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Islamistische Drehscheibe Schweiz

Saïda Keller-Messahli

Islamistische Drehscheibe Schweiz

Ein Blick hinter die Kulissen der Moscheen

Mit einem Vorwort von Ali Ertan Toprak

NZZ Libro

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Islamismus: Terminus technicus und Geschichte

2. Die Islamisten und ihre Ausbreitung

Gefahr aus dem Balkanraum

Die Militanz der Wahhabiten

Umstrittenes Museum in La Chaux-de-Fonds – das Musée des civilisations de l’Islam (MUCIVI)

Genfer Drehscheibe

Naivität der Behörden und falsche Ansprechpartner

Milli Görüs und falsche Toleranz

3. Die Islamische Weltliga und ihre Metastasen

Das Wesen der Islamischen Weltliga

Zweifelhafte Rolle der Verbände

4. Reizthemen im Fokus der Öffentlichkeit

Verschleierung

Minarette

Kinder- und Zwangsehe

Händedruck

Ehre

Scharia

Jihad

Gewalt

5. Konvertiten: Rückkehr ins Mittelalter

Das Problem Islamischer Zentralrat der Schweiz

Der freundliche Scharfmacher

Der aggressive Provokateur

Die vermeintliche Konziliante

Religiös verklärte Argumentation

«Lies!»

Fortschrittliches Österreich

Bildung und soziale Abfederung

6. Mögliche Lösungsansätze

Gefangen im Korsett des Propheten

Politik der Nulltoleranz

Der einsame Kampf der Progressiven

Bestrebungen für einen reformierten Islam

Anhang

Kleine Chronik der islamischen Geschichte

Statuten der Genfer Moschee im Quartier Petit-Saconnex

Die Freiburger Deklaration

Abkürzungs- und Begriffsverzeichnis

Auswahlbibliografie

Namensregister

Die Autorin

Vorwort

Der Islam hat sich auf den langen Marsch begeben. Ein Marsch, der vor über 1400 Jahren begonnen hat, erst den Nahen Osten und Nordafrika überrannte, bis über den Indus und tief hinein nach Europa vordrang. Nur selten geschah das Vordringen friedlich – für die von seinen Kämpfern Bedrängten war er nicht selten die Frage zwischen Überleben oder Tod.

Und doch ist der Islam nicht nur eine aggressive Ideologie – er hatte immer auch einen tief religiösen, mystischen Kern, den wie kaum ein anderer der persisch-anatolische Dichter Djalal-a’din Muhamad a’Rumi schon im Mittelalter vermittelte.

Nach dem Mittelalter und dem Sieg über die vom Balkan nach Wien vorgedrungenen Osmanen geriet der Islam in Europa erst in Vergessenheit, wurde als Sinnbild orientalischer Exotik gar zu einem Modetrend, ohne dass sich jene, die sich zu ihm hingezogen fühlten, wirklich mit ihm beschäftigt hätten. Mit dem Rückzug der Europäer kam es in zahlreichen traditionell islamisch geprägten Ländern zu einer Renaissance der Philosophie aus dem frühen Mittelalter. Überwunden geglaubte, totalitäre Gottesstaaten stiessen in ein geistiges Vakuum, das den Weg in die Moderne ausschliesslich den Eliten vorbehalten hatte.

Heute leben in den westlich geprägten Gesellschaften Muslime wie auch Anhänger anderer Religionen. Das schien den säkularen Gemeinschaften kein Problem, solange Glaube etwas ist, das der Mensch ohne Bekehrungs- oder gar Beherrschungsauftrag für sich selbst lebt.

Doch in ihrer das religiöse Dogma überwindenden Toleranz öffneten die Länder Europas ihre Tore nicht nur einem religionsphilosophischen Konzept, sondern auch einem für viele Anhänger Mohammeds damit verknüpften irdischen Machtanspruch. Dagegen positionieren sich Muslime, die ihren Glauben ähnlich dem Christentum auf seinen eigentlichen, seinen mystischen Kern als eine Religion der Nächstenliebe und Toleranz zurückführen möchten. Toleranz aber, das befand schon der englische Philosoph Karl Popper, darf nicht bedeuten, den Intoleranten zu tolerieren. So, wie die Muslime, die das imperialistische Dogma ihrer Gründer zu überwinden suchen, zunehmend begreifen, dass sie ihren Glauben in einer modernen Menschheitsgesellschaft nur dann leben können, wenn sie den Anspruch Poppers auch gegen jene geltend machen, die sich auf den gleichen Gott berufen, so steht die Zivilisation der Aufklärung heute einem Phänomen gegenüber, das ihr selbst als Konsequenz ihres jahrhundertelangen Kampfes um das Primat der Vernunft fremd, ja unverständlich, wenn nicht gar absurd erscheinen muss.

Jeder Versuch, in dieses Unverständnis etwas Verständnis zu bringen, ist daher zutiefst zu begrüssen. Und er muss Antworten geben auf die Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus? Kann es tatsächlich einen Islam geben, der auf den weltlichen Machtanspruch seines Propheten verzichtet?

Ausgewiesene Islamkenner wie die Orientalisten Tilman Nagel und Bassam Tibi haben beides verneint. Andere wie Mouhanad Khorchide versuchen unter ständiger Anfeindung seitens der islamischen Orthodoxie durch das Beschreiten eines anderen Weges den gegenteiligen Beweis zu erbringen.

Das hier vorliegende Werk will einerseits einen Weg weisen, der den Muslimen Europas das Bewahren ihres Glaubens in der aufgeklärten Gesellschaft ermöglicht, andererseits den mit einem ihnen gänzlich fremden Religionskonzept konfrontierten Europäern Verständnishilfe liefern. Dabei stellt sich nicht die Frage, ob Muslime in der europäischen Kultur leben können. Diese ist durch die normative Kraft des Faktischen längst beantwortet. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob Muslime zu dieser europäischen Kultur gehören, in ihr ankommen können. Die Beantwortung dieser Frage wird vielleicht am Ende auch klären können, ob Samuel Huntington Recht hatte, als er von dem «Clash of Civilizations» sprach und damit eine globale Konfrontation zwischen dem Islam und der Welt der Aufklärung meinte.

Ali Ertan Toprak

Einleitung

«Wir dürfen uns nicht schämen, die Wahrheit anzuerkennen und zu übernehmen, woher sie auch kommen mag, und sei es von fernen Geschlechtern und anderen Völkern.»

Abu Yusuf al-Kindi (ca. 801–873),

Philosoph, Mathematiker, Musiker

Während allseits auf dem Globus die berechtigte Angst vor Terroranschlägen um sich greift und das Leben vieler Menschen bereits schrittweise zu dominieren beginnt, versäumt es die transnationale Politik, der eigentlichen Gefahr zu Leibe zu rücken. Denn diese geht namentlich von jenen Organisationen und Financiers aus, die insbesondere über zahlreiche Moscheen in West-, Mittel- und Südosteuropa den Nährboden für die Radikalisierung zumeist junger Muslime und Muslimas bereiten. Doch die transnationale Politik in ihrem Pragmatismus, die Wirtschaft und vor allem die Waffenlobby und die Rüstungsindustrie sind letztlich an einer nachhaltigen Veränderung der Situation gar nicht interessiert. Dies verdeutlicht die Tatsache, dass viele staatstragende Organe nicht wahrhaben wollen, wo das Problem des islamistisch motivierten Terrorismus liegt bzw. wo die entsprechenden Drahtzieher agieren, die gelenkt und finanziert werden vom Königreich Saudiarabien mit der Absicht, seine erzkonservative Auslegung des (politischen) Islam in der ganzen Welt zu verbreiten.

Lag der Fokus in den ersten Jahren nach dem schicksalhaften 11. September 2001 auf den weit entfernten Schauplätzen im Nahen und Mittleren Osten, wo die USA unter dem damaligen Präsidenten George W. Bush den Krieg gegen den Terrorismus begannen, änderte sich dies spätestens ab dem 11. März 2004, als die ersten grösseren Anschläge auch den europäischen Kontinent erreichten. Damals führten mehrere Islamisten mit nordafrikanischem und indischem Hintergrund in der spanischen Hauptstadt Madrid eine orchestrierte Aktion mit mehreren Attentaten durch, in deren Verlauf fast 200 Menschen getötet und etwa 1800 verletzt wurden. Die Anschläge waren quasi der Auftakt zu einer Epoche des Terrorismus, wie ihn Europa selbst in den schlimmsten Zeiten der Roten Armee Fraktion (RAF) in Deutschland oder der Roten Brigaden in Italien nicht erlebt hatte. Die Dimensionen dieses neuen Phänomens von islamistisch motivierten Attentaten sind insofern nicht mit besagten Terrorgruppen zu vergleichen, als diese sich auf konkrete Personen und Institutionen konzentrierten, während die Islamisten wahllos so viele Menschen wie nur möglich zu töten beabsichtigen – obschon sich die Zielsetzungen eher marginal voneinander unterscheiden. Die Terroristen der 1970er- und 1980er-Jahre strebten eine kommunistische Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild an, die Islamisten trachten nach einem globalen Kalifat. Beide Gesellschaftsformen sind in ihrer Radikalität, Intoleranz und Militanz mehr oder weniger kongruent.

Seit der von ehemaligen Offizieren des 2003 gestürzten Saddam-Hussein-Regimes und Söldnern aus aller Herren Länder gebildete «Islamische Staat für Irak und Syrien» (Isis bzw. IS) seine Terrorherrschaft errichtete, haben die Anschläge in Europa drastisch zugenommen. Das Attentat in Paris auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo im Januar 2015, das Blutbad in Paris im November 2015 mit 130 Toten, in Brüssel im März 2016 mit 32 Toten und in Nizza im Juli 2016, als ein muslimischer Einwanderer mit einem schweren Lastwagen in eine Menge rast und dabei 84 Menschen ermordet: Sie bilden nur die monströse Speerspitze diverser Anschläge in europäischen Staaten, von den Hunderten Opfern auf anderen Kontinenten gar nicht zu reden.

Einen grossen Einfluss auf diese gefährliche Entwicklung des Terrorismus «im Namen Allahs» üben zahlreiche salafistische Moscheen vor allem in Mitteleuropa (Deutschland, Österreich und die Schweiz) aus, indem deren Imame junge Menschen zu radikalisieren versuchen. Dabei geht es den oftmals aus dem arabischen und südosteuropäischen Raum (Bosnien, Kosovo, Mazedonien, Albanien bis hin zur Türkei) stammenden Geistlichen primär darum, den Wahhabismus – die saudische Auslegung eines Islam, wie er in der Frühzeit praktiziert wurde – in Europa zu verbreiten, wobei sie etwa via vom saudischen Staat als NGO deklarierte Institutionen finanziert werden. Dass es sehr schwierig ist, Geldflüsse nachzuzeichnen, liegt an der bewussten Verschleierung der Finanzwege. Informelle Zahlungsverfahren wie die auf Vertrauen basierende «Hawala» oder das religiös vorgeschriebene System der Almosenspenden («Zakat») zur angeblichen Reinigung von Sünden eignen sich hierfür hervorragend (Schmid, NZZ, 13.6.2017). Es ist deshalb wichtig, die globalen Zusammenhänge zu durchleuchten und zu verstehen, wie radikales Gedankengut weltweit verbreitet wird: über potente Organisationen, deren Medien, geistesverwandte Gruppen und bestehende Moscheen.

Das den demokratischen Staaten heilige Prinzip der Religionsfreiheit hat es zugelassen, dass die meisten Moscheen de facto eine Parallelgesellschaft aufbauen konnten, abseits von jeder demokratischen Kontrolle. Jahrzehntelang wurde hier ungestört ein Diskurs der Abschottung gepflegt, und radikale Prediger saudischer Prägung reisen heute frei ein und aus. Wie sind diese Moscheen organisiert? Welche Vereine und Verbände existieren in den Ländern Mitteleuropas wie der Schweiz, Deutschland und Österreich, und wie sind sie mit dem Ausland verbunden?

Nüchtern betrachtet spielen die Moscheen eine politische und selten eine spirituelle Rolle. Es geht primär um die politische Organisation und Einflussnahme – das will dieses Buch aufzeigen. Es geht darum, möglichst an der Front zu sein, da, wo es um die Muslime geht und um die öffentlich-rechtliche Anerkennung der islamischen Gemeinschaft.

Aber bieten sich den Behörden auch Alternativen zu diesen «Ansprechpartnern»? Ja. Es ist die schweigende laizistische, nicht politische Mehrheit der muslimischen Bevölkerung, die bisher nicht wahrgenommen wurde. Deren Forderungen beschreibt Samuel Schirmbeck in seinem Buch Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen – Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen: «Forderung Nummer eins: Fördert das freie, eigenständige Nachdenken über den Islam! Forderung Nummer zwei: Verkündet, dass es keinen Unterschied zwischen ‹Gläubigen› und ‹Ungläubigen› gibt.»

Begrüssenswert sind Aktionen wie jene des Rektors der Grossen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur, der im März 2017 ein geradezu bahnbrechendes Dokument unterzeichnet hat, dessen Inhalt insgesamt 25 Punkte aufweist, die den Islam in Frankreich definieren. Der Brief verteidigt das säkulare Prinzip und tritt für eine moderne Auslegung des Islam ein, und er verurteilt jede Form von Gewalt und Diskriminierung. Ebenso ruft er dazu auf, sich hinter die demokratischen Werte Frankreichs zu stellen. Es wäre wünschenswert, wenn sich andere Moscheen ein Beispiel daran nehmen würden.

Heute braucht es mutige Entscheidungen, um eine Wand gegen den Hass und Abgrenzung predigenden politischen Islam aufzubauen und ihn von seinem Versuch abzubringen, der demokratischen Gesellschaft Millimeter um Millimeter Konzessionen abzuringen.

Wir müssen vorsichtiger sein, wir müssen besser hinschauen und genau verstehen, welche Mechanismen es heutzutage gibt und wer ein Interesse daran hat, uns vor so viele Faits accomplis zu stellen, nur um den Wahhabismus, also die reaktionäre saudische Staatsideologie, gegen alle anderen durchzusetzen. Saudiarabien anerkennt viele andere Arten des Islam nicht. Der Hauptfeind ist Iran. Die Saudis anerkennen auch keine Aleviten («Anhänger Alis»). Die Aleviten sind meistens Türken, Turkmenen oder Kurden und werden als Teil der schiitischen Muslime klassifiziert. Alles, was von der saudischen Doktrin abweicht, ist des Teufels. Wollen wir das in Europa? Oder wollen wir Grenzen setzen? Dies ist eine politische Frage, und diese kann nur die lokale Bevölkerung beantworten.

Das vorliegende Buch widmet sich zunächst der Ausbreitung des Islamismus bzw. des politischen Islam primär in Europa und geht über zur Geschichte des Islam auf dem Balkan. Es zeigt auf, wie es dazu kam, dass die muslimische Diaspora des ehemaligen Jugoslawien unter den Einfluss der Golfstaaten geraten ist, und warum Kosovo heute innerhalb Europas die höchste Rate an Jihadisten vorzuweisen hat.

Ausgehend von dieser historischen Entwicklung wird der Versuch unternommen, die Global Players auf dem Feld «Islam» zu benennen und ihre Strategie zu erklären, mit Fokus auf den deutschsprachigen Raum. Federführend in der Schweiz sind hierbei unter anderem die Moscheen der Union Albanischer Imame in der Schweiz (UAIS), die sich mehrheitlich aus Diaspora-Albanern aus Kosovo, Mazedonien und Bosnien zusammensetzen und wovon etliche regelmässig durch Einladungen ausländischer islamistischer Imame von sich reden machen, während in Deutschland Organisationen wie der türkische Islamverband DITIB und deren Moscheen den Hass auf die westliche Gesellschaft schüren. In Österreich, wo Muslimbrüder etwa 150 eigene Kindergärten betreiben, befeuert das DITIB-Pendant ATIB die Ressentiments gegen den Westen und bildet laut dem Österreichischen Institut für internationale Politik daselbst den verlängerten Arm Erdogans.

Hinter, ja über all diesen Netzwerken steht die Islamische Weltliga. Diese wurde 1962 gegründet mit dem Ziel, die saudische Staatsdoktrin, die auf der Ideologie der Einheit von Religion und politischer Macht beruht, in die Welt zu tragen. Das Wesen dieser Organisation steht im Zentrum des dritten Kapitels.

Im vierten und fünften Kapitel werden Themen diskutiert, die immer wieder im Licht der Medien stehen: Reizthemen wie das Kopftuch, Minarette, die Scharia, die Zwangs- oder gar Kinderehe müssen ebenso kritisch hinterfragt werden wie die Personen, die solche Forderungen stellen – oft salafistische Konvertiten, die besonders radikale, intolerante Positionen vertreten.

Sodann widmen wir uns möglichen Lösungen der akuten Probleme, die uns der politische Islam heute stellt, und zeigen politisch praktikable Wege, wie er zu verdrängen ist.

Saïda Keller-Messahli

1. Islamismus: Terminus technicus und Geschichte

Wovon reden wir, wenn wir den Begriff «Islamismus» verwenden? Laut dem deutschen Verfassungsschutz stellt der Islamismus kein einheitliches Phänomen dar. Unter diesen Terminus technicus fallen mehrere Gruppierungen, die den Islam nur vordergründig als religiöse Praxis interpretieren; vielmehr geht es diesen Gruppierungen darum, den Islam politisch als Mittel zum Zweck zu missbrauchen. Ihr Ziel ist es, den demokratischen Rechtsstaat durch einen Gottesstaat zu ersetzen und die Gesellschaftsordnung des 7. Jahrhunderts, wie sie zu Zeiten des Propheten und der ersten vier Kalifen bestanden hat, einzuführen. Um dies zu erreichen, greifen sie auf nahezu jedes Mittel zurück: Gruppen wie die Hamas in Palästina etwa befürworten Gewalt bzw. militärische Einsätze, wie die regelmässigen Raketenangriffe auf Israel belegen. Im Gegensatz zur Hamas operieren andere extremistische Organisationen mit gezielten Terroranschlägen, etwa al-Kaida weltweit, Dschabhat Fatah asch-Scham (zuvor die Al-Nusra-Front) vorwiegend in Syrien, Boko Haram in Nigeria, Abu Sayyaf auf den Philippinen und nicht zuletzt der IS in Irak und Syrien und darüber hinaus.

Doch nicht alle sogenannten Islamisten wenden Gewalt an. Viele wählen stattdessen den Weg der Infiltration der modernen, aufgeklärten Gesellschaft und streuen in propagandistischer Manier die Saat des Hasses gegen die säkulare und demokratische Wertegemeinschaft. Dabei handelt es sich häufig um radikale Imame, die in islamischen Ländern, allen voran Saudiarabien, ausgebildet und von diesen bezahlt werden. Sie versuchen, der muslimischen Community in der aufgeklärten Diaspora einen rückständigen, intoleranten und letztlich politischen Islam schmackhaft zu machen. Dabei stossen sie bei nicht wenigen, zumeist perspektivlosen und an den Rand gedrängten jungen Muslimen auf Gehör.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) unterteilt den Islamismus in zwei Hauptgruppen: den jihadistischen Islamismus und den institutionellen Islamismus. Der ideologische Ursprung dieser beiden Gruppen geht auf das Streben nach Reformen zurück, das im 20. Jahrhundert seinen Anfang nahm. Die Gründung der Muslimbruderschaft durch den ägyptischen Volksschullehrer Hasan al-Banna im Jahre 1928 legte quasi den Grundstein für den Anspruch auch späterer islamistischer Strömungen, Staat und Religion in jeglicher Hinsicht zu einen. Eine schwerwiegende Folge dieses Anspruchs ist ein gesellschaftlicher und politischer Totalitarismus, der sämtliche Errungenschaften der säkularen Welt – Menschenrechte, Pluralismus, Religionsfreiheit und Individualismus – ablehnt. Während der jihadistische Islamismus seine Ziele mit Angriffskrieg und Terrorismus zu erreichen versucht, findet sich der institutionelle Islamismus beispielsweise in Parteien wieder, die auf den politischen Weg setzen. Als Beispiel zu nennen ist die AKP des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Gerade die AKP steht exemplarisch für die schleichende Islamisierung einer Regierung, die sich die Mittel der Demokratie, das Mittel der freien Wahlen zunutze macht, um das System nach und nach über den Haufen zu werfen. So zitierte Erdogan bereits im Jahr 1998 als Oberbürgermeister von Istanbul nach einem Gedicht von Ziya Gökalp: «Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind!»

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass sich Erdogan seit einiger Zeit ganz bestimmte Merkmale angeeignet hat, die er bewusst und aus Kalkül einsetzt, um die Nähe zu sowohl islamistischen als auch ultranationalistischen Kreisen zu demonstrieren. So hat er etwa Solidarität zu den fundamentalistischen Muslimbrüdern in Ägypten bekundet, als er im August 2013 deren Handzeichen, den sogenannten Rabia-Gruss, übernahm – kurz nach der Niederschlagung der Proteste im Istanbuler Gezi-Park gegen Erdogans Absicht, die Anlage in eine osmanisch-historische Kaserne umzubauen.

Ebenfalls immer häufiger taucht bei AKP- und Erdogan-Anhängern der nach oben gestreckte Zeigefinger (Tauhīd-Zeichen) auf, ein Symbol der Einheit und Einzigartigkeit Gottes, das bei IS-Kämpfern eine militante Bedeutung erhalten hat.

Die Legitimation für ihre Bestrebungen glauben Islamisten wie Erdogan aus dem Koran ziehen zu können, da in der Tat der Prophet Mohammed nach den mekkanischen Offenbarungen und der Hidschra, der Flucht Mohammeds und seiner Anhänger nach Medina, vermehrt als Feldherr und Eroberer in Erscheinung trat. Darüber hinaus lässt der Koran aufgrund vereinzelter Botschaften den Schluss zu, dass der Islam den absoluten Anspruch, die «einzig wahre» Religion zu sein, erhebt. Entsprechend intolerant tritt der Islam gegenüber anderen Glaubensformen auf. So heisst es im Koran: «Du wirst ganz gewiss finden, dass diejenigen Menschen, die den Gläubigen am heftigsten Feindschaft zeigen, die Juden und diejenigen sind, die (Allah etwas) beigesellen. Und du wirst ganz gewiss finden, dass diejenigen, die den Gläubigen in Freundschaft am nächsten stehen, die sind, die sagen: ‹Wir sind Christen.› Dies, weil es unter ihnen Priester und Mönche gibt und weil sie sich nicht hochmütig verhalten» (Sura 5/82). «Die Juden sagen: ‹Uzair ist Allahs Sohn›, und die Christen sagen: ‹Al-Masih ist Allahs Sohn.› Das sind ihre Worte aus ihren (eigenen) Mündern. Sie führen ähnliche Worte wie diejenigen, die zuvor ungläubig waren. Allah bekämpfe sie! Wie sie sich (doch) abwendig machen lassen!» (Sura 9/30).

Woher kommt das Phänomen des islamischen Radikalismus/Extremismus, das sich im Zug der Kolonialherrschaft europäischer Grossmächte in der afrikanisch-arabischen Welt herauszukristallisieren begann? Es hängt vor allem mit einem Bewusstsein der Rückständigkeit zusammen, das sich aufgrund der Fremdherrschaft durch die besagten Grossmächte in der muslimischen Welt ausbreitete. Die Europäer brachten nicht nur ihre Wert- und Glaubensvorstellungen mit, sondern versuchten auch, diese meistens unter Einsatz von Zwang und Gewalt durchzusetzen. Das reichte von «moderner» Versklavung der indigenen Völker über die oftmals brutale Missionierung durch christliche Priester bis hin zu willkürlichen Grenzziehungen, die vornehmlich zwischen dem britischen Empire und Frankreich beschlossen wurden, um das Land unter sich aufzuteilen. Insofern muss man sich nicht wundern, wenn der Hass gegenüber den Kolonialisten stetig wuchs, plünderten diese doch neben der Oktroyierung ihrer «Werte» die betroffenen Länder, ja ganze Kontinente gnadenlos aus. Der Reichtum an Rohstoffen in der afrikanischen, arabischen und asiatischen Welt fand den Weg kontinuierlich in die auf europäischem und nordamerikanischem Boden sich entwickelnde Industrialisierung, deren rasantes Wachstum ohne die Ausbeutung der besetzten Kontinente in dieser Form wohl nicht möglich gewesen wäre. Die Folgen dieser Eroberungspolitik sind in nahezu sämtlichen Staaten bzw. künstlichen Staatsgebilden dramatisch spürbar. Gewaltherrschaft, Krieg, Hungersnöte und Infektions- sowie Geschlechtskrankheiten grassieren in einem Ausmass, wie es Europa seit Jahrhunderten überwunden hat.

Ein weiterer Grund für das Bewusstsein der Rückständigkeit in der muslimischen Welt liegt in der einst glorreichen Zeit des Islam, der während Jahrhunderten in sämtlichen Bereichen der Wissenschaften führend war, während das mittelalterliche christliche Europa das Wissen aus der Antike fast bis zur Gänze vergessen hatte. Die Verhältnisse waren also genau umgekehrt, sowohl auf der Iberischen Halbinsel, die zwischen 711 und 1492 unter muslimischer Herrschaft stand, als auch im Osmanischen Reich (1299–1922), das sich vom Balkan über den Nahen Osten bis nach Ägypten erstreckte und die Geschicke über 600 Jahre lang bestimmte.

Was das ohnehin fragile Verhältnis zwischen Muslimen und Christen bis heute am nachhaltigsten prägt und indirekt auch zum politischen Islam beigetragen hat, geht auf den ersten Kreuzzug und die Einnahme der für Juden, Christen und Muslime heiligen Stadt Jerusalem im Jahr 1099 zurück. Die Franken, wie die christlichen Invasoren von den Muslimen bezeichnet wurden, richteten nach der Eroberung der Stadt ein Massaker unter den Einwohnern an, wobei sie keine Rücksicht auf Männer, Frauen und Kinder nahmen – egal, welchem Glauben sie angehörten.

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