?“

„Ich habe mir überlegt, dass wir den Pausenraum in eine Art Wohnzimmer verwandeln sollten.“

A.J. öffnete den Mund, um etwas zu sagen, brachte aber kein Wort hervor.

„Obacht.“ Er lachte. „Sie fangen sonst noch Fliegen.“

Sie schloss den Mund. Nahm er denn gar nichts ernst? „Würden Sie bitte erklären, was Sie mit einem Wohnzimmer meinen?“, fragte sie und rieb sich die Schläfen, die auf einmal heftig pochten.

„Ich dachte an Sofas, ein paar Tische und einen großen Fernseher“, erwiderte er nachdenklich. „Wenn unsere Angestellten eine Pause machen, sollten sie sich entspannen und die kurze Zeit, die sie nicht an ihrem Arbeitsplatz verbringen, genießen können.“

„Wenn Sie es zu gemütlich gestalten, dann schlafen sie ein“, platzte A.J. heraus. So direkt hatte sie gar nicht sein wollen. Aber Tatsachen blieben Tatsachen, und dessen sollte er sich von vornherein bewusst sein.

„Gegen ein kleines Nickerchen hin und wieder ist nichts einzuwenden. Studien haben gezeigt, dass die meisten Menschen danach sehr viel leistungsfähiger sind.“

Sie hatte diesen Artikel auch gelesen und konnte kaum das Gegenteil beweisen, aber das bedeutete nicht, dass sie diese Meinung teilen musste. „Wollten Sie nur wissen, was ich von der Idee halte?“, fragte sie vorsichtig.

„Nein, eigentlich nicht.“ Er lächelte sie so freundlich an, dass ihr auf einmal ganz warm wurde. „Ich wollte Sie bitten, mich bei diesem Projekt zu unterstützen.“

Instinktiv wollte sie ablehnen, doch zu ihrer eigenen Überraschung hörte sie sich fragen: „Was soll ich tun?“

„Ich würde es sehr zu schätzen wissen, wenn Sie mir helfen könnten, Farben und Möbel auszusuchen.“ Er lächelte ein wenig verlegen. „Dekorieren gehört nicht gerade zu meinen größten Talenten.“

Oh, er war so gut. Er wusste genau, wann er sein Lächeln vertiefen und seinen Jungencharme einsetzen musste, um das zu bekommen, was er wollte. Zum Glück war sie solchen Taktiken gegenüber immun.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich es besser kann?“

„Ich weiß nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber ich brauche eine weibliche Meinung. Das Zimmer soll sowohl für Männer als auch für Frauen ansprechend sein. Wenn ich es allein dekoriere, sieht es hinterher vermutlich aus wie eine Sportkneipe.“

„Warum bitten Sie Mrs. Wallace nicht um Hilfe?“, hakte A.J. nach.

„Ich habe Geneva für ein anderes Projekt eingespannt“, sagte er ungerührt.

„Tatsächlich?“ Du lieber Himmel, wie hatte er ihre pampige sechzigjährige Sekretärin becircen können, etwas für ihn zu tun?

„Ich habe ihr ein Budget über fünftausend Dollar für Bekleidung und Ausrüstung gegeben und sie damit beauftragt, sich um unsere Sportteams zu kümmern.“

A.J. traute ihren Ohren nicht. „Sportteams? Das soll wohl ein Witz sein.“

„Nein.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Je nach Interessen unserer Mitarbeiter werden wir in diesem Winter ein Bowling- und ein Volleyball-Team sowie im nächsten Sommer ein Softball-Team haben.“

„Sie wissen, dass diese Firma hauptsächlich Buchhalter und Finanzanalysten beschäftigt, oder?“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist nicht gerade das Material, aus dem Sportskanonen gemacht werden.“

„Ich weiß, aber mir geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Angestellten zu fördern.“ Er stand auf, streckte sich und ging dann zur Tür, die zu seinem Büro führte. „Sie können am Wochenende darüber nachdenken, was wir mit dem Pausenraum machen sollen. Nächste Woche sprechen wir dann über Ihre Ideen.“

Während sie Caleb dabei beobachtete, wie er die Tür hinter sich schloss, stöhnte A.J. innerlich auf. Von dem Zeitpunkt an, als sie alt genug gewesen war, um es zu verstehen, hatte ihr Vater ihr Struktur und Ordnung gepredigt. Er hatte gesagt, sie wären das Wichtigste für ein erfolgreiches Leben. Captain John T. Merrick hatte daran geglaubt, danach gelebt und darauf bestanden, dass seine Tochter sich diese Grundsätze zu eigen machte. Er hatte sogar das Internat, das A.J. nach dem Tod ihrer Mutter hatte besuchen müssen, ausgesucht, weil es den Grundprinzipien von Zucht und Ordnung folgte. Ein einziges Mal war sie von dem Pfad, den ihr Vater vorgegeben hatte, abgewichen. Und das hatte ihr einen beschämenden Skandal an ihrem damaligen Arbeitsplatz beschert.

Aber sie hatte es überlebt. Es war extrem schwierig gewesen, aber sie hatte die Reste ihres verletzten Stolzes zusammengesucht, war eine wiedergeborene Jungfrau geworden und hatte ihren Job bei „Skerritt and Crowe“ gefunden. Und sie war während der letzten fünf Jahre, wenn auch nicht glücklich, so doch zumindest zufrieden gewesen.

Unglücklicherweise schien es mit ihrer Zufriedenheit ein Ende zu haben, seit Caleb Walker aufgetaucht war. Seit er gestern in ihr Büro geschlendert war und verkündet hatte, dass er die Firma übernehmen würde, kam A.J. sich vor, als wäre sie von einem Strudel mitgerissen worden. Caleb repräsentierte all das, was man ihr beigebracht hatte, mit Vorsicht zu genießen oder am besten ganz zu meiden. Sein Führungsstil war innovativ, seine Ideen waren unorthodox. Hinzu kam noch eine für sie kaum erträgliche Spontaneität.

Warum begann dann ihr Puls zu rasen, wann immer sie mit Caleb in einem Raum war? Warum jagte ihr sein sexy Südstaatenakzent jedes Mal einen wohligen Schauer über den Rücken? Und warum begann ihr Körper beim Anblick seiner breiten Schultern und der schmalen Hüften stets auf eine Weise zu beben, wie sie es noch nie erlebt hatte?

Sie biss sich auf die Unterlippe, um das Zittern zu unterdrücken, und öffnete hastig die Computerdatei mit ihrem Lebenslauf. Es war unausweichlich. Sie musste sich einen anderen Job suchen, sonst verlor sie noch ihr letztes bisschen Verstand.

Am folgenden Dienstagnachmittag saß Caleb an seinem Schreibtisch und fragte sich wieder einmal, in was Emerald Larson ihn da hineinmanövriert hatte. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er mit einem von „Skerritt and Crowes“ besten Klienten umgehen sollte. Seine Abendkurse an der Universität von New Mexico begannen erst Ende des nächsten Monats. Außerdem bezweifelte er, dass er in den Wirtschaftskursen, für die er sich eingeschrieben hatte, etwas über den Umgang mit Kunden lernte.

Er trommelte mit den Fingerspitzen auf die polierte Schreibtischplatte. Auch in seinem Management-Handbuch hatte er nichts darüber gefunden. Das verflixte Ding behandelte nur Sachen wie die Überwachung von Angestellten und die Verbesserung der Arbeitsumgebung. Es war völlig nutzlos, wenn es darum ging, etwas über die Interaktion mit Kunden zu lernen.

Aber unabhängig davon, ob Caleb wusste, was er tat oder nicht, es änderte nichts an der Tatsache, dass Raul Ortiz sich mit ihm treffen wollte. Caleb hatte mit „Skerritt and Crowe“ die Firma übernommen, die „Ortiz Industries“ dabei geholfen hatte, einen der besten Investmentpläne für die Angestellten zu realisieren. Er vermutete, dass Ortiz sicherstellen wollte, dass Caleb seinen Anforderungen genügte.

Als Caleb in diesem Moment A.J.s Stimme von nebenan hörte, hob sich seine Stimmung. Die Frau mochte ihn fast um den Verstand bringen, weil es ihm so schwerfiel, herauszufinden, was in ihr vorging, aber er hatte ihre Personalakte gelesen. Sie war eine absolute Spitzenkraft, wenn es um Finanzplanung und Marketingstrategien ging. Schon mit fünfzehn hatte sie die Highschool abgeschlossen und mit zwanzig bereits ihren Abschluss im Bereich Investment Banking und Business Administration gemacht.

Wenn er sie mitnahm auf seine Reise nach Roswell, würde das Treffen mit Ortiz bestimmt gut laufen. Er selbst kam gut mit Menschen aus, und A.J. war eine Zauberin, wenn es um Zahlen und Finanzplanung ging. Zusammen gaben sie bestimmt ein Superteam ab.

Caleb holte tief Luft und stand auf. Er hasste es, wenn es Sachen gab, denen er sich nicht gewachsen fühlte. Aber er hatte von vornherein beschlossen, dass er sich auf die Menschen verlassen musste, die für ihn arbeiteten, bis er Kurse belegt und ein Grundverständnis dafür bekommen hatte, was für eine Firma Emerald ihm übertragen hatte. Es sah so aus, als würde er sich eher früher als später auf jemanden, in diesem Fall A.J., verlassen müssen.

Er öffnete die Verbindungstür zwischen ihren Büros und lächelte, als A.J. ihn über ihren Computerbildschirm hinweg anschaute. „Ich habe gerade einen Anruf von einem Mann unten in Roswell bekommen“, sagte er, bevor er zu ihrem Schreibtisch schlenderte und sich auf den Stuhl davor fallen ließ. „Er behauptet, einer unserer zufriedensten Kunden zu sein.“

„Das müsste dann Mr. Ortiz sein“, antwortete sie nickend. „Er ist einer unserer wertvollsten Klienten.“

„Das hat er auch gesagt.“ Caleb lachte. „Ich hatte den Eindruck, dass er auch einer unserer offensten Kunden ist.“

„Stimmt, er ist niemand, der um den heißen Brei herumredet“, bestätigte sie und schob die Brille auf ihrer süßen kleinen Nase zurecht. Diese Bewegung lenkte seine Aufmerksamkeit wieder einmal auf ihre unglaublichen Augen, und Caleb ermahnte sich, daran zu denken, warum er in A.J.s Büro gekommen war.

„Sie haben also schon einmal mit ihm zu tun gehabt?“

A.J. nickte. „Mr. Skerritt hat sich um den Investmentplan für ‚Ortiz Industries‘ gekümmert, aber er hat mich damit beauftragt, einen persönlichen Rentenplan für Mr. Ortiz auszuarbeiten. Warum fragen Sie?“

„Er will, dass ich morgen nach Roswell komme, damit wir uns kennen lernen.“ Bemüht nonchalant fügte Caleb hinzu: „Ich habe deshalb beschlossen, dass ich Sie mitnehmen werde.“

„Mich?“ Sie riss die Augen hinter ihrer riesigen Brille auf und wirkte auf einmal wie ein Reh, das im Scheinwerferlicht eines Wagens gefangen war und in Panik zu geraten drohte. War der Gedanke, Zeit mit ihm zu verbringen, so Furcht einflößend?

„Gibt es da ein Problem, A.J.?“

„Warum? Ich meine, ich kann nicht …“ Sie schloss abrupt den Mund und starrte Caleb einfach nur an.

Während er ihren Blick erwiderte, musste Caleb sich bemühen, beim Thema zu bleiben und nicht an ihre perfekt geformten Lippen zu denken. „Mir ist natürlich klar, dass das sehr überraschend kommt, aber ich sehe keine andere Möglichkeit. Ich stehe in dieser Firma noch am Anfang und weiß absolut nichts über Ortiz und das, was wir mit ihm zu tun haben. Und ich möchte nicht riskieren, ihn oder andere Kunden zu verlieren.“

Seine Argumente schienen ihm einleuchtend. Er hoffte nur, dass sie auch A.J. überzeugen würden.

Sie knabberte auf ihrer Unterlippe, während sie über seine Worte nachdachte, und er musste sich sehr beherrschen, um nicht aufzustöhnen. Warum fand er nur ihren Mund auf einmal so verdammt faszinierend? Hatte er nicht genügend schlechte Erfahrungen mit karrieresüchtigen Frauen gemacht?

„Wann soll die Besprechung stattfinden?“, fragte sie.

War es nur Einbildung oder zitterte ihre Stimme wirklich ein wenig?

„Ortiz will mir morgen Nachmittag seine Fabrik zeigen und dann gegen sechs oder sieben Uhr mit mir essen gehen.“

„Es wäre zu spät für uns, dann noch zurückzufahren, und ich muss übermorgen früh zwei wichtige Telefonate führen.“ Sie klang extrem erleichtert, als sie hinzufügte: „Tut mir leid, aber ich glaube, ich kann nicht mitkommen. Wir sind schon seit mehreren Monaten dabei, zwei potenzielle Klienten zu gewinnen. Wir könnten sie verlieren, wenn ich die Anrufe verschiebe.“

So schnell gab er nicht auf. „Wo genau befinden sich die Firmen?“

„Mr. Sanchez’ Firma hat ihren Sitz in Las Cruces und Mrs. Baileys in Truth or Consequences.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Warum?“

„Wenn mich meine Geografiekenntnisse nicht täuschen, dann sind diese beiden Orte nicht weit von Roswell entfernt“, sagte er und überlegte schnell. „Rufen Sie die beiden an und sagen Sie ihnen, dass wir übermorgen bei ihnen in der Gegend sind und uns gern mit ihnen persönlich treffen wollen. Dann sehen sie, dass wir wirklich gern für sie arbeiten wollen, und Sie können mit mir nach Roswell fahren. Nach den Besuchen bei Mr. Sanchez und Mrs. Bailey fahren wir dann zurück.“ Entschlossen, schnell zu verschwinden, bevor A.J. weitere Ausreden finden konnte, eilte Caleb zur Tür. „Ich hole Sie morgen um zehn zu Hause ab.“

„Da…das wird nicht nötig sein“, sagte sie, und er blieb stehen. Als er sich umdrehte, fügte sie hinzu: „Ich muss morgen früh erst noch ein paar Sachen im Büro erledigen. Wir können von hier aus starten.“

Caleb sah, dass sie nicht gerade glücklich war, aber das ließ sich nicht ändern. Er selbst war auch nicht sonderlich begeistert davon, sich auf A.J.s Sachverstand verlassen zu müssen, damit er sich bei den Kunden nicht blamierte.

„In Ordnung“, meinte er. „Ich werde Geneva bitten, uns ein Zimmer für morgen Nacht in Roswell reservieren zu lassen.“

„Ein Zimmer?“, fragte sie entsetzt, bevor sie sich wieder fasste und hinzufügte: „Sie meinen, für jeden von uns ein Zimmer, oder?“

„Selbstverständlich.“

Während er nach draußen ging, um mit Geneva zu sprechen, huschte ein verschmitztes Lächeln über Calebs Gesicht. Ganz offensichtlich machte er A.J. Merrick nervös.

Die nächsten beiden Tage versprachen äußerst interessant zu werden, und zwar auf eine Weise, mit der er nicht gerechnet hatte. Nicht nur, dass er sehen konnte, wie A.J. mit Kunden umging, er hatte auch das Gefühl, dass er vielleicht miterleben würde, wie ihre kühle Selbstbeherrschung ins Wanken geriet.

3. KAPITEL

Nach einer ereignislosen Fahrt hinunter nach Roswell, einem Rundgang durch „Ortiz Industries“ und einem ausgesprochen erfolgreichen Abendessen mit Mr. Ortiz, wollte A.J. nur noch auf ihr Zimmer gehen und ein entspanndes heißes Bad nehmen. Sie war völlig erschöpft von einer unruhigen Nacht, in der sie sich stundenlang im Bett hin und her gewälzt hatte. Und nach einem Tag, den sie in Calebs beunruhigender Gegenwart hatte verbringen müssen, brauchte sie dringend ein wenig Abstand und Zeit für sich.

„Warum checken Sie uns nicht ein, während ich die Sachen aus dem Wagen hole?“, schlug Caleb vor, als er seinen Pick-up vor dem Motel parkte.

A.J. öffnete die Beifahrertür. „Ich nehme an, die Zimmer sind unter dem Firmennamen gebucht?“

„Ja. Geneva meinte, sie hat die letzten beiden Zimmer in Ros…“ Er hielt abrupt inne, als eine Familie Außerirdischer mit lang gezogenen, absurd aussehend Köpfen und großen blinkenden Augen vor dem Pick-up vorbeiging und in einen blauen Wagen stieg.

„Es ist Festivalwoche“, erklärte A.J. Sie musste lachen über den ungläubigen Ausdruck auf Calebs Gesicht. „Wahrscheinlich werden wir noch mehr solchen merkwürdigen Gestalten begegnen.“

„Ich habe die Plakate gesehen, als wir durch die Stadt gefahren sind.“ Caleb schüttelte den Kopf. „Aber mir war nicht klar, dass die Leute die Sache mit den Außerirdischen so weit treiben würden.“

A.J. stieg aus. „Es ist der Jahrestag des berühmten Roswell-Ereignisses. Aus der ganzen Welt versammeln sich die Menschen in der ersten Julihälfte hier, um Seminare zu besuchen, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, die sie angeblich mit Außerirdischen gemacht haben, und um an einer Reihe von Veranstaltungen teilzunehmen. Heute Abend ist anscheinend der große Kostümwettbewerb.“

Caleb lachte, als ein weiterer Alien, dieser mit Fühlern auf dem Kopf und silbernen Augen, winkend in seinem gelben VW Käfer an ihnen vorbeifuhr. „Mir scheint, wir können uns glücklich schätzen, dass Geneva überhaupt noch Zimmer für uns buchen konnte.“

„Es hat mich auch überrascht, dass sie so kurzfristig noch fündig geworden ist.“

A.J. schloss die Wagentür, ging hinüber zum Motel und steuerte direkt den Empfang an. Sie war wirklich erleichtert, dass sie bald Zeit für sich haben würde. „Ich arbeite bei ‚Skerritt and Crowe‘. Sie müssten zwei Zimmer für uns reserviert haben.“

Das junge Mädchen hinter dem Empfang blies sein Kaugummi zu einer großen Blase und ließ sie platzen, während es etwas in den Computer eingab. „Wir haben ein Zimmer mit zwei Betten.“

„Da muss ein Fehler unterlaufen sein“, sagte A.J. und schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass Geneva Wallace viel zu korrekt war, als dass sie aus Versehen nur ein Zimmer reservieren würde. „Könnten Sie bitte noch einmal nachschauen?“

Achselzuckend gab das Mädchen die Information noch einmal ein. Einen Augenblick später sah sie auf und schüttelte den Kopf. „Ich habe hier nur ein Zimmer für ‚Skerritt and Crowe‘. Aber wie ich schon sagte, das Zimmer hat zwei Betten.“

A.J.s Schläfen begannen zu pochen. „Haben Sie noch ein weiteres Zimmer frei?“

Das Mädchen lächelte entschuldigend. „Tut mir leid. Diese Woche ist seit Monaten ausgebucht. Wenn wir nicht eine Stornierung bekommen hätten, dann wäre nicht einmal dieses Zimmer für Sie verfügbar gewesen.“ Noch einmal blies sie ihr Kaugummi auf und schaute A.J. nachdenklich an. „Sie können es natürlich woanders versuchen. Aber das nächste freie Zimmer bekommen Sie wohl erst in Las Cruces – wenn überhaupt.“

„Gibt es ein Problem?“, fragte Caleb, als er neben A.J. trat.

„Ja, ein ziemlich großes. Sie haben nur ein Zimmer für uns.“ Plötzlich wusste sie, wie sich die kleine Dorothy im Märchen gefühlt haben musste, als sie von einem Tornado mitgerissen, über den Regenbogen gewirbelt und im Lande Oz gelandet war. „Wegen des Festivals gibt es im Umkreis von Meilen kein freies Zimmer. Es sieht so aus, als müssten wir heute Nacht weiter bis nach Las Cruces fahren.“

Zu ihrem Erstaunen schüttelte Caleb den Kopf. „Es ist schon spät, wir sind beide müde, und nach Las Cruces führen nur kleine Landstraßen. Unter diesen Bedingungen umherzukurven macht keinen Sinn.“

A.J. verspürte einen Anflug von Verzweiflung. Hatte Caleb den Verstand verloren?

„Wir können nicht in einem Zimmer übernachten.“

„Sie können das Bett haben, ich schlafe auf dem Fußboden.“ So wie er es sagte, klang es völlig logisch.

„Das Zimmer hat zwei große Betten“, warf das Mädchen hilfsbereit ein.

„Wir nehmen es“, sagte Caleb und stellte die Reisetaschen ab, um nach seiner Brieftasche zu greifen.

Wenn sie eben noch gedacht hatte, sie wäre verzweifelt, dann hatte A.J. jetzt das Gefühl, gleich eine Panikattacke zu bekommen. Sie zupfte an Calebs Ärmel und zog ihn mit hinüber zu der Sitzecke in der Lobby, um unter vier Augen mit ihm zu sprechen.

„Sie können das nicht ernst meinen.“

„Wir haben keine Wahl.“

„Was passiert, wenn die Angestellten in der Firma herausfinden, dass wir die Nacht im selben Zimmer verbracht haben?“

Er zuckte mit den Achseln. „Solange keiner von uns es erzählt, werden sie es nie erfahren.“

„Machen Sie sich doch nichts vor! Was glauben Sie wohl, was geschieht, wenn Sie ihren Beleg einreichen, um die Hotelkosten erstattet zu bekommen?“, fragte sie, wohl wissend, dass es in der Gerüchteküche überkochen würde, sobald herauskam, dass auf der Rechnung nur ein Zimmer stand.

„Dann zahle ich das Zimmer eben mit meiner privaten Kreditkarte.“ Er klang so verdammt vernünftig, dass sie am liebsten mit dem Fuß aufgestampft hätte.

„Aber …“

Er legte ihr die Hände auf die Schultern. „Ich gebe ja zu, dass es eine dumme Situation ist, aber wir können nun einmal nicht jeder ein eigenes Zimmer bekommen. Wir sind doch beide erwachsen, A.J. Wir werden mit dieser Situation doch wohl fertig werden, oder?“ Bevor sie ihn aufhalten konnte, zog er seine Brieftasche aus der Gesäßtasche, ging wieder zur Rezeption und reichte dem Mädchen eine Kreditkarte.

A.J.s Herz schlug Purzelbäume. Vielleicht konnte er mit der Situation umgehen, aber was sie selbst anging, war sie sich nicht sicher. Den ganzen Tag stand sie schon unter Anspannung, weil Caleb immer an ihrer Seite gewesen war, erst in dem engen Pick-up und dann bei der Besprechung und dem Essen mit Mr. Ortiz.

Seit heute Morgen, als sie das Büro verlassen hatten, waren ihre Sinne von diesem Mann eingelullt worden. Der Duft seines würzigen Aftershaves, der Klang seiner tiefen Stimme und das gelegentliche Streifen seines Armes an ihrem, wenn er ihr die Tür aufgehalten hatte, all das hatte jede einzelne Zelle ihres Körpers in Alarmbereitschaft und sie selbst in eine Rastlosigkeit versetzt, über die sie lieber nicht weiter nachdenken wollte. Wenn sie jetzt auch noch die Nacht mit Caleb verbringen musste, dann bestand die Gefahr, dass sie am Morgen völlig durchgedreht war.

Caleb saß auf der Bettkante seines Motelbettes, zog sich die Stiefel aus, griff dann nach der Fernbedienung und zappte sich geistesabwesend durch die Fernsehsender. Er musste dringend seine Gedanken von der Frau ablenken, die sich im angrenzenden Bad umzog.

Er schaute zu der geschlossenen Tür und schüttelte den Kopf. Es war die reinste Hölle gewesen, den ganzen Tag lang ihrer weichen Stimme zu lauschen und sie dabei zu beobachten, wie sie sich mit katzenhafter Anmut bewegte. Am schlimmsten waren jedoch die Momente gewesen, wenn sie sich unbeabsichtigt berührt hatten, denn da hatte er jedes Mal das Gefühl gehabt, gleich aus der Haut fahren zu müssen. Was war nur an A.J., dass seine Hormone völlig verrückt spielten und durch sein Blut schossen wie eine Kugel durch einen Flipperautomaten?

Sie war durch und durch Geschäftsfrau und vermittelte den Eindruck, als ginge sie völlig in ihrer Karriere auf. Und er hatte auf die harte Tour lernen müssen, dass es am besten war, solche Frauen zu meiden. Warum dann musste er seit dem Moment, als er sie zum ersten Mal erblickt hatte, dauernd an sie denken? Warum nur fand er sie so verdammt fesselnd?

Ihre Kleidung war wahrlich nicht dazu angetan, zu provozieren oder einen Mann zu verführen. Sie benutzte weder Make-up, noch frisierte sie sich auf eine Weise, die sie anders als unscheinbar aussehen ließ.

Er runzelte die Stirn. Es war, als würde sie alles daransetzen, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Das war es, was ihn so sehr verwirrte. A.J. sah nicht so aus und benahm sich auch nicht so wie eine Karrierefrau. Leslie Ann Turner, die Frau, mit der er vor einigen Jahren liiert gewesen war, war das perfekte Beispiel für eine ambitionierte, aufstrebende Geschäftsfrau gewesen, die viel Mühe darauf verwendet hatte, attraktiv auszusehen. Sowohl bei der Arbeit als auch wenn sie zusammen ausgegangen waren. Sie hatten sich zufällig getroffen, als er an einem Farmer-Symposium in einem Hotel in Nashville teilgenommen und sie nach der Arbeit mit ihren Kolleginnen noch auf einen Drink in der Lobby gesessen hatte. Er hatte sie zum Essen eingeladen, und daraus hatte sich eine zweijährige Affäre entwickelt. Anfangs war Leslie Ann noch eine untere Führungskraft gewesen, ohne diesen Drang nach Macht und höheren Positionen, und sie hatte auch nicht auf Caleb herabgesehen, nur weil er nichts weiter als einen Highschool-Abschluss vorweisen konnte.

Das hatte sich jedoch im Laufe der Zeit, nachdem sie befördert worden war, geändert. Sie nahm ihn nicht mehr zu irgendwelchen Geschäftspartys mit und war zu der Überzeugung gelangt, dass ein Mann daran zu messen war, wie viele Diplome er vorweisen konnte. Und so war es dann keine große Überraschung, als sie ihn sitzen ließ wie ein Blind Date an einem Samstagabend.

Doch auch wenn es hart gewesen war, zu akzeptieren, dass sie anscheinend der Meinung war, er wäre nicht gut genug für sie, konnte er sich bei ihr für die erteilte Lektion bedanken. Er hatte nicht vor, sich noch einmal mit einer karrieresüchtigen Frau einzulassen, egal wie faszinierend ihre blauen Augen auch sein mochten.

Aber im Gegensatz zu Leslie Ann schien A.J. nicht über diese rücksichtslose Art und Weise zu verfügen, mit der sie daran arbeitete voranzukommen. Manchmal wirkte A.J. sogar fast unsicher und verletzlich. Das war ihm zum Bespiel aufgefallen, als er in der Firma seine Änderungen bekannt gegeben hatte, und dann später, als er sie gebeten hatte, ihm bei der Umgestaltung des Pausenraumes zu helfen.

Während er dasaß und über seine für ihn nicht nachvollziehbare Faszination für A.J. nachdachte, wurde die Badezimmertür geöffnet. Als er aufschaute, hatte Caleb das Gefühl, von einer Dampfwalze überrollt zu werden. Ohne ihre überdimensionale Brille und ohne den altmodischen Knoten im Haar sah A.J. Merrick einfach umwerfend aus.

Caleb schluckte, als sie an ihm vorbei zum anderen Bett ging. Ihr grüner Seidenpyjama und der dazu passende Morgenrock unterstrichen die roten Strähnen in ihrem schulterlangen offenen Haar und bildeten einen perfekten Kontrast zu ihrer makellosen Porzellanhaut und den blauen Augen.

„Das Bad gehört Ihnen“, sagte sie.

Sie hatte es vermieden, in seine Richtung zu schauen, und darüber war er ziemlich froh. Er hatte sie angestarrt wie ein Teenager, der zum ersten Mal das Playmate des Monats zu Gesicht bekam, und er bezweifelte nicht, dass sie denken musste, sie teilte das Zimmer mit einem Verrückten.

Caleb bekam auf einmal das Gefühl, der Raum erdrücke ihn, deshalb stand er auf. „Ich bin noch gar nicht so müde“, log er. „Ich gehe noch mal nach unten ins Restaurant und trinke etwas.“ Während er zur Tür ging, fragte er: „Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“

„Nein, danke.“

„Ist es okay, wenn ich Sie hier allein lasse?“

„Sicher. Warum fragen Sie?“

Er würde ihr nicht erzählen, dass sie gerade bezaubernder aussah, als er sich je hätte vorstellen können. Genauso wenig wollte er zugeben, dass er sich wie ein Trottel vorkam, weil er wie ein Hund mit eingeklemmtem Schwanz davonrannte.

„Nur so.“

Sie verbarg ein Gähnen hinter vorgehaltener Hand. „Ich werde vermutlich schon schlafen, ehe Sie unten sind.“

Der Gedanke daran, wie sie wohl aussah, wenn ihr langes seidiges Haar auf dem Kissen ausgebreitet war und die dunklen Wimpern auf ihren zarten Wangen wie winzige Federn ruhten, ließ eine Hitzewelle durch seinen Körper strömen und veranlasste ihn, hastig nach der Türklinke zu greifen.

„Gute Nacht!“, rief A.J.

„Äh, ja, gute Nacht“, murmelte er und schloss die Tür hinter sich. Er war bereits halb den Flur entlanggegangen, als ihm auffiel, dass er auf Socken herumlief und seine Stiefel noch vor dem Bett im Zimmer standen.

Er blieb abrupt stehen. „Du meine Güte!“

„Flashback?“

Caleb drehte sich um und sah einen großen dürren Mann hinter sich stehen, der, wie es aussah, ein Stück Alufolie um seinen kahlen Kopf gewickelt hatte. „Wie bitte?“

„Ich fragte, ob Sie ein Flashback von Ihrer letzten Begegnung mit ihnen hatten“, sagte der Mann und deutete zur Decke. „Einige von uns haben gelegentlich Flashbacks. Vor allem, wenn es sich um eine wirklich nahe Begegnung gehandelt hat.“

Als Caleb endlich begriff, dass der Mann von Außerirdischen sprach, schüttelte er den Kopf. „Nein, es handelt sich eher um eine erste Begegnung.“

„Ah, ich verstehe. Es kann ziemlich beunruhigend sein, wenn man sie zum ersten Mal sieht.“ Grinsend hob der Mann die Hand, um seine Folie zurechtzurücken. „Aber nach einiger Zeit werden Sie merken, dass Sie sich darauf freuen und sich geradezu nach einer Begegnung der dritten Art sehnen.“

Caleb nickte. Er stellte sich bereits vor, wie weich und feminin A.J. wohl aussehen würde, wenn sie morgen früh aufwachte. Und allein der Gedanke an eine nahe Begegnung irgendeiner Art mit ihr erregte ihn.

Als der Mann seinen Weg fortsetzte, drehte Caleb sich um und ging zurück zum Zimmer. „Du hast ja keine Ahnung, Mann. Nicht die geringste Ahnung.“

Kaum hatte sich die Tür hinter Caleb geschlossen, da ließ sich A.J. auf das Bett fallen. Sie hatte seinen Blick auf sich gespürt, als sie aus dem Bad durchs Zimmer gegangen war, und ihre Knie fühlten sich noch immer an, als wären sie aus Gummi. Wie sollte sie jemals ein Auge zubekommen, ganz davon zu schweigen zu schlafen?

Sie konnte an nichts anderes denken als daran, was er wohl im Bett anhaben und wie er morgen früh aussehen würde, wenn er aufwachte. Und allein das Wissen, dass er nur wenige Schritte von ihr entfernt liegen würde, ließ ihr Herz so wild pochen, dass sie meinte, es würde gleich aus ihr herausspringen wollen.

A.J. sah sich voller Panik im Zimmer um. Sie musste ihre Gedanken auf etwas anderes lenken, fort von ihrem beunruhigenden Chef. Verzweifelt griff sie nach der Fernbedienung und schaltete auf einen Sender, der Klassiker übertrug. Sie würde versuchen, sich in einem dieser alten Filme zu verlieren. Vielleicht konnte sie dann vergessen, dass sie die Nacht mit dem aufregendsten Mann, den sie je getroffen hatte, verbringen würde. Zumindest im selben Zimmer.

Als sie merkte, dass es sich bei dem Film um „Die große Liebe meines Lebens“ handelte, zog sie ihren Morgenmantel aus, schlug die Bettdecke zurück und kroch ins Bett. Obwohl sie den Film mindestens schon zwanzig Mal gesehen und jedes Mal herzzerreißend geschluchzt hatte, war es immer noch einer ihrer Lieblingsstreifen.

Während sie sich in die Kissen kuschelte, versuchte sie, die gegenwärtige Situation zu vergessen und sich für das Ende des Films zu wappnen. Doch es nützte nichts. Als der Held herausfand, warum die Heldin ihn nicht auf dem Dach des Empire State Buildings hatte treffen können, strömten bei A.J. die Tränen.

Unglücklicherweise wählte Caleb genau diesen Moment, um ins Zimmer zu kommen. „Ich habe vergessen, meine …“ Er hielt abrupt inne. „Weinen Sie?“

Beschämt, dass er sie in einer derart demütigenden Situation ertappt hatte, in der sie alles andere als professionell erschien, starrte sie auf den Fernseher. „N…nein.“

Zu ihrem Entsetzen kam Caleb zu ihrem Bett und setzte sich zu ihr. „Doch, das tun Sie.“ Er nahm ihre Hände in seine. „Was ist los, A.J.?“

„Nichts.“ Sie hatte gewusst, dass er gleich wiederkommen würde. Warum zum Teufel hatte sie ausgerechnet einen Film anschauen müssen, der sie unweigerlich zu Tränen rührte?

„Schau mich an, Darling.“ Der sanfte Klang seiner Stimme verstärkte die Tränenflut nur noch.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Collection Band 22" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen