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Jazede

Jazede

 

Es war Frühling – Frühling in Louisiana. Aus den Pecans und Zypressen quollen die maigrünen Blätterbüschel durch das tief herabhängende, graue, wehende Moos, sodass die gewaltigen Bäume wie silberhaarige, mit grünem Laub geschmückte Greise aussahen. Vom Süden her kamen allerhand buntfarbige, wunderliebliche Singvögel heraufgezogen, und unabsehbare Ketten von wilden Gänsen und Enten strichen hinauf zum hohen Norden, um dort ihre Nester zu bauen und erst im Herbst mit der jungen Brut nach dem schönen Süden zurückzukehren. Dabei saß der große, weiße Reiher bedächtig am Ufer des Mississippi auf irgendeinem in den Strom hinausragenden Baumstamm und schaute höchst ernsthaft und aufmerksam in die unter ihm hinschießende Flut, dann und wann mit dem langen Schnabel schnell und sicher hineintauchend, was jedes Mal Gefangenschaft und Tod eines der kleinen fröhlichen Flussbewohner zur Folge hatte. Der Reiher aber streckte darauf seinen langen Hals wohlgefällig und selbstzufrieden empor, klappte ein paar Mal mit dem Schnabel, als ob er sagen wollte: „Seid so gescheit, wie ihr wollt, ich fange euch doch“, und fiel wieder in seine frühere regungslose Stellung zurück. Der Mockingbird flötete in den blühenden Tulpenbäumen, der Loon wiegte sich auf den höchsten Wipfeln der riesigen Stämme, die dem fruchtbaren Sumpfboden entwuchsen, und ließ seinen gellenden Schrei weit durch den stillen Wald schallen, und die Turteltaube lachte aus den buschigen Chinabäumen, von denen erst jetzt die vorjährigen Beeren abfielen, durch wehmütig süße Laute dem ungetreuen Männchen, das auf dem breiten Schindeldach des von Blumen und Blüten umwucherten, von Orangenflecken umgebenen Plantagengebäudes mit einem anderen, fremden Weibchen koste und schnäbelte.

Leise und schaurig wehten und schwankten dazwischen die Wipfel des hier und da noch unberührt liegenden Urwaldes, und der mächtige Strom des Westens, der majestätische Mississippi, wälzte seine Lehmflut schäumend und innerlich kochend dem reinen Golf von Mexiko zu, der mit seinem kristallhellen Wasser im Anfang scheu zurückweicht und den schmutzigen, schlammigen Eindringling nicht anerkennen, nicht aufnehmen will. Dieser aber bricht sich mit langgewohnter und behaupteter Kraft Bahn in die salzige Flut, erfasst mit seinen sieben Armen die Widerstrebende und umschlingt sie in siegender Liebesglut. Nicht aber besudelt er die Reine, sondern, selbst geläutert und geklärt, verliert sich sein wildes Toben in den ruhigen Wogen der schönen See, und von allem Unreinen befreit, mischt er sich bald mit ihrer Flut so kristallhell als da, wo er den kalten Wassern des Nordens entsprang und wo seine Quellen durch starre Felsen und fruchtbare Täler ins flache Land hinabsprudelten.

Die Sonne tauchte eben, von keiner Wolke umhüllt, aus dem dichten Laubmeer, das die breiten Plantagen umschloss, empor. In den Feldern arbeiteten Scharen von Negern mit Hacke und Pflug, von einzelnen berittenen Aufsehern bewacht, deren schwere Peitsche, oft drohend gegen sie erhoben, die Lässigen auf die Gefahr aufmerksam machte, von dem gewichtigen Strafinstrument getroffen zu werden. An der Levée trieb eine alte Negerin – sie war zweiundsiebzig Jahre alt und konnte zu keiner anderen Arbeit mehr benutzt werden – eine Herde Schafe hin, um das wuchernde Gras abzuweiden, und das Blöken der munteren Tiere mischte sich mit den leisen melodischen Tönen einer Glocke, die aus der benachbarten Kapelle zum Gebet rief. Brausend und schäumend keuchte eins der riesigen Dampfboote heran, der Königin des Südens, New Orleans zu, und zahlreiche kleinere Schaluppen und Schoner, wie besonders eine Art Segelboote, von den Pflanzern dort „Chickenthief“ genannt, schossen mit schwellenden Segeln über den durch einen frischen Nordostwind leicht gekräuselten Strom hin.

Eins dieser letzteren Fahrzeuge ist es, dem wir uns nähern und mit dessen Bemannung wir uns näher bekannt machen wollen.

Fast größer als die gewöhnlichen Boote dieser Klasse, schien außerordentliche Sorgfalt auf die Herrichtung und Ausstattung desselben verwandt worden zu sein. Der schlanke Mast, der sich unter dem schneeweißen angeschwellten Segel beugte, war mit flatternden buntfarbigen Wimpeln geziert, das schmale Deck blendend weiß gescheuert, die Kajüten-Aufsätze wie die niedere Seitenwand mit saftgrüner Farbe erst frisch gemalt und der blaurotweiße Streifen, der um das ganze Boot herumlief, mit besonderer Sorgfalt auf dem schwarzen Grunde ausgeführt.

Das Äußere der Bemannung entsprach ebenfalls dem freundlichen Aussehen des Bootes. Am Steuerruder lehnte ein junger, etwa achtzehnjähriger Neger und war mit einem blendendweißen Hemd und ebensolchen Hosen bekleidet, und vor dem Mast, auf einer dort ausgebreiteten wollenen Decke, lagerten zwei Weiße, oder vielmehr Kreolen, denn obgleich von Europäern abstammend, verriet die Olivenfarbe der Haut und das rabenschwarze, glänzende Haar die beiden Männer als die Kinder eines noch südlicheren Landstrichs.

Der eine von diesen schien der Herr des Bootes zu sein, und die Miene, mit der er den Schwarzen dann und wann seine Befehle zurief, zeigte, wie sehr er zu befehlen gewohnt war. Wie der Neger, hatte er sich aller unnützen Kleidungsstücke entledigt, doch trug er Strümpfe und Schuhe; ein buntfarbiges seidenes Halstuch hielt seinen Hemdkragen zusammen, eine rote Schärpe war um die Hüften gebunden und ein breitrandiger Panamahut überschattete das dunkle Auge, das forschend darunter hervorschaute und nach irgendeinem Gegendstand am Ufer auszuspähen schien.

„Port! Bill, Port! Du rennst ja gerade auf die Sandbank los!“, rief er dem Schwarzen jetzt zu, der mit einem lauten: „Aye, aye, Sir“ dem Befehl Folge leistete.

„So – das ist genug“, fuhr er fort, als sich das kleine Fahrzeug abneigte vom gefährlichen Land, „das ist genug – wo aber die dürren Pecanbäume stehen sollen, möcht’ ich wissen; wir können doch wahrhaftig noch nicht daran vorbei sein!“

„Den Teufel auch“, brummte der andere. „Ihr zeigt heute eine Ungeduld, die ganz unerträglich ist. Ich habe Euch schon zehn Mal gesagt, sie ständen weiter unten; es war drei Uhr, als wir Baton Rouge passierten, und es sind dreißig Meilen von dort. Ein Dampfboot hätte sie bis jetzt kaum erreichen können.“

„Hallo, Massa“, rief der Schwarze jetzt, „was das dort unten? Gerade Dampfboot gegenüber?“

„Ha, wahrhaftig“, jubelte der junge Mann mit der Schärpe, indem er schnell auf die Füße sprang, „das ist der Platz, siehst du den Rauch dort? Quapas erwartet uns – halt hinüber, Titus – halt hinüber. Jetzt können wir auch nicht mehr weit von Düvonts Plantage sein.“

„Noch fünf Meilen“, erwiderte Titus. „Aber wir müssen umlegen, der Wind ist viel zu konträr!“

Die Segel waren bald gewandt, und leicht schoss jetzt das schlanke Boot hin, dem bezeichneten Platze immer näherkommend, wo drei hohe, aber abgestorbene Bäume, nur noch von dem grauen, hängenden Moos wie mit Trauerschleiern umweht, ihre dürren Äste zackig und breit hinausstreckten. Gerade aus der Gruppe stieg ein dünner, blauer Rauch empor, und eine Gestalt, in blaues Sommerzeug gekleidet, stand auf der Levée und schwenkte eine rote Mütze, zum Zeichen des Erkennens.

Bald darauf glitt der Chickenthief, dessen Kajüte in neugemalten Buchstaben den Namen „Jazede“ trug, dicht an das Ufer an. Die Planke aber, die der eine Kreole ergriffen hatte, um sie über Bord zu schieben, war unnütz, denn mit kühnem Satz sprang der dort Harrende, ein junger, dunkelfarbiger Mann, der kaum sechzehn Jahre zählen mochte, von einem etwas hervorragenden Baumstamm ab auf das Verdeck und lachte laut auf über das Gelingen seines Sprunges, als er mit der Linken, um sich zu stützen, den schlanken Mast ergriff und die Rechte, in der er noch immer die grellrote Kappe hielt, grüßend gegen den Patron neigte.

„Hab acht, Quapas“ rief dieser besorgt, „du wirst den Hals mit deinen tollen Sprüngen brechen, verwetterter Junge, und das wäre auf jeden Fall vierundzwanzig Stunden zu früh.“

„Nachher bin ich entbehrlich, nicht wahr?“, lachte der Indianer, denn der eben Gekommene gehörte dem Stamm der Quapas an und wurde von den Kreolen mit dem Namen seiner ganzen Nation genannt.&

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