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In ewiger Nacht

Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

Ganna-Maria Braungardt, geboren 1956, studierte russische Sprache und Literatur in Woronesh (Russland); Lektorin; seit 1991 freiberufliche Übersetzerin. Übertrug Polina Daschkowa, Ljudmilla Ulitzkaja, Boris Akunin und viele andere ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Olga ist Ärztin in einer psychiatrischen Klinik, sie ist verheiratet und hat zwölfjährige Zwillinge. Seit kurzem betreut sie einen Patienten, der sein Gedächtnis verloren zu haben scheint. Doch Olga nimmt ihm das nicht ab. Was er ihr erzählt, erinnert sie an einen Mann, der im Internet obszöne Erzählungen und Kinderpornographie verbreitet. Nie wieder wollte Olga mit solchen Dingen zu tun haben. Vor anderthalb Jahren waren sie und ihre Kollegen kläglich daran gescheitert, einen Serienmörder zur Strecke zu bringen. Der Misserfolg hatte sie noch lange seelisch belastet. Doch als im Fernsehen vom Tod der fünfzehnjährigen Shenja berichtet wird und alles so sehr der Mordserie von damals ähnelt, kann sie nicht anders, als sich wieder einzumischen, auch wenn sie dabei mit ihrer Jugendliebe zusammenarbeiten muss …

Polina Daschkowa

In ewiger Nacht

Kriminalroman

Aus dem Russischen
von Ganna-Maria Braungardt

Ein Abgrund tut sich vor uns auf,

Erfüllt von Angst und Finsternissen,

Und keine Macht kann uns beschützen –

Drum flößt die Nacht uns Grauen ein!

F. I. Tjutschew

Erstes Kapitel

»Sie wären gern ein kleines Mädchen, Sie möchten, dass jemand Ihnen über den Kopf streicht, die Decke zurechtzupft und Ihnen ein Märchen vorliest, ein schön gruseliges. Mochten Sie als Kind Gruselmärchen? Erinnern Sie sich an die Geschichten vom roten Klavier im Pionierferienlager, nachts im dunklen Schlafraum? Aus dem Klavier kam eine Totenhand und erwürgte erst den Großvater, dann die Großmutter, dann die Mutter und den Vater. Und zum Schluss die Tochter. Ihnen stockte das Herz in Erwartung der eiskalten Hand, die nach der Kehle griff. Lange Finger, geschmeidig wie Würmer. He, Frau Doktor, warum sagen Sie nichts?«

Doktor Olga Filippowa ging durch eine menschenleere dunkle Gasse, und in ihrem Kopf klang der heisere Bariton nach. Sie redete sich ein, dass sie sich dieses Gespräch mit einem Patienten absichtlich in Erinnerung rief. Er war nur ein Patient, mehr nicht. Einer von Hunderten Unglücklichen, die sie in den letzten fünfzehn Jahren behandelt hatte.

»Die Psychiatrie kann nicht heilen, das wissen Sie doch. Sie kann höchstens aus einem Menschen ein Tier machen und aus dem Tier eine Pflanze. Sie müssen mich nicht mit giftigen Psychopharmaka abfüllen. Ich werde nicht toben, Pionierehrenwort. Übrigens – Sie waren doch bestimmt auch Pionier, oder? Haben jeden Morgen das Halstuch gebügelt, Sie erinnern sich noch an den Geruch des heißen nassen Stoffs, der unterm Bügeleisen zischt, und an die nervtötende Stimme im Radio: ›Guten Morgen, Kinder! Hier ist euer Pionierfunk!‹«

Olga schlug die Kapuze ihrer Pelzjacke hoch und verbarg ihr Gesicht im hohen Kragen ihres Pullovers. Noch vor ein paar Tagen war die Sonne warm gewesen, morgens hatten die Vögel gesungen, die Knospen waren prall, und man hatte glauben können, dass der Winter nun endlich vorbei sei. Statt der ewigen Winterjacke ein leichter heller Mantel, statt des dicken Schals ein Seidentuch. Doch dann war ein Gewitter gekommen, und eine schwarze Wolke hatte eiskalte Hagelkörner über der Stadt ausgeschüttet. Am Abend hatte es aufgeklart und Frost gegeben. Zurück in die schwere Jacke und den Pullover.

Aprilfröste haben etwas von Verrat. Zumindest empfand Olga es so. Vorgestern hatte sie ihren alten Shiguli in die Werkstatt gebracht, und nun musste sie zu Fuß von der Metro nach Hause laufen, denn die hundertfünfzig Rubel für ein Taxi konnte sie sich nicht leisten.

Der Wind blies ihr die Kapuze vom Kopf, sie musste sie festhalten. Sie war ohne Mütze und Handschuhe aus dem Haus gegangen, ihre Hände waren eiskalt, die Finger ganz steif.

Ringsum war keine Menschenseele. Mitten in Moskau, kurz nach Mitternacht. Der arktische Zyklon hatte alle nach Hause getrieben, selbst die Obdachlosen, die Hundebesitzer und die jungen Leute, die sonst den Boulevard bevölkerten. Olga lief schneller, sie rannte fast. Die hohen Absätze ihrer Stiefel klapperten hell auf dem sauberen Asphalt. Eis und Matsch waren von den warmen Märzregen schon weggewaschen worden, darum hatte Olga die neuen weißen Schnürstiefel mit den hohen Absätzen und den modischen runden Kappen angezogen.

»Sind Sie als Kind Schlittschuh gelaufen? Ihre Stiefel sehen danach aus. Konnten Sie eine Waage? Und eine Schwalbe? Wie hoch konnten Sie das Bein schwingen? Ach, wissen Sie, zu weißen Schuhen gehört eigentlich eine weiße Tasche. Und möglichst helle Strumpfhosen. Zwei Töne heller als die, die Sie jetzt tragen, und fast durchsichtig. Sie haben übrigens schöne Beine. Hat Ihnen das schon mal jemand gesagt? Sie sollten kurze Röcke tragen. Sie meinen, dafür seien Sie zu alt? Sie irren sich. Sie sehen viel jünger aus und gar nicht wie eine Frau Doktor. Soll ich Ihnen sagen, wie Sie aussehen?«

Olga bog in einen Hof ein. Sie sollte lieber nicht den Weg an den Abrisshäusern vorbei nehmen, doch er war nun mal um hundert Meter kürzer. Der erste eigene Gedanke, der durch den Strom des fremden Monologs drang, war der an ein heißes Bad.

Die Badewanne war der einzige Ort, wo Olga allein sein konnte. Ihre Familie, sie, ihr Mann und zwei Kinder, hauste in einer engen Zweizimmerwohnung. Die Kinder gingen spät schlafen, ihr Mann noch später. Sie standen alle früh auf, trotzdem war der Tag immer zu kurz. Wenn Olga von der Arbeit kam, stürmten alle mit dringenden Anliegen auf sie ein.

Ihr Mann Alexander, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Handschriftenabteilung eines Forschungsinstituts für die Kunst des Altertums, schilderte seiner Frau allabendlich ausführlich seinen Tag. Das hatte sich auch auf die Kinder vererbt, die zwölfjährigen Zwillinge Andrej und Katja. Die beiden redeten meist gleichzeitig. Sie gingen in dieselbe Klasse und reagierten auf ein und dieselben Ereignisse ganz entgegengesetzt. Was Katja schrecklich fand, reizte Andrej zu schallendem Gelächter.

»Sie sehen aus wie ein kleines Mädchen, das sich Lidschatten angemalt hat und ein strenges Gesicht macht, damit man sie in einen Erwachsenenladen reinlässt. In einen Sexshop. Oder in einen Nachtklub mit Männerstriptease. Aber Sie sind eine ehrbare Mutter und Ehefrau. So etwas würden Sie sich nie erlauben. Geben Sie zu, Sie haben ihre Ehrbarkeit schon lange satt. Dieser Gedanke beschämt Sie und macht Ihnen Angst. Sie fürchten sich vor sich selbst. Übrigens leiden Ärzte laut Statistik am häufigsten unter den Krankheiten, die sie selbst zu heilen versuchen. Onkologen haben Krebs, Psychiater werden verrückt. Woran mögen wohl männliche Gynäkologen leiden? Oh, ich weiß! Sie werden entweder impotent oder sexuelle Psychopathen. Wobei das eine das andere nicht ausschließt.«

Olga erinnerte sich plötzlich genau, dass sie an dieser Stelle dachte: Unter der Gürtellinie. Sie war sich fast sicher gewesen, dass sein Monolog früher oder später in diese Richtung abgleiten würde – Gynäkologie, Impotenz, sexuelle Psychopathen. Sie wusste noch nichts über diesen neuen Patienten, argwöhnte aber bereits nach den ersten zehn Minuten Gespräch, dass er nicht der war, für den er sich ausgab. Er litt keineswegs unter Amnesie, und die reaktive Psychose, mit der man ihn in die Klinik eingeliefert hatte, war gekonnt simuliert.

»Ich weiß absolut nichts über mich, die Fragen können Sie sich sparen«, erklärte er. »Auf mich stürmen eine Menge Gedanken ein, aber die haben nichts mit mir zu tun. Ich denke an Sie, Frau Doktor. Darüber kann ich mit Ihnen reden, wenn Sie wollen.«

Im Durchgangshof brannte keine einzige Lampe. Im schmalen Torbogen des alten Hauses war ein einziges Fenster. Durch dicke Schmutzschichten drang Licht, so schwach, dass der Schein nicht einmal bis zur gegenüberliegenden Wand reichte. Olga wusste, dass hinter diesem Fenster ein kleines Zimmer lag, das nichts enthielt als stinkende Matratzen und einen zerschrammten Hocker. Auf dem Boden lagen Lumpen und Zeitungspapier herum. Auf den Matratzen schliefen unter Lumpen zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Der Junge mochte etwa vier sein, das Mädchen höchstens zwei. Sie hatten eine Mutter, die Väter wechselten jeden Monat.

Letztes Jahr, im Frühherbst, war Olga ebenso wie jetzt nach Mitternacht auf dem Heimweg von der Arbeit gewesen, als sie im Torbogen von einer Kinderstimme angesprochen wurde.

»Tante, bring uns bitte nach Hause.«

Sie hatte die beiden, die auf dem nackten Asphalt an der Wand saßen, nicht gleich erkennen können und darum ihr Feuerzeug aus der Tasche geholt und angezündet.

»Auf der Treppe ist es dunkel, wir haben Angst.«

Gesprochen hatte der Junge. Das Mädchen war so klein, dass Olga fast staunte, dass es schon allein laufen konnte.

»Mama ist da drüben auf dem Hof mit den Onkeln, sie sind alle betrunken, aber wir wollen schlafen«, erklärte der Junge. »Wir wohnen hier, im dritten Stock.«

»Wie alt bist du?«, fragte Olga.

»Dreieinhalb. Ich heiße Petja. Und das ist Ljuda. Sie ist ein Jahr und vier Monate.«

»Soll ich euch nicht lieber zu eurer Mama bringen?«

Hinter dem Torbogen, in einem Winkel des schmutzigen Hofs, tönten betrunkene Stimmen und lautes Gelächter.

»Nein. Wir wollen schlafen.«

Der Junge umklammerte ihre Hand.

Zum ersten Mal betrat Olga den Hauseingang, den alle anständigen Mieter der umliegenden Häuser mieden. Gestank, Dunkelheit und Kälte. Das Gas in ihrem Feuerzeug ging zu Ende. Die Flamme zitterte und flackerte und taugte nicht zum Leuchten.

»Hier ist eine Stufe kaputt«, warnte Petja.

Olga hätte nicht sagen können, wer wen in die dritte Etage brachte.

»Wir sind da, Tante. Mach du Licht an, ich komme nicht an den Schalter.«

Olga warf einen Blick in die Küche: Fetzen von dreckstarrendem Wachstuch, verkrustete Schmutzschichten. Ein riesiger Plastiksack voller leerer Flaschen. Das Zimmer sah nicht viel besser aus. Ein roter Spielzeuglaster aus Plastik war der einzige normale Gegenstand in dieser Müllgrube.

Sie war gegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen, war die Treppe hinuntergerannt, beinahe ohne die maroden Stufen zu berühren.

Ob das Haus wohl noch beheizt wird? Wie haben sie hier bloß den Winter überlebt?, dachte Olga mit einem Blick auf das einsame Fenster. Für einen Moment glaubte sie dort hinter der trüben Scheibe einen dunklen Schatten zu sehen. Sie spürte sogar einen Blick. Vielleicht schaute eins der Kinder aus dem Fenster?

Olga passierte im Laufschritt den Torbogen, schlüpfte in ihren vertrauten warmen Hauseingang und befahl sich: Vergessen! Vor allem den geschwätzigen neuen Patienten ohne Namen und Alter. Auch die Katze Dussja, den Liebling der Station. Sie war am Abend verschwunden, nicht zum Fressen erschienen und reagierte auf kein Rufen. Die Kinder vergessen, die leben, wo eigentlich kein Mensch leben kann, und ihre Mutter, die drogensüchtige Prostituierte, die erst achtzehn Jahre alt war.

»Sie sind zu sensibel für Ihren Beruf, Olga. In Ihrem Sprechzimmer lebt eine Katze. Dussja, hab ich gehört. Sie ist weiß und lieb. Wenn ihr was passieren sollte, werden Sie weinen. Oh, ich kann mir gut vorstellen, wie Sie weinen. Wie ein Kind, untröstlich und rührend. Die meisten Männer mögen es nicht, wenn Frauen weinen, aber ich schon. Mich macht das unheimlich an.«

Zu Hause angekommen, stellte Olga erleichtert fest, dass ihre Familie bereits schlief. Die Kinder in ihrem durch Bücherregale zweigeteilten Zimmer – Andrej war im Sitzen auf dem Fußboden eingeschlafen, zwischen Tisch und Bett, in seinen zerschlissenen Hausjeans, mit Kopfhörern, aus denen hektischer Rap klang; Katja hatte sich immerhin die Mühe gemacht, einen Pyjama anzuziehen und sich ins Bett zu legen.

Olga weckte niemanden, schaltete Fernseher und Stereoanlage aus, entledigte sich der Jacke und der Stiefel, griff nach dem Telefon, ging barfuß auf Zehenspitzen ins Bad, schloss die Tür hinter sich und rief in der Klinik an.

»Hat Dussja sich wieder angefunden?«

»Nein. Wer weiß, wo die sich rumtreibt«, antwortete die diensthabende Schwester Galja nach einem langen Gähnen. »Es ist Frühling, sie streunt durch die Gegend. Ist nun mal eine Katze.«

»Und was macht der Neue?«

»Alles in Ordnung. Er schläft.«

»Sieh bitte mal nach. Ich bleibe am Apparat.«

»Wozu denn? Ob er vielleicht abgehauen ist?«

Stimmt, ist ja Unsinn, tadelte sich Olga. Wo soll er hin?

Galja ging trotzdem nachsehen. Olga hörte, wie sie den Telefonhörer auf den Tisch legte und in Pantoffeln über das abgewetzte Linoleum schlurfte. Einen Moment lang fühlte sich Olga unbehaglich, ganz allein mit der lebendigen Stille im Hörer. Sie saß auf dem Wannenrand. Aus dem Hahn tropfte es träge.

Olga schloss die Augen, um ihr Gesicht nicht im Spiegel zu sehen. In dem hellen Licht wirkte es grau und alt. Sofort erschien im regenbogenfarbenen Schimmern unter ihren Lidern das Gesicht des Unbekannten. Ein Mann zwischen fünfunddreißig und vierzig. 1,80 groß, 73 Kilo schwer, der Kopf kahlgeschoren. Kleine braune Augen, rundes Gesicht. Gerade, platte Nase. Volle, glänzende, leuchtend rote Lippen, wie geschminkt. Rosa Pusteln unterm Kinn, eine Hautreizung vom Rasieren. Keine besonderen Kennzeichen zur Identifizierung.

»Nehmen Sie einfach an, dass Sie einen Toten vor sich haben. Eine Person ohne Papiere, ohne Namen, ohne Gedächtnis – das ist doch ein Toter, stimmt’s? Sie werden mich reanimieren müssen, Olga. Ist zwar nicht ganz Ihr Metier, aber was tun?«

Nach einer Ewigkeit kam die Nachtschwester wieder ans Telefon.

»Wie ich gesagt habe, er schläft, der verdammte Karussellfahrer. Ihnen auch eine gute Nacht.«

Am Vortag hatte der Nachtwächter des Kulturparks am frühen Morgen in einer Riesenradkabine einen Mann entdeckt. Die Kabine schwebte ganz oben. Der Strom war abgeschaltet und der Mann vergessen worden. Er hatte die ganze Nacht dort verbracht. Am Morgen, als das Riesenrad wieder eingeschaltet und die Kabine mit dem Unglücklichen heruntergeholt wurde, wollte er nicht aussteigen. Auf Fragen reagierte er nicht. Er klammerte sich an die stählernen Kabinengriffe und starrte ausdruckslos vor sich hin.

Die vorläufige Diagnose des Notarztes lautete: psychogene Starre. Plus Unterkühlung. Der Mann war für die Aprilfröste viel zu leicht gekleidet: T-Shirt, Flanellhemd und dünn gefütterte Jeansjacke. Seine Taschen enthielten lediglich zweihundert Rubel und etwas Kleingeld, eine halbleere Schachtel Marlborogh light und ein billiges Wegwerffeuerzeug. Auf der Station bekam er den Namen »Karussellfahrer« verpasst – schließlich musste man ihn ja irgendwie nennen.

Er redete erst am Abend, bei Doktor Olga Filippowa.

Boris Rodezki öffnete die Augen und sah einen schwarzen Busch, der von Autoscheinwerfern angeleuchtet wurde und sich bewegte. Der Park war menschenleer. Rodezki saß auf einer eiskalten Bank und war so durchgefroren, dass seine Zähne klapperten. Er hatte nicht die Kraft, aufzustehen und nach Hause zu gehen.

Ganz in der Nähe tönte Musik, mal lauter, mal leiser, als spiele jemand am Lautstärkeregler. Hinter dem Park, auf der anderen Straßenseite, lag ein bunt beleuchtetes Kasino. Rodezki wusste, dass dort an der Fassade ein Clown mit Zylinderhut mit einem Kartenspiel jonglierte.

Das Kasino war vor drei Jahren eröffnet worden; in dem Gebäude hatte sich früher ein Dienstleistungszentrum befunden, im Erdgeschoss Wäscherei und chemische Reinigung, im ersten Stock Schneiderei, Kunststopferei und Fotoatelier.

Eines Abends war an der renovierten Fassade der Clown mit den Spielkarten aufgeleuchtet. Rodezki war gerade auf dem Heimweg aus der Klinik, in der seine Frau im Sterben lag. Der Clown tauchte unvermittelt aus der Dunkelheit auf und hing in der Luft, unter der halbrunden Leuchtschrift: Kasino. Er warf Karten in die Luft, zwinkerte und lachte.

An jenem Abend war Rodezki zum ersten Mal bewusst geworden, dass sich kein Wunder ereignen würde. Nadja verließ ihn. Nicht einmal in Gedanken konnte er sagen: Sie stirbt. Er saß am Steuer seines alten Shiguli und weinte. Der elektrische Clown schaute auf ihn herab und lachte.

Inzwischen waren drei Jahre vergangen. Irgendwie lebte Rodezki trotzdem weiter, ohne Nadja. Er wusste, dass sie sich bald wiedersehen würden. Rodezki hatte keine Angst mehr vorm Tod. Sterben hieß für ihn nur, zu Nadja gehen.

Doch nun erfuhr er, dass es Schlimmeres gab als den Tod. Trauer und Scham. Dinge, mit denen man nicht fortgehen konnte.

»Hast du vergessen, dass keine gute Tat ungestraft bleibt?«

Rodezki redete mit sich selbst. Er kniff die Augen zusammen, hielt sich die Hände vors Gesicht und hauchte in die eiskalten Handflächen. Wenn er hier nur noch ein paar Minuten sitzenblieb, würde er nie mehr aufstehen können.

Die Musik verstummte. Einige Sekunden lang herrschte eine seltsame Stille, erfüllt vom Rascheln und Flüstern der kahlen Zweige. Rodezki war nun nicht mehr allein im Park. Jemand kam die Allee entlang. Weiche Schritte näherten sich. Den alten Lehrer erfassten Angst und ein Zittern. Er wagte nicht, den Kopf zu drehen, um zu sehen, wer da kam. Plötzlich fragte eine Stimme neben ihm: »Ist Ihnen nicht gut?«

Vor ihm stand eine Frau in seinem Alter. Strickmütze, Jacke, Jeans und eine große Einkaufstasche über der Schulter.

»Hören Sie mich?« Die Frau tippte ihn an.

»Haben Sie vielleicht Nitroglyzerin dabei?«, fragte er mühsam, mit trockenen Lippen. Er sprach undeutlich, es klang wie »Niglin«, aber die Frau verstand.

»Das Herz, ja? Augenblick. Ich hab was dabei. Das nehme ich immer mit, für alle Fälle. Soll ich vielleicht den Notarzt rufen? Ich habe ein Handy.«

»Nicht nötig, danke.« Er schob sich zwei Tabletten in den Mund und nahm nicht einmal den widerlichen bittersüßen Geschmack wahr. Der Schmerz im Herzen betäubte alle anderen Empfindungen.

»Soll ich Sie begleiten?«

»Nein, danke. Gehen Sie nach Hause. Es ist schon spät. Und kalt.«

Das Sprechen fiel ihm schwer, er keuchte heftig. Die Frau ging nicht, sondern setzte sich neben ihn auf die Bank.

»Ist etwas passiert?«

Sie hatte eine so warme, sanfte Stimme und so mitfühlende Augen, dass Rodezki ihr am liebsten alles erzählt hätte. Er konnte sich sonst niemandem mitteilen. Aber er würde es nicht so erklären können, dass sie verstand.

»Ein Herzanfall, aber es wird schon besser. Danke. Es ist alles in Ordnung.«

Sie half ihm aufstehen. Er erklärte, wo er wohnte. Es war nicht weit. Unterwegs erzählte ihm die Frau von ihren beiden Söhnen, den Schwiegertöchtern, den Enkeln und von ihrem Mann, der im Alter mit dem Trinken angefangen hatte, der alte Esel.

Na also, es gibt noch etwas Normales, Lebendiges, dachte Rodezki, mühsam laufend und gegen die Atemnot ankämpfend. Sie hilft mir ganz uneigennützig, aus Herzensgüte. Es gibt viele gute Menschen. Es scheint nur so, als sei die ganze Welt vertiert. Sobald man einmal mit etwas wirklich Bösem konfrontiert wird, glaubt man gleich, dass es nichts anderes mehr gebe. Vielleicht sollte ich ihr alles erzählen?

Aber er wusste: Er würde niemandem je erzählen, was ihm widerfahren war, warum er am späten Abend auf einer Bank im kalten, menschenleeren Park gesessen und so heftige Herzschmerzen bekommen hatte. Nicht einmal mit Nadja, wenn sie noch am Leben wäre, hätte er dieses Geheimnis teilen können. Dabei hatte er ihr immer alles erzählt.

»Ist jemand bei Ihnen zu Hause?«, fragte die Frau vor seiner Haustür.

»Ja, natürlich«, schwindelte er. »Ich danke Ihnen.«

»Gern geschehen.« Sie nickte und lächelte.

Im stillen Hof ertönte plötzlich Glockengeläut. Die Frau seufzte und zog ein Telefon aus der Handtasche.

»Ich komme schon, bin gleich da, schrei nicht so! Du bist doch kein kleines Kind! Kannst du es dir nicht selber warmmachen? Steht alles im Kühlschrank, tu’s in eine Pfanne und stell’s auf den Herd.«

Sie nickte Rodezki noch einmal zu und ging rasch davon, noch immer ins Telefon sprechend. Er bedauerte, dass er sie nicht nach ihrem Namen gefragt hatte.

Zweites Kapitel

Der Zeuge Oleg Krasnoschtschokow war erstaunlich ruhig. Kaum zu glauben, dass er wirklich vor einer halben Stunde im Wald auf eine Leiche gestoßen war. Er hatte sie nicht nur gesehen, er war im Dunkeln ausgerutscht und direkt daraufgefallen. Er hatte etwas Kaltes, Glitschiges unter der Hand gespürt, es mit dem Feuerzeug angeleuchtet und da erst entdeckt, dass es ein totes Mädchen war.

Während er seine Aussage machte, zitterten ihm nur ein wenig die Hände.

»Ich hab gehalten, weil ich pinkeln musste. Na, und Kusja ist auch mit raus. Er ist eigentlich sehr folgsam und ruhig, aber plötzlich rastete er total aus. Er rannte los in den Wald, bellte und heulte. Ich rief ihn, aber er kam nicht zurück. Ich hörte ihn ganz in der Nähe wie verrückt bellen. Gut, dass ich eine Taschenlampe im Auto habe. Ich bin also Kusja nach, durch den ganzen Dreck und Schneematsch. Dabei bin ich ausgerutscht und direkt auf sie draufgefallen, stellen Sie sich das vor! Ein Wunder, dass ich keinen Herzschlag gekriegt hab. Aber mein Kusja, der Dummkopf, hat gar nicht sie gewittert, er hat bloß einer Krähe nachgebellt. Alberner Jagdinstinkt!«

Er sprach leise und langsam. Seine Freundin dagegen war vollkommen hysterisch. Als die Einsatzgruppe ankam, hatte sie geschrien und geheult und später im Notarztwagen leise vor sich hin gejammert: »O Gott, o Gott, o Gott!«

Sie hatte eine Beruhigungsspritze bekommen.

»Nein, ich habe nichts angefasst, ich hab natürlich gleich die 02 angerufen. Aber ich bin im Dunkeln auf sie draufgefallen. Vielleicht hab ich dabei irgendwelche Spuren verwischt.« Der Zeuge zündete sich erneut eine Zigarette an. »Verdammt, sie war noch ganz jung, ein Kind, höchstens zwölf! Sie wird mir für den Rest meines Lebens im Traum erscheinen.«

In den siebzehn Jahren bei der Kriminalmiliz war Dmitri Solowjow bisher nur viermal mit Kinderleichen konfrontiert gewesen. Dies war die fünfte. Der Fundort war ein Waldrand an der Pjatnizkoje-Chaussee, zwanzig Kilometer entfernt vom Moskauer Stadtring. Die Tote war ein Mädchen, zwölf bis vierzehn Jahre alt. Sie hatte langes dunkles Haar. Der Körper war nackt. Ihre Kleider – Jeans, Stiefel, Pullover und Jacke – waren im Umkreis von zwei Metern um den Fundort verstreut. Mutmaßliche Todesursache: mechanische Asphyxie durch Erwürgen. Bei der ersten Untersuchung wurden außer den Würgemalen am Hals keinerlei Anzeichen für sonstige Verletzungen festgestellt.

»Aber ich glaube, die Position war irgendwie anders. Ich glaube, sie hat gesessen, an einen Baumstamm gelehnt. Sie ist umgekippt, als ich auf sie drauffiel. Ein Wunder, dass ich keinen Herzschlag gekriegt hab. Da war was Kaltes, Glitschiges unter meinen Händen, und es hat sich irgendwie bewegt, stellen Sie sich das vor! Und dann dieser Geruch, so komisch süß. Wie Bonbons oder Kaugummi, in der Art.« Der junge Mann verzog das Gesicht und betrachtete seine Hände.

»Öl«, sagte seine Freundin. »Körperöl. Deine Hände riechen immer noch danach, und auf deinem Pullover sind Fettflecke.«

Die junge Frau war unbemerkt herangetreten und stand nun neben ihm. Sie hatte sich fast beruhigt, sie zitterte nur vor Kälte.

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Solowjow.

»Dazu braucht man nicht viel Grips.« Das Mädchen zündete sich eine Zigarette an. »Liegt doch auf der Hand. Psychopath ist Psychopath. Die denken sich doch immer irgendwas Originelles aus. Für die ist Mord eine Art Performance. Ein schöpferischer Akt. Ein Kunstwerk, verdammt. Wieso – haben Sie eine andere Theorie?«

Solowjow zuckte wortlos die Achseln, sprang über den Straßengraben und tauchte unter dem Absperrband hindurch. Die Zeugen blieben am Straßenrand stehen.

»Den kriegen Sie sowieso nie. Übrigens ist gerade Vollmond. Da werden Psychopathen besonders aktiv.«

»Woher weißt du denn das?«

»Ich lese eben schlaue Bücher.«

Solowjow schaute sich um. Die Zeugen standen Arm in Arm da und beobachteten, wie die blasse, vollkommen runde Mondscheibe hinter den Wolken hervorglitt.

»Hier sind überall Büsche und Zweige abgeknickt«, sagte der Spurensicherer leise. »Wie von einem Orkan.«

Der Strahl einer Taschenlampe bewegte sich langsam im Kreis.

»Bei dieser Dunkelheit hat das keinen Sinn«, sagte Oberleutnant Anton Gorbunow. »Wir müssen warten, bis es hell wird.«

Solowjow schwieg. Der Lichtstrahl fiel auf den dünnen Stamm einer jungen Birke. Der Baum stand schräg, als hätte in der Tat ein Orkan daran gerüttelt und ihn entwurzeln wollen. Solowjow kehrte zu dem Leichnam zurück.

Ein süßer Geruch schlug ihm entgegen. Stimmt, wie Bonbons oder Kaugummi. Der Täter musste eine ganze Flasche Öl ausgekippt haben. Die leere Plastikflasche lag gleich daneben. Auf dem Etikett prangte ein lächelndes Kind, in ein rosa Handtuch gehüllt. »Babydream«. Pflegeöl nach dem Baden. Fünfhundert Milliliter. Das gab es in jeder Apotheke. Solowjow registrierte, dass der Deckel wieder ordentlich aufgeschraubt worden war. Die Fingerabdrücke waren vermutlich abgewischt worden. Ein ordnungsliebender Mörder.

Der Lichtstrahl glitt über eine Hand mit grell lackierten kurzen Fingernägeln.

»Sie ging noch zur Schule«, murmelte Solowjow, »war bestimmt eine gute Schülerin.«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte der Kriminaltechniker.

»Die charakteristische Verdickung am obersten Glied des Mittelfingers. Typisch für jemanden, der viel mit der Hand schreibt.«

Da haben wir schon den ersten Unterschied, dachte Solowjow. Die anderen Kinder hatten glatte Finger, ohne Schwielen. Sie haben nicht viel geschrieben. Sie gingen nicht zur Schule, sonst hätte sie irgendwer identifiziert.

»Ach, was haben wir denn hier?« Solowjow bog vorsichtig ein Büschel vertrocknetes vorjähriges Gras beiseite.

»O mein Gott«, stöhnte der Kriminaltechniker und hob mit einer Pinzette einen hellblauen Babynuckel auf.

Einen Augenblick schwiegen alle. In der eintretenden Stille schien es irgendwie besonders kalt. Die Hände in den Gummihandschuhen waren steif vor Kälte. Solowjow meinte einen einsamen Vogel zwitschern zu hören. Aber es konnte keine Vögel geben hier in diesem Wald, Anfang April, bei Frost, höchstens Krähen. Doch das Zwitschern hörte nicht auf. Solowjow ging dem Geräusch nach und leuchtete mit der Taschenlampe jeden Zentimeter ab.

Es war ein Mobiltelefon. Es lag unter einem Baum, grellrosa, mit einem kleinen goldenen Schuh als Anhänger.

Solowjow hob es vorsichtig auf und drückte auf Annahme.

»Hallo! Shenja! Wo steckst du? Hallo! Melde dich doch! Shenja, mein Kind …«

Die heisere Frauenstimme traf Solowjows Ohr wie ein Trommelfeuer. Das Telefon piepste und verstummte. Der Akku war alle.

Der Wanderer war aus dem Reich des Lichts, wo alles klar war, zurückgekehrt in die Realität, in die ewige Nacht, wo nichts verständlich war. Er hatte seine heilige Mission erfüllt. Einen Engel gerettet.

Er erinnerte sich nur vage daran, wie er durch die nächtliche Stadt geirrt und wieder zu seinem Auto gelangt war. Er schaute sich um, als sähe er das alles zum ersten Mal. Nacht. Mitten in Moskau. Der Fluss. Eine Brücke. Dunkle Häuserblocks. Der ölige Lichtschimmer der Straßenlaternen, rote, blaue und gelbe Neonreklame.

Öde und beängstigend war diese Stadt voller Leben, voller Menschenleiber – unter der Erde, über der Erde, in den Tiefen der Metro und in den obersten Etagen der Hochhäuser. Drogen, Prostitution, dumpfer Existenzkampf, geschäftige Befriedigung schmutziger Lüste. Ein Triumph des Bösen, auf Millionen Fernsehbildschirme, Computermonitore und Zeitungsseiten gebannt.

Das Ende der Welt war bereits da, aber niemand hatte es bemerkt, weil niemand es bemerken konnte. Die Welt war voller Hominiden, Mutanten, Dämonen in Menschengestalt. Im Grunde waren sie alle Tiere, Affen. Sahen aber aus wie Menschen. Doch der Mensch hatte eine Seele, der Affe dagegen nicht. Ein Hominide war ein fleischfressendes Scheusal, hinterlistig, aggressiv, für ein Stück Fleisch zu allem bereit. Aber sie begnügten sich nicht mit Fleisch allein, nein, das reichte ihnen nicht. Wie jede Ausgeburt der Hölle fraßen sie Seelen.

Der Mythos von der tierischen Abstammung des Menschen hat mit den Hominiden zu tun. Sie und der Homo sapiens haben ganz verschiedene Wurzeln. Die menschenähnlichen Wesen sind Geschöpfe des Teufels. Sie entstanden zur gleichen Zeit wie die Menschen, als teuflische Alternative zum vernunftbegabten, geistigen Menschen.

Der kräftige große Mann in der dunklen Jacke stand auf der Krimbrücke, beugte sich über das Geländer und sah seiner Zigarettenasche nach. Das Wasser war genauso grau und trübe wie die Asche. Nach einer langen Tauwetterperiode herrschte nun erneut Frost, doch der Fluss war ohne Eiskruste.

Die Zigarette war bis zum Filter heruntergebrannt. Er warf die Kippe in den Fluss, beugte sich noch tiefer hinunter und beobachtete, wie das Glutfünkchen in der schwarzen Tiefe langsam erlosch. Der gierige schwarze Abgrund schaute direkt in seine Seele und flüsterte: He, was hast du denn? Hab keine Angst!

»Ich war halbnackt, ja, schließlich muss ich die Klamotten ja anprobieren. Und da zieht der Typ den Vorhang auf, starrt mich an und meint: Oh, pardon, ich dachte, hier wäre frei. Eine glatte Lüge! Ich weiß Bescheid, der macht das mit Absicht! Immer, wenn ein Mädchen in eine Kabine geht, zieht der Kerl den Vorhang auf, von wegen: Oh, pardon! Verschafft sich ne kostenlose Peepshow, der Arsch!«

Die Stimme klang so nahe, so durchdringend, dass der Wanderer beinahe von der Brücke gestürzt wäre.

»Ach, Scheiße, meine Kippen sind alle!«

»He, Sie, haben Sie mal ne Zigarette?«

Zwei etwa vierzehnjährige Mädchen sahen den Wanderer an und klapperten mit den dick geschminkten Lidern. Im Licht der Straßenlaterne funkelten Piercingringe, bei der einen in der Augenbraue, bei der anderen in der Nase. Die glänzenden, geschminkten Lippen der beiden lächelten. Trotz der Kälte trugen die Mädchen enge Miniröcke, die tief unter der Taille saßen, und extrem kurze Jacken, die ihre flachen Bäuche entblößten. Die eine hatte einen Metallstift mit einer glänzenden Kugel im Nabel, die andere ein Tattoo, eine farbige Rose. Beide hatten lange, schlanke Beine, die in Netzstrumpfhosen und Lackstiefeln mit sehr hohen Absätzen steckten.

»He, Sie!« Eines der Mädchen wedelte vor seinen Augen mit der Hand. »Haben Sie vielleicht eine Zigarette? Sind Sie taub, oder was?«

Er konnte nicht antworten. Er sah sie an, ohne zu blinzeln. Sie lachten und gingen weiter.

Durch das heisere Lachen, den Gestank nach Alkohol und billigem Parfüm, durch die Leiber der jungen Hominidinnen hindurch hörte er deutlich leises Weinen. Es waren die Engel, die da weinten, sie waren schon sehr schwach, aber noch am Leben. Er sah sie aus den dick umrandeten Augen dieser beiden unglücklichen, verlorenen Geschöpfe blicken, sie schauten ihn durch die geschminkten Wimpern hindurch an wie durch Gefängnisgitter: Hilf uns, rette uns! Wer, wenn nicht du?

Die Mädchen liefen laut lachend weiter über die Brücke. Ihm wurde heiß. Seine Hände waren schweißnass, sein Mund war trocken. Er folgte den Mädchen, erst langsam, dann immer schneller. Er wusste, dass er das nicht tun sollte, mit zweien würde er nicht fertig werden.

Eines der Mädchen drehte sich um, sah, dass er ihnen folgte, sagte etwas zu ihrer Freundin, und die beiden rannten los. Sie kamen nicht sehr schnell voran, dazu waren ihre Absätze zu hoch und zu schmal. Er hätte sie mühelos einholen können. Aber nur ein Verrückter würde sie hier mitten im Zentrum verfolgen. Der Wanderer aber handelte stets überlegt.

Er blieb stehen, atmete durch und ging dann in die entgegengesetzte Richtung, weil ihm einfiel, dass er dort sein Auto geparkt hatte.

Der unbekannte Patient, der Karussellfahrer, lag mit offenen Augen im Bett. Draußen vorm Fenster schaukelte eine Lampe hin und her. Der Schatten des Fenstergitters kroch langsam über die Decken und die Gesichter der Patienten. Einer murmelte im Schlaf vor sich hin, einer wälzte sich herum, und das Quietschen der panzerharten Matratze hallte im Kopf wider wie das Knirschen von Sand zwischen den Zähnen.

Irgendwo weit weg klingelte ein Telefon. Der Karussellfahrer geriet in Panik. Vielleicht galt der Anruf ihm? Er wusste, dass das unlogisch war, dennoch brach ihm vor Angst der Schweiß aus.

Das Klingeln hörte auf. Endlich hatte jemand abgenommen. Nach einer Weile näherten sich im Flur Schritte. Der Karussellfahrer zog sich sicherheitshalber die Decke über den Kopf, bis auf einen kleinen Spalt, damit er sehen konnte, wer hereinkam.

Ein Schlüssel knirschte im Schloss. Eine Schwester betrat das Zimmer. Die Schwestern hier waren eine wie die andere kräftige Matronen mit schweren Fäusten. Er hielt die Luft an, als sie an sein Bett trat.

Warum kommt sie zu mir? Wieso steht sie hier und sieht mich an?

Die Schwester gähnte herzhaft, reckte sich, murmelte etwas vor sich hin und schlurfte davon. Die Tür wurde wieder geschlossen. Der Karussellfahrer atmete erleichtert auf, und ihm wollten schon die Augen zufallen, als der Alte im Bett neben ihm sich plötzlich aufsetzte und laut rief: »Natascha!«

»Was hast du?«, fragte der Karussellfahrer flüsternd.

»Natascha, meine Frau. War sie gerade hier?«

»Nein. Das war sie nicht.«

»Wer denn?«

»Eine Schwester.«

»Wieso?«

»Woher soll ich das wissen? Schlaf weiter.«

Doch der Alte dachte nicht an Schlaf. Er schaute sich unruhig um, starrte den Karussellfahrer an, zeigte dann mit dem Finger auf die Tür und sagte: »Das Telefon. Das Telefon hat geklingelt. Haben Sie das gehört?«

»Ja. Und?« Der Karussellfahrer drehte sich weg. Er hatte absolut keine Lust, sich mit seinem verrückten Nachbarn zu unterhalten.

»Das war Natascha, ich weiß es.« Der Nachbar berührte seine Schulter. »Das war sie, aber sie haben mich nicht ans Telefon geholt. So ist das immer. Sie ruft an, und sie holen mich nicht und sagen mir nicht Bescheid. Das machen sie mit Absicht. Natürlich, unser Verhältnis wirkt ein bisschen komisch, sie könnte meine Tochter sein. Moment, ich zeige Ihnen ein Foto, dann verstehen Sie, was ich meine.«

Meinetwegen, was soll’s, dachte der Karussellfahrer, ist immerhin eine Ablenkung, ich kann sowieso nicht mehr einschlafen.

Er drehte sich zu seinem Nachbarn um und warf einen flüchtigen Blick auf ein Farbfoto. Der Alte hielt es ihm direkt vor die Nase, gab es ihm aber nicht in die Hand und versteckte es hastig wieder unter seinem Kopfkissen.

»Sehen Sie, wie schön sie ist? Wenn wir zusammen weggehen, dann schauen alle Männer sie an. Ich habe mich mein Leben lang für einen anständigen, vernünftigen und nüchternen Mann gehalten, ich dachte, ich hätte meine Gefühle vollkommen im Griff und mich immer unter Kontrolle. Aber das war wie eine Heimsuchung, wie Hypnose, ich habe meine Familie verlassen und verraten, und nun muss ich dafür büßen. Ich habe es verdient. Was soll ich machen? Ich habe es verdient …«

Die Worte des Alten wurden immer undeutlicher, er fiel mit dem Gesicht aufs Kissen, murmelte weiter, schluchzte, verstummte schließlich und schlief ein.

Die Nacht neigte sich zum Morgen. Im Zimmer war es schwül, es roch nach Chlor und schwarzer Schwermut.

Nein, tröstete sich der Karussellfahrer, das hier ist nicht die Hölle. Das hier ist viel besser. Die Hölle, das war, als sie mir dicht auf den Fersen waren. Die Hölle, das war in der Riesenradgondel, als ich vor Kälte fast krepiert wäre. Hier dagegen kann man’s aushalten. Hier werde ich überleben.

Boris Rodezki liebte seine kleine, saubere Wohnung. Im Wohnzimmer ein runder Tisch mit einer weinroten Tischdecke, ein Sofa und zwei Sessel, alles schon ziemlich zerschlissen, aber sehr bequem. Im Schlafzimmer, das ihm auch als Arbeitszimmer diente, stand ein alter Schreibtisch, der drei Kriege und Tausende korrigierter Schulaufsätze mitgemacht hatte. Das schwere Eichenmöbel mit der ledernen grünen Schreibtischunterlage passte nicht recht zu der schmalbeinigen Liege aus den siebziger Jahren, doch über der Schaumgummimatratze lag ein grüner Überwurf, passend zur Schreibtischunterlage. Grün waren auch die Vorhänge und der Schirm der Schreibtischlampe. Das Licht mit dem hellgrünen Schimmer schuf eine Illusion von ewigem Frühling, von frischem Waldgrün, von Ruhe und Glück.

In beiden Zimmern und im winzigen Flur reichten Bücherregale vom Boden bis zur Decke. Zweimal in der Woche putzte Rodezki gründlich, wischte feucht, saugte und polierte. Er duldete keine Unordnung.

Wo keine Bücherregale standen, hingen Fotos an der Wand. Klassenfotos von 1965 bis 2002. Seine Schüler.

Die ältesten Fotos waren mit Ähren, den Profilen von Lenin, Marx und Engels, den Silhouetten der Kremltürme und Fabrikschloten geschmückt. Unverzichtbar waren Hammer und Sichel, das Staatswappen der UdSSR. In den siebziger Jahren tauchte hin und wieder Breshnew mit seinen buschigen Augenbrauen auf. Je näher die Neunziger rückten, desto seltener wurde die Sowjetsymbolik. Das bärtige kommunistische Dreigespann wich Puschkin, Tolstoi, Gorki und Majakowski. Auf den letzten beiden Fotos prangte statt Gorki Dostojewski, statt Majakowski Pasternak.

Rodezki übernahm alle drei Jahre eine neue Klasse und führte sie von der Achten bis zur Zehnten. In siebenunddreißig Jahren hatte er zwölf Klassen gehabt. Fast viertausend Schüler. Er erinnerte sich an jeden namentlich.

Außer den Schulfotos gab es noch Familienfotos. Mehrere Generationen Rodezki. Die junge Großmutter Maria in der Uniform der barmherzigen Schwester (Kunstfoto von I. I. Rosenblatt, Jekaterinburg 1912), der junge Großvater Stanislaw Rodezki in Offiziersuniform, Fähnrich der Zarenarmee, ein Pole aus dem niederen Adel. Dasselbe Jahr, dieselbe Stadt. Und der Stempel desselben Fotoateliers. Die beiden lernten sich kennen, als sie die Fotos abholten.

Ein erschrocken wirkendes Kleinkind im Spitzenhemd vor einer felsigen Grotte, einer Sperrholzdekoration, fotografiert von Fr. de Maizière, Moskau 1917 – der einjährige Sascha Rodezki, der Vater von Boris.

Auf den übrigen Fotos gab es keine verschnörkelten Fotografenstempel, keine Spitze und keine Sperrholzgrotten. Großvater Stanislaw in Rotarmistenuniform, Großmutter Maria in einer abgewetzten Lederjacke, streng und mit kurzen Haaren. Boris’ Vater als Schüler mit Pionierhalstuch unter einem Stalinbild.

1912 war der katholische Großvater zum orthodoxen Glauben übergetreten, um die aus einer strenggläubigen Kaufmannsfamilie stammende Maria Kusina heiraten zu können. 1919 lief der Großvater als Offizier zur Roten Armee über, um nicht erschossen zu werden.

Rodezki kannte seinen Großvater nur als Invaliden, als zahnlosen, schrecklich dünnen Greis in Wattejacke. Er war 1954 in der Familie aufgetaucht, als Boris elf Jahre alt war. Dem Kind wurde erklärt, der Großvater sei von einer langen Dienstreise aus Sibirien zurückgekehrt. Er habe dort an einem geheimen Rüstungsbetrieb mitgebaut. Aber Boris wusste, dass das keine Dienstreise gewesen war. Großvater hatte im Lager gesessen, von Stalin eingesperrt. Nun war Stalin tot, und Chruschtschow hatte den Großvater rausgelassen.

Großvater Stanislaw rauchte stinkende Papirossy und hustete nachts dumpf. Er hatte Parkinson, sein Kopf zitterte, was aussah, als ob er jemandem zuhörte und dazu nickte.

Die Fotos von Rodezkis Mutter und seiner Frau Nadja steckten zusammen in einem Rahmen. Beide hatten helles, glatt zurückgekämmtes und im Nacken zu einem schweren Knoten gebundenes Haar, gerade, dunkle Augenbrauen und weiche Gesichtszüge. Seine Mutter hatte braune Augen, seine Frau graublaue. Auf den Schwarzweißfotos sah man den Unterschied nicht. Auch den zeitlichen nicht. Seine Mutter war auf dem Foto fünfunddreißig, seine Frau im selben Alter. Sie ähnelten sich wie Schwestern.

Daneben, auch zusammen in einem Rahmen, hingen die Fotos seines Vaters Alexander und seines Sohnes Stanislaw, ebenfalls im selben Alter, beide mit siebenunddreißig. Doch sie sahen sich kein bisschen ähnlich. Sein Vater hatte eine Glatze, eine große, breite Nase und trug eine runde Brille. Sein Sohn hatte dichtes helles Haar, ein längliches, regelmäßiges Gesicht und eine edle schmale Nase.

Von den vier Rodezki am nächsten stehenden Menschen lebte nur noch sein Sohn. Rodezki hatte ihn vor drei Jahren zum letzten Mal gesehen, nach Nadjas Tod. Stanislaw, inzwischen Augenarzt, war aus Amerika angereist, hatte es aber nicht mehr zur Beerdigung seiner Mutter geschafft. Nach einer Woche bei seinem Vater war er zurückgeflogen nach Boston. Dort hatte er eine hochbezahlte Stelle in einer Klinik, seine amerikanische Frau Joy und zwei Kinder, die fünfjährige Sonja und die dreijährige Nadja. Boris Rodezki hatte seine Enkelinnen noch nie gesehen. Das große Farbfoto der beiden blonden Mädchen stand auf einem Ehrenplatz auf dem Schreibtisch.

Stanislaw lud seinen Vater immer wieder ein, nach Boston zu kommen, aber Rodezki zögerte jedesmal, er wollte erst seine jeweilige Klasse zum Abschluss führen.

Die Schule, in der er sein Leben lang unterrichtet hatte, galt als eine der besten Moskauer Spezialschulen. Die Regierung wechselte, die Lehrbücher wurden umgeschrieben, Direktoren kamen und gingen. Boris Rodezki aber unterrichtete nach wie vor russische Sprache und Literatur in den oberen Klassen.

Er fand die Literatur interessanter und verlässlicher als das reale Leben. Mit zusammengekniffenen Augen tauchte er ein in die Texte der russischen Klassiker und fühlte sich in diesem vertrauten Element wie ein Fisch im Wasser. Doch sobald er daraus auftauchte, benahm es ihm den Atem, nicht nur im übertragenen Sinn, sondern ganz direkt. Er bekam Asthmaanfälle.

Die Probleme in der Schule, die schwierigen Schüler, die Intrigen im Lehrerkollektiv, der Tod der Eltern, die Abreise des Sohnes nach Amerika, die Geldreform und die Krisen, das kleine Gehalt – all das berührte ihn nur oberflächlich. Bis die eiserne Hand der Realität zuschlug und ihn zerquetschte wie eine Fliege.

»Boris, ich habe Krebs«, sagte Nadja eines Tages. »Hör mir genau zu und hilf mir, eine Entscheidung zu treffen. Variante eins, die traditionelle: Operation, Chemotherapie, das volle Programm. Das bedeutet im besten Fall anderthalb bis zwei Jahre Leben. Variante zwei: Alles lassen, wie es ist. Dann bin ich in fünf, sechs Monaten tot. Aber es wird ein leichter Tod sein. Die Schmerzen sind mit Medikamenten sehr gut zu behandeln.«

Gemeinsam entschieden sie sich dennoch für Variante eins, und das darauffolgende Jahr wurde ein qualvoller, nutzloser Kampf. Von der Chemotherapie fielen die Haare aus, und jede kleine Schramme brauchte Monate zum Verheilen, schwoll an und eiterte. Dann die Operation, nach der ein künstlicher Darmausgang gelegt wurde. Rodezki konnte bis zum letzten Monat nicht glauben, dass seine Nadja starb, und als es dann geschah, starb er gleichsam mit ihr.

Er arbeitete weiter, ging jeden Tag in die Schule, korrigierte Aufsätze und gab Nachhilfestunden. Einmal stieß er auf zwei vollkommen identische Aufsätze zu »Krieg und Frieden«, recht flüssig geschrieben von zwei sehr schwachen Schülern.

»Die haben sie sich aus dem Internet geholt«, erklärte ihm ein jüngerer Lehrer.

Rodezki hatte von seinem Sohn einen Computer geschenkt bekommen, damit sie per E-Mail Kontakt halten konnten. Das Mailprogramm benutzte er auch, ging aber ansonsten nie ins Internet. Nun wollte er es doch einmal versuchen. Der neue Zeitvertreib gefiel ihm. Im Netz hatte man Zugang zu einer riesigen Informationsmenge, ohne das Zimmer verlassen zu müssen, die Wohnung mit Büchern oder Zeitschriften zuzuschütten oder den Fernseher einzuschalten.

Nun blätterte er sich abends durch Enzyklopädien, wanderte durch die berühmtesten Museen der Welt und durch Städte, die er nie besuchen würde. Er stöberte in Artikeln zu Literaturthemen und Bestsellerlisten. Hin und wieder schaute er in Chatrooms und las, was andere Benutzer schrieben, ohne sich selbst an den Debatten zu beteiligen.

Beim Surfen stieß er häufig auf Schmutz. Im Internet trieben sich viele Verrückte herum: Vampire, Hexen, schwarze und weiße Magier, Satanisten, Faschisten und Perverse aller Art. Vor allem gab es jede Menge Pornographie. Rodezki umging diese Dinge rasch und vorsichtig, wie schmutzige Pfützen, bemüht, nicht hineinzugeraten.

Doch eines Tages geschah es trotzdem.

In einem durchaus seriösen Chat mit klugen Diskussionen über Literatur. Einer der Teilnehmer behauptete, ein gewisser Mark Moloch sei ein Genie, ein neuer Nabokov. Das interessierte Rodezki. Er verließ den Chatroom und gab »Mark Moloch« in die Suchmaschine ein.

Der »neue Nabokov« entpuppte sich als einer der üblichen Pornographen. Doch beim flüchtigen Überfliegen seiner Texte stellte Boris immerhin fest, dass Mark Moloch eine recht flotte Schreibe hatte und nicht ohne literarisches Talent war. Als der alte Lehrer die Seite verlassen wollte, drückte er versehentlich auf einen falschen Button, und auf dem Bildschirm erschien eine Szene aus einem Pornofilm. Die Darsteller waren Kinder. Zwei Mädchen und zwei Jungen zwischen zehn und vierzehn Jahren.

Was ist denn das? Wie ist das möglich? Für so etwas muss es doch eine Zensur geben! Das ist ja kriminell! Noch dazu so offen, so ungeniert!

Boris bekam einen schweren Asthmaanfall. Er lief ins Bad, um sein Spray zu holen. Als er an den Computer zurückkehrte, war der Pornofilm ins Detail gegangen, die Kinder waren nackt und produzierten sich in verschiedenen Posen. Bloß weg damit, raus und vergessen! Sonst würde er noch verrückt. Boris griff nach der Maus und erstarrte – auf dem Bildschirm erkannte er eine Schülerin, die Achtklässlerin Shenja Katschalowa.

Drittes Kapitel

Olga Filippowa wurde einfach nicht wach. Der Wecker hatte geklingelt, sie hatte ihn auf Wiederholung gestellt und sich die Decke über den Kopf gezogen. Nach fünf Minuten klingelte er erneut. Olga setzte sich auf, und ihr Blick fiel sogleich auf den Spiegel auf der alten Frisierkommode im Schlafzimmer. Es war der freundlichste Spiegel in der Wohnung, doch heute schmeichelte auch er ihr nicht.

»Was verlangst du?«, fragte der Spiegel kalt. »Du bist einundvierzig, du bekommst nie genug Schlaf, deine Schläfen werden langsam grau. Wenn dir das nicht gefällt, färb dir die Haare. Rauch nicht so viel, reg dich weniger auf, verbring mehr Zeit an der frischen Luft, arbeite nicht mehr an Wochenenden, quäl dich nicht mit Dingen, an denen du nicht schuld bist, und auch nicht mit denen, an denen du schuld bist, denn deine Selbstvorwürfe nützen keinem etwas.«

In der Wohnung herrschte schrecklicher Lärm. In der Küche dröhnte der Fernseher, aus dem Kinderzimmer drang Rock ’n’ Roll. Katja sang den Presley-Titel mit und machte dazu ihre Gymnastik. Zwanzig Übungen für die Taille, zwanzig für die Hüften, dann ein paar spezielle Sprünge und Drehungen und schließlich Laufen auf dem Gesäß.

»Mama!« rief der Sohn. »Mama, ich kann meine Schulsachen nicht packen, wenn Katja auf dem Hintern durchs ganze Zimmer rutscht!«

»Mama!«, rief die Tochter. »Papa blockiert seit einer halben Stunde das Bad, ich muss jetzt duschen, sonst komme ich zu spät zur Schule!«

»Olga!«, ertönte, entfernt und klagend, wie ein Gebirgsecho, die Stimme ihres Mannes. »Olga! Ein sauberes Handtuch! Bitte!«

Der Wecker klingelte erneut. Ohne die Augen zu öffnen, schwang Olga die Beine aus dem Bett und ertastete mit dem Fuß einen Pantoffel.

»Mama, die Haferflocken sind alle, ich weiß nicht, was ich zum Frühstück essen soll«, verkündete die Tochter.

»Mama, hast du vielleicht mein Mathebuch gesehen, so ein blaukariertes?«, fragte der Sohn.

»Olga! Ein sauberes Handtuch! Ich warte schon seit einer Stunde!«, erinnerte sie ihr Mann.

Olga schlurfte mit nur einem Pantoffel über den Flur in die Küche.

»Heute Nacht wurde in einem Waldgebiet zwanzig Kilometer entfernt vom Moskauer Stadtring der nackte Leichnam eines etwa zwölfjährigen Mädchens gefunden«, verkündete eine muntere Stimme nach der Werbung.

»Lasst mich in Ruhe«, sagte Olga leise, öffnete endlich die Augen und merkte, dass sie in der Küche vorm Fernseher stand. »Andrej, bring Papa ein Handtuch.«

»Wieso ich?«, empörte sich der Sohn.

»Na, ich doch wohl nicht!«, sagte die Tochter kichernd.

»Vermutlich treibt sich in Moskau wieder einmal ein perverser Serientäter herum.«

Olga erstarrte vor dem Fernseher. Auf dem Bildschirm erschienen ein Stück Landstraße, eine Reihe von Milizautos, ein Straßengraben, ein Waldrand und ein Absperrband.

»Mama, wo sind die sauberen Handtücher?«, fragte der Sohn.

»In der Kammer, du Blödmann!«, antwortete an Olgas Stelle die Tochter. »Also echt, Andrej, du lebst hier wie im Hotel!«

Auf dem Bildschirm hielt eine Journalistin einem müde wirkenden Mann ein Mikrophon unter die Nase. Er war grauhaarig und sah deshalb ziemlich alt aus, doch Olga wusste, dass er erst einundvierzig war, genau wie sie.

»Konnte die Identität der Toten schon ermittelt werden?«

»Ja.«

»Wie heißt sie? Wie alt ist sie? Wie …«

»Wir stehen erst am Anfang der Ermittlungen und können zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei Informationen herausgeben. Wenden Sie sich an die Pressestelle.«

»Mama, kuck mal, dein Dima Solowjow!«, bemerkte Katja und schaltete den Wasserkocher ein.

»Mama, hast du mein Mathebuch wirklich nicht gesehen? Es ist wichtig! Darin liegt ein Zettel mit den Aufgaben für die Klassenarbeit!«, rief Andrej aus dem Zimmer.

»Olga, die Rasierklingen sind alle!«, klagte Alexander. Er war aus dem Bad gekommen, in einem alten Frotteebademantel.

»Das war garantiert ein Psychopath!«, erklärte überzeugt eine adrette Blondine, die nach Solowjow ins Bild kam. »Er hat den Leichnam mit Babyöl begossen, das riecht man jetzt noch. Außerdem lag ein Nuckel neben ihr.«

»Woher haben Sie diese Information?«

»Wir waren auf dem Heimweg, haben angehalten …«

Der Fernseher wurde ausgeschaltet. Olga schrak zusammen und drehte sich um. Hinter ihr stand Alexander, die Fernbedienung in der Hand.

»Nein, Olga. Nein.«

»Was?«

»Das weißt du genau. Du wirst dabei nicht mehr mitmachen. Niemals.«

»Wobei?«

»Du weißt sehr gut, wovon ich rede. Du bist damals fast verrückt geworden und hast uns alle verrückt gemacht, mich, die Kinder und deine Eltern.«

Olga wollte ihrem Mann die Fernbedienung wegnehmen und den Fernseher wieder einschalten. Aber er gab sie ihr nicht, versteckte sie hinter seinem Rücken.

»Wer hätte gedacht, dass Solowjow, dieses hässliche Entlein, sich zu einer so starken Persönlichkeit mausern würde. Macht sich gut im Fernsehen, der attraktive Grauhaarige. Du kannst ja den Blick gar nicht abwenden.«

Olga zwang sich zu lächeln und küsste ihren Mann auf die stachlige Wange.

»Reg dich nicht so auf, Alexander. Ich gehe mich jetzt duschen, und dann frühstücken wir. Beruhige dich, es ist alles in Ordnung.«

Er seufzte beleidigt.

»Du hast mir nicht geantwortet.«

»Hast du mich denn etwas gefragt?«

»Mama! Hast du vielleicht meinen roten Kamm?«, rief Katja aus dem Bad.

»Ich habe dich nichts gefragt.« Alexander schüttelte den Kopf. »Ich habe dich um etwas gebeten. Versprich mir, dass du dabei nicht mitmachen wirst. Selbst wenn sie dich dazu überreden wollen – weigere dich einfach. Ganz entschieden. He, warum sagst du nichts?«

Das ermordete Mädchen hieß Shenja Katschalowa. Eine Woche zuvor war sie fünfzehn geworden. Auf dem Nachtschränkchen neben ihrem Bett stand noch ein vertrockneter Strauß roter Rosen. Fünfzehn Stück. An der Vase klebte eine Postkarte, die Kopie einer berühmten Fotografie: Marilyn Monroe steht auf einem Lüftungsschacht der New Yorker U-Bahn und versucht, ihren Rock zu bändigen, der von der heißen Luft angehoben wird. Auf der Rückseite der Karte stand in krakeliger Schrift:

»Ich gratuliere meiner geliebten Tochter Shenja zum Geburtstag, sei immer schön und glücklich! Papa.«

Darunter das Datum und eine schwungvolle Unterschrift. Dmitri Solowjow registrierte mechanisch, dass der Autor des Glückwunsches offenbar wenig von Hand schrieb, bis auf ein Dutzend Autogramme am Tag.

Auf dem Schreibtisch des Mädchens stand das Foto eines recht verlebten Mannes in einem billigen weißrosa Rahmen mit Teddybären und Blümchen. Dünne lange Haare verdeckten das halbe Gesicht und fielen ihm wie Schlangen auf die Schultern. Geschminkte Augen schauten schmachtend unter dem Haarschopf hervor. Über der vollen Oberlippe prangte ein sehr schmaler, wie mit Tusche gezeichneter Schnurrbart.

Valeri Katschalow, ein Schlagerstar der frühen achtziger Jahre, hatte sechs Kinder von verschiedenen Frauen. Shenja war seine vierte Tochter.

»Er ist nie länger als drei Jahre bei einer geblieben«, sagte Nina, Shenjas Mutter. »Eine Frau über fünfundzwanzig ist für ihn alt.«

Der tiefsitzende Hass auf Shenjas Vater betäubte ihren Schmerz ein wenig. Solowjow hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.

Bei der Identifizierung war sie in Ohnmacht gefallen. Auf der Heimfahrt im Auto hatte sie geschwiegen. Bei der Haussuchung hatte sie reglos dagesessen, die Hände im Schoß gefaltet, auf Fragen nur mit »ja« oder »nein« geantwortet und sich die ganze Zeit hin und her gewiegt wie eine Puppe. Sie hatte überhaupt etwas Puppenhaftes. Solowjow konnte sich gut vorstellen, dass sie vor zehn Jahren wie eine hübsche neue Barbie ausgesehen hatte. Lange Beine, Wespentaille, Katzenaugen. Jetzt saß ihm eine abgenutzte Barbie gegenüber, mit der niemand mehr spielte. Die einstige Model-Schlankheit war zu ungesunder Knochigkeit geworden. Ihr ursprünglich dunkelblondes gewelltes Haar war nun ein matter, gelber Besen. Sie hatte es jahrelang mit Wasserstoff und Glättungsmitteln ausgebrannt, denn Seine Hoheit Valeri mochte Blondinen mit glattem Haar.

Seine Hoheit hatte sie, die Zehntklässlerin Nina, einst in einer Moskauer Vorstadt kennengelernt, wo er nur ein einziges Konzert im Kulturhaus eines Betriebes gab. Nina war ihm in der Menge seiner Verehrerinnen aufgefallen.

Zu Hause, in der Provinz, hatte sie nicht als Schönheit gegolten: Zu dünn, zu lang, ein zu großer Mund. Sie genierte sich für ihre Größe, ging gebeugt und knickte die Knie ein. Und plötzlich beugte sich der Moskauer Star Valeri Katschalow vor aller Augen von der Bühne zu ihr herunter, packte sie bei den Händen und pflückte sie aus der Menge wie eine Blume vom Beet.

»Mein Gott, ich dachte, ich dreh durch! Ich musste einen ganzen Song lang neben ihm stehen. Er legte den Arm um meine Taille und flüsterte: ›Steh nicht so krumm, Dummchen!‹ Ich war damals total verblüfft, einmal, weil er so klein war, er ging mir nur bis zur Schulter, und weil er gar nicht sang, sondern nur den Mund auf und zu machte und herumhopste. Ich hatte keine Ahnung von ›Playback‹. Als der Song zu Ende war, dachte ich, nun ist alles aus, das ganze Leben. Ich wollte runter von der Bühne, wegrennen und mich in Großmutters Schuppen verkriechen. Ach, hätte ich das nur getan! Aber dann hätte ich Shenja nicht bekommen.«

Sie verstummte und blickte Solowjow aus trockenen Augen an. Sie wirkte, als sei sie aus einer langen Narkose erwacht. Solowjow fürchtete, sie würde gleich wieder in Starre verfallen, die Arme um sich schlingen und sich vor und zurück wiegen. Aber nein. Sie griff nach einer Zigarette.

»Vorgestern ist Shenja zu ihrem Vater gefahren. Sie sollten mal mit ihm reden.«

»Unbedingt.« Solowjow nickte und ließ sein Feuerzeug aufschnappen. »Wollte sie bei ihm übernachten?«

»Ja. Sie liebte das. Bei ihm ist ständig was los. Dauernd neue Leute, von früh bis spät Party. Hier zu Hause ist es öde. Ich nerve sie, zwinge sie zum Lernen. Wissen Sie, ich möchte nämlich, dass sie einen guten Schulabschluss macht und studiert.«

Solowjow stand schweigend auf und ging durch die winzige saubere Küche zum Fenster. Es fiel ihm schwer, ihr in die Augen zu sehen, die so trüb und erloschen wirkten wie auf totes Plastik gemalt. Sollte er sie etwa daran erinnern, dass Shenja nun nie mehr die Schule abschließen, nie mehr studieren würde? Sie hatte alles vergessen – die Pathologie, den Marmortisch, das Laken mit dem Stempel, das kurz angehoben worden war, um ihr Shenjas Gesicht zu zeigen. Nein, sie erinnerte sich genau daran. Aber es war leichter für sie, wenn sie von Shenja in der Gegenwart sprach. Sie konnte einfach noch nicht anders.

»Bei der Identifizierung hat der Arzt gefragt, warum mein Mädchen so dünn ist. Ich habe darauf nicht geantwortet, weil mir schlecht wurde. Aber ich will es Ihnen sagen. Shenja ernährt sich nur von Äpfeln und grünem Salat ohne Öl. Sie möchte Model werden. Und leidet furchtbar, weil sie so klein ist. Da kommt sie nicht nach mir, sondern nach ihrem Papa. Er ist nur eins siebenundfünfzig. Auf der Bühne fällt das nicht weiter auf, außerdem trägt er Schuhe mit Plateausohlen. Ist zwar unbequem, macht aber drei Zentimeter größer. Plus fünf Zentimeter hohe Absätze. Wissen Sie, als er mich verließ, war ich nicht sehr verzweifelt. Er überließ mir und Shenja die Wohnung hier und gab uns Geld. Manchmal kam er für ein paar Tage oder eine Woche zurück. Wenn er mich auf einer Party traf, feststellte, wie gut ich aussah, oder erfuhr, dass ich einen anderen hatte, dann kam er sofort angelaufen, der Mistkerl, wie ein Hund, der sein Terrain verteidigt. Aber dann hörte auch das auf. Das heißt, Geld gibt er uns immer noch. Nicht regelmäßig, aber immerhin. Im Prinzip verdiene ich selbst. Ich besuche Lehrgänge für Psychologie und Psychoanalyse und habe schon ein paar eigene Klienten. Mein Gott, an allem ist nur er schuld! Warum habe ich sie bloß zu ihm gehen lassen? Ich war doch dagegen, als hätte ich es geahnt! In der Schule werden gerade in allen Fächern Klausuren geschrieben. Wir haben uns gestritten, ich wollte, dass sie sich hinsetzt und lernt. Hab sie natürlich angeschrien. Wenn wir uns streiten, wissen Sie, dann sagt sie keinen Ton, sieht mich nur an. Schrecklich! Ich verstehe sie überhaupt nicht mehr.«

»Haben Sie bei Shenjas Vater angerufen, als sie dort war?«, fragte Solowjow in ihre Atempause hinein.

»Nein. Ich rufe ihn nie an. Nur Shenja, auf ihrem Handy. Ich wollte mich mit ihr versöhnen. Aber sie ist nicht rangegangen.«

»War ihr Telefon die ganze Zeit angeschaltet?«

»Nein. Sie hat es erst gestern Abend angeschaltet und dann vergessen. Wahrscheinlich lag es dort irgendwo rum. Die Wohnung ist riesengroß, ein Haufen Leute, laute Musik. Valeri hat Shenja übrigens vor kurzem in einem seiner Videoclips mitmachen lassen. Sie hat sogar Geld dafür gekriegt. Wollen Sie mal sehen?«

Solowjow wusste nicht, was er antworten sollte. Er saß schon seit über einer Stunde in dieser Küche, mit einer Mutter, deren einziges Kind ermordet worden war. Wenn er ging, war sie ganz allein.

Er hatte erfahren, dass Shenja im Grunde sehr kontaktfreudig war, hin und wieder aber düstere Phasen hatte, und dann sprach man sie lieber nicht an. Drogen hatte sie wie alle Kinder heutzutage natürlich probiert, aber ihrer Mutter war bislang nichts Beunruhigendes aufgefallen. Diskos, Cafés – ja, das mag sie. Allerdings kann sie materiell mit ihren Freunden nicht mithalten, deren Eltern sind von ganz anderem Kaliber. Nina kann ihrer Tochter nicht so viel Geld für Vergnügungen geben wie andere. Deshalb fühlt sich Shenja benachteiligt, obwohl sie hübscher ist als die meisten ihrer Freundinnen.

Endlich hatte Nina die Kassette gefunden. Solowjow erkannte den Clip sofort, er lief dauernd im Fernsehen.

Die Lippen rot geschminkt, die Augen kindlich rein.

Warum willst du schon erwachsen sein?,

sang Valeri Katschalow, die Vokale dehnend wie süßen Kaugummi.

Ein entzückendes dünnes Mädchen von höchstens elf Jahren drehte sich vorm Spiegel, malte sich Augen und Lippen an, schlüpfte in Mamas Kleider, skatete durch einen Park, machte eine große Kaugummiblase und saß im Kino neben einem Jungen, der den Arm um sie legte.

Popcorn im Kino und Kekse mit Zuckerguss,

Nichts ist so geil wie ein Zungenkuss.

Das Mädchen hatte glattes, hüftlanges blondes Haar und große blaue Augen. Hin und wieder kam Katschalow mit Gitarre ins Bild: auf einer Parkbank, am Fenster der Schule, rittlings auf dem Ast einer alten Linde. Ein weiser, liebender Vater, verständnisvoll und ein wenig lächerlich. Der Inbegriff des Mädchentraums von einem echten Mann. Wenn das Mädchen Unannehmlichkeiten hat (eine böse Lehrerin schickt es aus dem Klassenraum, der angebetete Junge sitzt mit einer anderen im Café), schickt Papa eine SMS: »Sei nicht traurig, Kätzchen, alles wird gut!«, und sie liest sie und lächelt unter Tränen. Am Ende des Clips gehen der Sänger und das Mädchen Arm in Arm die Allee eines blühenden Parks entlang, unterhalten sich lebhaft und lachen.

»Manchmal wird sie auf der Straße erkannt«, raunte Nina, als das Video zu Ende war. »Obwohl sie im Clip eine Perücke trägt und auf ganz jung geschminkt ist.«

Solowjow nickte. »Ja, das ist mir aufgefallen.«

»Das ist sein bester Clip.« Nina zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch gegen den erloschenen Bildschirm. »Das heißt, eigentlich ihrer, den hat sich Shenja ganz allein ausgedacht. Er hat damit gar nichts zu tun. Valeri Katschalow ist total unbegabt. Kein Gehör, keine Stimme. Auf der Bühne lässt sich das manchmal durch Sinnlichkeit und Charme kompensieren, aber auch das hat er nicht.«

»Was hat er dann?«, fragte Solowjow.

»Eine irrsinnige Hartnäckigkeit. Selbstbewusstsein. Und Beziehungen. Entschuldigen Sie, ich muss einkaufen gehen, wir brauchen Äpfel, Salat und Nüsse. Shenja kommt gleich nach Hause, und es ist nichts zu essen da.«

Solowjow hatte schon verschiedene Reaktionen auf den Tod erlebt. Ninas Verhalten grenzte an geistige Verwirrung.

Sie hatte Shenja gesehen, hatte sie identifiziert, ihre Sachen erkannt und alle nötigen Papiere unterschrieben. Für sie war Valeri Katschalow schuld am Tod ihrer Tochter, direkt oder indirekt. Aber an deren Tod selbst glaubte sie nicht.

»Gehen wir rüber ins Zimmer, ich muss dort ein bisschen aufräumen«, sagte Nina und erhob sich schwerfällig von ihrem Küchenhocker.

»Kennen Sie jemanden von Shenjas Freunden?«, fragte Solowjow und sah zu, wie sie Sachen in den Schrank legte.

»Wie gesagt, Shenja geniert sich, sie nach Hause einzuladen. Außerdem sind das gar keine richtigen Freunde. Klassenkameraden, Jungs aus der Disko und aus Nachtklubs. Hin und wieder war die Beziehung etwas enger, aber nie lange. Sie findet leicht Kontakt und trennt sich noch leichter wieder. Die Einzigen, die sie wirklich liebt, sind ich und er.« Nina nickte zu dem gerahmten Foto hinüber.

Solowjow nahm es in die Hand und las auf der Rückseite: »Mein Papa ist der Schönste und Begabteste!« Mit buntem Filzstift auf graue Pappe geschrieben. Die Büroklammern, die Foto und Pappe zusammenhielten, waren schon ziemlich ausgeleiert. Zwischen Foto und Pappe entdeckte Solowjow vier 100-Euro-Scheine.

Müssen wir etwa noch eine zweite Durchsuchung vornehmen, überlegte er und schaute sich im Zimmer um.

Ein zweites Geheimfach fand sich in einer bunten Kosmetiktasche. Zwischen aufgetrenntem und sorgfältig wieder angenähtem Futter hatte Shenja fünf Hunderterscheine versteckt. Weitere fünfhundert Euro steckten in den Hosentaschen einer großen Stoffpuppe.

Nina betrachtete das Geld schweigend, die Hand auf den Mund gepresst. Im Flur klapperte ein Schlüssel im Schloss.

»Nina, bist du zu Hause?«, fragte ein voller Frauenbass.

»Ja«, antwortete Nina und setzte etwas leiser hinzu: »Das ist Maja, meine Freundin. Sie hat einen Schlüssel.«

Gleich darauf kam eine große, kräftige Frau im Jeansoverall ins Zimmer. Ihr kurzes scheckiges Haar stand nach allen Seiten ab, ihre Pausbacken waren von gesunder Röte.

»Hallo, Leute. Was kuckt ihr so bedripst, wie auf einer Beerdigung? Ich bin Maja.« Sie reichte Solowjow die Hand.

Sie hatte einen kräftigen, männlichen Händedruck. Solowjow stellte sich kurz vor und taufte die Dame im Stillen die Sportlerin.

»Kriminalist?«, fragte Maja erstaunt. »Hat Shenja was angestellt?«

»Ja«, sagte Nina, »das hat sie. Sie ist tot.«

»He, bleib ruhig, mal nicht den Teufel an die Wand!« Die Sportlerin schüttelte entschieden den Kopf. »Sag nicht solche Sachen. Ich weiß, Shenja ist schwierig, du bist erschöpft, aber damit scherzt man nicht, hörst du.«

Nina sah Solowjow an. Ihre Lippen formten ein zaghaftes Lächeln.

»Sehen Sie, keiner glaubt es.«

Der Wanderer duschte, rasierte sich und zog frische Sachen an. Er schaute lange in den Spiegel, als sähe er sich zum ersten Mal. Ein Fremder, ein Unbekannter, zurückgekehrt aus der Welt des Lichts, von dort, wo am Rand des Abgrunds Kinder im Roggen spielen. Eine unvorsichtige Bewegung, und die Kinder stürzen hinab, in den Abgrund, in die ewige Nacht. Ihr klagender Schrei verhallt in der Unendlichkeit. Die anderen Kinder hören ihn nicht, sie wissen nichts von der Gefahr und spielen weiter. Unglückliche, verlorene Geschöpfe.

Die Verwandlung eines Menschen in einen Hominiden geschieht schleichend. Ein kleines Kind hat noch die Eigenschaften eines Menschen. Je älter es wird, desto verdorbener wird es. Doch im Körper der Mutanten lebt eine Zeitlang noch ein Engel. Er weint, will hinaus in die Freiheit. Er braucht Hilfe. Nun, der Wanderer hat ihm geholfen. Mit dem Gefühl, seine Pflicht getan zu haben, ist er aus dem Reich des Lichts zurückgekehrt.

Zum Schluss hatte er ihr die Augen geöffnet. Ihr Leben war grob, schmutzig und lasterhaft. Einfach abscheulich. Die Kirche vergibt Selbstmord nur in einem einzigen Fall: Wenn eine Jungfrau sich tötet, um ihre Reinheit zu retten. Verstehst du, was das heißt? Reinheit ist wichtiger als das Leben. Der Engel in dir, den du verraten hast, ist wichtiger als du, Mädchen. Er weint. Er leidet und fürchtet sich in deinem Körper, im Körper eines kleinen Flittchens, das Männern den Kopf verdreht.

Anderthalb Jahre lang hatte er sich gestattet, in der platten, sinnlosen Realität zu leben, jenseits der Apokalypse, die bereits angebrochen war, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Achtzehn Monate hatte er sich gestattet, in der Welt der fünf Sinne zu leben, der Welt der Hominiden, und war in dieser Zeit natürlich ebenso taub und blind gewesen wie sie.

Die Zahl achtzehn besteht aus drei Sechsen. Die Zahl des Tieres. Drei Sechsen Untätigkeit. Klar, zu wessen Vorteil. Ja, das war ein weiteres Zeichen.

Der Mann im Spiegel verzog das Gesicht, dann lächelte er. Er fuhr sich mit der Hand durch das feuchte Haar. Vielleicht hatte er die Wanderung nur geträumt? Das Gefühl hatte er jedes Mal, wenn ihn eine unbekannte Macht aus der Welt des Lichts zurückschleuderte in die ewige Nacht. Die Finsternis war ihm vertraut, sie schuf die Illusion von Komfort und Frieden. Aber sie saugte ihm die Kraft aus. Den Hominiden erschien sie als Licht, denn das echte Licht war ihnen unbekannt, es hätte sie augenblicklich geblendet. Sie begriffen nicht, dass sie sterben mussten, und lebten, als gebe es keinen Tod.

Auf dem Fußboden im Bad lagen seine Kleider, Jeans und ein kariertes Flanellhemd. In den Jeanstaschen fand er einen Kaugummiklumpen, in die Zellophanhülle einer Zigarettenschachtel eingewickelt.

»Spuck das aus!«, hatte er im Auto zu dem Mädchen gesagt. »Eine scheußliche Angewohnheit! Du bist doch keine Kuh.«

Sie hatte genickt und den Kaugummi in seine Hand gespuckt. Natürlich – sie hatte gelernt, jeden Wunsch ihrer Kunden zu erfüllen. Die Schlampe.

In der hinteren Jeanstasche steckte noch das Geld, das er aus der Innentasche ihres Anoraks genommen hatte, als alles vorbei war. 250 Euro und 100 Dollar. Die Dollar waren der Aufpreis, den sie von ihm verlangt hatte, das geldgierige dumme Ding. Er hatte sagen wollen, dass er ihrem Zuhälter schon alles bezahlt habe, sich aber rechtzeitig besonnen. Er wollte sie nicht unnötig misstrauisch machen.

Die Euro musste ihr jemand anders gegeben haben, vor ihm. Nun würde dieses schmutzige Geld der großen reinen Sache dienen; es würde helfen, noch mehr Engel zu befreien.

Sein Hemd hatte zwei Brusttaschen. In der einen lagen ein dünnes, schmales Goldkettchen mit einem kleinen Anhänger, einem ovalen dunkelblauen Stein in Goldfassung, und eine rosa Haarspange aus Plastik. Die Kette hatte er der toten Hominidin vom Hals genommen. Dass die Kette aus Gold war und der Stein vermutlich ein echter Saphir, spielte dabei keine Rolle. Er war kein Dieb. Wenn man einen Engel befreit, wird eine Menge Energie freigesetzt. Sie ist so gewaltig, dass sie Totes lebendig machen kann. Diese Energie heißt Bioplasmid – das ist im Grunde reines Leben in Form von Energiestrom. Der Stein hatte einen Teil des Bioplasmids aufgenommen; er war warm und pulsierte in seiner Hand.

Die Haarspange hatte der Wanderer gefunden, als er das Wageninnere säuberte. Sie war nicht weiter von Bedeutung, konnte ihm aber womöglich einmal nützlich sein. In der anderen Brusttasche lag das Wichtigste: Ein weicher kastanienbrauner kleiner Zopf, sorgfältig in ein Papiertaschentuch gewickelt. Er wickelte ihn aus, sog den schwachen Apfelduft des Mädchenhaars ein, und ihm wurde siedendheiß.

Ja, es war also wirklich geschehen. Ein weiterer befreiter Engel flog nun munter da oben zwischen den Wolken herum, am reinen, strahlenden Himmel.

Nina, bleich wie die Wand, rauchte und betrachtete das Geld.

»So viel hat er ihr nicht gegeben«, sagte sie kaum hörbar und hustete. »Und das Geld für den Videoclip hat sie gleich für Klamotten rausgeworfen.«

»Vielleicht hat sie ja gespart?«, fragte Solowjow.

»Wer? Shenja?«, mischte sich Maja ein. »Ausgeschlossen. Sie hat immer alles ausgegeben, bis auf die letzte Kopeke. Wie viel haben Sie insgesamt gefunden?«

»Bis jetzt 1400 Euro.«

»Was soll das heißen – bis jetzt?« Nina drückte die Zigarette aus und stand auf.

»Ich fürchte, ich muss die Durchsuchung wiederholen, diesmal gründlicher«, sagte Solowjow und griff nach einem großen, zerliebten Plüschteddy.

»Nein!«, rief Nina. »Das ist Mika, ihr Lieblingsplüschtier, den nimmt sie immer mit ins Bett. Fassen sie ihn nicht an! Legen Sie ihn zurück!«

Der Teddy war weich und schlaff. Auf seinem Rücken entdeckte Solowjow eine ordentliche Naht, der Faden fiel kaum auf. Maja reichte ihm wortlos eine Nagelschere. Nina sank auf den Fußboden, schlang die Arme um die Knie und barg ihr Gesicht darin. In dem Teddy steckte ein Packen Scheine, in eine Heftseite gewickelt und von einem Gummi zusammengehalten. Zehn 50-Euro-Scheine.

Maja fluchte laut und ließ sich in einen Sessel fallen. Unter ihrem mächtigen Hinterteil piepste es, gleich darauf ertönte ein schmachtender Gitarrenakkord und ein angenehmer Bariton:

Am blassen Hals der jungen Angelina

Glitzern Tropfen von Blut, rot wie Rubine.

In meiner Hand der Griff aus Elfenbein.

Ach, Angelina, ich bin so allein.

Nina schrak zusammen und sah sich beunruhigt um. »Was ist das?«

»Entschuldige. Ich hab mich aus Versehen auf die Fernbedienung gesetzt.«

Maja schaltete die Stereoanlage aus und sah Solowjow an. »Das ist Vaselin. Ein Sänger. Kennen Sie den? Den hört Shenja dauernd. Hat sie gehört … Mein Gott, ich kann es nicht glauben …«

Solowjow rief die Einsatzgruppe. Bereits nach einer Stunde war die Summe auf zwanzigtausend angewachsen. Ein Teil davon steckte in der Geheimtasche einer Winterjacke, ein Teil unter den Innensohlen der Skistiefel.

»Das hat sie bestimmt nicht gestohlen«, sagte Maja fest. »Ich kenne Shenja seit ihrer Geburt.«

Nina schwieg. Während der ganzen Durchsuchung hatte sie auf dem Boden gesessen, die Knie umschlungen, und auf keine Frage geantwortet.

»Was meinen Sie, woher sie das Geld hat?«, fragte Solowjow leise.

Maja zuckte die Schultern. »Verdient vielleicht? Die Frage ist nur, wie? Ich bin vierzig Jahre alt und habe zwei Hochschulabschlüsse, aber ich habe in meinem ganzen Leben noch nie auch nur halb so viel Geld auf einmal in der Hand gehabt.«

»Es reicht!« Nina stand abrupt auf, ging zu Solowjow und starrte ihn mit bösen, trockenen Augen an. »Das ist mein Geld. Ich hatte es versteckt. Shenja hat damit nichts zu tun.«

Maja packte sie bei den Schultern. »Spinnst du? Wieso schwindelst du? Warum?«

»Fass mich nicht an! Und überhaupt, verschwindet, alle, lasst uns in Ruhe! Mischt euch nicht in unser Leben! Ihr nehmt hier einfach das ganze Haus auseinander, macht die Sachen meiner Tochter kaputt. Mit welchem Recht? Shenja ist bald zurück, und ihr Zimmer ist total verwüstet, und es ist nichts zu essen im Haus, wegen euch bin ich nicht zum Einkaufen gekommen.«

Alle im Zimmer erstarrten und sahen sie an.

»Soll ich vielleicht einen Arzt rufen?«, fragte ein Kriminaltechniker leise.

»Nina, Kleines, hör mir zu.« Die Sportlerin schluchzte auf und umarmte die Freundin. »Shenja ist tot, sie wurde ermordet. Weine ruhig, dann wird dir leichter.«

»Ja, ich habe verstanden.« Nina machte sich ruhig von ihr los. »Ich habe alles verstanden. Aber bitte, ich bitte Sie sehr, gehen Sie, und du auch, Maja. Ich muss jetzt allein sein.«

Als die Kriminalisten das Haus verließen und in ihre Autos stiegen, fiel Solowjow ein, dass seine Zigaretten alle waren. Auf der anderen Straßenseite war ein Kiosk. Als er hinüberlief, bemerkte er direkt gegenüber vom Hauseingang am Straßenrand ein blaues Peugeot-Coupé. Der Wagen wirkte bescheiden, kostete aber rund fünfzigtausend. Solowjow warf einen Blick auf die Silhouette hinter den getönten Scheiben.

Ein Mann saß auf dem Fahrersitz. Solowjow ging ganz dicht heran und sah, dass die Scheiben einige Zentimeter heruntergelassen waren und Tabakqualm aus dem Wagen drang.

Na und, sagte sich Solowjow. Der Mann sitzt in seinem Wagen und raucht – vielleicht wartet er auf jemanden oder macht einfach eine Pause.

Durch die Windschutzscheibe des Peugeot hatte man einen guten Blick auf den Hauseingang, aus dem die Kriminalisten gerade gekommen waren.

Ohne zu wissen warum, blieb Solowjow eine Weile neben dem Wagen stehen, kramte Kleingeld aus der Tasche und ließ ein paar Münzen fallen. Während er sie aufsammelte, hörte er ein Mobiltelefon klingeln. Der Mann im Auto ging sofort ran.

»Nein. Ich bin im Büro. Ich habe Leute hier. Entschuldige, ich kann jetzt nicht. Natürlich sagt sie, dass ich nicht da bin, ich habe sie darum gebeten. Sie lügt nicht, sie tut ihre Pflicht. Ich habe hier wichtige Verhandlungen. Nein, entschuldige, meine Liebe. Ich dich auch … Ja, Häschen, ich rufe dich sofort an, wenn ich fertig bin.«

Der Unsichtbare hatte eine tiefe, kräftige Stimme.

Was geht mich der Kerl an und sein Häschen, das er anschwindelt, dachte Solowjow, warf einen Blick auf die Nummer des Peugeot, ging zum Kiosk und wandte sich nicht mehr um. Während er die Zigaretten kaufte, hörte er einen Motor anspringen. Der Peugeot fuhr los und verschwand hinter der nächsten Ecke.

Solowjow schrieb die Autonummer in sein Notizbuch.

Viertes Kapitel

Nachdem Rodezki im Internet zufällig auf die grässlichen Bilder gestoßen war, überlegte er zehn Tage lang, was er tun sollte.

Sie wurde dazu genötigt, gezwungen, durch Betrug, Erpressung, mit Drohungen, dachte der Lehrer, ein Kind lässt sich ja leicht täuschen und einschüchtern. Der Vater ist eine Berühmtheit, aber sie lebt nicht bei ihm. Die Mutter ist nervös und überfordert; Alkoholikerin oder irgendwie krank. Das Mädchen ist sich selbst überlassen, und das in dem schwierigen Alter. Sie ist frech und vulgär. Natürlich aus Hilflosigkeit gegenüber dem groben erwachsenen Bösen, das ihr widerfahren ist. Womöglich bin ich der Einzige, der davon weiß? Vielleicht braucht sie Hilfe?

Das Vernünftigste – das Ganze zu vergessen und diesen Schmutz nicht zu berühren – erschien Rodezki auf einmal niederträchtig. Die Miliz verständigen? In seinem Notizbuch fand er sogar die Nummer eines ehemaligen Schülers, der beim Innenministerium war und wohl schon Major. Aber er konnte sich nicht entschließen anzurufen. Er fürchtete, dann würde die Sache publik werden und das Mädchen von der Schule gewiesen. Eine Schande fürs ganze Leben. Außerdem hatte er kein Vertrauen zur Miliz. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie nichts von dieser Scheußlichkeit im Internet wussten. Doch warum taten sie nichts dagegen? Weil sie nicht konnten? Oder nicht wollten? Weil sie vielleicht bei diesem schmutzigen Geschäft abkassierten?

Rodezki entschied, erst einmal mit dem Mädchen zu reden. Sie saß still und blass im Unterricht, ihre Augen waren rot und entzündet; sie wirkte ganz hohlwangig – vom Weinen, wie er meinte. Das Herz tat ihm im Leibe weh vor Mitleid. Wer sollte ihr helfen, wenn nicht er, der alte Lehrer? Das war seine Aufgabe, seine wichtigste Bestimmung im Leben.

»Shenja, ich muss mit dir reden.«

»Ja bitte.«

»Nicht hier und nicht jetzt.«

Sie war ein wenig erstaunt, schien sogar erschrocken, als er sie nach dem Unterricht ansprach.

»Was ist los, war meine Frisur mal wieder Thema auf der Lehrerkonferenz?«

»Nein. Es geht nicht um deine Frisur.«

»Sondern?«

»Wie gesagt – nicht hier und nicht jetzt.«

Sie schaute ihn von unten herauf an. Er sah die dünnen weißen Streifen zwischen ihren albernen Zöpfchen, die reine, gewölbte Stirn, die schwarzen, wie mit Dachshaarpinsel gemalten Augenbrauen. Die blauen Augen funkelten seltsam heftig. Als habe sie ihn bei etwas Geheimem, Beschämendem ertappt. Oder kam ihm das nur so vor? Er war nervös.

»Können Sie nicht wenigstens andeuten, was los ist?«

»Du fehlst sehr oft.« Er hüstelte heiser und gekünstelt und bedauerte, dass er dieses Gespräch angefangen hatte.

»Ich bin krank. Chronische Bronchitis. Ich hab ein Attest vom Arzt.«

Ihr Ton, ihr harter, unbewegter Blick ließ ihn frösteln.

Hör auf, bevor es zu spät ist! Wo mischst du dich da ein, alter Dummkopf, flüsterte seine innere Stimme. Sei kein Feigling! Das ist deine Pflicht, als Lehrer und als Mensch, beharrte das Gewissen.

»Du hast keine Bronchitis, Shenja. Die Atteste sind gefälscht. Genau darüber will ich mit dir reden. Ist deine Handynummer noch dieselbe? Gut. Ich rufe dich an, und wir treffen uns irgendwo.«

Sie nickte nur wortlos.

Er ging. Etwas zu eilig, als liefe er weg.

K

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