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Ist es denn wahr?

Ist es denn wahr?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text und Covergestaltung

© Gabi Mast 2012

Alle Rechte liegen bei der Autorin. Nachdrucke, auch auszugsweise, sowie die Verwendung in anderen Medien nur mit schriftlicher Genehmigung von

Gabi Mast

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„In hundertfünfundachtzig Metern biegen Sie links ab! Biegen Sie links ab!“ Ach du Schreck, dachte ich mir, in welche Einöde bin ich denn hier geraten?

„Sie haben Ihr Ziel erreicht!“ Da stand ich nun, außerhalb der Stadt, inmitten von Wiesen mit Obstbaumbestand und Hecken. Ein paar Meter vor mir erkannte ich ein größeres Gebäude in der Abendsonne. Offenbar ein altes Bauernhaus. Hatte seine besten Tage wohl schon hinter sich. Ob ich da wirklich hinein sollte? Irgendwie war mir das Ganze nicht geheuer. Andrerseits, hier wohnte meine alte Schulfreundin, die ich bis zu der zufälligen Begegnung am letzten Mittwoch jahrelang aus den Augen verloren hatte. Also nichts wie rein! Langweiliger als alleine zuhause vor der Glotze zu sitzen konnte es hier nicht werden. Claus, mit dem ich erst vor einem halben Jahr zusammengezogen war, musste mal wieder länger arbeiten. Wie so oft! Hatte mich in diesen sechs Monaten schon durch alle im Fernsehen gesendeten Liebesschnulzen hindurchgeheult. Warum nicht mal was anderes?

Die letzten Meter musste ich zu Fuß gehen, denn zum Haus hinauf führte nur dieser Trampelpfad. Hier hatte ich mit meinen High Heels genug zu tun, um auf diesen Weg zu achten und auf den Steinen und Wurzeln, die seinen Belag ausmachten, nicht zu stolpern. So ein Mist, wenn ich Pech hatte, waren meine Absätze gleich völlig zerkratzt. Dabei hatte ich die Schuhe erst seit ein paar Wochen. Das war vielleicht eine verlassene Gegend, hier schien der Fortschritt schon lange nicht mehr an die Tür geklopft zu haben.

Der Garten aber war wunderschön. Überall bunte und sehr gepflegte Blumen- und Gemüsebeete. Diese gärtnerische Sorgfalt passte irgendwie nicht wirklich zum Rest des Anwesens. Bei der Anlage der Terrasse jedoch konnten die Bewohner sich offenbar nicht auf einen Standort einigen. Jedenfalls stand ein großer Tisch gleich links vor der Haustür. Auf der Wiese rechts des Wegs waren an die zehn Liegestühle verteilt; eine Aufbauordnung erschloss mir nicht. Auf der anderen Seite des Wegs war eine Ecke mit Büschen gepflanzt. Auch hier Blumenbeete und dazwischen zwei Sitzbänke. Mir kam die ganze Gartenanlage ziemlich willkürlich vor, eine sorgfältige Planung schien nicht gelungen zu sein. Dennoch ließ ich mich von den unheimlich vielen Blumen verzaubern. Diese Vielfalt an Formen, Farben und Düften wirkten entspannend nach dem anstrengenden Tag. Ich konnte mich gar nicht satt schauen an diesem herrlichen Farbspektakel. Während der paar Schritte, die ich mittlerweile in Richtung Haus getan hatte, hatte ich es aufgegeben, mich mit dem Sinn der Aufteilung der Sitzplätze und dem Zustand meiner Absätze zu beschäftigen und genoss einfach die milde Abendluft und den Zauber des Farb- und Duftbouquets, das mir hier geboten wurde.

Über diesem außergewöhnlichen Genuss hatte ich gar nicht bemerkt, dass Diana mir bereits entgegenlief. Erst als ein lila Leinenkleid vor mir stand, lenkte ich meinen Blick von dem verwunschenen Garten ab und blieb an der körperfernen bodenlangen A-Linie, die sehr ökologisch aussah, hängen. Das war also meine Busenfreundin aus der Schulzeit. Jetzt lagen nicht nur ein paar Jahre zwischen dazwischen, mittlerweile schienen auch Welten uns zu trennen.

„Hallo, Vanni, wie schön, dass du gekommen bist. Ich freu mich so, dass wir uns nach all den Jahren endlich wieder mal sehen. Lass uns einen Abend plaudern!“ Und Diana schloss mich herzlich in die Arme. Sie schaute mich bewundernd an. Im Gegensatz zu ihr hatte sich seit meiner Ausbildung zur Modeverkäuferin mein Äußeres sehr zum Vorteil verändert. Schick könnte mein persönliches Modelabel sein. Ich verstand nicht, wie ökologisch fransig Diana jetzt aussah. Wir hatten früher doch beide ein Faible für Klamotten. Damals schaffte es keine, unseren ausgefallenen Geschmack zu toppen. Im Gegenteil, wir erklärten damals das Aussehen der meisten Mitschülerinnen und sogar der Lehrerinnen zum absoluten No-go. Aber jetzt schienen wir grade nicht mehr auf derselben Welle zu liegen, was unser Outfit anging.

Schon, als ich Diana vor ein paar Tagen zum ersten Mal nach langem wieder in der Stadt getroffen hatte, hätte ich sie beinahe nicht mehr erkannt. Trotzdem: ich freute mich auf diesen Abend. Wir hatten früher immer richtig Spaß gehabt.

„Komm, ich zeig dir mal unser Haus.“

„Gerne. Ist das euer eigenes?“

„Meines nicht. Es gehört Bastian. Der hat‘s von seiner Oma geerbt und will hier nicht alleine wohnen.“

„Ach, dann hat er dir eine Wohnung vermietet?“

„Nicht ganz. Jeder von uns hat ein eigenes Zimmer.“

„Wie? Ihr braucht doch nicht nur ein Zimmer für jeden. Was ist mit Bad und Küche und Wohnzimmer?“

„Haben wir alles. Aber nicht für uns alleine. Es ist, wie soll ich das erklären? Wir, das sind meine Kinder und ich, dann der Bastian, Felix und Björn, leben wie eine Familie zusammen. Es hat zwar jeder ein eigenes Zimmer, aber wir essen zusammen und wir verbringen einen Großteil unserer Freizeit zusammen.“

„Aha!“

Und Diana zeigte mir ihr Zimmer, die ihrer Kinder und die Gemeinschaftsräume. Das Mobiliar schien aus einem vergangenen Jahrhundert zu sein. Besser gesagt, die Einrichtungsgegenstände waren wohl Errungenschaften aus Sperrmüllsammlungen und Flohmärkten. Die Dekos sahen allesamt selbst genäht, gestrickt oder gebastelt aus. Ich staunte, wie sehr sich meine alte Freundin geändert hatte. Sicher, ihre künstlerische Kreativität hatte sie noch immer und ihre Verrücktheit auch. Aber irgendwie vermisste ich das Moderne an Diana und ihrer Art zu leben.

Wie schön war doch unsere Schulzeit, als wir neben unserer gesamten Freizeit nach der Schule auch oft in den Ferien ein paar Tage beieinander verbringen durften. Damals waren wir ein Herz und eine Seele gewesen. Mehr noch; wir hatten dieselbe Frisur, dieselbe Kleidung, denselben Männergeschmack und wir konnten sogar dieselben Leute in der Schule gut leiden und hassten dieselben. Dazwischen gab es nicht viel im Alter von sieben, als unsere Freundschaft begann. In den nächsten Jahren durchstanden wir die Pubertät mit all ihren Launen, die ersten Liebeskummer und wir unterstützten uns bei den Anforderungen, die die Schule an uns stellte. Nach der Schulzeit blieb ich in der Stadt und machte eine Ausbildung als Verkäuferin im Modehaus Weiler, während Diana sich als Goldschmiedin ausbilden ließ. Die Schule war 200 km entfernt, also musste sie dort hin ziehen. Und jetzt standen wir uns endlich wieder gegenüber.

Mittlerweile war ich jetzt Vanessa Rosal, Mode-Beraterin in der Boutique Weiler, der teuersten der Stadt. Erst vorgestern hatten wir das bunte Sommerkleid einer italienischen Kollektion ins Haus bekommen, heute trug ich es. Dazu passte der dunkelblaue Blazer hervorragend. Mein blond gefärbtes Haar hatte ich supermodern asymmetrisch halblang abschneiden lassen. Die Pumps im blau des Blusenblazers rundeten das Bild der Modefachfrau ab. Der sündhaft teure Modeschmuck gehörte genauso zu meinem Outfit wie die 200-Euro-Handtasche. Die Schminke, die designten Finger- und Zehennägel und die diversen chirurgischen Eingriffe, die mir noch zu diesem Aussehen verholfen hatten, bildeten die Grundausstattung.

Meine Freundin Diana dagegen trug ihr lila Gewand. Ihr schwarzes lockiges Haar, das sie schon zur Schulzeit hatte, hatte sich kaum geändert. Wie damals gab es auch jetzt keinen besonderen Schnitt. Statt Mittelscheitel trug sie nun einen Seitenscheitel und alle Haare ringelten sich bis weit über die Schultern. Nur der Schmuck, den sie trug, war richtiges Gold mit echten Edelsteinen. Selbst entworfen und sehr außergewöhnlich.

Obwohl sie sich im Gegensatz zu mir überhaupt nicht herausgeputzt hatte, war sie einfach eine Naturschönheit. Schon während der Schulzeit schwärmten alle Jungens für Diana und sie konnte jeden um den Finger wickeln. Wie neidisch ich deswegen oft war, hatte ich es damals immer viel schwerer, das andere Geschlecht für mich zu begeistern. Ehrlich gesagt, bekam ich eigentlich immer nur die Kerle ab, an denen Diana kein Interesse mehr hatte.

„Wie war denn dein Leben damals in der Stadt, Diana?“ wollte ich vorsichtig den Wandel, der mit meiner Freundin geschehen war, erfragen.

„Schön. Ich hatte jede Menge Spaß.“

„Und hast den Vater deiner Kinder gefunden.“

„Na ja, nicht ganz …“

„Muss ich das verstehen?“

„Weiß ich nicht. Jedenfalls sollst du’s wissen.“

„Was denn?“

„Es waren drei Väter.“

„Drei Väter? Und mit ihnen wohnst du jetzt hier zusammen.“

„Zum Glück nicht. Meine Mitbewohner waren an der Produktion der Kinder nicht beteiligt.“ Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Was führte Diana denn für ein ausschweifendes Leben? Sie hatte es ja schon immer verstanden, Männer verrückt zu machen. Aber jetzt schien es irgendwie andersrum gelaufen zu sein. Darauf war ich gespannt. Schien ein interessanter Abend zu werden. Dieses Haus war wohl das der offenen Tür und der freien Liebe.

„Was möchtest du denn trinken?“

„Mach dir keine Umstände. Wasser ist in Ordnung.“

„Okay. Ich hab aber auch einen leckeren Tee. Selbst zusammengestellt.“

„Na, dann probier ich den.“

„Wollen wir den lauen Abend draußen im Abendgarten genießen?“

„Im Abendgarten? Warum nicht“, stimmte ich zu und amüsierte mich insgeheim über den verrückten Namen. Was in aller Welt war denn ein Abendgarten? Blühte der etwa im Dunkeln? Egal, es war sicher schöner, diesen Sommerabend draußen zu verbringen als in Dianas Zimmer. Und wir plauderten.

„Was macht denn dein Claus beruflich?“

„Er ist Autoverkäufer. Bei Hermanns.“

„Hermanns? Kenn ich gar nicht.“

„Ganz draußen Richtung Autobahn. Die verkaufen sehr noble Gebrauchtwagen. Oft sogar Oldtimer.“

„Na, das ist wohl nicht meine Preisklasse. Und du?“

„Du, ich bin noch immer bei Weiler.“

„Gefällt es dir da?“

„Es ist in Ordnung. Weißt du, ich will vielleicht demnächst heiraten und Kinder kriegen, dann muss ich eh ‚ne Weile pausieren. Warum soll ich mir also eine neue Stelle suchen?“ Irgendwie fühlte ich mich sehr wohl in Gesellschaft von Diana. Der Tee wirkte angenehm. Ich fand mich umhüllt von einer Wolke warmen orangeroten Lichts. Es war wie in der Schulzeit. Vanessa war die Freundin, mit der man über alles reden konnte.

„Verstehe. Steht euer Hochzeitstermin schon fest?“

„So weit sind wir noch nicht gekommen. Claus muss derzeit so viel arbeiten. Aber es soll auf jeden Fall noch dieses Jahr sein. Deshalb hab ich mir jetzt zwei Wochen Urlaub genommen, um alles zu planen.“ Irgendwie wurde es plötzlich so hell, als ich dies sagte. Mir war, als würde irgendjemand mich pieksen. So ein Quatsch, schalt ich mich ob dieser Einbildung. Diana saß mir direkt gegenüber und konnte mich unmöglich in die Seite gekniffen haben.

„Na ja, so etwas sollte man ja auch nicht überstürzen.“

„Genau. Bald wird’s sicher auch ruhiger im Autohandel. Dann planen wir unser großes Fest.“ Was war denn bloß los? Wieso wieder diese grüngelben Blitze und das Gefühl, von ihnen getroffen zu werden? „Und wie ist das mit dir? Ein Mann fürs Leben in Aussicht?“

„Ne du, ich bin bisher nicht fündig geworden.“

„Wie schade. Hast du eine Idee, woran es gelegen haben könnte?“

„Ehrlich gesagt, ich glaube, es war mir einfach keiner gut genug.“

„Aber du hast schon ausgiebig gesucht?“

„Und ob! Schließlich habe ich ja drei wunderbare Kinder.“

„Aber mit deinen Mitbewohnern verstehst du dich gut?“

„Ja, es ist genial. Wir sind eine große Familie und trotzdem hat jeder von uns seine Freiheit.“

„Schön. Sag mal, wie alt sind denn deine Kinder?“

„Amelie ist sieben, Hendrik ist fünf und Nora wurde letzten Monat drei.“

„Und wer sind die Väter?“

„Männer, die ich sehr schnell wieder vergessen habe.“

„Alle drei?“

„Ja, leider. Bei jedem von ihnen reichte es nur für eine anfängliche Verliebtheit. Wenn es ans Verantwortung übernehmen ging, überschritten sie ihr Verfallsdatum ruckzuck.“

„Ganz schön blöd. Und was ist mit den drei Männern, mit denen du hier zusammenwohnst?“

„Sind meine besten Freunde. Liiert bin ich aber mit keinem von ihnen. Wirklich nicht! Trinkst du noch einen Tee?“

„Gerne. Der schmeckt super. Woher hast du denn den?“

„Selbst gesammelt und selbst gemischt.“

„Verrätst du mir das Rezept? Den möchte ich mir auch mischen.“

„Kennst du dich denn so gut aus in der Natur?“

„Wieso in der Natur?“

„Na, weil du die Zutaten nicht kaufen kannst.“

„Verstehe ich nicht!“

„Musst du auch nicht. Ich pack dir ein Tütchen ein. Wir haben genug davon.“

„Danke. Nehm ich gerne mit. Würd mich trotzdem interessieren, was da alles drin ist.“

„Ach, selbst gesammelte Kräuter und so.“

„Hast Recht. Da kenn ich mich wirklich nicht aus. Aber der schmeckt verdammt gut und man fühlt sich richtig entspannt.“ Diana verriet mir zu dieser Zeit den Grund dafür noch nicht. Wir erzählten uns noch lange, was alles in unserem Leben passiert war, seit wir uns aus den Augen verloren hatten.

Langsam begann ich, zu ahnen, was Diana vorhin mit dem Abendgarten gemeint hatte. In dem lauschigen Sitzplätzchen roch es wunderbar. Je dunkler es wurde, desto intensiver empfand ich die Gerüche. Zusammen mit der Wirkung des Tees ließ ich mich zum ersten Mal seit Jahren verzaubern.

„Ich bin jetzt hundemüde. Es wird höchste Zeit, dass ich nach Hause fahre.“

„Ach schade. Wir haben uns noch so viel zu erzählen. Kannst gerne hier schlafen. Oder musst du morgen arbeiten?“

„Nein, Diana, ich hab zwei Wochen Urlaub. Aber Claus wird sicher auf mich warten.“

„Ruf ihn doch schnell an und sag ihm Bescheid, dass du erst morgen früh kommst.“ Warum eigentlich nicht, dachte ich mir. Der Abend mit Diana war so wunderschön. Ich nahm mein Handy und wählte.

„Der gewünschte Gesprächspartner ist derzeit nicht erreichbar.“ Na so was, es war schon halb elf. So lange konnte doch die Besprechung nicht gedauert haben. Ob Claus schon zuhause wartete? Auf dem Festnetz begrüßte mich nur meine eigene Stimme auf dem Anrufbeantworter.

„Hallo Schatz, ich bins. Ich wollte dir kurz Bescheid geben, dass ich bei Diana übernachte. Es ist schon so spät und wir haben uns noch so viel zu erzählen. Ich meld‘ mich morgen wieder.“ Bei der zweiten Kanne Tee begann der Abend wieder wie früher zu werden.

„Erinnerst du dich an die hochnäsige Blonde aus unserer Parallelklasse?“

„Oh ja, wie hieß die doch schnell? Sandra oder so ähnlich?“

„Ich glaube, du hast Recht. Jedenfalls war die mit diesem pickeligen Rotschopf zusammen.“

„Der beim alten Krämer Heinrichs eine Lehre als Verkäufer machte.“

„Lebensmittelfachverkäufer bitte.“ Wir lachten schallend und mussten uns die Geschichte, die damals mit den beiden passiert war, nicht mehr erzählen. Stattdessen schauten wir uns an und waren genau in derselben Kicherstimmung, wie wir es in unseren pubertären Zeiten gewesen waren. Obwohl wir mittlerweile wirklich völlig unterschiedlich waren, hatten wir uns wieder als Freundinnen gefunden. Der Tee mit seiner entspannenden Wirkung und auch der Duft von Rosen, Salbei und Geißblatt hatten dazu beigetragen.

Das Gästezimmer, in dem ich erwachte, passte vom Einrichtungsstil perfekt zum Rest des Hauses. Und dennoch; ich hatte herrlich geschlafen und fühlte mich ausgesprochen erholt. Verdammt, dachte ich bei dem Gedanken ans Aufstehen, hatte die Diana gestern nicht erzählt, dass es hier nur ein Badezimmer für alle Bewohner gab? Wie sollte ich das jetzt bloß anstellen? Waschzeug hatte ich keines dabei, denn ein Übernachten bei Diana war nie vorgesehen. Nicht einmal eine Zahnbürste. Ob ich zukünftig eine in meiner Handtasche mit mir tragen sollte, um für solche Fälle gewappnet zu sein? Groß genug war die Tasche allemal. Während dieser Gedanken schälte ich mich aus der Bettdecke und stand auf. Ab in die Kleidung von gestern. Normalerweise trug ich niemals zwei Tage hintereinander dasselbe. Aber hier schien das Aussehen nicht so eine Rolle zu spielen, wie ich es sonst gewohnt war. Vorsichtig öffnete ich die Zimmertür, denn ich hatte in den letzten Minuten beschlossen, mich einfach aus dem Haus zu schleichen und nach Hause zu fahren.

„Guten Morgen, Vanni. Hast du gut geschlafen?“

„Sehr gut, danke.“

„Na, dann komm mal mit. Ich zeig dir das Bad.“ Diana hatte schon eine Zahnbürste und Handtücher für mich hergerichtet.

„Komm einfach raus in den Garten, wenn du fertig bist. Wir frühstücken draußen.“ Schon war Diana weg und ich hatte keine Gelegenheit, ihr beizubringen, dass ich gleich nach Hause gehen wollte. Also widmete ich mich einer eher flüchtigen Morgentoilette. Mit Hilfe des Inhalts der Handtasche konnte ich mich dennoch innerhalb nur einer halben Stunde einigermaßen rausputzen. Nun beschloss ich, mich jetzt einfach davonzuschleichen und Diana später anzurufen, um mein Verschwinden zu erklären.

 

Vergeblich. An dem Tisch neben der Haustür saß fast die ganze Hausgemeinschaft beim Frühstück.

„Setz dich“, lud Diana mich ein und ich fand so schnell keine Ausrede, um mich ohne Frühstück aus dieser illustren Gesellschaft davonzumachen.

„Kaffee?“, fragte ein blonder Tischnachbar. Unschlüssig zuckte ich mit den Schultern, denn aus Überzeugung saß ich noch nicht bei dieser Frühstücksrunde. Aber der junge Mann hatte mir bereits einen Becher eingeschenkt und an den Platz gestellt.

„Ich bin der Felix. Lass es dir schmecken.“

„Vielen Dank. Ich bin die Vanessa.“

„Hab ich mir schon gedacht. Diana hat von dir erzählt.“ Und Felix hielt mir auch den Brotkorb hin, aus dem ich mir eine Scheibe des selbst gebackenen Vollkornbrots nahm. Diana hatte indessen Brote für ihre Kinder geschmiert und lief nun ins Haus, um sie an den Frühstückstisch zu holen. Und kurz darauf lernte ich sie kennen.

„Schaut her, das ist Vanessa, meine Schulfreundin“, stellte Diana ihre Kinder vor. Artig kamen alle und reichten mir die Hand.

„Hallo, ich bin die Amelie.“ Vor mir stand ein selbstbewusstes Mädchen in einem hässlichen schwarz-rot-weiß-karierten Kleid. Irgendwie sah auch dies selbst genäht aus. Und die Frisur war dieselbe wie die Dianas. Die Haare des Mädchens schienen noch nie einen Friseur, sondern höchstens Mutters Handarbeitsschere bisher kennen gelernt zu haben.

„Amelie, das ist aber ein schöner Name“, überwand ich das Mitleid, das ich mit dem kleinen Mädchen aufgrund seines Aussehens empfand. „Wie alt bist du denn?“

„Ich bin sieben.“ Damit wandte sich Amelie ab und setzte sich an die andere Seite des Tisches neben Felix.

„Ich bin der Hendrik “, stand schon der Sohn Dianas vor mir. „Und ich bin fünf.“ Hendrik schien das System einer Vorstellung sehr schnell erkannt zu haben. Da ich sonst keine Fragen zu haben schien, suchte auch er sich einen Platz neben seiner großen Schwester. Die dreijährige Nora sagte mir nicht „Guten Tag“ und stellte sich auch nicht mit Namen vor. Das gehörte in ihrem Alter noch nicht zu den Aufgaben eines gut erzogenen Kindes. Stattdessen verstrickte sie sich ein einen Essensstreit mit ihrer Mutter.

„Ich mag nicht.“

„Aber du musst doch ein bisschen was essen!“ antwortete Diana besorgt. Der Ausdruck „du musst“ war aber offenbar ein Reizwort und Nora fühlte sich ermuntert, ihren Kampf weiter zu führen.

„Muss gar nicht“, antwortete sie deshalb und spuckte den halb gekauten Bissen aus ihrem Mund über den Frühstückstisch. Mir wurde schlecht. Irgendwie schien Diana auch in der Erziehung ihrer Kinder kein wirkliches Konzept zu haben. Passte wohl zu ihrer gesamten Lebensführung. Diana nahm Nora indessen einfach aus ihrem Hochsitz ließ sie den Frühstückstisch verlassen. Mittlerweile stellte sich auch ein Björn bei mir vor und gesellte sich zu uns an den Frühstückstisch. Aus seiner Unterhaltung mit Felix ging hervor, dass die beiden Musiker waren und sich später im Tonstudio, das wohl auch im dem Bauernhaus war, treffen wollten. Mittlerweile hatte ich mein Brot gegessen und meinen Kaffee getrunken. Dann bediente ich mich an der großen Obstschale, die mitten auf dem Frühstückstisch stand. Eine tolle Idee, die ich auch für Claus und mich zuhause einführen wollte.

Claus, beim Gedanken an diesen Mann beschloss ich, mich zu sputen, um ihn wenigstens noch sehen, bevor er zur Arbeit ging. Also beeilte ich mich, meinen Teller zu leeren. Diana war sehr mit ihren Kindern beschäftigt. Hendrik wollte mit seinem Freund kommende Nacht im Zelt verbringen.

„Dann stellt doch das Zelt da vorne auf der Wiese auf“, riet Diana.

„Nee, so nah am Haus wolln wir nicht“, widersprach Hendrik.

„Na, dann zeltet doch drüben am Waldrand“, schlug Björn vor. Diana schaute ihn entsetzt an. Aber Björn nickte ihr zu und deutete ihr, dass dort nichts passieren konnte.

Soeben wollte ich mich verabschieden und auf den Heimweg machen. Da erschien der Besitzer des Hauses. Was für eine Erscheinung! Ich traute meinen Augen nicht. So einen Mann hatte ich noch nie gesehen. Nahezu zwei Meter geballter Muskeln steckten in einem ehemals weißen, jetzt mit Farbflecken bedeckten Overall. Auf Hemd oder T-Shirt hatte dieser Kerl verzichtet. Nur der Kopf schien irgendwie nicht zu dieser überwältigenden Erscheinung zu passen. Sein langes rotes Haar stand in alle Richtungen, als hätte er zum Kämmen die Finger in die Steckdose gehalten. Soviel Wildheit schien ich am frühen Vormittag kaum zu ertragen.

„Morgen zusammen“, begrüßte er die Runde und dann blieb sein Blick an mir hängen. Für seine Begriffe sah ich wohl ziemlich verkleidet aus. Besuch aus einer anderen Welt, aber irgendwie recht hübsch, so deutete ich zumindest den Gesichtsausdruck des Fremden.

„Ich bin der Bastian“, stellte er sich vor und reichte mir die Hand.

„Vanessa.“ Mehr gestammelt als gesprochen kam die Erwiderung und es dauerte einen Moment, bis ich diesem Gegenüber die Hand reichte. Der Grund war, dass sich unsere Blicke trafen. So was hatte ich wirklich noch nie gesehen. Dieser Mann hatte so einen Wahnsinnsblick, da musste ich noch mal genau hinschauen. Es war keine Fata Morgana, dieser Bastian hatte tatsächlich ein blaues und ein braunes Auge. Ob das wohl Kontaktlinsen waren? Passte gar nicht zu ihm. In Wirklichkeit gab es so was ja wohl nicht, dachte ich. Aber immerhin gab es den Aufstand eines Insektenvolks in meinem Bauch. Der Blick von Bastian hatte mich wirklich voll getroffen. Die kleinen Härchen im Nacken hatten sich auch aufgestellt und ein wohliger Schauder lief mir über den Rücken. Außerdem war die Hand, die ich ihm zum Gruß gegeben hatte, bei dieser Berührung angenehm warm geworden. Mein Herz fing auf seltsame Weise an zu pochen. Was für ein außergewöhnlicher Kerl, dieser Mann! Jedenfalls war es mir jetzt nicht mehr nach Abschied nehmen; ich entschied sich für eine weitere Tasse Kaffee. Bastian unterhielt sich mittlerweile mit seinen Mitbewohnern, er erfuhr von den Plänen der Musiker, dass Hendrik mit seinem Freund die Nacht im Zelt verbringen wollte, dass Diana ihre neue Schmuckkollektion zusammenstellte, die sie ab September im Foyer der örtlichen Sparkasse ausstellen durfte und ich saß einfach nur dabei und beobachtete das Leben in einer Wohngemeinschaft. Es war anders als Zuhause, ich konnte sich aber noch nicht erklären, was hier so besonders war. Alles schien seltsam altbacken und passte absolut nicht zu meinem modernen Lebensstil. Dennoch herrschte hier eine ganz außergewöhnlich herzliche Stimmung. Jedenfalls fühlte ich mich so wohl wie schon lange nicht mehr.

„Darf ich fragen, was du so machst?“, wurde ich plötzlich von Bastian angesprochen. Schon wieder wurde ich von diesen verschiedenfarbenen Augen getroffen und hatte daher große Schwierigkeiten zu antworten. Diana übernahm das für mich.

„Vanessa und ich sind Schulfreundinnen. Wir haben

und völlig aus den Augen verloren und letzte Woche nach zufällig mal wieder in der Stadt getroffen.“

„Ihr wart Schulfreundinnen?“ Bastian musste lachen. Wir beiden schienen für ihn wohl überhaupt nicht zusammen zu passen So langsam fand auch ich meine Sprache wieder.

„Und was für dicke Freundinnen wir waren.“

„Was heißt da waren? Wir sind es immer noch. Haben uns nur lange nicht gesehen“, korrigierte Diana mich.

„Na, dann hattet ihr ja sicher einen schönen nostalgischen Abend“, fand Bastian und wandte sich wieder an die beiden Musiker: „Kann ich den Pickup heute haben? Ich muss meine Wicca zur Waldausstellung fahren.“

„Die kupferne Hexe?“ fragte Felix.

„Genau die. Der Zimmermeister Janssen hat sie unlängst gesehen. Und sie hat ihm so gut gefallen, dass er gefragt hat, ob ich sie ihm borge.“

„Na, was Besseres kann dir ja nicht passieren. Also ich brauche den Pickup heute nicht.“

„Ich auch nicht, bestätigte Björn und Diana brauchte das Fahrzeug mit der großen Ladefläche so gut wie nie. Ihr Schmuck passte in ein paar liebevoll gestaltete Koffer. Jetzt erkannte ich, dass hier der übliche Tagesablauf Einzug hielt und entschied, mich jetzt endlich auf den Heimweg zu machen. Also verabschiedete ich mich und verabredete mit Diana, dass wir demnächst auf jeden Fall wieder so einen wunderschönen Abend zusammen verbringen werden.

Für den Nachhauseweg brauchte ich mein Navigationssystem nicht mehr. Es war auch schon fast zehn Uhr und der Tag versprach, sonnig und warm zu werden. Ob Claus noch zu Hause sein würde? Wahrscheinlich nicht, denn es kam selten vor, dass er erst mittags zur Arbeit ging. Obwohl er sehr oft bis spät abends arbeitete.

Ich schloss die Wohnungstür auf und war wieder zu Hause. Seltsam, es fühlte sich gar nicht so an. Es roch hier nicht nach Kaffee und auch sonst machte die Wohnung einen verlassenen Eindruck. Zu allererst ging ich ins Schlafzimmer. In der Tat, das Bett war unbenutzt. Claus hatte also woanders übernachtet. Aber wo? Ob er wohl im Büro … ? Ich nahm den Hörer und wählte an. Es klingelte eine zeitlang.

„Autohaus Hermanns, Sie sprechen mit Herrn Höhner.“

„Guten Morgen Werner. Hier ist Vanessa. Kannst du mich mal mit Claus verbinden?“

„Hallo, Vanessa. Du willst den Claus? Den habe ich heute noch gar nicht gesehen?“

„Wie, der ist noch nicht da? Aber es ist doch schon nach zehn. Und er muss im Büro übernachtet haben.“

„Hier übernachtet?“ Werner räusperte sich. „Dann hat er sicher hinten in der Kantine geschlafen. Ich schau mal nach ihm und richte ihm aus, dass er sich bei dir meldet.“

„Danke. Ich wünsch dir einen schönen Tag. Werner.“

„Ich dir auch.“ Wie fremd ich mich in der eigenen Wohnung fühlte. Ob ich mir einen Kaffee kochen sollte? Andrerseits, ich hatte heute schon zwei Tassen getrunken. Da fiel mir das Tütchen Tee ein, das Diana mir mitgegeben hatte. Der hatte so gut geschmeckt. Also entschloss ich mich, ein Tässchen aufzubrühen. Aus dem Tässchen wurde eine Kanne und ich richtete mich gemütlich auf der Couch ein. Claus hatte noch immer nicht zurück gerufen. Da stimmte doch was nicht. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass dieser Werner mir nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte. Wie oft war Claus in letzter Zeit spät nach Hause gekommen? Wer kaufte denn immer abends bis nach zehn Uhr Oldtimer?

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