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Jetzt oder Nils

Informationen zum Buch

Sag niemals Nils, Baby

Emma hat den peinlichsten Job der Welt: Sie überbringt Blumen und Grußbotschaften – als Glücksschwein verkleidet. Kein Wunder, dass Journalist Nils wenig begeistert ist, als sie vor seiner Tür steht. Denn er will sich umbringen. Das zumindest glaubt Emma und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Nils zu retten. Neben seinen Problemen mit seinem korrupten Noch-Schwiegervater und dem drohenden Karriereaus muss er sich nun auch noch fragen, wie er die allzu hilfsbereite Emma wieder los wird. Und ob er das überhaupt will …

Unglaublich komisch, turbulent und sehr romantisch!

1

Ich habe den peinlichsten Job der Welt: In meinem Gesicht prangt eine rosa Schweinsnase, und auf meinem Kopf steckt ein Haarreif mit schlackernden Schweineohren. Jeder, der mich sieht, wird denken, dass ich eine schreckliche Sünde begangen habe, für die ich nun bestraft werde. Oder dass ich einen besonders schlechten Schulabschluss habe. Denn mal ehrlich, wer außer mir muss sich in seinem Job als Glücksschwein verkleiden?

»Zwei Komma vier«, murmele ich, in Gedanken immer noch bei meiner Abi-Note, und knalle die Hecktür des kleinen Lieferwagens zu.

Der ältere Herr, der neben mir auf das imposante Gebäude zugeht, schüttelt den Kopf. »Diese Apartmentnummer gibt es hier meines Wissens nicht. Am besten, Sie fragen den Concierge.«

Mit einem monströsen Blumenstrauß in den Händen schiebe ich mich an dem freundlich lächelnden Herrn vorbei und bedanke mich. Neugierig blicke ich mich um. Ich habe mich schon oft gefragt, wie die Neubauten im Rheinauhafen, die wegen ihrer Form Kranhäuser genannt werden, wohl von innen aussehen. Meine Erwartungen werden nicht enttäuscht: Eine beeindruckende weiße Theke bildet den Mittelpunkt der Lobby, an deren Wänden der Marmor glänzt. Aus allen Ecken wird die Eingangshalle dezent beleuchtet. So dezent, dass dem Mann hinter der Theke ein samtener Schimmer ins Gesicht fällt.

»Schönen guten Tag«, grüße ich möglichst lässig, denn ich will mir nicht anmerken lassen, wie aufgeregt ich bin. »Emma Arend von Daisy Düfte, ich bringe einen Blumenstrauß für Herrn …«, ich ziehe einen zerknitterten Lieferzettel aus der Tasche, »… Dannenberg. Können Sie mir sagen, in welchem Stock er wohnt?«

Der Concierge muss nicht einmal im Computer nachschauen. »Herr Dannenberg bewohnt das Penthouse in der 18. Etage. Ich melde Sie an.« Er greift nach dem Telefon und tippt eine Zahlenkombination ein. Nach wenigen Augenblicken legt er den Hörer wieder auf.

»Tut mir leid. Anscheinend ist er gerade nicht zu sprechen.« Jetzt wirft er doch einen Blick auf seinen Bildschirm. »Möchten Sie warten? Sie können den Strauß aber auch bei mir abgeben.«

Unwillkürlich umklammere ich die Blumen fester. »Ich muss sie persönlich überbringen«, sage ich. »Zusammen mit einer Nachricht.«

Eigentlich ist es nicht bloß eine Nachricht. Es handelt sich um ein elendes Gedicht! Ein Gedicht, das so peinlich ist, dass sich Heinz Erhardt im Grabe umdrehen würde. Ich habe nur den Anfang gelesen, aber der war schon schlimm genug. Das verrate ich dem Concierge natürlich nicht.

Auf seinem Namensschild steht Winkel. Seltsamer Name. Ob er sich deshalb oft Witze anhören muss? Mir würden da einige einfallen … Ein wenig schuldbewusst betrachte ich das Muster des Eichenparketts zu meinen Füßen. Herr Winkel kann ja nichts für seinen Namen. Außerdem sieht er trotz seines steifen Anzugs eigentlich recht nett aus.

An die Wand gepresst, versuche ich, mich unsichtbar zu machen, denn in meiner Aufmachung fühle ich mich alles andere als wohl. Leider stößt mein Handy genau in diesem Moment den gellenden Hilfeschrei der Beatles aus und macht meine Bemühungen mit einem Schlag zunichte. Help! meine Schwester Heidi.

»Du weißt, dass ich Ärger bekomme, wenn ich während der Arbeitszeit privat telefoniere«, fahre ich sie an.

»Warum lässt du dann dein Handy an?«

»Das ist …«, beginne ich viel zu laut, was mir einen strengen Blick von Herrn Winkel einbringt. »Das ist auch mein Diensthandy«, fahre ich wispernd fort. »Ich muss das immer anhaben.«

»Dann beschwer dich auch nicht, wenn es klingelt. Außerdem rufe ich dienstlich an.«

»Wirklich?« Ich weiß nicht, ob ich erleichtert sein soll oder ob das eher eine Drohung ist.

»Wir stecken gerade mitten in der Planung für den EMPFANG.« Das Wort erscheint in Großbuchstaben vor mir. Sie sagt Empfang, als handele es sich um eine höchst offizielle Angelegenheit, mindestens so wichtig wie eine Veranstaltung des Bundeskanzleramts.

»Für welchen Empfang denn?«

»Bist du verrückt? Seit Wochen redet die ganze Familie von nichts anderem als dem Sektempfang zu meiner Promotion. Es kommen mehr als dreißig Gäste. Sogar Professor Reifenhäuser hat zugesagt. Es muss einfach perfekt werden. Und du weißt genau, dass ich deshalb Blumenschmuck brauche. Und zwar etwas ganz Besonderes, nicht bloß langweilige Rosen.«

Langweilige Rosen! Ich fasse es nicht, dass sie das gerade gesagt hat. Als ob Rosen langweilig wären. Als ob die Rosen, die ich für sie aussuche, langweilig wären.

Ich hole tief Luft und setze zu einer Erwiderung an, als Herr Winkel sich lautstark räuspert.

»Können wir das vielleicht später besprechen? Ich habe hier noch zu tun.« Und dann, weil ich auch einmal etwas in Großbuchstaben sagen möchte, füge ich hinzu: »Ich bin nämlich gerade im KRANHAUS.«

Nichts.

»Hast du gehört? Ich bin gerade in DEM KRANHAUS. Am Rheinauhafen.« Und als immer noch keine Reaktion kommt: »Das mit den Superluxuswohnungen.«

»Aha«, sagt Heidi und ich höre, wie sie im Hintergrund mit Papieren raschelt. »Dann schick mir doch bis spätestens morgen früh deine Entwürfe. Mit Bildern. Drei verschiedene müssen es mindestens sein. Und vergiss den Kostenvoranschlag nicht, inklusive Freundschaftsrabatt.« Ohne ein weiteres Wort legt sie auf.

Ich bin von Heidi schwer enttäuscht. Es kommt nicht häufig vor, dass ich bei meiner Arbeit etwas wirklich Interessantes erlebe, sie hätte ruhig mit mehr Begeisterung reagieren können.

Ungeduldig trete ich von einem Fuß auf den anderen. Der Strauß ist ganz schön schwer. Blumenwasser tropft auf meinen linken Oberschenkel und ich werfe einen hilflosen Blick zu Herrn Winkel. Doch bevor ich ihn noch einmal an mein Anliegen erinnern kann, hebt er beschwichtigend die Hand und greift erneut zum Telefon.

»Hier spricht Winkel von der Rezeption. Eine junge Dame von der Firma Daisy Düfte kommt jetzt zu Ihnen. Sie überbringt einen Blumenstrauß.« Er wartet. »Ich werde es ihr sagen.« Nun wendet er sich an mich. »Es tut mir leid, Herr Dannenberg kann den Strauß nicht persönlich in Empfang nehmen. Er bittet Sie, ihn hier zu hinterlassen.«

»Das darf ich leider nicht.« Ich hebe entschuldigend die Schultern. »Ich muss den Strauß persönlich abgeben und eine Nachricht überbringen.« Dass der Auftraggeber dafür extra einen Bonus gezahlt hat, muss Winkel ja nicht wissen.

Seufzend greift er erneut nach dem Hörer. Mein Gott ist das alles umständlich. Ich überlege schon, ob ich nicht einfach in den Aufzug springen und blitzschnell nach oben düsen soll. Das Problem ist: Ich habe riesige Angst vor Aufzügen. Das liegt nicht etwa an der Enge der Kabinen, sondern daran, dass ich bereits mit sieben alle alten James-Bond-Filme gesehen habe. Die Szene mit dem Aufzug, in der der Boden plötzlich aufklappt und die Insassin in ein Haifischbecken rutscht, hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Seitdem fällt mir Aufzugfahren schwer, auch wenn ich weiß, dass Haie hier eher selten sind. Aber ich weiß auch, dass man sich nie sicher sein kann, welche Fallen sich die Architekten sonst noch haben einfallen lassen. Dieses Haus steht schließlich direkt am Rheinufer.

»Sie können jetzt hinauffahren«, unterbricht Winkel meine Gedanken. »Aber bitte fassen Sie sich kurz, Herr Dannenberg ist sehr beschäftigt, und wir legen großen Wert auf die Privatsphäre der Eigentümer.«

»Aber selbstredend«, antworte ich und merke, dass ich schon genauso gespreizt rede wie er. Färbt das etwa ab?

»Es gibt hier nicht zufällig eine Feuertreppe?«, erkundige ich mich.

Herr Winkel hebt das Kinn. »Das Gebäude verfügt über die neuesten Sicherheitstechniken und selbstverständlich auch über eine Feuertreppe. Doch die Benutzung ist nur im Notfall gestattet.«

»Vielleicht können Sie ausnahmsweise …« Unter seinem strengen Blick fällt mein Widerstand in sich zusammen. »Nicht? Na gut.« Ich seufze.

Zögernd betrete ich den vollverglasten Aufzug und beäuge den Boden. Es gibt keine Fugen, die sich in irgendeiner Weise öffnen könnten, und ich entspanne mich. In den Scheiben sehe ich, dass meine Schweinsnase schief sitzt, und rücke sie eilig zurecht. Dann streiche ich meine Haare glatt und bohre mit dem Fingernagel einen Mohnsamen zwischen meinen Schneidezähnen raus, als mein Blick auf das neugierige Auge einer Kamera fällt, die von der Decke herabhängt. Peinlich berührt lasse ich von meinen Zähnen ab und winke. Herr Winkel hat das bestimmt genau gesehen. Vielleicht beobachtet er, ob Gäste des Hauses eine Waffe aus ihrer Tasche ziehen. Entweder das, oder am Türrahmen zum Aufzug war ohnehin schon ein Metalldetektor angebracht. Welch ein Glück, dass ich nicht den schicken Gürtel angezogen habe, den mir Michi neulich geschenkt hat. Den mit der großen Schnalle.

Michi und ich sind seit fast zwei Jahren zusammen und eigentlich ziemlich glücklich. Beide lieben wir italienisches Essen und amerikanische Kinofilme. Er arbeitet in der Gärtnerei, die uns beliefert, und macht nebenbei viel Sport. Na ja, er guckt auch viel Sport. Genauer gesagt schaut er sich die Turniere aller Sportarten an. Ich könnte noch verstehen, wenn er nur ein Fußballfan wäre. Doch er guckt außerdem Tennis, Leichtathletik, Biathlon und Schwimmen. Und die Formel 1. Aber alles in allem kann ich doch froh sein, einen Freund zu haben, der so sportbegeistert ist, oder?

Ich bin leider nicht besonders sportlich. Und müsste ich die Stockwerke, die ich gerade hochsause, zu Fuß gehen, käme ich ganz schön aus der Puste.

Ein leises Pling kündigt an, dass ich mein Ziel erreicht habe, und die Fahrstuhltür schiebt sich geschmeidig auseinander. Noch bevor mein Fuß den Boden berührt, erhellt sich der Flur.

Ich brauche nicht lange, um mich zu orientieren, denn es gibt nur eine einzige Tür am Ende des Flurs, durch die Musik dröhnt. »My Way« von Frank Sinatra. Mit einem nervösen Flattern im Magen drücke ich auf die Klingel.

Nichts passiert. Ich befürchte schon, dass dieser Dannenberg aufgrund der lauten Musik das Klingeln nicht hört, da wird die Tür so ruckartig aufgerissen, dass ich unwillkürlich zurückweiche. Ein dunkelblonder Mann, höchstens Mitte dreißig, erscheint im Türrahmen. Er ist unrasiert und trägt ein verknittertes weißes Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen aufgekrempelt hat.

»Geben Sie schon die Blumen her, und dann verschwinden Sie«, blafft er mich an. Dann heftet sich sein Blick auf meine Schweinsnase. »Ach du Schande.«

Mit der linken Hand stützt er sich am Türrahmen ab. Mit der rechten umfasst er lässig ein Glas, in dem eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schimmert.

»Entschuldigung«, hasple ich verlegen und suche vergeblich nach einem Namensschild über der Türklingel. »Ich wollte eigentlich zu einem Herrn Dannenberg.«

»Herzlichen Glückwunsch«, erwidert er. »Sie haben Ihr Ziel erreicht.«

»Sie sind Herr Dannenberg?« Der ungläubige Tonfall in meiner Stimme ist nicht zu überhören. Ich hätte nie gedacht, dass jemand, der in einem Penthouse im Kranhaus wohnt, so jung sein könnte!

»Warten Sie«, sagt er. »Ich sehe mal kurz in meinem Pass nach.« Aber er rührt sich nicht vom Fleck, sondern trinkt sein Glas in einem Zug leer, während er mich durch halbgeschlossene Lider mustert.

Mein Blick bleibt an seinen sonnengebräunten Unterarmen hängen. »Wenn Sie Herr Dannenberg sind, dann ist dieser Blumenstrauß für Sie«, sage ich. »Ich bin Emma Arend von Daisy Düfte.« Mit Schrecken spüre ich, wie meine Schweinsohren dabei wackeln.

Seine Augen weiten sich.

»Können Sie vielleicht die Musik etwas leiser stellen? Ich muss Ihnen auch noch ein Gedicht vorlesen.«

»Ein Gedicht.« Es ist nicht als Frage gemeint. Er hat die Stirn in Falten gelegt und schnipst dann zweimal mit den Fingern. Die Musik verstummt. »Nun gut«, sagt er ungeduldig.

Ich halte den Blumenstrauß vor mich, setze ein feierliches Gesicht auf und … erinnere mich, dass ich das Gedicht nicht auswendig kann. Meine hilflosen Bemühungen, mit Blumen im Arm in meiner Hosentasche nach dem Spickzettel zu fingern, quittiert Dannenberg mit einem Seufzen.

»Können Sie mal kurz halten?«, frage ich und reiche ihm den Strauß. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, lässt er ihn hinter sich auf den Boden fallen.

Ich schnappe nach Luft. Weiß er denn nicht, wie teuer Callas in dieser Größe sind? Ganz abgesehen davon: Der Strauß ist wunderschön! Sehr schlicht und geschmackvoll, und – wenn ich es recht bedenke – eigentlich ein Brautstrauß.

»Sie können doch nicht die schönen Blumen einfach so hinwerfen!«, empöre ich mich und dränge mich an ihm vorbei in die Wohnung. Behutsam hebe ich die Blumen auf und richte die abgeknickten Stängel. Danach falte ich mein Notizblatt mit der ausgedruckten E-Mail des Auftraggebers auf.

»Lieber Nils«, beginne ich.

»Was wäre ich denn ohne

einen Freund wie dich?

Ich legte dir mein Herz

ganz offen auf den Tisch.

Ich schenkte dir nicht nur

mein allergrößtes Vertrauen.

Sondern auch meine Tochter,

um deine Zukunft aufzubauen.«

Es ist furchtbar. Wieso schreibt jemand so etwas? Und weshalb hält er sich dann nicht weiter an das Versmaß?

»Doch jetzt in dieser Stunde

da weiß ich, wer du bist.

Wer solche Freunde hat,

braucht … keine Feinde nicht.«

Ach du je. Ich werfe einen schnellen Blick zu Dannenberg, der die Augen halb geschlossen hat und leise atmet. Meine Stimme beginnt zu zittern.

»I… ich wollte dir nur sagen,

einschenken reinen Wein.

Du bist nicht mehr mein Schwiegersohn,

du bist ein … mieses Schwein!«

Vor Schreck rutschen mir fast die Schweinsohren vom Kopf.

»Verzeihen Sie«, sage ich tapfer, »ich habe ehrlich gesagt nicht gewusst, was in diesem Gedicht steht. Sonst hätte ich bestimmt nicht … also ich hätte niemals … ganz sicher nicht … diese Verkleidung angezogen«, beende ich mein lächerliches Gestammel und zerre mir die Plastiknase vom Gesicht.

Dannenberg lässt mich, ohne ein Wort zu sagen, stehen. Mir ist das Ganze furchtbar unangenehm. Ich stolpere ihm hinterher und sehe, wie er im Wohnzimmer sein Glas auffüllt. Seufzend lässt er sich auf ein cremefarbenes Sofa nieder. Ich bleibe abrupt mitten im Raum stehen. Nicht nur, weil ich die mit Abstand luxuriöseste und traumhafteste Wohnung aller Zeiten betreten habe. Auch nicht, weil sich mir eine spektakuläre Aussicht auf den Kölner Dom bietet und der loftähnliche Raum durch die bodenlangen Fenster so sehr von Sonnenlicht durchflutet wird, dass ich beinahe erblinde. Und schon gar nicht, weil ein Schnipsen von Dannenberg die Surround-Anlage reaktiviert und Sinatra erneut anfängt, seinen größten Hit zu schmettern. Was mich erschrocken innehalten lässt, sind der riesige Metallhaken, der an der Deckenmitte hängt, und der Stuhl, der daruntersteht und nur darauf wartet, dass jemand hinaufklettert.

Erst jetzt fällt mir auf, wie zerzaust Dannenbergs Haare sind. So, als hätte er sie sorgenvoll durchwühlt. Sein weißes Hemd ist halb aufgeknöpft und sein blauer Schlips baumelt merkwürdig verdreht um seinen nackten Hals. Auf dem Tisch liegen ein Stapel zerrissener Fotos und die Überreste mehrerer Kreditkarten, die in Stücke geschnitten worden sind. Aus den Boxen dröhnt: »And now the end is near …«

Fehlt nur noch ein Umschlag mit der Aufschrift »Mein letzter Wille«. Unwillkürlich suche ich den Tisch danach ab, doch Dannenberg fängt meinen Blick auf und fegt im selben Moment alles mit einem Wisch beiseite.

Mein Mund öffnet sich wie von selbst. »Sie … Sie wollen sich doch nicht etwa umbringen?«, quetsche ich heraus.

Dannenberg schaut bei dieser Frage nicht einmal auf, sondern stiert in sein Glas.

»Sie haben Ihre Botschaft vorbildlich überbracht«, sagt er schließlich.

Es wundert mich, dass er das noch so klar formulieren kann, nach den ganzen Drinks.

»Sagen Sie Kreuzbach, dass er mich mal kann.«

Ich suche nach ein paar klugen Worten, frage schließlich jedoch nur: »Sind Sie krank? Haben Sie einen Tumor oder so was?«

Er schüttelt den Kopf. »Was wollen Sie eigentlich noch hier? Verschwinden Sie endlich.«

Ich erstarre. Aber ich kann doch jetzt nicht gehen! Nicht, wenn ich weiß, dass hier ein Mensch in einer Lebenskrise steckt. Wenn ich einfach so abhaue, dann wird er sich erhängen. Das geht doch nicht … Er kann doch nicht … Ich kann das doch nicht zulassen!

»Und dann lese ich morgen in der Zeitung, dass Sie sich umgebracht haben?«

Dannenberg ist wortlos aufgestanden und zu einer lackglänzenden Anrichte gegangen, auf der mehrere Karaffen stehen.

»Aber das dürfen Sie nicht«, rutscht es mir heraus.

Lautstark stellt er eine Flasche ab. »Nur zur Information: Ich weiß schon, was ich tue.«

»Aber …«

Mir schießen tausend Gedanken auf einmal durch den Kopf: … Das dürfen Sie nicht, weil Sie in diesem Penthouse wohnen. Weil Sie verdammt noch mal einen Concierge haben! Weil es eklig ist, wenn hinterher der Tatortreiniger kommen muss. Weil irgendein Arzt an Ihrem nicht gerade unattraktiven Körper rumschnippeln wird. Weil die Sonne scheint …

»Wenn Sie das tun, dann muss ich mir ein Leben lang Vorwürfe machen.«

Habe ich das gerade tatsächlich gesagt? Na toll! Es wird ihn wohl kaum aufbauen, wenn ich bei seinen Suizidplänen nur an mich denke.

Er lächelt schief. »Jetzt übertreiben Sie mal nicht. Und wenn es nur das ist: Ich entbinde Sie gerne von dieser Verantwortung.«

Verzweiflung sprudelt in mir hoch. »Das können Sie gar nicht!« Ich laufe hektisch auf und ab. »Von so etwas kann man nicht entbunden werden! Wissen Sie, als Kind hatte ich einen Goldhamster. Er hieß Julchen. Ich habe ihn so sehr geliebt! Aber ich konnte ja nicht wissen, dass Goldhamster keine Gummibärchen essen dürfen. Jedenfalls – ich habe ihm die ganze Haribo-Tüte ausgeschüttet und Julchen hat immer mehr davon in sich hineingestopft. Er sah anschließend so aus«, ich plustere meine Backen auf. »Und dann wollte er die Gummibärchen partout nicht wieder ausspucken. Er … er ist erstickt.« Gedankenversunken schaue ich zu Boden. »Ich habe mich bis heute nicht davon erholt. Sobald ich nur ein Nagetier sehe, wird mir schlecht. Ich hätte es vielleicht verhindern können, wenn ich ihn sofort zum Tierarzt gebracht hätte, aber ich war zu feige. Und jetzt …« Ich suche nach Argumenten und betrachte Dannenberg genauer: die gerunzelte Denkerstirn, die blauen Augen mit den dichten Wimpern und das kleine Muttermal auf seiner linken Schläfe. »Sie sind so jung«, beginne ich. »Sie sind attraktiv. Und reich sind Sie auch noch. Bestimmt gibt es eine Menge Leute, die Sie lieben und Sie wahnsinnig vermissen würden. Das können Sie denen nicht antun. Schon gar nicht ohne Abschiedsbrief. Und auch nicht mit Frank Sinatra. Eigentlich gibt es nichts auf der Welt, was so schlimm sein könnte, dass man sich mit Frank … Wir werden jemanden finden, der Ihnen hilft. Ich verspreche es Ihnen!«

Der Blick, den Dannenberg mir zuwirft, schwankt zwischen Entsetzen und Faszination. Seine Augenbrauen wölben sich nach oben:

»Sie haben Ihren Goldhamster mit Gummibärchen umgebracht.«

Ich nicke.

»Ich verspreche Ihnen, ich werde keine Gummibärchen essen.« Er zeigt in Richtung Wohnungstür. »Und jetzt raus.«

2

Die Tür fällt ins Schloss. Ich bin mir nicht sicher, ob Dannenberg mir überhaupt richtig zugehört hat. Außer das mit den Gummibärchen, das hat er behalten. Aber auch als ich laut »Denken Sie an Ihre Mutter!« gerufen habe, hat ihn das nicht daran gehindert, mich mit aller Kraft durch die Wohnungstür zu schieben. Er ist wirklich fest entschlossen, und ich bin verzweifelt. Was soll ich bloß machen? Ich kann jetzt unmöglich nach Hause fahren und so tun, als wüsste ich von nichts. Mit zitternden Fingern tippe ich auf meinem Handydisplay herum und wähle die Nummer meiner Chefin. Erika wird wissen, wie man sich in so einem Fall verhält. Bestimmt gibt es eine Art Notfallkatalog. Für einen Verkehrsunfall habe ich in unserem Lieferwagen schließlich auch einen ganzen Aktenordner mit Punkten, die ich nach und nach abarbeiten muss. Unruhig tigere ich über den Flur. Als sie endlich abnimmt, rufe ich in mein Handy: »Erika, der Mann will sich umbringen!«

»Welcher Mann? Wovon redest du?«

»Dieser Auftrag im Kranhaus. Du weißt schon. Rosafarbene Callas und weiße Rosen. Ich musste mich als Schweinchen verkleiden.«

»Ah«, sagt sie gedehnt. »Die Callas. Und wer will sich umbringen?«

»Der Mann, dem ich die Blumen bringen sollte. Dieser Dannenberg. Das waren gar keine Glückwünsche, sondern ein hundsgemeines Gedicht von seinem Schwiegervater. Ich weiß nicht, warum, aber er hat einen Eisenhaken an der Decke und einen Stuhl daruntergestellt. Und er hört Frank Sinatra«, füge ich noch hinzu.

»Verdammt!«, sagt sie.

Ich bin total erleichtert, mit jemandem zu reden, der sofort den Ernst der Lage erfasst. »Was soll ich denn jetzt machen?«

»Was ist mit den Blumen?«

»Wie?«

»Hast du die Blumen schon abgegeben? Sind sie in seiner Wohnung?«

Ich habe absolut keine Ahnung, was an den blöden Blumen jetzt so wichtig sein soll. »Ich habe sie ihm gegeben, aber er hat mich rausgeworfen und den Strauß gleich hinterher.«

»Gott sei Dank!« Sie schnauft erleichtert in den Hörer. »Sieh bloß zu, dass keine Spuren von den Blumen zurückbleiben. Nicht auszudenken, wenn die Polizei Einwickelpapier mit unserem Logo findet. Oh Gott, ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: Daisy Düfte brachte den Tod! Tu mir einen Gefallen, schnapp dir die Blumen und verschwinde!«

»Aber ich kann ihn doch jetzt nicht allein …«

»Natürlich kannst du das!«, fährt sie mir über den Mund. »Der Kerl ist doch erwachsen. Mensch, Emma, fahr nach Hause! Du hast längst Feierabend. Und je schneller unser Lieferwagen dort verschwindet, umso besser. Und dann mach dir einen schönen Abend. Setz dich mit deinem Freund auf den Balkon und trink ein Glas Wein. Oder geht ein Eis essen. Vielleicht macht ihr einen Spaziergang am Rhein. Ach, euch wird schon was einfallen!« Dann tutet es in der Leitung, Erika hat aufgelegt.

Ich schnappe entgeistert nach Luft. Ich soll mir mit Michi einen schönen Abend machen? Auf der Couch sitzen, wo dieser Mann so verzweifelt ist, dass er sich das Leben nehmen will? Ich kann nicht glauben, dass Erika so herzlos ist. Außerdem bin ich sicher, dass mein Freund Michi niemals in Seelenruhe zu Hause bleiben würde, wenn er wüsste, dass jemand seine Hilfe braucht. Obwohl er auch nicht immer die größte Hilfe ist, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Erst neulich, als ich mir beim Kochen für seine Eltern in den Finger geschnitten habe, hat er es nicht einmal fertiggebracht, mir ein Pflaster aufzukleben. »Tut mir leid, Emma. Du weißt ja, ich kann kein Blut sehen.« Und dabei hat er so seltsame Würgelaute von sich gegeben.

Auch jetzt weiß Michi keinen Rat:

»Ich fass es nicht, dass du mich deswegen anrufst!«, raunzt er mich an. »Gleich beginnt das Eröffnungsspiel. Hast du das etwa vergessen?«

Ich habe keine Ahnung, wovon er redet. »Fußball?«, tippe ich.

»Nee, Gummistiefel-Weitwurf. Natürlich Fußball! Brasilien gegen Kroatien. Du weißt doch, dass ich mich seit Monaten darauf freue.«

Das hatte ich tatsächlich vergessen. Ich höre, wie es im Hintergrund ploppt und zischt. Offenbar freut Michi sich nicht alleine. Selbst wenn ich einfach so nach Hause fahren könnte, ein gemütlicher Abend würde das bestimmt nicht werden. Ich bekäme nicht einmal mehr einen Platz auf dem Sofa, weil sich der dicke Dirk darauf breitgemacht hat. Und Idioten-Ingo.

Bei diesem Gedanken bekomme ich sofort ein schlechtes Gewissen. Ich weiß, dass man nicht so von den Freunden seines Freundes reden soll. Ich mache das auch wirklich nie, wenn Michi dabei ist. Ihm gegenüber habe ich noch kein einziges negatives Wort über die beiden verloren. Lediglich meine Schwester Heidi weiß, was ich von ihnen halte. Und Monika aus dem Laden. Und meine beste Freundin Judith.

»Dann ruf halt die Polizei! Die Chips sind im Schrank.«

Ich merke erst, dass Michi gar nicht mehr mit mir redet, als er beginnt, noch weitere Knabbereien aufzuzählen: »Salzstangen und Erdnüsse. Doch, da müssen welche sein, ich habe Emma extra daran erinnert, neue zu kaufen.«

Da lege ich schnell auf. Ich habe keineswegs alles eingekauft, was er auf den Zettel gekritzelt hat. Denn manchmal habe ich das Verlangen, seiner Ernährung einen kleinen Schubs in eine gesündere Richtung zu geben. Er wird also gleich drei glänzend rote Paprikas finden. Und eine Salatgurke.

Vor Aufregung pocht mir das Herz bis zum Hals. Mir bleibt wahrscheinlich keine Alternative, als die Polizei anzurufen, überlege ich, denn die Zeit drängt. Vielleicht klettert Dannenberg in diesem Augenblick schon auf den Stuhl. Mit zitternden Fingern wähle ich die 110.

»Emma Arend von Daisy Düfte. Ich bin hier im Zollhafen, und da ist ein Mann, der sich umbringen will.«

Der Polizist ist wesentlich interessierter als Michi und verspricht, sofort vorbeizukommen. Ich weiß nicht, ob mich das erleichtert, denn ein wenig habe ich Angst, dass Dannenberg mir das ganz schön übelnehmen könnte. Er wäre auch nicht der Erste, der mir vorwirft, dass ich mich zu sehr in sein Leben einmische, und in diesem Fall kann ich das leider nicht einmal abstreiten.

Zerknirscht klopfe ich an seine Wohnungstür.

»Herr Dannenberg?« Die Tür fühlt sich an meinem Ohr ganz kühl an, obwohl wir fast dreißig Grad draußen haben. Bestimmt hat er die Klimaanlage aufgedreht. Dann würde er im Todesfall auch länger frisch bleiben, denke ich und erschauere dabei.

»Ich wollte Ihnen nur sagen, dass die Polizei jeden Moment da sein wird. Es tut mir leid, aber Sie müssen mich verstehen. Ich kann doch nicht einfach so wegschauen.«

Keine Reaktion. Allerdings bilde ich mir ein, dass die Musik leiser geworden ist.

»Herr Dannenberg? Hören Sie mich?« Mit beiden Händen fahre ich über die glatte Oberfläche, als hoffte ich, irgendeine Vibration zu spüren. Als würde ich spüren, wenn dahinter was Schreckliches passiert. »Bitte tun Sie mir das nicht an.«

Täusche ich mich, oder kann ich etwa seinen Atem hinter der Tür hören? Egal. Ich muss es versuchen.

»Ich weiß, dass es Ihnen sehr schlecht geht. Bestimmt haben Sie allen Grund, verzweifelt zu sein. Aber so ein schönes Leben wirft man doch nicht weg!«

Stille.

»Glauben Sie mir, ich kann es auch nicht leiden, wenn man sich in meine Angelegenheiten einmischt, und normalerweise wäre ich wirklich die Letzte …«

Da! Jetzt bin ich fast sicher, ein Schnauben gehört zu haben!

»Also ich würde niemals … geht mich eigentlich auch gar nichts an … aber es gibt so viel Schlimmeres auf der Welt … Krebs … der Welthunger … Aids … Wladimir Putin … könnte man wirklich verzweifeln … als Thomas Gottschalk aufgehört hat, habe ich geweint … ich hab in meinem Leben auch schon ganz schön viel Mist gebaut, deshalb würde ich mich aber doch nicht gleich umbringen. Manchmal muss man einfach mal was aushalten. Es ertragen. Aufstehen, Krone richten, weitergehen. Bevor ich im Blumenladen angefangen habe, habe ich studiert … vier Semester … durch die Prüfung gefallen … dachte wirklich, ich sterbe! Vor allem, da Heidi immer alles besser gemacht hat. Sie durfte immer alles. Sogar reiten. Und zum Kunstturnen und Ballett. Nach der Scheidung … kein Geld mehr da … Und ich? Blockflötenunterricht! Ich meine, was gibt es Schlimmeres als Blockflötenunterricht? Ich wollte immer Klavier spielen lernen und Gesangsstunden nehmen. Aber das war einfach nicht mehr drin. Nur Heidi, die hat vor der Scheidung unserer Eltern noch alles mitgenommen. Natürlich hat sie einen tollen Schulabschluss hingelegt. Hätte ich auch, mit all den Ballettstunden im Rücken. Bei mir hieß es dann immer: Nein, das ist zu teuer, das können wir uns jetzt nicht mehr leisten.« Ich hole tief Luft und merke, dass ich schwitze wie verrückt. Mein pinkfarbenes T-Shirt ist unter den Armen schon ganz nass.

»Die Hauptsache ist doch, man hat etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf. Und Ihr Dach hier, das ist einfach atemberaubend. Ich würde sterben für so eine Wohnung!« Ich zucke zusammen, als mir bewusst wird, was ich da gerade gesagt habe. »Also … nicht unbedingt sterben … Sie wissen schon, wie ich das meine.«

Hinter mir ertönt ein Räuspern. Ich habe gar nicht gehört, dass die Aufzugtür aufgegangen ist, und mit einem Mal stehen dort zwei Polizisten in blauen Uniformen und blank polierten Schuhen. Einer von beiden trägt einen dicken Schnurrbart und erinnert mich stark an Tom Selleck aus Magnum. Ein Funkgerät knistert.

»Sind Sie Frau Arend?«

Jetzt würde ich gerne lügen. Oder im Erdboden versinken. Tom Selleck guckt so furchtbar streng. Aber da taucht ausgerechnet der Concierge hinter ihnen auf, den dunklen Anzug glattgestrichen und nicht den Hauch von Nervosität im Gesicht.

»Er ist da drin.« Ich nicke schnell und deute auf die Tür. »Er hat schon den Stuhl unter einen Deckenhaken geschoben.«

»Das ist einfach nicht möglich«, mischt sich Herr Winkel ein. »Außerdem habe ich Ihnen doch gesagt, dass Herr Dannenberg nicht gestört werden möchte.« Er schüttelt entrüstet den Kopf. »Wir werden mit ihm reden«, sagt der andere Polizist. »Wenn er die Tür nicht öffnet, dann müssen Sie uns aufschließen. Haben Sie den Schlüssel?«

Widerstrebend präsentiert Herr Winkel einen kleinen Knubbel, der an einer Kette baumelt und aussieht wie ein Buzzer in Miniaturformat. »In unserem Hause benutzen wir einen Transponder.«

»Wie auch immer.« Der Polizist drückt auf die Klingel.

Unaufhörlich dröhnt Musik aus der Wohnung. Allerdings, und das fällt mir erst jetzt auf, ist es nicht mehr Frank Sinatra. Ich lausche angestrengt. Und dann fällt mir vor Verblüffung das Kinn herunter. Dieses Lied! Ich kenne es. Das ist … das ist … Don’t worry be happy!

Singt Dannenberg etwa?

Der Polizist drückt ein weiteres Mal auf die Klingel, und jetzt können wir es alle hören: die Schritte, die sich der Tür nähern, und die gutgelaunte Stimme, die aus voller Kehle die »U-uhs« mitsingt.

Ich habe erwartet, dass die Polizei die Tür aufbrechen muss. Was ich nicht erwartet habe, ist, dass Dannenberg sie freudig strahlend aufreißt und sagt:

»Hallo Liebling, du bist spät dran.«

3

Es fehlt nicht viel, und ich würde mich vor Scham häuten wie eine Mamba. Vor mir steht Dannenberg. Seine Augen blitzen. Er hat sich rasiert und ein frisches Hemd angezogen. Seine Krawatte sitzt perfekt in einem doppelten Windsor-Knoten. Er trägt sogar Manschettenknöpfe. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Manschettenknöpfe gesehen habe. Ob die wohl echt sind? Jedenfalls sieht Dannenberg aus wie die personifizierte Seriosität. Ich weiß nicht, wie er das in der Kürze der Zeit angestellt hat.

Die Polizisten ignoriert er völlig. Dafür mustert er mich demonstrativ von oben bis unten, bis sein Blick schließlich an meinem Busen hängenbleibt. Oder vielmehr an der Aufschrift »Daisy Düfte« auf meinem Shirt.

»Du siehst müde aus, Daisy«, sagt er.

»Haben Sie nicht gesagt, Sie heißen Emma?«, will Tom Selleck wissen.

»Ich heiße auch Emma«, erwidere ich. »Daisy ist der Name unseres Blumenladens.«

»Was wird hier eigentlich gespielt?«, fragt Polizist Nummer zwei.

Ohne darauf zu antworten, schiebt sich Dannenberg elegant an ihm vorbei und beugt sich zu mir herab. Er schnuppert auffällig. »Du hast es schon wieder getan.« Er seufzt.

»Was soll ich getan haben?«

»Daisy, Daisy, Daisy.« Mitleidig schüttelt er den Kopf. »Wie viele waren es diesmal? Sechs? Acht?« Er wendet sich an die beiden Polizisten. »Sie müssen nämlich wissen, dass Daisy übermäßig viel …«, er macht eine Geste, als führe er ein Glas zum Mund, »… dabei vertragen sich die Cocktails leider überhaupt nicht mit ihren Medikamenten. Es ist nicht das erste Mal, dass sie von wildfremden Menschen nach Hause gebracht wird. Aber dass gleich die Polizei … also so weit ist es noch nie gekommen.« Er seufzt wieder.

Spinnt der?

»Ich heiße nicht Daisy. Und ich habe auch gar nichts getrunken. Ich habe lediglich ein paar Blumen ausgeliefert. Herr Winkel«, hilfesuchend wende ich mich an den Concierge, »sagen Sie bitte, dass ich nur gekommen bin, um Blumen auszuliefern!«

»Also … ja. In der Tat. Die junge Frau hatte einen Blumenstrauß dabei. Obwohl ich nicht mit Sicherheit sagen kann …«

Er wird von Dannenberg unterbrochen. »Sie brauchen mich nicht zu schützen, lieber Herr Winkel. Ich bin ja selbst schuld daran. Diese Rollenspiele …«, er streckt die Hand aus und zupft gedankenverloren an einem meiner Schweinsohren, »… haben Daisy vielleicht etwas verwirrt.«

Rollenspiele? ROLLENSPIELE?

»Herr Dannenberg«, mischt sich der Schnauzbärtige wieder ein. »Diese junge Frau hat uns angerufen, weil Sie ihr gegenüber geäußert haben, dass Sie sich etwas antun wollen.«

Dannenberg hebt eine Augenbraue an. »Wie bitte?« Verdattert schaut er mich an.

»Hören Sie«, wende ich mich an ihn und hole tief Luft. »Es tut mir leid, dass ich Ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht habe. Es tut mir auch wahnsinnig leid, dass es Ihnen so schlechtgeht. Aber irgendjemand muss Sie doch daran hindern.«

»Du hast recht.« Mit einem unerwartet festen Griff packt Dannenberg mich um die Taille und zieht mich zu sich heran. Dabei ruht sein Blick nachsichtig auf mir. »Reg dich bitte nicht auf. Wie immer hast du vollkommen recht, Kleines.« Mit der anderen Hand streicht er mir liebevoll über das Haar. »Und woran genau wolltest du mich hindern?« Er hebt fragend die Schultern.

Der plötzliche Körperkontakt verschlägt mir die Sprache. Ich bin so perplex, dass ich im ersten Moment nicht einmal wage, seine Hand abzuschütteln. Und wäre der Druck, den er auf mich ausübt, nicht viel zu fest, dann könnte ich daran zweifeln, dass ich die Situation richtig interpretiert habe. Aber sein Griff ist beinahe eine Drohung.

Nachdem er die beiden Polizisten hereingebeten hat, raunt er mir zu: »Damit sind Sie zu weit gegangen.« An seiner Miene lässt sich nichts ablesen. Er lächelt zwar, lässt dann aber abrupt seine Hand fallen.

»Was genau ist denn eigentlich vorgefallen?«, fragt der eine Uniformierte, sein Kollege inspiziert indessen den einsamen Stuhl.

»Ich kann mir nicht erklären, weshalb Daisy so abwegige Gedanken hat.«

Langsam reicht es mir. »Zum letzten Mal: Ich heiße nicht Daisy!« Aber niemand reagiert.

Dannenberg dreht die Musik leiser und sich selbst dann zu Winkel um. »Wo Sie gerade hier sind, halten Sie doch bitte mal den Stuhl fest, damit ich endlich den Kronleuchter aufhängen kann.« Er zeigt in eine Ecke des Raumes, wo ein riesiger Karton steht.

Mir wird ganz schummerig. Ein Kronleuchter? Bitte lass das jetzt nicht wahr sein. Wo zum Teufel hat Dannenberg den auf die Schnelle aufgetrieben? Ich stöhne auf, als er ein monströses Gebilde aus Glastropfen aus dem Karton hievt. Die beiden Polizisten hingegen atmen erleichtert aus.

»Dann handelt es sich einfach nur um ein Missverständnis?«

Nein, will ich rufen. Das ist kein Missverständnis! Ich fasse es einfach nicht, dass alle auf diese Schmierenkomödie hereinfallen. Sehen sie denn nicht, wie schlecht es ihm geht? Sehen sie denn nicht, wie müde Dannenbergs Augen sind und dass sein ganzer Körper nur den Satz »Ich bin am Ende« ausstrahlt? Ich kneife die Augen zusammen. Nein, natürlich sehen sie es nicht. Dannenberg sieht aus, als wäre er frisch aus der Vogue gehopst. Seine Kleidung spiegelt den erfolgreichen Jungunternehmer wieder, allenfalls könnte man ihn für einen Menschen halten, der von seinem eigenen Wohlstand ein wenig angeödet ist.

»Er hat diese ganzen Fotos zerschnitten.« Ich trete an den Tisch und versuche, die Aufmerksamkeit der Polizisten auf die Bescherung zu lenken. »Und Kreditkarten. Das macht man doch nicht einfach so!«

Der Schnauzbärtige nickt mitfühlend. »Sie haben sich also gestritten, und Herr Dannenberg hat in seiner Verzweiflung gemeinsame Erinnerungen zerstört«, resümiert er. »Jetzt haben Sie ein schlechtes Gewissen.«

In diesem Augenblick weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Hilfesuchend sehe ich mich nach dem einzigen Menschen um, bei dem ich einen Rest Vernunft vermute, doch Herr Winkel hält tatsächlich den Stuhl fest, während Dannenberg hinaufklettert. Sein Angebot, das für ihn zu erledigen, hat dieser freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Nachdem der Lüster platziert ist, steigt Dannenberg herab, begutachtet sein Werk und stemmt die Hände in die Hüften. »Wunderbar«, sagt er.

Meine Verzweiflung wächst: Nicht nur, dass Dannenberg gerade mit dem hässlichsten Kronleuchter aller Zeiten seine Wohnung verschandelt hat. Er schwebt in Lebensgefahr, und keiner der hier anwesenden Männer will das sehen oder macht sich auch nur die Mühe, mir richtig zuzuhören. Es ist zum Haareraufen.

Gerade sagt der Schnauzbärtige: »Sie glauben gar nicht, wie oft wir zu solchen Streitereien gerufen werden. Und was sich manche Menschen alles an den Kopf werfen, wenn sie wütend sind.«

Dannenberg nickt und antwortet mit samtweicher Stimme: »Das wird sich schon wieder einrenken. Bisher ist Daisy auch nie aggressiv geworden, da kann ich Sie beruhigen.«

»Aggressiv? Ich?«, rufe ich aus. Alle Blicke fliegen zu mir. Winkels ist mitleidig, Tom Sellecks hingegen sagt mir, dass er ernsthaft überlegt, meinen Geisteszustand überprüfen zu lassen.

»Vielleicht sollte sie blasen?«, wendet er sich an seinen Kollegen und kurz darauf an mich:

»Wie viel Alkohol haben Sie getrunken?«

»Keinen Tropfen. Ich bin doch mit dem Auto gekommen.«

»Sie sind in diesem Zustand gefahren?«

Jetzt habe ich wirklich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Beteiligten. »In welchem Zustand denn?«, frage ich.

»Entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische«, Winkel räuspert sich geräuschvoll und wirft einen schnellen Blick zu Dannenberg. »Fräulein Daisy ist nicht selbst gefahren. Ich kann Ihnen versichern, dass sie mit einem Taxi angekommen ist.« Winkel sieht ein wenig betreten aus und vermeidet es, mir in die Augen zu sehen. »Normalerweise würde ich darüber nie ein Wort verlieren, aber in diesem Fall bitte ich Sie, mir diese Indiskretion nachzusehen. Es ist nämlich so, dass Fräulein Daisy kein Bargeld bei sich trug. Und da habe ich … den Taxifahrer für sie bezahlt.« Jetzt, da es heraus ist, sieht er erleichtert aus.

Die Polizisten nicken verständnisvoll. Doch bevor ich dem etwas entgegensetzen kann, sagt Dannenberg: »Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn nichts davon nach außen dringen würde. Sie wissen sicher … in meiner Position … und Daisy wäre es sehr unangenehm, wenn das an die Öffentlichkeit geriete. Sie ist in dieser Beziehung ein wenig empfindlich.«

»Bin ich das?« Das ist mir herausgerutscht, auch das begleitende Knurren in meiner Kehle, und an Dannenbergs Miene erkenne ich, dass wir uns wohl an einem Wendepunkt befinden. Einen kurzen Moment sehe ich ein leichtes Flackern in seinen Augen.

Ich weiß nicht, was genau Dannenberg vorhat, aber ich würde wahnsinnig gerne erfahren, was eigentlich so Schlimmes passiert ist. Die Polizei wird mir nicht helfen, da bin ich mir sicher. Auch ihm nicht. Ich atme tief ein und sammle mich, um möglichst cool und unbeteiligt auszusehen. Und vielleicht auch ein wenig stupide.

»Ich habe die Situation wohl doch falsch eingeschätzt«, sage ich.

Beide Polizisten inklusive Herrn Winkel nicken, bloß Dannenberg entfährt ein ungläubiges »Ach ja?«.

Ich lasse wirkungsvoll die Schultern hängen. »Es ist mir zwar sehr peinlich, aber ich habe mich bestimmt getäuscht. Es geht mir heute auch nicht so gut.« Leicht schwankend taste ich nach dem Sofa und lasse mich mit einem Seufzen darauf fallen.

»Sollen wir besser einen Arzt für Sie rufen?«, fragt Polizist Nummer zwei.

»Nein danke. Ich denke, ich brauche nur ein wenig Ruhe. Auf diesem …«, ich sehe das blaue Fähnchen eines Luxuslabels und werde schwach, »… auf diesem Designer-Sofa, oh mein Gott!« Ich schließe kurz die Augen und sende ein Gebet an die Zimmerdecke, dass meine dunkelblauen Jeans keine Flecken auf dem cremeweißen Leder hinterlassen werden.

4

Innerhalb von zwei Minuten hat Dannenberg die beiden Polizisten abgewimmelt. Ich höre noch, wie er leise mit dem Concierge flüstert. Wahrscheinlich beschwichtigt er ihn. In diesem Moment würde ich wer weiß was dafür geben, zu Hause auf meinem eigenen Sofa zu sitzen. Wären da nicht Idioten-Ingo, der dicke Dirk und die Fußball-WM. Da könnte ich wenigstens die Füße auf dem Tisch ablegen und müsste keine Angst haben, dass meine Hose abfärbt. Unwillkürlich rutsche ich mit dem Po ein wenig tiefer und streichle mit den Händen über das weiche Leder. Das Gefühl von Samt unter meinen Fingern entlockt mir ein Schnurren.

Dannenberg nähert sich. »Das scheint ein sehr intimer Moment zwischen Ihnen und meinem Sofa zu sein«, sagt er trocken.

Peinlich berührt ziehe ich meine Hände zurück und richte mich auf.

»Soll ich Sie beide für einen Augenblick allein lassen?«

E

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