Logo weiterlesen.de
Inspektor Takeda und die Toten von Altona

Informationen zum Buch

Steckbrief

Name: Kenjiro Takeda

Beruf: Kommissar

Hobbys: Saxophon spielen

Besonders Interessen: amerikanischer Jazz

Besondere Kennzeichen: schulterlanges Haar

Von Tokio nach Hamburg

Als die Eheleute Haubach tot in ihrer Wohnung in Hamburg-Altona gefunden werden, scheint der Fall auf den ersten Blick klar: Selbstmord. Deshalb hat man auch Inspektor Kenjiro Takeda, Mitarbeiter der Mordkommission Tokio und zurzeit als Hospitant in Deutschland tätig, zum Tatort geschickt. Doch Takeda ist skeptisch. Zu recht, wie sich bald herausstellt, denn es finden sich Spuren, die auf Mord hindeuten, und Verdächtige gibt es auch genug. Gemeinsam mit seiner deutschen Partnerin, Hauptkommissarin Claudia Harms, nimmt Takeda – auf seine Weise – die Ermittlungen auf.

Spannend und ungewöhnlich – ein Japaner und eine deutsche Ermittlerin

1.

Inspektor Kenjiro Takeda öffnete die Augen, als die Germanwings-Maschine in den Landeanflug auf Hamburg überging. Das leise Ziehen in der Magengegend signalisierte ihm, dass es bald so weit sein würde. Nach zwölf Stunden Flug und einem kurzen Zwischenstopp in Paris würde er in Kürze deutschen Boden betreten.

Das Land, das in den kommenden zwei Jahren seine Heimat sein sollte.

Takeda wartete noch einige Minuten, beugte sich dann gegen das Plexiglas des Bullauges und sah hinaus. Seltsamerweise war von der Stadt nichts zu sehen, dafür aber eine ausgedehnte, grüne Waldlandschaft, in deren Mitte eine von Gebäuden umgebene Wasserfläche glitzerte. Konnte das die Alster sein, über die er im Reiseführer gelesen hatte? Aber wo war dann die Stadt? Wo waren die Highways, die Hochhäuser, die verstopften Straßen, das Häusermeer, über das eine Metropole von knapp zwei Millionen Einwohnern doch verfügen musste?

Dann erblicke Takeda im Süden die Kräne, Terminals und Containerhalden im Hafen. Ein Frachtschiff schob sich majestätisch auf dem silbern glitzernden Band eines Stroms in Richtung Westen dem offenen Meer entgegen. Das musste die Elbe sein.

Kein Zweifel. Hamburg.

Takeda musste zugeben, dass er seiner Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegenblickte. Sein Vater, Daisuke Takeda, ebenfalls Polizist und seit einigen Jahren im Ruhestand, hatte immer für Deutschland geschwärmt. Ein Land voller vorbildlicher Menschen, gewissenhaft in der Arbeit, tugendhaft im Leben.

Der alte Takeda hatte auch dafür gesorgt, dass sich sein Sohn für das Austauschprogramm der Polizeiorganisationen Hamburgs und Tokios bewarb, schließlich wäre Kenjiro eine Idealbesetzung. Als Inspektor bekleidete er zwar nur einen mittleren Dienstrang, doch seine Aufklärungsbilanz war makellos. Ken galt als ein Mann für die schwierigen Fälle, er war scharfsinnig, zäh und, wenn es sein musste, auch skrupellos.

Zudem sprach er fließend Deutsch, da er sich schon einige Male in Deutschland aufgehalten hatte, auch wenn das zu seiner Studentenzeit gewesen war und schon viele Jahre zurücklag. Aber der alte Takeda hatte darauf bestanden, dass sein Sohn bereits auf der Kōkōgakkō, der höheren Schule, Deutsch lernte, die Sprache von Goethe, Schiller und Thomas Mann.

Und die von Hitler. Aber der gehörte in den Augen des alten Takeda in die gleiche Reihe großer deutscher Geister.

Ken hingegen war, was Deutschland anging, sehr viel skeptischer. Genau wie die meisten Vertreter seiner Generation, er war dreiundvierzig Jahre alt, schwärmte er eher für Länder wie Italien oder Spanien, die mit ihrer Leidenschaft und Sinnlichkeit etwas versprachen, das ein kaltes, verstandesbetontes Land wie Deutschland kaum zu bieten hatte.

Der Verdacht lag zu nahe, dass Deutschland eine europäische Kopie seiner japanischen Heimat war, mit strebsamen, ehrlichen Menschen, die sich ganz in der Erfüllung ihrer Pflichten verloren.

Aber das neuartige Kooperationsabkommen zwischen der Hamburger Innenbehörde und dem Keishichō, dem Polizeihauptquartier Tokios, wo er in der Mordkommission tätig war, hatte ihm keine Wahl gelassen. Die einzige Möglichkeit, seinem Leben in Tokio zu entkommen – und damit auch den Nachbeben seiner Scheidung von Makiko –, hatte eben darin bestanden, nach Hamburg zu gehen.

Die Stewardess ging noch einmal durch die Reihen und sorgte dafür, dass die Tische eingeklappt und die Rückenlehnen aufgerichtet wurden. Takeda reichte ihr seinen leeren Kaffeebecher, den sie mit einem Lächeln entgegennahm. Sie hatte ein hübsches Gesicht, das von langen dunkelseidigen Haaren eingerahmt wurde. Das Namensschild an ihrer Uniform verriet, dass sie Naila Özgür hieß. Als er sie nach dem Start gefragt hatte, woher sie stamme, hatte sie ihn irritiert angesehen und gesagt: »Aus Deutschland.«

»Verzeihung«, hatte er mit peinlich berührtem Gesichtsausdruck geantwortet, woraufhin sie nur spöttisch die Augenbrauen gehoben hatte.

Vielleicht täuschte er sich ja auch, was Deutschland anging. Seit seinem letzten Aufenthalt vor zwanzig Jahren könnte sich ja vieles geändert haben. Am besten war es, wenn er sich einfach überraschen ließ.

Die Stimme des Flugkapitäns meldete sich über die Bordlautsprecher. Cabincrew, prepare for landing. Takeda schloss die Augen und gab sich diesem sehr japanischen Zustand zwischen Dösen und Wachheit hin, der keine rechte Bezeichnung hatte. Mal diente er ihm dazu, über Dinge nachzudenken, beispielsweise über die Beweiskette eines kniffeligen Falls oder eine ungewöhnliche Zeugenaussage. Mal aber ließ er seinen Geist auch in eine wortlose Leere gleiten, in der er eine tiefere Erholung fand als im Schlaf, von dem er sich ohnehin viel zu wenig gönnte.

So hielt er es auch jetzt, und daher war der Inspektor fast überrascht, als die Maschine kurz darauf mit quietschenden Reifen auf der Rollbahn des Flughafens Hamburg-Fuhlsbüttel aufsetzte.

Die Schubumkehr übertönte für einen kurzen Moment alle anderen Geräusche. Dann rollte der Airbus gemächlich dem Terminal entgegen.

Während viele Fluggäste entgegen der Anordnung der Flugbegleiter bereits aufstanden, ihre Handys anstellten und ihr Handgepäck aus den Fächern nahmen, blieb der Inspektor sitzen. Der Pilot meldete sich ein letztes Mal und teilte mit, dass Hamburg sie mit angenehmen dreiundzwanzig Grad und leichter Bewölkung empfange.

Es war Ende Juni, und Takeda dachte an die Tsuyu, die Regenzeit, die gerade in Japan herrschte. Bei über dreißig Grad und Dauerregen näherte sich die Luftfeuchtigkeit den hundert Prozent. Unerträglich, selbst wenn man es seit frühester Kindheit gewohnt war. Takeda war nicht undankbar, dem schwitzigen Treibhaus seiner Heimatstadt entkommen zu sein.

Der Inspektor nahm sein Jackett mit Stehkragen und engem, figurbetontem Schnitt aus dem Gepäckfach und strich es sorgfältig glatt. Er legte keinen Wert auf Luxus, machte aber, was seine Kleidung anging, eine Ausnahme. Seine Anzüge waren stets von erlesener Qualität und raffiniertem Schnitt, seine Hemden modisch, seine Krawatten teuer. Vermutlich war das auch der Grund, warum seine Vorgesetzten in Tokio es ihm durchgehen ließen, dass er sein Haar fast schulterlang und meistens zu einem Zopf gebunden trug. Mit seinem schlanken, drahtigen Körper hätte man ihn ohne weiteres für einen Künstler oder Tänzer halten können.

Die Einreiseformalitäten verliefen unproblematisch, und kurz darauf nahm Takeda zwei Gepäckstücke vom Fließband im Untergeschoss des Flughafens, einen großen Reisekoffer und einen kleineren Instrumentenkasten. Das mit dem Künstler war tatsächlich nicht ganz falsch. Takeda liebte den Jazz, spielte seit Jugendzeiten Saxophon und hoffte, in Hamburg Gelegenheit zu finden, seiner Leidenschaft nachzugehen.

Aber gut, in erster Linie war er hier, um in den Reihen der Hamburger Mordkommission reguläre Ermittlungsarbeit zu leisten. Mit allen Rechten, aber auch allen Pflichten.

In Zeiten der Globalisierung, so hatten es die Politiker erklärt, die das Abkommen beschlossen hatten, wäre auch eine zunehmende Kooperation der staatlichen Ermittlungsbehörden zwingend notwendig.

Takeda war sich nicht sicher, ob er die in ihn gesetzten Erwartungen wirklich erfüllen konnte. Er hatte jedoch beschlossen, seiner Verunsicherung nicht zu viel Raum zu geben und sich stattdessen auf eine Eigenschaft zu konzentrieren, die ihm bisher immer geholfen hatte: seine Neugier.

Er war daher gespannt, mit welchen Verbrechen ihn das Volk von Goethe, Schiller und Hitler konfrontieren würde.

Inspektor Ken Takeda atmete ein letztes Mal durch und schritt dann durch die milchverglaste Automatiktür hinaus in den Ankunftsbereich des Flughafens.

2.

War das der Japaner? Ihr neuer Partner? Der Inspektor aus Tokio, dem sein brillanter Ruf vorausgeeilt war? Und von dem sich die deutschen Kollegen dennoch fragten, was um Himmels willen sie mit ihm anfangen sollten?

Kriminalhauptkommissarin Claudia Harms war sich nicht sicher, was sie denken oder fühlen sollte, als sie den eleganten Asiaten mit den langen Haaren entdeckte, der sich suchend unter den Menschen im Ankunftsbereich umsah.

Irgendwie hatte sie sich diesen Inspektor Takeda anders vorgestellt, biederer, steifer, unscheinbarer.

Japanischer eben.

Der Mann mit dem Instrumentenkasten und dem lässigen, selbstbewussten Auftreten war hingegen ganz anders als alles, was sie erwartet hatte. Nicht, dass er ihr nicht gefallen hätte, ganz im Gegenteil. Aber sie war halt überrascht.

Na ja, wahrscheinlich war das gar nicht Kenjiro Takeda. Der hier war bestimmt nur ein Musiker, der in Hamburg einen Auftritt hatte. Es gab doch praktisch kein Orchester auf der Welt mehr, in dem nicht mindestens ein Japaner mitspielte, meistens sogar mehrere. Der Inspektor würde schon noch kommen.

Dann aber stellte Claudia überrascht fest, dass der Mann zielstrebig auf sie zukam und das Pappschild fixierte, das sie eher halbherzig in die Höhe hielt und auf dem Takedas Namen stand.

Ein feines Lächeln spielte um den Mund des Japaners, der überraschend kräftige, ja sinnliche Lippen hatte. Er deutete eine Verbeugung an, zeigte auf das Schild und sagte in fließendem, wenn auch eigenartig akzentuiertem Deutsch: »Kenjiro Takeda. Das bin ich.« Dasu bin ichu.

Immerhin, die Sprache kann er, dachte Claudia erleichtert. Auch wenn es komisch klingt. Denn eines war klar: Takeda war ihr gegen ihren erbittertsten Widerstand von ihren Vorgesetzten einfach vor die Nase gesetzt worden.

Die Kommissarin brauchte ein paar Sekunden, um sich aus ihrer Erstarrung zu lösen. Dann lächelte sie ebenfalls und sagte: »Tja, äh … willkommen in Deutschland, Inspektor. Ich bin Hauptkommissarin Harms. Sieht so aus, als würden wir künftig zusammenarbeiten. Der Polizeipräsident und unser Kommissionsleiter wollten eigentlich auch kommen, aber Sie kennen das bestimmt. Freitagnachmittag … die Herren haben Wichtigeres zu tun.«

Zum Beispiel nach Hause zu fahren und den Grill anzuwerfen, während ihre Untergebenen Überstunden schieben, fügte sie in Gedanken hinzu.

Claudia wollte sich verbeugen, als Takeda im selben Augenblick ihr die Hand entgegenstreckte. Der Inspektor zog die Hand zurück, verbeugte sich ebenfalls. Claudia wiederum streckte die Hand aus, griff aber ins Leere. So ging es ein paar Mal hin und her, bis sie schließlich einfach beides gleichzeitig taten, sich verbeugen und die Hand schütteln.

Das fängt ja toll an, dachte Claudia. Nicht mal die Begrüßung kriegen wir hin.

»Kommen Sie, Inspektor. Mein Wagen steht draußen im Parkhaus. Ich bringe Sie in Ihre Wohnung.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Frau Harms.« Furau Harumusu.

»Dann mal los. Soll ich Ihren Koffer nehmen?«

»Danke, es geht schon. Kein Problem.«

Kurz darauf lenkte Claudia Harms ihren schwarzen Peugeot durch den dichten Freitagnachmittagsverkehr. Sie hupte, fluchte und überholte, sobald sich eine Lücke auftat. So war sie halt, am Steuer wie überhaupt im Leben. Ungeduldig. Sie wollte nach vorne, sie wollte nach oben. Und zwar so schnell wie möglich.

Dass Takeda dabei vermutlich eher ein Hindernis war als eine Verstärkung, darüber machte sie sich keine Illusionen. Dieses Austauschprogramm, das sich ein paar realitätsferne Politiker an ihren Schreibtischen ausgedacht hatten, war nichts anderes als eine Zumutung. Schon klar, eine Weltstadt wie Hamburg, international verflochten, riesiger Hafen, Handelsmetropole, muss auch in der Verbrechensbekämpfung neue Wege gehen. Blablabla. Die eigentliche Frage war doch, wie ein Japaner in Deutschland echte Ermittlungsarbeit leisten sollte? Es war einfach Blödsinn. Als Holger Sauer, der Leiter der Hamburger Mordkommission, vor gut zwei Monaten dann auch noch damit herausrückte, dass ausgerechnet Claudia sich um den neuen Kollegen kümmern sollte, war ihr sofort klar gewesen, woher der Wind wehte. Sie war die einzige Frau in der Mordkommission und in den Augen der Kollegen damit die ideale Babysitterin für ihren japanischen Gast. Weil die eigentlich sowieso fanden, dass sie nichts beim Mord verloren hatte. Männerdomäne. Etwas für harte Kerle. Die Tatsache, dass Claudia unter den Kollegen mit die beste Aufklärungsquote hatte, änderte daran nicht das Geringste. Gegen die Mischung aus Neid, Vorurteilen und – mehr oder weniger offen gezeigter – Geilheit war einfach nicht anzukommen.

Sie würde also mit Takeda ein Team bilden, und was das im Klartext hieß, darüber machte Claudia sich keine Illusionen: kein echter Fall, die Zeit absitzen, dabei zusehen, wie die Kollegen die spannenden Aufgaben bekamen und befördert wurden.

Claudia kochte innerlich vor Wut, und es würde ihr verdammt schwerfallen, sie nicht an Takeda auszulassen. Auch wenn der ja nun wirklich nichts dafür konnte.

Sie setzte zu einem riskanten Überholmanöver an, schwenkte auf die andere Fahrspur hinüber, musste dann scharf bremsen und erntete ein wütendes Hupen des Fahrers hinter ihr. »Ja, ja, ist ja gut, jetzt reg dich nicht auf, du Schnarchnase!«, fluchte sie.

»Schnarchnase?«, fragte Takeda irritiert. Schunarchunaze?

Also, ganz so perfekt war sein Deutsch auch wieder nicht. Aber das durfte man wohl auch nicht erwarten, sagte sich Claudia.

»Nur ein Schimpfwort, vergessen Sie es, Takeda-San. Wir stecken übrigens mitten im Berufsverkehr, es ist echt eine Katastrophe.«

Claudia hatte als Vorbereitung auf die Ankunft des Inspektors ein dreitägiges Wie-ticken-Japaner-Seminar besuchen dürfen. Dort hatte sie gelernt, dass alle Japaner, egal ob Mann oder Frau, mit San am Ende ihres Namens angesprochen wurden. Immerhin verspürte sie so etwas wie Stolz, dass sie es anscheinend richtig gemacht hatte.

Takeda blickte irritiert aus dem Seitenfenster. Mit einem spöttischen Lächeln fragte er: »Das ist Ihre Rushhour? In Tokio würden wir dazu sagen, dass die Straßen angenehm frei sind.«

»Klar, Sie sind Schlimmeres gewöhnt. Wieviele Einwohner hat Tokio? Fünf Millionen? Zehn? Gott, muss das ein Moloch sein.«

»Das eigentliche Tokio ist gar nicht so groß. Aber zusammen mit den Nachbarstädten Yokohama und Kawasaki sowie den benachbarten Provinzen sind es fast vierzig Millionen. Die größte Metropolregion der Welt. Aber ein Moloch? Ich bin mir nicht sicher.«

Auch das hatte Claudia gelernt. Japaner sagten nie nein. Sie sagten Ich weiß es nicht oder Es besteht die Möglichkeit, dass es so ist, wie Sie sagen. Aber was sie meinen, ist: Red nicht so einen Unsinn.

»Vierzig Millionen? Dann muss Ihnen Hamburg ja wie ein Dorf erscheinen.«

Takeda nickte. »Ja, aber wie ein sehr schönes Dorf. Und sehr grün. Beim Landeanflug dachte ich, der Pilot hätte sich verflogen.«

Claudia lachte. Sie wusste gar nicht, dass Japaner Humor hatten. Das hatte man ihr auf dem Seminar nicht gesagt.

Und in derselben Sekunde beschloss sie, Takeda doch eine Chance zu geben. Etwas, das ihr zuvor eigentlich unmöglich erschienen war.

Claudia lenkte den Wagen über die vierspurige Alsterkrugchaussee in Richtung Süden, bog dann über die Bebelallee und den Lattenkamp in den Stadtteil Winterhude ein. Das japanische Konsulat, das in das Abkommen der Polizeiorganisationen eingebunden war, hatte Takeda in dem hübschen, von Altbauten geprägten Stadtteil eine Wohnung besorgt.

»Sie haben Glück, Takeda-San. Winterhude ist toll. Und zum Präsidium in Alsterdorf ist es auch nicht weit. Sie könnten morgens glatt zu Fuß gehen. Aber ich hole Sie natürlich am Montag erst einmal ab, bis Sie mit der Umgebung vertraut geworden sind.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen.«

»Na, klar. Aber erst einmal ist ja Wochenende. Haben Sie schon Pläne? Sie wollen sich bestimmt die Stadt ansehen, oder?«

»Ja, das ist richtig. Ich möchte einige Orte besuchen, von denen ich im Reiseführer gelesen habe. Den Michel, die neue Hafencity, vielleicht ein Museum.«

»Gute Idee. Und machen Sie eine Hafenrundfahrt, das lohnt sich immer«, sagte Claudia. Sie fragte sich, ob Takeda wohl erwartete, dass sie sich als Fremdenführerin anbot. Aber sie dachte gar nicht daran, ihm den Gefallen zu tun. Es war Wochenende, und das würde sie bestimmt nicht mit Arbeit zubringen.

Und das war Takeda nun einmal: Arbeit.

Die Kommissarin fuhr über eine kleine Seitenstraße in das Altbauquartier, das sich zwischen Alsterdorfer Straße und Stadtpark aufspannte.

»Mann, Sie sind echt zu beneiden, Inspektor. Das ist eine klasse Gegend hier.«

»Ja, es sieht sehr schön aus.«

»Da vorne sind ein paar Supermärkte, wo Sie einkaufen können. Und ein paar Cafés. Die U-Bahn ist auch nicht weit.«

»Wohnen Sie auch hier in der Nähe?«

»Machen Sie Witze? Das kann ich mir nicht leisten.«

Der Inspektor sah sie betroffen an. »Entschuldigung, dass ich gefragt habe. Ich wollte nicht unhöflich sein.«

Claudia lachte. »Quatsch, das war doch nicht unhöflich. Ich will mich ja gar nicht beschweren. Ich wohne auch nicht so weit von hier, in einem Stadtteil namens Großborstel.«

»Ich verstehe.«

Claudia rollte mit den Augen. Wenn Takeda so eine Bemerkung als unhöflich empfand, würde er es in der nächsten Zeit nicht einfach haben. Höflichkeit war ja nicht gerade eine deutsche Tugend. Und hier im hohen Norden schon gar nicht.

Kurz darauf hielt Claudia vor Takedas neuer Adresse, einem fünfstöckigen Gründerzeithaus mit stuckverzierter Fassade und Balkonen, von denen bunte Pace-Fahnen und tibetische Friedenswimpel hingen. Schien also ein junges Haus zu sein.

Claudia überreichte Takeda seine Wohnungsschlüssel, die das Konsulat ins Präsidium geschickt hatte.

»Soll ich Ihnen mit dem Gepäck helfen?«

»Nein, nein. Das geht schon, kein Problem.« Keinu Puroburemu.

Trotzdem stieg Claudia aus und half Takeda wenigstens dabei, die Sachen aus dem Kofferraum zu heben. Dabei stellte sie fest, dass der Inspektor zwar schmächtig wirkte, er war ja auch nicht gerade groß, aber erstaunlich kräftig war.

»Was ist da eigentlich drin?«, fragte sie und zeigte auf den Instrumentenkoffer.

»Ein Saxophon«, sagte Takeda.

»Wow. Ich dachte immer, Japaner spielen nur Geige oder Klavier.«

»Ja, das stimmt. Viele meiner Landsleute lernen die Instrumente, die Sie erwähnen.«

Ein peinliches Schweigen entstand. Claudia räusperte sich. »Ich habe als Kind auch Klavier gelernt. Wenigstens ein paar Jahre. Aber das ist lange her.«

Takeda sah ihr forschend in die Augen. Wollte er jetzt etwa wissen, wielange genau? Musste sie ihm also sagen, dass sie sechsunddreißig Jahre alt war, unverheiratet und zurzeit nicht einmal eine Beziehung hatte? Aber dass sie sich dennoch nicht davon abhalten ließ, regelmäßig Sex zu haben, auch wenn der absolut unverbindlich blieb? Weil sie es gar nicht anders wollte?

Blödsinn, sie musste gar nichts. Sie hatten in den kommenden Wochen und Monaten noch genug Zeit, sich kennenzulernen.

»Also, Herr Takeda. Ich wünsche Ihnen ein gutes Ankommen in Hamburg. Bis Montagmorgen, dann.«

»Ja, bis Montag. Und bitte sagen Sie Kenjiro zu mir. Oder einfach Ken.«

»Klar. Und ich bin Claudia.«

»Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, Claudia.«

Kuraudia. Daran sollte sie sich wohl gewöhnen. Schließlich würde sie das in den kommenden Monaten wohl fast täglich hören.

Claudia stieg in den Wagen und fuhr los. Im Rückspiegel sah sie, dass der Japaner auf dem Bürgersteig stehen blieb und ihr nachsah, bis sie um die nächste Ecke verschwunden war.

Alles in allem ist es doch ganz gut gelaufen, dachte sie. Das war mehr, als sie erwartet hatte. Auf ihrem Vorbereitungsseminar war sie nämlich zu dem Schluss gekommen, dass man bei Japanern eigentlich sowieso alles nur falsch machen konnte, jedenfalls als Deutscher. Man war zu laut, zu direkt, zu lustig, zu ernst, zu unaufmerksam, zu was weiß ich. Japaner dagegen waren leise, höflich, sagten nie, was sie dachten, sagten ja, wenn sie nein meinten, lachten, wenn sie eigentlich traurig waren, kurz und gut, sie tickten einfach komplett anders.

Aber vielleicht stimmte das ja auch gar nicht.

3.

Den Montagvormittag verbrachte Claudia Harms damit, Inspektor Takeda den Kollegen der Mordkommission vorzustellen und ihn im Präsidium herumzuführen. Sie machte ihn mit den Computerprogrammen vertraut, erläuterte ihm die Protokollpflichten und ging mit ihm zum Waffenwart, der Takeda seine Dienstwaffe aushändigte.

Die legte der Japaner allerdings schon kurz darauf in die Schublade seines Schreibtisches, und irgendwie hatte Claudia das Gefühl, dass er sie dort auch nicht wieder herausnehmen würde. Ihr war nicht entgangen, dass der Japaner die Walther P99, die übliche Hamburger Polizeiwaffe, mit einem skeptischen, ja geradezu angewiderten Blick betrachtet hatte. Irgendetwas löste die Waffe in Takeda aus – aber Claudias entsprechende Frage ließ der Japaner mit einem Lächeln im Nichts stranden. Dahinter aber entdeckte sie eine Angespanntheit, die sie bisher bei dem Japaner nicht bemerkt hatte. Da war etwas … etwas, das ihm zu schaffen machte, so sehr Takeda sich auch Mühe gab, es nicht deutlich werden zu lassen.

Claudia zuckte mit den Achseln. Wenn er nicht darüber reden wollte, würde sie das akzeptieren. Vielleicht überlegte er es sich ja noch, so lange kannten sie sich schließlich noch nicht. Sie würde sich in Geduld üben müssen. Das würde ja ohnehin ihre wichtigste Übung für die kommende Zeit sein, in jeder Beziehung.

Ein kurzer Besuch bei Holger Sauer, dem Leiter der Mordkommission, erfolgte ebenfalls und anschließend eine Visite im Büro des Polizeipräsidenten. Beide Männer begrüßten den Japaner mit gestelzten Worten, sprachen lobend von einem bedeutenden Schritt in der internationalen Polizeizusammenarbeit und wünschten Takeda ansonsten erst einmal eine angenehme Eingewöhnungsphase.

Claudia überlegte, ob sie Takeda das Wort Eingewöhnungsphase in verständliches Deutsch übersetzen sollte. Es hieß ihrer Meinung nach nämlich nichts anderes, als dass der Japaner in den nächsten Monaten Däumchen drehen durfte. Und sie genauso.

Claudia führte Takeda in ihr Dienstzimmer im vierten Stock, das sie sich in Zukunft teilen würden. Der Japaner war überrascht, dass Claudia den Raum offenbar ganz nach ihrem Geschmack einrichten durfte. An den Wänden hingen Bilder von Marc Chagall und Claude Monet, daneben war eine Pinnwand mit Urlaubsfotos und Postkarten von Kollegen. Etwas irritiert blickte Takeda auf einige Strandbilder, auf denen Claudia in einem Bikini zu sehen war. Ihm war zwar schon am Freitag aufgefallen, dass Claudia eine ausgesprochen attraktive Kollegin war, mit blonden Haaren und einem sportlichen Körper. Dass sie sich aber hier so freizügig präsentierte, verunsicherte ihn dann doch über alle Maßen. Eine Kollegin im Keishichō in Tokio, die derartige Fotos an ihrem Arbeitsplatz ausstellte, würde vermutlich keinen Tag länger im Job bleiben. Oder die männlichen Kollegen würden alle übrigen weiblichen Mitarbeiter dazu anhalten, ebenfalls solche Bilder auszustellen.

Japan hatte in Sachen Gleichberechtigung durchaus noch Nachholbedarf.

Auf der Fensterbank wie auch in den Zimmerecken standen zahllose Pflanzen. Während Takeda sein Jackett auszog, über einen Bügel hängte und im Garderobenschrank verstaute, machte Claudia sich keineswegs daran, mit ihrer Arbeit zu beginnen, also Akten zu studieren oder sonstwelche Ermittlungsaufgaben anzugehen, wie Takeda sie von einer Polizistin erwartete. Stattdessen begann seine neue Kollegin damit zu gärtnern. Erstaunt sah er zu, wie sie ihre Pflanzen goss, die Erde in den Töpfen auflockerte, schließlich einen Sprühdosierer nahm und die Pflanzen sorgsam mit Wasser bestäubte. Während sie all das tat, erläuterte sie Takeda nebenbei, dass das Arbeitspensum der Beamten enorm hoch sei. Obwohl die Mordkommission bisher von Stellenkürzungen verschont geblieben sei, würde sie mit immer neuen Aufgaben zugeschüttet. Skandalös sei das Ganze. Es raube den Kollegen wirklich die Motivation an der Arbeit, von Spaß oder Vergnügen gar nicht erst zu sprechen.

»Ich verstehe«, sagte Takeda und sah seiner Kollegin dabei zu, wie sie gewissenhaft welke Blätter von einem Ficus zupfte.

Im Laufe des Tages lernte Takeda die verschiedenen Abteilungen des LKA kennen, bei dem die Hamburger Mordkommission angesiedelt war. Claudia führte ihn durch die Labore der Kriminaltechniker, zeigte ihm die Kantine und das Raucherzimmer – Takeda war nämlich Raucher und sehr irritiert, als er erfuhr, dass er in ihrem gemeinsamen Dienstzimmer nicht rauchen durfte – und stellte ihm nach und nach die Kollegen vor. Es waren ausschließlich Männer, weil die einzigen Frauen, die neben Claudia hier arbeiteten, nicht zur Mordkommission gehörten, sondern zur Technik oder zum Innendienst.

Takeda musste damit klarkommen, dass gleich drei seiner neuen Kollegen auf den Namen Horst hörten, zwei Klaus darunter waren, zwei Dieter und als Zugabe zwei Klaus-Dieter. Nicht wenige von ihnen trugen einen Schnauzbart, hatten schütteres Haar und altmodische, metallene Brillengestelle. Claudia machte sich ernsthaft Sorgen, wie lange der Japaner wohl brauchen würde, um die deutschen Kollegen auseinanderhalten zu können, eine Übung, die sogar ihr an schlecht gelaunten Tagen schwerfiel.

Aber Takeda stellte sich geschickt an, er verfügte offenbar über ein brillantes Gedächtnis und die Fähigkeit, sich Gesichter und Namen gut einprägen zu können.

Mehr Schwierigkeiten bereitete ihm offenbar die Tatsache, dass sich die Kollegen untereinander duzten, wobei Holger Sauer die einzige Ausnahme darstellte. Takeda beherrschte die zweite Person Singular im Deutschen zwar, doch schien es ihm auf eine seltsame Art peinlich zu sein, jemanden zu duzen, so dass er bereits nach zwei Sätzen grundsätzlich wieder zum Sie überging.

Aber immerhin ging er soweit, Claudia und die übrigen Kollegen mit dem Vornamen anzusprechen.

Während ihrer Tour durchs Präsidium zog Takeda immer wieder ein kleines schwarzes Büchlein aus der Tasche, in das er sich Notizen machte. Fasziniert blickte Claudia auf die winzigen Zeichen, die Takeda mit schnellen Strichen aufs Papier bannte und die in ihren Augen völlig unverständlich waren.

»Sind Sie sicher, dass Sie das hinterher noch lesen können?«, fragte sie ihn neugierig.

Takeda blickte sie irritiert an. »Es wäre tragisch, wenn es mir nicht gelänge. Aber ich bin zuversichtlich.«

»Tut mir leid, war nicht so gemeint.«

Takeda kniepte mit den Augen. »Muss es nicht. Gelegentlich scheitere ich wirklich daran.«

Beide lachten.

Takeda gab Claudia daraufhin eine kleine Einführung in die japanische Schrift, und sie erfuhr, dass die Japaner gleich etliche verschiedene Alphabete miteinander mischten, darunter zwei Silbenschriften und das ursprünglich chinesische Alphabet, das aus mehreren tausend Zeichen bestand. Als Claudia wissen wollte, wie um Himmels willen ein Mensch sich so viele Zeichen merken könnte, schlug Takeda die Augen nieder und sagte: »Mit Geduld und Zeit. Aber glauben Sie mir, es ist ein gutes Training für Auge und Gedächtnis. Ein japanischer Gelehrter beherrscht mitunter fünf- oder sogar zehntausend verschiedene Zeichen.«

Claudia grinste. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir Europäer mit unseren läppischen sechsundzwanzig Buchstaben nun primitiv oder genial sind. Ich meine, es klingt wirklich ziemlich kompliziert, was ein Japaner anstellen muss, bis er lesen und schreiben kann.«

»Sie haben recht, Claudia. Es ist kompliziert. Aber unsere Schrift ist für uns viel mehr als eine Ansammlung von Buchstaben. Es ist auch eine Frage der Schönheit.«

Claudia sah ihn fragend an. Takeda blickte sich daraufhin auf seinem Schreibtisch um, nahm einen Edding, trat an die Flipchart in der Zimmerecke und zeichnete mit geschwungenen Strichen eine Zeichenfolge aufs Papier.

春宵の猫の臀部や問答す

Er erläuterte, dass die Zeichen ein kleines Gedicht seien, das ein Freund von ihm, Katsura Obayashi, geschrieben habe, ein Haiku.

Er las es vor: Haruyoi no neko no denbu ya mondõ su

Die Bedeutung? Schon schwieriger. Vielleicht so:

Ein Schwatz im Vorübergehen,

Ein Katzenhintern

An einem Frühlingsabend.

Claudia hörte dem Japaner fasziniert zu und verstand instinktiv, was er ihr sagen wollte. Auf der Flipchart standen in der Tat nicht einfach nur ein paar Zeichen, nicht einfach nur ein Gedicht, es war in gewisser Weise auch eine Art Gemälde entstanden.

Sie war beeindruckt.

Claudia bedankte sich für die Lektion und fragte sich im Stillen, ob sie wohl in der Lage wäre, die Sprache oder gar diese komplizierten Zeichen zu lernen.

Takeda erfuhr im Laufe des Vormittags, dass die deutschen Kollegen das Hamburger Polizeipräsidium in Alsterdorf Stern nannten, angelehnt an die strahlenförmige Architektur des Gebäudes. Ihm gefiel seine neue Arbeitsstelle. Der Stern war modern und komfortabel, und die Räume waren lichtdurchflutet. Die Aussicht aus dem Fenster über das grüne, ruhige Stadtviertel war schön. Er fühlte sich wohl.

Zu seiner Verwunderung stellte er allerdings fest, dass die meisten Kollegen, darunter auch Claudia, mit dem Gebäude auf ganzer Linie unzufrieden waren. Es sei zu klein, zu steril, zu ungemütlich, kurz eine einzige Fehlplanung.

Horst Kröger, ein Hauptkommissar, den Claudia ihm vorstellte und mit dem Takeda zu Mittag aß, sah ihn leidend an und sagte: »Jetzt mal ehrlich, Herr Takeda. Sie haben es zu Hause in Tokio doch bestimmt besser, oder?«

Takeda dachte an das Polizeipräsidium im Stadtteil Kasumigaseki, in dem er in einem Großraumbüro zusammen mit fast einhundert Kollegen saß. Der Raum war fensterlos, und an den Tagen, an denen er keine auswärtigen Termine wahrnahm, musste er sich mit dem flackernden Neonlicht der tristen Bürodecke zufriedengeben. Tag und Nacht herrschte eine hektische Geräuschkulisse, erzeugt von den Kollegen, die auf ihren Computern schrieben, lautstark telefonierten, Teambesprechungen abhielten oder mit schmatzenden Geräuschen ihre Instant-Nudelsuppen schlürften. Oder sie schnarchten am Schreibtisch, um die unzähligen Überstunden und Nachtschichten zu kompensieren, die selbstverständlich nicht mit Freizeit ausgeglichen wurden.

»Ich bin mir nicht sicher, Herr Kröger. Aber ich will nicht ausschließen, dass Sie recht haben«, antwortete Takeda.

»Glauben Sie es mir, Herr Takeda. Die deutschen Beamten sind die Prügelknaben der Nation. Jahr für Jahr wird uns etwas weggenommen, aber wehe wir beklagen uns! Dann wirft man uns vor, wir wüssten nicht zu schätzen, wie gut es uns geht.«

»Das tut mir sehr leid.«

»Sie werden es schon noch merken. Sie bekommen schneller Sehnsucht nach zu Hause, als Sie glauben.«

Takeda deutete eine Verbeugung an. »Ich lasse mich überraschen.«

Nach der Mittagspause ging Claudia mit dem Japaner die Akten einiger alter Fälle durch. Takeda sollte ein Gefühl für ihre Arbeitsweise bekommen, genauso wie für die überbordenden Protokollpflichten, die bei jedem Fall anfielen und die oft dazu führten, dass sie mehr Zeit am Schreibtisch verbrachten als draußen bei den Ermittlungen.

Takeda zeigte sich wissbegierig und kompetent, was in Claudia gemischte Gefühle auslöste. Offenbar ging der Inspektor davon aus, in Deutschland wirklich ermitteln zu dürfen.

Es würde wohl eine ziemliche Enttäuschung für ihn werden, wenn er feststellte, dass man ihn maximal als Zaungast bei den Einsätzen seiner deutschen Kollegen dulden würde.

Umso überraschter war Claudia, als schon kurz darauf Holger Sauer anrief und einen Einsatzbefehl für sie und Takeda durchgab. Offenbar hatte sich der Chef doch dazu durchgerungen, ihnen einen Fall zu übertragen.

4.

In einer Wohnung in Altona waren zwei Leichen gefunden worden. Laut Meldung der Streifenbeamten, die gegen Mittag als Erste zum Tatort gerufen worden waren, handelte es sich recht eindeutig um Selbstmord.

Das war auch der Grund, aus dem Claudias Laune, die nach Holger Sauers Anruf kurzfristig gestiegen war, gleich wieder eine Schussfahrt in den Keller nahm.

Es war eben kein Fall, sondern offensichtlich eine Routineermittlung, die keinerlei Herausforderungen bot.

Schlimmer noch, eigentlich fiel ein vermeintlicher Suizid gar nicht in die Zuständigkeit der Mordkommission, sondern in die der Kollegen von der Todesermittlung. Die waren spezialisiert darauf, ungeklärte Todesfälle darauf zu überprüfen, ob möglicherweise eben doch ein Verbrechen vorlag.

Neuerdings aber war die Aufgabenteilung verändert worden, und die Mordkommission rückte auch dann aus, wenn noch gar nicht feststand, ob Ermittlungen eingeleitet werden mussten.

Claudia tröstete sich damit, dass sie auf die Art wenigstens überhaupt nach draußen kam.

»Also? Was haben wir?«, fragte sie eine gute halbe Stunde nach Sauers Anruf den Streifenbeamten, der vor dem Haus in der Altonaer Fußgängerzone stand.

Das Haus befand sich östlich des Altonaer Bahnhofes in einer Gegend, die manche Hamburger Klein Istanbul nannten. Andere fanden den Straßenzug einfach nur hässlich. Die meisten Ladenlokale standen seit Jahren leer, die übrigen waren zumeist mit Dönerbuden, türkischen Supermärkten oder orientalischen Teestuben belegt. Über die Straße hatte sich bis vor kurzem ein riesiger, vierzehn Stockwerke hoher Betonkomplex erhoben, der ebenfalls schon lange leer stand und als eine der schlimmsten Hamburger Bausünden gegolten hatte. Zum Glück war das Gebäude vor kurzem abgerissen worden, um einem neuen Einkaufszentrum Platz zu machen.

»Zwei Tote. Manfred und Hella Haubach, er zweiundsechzig Jahre, sie neunundfünfzig. Sie sind die Besitzer des Buchladens unten im Erdgeschoss. Eine Angestellte aus dem Laden hat sich Sorgen gemacht und ist hoch in die Wohnung gegangen. Sie hat die beiden gefunden«, erklärte der Streifenbeamte.

»Irgendein Hinweis auf Fremdverschulden? Überhaupt irgendetwas Auffälliges?« Claudias Stimme klang fast hoffnungsvoll.

Der Streifenbeamte schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich. Ich war vorhin auch oben. Wenn ihr mich fragt, ist das eine klare Sache. Die hatten einfach keine Lust mehr. Aber überzeugt euch lieber selbst.«

»Abschiedsbrief?«

»Weiß ich nicht. Ich glaube nicht.«

»Irgendwelche Zeugen oder jemand, der uns Auskunft geben kann?«

»Da ist eine alte Frau aus dem obersten Stockwerk. Die war zusammen mit der Angestellten in der Wohnung und ist jetzt mit den Nerven fertig. Vielleicht sollten wir die Ambulanz holen, kann sein, dass uns die alte Dame umkippt.«

»Ich kümmere mich darum. Wo ist diese Angestellte?«

Der Beamte wies mit dem Kopf in Richtung der Buchhandlung, die sich im Tiefparterre des Gebäudes befand. Es war ein Lädchen, das den schlichten Namen Der Buchladen trug. Über dem Schaufenster hing ein mit groben Lettern bemaltes Transparent: Buchladen bleibt! Kein neues Altona!

»Die sitzt im Laden und fragt sich vermutlich, wie es mit ihr weitergehen soll, jetzt, wo ihre Chefs tot sind. Ich will nicht in ihrer Haut stecken.«

»Habt ihr die Personalien?«

»Brigitte Sandner, wohnt in Altona-Nord. Sie will wissen, ob sie den Laden aufmachen soll. Oder ob sie es überhaupt darf. Sie ist auch mit den Nerven runter, hält sich aber einigermaßen.«

»Sorg bitte dafür, dass sie dableibt. Der Laden bleibt erst einmal zu. Wir gehen hoch in die Wohnung und sehen uns um, dann sprechen wir mit ihr.«

»Wir? Du meinst dich und Jackie Chan?« Der Streifenbeamte grinste und warf einen Blick auf Takeda, der einige Schritte hinter Claudia stand.

»Das ist nicht Jackie Chan, das ist, wenn überhaupt, Ken Watanabe.«

»Wer?«

»Vergiss es. Ein neuer Kollege aus Tokio. Der will wissen, wie das bei uns so läuft. Aber keine Missverständnisse, er ist gleichberechtigter Mitarbeiter.«

Der Streifenbeamte tippte sich an die Mütze. »Dann mal willkommen an Bord, Kollege. Ihr Japanisch nützt Ihnen hier in der Gegend nicht viel. Türkisch wäre schon besser.«

Claudia rollte mit den Augen. Ken Takeda lächelte unsicher und sagte: »Ich bedaure, aber ich beherrsche leider kein Türkisch.«

»War auch eher ein Witz, Kollege.«

»Ich verstehe.«

Der Streifenbeamte feixte.

Claudia Harms zuckte mit den Schultern. »Welcher Stock?«

»Erster. Direkt über dem Laden. Kollege ist oben und zeigt euch alles.«

5.

Takeda stieg hinter Claudia das Treppenhaus in den ersten Stock hinauf. Es war ein rotgeklinkerter Nachkriegsbau, typisch hamburgisch, wie sie ihm erklärte.

Allerdings entsprach das Gebäude so gar nicht dem Bild eines ordentlichen, stets gut gepflegten Hauses, wie es Takeda hier inmitten von Hamburg erwartet hätte. Es machte ganz im Gegenteil einen heruntergekommenen, ja geradezu verlassenen Eindruck. Die Tapete hing an vielen Stellen von den Wänden, teilweise waren die Stromleitungen aus dem Putz gerissen, das Haus wirkte mehr oder weniger unbewohnt und so, als sollte es abgerissen werden.

Nachdem sie den ersten Stock erreicht hatten, in dem sich die Wohnung des Ehepaares Haubach befand, stieg Takeda zunächst noch eine halbe Treppe höher und überzeugte sich, dass sich auch weiter oben im Treppenhaus das gleiche, heruntergekommene Bild bot.

»Das Haus scheint weitgehend leer zu stehen«, sagte er.

»Sanierungsgebiet. Vermutlich wird es abgerissen. Vielleicht weiß der Kollege Näheres. Wir fragen ihn gleich«, entgegnete Claudia.

Die Tür zur Wohnung der Toten war geschlossen. Claudia klingelte, und kurz darauf öffnete ein Streifenbeamter. »Die Kollegen von der Kripo, nehme ich an. Kommt rein, ich zeige euch alles.«

»Danke, Kollege, zu liebenswürdig«, sagte Claudia.

»Die beiden liegen hinten im Schlafzimmer. Macht euch auf etwas gefasst. Sieht nicht schön aus.«

Claudia folgte dem Beamten durch einen langgezogenen, schlecht beleuchteten Flur, drehte sich auf halbem Weg noch einmal zu Takeda um. Der stand immer noch hinter der Wohnungstür. »Was verdammt noch mal machen Sie da, Ken?«

»Ich ziehe meine Schuhe aus.«

Claudia lachte. »Lassen Sie das. Sie machen sich nur die Socken dreckig.«

»Aber sehen Sie …« Takeda wies auf etliche Paar Schuhe, die im Eingangsbereich der Wohnungstür standen. Er wusste zwar, dass die Deutschen traditionellerweise die Wohnungen und Häuser mit Straßenschuhen betraten – eine Sitte, die ihm vollkommen unverständlich war, zumal die Deutschen als reinliche und ordnungsliebende Menschen galten. Genauso hatte man ihm aber gesagt, dass immer mehr Haushalte die Schuhe eben doch auszogen, so wie hier offenbar.

Claudia Harms winkte ab. »Die Besitzer wird es jetzt wohl kaum noch stören. Also behalten Sie Ihre Latschen an.«

Takeda nickte. Die Wohnung machte in der Tat einen ungepflegten Eindruck. Flur und Wohnzimmer, soweit er es sehen konnte, waren vollgestellt mit Möbeln, die wiederum überladen waren mit Büchern, Papieren und anderen Dingen. Alles war mit Flusen und Krümeln übersät, genau wie der Fußboden. Offensichtlich war hier schon seit längerem nicht mehr saubergemacht worden. Zudem roch es unappetitlich nach kaltem Rauch und Essensresten.

Ken Takeda zuckte mit den Schultern und ging gegen einen immensen inneren Widerstand mitsamt Schuhen den Wohnungsflur hinunter. Ganz locker, wie Claudia ihm bereits mehr als einmal gesagt hatte. Ganzu lockeru.

Manfred und Hella Haubach lagen nebeneinander auf einem breiten Doppelbett. Sie trugen beide Nachtwäsche, er einen Schlafanzug, sie Slip und T-Shirt. Die Körper waren nicht zugedeckt. Hella Haubach war eine auffällig schöne Frau, selbst jetzt im Tod noch. Ihr schlankes, charaktervolles Gesicht wurde von langen, silbergrauen Haaren eingerahmt. Das Einschussloch in ihrer Schläfe, mit verkrustetem Blut und Knochensplittern umrandet, entstellte sie kaum. Eine Blutspur zog sich von ihrem Gesicht aus gerade über das Bettlaken.

Bei Manfred Haubach war es anders. Er hatte sich offenbar durch einen Mundschuss getötet. Das Gesicht war zertrümmert und zusammen mit Teilen des Schädels auf Kissen und der Wand hinter dem Bett verteilt. Sein schlanker, fast abgemagerter Körper war ansonsten unversehrt. Er lag – genau wie die Frau – auf dem Rücken. Sein linker Arm lag unter ihrem Kopf, als hätte sich das Ehepaar im Augenblick ihres gemeinsamen Todes aneinandergeschmiegt. Seine rechte Hand, die immer noch die Schusswaffe hielt, lag lang ausgestreckt seitlich vom Körper auf der Matratze, vermutlich vom Rückstoß der Waffe zurückgeschleudert.

Während Claudia sich im Zimmer umsah, beugte Takeda sich über das Bett und musterte die Leichen. Das Blut war getrocknet, die Körper waren erkaltet, Leichenflecken sichtbar. Dem ersten Eindruck nach waren Hella und Manfred Haubach mindestens seit vierundzwanzig Stunden tot, vermutlich noch länger. Da jetzt Montag war, früher Nachmittag, hieß das, dass sie am zurückliegenden Wochenende, vielleicht am Sonntagmorgen oder in der Samstagnacht, ums Leben gekommen waren.

Takeda teilte Claudia seine Einschätzung mit. Die nickte und sagte: »Sehe ich genauso.«

Sie wandte sich an den uniformierten Kollegen. »Haben Sie einen Abschiedsbrief oder etwas in der Richtung gefunden?«

»Nein. Jedenfalls nicht auf den Tischen. In die Schubladen und Schränke haben wir nicht geschaut, wir wollen ja keine Spuren verwischen. Aber wenn es einen Brief gäbe, hätten sie ihn ja wohl irgendwo gut sichtbar hingelegt.«

»Vermutlich. Was ist mit der Wohnungstür? Irgendwelche Einbruchsspuren?«

»Auf den ersten Blick nichts. Wenn Sie meine Meinung hören wollen, vergessen Sie es. Die zwei hatten einfach keine Lust mehr. Sehen Sie sich den Saustall doch an. Die hatten fertig.«

»Ach, Scheiße, wäre auch zu schön gewesen«, sagte Claudia und seufzte.

Ihr Blick fiel auf Ken Takeda. »Warum grinsen Sie?«

»Ich bin seit vier Tagen in Deutschland, und ich habe dieses Wort fast am öftesten von allen gehört«, erklärte der Inspektor mit einem feinen Lächeln.

»Welches Wort?«

»Scheiße.«

Claudia lachte. »In neun von zehn Fällen trifft es die Stimmung von uns Deutschen am besten, Ken. Gewöhnen Sie sich besser dran.«

»Ich verstehe. Warum also sind Sie jetzt in einer Stimmung, die sich mit diesem Wort beschreiben lässt?«

»Weil ich so etwas schon mehr als einmal erlebt habe. Selbst wenn wir einen Abschiedsbrief entdecken, werden wir nie herausfinden, ob es wirklich ein gemeinsamer Entschluss war zu sterben oder ob es ein Mord und eine Selbsttötung war, verstehen Sie? Vielleicht hat der Mann seine Frau erschossen und sich danach selbst das Leben genommen. Aus Eifersucht, Depression, Rache, was weiß ich.«

»Oder umgekehrt«, sagte Ken Takeda.

Sie sah ihn überrascht an. »Ja, natürlich. Oder umgekehrt.«

Der Inspektor legte den Kopf schief und sog zischend die Luft zwischen den Zähnen ein. »Wenn einer der beiden nicht einverstanden gewesen wäre, hätte er oder sie sich gewehrt. Es gibt aber keine Kampfspuren.«

»Guter Punkt. Allerdings könnte er sie im Schlaf überrascht haben.«

»Ja, das könnte sein.« Takeda nickte nachdenklich und sah dann eine Weile mit halbgeschlossenen Augen auf das Bett, in dem das tote Ehepaar lag.

Er gestand es sich nicht gerne ein, aber ihn überkam ein Gefühl der Verunsicherung, War es anmaßend, nach Deutschland zu kommen und als Polizist zu arbeiten? War er überhaupt in der Lage, hier inmitten einer ihm fremden Kultur Verbrechen aufzuklären?

Die beiden Toten, die vor ihm lagen, waren das beste Beispiel. In Japan hätte er sich bereits nach der ersten Musterung der Leichen auf seine Intuition verlassen, die ihm deutlich signalisierte, dass es Unstimmigkeiten gab. Aber in Deutschland? Er wusste nicht, ob und wann Deutsche Selbstmord verübten, wie sie dabei vorgingen und ob es üblich war, einen Abschiedsbrief zu hinterlassen oder nicht.

Überhaupt war ihm nicht so recht klar, wie die Deutschen dem Tod begegneten, dem natürlichen wie dem gewaltsamen, dem fremdverschuldeten wie dem selbstgewählten. Nach allem, was er wusste, fürchteten die Deutschen den Tod sehr viel mehr, als es die Japaner taten, verdrängten ihn, verleugneten ihn. Erst recht den Selbstmord, der als Sünde galt. Jene romantisch-morbide Todessehnsucht hingegen, die in seiner eigenen Kultur so tief verwurzelt war, war den Deutschen fremd. Ebenso schien es hierzulande undenkbar, die Asche der Verstorbenen in der eigenen Wohnung aufzubewahren, gar mit der Urne Zwiesprache zu halten …

Genauso wenig wusste er, ob die Wohnung, so wie er sie bisher gesehen hatte, bereits Schlüsse über die Lebensumstände der Toten zuließ, und damit, ob sie möglicherweise als Opfer eines Verbrechens in Frage kamen.

Ken Takeda fühlte sich wie ein Pilot im Blindflug. Andererseits, was blieb ihm dann anderes übrig, als eben doch seiner Intuition zu vertrauen?

Der Inspektor trat vom Bett zurück, atmete seufzend aus und sagte: »Scheiße.«

Claudia Harms grinste. »Sie lernen wirklich schnell, Ken. Also?«

Der Inspektor aus Tokio brummte nachdenklich und setzte dann zu einer etwas umständlichen Erklärung an.

6.

Takeda hatte als junger Polizei-Sergeant in der Provinz Yamanashi gearbeitet, nordöstlich von Tokio. Die Gegend war dünn besiedelt und bestand zum größten Teil aus unwegsamem Bergland, das sich bis zu den nördlichen Ausläufern des heiligen Berges Fuji zog.

Takeda dachte gerne an diese frühen Dienstjahre auf dem Land zurück. Er war noch nicht verheiratet – und auch noch nicht geschieden –, und seine Versetzung in den kleinen Ort Fujikawaguchiko erlaubte es ihm zum ersten Mal, das elterliche Haus in Tokio zu verlassen. Er war sechsundzwanzig Jahre alt.

Der Dienst war eintönig, und zu den wenigen Abwechslungen zählten die Außeneinsätze in der ausgedehnten Wildnis der Provinz, zu der auch der Wald von Aokigahara gehörte. Takeda fuhr stundenlang mit einem geländegängigen Dienstwagen über einsame Gebirgswege und Waldstraßen. Er genoss die Einsamkeit und die Zeit zum Nachdenken. Ab und zu nahm er sein Saxophon mit, stellte sich auf eine Gebirgslichtung und spielte Stücke von Charlie Parker oder John Coltrane, eine rechte eigenwillige Untermalung der sonst so stillen Berglandschaft.

An manchen Tagen begleitete ihn seine einzige Kollegin auf dem Revier, die ebenfalls noch junge Sergeantin Yuri Kobayashi. Oft vergingen lange Stunden, ohne dass sie anderen Menschen begegneten. Stießen sie doch auf Wanderer oder Ausflügler, so bestand ihre Aufgabe darin, sie einer eingehenden Befragung zu unterziehen.

Der Wald von Aokigahara war seit langem als sogenannter Selbstmordwald bekannt. Zumeist junge Leute aus dem ganzen Land kamen hierher, um freiwillig aus dem Leben zu scheiden, darunter vor allem Paare, deren Zusammensein von ihren Familien nicht geduldet wurde, sei es, weil ihre Partner nicht standesgemäß waren, sei es, weil die Eltern bereits andere Verbindungen für ihren Sohn oder ihre Tochter ins Auge gefasst hatten. Diese jungen, unglücklichen Paare zogen den gemeinsamen Freitod einem Leben vor, das sie alleine oder mit einem anderen Partner ertragen müssten.

Erstaunlicherweise ging die Entstehung des Selbstmordwaldes auf einen Roman des Schriftstellers Matsumoto Seicho zurück, in dem sich eine junge Frau eben hier im Jukai, dem Meer aus Bäumen, das Leben nahm. Im Laufe der Jahre hatte sich die Phantasie des Autors in eine bittere Wirklichkeit verwandelt. Die Zahl der Selbstmörder wuchs unaufhörlich, so dass sich die Polizei zu regelmäßigen Kontrollfahrten gezwungen sah.

Takeda und Yuri führten pflichtgemäß ihre Befragungen durch, erkundigten sich nach dem Ziel der Wanderer, begutachteten ihre Ausrüstung und fragten, wie lange sie im Wald bleiben wollten. Am Ende jedes Gesprächs betonten sie, welche Unannehmlichkeiten ein Selbstmord für andere Mitglieder der Gesellschaft bedeutete.

Die jungen Wanderer gelobten, über die Ratschläge der Polizei nachzudenken, und setzten ihren Weg in den dunklen, unheimlichen Wald fort. Zumeist sahen Takeda und Yuri die jungen Leute als Tote wieder, vergiftet, mit aufgeschnittenen Pulsadern, erhängt an den Ästen eines Bergahorns.

An einem schon herbstlich kalten Nachmittag begegneten sie einem Paar aus Nagoya, der Großstadt zwischen Osaka und Tokio. Die beiden waren Anfang zwanzig, nicht viel jünger als Takeda und Yuri, wirkten fröhlich und ausgelassen. Sie gehörten zu jenen Neugierigen, die eine Wanderung durch den Selbstmordwald als unheimliches, aber prickelndes Abenteuer in ihrem ansonsten grauen, arbeitsreichen Alltag empfanden.

Am Abend desselben Tages fanden sie das junge Paar erhängt an den ausladenden Ästen einer Kiefer. Ein kurzer Abschiedsbrief zeugte davon, dass das Paar lieber gemeinsam hatte sterben wollen, als weiterhin ihre Liebe verheimlichen zu müssen.

Yuri seufzte und wollte schon einen Bestatter informieren, als Takeda sie mit einer Handbewegung zurückhielt. Etwas gefiel ihm nicht an dem Szenario, das sie vorfanden. Die Kiefer stand an einem Hang und bildete zweifellos einen idealen, ja idyllischen Ort, um sich zu erhängen. Und doch kam es ihm seltsam vor, dass die beiden Leichen an einem dem Tal zugewandten Ast hingen, der vom Boden aus nur schwer zu erreichen war. Er untersuchte den Boden und fand Spuren im Laub, die darauf hindeuteten, dass die jungen Selbstmörder zuvor auf einen Schemel oder etwas Ähnliches gestiegen waren, um ihren Galgen zu befestigen und sich anschließend in den Tod fallen zu lassen. Tatsächlich fand sich ein aus groben Scheiten gezimmerter Schemel, doch der stand an einer Stelle, die unter physikalischen Gesichtspunkten interessant, ja kurios war.

Takeda beschloss, Yuris Drängen nachzugeben und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Doch nur wenige Tage später kam es zu einem weiteren verdächtigen Vorfall. Takeda und Yuri fanden einen jungen Mann, der sich von einer Klippe in eine steile Schlucht gestürzt hatte. Der Körper war entstellt, und aus den offenen Wunden ragten die bleichen, zersplitterten Knochen des Toten. Ein eindeutiger Fall. Als Takeda aber die Leiche untersuchte, entdeckte er an den Handgelenken des Mannes dünne, kaum wahrnehmbare Striemen. War der unglückliche Selbstmörder vor seinem Sprung in die Tiefe gefesselt gewesen?

Takeda überzeugte seine Kollegin davon, die Fälle der vergangenen Jahre erneut zu prüfen. Er forderte die entsprechenden Akten in Kōfu, der Provinzhauptstadt, an und verbrachte die Abende in seinem Wohnheim in Fujikawaguchiko damit, Fotos längst vergangener Selbstmorde zu betrachten.

Der größte Teil der Fälle erwies sich auch nach erneuter Prüfung als eindeutig, es waren tragische, aus den verschiedensten Motiven begangene Suizide. Doch bei nicht weniger als einem Dutzend Toten aus den zurückliegenden fünf Jahren blieb Takeda skeptisch. Es waren Kleinigkeiten, die ihm zu denken gaben. Die Lage der toten Körper, die Art der Schlingen, mit denen sie sich erhängt hatten, ungewöhnliche Stichverletzungen, verdächtige Schnittwunden.

Es sollte noch fast ein halbes Jahr vergehen, bis Takeda seine Vorgesetzten davon überzeugen konnte, dass Aokigahara offenbar das Revier eines Serienmörders war.

Dank Takedas Hartnäckigkeit wurde einige Wochen später ein zweiundvierzigjähriger Mann verhaftet, der sich in Tarnkleidern in den Bergen rund um den Selbstmordwald versteckte und dort neugierigen Besuchern auflauerte. Nach Tagen nervenzehrender Befragungen gab der Verdächtige zu, mehr als zwanzig junge Männer und Frauen in dem Waldgebiet ermordet zu haben und seine Taten anschließend wie Selbstmord aussehen zu lassen.

Er sei davon ausgegangen, dass die jungen Menschen ohnehin sterben wollten, er habe lediglich dabei behilflich sein wollen, gab der Täter zu Protokoll. Takeda sah keinen Grund, an diesem Motiv zu zweifeln. Der Mann wurde dennoch zum Tode verurteilt und wartete seitdem im Gefängnis von Katsushika auf die Vollstreckung seines Urteils.

Takeda erwarb sich durch den Fall den Ruf, mit großer Präzision vermeintliche Selbstmorde von heimlichen Verbrechen unterscheiden zu können. Ihm wurden Akten und Fotografien von Dienststellen aus ganz Japan zur Begutachtung zugesandt, oder er wurde persönlich zu weit entfernten Tatorten gerufen. Fast instinktiv schien er erkennen zu können, ob ein Toter selbst seinem Leben ein Ende gesetzt hatte oder ob fremde Hände im Spiel waren.

Und nun also Deutschland.

Er stand in einer Wohnung in Altona, jenem besonderen Hamburger Stadtbezirk, der für Jahrhunderte zu Dänemark gehört hatte und sich bis heute vom Rest der Hansestadt durch Architektur und Stimmung unterschied, wie Takeda gelesen hatte, und blickte auf ein totes deutsches Ehepaar hinab.

Takeda vermied es, Claudia direkt anzusehen. Er räusperte sich und sagte schließlich mit leiser Stimme: »Ich glaube, dass Manfred Haubach weder seine Frau noch sich selbst erschossen hat. Und umgekehrt ebenso wenig. Wir sehen hier keinen Selbstmord, Claudia. Wir sehen einen Mord.«

Claudia schürzte die Lippen. Wenn sie überrascht war, verstand sie es, ihre Gefühle zu verbergen. Obwohl, war da nicht so etwas wie Freude in ihren Zügen zu erkennen, auch wenn sie sich Mühe gab, sie zu unterdrücken? »Zeigen Sie mir, was Sie sehen, Ken. Um ehrlich zu sein, kann ich nämlich nichts Verdächtiges erkennen.«

»Der Mörder ist sehr umsichtig vorgegangen. Aber er hat einen Fehler begangen, der ihn verrät«, sagte der Inspektor und strich sich mit der Hand über seine Haare, die er zu einem Zopf zusammengebunden hatte.

Er trat neben das Bett und deutete auf Manfred Haubachs rechten Arm, der neben seinem Körper an der Außenseite des Bettes lag. Die Hand, durch die Totenstarre bereits verhärtet, war um die Waffe geschlossen. Er wies auf das Einschussloch in Hella Haubachs linker Schläfe, also der Seite ihres Kopfes, die von ihrem Mann abgewandt war. »Hella Haubach hat sich nicht selbst erschossen, darüber sind wir uns einig, denke ich. Der Rechtsmediziner wird es sicherlich bestätigen. Der Einschusswinkel ist zu waagerecht, bei einem selbst zugefügten Schläfenschuss zeigt der Schusskanal in der Regel leicht aufwärts. Stimmen Sie mir zu?«

Takeda markierte mit seinem Finger eine Position, als würde er sich eine Pistole an die Schläfe halten. Um einen waagerechten oder sogar leicht nach unten geneigten Einschusswinkel zu erreichen, musste er seinen Arm unnatürlich nach oben überstrecken.

Claudia Harms nickte. »Einverstanden. Aber das spricht noch nicht gegen einen gemeinschaftlichen Selbstmord, den Manfred Haubach verübt hat, ob nun mit Einverständnis seiner Frau oder ohne.«

»Das ist es, was der Mörder uns glauben lassen möchte. Ein Doppelselbstmord, ausgeführt vom Ehemann. Nehmen wir also an, es wäre so gewesen. Dann hat Manfred Haubach erst seine Frau in die linke Schläfe geschossen, hat sie dann seitlich in den Arm genommen und sich anschließend selbst von unten durch den Gaumen in den Kopf geschossen.«

Claudia Harms zog mit einer schwungvollen Bewegung ihren Blazer aus, so dass sie nur noch ein T-Shirt und das Schulterhalfter mit der Dienstwaffe trug. Ihr BH zeichnete sich unter dem Stoff ab. Takeda bemühte sich darum, nicht hinzusehen. Claudia schmunzelte. »Was ist los, Ken? Stört Sie etwas?«

»Nein, keineswegs. Ich, äh, muss mich konzentrieren.«

»Tun Sie das.«

»Das Einschussloch ist in Hella Haubachs linker Schläfe. Er kann sie also unmöglich erschossen haben, während sie schon gemeinsam im Bett lagen.«

»Stimmt. Aber vielleicht hat er neben ihr gestanden. Und erst nachdem sie tot war, hat er sich neben sie ins Bett gelegt.«

»Das ist möglich. Und doch glaube ich nicht, dass es so gewesen ist. Die Schläfenwunde der Frau hat geblutet. Man sieht die Spur auf dem Bettlaken.« Takeda deutete eine Fontäne an, die aus dem Kopf der Toten herausgespritzt war, und zeigte auf die entsprechenden roten Flecken auf dem Laken. »Aber sehen Sie, hier auf dem Boden ist eine Lücke. Warum? Weil hier der Schütze gestanden haben muss.«

Claudia Harms fühlte, wie ihre anfängliche Skepsis schwächer wurde. Noch aber war sie nicht bereit, Takeda zuzustimmen. Zu viel hing davon ab, als dass sie einen Irrtum riskieren durfte. »Und wenn es Manfred Haubach gewesen wäre, müssten die Blutspritzer auf seinem Schlafanzug sein? Wollen Sie darauf hinaus?«, fragte sie.

»Ja. Aber es sind keine Blutspuren auf seiner Kleidung zu sehen. Und wenn er sich umgezogen haben sollte, was doch sehr unwahrscheinlich ist, dann müssten hier irgendwo andere Kleider von ihm liegen. Ich sehe keine.«

Claudia Harms blickte auf das Bett und dann wieder auf die Stelle auf dem Boden, wo in der Tat eigentlich eine Blutspur hätte sein müssen.

Das war nicht viel, und doch war es genug, um einen begründeten Verdacht auszusprechen – genug, um Ermittlungen einzuleiten.

»Wie sicher sind Sie, Ken? Denken Sie daran, was auf uns zukommt, wenn wir das hier offiziell zum Mord erklären.«

Takeda sah sie fragend an, und Claudia erläuterte: »Ich müsste die Kollegen im Präsidium alarmieren, die Spurensicherung anfordern, meinen Vorgesetzten benachrichtigen. Dann ist hier innerhalb kürzester Zeit die Hölle los. Abgesehen davon hätten wir die Presse am Hals. Ein Doppelmord mitten in Altona. Das ist dann keine Routine mehr. Ich will sichergehen, dass wir auf der richtigen Spur sind.«

»Ich verstehe. Ein Fehler wäre peinlich für die Hamburger Polizei.«

»Das können Sie laut sagen.«

Der Japaner machte wieder dieses zischende Geräusch, als würden ihm seine Gedankengänge Schmerzen bereiten. Er legte den Kopf schräg. Dann aber fuhr er plötzlich in unbeeindrucktem Tonfall fort: »Ich bin mir sehr sicher. Vermutlich sind die beiden kurz hintereinander erschossen worden, während sie schliefen.«

Claudia legte die Hände vor ihrem Gesicht zusammen und atmete einige Male in ihre Handflächen. »Geben Sie mir fünf Minuten. Ich muss mir das durch den Kopf gehen lassen.«

Takeda nickte. Er ließ Claudia im Schlafzimmer zurück und ging hinüber in das Wohnzimmer, gefolgt von dem Streifenbeamten, der ihnen bisher stumm gelauscht hatte.

Auch hier war es unordentlich, um nicht zu sagen verdreckt. Das Mobiliar war einfach und abgenutzt. Auf dem runden Holztisch standen eine leere Flasche Rotwein und zwei Gläser, daneben ein übervoller Aschenbecher. An der Stirnwand erregte die beeindruckende Plattensammlung seine Aufmerksamkeit. Die Platten, alles Vinyl, waren sorgsam geordnet, auch die teure Hifi-Anlage, ein Modell von Clearaudio, war makellos gepflegt. Sie war eingeschaltet, auch wenn keine Musik lief.

Takeda warf einen fragenden Blick zu dem Streifenbeamten, der aber nur mit den Schultern zuckte. Der Inspektor nickte, brummte ein paar undeutliche Worte, zog schließlich ein Taschentuch aus der Jacketttasche und betätigte den Plattenspieler. Versonnen sah er dabei zu, wie sich der Plattenteller zu drehen begann, der Tonarm über das Vinyl schwebte und sich butterweich – ein Zeichen für die erlesene Qualität des Geräts – auf die Platte senkte.

Dann aber donnerte ein infernalischer Lärm aus den Boxen. Takeda zuckte erschrocken zusammen, die Hand des Streifenbeamten fuhr instinktiv zur Waffe. Takeda fluchte – Chikushō! – und drosselte die auf Maximum gestellte Lautstärke der Anlage.

Sekunden später stand Claudia in der Wohnzimmertür, ganz offensichtlich stinksauer. »Was für ein Scheiß ist das denn?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

»Es tut mir leid«, sagte Takeda. »Ich wusste nicht … ich wollte nur …«

»Schon gut. War bloß ein ziemlicher Schreck. Mein Gott, was für ein Lärm!«

»Das kannst du laut sagen«, sagte der Streifenbeamte.

Takeda deutete eine Verbeugung an, fand dann zu einem Lächeln zurück: »Der Lärm ist eine Platte von Ornette Coleman, ein amerikanischer Saxophonist. Ich bin ein großer Bewunderer, um nicht zu sagen, ein Fan. Aber ich gebe auch zu, dass seine Musik hervorragend dazu geeignet ist, Schüsse zu übertönen …«

Claudias Gesichtszüge entspannten sich, sie nickte Takeda sogar anerkennend zu. »Mir wäre es trotzdem lieber, wenn Sie nichts anfassen würden, Ken. Unsere Kollegen von der Spurensicherung sind selbstbewusst und mögen das gar nicht.«

»Natürlich.«

Claudia zog sich wieder zurück. Offenbar war sie noch zu keinem Ergebnis gelangt, wie sie die Sache beurteilen sollte.

Takeda setzte seinen Rundgang fort, nun peinlich darauf bedacht, nichts mehr anzufassen. Immer noch tauchten Colemans bizarre Freejazz-Töne die Wohnung in eine surreale Atmosphäre, nun allerdings in akzeptabler Lautstärke. Takeda ließ seinen Blick über die Rücken der übrigen LPs der Sammlung gleiten und entdeckte Alben von Klaus Doldinger, Miles Davis, Charlie Parker und anderen Jazzgrößen, zu seinem Erstaunen auch eine seltene Platte von Toru Okoshi, einem japanischen Jazztrompeter, den er sehr verehrte.

Offenbar hatte das Ehepaar Haubach einen ähnlichen Musikgeschmack wie er besessen.

Die Küche, die ans Wohnzimmer angrenzte, war vollgestellt mit dreckigem Geschirr, der Gestank war hier noch intensiver als im Rest der Wohnung. Als Takeda neben die Spüle trat, wirbelte er einen Schwarm Fruchtfliegen auf.

Plötzlich stand Claudia in der Küchentür. Takeda sah sie abwartend an. Sie sagte mit einer Stimme, der eine gewisse Erregung anzuhören war: »Also schön, ich bin auf Ihrer Seite. Ich rufe im Präsidium an und erkläre Holger Sauer, dass wir es mit einem Mord zu tun haben.«

»Das freut mich«, sagte Takeda. Dassu fureutu michu.

»Ja, mich auch.« Claudias Tonfall klang wie von einer großen Last befreit. Sie gab dem Inspektor einen freundschaftlichen Schlag auf den Rücken, den der Japaner mit einem überraschten Blick quittierte.

»Hey, wir haben jetzt eine Aufgabe! Wir sind ein Team, Ken, okay?«, erklärte Claudia.

»Okay«, sagte Ken Takeda.

Er versuchte immer noch krampfhaft, Claudia nicht auf die Brüste zu sehen.

7.

Claudia gestand es sich nicht gerne ein, aber Takedas Mordtheorie hatte ihre zuvor noch so düstere Laune erheblich gebessert. Als sich Holger Sauer dann auch noch am Telefon bereit erklärte, ihr und dem Inspektor die weiteren Ermittlungen zu überlassen, war sie zum ersten Mal bereit, Takedas Ankunft doch nicht als Katastrophe zu betrachten.

Allerdings hatte sie die Sache Sauer gegenüber wohlweislich mit einiger Skepsis gewürzt, so dass das Ganze doch eher nach einer weiteren Klärung der Todesursache aussah. Wenn sie ehrlich war, sah sie es wirklich so. Die Kollegen der Spurensicherung würden endgültige Klarheit bringen.

Nachdem Claudia und Takeda sich gemeinsam noch einmal gründlich in der Wohnung umgeschaut hatten, schlug sie vor, die Zeit bis zum Eintreffen der Spusi zu nutzen und schon einmal die beiden Personen zu befragen, die ihnen am ehesten erste Hinweise geben konnten: die Angestellte des Buchladens und die alte Dame aus dem Haus, die den Angaben des Streifenbeamten zufolge die Toten gemeinsam gefunden hatten.

Gisela Henning war neunundsiebzig Jahre alt und wohnte im obersten Stock des Hauses. Die alte Dame hatte ihre angegriffenen Nerven in der Zwischenzeit mit mehreren Obstbränden beruhigt; es wurde schnell klar, dass sie keine ergiebige Informationsquelle sein würde. Sie beteuerte, dass Hella und Manfred Haubach hilfsbereite und liebenswürdige Menschen gewesen seien und dass ihr Freitod eine wahre Tragödie sei.

Takeda wollte ihr daraufhin erklären, dass es kein Selbstmord war, doch Claudia hielt ihn mit einem sanften Kopfschütteln zurück. Der Inspektor verstand, dass sie die alte Frau zunächst nicht über das Vorliegen eines Verbrechens informieren wollte, die Folgen waren angesichts des labilen Zustandes von Frau Henning unabsehbar.

Dennoch fragte Claudia, ob Frau Henning am zurückliegenden Wochenende etwas Ungewöhnliches bemerkt habe oder ob einer der Haubachs vielleicht Andeutungen über Probleme, Sorgen, Feindschaften gemacht hätte. Gisela Henning verneinte. Claudia fragte weiter, ob sie Schüsse gehört habe, woraufhin die alte Dame erneut den Kopf schüttelte. Sie deutete auf ihr Hörgerät und sagte: »Wenn ich alleine in der Wohnung bin, trage ich das Ding meistens gar nicht. Dann höre ich sowieso nichts. Das ist egal, bei mir meldet sich ohnehin niemand.«

Immerhin erfuhren der Inspektor und Claudia noch, dass Frau Henning neben dem Ehepaar Haubach die letzte Mieterin im Haus war. Die übrigen Bewohner waren im Laufe der zurückliegenden Monate ausgezogen, da das Gebäude verkauft worden war und tatsächlich abgerissen werden sollte. Auch Gisela Henning würde schon bald in ein Seniorenstift umsiedeln, und dank der Abfindung, die der Bauinvestor gezahlt habe, könne sie sich nun immerhin ein schönes Zimmer leisten.

»Um wieviel Geld handelt es sich?«, fragte Claudia.

»Muss ich Ihnen das sagen?«

»Ja.«

Gisela Henning nannte einen fünfstelligen Betrag, und aus Claudias Reaktion schloss Takeda, dass es eine überraschend hohe Summe für die Auflösung eines Mietvertrages sein musste.

Allerdings erläuterte Claudia ihm auch gleich, dass in diesem Teil von Altona in den kommenden Jahren unzählige Millionen Euro verbaut werden sollten, und dann war die Zahlung vielleicht doch nicht so überraschend.

Takeda nickte und strich sich mit der Hand über den Kopf. Hielten sie möglicherweise einen ersten Hinweis auf ein Motiv in der Hand? Offenbar war hier viel Geld im Spiel. Und egal, ob nun in Deutschland oder Japan – Geld war auf der ganzen Welt der Stoff, der Menschen in Mörder verwandelte.

Er würde sich mit Claudia darüber austauschen müssen.

Das Gespräch mit Brigitte Sandner, der Angestellten aus der Buchhandlung, erwies sich als ergiebiger. Sie fanden sie im Ladengeschäft im Tiefparterre des Gebäudes, wo sie eingesunken auf einem Stuhl saß und mit zittrigen Händen eine selbstgedrehte Zigarette rauchte.

Die vielleicht ein Meter siebzig große, hagere Frau hatte ein verhärmtes Gesicht mit dünnen Lippen und tiefen, dunklen Ringen unter den Augen. Sie war siebenundfünfzig Jahre alt. Ihre kastanienbraunen Haare benötigten dringend eine Farbauffrischung, am Scheitel waren schon mehrere Zentimeter Grau zu erkennen. Brigitte Sandners Finger waren nikotingelb und die Nägel und Nagelhäute so stark abgekaut, dass sich an mehreren Stellen rote Blutkrusten gebildet hatten.

Sie war offensichtlich in einem desolaten Zustand und nicht weit von einem Nervenzusammenbruch entfernt.

Während Claudia ihr einige Fragen stellte, blickte Takeda sich zunächst in der Bücherstube um. Es war ein kleines Geschäft, an dessen Wänden schlichte Holzregale standen. Die Bücher darin waren nach Sachgebieten und zudem alphabetisch sortiert.

Takeda überflog die Abteilung mit den Romanen. Es waren zum größten Teil amerikanische Autoren, aber auch einige übersetzte Titel aus Afrika und Asien, darunter die obligatorischen Werke seines Landsmannes Haruki Murakami. Zwischen zwei Regalen hing ein hinter Glas gerahmtes Plakat, die Ankündigung einer Lesung, die vor einigen Jahren in der Buchhandlung stattgefunden hatte. Das Plakat zeigte das großformatige Foto einer italienischen Autorin, Oriana Fallaci, die es mit einem breiten Filzstift signiert hatte. Für Hella Haubach, meine gute Freundin.

Auf der anderen Seite des Raumes standen die Sachbücher. Takeda überflog die Schilder mit den Rubriken, fand Begriffe wie Anarchie/Autonome, Linke, Dritte Welt, Geschichte, Imperialismus, Terrorismus, Islamismus, Kommunismus. Es war unschwer zu erkennen, dass sich der Laden an ein politisch links stehendes Publikum richtete.

Ken Takeda nickte nachdenklich und murmelte mit halblauter Stimme: »…ismus«. Ismusu.

Die Deutschen, das hatte schon sein Vater immer zum Besten gegeben, liebten lange, beeindruckende Worte. Worte, die in ein Gespräch einfuhren wie Schlachtschiffe. Takedas Zeitungslektüre am Wochenende hatte ihm ein paar gute Beispiele geboten.

Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

Lebensversicherungsvertrag.

Verkehrsinfrastrukturverbesserung.

Claudia wunderte sich, wie ein Mensch sich komplizierte Schriftzeichen einprägen konnte. Aber war es nicht noch viel schwieriger, sich solche Worte zu merken?

Da Brigitte Sandner rauchte, kramte auch Takeda ein Päckchen Mild Seven hervor, seine japanische Stammmarke, von der er mehrere Stangen mit nach Deutschland gebracht hatte, und zündete sich eine Zigarette an. Brigitte Sandner nahm es mit einem schwachen Lächeln zur Kenntnis. Die Solidarität der wenigen verbliebenen Raucher.

»Erzählen Sie uns bitte, wie und wann Sie die beiden Toten gefunden haben, Frau Sandner«, forderte Claudia die Angestellte auf.

Die Buchhändlerin nickte fahrig. »Manfred und Hella kommen normalerweise so gegen halb zehn Uhr herunter in den Laden. Um zehn öffnen wir dann. Ich selbst bin in der Regel so um Viertel vor zehn da, je nachdem.«

»Und heute waren die beiden noch nicht hier, als Sie eintrafen?«

»Genau, obwohl das schon mal vorkommt. Ich habe für solche Fälle einen Schlüssel zum Laden. Manni und Hella schlafen schon mal länger.«

»Und davon gingen Sie auch heute aus?«

»Ja. Aber gegen halb elf fand ich es dann doch komisch. Wir erwarteten einen Verlagsvertreter und wollten vorher einige Kataloge durchgehen. Ich habe gegen Viertel vor elf oben in der Wohnung angerufen, es ist aber niemand drangegangen.«

»Und dann kam der Vertreter?«

»Nein. Ich habe ihn auf dem Handy angerufen und den Termin verschoben. Ich habe dann noch mal oben angerufen, aber wieder hat niemand abgehoben. So gegen halb zwölf bin ich dann hochgegangen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.«

Claudia blickte auf ihre Uhr. Mit den üblichen Spielräumen dürften die Zeitangaben zutreffen.

»Sie haben einen Wohnungsschlüssel?«, erkundigte sie sich.

»Hier im Laden liegt einer. Ein Teil unseres Lagers ist oben in der Wohnung.«

»Beschreiben Sie mir, wie das genau war, als Sie in die Wohnung kamen. Jedes Detail ist wichtig, also konzentrieren Sie sich bitte.«

»Ich habe die Tür aufgeschlossen und die beiden gerufen, aber keiner hat geantwortet. Ich dachte, Manni und Hella sind nicht da. Ich fand das komisch, es ist ja ein ganz normaler Werktag. Und wir hatten, wie gesagt, einen Termin.«

»Die Tür war also abgeschlossen?«

Die Sandner legte die Stirn in Falten, dachte kurz nach. »Ja, war sie. Ich glaube, der Schlüssel steckte von innen.«

»Ist Ihnen etwas aufgefallen? War in der Wohnung irgendetwas anders als sonst?«, fragte Claudia Harms.

»Nein, eigentlich nicht. Höchstens, dass keine Musik lief, das war ungewöhnlich. Manni ist … war … ein Hifi-Freak, und es kam eigentlich nie vor, dass er zu Hause war und keine Platte lief. Darum dachte ich ja zuerst auch, dass die beiden nicht da sind.«

»Was hat Sie veranlasst, ins Schlafzimmer der Haubachs zu gehen?«

Brigitte Sandner sah die Kommissarin mit einem zutiefst erschöpften Gesicht an. »Ich wollte einfach sichergehen, dass die beiden nicht doch noch schlafen.«

»Um halb zwölf am Mittag? An einem Montag?«

Brigitte Sandners Gesicht wirkte plötzlich abweisend. »Ist es ein Verbrechen, auszuschlafen?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Manni hat gerne mal ein Glas zu viel getrunken. Da kam so etwas schon mal vor. War ja auch nicht schlimm. Zu dritt gab es sowieso nicht genug zu tun, hier im Laden. Bücher sind heutzutage nicht gerade ein reißendes Geschäft.«

»Was haben Sie dann gemacht?«

»Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Ich habe reingeguckt, und da lagen sie.«

»Und dann haben Sie die Polizei gerufen?«

»Ja.«

»Der Notruf ging erst gegen zwölf Uhr ein.«

»Kann sein. Ich weiß es nicht mehr. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Manni und Hella … ich meine, Sie haben sie doch gesehen. Entsetzlich. Ich habe in der Wohnung gestanden und war unfähig, mich zu rühren. Sie müssen sich das mal vorstellen, ich kenne die beiden seit … seit fünfundzwanzig Jahren oder so. Sie waren so ziemlich die ersten Menschen, die ich kennengelernt habe, als ich damals nach der Wende nach Hamburg kam. Sie haben mir damals viel geholfen, ich verdanke ihnen so viel. Und jetzt das …«

»Wann genau kam die Nachbarin von oben dazu?«

»Die alte Frau Henning? Kurz bevor ich die Polizei gerufen habe. So gegen Viertel vor zwölf vielleicht.«

Claudia nickte. Das entsprach dem, was die alte Dame gesagt hatte.

»Sie haben bei Ihrem Anruf bei der Polizei von einem Suizid gesprochen. War das Ihr erster Gedanke, als Sie die beiden Toten gesehen haben?«

»Ja, natürlich. Was denn sonst?!«

»Haben Sie einen Grund für die Annahme, dass Manfred und Hella Haubach sich das Leben genommen haben könnten? Gab es Andeutungen in der Richtung?«

Brigitte Sandner wollte sich eine weitere Zigarette drehen. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie nach dem dritten Versuch aufgab. Ken Takeda hielt ihr seine Packung Mild Seven hin, aus der sie sich bediente.

»Wer heutzutage nicht über Selbstmord nachdenkt, kann nicht ganz richtig im Kopf sein. Manni und Hella waren politische Menschen. Ich kann verstehen, dass sie es getan haben.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wissen Sie eigentlich, was hier in der Gegend los ist?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Inspektor Takeda und die Toten von Altona" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Empfehlen