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Jack VS Chris

Jack vs Chris Verlangen

Jack vs Chris

Verlangen

 

 

Rigor Mortis Kataro Nuel

 

 

 

 

 Eine Horromance ist eine Mischung aus niveauvollem Horror und seichter Romanze.

Hier werden Szenen des Grauens detailliert beschrieben.

Die Hauptprotagonisten sind Männer!

 

 

Tobender Sturm

Jack

 

Ein Frühlingstag, bezaubernd nicht wahr? Die Vögel zwitschern, die Bäume treiben aus, die Menschen sehen sich mit merkwürdigen Blicken an.

‚Verlogen‘ nenn ich es, andere sagen dazu verliebt.

Liebe … ein Wort, was mir nichts zu sagen vermag. Soviel darüber gelesen, und doch verstehe ich den Sinn einer solchen Verbundenheit nicht.

Mein Blick schweift über die Grünfläche des Parks, in dem ich mich befinde. Es kribbelt in mir, unwillkürlich lasse ich die Schultern eine kreisende Bewegung ausführen, die ein leichtes Knacken der Gelenke verursacht.

Konzentration, mahne ich mich selbst, schließe kurz die Augen.

Als ich sie wieder in die Ferne blicken lasse glaube ich, meinem Verstand nicht trauen zu dürfen. Ein See, in dem ein tobender Sturm wütet. Fasziniert gucke ich tiefer, will mehr davon erhaschen, als er auch schon aus meinem Blickfeld verschwindet. Was war das? Solche Augen, so dunkel und trübe wie klar. Meine Sinne spielen mir einen Streich, nicht anders sind diese merkwürdigen Empfindungen und Gedanken zu erklären.

Jetzt suche ich nach diesem See, will abermals in ihn tauchen. Da ist er, oder?

Braune Haare umranden das zarte Gesicht, in welchem dieser See ruht. Nicht stürmisch. Um Hilfe flehend? Habe ich mich so getäuscht? Trugbilder!

Ein Paar, wie alle anderen scheint es mir, und doch, etwas stimmt nicht. Der ebenso braunhaarige Mann hat die Hand fest um ihren Oberarm gelegt und zerrt sie mit sich.

Ihr Blick endet in meinem und ich weiß sofort, sie hat mich erkannt.

Meine Augen sind unverkennbar, mehr als einmal sagte man es mir. Der Tod in lebender Gestalt. Ein Lächeln huscht über meine Lippen. Ich bin der lebende Tod und ja, ich bringe ihn. Es liegt in meiner Hand, wer leben darf und wer nicht.

Mein Herz zieht sich kurz zusammen, als ich den Blick erkenne, den die Frau mir zuwirft. Eben noch tosende See ist er flehend geworden und ich weiß, was sie will. Erlösung!

Selten gehe ich auf solche Bitten ein und doch, sie hat mir einen Moment geschenkt, einen Blick, ich möchte ihn ein weiteres Mal erleben.

Was für Augen können mir solche Gefühle schenken? Ich will es erfahren, spüren und in mir verankern.

Langsam erhebe ich mich aus der sitzenden Position und folge dem Paar, welches nicht gerade glücklich scheint. Daher ihr hilfesuchender Blick? Ich möchte mehr wissen, wer ist sie und wo ist der tobende Sturm geblieben?

Der Weg führt mich zu einem Anwesen, recht groß und vor Geld nur so strotzend. Dem stehe ich in nichts nach. So nennt man mich Jakob Steel, einen vermögenden Geschäftsmann. An anderer Stelle nennt man mich Jack, den Mörder mit dem Tod in den Augen. Beides ist richtig wie falsch. Meinen wahren Namen habe ich schon so lange verleugnet, dass er nicht mehr existiert.

Caracasa, ein Engel von dreien des Frühlings, so heißt meine Auserwählte. Wird sie mir zeigen können, welche Gefühle in mir schlummern?

Die tobende See hat es schon in mir ausgelöst, ich habe Blut geleckt und nun möchte ich mehr.

Es war einfach, etwas über sie herauszufinden, gerade in meiner Position. Ihre Wochentage sind klar strukturiert. Somit habe ich den Freitag gewählt, denn alles, was zählt ist genaue Planung, ohne geht es nie.

Der Akt des Tötens ist nicht einfach eine Sache, die man nebenbei tätigt, es sei denn, die Gelegenheit ist gegeben. Mein Handwerk verlangt Planung, genaue Vorgehensweisen und strikte Konzentration. Ich habe Jahre gebraucht, um all das zu beherrschen.

Die Kunst des Verwandelns.

Die Erkenntnis der Chemie.

Die Fertigkeit der Technik.

Die Kenntnis der Anatomie.

Ein Mörder zu sein verlangt mehr als nur ein Messer und Opfer. Morden kann jeder, aber wer sein Handwerk beherrscht weiß auch, wie er nie gefasst werden kann. Denn genau das macht einen wahren Mörder aus. Töten mit dem Effekt, publik, jedoch niemals erwischt zu werden.

Ich kann verstehen, dass sie weg will, dieser Engel mit dem haselnussbraunen Haar. Es erinnert mich an etwas, an jemanden, lange ist es her. Ihre Augen waren hellbraun, genau wie ihr Haar. Das Lächeln gutmütig und mit einer Spur von Anstrengung versehen. Einst nannte ich sie Mutter, bis man es mir verbat.

Meine Gedanken schweifen ab, das ist nicht gut. Volle Konzentration! Die tosende See wartet auf mich.

Freitag, der einzige Tag, an dem man Caracasa allein lässt, wenn auch nur zum Frisör und in ein Café. Dort trifft sie sich zum Brunch mit Freundinnen, auch wenn ich bezweifle, dass es ihre sind. Gerade Mitte zwanzig, ist ihr Mann fast doppelt so alt. Eine geschäftliche Beziehung, aus der sie entfliehen will und ich werde ihr behilflich sein. Soll sie mir nur einen Moment schenken, einen Augenblick auf dem See mit dem tobenden Sturm.

Meine Maskerade steht, als Fahrer trete ich hier auf und weiß, es wird keiner merken. Ich bin perfekt in meinem Handwerk und weiß es zu beherrschen.

Der schwarze Jeep hält vor dem Salon, als Caracasa gerade nach draußen tritt. Verwundert sieht sie zu mir, dem Fahrer, und seufzt schwer, bevor sie einsteigt.

Gut erzogen, verschwiegen und folgsam, ja, so müssten alle Frauen sein.

Ich lenke den Wagen aus der Stadt heraus, sehe Caracasas Blick im Rückspiegel. Ihre Stirn in Falten gelegt sieht sie den näherkommenden Wald.

Doch es kommt kein Wort über ihre Lippen, was mir ein Lächeln beschert.

Eine halbe Stunde lenke ich den Jeep durch den Wald, bis ich stoppe und wortlos von meinem Gast fordere, auszusteigen.

Die zarte Gestalt gleitet in dem weißen Kleid aus dem Auto und sieht sich irritiert um. Ihr Blick bleibt an mir hängen, und dann scheint es ihr erst bewusst zu werden.

„Folge mir!“, fordere ich nun doch mit Worten.

Alles habe ich vorbereitet, lediglich zwei Tage dafür benötigt.

Eine kleine Waldhütte heißt uns willkommen. Das Feuer im Kamin knistert vor sich hin, die recht kühle Waldluft wird von der Wärme der Hütte draußen gehalten. Schweigend folgt mir Caracasa, auch wenn sie immer wieder die Stirn runzelt.

Nicht mehr lange wird das Leid ihr Leben beherrschen. Ich werde sie erlösen, schnell, nicht qualvoll, wenn sie mir nur einen Augenblick schenkt.

Drei Stunden sitzen wir uns nun gegenüber, die Sonne steht am höchsten Punkt. Wieso sieht sie mich nicht mit diesem gewissen Blick an? Das Einzige, was ich sehe, ist Furcht, Nervosität und dieser hilfesuchende Blick.

„Schau mich noch einmal so an!“, fordere ich sie rau auf.

Ihr Körper zuckt zusammen, die Muskulatur verspannt und ihr Blick trägt nichts, außer Furcht. „Wie?“, haucht sie mit ihrer zarten, melodischen Stimme.

„Ich möchte den Sturm sehen, wie bei unserem ersten Augenkontakt!“, erkläre ich ungehalten und zerre sie auf die Beine.

„Ich bat um Hilfe, trug keinen Sturm in mir! Ihr müsst euch täuschen!“, wagt Caracasa mir zu widersprechen.

Ich habe mich noch nie getäuscht, weiß um meine Wahrnehmung und was ich gefühlt habe. „Hilfe? Die wirst du erhalten, denn ich habe dich aus deinem Gefängnis befreit und du wirst nur dahin zurückkehren, wenn ich das will. Zeig mir den Sturm in der See!“ Eindringlich versenke ich den Blick in ihren.

Meine Hände umfassen ihr Gesicht, während sie versucht mir zu entkommen. Ob meiner Berührung, oder doch nur meinem Blick, vielleicht auch beidem, kann ich nicht sagen. Es fühlt sich an wie ein Tanz, wir drehen uns im Kreis.

Erinnerung, der See ist vor mir, der Sturm wirbelt umher. Das Herz schlägt hart in meiner Brust und verlangt nach mehr. Will hineintauchen, mich in den Sturm stürzen und darin versinken. Ein Hauch ist es, der meine Lippen trifft.

Geschockt öffnen sich meine Augen, die sich ungewollt geschlossen haben, und erfassen die Situation. Meine Lippen schweben über denen von Caracasa. Ihre blauen Augen, des Schockes wegen geweitet, blicken mich an. Blau, es ist ein einfaches Blau, kein See, kein Sturm.

Langsam gleitet meine Hand in die Gesäßtasche, findet dort ein Klappmesser. Ihre Lippen gespannt, zum Sprechen bereit, die Augen weiterhin groß, dringt das Messer in ihre Brust ein.

„Ich habe mich geirrt!“, entfährt es mir, als sie den letzten Atemzug in ihre Lungen saugt und in meinen Armen zusammensackt.

Sie hat ihn mir nicht geschenkt, nicht einmal einen Augenblick dieser Gefühle gegönnt. Ich muss die Seen finden, ich brauche dieses Gefühl zurück. Dieses gewisse Etwas.

Zurück, und genau das wird Caracasas Strafe sein. So wird sie in ihren goldenen Käfig zurückkehren, was kümmert mich noch, was aus ihr wird. Sie war nicht die Richtige.

Doch was habe ich erwartet?

Liebe?!

Ein Gefühl des Truges, nicht real. Wer könnte einen Mörder, eine Bestie wie mich schon lieben oder gar begehren. Mein Herz schlägt langsam seinen Takt. Routiniert säubere ich die Hütte und bringe Caracasa zurück. In der Nacht lege ich sie vor dem goldenen Käfig ab, sehe hinauf zum Himmel und lasse mir eine Brise übers Gesicht streifen.

Ich bin der Tod in menschlicher Gestalt, ohne Herz oder Gefühle.

Zweiter Blick

Jack

Der Wind ist rauer als vor drei Tagen, trotzdem sitze ich im Park und die Menschen schwelgen in ihrer… Liebe. Welches Trugbild, verlogen und nicht existent. Vertrauen und Hingabe, in der Wiege beigelegt?


     Freudlos lache ich in mich rein, spüre den rauen Wind auf meinem Gesicht, der sich mit den Sonnenstrahlen mischt.

Ja, ich habe mich geirrt, mit Sicherheit. Als würde es Augen geben, die der See gleichkommen, dazu genug Emotionen in sich tragen, um mich gefangen zu nehmen.

Es kribbelt in mir, ich brauche wahre Befriedigung, habe Caracasa nicht ausgekostet, mich zu sehr gehen gelassen. Impulsiv gehandelt, das war keine perfekte Arbeit, auch wenn die Polizei etwas anderes behauptet.

Unfähiges Volk, lassen sich manipulieren. Ich bin überall und nirgendwo, selbst auf der Wache habe ich mir eine Stelle zu eigen gemacht. Perfekt spiele ich den alten Polizisten kurz vor der Rente, und keiner durchschaut mich. Immer informiert zu sein ist ein wichtiger Teil meines Ichs, zudem ermöglicht mir die Stelle gegebenenfalls eingreifen zu können, sollte ich doch etwas unvorsichtig gewesen sein. Nicht, dass ich das schon benötigt hätte, und es wird auch so schnell nicht passieren.

Wieder schweife ich in Gedanken ab, doch nichts anderes ist hier gewollt. Ein neues Opfer wäre sehr angenehm, natürlich. Endlich das Kribbeln aus meinem Körper befreien, doch wer soll es sein? Wen darf ich beglücken?

     Einzig Frauen kommen in den Genuss der Kunst, so hat es mich mein Vater gelehrt. Ein Stümper, der sich nach nur 100 Opfern der Todesspritze hingeben musste. War zu unvorsichtig. Es fehlte ihm an Intelligenz, aber die habe ich bekommen. Bin ihm weit voraus, die Zahl meiner Opfer nähert sich der seinen stetig an. Männer sind lediglich als Opfer auserkoren, wenn es nicht anders geht. Mittel zum Zweck, nannte es Vater, und ich halte mich an seine Ideale, das Einzige, was er mir mitgeben konnte. Dies und die Leere, die mich erfüllt und nur mit meinem Handwerk ausgefüllt werden kann.

Frauen herzurichten, sie zu präsentieren, kommt einem Kunsthandwerk gleich. Männer verschwinden einfach, unauffindbar, und werden nie mehr wiedergesehen. Wozu auch, was sollte ich mit ihnen tun?

Dagegen ist das weibliche Geschlecht gerade dazu gedacht, meinem Werk als Rohstoff zu dienen. Sie sind formbar, man kann sie drapieren und sie sind nervend. Geschwätzig und laut, riechen penetrant und meinen stets, was Besseres zu sein. Unnütz, eignen sich nur um Erben in die Welt zu setzen, dafür sind sie auch gedacht.

Doch dazu kann ich mich nicht überwinden, ich habe es versucht. Eine Frau zu berühren, wenn nicht aus handwerklichem Drang, ist mir zuwider. An fleischlicher Lust fehlt es mir, und ich empfinde das keineswegs als Makel. Mir vorzustellen, dass sich ein Körper an mich schmiegt, ich berührt werde, verunreinigt, lässt meinen Magen rebellieren.

     Andere Gedanken müssen her, mein Blick schweift durch den grünen Park. Sehe die ersten Blüten, die sich durchgekämpft haben, erblühen und bin versucht, sie einzeln zu zertreten. Schöne Vorstellung, doch nicht das, was ich möchte.

Mein Blick trifft eine männliche Brust, die sich in mein Blickfeld schiebt. Langsam sehe ich hinauf, Kinder lenken mich kurzweilig ab, die an dem Mann herumzerren.

Dann stockt mir der Atem, denn da ist er wieder … der See, der Sturm, und ich versinke in den Tiefen, habe das Gefühl mich darin zu verlieren. Kein rationales Denken mehr möglich.

Jeder Atemzug scheint mir zu viel Ablenkung und doch so nötig, in den Tiefen der See, die mich gefangen hält.

Der wahre Sturm begegnet mir und ich bin mir bewusst, mich bei Caracasa wirklich getäuscht zu haben. Aber wie kann das sein? Dies hier ist ein Mann.

Schmale Gesichtskonturen und doch kantig, eindeutig eine sportlich leicht muskulöse Statur und kurzes, zerzaustes Haar. Ein Mann, unverkennbar, aber wie kann ein solcher derartige Gefühle in mir auslösen?

Irritiert bemerke ich seine Bewegungen, die von mir wegführen. Er geht, wird mir schlagartig bewusst und ich merke, wie sich mein Körper in Bewegung setzt. Einzig der Gedanke, ihn nicht verlieren zu dürfen, beherrscht mich.

Seine Aufmerksamkeit ist bei den Kindern, die um ihn herumspringen, welch Anblick, mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Sie sind so laut und unkontrollierbar.

Doch dieser Mann scheint sie im Griff zu haben, er lässt einen Pfiff von seinen Lippen entweichen und schon sind alle in Reih und Glied, faszinierend mit anzusehen.

     Einen Menschen zu beobachten, ohne zu wissen was ich von ihm will, ist recht ungewöhnlich. So stehe ich vor einem Kindergarten und warte darauf, dass er wieder herauskommt. Nervosität macht sich in mir breit, als immer mehr Kinder abgeholt werden. Der Parkplatz der Angestellten leert sich ebenfalls, es kann also nicht mehr lange dauern.

Eiligst mache ich mich unsichtbar, möchte nicht erkannt werden, noch nicht. Wer ist der Mann mit dem Sturm in den Augen, der über der See wütet?

Rasant steigt mein Herzschlag an, möchte meinen Brustkorb sprengen, als er herauskommt. Die Fenster einen Spalt geöffnet vernehme ich eine Frauenstimme: „Christopher, möchtest du mit mir einen Kaffee trinken gehen?“

Ein Lächeln verzieht seine Lippen: „Nein danke, Elisabeth, ich habe etwas anderes vor!“ Mit diesen Worten hat er sich auch schon abgewandt und läuft Richtung Innenstadt.

Mit einem gewissen Abstand folge ich ihm und lasse das Auto zurück. Es wäre zu unpraktisch und auffällig.

     Immer noch ziert ein Lächeln seine Lippen, als Christopher in ein Internetcafé tritt. Durch die Glasfront kann ich ihn weiter beobachten, erkenne sogar, was für eine Seite er an einem der Computer aufruft. Es ist ein Stadtinterner Chat für Männer und sein Name dort lautet Lorson. Ganz in der virtuellen Welt versunken bemerkt er mich nicht. Gegenüber von Christopher nehme ich Platz, melde mich in dem Portal an und gehe auf die Suche.

Stirnrunzelnd nehme ich die anderen Mitglieder in diesem Chat wahr, einzig Männer scheinen Interesse daran zu hegen.

Plötzlich blinkt ein kleines grünes Fenster auf: „Hey, ich bin Traumfänger, soll ich auch deine Träume fangen?“, entnehme ich der Nachricht.

Mein Blick sucht den Bildschirm ab. Irgendetwas habe ich an diesem Portal übersehen und dann, ganz klein, zeigen sich mir zwei Symbole, die mir bekannt sind. Zwei kleine Kreise mit Pfeilen brennen sich geradezu in meine Augen.

Hastig drücke ich das Fenster weg, soll der Sender ewig auf meine Träume warten, ich habe an ihm kein Interesse. Bin nur wegen einem hier, und den gilt es, zu finden.

Ich gebe gerne zu, dass mich diese Form einer Partnersuche doch etwas irritiert. Keineswegs habe ich gegen solche Verbindungen etwas und doch, ich kann sie nicht verstehen. Ebenso wenig wie die zwischen Mann und Frau. Das körperliche Verlangen ist für mich so unvorstellbar, dass es nicht mal in meinen Träumen zu solchen Gedanken kommt.

Da ist er, Lorson, oder auch Christopher.

„Hallo, Interesse an einer Unterhaltung?“, tippe ich die erste Nachricht ein.

In Sekunden erhalte ich eine Antwort: „Kein Interesse an einem virtuellen Sexerlebnis!“

„Dann sind wir uns einig, das freut mich“, antworte ich mit einem lächelnden Gesicht dahinter. Meine Augen sind gefangen von dieser Kopfform, die in mir ein Brodeln verursacht. Sie sind mir zu widerlich.

Meine Augen wandern zu Christopher, der überrascht lächelt und die Finger über die Tastatur fliegen lässt.

Faszination des Kennenlernens

Chris

 

Was bietet sich mehr an, als an einem schönen Frühlingstag in den Park zu gehen? Gerade wenn man wie ich, als Erzieher, in einem Kindergarten arbeitet, liegt wohl nichts näher. Die Kinder laufen ausgelassen umher, spielen Fangen, ärgern sich oder sitzen mir gegenüber und hören sich eine Geschichte an. So sieht ein fast perfekter Tag in meinem Beruf aus.

Ich mag diesen Park, der mir immer wieder eine neue Facette der Natur zeigt. Ebenso die Menschen, die sich hier ihren Frühlingsgefühlen hingeben, oder einfach die ersten Sonnenstrahlen genießen.

 

     Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass es bereits Zeit zum Aufbruch ist. Ein Pfiff reicht, um die Kinder zu mir zu holen, in Reih und Glied, wie es sein soll.

Während ich die Umgebung mit den Augen absuche, ob sich noch irgendwo ein kleiner Ausreißer herumschleicht, fange ich mir einen Blick ein, der mich kurz stocken lässt. Doch keine Zeit, um näher hinzusehen, schon schieben mich die Kinder in Richtung Ausgang.

Ich sage ja, ein fast perfekter Tag.

 

     Zurück in der Kindertagesstätte geht es munter weiter, so dass ich den Feierabend herbeisehne. Etwas Nervosität und Vorfreude macht sich in mir breit. Einmal im Monat schreibe ich mit André, einem Internetfreund. Es sind entspannte unspektakuläre Gespräche, die ich jedoch sehr genieße und das seit zwei Jahren. Ich kann ihm gegenüber offen und ehrlich sein, die virtuelle Distanz und Anonymität ist eine Sicherheitszone, die ich nicht missen möchte.

 

      Ausgerechnet heute ist es eines meiner Kinder, das bis nach vier auf der Bank sitzt und auf seine Eltern wartet. Immer dann, wenn man es nicht gebrauchen kann, habe ich mich doch für halb fünf mit André verabredet und unsere Gesprächszeit ist kurz. Gerade einmal fünf einhalb Stunden. Was ist solch eine kurze Zeitspanne, wenn man sich nur einmal im Monat unterhält?!

Endlich wird Fabian abgeholt und ich verlasse mit meiner Chefin das Gebäude. Ihre Frage, ob ich einen Kaffee mit ihr trinken möchte, verneine ich eilig und mache mich auf den Weg in die Innenstadt. Ein Internetcafé ist mein Ziel und scheinbar habe ich Glück, denn mein bevorzugter Platz ist frei.

Ungeduldig warte ich, bis sich endlich meine Seite öffnet, muss aber feststellen, dass André noch nicht On ist. Seit zwei Jahren chatten wir nun auf dieser Plattform, einer Dating Seite, nicht ideal und doch, bis heute hab ich mich nicht überwinden können, etwas anderes mit ihm auszumachen.

Als sich ein neues Fenster öffnet, das mir eine Anfrage mitteilt, will ich es eigentlich ignorieren. Selten möchte hier einer lediglich reden, meist geht es um sehr spezifische Dinge.

 

     Da ich auf André warten will, schreibe ich jedoch zurück. Eindeutig und ohne Umschweife teile ich mit, dass ich an virtuellen sexuellen Erlebnissen kein Interesse habe, und drücke das Fenster weg. Die meisten melden sich daraufhin nicht mehr, und somit bleibt mir meine Ruhe. Doch dieser Mann scheint anders zu sein und antwortet mir prompt.

„Okay, dann würde ich sehr gern mit dir sprechen, schlag mal ein Thema vor“, schreibe ich zurück und lehne mich nach hinten.

Mein Blick wandert zu dem Computer mir gegenüber und ich sehe in zwei intensiv stechende braune Augen, die mich gefangen nehmen. Es geht mir bis in den Magen und lässt ein Ziehen entstehen. So dunkel und … habe ich diese Augen nicht schon einmal gesehen? Meine Erinnerung scheint auf Eis zu liegen, erst recht als er mir kurz zunickt und sich seinem Bildschirm zuwendet. Ich erwache aus der Starre, frage mich selbst, was mit mir los ist. Das ist mir noch nie passiert, und doch kann ich mich nicht von dem Anblick lösen. Die Gelegenheit verstreichen zu lassen, um ihn mir genauer anzusehen, kommt nicht infrage.

 

     Sein Gesicht zeigt keine Regung, einzig seine Lippen werden von einem sanften Lächeln gebogen. Kaum wahrnehmbar und doch da. Er scheint mit dem, was er sieht, zufrieden zu sein und lässt die schmalen, langen Finger kraftvoll über die Tastatur fliegen. Sicher können diese Hände zärtlich und rau zugleich sein.

Innerlich verlegen über diese Gedanken hebe ich den Blick, und prompt begegne ich den seinen.

Peinlich berührt, dass er mich dabei erwischt hat, wie ich ihn beobachtet habe, vernehme ich ein leises Ping, das mir zeigt, dass da eine neue Nachricht reingekommen ist.

 

     Erleichtert wende ich mich dem Bildschirm zu und vertiefe mich in ein interessantes Gespräch mit meinem Schreibpartner.

Immer wieder sehe ich dennoch zu meinem Gegenüber, der allerdings mit Schreiben beschäftigt ist. Die Zeit zerrinnt geradezu, und schon steht der Besitzer neben mir und weist mich daraufhin, dass er bald schließen wird.

 

     André hat mich versetzt, was mich sicherlich deprimiert hätte, jedoch hatte ich gleich zwei angenehme Platzhalter. Schnell schreibe ich meinem Gesprächspartner, dass ich gehen muss, und verfluche mich dafür, dass ich nicht zuhause am Computer sitze.

Man kann es sicher als eine Paranoia sehen, doch solche Seiten würde ich nie daheim aufrufen. Mein Angebot, das Gespräch am nächsten Tag fortzusetzen, wartet noch auf eine Antwort.

Leicht nervös warte ich und mein Blick geht abermals zu meinem Gegenüber. Ein Schauer überflutet meinen Körper, als ich seinen intensiven Blick wahrnehme. Ungeniert beobachtet und mustert er mich.

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Viel Spaß!



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