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Isadora und Daeren

Anne-Marie Jaren

Isadora und Daeren

Band 1: Die Begegnung


Allen Doras dieser Welt


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Millers

Mama machte sich fürchterliche Sorgen, nur weil sie übers Wochenende wegfuhr. Dabei werde ich in einem halben Jahr schon 16! Außerdem verreisten andere Eltern viel häufiger ohne ihre Kinder. Lena zum Beispiel verbrachte fast jeden Monat ein paar Tage allein, da - laut Lena - ihre Eltern fanatische Naturliebhaber waren, die stundenlang durch irgendwelche Landschaften wanderten, ohne Rücksicht auf das Wetter und das Wohlbefinden ihrer einzigen Tochter zu nehmen. Sie wiederum würde hundertmal lieber in einem warmen geschützten Kinosaal oder bei McDonald’s sitzen, als diese ermüdende Tortur über sich ergehen zu lassen. So hatte sie seit etwa einem Jahr durchgesetzt, nicht mehr beim Wanderurlaub mitfahren zu müssen. Und jetzt waren sowohl Lena als auch ihre Eltern mit dieser Lösung mehr als zufrieden.

„Es sind ja nur zwei Tage und ich habe sowieso viel zu tun. Du weißt doch, wir schreiben nächste Woche zwei Klassenarbeiten“, versuchte ich sie zu beruhigen.

„Ja, bloß wenn irgendetwas passiert, bist du ganz allein. Ich weiß nicht … Ich hatte den Eindruck, du hättest heute Morgen gehustet und …“

„Mama!“, rief ich künstlich genervt. „Jeder Mensch hustet mal, außerdem solltest du mehr Vertrauen zu mir haben. Oder hast du Angst, ich würde hier eine Riesenparty schmeißen?“

„Nein, natürlich nicht! Ich weiß ja, was für ein vernünftiges Mädchen du bist und dass ich dir immer vertrauen kann. Aber das weißt du doch, oder?“, entgegnete sie sogleich überrascht und auch besorgt.

Ich musste mir ein Lächeln verkneifen, als ich ihr ernstes Gesicht sah. Diese Art von Unterstellung funktionierte besser als jedes andere Argument.

„Na, dann fahr endlich los und grüße Frank schön von mir“, drängte ich in triumphierendem Ton.

Nun begriff sie, dass sie hereingelegt worden war, und seufzte ergeben. Sie nahm ihren Koffer, schaute mich noch einmal besorgt an, sagte jedoch nur: „Ja, dann bis Sonntagabend.“

„Viel Spaß!“ Erleichtert drückte ich ihr einen Abschiedskuss auf die Wange.

Es war ihr erster gemeinsamer Urlaub mit Frank und ich würde den Teufel tun, ihr diese Gelegenheit zu vermasseln. Sie hatte nun wirklich verdient, auch einmal an sich zu denken. Vor allem würde es ihr bestimmt helfen, meinen Vater zu vergessen. Na ja, vielleicht nicht vollständig, aber zumindest sollte sie endlich ein neues Leben mit einem Mann wagen, der ihr scheinbar so gut tat. Ich jedenfalls hoffte, dass sie mit einem neuen Partner wieder glücklich werden würde. Sie war lange genug allein gewesen, fast zehn Jahre …

Sicherlich wäre es schöner, mehr von meinem Vater zu wissen, bloß ließ sich daran nichts ändern. Damals war ich erst sechs Jahre alt und er war selten zu Hause gewesen, so dass meine Erinnerungen an ihn nur schemenhaft blieben.

Ich winkte ihr schnell vom Fenster aus zu, setzte mich lustlos an den Schreibtisch und fing an zu lernen. Leider sahen meine Mathenoten überhaupt nicht gut aus. Nach ein paar zähfließenden subjektiven Stunden, nein, wahrscheinlich gar Tagen, klingelte das Telefon. Dankbar für die Unterbrechung nahm ich den Hörer gleich ab.

Es war Lena. „Hallo, Dora, ich wollte fragen, ob du Interesse hast, ein bisschen Geld zu verdienen.“

„Ja, natürlich, worum geht’s? “, fragte ich erfreut.

„Du kennst doch meine kleine Cousine Marie“, begann sie in ihrer üblichen lebhaften Art zu erzählen. „Sie geht in einen Kindergarten, der mit irgendwelchen wissenschaftlichen Instituten zusammenarbeitet, die Kleinkinder untersuchen. Und deshalb brauchen sie jemanden, der sich dabei mit den Kindern ein bisschen beschäftigt. Sie zahlen acht Euro die Stunde und es soll bis Weihnachten dauern. Das einzige Problem ist, es ist leider immer samstags. Aber ich denke, es wird schon nicht schlimm sein. Schließlich müssen die Kleinen ja früh ins Bett. Da wird bestimmt genug Zeit zum Weggehen bleiben, was dir ja vermutlich egal wäre.“

Zum Schluss klang ihre Stimme etwas verdrießlich. Sie verstand nicht, warum ich nicht gerne wegging.

„Das ist ja super, danke! Du hast an mich gedacht“, ignorierte ich ihren leisen Vorwurf und bedankte mich lieber. Schließlich gab es nicht viele Möglichkeiten für uns, Geld zu verdienen. Zumal diese hier nach meiner Meinung so einfach klang, denn ich mochte Kinder.

„Ach was. Ich weiß ja, dass du Geld brauchst“, sagte sie sofort versöhnlicher. „Wir sollen morgen um zehn vorm Kindergarten auf die Kinder, Frau Hanel und Frau Schadow warten. Dann gehen wir zusammen zu der Frau, die die Untersuchung leitet, also unserer Arbeitgeberin denke ich mal. Ach, übrigens, hast du die Matheaufgaben schon gemacht? Ich verstehe wieder mal nur Bahnhof. Wer denkt sich bloß solche Dinge aus.“

Sie stöhnte missgelaunt und ich pflichtete ihr nur allzu gerne bei.

Der Rest unseres Gesprächs drehte sich ein klein wenig um die Schule, dann hauptsächlich um Philip, den sie seit Langem toll fand. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben überlegte sie hin und her und war unsicher, ob sie ihn ansprechen sollte oder nicht. Er ging bereits in die zwölfte Klasse, war demzufolge zwei Jahre älter als wir und wirkte dementsprechend deutlich reifer als unsere Jungs.

Nach dem Telefonat ging ich motivierter ans Lernen. Abgesehen davon, dass morgen kaum Zeit für die Schule bleiben würde, spornte mich die unerwartete Aussicht an, ein wenig für das Schuljahr in Amerika verdienen zu können.

Das Auslandsjahr in der elften Klasse war ein langgehegter Wunsch von mir, seit ich von dieser Möglichkeit erfahren hatte. Unglaublich spannend stellte ich mir das Jahr vor und es war unter anderem der Grund, warum ich die Sache mit Frank so befürwortete. Ich war mir nicht sicher, ob Mama es sonst ertragen konnte, mich gehen zu lassen, auch wenn sie stets nur das Beste für mich wünschte.

Etwas merkwürdig kam es mir doch vor, als ich spätabends die Wohnungstür von innen abschloss und allein ins Bett ging. Dabei arbeitete Mama seit einer Weile in der Nachtschicht, so dass ich diese Situation durchaus kannte.

Es war ein typischer trüber Novembertag. Aufgeregt fuhr ich mit dem Bus zum Kindergarten von Lenas Cousine, der sich in der Nähe meiner alten Grundschule befand.

Lena wartete bereits an der Bushaltestelle und winkte mir fröhlich zu. Um sie herum standen ihre Cousine Marie und eine kleine Gruppe von Kindern mit zwei Frauen, wahrscheinlich die von Lena erwähnten Erzieherinnen.

„Guten Morgen. Komme ich etwa zu spät?“, fragte ich überrascht und warf rasch einen Blick auf meine Uhr. Es war kurz vor zehn.

„Guten Morgen, Dora!“, grüßten alle fröhlich im Chor zurück.

„Nein, keine Sorge, die anderen waren alle zeitig da, deshalb wollten wir dich gleich vom Bus abholen“, beruhigte mich eine der Frauen freundlich und stellte sich und die andere kurz vor. „Mein Name ist Schadow und das ist meine Kollegin Frau Hanel, wir sind die Erzieherinnen dieser Gruppe.“

Lena umarmte mich wie gewohnt stürmisch zur Begrüßung. Frau Schadow forderte die Kinder auf, sich jeweils zu zweit in einer Reihe hinzustellen und loszumarschieren.

Während wir und Frau Hanel die Nachhut der kleinen Gruppe bildeten, die der Aufforderung ihrer Erzieherin nachkam und in einer vorbildlich geordneten Reihe lief, klagte Lena lauthals: „Ich musste wegen Marie früher kommen. Sie hat mich sogar vor acht geweckt und gedrängelt, diese Nervensäge, die ist so was von aufgeregt, weil wir heute angeblich noch Weihnachtskekse backen.“

Sofort beteiligten sich einige Kinder lebhaft an unserem Gespräch: „Das stimmt, wir backen heute Kekse“, sagte ein Junge mit grüner Mütze und viel zu großer Jacke.

„Das hat Sabine uns gestern erzählt“, bestätigte ein dunkelhaariges Mädchen aus einer Wolke von Rosa: Rosafarbener Jacke, Handschuhen, Schal, Mütze und Hose.

Das Mädchen neben ihr mit großen braunen Augen stimmte ernst zu. „Ja, meine Mama hat das auch gesagt.“

„Siehst du, ich habe doch recht!“, rief Marie triumphierend und strahlte über das ganze Gesicht.

Genau das mochte ich an den kleineren Kindern, sie waren so leicht zu begeistern.

„Ist ja gut. Ich glaube dir.“ Stöhnend kniff Lena Marie sanft in den Arm, dabei lachten ihre Augen. Sie wandte sich zu mir. „Marie hat über dich alles verraten, die Kinder kennen jetzt alle deine Geheimnisse“, sagte sie hinter vorgehaltener Hand in gedämpftem Ton, aber laut genug, dass es für Marie problemlos zu verstehen war.

„Gar nicht! Ich habe nur gesagt, Dora ist ganz lieb!“, empörte sich Marie.

Ihre großen unschuldigen Kinderaugen sahen mich hilfesuchend an.

„Das ist doch gut, wenn du über mich schon etwas erzählt hast, dann muss ich mich bei den anderen nicht extra vorstellen“, versuchte ich sie zu beruhigen.

Lena warf einen amüsierten, zugleich liebevollen Blick auf Marie. Es machte ihr offensichtlich Spaß sie aufzuziehen. Sie mochte ihre kleine Cousine sehr, wenngleich sie über zehn Jahre jünger war als sie. Vielleicht, weil sie ein Einzelkind war und sich manchmal eine kleine Schwester wünschte, damit ihre Eltern nicht zu viel Aufhebens ihretwegen machten. Mir ging es genauso. Eventuell erklärte das unter anderem unsere lange Freundschaft, obwohl wir sonst grundverschieden waren.

Lena war lebhaft und recht hübsch. Dementsprechend sprühte sie vor Selbstsicherheit und hatte jede Menge Freunde. Ich dagegen war zurückhaltend und eher unscheinbar als hübsch. Zudem hatte ich wenige Freunde, eigentlich nur Lena. Dafür las ich für mein Leben gerne. Nach Lenas Meinung viel zu gerne … Sie verstand nicht, wie ein Buch interessanter sein könnte als ein Kinobesuch oder ein Treffen mit Freunden, bei dem über unzählige Jungs geredet wurde und vor allem die Möglichkeit bestand, mehr über sie zu erfahren.

Das war sowieso seit einiger Zeit das große Thema bei den meisten Mädchen in unserem Jahrgang. Einige hatten schon einen festen Freund. Es war nicht so, dass ich kein Interesse an Jungs gehabt hätte. Bislang glaubte ich, wenn der Richtige vor mir stünde, würde ich ihn auf Anhieb erkennen. Liebe auf den ersten Blick und so …

Lena fand meine Einstellung zu romantisch-unrealistisch. Aber so schnell wollte ich meinen Traum nicht aufgeben. Vielleicht passiert es ja doch eines Tages, wie in meinen Büchern. Wer konnte es wissen.

Bald erreichten wir mit fröhlich schwatzenden Kindern die Villa, in der die Untersuchungen stattfinden sollten. Eine schmiedeeiserne Zaunanlage umgab eine dichte, hohe Hecke, so dass das Anwesen von außen schwer einsehbar war.

Kurz nach dem Klingeln öffnete sich das große Tor automatisch. Vor uns lag ein weiträumiger, akkurat gepflegter Vorgarten. Rechts von uns säumten mehrere Garagentore den Weg. Weit hinter der Villa, ebenfalls auf der rechten Seite, ragte ein viereckiges Gebäude mit einer schmalen Fensterfront empor. Sein Äußeres erinnerte eher an eine Lagerhalle und wirkte völlig deplatziert neben der wunderschönen alten Villa.

Auf der Eingangstreppe des Hauses erschien eine schlanke Frau im mittleren Alter, die uns entgegenkam.

„Guten Morgen, Kinder! Ich freue mich, euch kennenzulernen. Vielen Dank, Frau Schadow und Frau Hanel, dass Sie an einem Samstag die Kinder hergebracht haben! Und diese netten Mädchen sind sicher Lena und Isadora“, begrüßte sie uns freundlich lächelnd. „Ich heiße Mary Miller und werde die nächsten sechs Wochen mit euch zusammenarbeiten.“

Jedem von uns gab sie die Hand. Als sie mir ihre Hand reichte und kurz in meine Augen blickte, überkam mich ein eigenartiges Gefühl. Ich wusste nicht, was es genau war. Es fühlte sich wie der Hauch einer Ahnung oder einer Erinnerung an, der in der nächsten Sekunde wieder verflogen war.

Ich schüttelte den Kopf, dachte, ich hätte mir etwas eingebildet, und erwiderte ein wenig verspätet den Abschiedsgruß der beiden Erzieherinnen, die uns und Frau Miller viel Spaß gewünscht hatten und jetzt durch das Tor hinauseilten - sie sollten uns nur am ersten Tag begleiten. Ich folgte den anderen, die sich bereits zur Eingangstür begeben hatten.

Die großzügige Vorhalle mit der hellen Holzvertäfelung im Treppenhaus und den hohen Flügeltüren im Erdgeschoss fand ich dermaßen beeindruckend, dass die Bezeichnung „Villa“ mir beinah zu bescheiden erschien.

Nachdem Lena und ich den Kindern beim Ausziehen ihrer dicken Wintersachen geholfen hatten, begaben wir uns gemeinsam mit Frau Miller hinunter in den Keller zum Untersuchungsraum. Der große Kellerraum empfing uns hell und freundlich. Verteilt in dem Zimmer standen einige kuschelig aussehende Sofas in warmen Ockerfarben.

Zunächst maßen wir die Größe der Kinder, danach folgten verschiedene Körperregionen vom Kopfumfang bis zur Länge der einzelnen Zehen. Die Kinder und wir fanden lustig, was man alles bei einem Menschen messen konnte und lachten und alberten herum. Einige fingen an, sich gegenseitig zu kitzeln.

Trotz ihrer äußerst freundlichen Art besaß Frau Miller eine natürliche Autorität, mit der sie problemlos die leicht fröhlich überdrehten Kleinkinder im Zaum hielt. Nach gut zwei Stunden wurde die Untersuchung beendet.

Gemeinsam mit aufgeregten Kindern, die wie kleine donnernde Tornados die Treppenstufen hinaufstürmten, stiegen wir hoch in die geräumige Küche der Villa, um die versprochenen Weihnachtskekse zu backen.

An hohen Rundbogenfenstern, durch die das trübe Novemberlicht kaum den Raum erhellte, lagen auf mehreren kleinen Tischen, neben denen passende Stühle standen, verschiedene Sorten vorbereiteten Teigs und Ausstechformen. Nicht nur die Kinder, sondern auch Lena und ich hatten großen Spaß beim Kneten, Ausrollen und Ausstechen der Plätzchen. Während sie gebacken wurden, aßen wir zu Mittag. Die ganze Küche duftete herrlich nach Weihnachten. Obwohl die Kinder sehnsüchtig auf die Plätzchen schauten, verputzten sie erstaunlich gut ihre Portionen. Überhaupt waren sie pflegeleicht, was in erster Linie an Frau Miller lag. Sie hatte etwas, das wahrscheinlich jeder Lehrer sich wünschte. Sie schaffte, ohne streng werden zu müssen oder die Stimme zu heben, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nicht nur das. Es gelang ihr sogar, dass die Kinder gerne auf sie hörten.

Zum Nachtisch gab es dann endlich fertig gebackene Plätzchen, die superlecker schmeckten. Zusätzlich bekam jeder von uns eine Tüte, damit wir uns welche aussuchen und mitnehmen konnten. Als die ersten Kinder abgeholt wurden, stellte ich überrascht fest, wie schnell die Zeit vergangen war.

Etwas nervös schaute Lena auf die Uhr und fragte zaghaft Frau Miller, ob sie eventuell bald gehen dürfte. „Ich dachte, wir würden früher fertig werden und habe mich deshalb verabredet. Nächste Woche bleibe ich dafür länger und werde bestimmt beim Aufräumen helfen.“

Frau Miller lächelte sie freundlich an. „Ja, natürlich! Besonders viel aufzuräumen haben wir ohnehin nicht. Außerdem bleibt Isadora gewiss noch eine Weile, oder?“

Als sie mich fragend anschaute, war ich mir sicher, dass sie genau wusste, wie gerne ich weiter geblieben wäre. Es war mir selbst rätselhaft. Normalerweise war ich Fremden gegenüber eher distanziert und brauchte so meine Zeit, mich einigermaßen an sie zu gewöhnen. Dass ich mich gar auf Anhieb so wohl fühlte, war bislang nie passiert.

„Ich bin mit Philip verabredet. Eigentlich wollte ich mit dir morgen darüber reden, aber nun muss ich es dir sagen, nicht dass du denkst, ich lasse dich gerade am ersten Tag im Stich“, flüsterte mir Lena beim Gehen zu.

„Du bist mit Philip verabredet? Aber gestern hast du …“, wunderte ich mich.

„Es hat sich erst gestern Abend ergeben. Ich erzähle dir alles morgen, versprochen!“, unterbrach mich Lena schuldbewusst und ging eilig weg.

Das Aufräumen ging tatsächlich schnell. Gemeinsam begaben wir uns, jede mit einer Tasse Tee, in das Esszimmer, in dem ein wunderschöner alter Flügel die antike Einrichtung unterstrich.

„Sie spielen Klavier? Das ist ja toll! Ich wünschte, ich könnte es auch“, rief ich spontan begeistert, hielt im nächsten Moment verwirrt inne. Üblicherweise sprach ich über so etwas nicht, schon gar nicht mit einer Fremden.

„Dann versuche es zu lernen“, schlug sie lächelnd vor. „Es erfordert zwar eine Menge Geduld, aber wenn du es wirklich möchtest, wird dir das Lernen Spaß machen und viel Freude bereiten.“

„Na ja, wir können uns kein Klavier leisten.“

Jetzt war ich völlig durcheinander, das habe ich nämlich nicht mal Lena anvertraut! Mama sowieso nicht, weil sie sonst traurig gewesen wäre. Warum verriet ich plötzlich einer wildfremden Frau solche Dinge?

Verstört saß ich da und kaute auf meinen Lippen.

„Weißt du“, sagte Frau Miller langsam und schaute mir kurz in die Augen. „Eigentlich brauche ich jemanden, der mir hilft, die Daten von den Kindern in den Computer einzutragen. Es ist eine langweilige, zeitraubende Arbeit. Hättest du vielleicht Lust, mir dabei zu helfen? Dafür bringe ich dir Klavier spielen bei. Ich bin zwar keine besonders gute Klavierspielerin, aber für den Anfang müsste es reichen. Samstags kommst du sowieso, sonntags hilfst du mir bei der Arbeit und danach üben wir zusammen. Wenn du Lust hast, kannst du in der Woche zusätzlich ein bis zwei Mal vorbeischauen, um zu üben. Was hältst du von der Idee?“

Dieses unerwartete Angebot löste bei mir ein großes Glücksgefühl aus, das mich irritierte. „Würde es Sie nicht stören, wenn ich so oft komme?“, fragte ich unsicher.

„Natürlich nicht, sonst hätte ich doch nicht einen solchen Vorschlag gemacht. Ich finde es gut, wenn junge Menschen etwas lernen wollen. Außerdem bekommst du es ja nicht umsonst, du wirst sehen, wie langweilig die Arbeit ist.“

Ihre Stimme klang warm, jedoch blickten mich ihre Augen nachdenklich an.

Auf dem Nachhauseweg grübelte ich dermaßen intensiv über mein Verhalten nach, dass ich beinahe meine Busstation verpasst hätte. Zu Hause sah ich auf das Telefon und stöhnte laut. Ich hatte vergessen, mein Handy mitzunehmen. Das hieß, Mama war sicherlich - diesmal zu Recht - arg beunruhigt. Also rief ich sie mit einem schlechten Gewissen an.

In dieser Nacht träumte ich von der Villa und von Frau Miller. Was genau im Traum geschehen war, erinnerte ich zwar nicht mehr. Aber ein wärmendes Glücksgefühl begleitete mich den ganzen Morgen, als hätte ich etwas wiedergefunden. Etwas Vertrautes, das verloren geglaubt war.

Wie am Tag zuvor verabredet, klingelte ich pünktlich um halb elf an der Villa.

Kaum hängte ich meine Jacke an der Garderobe ab, berichtete Frau Miller über die Ankunft ihrer Zwillingskinder in zwei Wochen.

„Sie besuchten ein Internat, weil ich ständig unterwegs war. Jetzt sind sie mit der Schule fertig und wollen erst mal etwas von der Welt sehen, bevor sie anfangen zu studieren“, erzählte sie strahlend.

„Und was wollen sie studieren?“

„Ach, das wissen sie selber nicht, deshalb kommen sie hierher“, sagte sie und zwinkerte mir verschmitzt zu. „Ich hoffe, sie bleiben eine Weile.“

Ich musste an Mama denken. Sie hätte mit Sicherheit nicht über sich gebracht, mich in ein Internat zu schicken. Vielleicht hatte das Armsein gewisse Vorzüge. Nun, arm war übertrieben. Es war ja nicht, als hätten wir nichts zu essen gehabt. Dennoch mit Mamas Gehalt als Krankenschwester konnten wir uns keine großen Sprünge leisten, zudem ich wegen meiner Neurodermitis ein teures Kind war.

Ich vertrug nur bestimmte Pflegeprodukte, die allgemein mehr kosteten als herkömmliche, und beim Essen musste ich ebenfalls aufpassen. Meistens gab es mit Bioprodukten weniger Probleme. Bloß hatten diese nun mal ihren Preis.

Im Speisezimmer saß ein sympathisch wirkender Mann, der sich erhob, um mich zu begrüßen.

„Du musst Isadora sein. Meine Frau sprach begeistert über dich. Du hast wohl einen starken Eindruck hinterlassen, denn gewöhnlich ist sie nicht so spontan“, sagte er freundlich und sah mich für einen Moment prüfend an.

Unter seinem Blick fühlte ich kurz Unbehagen, das gleich in große Sympathie umschwenkte, als er mich anlächelte.

Der Tag war sehr schön. Die Arbeit erwies sich als gar nicht so schlimm, wie sie sie mir geschildert hatte, und mein erster Klavierunterricht verlief viel besser, als ich mir vorgestellt hatte. Sie war eine Superlehrerin, die mit Lob nicht geizte.

Das Telefon klingelte. Eilig schloss ich die Wohnungstür auf und rannte noch in Schuhen zum Telefon.

Kaum nahm ich den Hörer ab, redete Lena los: „Wo warst du? Ich probiere seit Stunden dich zu erreichen, und dein Handy war natürlich wie immer aus! Ich muss dir unbedingt von Philip erzählen. Ich glaube, ich hab mich Hals über Kopf verliebt! Er ist sooo süß …“, sprudelte aus ihr heraus.

Ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung. Ich musste mich konzentrieren, um sie richtig zu verstehen. Trotzdem fiel es mir nicht sonderlich schwer, mir vorzustellen, wie ihre Augen jetzt leuchteten. Vor allem wusste ich, dass mindestens die nächste Viertelstunde niemand eine Chance hatte, etwas zu sagen.

Das war mir recht. Ich wollte aus irgendeinem, für mich selbst nicht verständlichem Grund die Sache mit Millers nicht erwähnen, zumindest nicht sofort.

Vor Lena etwas geheim zu halten, war fast unmöglich. Sobald sie eine Neuigkeit witterte, ließ sie nicht locker. Dafür gab es keine verlässlichere Freundin als sie, wenn man ihr ausdrücklich - was äußerst wichtig war! - klargemacht hatte, sie solle es für sich behalten. Sie war so lebendig und sprühte vor Energie und Begeisterung, dass man sie einfach lieb haben musste.

Nach dem Telefonat dämmerte es mir, dass Lena in Zukunft wenig Zeit für mich haben würde. Der Zeitpunkt hätte nicht passender sein können. Über die Sache mit Millers musste ich gründlich nachdenken. Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht und ich wusste nicht, ob es gut für mich war, sie häufig zu treffen. Einerseits fühlte ich mich unbeschreiblich wohl bei ihnen, andererseits warnte mich eine unbestimmte schwache Ahnung, zu ihnen eine enge Beziehung aufzubauen. Diese Sache verwirrte mich mächtig.

Die aufgeschlagenen Schulhefter auf dem Tisch erinnerten mich an dringendere Probleme. Ergeben setzte ich mich an den Tisch. Die Klassenarbeiten ließen sich leider nicht verschieben.

Spätabends kehrte Mama von ihrem ersten Wochenendurlaub seit meiner Geburt nach Hause zurück. Auch wenn wir miteinander wenig sprachen - wir mussten beide am nächsten Tag früh aufstehen - war unübersehbar wie gut es ihr getan hatte, mal dem Alltag zu entfliehen. Voller Zufriedenheit nahm ich mir vor, sie zu weiteren Urlauben mit Frank zu überreden.

In der Schule lief es genauso ab, wie ich mir gedacht hatte. Lena begrüßte mich nachlässig wie noch nie und hing den ganzen Tag mit Philip und seinen Kumpeln zusammen. Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich allein auf dem Pausenhof.

Lena und ich kannten uns seit unserer Einschulung und seit dem ersten Tag waren wir befreundet. Wir fehlten auch selten in der Schule - das hatte man davon, wenn die eigenen Eltern im Krankenhaus beschäftigt waren. Lenas Vater arbeitete als Oberarzt in demselben Krankenhaus wie Mama. Er kannte sogar meinen Vater flüchtig, denn gerade als mein Vater dort angefangen hatte, ebenfalls als Arzt zu arbeiten, passierte der Unfall, der Mama und mich allein zurückbleiben ließ. Es war eine sehr schwere Zeit für Mama gewesen. Manchmal fragte ich mich, ob sie diesen Verlust damals ohne mich überlebt hätte. Jetzt schien sie es endlich überwunden zu haben. Mit Frank lachte sie doch viel. Überhaupt wirkte sie ausgelassener und fröhlicher als früher und wenn sie sich nicht mehr so überängstlich um mich sorgen würde, wäre alles in Ordnung gewesen.

Langsam schlenderte ich über den Pausenhof und beobachtete meine Mitschüler. Erst jetzt fiel mir auf, wie viele Mädchen aus unserem Jahrgang schon einen Freund hatten und dass wir nicht mehr wie früher zusammenstanden. Lena hatte recht, manchmal ging ich wirklich blind durch die Welt.

In der nächsten Hofpause sprach mich plötzlich Mark aus unserer Klasse an. „Lena hat wohl einen Freund aus Sek. zwei.“

„Ja“, nickte ich verdattert. Denn er galt als Einzelgänger und redete sonst selten mit anderen.

„Ich habe neulich mitbekommen, dass du keinen eigenen Computer hast. Ich habe gerade einen neuen zum Geburtstag bekommen. Wenn du möchtest, kannst du meinen alten haben“, bot er mir unvermittelt an.

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Es stimmte, ich hatte noch keinen. Ein Computer kostete nicht nur eine Menge Geld bei der Anschaffung, sondern erforderte zuallererst einen gewissen Grad an Wissen, was Mama und mir völlig fehlte. Wer sollte den einrichten, und wenn irgendetwas nicht funktionierte, standen wir sicherlich absolut ratlos da. Deshalb machte ich bei Lena Hausaufgaben, wenn wir dafür ins Internet mussten. Mir war klar, ein Rechner musste irgendwann beschafft werden. Eigentlich möglichst bald; nach Lenas überzeugter Aussage stellte ich die einzige Ausnahme in der Schule, nein sogar in ganz Berlin dar, die in meinem Alter ohne einen Computer lebte. Bloß der damit verbundene Kosten- und Zeitaufwand stand der Kaufentscheidung entgegen.

„Und was möchtest du dafür haben?“, fragte ich vorsichtig.

„Nichts, der ist nichts mehr wert. Der ist doch uralt, schon mehr als drei Jahre, den kauft keiner mehr“, erwiderte er erstaunt und runzelte seine Stirn.

„Ja, aber ich kann ihn doch nicht umsonst nehmen!“, protestierte ich entrüstet.

„Ach, was für ein Quatsch! Ich sagte doch, der ist unverkäuflich. Wenn du ihn nicht nimmst, landet er im Müll. Dabei brauchst du doch unbedingt einen. Mich wundert es sowieso, wie man heutzutage ohne zurechtkommen kann. Also bekommst du den“, beschloss er bestimmt und schüttelte den Kopf.

Da begriff ich, dass jemandem wie Mark, der als Computerfreak galt, schwerfiel, sich ein Leben ohne Computer vorzustellen. Trotzdem war es lieb von ihm, mir seinen alten anzubieten.

„Das ist unheimlich nett von dir. Es ist bloß … ich weiß nicht, wie man ihn einrichtet“, gestand ich etwas verlegen.

Im ersten Moment sah er aus, als hätte ich behauptet, es gäbe grüne Männchen auf dem Mars, fasste sich aber rasch. „Das ist überhaupt kein Problem, ich helfe dir. Das geht ganz schnell.“

Sein unerwartetes, hilfsbereites Angebot beschämte mich, weil ich ihn, wie alle anderen, ohne ihn richtig zu kennen, bislang als ein wenig komisch eingeschätzt hatte.

Als Lena am nächsten Tag davon hörte - Philips Jahrgang hatte einen Projekttag - mutmaßte sie skeptisch. „Sag mal, ist Mark etwa in dich verknallt oder so? Ich dachte, er kennt nicht einmal unsere Namen, und dann spricht er dich auch noch von sich aus an?“

„Nein, ich glaube, wir haben ihn bisher bloß falsch eingeschätzt“, erwiderte ich überzeugt und verriet grinsend, als sie ihr Gesicht ungläubig verzog. „Er wusste sogar von Philip.“

„Was? Mark Steiner? Der Mark?“ Vor Verblüffung schrie sie beinahe. „Ich fasse es nicht, Wunder gibt es tatsächlich!“

Zunächst war sie so perplex, dass es ihr für einen kurzen Moment sogar die Sprache verschlug. Das hielt natürlich nicht lange an und den Rest des Tages sprach sie ausschließlich über Philip und was sie gestern alles zusammen unternommen hatten.

An diesem Tag fuhr ich wieder bei den Millers vorbei. Der Besuch dauerte länger als angenommen, da sie mir nach dem Klavierunterricht noch Tee und Kuchen angeboten hatten. Ich fühlte mich bei ihnen so wohl, dass ich beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken, warum es so war. Es war sinnlos, sich ständig über Dinge den Kopf zu zerbrechen, für die es offensichtlich keine Erklärung gab. Manchmal mochte man halt den einen mehr als den anderen. Also sollte ich es einfach genießen, wenn es mir gefiel.

Erst am Samstag, auf dem Weg zur Villa, erwähnte ich Lena gegenüber die Abmachung mit Frau Miller.

„Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dir längst ein Klavier besorgen können. Meine Tante hatte nämlich eins, das sie unbedingt loswerden wollte. Nun ist es aber weg, dabei hat sie es umsonst weggegeben“, ärgerte sie sich und fügte etwas gekränkt hinzu. „Du sagst nie, was du denkst, und das ist dein Problem.“

Diese Möglichkeit verpasst zu haben, betrübte mich schon. „Es tut mir leid. Wie du weißt, rede ich über Geld grundsätzlich nicht gerne. Außerdem bekomme ich so den Unterricht dazu“, erwiderte ich dennoch tapfer.

„Trotzdem wäre es schöner, wenn du mehr über dich erzählen würdest. Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn man wenig Geld hat, du machst daraus dauernd ein Problem!“

Das stimmte. Ich reagierte in dieser Hinsicht ein wenig zu empfindlich. Vielleicht machte ich mir das Leben unnötig schwer.

„Da hast du wahrscheinlich recht, ich versuche mich zu bessern, okay?“, bat ich in versöhnlichem Ton.

Verblüfft schaute sie mich an. „Weißt du, das ist das erste Mal, dass du in der Hinsicht ein Einsehen zeigst. Das finde ich toll!“, stellte sie freudig fest und grinste mich breit an.

Mir wurde warm ums Herz. Sie verzieh immer schnell und war nie nachtragend.

An diesem Tag untersuchten wir zuerst die Sehfähigkeit der Kinder, danach folgten verschiedene Tests der motorischen und geistigen Entwicklung. Die abwechselungsreichen Testmethoden machten den Kindern offensichtlich Spaß. Zum Abschluss spielten wir mit ihnen Memory. Dabei bemerkte ich, wie aufmerksam Frau Miller all die Kinder beobachtete und Notizen schrieb. Da alles so spielerisch amüsant verlief, hatte ich beinahe vergessen, dass es für sie und eigentlich für uns auch Arbeit war.

Später als ich mit Frau Miller darüber sprach, meinte sie lachend, das läge an mir. „Ich kenne durch meine Arbeit eine Menge Leute, die ähnliche Untersuchungen durchführen, aber die meisten empfinden anders als du.“

In der folgenden Woche kam Mark tatsächlich mit seinem alten Computer vorbei und richtete ihn bei mir ein. Zusätzlich brachte er einen alten Monitor mit, den er seinem Vater abgeschwatzt hatte.

„Die neuen Flachbildschirme sind sowieso besser und es war höchste Zeit für ihn, einen größeren zu besorgen“, meinte er zufrieden. „Für dich reicht, denke ich, zuerst dieser, später kannst du dir immer noch überlegen, einen größeren zu holen. Wobei … viel Platz auf dem Schreibtisch hast du ja nicht gerade.“

Obwohl ihm sein Entsetzen über mein Unwissen manchmal deutlich anzumerken war, erklärte er mir dennoch geduldig. „Wenn du Probleme hast, kannst du mich jederzeit fragen. Wir wohnen ja gar nicht weit weg. Wie gesagt, du musst erst einen Internetanbieter suchen. Eine Flatrate für Telefon und DSL dürfte nicht mehr als 30 bis 40 Euro im Monat kosten. Es dauert eine Weile bis sie euch anschließen, und wenn es dabei Probleme gibt - das passiert meistens - dann sag mir Bescheid. Ich regele das. Bis dahin versuche dich mit dem Computer vertraut zu machen. Ich habe dir ein paar Programme, die du für die Schule brauchst, schon installiert. Auf jeden Fall, auch ohne Internet, ist so ein Computer wesentlich praktischer als dieses … uralte Ding“, schloss er mit einem Blick auf meine alte Schreibmaschine - sie hatte meinem Vater gehört, weshalb ich sie aufbewahrt hatte - und verzog sein Gesicht, als ob er Zahnschmerzen hätte.

Ich hatte einen Kuchen für ihn gebacken, weil ich nicht wusste, womit ich mich sonst für seine Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft bedanken sollte. Zu meiner Erleichterung machte er einen freudig überraschten Eindruck und verputzte gleich drei Stück hintereinander.

„Das ist echt nett von dir, für mich einen Kuchen zu backen“, sagte er begeistert mit vollem Mund. „Woher wusstest du, dass ich für mein Leben gerne Kuchen esse? Der ist ja richtig lecker, wusste gar nicht, wie toll du backen kannst.“

„Das ist wohl das Mindeste. Ohne dich hätte ich noch lange keinen eigenen Computer!“, erinnerte ich ihn entrüstet.

Jedoch als ich mich irgendwann erneut bei ihm bedankte, wurde er ernst. „Weißt du, du warst die Einzige in der siebten Klasse, die bereit war, mit mir eine Partnerarbeit zu machen. Das habe ich nicht vergessen. Außerdem ist mir aufgefallen, dass du nie andere schlecht behandelst, nur weil sie Außenseiter sind. In dieser Hinsicht ist Lena ebenfalls in Ordnung, nur mag ich ihre anderen Freunde nicht, besonders die Svenja und den Marcel.“

Sowohl seine Offenheit als auch seine Meinung über Lena und mich überraschten mich. Zudem hatte ich keine Ahnung gehabt, was für ein guter Beobachter er war.

Danach redeten wir etwas vertrauter noch über andere Dinge und später als er mit dem restlichen Kuchen, den ich für ihn eingepackt hatte, gegangen war, änderte ich meine bisherige Meinung über ihn komplett und war froh, dass er mich angesprochen hatte.

Die Tage vergingen und ich gewöhnte mich an die neue Situation in der Schule. Das hieß, im Unterricht saß ich wie gewohnt neben Lena und die Pausen verbrachte ich meistens mit Mark, was natürlich nicht ohne teilweise gehässige Bemerkungen aufgenommen wurde. Aber Lena stand hinter mir und verteidigte Mark, weil ich ihr natürlich alles erzählte, worüber wir miteinander sprachen. Außerdem fand sie die Sache mit dem Computer auch sehr nett.

Dann kam der Tag, an dem ich IHN zum ersten Mal traf.

Es war einer der seltenen sonnigen Adventssonntage. Am Vormittag wollten die Millers ihre Zwillingskinder vom Flughafen abholen und ich sollte am Nachmittag dazustoßen. Ich beschloss, vorher spazieren zu gehen, um meiner auffallend blassen Haut - Lena scherzte, ich hätte einen Vampir als Vorfahren - ein wenig Sonne zu gönnen, die ich gewöhnlich von Frühjahr bis Herbst wegen einer Allergie meiden musste.

Für November schien die Sonne angenehm warm. Dementsprechend war der kleine Park in der Nähe der Villa gut besucht von Gleichgesinnten, die ebenfalls die seltene Gelegenheit nutzen wollten. Erst in der kleinen Seitenstrasse, die zur Villa führte und komplett im Schatten lag, merkte ich, wie sehr die Sonne über die Kälte hinweggetäuscht hatte. So kam ich frierend mit roter Nase und roten Wangen bei ihnen an.

Fröhlich wie immer öffnete mir Frau Miller die Tür. „Schön, dass du da bist, Dora. Komm schnell rein, es ist kalt.“

Ich grüßte zurück, zog meine Jacke aus, die sie mir abnahm und folgte ihr in die Halle. Dort erwarteten uns zwei weitere Gestalten, die durch die beschlagene Brille nur verschwommen zu erkennen waren.

Während ich die Brille putzte, machte Frau Miller mich mit ihnen bekannt. „Hier sind meine Kinder Laura und Daeren.“

Sie drehte sich seitlich zu ihren Kindern, deren Gesichter ich ziemlich undeutlich sah und stellte mich ihnen vor. „Das ist Isadora, von der ich erzählt habe. Ihr solltet sie aber Dora nennen, sie mag es nicht, wenn sie Isadora gerufen wird“, verriet sie gleich in amüsiertem Tonfall.

Ich mochte meinen Namen nicht besonders, weil er zu auffällig war. Wer hieß schon Isadora! Mama fand ihn ausgesprochen hübsch - kein Wunder, sie hatte ihn schließlich ausgesucht - vor allem, weil dieser Name fast die gleichen Buchstaben wie ihr eigener - Sandra - enthielt.

Ich setzte meine Brille wieder auf und wandte mich zu Laura, die mit ihren langen dunklen Haaren und wunderschönen dunklen Augen umwerfend aussah.

„Hey, Dora! Ich freue mich, dich kennenzulernen. Mum hat viel von dir erzählt“, begrüßte sie mich strahlend.

Zaghaft lächelte ich zurück. „Ich freue mich auch, Frau Miller hat oft über euch gesprochen.“

Ich wusste einiges über sie, dass sie 18 Jahre waren und Musikinstrumente spielten oder gerne Sport trieben, besonders Bergwanderungen mochten und so weiter … Das Gefühl, als ich in Lauras Gesicht blickte, unterschied sich kein bisschen von dem bei der ersten Begegnung mit Frau und Herrn Miller. Ein gewisses Unbehagen, vermischt mit einer mir unerklärlichen Zuneigung.

Dann wanderte mein Blick zu ihrem Bruder und mir stockte der Atem. Es war, als hätte ich einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen, nein, nicht bloß auf den Kopf, sondern ebenso auf die Brust und in den Magen. Meine Beine fühlten sich so weich an, dass ich dachte, mich irgendwo festhalten zu müssen. Vollkommen benommen starrte ich in sein Gesicht. Meine Zunge schien plötzlich festgefroren zu sein. Ich war nicht einmal fähig, ein einziges Wort zu sprechen.

Er sah mich schweigend an, murmelte ein kurzes „Hallo“. Danach folgte er ohne ein weiteres Wort den anderen ins Speisezimmer. Ich brachte lediglich ein stummes Nicken zustande und lief ihnen auf wackeligen Beinen hinterher.

Erst als wir uns an den festlich gedeckten Tisch setzten, gelang es mir halbwegs wieder richtig zu atmen. Es war wie ein Schock. Mein Herz klopfte so heftig, als hätte es einen 100 Meter Lauf hinter sich gebracht. Nein, mehr. So aufgeregt war ich noch nie in meinem Leben gewesen.

Nach einer Weile riss ich mich zusammen, versuchte mich an dem Gespräch der anderen zu beteiligen. Den ganzen Nachmittag aber konnte ich ihn nicht anschauen. Sobald mein Blick ihn streifte, bekam ich fast einen Atemaussetzer. Für einen kurzen Moment dachte ich sogar, es wäre ein Asthmaanfall, obwohl die Einstellung mit den Medikamenten so optimal funktionierte, dass der letzte Anfall lange zurücklag und ich keine weiteren zu befürchten hatte.

Ich wusste nicht, wie ich den Nachmittag verbracht hatte. Die ganze Zeit war ich ausschließlich damit beschäftigt, meinen Blick krampfhaft auf die anderen zu richten.

Später auf dem Heimweg spürte ich ein starkes Verlangen zurückzukehren, und ihn noch einmal zu sehen. Körperlich jedoch fühlte ich mich völlig ausgelaugt.

Kaum schloss ich die Wohnungstür auf, rief Mama aus der Küche. „Es gibt gleich Essen, ich habe einen Nudelauflauf gemacht.“

„Ich will nicht essen.“

„Aber warum …“ Sie schaute aus der Küche und eilte sofort zu mir. „Dora! Bist du krank?“ Ihre geübte Hand berührte prüfend meine Stirn. „Du bist warm, am besten legst du dich gleich hin und bleibst morgen zu Hause.“

„Nein, Mama“, widersprach ich. „Wir schreiben morgen eine Klassenarbeit in Deutsch, ich darf nicht fehlen.“

„Dann ist es umso besser, sie nachzuschreiben. Es wird nichts bringen, wenn du krank die Arbeit schreibst.“

„Nachschreiben?“, entgegnete ich ihr empört. „Weißt du überhaupt, wie blöd es ist, nachzuschreiben? Nein, ich gehe morgen in die Schule!“

„Aber, Dora, es hat ...“

„Früher durfte ich nie fehlen“, schnitt ich ihr das Wort ab, sprach etwas versöhnlicher weiter. „So schlimm ist es nicht. Wenn ich jetzt ins Bett gehe, dann ist es bis morgen bestimmt weg und falls es mir morgen trotzdem schlecht gehen sollte, schreibe ich nur die Klassenarbeit und komme gleich wieder nach Hause.“

Wenn ich irgendetwas unbedingt wollte, konnte ich mich bei ihr meistens durchsetzen und so gab sie schließlich seufzend nach.

In einem Punkt hatte Mama recht. Ich war irgendwie krank. Wie sollte man es sonst bezeichnen, wenn einem ständig die Luft wegblieb, bloß weil man einen anderen anschaute?

Am nächsten Tag versuchte ich, möglichst nicht an ihn zu denken. Denn jedes Mal, wenn ich es tat, stürzten so viele Gefühle auf mich ein, dass es schier unmöglich wurde, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

Am Dienstag überlegte ich kurz, den Besuch bei den Millers abzusagen. Doch im selben Augenblick wurde mir klar, dass ich es niemals fertigbringen würde. Also biss ich die Zähne zusammen und begab mich dorthin.

Wie stets öffnete mir Frau Miller die Tür und empfing mich freundlich. Schon von der Eingangshalle aus sah ich durch die offene Flügeltür des Esszimmers ihn mit Laura stehen. Ich spürte, wie meine Aufregung gegen meinen Willen wuchs und trat in den Raum.

„Hey, Dora, schön dich wiederzusehen“, begrüßte mich Laura fröhlich.

Ich grüßte zurück und wandte mich angespannt zu Daeren.

Er sah mir direkt ins Gesicht. „Hallo, Dora“, sagte er leise, fast flüsternd.

Kaum blickte er mich an, traf es mich erneut wie ein Blitzschlag. Die Luft blieb mir beinahe weg. Mein Herz begann so laut zu schlagen, dass ich Angst bekam, alle anderen könnten es ebenfalls hören. Vorsorglich setzte ich mich gleich an den Flügel, da meine Beine sich genauso weich anfühlten wie beim letzten Mal und ich nicht sicher war, ob sie mich weiterhin tragen würden.

Frau Miller machte einen Schritt auf mich zu. „Dora, ich habe eine Bitte. Ich habe momentan zu wenig Zeit für den Klavierunterricht. Würde es dir etwas ausmachen, wenn Daeren dich statt meiner unterrichtet?“ Sie wirkte etwas unglücklich.

Panik stieg in mir auf. Wie sollte ich bei ihm Klavier spielen lernen, wenn es mir nicht einmal gelang, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen, nur weil er sich in meiner Nähe befand. Andererseits keimte gleichzeitig irgendwo tief in mir heftige Freude auf, dadurch eine Möglichkeit zu bekommen, so oft und nah bei ihm zu sein. Meine Gefühle überforderten mich komplett.

Plötzlich lachte Laura leise auf. „Oh Dora, wenn du nicht willst, musst du ja nicht, aber mach nicht so ein Gesicht. Daeren frisst dich schon nicht auf.“

„Nein, nicht deshalb“, widersprach ich hastig, erschrocken.

Im selben Moment wurde mir bewusst, dass ich um nichts auf der Welt auf dieses Angebot verzichten wollte.

Ich stotterte ein wenig, als ich nach einem vernünftig klingenden Grund suchte. „Es ist … weil er bestimmt toll spielen kann und ich mich nicht … ich meine, wir uns erst seit Kurzem kennen und so … Außerdem findet er es vielleicht lästig.“

Noch während ich sprach, überfiel mich die Sorge, dass es der Wahrheit entsprechen könnte. Ich fühlte einen Stich im Herzen und schaute ihn unwillkürlich ängstlich an.

„Ich mache es gerne“, versicherte er lächelnd. „Ich habe zurzeit ohnehin nichts zu tun.“

Wie viele Sprünge und Flattern ein Herz fähig war zu vertragen, wusste ich nicht, meins jedenfalls brachte Höchstleistungen.

Bald ließen uns die anderen allein im Zimmer, damit wir ungestört mit dem Unterricht beginnen konnten. Er setzte sich zu mir auf die Klavierbank. Dabei streifte seine Hand zufällig leicht meine Wange. Sogleich bekam ich eine Gänsehaut, die sich von der Wange über den Kopf bis zum Hals, dann schließlich über den gesamten Körper ausbreitete. Ich wagte kaum in seine Richtung zu blicken, aber die Nähe seines Körpers wurde mir auf einmal mehr als deutlich bewusst.

Er blätterte in den Noten, legte ein Blatt auf den Notenhalter. „Spiel mir mal diese Stelle vor.“

Das hatte ich bereits letzte Woche mit Frau Miller geübt. Erleichtert kam ich seiner Aufforderung nach, sah aus den Augenwinkeln, wie aufmerksam er mich beobachtete. Prompt spielte ich falsch. Augenblicklich schoss mir die Röte ins Gesicht, was mich umso verlegener machte. Ich hielt die Augen gesenkt, hoffte vergeblich, er würde es nicht merken.

„Das macht doch nichts. Wenn du ohne Fehler spielen würdest, müsste ich dir ja nichts beibringen“, sagte er ganz sanft, als ob er wüsste, wie peinlich es für mich war.

Danach lief es besser und zum Schluss spielte er mir etwas vor. Es klang so unglaublich schön, dass ich mich fragte, ob jemals irgendein Flügel solche Töne hervorgebracht hatte. Hierbei fühlte ich mich vollkommen glücklich, auch ohne die Musik. Ewig hätte ich da sitzen und ihn betrachten können.

Dieses Glücksgefühl hielt an, bis ich ihn wieder traf. Nichts hatte sich verändert. Ich war genauso benommen, mein Körper reagierte genauso heftig wie bei der ersten Begegnung und ich überlegte, ob es sich jemals ändern würde. Bloß das war mir jetzt egal. Solange er da war und mich anlächelte, erstrahlte die Welt um mich herum in schönsten Lichtern.

Am Samstagvormittag trafen Lena und ich wie gewohnt mit den Kindern in der Villa ein. Heute empfingen uns nicht nur Frau Miller, sondern auch Laura und Daeren, die den Kindern und Lena als neue Helfer vorgestellt wurden.

Lena machte große Augen und zog mich zur Seite, als wir hinter ihnen und den Kindern in den Keller liefen. „Du hast mir gar nicht von ihnen erzählt! Vor allem nicht, wie unglaublich gut aussehend sie sind! Ich habe noch nie solche schönen Menschen gesehen“, flüsterte sie fast ehrfurchtsvoll und musterte sie unverhohlen von hinten.

„Äh, ja findest du?“, fragte ich irritiert und schaute sie mir genauer an.

Es stimmte. Sie waren tatsächlich außergewöhnlich gut aussehend. Ich konnte nicht erklären, warum mir diese Auffälligkeit entgangen war.

„Du bist ja unglaublich. Du willst mir sagen, das hast du nicht gesehen?“, schalt mich Lena.

Eigentlich war ich über mich mehr erstaunt als sie. Bereits zum vierten Mal traf ich sie und erst als Lena es mir sagte, merkte ich, wie sie wirklich aussahen? Selbst mir gab das zu denken. Hoffentlich ist mit meinem Kopf alles in Ordnung, dachte ich beklommen.

Diesmal wurden die Gehirnströme der Kinder gemessen, was eine gewisse Übung und Wissen erforderte. Laura und Daeren beherrschten es problemlos, weshalb ihre Mithilfe sich als äußerst nützlich erwies. Genau wie ihre Mutter strahlten sie eine freundliche, dennoch natürliche Autorität aus, die der Arbeit mit den Kindern zugute kam. Ebenso schnell wie die anderen Tage zuvor verging auch dieser Tag.

Zum Schluss, als die Kinder abgeholt wurden und wir alleine die letzten Kuscheltiere und Kissen in der Kiste verstauten, lächelte Lena mir verschmitzt zu.

„Ich glaube, jetzt weiß ich, warum du so gerne hierherkommst. Du könntest mir wirklich ein bisschen mehr erzählen. Na ja, ganz unschuldig bin ich ja nicht. Ich glaube, ich hatte in den letzten Wochen zu wenig Zeit für dich gehabt. Wir sollten uns mal wieder alleine treffen, was meinst du?“

„Ja klar, es wäre schön“, stimmte ich etwas überrascht zu.

Wir verabredeten uns für Montagabend, dann wurde Lena von Philip abgeholt.

Endlich saß ich mit Daeren allein vor dem Flügel.

„War das vorhin Lenas Freund?“, fragte er beiläufig.

„Ja, warum?“, fragte ich erstaunt zurück.

Bislang hatte er nie irgendwelche Fragen gestellt und ich war gewöhnt, mit ihm ausschließlich über den Unterricht zu sprechen.

„Ach, nur so“, antwortete er kurz.

Er wandte sich dem Notenblatt zu und ließ mich vorspielen. Irgendwie hatte ich den Eindruck, er grüble über etwas nach, traute mich aber nicht zu fragen. Später tranken wir mit Laura Tee - bei ihnen gab es stets besonders gut schmeckende Teesorten, die ich von nirgendwo anders her kannte.

„Sag mal, Dora, hast du auch einen Adventskalender bekommen?“, wollte Laura wissen.

„Ja, natürlich, ich kriege doch jedes Jahr einen. Ihr etwa nicht?“, erwiderte ich verdattert und dachte sofort besorgt, ob sie so etwas vielleicht kindisch fänden.

„Nein, wir hatten nie welche, was für einen hast du denn? So wie die Kinder erzählt haben, muss es tausende verschiedene geben. Ich hätte nicht gedacht, dass die Welt der Adventskalender dermaßen abwechslungsreich ist“, stellte sie irgendwie belustigt fest.

Das überraschte mich zwar, ich wiederum kannte niemanden, der keinen bekam. Aber in Amerika, wo sie aufgewachsen waren, verschenkte man eventuell nicht in dem Maße Adventskalender wie bei uns, vermutete ich und begann meinen zu beschreiben.

„Meine Mama bastelt mir jedes Jahr einen. Eigentlich, basteln wäre zu viel gesagt. Sie hat vor Jahren mal 24 Säckchen genäht und seitdem gibt es jedes Jahr die gleichen Säckchen mit neuem Inhalt.“

„Ach, und was ist da drin?“, fragte Laura neugierig.

„Unterschiedlich halt. Als ich jünger war, gab es mehrere Tage lang so eine Art von Puzzleteilen. Es waren meistens Fotos von Produkten aus Werbeprospekten, die Mama in mehrere Teile geschnitten hatte und wenn sie zusammengesetzt waren, konnte ich sehen, was ich bekommen würde.“

„Das ist interessant, und was musst du jetzt machen?“

„Jetzt ist es schwerer. Zuerst muss ich irgendwelche Fragen beantworten, dann nehme ich aus dem jeweiligen Lösungswort ein paar Buchstaben, die Mama mir verrät - zum Beispiel den zweiten und den vierten Buchstaben des Wortes oder so - und aus denen ergibt sich nach ein paar Tagen das gesuchte Wort, also welches Geschenk mich erwartet. Bislang hat sie immer verraten, in welcher Reihenfolge sie zusammengesetzt werden mussten, aber dieses Jahr soll ich sie selber herausfinden. Nun sitze ich mit einem Haufen Buchstaben da, die irgendwie nicht zusammenpassen. Deshalb weiß ich immer noch nicht, welches Geschenk es sein soll“, klagte ich und kramte aus meiner Tasche die Buchstabenteile hervor.

A N K T I O R E K

Daeren warf einen kurzen Blick darauf. „Kinokarte.“

Erstaunt sah ich mir die Teile genauer an und bildete das genannte Wort langsam im Kopf nach. Es stimmte. Wahrscheinlich war es doch nicht so schwer, trotzdem, wie schnell er das herausgefunden hatte …

„Gehst du denn gerne ins Kino?“, fragte Laura wieder.

Mir fiel auf, dass sie heute besonders viele Fragen stellte. Andererseits hieß es, sie hatte Interesse an mir und dieser Gedanke gefiel mir.

„Ab und zu schon, wenn schöne Filme laufen, obwohl ich grundsätzlich Bücher lieber mag. Da habe ich mehr Freiheit, mir die Dinge vorzustellen, wie ich es möchte.“

Die Zeit verging wie im Fluge. So war es bereits nach acht Uhr, als ich mich innerlich endlich überredet hatte, aufzustehen. Zutiefst bedauernd - wenn es nach mir ginge, würde ich wahrscheinlich nie gehen wollen - begann ich meine Jacke anzuziehen.

„Ich fahre dich nach Hause“, beschloss Daeren kurzerhand und holte seine Jacke von der Garderobe.

Mein Herz machte einen riesigen Sprung. Damit hätte ich nie gerechnet! Er wollte mich nach Hause bringen. Es hörte sich fast zu schön an, um wahr zu sein.

„Ich komme mit!“, rief Laura und wollte zur Garderobe laufen.

Daeren hielt sie am Arm fest. „Ich würde gerne mit dem kleinen Wagen fahren“, sagte er leise.

Ihre Blicke kreuzten sich kurz, dann nickte sie kaum merklich mit dem Kopf. Ich war etwas besorgt, ob sie verärgert wäre und atmete schuldbewusst auf - obwohl ich Laura sehr mochte, hatte ich in dem Moment doch insgeheim gehofft, mit ihm alleine zu fahren - als sie sich lächelnd zu mir wandte, um sich von mir zu verabschieden.

Draußen öffnete sich gleich eines der Garagentore, auf das Daeren zielstrebig zusteuerte. Ich hatte keine Ahnung von Autos, doch der sportlich aussehende zweisitzige dunkle Wagen vor mir sah selbst für meine Augen teuer aus. Die Sitze überzog cremefarbenes, unglaublich weiches Leder und der Innenraum blitzte vor Sauberkeit. Er erkundigte sich nach meiner Adresse und gab die Daten ins Navigationsgerät ein.

Viel zu schnell kamen wir bei mir zu Hause an.

„Danke, dann bis morgen“, sagte ich mit Bedauern.

„Dora, ich hole dich morgen wieder ab, wäre dir um zehn recht?“, fragte er mit seiner typischen sanften Stimme.

Mit vor Freude zum Bersten gefülltem Herzen brachte ich keinen Ton hervor und nickte nur. Der Wagen blieb stehen, bis die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Ich beobachtete durch die Glasscheibe der Eingangstür, wie er wendete und davonfuhr. Mein Gesicht glühte. Ich war mir hundertprozentig sicher, in meinem Leben nie glücklicher gewesen zu sein.

In der Wohnung eilte mir Mama entgegen. „Da bist du endlich, Dora. Ich wollte schon anrufen, wo du bleibst.“

Erschrocken fiel mir unser Vorhaben ein, heute mit Frank essen zu gehen. „Oh, es tut mir leid, Mama. Das habe ich ganz vergessen. Ist es zu spät oder können wir noch los?“, fragte ich schuldbewusst.

„Nein, zu spät sicherlich nicht, die heutige Jugend ist nachtaktiv, oder?“ Nachsichtig grinsend kam Frank aus dem Wohnzimmer.

Frank und ich verstanden uns gut. Vor allem teilte er meine Meinung, dass Mama manchmal zu besorgt um mich wäre. Er meinte, ich müsste mehr Freiraum bekommen, damit ich selbstständiger werde, und versuchte, Mama zu überzeugen, dass es langsam Zeit wäre, mich loszulassen.

Wir besuchten das neue indische Restaurant bei uns in der Nähe, wo wir unerwartet Mark mit seinen Eltern trafen. Kaum bekam Mama mit, um wen es sich handelte, bedankte sie sich bei ihnen mehrmals für den Computer und den Monitor und betonte, wie froh sie darüber sei.

Für Mama war es tatsächlich eine riesige Erleichterung gewesen, dass ich endlich einen Computer sowie jemanden hatte, der mir bei Problemen jederzeit helfen würde. Zwar hatte Frank ein paar Mal angeboten, einen Computer für mich zu besorgen. Bloß war Mama in dieser Hinsicht genauso unnachgiebig wie ich - das musste ich von ihr haben. Denn ohne besonderen Anlass uns etwas schenken lassen, dazu derartig Teures, das mochten wir gar nicht.

Frau Steiner grüßte uns ein wenig zu überschwänglich und ihr auf mich gerichteter Blick sprühte förmlich vor Neugier, aber sonst waren seine Eltern sehr nett.

Nach dem gestrigen üppigen Abendessen verspürte keiner von uns Hunger. So saßen wir am Morgen ausnahmsweise mal ohne Frühstück in der Küche zusammen, obwohl Mama frei hatte. Normalerweise begannen wir solche Tage mit einem ausgedehnten Frühstück mit frischen Brötchen vom Bäcker. Sie zählten zu meinen Lieblingstagen. Da hatten wir ausnahmsweise mal genügend Zeit, etwas gemeinsam zu unternehmen oder einfach gemütlich den Tag zu Hause zu verbringen. Das einzige, was das übertreffen konnte, war Tante Barbaras Besuch.

Mama und Frank genossen ihren allmorgendlich unverzichtbaren Kaffee, während ich mich mit Wasser begnügte. Auch wenn ich ihn nicht trinken mochte, den Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee liebte ich. Pünktlich um fünf vor zehn zog ich meine Jacke an.

Als ich gerade aus der Tür wollte, fragte Mama mich verwundert: „Ist es nicht ein bisschen zu früh? Ich dachte, du gehst sonst erst kurz nach.“

„Ähm, das stimmt schon, nur heute werde ich abgeholt. Also bis nachher“, erwiderte ich eilig und schloss die Tür hinter mir.

Bereits durch das eingerahmte Glas der Haustür sah ich ihn neben einem großen silberfarbenen Wagen stehen. Plötzlich fiel mir auf, dass ich ihn zum ersten Mal außerhalb der Villa traf.

Seine Wirkung auf mich war genau wie am ersten Tag. Längst hatte ich mich damit abgefunden, mich grundsätzlich in den ersten fünf bis zehn Minuten unserer Begegnungen wie nach einem anstrengenden Marathonlauf zu fühlen, und dass ich mich auch sonst nicht auf der Höhe meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit befand, aber heute schlug das Herz noch lauter. Heute bemerkte sogar ich ohne Lenas Hilfe, wie gut er aussah mit seinem goldgelben blonden Haar und seinen unvergleichlich tiefblauen Augen.

„Guten Morgen“, begrüßte er mich fast flüsternd.

Er sprach nie besonders laut und seine Stimme klang immer sanft. Es war, als ob die Stimme einen streicheln würde. Oft bekam ich allein deshalb Gänsehaut. Ich erwiderte seinen Gruß nur mit einem Lächeln. Wie gesagt, in den ersten Minuten unserer Begegnungen war ich selten in der Lage, mit ihm zu sprechen, und er schien sich daran gewöhnt zu haben.

Er hielt mir die Beifahrertür auf. Erst beim Einsteigen entdeckte ich Laura auf dem Rücksitz.

„Guten Morgen, Dora. Wir dachten, wir könnten heute zusammen zum Weihnachtsmarkt fahren. Wir kennen diese Art von Weihnachtsmarkt nicht und möchten ihn gerne mal besuchen. Ich hoffe, du hast nichts dagegen?“, fragte sie gut gelaunt.

In dem Moment wurde mir bewusst, wie unterschiedlich die beiden waren. Sie mit ihren dunklen Haaren und Augen, immer fröhlich und offen. Er dagegen hell und blauäugig, stets zurückhaltend, manchmal fast distanziert. Selbst wenn er lächelte, wirkte es eigentlich nie so fröhlich unbeschwert wie bei Laura. Ihre fröhliche Art übte auf mich eine stark beruhigende Wirkung aus, die mir half, mich trotz Daerens Anwesenheit halbwegs normal zu benehmen.

„Ich war auch lange nicht mehr dort. Es ist eine gute Idee“, stimmte ich ihrem unerwarteten Vorschlag erfreut zu. Den Tag länger als angenommen mit ihnen beiden zu verbringen, hob meine ohnehin glückliche Stimmung umso mehr.

Wir fuhren zum Ku´damm. Obwohl das Wetter ziemlich schlecht war - es nieselte leicht mit Schnee vermischt - schob sich eine große Besuchermasse dicht gedrängt zwischen Fahrgeschäften, wie Autoskooter oder Karussell, und den verschiedenen Buden, in denen allerlei typische oder auch untypische Weihnachtsartikel und Essbares angeboten wurden.

Zu dritt kauften wir eine Zuckerwatte und amüsierten uns über die klebrige, weiche Masse, die an unseren Fingern und sogar an unseren Haaren klebte.

„Das ist ja wie bei Kleinkindern. Schade, dass wir trotzdem nicht mit den Dingern fahren dürfen.“ Kichernd zeigte Laura auf das knalligbunt blinkende Karussell für die ganz Kleinen.

Wir kamen an einem Stand mit Mützen und Ohrenschützern vorbei, wo Laura unbedingt alle unterschiedlichen anprobieren wollte. Ihr stand einfach alles. Dabei erinnerte ich mich, sie beim ersten Mal ebenso hübsch gefunden zu haben. Also mit meinem Kopf ist doch alles in Ordnung, dachte ich irgendwie beruhigt. Seit der ersten Begegnung mit den beiden bezweifelte ich manchmal wirklich, ob ich noch richtig tickte.

„Welche soll ich nehmen? Die Rote mit Pünktchen oder lieber die Grüne, vielleicht doch lieber eine Unauffälligere?“ Fragend hob sie die Mützen, die sie in ihren Händen hielt, nacheinander hoch.

„Dir stehen sie doch alle gut, aber die Grüne passt zu deinem Mantel am besten, finde ich jedenfalls“, antwortete ich neidlos und schaute zu Daeren.

Er zuckte mit den Schultern, wirkte eher gelangweilt.

„Ihn darfst du nicht fragen, er hat grundsätzlich keine Meinung zu solchen Dingen. Wenn du die Grüne empfiehlst, nehme ich sie. Und was ist mit dir, willst du keine probieren?“

„Dora mag so was nicht“, sagte eine vertraute Stimme plötzlich neben mir.

„Lena!“

Überrascht drehte ich mich zur Seite und entdeckte sie breit grinsend mit Philip stehen.

„Ich habe euch schon von Weitem gesehen und gerufen, aber ihr habt mich nicht gehört. Ist das nicht toll, dass wir uns getroffen haben? Was wollt ihr noch machen?“, fragte sie mit strahlendem Gesicht.

„Ich weiß es nicht …“, erwiderte ich unsicher und wandte mich fragend Laura und Daeren zu.

Laura schlug vor, gemeinsam etwas Warmes trinken zu gehen. So befanden wir uns wenig später in einem Cafe bei Cappuccino und heißer Schokolade.

„Ist ja lustig, ihr drei Volljährigen trinkt Cappuccino und Dora und ich Schokolade“, stellte Lena belustigt fest.

„Du bist halt ein Küken“, erwiderte Philip neckend.

„Oh, nimm das zurück“, forderte Lena laut und schlug ihn mit ihrer Faust, dabei lachte sie.

„Aufhören, das tut ja weh!“, jammerte Philip. „Irgendwann hilft der Welpenschutz auch nicht weiter!“

„Was? Welpenschutz?“, rief sie empört und hämmerte mit beiden Fäusten auf ihn ein.

Er hielt ihre Hände mit seinen fest und klagte theatralisch. „Tsts, gewalttätige Frauen, wer beschützt uns, die hilflosen und harmlosen Männer, vor weiblicher Gewalt?“ Dann gab er ihr einen Kuss auf den Mund.

Schlagartig wurde mir klar, was mit mir los war, mit Daeren. Ich war einfach verliebt in ihn. Und sicher sehr heftig. Ich hatte mich geistig nie zu den ICEs gezählt, aber wähnte mich bislang in der Nähe eines Regionalexpresses. Dabei stand ich wohl eher auf dem Abstellgleis! Diese banale Tatsache beruhigte und enttäuschte mich gleichzeitig. Irgendwie schien ich der Sache mehr Bedeutung beigemessen zu haben, vielleicht etwas gar Mystisches … Aber wenn es um Millers ging, verhielt ich mich sowieso nicht normal. Ich schämte mich ein wenig für meine bisherigen lächerlichen Gedanken und wandte mich den Gesprächen der anderen zu.

Es war ein netter Nachmittag. Selbst Daeren sprach mehr als sonst und als wir aufbrachen, verabredeten wir uns alle für den nächsten Samstag zu einem Kinobesuch.

In der Villa angekommen, stellte Laura nachsichtig lächelnd fest: „Lena und Philip sind ganz nett. Ich fand richtig süß, wie verliebt die beiden waren.“

„Ja, sie hat seit Längerem von ihm geschwärmt. Umso mehr freue ich mich, dass er sie genauso lieb hat. Sie ist auch ein wirklich nettes Mädchen. Sie passen gut zusammen“, meinte ich ehrlich. In dem Moment keimten in mir Zweifel auf, ob sich jemals zwischen Daeren und mir eine solche Beziehung entwickeln könnte.

Als er mich wieder allein mit dem Zweisitzer nach Hause brachte, fragte ich ihn zaghaft, warum er es tat.

Er starrte vorbei an meinem Gesicht aus dem Fenster. „Gefällt es dir nicht? Wenn es dir unangenehm ist, lasse ich es sein“, sagte er nach ein paar Augenblicken später leise. Seine Stimme klang irgendwie anders als gewohnt.

„Nein, so meinte ich es nicht!“, widersprach ich erschrocken. „Es ist unheimlich lieb von dir. Es ist nur … du machst so viel für mich, und ich weiß nicht, was ich dafür tun soll.“

Ein breites Lächeln überzog sein Gesicht. „Darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Ich habe zurzeit nichts zu tun. Außerdem fahre ich gerne Auto. Das ist also eher ein Spaß für mich“, versicherte er mit ganz sanfter Stimme. Dabei blickten seine Augen mich so warm an, dass ich alles andere vergaß und ihn bloß einfältig angrinste.

Mama wartete mit dem Essen auf mich.

„Du wurdest wohl mit einem großen Benz abgeholt. Ist er etwa der Sohn von Frau Miller?“

Sie gab sich Mühe, ihre Stimme so beiläufig wie möglich klingen zu lassen. Vergebens. Denn ich kannte Mama gut genug, um ihre Stimme einzuschätzen. Wenn sie sich so anhörte wie eben, hieß es im Klartext, sie würde gern über ihn genau Bescheid wissen. Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich ihr nichts erzählen. Ich hätte auch nicht gewusst wie. Was sagte man seiner eigenen Mutter, wenn man unsterblich verliebt war?

„Woher weißt du, mit welchem Auto ich abgeholt wurde?“, fragte ich zurück.

„Ach, Frank hat zufällig aus dem Fenster geguckt“, antwortete sie etwas verlegen.

Zufällig? Das glaubt sie wohl selber nicht, dachte ich amüsiert. „Ja, seine Schwester Laura war ebenfalls dabei und wir haben uns mit Lena und Philip auf dem Weihnachtsmarkt getroffen und nächste Woche gehen wir zusammen ins Kino. Sie langweilen sich hier, weil sie keinen kennen“, erzählte ich so knapp wie möglich und versuchte das Gesprächsthema zu wechseln. „Übrigens, habt ihr schon gebucht?“

Und das klappte. Eigentlich beabsichtigten Mama und Frank über die Weihnachtsferien wegzufahren. Genau genommen wollte Frank es gerne. Also plante er, während Mama mit ihrer Entscheidung schwankte, eine noch 15-Jährige über den Jahreswechsel eine volle Woche allein zu lassen. Aber Frank und ich hielten in dieser Hinsicht wie Pech und Schwefel zusammen. Gegen uns beide kam sie mit ihren Bedenken und ihrem Widerstand nicht an und wir waren uns einig, niemals nachgeben zu wollen.

Seufzend berichtete Mama, dass Franks Freund, der eine gute Beziehung zu einem Reiseunternehmen pflegte - wer so kurzfristig beabsichtigte, über Silvester zu verreisen, brauchte entweder Glück oder Beziehungen - ihnen leider bloß eine zehntägige Reise nach Teneriffa bieten konnte.

„Das ist ja super! Teneriffa! Dort kannst du immer noch baden. Wann geht’s los?“ fragte ich begeistert.

„Dora, wir haben nicht gebucht. Ich finde es zu lang.“

„Was? Wieso zu lang? Eine Woche ist doch sowieso zu kurz!“, protestierte ich. Nur meinetwegen wollte sie darauf verzichten, das wusste ich genau. „Was sagt Frank dazu? Kann nicht sein, dass er damit einverstanden ist!“, regte ich mich auf.

„Er ist natürlich deiner Meinung. War ja nicht anders zu erwarten. Trotzdem Dora, du bist erst 15!“, sagte sie störrisch.

„Mama, ich bin nächstes Jahr für ein ganzes Jahr weg. Da bin ich auch nicht viel älter als jetzt“, erinnerte ich sie verzweifelt. „Du musst mehr Vertrauen zu mir haben. Wenn nicht mal du, wer dann?“

Damit traf ich sie am empfindlichsten Punkt. Sie konnte nicht ertragen, dass ich glaubte, sie hätte kein Vertrauen zu mir. Kaum stellte ich ihre Unsicherheit fest, nahm ich sofort die Chance wahr und rief Frank an. Schließlich schafften wir mit vereinten Kräften, sie zu überreden und ich ging zufrieden ins Bett.

Am Montag traf ich bei Lena ein, um dort zu übernachten.

Lenas Mutter Katrin umarmte mich erfreut. „Hallo, Dora, schön, dich mal wiederzusehen. Du warst lange nicht da.“

Katrin war eine herzliche Frau und da sie als Lehrerin häufiger zu Hause sein konnte, hatte ich früher die Ferien oft bei Lena verbracht. Besonders in der Zeit, als Mama wieder anfing, im Nachtdienst zu arbeiten, hatte sie mich mit einer Selbstverständlichkeit bei ihnen übernachten lassen, für die Mama ihr unendlich dankbar war. Katrin wiederum wurde nie müde zu betonen, welch eine positive Wirkung ich auf Lena ausübte.

„Ist meine Schuld“, gab Lena ein wenig zerknirscht zu.

„Nein, ich hatte in letzter Zeit viel zu tun“, verteidigte ich sie.

Katrin schaute uns beide liebevoll an. Für mich war Katrin fast wie eine richtige Tante und ich fühlte mich bei ihnen stets willkommen. Bei Lena hatte ich sogar eigene Bettdecken, Schlafanzüge, Zahnbürste und Handtücher.

Ihr Vater Peter schaffte rechtzeitig zum Abendessen nach Hause zu kommen, was selten passierte - er kannte keinen festen Dienstschluss, weil die Dauer der OPs oftmals nicht voraussehbar war - und wir vier erzählten wie früher beim Essen über alles Mögliche. Genau das mochte ich bei Lena besonders. Sie verkörperten für mich die perfekte Familie, die ich selbst gerne gehabt hätte. Ihr Vater scherzte häufig und nahm vieles nicht so ernst.

„Schön, dass wir zur Abwechslung Dora hier haben. Seit einiger Zeit haben wir ja ein neues Adoptivkind“, sagte Peter und zwinkerte mir schelmisch zu.

„Ein neues Adoptivkind, ihr?“, wiederholte ich verdattert seine Worte.

„Ach, Papa, du übertreibst ja mal wieder maßlos“, widersprach ihm Lena lachend. „So oft ist er gar nicht hier.“

„Nein, überhaupt nicht, er kommt schon morgens, dann nach der Schule, dann bis spätabends … Oh, es stimmt, ihr seid manchmal bei ihm“, erwiderte er unschuldig.

Nun verstand ich, was er meinte, und grinste breit.

Katrin warf Lena einen verständnisvollen Blick zu, bevor sie sich zu ihrem Mann wandte. „Es ist völlig normal in dem Alter. Wir wären nicht anders gewesen. Wir durften bloß nicht.“

„Na ja, ich finde, es ist genauso normal, wenn der Vater so redet, oder?“, konterte er, aber sein auf Lena gerichteter Blick war liebevoll.

Wie sonst auch, wenn wir zusammen im Bett lagen, flüsterten Lena und ich noch ziemlich lange.

„Ach, Dora, ich bin so glücklich. Philip ist wirklich ein Schatz. Er versucht mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Er gibt sich wahnsinnig viel Mühe. Abends lässt er mich nie alleine gehen, eigentlich bringt er mich auch tagsüber meistens nach Hause“, schwärmte sie mit leuchtenden Augen.

Ich betrachtete sie amüsiert. Schon immer geriet sie schnell ins Schwärmen. Dennoch fühlte ich, dass es diesmal anders war. Vielleicht, weil es mir nun leichter fiel, ihre Gefühle nachzuvollziehen.

„Jetzt erzähl’ du mal, was habt ihr gestern noch gemacht?“

„Das Übliche, zurück in die Villa, die Daten eingetragen, Klavier geübt, dann hat er mich nach Hause gebracht.“

„Er hat dich nach Hause gebracht? Allein?“, betonte Lena und setzte sich aufgeregt hin.

„Ja, allein“, bestätigte ich ergeben.

Im Grunde war von Lena keine andere Reaktion zu erwarten gewesen.

„Dann hat er dich wohl lieb!“, glaubte sie begeistert zu wissen. Plötzlich hielt sie inne, schaute mich gespannt an. „Sag mal, habt ihr etwa schon geküsst?“

„Nein!“, rief ich empört. „Wir sind nur befreundet. Er fährt gerne Auto und langweilt sich hier.“

„Aber du willst doch mehr!“, hielt sie überzeugt dagegen.

Es überraschte mich, wie schlicht und einfach sie meinen, bis vor kurzem mir selbst nicht richtig bewussten Wunsch offenlegte.

„Ist das so offensichtlich?“, fragte ich entsetzt.

„Das weiß ich nicht. Ich kenne dich halt sehr lange. Außerdem ist es doch nicht schlimm, wenn das so wäre“, meinte sie verständnislos.

Schlimm! Schlimm wäre kein Ausdruck dafür. Es wäre der Weltuntergang.

„Dora, du nimmst alles zu ernst. So wie ich dich kenne, wäre es sogar besser, wenn er wüsste, wie du zu ihm stehst. Du traust dich doch nie im Leben, ihm das zu sagen“, versuchte sie mich zu trösten, als sie meinen Gesichtsausdruck sah, und lächelte mich aufmunternd an.

„Lena, ich glaube nicht, dass ich überhaupt Chancen bei ihm habe. Er ist einfach zu perfekt“, gestand ich mutlos. Spätestens jetzt, wo ich die Dinge beim Namen nennen musste, erkannte ich, wie unrealistisch mein Wunsch sich anhörte.

„Das weiß man nie. Natürlich sieht er wahnsinnig gut aus, aber du wärest deutlich hübscher, wenn du etwas mehr aus dir machen würdest. Zum Beispiel könntest du deine doofe Brille endlich mal gegen Kontaktlinsen tauschen. Die sind jetzt gar nicht mehr teuer. Das Schönste an dir sind doch deine Augen und gerade die versteckst du!“, ereiferte sich Lena.

Sie ist immer so lieb und optimistisch, dachte ich dankbar. Auch wenn es objektiv betrachtet nicht gerade der Realität entsprach, tröstete mich ihr Spruch trotz allem irgendwie. Nachdem Lena mir zahlreiche weitere Schönheitstipps für ein vorteilhafteres Aussehen gegeben hatte, die nach ihrer Meinung alle Mädchen anwendeten, schliefen wir irgendwann doch ein.

In den nächsten Tagen achtete ich sorgfältig darauf, mich Daeren gegenüber möglichst neutral zu verhalten. Zwar kostete es fast übermenschliche Anstrengungen, aber meine Angst, er könnte meine wahren Gefühle für ihn entdecken, war noch größer.

Gemeinsam mit Philip, der ohnehin zur Villa kam, um Lena abzuholen, fuhren wir wie verabredet ins Kino. Trotz des lauten Protests von Philip entschieden wir uns für einen Liebesfilm, weil Lena ihn unbedingt sehen wollte und wir keine anderen Vorschläge hatten.

Ohne Reservierung bekamen wir erwartungsgemäß keine fünf Plätze nebeneinander, so dass Lena und Philip zwei Reihen schräg vor uns dreien sitzen mussten.

Die Lichter gingen aus und in der Dunkelheit sah ich, wie Lena sich an Philip kuschelte und er seinen Arm um sie legte. Dieser Anblick erweckte plötzlich in mir ein starkes Verlangen, mich an Daeren zu lehnen, ihn zu berühren. Verwirrt, vor allem erschrocken über meine eigene, bis dahin ungekannte Gefühlsregung, versuchte ich ein Stück von ihm wegzurücken, was mir unerwartet schwerfiel. Es fühlte sich an, als ob ich zu einem Stück Metall mutiert wäre, das sich von der Anziehungskraft eines mächtigen Magneten befreien wollte. Meine Angst, ihn irgendwie doch zu berühren, wuchs dermaßen, dass ich mich während der ganzen Zeit krampfhaft bemühte, einen möglichst großen Abstand zwischen uns zu halten.

Der Film dauerte eine Ewigkeit und von der Handlung bekam ich kaum etwas mit. Als dann endlich der Abspann lief, standen Laura und Daeren sofort auf. Inzwischen waren meine Beine und Füße wegen der anstrengenden Haltung komplett eingeschlafen, so dass sie mich hinderten, ihnen zu folgen. Notgedrungen gab ich vor, noch etwas zu suchen. Erst als der Saal fast leer war, schaffte ich mühsam aufzustehen.

Im Foyer kam Lena mir eilig entgegen. „Dora, was hast du? Du bist total blass!“, rief sie erschrocken.

„Es geht mir gut. Es war die … stickige Luft.“

„Hast du inhaliert?“, fragte sie prompt besorgt.

„Lena, du weißt doch, ich hatte schon lange keinen Anfall mehr“, erinnerte ich sie und fügte hastig hinzu, als sie wieder den Mund aufmachen wollte. „Außerdem habe ich inhaliert.“ Ich wollte nicht, dass die anderen, die hinterherkamen, mithörten, worüber wir sprachen. Trotzdem war es zu spät.

„Anfall? Was meint ihr damit?“, fragte Philip.

„Dora hat Asthma“, antwortete Lena kurz.

„Nein, ich habe keine Probleme damit, weil ich gut eingestellt bin. Es war nur die stickige Luft“, entschied ich energisch.

Eigentlich fragte Lena immer, wenn ich krank aussah, ob ich inhaliert hätte; schließlich hatte sie die Anfälle ein paar Mal miterleben müssen, als wir jünger waren. Das hatte ich noch nie gemocht. Aber heute erst recht nicht, weil Laura anfing sich zu entschuldigen.

„Das habe ich nicht gewusst. Es tut mir leid, dass wir einfach vorher gegangen sind. Ich dachte, du suchst noch was.“ Sie wirkte aufrichtig bekümmert.

Ich wiederholte und versicherte nachdrücklich, im Gegensatz zu früher dank der regelmäßigen Inhalation keine Probleme mehr zu haben.

„Das heißt, du musst ständig inhalieren und, wenn du es nicht tust oder vergisst, bekommst du Atemnot. Habe ich das richtig verstanden?“, wollte Laura in leicht entsetztem Tonfall wissen.

„Nein, nicht zwangsläufig. Es heißt eher, ich könnte welche bekommen, wenn ich es nicht tue, aber da ich es nie vergesse, kann mir auch nichts passieren“, sagte ich zuversichtlich.

„Was heißt eigentlich Atemnot, kriegt man dann keine Luft mehr?“, fragte diesmal Philip.

„Nein, bei einem Asthmaanfall, hat der Patient ein Problem mit der Ausatmung“, erklärte nun Lena. „Das heißt, er atmet ein und ein, hat aber Mühe die Luft wieder auszuatmen. Was dann passiert, kannst du dir ja vorstellen.“

Vor Jahren besuchte ich mal eine Kinderasthmaschulung. Von dort brachte ich mehrere kindgerecht und interessant gestaltete Informationsbroschüren mit, die Lena gerne mit mir zusammen angeschaut hatte. Außerdem litt ich damals stärker unter der Krankheit und die Inhalationsgeräte sahen wesentlich auffälliger aus als die heutigen. Lena war davon beeindruckt gewesen und hatte manchmal gefragt, ob sie es wenigstens einmal probieren dürfte.

„Was ist, gehen wir noch zu McDonald’s?“, versuchte ich laut abzulenken, um dieses Thema zu beenden. „Ich habe Hunger.“

Daeren sprach den ganzen Abend kaum. Als er mich später bei mir absetzte, stieg er mit aus und brachte mich bis zur Eingangstür.

„Also dann, bis morgen um zehn oder lieber später?“, fragte er leise.

„Zehn ist in Ordnung“, antwortete ich schnell. Auch wenn es manchmal fast körperlich weh tat, wollte ich ihn so früh wie möglich wiedersehen.

„Dann schlaf schön“, flüsterte er. Irgendwie klang seine Stimme belegt.

Den letzten Samstag, an dem die Untersuchung stattfand, ließ Frau Miller uns mit den Kindern alles Mögliche spielen, von Dosen werfen bis Mensch-ärgere-dich-nicht, Blindekuh und so weiter. Aufmerksam beobachteten Laura, Daeren und Frau Miller die Kinder und machten dazu viele Notizen. Die große Überraschung war, dass wir alle, also die Kinder, Lena und ich Weihnachtsgeschenke bekamen, die wir erst am Heiligabend auspacken sollten.

Lena fragte Laura und Daeren, ob sie Lust hätten, an ihrem 16. Geburtstag vorbeizuschauen. „Ich habe das Glück, immer an meinem tatsächlichen Geburtstag zu feiern, weil alle Zeit haben.“

Sie hatte am 27. Dezember Geburtstag, was bedeutete, dass er stets zuverlässig in den Ferien lag, zudem kurz nach Weihnachten, wenn kaum einer verreist war.

„Ich würde mich riesig freuen, wenn ihr kommen könnt. Abends gehen wir noch in den Club, das darf ich dann endlich“, fügte sie strahlend hinzu.

Tanzen mochte ich nicht. Wahrscheinlich, weil ich nicht sportlich war. Bloß konnte ich mich ausgerechnet bei Lenas Geburtstag kaum davor drücken. Da fiel mir plötzlich ein. „Lena, ich darf aber noch nicht.“ Meine Stimme klang ungewollt hoffnungsvoll.

„Daran habe ich auch gedacht“, erwiderte sie wissend. „Irgendwie kriege ich das trotzdem hin. Brauchst dir keine Hoffnungen zu machen.“

Nachdem Laura und Daeren ihr zugesagt hatten, verließ sie die Villa mit Philip, der sie selbstverständlich wieder abgeholt hatte. Damit endete für sie die Zeit der regelmäßigen Besuche in der Villa. Was für ein Glück, dass mir eine so wunderbare Alternative geboten wurde, weiterhin den Kontakt aufrechtzuerhalten, dachte ich zutiefst dankbar.

„Über Weihnachten muss ich zu Hause bleiben. Erst kommt meine Tante uns besuchen, dann feiern wir mit Franks Familie. Am 27. Dezember, also erst zu Lenas Geburtstag, sehen wir uns wieder, weil ich vorher noch meine Mama zum Flughafen begleite“, teilte ich betrübt mit, während wir zu dritt bei einer Tasse Tee zusammen saßen.

Meine alljährliche Freude über Weihnachten mit Tante Barbara, deren Besuche die Höhepunkte meiner gesamten Kindheitserinnerungen bildeten, war zum ersten Mal zwiespältig. Trotz meiner aufrichtigen Freude, sie zu sehen, schmerzte es mich, fast eine Woche auf die Treffen mit Laura und Daeren zu verzichten. Gut, wenn ich ehrlich war, Laura könnte ich im Gegenzug für Tante Barbara eine Weile entbehren, aber ihn …

„Oh, das ist schade“, bedauerte Laura, fügte dennoch verständnisvoll hinzu. „Aber mit Franks Familie zu feiern, ist sicherlich wichtig.“

Ich hatte bereits häufig über Mama und Frank gesprochen. Ohnehin erzählte ich ihnen mehr als allen anderen Menschen.

„Also morgen kommst du noch mal, oder?“, fragte Laura.

„Ja, natürlich. Wir können morgen auch weggehen, wenn ihr wollt“, antwortete ich und hob betont zufrieden hervor. „Ich habe jetzt Ferien.“

Am nächsten Morgen fuhren wir spontan nach Potsdam, um das ungewöhnlich schöne Wetter im Park Sanssouci auszunutzen. Auch wenn er von Gleichgesinnten gut besucht war, wimmelte es lange nicht so von Menschen wie in den Sommermonaten. Ich nahm mir vor, Mama davon zu berichten. Sie mochte solche Anlagen, klagte aber zunehmend, dass es für ihren Geschmack zu überfüllt war. Stundenlang liefen wir durch den Park und genossen einen der seltenen sonnigen Tage.

Am Abend, als Daeren mich zu Hause absetzte, wäre ich am liebsten gar nicht ausgestiegen. Nun sahen wir uns fast eine Woche nicht. Das kam mir wie eine Ewigkeit vor. Wie in der letzten Zeit gewohnt, stieg er mit aus, um mich bis zur Tür zu begleiten.

„Ich wünsche dir schöne Weihnachten, und das ist für dich.“ Aus seiner Jackentasche holte er ein kleines rechteckiges Päckchen, das er mir reichte.

„Ich habe nichts für dich. Ich wusste einfach nicht, was ich dir schenken sollte“, gab ich mit vor Freude glühendem Gesicht beschämt zu. Ich hatte nach langem Überlegen frustriert aufgegeben, etwas für die Millers zu besorgen. Denn, was schenkte man Menschen, die scheinbar im Geld schwammen?

„Es ist nichts Besonderes. Also mach dir nichts daraus“, erwiderte er sanft. Mit einem warmen Lächeln, das mich umso mehr strahlen ließ, strich er unerwartet leicht über meine Wange und ging.

Es war wie ein elektrischer Schlag, der mir sofort durch den gesamten Körper lief und ein Glücksgefühl auslöste, von dem ich zuvor nicht einmal etwas geahnt hatte. Als ich in meinem Zimmer ankam, hatte ich immer noch Gänsehaut. Um diese Empfindung so lange wie möglich zu behalten, setzte ich mich vorsichtig aufs Bett, als ob es durch eine heftige Bewegung verschwinden würde. Behutsam legte ich meine Hand auf die Wange, die er berührt hatte. Das Glücksgefühl kehrte in gleicher Intensität zurück. Nun saß ich still da.

Wie gut, dass Mama heute Nachtdienst hat, dachte ich eine Weile später und nahm sein Geschenk in beide Hände. Mein Herz hüpfte vor Freude, während das wohlige Kribbeln weiterhin meinen ganzen Körper erfüllte. Langsam und verträumt glitten meine Finger über das Papier, das garantiert mein Leben lang aufgehoben würde. Mit größter Sorgfalt löste ich die Klebestreifen.

Eine CD mit Nocturnes für Klavier schaute aus dem Geschenkpapier hervor. Ich war überwältigt. Sie enthielt mein Lieblingsstück - den Liebestraum von Liszt - das er mir manchmal vorspielte. Möglichst leise ließ ich sie erklingen und schwebte im siebten Himmel.

Wie jedes Jahr zu Weihnachten traf Tante Barbara ein, um gemeinsam mit uns die Feiertage zu verbringen. Sie war die einzige Schwester meines Vaters und die einzige Verwandte, die ich noch hatte - Mama war, genauso wie ich, ein Einzelkind und leider lebten meine Großeltern nicht mehr. Dafür liebte sie mich für mindestens zehn Verwandte zusammen und versuchte ständig, mich mit Riesengeschenken und Geld zu verwöhnen.

Wenn Mama sich nicht so vehement dagegen gewehrt hätte, wäre ich ziemlich reich. Die einzige Ausnahme bildete der Amerikaaufenthalt im nächsten Jahr, bei dem Mama sich doch von ihr finanziell unter die Arme greifen ließ, worüber ich froh war.

„Hallo, Dora! Wie schön, dich zu sehen“, rief sie freudig und drückte mich fest an sich. Dann schob sie mich ein Stück von sich weg, um mich genau unter die Lupe zu nehmen. „Ich sehe, du entwickelst dich, du bist ja viel hübscher geworden“, befand sie höchst zufrieden. „Vor allem wie deine Augen leuchten, die sind wirklich wunderschön.“

„Ja, schon mal gehört, Liebe macht blind oder so. Du bist mir gegenüber voreingenommen. Für dich bin ich sowieso das beste Mädchen der Welt“, neckte ich sie. Dennoch tat mir ihr Kompliment so gut, dass ich breit grinsend ihre Tasche ins Wohnzimmer brachte.

Da sie als leitende Angestellte in einer großen international agierenden Bank arbeitete, war sie oft unterwegs, weshalb wir uns leider selten sahen. Sie hatte keine eigene Familie und meinte, eine Frau, die Karriere machen will, hätte dafür keine Zeit. Aber ich erinnerte mich an ein Gespräch vor einigen Jahren zwischen ihr und Mama, das ich zufällig belauscht hatte.

„Barbara, du solltest langsam eine eigene Familie gründen. Du bist nicht mehr die Jüngste“, schlug Mama vorsichtig vor.

„Wozu brauche ich eine eigene Familie, wo ich dich und Dora habe?“ In ihrer Stimme schwang sofort eine gute Portion Trotz und eine gewisse Abwehrhaltung mit.

„Das ist etwas anderes“, wandte Mama ein.

„Für mich nicht. Meine Arbeit macht mir Spaß, ich komme viel rum. Warum sollte ich mir einen Stein ans Bein binden? Mit einer Familie lässt sich so etwas kaum vereinbaren. Das weißt du selber“, konterte sie ungeduldig.

„Trotzdem. Wenn du älter wirst … und deine Meinung änderst, dann ist es zu spät. Eine Frau kann nicht ewig ein Kind bekommen“, gab Mama vorsichtig zu bedenken.

„Genau das will ich ja nicht“, entgegnete sie knapp.

„Und genau das verstehe ich nicht. Ich sehe doch, wie lieb du Dora hast“, meinte Mama aufrichtig verwundert.

„Sandra, deshalb ja. Ich möchte nicht, dass mein Kind ohne einen Vater oder eine Mutter aufwächst. Jeder Blinder merkt, wie schwer du und Dora es ohne Günther habt. Das möchte ich weder mir noch meinem Kind zumuten.“

Kurze Stille folgte.

„So etwas passiert nicht jedem“, klang Mamas Stimme etwas heiser.

„Natürlich nicht. Nur leidest du immer noch unter seinem Tod, nach fünf Jahren! Das könnte ich nicht ertragen. Außerdem bin ich, wie gesagt, hochzufrieden mit meinem Leben. Beruflicher Erfolg ist ein guter Ersatz. Und nun möchte ich wirklich nicht mehr darüber sprechen.“

Dann erklang das Geräusch eines energisch gerückten Stuhls.

Wir saßen im Wohnzimmer zusammen. Wie üblich forderte Tante Barbara mich auf, alles zu berichten, was in der letzten Zeit passiert war.

„Soso, Lena hat einen Freund. Na ja, ist das Alter. Und wie sieht es bei dir aus?“, fragte sie interessiert.

„Ich habe keinen“, antwortete ich kurz angebunden und wechselte schnell das Thema.

Im Gegensatz zu ihrer sonstigen Art bohrte sie nicht weiter nach und wir sprachen über den bevorstehenden Urlaub von Mama und Frank.

Am nächsten Morgen jedoch hörte ich - ich hatte in der Nacht meine Zimmertür entgegen meiner sonstigen Gewohnheit einen Spalt weit offen gelassen, weil die Luft stickig war - wie sie leise über mich in der Küche redeten.

„Ich glaube, Dora ist verliebt, stimmt’s?“, fragte Tante Barbara überzeugt.

Leise stand ich auf, schlich mich zur Tür und spitzte meine Ohren, um sie besser verstehen zu können.

„Ja, sogar heftig“, stimmte Mama seufzend zu.

„Das ist völlig normal in dem Alter“, verteidigte mich Tante Barbara wie auf Abruf.

„Verlieben an sich schon. Ich mache mir Sorgen, weil der Junge, was heißt Junge, der junge Mann - ist wohl schon 18 - nicht zu ihr passt“, erklärte Mama betrübt.

„Wieso nicht?“, hakte Tante Barbara überrascht nach.

„Seine Eltern sind reiche Amerikaner. Die Mutter besitzt hier eine riesige Villa, weil sie aus einer reichen deutschen Familie stammt. Die Kinder - also er hat noch eine Zwillingsschwester - besuchten ein Privatinternat und jetzt sind sie hier, um ein wenig von Europa zu sehen, bevor sie anfangen zu studieren. Er fährt mit mehreren teuren Autos, spielt ausgezeichnet Klavier und soll dazu noch außergewöhnlich gut aussehen. Das habe ich übrigens von Katrin erfahren - wie du gestern mitbekommen hast, Dora erzählt nichts. Das passt einfach nicht.“

„Wie hat sie ihn überhaupt kennengelernt?“, wollte Tante Barbara erstaunt wissen. „Nach meiner Erfahrung bleiben solche Leute unter sich.“

„Die Mutter untersuchte für irgendeine wissenschaftliche Arbeit die Kindergartengruppe von Lenas Cousine. Dabei haben sich Lena und Dora mit den Kindern beschäftigt. Es hat den beiden viel Spaß gemacht und die Frau scheint auch sehr nett zu sein, denn sie hat Dora angeboten, ihr Klavierunterricht zu geben. Dafür sollte Dora ihr helfen, die Daten der Kinder einzutragen. Dora meint, es ist eine einfache Arbeit und es macht ihr Spaß, Klavier spielen zu lernen. Jedenfalls ist sie deshalb dauernd bei ihnen.“

Ein kurzes Schweigen trat ein. „Hm, im Grunde hast du nicht Unrecht. Aber in dem Alter vergeht so was schnell wieder“, versuchte Tante Barbara Mama zu beruhigen.

„Es ist nicht in erster Linie der Umstand, dass er nicht zu ihr passt, sondern mein ungutes Gefühl. Ich habe Angst, sie könnte zu sehr leiden. Weißt du, sie kommt nach mir und ich fürchte, sie nimmt sich die Dinge zu Herzen. Es kann einfach nicht gut gehen.“

„Ach, Sandra, mach dir nicht zu viele Gedanken“, sagte Tante Barbara aufmunternd. „Ändern können wir eh nichts. Die Kinder müssen und werden eigene Erfahrungen machen und das gehört zum Erwachsenwerden. Manchmal ist es halt schmerzlich, aber das geht vorbei. Glaube mir, ein bisschen von meinem Blut hat sie auch.“

„Das hoffe ich.“ Mamas Stimme klang wenig überzeugt, dennoch sprach sie nicht weiter.

Überrascht stand ich eine Weile an der Tür und dachte über Mama nach. Eine Mutter ließ sich wohl nichts vormachen, stellte ich verblüfft fest und nahm mir gleichzeitig vor, ihr keinen Kummer zu bereiten.

Obwohl ich ihn schmerzlich vermisste, verflogen die Tage mit Tante Barbara im Nu und als sie am zweiten Weihnachtsfeiertag wieder wegfuhr, war ich traurig. Den Tag sollten wir zum ersten Mal mit Franks Familie verbringen. Frank hatte eine relativ große Familie, seine Eltern, eine verheiratete Schwester mit zwei kleineren Kindern und einen Bruder, ebenfalls verheiratet, mit zwei größeren Kindern.

Er holte uns mit seinem Auto ab. Trotz des regen Feiertagsverkehrs kamen wir gut durch, so dass wir 20 Minuten früher eintrafen. Umso überraschender war es, alle anderen Familienmitglieder bereits vollzählig versammelt zu sehen. Seine Eltern empfingen uns herzlich. Ich mochte sie und war froh, wenigstens sie vorher ein paar Mal getroffen zu haben.

Nach der Begrüßung setzte ich mich zu den älteren Kindern, die etwa in meinem Alter waren.

„Wie alt bist du?“, fragte mich sofort das Mädchen neben mir, das Anna hieß.

„Ähm, 15 und du?“

„Ach, dann bist du älter als ich. Ich bin zwölf und Alex ist 16.“ Missbilligend zeigte sie auf ihren Bruder, der mit einem Nintendo DS beschäftigt war und lästerte. „Den hat er zu Weinachten bekommen und seitdem ist er nicht mehr ansprechbar.“

„Also wirklich Alex, du könntest mal aufhören und dich mit Dora unterhalten“, ermahnte seine Mutter ihn.

„Ja, gleich“, erwiderte er uninteressiert, während sein Blick fest auf das Spiel konzentriert blieb.

Daraufhin erteilte Franks Schwester, die ihren kleinen Sohn Marius auf dem Schoß hielt und ihn fütterte, ihrer Schwägerin einen Ratschlag. „Ihr seid zu nachgiebig. Ihr müsst strenger sein. Der spielt den ganzen Tag nur mit solchen Dingern.“

„Ach, lass ihn, es sind Ferien“, mischte sich Frank gutmütig ein. „Außerdem sind die meisten in dem Alter so.“

„Also wir waren anders“, widersprach sie prompt.

„Ihr hattet so was ja auch gar nicht“, konterte Alex ohne seine Augen vom Spiel zu lösen.

„Na und, wir wären trotzdem ganz anders gewesen. Den ganzen Tag! Da verblödet man doch!“, sagte sie aufgebracht.

„Aber die meisten in seinem Alter spielen halt mit solchen Sachen“, verteidigte ihn seine Mutter. „Und er hat das gerade erst zu Weihnachten bekommen.“

Sie schnaubte hörbar entrüstet und kratzte energisch mit dem Löffel, nach dem Marius ständig mit seinen Brei verschmierten Händen grabschte, den letzten Rest aus der Schüssel und stopfte ihm den Brei in den Mund. Marius begann etwas vor sich hinzubrabbeln, wobei mindestens die Hälfte wieder aus seinem Mund floss.

„Marius bist du satt?“, murmelte sie, strich den Brei auf den Löffel und schob ihn in ihren eigenen Mund.

Anna stupste mich mit ihrem Ellenbogen in die Seite und verzog angewidert das Gesicht. Vorsichtig grinste ich zurück.

Nachdem sie Marius auf den Boden gestellt hatte, wandte sie sich zu ihrer Schwägerin. „Das ist kein Argument, nur weil die anderen es auch tun. Eigentlich müsstet ihr ihm solche Dinge verbieten, sonst wird aus ihm nichts.“

„Deine Kinder sind noch klein. Du wirst sehen, wie es ist, wenn sie größer werden. Außerdem sind diese Art von Spielen gar nicht so schlecht, wie du glaubst und er spielt normalerweise sowieso nicht den ganzen Tag!“, entgegnete Alex’ Mutter nun etwas heftiger. Dabei folgten ihre Augen Marius, der vor sich hin brabbelnd mit seinen verklebten Händen an der Tischdecke zerrte.

„Nana, wir wollen uns doch nicht über Kindererziehung streiten. Also ich finde, Alex entwickelt sich gut. Außerdem Susanne, früher haben wir dafür viel gelesen“, sagte Frank beschwichtigend und versuchte die Hände von Marius mit einer Serviette sauber zu wischen.

„Lesen bildet ja im Gegensatz zu diesen …“

„Wisst ihr“, unterbrach sie Franks Mutter, und tupfte vorsichtig mit einem nassen Lappen Marius Hände und die Tischdecke sauber. „Als ich in dem Alter war, hielten viele Lesen auch nicht für gut. Vor allem Romane galten als Zeitverschwendung. Die Zeiten ändern sich und solange man nicht zu sehr übertreibt, ist doch alles in Ordnung. So, jetzt wollen wir essen. Helft ihr mir beim Reintragen?“

Sogleich sprang Mama von ihrem Sitz hoch, woraufhin sich alle Frauen gemeinsam in die Küche begaben. Der Vater von Frank, sein Bruder und sein Schwager, die bislang über einen Zeitungsartikel gebeugt zusammengesessen hatten, erhoben sich, um den Tisch von Geschenken freizuräumen, während Frank und ich auf die Kleinen aufpassten. Anna drängelte Alex mit unüberhörbarer Genugtuung in der Stimme endlich mit dem Spiel aufzuhören.

Danach verlief der Tag harmonisch. Alex und ich spielten sogar mit seiner kleinen Schwester Anna ein Gesellschaftsspiel, das Franks Eltern mir geschenkt hatten.

Am nächsten Tag half ich Mama beim Packen ihrer Sachen und ließ die vielen besorgten Anweisungen, falls irgendetwas passieren sollte, über mich ergehen.

Am Flughafen versprach ich noch einmal, mich spätestens alle zwei Tage bei ihr zu melden und ihre Anweisungen zu befolgen.

Beim Abschied zwinkerte mir Frank zu. „Also Dora, wie gesagt, nicht jeden Tag eine Riesenparty schmeißen, sonst darfst du alles.“

Daraufhin musste selbst Mama lachen und so ging sie lächelnd in den Sicherheitsbereich für Fluggäste.

Es war bereits nach sieben Uhr als ich bei Lena eintraf.

Lena öffnete mir die Tür und flüsterte gleich empört. „Endlich bist du da. Du musst auf Svenja aufpassen. Die schmeißt sich voll an Daeren heran!“

Svenja war das hübscheste Mädchen aus unserem Jahrgang. Sie war nicht nur hübsch, beliebt und extrem sportlich, sondern hatte obendrein noch überall Supernoten. Mein Herz rutschte ein wenig in die Tiefe.

Ungeachtet dessen umarmte ich Lena und gratulierte tapfer: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Lena! Hier, dein Geschenk.“

An der überfüllten Garderobe hängte ich meine Jacke auf und folgte Lena ins Wohnzimmer, wo die anderen dicht gedrängt saßen. Schon an der Tür entdeckte ich Daeren, der eng neben Svenja saß und ihr etwas erzählte. Sie sah super aus mit ihrem figurbetonten, ärmellosen Oberteil.

Laut rief Lena: „Leute, Dora ist da!“

Alle schauten auf mich. Ich hob die Hand und sagte nur „Hallo“ zu allen. Auch er blickte kurz zu mir hoch - an sich sah ich nur ihn, die anderen im Zimmer waren wie ausgeblendet - und wandte sich gleich wieder Svenja zu, die ihm etwas sagte. Ich spürte einen Stich ins Herz, während mein Magen sich zusammenkrampfte. Hilflos ließ ich meinen Blick in dem Raum umherschweifen. Da sprang mir der hübsch gedeckte Geburtstagstisch ins Auge, auf dem sich neben einer großen Auswahl von Torten, Kuchen und Getränken, eine Menge ausgepackter Geschenke stapelten. Ich steuerte geradewegs darauf zu, erleichtert darüber, etwas tun zu können.

Als ich Wasser ins Glas goss, drückte jemand zart meinen Arm. „Hallo, Dora“, grüßte Laura mich lächelnd. „Lange nicht gesehen. Hattest du schöne Feiertage?“

„Ja, danke, du auch?“, fragte ich zurück und versuchte zu lächeln, was mir nicht besonders gelang.

Trotz meines krampfhaften Bemühens mich auf das Gespräch mit Laura zu konzentrieren, schweiften meine Augen ständig zu Svenja und Daeren hinüber, die sich angeregt unterhielten. Der Knoten in meinem Bauch wurde zunehmend fester.

„Hallo, Leute, wir wollen los. Wir haben fünf Autos zur Verfügung, also sucht euch eins aus. Es geht zum Club, danach essen wir bei McDonald’s“, gab Lena laut Bescheid.

Es kam Bewegung im Raum auf. Nacheinander erhoben sich alle und drängten zur Tür. Ich wollte zu Daeren, wurde aber von jemandem festgehalten.

Es war Mark. „Hallo, Dora, bei wem fährst du mit?“

„Du auch hier? Ich wusste gar nicht, dass Lena dich eingeladen hat“, sagte ich überrascht und umarmte ihn freudig. Normalerweise wurde Mark selten eingeladen, bei Mädchen eigentlich nie.

„Ja, hat mich genauso überrascht. Ich glaube, ich stehe jetzt hoch in Lenas Gunst“, vermutete er grinsend.

Draußen vor dem Haus entdeckte ich Svenja neben Daeren im Auto sitzen.

„Ihr könnt bei mir mitfahren!“, rief Katrin uns zu.

Gemeinsam mit Mark stieg ich bei Katrin ein und fühlte einen dicken Kloß im Hals. Da Katrin noch tanken gefahren war, kamen wir als Letzte beim Club an.

Vor dem Eingang warteten Lena und Philip alleine auf uns. „Die anderen sind schon drin“, sagte sie fröhlich und drückte mir einen Personalausweis in die Hand. „Der ist von Philips Schwester. Du legst kurz deine Brille weg, dann fällt es gar nicht auf.“

„Ich weiß nicht, Lena …“

„Mach schon“, drängte sie. „Du darfst sonst nicht rein.“

Ergeben verstaute ich meine Brille in der Jackentasche und reihte mich in die Schlange der von den Türstehern Kontrollierten ein. Problemlos erhielt ich Zutritt, schritt zunächst mit Lena, Mark und Philip zur Garderobe, um die Jacke abzugeben. Danach traten wir in einen dunklen, mit lauter Musik beschallten Raum, in dem die anderen bereits an einem Tisch Platz gefunden hatten. Erneut saßen Svenja und Daeren dicht nebeneinander. Sie waren so vertieft in ihr Gespräch, dass er mich nicht einmal registrierte, als ich unmittelbar vor ihm stand. Der Platz reichte nicht für uns alle. So setzten Mark und ich uns an einen Nebentisch, von dem aus Daeren und Svenja unauffällig zu beobachten waren. Er schien sich mit ihr gut zu amüsieren. Sie steckten die Köpfe zusammen und erzählten trotz der laut dröhnenden Musik die ganze Zeit miteinander.

Bald stellte Mark sein Bemühen ein, sich mit mir zu unterhalten; ich war einfach nicht in der Lage, mich auf ein Gespräch einzulassen. Gelangweilt schaute er umher, seine Finger trommelten auf dem Tisch zum Takt der Musik. Auf einmal erhob sich Svenja, nahm Daerens Hand und lief mit ihm auf die Tanzfläche. Erst jetzt merkte ich, dass die anderen auch schon tanzten. Schmerzhaft wünschte ich, ich hätte seine Hand berührt.

Nach einer Weile wechselte die Musik, sie wurde langsamer und einige kehrten zurück. Dann sah ich verschwommen durch den dichten Dunst des Trockeneisnebels, der zur Hälfte in einem bläulichen Licht eingetaucht lag, wie Svenja ihre Arme um seinen Hals legte und er sie in seine Arme schloss. Dieser Anblick stach wie ein scharfes Messer in mein Herz. Unwillkürlich keuchte ich. Meine Kehle schnürte sich zusammen. Ich bekam kaum noch Luft. Abrupt stand ich auf. Ich muss von hier weg, dachte ich panisch.

Mark zog an meinem Arm. „Was ist, geht’s dir nicht gut?“

„Ja, mir ist schlecht, kannst du bitte Lena Bescheid sagen“, presste ich angestrengt hervor und hastete, ohne eine Antwort abzuwarten, geradewegs zur Tür.

Als ich an der Garderobe stand, eilten Lena und Mark herbei. „Dora, was hast du?“, rief Lena aufgeregt.

„Mir ist nur ein bisschen schlecht, ich will lieber nach Hause“, teilte ich ihr mühsam mit.

„Aber es ist doch kein Anfall oder?“, fragte sie ängstlich.

„Nein, mach dir keine Sorgen, wenn ich mich hinlege, geht’s mir bestimmt wieder besser“, versuchte ich, sie zu beruhigen. Dabei musste ich mich mit aller Macht zusammenreißen, um möglichst normal zu klingen.

„Ich bringe sie nach Hause“, entschied Mark kurzerhand und ließ sich gleich von der Garderobenfrau seine Jacke mit meiner zusammen herausgeben.

„Mark, ich schaffe das schon alleine“, protestierte ich schwach, während ich mich mühte, die Jacke anzuziehen. Zu mehr war ich nicht fähig. Mein Kopf fühlte sich völlig dumpf an.

„Ach was, ich mag sowieso nicht tanzen“, winkte er ab. „Also Lena, mach dir keine Gedanken wegen Dora. Ich passe auf, dass sie heil nach Hause kommt.“

Lenas Gesicht hellte sich auf. „Danke Mark, das vergesse ich dir nie“, sagte sie etwas beruhigter und wandte sich zu mir. „Wenn irgendetwas ist, ruf bei uns an. Meine Eltern sind heute eh lange wach. Ansonsten gute Besserung und ich melde mich morgen bei dir.“ Aufmunternd lächelnd streichelte sie kurz meinen Arm.

„Ja, danke“, flüsterte ich.

Die kalte Nachtluft kroch durch meine dicke Winterkleidung. Trotz der hochgeschlossenen Jacke, dem dickem Schal, der mein Gesicht bis zur Nase bedeckte, und tief bis in die Augen hinunter gezogener Mütze begann ich an der Bushaltestelle zu zittern.

Wortlos reichte Mark mir seine Jacke.

„Nein, dann frierst du“, lehnte ich bibbernd ab.

„Nein, nimm sie, du klapperst ja vor Kälte“, sagte er bestimmt und legte mir seine Jacke über die Schultern.

Im Bus wurde das Zittern so schlimm, dass ich die Zähne fest zusammenbeißen musste und wir die ganze Fahrt wie vorher im Club schweigend nebeneinander saßen.

Vor der Haustür gab ich ihm seine Jacke zurück. „Danke, du kannst jetzt gehen“, presste ich angestrengt hervor. Das Sprechen fiel mir schwer. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment umzukippen.

„Wenn es nicht besser wird, ruf mich oder Lena an. Ich weiß ja, dass deine Mutter weg ist“, riet er besorgt.

„Mache ich, bestimmt“, versprach ich, um ihn zu beruhigen.

Er schien etwas unschlüssig. „Na dann, gute Besserung“, sagte er schließlich und ging.

Mir war schwindelig, mein ganzer Körper tat durch das starke Zittern weh und ich spürte kaum meine Beine. Schwer auf das Treppengeländer gestützt schleppte ich mich die Stufen hinauf. Die zwei Stockwerke, die gewöhnlich in kurzer Zeit zu überwinden waren, zogen sich unendlich lang.

Dunkel und leer empfing mich die Wohnung. Hinter mir fiel dumpf die Tür in das Schloss, während ich, ohne das Licht einzuschalten, blind in mein Zimmer schwankte. Mühsam streifte ich Schuhe, Mütze, Schal, Handschuhe und Jacke ab, ließ sie achtlos auf den Boden fallen und sank aufs Bett.

Jetzt kamen die Tränen. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich so sehr, dass es unerträglich schmerzte, ich wäre anders.

Schöner.

Klüger.

Aber es gab keine Hoffnung. Die Welt brach um mich zusammen und ich ertrank in meiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

HanJin


Das Sonnenlicht blendete. Nach mehrmaligem Blinzeln erschienen vor meinen Augen verschwommen eine weiße Stuckdecke mit einer Verzierung und ein Stück von einer mit grünem Textilstoff bespannten Wand. Gleichzeitig stellte ich fest, dass ich in einem mir unbekannten Zimmer auf einem Bett lag.

Plötzlich ertönte seine warme, sanfte Stimme. „Endlich, ich fürchtete schon, du wirst überhaupt nicht mehr wach.“

Mein Herz setzte beinahe aus. Im Zeitlupentempo drehte ich mich zu der Stimme um. Tatsächlich. Kein anderer. Er war es, der neben mir auf einem Stuhl saß. Sprachlos starrte ich ihn an, während mein Kopf verwirrt überlegte, ob es sich um eine Halluzination oder einen Wunschtraum handelte.

Er beugte sich etwas näher zu mir, so dass sein Gesicht klarer wurde. Nein, für einen Traum kam er mir doch zu lebendig vor. Außerdem konnte ich mich nicht erinnern, dass seine Augen jemals so intensiv geleuchtet hätten. Aber andererseits müsste es gerade deshalb ein Traum sein, wie sonst sollte er …

„Du warst sehr krank“, unterbrach er meinen wirren Gedankengang. Sein lächelndes Gesicht zeigte eine Mischung aus Freude und Besorgnis. „Als du am nächsten Tag nicht kamst, klingelte ich bei dir. Du hast zwar die Tür geöffnet, aber bist gleich umgefallen. Du hattest hohes Fieber, über 40°.“

Ich erinnerte mich an nichts, das Fieber musste meinem Gedächtnis mächtig zugesetzt haben. Zumindest fand ich jetzt meine Stimme wieder. „Aber … wieso …“, krächzte sie unsicher.

„Dann haben wir dich hergeholt. Wir konnten dich doch unmöglich in der Wohnung alleine lassen“, antwortete Laura, die gerade ins Zimmer trat. Sie setzte sich zu mir aufs Bett. „Wir haben einen riesigen Schreck bekommen, aber Mum meinte, es sei nur eine Influenza, die normalerweise nicht gefährlich verläuft.“ Sie drehte ihren Kopf zur Tür. „Ach, ich glaube, sie kommt gerade hoch.“

Schritte näherten sich. Kurz darauf erschien Frau Miller mit einer Flasche Wasser und einem Glas, die sie auf dem kleinen Tisch neben dem Bett abstellte. Laura rutschte ein Stück zur Seite, um ihr Platz zu machen.

Mit einem aufmunternden Lächeln ließ sie sich auf meinem Bett nieder und legte behutsam ihre Hand auf meine Stirn. „Schön, das Fieber ist gesunken. Du fühlst dich sicherlich noch schwach, was in solchen Fällen normal ist. Wenn du dich gut ausruhst und genug trinkst, wird es dir bald besser gehen.“ Die Augen zwinkernd fügte sie hinzu. „Ich habe deine Mutter angerufen und angeboten, dich bei uns zu behalten, bis sie zurückkommt, damit du nicht wieder krank wirst.“

„Meine Mama?“ rief ich entsetzt. „Oh nein, sie will bestimmt sofort zurückkommen!“

„Ja, das war ein hartes Stück Arbeit. Aber zuletzt gelang es mir, sie mit Hilfe ihres Lebensgefährten zu überzeugen, dass es für alle besser wäre, wenn du einfach bei uns bliebest. Oder hast du irgendwelche Einwände?“, fragte sie verschmitzt lächelnd.

Ungläubig weiteten sich meine Augen. Die ganzen Ferien bei ihm! Wahrscheinlich, nein mit höchster Sicherheit böte sich einem im Leben nur einmal solch ein Glück.

„Nein, wenn es Ihnen keine allzu großen Umstände macht, möchte ich gerne hier bleiben“, antwortete ich ehrlich, wurde dennoch rot im Gesicht.

Ihr Blick war liebevoll, erinnerte mich unwillkürlich an Mama.

„Gut, nachher wechseln wir die Bettwäsche und helfen dir beim Waschen. Jetzt, denke ich, ist es noch zu früh. Also, schön liegen bleiben“, versuchte sie streng zu klingen, goss das Glas voll, und verließ das Zimmer.

Auf einmal spürte ich starken Durst und richtete mich ein Stück auf, um zu trinken. Dabei fiel mir unangenehm auf, wie verschwitzt ich war. Ich roch bestimmt schlecht, überlegte ich bekümmert und nahm das Glas in die Hand. Kaum benetzte das Wasser meinen Mund, konnte ich nicht mehr aufhören und leerte es in einem Zug.

„Trink langsamer“, ermahnte mich Laura zur Vorsicht, bevor sie das Glas nachfüllte.

Mir beim Trinken Zeit zu lassen, fiel unerwartet schwer. Nicht wegen des Durstes, sondern weil das Sitzen mich extrem anstrengte. Bald ließ ich mich erschöpft zurück ins Bett sinken.

Laura strich mir das Haar aus dem Gesicht und deckte mich ordentlich zu. „Warum hast du uns nicht Bescheid gegeben, als dir im Club schlecht war. Wir hätten dich doch nach Hause gebracht“, sagte sie etwas vorwurfsvoll.

Ihre Bemerkung rief die Erinnerung an meine Verzweiflung, an den Schmerz wach. „Ich wollte euch nicht stören, ihr wart … beschäftigt“, erwiderte ich hilflos.

„Es tut mir schrecklich leid, dass ich solchen Eindruck hinterlassen habe“, bedauerte Daeren leise. Nach einer kurzen Pause fügte er nachdrücklich hinzu. „Aber ich versichere dir, nichts beschäftigt mich so sehr, dass ich dich krank alleine nach Hause gehen lasse.“

Seine Stimme klang irgendwie … Ich wusste nicht, wie ich es beschreiben sollte. Auf jeden Fall tröstete mich seine Äußerung.

„Allein war ich nicht, Mark hat mich begleitet“, wandte ich schwach lächelnd ein.

„Er scheint in Ordnung zu sein“, entgegnete er ernst.

„Ja, das ist er“, stimmte ich flüsternd zu und schloss müde die Augen. Ich war noch lange nicht gesund.


Als ich das nächste Mal aufwachte, saß er weiterhin im Zimmer und las Zeitung.

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