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Irrlicht und Feuer

Max von der Grün

Irrlicht und Feuer

Roman

Mit weiteren Texten
von Max von der Grün

und einem Nachwort von Heinz-Ludwig Arnold

PENDRAGON

Inhalt

Irrlicht und Feuer

Stephan Reinhardt
»Wenn es Dir nicht passt, kannst Du ja gehen – in die DDR.«

Max von der Grün
Bewegungsfreiheit ist nicht Freiheit

Max von der Grün
Und 1978, acht Jahre später

Drei Leserbriefe

Max von der Grün
Auch eine Form von Literaturkritik. Ein Dossier

Max von der Grün, Wenn der Abend kommt

Heinz Ludwig Arnold
Gespräch mit Max von der Grün

Nachwort von Heinz-Ludwig Arnold

Editorische Notiz

Irrlicht und Feuer

Die Nacht war klar und kalt. Meine Schicht begann seit Monaten um 24 Uhr. Wie ich sie hasste, diese Zeit und die Schicht.

Täglich, ob Sommer oder Winter, musste ich vier Kilometer an den Betriebsgeleisen entlang. Wie ich sie hasste, diese Zeit! Um Mitternacht drängt das Verborgene an die Oberfläche. Wer mitternachts zur Arbeit fährt, sieht die andere Seite des Lebens.

Ich hatte es eilig. Zwanzig Minuten vor 24 Uhr, ein Drittel des Wegs noch vor mir.

Da trat plötzlich eine Gestalt aus dem Schatten des Bahndammes, stellte sich vor mein Rad. Instinktiv fühlte ich meine rechte Hosentasche ab, wo ich seit jener Nacht, kurz nach dem Kriege, ein Messer trage. Als ich abgestiegen war und die Wolken die volle Scheibe des Mondes freigaben, sah ich, dass es eine Frau war.

Was machen Sie hier?, fragte ich schreckheiser.

Sie fasste meine Lenkstange und sagte: Mein Mann hat mich rausgeschmissen.

Streit gehabt?

Ach, wie man’s nimmt. Immer wenn er betrunken ist, will er mir den Hals umdrehen. Manchmal schlägt er mich, meistens laufe ich fort.

Ich muss weiter, sonst versäume ich meine Schicht, dachte ich.

Wird nicht so schlimm sein, antwortete ich, denn dergleichen Dinge waren mir aus meiner Nachbarschaft bekannt. In einer Siedlung hört man die Flöhe husten. Und dann dachte ich: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.

Er wird sich beruhigt haben, sagte ich. Gehen Sie doch nach Hause, Sie holen sich hier den Tod.

Ich bemerkte ihre Pumps, die für alles andere, nur nicht für dieses Wetter geeignet waren.

Ich habe Angst, sagte sie leise, Angst vor den Schlägen.

Ich muss weiter, sonst versäume ich meine Schicht, dachte ich.

Wollen Sie nicht mit mir gehen?, fragte sie.

Aber ich kenne Sie doch gar nicht, sagte ich.

Ihre Hand strich über das kalte Chrom der Lenkstange: Ist das jetzt so wichtig?

Was soll ich bei Ihnen, ich kann doch nicht helfen. Und dann, Ihr Mann denkt wer weiß was, wenn er uns kommen sieht. Alles wird nur noch schlimmer.

Sie sollen auch nicht mit zu mir.

Ich muss weiter, sonst versäume ich meine Schicht, dachte ich.

Das geht nicht!, rief ich. Meine Ungeduld war gewachsen.

Ich schob ihre Hand von der Lenkstange.

Nur diese Nacht, bettelte sie, nicht morgen, da muss ich zu Hause sein, die Kinder müssen um acht in die Schule. Nur diese Nacht, bitte.

Ich muss weiter, sonst versäume ich meine Schicht, dachte ich.

Wir gehen den Weg zurück, den Sie gekommen sind, sagte sie wieder, am Stadtrand kehren wir um, laufen bis hierher, dann ist der Morgen da.

Woher wissen Sie das so genau?

Ich laufe hier oft, fast jede Freitagnacht, wenn mein Mann Geld bekommen hat und mich in seinem Suff schlägt oder hinauswirft, oder wenn ich von selbst weglaufe, fast jede Freitagnacht.

Ich muss weiter, sonst versäume ich meine Schicht, dachte ich.

Im Sommer ist das nicht so schlimm, aber im Winter … im Winter.

Ich habe Sie nie bemerkt, sagte ich, und ich fahre doch seit bald einem Jahr diesen Weg zur Zeche.

Das stimmt. Wenn ich Sie kommen sah, versteckte ich mich im Graben oder hinter den Sträuchern auf der Böschung.

Die Kirchuhr schlug zwölf. Zwölf dumpfe Schläge. Nun hatte ich doch meine Schicht versäumt, aber ich ärgerte mich nicht. Flüchtig dachte ich an die Schwierigkeiten, die ich morgen im Betrieb haben würde. Auch an die 30 Mark Lohn, die mir heute verloren gingen.

Kommen Sie, sagte ich, dann gehen wir eben bis zum Stadtrand und wieder zurück.

Mein Fahrrad legte ich in den Graben. Gemeinsam gingen wir den Weg zurück, den ich jede Nacht zur Arbeit fahre. Wir schwiegen, wir fühlten die Kälte, der Schnee knirschte, der Mond war genauso weiß wie der Schnee.

Ich habe nasse Füße, sagte die Frau, als wir am Stadtrand angekommen waren, Schnee ist mir in die Schuhe gefallen. Aber das macht nichts, ich nehme ein heißes Bad, wenn die Kinder in der Schule sind, ich habe eine Pferdenatur.

Langsam schlurften wir zurück. Unterwegs nahm ich aus der Tasche meine Schichtbrote und die Flasche, in der der Kaffee schon kalt war. Unter der Autobahnbrücke aßen wir, den Kaffee goss ich in den Schnee.

Dann fragte ich sie: Warum nehmen Sie nicht einfach die Kinder und gehen fort?

Sie holte mir das Fahrrad aus dem Graben und setzte es in den harschen Schnee. Fort? Wohin soll ich gehen? Sie zog den rechten Schuh vom Fuß, lehnte sich an mich und wärmte mit beiden Händen ihre starren Zehen.

Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll … er braucht mich vielleicht … ich ihn auch … er hat mich geholt … damals, als es mir schlecht ging … ich wusste ja nicht … dass es so … dass es so kommen würde.

Die Wut rüttelte mich, meine Zigarettenschachtel war leer. Im Osten dämmerte es.

Sie ging. Nach ein paar Schritten kehrte sie um, fasste meinen Arm und sagte: War es nicht schön? Ja? Mir hat es gefallen. Eigentlich müsste ich mich jetzt bedanken, aber das klingt wahrscheinlich komisch …

Bedanken, dachte ich, was soll das, sie müsste mir dreißig Mark Verdienstausfall geben. Dreißig Mark, das ist für mich ein Batzen Geld.

Auf Wiedersehen … dann also bis Freitag, sagte sie. Noch lange hörte ich ihr hastiges Stolpern und Laufen. Während ich zur Stadt zurückfuhr, versuchte ich, mich an ihr Gesicht zu erinnern. Nur ihre dunkle Stimme klang nach. Irgendwo hatte ich sie schon einmal gehört.

Als ich in die Siedlung einbog, mein Haus sah, in der langen Reihe der Siedlungseigenheime, anonym wie die Menschen, die in diesen Häusern wohnen, wusste ich, wo ich diese Stimme schon einmal gehört hatte: Im Film, Zarah Leander … oder Louis Armstrong.

In der Wohnung empfing mich eine argwöhnische Frau, die mich – weiß der Herrgott, von wem sie es so früh am Morgen erfahren hatte – forsch fragte, wo ich die ganze Nacht über gewesen sei. In der Grube nicht, das wisse sie genau.

Nein, sagte ich beim Frühstück, das mir ohne die gewohnte Sorgfalt auf den Tisch gestellt wurde, ich hatte die ganze Nacht in der Schlosserei zu tun.

Meine Frau hat keine konkreten Vorstellungen von meiner Arbeit, sie weiß nicht, dass ein Untertagearbeiter nie über Tage beschäftigt werden kann, es sei denn, vom Arzt würde es für eine begrenzte Zeit empfohlen. Sie blieb aber misstrauisch, ich merkte es an ihrer mürrischen Einsilbigkeit.

Warum, dachte ich, wie kommt meine Frau auf so abwegige Gedanken? Nie in acht Ehejahren gab ich ihr einen Grund dazu. Warum auch? Ich liebe sie, ja, nach acht Jahren noch immer. Ich liebe ihre einfache Art, wie sie sich bewegt, wie sie lacht; warm fühle ich ihre Nähe, und ihr Vorzug ist, dass ich allein sein kann mit meinen Gedanken und Grübeleien, auch wenn sie im Zimmer neben mir sitzt. Ich schätze ihre Kunst, mit wenig Geld hauszuhalten.

Am Montag darauf hatte ich den Salat: Schon das Freibekommen meiner gesperrten Kontrollmarke war kompliziert. Ein Zuständiger schickte mich zu einem anderen Zuständigen. Weil nachts weniger Zuständige in ihren Büros sitzen, nahmen es die verbliebenen Zuständigen mit ihrer Zuständigkeit ganz genau. Endlich, zehn Minuten nach vierundzwanzig Uhr konnte ich anfahren, aber unter Tage ging es weiter: die Anzüglichkeiten des Steigers, das Getratsche der Kameraden, und zu allem Unglück lief mir die Arbeit nicht so von der Hand wie sonst. Wie kommt das nur, dachte ich, ich habe nie gefehlt in den letzten Jahren, weder durch Unfall noch durch Krankheit, schon gar nicht wegen Bummelei. Auf mich war Verlass. Der Montag war also mies, der Dienstag versprach nur deshalb etwas Besserung, weil der Steiger mir einen Tag Urlaub für die Fehlschicht schrieb. Verzweifelt hatte ich seine Unterschrift auf dem Urlaubsschein erbettelt.

Meine Frau zeigte sich weiterhin so verschnupft, dass sie mir nicht einmal das Frühstück auf den Tisch stellte, als ich Dienstagmorgen müde und zerschlagen in meiner Wohnung ankam. Ihre Stimme bellte aus dem Schlafzimmer: Mir ist nicht gut, mach dir selbst was zurecht.

Ich war böse: ich dachte, dass es vielleicht besser wäre, wenn wir ein Kind hätten.

Meinem erschütterten Gleichgewicht entsprach das wechselhafte Wetter. Intervallartig pochte ein dumpfer Schmerz um meine Narbe an der linken Stirnseite, ein Überbleibsel vom Großdeutschen Reich. Ist das Wetter unbeständig, überfällt mich dieser undefinierbare Schmerz an der linken Stirnseite mit grausamer Regelmäßigkeit, ich werde dann launisch wie das Wetter, ziehe mich von den Menschen zurück und überlasse mich stumm und stur meinem Unwohlsein und der Überreizung der Nerven. Bei dem trüben Tageslauf dachte ich immerfort an Freitag. Nicht an den vergangenen, an den kommenden dachte ich. Es schien mir allerdings unwahrscheinlich, dass die Frau wieder an derselben Stelle stehen könnte. Trotzdem nahm ich mir vor, am Freitag einen anderen Weg zur Arbeit zu fahren, den längeren über die Bundesstraße.

Der Freitag kroch auf mich zu. Kein Mond am Himmel wie letzten Freitag, es war stockfinster. Hinter dem kleinen Wäldchen die Lichter der Schachtanlage. Mein Gott, was die täglich an Stromkosten aufbringen müssen!

Zum Glück waren die Straßen frei. Es war noch kälter geworden. Mir war es gleich, unter Tage spüren wir nichts von dieser Kälte, und auch in der Wohnung sind die Zimmer warm, mit Kohlen brauchen wir gottlob nicht zu sparen.

Ingeborg war um 20 Uhr zur Nachbarin gegangen, zum Fernsehen. Sie war noch nicht zurück, als ich zur Arbeit fuhr.

An der Gabelung, wo der Aschenweg von der Bundesstraße abzweigt und an den Betriebsgeleisen entlangführt, stieg ich unwillkürlich ab.

Als ich weiterfahren wollte, unwillig über mein dummes Stehen und Starren, überfiel mich eine Lähmung, als kröche Angst zwischen den Schulterblättern hoch. Ich wusste, die Frau steht hinter mir. Da hörte ich schon ihre Stimme: Hier bin ich wieder, guten Abend. Bin Ihnen etwas entgegengelaufen, sonst versäumen Sie wieder Ihre Schicht, wie damals.

Wie damals, hatte sie gesagt. Damals, das klang so nach gemeinsamer Vergangenheit.

Plötzlich lachte ich. Ich bog mich vor Lachen, ich warf mein Rad nieder und hielt mir die Seiten vor Lachen. Die Frau lachte mit, obwohl sie nicht wusste, warum.

Ich wusste es selbst nicht.

Gehen wir, sagte ich endlich, nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte.

Mein Fahrrad, das ich schob, quietschte zwischen uns, und unter der Autobahnbrücke überfiel mich der Hunger, wie damals; ich blieb stehen und reichte der Frau die Hälfte meiner Brote, wie damals. Wir aßen stumm, wie damals.

Spürbar schlich die Kälte über das Land. Das sagte ich auch der Frau, nur um etwas zu sagen, denn zwischen uns lag nicht wie damals die Plötzlichkeit der Begegnung, die Überraschung. Zwischen uns war eine beschämende Hemmung, die wahrscheinlich daher rührte, dass wir seit sieben Tagen um diese Begegnung wussten, ihr vielleicht aus dem Wege gehen wollten und doch nicht vor ihr flohen, weil wir sie mit allen Sinnen herbeigeführt hatten.

War bei Ihnen heute Ruhe?, fragte ich, wieder nur um etwas zu sagen. Ich wußte nicht, was ich erzählen sollte, und das Schweigen war beklemmender als alle albernen Worte zusammengenommen.

Ich ließ es nicht zu Streit und Schlägen kommen, ich rannte sofort weg, als er kam. War wieder stockvoll, wie immer, sagte sie.

Verträgt er das eigentlich?

Das Trinken an sich schon, nur nicht das maßlose Saufen, und er besäuft sich oft sinnlos. Er weiß selbst, dass es mit seinen Kräften abwärts geht, aber ihm ist nicht zu helfen, er glaubt an nichts. Wenn er nüchtern ist oder wenn er wieder nüchtern wird, dann heult er manchmal wie ein kleines Kind, bereut sein Saufen und alles, was damit zusammenhängt. Aber nach seiner Reue kommt immer wieder der Freitag.

Kann er sich das eigentlich mit der Pinkepinke leisten?

Er verdient gut als Polier und dann, man lernt ja schließlich sparen. Die Kinder und ich begnügen uns. Wenn ein Mann schwer arbeitet, dann steht ihm auch was zu.

Schwere Arbeit haben wir alle, sagte ich unwillig.

Wir liefen nebeneinander her, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und ihr ging es wahrscheinlich ebenso. Ich hatte ihr Gesicht noch nicht gesehen, ich sah nur ein blasses Oval mit dunklen Punkten, auch ihre Figur kannte ich noch nicht. Wie Schatten zu Schemen waren wir zueinander. Da ich ihre Stimme kannte, wollte ich nun auch ihr Gesicht sehen. Ich blieb stehen, fasste ihren Arm und zog sie zu mir heran. Ihr Widerstreben befremdete mich ein wenig, aber dann stand sie doch mir gegenüber, und ich atmete ihren Atem, der stoßartig über mein Gesicht strich. Zwischen uns stieg eine Spannung auf, die jeden Moment …

Sie sprang sofort, als hätte sie mich erraten, in den Graben.

Nicht, flüsterte die Frau, nicht …

Aber ich wollte doch nicht, sagte ich.

Die Wolkenwand war gewichen, der Wind stärker geworden, die Sterne ungewöhnlich hell und groß. So leuchtet der Tropenhimmel, sagte ich, nur um etwas zu sagen.

Immer mehr Sterne, je länger man hinaufsieht, sagte die Frau, die einige Schritte vor mir herging. Meine Mutter hat früher immer zu uns Kindern gesagt, dass jeder Stern ein Verstorbener ist und dass er für einen Lebenden leuchtet. Komisch, was den Kindern so alles erzählt wird.

Ja, wie sich die Zeiten ändern. Jetzt fragen die Kinder, wie lange eine Rakete zu dem oder dem Stern braucht. Wir können jetzt die Märchen unserer Mütter besuchen, sagte ich. Ich war wütend und mürrisch, ich fror erbärmlich, und ich ärgerte mich über meine blöden Worte.

Es wird wieder sehr kalt heute Nacht, sagte die Frau. Ich bin der Kälte gar nicht gut, noch zehn bis zwanzig Eimer Kohlen habe ich im Keller, die sind bei der Kälte schnell verheizt. Und die Kohlen sind schon wieder teurer geworden.

Ich kann Ihnen welche bringen lassen, ich brauche nur meinem Fuhrmann Bescheid zu sagen.

Ja? Können Sie das?

Ihre Adresse muss ich allerdings haben, sagte ich.

Aber natürlich.

Wieder liefen wir ein paar Schritte, und die drei dumpfen Schläge von der Kirche hinter dem Wäldchen beunruhigten mich nicht. Viertel vor zwölf also, ich habe noch etwas Zeit, wir waren auf hundert Meter an das rückwärtige Tor der Zeche herangekommen. Zur Not konnte ich auch durch dieses Tor gehen. Ich war etwas phlegmatisch geworden.

Kinder müsste man haben, dachte ich plötzlich, Ingeborg und ich. Ohne Kinder gibt es Reibereien in der Ehe, jeder lässt sich doch nur von seinen eigenen Interessen treiben.

Ihre Adresse müsste ich allerdings haben, sagte ich wieder.

Natürlich. Werden Sie keine Schwierigkeiten haben? Ich meine, wenn jemand …

Nein. Von meinem Jahresdeputat habe ich erst eine Tonne abgeholt, ich hätte schon drei Tonnen abrufen können.

Ja? Dann ist es gut.

Ihre Adresse muss ich haben. Da wurde mir klar, dass ich sie schon dreimal gefragt hatte.

Ja, sagte sie nur wieder.

Ich entschuldigte mich bei ihr, trat abseits und urinierte. Bevor ich von zu Hause weggefahren war, hatte ich eine Flasche Bier getrunken.

Ich sah zum Himmel. Als Junge war ich oft der Versuchung erlegen, mit dem Mute der Verzweiflung die Sterne zu zählen. Ein Fabrikschlot, ein spitzes Hausdach oder ein Berg als Schatten in den Himmel stoßend, waren der Ausgangspunkt meiner Zählung. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich einmal zu meinem Vater gelaufen kam und ihm sagte, am Himmel hängen 420 Sterne; so weit war ich mit dem Zählen gekommen. Aber ich erntete nur Ohrfeigen, weil ich zu lange auf der Straße war.

Da war es mir, als hörte ich Schritte hinter meinem Rücken; knisternde Asche, brechende Zweige, stoßenden Atem. Unsinn, dachte ich, dass ist der Ventilator vom Zechenplatz, der jetzt jaulend seinen Ton sang. Als ich in die Richtung hineinsprach, wo ich die Frau vermutete, hallte der erste der zwölf Schläge vom Kirchturm. Ich hätte nun das rückwärtige Tor immer noch passieren können, aber ich stand wieder wie gelähmt da, mir wurde heiß, obwohl ich erbärmlich fror. Wieder eine Schicht versäumt, wieder eine Woche voller Tücken. Könnte man mir nicht mit Kündigung drohen oder sie sogar aussprechen? Seit Wochen wurden an Bummelanten Kündigungen frei Haus geschickt. Aber nein, mir kann nicht gekündigt werden, ich habe ein Eigenheim, und Eigenheimbesitzer werden nicht gekündigt, sagt der Betriebsrat. Auch habe ich während der fünfzehn Jahre, die ich unter Tage bin, keinen Tag unentschuldigt gefehlt.

Nun habe ich tatsächlich meine Schicht versäumt, wie damals, sagte ich mit erzwungener Heiterkeit. Dann lachte ich und sagte:

Aber Sie müssen meinetwegen keine Sorgen haben, ich wäre heute bestimmt früher ausgefahren, wenn nicht sogleich nach der Anfahrt. Meine Kopfschmerzen sind seit Tagen unerträglich. Ich schlucke Tabletten noch und noch, aber die helfen auch nicht.

Und als ich weiter ohne Antwort blieb, sagte ich noch: Eine Kriegsverletzung. Wie andere im Bein, spüre ich im Kopf den kommenden Wetterumschlag.

Welch dummes Gerede, dachte ich. Und dann, ich war ein paar Schritte gelaufen und glaubte sie vor mir, flüsterte ich: Mit den Kohlen geht es in Ordnung. Ihre Adresse müssen Sie mir noch sagen.

Ich war allein.

Die Nacht hatte die Frau aufgesogen; sie war fortgelaufen, als ich sie wieder nach der Adresse fragte.

Verdammt, wieder eine Schicht versäumt.

Meine Frau war weg, als ich nach einer ziellos durchstreiften Nacht am frühen Vormittag nach Hause kam, die Finger klamm, statt Füße Eisklumpen in den Schuhen. Ich suchte und suchte. Das Bett bewies, dass Ingeborg zumindest die Nacht hier verbracht hatte. Auf der Spiegelfläche im Schlafzimmer klebte ein mit Tesafilm befestigter Zettel. Da stand in grüner Schrift: Bin zu meiner Mutter nach Dortmund. Komm bloß nicht hin, die schmeißt dich hochkantig ’raus. Du Lügner! Du Lump! Du Fremdgänger!

Ohne Anrede, ohne Unterschrift!

In der Küche war es kalt, genauso wie in allen anderen Räumen, aber mich störte die Kälte nicht, denn in mir rumorte nur ein Gedanke: Was wird am Montag im Betrieb los sein? Bis dahin sind es noch zwei Tage. Wenn ich an Montag denke, könnte ich die freien Samstage verfluchen. Ich hatte Angst, denn ich stand zum ersten Male im Betrieb vor solch einer Situation. Zum ersten Mal bangte ich um meinen Arbeitsplatz, um das Geld. Schließlich riefen jeden Monat die Raten nach Bezahlung, dann die Miete für das Eigenheim, Licht- und Wassergeld, Summen, die bezahlt werden müssen, die sich, klein zu klein, am Monatsletzten zu einem Schuldturm kegeln. An meine Frau dachte ich weniger, ab und zu flüchtig, denn es war lächerlich, was sie getan hatte. Ich suchte nach einer glaubwürdigen Entschuldigung für den Montag. Der Kaffee, den ich in Mantel und Handschuhen am Küchentisch trank, war so stark, dass ich ihn mit heißem Wasser verdünnen musste. Wie kann ich meinen Vorgesetzten den Freitag erklären? Wenn ich die Wahrheit sage, brüllen sie vor Lachen und halten mich für einen Lügner. Und wenn sie es doch glauben, werden sie es nicht verstehen. Wie soll ich sagen, warum ich vergangenen Freitag wieder nicht zur Arbeit kam? Und wie soll ich glaubhaft machen, dass sich das nicht mehr wiederholt? Soll ich mir einen Krankenschein holen? Das ist nicht allzu schwer, Bergleute haben immer irgendwo ein Wehwehchen. Ärzte wissen das, und sie wissen auch, dass man mal für ein paar Tage einfach ausspannen will. Andere nennen das Simulieren, aber die verstehen uns nicht. Das wäre eine Möglichkeit und ein glaubwürdiger Weg. Doch dagegen sprachen härtere Gründe, ich brauche Geld, ich muss zahlen, die Raten schreien. Wir hatten uns eine Couch und zwei Sessel gekauft, achthundert Mark kostete der Spaß, wir müssen verrückt gewesen sein, als wir den Kaufvertrag unterschrieben. Ich verfluchte den Vertreter, der uns den Kauf aufgeschwatzt hatte. Vielleicht schreibt mir der Steiger wieder einen Tag Urlaub, gewiss, er mag mich. Aber vor dem Gerede der Kumpel habe ich Angst. Mein Fell ist noch nicht so dick geworden, dass ich brockige Worte abgleiten lassen könnte.

Als ich gegen vier Uhr nachmittags aus unruhigem Schlaf aufwachte, räkelte ich mich im Bett und überlegte hin und her, was ich nur sagen sollte, um Ingeborg aus Dortmund wegzuholen, sie zur Vernunft zu bringen. Ich wollte ihr alles erzählen, rückhaltlos, so wie es war, kein Wort mehr, keins zu wenig. Aber schon in der Halle des Dortmunder Hauptbahnhofs wurde mir klar, dass ich ihr die Wahrheit nicht sagen konnte, denn die Wahrheit war so simpel und nichtssagend, dass kein Mann, geschweige eine Frau, geschweige meine Frau sie glauben würde.

Ich schlenderte behäbig durch die abendliche Stadt. Hatte Zeit. Die Hansastraße hinauf, sah mir lange die Auslagen bei Althoff an, am Hansapavillon die Auslagen eines Schreibwarengeschäftes, weiter oben die Fenster eines Blumenladens, aus dem rote Nelken flammten. Am Bretterzaun, hinter dem das neue Stadttheater gebaut wurde, blieb ich lange stehen und starrte auf den Verkehr. Mein Gott, was wird in Dortmund nicht alles gebaut, sogar ein Stadttheater, und was wurde nicht schon alles gebaut, neue Industrien, Tausende von Wohnungen, breite und sichere Straßen – ja, Dortmund ist eine rührige Stadt. An die Schäden des Krieges erinnert fast nichts mehr, das kann man wirklich ein Wunder nennen. Dortmund wurde seit der Gartenschau sogar eine blumenreiche und grüne Stadt.

Die Nacht war da, als ich in das kleine Gässchen einbog, in dem die Wohnung meiner Schwiegermutter lag. Ich drückte zaghaft auf den weißen Klingelknopf.

Da ist er, hörte ich meine Schwiegermutter hinter der Haustür flüstern. Mach schon auf.

Dann stand meine Frau im Türrahmen und sagte: Komm ’rein. Du kommst aber spät. Schnell, es zieht! Hast du nicht aus dem Bett gefunden?

Meine Schwiegermutter nickte mir nur zu und verließ die Küche, als ich eintrat. Meine Frau deckte den Tisch, nur für mich allein. Wir haben schon gegessen, sagte sie, hättest früher kommen müssen.

Das Radio meldete die Tagesneuigkeiten zwischen Rhein und Weser, der Wellensittich im Bauer auf dem Schrank lärmte so sehr, dass ich die Berichte aus dem Radio nicht recht verstehen konnte.

Willst du eine Flasche Bier haben?, fragte Ingeborg. Ich schüttelte den Kopf, doch sie stellte mir Flasche und Glas auf den Tisch, und ich trank auch hastig. Ich wartete auf eine bestimmte Frage, die unweigerlich kommen musste, und ich grübelte über den Zusammenhang zwischen den bösen Worten am Spiegel des Schlafzimmers und ihrer augenblicklichen Freundlichkeit nach. War das dem Einfluss meiner Schwiegermutter zu verdanken?

Hast du noch Geld?, fragte meine Frau. Ich sah sie an. Die Rate muss am Montag bezahlt werden. 56 Mark. Als ob ich das nicht selbst wüsste, dachte ich, da denke ich mehr dran als mir lieb ist. Ja, so viel Geld habe ich noch, sagte ich, und im stillen überrechnete ich, was an Ausgaben bis zum nächsten Lohntag noch anstand. Mutter meint, sagte sie, wir sollen über Nacht hier bleiben und erst morgen Abend nach Hause fahren, wir versäumen nichts.

Nein, wir versäumen nichts, dachte ich, ein Kind müssten wir haben.

Natürlich bleibt ihr hier, sagte meine Schwiegermutter, die lächelnd in die Küche kam und mir eine Schachtel Zigaretten mitbrachte. Es ist sowieso selten genug, dass ihr beide zusammen hier seid.

Wir saßen alle drei still um den Tisch und hörten Radio, ein Bild familiärer Eintracht. Aber da war wieder meine Angst um den Arbeitsplatz. Warum bin ich Idiot nach Dortmund gefahren? Ingeborg wäre am Montag von allein wieder zurückgekommen. Oder?

Da flammte er plötzlich wieder auf, der Streit.

Ich weiß nicht, welches Wort ihn auslöste. Er war ganz einfach da. Meine Schwiegermutter trat mehrmals zwischen uns, flehend, händeringend, weinend, zeternd, und ich weiß auch noch, dass ich brutal geworden wäre, beide Frauen geschlagen hätte, wenn ich nicht einfach weggelaufen wäre. Mehr weiß ich nicht mehr davon.

Durch die Stadt stürmte ich, stadteinwärts, nordwärts. Am Hiltropwall stand ich mitten auf der Kreuzung; Menschen schrien, Autos hupten, Bremsen quietschten, Fahrer fluchten und nannten mich einen ausgewachsenen Idioten. Dann lief ich weiter, durch das Gässchen zwischen Ritterbrauerei und Hövelpforte, und schließlich fand ich mich auf dem Bahnhof im Wartesaal.

Ich bestellte Bier, trank, ich trank schnell, trank viel. Nach einer guten Stunde schwankten meine Gedanken, und als ich aufstand, schwankten auch meine Beine. Umnebelt gaukelten die Gegenstände vor meinem Gesicht, die ein- und austretenden Menschen schwankten ebenfalls, ich fand das ulkig. An der Post dachte ich flüchtig an die am Montag fällige Rate, an das Geld, das schöne und sauer verdiente Geld, das diese Rate schluckt. Mir war alles egal, nur weg, nur fort, irgendwohin. Mir war alles gleich geworden, die Passanten hätte ich ankotzen mögen, so verdammt kotzig glotzten sie mich an. Nur fort, fliehen, irgendwohin, in eine Nachtbar. Nein, dafür hatte ich zu wenig Geld. Irgendwohin also. Aber wohin? Ich war betrunken, ich war stinkbesoffen, und weil ich besoffen war, musste ich laufen, irgendwo wird ein Ende sein, man kommt schließlich immer an ein Ende. Die Straße konnte ich nicht überqueren, der Verkehr raste zu stark, deshalb blieb ich auf dem Bürgersteig und lief weiter nach Norden, und unter der Bahnüberführung übergab ich mich, mitten auf den schmalen Gehsteig.

Einer sagte: Da, der Arbeiter!

Ich hätte dem Kerl ins Gesicht schlagen mögen, wie konnte der wissen, dass ich Arbeiter und nicht Angestellter oder Beamter bin?

Ich stolperte auf den Steinplatz, in eine schmale Gasse, in ein schmales Haus.

So ist das also. Eineinhalb Jahrzehnte tat ich meine Arbeit recht und schlecht, war pünktlich und zuverlässig. Aber dann wird man plötzlich zur schiefen Nummer in der dreitausendköpfigen Belegschaft, nur weil man zweimal unentschuldigt gefehlt hat. Man wird von der Seite angesehen, abschätzend, abwägend, misstrauisch. Menschliche Schwächen haben in einem modernen Industriebetrieb nichts zu suchen, da wird mit Psychologen Kalkulation gemacht, mit Stoppuhren die Produktion errechnet.

Während der fünfzehn Jahre, die ich unter Tage schuftete, habe ich meine Arbeit nicht gehasst, ich habe sie als ein notwendiges Übel hingenommen und mich damit getröstet, dass es Hunderttausenden auch so geht; jeden Tag aber fühlte ich mich am falschen Platz, vor allem dann, wenn ich mir in der stickigen Kaue die stinkenden Arbeitskleider anzog. Jahrelang trug ich innerlich einen Schutzpanzer und sagte zu mir selbst: Mein Lieber, du hast es so gewollt, du sahst nur den höheren Verdienst dieser Arbeit. Nun sieh zu, dass du mit deinem Alltag zurechtkommst.

Das Leben wurde mir zwar leichter durch eine rege Phantasie. Trotzdem züchtete ich im Verlauf der Jahre zwei Adame in mir. Ein Adam verrichtete gedankenlos und stupide die Arbeit, der andere Adam begann zu leben, wenn das Zechentor hinter ihm zuschlug und er auf dem Weg nach Hause war.

Die Maßgeblichen wissen nicht, dass wir Arbeiter zwei Adame in der Brust tragen.

Am Montag fuhr ich beklommen zur Zeche und wollte kurz vor 24 Uhr meine Marke holen. Die Marke war gesperrt. Ich musste wieder umkehren mit dem Bescheid, dass ich am Dienstag um acht Uhr morgens beim Betriebsführer zu erscheinen hätte.

Ich stand am Fahrradschuppen und wusste nicht weiter. Schiet, jetzt muss ich mir eben ein dickes Fell anziehen. Am Dienstagmorgen aber wusste ich klar, dass ich meine Arbeit hasste, immer gehasst habe, weil ich den langen, bebrillten und feisten Kerl hinter dem Schreibtisch hasste, diesen Fleisch gewordenen Paragraphen. Er beäugte mich wie ein Angler die Wasserkreise um seine ausgeworfenen Köder, während ich stotternd meine lasche Entschuldigung vortrug.

Dann stand ich stumm, denn nun musste er reden. Ich verschränkte meine Arme hinter dem Rücken. Sie an die Hosennaht zu legen, schien mir gefährlich, es könnte Schule machen. Meine Arme waren überflüssig geworden, es sei denn, man hätte mir erlaubt, diesen Kerl mit bloßen Händen zu erwürgen oder ihm eine Tracht Prügel aufzubrennen. Ich sah angestrengt aus dem Fenster, auf die vier rasenden Räder am Schachtturm, und ich hörte auf das Sirren des Ventilators, der vor dem Bürofenster aus der Erde stieß. Er saugt die schlechte Luft aus den labyrinthischen Gängen unter Tage auf und führt frische Luft ein.

Der Bebrillte fragte mich, was ich an den beiden Freitagen gemacht hätte und was ich jetzt tun wolle.

Am ersten Freitag hatte ich Urlaub …

Aber der ist doch nachträglich vom Steiger geschrieben worden, ohne mein Einverständnis. Ich habe es nur genehmigt.

Den Kerl könnte ich erwürgen, dachte ich in einem fort, so weit ist es nun schon gekommen, dass sich die Betriebsführung um jeden Dreck kümmert, um einen schmalen Tag Urlaub. So wird den Steigern nach und nach ihre Verantwortung aus der Hand genommen, sie werden zu Erfüllungsgehilfen, und sie werden in einigen Jahren bei ihrer Arbeit so denken wie die Kumpels seit Jahren: Nach uns die Sintflut.

Das Rädersirren vom Turm übertrug sich auf die Fensterscheiben, Regenbögen davor, tiefe Wolken lasteten auf roten, eingegrauten Gebäuden.

Spräche nicht Ihr Arbeitsspiegel für Sie, ich würde Sie auf der Stelle entlassen!

Ach ja, Arbeitsspiegel, den gibt es ja auch noch. Eine Verbrecherkartei ist das, Fahndungskarte, Erkennungsdienst. In dieser Kladde steht, was zur Person des Arbeiters im Betrieb und außerhalb notiert wurde. Außer den Personalien ist im Arbeitsspiegel jede Stunde verzeichnet, die man früher ausfuhr, jedes Zuspätkommen, jede Fehlschicht; wann Urlaub angetreten, wann beendet, Urlaub zusammenhängend oder auf Stottern, dann Urteile verschiedener Vorgesetzter über die Güte verrichteter Arbeiten, ob man aufsässig war, ob man willig ist, ob man gerne Überstunden verfährt, ob man schon einmal beim Schlafen in der Grube erwischt worden ist, auch Pfändungen. Alles, was einem Arbeiter anhängt oder angehängt wird, steht in dieser gelben Kladde fein säuberlich, auch Klatsch, Vermutungen und Verleumdungen.

Es gibt wenige Karten, auf denen kein Vermerk steht, in grüner, blauer oder roter Schrift. Rot negativ, grün positiv, blau Nichtbeweisbares.

In einem Betrieb gibt es keine unbeschriebenen Blätter, keine unbeschriebenen Existenzen!

Wer zum Betriebsführer gerufen wird oder bei ihm in irgendeiner Sache vorsprechen will, der hat erst dann Zutritt, wenn der Kerl die gelbe Karte studiert hat. Ein Angestellter wird eigens dafür bezahlt, die Kartei in Ordnung zu halten und sie zu ergänzen.

Also, sagte der Bebrillte, er stand auf und stemmte beide Fäuste auf die Schreibtischplatte, Sie können heute wieder 24 Uhr anfahren, aber nochmaliges Fehlen, ich mache Sie darauf aufmerksam, zieht unweigerlich fristlose Entlassung nach sich. Wir können uns bei der angespannten Absatzlage Bummelanten nicht leisten, sie kosten dem Betrieb Geld. Sie werden als vernünftiger Mensch geschildert, nun zeigen Sie auch hier Vernunft. Glück auf also.

Den Kerl könnte ich lächelnd erwürgen, dachte ich. Aber ich sagte: Danke für das Entgegenkommen. Glück auf.

Dann ging ich. Es ist immer dasselbe: große Fresse, wenn uns keiner hört, und wenn es darauf ankommt, kneifen wir die unteren Backen zusammen. Wir Arbeiter sind feige geworden.

Seien wir ehrlich: Wir haben weniger Angst um unser Leben als davor, über Nacht zu verlieren, was wir in all den Jahren angeschafft haben.

Wohin gehst du, Arbeiter?

Ich musste diese Worte wohl laut vor mich hingesprochen haben, als ich das Bürogebäude verließ, denn zwei Männer, die auf dem Treppenabsatz standen, lachten plötzlich und tippten sich an die Stirn.

Ich wusste nicht, wohin. Nach Hause? Da ist es leer und kalt, denn meine Frau wird nun erst einmal für ein paar Wochen bei ihrer Mutter bleiben. Ist mir auch recht, mir ist alles recht, auch das Entgegenkommen des Alten. Was soll ich in einem leeren, feuchtkalten Haus? Ich werde Rosi bitten, dass sie Feuer macht. Rosi wird das gerne tun, sie hat für ihren Onkel Jürgen schon was übrig.

Ingeborg und ich müssten ein Kind haben, dachte ich. Ein Kind schafft Verantwortung. Aber so? Jeder läuft seine eigenen Wege, wenn man auch glaubt, man laufe miteinander. Ingeborg sagt, wir hätten noch so viel anzuschaffen. Ein Kind aber sei die teuerste Anschaffung. Vielleicht hat sie Recht. Aber ein Kind ist doch kein Gegenstand!

Wie in Trance war ich die Stufen zu einer Wirtschaft hinaufgestiegen, die Wirtschaft, in der dicke Bären brummten bis zum nächsten Geldtag. Dass die Wirte immer noch pumpten!

Eine tückische Regenböe pflückte mir die Mütze vom Kopf, und ich ließ das speckig gewordene Stück vom Winde treiben. Wenn doch alles Unangenehme auf der Welt auf so billige Weise fortflöge. Der einzige Gast in einem leeren Wirtshaus ist Bruder Langeweile, ein lästiger, verfluchter Geselle. Ich vertrieb ihn damit, dass ich die Musikbox reichlich mit Groschen fütterte und mir ein Bier nach dem anderen hinter die Binde goss. Zehnmal hörte ich »Heißer Sand« und Sacha Distels Gitarre. Ich staunte, wie unersättlich der kleine Schlitz in solch einem Kasten sein kann.

Verflucht, dachte ich, während eine Schmalzstimme blökte, verflucht, dass so ein widerlich bebrillter Kerl einen anderen Menschen wie lästiges Ungeziefer abfertigen darf, nur weil dieser andere Mensch an zwei aufeinanderfolgenden Freitagen nicht an seinem Arbeitsplatz war.

Wahrscheinlich stellt dieser Aufpasser auch Lichter zu Weihnachten in die Fenster, auf dass wir Berlin nicht vergessen.

Wie viel Striche? Schon sechs? Habe ich schon so viel getrunken? Der Kerl wird mich doch nicht übers Ohr hauen? Vielleicht stimmt es, ich will keinen Krach mit dem Hünen hinter der Theke, gegenwärtig messe ich die Flüssigkeit sowieso nicht mehr.

Jetzt scheint auch noch die Sonne, diese Hure, die soll wegbleiben, regnen muss es, stürmen. Kamine müssen einknicken, Schachtgerüste einstürzen, ach, wenn doch diese gottverdammte Welt auseinanderbräche und ich allein übrig bliebe … ich allein. Zwei herrliche Bäume stehen vor dem Fenster. Hier ist es im Frühling wundervoll, die lachsfarbenen Kerzen der Kastanien, zwanzig Meter weiter der rundgewachsene Ahorn und darunter an heißen Tagen kühles Bier … ein wunderbarer Ort … Da, das kann doch nicht wahr sein … aber doch … jaaaa … das ist sie …

Das ist die Frau!

Hastig sprang ich hoch, rief den Wirt und warf drei Mark in die Bierlache, ich hatte beim Aufspringen mein halbes Glas umgeworfen.

Kein Zweifel mehr, sie ist es.

Ich lief hinter der Frau her, und als ich sie erreicht hatte, konnte ich kaum sprechen. Legte meine Hand auf ihre Schulter und es war mir, als schössen Angstblitze aus ihren Augen.

Ich sah Sie vom Fenster der Wirtschaft aus. Guten Morgen. Das ist aber eine Überraschung. Nein, so was, hier trifft man sich wieder.

Was wollen Sie?, rief sie.

Kein Zweifel, die Zarah-Leander-Stimme.

Ja, aber kennen Sie mich nicht mehr? Kennen Sie Ihre Mitternachtsbegegnung nicht mehr? Natürlich, wir haben uns nur bei Nacht gesehen, aber immerhin. Ich erkannte Sie sofort, als ich durch das Fenster sah. Am Gang habe ich Sie erkannt … und jetzt die Stimme. Eine wunderbare Stimme haben Sie.

Merkwürdig, dass ich trotz der Nacht ihren Gang im Gedächtnis behielt, ihr Gesicht aber nicht. Sie nahm meine Hand von ihrer Schulter und sagte:

Sie haben zuviel getrunken, Sie verwechseln mich mit einer anderen. Ihre Augen hüpften, sie jagten straßauf und straßab, sie zitterte.

Ich begleite Sie ein Stück, sagte ich. Wie ist es zu Hause? Alles in Ordnung? Ist in der Bude Ruhe? Ach ja, bis Freitag natürlich, ich vergaß. Für ihn und für Sie wäre es besser, wenn er nur einmal im Monat Geld bekäme. Wie ist es mit den Kohlen? Sie können welche haben, ich muss aber Ihre Adresse wissen, sonst geht das nicht. Was ich noch sagen wollte … Ihr Mann braucht ja nichts davon zu wissen, sagen Sie einfach, Sie hätten die Kohlen gekauft, das Geld können Sie sich in die Tasche stecken. Ihre Adresse aber muss ich haben …

Sind Sie verrückt? Lassen Sie mich los, ich habe es eilig. Ich habe Ihnen doch gesagt, ich bin nicht die, für die Sie mich halten.

Da war ich böse, denn aus den strengen, schönen Zügen ihres Gesichtes stieg das bebrillte Antlitz des Mannes, der vor zwei Stunden über meine Zukunft sprach wie über einen lästigen alten Rock.

Sie wollen sich an die beiden Freitage nicht erinnern? Sie … Sie … Sie sind gemein, ach … so gemein …, keuchte ich.

Ich bin nicht Ihre Mitternachtsbegegnung oder was weiß ich, ich bin Frau Po…

Wer sind Sie? Wer? Hart fasste ich sie am Arm und drehte sie zu mir.

Sie sah an mir vorbei, die Straße auf, die Straße ab. Sie war gemeißeltes Erschrecken. Ich habe es eilig. Lassen Sie mich! Ich rufe um Hilfe! Gottlob, eine neue Böe wuchtete durch die Häuserzeilen, ihr Mantel flatterte, ihr Kopftuch flatterte, ihr Blick flatterte. Dann riss sie sich los und lief schnell weg.

Sollte ich mich wirklich getäuscht haben? Nein, tausendmal nein! Warum aber nur verleugnet sie mich? Warum nur? Ich stand dumm und sah ihr nach, feiner Regen bestrich mein Gesicht, die Haare klebten in Strähnen in meiner Stirn. Erwürgen könnte ich sie, dachte ich in einem fort, erwürgen, sie und den bebrillten Zweimetermann, der über mein Leben sprach wie über Leben oder Nichtleben eines schlachtreifen Tieres. Natürlich ist sie es. Der Gang und die Zarah-Leander-Stimme, vor allem der Wechsel von Angst und Gehetztsein in ihren Augen sagten es mir.

Ich lief ihr nach. Sie hörte meine Schritte, denn sie lief schneller. An der Straßenecke holte ich sie ein.

Die Adresse müssen Sie mir geben, ich lasse Ihnen die Kohlen morgen hinfahren!, keuchte ich.

Lassen Sie mich, Sie sind ja betrunken. Ich kenne Sie nicht, ich habe Sie nie gesehen, und ich bin nicht die, für die Sie mich halten.

Sie sind Frau Po… Was kommt nach den Buchstaben? Was? Zum Donnerwetter, spielen Sie doch nicht den unschuldigen Hasen!

Gehen Sie weg! Ich rufe die Polizei!, schrie sie mir ins Gesicht. Sie stampfte mit den Füßen in die Pfütze zwischen uns. Wieder lief sie fort. Ich ließ sie laufen. Eine schwarze Wolkenwand erkletterte hinter den Fördertürmen den Zenit, der Wind heulte, und schräg einfallender Regen drang an die Häuserwände.

Soll ich nach Hause gehen? Soll ich die Frau suchen?

Bald schoss der Regen in Güssen zur Erde. An den Häuserwänden Rinnsale, an den Bürgersteigkanten gurgelten Bäche den Siphons zu.

Immer noch stand ich im Regen wie eine Litfaßsäule, und die Frau bog an der Apotheke um die Ecke. Schließlich lief ich doch noch mal der Frau nach. Zwischen einer schmutzigroten Häuserzeile hastete sie hundert Meter vor mir her, ab und zu drehte sie sich um, plötzlich war sie wie vom Erdboden verschluckt. Verdammt.

Der Regen war mir recht. Wo ist die Frau hin? Die beiden ersten Buchstaben ihres Namens weiß ich, den Rest werde ich noch erfahren, ganz bestimmt. Ein Hund, der aus der tristen Häuserfront auf die Straße gesprungen kam, kläffte mich wild an und schnappte nach meinen Hosenbeinen; je öfter ich den Köter durch Fußtritte zu verjagen suchte, desto greller wurde sein Gebell. Das Vieh ging mir auf die Nerven, und das im Regen. Ich blieb stehen, lockte ihn zu mir, da zog er den Schwanz ein und rannte weg.

Soll ich auf das Einwohnermeldeamt gehen und mir alle Namen mit den Anfangsbuchstaben Po heraussuchen? Viele werden es nicht sein. Ich könnte mich als Vertreter ausgeben und alle Türen aufsuchen, wo der Name mit den Anfangsbuchstaben Po steht. Blödsinn.

Nun hatten sich die Schleusen des Himmels geöffnet, ein Guss schoss auf die Straße, so kanonenartig, dass die Tropfen zuerst hochsprangen, bevor sie zu Bächen wurden. Ich war unter einen Haustürvorsprung geflüchtet, konnte aber nicht verhindern, dass der fast waagerechte Regen mich durchnässte. Da war der Hund wieder, er lief jaulend auf der Straße hin und her, wollte zu mir, schien aber dem Frieden nicht zu trauen. Die Haustür öffnete sich, ich fiel rücklings in den Flur, konnte mich gerade noch an der Frau festhalten. Ich sah in das Gesicht und in schreckgeweitete Augen. Sie war es.

Sie?

Ja, ich, sagte ich, dumm vor Überraschung.

Hier können Sie nicht bleiben. Verschwinden Sie!, stieß sie leise hervor.

Aber Sie können mich doch nicht wegjagen, bei dem Wolkenbruch!

Das ist mir egal, verschwinden Sie … schnell … los!

Ich stand wie betäubt und las an der Tür: Viktor Polenz.

Einwohnermeldeamt nicht mehr nötig. Zum ersten Mal nach Tagen fühlte ich so etwas wie Glück.

Die Frau stieß mich mit beiden Fäusten in den Rücken, ich stolperte die zwei Stufen hinunter und fiel vor einen Gully, vor dem sich Wassermassen stauten. Kaum hatte ich mich wieder hochgerappelt, umwinselte mich der Hund. Ich fasste nach dem Tier, es ließ sich streicheln. Die Haustür war geschlossen worden.

Die Wassergarben hämmerten an die Fensterscheiben, an die Häuserwände, auf die Straße. Schließlich stand ich wieder unter der Haustür, wo sollte ich bei dem Regen hingehen, ich drückte das Wasser aus Jacke und Hose, der Hund winselte zwischen meinen Beinen. Das Glücksgefühl war verflogen, ich kam mir erbärmlich vor. Hunger hatte ich, zu allem Unglück spürte ich nun die Wirkung des auf nüchternen und verärgerten Magen getrunkenen Biers. Vielleicht war ich betrunken und wusste es nicht. Ich fror. Ach, nimmt der Regen kein Ende? Wie lange soll ich noch hier stehen? Wo habe ich nur mein Fahrrad gelassen? An der Zeche? Am Wirtshaus?

Da fiel ich wieder rücklings in den Flur und wollte schon die Frau verfluchen. Ich sah hoch, es war ein Mann. Ein Riese, breit, massig.

Hoppla, sagte er und lachte. Auf dem breiten Körper saß ein viel zu kleiner Kopf. Der Mann hatte keinen Hals. Eine ulkige Erscheinung.

Na, Sie sind ja pudelnass. Kommen Sie ’rein.

Ich wollte nicht, wehrte ab, er zog mich in den Flur, der Hund lief mit und sprang an dem Manne winselnd hoch. Er roch nach Bier, schien aber nüchtern zu sein.

Bei dem Wetter können Sie nicht draußen bleiben, warten Sie den Guss ab, es muss ja mal wieder aufhören. Und das arme Hündchen, es zittert ja vor Kälte.

Kam so plötzlich, das Wetter, sagte ich.

Was kommt heutzutage nicht plötzlich? Kommen Sie ’rein, meine Frau wird die Sachen trocknen.

Nein, um Gottes willen, zu viel Umstände. Ich warte den Guss ab, dann bin ich gleich zu Hause.

Trotzdem, ’rein in die warme Stube.

Er schob mich vor sich her, ich konnte mich nicht wehren, er war ein Riese, und er ließ keinen Widerspruch zu.

In der Küche stand ich der Frau gegenüber. Sie erschrak heftig, musterte mich dann von oben bis unten, lachte schließlich schallend.

Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt, knurrte der Kinderköpfige. Sofort verstummte die Frau. Mach ihm eine Tasse Kaffee. Mir auch eine, sagte er laut.

Ich musste mir die Jacke ausziehen, die Frau hängte sie auf einen Bügel und den Bügel auf einen Trockenstern über dem Ofen, auf dem schon Kinderkleidung hing. Der Hund lag ausgestreckt vor der Tür, die Frau mahlte Kaffee, der Mann ohne Hals blätterte in der Morgenzeitung, ich selbst hatte meine Beine vor dem Ofen ausgestreckt, damit die Hosen besser trockneten. Der Mann sah hinter seiner Zeitung auf.

Was für eine Rasse ist das?, fragte er.

Weiß nicht.

Wieso? Man muss doch wissen, was für einen Hund man hat.

Mein Hund?, sagte ich. Dachte, es wäre Ihrer.

Gehört also nicht Ihnen?

Der Kinderköpfige stand auf, packte den Hund am Nacken und warf ihn durch das Fenster auf die Straße. Aber!, schrie die Frau am Herd.

Sei du ruhig, knurrte er. Kümmere dich um deinen Kaffee. Fremde Köter in der Wohnung, wo gibt’s denn so was.

Ich malte mir sekundenlang aus, wie es gewesen wäre, wenn der kleine Pinscher nun ein Schäferhund … Quatsch.

Es war elf Uhr geworden. Wir schlürften unseren Kaffee, er tat mir gut, er wärmte auf und verdrängte den Bierdunst aus Hirn und Blut. Meine Umwelt konnte ich besser beobachten und schärfer beurteilen. Draußen verlor der Regen allmählich seine Heftigkeit, im Zimmer wurde es langsam heller, irgendwo am zementenen Himmel kroch die Sonne heraus.

Ist Essig auf ’m Bau jetzt, sagte der Mann. Er blätterte gelassen in der Zeitung.

Sie arbeiten draußen?, fragte ich. Maurer? Es war mir, als hätte die Frau mir das erzählt. Ach nein, sie hatte nur gesagt, ihr Mann bekomme jeden Freitag Geld, er kann also nicht auf der Zeche arbeiten, denn da bekommen wir alle zehn Tage Geld.

Bin Polier. Haben die Bude zugemacht, bei dem Sauwetter soll man mit dem Arsch am warmen Ofen bleiben. Kaum die Speis angemacht, fängt es schon zu saulieren an, Schnee oder Regen. Zu viel Ausfall jetzt. Ist auch mal schön, ein paar Wochen faulenzen, das Geld geht ja weiter.

Jaja, sagte ich. Auf der Zeche ist es egal, was für Wetter ist, immer die gleiche Temperatur unter Tage, ohne Regen, ohne Schnee, ohne Sonne.

Wollen Sie noch eine Tasse Kaffee?, fragte die Frau. Sie trat lächelnd an den Tisch. Sie sah mich an.

Verdammt! Heftig schlug der Mann auf den Tisch.

Immer deine blödsinnigen Fragen! Natürlich will er noch eine Tasse Kaffee.

Er las weiter in seiner Zeitung.

Verschreckt schenkte die Frau mir neu ein. Ihre Hände zitterten, sie war nicht mehr freundlich, sie sah mich böse an, wahrscheinlich, weil der Mann meinetwegen seine Heftigkeit an ihr ausließ. Sie kam mir nun mutlos vor, nicht mehr so wie in den beiden Nächten, wo ich sie ein wenig bewundert hatte.

Ach Gott, jetzt habe ich keine Milch mehr, rief sie.

Wieder schlug der Mann auf den Tisch.

Was hast du eigentlich? Nie hast du etwas im Haus, jeden Dreck musst du einzeln über die Straße holen.

Ich war heute noch nicht einkaufen, sagte sie mit weinerlicher Stimme.

Und wo warst du vor einer Stunde? Bei deiner lieben Schwester? Dann wird es aber Zeit, dass du endlich gehst. Was machst du nur den ganzen Tag? Tratschen!

Lassen Sie nur, sagte ich begütigend, ich trinke meinen Kaffee gern schwarz.

Quatsch! Soll Milch holen.

Aber, du trinkst ihn doch auch schwarz, rief sie.

Jetzt aber ab! Er wies der Frau die Tür. Die Frau lief. Der Mann blätterte ruhig seine Zeitung um und murmelte vor sich hin. Dann lachte er breit – und gähnte.

Ich sah mir den Mann genau an. Gekämmt schien er sich heute noch nicht zu haben, die Haare büschelten sich wirr auf dem zu kleinen Kopf. Ich wusste, warum er trotz des kleinen Kopfes kein Kindergesicht hatte: die Nase störte und die Augen. Die Nase war zu groß und zu gebogen, und die Augen glitzerten farblos und kalt. Die Stirn zeigte links und rechts fünfmarkstückgroße Wölbungen, die sich beim Sprechen verengten und erweiterten. In breiten Schultern lag der Kopf eingekugelt, wie ein Kaktus, ohne Hals, das Hemd hing offen von der behaarten Brust. Man konnte Angst vor ihm haben.

Die Küche war eingerichtet wie abertausend Küchen in abertausend Arbeiterhäusern, nicht besonders geschmackvoll, aber nicht unübel, eben ein Aufenthaltsraum, wie ihn Arbeiter lieben. Trotz der morgendlichen Stunde sauber, daran änderte auch nichts die verstreut herumliegende Kinderkleidung und die ausbesserungsbedürftige Arbeitskleidung des Mannes. Schulhefte und ein paar Wildwestromane lagen auf der Anrichte.

Haben Sie Mittagsschicht?, fragte die Frau, die atemlos zurückgekehrt war. Sofort stieß sie zwei Löcher in die Dose und stellte sie auf den Tisch. Als ich mich bedient hatte und dem Mann die Dose zuschob, knurrte er: Brauche sie nicht, trinke meinen Kaffee schwarz.

Nein, ich habe Vierundzwanziguhrschicht sagte ich, schon das ganze Jahr.

Das ist ja eine Verbrecherschicht, knurrte der Mann.

Ja, das kann man wohl sagen, besonders wenn sie länger als ein paar Wochen dauert.

Kamen Sie eben von der Schicht?, fragte die Frau und sah mich gespannt an. Ich sagte ja. Der Mann blätterte schnell die Zeitung von hinten nach vorn durch.

Hast du mir Zigaretten mitgebracht?, fragte er scharf.

Zigaretten? Ich dachte … Sie zitterte wieder.

Dachte. Wenn du schon zu denken anfängst. Sofort holst du welche, aber sofort. Verdammt noch mal, jeden Dreck muss sie einzeln über die Straße holen.

Ich hielt ihm meine Packung hin.

Ist nicht meine Sorte!, sagte er.

Die Frau hatte schon das Zimmer verlassen, als er ihr nachrief: Ist der Hund noch da? Liegt er vor der Tür?

Ich habe nichts gesehen!

Du hast ja auch Tomaten auf den Augen! Wuchtig ließ er sich auf den Stuhl zurückfallen und blätterte wieder in der Zeitung.

So, sagte ich, meine Jacke ist so weit trocken. Ich muss fort, ich fange an, müde zu werden. Meine Hose ist auch etwas abgetrocknet. Ich habe nur eine Viertelstunde mit dem Fahrrad.

Ich zog mich an. Meine zum Abschied vorgestreckte Rechte übersah er.

Lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden im Bett, sagte er nur. Wahrscheinlich wusste er gar nicht, dass er etwas gesagt hatte. Durch den gebrochenen Zementhimmel schossen die ersten Sonnenbündel in die Gassen und auf die Menschen. Zwei Mädchen kamen von der Schule und verschwanden in der Haustür. Also ihre Kinder. Langsam lief ich die mit

tristroten Häusern eingefriedete Straße entlang. An der Ecke stand ich unvermittelt der Frau gegenüber.

Sie hätten doch noch ein paar Minuten warten können.

Ich wäre nicht so nass geworden, wenn Sie mich nicht auf die Straße gestoßen hätten.

Mein Gott, verstehen Sie doch. Er bringt mich um, wenn er etwas erfährt.

Was gibt es denn zu erfahren?

Den vergangenen Freitag, die Nacht meine ich.

Ich habe Ihnen nur Gesellschaft geleistet, sonst nichts.

Aber er weiß doch nicht, dass ich an den Geleisen entlanglaufe, wenn er mich fortjagt, und dass ich dann bis zur Stadt laufe. Er denkt, ich bin bei meiner Schwester. Sie wohnt am anderen Ende.

Hat er die Schwester denn nie gefragt?

Die weiß Bescheid, die verrät nichts, die nicht.

Werden Sie Freitag wieder am Bahndamm sein?

Vielleicht … genau weiß ich es nicht … es ist wohl besser … ja … wenn ich nicht mehr komme. Jetzt geht er stempeln und bekommt sein Geld am Montag. Am Montag sind die meisten Kneipen zu, und wenn er einmal zu Hause ist, geht er nicht mehr fort.

Ja, das ist also nun Ihr Mann, sagte ich und sah an ihr vorbei.

Nein … ja … nein … ich meine …

Wie? Was ist?

Er ist nicht mein Mann, wir leben nur so zusammen, wissen Sie, er sorgt für mich und die Kinder. Sie war hilflos und feuerrot geworden.

Witwe?

So könnte man es auch sagen. Mein Mann ist weit weg … sehr weit … da kommt man nicht hin … Bautzen … das ist am Ende der Welt … ganz weit …

Ist das nicht riskant? Wegen der Nachbarn, meine ich.

Warum? Sie sah mich gerade an. Irgendwie muss man doch leben. Ich habe schon ganz anders gelebt. Offiziell lebe ich bei ihm als Untermieter.

Da fielen mir Frauen ein, die, als sie davon erfuhren, dass ihr Mann auf dem Felde der Ehre gefallen war für Adolf, Volk und Vaterland und für den Vierjahresplan, sich wie wild vor Schmerz gebärdeten, nach vier Wochen aber schon einen neuen Freund hatten.

Die Kohlen können Sie trotzdem kommen lassen, wenn es noch geht, jetzt wissen Sie ja die Adresse.

Ja, ich werde noch heute meinem Fuhrmann Bescheid sagen.

Dann bin ich beruhigt, sagte die Frau.

Warum sind Sie am letzten Freitag einfach weggelaufen, so ohne Gruß?

Ach, mir fiel was ein, ich hatte was vergessen … Übrigens, an der Wirtschaft steht Ihr Fahrrad. Nicht einmal abgeschlossen.

Wir bohren den Stein an.

Das Schmidt’sche Gerät saugt den Staub in Eisenkübel.

Wie gut, dass es noch Menschen gibt, die bei ihren Erfindungen nicht allein an den Fortschritt denken. Hätten wir dieses Gerät nicht, wir wären mit 45 Jahren Invaliden, die Lunge wäre vom Steinstaub eingemauert oder zerfressen.

Drei Mann bohren.

Ein Singsangton stößt monoton an unsere Ohren, es blubbert und knirscht, rattert und stampft, braust und zischt, für Stunden werden wir taub. Unsere Verständigung besteht nur aus Gesten.

Neun Löcher sind zu bohren.

Jeder Mann bohrt drei Löcher zwei Meter tief in den Stein. Ich hinke etwas nach, die Arbeit will mir nicht so recht von der Hand, meine Gedanken schwirren ab von dem Gegenstand, den ich in der Hand halte, und das ist nicht gut. Ich komme aus der Richtung, und erst ein kräftiger Rippenstoß von Karl macht mir klar, dass ich in Gedanken bohre und nicht im Stein. Die letzten Tage hatten mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Auch körperlich fühlte ich mich nicht wohl, Kopfschmerzen und Stechen im Rücken machten mir zu schaffen.

Verflucht! Was ist los?

Zischen!

Einer schreit!

Warum schreit Karl so blödsinnig laut?

Ein Saugschlauch war aus dem Ventil gerissen, jetzt zischte die Pressluft auf die Steinwände, wirbelte Staub auf, der Schlauch schlug schlangenförmig durch das Ort.

Weglaufen!

Ein Schlag von diesem Schlauch kann Glieder zerbrechen, der Schlag an Kinn oder Schläfen kann den Tod bedeuten. Wir laufen ziellos durcheinander, finden im Staubnebel den Kübel nicht. Ich laufe in die Strecke hinein, zweihundert Meter zurück, und drehe den Sperrschieber in das Pressluftrohr.

Langsam erstirbt vor Ort das Gebläse, flaumweich fällt der Staub zur Sohle. Als ich wieder das Ort erreichte, arbeiteten Karl und Wilhelm schon am Ventil und versuchten, den zersprengten Schlauch zu laschen. Ununterbrochen fluchten sie drauflos. Das war verständlich, denn wir hatten Zeit verloren, jede Minute wird genau auskalkuliert. Der Schießhauer darf nicht warten, wenn er zum Abschießen bei uns eintrifft. Auch er hat einen Stundenplan, einen Minutenplan.

Wie es sich die Herren am grünen Tisch ausrechnen, so soll es ausgeführt werden, und sie vergessen dabei oft, dass die Kalkulation von Maschinen leichter einzuhalten ist als von Menschen. Das hat uns gerade noch gefehlt, habe für vier Uhr den Schießmeister bestellt.

Verflucht, verdammte Sauerei, schimpfte Karl, hoffentlich werden wir rechtzeitig fertig. Ich kann heute unmöglich Überstunden machen, kriege wieder Krach mit dem Steiger. Karl steigerte sich immer mehr in Wut. Kein Wunder, dass seine Reparatur am Schlauch sich hinauszögerte. Erst das Bohren wird ihn wieder beruhigen.

Halb drei war es geworden.

Noch anderthalb Stunden hatten wir also Zeit, wir können es noch schaffen, wenn kein neuer Zwischenfall eintritt. Karl und Wilhelm waren fertig geworden mit Schlauch und Kübel, ich lief zurück und drehte den Schieber wieder aus dem Rohr. Die Luft zischte ein, und die beiden bohrten schon, noch ehe ich das Ort erreicht hatte.

Wir bohren den Bauch der Erde entzwei.

Von aufgetürmten Steinwänden behütet und bedroht, fressen wir uns täglich zwei Meter weiter in den Stein, in die Kohle, und wir wissen nicht, wo das Hineinfressen enden wird. Jeden Tag zwei Meter, jeden Tag dieselbe Arbeit, der Erdenbauch ist unermesslich. Obwohl mir hundeelend war, setzte ich mein drittes Bohrloch an. Ich verschob zuerst das zwei Meter hohe Gestänge, auf dem der Bohrer ruht, und begann die linke obere Ecke anzubohren. Die Arme schmerzten. Trotzdem ging es flott, der Bohrer fraß sich in den Stein, dass es eine Freude war, die schlanke Stange zentimeterweise im Stein verschwinden zu sehen.

Bohren, abschießen, ausbauen.

Das ist ein Rhythmus zu drei Dritteln in vierundzwanzig Stunden. Haben wir gebohrt und abgeschossen, und es bleibt noch Zeit bis Schichtende, dann pfänden wir noch eine Sicherungsschiene vor, das gibt Geld – dreißig Mark pro Schicht, manchmal ein paar Pfennige mehr, manchmal weniger. Auf mehr als dreißig Mark pro Schicht kommen wir selten – und das ist nun der Spitzenverdienst des Kumpels.

Plötzlich bohrte ich auf der Stelle. Verdammt, schiebt sich jetzt zu allem Unglück eine Sandsteinader durch den Schiefer? Auch das noch, wir haben ohnehin Zeit verloren. Zeit ist Geld, weicher Stein ist viel Geld, harter Stein ist wenig Geld. Verdammt, gerade heute. Na, vielleicht ist es nur eine Konglomeratader. Wir müssen dreißig Mark verdienen, unbedingt, wenn wir das nicht verdienen bei der schweren Arbeit, dann können wir auch nach Dortmund oder Unna als Straßenkehrer gehen.

Karl und Wilhelm waren mit ihren Bohrungen fertig geworden. Sie halfen mir nun, meinen Rückstand aufzuholen. Es war auch höchste Zeit, der Schießhauer stand schon Minuten hinter uns und führte gemeine Reden. Wir verstanden zwar nicht viel von dem, was er sagte, aber wir hätten ihn gern unangespitzt in den Boden gerammt. Alle haben es auf der Zeche eilig, die Vorgesetzten und die Kumpels, wie eine Seuche ist das.

Kein Wunder, dass dann Unfälle passieren.

Der Schweiß sammelte sich am Hosenbund zu einem feuchten Streifen und fraß an der Haut; der Staub klebte in den Poren und wurde wieder vom Schweiß ausgespült. Wie oft in einer Schicht? Niemand weiß es, niemand weiß, wie viel Pfund wir in einer Schicht verlieren, wir wissen nur, dass wir Durst haben und vor Überanstrengung oft nicht essen können. Ist der Körper schweißnaß, wird er trockengerieben, wenn man überhaupt Zeit dazu hat. Das Gedinge treibt, der Rhythmus treibt, der Druck von oben treibt, die Kalkulation vom grünen Tisch treibt, die Maschine treibt, der Mensch treibt den Menschen, und der Mensch treibt sich selbst, weil er verdienen muss.

Wir räumten die Bohrgeräte ab, den Ladewagen fuhr ich bis zum Wechsel zurück. Ein gefährliches Unternehmen; wenn er umkippt, haben wir eine Schicht zu tun, ihn aufzurichten. Eine Schicht umsonst gearbeitet.

Der Schießhauer begann, das Ort zu besetzen.

Patronen.

Rote Drähte baumelten wenig später aus den Löchern, wie eine Kabelverteilung sah das aus, und mit Hilfe von drei Meter langen Stangen, etwas schwächer im Durchmesser als die gebohrten Löcher, stießen wir vorsichtig den Besatz hinein, zu Würsten gedrehten Lehm auf die Patronen. Vorsichtig, wie ein Bäcker seine Brote in den Backofen schiebt.

Der Schießhauer führte die neun baumelnden Drähte nun zusammen. Obwohl ich schon oft zugesehen hatte, war es mir heute noch ein Rätsel, wie er diesen Wirrwarr ordnen konnte, damit kein Unglück geschah. Ich schraubte die Luftlampe von der Firste, auch das herumliegende Gezähe sammelte ich und brachte es in Sicherheit.

Endlich hatte auch der Schießhauer seine Arbeit beendet, alle Drähte zum Batteriekasten gezogen und dort angeklemmt. Fünfzig Meter vom Ort entfernt nahm er seinen Abschussstandort. Wir drei liefen weiter zurück, bis zum Sperrventil. Zweihundert Meter vom Ort entfernt drückten wir uns in die Stöße. Vorsicht ist immer besser; der Teufel will es manchmal, dass Steine um die Ecken fliegen. Wir standen stumm in Sicherheit.

Da schrie er auch schon sein Alarmsignal.

Es brennt! Es brennt!

Bange Sekunden.

Dann bebte der Berg, über und neben uns zitterten die Ausbaue, Holz und Eisen – wir zitterten einen Augenblick selbst. Wieder einmal gut gegangen. Gott sei Dank.

Wir blieben nach der Detonation sitzen, aßen unsere Brote und tranken den kalten Kaffee. Dazu war jetzt Zeit, denn es dauert zwanzig Minuten, ehe die Schwefeldämpfe vor Ort abgezogen sind. Karl drehte die künstliche Bewetterung auf Volltouren, die Ventilatoren rasten. Undurchdringlicher Nebel, mit Schwefeldämpfen vermischt, hüllte das Ort ein. Wir saßen weit zurück, trotzdem kitzelte süßlicher Qualm unsere Nase.

Verflucht!, schrie Wilhelm. Die Mäuse haben meine Brote angefressen.

Warum hängst du deine Brote nicht an einem Draht auf?, sagte ich.

Habe ich doch. Weiß der Teufel, wie die Biester da ’rangekommen sind. Verdammte Sauerei!

Karl wollte Wilhelm eine Schnitte abgeben, aber der lehnte ab, schimpfte fortgesetzt auf die Mäuse, fluchte auf die Zeche, auf die Arbeit und schließlich auf sich selbst.

Der Schießhauer ging vorbei.

Habe das Ort abgeleuchtet, es ist rein, ihr könnt weitermachen, knurrte er. Die beiden Blechkästen über seinen Schultern, in denen er den Sprengstoff herbeitrug, klapperten noch lange.

Kinder, habt ihr auch solche Lust zum Arbeiten wie ich?, fragte Karl. Seit einigen Tagen habe ich es unter der Haut, ich bin erkältet, ist auch kein Wunder bei dem Wetter. Meine Alte meint, ich soll zum Arzt gehen. Was soll ich da? Nach drei Tagen bekomme ich eine Karte zum Vertrauensarzt, und in Hamm bist du sowieso kv, wenn sie nichts sehen können. In Hamm sitzt du drei Stunden und wartest auf die zwei Minuten, die dich der Arzt ansieht, profitiert hast du überhaupt nichts, auskurieren kann man sich doch gar nicht bei dieser Krankenscheinprozedur.

Unsere Revierärzte haben bald nichts mehr zu sagen, murrte Wilhelm, die haben bald nur noch ein Büro zum Krankenscheinunterschreiben und zum Ausfüllen von Rezepten. Ob dir was fehlt, das wird auf der Untersuchungsstelle in Hamm bestimmt, die können das auch besser als dein Revierarzt, der Hunderte in der Woche zur Untersuchung hat.

Wir gingen an unsere Arbeit.

Das Ort gähnte uns an, bis zum Ladewagen waren die Steine geflogen, aber wir hatten trotzdem gut gebohrt, und es war auch gut geschossen worden, denn kein Stempel der neuen Ausbaue war weggeschossen, kein Verzug beschädigt. Schüsse dieser Güte liebten wir, der Arbeitsrhythmus zerbrach nicht. Das gibt Geld, dreißig Mark pro Schicht.

Wir pfändeten die beiden Fangschienen vor, legten die Kappschiene auf, das war jetzt leicht, denn wir brauchten kein Gerüst, der Steinhaufen bot uns besseren Stand als das beste Gerüst. Alles musste praktisch und zeitsparend ausgeklügelt werden, jeder besaß seine eigenen Kniffe. Im nächsten Arbeitsdrittel wird der Steinberg weggeladen, zwanzig Tonnen, die darauf folgende Mittagsschicht wird die Stempel setzen, die Stöße und die Firste absichern und versiehen. Und dann kommt die Nachtschicht, mit ihr Karl, Wilhelm und ich, wir bohren wieder neun Löcher in den Stein und lassen den Stein zerschießen. Wie ein Zahnrad greift eins ins andere, wenn einer einmal ausfällt, wird der gesamte Ablauf gestört, der Verdienst, die Stimmung, die Kameradschaft.

Heute war es noch einmal gut gegangen, das mit dem Schlauch kann einmal passieren, das schmälert unsere dreißig Mark nicht, aber es ist nicht damit getan, dass wir drei miteinander auskommen, die beiden anderen Drittel, die morgens und mittags kommen, müssen genauso gut arbeiten, sonst hat alles keinen Zweck.

Um halb sieben gingen wir zu unseren Kisten, reinigten uns von Schweiß und Dreck und entstaubten unsere Kleider. Langsam trotteten wir zum Querschlag und von dort in die Richtstrecke.

Der Gerichtsvollzieher war gestern bei mir, sagte Karl unterwegs. Hat seinen Kuckuck an meinen neuen Küchenschrank geklebt.

Warum das denn?, fragte ich.

Ach, hab’ mir doch im vorigen Sommer einen Fernsehapparat gekauft. Na und, ich konnte die Raten nicht einhalten, dachte, als ich ihn kaufte, es wird schon werden. Und was war? Drei Monate musste ich feiern nach meinem Unfall. Erst haben sie Mahnungen geschickt, dann einen Zahlungsbefehl, und gestern kam der Herr Kuckuck.

Da lass dir keine grauen Haare wachsen, sagte Wilhelm, der war voriges Jahr auch bei mir.

Karl bellte ihn an: Darum geht es ja auch nicht. Meine Frau ist auf der Palme, das Auto vom Gerichtsvollzieher kennt doch jeder in unserer Straße, und wenn das einfährt, gucken alle hinter den Gardinen, wohin er geht. Und ausgerechnet meine Frau hat sich immer bei den anderen Weibern damit gebrüstet, dass sie alles bar bezahlt. Verflucht, ist das ärgerlich, man sollte einfach nichts auf Raten kaufen.

Wahr ist es schon, sagte Wilhelm, aber man fällt immer wieder darauf ’rein. Wie willst du sonst kaufen? Vorher zusammensparen? Das haut nie hin, ich habe es versucht. Wenn man ein paar hundert Mark zusammen hat, kommt etwas dazwischen, und man nimmt weg von dem Geld.

Recht hast du, sagte Karl. Wir verdienen nun mal zu wenig, das ist es. Unser Lohn stimmt nicht mehr.

Nein, wandte ich ein, wir verdienen genug, aber, seien wir mal ehrlich, wir wollen zu viel auf einmal haben.

Jetzt halte aber die Luft an. Kauft man sich denn was Unnützes? Karl ereiferte sich. Waschmaschine? Muss man haben. Fernsehgerät? Muss man haben. Und ein Moped? Mensch, wie lange sollen wir noch zur Arbeit trampeln? Willst du dein ganzes Leben mit dem Fahrrad zur Zeche fahren? Bist schon halb k.o., wenn du an die Arbeit kommst. Nein, Jürgen, das ist es nicht, zu teuer ist alles, die Zwischenverdienste sind zu hoch. Pass mal auf. Mein Nachbar hat sich eine vollautomatische Waschmaschine gekauft, kostet zweitausend, er bekam sie unter der Hand durch einen guten Bekannten vom Großhändler für vierzehnhundert. Für die gesparten sechshundert konnte er sich schon einen Kühlschrank kaufen. Mit welchem Recht verdienen die Leute so viel daran?

Der Staat müsste eben eingreifen, sagte ich.

Der Staat? Mensch, der verdient doch am meisten daran, je mehr Zwischenhändler, desto mehr Steuern, schrie Karl gegen den Wetterzug.

Sei es, wie es will, sei froh, dass wir nicht in der Ostzone leben, sagte Wilhelm zu mir.

Was? begehrte ich auf, glaubst du auch an die Märchen? Das meiste ist Propaganda, und viele kommen nur ’rüber, weil sie glauben, wir haben den goldenen Westen. Was die Flüchtlinge für Zuschüsse kriegen! Eine Straße weiter von mir wohnt einer, der kam vor drei Monaten aus Berlin, was glaubst du, was der alles in seiner Wohnung hat. Ich arbeite jetzt fünfzehn Jahre und konnte mir das noch nicht anschaffen. Freiheit? Mensch, wo ist unsere? Arbeiten, Schnauze halten, sonst bekommst du die Papiere, das ist unsere Freiheit.

Recht hast du, sagte Karl und haute Wilhelm auf die Schulter. Kinder, was habe ich gelacht, als der Gerichtsvollzieher draußen war. Er hat doch den Kuckuck auf den Küchenschrank geklebt, und der Küchenschrank ist auch noch nicht bezahlt.

Da lachten wir alle drei.

Jetzt braucht nur noch ein Zahlungsbefehl für den Küchenschrank zu kommen, sagte Karl und lachte weiter.

Aus den Strecken, die in den Querschlag münden, schaukelten Lichter auf uns zu. Aus dem Labyrinth unterirdischer Strecken stolperten die Kumpels in die Richtstrecke zum Personenzug. Eisiger Wetterzug durchpfiff unsere Kleider. Er stürmte mit solcher Wucht gegen uns an, dass wir gezwungen waren, die Gesichter seitlich zu wenden, damit keine Atemnot eintrat. Am Wetterzug achthundert Meter unter Tage konnten wir schon ablesen, wie die Temperatur über Tage war. Heute lag bestimmt eine grimmige Kälte über dem Land, wir spürten es auf dem Wege zum Schacht.

Unsere Erschöpfung merkten wir erst, als wir im Zug saßen, im überdeckten und wettergeschützten Wagen. Wir ließen die Flügel hängen und schliefen die dreitausend Meter bis zum Schacht so tief, dass wir geweckt werden mussten. Auch das Gepolter und das Rütteln des fahrenden Zuges scheuchte uns nicht aus unserer Müdigkeit.

Am Schacht war kein Gedränge. Um acht Uhr morgens fahren nur fünfzig Mann aus. Schwarze Gestalten, übermüdet und schlaftrunken, ausgemergelt, durstig und hungrig und mit einer Sehnsucht nach Tageslicht, als ob das Leben davon abhinge. Wir stiegen auf die Sätze des Korbes, der Wetterzug war noch eisiger als am Schacht, und unsere Körper besaßen keinen Widerstand mehr. Wir zitterten vor Kälte.

Im überdachten Laufsteg, der Hängebank und Waschkaue verbindet, stand ich einige Minuten und sah auf die Rangiergleise und hinauf zum Haarstrang. Viel Schnee war über Nacht gefallen. Ich hatte Zeit. Warum beeilen? Meine Wohnung ist kalt und unpersönlich und fremd, seit meine Frau nach Dortmund abgehauen ist. Ich muss Rosi bitten, dass sie in Küche und Wohnzimmer Feuer macht, bevor sie zur Schule fährt. Sie wird es wohl tun, meine Wohnung liegt auf ihrem Weg. Den Kaffee werde ich mir wieder selbst brauen müssen, und was man sich selbst in Eile bereitet, schmeckt nicht. Polenz, der Polier, hat es da besser, der kann für Wochen seine Füße unter den Ofen stecken und Zeitung lesen und seiner Nicht-Frau unflätige Worte sagen.

Langsam ließ ich in der Kaue meinen Haken herunter und entkleidete mich, nahm Seife, Reinol und den Schwamm und schlurfte in Holzlatschen in den Waschraum. Dampfsprühend schoss das Wasser aus den Brausen auf die gerillten Fliesen und nackten Körper. Der Atem stockt für einen Moment. Aber welch eine Wohltat für die durchrüttelten Körper!

Unter dem heißen Wasser wird der Kumpel wieder Mensch.

Schwarze Bäche rinnen von nackten Leibern. Der Grubenadam wird abgewaschen, der Erdenadam kommt wieder zum Vorschein. Jeder hat seine eigene Art, sich zu waschen, der eine beginnt beim Kopf, der andere bei den Zehen nach oben, wieder andere beginnen am Hals, und das ist dann das ulkigste Bild, wenn ein weißer Körper mit einem schwarzen Kopf dasteht. Heute rief mir keiner zu wie sonst: Jürgen! zieh deinen Pullover aus! Ich bin am ganzen Körper stark behaart, besonders auf der Brust, und bevor ich die Duschräume betrete, schabe ich mit den Fingernägeln den eingelagerten und eingeschwitzten Staub aus den Brusthaaren.

Hier bewegen sich tausend nackte Männer ohne Scham, nackte Väter neben ihren nackten Söhnen, nackter Bruder neben nacktem Bruder, nackter Neffe neben nacktem Onkel. Ein junger Mann, der vor Jahren aus Hessen auf unsere Schachtanlage kam, betrat nach seiner ersten Schicht die Duschräume in Badehose. Er schämte sich. Dem armen Kerl erging es schlecht. Erst lachten ein paar Männer, dann fragte ihn einer, wie er sich denn zwischen den Beinen waschen wolle, dann begann das Feixen. Es war kaum zu glauben – ein Kumpel in Badehose im Duschraum. Rohe Hände rissen ihm schließlich die Hose vom Leib, er schrie und rief andere zu Hilfe, aber alle lachten, und das Gelächter steigerte sich, als der arme Kerl nackt dastand, denn unter der Hose war nur die Andeutung einer Männlichkeit zum Vorschein gekommen.

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