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Inselsommer

Impressum

ISBN 978-3-8412-0585-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung von Motiven von © plainpicture: BY, KuS, iStockphoto / 26ISO und © Alimdi.net / Markus Brunner

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

1. Kapitel

»Seit Jahren bin ich mit den Jungs nicht mehr im Urlaub gewesen!« Karin schloss die Augen. Jetzt nicht aufregen! Dass es ihrem Vater aber auch immer wieder gelang, sie aus der Fassung zu bringen! »Und Borkum ist nicht am Ende der Welt.«

»Weißt du, was du mir damit antust?«

Was hatte sie in der Frauenzeitschrift gelesen? Man solle sich in solchen Situationen erst auf drei Gerüche konzentrieren, dann drei Dinge ansehen und schließlich drei Gegenstände fühlen. Das würde helfen. Und was war mit dem Hören? Hatte sie etwas überlesen? Dabei hatte sie gestern auf dem Crosstrainer im Fitnessstudio noch überlegt, sich den Text an der Theke kopieren zu lassen.

Die Luft im Wohnzimmer roch abgestanden. Sie sah sich um. Was dachte der Verfasser des Artikels, woher sie drei verschiedene Gerüche nehmen sollte? Meinte er, in jedem Haushalt befände sich ein Sortiment von Duftölen?

»Karin? Bist du noch dran?«

»Ja.«

»Das kannst du nicht machen! Du bist meine Tochter. Soll ich ganz alleine bleiben?«

Sie atmete tief durch. Drei Gegenstände ansehen. Das Sideboard: verstaubt. Katzenfussel auf dem Teppich. Die Wäsche im Korb, die gefaltet werden musste. Dadurch sollte sich Entspannung einstellen?

»Es sind nur achtzehn Tage Urlaub. Dann sind wir zurück.«

»Wenn ich dann noch lebe.«

»Walter!« Sie wusste, was jetzt folgen würde. Wie er jahrelang verzichtet und sich um ihre Mutter gekümmert hatte. Die Krebserkrankung. Die Krankenhausaufenthalte. Metastasen. Das Pflegeheim. Die Einsamkeit nach der Beerdigung.

»Und wer kauft für mich ein? Wer fährt mich zum Arzt, wenn ich krank werde?«

»Wir kaufen auf Vorrat ein. Mittags kochen doch sowieso abwechselnd deine Nachbarinnen für dich mit. Und warum willst du zum Arzt? Du bist kerngesund.«

»Man weiß nie vorher, wann man krank wird.«

War das eine Drohung? Drei Dinge fühlen. Der trockene Mund. Das glitschige Telefon in der Hand. Die Kühle des Sofabezuges. Es half nicht. Ihr Vater würde nicht lockerlassen und kurz vor dem Abfahrtstermin den Notarzt wegen eines drohenden Herzinfarktes rufen oder etwas in der Art. Vielleicht wäre es sogar die beste Lösung für alle Beteiligten – ein gemeinsamer Urlaub?

»Und wenn du mitfährst?«, fragte sie.

»Ist denn noch ein Hotelzimmer frei?«

»Ich organisiere das schon. Aber dafür unternimmst du regelmäßig was mit den beiden Jungs. Ich brauche Zeit und Ruhe für mein Buchprojekt. Das habe ich viel zu lange vor mir hergeschoben. Ihr könnt zusammen eine Wattwanderung machen. Den Strand erkunden. Du kannst die Jungs für die Leuchttürme begeistern. Dort gibt es auch ein Wellenbad.«

»Wann fahren wir?«

2. Kapitel

»Und dann suchen wir einen netten Mann für eure Mama«, verkündete ihr Vater.

Karin schüttelte den Kopf. Dass er dieses Thema aufwerfen musste, war klar. Aber jetzt schon? Mindestens vier Stunden Fahrtzeit lagen noch vor ihnen, und am Kölner Ring, bei Wuppertal und am Kamener Kreuz waren Staus angesagt.

»Walter! Ich brauche keinen Heiratsvermittler.«

»Also wenn ich in deinem jugendlichen Alter wäre …«

»Du bist nicht ich, und ich bin nicht du. Ich komme perfekt allein zurecht. Können wir damit diesen Punkt abschließen?«

»Gib’s zu, eigentlich willst du einen Mann, der so ist wie ich«, sagte Jonas. »Ich hole sogar jeden Sonntag Brötchen. Unaufgefordert. Mit mir kann man über alles quatschen. Und Spaß haben. Ich weiß, wie man chillt. Eistee holen, Musik laufen lassen …«

Sie sah in den Rückspiegel. Jonas unterstrich die Aufzählung seiner guten Eigenschaften mit großen Gesten. Jahrelang war er eher schüchtern und zurückhaltend gewesen. Woher nahm er plötzlich das Selbstbewusstsein?

Ein Aufschrei neben ihr ließ sie zusammenfahren. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr, vor dem Stauende zum Stehen zu kommen. Für ein paar Minuten sprach niemand mehr. Es fühlte sich an, als wäre die Temperatur im Wagen während des Bremsmanövers um zehn Grad gestiegen. Sie drehte die Klimaanlage eine Stufe höher. Das war knapp gewesen!

»Irgendwann muss man Enttäuschungen auch überwinden, wieder neu beginnen«, griff Walter das Gespräch auf. »Nicht alle Männer sind wie Alexander.«

»Sag nichts gegen Papa«, sagte Leon. »Er kauft mir zum Geburtstag den Todesstern. Und wir bauen ihn zusammen auf.«

»Ist das nicht das Teil, das so viel kostet wie ein neuer PC?« Sie sah Alexander vor sich. Aber wehe, es ging darum, sich für einen Elternabend freizunehmen oder beim Schulfest zu helfen.

»Und im Herbst fährt er mit uns ins Disneyland nach Paris.« Jonas hielt eine Hand in die Höhe, formte die Finger zu einem V.

»Ist ja toll, dass ich das erfahre!« Sie entdeckte ein Schild, das auf eine Ausfahrt hinwies. Nur noch tausend Meter. Im Wageninneren roch es immer stärker nach Abgasen. Auch wenn die Stauumfahrung nicht schneller gehen würde als das Warten auf der Autobahn, konnte man sich wenigstens einreden, dass es vorwärtsging. Warum hatten sie nicht den Zug genommen? Sie stellte sich ein klimatisiertes Erste-Klasse-Abteil vor. Zeit zum Lesen. Die Möglichkeit, sich häufiger die Füße zu vertreten. Und vor allem nicht diese Enge!

»Wann sind wir da?«, fragte Leon.

Sie massierte sich die Stirn. Ihre Kopfschmerzen kamen nicht nur von der schlechten Luft. »Hattet ihr nicht das iPad eingepackt?« Wieder so ein typisches Alexander-Geschenk. »Damit könnt ihr einen Film runterladen.«

Während die Jungs diskutierten, was sie sehen wollten, setzte Karin den Blinker. Die Ausfahrt.

»Ich mach mal etwas Musik an«, sagte Walter.

Diesmal protestierten die Jungs nicht. Sie waren zu beschäftigt.

»Schon dreiundzwanzig Prozent beim Download«, meinte Jonas.

Walter drückte den Sendesuchlauf, bis die Beatles erklangen mit »All You Need Is Love«. Er trommelte im Takt mit den Fingern an der Fensterscheibe. »My Generation« folgte. Karin dachte an all die Sommerabende im Schrebergarten, die Walter mit den Liedern seiner selbst zusammengestellten Kassetten umrahmt hatte. Sie schluckte. Mehr als dreißig Jahre war das her. Damals hatte sie sich oft beschwert, wenn es in den Schrebergarten gehen sollte. Im Nachhinein war es dort fast wie im Paradies. Einfach in der Hängematte ausspannen. Würstchen vom Grill. Lagerfeuer mit Freunden. Und ihre Eltern Arm in Arm vor der Gartenhütte, Walter mit langen Haaren und seinen zerfransten Hosen, Ulrike in den wallenden Batikkleidern. Sie liebten sich noch wie frisch Verlobte, trotz aller Meinungsverschiedenheiten.

»Opa! Mach leiser! Wir verstehen den Film nicht!«, rief Leon.

»Ihr sollt nicht immer Opa zu mir sagen. Sonst fühle ich mich gleich zwanzig Jahre älter.«

»Was guckt ihr denn da?« Karin versuchte, einen Blick auf den Bildschirm zu werfen. Durch die Reflexionen war nichts als Schwärze zu erkennen. Es klang wie eine Mischung aus »Scream« und »Alarm für Cobra 11«.

»Nur Sherlock Holmes. Voll easy. Ist ab zwölf.«

»Leon ist erst zehn!« Sie beobachtete die beiden im Spiegel.

»Aber ich bin dabei, und wenn er Panik kriegt, mache ich aus.« Jonas zwinkerte seinem Bruder zu. Der grinste.

»Und es ist wirklich ein Sherlock-Holmes-Film?« Sie holte tief Luft.

»Sag ich doch.«

»Opa, mach leiser!«

»Habt ihr nicht die Kopfhörer und diesen Mehrfachstecker mitgenommen, mit dem man am Kopfhörerausgang …« Wie sollte sie jetzt diesen Stecker beschreiben?

»Der Y-Splitter.« Jonas hielt das Teil in die Höhe.

Bald war von der Rückbank kein Laut mehr zu hören. Nur die Rolling Stones sangen »Satisfaction«. Karin lenkte vorsichtig um die Geschwindigkeitsbremsen an den Ortsbegrenzungen, damit es Leon nicht schlecht wurde.

Sie öffnete die Fensterscheibe. Warme Sommerluft strich über ihr Gesicht, während sie an alten Bauernhöfen vorbeifuhren. Es roch nach frischgemähtem Gras. In der Ferne sah sie, wie der Verkehr auf der Autobahn floss. Bei nächster Gelegenheit konnte sie die Landstraße wieder verlassen. Ihre Kopfschmerzen verschwanden so plötzlich, wie sie aufgetaucht waren. Ferien!

3. Kapitel

Könnte diese Ruhe doch ewig anhalten! Das Sonnendeck auf der Fähre war angenehm leer. Nur ein junges Pärchen stand Arm in Arm an der Reling. Der Nieselregen, der ihr ins Gesicht sprühte, und der zunehmende Seegang störten Karin nicht. Sie schloss die Augen und hörte auf die Wellen, die an den Schiffsrumpf schlugen. Während Walter sich eine Portion Kaffee und Kuchen gönnen wollte, waren die Jungs im Wagen geblieben. Sie jagten zu zweit virtuelle Verbrecher in London und weigerten sich, das Spiel zu unterbrechen, bevor Mister X gefangen war.

»Meinst du, ich habe noch nie das Meer gesehen?«, hatte Jonas auf den Vorschlag geantwortet, das iPad wegzulegen. Karin hatte auf einen Kommentar verzichtet. Klar, so ein Bildschirm hatte größeren Seltenheitswert. Aber solange es keine Ballerspiele waren, würde sie während der Ferienzeit darüber hinwegsehen. Der Wind nahm so plötzlich zu, dass sie sich an dem Geländer festhalten musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Nun verschwand das Pärchen im Innern des Schiffes. Er hatte seinen Arm um ihre Hüfte gelegt, sie ihren Arm um seine Hüfte. Zusammen, so eng miteinander verschlungen, wirkten sie, als könnte ihnen weder der Wind noch die Zukunft etwas anhaben.

Hatten Alexander und sie früher auch einmal auf andere Zuschauer so idyllisch und unverwundbar gewirkt? Würde nach einigen Jahren die Beziehung dieses Pärchens genauso enden wie ihre eigene? Mit einem Mal fühlte Karin sich ungeheuer alt.

Der Regenmantel hielt die Feuchtigkeit größtenteils ab. Dass die Hose nass wurde, störte sie nicht. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so lebendig gefühlt. Sollte das Wetter die gesamte Urlaubszeit unverändert bleiben – sie würde sich die Stimmung nicht verderben lassen. Es war, als bliese der Wind alle Grübeleien mit sich fort, weit auf das Meer hinaus.

Ein andauerndes Hupen riss sie aus ihren Gedanken. Eine Autoalarmanlage. Warum schaltete niemand sie ab?

Karin versuchte, sich wieder auf die Geräusche der Wellen zu konzentrieren, doch das Hupen war wie dieses hohe Fiepen im Ohr, das sie nach durchwachten Nächten bekam. Es ließ sich nicht ignorieren.

Auf dem Weg zum Restaurant kam ihr Jonas entgegen. Sein Gesicht war hochrot, sein T-Shirt durchschwitzt.

»Mann, Mama! Wir suchen dich die ganze Zeit! Die Alarmanlage. Sie geht nicht mehr aus. Es muss an den Erschütterungen liegen.«

»Unser Wagen?« Sie folgte Jonas treppab. War es wirklich so, dass alle sie anstarrten, oder bildete sie sich das nur ein? Was hatte dieser Kerl in der Billigwerkstatt nur an der Elektronik gemacht? Dabei sollte er nur die defekte Temperaturanzeige reparieren.

Sobald sie den Schlüssel ins Zündschloss steckte und die Zündung startete, hörte das Hupen auf. Vom Sprinten stach es in ihrer Lunge. Wie lange hatte sie sich schon vorgenommen, wieder regelmäßig Sport zu treiben? Sie wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

»Wo ist Leon?« Sie sah sich um.

»Kommt bestimmt gleich zurück. Er hat dich auch gesucht. Echt uncool, wenn wir jetzt das Spiel neu anfangen müssen. Wir hatten Mister X gerade eingekreist.«

»Mama!« Zuerst sah sie den blonden Haarschopf zwischen den geparkten Wagen auftauchen. Leon.

»Der Spielstand wurde gespeichert.« Jonas seufzte erleichtert.

»Na, dann könnt ihr ja weiterspielen.« Sie umarmte Leon kurz, der die Berührung abwehrte. Liebkosungen zwischen Mutter und Sohn waren vor dem älteren Bruder genauso peinlich wie vor den Klassenkameraden. Wie konnte sie das nur immer wieder vergessen?

»Ihr findet mich auf dem Sonnendeck«, sagte sie.

Auf halbem Weg stieß sie mit ihrem Vater zusammen. Er kam gerade von der Toilette. Irgendetwas an ihm schien seltsam, ohne dass sie genau beschreiben konnte, was es war.

»Geht’s dir gut?«, fragte sie.

»Bestens. Bestens.«

Sein Grinsen ließ sich nicht einordnen.

»Ist bei dir im Restaurant noch ein Platz frei?«

Walter zögerte, dann meinte er: »Logisch.«

Logisch? Seit wann drückte er sich so aus? Das klang mehr nach Leon als nach Walter. Und seit wann kaute er Kaugummi? »Ich komme mit dir.« Sie stockte. »Etwas an dir riecht so …«

»Ach das. Der Pullover. Er hat im Schrank neben der neuen Lieferung von Räucherkerzen gelegen. Moschus.« Wie zum Beweis hielt er ihr den Ärmel entgegen.

Das war kein Moschusgeruch. Und für Duftkerzen roch es viel zu süßlich. Das war dieser Geh-dir-mal-ein-Eis-holen-Geruch. Unverkennbar.

Früher im Schrebergarten, wenn die Stimmung fröhlicher und ausgelassener geworden war, wenn sie ein unangenehmes Magengrummeln beim Gedanken an die Nachbarn bekommen hatte, war Walter zu ihrer Hängematte gekommen. Manchmal sagte auch Ulrike Bescheid.

»Geh dir mal ein Eis holen«, hieß es dann. Immer dieselben Worte, es war wie ein Ritual. Karin liebte den Eisstand vor der Post. Besonders das Vanilleeis  schmeckte unübertrefflich. Gelb mit kleinen, schwarzen Punkten. Echte Vanille. Aber sie wollte nicht weggeschickt werden. Irgendetwas ging vor sich. Weswegen war denn sonst schon viermal die Polizei aufgetaucht? Sie hätte sogar auf das Eis verzichtet, um zu erfahren, was die Erwachsenen vor ihr verbargen. Einmal versteckte sie sich hinter der Hecke, anstatt in Richtung Post zu gehen.

Sie lachten. Sie tanzten. Sie rauchten. Nichts Ungewöhnliches. Die Erwachsenen setzten sich alle ans Feuer, so dicht, dass Karin Angst hatte, Ulrikes weites Blumenkleid könnte Feuer fangen. So genau Karin auch beobachtet hatte, es war ihr nichts aufgefallen außer dem süßlichen Geruch, der wie eine Wolke zu ihr herübergeweht war.

Heute ließ sie sich von Walter nichts mehr vormachen.

»Walter, du hast  …«, begann sie. Es ließ sich nicht aussprechen.

»Du hast  …«, sagte sie erneut. Unmöglich. Vor all den Zuhörern konnte sie das Wort nicht benennen. Als sie ein drittes Mal ansetzen wollte, erklang wieder das Hupen.

»Unsere Alarmanlage.« Sie drehte sich um. »Keine Sorge, nur Fehlalarm.«

Sie beeilte sich nicht, als sie treppab ging.

Niemand war auf dem Parkdeck zu sehen. Das Hupen ließ eine Gänsehaut auf ihren Unterarmen entstehen. Obwohl die Beifahrertür offen stand, war von den Jungs keine Spur zu entdecken.

»Jonas? Leon?« Ihre Stimme schaffte es nicht, das Lärmen zu übertönen. Zuerst entschärfte sie die Alarmanlage. Es musste doch eine Möglichkeit geben, diesen überempfindlichen Mechanismus vollständig auszuschalten! Reichte es, eine bestimmte Sicherung herauszunehmen? Die Nummer der Werkstatt hatte sie in ihrem Handy gespeichert. Wo lag denn nur ihre Handtasche? Das übliche Versteck unter dem Fahrersitz war leer. Ihre Hände zitterten, als sie den Fahrzeugboden unter dem Beifahrersitz und vor der Rückbank abtastete. Nichts. Das iPad lag noch neben Leons Jacke. Sie hatte die Tasche nur im Wagen gelassen, weil sie davon ausgegangen war, die Jungs würden nicht weggehen!

»Jonas! Leon!« In der Tasche befand sich nicht nur das Handy. Das Portemonnaie mit all den Kredit- und Scheckkarten, Führerschein, Personalausweis, Krankenkassenkarten. Vierhundert Euro in bar. Und die größte Katastrophe: das Notebook mit allen Passwörtern der Onlineshops im Adressverzeichnis. Die Datei mit dem Manuskriptanfang von dem neuen Roman.

Sie sank auf den Fahrersitz. Ihre Beine fühlten sich wie gelähmt an. In ihren Ohren summte es. Sie wollte schreien, aber es ging nicht. Nur ein heiserer Laut kam aus ihrer Kehle.

»Mama?«

Sie zuckte zusammen, als sie die Berührung an ihrer Schulter spürte.

»Geht es dir nicht gut?«, fragte Leon.

»Wie könnt ihr nur! Die Tür offen lassen! Meine Handtasche ist weg! Weißt du, was das bedeutet? Wenn auch nur einer von euch sein Hirn einschalten könnte!« Je lauter sie wurde, umso mehr löste sich ihre Anspannung. Sie schlug mit den Fäusten auf die Hupe. Es war ihr gleichgültig, dass immer mehr Zuschauer um den Wagen herumstanden und ihr zusahen. Sollte es doch die ganze Welt erfahren!

Das Licht, als die Laderampe geöffnet wurde, blendete sie.

»Komm her, Kleines.«

Sie wehrte sich nicht, als Walter sie aus dem Auto zog und zum Beifahrersitz führte.

»Besser, ich fahre. Wo ist der Schlüssel?«, fragte er.

»Im Zündschloss.«

4. Kapitel

Während Walter und die beiden Jungs das Gepäck vom Auto ins Hotel brachten, dachte Karin an die gestohlene Handtasche. Ihr erster Weg würde sie zur Polizei führen. Was für ein Start in die Ferien! Das Polizeirevier war von ihrem Zimmerfenster aus zu sehen.

Sie musste nur die Schienen der Inselbahn überqueren, schon war sie da. Nachdem sie die Eingangstür zur Wache aufgedrückt hatte, stutzte sie beim Blick auf das runde, rote Schild, das auf dem Glas der zweiten Tür angebracht war. Einfahrt verboten. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, aber das nicht. In dem linken Raum, der auch verschlossen war, stand ein Kommissar an einer Theke. Er bedeutete ihr, auf einem der drei orangefarbenen Plastikschalen im Vorraum zu warten, dann setzte er das Gespräch mit einem alten Mann fort. Rechnete jemand damit, dass ein Irrer mit einem Messer –  oder was immer für einer Waffe  – hereinstürmte, um ein Gemetzel anzurichten? Wenn es so war, gab sie das einzig erreichbare Opfer ab. Möglich, dass diese Barrieren gegen Eindringlinge nie gebraucht wurden, doch allein das Vorhandensein trübte ihr Bild einer idyllischen Urlaubsinsel. Dort säße nämlich ein alternder Kommissar hinter einem Schreibtisch, würde an seiner Kaffeetasse nippen und jede Abwechslung willkommen heißen.

Es dauerte nicht lange, bis sie an der Reihe war. Der alte Mann grummelte etwas, als er an ihr vorbei ins Freie eilte.

»Was kann ich für Sie tun?«

Karins Blick glitt über sein Hemd zu dem Gesicht des Polizisten. Seine blauen Augen wirkten, als seien sie perfekt auf die Farbe des Hemdes abgestimmt. Oder das Hemd auf die Augen?

»Ja?«, fragte er.

Sie räusperte sich und verschluckte sich an ihrer Atemluft.

»Soll ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?«

»Es geht schon. – Mir ist meine Handtasche gestohlen worden. Gerade eben auf der Fähre. Wir waren auf dem Weg hierhin.« Meine Güte, was redete sie? Was stand sie vor dem Polizisten wie eine stotternde Erstklässlerin? Natürlich waren sie auf dem Weg zur Insel gewesen, sonst stünde sie nicht vor ihm.

Er notierte die Angaben, die sie zu dem Vorfall machte.

Sie versuchte sich an den Namen des Schauspielers zu erinnern, an den er sie denken ließ. Zusammen mit den beiden Jungs hatte sie im letzten Sommer den Film von diesem Pharmavertreter angesehen. Sie hatte sich dazu überreden lassen, weil Anne Hathaway in der anderen Hauptrolle zu sehen gewesen war.

Wie war es zu dem Diebstahl gekommen?

Während sie redete, zwang sie sich, seine Augen nicht anzustarren, die in einem ungewöhnlichen Kontrast zu den dunkelbraunen Haaren standen. Oder erinnerte er sie an einen der Teilnehmer der Tour de France? Sie hätte um hundert Euro gewettet, dass er regelmäßig Ausdauersport trieb.

Was befand sich genau in der Handtasche? Sie verstand nicht, wie es möglich war, dass sie nie auf die Farbe ihres Portemonnaies geachtet hatte. Hatte sie das dunkelgrüne in Verwendung oder das braune?

»Als Zeugin bin ich völlig unbrauchbar.« Sie versuchte zu lächeln.

Wenn er dasselbe meinte, ließ er es sich nicht anmerken. Was dachte er überhaupt? Sollte es ihr nicht egal sein, was in seinem Kopf vorging?

»Es tut mir leid«, sagte sie, »aber es ist so eine Hektik gewesen. Der Aufbruch. Zusammen mit meinem Vater und meinen beiden Söhnen auf dem Weg in den Urlaub. Sie können es sich nicht vorstellen.«

»Urlaub ist immer eine Ausnahmesituation. Ich weiß, wovon ich spreche.« Wie er es formulierte, hörte es sich an, als verstünde er, was sie sagen wollte, längst bevor sie es ausgesprochen hatte. Sie nickte. Ausnahmesituation. Wusste er, wie sehr sie auf Worte achtete?

»Unterschreiben Sie hier«, unterbrach er ihre Gedanken. »Ich gebe Ihnen eine Bescheinigung über die Anzeigenerstattung mit. Die brauchen Sie fürs Einwohnermeldeamt, wenn Sie neue Papiere beantragen.«

Sie versuchte, ihn nicht anzustarren. Seine Augen wirkten mit einem Mal heller, was einen extremen Gegensatz zu seinen dunkelbraunen Haaren bildete.

»Meinen Sie, Sie finden die Tasche wieder?«, fragte sie.

»Die Strafanzeige geht an die Staatsanwaltschaft. Wir melden uns, wenn sich etwas ergibt.«

Sie verabschiedete sich, zwang sich, nach draußen zu gehen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Auf halber Strecke kam ihr Walter mit den beiden Jungs entgegen. Walter trug eine Badehose, Sandalen und ein verwaschenes T-Shirt mit der Aufschrift »Peace and Love«, das zwanzig Jahre alt war – mindestens.

»Wo wollt ihr denn hin? Ist das nicht zu kühl?« Karin deutete auf seine nackten Beine.

»Bald kommt die Sonne raus. Und es ist Flut. Wir baden.«

Sie spürte erste Regentropfen auf der Stirn. »Und die Koffer? Habt ihr schon ausgepackt?«

»Die laufen nicht weg. Willst du nicht mitkommen?« Walter nahm ihre Hand.

Sie löste sich von ihm. »Ich kümmere mich um die Koffer.«

5. Kapitel

Im Hotelzimmer streifte sie die Schuhe von den Füßen und ließ sich aufs Bett fallen. Das Rattern der eintreffenden Inselbahn drang durch das gekippte Fenster und mischte sich mit den Geräuschen von Fahrradklingeln, Kinderlachen und Rufen. Der Wind bauschte die Gardine auf. Die Decke unter ihr fühlte sich kühl und weich an. Karin streckte die Arme aus und merkte, wie ihre Müdigkeit zunahm. Kam das von der Seeluft oder davon, dass ausnahmsweise keine anderen Arbeiten außer dem Auspacken der Koffer anstanden? Das Handy hatte sie ausgeschaltet, da es sich in das niederländische Netz eingeloggt hatte.

Sie wehrte sich nicht dagegen, als sie spürte, wie ihr die Augen zufielen. »Urlaub ist immer eine Ausnahmesituation«, hörte sie die Stimme des Kommissars im Halbschlaf. »Ich weiß, wovon ich spreche.« Sie nickte, sah seine Augen vor sich, wie sie heller wurden. Passierte das jedes Mal, wenn er jemanden ansah? Er war keiner der Männer, die viel redeten, das hatte sie sofort gespürt.

Als sie aufwachte, war es draußen dunkel. Sie setzte sich so ruckartig auf, dass ihr schwindelig wurde. In ihrem Kopf rauschte es, ein Prickeln durchlief Arme und Beine. Aus dem Nebenraum drang Stimmengewirr. Jonas’ Lachen war deutlich herauszuhören.

Sie strich sich die Haare glatt, dann ging sie zum Nachbarzimmer. Erst auf ihr viertes Klopfen hin öffnete Leon.

Im Fernsehen liefen Bilder von den Olympischen Spielen. Schwimmen der Männer. Seit wann interessierten sich die beiden Jungs für Sport? Doch alles, was Walter vorschlug oder tat, übte auf die beiden einen besonderen Reiz aus. Wenn Walter dieses Phänomen nur einmal in ihrem Sinne ausnützen könnte. Er sollte Jonas und Leon begreiflich machen, wie wichtig es war, Vokabeln zu lernen, sich generell in der Schule anzustrengen.

»Möchtest du?« Jonas hielt ihr eine Chipstüte entgegen. Sie begann, die Kalorien zu überschlagen, die sie an diesem Tag schon zu sich genommen hatte, und hörte bei der Schwarzwälder Kirschtorte auf, die sie sich in der Raststätte zum Nachtisch gegönnt hatte.

»Wollen wir noch etwas Vernünftiges essen gehen?« Sie dachte an einen Salat. Und das Dressing würde sie extra bestellen, man musste die Salatblätter darin ja nicht ertränken.

»Ist genug da.« Walter zeigte auf die Knabbereien, die auf dem Tisch ausgebreitet waren. »Setz dich doch zu uns.«

Die Bettdecke war von Krümeln übersät. Auf dem Fußboden sah es aus, als hätte eine gesamte Schulklasse eine Orgie gefeiert.

»Ich bin eigentlich nicht hungrig.« Zu spät essen soll sowieso ungesund sein, sagte man. Sie schüttelte den Kopf. »Ich räume mal die Koffer aus, und ihr wollt bestimmt auch hier noch Ordnung schaffen.«

»Ja! Erster Platz für die USA. Was habe ich gesagt? Fünf Euro kriege ich jetzt von jedem.« Leon klatschte in die Hände.

»Ihr wettet um Geld?« Karin sah zu Walter. Das konnte nur seine Idee gewesen sein.

Als sie keine Antwort erhielt, kehrte sie in ihr eigenes Zimmer zurück.

Zuerst räumte sie Leons Kofferinhalt in die rechte Schrankhälfte, dann öffnete sie ihren grauen Hartschalenkoffer. Ihr Atem stockte beim Blick auf das dunkelbraune Leder. Die Handtasche! Wie kam sie an diesen Ort? Sie selbst hatte die Tasche dort niemals hingelegt. Und warum waren ihre Kleidungsstücke zusammengeknautscht, als hätte sie Schmutzwäsche für den Transport zur nächsten Waschmaschine zusammengerafft?

»Jonas! Leon! Walter!« Sie rannte zum Gang.

»Mama?« Jonas sah sie entsetzt an.

»Was ist?« Leon sah sich im Raum um.

»Wer hat meine Handtasche in den Koffer gelegt?«

»Jetzt fällt es mir wieder ein«, sagte Walter. »Als ich den Kofferraum aufgemacht habe, nach dem Mittagessen, da war der Koffer rausgefallen. Und aufgegangen. Dabei habe ich wohl die Tasche …«

»Und ich renne zur Polizeistation, gebe eine Strafanzeige auf!« Karin stellte sich vor, Walter zu schütteln. So etwas konnte man doch nicht vergessen. »Wie lächerlich ist das denn? Soll ich morgen früh in die Wache spazieren und …« Sie schluckte. Ihr fehlten die Worte.

»Wenn du willst, mache ich das für dich.

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