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In der Oase des Scheichs

1. KAPITEL

„Gute Neuigkeiten!“

Claudia blickte von ihrem Schreibtisch auf und sah ihren Chef Samir Al-Hamri mit verschränkten Armen an der Tür ihres Büros stehen, ein strahlendes Lächeln auf dem attraktiven Gesicht.

„Dann klappt es also mit der Firmenfusion?“ Schon seit Monaten führten sie Verhandlungen mit einer konkurrierenden Reederei in Samirs Heimat Tazzatine.

„Ja, endlich. Das war ein steiniger Weg, und ohne Sie hätte ich es nicht geschafft.“

Claudia errötete vor Freude. Sie wusste, dass ihr Boss ihren Fleiß und ihren Einsatz schätzte, ebenso ihre Bereitschaft, Überstunden zu machen, und das Engagement für die gemeinsame Aufgabe. Aber er wäre sicher nicht besonders erfreut, wenn er von ihren ganz persönlichen Gefühlen für ihn wüsste. Und so setzte sie alles daran, sich nichts anmerken zu lassen, auch wenn ihr das nicht immer leichtfiel, denn er war alles andere als ein gewöhnlicher Vorgesetzter.

Samir Al-Hamri war ein Scheich. Er gehörte der Herrscherfamilie seines Landes an und verfügte über mehr Geld, als man in einem ganzen Leben ausgeben konnte. Zudem sah er fantastisch aus, war in Eliteschulen ausgebildet worden, hatte Sinn für Humor und war auch noch sehr großzügig. Er belohnte ihre Tüchtigkeit mit regelmäßigen Gehaltserhöhungen, ohne dass sie je das Thema ansprechen musste. Das Einzige, womit er geizte, war Urlaub. Er selbst nahm keinen, und er fand, dass sie auch keinen brauchte.

Claudia war es egal. Wenn sie Urlaub hätte, würde sie ihn nicht jeden Tag sehen. Könnte nicht mit ihm über neue Schifffahrtsrouten diskutieren, über interessante Projekte in aller Welt oder die Entwicklung des Ölpreises. Wer sonst würde mit ihr über alternative Energiequellen oder die Zukunft der Containerschifffahrt reden? Sicher keine ihrer Freundinnen aus dem Kochklub oder dem Literaturkreis. Aber vielleicht waren das ja auch ungewöhnliche Interessen für eine junge Frau von achtundzwanzig Jahren mit abgeschlossenem Englischstudium.

Als sie sich auf das Stellenangebot bewarb, war es für sie nur eine unter vielen Jobmöglichkeiten gewesen, wenn auch eine hoch bezahlte. Doch für Samir zu arbeiten, stellte eine Herausforderung dar, und es hatte ihr in vieler Hinsicht die Augen geöffnet. Seine Begeisterung für die internationale Schifffahrt und das Imperium, das eines Tages ihm gehören würde, war ansteckend. Inzwischen lag ihr die Zukunft des Familienunternehmens ebenso am Herzen wie ihm.

„Ihre Familie wird sich freuen“, sagte sie.

Er zögerte kurz, ging dann zum Fenster ihres Büros und blickte hinaus auf die Bucht von San Francisco. Die Golden Gate Bridge, Angel Island und Alcatraz lagen vor ihm im strahlenden Licht der Morgensonne.

„Ja, natürlich. Es ist ein Neubeginn. Das Ende des Konkurrenzkampfs und der Feindseligkeiten zwischen den Al-Hamris und den Bayadhis, aber …“

Sie wartete, ob er fortfahren würde. Doch er sagte nichts. Irgendetwas stimmte nicht. Sie kannte ihn gut genug, um das zu spüren. Warum telefonierte er nicht mit seinen Freunden, machte Pläne, teilte der Presse die Neuigkeit mit? Stattdessen stand er gedankenverloren da.

„Was ist mit den Verträgen?“ Sie hielt den Ordner hoch. „Es ist noch nichts unterschrieben.“ Vielleicht war das der Grund. Er wollte nicht feiern, bis die Sache wirklich besiegelt war.

„Das geschieht alles in Tazzatine, am einundzwanzigsten dieses Monats.“ Er blickte hinüber zum Foto des direkt am Meer errichteten Wolkenkratzers, der den Stammsitz der Al-Hamri Reederei beherbergte, umgeben von weiteren Hochhäusern mit teuren Apartments, einem Sportkomplex und einer exklusiven Shopping-Meile.

„Bis dahin gilt die mündliche Zusage.“ „Dann sollten Sie die auch feiern. Ich könnte Ihnen für heute Abend einen Tisch im La Grenouille bestellen.“ Er drehte sich zu ihr um und fuhr sich mit der Hand über das Kinn, aber er sagte noch immer nichts.

„Warum nicht“, meinte er schließlich. „Und dann buchen Sie bitte zwei Tickets erster Klasse nach Tazzatine für den …“ Er ging quer durch den Raum und warf einen Blick auf den Wandkalender. „Sagen wir für den fünfzehnten. Lassen Sie den Rückflug offen.“

Claudia notierte sich den Termin. „Zwei?“

„Zwei. Für Sie und mich.“

Sie war wie vom Blitz getroffen. „Ich soll mitkommen?“

In den zwei Jahren, die sie für ihn arbeitete, hatten die geschäftlichen Termine, zu denen sie ihn begleitete, nie weiter als ein oder zwei Autostunden entfernt in Silicon Valley oder Sacramento gelegen. Und jetzt sollte sie mit ihm um die halbe Welt reisen. „Meinen Sie das im Ernst?“

„Natürlich. Sie haben den Vertrag aufgesetzt und haben alle Einzelheiten im Kopf. Ich kann ihn also auf keinen Fall ohne Sie unterschreiben.“

„Ich … nun …“

„Die Sache ist zu wichtig. Es kann in letzter Sekunde zu Problemen oder Einwänden kommen. Möglicherweise müssen Änderungen gemacht werden. Ich brauche Sie dabei. Sie wissen, dass ich nicht alle Details parat habe.“

Das stimmte. Er war der Mann der großen Pläne, er hatte den Überblick, brachte die Dinge voran. Sie kümmerte sich um die Einzelheiten. Sie waren ein Team.

„Ich denke, ich sollte hier im Büro bleiben. Wenn Sie mich brauchen, bin ich auch hier jederzeit erreichbar.“

„Das bringt nichts. Ich will Sie dabeihaben. Machen Sie sich keine Sorgen. Tazzatine ist ein sehr modernes Land. Sie müssen keinen Schleier tragen. Die Frauen dort fahren Auto, gehen einkaufen, schwimmen, spielen Golf. Zumindest in der Hauptstadt.“

Das war es nicht, was sie zögern ließ. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, ihn in seine Heimat zu begleiten und seine Angehörigen kennenzulernen. Mehr denn je würde sie dann spüren, wie hoffnungslos ihre Liebe zu ihrem Chef war. Er würde eines Tages einen kleinen Staat regieren, und seine Familie setzte hohe Erwartungen in ihn.

Sie käme sich wie eine Außenseiterin vor. Natürlich würde man nett zu ihr sein. Sie hatte schon oft von der legendären Gastfreundschaft gehört. Dennoch gehörte sie nicht dazu, und dort würde das ganz klar zutage treten.

Andererseits wäre sie vielleicht danach ein für alle Mal geheilt. Kaum denkbar, nach einer solchen Reise immer noch davon zu träumen, dass ihr Boss eines Tages von seinem Schreibtisch aufblicken und ihr seine Liebe erklären könnte.

Sie schüttelte den Kopf, um sich von diesen Gedanken zu befreien. Er liebte sie nicht und würde auch nie mehr als Achtung für sie empfinden. Soweit sie wusste, gab es keine Frau in seinem Leben. Auch wenn es nicht an Anwärterinnen mangelte. Glamouröse Frauen aus der besten Gesellschaftsschicht. Claudia kannte sie aus den Hochglanzzeitschriften und vom Telefon. Denn es gehörte auch zu ihren Aufgaben, ihren Chef vor zudringlichen Anrufen zu schützen.

Wenn er sich in keine dieser Schönheiten verliebte, welche Chance hatte sie dann? Sie war nicht strahlend schön, eher unscheinbar, kaufte Kleider von der Stange, trug bequeme Schuhe und eine schlichte Frisur. Auch gehörte ihre Familie nicht zu den oberen Zehntausend, sondern lebte in einfachen Verhältnissen.

Und sie wollte es auch nicht anders haben. Lächerlich, wenn sie plötzlich in einem modischen engen Kleid im Büro erschiene, sich bei einem teuren Friseur Strähnchen machen ließe und dann geschminkt und mit hohen Absätzen herumstöckeln würde.

Es musste genügen, dass er sie respektierte und sich auf sie verließ. Mehr konnte daraus nicht werden.

„Alles in Ordnung?“ Samir beugte sich über ihren Schreibtisch und sah ihr in die Augen. „Sie sind mit Ihren Gedanken ganz woanders. Haben Sie überhaupt mitgekriegt, was ich gerade gesagt habe?“

„Ja, natürlich.“ Sie schob ihren Stuhl zurück und stand auf. Sie musste auf Distanz gehen. Brauchte Abstand zu seinem durchdringenden Blick und seiner männlichen Ausstrahlung. Allein schon seine Stimme mit dem kaum wahrnehmbaren Akzent, der die Schulzeit in den USA und Europa überdauert hatte, ließ ihre Knie weich werden. Jetzt war nicht der richtige Moment, um mit ihm über die Reise zu debattieren. Sie fühlte sich der Situation nicht gewachsen. „Ich verstehe nicht, warum …“, begann sie zaghaft.

„Worüber zerbrechen Sie sich den Kopf? Der Flug wird komfortabel sein, und das Land ist faszinierend mit seiner Mischung aus Tradition und Moderne.“

„Ich weiß. Sie haben mir oft von der modernen Großstadt und der umliegenden Wüste erzählt. Von den Oasen und den Rennpferden, die Sie züchten. Ich bin sicher, alles ist wunderschön, aber …“ In einer hilflosen Geste hob sie die Hände.

„Es ist eine andere Welt“, sagte er. „Sie müssen sie gesehen haben, um sie wirklich zu verstehen. Alles, nicht nur die Ölplattformen und die neue City-Skyline, die Wüste und die Villa meiner Familie in der Palmenoase. Ich möchte, dass Sie die Menschen kennenlernen – meine Verwandten und die Bayadhis. Erst dann können Sie wirklich begreifen, was diese Firmenzusammenführung für uns alle bedeutet. Ja, Sie kommen mit!“

Sie schien keine Wahl zu haben. Vielleicht war es ja wirklich eine unwiederbringliche Chance, seine Welt zu erleben. Und wie sollte sie ihm etwas abschlagen, wenn er sie so anblickte? Seine braunen Augen leuchteten, und sie konnte den Blick nicht abwenden. Das dunkle Haar fiel ihm in die Stirn, bis er es mit einer ungeduldigen Bewegung zurückstrich. Alles an ihm strahlte Entschlossenheit aus. Menschen, die ihn nicht näher kannten, hielten ihn oft für arrogant, denn wenn Samir Al-Hamri etwas wollte, dann bekam er es auch.

„Also gut, ich komme mit“, gab sie nach.

„Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann.“

Natürlich wusste er das. Als ob ich ihn je im Stich gelassen hätte. Egal, um was es geht, Überstunden, Besorgungen oder Ausreden ausdenken, auf mich kann er zählen.

„Ich brauche jetzt erst mal einen Kaffee.“ Sie verspürte das dringende Bedürfnis, sich aus seiner Nähe zu entfernen, bevor sie überhaupt nicht mehr klar denken konnte. „Möchten Sie auch einen?“

„Ja, gerne. Mit Milch und zwei Löffeln Zucker.“

Trotz ihrer Verwirrung musste sie lächeln. Glaubte er im Ernst, dass sie nach zwei Jahren immer noch nicht wusste, wie er seinen Kaffee trank? Dass er Sandwiches lieber mit Senf als mit Mayonnaise aß, Merlot ihm besser schmeckte als Cabernet, er lieber in den Zirkus als in die Oper ging und Schumann ihm besser gefiel als Strawinsky?

„Ach ja, Claudia!“

Sie blieb an der Tür stehen und wandte sich um.

„Noch etwas. Während unseres Aufenthalts in Tazzatine werde ich mich verloben.“

Automatisch griff sie nach der Türklinke. Vor ihren Augen drehte sich alles. Würde sie ohnmächtig werden? Sie zwang sich, tief durchzuatmen und sich nichts anmerken zu lassen.

„Herzlichen Glückwunsch!“, brachte sie hervor. Was sollte sie auch sagen? „Das ist eine … ziemliche Überraschung.“

„Für mich nicht. Die Sache ist schon lange geplant. Unsere Familien sind seit jeher befreundet. Es handelt sich nur um eine Formalität.“

„Nur eine Formalität“, murmelte sie. „Wie schön.“

Irgendwie schaffte sie es bis zu einem der Ledersessel, die an der Wand ihres Büros standen, und ließ sich in einen davon sinken. Nur für einen Augenblick. Nur bis ich wieder Luft bekomme und meine Beine nicht mehr so zittern, dachte sie. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, höfliches Interesse zu mimen, nicht mehr und nicht weniger.

„Sie werden sich verloben“, wiederholte sie, als würde die Tatsache dadurch begreiflicher. Vielleicht hatte sie sich verhört. Wie sollte er das alles geplant haben, ohne dass sie etwas davon mitbekommen hätte. Seine gesamte Korrespondenz ging über ihren Schreibtisch. Sie nahm alle Anrufe entgegen, bearbeitete seine E-Mails. „Wer ist sie?“

„Sie heißt Zahara Odalya.“ Er holte ein Foto aus seiner Westentasche. Er hatte tatsächlich ein Bild von ihr dabei. Claudia musste gegen eine aufkommende Übelkeit ankämpfen. Sie konnte es nicht glauben. Man würde doch nur das Foto einer Frau einstecken, wenn man sie liebte. Ihr Chef war verliebt. Alles sprach dafür. Sie hatte ihn völlig falsch eingeschätzt.

„Hier.“ Er reichte ihr das Bild einer aufregend attraktiven Frau mit langem dunklem Haar, makellosem Teint und einem unergründlichen Ausdruck in den Augen.

„Oh, sie ist wunderschön.“ Wie viel Selbstbeherrschung sie dieser kurze Satz kostete, würde er nie erfahren.

„Anscheinend.“

„Sie haben sie länger nicht gesehen?“

„Sehr lange. Wir haben als Kinder zusammen gespielt. Damals war sie oft bei meiner Schwester. Später ging sie in London zur Schule. Ich war damals in Paris. Wir haben uns nie mehr getroffen.“

„Kaum zu glauben, dass sie nicht schon längst geheiratet hat“, murmelte Claudia. Eine Frau mit diesem Aussehen und aus einer der besten Familien der arabischen Welt stammend. Es war kaum vorstellbar.

Er nahm ihr das Foto aus der Hand und betrachtete es nachdenklich. „Ja, es ist verwunderlich. Aber vielleicht hat sie auf mich gewartet. Das wird es sein.“ Er zuckte die Schultern. „Es ist eine gute Verbindung. Tradition und Familie sind das Wichtigste in unserer Welt. Sie werden das bald selbst erleben.“

Auf keinen Fall! Sie würde nicht um die halbe Welt reisen, um dabei zu sein, wenn ihr Chef sich mit einer Frau verlobte, die er nicht liebte. Sie war eine loyale Angestellte, aber das musste sie sich nicht antun.

„Wissen Sie, Sam …“ Angesichts seiner Position war es ihr zunächst schwergefallen, ihn mit dem Vornamen anzureden, aber er hatte darauf bestanden. „Ich kann Sie wirklich nicht begleiten.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen wartete er auf ihre Begründung, damit er sie entkräften konnte. Sie musste sich etwas Gutes einfallen lassen. Wenn es darauf ankam, konnte sie ebenso entschlossen sein wie er.

„Ich … habe genau an diesem Termin eine dringende Verpflichtung.“

„Was für eine Verpflichtung? Ihre Verantwortung gegenüber dem Unternehmen hat Vorrang!“

„Das weiß ich. Und so habe ich es auch immer gehandhabt. Aber ich bin Trauzeugin bei der Hochzeit meiner Freundin Susan.“ Sie hatte tatsächlich eine Freundin namens Susan, nur dass die nicht im Traum daran dachte, zu heiraten. Aber woher sollte Sam das wissen? Selbst wenn er ihr nicht glaubte – und ein Blick in sein Gesicht überzeugte sie davon –, so konnte er ihr doch nicht das Gegenteil beweisen.

„Was für ein Zufall. Ihre Freundin heiratet genau an dem Tag, an dem die Verträge unterzeichnet werden. Das haben wir aber schlecht geplant. Komisch, dass Sie die Hochzeit bisher nie erwähnt haben“, bemerkte er trocken.

„Es tut mir leid. Ich habe einfach nicht daran gedacht. Dabei hätte es mir einfallen müssen, denn Juni ist ein beliebter Hochzeitsmonat.“

„Haben Sie auch im Juni geheiratet?“

Claudia biss sich auf die Lippe. Warum musste er das erwähnen? Natürlich hatte er ihrem Lebenslauf entnommen, dass sie kurz verheiratet gewesen war. Aber sie hatte nie darüber geredet und dachte auch nicht mehr oft daran. „Ich habe im Oktober geheiratet und mich im Dezember wieder scheiden lassen. Es war eine sehr kurze Ehe. Das Ganze war ein Fehler.“

„Ist das der Grund, warum Sie nicht mitkommen wollen?“ Er ging auf und ab. Immer wenn sich ihm ein Problem in den Weg stellte, lief er hin und her, so als könnte er es auf diese Weise besser beseitigen. „Ihre Ehe ist gescheitert, und nun fürchten Sie, dass ich den gleichen Fehler begehe.“

Er lag mit seiner Vermutung so falsch, dass sie beinahe lachen musste. „Sie werden ganz sicher nicht den gleichen Fehler machen“, sagte sie. Auf keinen Fall erzähle ich ihm, dass mein Mann mich schon vor der Ehe betrogen hat. Das ist zu demütigend, dachte sie. „Ich bin sicher, Sie werden sehr glücklich sein.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, fragte er.

Sie warf einen Blick zur Tür. Warum war sie nicht schon längst Kaffee holen gegangen, bevor sie in diese unerfreuliche Diskussion geriet?

„Weil Sie sich nichts vormachen. Sie wissen, worauf Sie sich mit dieser Verlobung einlassen. Und Ihre Zukünftige weiß es auch.“

„Und wie war es bei Ihnen?“

„Ich dachte, es sei Liebe.“

„Wieso?“

Sie stand auf und ging zur Tür, entschlossen, das Gespräch zu beenden. „Warum man das glaubt?“, entgegnete sie mit leichter Schärfe in der Stimme. „Man hat Herzklopfen, träumt in den Tag hinein, kann nicht schlafen, hat keinen Appetit, kann sich auf nichts konzentrieren. Und man meint, ohne den anderen nicht leben zu können.“

„Toller Zustand“, sagte er mit spöttischem Lächeln. „Da habe ich ja Glück, dass mir das nie passiert ist.“

„Allerdings. Darum werden Sie auch nie leiden müssen.“

„Aber Sie haben gelitten.“

Sie wollte schon widersprechen, besann sich dann aber. „Es geht hier nicht um mich, sondern um Sie. Sie verloben sich. Und Sie werden eine wunderbare Feier im Kreise Ihrer Familie haben.“

„Und mit Ihnen. Sie kommen mit.“

„Nein, ich komme nicht mit, das habe ich schon einmal gesagt.“

„Ich kann nicht glauben, dass Sie mir das abschlagen wollen. War ich nicht immer fair zu Ihnen?“ Er lehnte sich an ihren Schreibtisch und blickte sie fest an.

Claudia seufzte. „Doch.“

„Ich habe nie überzogene Ansprüche gestellt. Außer vielleicht das eine Mal, als Sie bei dieser Wohltätigkeitsveranstaltung Übelkeit vortäuschen mussten, um mich vor der Junggesellen-Versteigerung zu bewahren. Das ging allen schrecklich nahe.“

Claudia erinnerte sich an die enttäuschten Gesichter der anwesenden Damen, die gehofft hatten, einen Abend mit Sam ersteigern zu können. „Aber nur, weil Sie nicht mehr zur Verfügung standen, nicht, weil ich unpässlich gewesen wäre.“

„Das stimmt nicht. Sie wurden mit Genesungskarten überschüttet. Jetzt sagen Sie bitte die Wahrheit. Das sind Sie mir einfach schuldig. Es gibt doch keine Hochzeit, oder? Sie wollen mein Land nicht kennenlernen, nicht dabei sein, wenn die Verträge unterzeichnet werden. Und mein Privatleben interessiert Sie auch nicht. Dafür habe ich Verständnis. Aber es handelt sich in erster Linie um eine Geschäftsreise, und dafür brauche ich Sie. Warum wollen Sie das nicht verstehen?“

Sie verstand das ja. Aber wie konnte sie bei seiner Verlobung anwesend sein? Es wäre die reinste Folter, ihn Seite an Seite mit dieser überaus attraktiven Frau zu sehen.

„Gut, dann sage ich Ihnen jetzt den wahren Grund. Ich habe Flugangst. Und ich habe befürchtet, dass Sie über mich lächeln, wenn Sie es erfahren.“

„Wovor fürchten Sie sich? Haben Sie Angst, entführt zu werden oder abzustürzen?“ „Beides.“

„Waren Sie deswegen schon bei einem Arzt?“

„Für mich gibt es keine Heilung.“ Das einzig wirksame Mittel für das weitverbreitete Leiden der nicht erwiderten Liebe war die Kündigung. Sie würde den begehrenswertesten, reichsten und bestaussehenden Scheich der Welt nie wiedersehen. Sie musste nur kündigen. Jetzt auf der Stelle. Oder warten, bis er das Büro verließ und ihm dann eine Nachricht auf den Schreibtisch legen. Doch das brachte sie nicht fertig. Sie musste weiterlügen.

„Vielleicht sind es Probleme mit den Ohren. Ich vereinbare einen Termin für Sie bei einem Spezialisten.“

„Das ist nicht nötig. Ich komme nicht mit. Jemand muss im Büro bleiben“, wehrte sie ab. Ein einziges Mal würde sie sich ihm gegenüber durchsetzen. Er konnte sie schließlich nicht gegen ihren Willen an Bord tragen. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass er sie feuerte, wenn sie nicht tat, was er verlangte. Vielleicht ist das sogar das Beste. Denn wenn er vorhat, mit seiner Braut hier in San Francisco zu leben, erspart er mir damit die Kündigung, dachte Claudia.

Die Vorstellung, dass seine Verlobte zwischendurch im Büro erschien und dann stundenlang mit ihm hinter verschlossenen Türen verschwand, war ihr unerträglich.

„Wir holen jemanden von einer Zeitarbeitsfirma, um die Telefongespräche entgegenzunehmen. Die anderen Angestellten sind ja alle da“, versuchte Sam sie zu beruhigen. „Die kommen schon zurecht. Wir sind ein kleines Familienunternehmen.“

„Ein kleines Familienunternehmen? Mit Niederlassungen auf der ganzen Welt und einem Millionenumsatz?“ „Das ist richtig. Aber das hier ist ein kleines Büro, auch wenn es zu einem großen Unternehmen gehört.“

„Jetzt hole ich aber wirklich den Kaffee.“

Mit einer schnellen Handbewegung schickte er sie fort.

„Dann gehen Sie. Die Sache ist jedenfalls geklärt – Sie kommen mit!“

Als sie sich eine Viertelstunde später stark genug für die nächste Runde fühlte und mit dem Kaffee in sein Büro trat, war es leer. Auf dem Schreibtisch lag die Nachricht, dass er einen Termin habe. Doch als sie in seinem Kalender nachsah, war dort nichts eingetragen.

Sie ging zu ihrem Arbeitsplatz, setzte sich und betrachtete, das Kinn in die Hände gestützt, das an der Wand hängende Porträt seines Großvaters. Es zeigte ihn mit fürstlicher Kopfbedeckung und seinem Lieblingspferd. Nicht mit seiner Frau, sondern mit seinem Pferd. Was verriet das über das Familienleben in Tazzatine? Sicher, auch dort war die Zeit nicht stehen geblieben. Wenn Sam sich allerdings mit einer Frau verlobte, die er nicht liebte, die er nicht einmal näher kannte, nur um seiner Familie einen Gefallen zu tun, dann waren die alten Sitten eben doch noch lebendig.

Wie gerne hätte sie das Land kennengelernt. Sie stellte sich vor, wie sie auf einem Araberpferd über die Sanddünen galoppierte. Schon lange hatte sie sich gewünscht, in einem Zelt in der Wüste zu übernachten, auf dem Markt Pfefferminztee zu trinken und die Bräuche, die Sams Kultur ausmachten, aus nächster Nähe zu erleben. Solange es sich bei den Bräuchen nicht um seine Verlobung handelte.

Wäre es eine reine Geschäftsreise gewesen, dann hätte sie sich nicht länger gesträubt. Sie würde die Fluggesellschaft anrufen und Tickets reservieren. Aber es war eben nicht rein geschäftlich. Und niemand konnte von ihr verlangen, dass sie zusah, wie der Mann, den sie liebte, sich mit einer anderen verlobte.

Bisher war es ihr nicht allzu schwergefallen, ihre Gefühle vor ihm zu verheimlichen. Selbst wenn sie länger arbeiteten und er sie anschließend nach Hause fuhr. Es war auch kein Problem für sie, ihm spätabends wichtige Unterlagen in seine Penthouse-Wohnung zu bringen. Aber es war etwas anderes, ihn ständig um sich zu haben, wenn er seine Hochzeitsvorbereitungen traf. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie würde nicht mitkommen. Irgendwie musste sie ihm das klarmachen. Sie hatte ihn nicht einmal gefragt, wann die Hochzeit stattfinden sollte. Sie wollte es nicht wissen.

Das Telefon läutete, und sie nahm den Hörer ab. Seine Schwester Amina meldete sich.

„Es tut mir leid, Sam ist nicht im Büro“, sagte Claudia geschäftsmäßig.

„Das ist gut, denn ich möchte Sie sprechen, Miss Bradford“, erwiderte Amina. Dann fuhr sie leise fort: „Wir haben hier ein Problem. Bitte behalten Sie das, was ich Ihnen jetzt sage, für sich. Sam darf nichts davon erfahren.“

Claudia umgriff den Hörer fester. Sie konnte diese Bitte nicht abschlagen. Aber spielte es inzwischen wirklich noch eine Rolle, ob sie ein oder zwei Geheimnisse hütete?

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