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In einer kalifornischen Spielhölle

Friedrich Gerstäcker

In einer kalifornischen Spielhölle

Erzählung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

In einer kalifornischen Spielhölle

 

Auf der Plaza von San Franzisko wogte eine halb geschäftige, halb müßige Menschenmenge hin und her. Kaufleute und Makler, die Waren erstehen oder an den Mann bringen wollten, neue Ankömmlinge, frisch von den Schiffen herunter, die in stummem Erstaunen oder mit lauten Ausrufen der Überraschung die Wunder der Neuen Welt, des so ganz anders erträumten „Dorados“, vor und um sich auftauchen sahen. Weiter die wettergebräunten, in der Kleidung arg vernachlässigten, kräftigen Gestalten der aus den Minen zurückgekehrten Goldwäscher, die, mit dem strammen und schweren Lederbeutel im Gurt, in ruhigem Selbstbewusstsein durch die Straßen schlenderten: und dazwischen der kalifornische Spanier in seiner bunten Zarape und mit den schweren klingenden Sporen, der bezopfte Chinese in seiner dünnen, weiten, blauen Jacke, die Schwärme reinlich gekleideter Matrosen von einem der amerikanischen Kriegsschiffe in der Bai, Franzosen, Amerikaner, Deutsche, Engländer, Argentinier, Spanier, südseeländische Indianer, Neger und Mulatten, das alles drängte in müßiger Eile auf und ab. Das Gold aber war das Ziel, dem diese Menge entgegenstrebte.

Der erste wilde Rausch war bereits vorüber, der die Menschen wie blind und toll hinauf in die Berge jagte, um selber zu sehen, selber zu graben. Die Meisten waren vollkommen unbefriedigt zurückgekehrt, das heißt, sie hatten nicht allein kein Gold oben gefunden, sondern das Wenige, das sie mit hinaufgenommen, noch obendrein zugesetzt und schienen nun zu der Überzeugung gelangt zu sein, dass es auch andere Mittel und Wege in Kalifornien gäbe, zu Geld zu kommen.

Diese warfen sich jetzt in die Städte und wurden Kaufleute oder Makler, Handarbeiter oder Handwerker, Bootsleute, Straßenarbeiter, Markthelfer, Polizeidiener, Händler, Köche, Holzhacker, Konditoren, Restaurateure, Kellner, Kommis, kurz alles, was sich nur denken ließ, um so rasch wie möglich Geld zu verdienen und – dann damit nach Hause zurückzukehren? Nein, sondern noch einmal damit in die Minen zu gehen, denn sie „hatten es das erste Mal nicht richtig angefangen“.

Nur eine Klasse Menschen von all den Herübergekommenen dachte nicht daran, zu arbeiten oder zu handeln, zu kaufen oder zu verkaufen. Mit eigens dazu in den Vereinigten Staaten präparierten falschen Karten, wo ganze Fabriken diesen Artikel herstellen, kamen sie nach Kalifornien. und sie taten von dem Augenblick an, in dem sie das Land, ja das Schiff betraten, das sie hinüberführen sollte, nichts anderes als Karten zu mischen und Gold zu zählen oder zu wiegen.

Es waren dies die privilegierten Spieler, die ihre Zentralmacht in San Franzisko selber haben und von hier aus nach den verschiedenen Minen gehen. Menschen, die mit dem Betrug als Grundlage ihres Geschäfts Kalifornien betraten, um Gold zu verdienen und reich zu werden, und die fest entschlossen dieser Bahn folgen, selbst wenn ihnen Mord und Raub dazu verhelfen müssten.

Werft den Engländern mit Recht die Deportierten Australiens vor – sie sind nichts gegen diesen Auswurf der amerikanischen Bevölkerung!

Von dem prachtvoll ausgestatteten Salon San Franziskos, mit seinen üppigen Gemälden und Verzierungen und mit Hunderten von goldbeladenen Tischen, bis zu dem dünnen Zelt in den letzten Bergen oben, wo die Zarape, über einen dürftig zusammengenagelten Tisch geworfen, als Spieltisch die Nacht hindurch dienen muss, überall sind sie zu finden, jeden Augenblick bereit, dem armen Miner den eben mühsam ausgewaschenen Lohn durch falsches Spiel wieder zu entwenden. Der spanische Mantel verbirgt dabei das erbeutete Gut so wie den sechsläufigen Revolver und das scharfe Bowiemesser als Verteidigungs- oder Angriffswaffe, wie es der Augenblick oder die Aussicht auf Gewinn gerade erfordert.

Doch mit den Minen haben wir es jetzt nicht zu tun, wir sind auf der Plaza von San Franzisko, und die Dämmerung ist blitzschnell hereingebrochen über das Land, sobald die Sonne kaum hinter der niederen Küstenkette verschwunden und in das Meer getaucht ist, um Indien seinen Morgen zu bringen.

Aber welch reges Leben beginnt da plötzlich in den gewaltigen Gebäuden! Weit öffnen sich die mächtigen Flügeltüren, und von einer Menge Lampen blendend hell erleuchtet, schwimmt und glüht darin ein Meer von Licht, dem die Menschenmenge flutend entgegenströmt.

Rechts und links liegen ähnliche Gebäude, aus Backsteinen aufgebaut und mit eisernen Balkonen und Fensterläden, um dem nächsten Feuer, das diese Reihen nun schon dreimal in Asche gelegt, trotzig und mit Erfolg die Stirn bieten zu können. Aus allen quillt ein Strom von Licht; aus allen tönt wilde, rauschende Musik, und die Wahl wird dem Schauenden schwer, welches er betreten soll. Aber das prachtvollste und großartigste ist jenes dort, über dessen Eingang mit großen goldblitzenden Buchstaben der Name El Dorado prangt, und noch unentschlossen, ob wir uns in die „Höhle des Löwen“ wagen sollen, lässt uns, nachdem die Schwelle einmal betreten, die Neugier nicht mehr los.

Ein ungeheurer Saal, dessen Decke von zwei Reihen weißlackierter Säulen getragen wird, breitet sich um uns aus; überall hängen große Lampen und geben dem Raum fast Tageshelle. Die Wände sind mit üppigen Gemälden geschmückt. Nackende schlafende Frauen zeigen sich dort; badende Nymphen und bacchantische Mädchengestalten; bunte Bilder, die Sinne zu reizen und darauf berechnet, mit der rauschenden Musik Schaulustige hereinzulocken. Einmal dann im Innern, mögen die goldbeladenen Tische das Ihrige tun, die Fremden zu halten.

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